KAPITEL 70

Dunkle Wolken über dem Paradies   Teil 2

 

 

SUNSET INN

Cynthia erwachte und blinzelte einen Moment lang orientierungslos in den Raum.

Dann richtete sie sich auf und bemerkte, dass der Platz neben ihr leer war. Sie atmete tief durch und fuhr sich mit den Fingern durch ihr zerzaustes dunkles Haar, während die Enttäuschung darüber, dass sie hier allein erwachte, wie ein Feuer in ihrem Inneren zu schwelen begann.

Derek... Er war hier gewesen, letzte Nacht, endlich, die Erfüllung ihrer geheimsten Wünsche und Sehnsüchte... Er war einfach aus dem Dunkel aufgetaucht, wie so oft in ihren Träumen und hatte sie wachgeküsst, während seine Hände gierig und besitzergreifend über ihren Körper strichen. Ein wohliger Schauer durchfuhr Cynthia bei dem bloßen Gedanken daran, wie seine Finger ihre Haut liebkost und jeden Zentimeter davon erkundet hatten, während seine hungrigen Lippen ihren Mund suchten und ihr voller Verlangen den Atem nahmen.

 

Cynthia war absolut nicht prüde, aber wenn sie an die letzte Nacht zurückdachte, schoss ihr nachträglich das Blut in die Wangen. Sie hatten beide kein Wort gesprochen, ihr gegenseitiges Verlangen sprach eine eigene Sprache und bedurfte keiner Frage. Sie liebten sich wild und leidenschaftlich und brachen in dieser Nacht alle Tabus.

Er hatte sie einfach genommen, als ob sie ihm schon immer gehörte, und anstatt sich zu wehren, sie gab sich ihm hin, bedingungslos und ohne Vorbehalt, ihr Gefühl hatte einfach alle Vernunft ausgeschaltet. Sie ließ sich willenlos treiben in einem alles verzehrenden Strudel aus purem Gefühl. So etwas war ihr noch nie passiert. Für einige Momente des absoluten Glücks gab es nur sie und ihn in einem zeitlosen Raum.

 

Um so schmerzlicher empfand sie die Tatsache, dass er einfach so verschwunden war.

Wie gerne wäre sie in seinen Armen aufgewacht!

Aber vielleicht war so etwas von Derek nicht zu erwarten. Allem Anschein nach vermochte er seine Leidenschaft für eine Frau  nur in ganz bestimmten Augenblicken zu zeigen, beispielsweise nachts, in einem dunklen Hotelzimmer...

 

Cynthia sprang aus dem Bett und nahm eine heiße Dusche. Während die Wassertropfen auf ihrer samtweichen Haut abperlten, spürte sie wieder Dereks Hände... so als wäre er noch immer da. Sehnsuchtsvoll schloss sie die Augen und überließ sich einen Augenblick lang dieser Illusion.

Das Läuten des Telefons holte sie abrupt aus ihrem Tagtraum.

Hastig drehte sie das Wasser ab und wickelte sich in das große Frotteetuch, bevor sie den Hörer abnahm.

„Ja bitte?“

„Cynthia?“

Sie lächelte. Seine Stimme... sicher würde er ihr gleich sagen, wie toll er die Nacht mit ihr fand, und vielleicht würde er sie voller Verlangen um eine weitere bitten...

„Ja Derek, ich bin hier...“ sagte sie verheißungsvoll.

„Dann erwarte ich Sie in fünf Minuten zu einer geschäftlichen Besprechung in meinem Zimmer!“

Er legte auf, ohne eine Antwort abzuwarten.

Cynthia starrte fassungslos auf den Hörer in ihrer Hand. Er hatte sie tatsächlich gesiezt... nach dieser Nacht! Seine Stimme war wie ein kalter Guß und ernüchterte sie schlagartig.

Zutiefst verletzt und verunsichert verschwand sie wieder im Badezimmer, um sich wie gewohnt zurechtzumachen.

 

 

Annies und Bettes Haus

Annie sah auf die Uhr.

Verdammt, Jude wollte sie doch pünktlich um elf zum Lunch abholen!

„Na Poopsie, wo drückt denn der Schuh?“ grinste Tante Bette, die eben nägelfeilend von der Veranda ins Zimmer trat. „Du starrst die Wanduhr an, als wolltest Du sie dazu bringen, rückwärts zu laufen!“

„Männer.“ knurrte Annie gereizt. „Das die niemals pünktlich sein können!“

„Ich nehme an, hinter dem Sammelbegriff „Männer“ verbirgt sich dieser junge, absolut gutaussehende, sportliche Archäologe... wie hieß er doch gleich?“

„Jude.“

„Ah ja, Jude Cavan... sowieso. Den solltest Du Dir warm halten, Poopsie, der hat einen soliden Beruf, verdient gutes Geld und sieht dabei sooo sexy aus... Alles zusammen findet man selten. Meistens haben die Reichen` ne Macke oder die Gutaussehenden keinen Cent in der Tasche.“ erklärte Bette augenzwinkernd und feilte dabei unbeirrt an ihren krallenförmigen Nägeln.

Annie musterte ihre Tante genervt.

„Ich wette, Du weißt, wovon du redest.“ stichelte sie, doch Bette schien das nicht im Geringsten zu stören. Sie war eine schier unerschütterliche Frohnatur, die so schnell nichts und niemand aus der Fassung bringen konnte.

„Natürlich gibt es da Ausnahmen, man muß sie nur zu finden wissen.“

„Und man muß sie halten können.“ versetzte Annie ihrer Tante einen boshaften Seitenhieb in Bezug auf deren in letzter Zeit ziemlich häufig wechselnde Bekanntschaften.

Bette zog nur leicht missbilligend die Augenbrauen hoch.

„Poopsie, das war nicht nett!“

„Okay, tut mir leid, war nicht so gemeint.“ lenkte Annie widerwillig ein. „Ich kann es nur nicht ausstehen, wenn mich ein Kerl versetzt. Noch dazu, wenn mir der Magen knurrt!“ Sie blickte erneut auf die Uhr. „Wir wollten ins Grenadines zum Lunch... vor einer Viertelstunde!“

„Meine Güte, die paar Minuten!“ lachte Bette. „Der Mann arbeitet hart, da kann es schon mal vorkommen, dass er sich ein wenig verspätet! Warum gehst Du nicht einfach vor, und wenn Du ihn nicht ohnehin unterwegs triffst, schicke ich ihn Dir nach, falls er hier auftaucht.“

Annie nickte und griff nach ihrer winzigen Handtasche.

„Gute Idee. Wenn er mir nicht versprochen hätte, den Lunch zu bezahlen, wäre ich ohnehin schon weg.“

„So schlimm steht es um Deine Finanzen?“

Unsere Finanzen, Tante Bette.“ verbesserte Annie bedeutungsvoll. „Du solltest Dir besser auch jemanden suchen, der Dir Dein Mittagessen bezahlt!“

Damit rauschte sie im knappen roten Minikleid hinaus und ließ die Tür hinter sich achtlos ins Schloss fallen.

 

Nachdenklich sah Bette ihr nach.

Nur gut, dass sie sich in den letzten Jahren ein paar kleine Reserven beiseite geschafft hatte, von denen weder Annie noch ihr nichtsnutziger Bruder Del – Gott hab ihn selig – jemals erfahren hatten. Für ein Leben in bescheideneren Verhältnissen würde es allemal reichen.

 

 

SUNSET INN

Cynthia straffte die Schultern und klopfte energisch an Dereks Hotelzimmertür. Sie hatte sich nach seinem Anruf absichtlich mit ihrer Morgentoilette Zeit gelassen, und das Ergebnis war überaus passabel. Sie sah mit ihrem locker aufgesteckten Haar und dem burgunderfarbenen Hosenanzug schlichtweg hinreißend aus. Ihr Selbstbewusstsein allerdings blieb heute etwas auf der Strecke, obwohl sie fest geschlossen war, sich das keinesfalls anmerken zu lassen.

Kein Mann durfte sie so behandeln, auch nicht Derek Evans!

Sie trat ein und schloss die Tür.

Derek stand mit dem Rücken zu ihr am Fenster.

„Warum hat das so lange gedauert?“ fragte er ungeduldig und drehte sich um.

Cynthia schluckte.

War das der Mann, mit dem sie vor ein paar Stunden die wohl bisher intensivste Liebesnacht ihres Lebens verbracht hatte?

Sie streckte trotzig das Kinn vor und setzte sich unaufgefordert in einen der Sessel. Lässig schlug sie die langen Beine übereinander und musterte ihn herausfordernd.

„Sie wollten etwas mit mir besprechen?“

Derek blieb dicht vor ihr stehen und sah sie mit seinen dunklen unergründlichen Augen an. Es fiel Cynthia schwer, diesem Blick standzuhalten, der ihr sofort Herzklopfen verursachte, aber sie schaffte es dennoch.

Nach ein paar Sekunden, die ihr wie eine Ewigkeit erschienen, wandte Derek sich ab und griff nach einem Umschlag, der auf dem Tisch lag. Er öffnete ihn und reichte Cynthia drei Fotos.

„Es ist Zeit, dass wir unseren Plan in die Tat umsetzen. Es geht um diese Frau. Name und Adresse steht hinten auf den Fotos. Sie wissen, was Sie zu tun haben, Cynthia?“

Sie nickte und betrachtete die Fotos interessiert.

Die Frau darauf war eine wahre Schönheit, grüne Augen und volle sinnliche Lippen, und ihr Haar war von einer derart intensiven Farbe, dass Cynthia sich fragte, ob es echt war oder die Dame eventuell der Natur etwas nachgeholfen hatte.

„Sie werden sie irgendwie kennenlernen und mit ihr ins Gespräch kommen. Wie und wo, das überlasse ich Ihnen. Sie sind doch ein cleveres Mädchen.“ Derek lächelte selbstgefällig. „Joanna jedenfalls hat regelrecht geschwärmt von Ihren Fähigkeiten.“

Cynthia starrte ihn überrascht an.

Warum brachte dieser Mistkerl ausgerechnet jetzt Joanna Castillo ins Spiel?

Sie wusste zwar nicht, wie sie es schaffte, aber sie brachte ebenfalls ein einigermaßen überlegenes Lächeln zustande.

„Ja... Joanna hat meine Fähigkeiten immer sehr zu schätzen gewusst.“

„Oh... ich weiß Ihre Fähigkeiten durchaus ebenso zu schätzen, meine Liebe.“ erwiderte Derek, und sie vermeinte einen deutlich sarkastischen Unterton aus seinen Worten herauszuhören. „Deshalb nehme ich an, dass ich Ihnen unseren Plan nicht noch einmal erklären muß.“

„Nein“ Cynthia griff nach dem Umschlag mit den Fotos und erhob sich. „Ich weiß, was zu tun ist. Sie können sich voll und ganz auf mich verlassen, Derek.“

„Das tue ich.“ Er trat zur Seite und ließ sie durch.

 

Sie war schon fast an der Tür, als Derek sich plötzlich räusperte und ein verführerisches Lächeln aufsetzte.

 „Ach ja... Cynthia...“

Leicht verärgert drehte sie sich um.

„Was letzte Nacht betrifft...“ Er spitzte die Lippen, legte zwei Finger auf seinen Mund und warf ihr eine Kusshand zu. „...sie war spitze!“

Sie stutzte und glaubte für einen Moment sich verhört zu haben, doch ein Blick in sein Gesicht zeigte ihr, dass es nicht so war. Total überrascht und verunsichert nickte sie nur kurz und verließ dann wortlos und schnellen Schrittes den Raum.

 

Derek wartete, bis sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, dann verwandelte sich sein Lächeln in ein teuflisches Grinsen.

„Soweit  dazu... Und nun zu Plan B... Zu Dir, kleine Meg!“

 

 

 

Im GRENADINES

Annie betrat das GRENADINES und blickte sich suchend um.

Das Nobel- Restaurant neben dem SUNSET INN war um diese Tageszeit sehr gut besucht, und Annie konnte auf den ersten Blick weder Jude, noch einen für sie akzeptablen freien Tisch entdecken.

Einige der Gäste erhoben sich jedoch gerade um zu gehen, und Annie stellte mit Genugtuung fest, dass es sich bei den freiwerdenden Plätzen um einer ihrer Lieblingstische handelte. Zielstrebig ging sie darauf zu, ohne auf den Kellner zu achten, zu dessen Aufgaben es eigentlich gehörte, die Gäste entsprechend vornehm einzuweisen.

Sie warf ihre Handtasche unsanft auf das blütenweiße Tischtuch und setzte sich, als neben ihr ein diskretes Räuspern erklang. Sie schaute hoch  und bemerkte Gaston, den Chefkellner, der sich mit missbilligender Miene neben ihrem Tisch aufgebaut hatte.

„Miss Douglas“ begrüßte er sie mit Eiseskälte in der Stimme, was Annie überhaupt nicht zu bemerken schien.

„Gaston“ sagte sie selbstbewusst, „Würden Sie bitte dafür sorgen, dass man mir eine Speisekarte bringt?“

„Madame belieben hier zu speisen?“ säuselte er streng.

Annie blickte verärgert auf.

„Also zum Bridge spielen bin ich bestimmt nicht hier. Nun machen Sie schon, ich habe Hunger.“

Gaston zog leicht die Augenbrauen hoch.

„Es tut mir leid, das sagen zu müssen, Miss Douglas, aber Ihr Kredit in unserem Etablissement ist bereits um ein Vielfaches überzogen, und unser Haus ist nicht länger gewillt, Ihnen daraufhin...“

„Wovon reden Sie hier eigentlich?“ fuhr ihn Annie ungehalten an. „Wollen Sie mir zu verstehen geben, dass ich bei Ihnen kein Dinner bekomme, oder was?“

Er nickte.

„Ich fürchte, so ist es.“ erwiderte er so diskret wie möglich, was gar nicht so einfach war, denn durch Annies ungehaltene Stimme blickten bereits einige Gäste zu ihnen herüber.

„Sie fürchten?“ knurrte Annie feindselig, „Das klingt mir ehrlich gesagt vielmehr so, als würden Sie sich darüber freuen!“

„Miss Douglas“ sagte Gaston mit schier unerschütterlicher Ruhe und Vornehmheit, „wenn Sie mir vorweisen, dass Sie finanziell im Stande sind, die heutige Mahlzeit auch zu bezahlen, dann können wir diese kompromittierende Unterhaltung sofort beenden.“

„Ich soll... was? Das ist ja wohl die Höhe!“ Annie beugte sich leicht vor und blitzte ihn wütend an. „Hören Sie mal zu, Sie Witzfigur, ich bin hier eingeladen worden, und wenn Sie nicht wollen, dass mein Begleiter, der jeden Augenblick hier erscheinen wird, Sie für diese Frechheit gleich als Salatbeilage serviert, dann bringen Sie mir jetzt die verdammte Speisekarte!“ zischte sie böse.

„Nein.“ erwiderte Gaston völlig unbeeindruckt.

Annie stutzte.

„Nein?“ wiederholte sie fassungslos und registrierte ein eindeutiges Kopfschütteln, das sie leicht irritierte. Normalerweise verfehlten ihre berüchtigten Verbalattacken so gut wie nie ihre Wirkung. Gaston schien ein härterer Brocken zu sein, als zuerst angenommen.

„Na gut...“ Annie lehnte sich zurück und verschränkte provozierend die Arme vor der Brust.

„Dann geht diese Rechnung heute auf das Geschäftskonto der Liberty Corporation. Buchen Sie die Summe dort ab.“

„Das darf ich ohne Absprache mit Ihren beiden Teilhabern nicht tun.“ erwiderte Gaston mit einer Geduld, die Annie langsam aber sicher auf die Palme brachte.

„Das dürfen Sie nicht tun?“ äffte sie ihn ungehalten nach und schlug mit der Hand auf den Tisch. „Dann bewegen Sie Ihren Allerwertesten zum Telefon und rufen Sie Mr. Evans oder Mr. Richards an!“

„Ich bin nicht befugt, Mr. Evans oder Mr. Richards wegen solcher... Banalitäten bei der Arbeit zu stören, Miss Douglas!“

Annie kochte.

„Banali... verdammt nochmal, ich habe Hunger, mir knurrt der Magen und wenn ich nicht sofort meinen Lunch bei ihnen bekomme, dann können Sie ab morgen Teller abwaschen, denn dann verklage ich Ihren dämlichen Laden, das Ihnen Hören und Sehen vergeht!“

Gaston rang sich ein müdes Lächeln ab.

„Nur zu, Miss Douglas.“ Er wies mit einer Hand zum Ausgang. „Wenn ich Sie jetzt bitten dürfte, ohne großes Aufsehen...“

Annie sah ihre Felle davonschwimmen. Wütend griff sie nach ihrer Handtasche, als sie bemerkte, dass die elegante junge Dame am Nebentisch die ganze Zeit interessiert herüberblickte.

„Was glotzen Sie denn so?“ fauchte sie ungehalten. „Macht es Ihnen Freude, sich am Unglück anderer Leute zu weiden?“

Die Dame erhob sich lächelnd und kam zu ihr herüber.

„Entschuldigen Sie bitte, ich wollte keinesfalls aufdringlich erscheinen, aber ich habe Ihr kleines... Gespräch soeben mit angehört.“

„Wer hat das nicht...“ ließ sich Gaston mit verhaltener Stimme vernehmen. Er sah sich peinlich berührt um und wartete noch immer, das Annie endlich das Feld räumte.

Die unbekannte junge Dame gab ihm ein Zeichen.

„Bitte bringen Sie die Speisekarte an meinen Tisch.“ Sie wandte sich an Annie. „Würden Sie sich vielleicht zu mir setzen und sich als mein Gast betrachten?“

„Wieso? Kennen wir uns?“ fragte Annie misstrauisch.

„Nein, ich glaube nicht. Aber ich war kürzlich in einer ähnlichen Situation wie Sie eben, und deshalb kann ich gut nachvollziehen, wie man sich da fühlt. Außerdem bin ich neu in der Stadt und speise nicht gern allein. Also bitte...“ Sie wies auf ihren Tisch, „machen Sie mir die Freude.“

Normalerweise hätte Annie stolz abgelehnt, aber ihr Magen zog sich eben schmerzlich zusammen und signalisierte ihr unmissverständlich, dass er jetzt und hier eine Mahlzeit forderte. Ihre Wut auf Jude war grenzenlos. Sie würde ihn dafür lynchen, dass er sie so schändlich versetzt hatte.

Mit einem triumphierenden Blick auf Gaston folgte sie der Dame an deren Tisch. Bevor sie sich setzte, fiel ihr glücklicherweise noch eine Anstandsregel ein, die ihr vor langer Zeit mal irgendwer beigebracht hatte. Sie streckte spontan die Hand aus.

„Hi, ich bin Annie Douglas.“

Die Dame lächelte und ihr Händedruck war kühl und fest.

„Ich bin Cynthia. Cynthia Rodriges. Freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, Annie!“

 

 

SB Medical Center

Sobald er auf seiner Arbeit abkömmlich war, setzte sich Jude in seinen Jeep und fuhr zum Krankenhaus, um nach Gabi zu sehen.

Sie war noch immer ohne Bewusstsein. Ricardo saß an ihrem Bett und hielt ihre Hand, und es schien fast so, als habe er sich seit heute morgen noch keinen Zentimeter hier wegbewegt. Blass und übernächtigt blickte er Jude entgegen, als dieser das Zimmer betrat.

„Sie schläft...“ sagte er leise und nickte, als müsse er sich selber davon überzeugen. „Sie schläft sich gesund.“

Jude legte ihm seine Hand auf die Schulter.

„Das selbe solltest Du auch tun. Es nützt Gabi überhaupt nichts, wenn Du dich hier herumquälst.“

„Ich hab mir freigenommen.“ erwiderte Ricardo. „Ich möchte bei ihr sein, wenn sie aufwacht. Sie hat so viel durchgemacht...“

„Was sagen die Ärzte?“

„Sie hat Quetschungen an den Beinen und im Rücken, und sie wissen noch nicht genau, ob im Bereich der Lendenwirbel durch das herabfallende Gestein Nerven verletzt wurden. Sie werden ein MRT machen, aber dazu muß Gabi erst wieder wach werden.“

„Und wann wird das sein?“

„Keine Ahnung. Dr. Robinson meinte, sie hat eine Verletzung am Hinterkopf, die eventuell ein leichtes Schädeltrauma verursacht hat, und Schlaf sei jetzt die beste Medizin, um sich davon zu erholen. Er hat ihr etwas gegeben, dass sie weiterschläft.“

„Dann ist sie gar nicht bewusstlos?“ fragte Jude erleichtert.

„Nein, ich sage doch, sie schläft nur.“

Jude sah auf die Uhr.

„Okay, in der nächsten Stunde bin ich auf unserer Baustelle abkömmlich. Ich werde also hierbleiben und auf Gabi aufpassen, während Du nach Hause fährst, Dich duschst, rasierst und umziehst. Du willst doch bestimmt nicht in diesen dreckigen Klamotten dahocken, wenn sie aufwacht!“

Ricardo nickte. Jude hatte recht. Er musste fürchterlich aussehen. Sein Hemd, seine Jeans und sogar sein dunkles Haar waren noch immer voller Staub von der Rettungsaktion. Eine Dusche wäre genau richtig.

„Ich komme sofort zurück.“ meinte er und klopfte Jude dankbar auf die Schulter, bevor er leise das Krankenzimmer verließ.

Jude setzte sich an den Bettrand und sah nachdenklich in Gabis schmales Gesicht. Sie wirkte so zart und zerbrechlich, und war doch eine unglaublich starke Frau, so voller Energie, das sich mancher Mann eine Scheibe davon abschneiden konnte. Er arbeitete gern mit ihr zusammen. Nur in den letzten Tagen vor dem Unglück war sie still und in sich gekehrt gewesen. Er hatte sie gefragt, was denn los sei, und sie hatte ihm anvertraut, wie es um ihre Ehe mit Antonio bestellt war, und dass seine Familie sie ablehnte.

Eigenartig, es kam ihm nicht so vor, als ob Ricardo voreingenommen gegen Gabi war, ganz im Gegenteil! So, wie er ihn heute Nacht erlebt hatte und wie er sich um sie sorgte, würde er fast vermuten, dass Ricardo Gabi mehr als nur gerne mochte hatte.

Genauso wie es ihm mit Annie ging...

 

Annie!

Er hatte total vergessen, dass er mit ihr verabredet gewesen war!

Jude blickte auf die Uhr. Es war bereits weit über die Zeit!

Sie würde im Grenadines hocken und vor Wut schäumen.

Leise verließ Jude das Zimmer, um draußen kurz zu telefonieren. Er wählte Annies Handynummer und musste erfahren, dass dieser Anschluss gesperrt war. Bingo... Also versuchte er es im GRENADINES.

 

„Das GRENADINES, Gaston am Apparat. Was kann ich für Sie tun?“

„Könnten Sie mir bitte sagen, ob momentan zufällig eine Miss Douglas Ihr Gast ist?“ fragte er höflich.

„Oh ja“ lautete die vielsagende Antwort. „Möchten Sie sie sprechen, Sir?“

„Wenn das möglich wäre, gerne.“

„Einen Augenblick...“

Jude lauschte, wie der Chefkellner mit dem Telefon in der Hand hinaus ging, er vernahm aus weiter Ferne die leisen Stimmen der Gäste. Dann hörte er Gastons Stimme:

„Miss Douglas?“

Sie schon wieder... was zum Teufel wollen Sie?“

„Ein Anruf für Sie!“

„Geben Sie schon her!... Hallo, wer ist da?“

Jude holte tief Luft.

„Annie Schätzchen, es tut mir leid, aber aus unserem Lunch wird heute nichts. Ich bin aufgehalten worden, und momentan...“

„Jude?“ unterbrach sie ihn in barschem Ton.

„Ja Baby?“

„Du kannst mich mal!“

 

 

Ocean Avenue, hinter dem Surf Center

Derek ließ den Mietwagen mit den abgetönten Scheiben langsam ausrollen und stellte den Motor ab. In seiner Verkleidung saß er da und beobachtete eine Weile das Haus, hinter dem er geparkt hatte.

Er wusste, dass Casey seit heute morgen in der Flughalle der Liberty Corporation beschäftigt war. Michael und Mark gingen ihrem Job nach, nur diese Dr. Chang sah er in der Küche herumwerkeln. Verdammt, musste die denn nicht zum Dienst?

Gegen Mittag wurde sein Warten belohnt. Rae Chang verließ mit ihrer Umhängetasche das Haus. Fast zur gleichen Zeit kamen Meg und eine ihm unbekannte junge Frau die Strasse heraufgebummelt. Allem Anschein nach waren sie einkaufen gewesen, denn sie trugen beide Plastiktüten und schwatzten munter miteinander. Kurz darauf verschwanden sie im Haus.

Derek sah auf seinen Notizzettel.

Da wäre dann noch dieser Cole und Vanessa, die mit den dunklen Locken. Aber egal, ob sie sich im Haus befanden oder nicht, die stellten keine Gefahr für seinen Plan dar.

 

Derek wartete noch eine Viertelstunde, dann nahm er die Perücke ab, entledigte sich des Bartes und der lästigen Kontaktlinsen und zog sein dunkles Jackett an. Prüfend warf er einen letzten Blick in den Innenspiegel des Wagens.

Perfekt!

Genauso hatte sein Zwilling ausgesehen, als er heute morgen ins Büro gegangen war. Weißer Rollkragenpulli und dunkler Anzug...

Derek fuhr ein Stück die Strasse hinunter und parkte den Wagen drei Häuser weiter. Dann stieg er aus und sah sich um. Zufrieden lächelnd strich er seine Jacke glatt und setzte ein verbindliches Lächeln auf, während er zielstrebig auf den Eingang des Surf Centers zuging...