KAPITEL  69

 

 

Vor dem DEEP

Ricardo hatte während der Fahrt zum DEEP über Funk die Nachricht erhalten, dass Caitlin bereits auf dem Weg in die Klinik sei. Kurzentschlossen hatte er gewendet und Gregory am Medical Center abgesetzt.

„Ich sehe später noch einmal vorbei.“ versprach er. „Vielleicht ist Caitlin bis dahin ansprechbar und bereit, mir ein paar Fragen zu beantworten.“

 

Als er auf dem Rückweg am DEEP vorbeikam, hatten sich die letzten Gäste bereits auf den Heimweg gemacht. Nur Jude stand noch an der Seite und telefonierte.

Ricardo hielt den Wagen an und stieg aus.

Neugierig sah er sich um. Nein, hier deutete weit und breit  nichts mehr darauf hin, was vor ein paar Stunden  geschehen war.

„Alles in Ordnung?“ wendete er sich an Jude.

Dieser schaltete sein Handy ab und betrachtete es einen Augenblick lang nachdenklich.

„Nein, eigentlich nicht. Ich versuche die ganze Zeit über Gabi zu erreichen, aber sie meldet sich nicht. Dabei müßte sie doch von ihrem Kurzurlaub zurück sein!“

„Sie und Antonio sind bereits heute Nachmittag wieder in Sunset Beach eingetroffen.“ erwiderte Ricardo. „Bestimmt ist sie im Hotel und schläft schon.“

Jude schüttelte den Kopf.

„Nein, dort ist sie nicht. Als ich vorhin die Nachricht vom Einsturz der Höhle erhielt, bin ich auf dem Weg hierher am SUNSET INN vorbeigefahren, um sie abzuholen. In solchen Fällen wie diesem, wenn an einem unserer Arbeitsplätze etwas Unvorhergesehenes geschieht, treffen wir uns immer alle vor Ort, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Aber sie war nicht da. Der Portier glaubte sich zu erinnern, dass sie das Hotel am Abend verlassen hatte.“ Grübelnd strich er sich über die Stirn. „Ich frage mich wo sie so lange steckt. Es ist fast Mitternacht!“

Ohne sich dessen richtig bewusst zu sein, wurde Ricardo von einer merkwürdigen Unruhe erfasst.

„Wir sollten nochmal zum Hotel fahren, vielleicht ist Gabi inzwischen wieder dort.“ schlug er vor und deutete auf seinen Wagen. „Los, steig ein!“

Jude setzte sich auf den Beifahrersitz.

„Nenne es „sechsten Sinn“ oder einfach nur Spinnerei, ich kann es nicht erklären“ knurrte er beunruhigt, „aber seitdem ich aus L.A. zurück bin, habe ich so ein komisches Gefühl im Magen. Irgend etwas stimmt nicht...“

„Ach komm schon!“ versuchte Ricardo ihn und vor allem sich selbst zu beruhigen, „Gabi ist eine erwachsene Frau. Vielleicht übernachtet sie bei einer Freundin!“

„Freundin?“ Jude schüttelte den Kopf. „Sie kennt doch außer Deiner Familie und mir hier niemanden näher.“

„Nun, eines weiß ich genau“ erwiderte Ricardo sarkastisch, während er in rasantem Tempo die Mainstreet hinunterfuhr, „bei meiner Familie ist sie garantiert nicht.“

 

 

SUNSET INN

Im Hotel gab ihnen der Portier die gleiche Antwort wie zuvor. Gabi war noch nicht wieder eingetroffen. Ratlos blickten die beiden Männer sich an.

„Was machen wir jetzt?“ fragte Jude. „Es passt nicht zu Gabi, einfach ohne eine Nachricht zu verschwinden. Zumal wir morgen gleich nach Sonnenaufgang mit der Arbeit beginnen wollten. Wo kann sie nur sein?“

Ricardo zuckte mit den Schultern.

„Ihre Ehe mit Antonio wurde heute früh geschieden. Ich vermute, sie wollte ein bisschen allein sein.“

„Aber doch nicht bis nach Mitternacht!“ entgegnete Jude. „Die Bars und Gaststätten haben bereits alle geschlossen, und am Pier wird sie um diese Zeit auch nicht mehr herumsitzen. So langsam mache ich mir wirklich Sorgen!“

„Okay“ Ricardo klopfte entschlossen mit der flachen Hand auf das Dach seines Wagens. „Ich werde dem Portier meine Visitenkarte geben und ihn bitten, mich anzurufen, wenn sie auftaucht. Und wir beide fahren den Strand ab und danach noch eine Runde durch die Stadt und halten ein wenig Ausschau.“

„Einverstanden!“ rief Jude erleichtert darüber, dass Ricardo seine Ängste um Gabi aus was auch immer für Gründen zu teilen schien. „Fahren wir!“

 

 

In der Höhle

Der feine Staub vermischte sich mit der Luft und drang überall hin, selbst in die kleinste Ritze.

Gabis Augen brannten wie Feuer. Ihr war heiß, der Kopf schmerzte, und als sie mit dem Handrücken über die Stirn strich, fühlte sie etwas Feuchtes, Klebriges. War das Blut? Was war geschehen?

Um sie herum war es stockfinster.

„Wo bin ich?“ dachte sie entsetzt. Sie lag auf hartem, steinigen Untergrund und konnte sich kaum bewegen. Irgend etwas schien mit eisernem Griff ihre Beine festzuhalten. Sofort versuchte sie sich aufzurichten, doch sie kam nicht weit. Kaum hob sie den Oberkörper etwas an, stieß sie bereits mit dem Kopf oben an etwas, das nicht einen Millimeter nachgab.

„Bin ich in einem Seitenarm der Höhle?“ überlegte sie angestrengt. „Warum ist das Licht aus? Wo sind die anderen? Jude und Antonio würden doch nie zulassen, dass ich irgendwo ohne Absicherung hingehe! Wo sind die beiden?“

Dann, ganz allmählich, begann ihr Gehirn wieder zu arbeiten.

„Ich war in dieser Höhle“ erinnerte sie sich mühsam, Stück für Stück, „ich wollte vom Strand aus durch den unterirdischen Gang ins DEEP laufen... aber was war dann? Sie wusste nur noch, dass sie gelaufen war, so schnell sie konnte, und dass es dann hinter ihr plötzlich furchtbar geknallt hatte, ein Geräusch war entstanden, dass so klang, als würde eine riesige Feuerwalze auf sie zurasen... „Licht! Ich hatte eine Taschenlampe... sie muß mir heruntergefallen sein!“ Automatisch begannen ihre Hände den Boden um sich herum abzutasten. Sand, Gestein...

Sie musste husten und versuchte wieder, sich vorwärts zu bewegen... Da! Ihre Finger bekamen einen metallisch glatten Gegenstand zu fassen... Die Lampe!

Gabi drückte auf den Schalter und eine Welle der Erleichterung durchfuhr sie: das Licht ging an.

Doch der anfänglichen Freude darüber folgte schlagartig die Ernüchterung, als sie sah, wo sie sich befand. Fassungslos folgten ihre Augen, die sich erst einen Augenblick an das helle Licht gewöhnen mußten, dem Schein der Lampe und ihre zitternden Lippen formten sich zu einem lautlosen Schrei.

„Oh mein Gott...!“

 

 

SB Medical Center

Gregory saß allein auf einem der Stühle im Gang vor Caitlins Krankenzimmer, das Gesicht in beide Hände vergraben. Erschrocken blickte er hoch, als jemand eiligen Schrittes auf ihn zukam.

„Olivia... Was zum Teufel willst Du denn hier?“

 

Eric hatte Olivia hergebracht. Da er allerdings wenig Lust verspürte, hier in ihrer Begleitung auf Gregory zu treffen und damit womöglich eine unschöne Szene heraufzubeschwören, hatte er sich am Eingang verabschiedet, jedoch nicht ohne ihr vorher das Versprechen abzuringen, sich am nächsten Tag zum Mittagessen mit ihm zu treffen. Olivia war alles egal, sie wollte jetzt nur eines: sehen, wie es ihrer Tochter ging.

„Wo ist Caitlin? Wie geht es ihr?“ rief sie und ließ sich mit zitternden Knien neben ihm nieder.

„Der Arzt ist gerade bei ihr. Von ihm werden wir hoffentlich gleich alles Wichtige erfahren.“ erwiderte Gregory. „Woher weißt Du überhaupt von dem Unfall?“

„Diese junge Ärztin hat mich benachrichtigt, Dr. Chang, sie meinte, es sei besser, wenn ich sofort herkommen würde.“ Olivia umklammerte Gregorys Arm. „Sag schon, wie schlimm ist es?“

„Keine Ahnung, sie war bewusstlos, als man sie herbrachte. Und sie muß wohl was auf den Kopf bekommen haben...“

„Oh Gott, mein armes Kind!“ schluchzte Olivia und presste die Hand auf ihre Lippen. „Daran bist nur Du schuld, mit Deinem krankhaften Wahn, alles kontrollieren zu müssen!“

„Ich?“ Gregory sah sie schmerzerfüllt an. „Ich habe doch nicht...“

„Ach sei still!“ fauchte Olivia außer sich. „Nur, weil es Dir nicht gepasst hat, dass sie einmal etwas selbstständig entscheiden wollte, hast Du sie gleich aus dem Haus geworfen! Natürlich bist Du schuld!“ Sie sah sich um, ob jemand auf dem Flur sie hören konnte. Es war niemand zu sehen. „Und merk Dir eines, mein Lieber...“ zischte sie ihn etwas leiser an, „Das mache ich nicht mehr mit! Wenn Caitlin das hier einigermaßen heil übersteht, wirst Du Dich entschuldigen und sie bitten, zurückzukommen! Wenn Du das nicht tust, dann... gehe ich auch!“

Sie hatte eine Auseinandersetzung erwartet, doch Gregory schwieg. Er starrte nur vor sich hin ins Leere.

„Was ist?“ fragte Olivia verunsichert.

„Ich habe das nicht gewollt...“ sagte er mit ausdrucksloser Stimme, als plötzlich Cole und Casey den Gang entlang geeilt kamen.

„Schon was neues?“ fragte Casey atemlos.

Gregory schien wie aus einem Traum zu erwachen. Er blickte hoch... und sah Cole.

„Raus hier!“ schrie er sofort und sprang auf. „Verschwinde auf der Stelle aus diesem Krankenhaus!“

„Hey, Moment mal...“ ging Casey geistesgegenwärtig dazwischen, bevor Gregory sich auf den jungen Mann stürzen konnte. „Was soll denn das?“

„Er ist schuld! Er hat Caitlin dazu überredet, sich mit ihm das DEEP zu teilen... Ohne ihn wäre das alles...“

„Halten Sie gefälligst die Luft an!“ herrschte Cole ihn an. „Sie wissen ja gar nicht, was Sie da sagen! Ich habe Cait zu gar nichts überredet...“

 

In diesem Moment öffnete sich die Tür und Dr. Tyus Robinson trat aus Caitlins Krankenzimmer, gefolgt von John Carter und Rae Chang. Mit einem Blick erfasste er die angespannte Situation und blickte ungehalten von einem zum anderen.

„Ich muß doch sehr bitten... Was fällt Ihnen ein, hier solch ein Geschrei zu veranstalten! Sie befinden sich in einem Krankenhaus!“

Olivia war aufgesprungen.

„Wie geht es meiner Tochter, Doktor?“

Tyus Robinson atmete tief durch und versuchte für Olivia ein halbwegs verbindliches Lächeln zustande zu bringen.

„Es geht ihr inzwischen den Umständen entsprechend gut, Mrs. Richards.“ sagte er ernst. „Ihr Zustand war kritisch, als man sie vor einer Stunde herbrachte, aber inzwischen ist sie wieder voll bei Bewusstsein. Wir konnten wir sie stabilisieren und bereits einige Tests durchführen. Und abgesehen von ein paar kleinen Hautabschürfungen und Prellungen...“

„Was ist mit der Wunde an ihrem Kopf?“ unterbrach ihn Cole besorgt.

„Es war nur eine kleine Platzwunde.“ erwiderte Tyus, verzog dann jedoch bedenklich das Gesicht. „Allerdings...“

„Ja?“ Nichts Gutes ahnend starrte Cole ihn an.

“Die Stelle, wo sie einer der Gesteinsbrocken am Kopf getroffen hat, ist die gleiche, an der sie erst kürzlich aufgrund dieses Sturzes im Hotelzimmer verletzt worden war.”

Olivia umklammerte erschrocken den Arm des Arztes.

„Was bedeutet das, Doktor?“

„Das wissen wir noch nicht, zuerst müssen wir einige Röntgenaufnahmen machen und ein Schädel-CT durchführen. Danach können wir dann Genaueres sagen. Aber bis dahin, Herrschaften...“ er blickte streng in die Runde, „bis dahin verlange ich, dass die Patientin völlige Ruhe genießt und nicht aufgeregt wird. Die kleinste Aufregung könnte den größten Schaden verursachen. Haben Sie mich verstanden?“

„Ja ja...“ Ungeduldig blickte Gregory den Arzt an. „Dürfen meine Frau und ich jetzt zu ihr?“

Dr. Robinson wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit seinen beiden Kollegen und straffte die Schultern.

„Tut mir leid, aber das kann ich nicht zulassen. Ein Besucher darf ganz kurz hinein, und Miss Richards hat ausdrücklich nach einem... Cole verlangt.“

„Das bin ich!“ Cole drängte sich an den anderen vorbei zur Tür.

„Okay“ nickte Tyus, „aber denken Sie daran, keine Aufregung!“

 

Während Cole das Krankenzimmer betrat, wurde Gregory draußen fast handgreiflich.

„Was erlauben Sie sich! Dort drin liegt meine Tochter... und Sie lassen diesen Bastard zu ihr, während meine Frau und ich hier draußen stehen und vor Sorge fast wahnsinnig werden!“

„Beruhigen Sie sich, Mister Richards.“ erwiderte Tyus ungerührt. „Es geht hier ausschließlich um das Wohl meiner Patientin, und ich halte es für besser, wenn sie morgen früh wiederkommen, um nach ihr zu sehen. Bis dahin haben Sie sich hoffentlich wieder etwas beruhigt. In Ihrer jetzigen Verfassung würden Sie Caitlin doch nur aufregen. Gehen Sie nach Hause...“

Gregory wurde ganz weiß vor Wut.

„Ich verlange auf der Stelle...“

„Soll ich den Sicherheitsdienst rufen?“ fragte Dr. Carter seinen Vorgesetzten. Der schüttelte den Kopf, ohne jedoch Gregory aus den Augen zu lassen.

„Ich glaube, Mister Richards hat mich verstanden und wird uns keine weiteren Schwierigkeiten mehr machen.“

„Komm mit, Gregory!“ befahl Olivia und packte ihren Mann entschlossen am Arm. „Lass uns gehen! Wir kommen morgen früh wieder her.“ Sie wandte sich an Tyus. „Bitte sagen Sie ihr, dass wir dagewesen sind, und... sagen Sie ihr auch, dass wir sie sehr lieben!“

Der Arzt nickte.

„Das werde ich gerne tun. Gute Nacht!“

 

 

Am Strand

Ricardo und Jude waren noch immer mit dem Wagen unterwegs, als Ricardos Handy klingelte. Er meldete sich, in der Hoffnung, Gabi sei endlich im Hotel aufgetaucht. Doch es war die aufgeregte Stimme seiner Mutter, die an sein Ohr drang.

„Es ist etwas Schreckliches passiert!“

„Ja Mama, ich weiß.“ erwiderte Ricardo und verdrehte genervt die Augen, „Eine der Strandhöhlen ist eingestürzt. Aber so schrecklich, wie es sich anhört, ist es gar nicht. Eine Person war verschüttet, aber die Einsatzkräfte haben sie inzwischen lebend geborgen. Du kannst also beruhigt schlafen gehen.“

„Wer... wer war verschüttet?“ fragte Madame Carmen atemlos.

„Mama...“ Ricardo warf einen entschuldigenden Blick auf Jude. Das war so peinlich...

„Hör zu, ich erzähle Dir später alles, okay?“

„Ricardo!“ rief Carmen eindringlich. „War es Gabi, die verschüttet war?“

„Was?“ fragte Ricardo verständnislos. „Wie kommst Du denn auf diesen Unsinn?“

„Sag es mir!“ beharrte sie.

Ricardo stöhnte auf.

„Nein, es war Caitlin Richards! Bist Du nun zufrieden? Ich muß jetzt Schluss machen...“

„Ricardo! Warte!“

Er hörte den schweren Atem seiner Mutter am anderen Ende der Leitung.

„Ich hatte eine Vision... Wo ist Gabi?“

„Seit wann interessiert Dich das denn?“ fragte Ricardo unwirsch und atmete tief durch. Er wusste, sie regte sich immer fürchterlich über sogenannten Visionen auf, und deshalb wollte er sie beruhigen. „Gabi ist in ihrem Hotelzimmer und schläft. Und das solltest Du jetzt auch tun! Wir sehen uns morgen...“

Er legte auf, ohne eine Antwort abzuwarten und blickte Jude kopfschüttelnd an. „Meine Mutter! Sie glaubt, sie habe übersinnliche Kräfte und plagt sich ständig mit irgendwelchen Visionen herum.“

„So etwas soll es ja geben.“ erwiderte Jude diplomatisch.

„Nein“ lachte Ricardo nervös, „sie ist nicht verrückt, sie glaubt nur eben an alles Übersinnliche, und manchmal scheint es mir, als habe sie wirklich den berühmten sechsten Sinn.“

„Ich wollte damit auch nicht andeuten, dass ich sie für verrückt halte, im Gegenteil. Manchmal glaube ich, dass gewisse Leute wirklich so eine übersinnliche Gabe haben.“ meinte Jude nachdenklich. „Aber warum hat sie nach Gabi gefragt?“

Ricardo zuckte mit den Schultern und lenkte den Wagen vom Strand zurück auf die Strasse.

„Keine Ahnung. Ich habe ihr gesagt, dass Gabi im Hotel ist, damit sie sich nicht unnötig Gedanken macht. Es wundert mich sowieso, dass sie nach ihr fragt, die beiden verstehen sich eigentlich nicht besonders.“

„Ehrlich gesagt, wäre mir auch wohler zumute, wenn Gabi endlich auftauchen würde.“ seufzte Jude und sah auf die Uhr. „Es ist inzwischen weit nach Mitternacht!“ Er sah Ricardo fragend an. „Was tun wir jetzt?“

„Wir fahren erst einmal zu Caitlin in die Klinik und sehen, wie es ihr geht. Vielleicht ist sie bereits ansprechbar. Oder soll ich Dich vorher im Hotel absetzen?“

„Nein, ich komme mit. Ich kann sowieso nicht schlafen.“

 

 

Im Haus der Familie Torres

„Ricardo? Ricardo...!“ Ungläubig starrte Madame Carmen den Telefonhörer an, aus dem nur noch ein lang anhaltender Piepton drang. Er hatte aufgelegt.

Carmen drückte die Fingerspitzen an ihre pochenden Schläfen. Diese Kopfschmerzen hatte sie immer, wenn eine starke Vision sie heimgesucht hatte. Und diese hier war besonders intensiv gewesen. Wenn ihr Ricardo doch nur glauben würde...

Es ging um Gabi. Sie wusste zwar nicht, warum, aber sie konnte mit jeder Faser ihrer Sinne spüren, dass etwas Schreckliches passiert war. Die junge Frau war in Gefahr... in Lebensgefahr!

Carmen sank in ihren Sessel und konnte sich nicht erinnern, sich jemals so hilflos gefühlt zu haben.

 

 

In der Höhle

Die Luft wurde immer stickiger. Gabi wusste weder, wie lange sie überhaupt schon hier lebendig begraben war, noch hatte sie eine Ahnung, wieviel Sauerstoff ihr noch blieb.

Lebendig begraben, das war der richtige Ausdruck für das, was sie im Lichtkegel der Lampe erfasst hatte. Sie befand sich anscheinend in einer Luftblase, einem winzig kleinen Hohlraum. Vor ihr war vielleicht noch ein halber Meter Platz, über ihr nicht viel mehr, um sie lagen übereinandergestürzte Gesteinsbrocken, die aussahen, als könnten sie jeden Moment weiter zusammenrutschen... Und bis zur Hüfte steckte sie unter einer Lawine von Sand und Steinen fest, aus der sie sich mit eigener Kraft nicht befreien konnte.

„Mach das Licht aus...“ sagte sie zu sich selbst und musste wieder husten, „spar Deine Kräfte. Sie werden nach Dir suchen...“ Gleichzeitig schoss es wie ein Blitz durch ihr Gedächtnis: „Wer soll denn nach mir suchen? Keiner weiß, dass ich hier drin bin!“ 

Aber ihr Lebenswille war stärker als die Angst. Tapfer bekämpfte sie die in ihr aufsteigende Panik. „Wenn ich hier drin schon sterben muß, dann will ich wenigstens vorher alles versuchen, was in meiner Macht steht, damit sie mich finden!“

Entschlossen begann sie, mit der Lampe gegen die Steine zu klopfen, die vor ihr lagen, immer und immer wieder, bis ihre Kräfte erlahmten und sie erschöpft einschlief...