KAPITEL 67

 

 

Haus der Familie Torres

Unruhig blickte Ricardo zur Uhr.

„Und Du weißt wirklich nicht, wo sie hingegangen sein könnte?“ fragte er seine Schwester zum wiederholten Male. Maria zuckte resigniert mit den Schultern.

„Keine Ahnung. Ich hoffe nur, sie mischt sich nicht wieder in irgendwelche Angelegenheiten.“

Ricardo sah sie nachdenklich an.

„Da ich momentan keine „Angelegenheiten“ habe, wie Du es so treffend nennst, gehe ich mal davon aus, dass Du von Deinen eigenen sprichst. Geht es um Dich und Ben?“

„Darüber möchte ich nicht sprechen.“ erwiderte sie abweisend und starrte aus dem Fenster. „Mama ist bestimmt nicht meinetwegen unterwegs. Vielleicht weiß sie inzwischen von Antonios Scheidung  und versucht nun, Gabi noch umzustimmen.“

„Umstimmen? Wozu?“ Ricardo lachte verächtlich. „Gabi war die Letzte, die das alles gewollt hat. Das weißt Du so gut wie ich.“

„Mama scheint da etwas anderer Meinung zu sein.“ Maria atmete tief durch. „Vielleicht ist es ganz gut so, dass sie Antonio verpasst hat.“

Ricardo nickte bitter.

„Er hätte genauso gut den Nachtbus nach Tijuana nehmen können, aber er war ja nicht dazu zu bewegen, auf sie zu warten.“

Ungehalten drehte Maria sich um.

„Meine Güte, so lass ihn doch. Die Stadt liegt gleich hinter der Grenze und nicht auf einem anderen Erdteil. Er kann uns jederzeit besuchen, wenn ihm danach ist.“

„Das konnte er die letzten drei Jahre auch. Und... hat er es getan?“

„Ihr hättet Euch eben aus seinem Leben raushalten sollen.“

Die beiden funkelten sich einen Augenblick lang wütend an, als sich draußen plötzlich der Schlüssel im Schloss drehte. Wenig später betrat Carmen das Wohnzimmer.

Die gereizte Stimmung fiel ihrem wachsamen Auge sofort auf.

„Was ist denn hier los? Streitet Ihr Euch?“

„Antonio ist weg.“ erwiderte Ricardo, ohne auf ihre Frage einzugehen.

Carmen zog die Augenbrauen hoch.

„Weg? Was bedeutet das?“

„Das bedeutet, dass er und Gabi sich heute morgen in der Dominikanischen Republik haben scheiden lassen. Seit ein paar Stunden waren sie von dort zurück, und vorhin ist Antonio nach Mexiko abgereist.“ erklärte Maria. „Ricardo ist der Meinung, er hätte auf Dich warten sollen, aber er wollte unbedingt noch den vorletzten Bus nehmen.“

Carmen starrte ihre beiden Kinder mit ausdruckslosem Blick an und ließ sich in einen der beiden Sessel sinken.

„Mein Junge...“ murmelte sie. „Jetzt habe ich ihn wirklich verloren.“

„So ein Unsinn!“ Maria begann unruhig im Zimmer auf und ab zu laufen. „Du hast ihn schon vor langer Zeit verloren, Mama, an dem Tag, als Du mit Ricardo damals diesen Blödsinn ausgeheckt hast. Und trotzdem ist Antonio nach Hause zurückgekehrt. Genauso wird es auch dieses Mal sein. Er kommt zurück... irgendwann, wenn er seinen inneren Frieden gefunden hat.“

Carmen nickte nur stumm.

„Wo bist Du eigentlich die ganze Zeit gewesen?“ fragte Ricardo schließlich.

Carmen sah hoch und suchte den Blick ihrer Tochter.

„Ich war bei Ben.“

Schlagartig fuhr Maria herum.

„Du warst... wo?“

„Ich habe...“ begann Carmen, doch Maria fiel ihr empört ins Wort.

„Du hast es ihm erzählt, hab ich recht? Du kannst es einfach nicht lassen, Dich überall einzumischen! Musstest wieder Schicksal spielen! Oh mein Gott, Mama! Hast Du denn aus der Sache mit Antonio damals überhaupt nichts gelernt?“ Sie drehte sich um und verließ das Zimmer.

„Wo willst Du denn hin?“ rief ihr Madame Carmen verunsichert nach.

„An die frische Luft.“ erwiderte Maria wütend. „Mir ist schlecht!“

Mit einem lauten Knall fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.

 

„Was hast Du Ben denn erzählt?“ fragte Ricardo interessiert.

Carmen seufzte und strich sich mit der Hand über die Stirn.

„Ich mache alles falsch.“ meinte sie resigniert, ohne auf seine Frage einzugehen. „Dabei meine ich es doch nur gut.“

„Ich weiß.“ Ricardo legte ihr seine Hand auf die Schulter. „Aber Du solltest uns endlich unsere Entscheidungen allein treffen lassen, Mama. Wir sind schließlich alle drei keine Kinder mehr.“

„Das ist wohl wahr...“ nickte Carmen. „Ich muß Euch endlich loslassen...“

 

Ricardo wandte sich ab, als sein Handy läutete.

„Hier Torres... ja, ich höre... Was? Gibt es Verletzte?... Das darf doch nicht wahr sein!... Wann war denn das? Meine Güte... Nein, kein Problem, ich bin in ein paar Minuten da!“

Er schaltete das Handy aus und griff nach seiner Jacke und dem Autoschlüssel.

„Ich muß nochmal weg. Kann länger dauern. Ihr braucht nicht auf mich zu warten.“

„Was ist denn passiert, Ricardo?“ fragte Carmen beunruhigt.

„Das weiß ich selbst noch nicht so genau... Ich hoffe nur, es ist nicht so schlimm, wie es sich anhörte!“ erwiderte er vage und verließ Sekunden später das Haus.

 

 

In der Höhle

Gabi kam recht schnell voran. Allerdings lagen überall noch einzelne Gesteinsbrocken von der vorangegangenen Explosion. Im Felsgestein über sich entdeckte sie mehrere lange Risse.

„Höchste Zeit, die Decke abzustützen!“ dachte Gabi und blieb einen Augenblick stehen.

„Was die Natur doch für Schönheit schaffen kann, in tausenden von Jahren...“ überlegte sie, während sie den Felsen betrachtete, dessen verschiedene Schichten, die sich wie Adern durchs Gestein zogen, im Lichtkegel der Taschenlampe in den verschiedensten Farben schimmerten. Sie hatte keine Angst, hier drin allein zu sein. Sie war daran gewöhnt. Antonio und sie hatten solche Forschungsgänge geliebt. Geheimnisse zu lüften, die vor ihnen noch kein menschliches Auge erblickt hatte... In diesem Gang hier, der durch die Sprengung der Nachbarhöhle freigelegt worden war, sollte morgen mit Hilfe eines erstklassigen Ultraschall- Wärme- Sensors festgestellt werden, ob sich weitere Hohlräume hinter den Rissen und Gesteinsschollen befanden. Wenn das nicht der Fall war, dann könnte man erwägen, diesen gut 150m langen Durchgang auszubauen. Jude war heute nach L.A. gefahren, um das Gerät vom Institut für geologische Gutachten auszuleihen. Das würde die LIBERTY CORPORATION zwar noch zusätzlich eine hübsche Stange Geld kosten, aber immer noch besser, als wenn sie mit ihren herkömmlichen Geräten noch tagelang herumsuchten.

Seufzend ging Gabi weiter.

Wie konnte Antonio das hier nur alles aufgeben? Die Arbeit hatte ihm doch genauso viel bedeutet wie ihr, das war deutlich zu spüren gewesen. Jude hatte immer gemeint, Antonio sei in seinem Forscherdrang nicht zu bremsen... Vielleicht hatte er ja auch auf diese Art sein Schicksal herausfordern wollen?

Gabi trat auf etwas Hartes, Längliches. Sie leuchtete auf die Stelle und entdeckte, dass es sich um einen Kugelschreiber handelte. Sie bückte sich und hob ihn auf.

„LIBERTY – FUTURE“ war mit zierlicher Goldschrift in den schwarzglänzenden Stift eingraviert. Anscheinend eines von den besseren Werbegeschenken der Firma. Er musste Jude wohl aus der Tasche gefallen sein. Sie steckte ihn ein und ging weiter.

Es konnte nicht mehr weit sein, über die Hälfte des Weges hatte sie bereits hinter sich gelassen.

 

Da plötzlich hörte sie ein leises, fast unscheinbares Geräusch. Sie leuchtete mit der Lampe in die Richtung, aus der das Geräusch zu kommen schien: an der Felswand unmittelbar vor sich.

Nach kurzem Suchen erfasste ihr Lichtkegel die geheimnisvolle Geräuschquelle, und ihre Nackenhaare stellten sich bei dem Anblick dessen, was sie sah, sofort gefährlich auf.

Ein unscheinbarer kleiner schwarzer Kasten war dort angebracht worden. Ein leises, kaum hörbares Ticken war zu vernehmen und bei genauerem Hinsehen entdeckte Gabi das Display auf der Vorderseite des Kastens. Darauf bewegten sich Zahlen, die letzte davon rasend schnell... Eine Minute... 40 Sekunden...

 

Für den Bruchteil einer Sekunde schien Gabis Herzschlag auszusetzen.

Ein Fernzünder!

In etwas über einer Minute würde hier etwas geschehen... soviel war sicher. Sie dachte an die Geräusche des eilig davonfahrenden Wagens vorhin am Eingang der Höhle und schlagartig wurde ihr klar, dass sich hier drin jemand in böser Absicht zu schaffen gemacht hatte. Gleichzeitig wurde ihr bewusst, dass die verbleibende Zeit nicht reichen würde, um zurückzulaufen.

Panisch umklammerte sie die Taschenlampe und begann zu laufen, so schnell sie konnte. Vorwärts, in Richtung auf das DEEP zu... vielleicht würde sie es noch rechtzeitig schaffen...

 

 

Im DEEP

Meg tanzte mit John Carter.

„Und morgen reisen Sie wirklich schon ab?“ fragte sie nach einer Weile.

Er nickte.

„Ja, man erwartet mich in L.A. Ich arbeite dort am California County in der Notaufnahme. Da wird jede Arbeitskraft dringend gebraucht. Würde mich nicht wundern, wenn ich gleich morgen Abend zur Nachtschicht eingeteilt bin!“

„Nach meinem Highschool- Abschluss wollte ich auch Ärztin werden.“ lächelte Meg.

„Und was hat Sie davon abgehalten?“

„Unglückliche Umstände...“ lächelte Meg. „Ich hatte damals zwei Jahre als Krankenschwester gearbeitet, weil ich nicht gleich auf Anhieb einen Studienplatz bekam. Als es dann soweit war, erkrankte mein Vater und ich musste auf der Ranch aushelfen. Durch eine Freundin kam ich dann zu Blue Sky Airlines, und dort bin ich erst einmal geblieben, bis mich der Zufall nach Sunset Beach führte.“

„Der Zufall?“ John grinste. „Doch wohl eher die große Liebe!“

Sie lachten beide.

„Und wollen Sie noch studieren?“ forschte John.

„Ich weiß noch nicht genau. Um ehrlich zu sein habe ich mit Ben auch noch nicht darüber gesprochen.“ erwiderte Meg, und dabei fiel ihr ein, dass sie George Carters morgige Einladung nach Los Angeles völlig vergessen hatte. Sie musste Ben davon erzählen, damit er sich den Nachmittag freihielt.

„Wie kommen Sie eigentlich nach L.A., John? Sind Sie mit dem Wagen hier?“ fragte sie, einem spontanen Einfall folgend. Er schüttelte erstaunt den Kopf.

„Ich nehme den Bus.“

„Okay, dann kommen Sie gegen 16 Uhr zum Flughafen. Ben und ich werden dort mit einem Privathubschrauber abgeholt. Sie können mit uns fliegen, wenn Sie möchten.“

„Wow! Das Angebot nehme ich wirklich gerne an!“ rief John erfreut. „Wo soll es denn in L.A. hingehen?“

„Auf die Privatresidenz eines guten Freundes.“ erwiderte Meg. „Wo genau die liegt, weiß ich selbst noch nicht. Lassen wir uns überraschen.“

Der Song war zu Ende.

„Würden Sie mich entschuldigen?“ fragte Meg höflich. „Mir fällt ein, ich habe Ben noch gar nichts von unserem morgigen Ausflug erzählt.“

John nickte.

„Aber klar. Also morgen 16 Uhr am Flughafen. Ich werde pünktlich da sein.“

 

 

Im DEEP

Caitlin betrat den Weinkeller und atmete tief durch.

Was war das eben gewesen, als sie Cole dort oben so gegenüberstand? Sie hatte in seine Augen gesehen, und plötzlich war alles andere unwichtig gewesen. Sogar der Streit mit ihrem Vater.

Sie hatte in diesem Moment nur den einen heißen Wunsch verspürt: sich in Coles Arme zu werfen und ihn zu küssen... seine Lippen auf ihren zu spüren...

„Mein Gott, Du bist noch bei Trost?“ schalt sie sich selbst und lehnte ihren Kopf an die kühle Wand. Cole sieht in mir mit Sicherheit nur das kleine verwöhnte Mädchen, zu dem man nett sein muß, weil sie sich seinetwegen mit Daddy zerstritten und den halben Laden finanziert hat!“

Von der anderen Seite des Kellers starrte sie wie ein schwarzer Schlund das große Loch in der Wand an, dass das DEEP seit der Sprengung der Nachbarhöhle mit dem Meer verband. Ein einziges Mal war sie mit Cole hier unten gewesen, aber sie hatte sich nicht getraut, ihm dort hinein zu folgen. Jetzt würde sie es ohne zu zögern tun...

Wie magisch angezogen ging sie hinüber und kletterte über die losen Steine hinein ins Dunkel. Sie tastete sich vor, soweit der Lichtschein vom Keller reichte.

Morgen würde sie Cole fragen, ob er mit ihr durch den Höhlengang bis zum Meer gehen würde...

 

Aber jetzt musste sie wieder nach oben, hinein in den Lärm der Bar, wo ihr Vater inmitten ihrer neuen Freunde saß und feierte, und seine einzige Tochter ignorierte, als sei sie unsichtbar.

„Du wirst mir diesen Abend nicht verderben, Daddy!“ sagte sie wütend und wollte eben zurück in den Keller klettern, als sie noch ein letztes Mal zurückblickte und plötzlich wie von Ferne irgendwo in dem undurchdringlichen Dunkel einen schwachen Lichtschein sah. Er bewegte sich, blieb kurz weg und kam wieder, doch bevor Caitlin näher darüber nachdenken konnte, was auch immer sie da sah, gab es mit einem Mal einen ohrenbetäubenden Knall, der ringsum alles erschütterte. Die Wände, der Fußboden, alles schien sekundenlang zu erbeben, dann hörte Caitlin ein furchterregendes Krachen und Bersten, und alles, was sie umgab, schien in Bewegung zu sein. Sie hörte einen erschütternden Schrei, der im Toben dieser  Urgewalten unterging, aber sie begriff nicht mehr, dass es ihr eigener war, denn unmittelbar danach wurde es dunkel um sie herum...

 

 

Im DEEP

„Hast Du morgen Nachmittag schon etwas vor?“ fragte Meg, die Ben endlich einen Augenblick für sich allein hatte. Arm in Arm bewegten sie sich auf der gut gefüllten Tanzfläche zu einem romantischen Song.

„Nein, nichts Spezielles. Warum fragst Du?“

„Weil ich eine Überraschung für Dich habe.“ erwiderte sie geheimnisvoll. „Hol mich bitte so gegen 15 Uhr im Surf Center ab. Läßt sich das einrichten?“

„Natürlich...“ Er sah sie lächelnd an. „Du machst mich aber sehr neugierig.“

„Ich werde nichts verraten. Nur so viel: Wir machen einen Ausflug. Du wirst jemanden kennenlernen, und ich denke, wir werden einen sehr schönen Abend miteinander verbringen.“

„Hört sich gut an...“ meinte Ben und zog Meg dicht zu sich heran. „Obwohl ich viel lieber allein mit Dir wäre!“ raunte er. „Aber dafür gehört der heutige Abend ganz uns. Jetzt... und später!“

Meg lächelte verschmitzt.

„Wollen Sie mich etwa verführen, Mister Evans?“

„Aber natürlich will ich das.“ ging er auf ihren Tonfall ein. „Ich habe schon seit Stunden nichts anderes mehr im Sinn.“

„Das ist gefährlich...“ flüsterte sie.

„Du liebst doch die Gefahr, oder?“ raunte er zurück und war ihr ganz nah.

„Ja...“ wisperte Meg, „wenn sie von Dir ausgeht...“

 

Bevor sich ihre Lippen berühren konnten, gab es ein Geräusch, das alle in der kleinen Bar zusammenfahren ließ. Es grollte und rumpelte, alles schien zu wackeln und zu beben. Das Geräusch schwoll unheilvoll an und entlud sich in einem lauten unterirdischen Knall...

 

 

Im DEEP

Oben in der Bar saß niemand mehr auf seinem Platz. Alle waren erschrocken aufgesprungen und starrten sich fassungslos an. Ringsum hatte alles sekundenlang gebebt, Flaschen waren umgefallen, Gläser gesprungen, das Licht flackerte verdächtig und die Musikanlage verstummte.

„Was war das?“ fragte Meg ängstlich und griff nach Bens Hand.

„Keine Ahnung, aber das klang wie ein kurzes Beben... oder eine unterirdische Explosion!“

„Die Höhle...“ flüsterte Rae, die neben ihnen stand, kaum hörbar. „Ich glaube, das war die Höhle!“

Eine dicke Staubwolke drang aus dem Lagerraum hinter der Theke.

In diesem Augenblick kam Cole die Kellertreppe heraufgerannt.

„Schnell, holt Hilfe! Der unterirdische Gang zum Strand ist zusammengestürzt!“ Er bahnte sich einen Weg durch die Menge und sah sich suchend um.

„Kommt mit, alle... vor allem unsere beiden Ärzte, und alle, die helfen können! Los, kommt schon! Caitlin ist irgendwo dort unten!“

 

Gregory, der bisher eigenartigerweise in diesem ganzen Chaos ziemlich ruhig wirkte, sprang entsetzt auf.

„Was sagen Sie da? Meine Tochter ist da unten?“

„Sie war im Keller und wollte Wein holen, als es passierte! Ich kann sie nirgends finden, alles ist verschüttet!“

Bevor es jemand verhindern wollte, hatte sich Gregory mit einem Wutschrei auf Cole gestürzt und ihn am Kragen seines Hemdes gepackt.

„Das ist alles Deine Schuld, Du mieser kleiner Bastard!“ fauchte er außer sich. „Wenn Caitlin irgend etwas passiert ist, dann Gnade Dir Gott!“

Ben und Michael, die ihm am nächsten standen, sprangen sogleich hinzu und hielten Gregory gewaltsam zurück.

„Was soll denn das!“ rief Ben ärgerlich. „Reiß Dich zusammen, Gregory, wir wissen doch noch gar nicht genau, was geschehen ist! Cole kann so wenig wie jeder andere etwas dafür, wenn der Gang eingestürzt ist!“

Ungeachtet seiner Worte versuchte Gregory sich loszureißen, um sich auf Cole zu stürzen.

„Ich bring Dich um, Deschanel!“

„Beruhigen Sie sich, Mister Richards!“ mahnte nun auch Michael, der Gregorys Arm mit eisernem Griff festhielt. „Wir werden uns erst einmal unten umsehen!“

„Laßt mich gefälligst los! Ich will zu meiner Tochter!“ schnaubte Gregory wütend.

„Erst, wenn Du Dich beruhigt hast!“ erwiderte Ben. „Du solltest Deine Kräfte sparen und mit uns nach unten gehen.“

Cole atmete tief durch und nickte.

„Ruf die Feuerwehr, Ben. Und einen Notarztwagen. Wir brauchen Hilfe...“ Damit wendete er sich ab und lief wieder nach unten.

„Ich habe bereits angerufen.“ verkündete Rae, die hinzukam. „Ich habe auch meine Arzttasche aus dem Wagen draußen geholt. Ich werde mit hinuntergehen, falls sie Caitlin finden...“

„Lass mich das machen, Rae.“ John Carters Stimme duldete keinen Widerspruch. „Bleib Du hier und gib Mister Richards erst einmal was zur Beruhigung. Ich rufe Dich, falls wir seine Tochter finden!“ Er öffnete den Notfallkoffer und zog in aller Eile eine Spritze auf, die er Rae reichte. Dann rannte er hinter den anderen her in den Keller.

 

„Oh bitte...“ wimmerte Gregory plötzlich wie ein Kind und sank auf einen Stuhl, „mein kleines Mädchen... meine Caitlin! Was habe ich nur getan...!“

Meg, die sich anschickte, Ben ebenfalls nach unten zu folgen, blieb wie angewurzelt stehen.

„Wie meinen Sie das, Gregory?“ fragte sie irritiert.

„Ich... ich... wollte doch nur... ich habe....“

„Sie haben Ihre Tochter wegen einer Kleinigkeit verstoßen, und vorhin, als Sie hereinkamen, da haben Sie sie absichtlich ignoriert... das haben Sie getan!“ unterbrach sie ihn ungehalten. „Lass gut sein, Meg“ unterbrach sie Rae, „damit hilfst Du Caitlin jetzt auch nicht weiter.“ Sie wandte sich an Gregory. „Machen Sie den Arm frei, ich gebe Ihnen was zur Beruhigung.“

„Nein... ich will nichts! Lassen Sie mich in Ruhe!“ Er sprang auf, stieß Rae unsanft bei Seite und rannte zum Ausgang.

„Wo wollen Sie hin?“ rief die junge Ärztin ihm nach.

„Zum Strand“ erwiderte er atemlos und erklomm die Treppe in drei Sätzen, „vielleicht kommt man von dort aus in den Gang...“

Meg und Rae sahen sich ratlos an.

„Eigentlich gar keine so schlechte Idee.“ meinte Rae achselzuckend. „Vielleicht sollte ich nochmal anrufen und eine Einheit der Polizei oder Feuerwehr zum Strand schicken, damit sie von dort aus versuchen, sich nach innen vorzuarbeiten!“

„Tu es einfach, Rae.“ stimmte Meg eilig zu. „Das kann auf keinen Fall schaden! Caitlin muß gerettet werden!“