KAPITEL 70

 

SB Medical Center

Als Cole Caitlins Krankenzimmer betrat, schien sie zu schlafen. Blass und bewegungslos lag sie in den Kissen, einen Verband um die Stelle am Kopf, wo die herabstürzenden Steine sie getroffen hatten. Ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig.

Cole stand einfach da und betrachtete schweigend ihr schmales Gesicht. Sie wirkte so zerbrechlich, und er verspürte wieder den dringenden Wunsch, sie beschützend in seine Arme zu nehmen.

Als hätte sie seine Gedanken gehört, schlug Caitlin die Augen auf.

„Cole!“ Sofort umspielte ein freudiges Lächeln ihre Lippen.

„Cait...“ Cole ignorierte ihre Hand, die sich ihm entgegenstreckte. Stattdessen beugte er sich hinunter zu ihr, nahm ihr Gesicht zärtlich zwischen seine Hände und küsste sie sanft.

Obwohl sie für einen Moment total überrascht war, erwiderte sie seinen Kuss jedoch sofort und schlang ihre Arme um seinen Hals.

Nach ein paar Sekunden löste sich Cole von ihren weichen Lippen.

„Hey...“ flüsterte er und sah sie unendlich liebevoll an, „ich muß aufhören, ich habe Dr. Robinson versprochen, Dich nicht aufzuregen.“

Caitlin lächelte schelmisch.

„Du regst mich damit nicht auf, Du trägst gerade unwahrscheinlich zu meiner Genesung bei!“

Vorsichtig strich er ihr über ihr Haar, das unter dem Verband hervorquoll.

„Ich kann Dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass wir Dich gefunden haben... da unten in dem verschütteten Gang.“

Er küsste sie noch einmal und spürte deutlich, dass sie sich nur widerwillig von ihm löste. Lächelnd zwinkerte er ihr zu. „Ich verspreche Dir, dass Du noch viel mehr davon bekommst. Aber erst musst Du schnell gesund werden!“

„Ganz schnell!“ versprach Caitlin und strahlte ihn an. Dann aber verdüsterte sich ihr Gesicht. „Ist mein Vater auch da?“

Cole nickte.

„Er, und auch Deine Mum. Aber Dr. Robinson hat ihnen verboten, Dich vor morgen früh zu sehen. Er sagte, Du hättest ausdrücklich nach mir verlangt.“

Sie nickte.

„Das ist wahr. Ich wollte nur Dich sehen, sonst niemanden.“ Sie biss sich verstohlen auf die Lippen. „Cole, verzeih mir!“

„Wofür?“ fragte er erstaunt.

„Das ich diesen Gang betreten habe. Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist. Ich hatte mich so sehr über meinen Vater geärgert und wollte einfach einen Moment allein sein.“

„Du brauchst Dich nicht zu entschuldigen, Liebling.“ erwiderte er und lächelte. „Und was Deinen Vater betrifft, so tut es ihm mit Sicherheit ganz gut, wenn er eine Nacht lang Zeit hat, in Ruhe über alles nachzudenken. Vielleicht geht ihm ja dabei endlich einmal ein Licht auf...“

 

Caitlin stutzte bei seinen Worten, richtete sich dann plötzlich in ihrem Bett auf und starrte ihn fast erschrocken an.

„Was hast Du da eben gesagt?“

„Ich... ich meinte, vielleicht geht Deinem Vater ein Licht auf...“ wiederholte Cole, irritiert über ihre Reaktion.

„Das ist es!“ rief Caitlin aufgeregt, „Als Dr. Carter mir vorhin erzählte, was passiert ist, habe ich mich sofort an alles erinnert. Aber ich wusste genau, da war noch irgend etwas Wichtiges...“ Ihre Hand umkrampfte seinen Arm. „Cole... jetzt weiß ich es wieder! Da war noch jemand in diesem Gang...! Weiter hinten habe ich ganz deutlich einen Lichtschein gesehen, kurz bevor alles zusammenbrach! Ich... ich muß unbedingt mit jemandem von der Polizei sprechen!“

 

 

SB Medical Center

„Ausgeschlossen!“ meinte Dr. Robinson entschieden und blickte die beiden Männer vor sich streng an. „Die Patientin wird heute bestimmt keine Fragen mehr beantworten.“

„Es ist dienstlich und dauert wirklich nur einen Augenblick!“ beharrte Ricardo Torres, der eben gemeinsam mit Jude das Medical Center betreten hatte.

„Ich sagte nein!“ Der Arzt zeigte sich zum Wohle seiner Patientin unerbittlich. „Kommen Sie bitte morgen früh wieder. Caitlin braucht viel Ruhe.“

Resigniert nickte Ricardo.

„Da kann man nichts machen.... Komm, Jude, fahren wir nach Hause und warten ab. Mehr können wir im Moment leider nicht tun...“

Sie wollten gerade gehen, als Cole die Tür von Caitlins Krankenzimmer öffnete und hinaus auf den Flur trat.

„Ricardo?“ rief er erstaunt, als er die beiden Männer sah. „Das trifft sich gut... Caitlin will unbedingt mit Dir sprechen!“

Dr. Robinson wollte gerade wieder einschreiten, aber Cole hielt ihn zurück.

„Hören Sie Doktor, was Caitlin zu sagen hat, könnte unter Umständen ein weiteres Menschenleben retten! Und glauben Sie mir, sie wird sich fürchterlich aufregen, wenn Sie erfährt, dass Detektiv Torres hier war, und sie nicht mit ihm reden durfte! Es dauert wirklich nur eine Minute... Unter Ihrer Aufsicht, wenn Sie möchten!“

Der Arzt zog unmutig die Stirn in Falten.

„Also gut... eine Minute!“

 

 

Vor dem DEEP

Wenige Minuten später wurde es erneut lebendig auf den nächtlichen Strassen von Sunset Beach. Feuerwehr, Polizei und Rettungskräfte fuhren zum zweiten Mal in dieser Nacht zum DEEP. Sie kämpften sich mühsam durch den eingestürzten Gang, räumten, bohrten sich  vorsichtig mit Spezialbohrern in das zerborstene, übereinandergerutschte Gestein, sicherten so gut es ging, was sie bisher freigelegt hatten. Sie arbeiteten bis zur totalen Erschöpfung und wechselten sich untereinander ab. Ricardo und Jude waren mit unten und halfen, so gut es ging. Irgend eine innere Stimme sagte Ricardo, dass er weitersuchen musste. Er dachte an die Worte seiner Mutter am Telefon und an Gabi, die nirgends aufzufinden gewesen war. Die Angst um sie und eine unerklärliche innere Unruhe ließen ihn unermüdlich weiterarbeiten, ohne auf die Gefahr zu achten, in der sich jeder der Helfer da unten befand...

 

In den frühen Morgenstunden fanden sie Gabi.

Bewusstlos, mit unzähligen blauen Flecken und von herabgestürztem Gestein eingeklemmten Beinen.

Aber sie lebte...

 

 

SUNSET INN

Total euphorisch war Derek in dieser Nacht ins Hotel zurückgekehrt. Viel zu aufgedreht, um gleich schlafen zu gehen, hatte er sich in seiner sorgsam wieder angelegten Verkleidung noch einen Drink an der Bar gegönnt. Doch auch der Alkohol, der seinem Körper sofort eine wohlige Wärme spendete, brachte ihm nicht die Ruhe, die er brauchte, um schlafen zu können.

Später dann in seinem Zimmer begann er unruhig auf und ab zu wandern. Sein Plan stand fest. In ein paar Stunden würde er dafür sorgen, dass das Liebesglück von Ben und Meg ein jähes Ende fand... Dieses Mal für immer.

Und wenn die kleine Meg sich nach dem Schock, der ihr leider bevorstand, erst einmal erholt hatte, würde sie Ben hassen. Und dann... dann würde Derek Evans auf der Bildfläche erscheinen, und sie würde erkennen, das er es war, der sie wirklich liebte und der für sie bestimmt war, so wie sie für ihn...

Derek lächelte versonnen.

Wie gerne würde er Meg schon heute Nacht in den Armen halten!

Die Sehnsucht nach ihr brannte in ihm. Vorerst war sie zwar noch unerreichbar, aber nicht mehr lange! Und bis es soweit war, würde er sich eben mit einer anderen trösten...

Zum Beispiel mit einer, von der er wusste, dass sie sich schon vom ersten Augenblick ihres Zusammentreffens nach ihm verzehrte...

 

Er trat auf den Balkon hinaus und sah hinüber zu Cynthias Zimmer. Allem Anschein nach schlief sie bereits, aber ihre Balkontür stand einen Spalt breit offen.

Derek lächelte siegessicher.

Cynthia würde noch viel für ihn tun. Zumindest in geschäftlicher Hinsicht war sie ihm eine unverzichtbare Hilfe. Sie war klug, clever und ehrgeizig genug, um seinen Plänen in jeder Hinsicht zu dienen.

Vielleicht war es jetzt an der Zeit, sie auch ganz privat ein wenig besser kennenzulernen...

 

Kurz entschlossen stieg Derek über die Balkonbrüstung und verschwand lautlos wie ein Schatten im Dunkel ihres Hotelzimmers...

 

 

SURF CENTER

„Und Du hast allen Ernstes vor, Dein Studium abzubrechen, um hier in Sunset Beach zu bleiben? Wovon willst Du denn leben?“

Mit ungläubig zusammengezogenen Augenbrauen schaute Meg ihre jüngere Schwester an. Sie saßen seit einer ganzen Weile zusammen in Megs Zimmer auf dem Bett und unterhielten sich. Sara schnatterte wie ein Wasserfall. Glücklich, endlich hier in Kalifornien zu sein, war sie kaum zu bremsen und malte sich ihre Zukunft in rosaroten Farben aus.

„Ich suche mir einen Job. Das kann ja nicht so schwer sein. Vielleicht wird ja sogar irgendwann ein Zimmer hier im Surf Center frei. Dann wohnen wir hier zusammen.“

„Es ist Dir also wirklich ernst damit?“ Meg seufzte. „Okay, in ein paar Tagen kannst Du mein Zimmer haben.“

„Wow...“ entfuhr es Sara und ihre Augen glänzten. „Das wäre Spitze! Aber.. wo wirst Du dann wohnen?“

„Bei Ben.“ erwiderte Meg und zwinkerte ihr lächelnd zu. „Er hat mich gefragt, ob ich bei ihm einziehen möchte.“

Spontan fiel Sara ihrer Schwester um den Hals.

„Das ist toll, Meg! Ich freu mich für Dich! Du musst absolut glücklich sein!“

Meg nickte.

„Das bin ich auch. Allerdings...“

„Was?“

„Nun, da ist immer noch Bens Exfrau. Maria... Ich kann nichts dafür, es ist einfach so ein Gefühl. Ich weiß, sie liebt ihn noch immer, und ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich schon über diese Beziehung hinweg ist.“

Sara verdrehte die Augen.

„Du Schäfchen! Du bist Dir nicht sicher? Dann rate ich Dir: Schau in seine Augen... So, wie er Dich ansieht, kann es überhaupt keinen Zweifel an seinen Gefühlen für Dich geben! Seine Blicke verraten ihn. Er liebt Dich, Meg. Das sieht doch ein Blinder... Diese Maria ist Vergangenheit. Du bist seine Zukunft, mit Dir will er sein Leben verbringen...“

„Hört hört...“ lachte Meg. „Die weise kleine Schwester! Aus Dir spricht die pure Lebenserfahrung!“

„Klar!“ grinste Sara. „Man muß nicht alt und grau sein, um so etwas zu erkennen! Glaub mir, Meg, vergiss Maria Evans. Ben hat sie bereits vergessen.“

„Ah ja... wenn Du das sagst...“ Meg stand auf und gähnte hinter vorgehaltener Hand. „Trotzdem sollten wir langsam schlafen gehen. Es ist bereits nach Mitternacht. Ich hoffe, Mum und Dad sind nach Deinem Anruf einigermaßen beruhigt. Morgen früh werde ich mich auch bei ihnen melden und versuchen, Dad noch ein bisschen zu besänftigen.“

„Das wäre lieb von Dir.“ erwiderte Sara aufatmend. „Mum versteht mich, aber ich habe den Eindruck, für Daddy bin ich immer noch sein kleines Mädchen, dass er unter keinen Umständen schon loslassen will. Genauso war es, als Du von zu Hause weggegangen bist.“

Meg lächelte etwas wehmütig.

„Sie wollen nur das Beste für uns beide. Und wenn sie merken, dass wir glücklich sind, dann sind sie` s irgendwann auch. So...“ Sie ging hinaus und holte aus der Abstellkammer am Ende des Ganges ein altes Feldbett. „Das muß für die erste Nacht genügen...“

„Klar“ lachte Sara und breitete Decke und Laken darauf aus. „Solange ich nicht unter dem Pier übernachten muß!“

 

 

Bens Haus

Ben lag in dieser Nacht lange wach. Eine eigenartige innere Unruhe, die er sich einfach nicht erklären konnte, hatte von ihm Besitz ergriffen und ließ ihn lange nicht zur Ruhe kommen.

Da war dieser merkwürdige Anruf von Maria...

Als er vom DEEP nach Hause gekommen war, hatte sein Anrufbeantworter drei Anrufe angezeigt. Zwei davon wusste er nicht zu deuten, weil der Anrufer keine Nachricht hinterlassen hatte, aber beim dritten erklang Marias Stimme:

 

„Hi Ben, es tut mir leid, was heute geschehen ist. Ich wollte wirklich nicht, dass Dir auf diese... unschöne Art Deine Verlobungsfeier verdorben wird. Ich hoffe, wir können irgendwann in Ruhe noch einmal über die Sache reden. Es ist nun mal passiert, und wir können nichts mehr daran ändern. Vielleicht war ja alles Vorsehung, wer weiß... Ruf mich bitte an, wenn Du Zeit hast...“

 

Sie hörte sich irgendwie deprimiert und traurig an, und einem ersten Impuls folgend wollte Ben sie zurückrufen, doch dann legte er den Hörer wieder auf. Sicher schlief sie schon, immerhin war es bereits nach Mitternacht.

Irritiert zog er die Stirn in Falten. Es tat Maria leid, was heute passiert war? Damit konnte eigentlich nur die Sache im DEEP gemeint sein. Sicher hatte sie davon erfahren und vermutet, dass die Party geplatzt war...

Später lag er lange wach und ließ seine Gedanken in die Vergangenheit wandern, mitten hinein in seine gemeinsame Zeit mit Maria.

Es waren wundervolle Jahre gewesen, das konnte er nicht leugnen. Maria war so voller Lebensfreude, spontan und gleichzeitig so verletzlich, und er hatte vom ersten Augenblick ihres Kennenlernens gewusst, dass sie die Frau für ihn war, mit der er sein restliches Leben verbringen wollte.

Maria war Künstlerin. Sie konnte wundervolle Aquarelle malen. Jedes einzelne davon war ein lebendiges Zeugnis ihrer Empfindungen und Gefühle, zart und zugleich unwahrscheinlich intensiv...

Einige davon verkaufte sie an einen reichen Unternehmer nach Venice Beach, aber die schönsten Bilder schmückten damals ihr gemeinsames Haus und die Hütte in den Bergen.

 

Ben unterstützte ihr Hobby, so gut es ging. Er hatte ihr sogar die kleine Abstellkammer oben am Ende des Flures als Atelier eingerichtet. Sie war so gerne dort, stundenlang stand sie an ihrer Staffelei und malte. Ihre Bilder spiegelten genau das wieder, was sie fühlte. Sie war verliebt und glücklich. Zumindest eine Zeit lang...

Doch dann irgendwann begann sie sich unmerklich zurückzuziehen, sie wurde schweigsam und verschlossen, unternahm stundenlange Spatziergänge allein am Strand oder schloss sich in ihrem Atelier ein und wollte nicht gestört werden. Das musste die Zeit gewesen sein, als Ben geschäftlich viel für die LIBERTY CORPORATION unterwegs gewesen war. Anscheinend litt Maria mehr unter der Einsamkeit, als er geahnt hatte.

Ben erinnerte sich genau, dass er damals zum ersten Mal den Wunsch geäußert hatte, eine Familie zu gründen, doch Maria meinte, sie sei noch nicht bereit dafür ein Kind großzuziehen.

 

Irgendwann musste dann Derek in ihr Leben getreten sein... Er hatte sie mit seinem Charme eingewickelt und schließlich dazu gebracht, einfach mit ihm durchzubrennen. Sie folgte ihm blind, in der Hoffnung, bei ihm die Liebe und Geborgenheit zu finden, die Ben ihr aus Zeitgründen nicht ausreichend zu geben vermochte.

Derek jedoch verfolgte ganz andere Ziele. Maria war nichts weiter als eine schöne Trophäe für ihn in seinem nahezu krankhaftem Wahn, seinem Bruder zu schaden und ihm wehzutun.

 

Ben schluckte.

Oben in Marias Atelier hatte er nach Wochen ihr Tagebuch gefunden...

Das war der Augenblick, in dem seine ganze Welt über ihm zusammengebrochen war.

Er hatte seinen unbändigen Frust an diesem kleinen Zimmer ausgelassen, und als er damit fertig war, erinnerte nichts mehr an Maria. Wirklich besser ging es ihm danach zwar nicht, aber es war das Symbol für einen Schlussstrich unter einen Abschnitt seines Lebens.

Zwei lange Jahre hatte er sich vor einem neuen Glück verschlossen, zu tief saß die Enttäuschung.

 

Dann war Meg überraschend in sein Leben getreten...

Ben lächelte in Erinnerung daran. Er hatte sie in diesem Flugzeug gesehen, wie sie gemeinsam mit ihrer Kollegin den Gebrauch der Schwimmwesten demonstrierte. Alles an ihr hatte ihn fasziniert, vor allem ihre Augen, die seinen immer wieder wie zufällig begegnet waren. Dann der einmalig schöne Sonnenuntergang, den sie vom Cockpit aus gemeinsam beobachteten... irgendwo hoch oben zwischen Himmel und Erde.

Auch wenn er sich damals noch mit aller Kraft gegen eine neue Liebe sträubte, so hatte er doch tief in seinem Inneren bereits geahnt, dass Meg sein Leben verändern würde.

 

Und mit dem Gedanken an sie und ihre gemeinsame Zukunft schlief er schließlich ein...

 

 

SB Medical Center

Als man Gabi in die Klinik brachte, wich Ricardo nicht von ihrer Seite, bis er wusste, dass sie bestmögliche Hilfe bekam. Er hielt ihre Hand und ließ sie erst los, als der behandelnde Arzt ihm unmissverständlich zu verstehen gab, er möge zum Wohle der Patientin endlich draußen warten.

Einen Augenblick stand Ricardo unschlüssig auf dem Klinikgang, dann drehte er sich um und

ging zu Caitlins Krankenzimmer. Leise klopfte er an die Tür und trat ein.

 

Sie war munter und sah ihm erwartungsvoll entgegen.

„Habt Ihr noch jemanden dort unten gefunden?“ fragte sie gespannt.

Ricardo nickte mit zusammengepressten Lippen. Jetzt erst fiel die ganze Anspannung von ihm ab, die ihn die ganze Nacht hindurch beherrscht hatte. Seine Kehle wurde ihm eng und seine Augen brannten von den aufsteigenden Tränen, die er mühsam herunterschluckte.

Statt einer Antwort  trat er an Caitlins Bett und umarmte sie herzlich.

„Danke Cait... Du hast Gabi das Leben gerettet!“ flüsterte er. „Das werde ich Dir nie vergessen!“

„Gabi?“ fragte Caitlin erstaunt. „Deine Schwägerin war dort unten? Sag schon... alles in Ordnung? Lebt sie?“

Er stöhnt nur schmerzlich auf und nickte.

Caitlin klopfte auf die Bettkante.

„Setz Dich hin!“ Sie sah in seine Augen und wusste plötzlich bescheid. „Du liebst sie, habe ich Recht?“

Ricardo blickte fast erschrocken hoch.

„Caitlin, ich...“

„Du brauchst nichts zu sagen.“ unterbrach sie ihn mit sanfter Stimme. „Wir beide kennen uns schon ziemlich lange. Ich bin kein Kind mehr, Ricardo, ich brauche nur in Dein Gesicht zu sehen, dann weiß ich, was Du für Gabi fühlst. Aber sie ist mit Deinem Bruder verheiratet!“

„Nicht mehr... Sie haben sich gestern scheiden lassen.“

„Warum?“

„Das ist eine lange Geschichte, Cait. Ich erzähle sie Dir, wenn es Dir wieder besser geht. Aber im Moment brauchst Du noch genauso viel Ruhe wie Gabi. Ich.. ich wollte nur vorbeikommen und Dir danken. Ohne Dich wäre sie da unten gestorben.“

Er stand auf und griff nach Caitlins Hand.

„Du hast recht.“ sagte er plötzlich. „Ich liebe Gabi... Ich hab es nur bis eben selbst noch nicht richtig gewusst.“ Nachdenklich sah er sie an. „Du... Du bist wirklich nicht mehr nur Gregorys hübsches kleines Töchterlein... Du bist eine kluge junge Frau.“

Caitlin zwinkerte ihm zu.

„Dazu muß man nicht besonders klug sein. Nenn es einfach weibliche Intuition... Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich selbst im Moment total verliebt bin.“

Sie sah ihm nach, wie er zur Tür ging.

„Und keine Sorge, Ricardo, Dein kleines Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben!“