KAPITEL 71

Der Besuch

 

Im GRENADINES

Annie reichte dem Chefkellner den Telefonhörer zurück.

„Verschonen Sie mich demnächst mit solchen...“ sie grinste boshaft „...Banalitäten!“

Gaston würgte mühevoll eine bissige Antwort hinunter und schritt hoch erhobenen Hauptes davon.

„War das Ihre geplatzte Verabredung?“ fragte Cynthia, die diese Szene mit regem Interesse verfolgt hatte, amüsiert.

„Er wird noch zutiefst bedauern, mich versetzt zu haben.“ erwiderte Annie und machte sich mit Heißhunger über den Salat her, der eben als Vorspeise serviert worden war. „Ich hasse Unzuverlässigkeit!“

„Das klingt nach einer richtigen Geschäftsfrau.“ lächelte Cynthia. „Darf ich fragen, was Sie beruflich machen?“

„Ich bin eine der Teilhaberinnen der Liberty Corporation, falls Ihnen der Name was sagt.“ antwortete Annie kauend.

„Oh ja, die LC, eine sehr angesehene Firma. Mein verstorbener Mann machte ab und an kleinere Geschäfte mit ... wie hieß er doch gleich... Roberts oder Richards...“

„Gregory Richards.“ half ihr Annie auf die Sprünge und tupfte sich die Lippen an ihrer Serviette ab. „Sie sind Witwe?“

„Ja“ Cynthia senkte die Augen, „mein Mann starb im vergangenen Jahr bei einem Verkehrsunfall.“

„Das tut mir leid.“ Das klang ausnahmsweise mal ehrlich, obwohl Annie nicht eine Minute mit dem Essen aufhörte.

„Nun“ erwiderte Cynthia kühl, „mein verstorbener Mann und ich führten eine Art Zweckehe, wenn Sie wissen, was ich meine. Er hat mir ein ziemlich großes Vermögen vererbt, und momentan versuche ich, mich irgendwo gewinnbringend einzukaufen. Die LC wäre ganz nach meinem Geschmack, aber wie ich gehört habe, sind von der Firma zur Zeit wenig Aktien auf dem Markt, und ich nehme an, ein neuer Teilhaber wird auch nicht unbedingt gesucht.“

Annie verschluckte sich fast an ihrem Salat.

„Sie haben Interesse an einer Firma wie der LC? Verstehen Sie denn etwas davon?“

Cynthia nickte selbstbewusst und lachte.

„Eine ganze Menge. Ich bin in einer Familie von Immobilienhaien aufgewachsen, und wenn andere Kinder eine Gutenachtgeschichte zu hören bekamen, erfuhr ich das neuste von der Börse. Später habe ich dann Betriebswirtschaft studiert, und mein Mann sah mich in seiner kleinen Firma immer als eine Art Beraterin an. Leider hat er mir, was Gregory Richards betraf, nicht genügend vertraut. Ich bin diesem Mann zwar persönlich nie begegnet und habe ihn nur einmal auf einem Bild gesehen, aber man sagt mir allgemein eine recht gute Menschenkenntnis nach, und irgendwie habe ich gleich gewusst, dass er nicht ehrlich ist...“ Erschrocken schlug sie die Hand vor den Mund. „Oh Annie, tut mir leid, ich rede hier so offen mit Ihnen, als ob wir uns schon ewig kennen würden, dabei stehen Sie Mr. Richards als Ihrem Geschäftspartner bestimmt sehr nahe. Ich sollte vielleicht...“

„Nein... nein, keine Sorge, reden Sie ruhig weiter. Das interessiert mich sehr!“ erwiderte Annie und legte endlich die Gabel hin, „Gregory ist ein Geier, das haben Sie schon sehr richtig erkannt, und ich würde mir nichts mehr wünschen, als dass ihm endlich einmal jemand so richtig eine reinwürgt!“ Sie betrachtete Cynthia prüfend. „Sie haben also gute Kenntnisse, was Immobiliengeschäfte angeht?“

Cynthia nickte.

„Ja, die habe ich.“

„Und Sie könnten Gregory Richards Paroli bieten, wenn Sie Gelegenheit dazu hätten?“

„Ich denke schon.“

„Dann sollten wir uns vielleicht nach dem Essen etwa näher über dieses Thema unterhalten!“

 Cynthia kniff die Augen zusammen.

„Was meinen Sie damit, Annie?“

„Warten Sie`s ab, meine Liebe. Ich muß erst was essen, damit ich richtig klar denken kann. Auf jeden Fall beginne ich zu ahnen, dass uns ein wirklich glücklicher Zufall zusammengeführt hat, und dass wir beide uns gegenseitig vielleicht ein paar Herzenswünsche erfüllen könnten, wenn wir es richtig anstellen!“

 

 

Im Surf Center

Meg drehte sich übermütig vor dem Spiegel.

„Und... nun sag schon, welches Kleid soll ich heute Nachmittag anziehen?“

Sara saß auf dem Bett und beäugte ihre Schwester kritisch. Um sie herum lag der bunt verstreut der halbe Inhalt von Megs Kleiderschrank.

„Wie soll ich das wissen, wenn Du mir nicht einmal verraten willst, wohin Dein Ausflug mit Ben gehen soll!“ beschwerte sie sich.

Meg lachte.

„Es soll doch eine Überraschung werden. Ich möchte Ben jemanden vorstellen, sagen wir, einen guten Freund. Es wird bestimmt lustig, aber auch offiziell, denn er schickt uns seinen... mh... wie soll ich den nennen...“ Sie überlegte kurz und grinste dann. „Sagen wir, er schickt uns seinen Chauffeur. Der holt uns hier ab und bringt uns zum Empfang.“

„Klingt interessant.“ Sara überlegte kurz. „Nimm trotzdem das Sommerkleid, das schöne Blaue, das steht dir am besten!“

Lächelnd ging Meg zum Bett und nahm das blaue Kleid auf. Mit ihrer Hand strich sie sanft über den zarten Stoff.

„Das habe ich mir gekauft, nachdem ich Ben hier in Sunset Beach wiedergetroffen habe und zum ersten Mal mit ihm verabredet war. Er mag es, wenn ich es trage.“

„Na also“ nickte Sara zufrieden. „Du siehst ja auch fantastisch darin aus.“ Sie sprang auf und sah sich um. „Dann hätten wir uns die ganze Aktion hier sparen können. Seit wann hast Du eigentlich so viele Kleider im Schrank?“

„Seitdem ich Ben kennengelernt habe. Bei ihm muß man immer auf Überraschungen gefasst sein, und da habe ich gerne für jede Gelegenheit was da.“

Sara grinste.

„Tja, wie eine Beziehung einen Menschen doch verändern kann! Na los, zieh Dich um, ich werde anfangen, alles wieder einzuräumen!“

Meg gab ihr einen Kuss auf die Wange.

„Danke Schwesterchen. Im übrigen werde ich heute mit Ben über den Umzug sprechen. Wenn alles klappt, kannst Du mein Zimmer bestimmt in ein paar Tagen haben.“

„Das wäre wirklich toll! Danke Meg!“

„Wozu sind denn große Schwestern da!“ lachte diese, während sie ihre Jeans und ihre Bluse unter dem übrigen Sachenberg hervorkramte. „Ich bin gleich wieder zurück, und dann helfe ich Dir beim Aufräumen!“ rief sie, zwinkerte Sara zu und lief hinaus über den Flur ins Badezimmer.

 

 

Annies und Bettes Haus

„Du willst was?“ Bette starrte ihre Nichte entsetzt an. „Bist Du jetzt ganz verrückt geworden, oder warst Du einfach nur zu lange in der Sonne?“

„Weder das eine noch das andere, Tante Bette.“ erwiderte Annie ungerührt, ließ sich auf die Couch fallen und schlug die langen Beine übereinander. „Die Summe, die Cynthia mir für meine Anteile geboten hat, ist gigantisch. Ich kann endlich wieder leben, so wie es mir gefällt, und ich kann mein Essen selber bezahlen.“

„Und im Handumdrehen hast Du`s verschusselt, wenn Du nicht aufpasst!“ schimpfte Bette. „Oh Poopsie, das ist das Vermächtnis Deines Vaters! Das kannst Du doch nicht an eine wildfremde Frau verkaufen!“

Annie richtete sich auf und sah ihre Tante herausfordernd an.

„Nenn mir einen vernünftigen Grund, warum ich das nicht tun sollte! Daddy hat mir die Anteile doch nur überschrieben, weil er sie loswerden und damit zugleich Gregory eins auswischen wollte, was ihm auch vollauf gelungen ist! Aber inzwischen besitze ich kaum noch einen Dollar, und die Firma wirft momentan auch keinen Gewinn ab.“

„Das wird sich doch spätestens ändern, wenn die Ferienanlage steht, Schätzchen!“ beschwichtigte Bette Annie, doch die winkte nur ab.

„Und was soll ich bitteschön bis dahin tun? So dick ist die Luft in Sunset Beach nun auch wieder nicht, als das man davon leben könnte!“ Sie lehnte sich erneut zurück. „Nein, ich habe mich entschieden. Gregory bekommt die Anteile nicht, Ben will sie nicht, also verkaufe ich an eine neutrale dritte Person.“

„Und was sagt Ben dazu?“ forschte Bette.

„Keine Ahnung.“ erwiderte Annie gespielt gleichgültig.

Entrüstet stemmte Bette ihre Hände in die Seiten.

„Willst Du damit sagen, Du hast nicht einmal mit ihm darüber gesprochen?“

„Warum sollte ich? Er erfährt es früh genug. Immerhin fragt er mich doch auch nicht, wie und mit wem er sein weiteres Leben gestaltet!“

„Na das ist ja nun auch ganz etwas anderes!“

„So, findest Du?“

Annie stand auf, ging zum Barschrank und goß sich Mineralwasser ein. Mit dem Glas in der Hand schlenderte sie langsam zur Couch zurück.

Bette beobachte jede ihrer Bewegungen skeptisch. Sie wusste, wie stur Annie manchmal sein konnte, und dass man dann selbst mit den allerbesten Argumenten überhaupt nichts mehr erreichte. Also versuchte sie es etwas diplomatischer, indem sie erneut mit dem Fragen anfing.

„Bist Du sicher, das diese... Cynthia Rodriges neutral ist? Vielleicht sollten wir sie erst einmal überprüfen lassen! Am Ende ist sie eine gute Bekannte von Gregory!“

„Ach was! Gregory hat keine guten Bekannten! Und Cynthia scheint mir viel zu clever, als sich auf irgend welche dubiosen Abmachungen mit ihm einzulassen. Außerdem kennt sie sich mit Immobiliengeschäften bestens aus, so dass sie voll mitreden kann, wenn es um Beratungen und Abstimmungen geht. Ihr verstorbener Mann hatte eine Firma und ist vor Jahren mal von Gregory betrogen worden. Von da her mag sie ihn sowieso nicht besonders, und ich hoffe, sie wird ihm ordentlich auf die Füße treten.“ Sie nippte an ihrem Wasser und grinste schadenfroh. „Er wird sich vielleicht noch wünschen, dass ich seine Partnerin geblieben wäre!“

„Hoffentlich...“ murmelte Bette und starrte zum Fenster hinaus.

Nach einem Moment des Schweigens blickte Annie zur Uhr und sprang auf.

„So, ich muß los. Ich treffe mich in einer halben Stunde im Notariat bei „Smithfield und Johnson“ mit Cynthia, und dann machen wir das Geschäft perfekt.“ Sie umarmte ihre Tante kurz. „Wünsch mir Glück, Tante Bette, wenn alles gut geht, flattert uns nachher ein schöner dicker Scheck ins Haus, und wir sind auf einen Schlag alle Sorgen los!“

Bette starrte ihr nach, bis die Tür hinter ihr ins Schloss fiel.

„Ich hoffe nur, Du tust das Richtige, Poopsie!“ sagte sie leise und nachdenklich. „Ich weiß nicht, warum, aber ich habe ein ungutes Gefühl bei der Sache. Und auf meine Gefühle war bisher immer Verlass!“

 

 

Surf Center

„Meg hat sich ganz schön verändert“ dachte Sara, während sie damit begann, ein Kleidungsstück nach dem anderen ordentlich in den Schrank zu hängen. „Sie scheint hier wirklich glücklich zu sein!“

Ein weißes Kleid erregte erneut ihre Aufmerksamkeit. Es hatte ihr schon vorhin gefallen, als Meg es anhatte. Sie hielt es sich an und trat damit vor den Spiegel. Zufrieden drehte sie sich nach allen Seiten. So eins würde sie sich auch kaufen... Schade, dass Casey keine Augen dafür hatte, wie gut sie aussah! Aber der liebte ja nur seine Rae!

Sara verzog das Gesicht.

„Na, von mir aus soll er mit ihr glücklich werden, es gibt ja auch noch andere tolle Boys in Kalifornien!“ murmelte sie. Da wäre zum Beispiel Mark... er war ihr schon damals aufgefallen, als sie zum ersten Mal hier war. Da hatte er jedoch immer diese Tiffany an seiner Seite gehabt. Aber die war ja nun glücklicherweise weg...

 

Ein Läuten an der Haustür holte sie aus ihren Gedanken.

„Meg?“ hörte sie Cole von unten rufen. „Ben ist hier!“

Ben? Um diese Zeit?

Sagte Meg nicht vorhin, er sei bis zum Nachmittag im Büro?

Nun, vielleicht wollte er seine Verlobte nur schnell mit einem Besuch überraschen. Wie romantisch...

Sara grinste und überlegte nicht lange.

„Er soll bitte hochkommen, Cole!“ rief sie, raffte in Windeseile die übrigen Sachen zusammen und stopfte sie hastig in den Kleiderschrank, um schnell noch die gröbste Unordnung im Zimmer zu beseitigen, als es auch schon an der Zimmertür klopfte.

„Komm rein, Schwager, es ist offen!“

 

 

Notariat „Smithfield und Johnson“

Der Notar Mr. Smithfield sah die beiden Damen vor sich prüfend an.

„Haben Sie sich die vorliegenden Papiere noch einmal gut durchgelesen?“

Die Antwort darauf war ein einvernehmliches Nicken, dann wurden die notwendigen Unterschriften geleistet.

Mr. Smithfield räusperte sich.

„Darf ich fragen, zu welchen Konditionen Sie Ihre Anteile an Misses Rodriges überschreiben, Miss Douglas?“

„Nein, das dürfen Sie nicht.“ erwiderte Annie und grinste, als sie seinen bestürzten Gesichtsausdruck sah. „Weil Sie das nämlich nichts angeht, mein Lieber. Sorgen Sie nur dafür, dass Ihre Kanzlei Mister Richards bis spätestens heute Nachmittag die entsprechenden Papiere zustellt. Oder nein...“ Ein triumphierendes Lächeln zog plötzlich über ihr Gesicht. „Ich denke, es wird das Beste sein, wenn wir Mr. Richards und Mr. Evans gleich selbst über die firmeninternen Veränderungen unterrichten.“ Sie nickte Cynthia kurz zu und erhob sich. „Kommen Sie, meine Liebe, ich kann es kaum erwarten, die dummen Gesichter meiner beiden Teilhaber zu sehen!“

Höchst zufrieden verließen die beiden Damen das Notariat.

 

Annie strahlte innerlich. Der Scheck in ihrer Tasche würde alle Probleme lösen. Cynthia hatte ihr eine Summe geboten, die man einfach nicht ablehnen konnte. Im Gegenzug dafür besaß sie jetzt ein Drittel der Stimmanteile der Liberty Corporation, und Annie wünschte sich von ganzem Herzen, dass diese Frau Gregory in Zukunft das Leben so schwer wie nur möglich machen würde. Das wäre ihr eine Genugtuung!

Plötzlich fiel ihr etwas ein und sie blieb abrupt stehen.

„Cynthia... eine Bedingung muß ich allerdings noch an Sie stellen!“

Cynthia lächelte.

„Ist das nicht ein bisschen spät, jetzt, wo wir den Vertrag bereits unterschrieben haben?“

„Nein... keine Sorge.“ erwiderte Annie. „Es wird Ihnen bestimmt nicht schwer fallen, diese Bedingung zu erfüllen.“

„Also, lassen Sie hören!“

„Nun, wie ich schon sagte, es würde mich wirklich außerordentlich freuen, wenn Sie durch ihre Kompetenz Gregory Richards so oft wie möglich in den Rücken fallen, aber tun Sie das niemals mit Ben Evans! Er ist mein bester Freund, und ich möchte nicht, dass Sie ihm jemals in irgend einer Form schaden.“

Cynthia musterte Annie neugierig.

„Das klingt, als würde Ihnen sehr viel an Mr. Evans liegen!“

„Oh ja“ nickte Annie, „Ben hat mir immer zur Seite gestanden und mir geholfen, wenn ich ihn brauchte. Er bedeutet mir sehr viel! Also... denken Sie daran, arbeiten Sie mit ihm zusammen, niemals gegen ihn!“

„Annie...“ meinte Cynthia erstaunt, „das klingt ja fast wie eine Drohung!“

„Wir kennen uns noch nicht lange“ erwiderte Annie mit ernstem Gesicht und maß Cynthia dabei mit bedeutungsvollem Blick, „ansonsten wüssten Sie, dass ich meine Freundschaften genauso pflege wie meine Feindschaften....“

Die beiden Frauen taxierten einander einen Augenblick lang abschätzend, dann löste Cynthia die Spannung, indem sie rasch ein Lächeln aufsetzte.

„Okay“ meinte sie und dachte daran, was Derek ihr von seinem Zwillingsbruder erzählt hatte, „Ich werde mir Ihre Worte zu Herzen nehmen, Annie. Und soweit mir das möglich ist, werde ich sie auch gerne befolgen.“

 

 

Surf Center

Zögernd trat Derek ein und stutzte, als er plötzlich einer ihm unbekannten jungen Frau mit blondem Pferdeschwanz gegenüberstand.

War das nicht die von vorhin, mit der Meg vom Einkaufen gekommen war? Was zum Teufel machte die in Megs Zimmer?

„Hi Ben!“ strahlte die Unbekannte ihn an, kam auf ihn zu und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Meine Güte, siehst Du wieder gut aus! Meg hat wirklich Glück...“ Sie lächelte schelmisch. „Du hast nicht zufällig noch einen Bruder? Einen, dessen Herz noch frei ist? Am besten, einen der aussieht wie Du... einen Zwilling!“ Sie lachte über sein dummes Gesicht, doch dann erinnerte sie sich plötzlich an das Geschehen vor nicht allzu langer Zeit und ihr wurde schlagartig klar, was sie eben gesagt hatte. „Hey, tut mir leid“ lenkte sie etwas verlegen ein, „das war doch nur ein dummer Scherz!“

`Und was für einer...` dachte Derek grimmig und rang sich mühsam ein Lächeln ab. „Wo ist denn Meg?“

„Sie zieht sich nur schnell um.“ erwiderte die junge Frau und wies auf den Sessel. „Setz Dich doch einen Augenblick, sie wird gleich da sein!“

Derek nahm Platz, und sie setzte sich ihm gegenüber auf den Bettrand.

„Hast Du Dir im Büro freigenommen?“ fragte sie neugierig.

„Ja... nein...“ Verdammt, er stotterte schon wie ein Schuljunge. „Ich muß etwas Wichtiges mit Meg besprechen. Deshalb bin ich hier.“

„Ah ja...“ Sie ließ ihn nicht aus den Augen.

Und genau diese Augen waren es auch, die Derek so vertraut in dem sonst fremden Gesicht erschienen. Es waren... Megs Augen!

Plötzlich kam ihm die Erleuchtung. Hatte sie ihn nicht vorhin, als er vor der Tür stand, mit „Schwager“ betitelt? Natürlich... sie musste Megs Schwester sein!

Erleichtert lächelte er.

„Und... wie gefällt Dir Kalifornien?“

„Immer noch genauso gut wie bei meinem letzten Besuch hier.“ erwiderte sie prompt. „Daran wird sich bestimmt auch nichts ändern.“

„Dann... wirst Du länger bleiben?“

Sie kniff überrascht die Augen zusammen.

„Aber Ben... hast Du mir gestern überhaupt nicht zugehört?“ Sie lachte und winkte ab. „Na ja, kein Wunder bei all dem Lärm und der Aufregung im DEEP! Also... ich setze zu Hause ein oder zwei Semester lang mit dem Studium aus und bleibe erst einmal hier. Ich will doch um nichts in der Welt Eure Traumhochzeit verpassen! Danach werden wir weitersehen.“

 

Zu Dereks Erleichterung öffnete sich in diesem Augenblick die Tür und Meg trat herein. Erstaunt blickte sie ihn an.

„Ben? Was tust Du denn hier?“

Sein Adrenalinspiegel erhöhte sich schlagartig. Jetzt musste alles klappen! Hoffentlich verzog sich die Schwester so schnell wie möglich...

Er stand auf und trat auf Meg zu.

„Entschuldige Liebling, dass ich Dich hier so überfalle, aber ich muß dringend was Wichtiges mit Dir bereden!“

„Ähm... ich verzieh mich dann mal!“ meinte die blonde junge Frau und zwinkerte Meg zu. „Ich geh für`ne Stunde zum Strand runter.“

„Okay Sara, bis nachher.“ erwiderte Meg.

Derek grinste erleichtert über die Tatsache, dass sie das Feld räumte und er gleichzeitig ihren Namen erfahren hatte.

„Bye Sara, viel Spass!“

“Den wünsche ich Euch auch. Wobei auch immer!“ rief Sara übermütig und verließ das Zimmer.

Meg lachte.

„Sie ist so herrlich spontan.“ meinte sie kopfschüttelnd. „Das war sie schon als Kind. Mitunter sehr zum Leidwesen meines Vaters...“

Derek lächelte säuerlich. Auf Saras Lebensgeschichte war er jetzt überhaupt nicht erpicht. Ganz im Gegenteil!

Meg trat auf ihn zu und schlang ihre Arme um seinen Hals.

„Egal, aus welchem Grund Du hergekommen bist, ich finde es schön!“ sagte sie und küsste ihn auf den Mund. Derek spürte ihre Wärme und der zarten Duft ihres Parfüms, der ihn an einen Strauß Frühlingsblüten erinnerte, stieg ihm in die Nase. Sobald er ihre Lippen auf seinen spürte, verlangte jede Faser seines Körpers nach mehr... Unwillkürlich zog er sie dichter zu sich heran, und für eine Sekunde schien sein Verstand auszusetzen.

„Meg...“ stöhnte er und vergrub seine Hände in ihren glänzenden dunklen Locken. Er  könnte jetzt die Tür verschließen und gemeinsam mit ihr alles um sich vergessen... Oh ja, die Versuchung war groß.

Doch dann siegte der Verstand.

Nein... heute durfte er seinen Gefühlen nicht nachgeben, noch nicht. Das würde alles verderben. Heute musste er sich an seinen Plan halten.

Er würde ihr wehtun, sehr sogar, aber es musste sein, sonst würde Ben nie aus ihrem Leben verschwinden!

Mit einer entschiedenen Bewegung schob er sie von sich weg und trat einen Schritt zurück.

„Ich muß mit Dir reden, Meg. Es ist wichtig!“

„Was ist denn los?“ fragte sie erstaunt. „Kannst Du vielleicht heute Nachmittag nicht mitkommen?“

„Heute Nachmittag? Ja... nein...“ Derek zögerte und vergrub die Hände in den Hosentaschen. Langsam begann er im Zimmer auf und ab zu laufen. „Ich habe etwas erfahren. Es wird unser zukünftiges Leben verändern.“

Meg sah ihn mit großen Augen an. Was konnte es sein, dass er so ernst war?

Sie spürte mit einem Mal, wie sich ihr Magen fast schmerzlich zusammenzog, denn sie wusste instinktiv, dass jetzt nichts Gutes folgen würde.

„Um was geht es denn?“

Er blieb stehen und sah sie mit gequältem Gesichtsausdruck an.

„Meg, es tut mir leid, aber... unsere Hochzeit...“

„Ja?“ hauchte sie atemlos.

„Ich kann Dich nicht heiraten.“