Kapitel 73
Gewissensfragen
„Wo soll`s denn hingehen, Miss?“ fragte der Taxifahrer, als er auf die Mainstreet abbog.
„Zum Flughafen.“ erwiderte Meg.
„Nach LA?“
„Nein, zum dem kleinen Flughafen zwischen hier und Long Beach.“
„So viel ich weiß, startet dort aber heute kein Flieger mehr.“
„Meiner schon.“
„Oh, Sie fliegen privat?“
„Ja.“
Meg ließ sich in die Polster zurückfallen und starrte zum Fenster hinaus, ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Ihre Augen brannten genauso wie der Schmerz, der in ihrem Inneren tobte und sie fast zu zerreißen drohte. Es war, als hätte man ihr mit einem Schlag alles Lebenswerte genommen.
Wie durch eine Nebelwand hörte sie erneut die Stimme des Fahrers:
„Da scheint noch einer zum Flughafen zu wollen!“
Verwirrt sah sie auf und erblickte im letzten Moment John Carter, der mit zwei Koffern am Straßenrand stand und den sie in der Aufregung völlig vergessen hatte.
„Halten Sie bitte!“ rief sie. „Der junge Mann fährt mit uns!“
„Ich wünschte, wir wären wieder im Mittelalter!“ wetterte Gregory, während er unaufhörlich in seinem Büro auf und ablief. „Damals hätte man solche Hexen wie Annie Douglas bei lebendigem Leibe verbrannt!“
Seine Schimpfkaskade dauerte mittlerweile bereits eine gute halbe Stunde. Während er förmlich vor Wut über Annies unerwartete Entscheidung schäumte, schien Ben die Sache eher gelassen zu nehmen.
„Hör zu, Gregory, es bringt nicht das Geringste, sich jetzt noch darüber so aufzuregen.“ meinte er achselzuckend. „Annie hat ihre Anteile verkauft. Na und? Das ist ihr gutes Recht.“
Seine Gleichgültigkeit brachte Gregory nur noch mehr auf die Palme.
„Ihr gutes Recht?“ wiederholte er wutschnaubend. „Dieses hinterhältige Weibsstück! Das hat sie nur getan, um mir eins reinzuwürgen! Ich werde den Vertrag anfechten...“
„Ich verstehe Dich nicht. Die ganze Zeit hast Du Dich bei jeder Gelegenheit über Annies Inkompetenz beschwert. Jetzt bist Du sie endlich los... Und hast eine Teilhaberin gewonnen, die nicht nur ein beträchtliches Kapital mit in die Firma bringt, sondern auch noch etwas vom Geschäft versteht!“
„Das wird sich erst noch zeigen.“ schnaufte Gregory und fuhr sich nervös mit der Hand über die Stirn.
Ben grinste. In Wahrheit wußte er genau, worum es seinem Partner ging. Er hatte auf Annies Anteile spekuliert, um dadurch die Stimmenmehrheit zu erhalten und allein entscheiden zu können. Tja, dumm gelaufen, Gregory...
Er sah auf die Uhr. Höchste Zeit, Feierabend zu machen. Er hatte Meg versprochen, pünktlich zu sein, und durch Annies Auftritt vorhin war es ohnehin schon später geworden.
„Tut mir leid, Gregory, aber ich muß los. Meg und ich haben eine wichtige Verabredung!“
Gregory schnappte nach Luft.
„Das ist nicht Dein Ernst! Du willst mich hier allein lassen, mit dieser...“ Er deutete mit einer Handbewegung nach draußen, „...dieser Neuen?“
Ben lachte.
„Sie wird Dich nicht gleich auffressen wollen! Du solltest sie erst einmal in Ruhe in alle firmeninternen Sachen einweisen und ihr alles zeigen, was sie wissen muß.“
„Bin ich vielleicht ihre Sekretärin?“ erboste sich Gregory. „Ich denke nicht im Traum daran! Soll das doch gefälligst Annie machen, schließlich hat sie uns dieses ganze Dilemma eingebrockt!“
„Apropos Sekretärin...“ griff Ben das Thema auf, „wir werden noch jemanden einstellen müssen, wenn Miss Rodriges vorhat, aktiv bei uns mitzuarbeiten.“
„Eine persönliche Assistentin? Das fehlte noch... Kommt überhaupt nicht in Frage!“
Der Summton der Wechselsprechanlage unterbrach Gregorys erneuten Wutanfall.
„Mister Evans“ erklang Elisabeths Stimme, „Misses Torres- Evans ist hier und wünscht Sie in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen!“
„Maria?“ Erstaunt zog Ben die Augenbrauen hoch. „Okay, sagen Sie ihr, sie möchte sich bitte einen Augenblick gedulden. Ich bin sofort da.“
„Was will denn Deine Ex-Frau von Dir?“ fragte Gregory, ungehalten über die Störung.
Ben zuckte die Schultern.
„Keine Ahnung.“ Er erhob sich und ging zur Tür. „Wir sehen uns dann morgen. Und dass mir keine Klagen kommen, Partner! Behandle Miss Rodriges bitte höflich!“
Bevor Gregory eine bissige Antwort geben konnte, war er bereits draußen.
“Misses Richards?” tönte die Stimme des Sicherheitsbeamten aus dem Hörer. „Entschuldigen Sie die Störung, aber hätten Sie vielleicht einen Augenblick Zeit?“
„Worum geht es, Steve?“
„Es geht um den Hotelsafe, Ma`m. Es ist uns unerklärlich, wie das passieren konnte, aber mehrere Hotelgäste haben uns gemeldet, dass angeblich Wertsachen aus ihren Schließfächern verschwunden seien. Die Polizei ist bereits vor Ort und hat alles untersucht. Wir bitten nun die übrigen Gäste, die ein Schließfach bei uns haben, dieses auf Vollständigkeit zu überprüfen.“
„Wir haben kein Bargeld im Safe. Von daher...“ erwiderte Olivia abweisend, denn sie war soeben von einem Besuch bei ihrer Tochter aus der Klinik zurückgekehrt und wollte sich ein wenig ausruhen. Nachdem sie den gemeinsamen Lunch mit Eric zugunsten Caitlins abgesagt hatte, vermutete sie, dass er nicht locker lassen würde, bis sie ihm eine neue Zusage machte.
„Würden Sie bitte trotzdem nachsehen, Mrs. Richards? Die Diebe hatten es anscheinend nur auf Schmuck abgesehen.“
„Also schön...“ Olivia verdrehte genervt die Augen und fügte sich in ihr Schicksal. „Ich bin gleich da.“
Als sie unten ankam, führte Steve sie in den Raum mit den Schließfächern.
„Wie kann denn so etwas überhaupt passieren?“ fragte sie ungehalten.
„Ehrlich gesagt, wir wissen es noch nicht genau, Ma`m, wir haben bisher nur die Anzeigen einiger Hotelgäste, die diverse Schmuckstücke aus ihren Schließfächern vermissen.“
„Soweit zum Sicherheitsdienst in diesem Hotel...“ meinte Olivia sarkastisch und sah zu, wie Steve ihr Fach für sie öffnete.
„Ich lasse Sie jetzt allein, Misses Richards, damit Sie in Ruhe nachsehen können, ob alles vollständig ist. Sagen Sie einfach bescheid, wenn Sie fertig sind. Ich warte draußen.“
Olivia beachtete ihn nicht weiter, sondern begann lustlos, den Inhalt des Schließfaches auf dem dafür vorgesehenen Tisch auszubreiten. Eigentlich hatte sie keine Ahnung, was sich außer ihrem Schmuck noch in diesem Safe befand, sie hatte sich nie darum gekümmert.
Okay... von ihren persönlichen Wertsachen schien nichts zu fehlen, dazu fand sie wider Erwarten ein dickes Bündel Banknoten. Das Geld mußte Gregory hier deponiert haben, um es später zur Bank zu bringen, denn er bewahrte laut eigener Aussage nie viel Bargeld im Schließfach auf.
Die Reisepässe fielen ihr in die Hände und ein Ordner mit privaten Dokumenten. Olivia blätterte kurz darin und wollte ihn gerade zurücklegen, als ein eigenartiges Schriftstück ihre Aufmerksamkeit erregte. Es war eine alte Zeichnung mit verschiedenen Beschriftungen am Rand. Olivia überlegte, wo sie etwas schon einmal gesehen hatte. Natürlich, in Gregorys Büro lagen solche Zeichnungen herum, die auf den ersten Blick aussahen wie Landkarten aus einem Vermessungsbüro!
Sie betrachtete die Zeichnung genauer und plötzlich wußte sie, was darauf zu sehen war.
Die Strandhöhlen!
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Dort hatte sie sich früher immer heimlich mit Gregory getroffen, kurz nachdem sie beide sich kennengelernt hatten. Oh ja, das war eine so schöne und romantische Zeit gewesen! Leider war davon außer Erinnerungen nicht viel geblieben... Wehmütig fuhr sie mit dem Finger an dem aufgezeichneten Küstenstreifen entlang und verharrte mit einem Mal irritiert. Was war denn das hier? Jemand hatte den vierten und letzten Höhleneingang durchgestrichen!
Plötzlich erinnerte sie sich, wie sie letztens bei einem Spatziergang an den Höhlen vorbeigekommen war. Drei davon waren wegen der laufenden Arbeiten der Archäologen abgesperrt gewesen, und sie wußte noch genau, dass sie sich gefragt hatte, wo die vierte Höhle geblieben war. Sie war viel kleiner als die anderen und lag etwas versteckt, so dass nur wenige Menschen sie finden konnten. Olivia hatte schließlich vermutet, dass sie nach so langer Zeit den Eingang schlichtweg übersehen hatte. Jetzt kamen ihr Zweifel. Irgend etwas stimmt hier nicht. Wieso lag diese Karte in Gregorys Privatschließfach und nicht in seinem Büro, wo sie eigentlich hingehörte?
Sie dachte daran, wie erbost und beunruhigt ihr Mann über die Kosten gewesen war, die der Firma durch die Untersuchung der Strandhöhlen zu entstehen drohten, ganz abgesehen von dem enormen Zeitverlust bis zu der notwendigen Sprengung! Sollte er am Ende...
„Das würdest Du nicht wagen, Gregory...“ murmelte sie und starrte auf das Papier vor sich, „Oder vielleicht doch?“
John verstaute sein Gepäck im Kofferraum des Taxis und warf dabei einen erstaunten Blick auf die bereits darin befindliche große Reisetasche.
„Hi!“ Er stieg in den Wagen und sah Meg irritiert an.
„Sie sind allein? Wo ist ...?“ Ein Blick in ihr Gesicht ließ ihn verstummen.
„Wir fliegen ohne ihn.“ sagte sie und machte den kläglichen Versuch zu lächeln.
John deutete mit dem Daumen nach hinten.
„Ist das Ihr Gepäck?“
Sie nickte nur stumm.
Betreten sah er sie an und ihm fiel auf, wie blass sie war.
„Meg... ich... ich kann auch den Bus nehmen, wenn Sie lieber allein sein möchten!“
Spontan griff sie nach seiner Hand.
„Nein, bitte nicht. Ich bin froh, dass Sie da sind.“ Sie biss sich auf die Lippen und schluckte schwer. „Ich werde Ihnen nachher alles erklären.“
John nickte.
„Okay.“
Auf der Weiterfahrt zum Flughafen betrachtete er sie mehrmals verstohlen von der Seite. Es tat ihm schrecklich leid, Meg so unglücklich zu sehen, und es mußte etwas wirklich Schlimmes geschehen sein, dass sie allein nach Los Angeles wollte, ohne Ben, dafür aber mit vollem Reisegepäck. Das Ganze sah verdammt nach Flucht aus...
Maria stand neben Elisabeths Schreibtisch und knetete nervös die Henkel ihres winzigen Handtäschchens, das sie bei sich trug. Als sie Ben sah, kam sie sofort ein paar Schritte auf ihn zu.
„Entschuldige, dass ich Dich hier im Büro störe, aber ich muß ganz dringend mit Dir reden!“
„Du brauchst Dich nicht zu entschuldigen, ich wollte sowieso gerade gehen.“ erwiderte Ben mit einem kurzen Seitenblick auf Elisabeths neugieriges Gesicht, während er Marias Arm ergriff und sie diskret beiseite zog. „Wir reden draußen.“
Bereits im Gehen begriffen, wandte er sich noch einmal an die Sekretärin.
„Stellen Sie momentan bitte keine Anrufe für Mr. Richards durch, Lizzy. Nach Miss Douglas` letztem Auftritt wirkt er... nun ja, sagen wir, leicht gereizt.“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause und zwinkerte ihr grinsend zu, „Und rufen Sie die 9-1-1, falls es beim Zusammentreffen zwischen ihm und unserer neuen Teilhaberin zu einem Blutbad kommen sollte!“
Maria, die nicht ein Wort von dem begriff, was er eben zu seiner Sekretärin gesagt hatte, folgte ihm wortlos nach draußen. Im Lift nach unten sah er auf die Uhr.
„Ich habe einen wichtigen Termin, Maria. Von daher ist es heute etwas ungünstig...“
„Die Sache, wegen der ich Dich seit Tagen zu erreichen versuche, ist ebenfalls äußerst wichtig, Ben.“ unterbrach sie ihn leicht aufgebracht. „Nachdem Du es nicht für nötig befunden hast, meine Anrufe zu beantworten, war ich gezwungen, so außerplanmäßig herzukommen.“
Ben nickte ergeben.
„Okay, schon gut, ein paar Minuten hätte ich sicher noch Zeit für Dich. Lass uns in die Cafeteria gehen!“
Der Lift hielt und die Türen öffneten sich fast lautlos. Maria trat hinaus in die Eingangshalle.
„Nein, ich möchte lieber draußen mit Dir reden, an der frischen Luft. Mir ist nicht gut.“
„Okay“ stimmte Ben zu und maß sie mit erstauntem Blick, während er ihr zum Ausgang folgte.. „Du wirkst tatsächlich etwas blass. Was fehlt Dir?“
„Das fragst Du noch?“ erwiderte Maria bitter und trat hinaus ins grelle Sonnenlicht, dass ihre Augen blendete. Sie blieb stehen und drehte sich nach Ben um. Blinzelnd sah sie ihn an. „Anscheinend bist Du wirklich der letzte Mensch in ganz Sunset Beach, der es noch nicht weiß, denn inzwischen pfeifen es doch die Spatzen von den Dächern. Ich bin schwanger!“
Ben zog erstaunt die Augenbrauen hoch.
„Du bist... schwanger? Gratuliere!“
Maria verdrehte nur genervt die Augen.
„Hör zu, Ben, ich bin nicht in der Stimmung für irgend welche dummen Scherze! Ich will wissen, wie Du dazu stehst!“
„Wozu, Maria?“
„Dazu, dass Du Vater wirst!“
Ben starrte sie einen Augenblick fassungslos an. Allmählich schien er den Sinn des eben Gehörten zu verstehen. Er trat einen Schritt zurück und hob abwehrend beide Hände.
„Ich werde Vater? Oh... nein, nein, ganz bestimmt nicht, das ist ein schlechter Scherz!“
Maria sah ihn böse an.
„Ein Scherz? Glaubst Du wirklich, ich mache mit so etwas Scherze? Erinnerst Du Dich nicht mehr an unsere gemeinsame Nacht vor ein paar Wochen, kurz nachdem ich nach Sunset Beach zurückgekehrt war?“
Ben spürte, wie seine Knie weich wurden.
„Bist Du ganz sicher?“
Maria ignorierte ihr schlechtes Gewissen, das ihr Herz wie wild schlagen ließ. Es ging schließlich um ihre Zukunft... und um die des Babys.
Sie nickte entschlossen.
„Hundertprozentig!“
Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn.
„Oh mein Gott! Das darf doch nicht wahr sein!“
Maria betrachtete ihn einen Augenblick lang verständnislos.
„Du tust ja gerade so, als würdest Du eben erst von dem Baby erfahren! Dabei war meine Mutter doch gestern bei Dir und hat es Dir brühwarm erzählt!“
„Was redest Du denn da, Maria? Bist du noch ganz bei Sinnen? Niemand war bei mir! Ich höre eben zum ersten Mal davon, dass Du ein Kind erwartest!“
„Wir erwarten ein Kind... unser Kind!“ verbesserte Maria hartnäckig und überlegte insgeheim, ob ihre Mutter sie vielleicht, was den Besuch bei Ben betraf, absichtlich angelogen hatte, damit sie selbst endlich den Mut fand, mit ihm darüber zu reden. Aber ganz egal, wie dem auch sei, jetzt war es heraus und es gab kein Zurück mehr.
Ben lehnte sich aufstöhnend an die von der Sonne erwärmte weiße Fassade der LC und schloss für einen kurzen Augenblick die Augen. Das konnte doch wohl alles nicht wahr sein! Eine Nacht... in dieser einen gottverdammten Nacht, an die er sich noch nicht einmal richtig erinnern konnte, hatte er den Kopf verloren, und nun das! Was würde Meg dazu sagen, wenn sie das erfuhr!“
„Alles in Ordnung, Ben?“ fragte Maria besorgt.
„Nein...“ murmelte er. „Nichts ist in Ordnung!“
„Aber, Du hast Dir doch immer ein Kind von mir gewünscht!“ versuchte sie ihn zu beschwichtigen. Das brachte ihn wieder einigermaßen zur Besinnung. Er packte ihre Schultern und sah sie verzweifelt an.
„Maria, begreif doch endlich! Das war, als ich mit Dir noch glücklich verheiratet war, als ich keine andere Frau auf der Welt so geliebt und begehrt habe wie Dich!“
„Und das tust Du jetzt nicht mehr?“
Seine Antwort traf sie wie ein Peitschenhieb.
„Nein! Und das weißt Du auch!“
Sie befreite sich aus seinem Griff und trat einen Schritt zurück.
„Nun, wie dem auch sei“ sagte sie mit eisiger Stimme, „aber was zwischen uns geschehen ist, läßt sich nun einmal nicht mehr ändern. Das wird auch Deine kleine Freundin akzeptieren müssen!“
Ben starrte sie an.
„Was soll das heißen? Hast Du es Meg etwa erzählt?“
Sie lachte nur auf.
„Glaubst Du denn, Du könntest es vor ihr geheim halten? Wie gesagt, die halbe Stadt weiß es bereits...“
„Maria!“ Er hatte sie erneut gepackt und hielt sie fest. „Warst Du bei Meg?“
„Lass mich los, Ben? Bist Du verrückt, Du tust mir weh!“
Einige verübergehende Passanten drehten sich bereits nach ihnen um, und Ben ließ Maria widerstrebend los.
„Warst Du bei ihr?“ wiederholte er leiser , aber seine dunklen Augen funkelten sie drohend an.
„Das war gar nicht nötig...“ erwiderte sie mit dem Gedanken an ihre Mutter ausweichend und zog ihre Bluse glatt. „Mich interessiert viel mehr, was Du jetzt tun wirst!“
Er schüttelte verständnislos den Kopf.
„Ich? Was soll ich denn tun? Was erwartest Du von mir?“
Sie holte tief Luft.
„Ich erwarte von Dir, dass Du zu Deinem Kind stehst, Ben. Ich erwarte von Dir, dass Du mich heiratest, wenn schon nicht mehr aus Liebe, dann wenigstens wegen des Babys.“
Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. In seinem Kopf flogen die Gedanken wirr durcheinander. Was für ein Alptraum!
„Hör zu“ sagte er schließlich und bemühte sich mit ganzer Kraft, seiner Stimme einen einigermaßen ruhigen Klang zu verleihen. „Das war eben ein ziemlicher Schock. Ich muß das erst einmal verarbeiten. Bist Du einverstanden, wenn ich Dich morgen anrufe?“
Maria nickte.
„Natürlich. Aber lass mich bitte nicht wieder tagelang auf ein Lebenszeichen von Dir warten. Ich will wissen, wie es weitergeht!“
„Ich rufe Dich an.“ wiederholte Ben. Er sah seine Exfrau an und begriff plötzlich, dass da ein unschuldiges kleines Wesen in ihr heranwuchs, das laut ihrer Aussage ebenso seines sein sollte. Trotz des ungeheuren Gefühlschaos, das in seinem Inneren tobte, hob er langsam die Hand und berührte sacht ihre Wange. „Pass auf Dich auf!“
Maria sah ihm nach, wie er langsam zu seinem Wagen ging, einstieg und davonfuhr, ohne sich umzudrehen. Sie fühlte einen Schmerz in sich aufsteigen, der nicht körperlich war.
So konnte nur ein schlechtes Gewissen schmerzen...
George Carters Privatjet landete auf die Minute pünktlich und nahm John und Meg an Bord.
Während sie sich beide anschnallten, startete er sofort wieder und drehte dann eine Runde über Sunset Beach. Wehmütig starrte Meg nach unten auf die Stadt, die ihr eine neue Heimat geworden war. Leider nur für kurze Zeit...
John schien ihre Gedanken zu erahnen. Sie hatte ihm erzählt, was geschehen war, während sie vorhin auf den Jet gewartet hatten. Er war geschockt und konnte sich kaum vorstellen, wie man an einem Tag Verlobung feiern und bereits am nächsten die Frau, die man liebte, so enttäuschen konnte. Noch dazu eine Frau wie Meg... Er kannte Ben Evans zwar nur flüchtig, aber das hätte er ihm nun wirklich nicht zugetraut. Spontan legte er seine Hand auf Megs Schulter.
„Der Schmerz vergeht, glauben Sie mir. Lassen Sie die Vergangenheit hinter sich, Meg und starten Sie in ein neues aufregendes Abenteuer!“
Sie warf ihm einen ungläubigen Blick zu.
Was redete er denn da? Momentan hatte sie Mühe, selbstständig zu atmen, und er sprach von neuen Abenteuern!
„Bis dahin wird es wohl noch eine ganze Weile dauern, fürchte ich.“ sagte sie leise und voller Verbitterung. Sie lehnte sich zurück in die weichen Polster, schloss die Augen und wünschte sich verzweifelt, alles wäre nur ein böser Traum gewesen.
Als Cynthia von der Liberty Corporation ins Sunset Inn zurückkehrte, suchte sie sofort Dereks Zimmer auf. Zufrieden klopfte sie an seine Tür und trat sie ein.
Er kam aus dem Schlafzimmer, einen Stapel Sachen im Arm und blickte ihr erwartungsvoll entgegen.
„Na, wie ist es gelaufen?“
„Perfekt!“ erwiderte sie strahlend. „Alles hat genauso funktioniert, wie wir es geplant hatten. Ich bin jetzt der neue gleichberechtigte Teilhaber der Liberty Corporation! Sie hätten die Gesichter der beiden Herren sehen sollen! Vor allem dieser Richards war so richtig sauer!“
„Und wie hat mein Bruder reagiert?“ fragte Derek lauernd.
„Nun, ich muß sagen, er hat das Ganze relativ gelassen aufgenommen.“ erwiderte Cynthia und lächelte. „Es ist phantastisch, er gleicht Ihnen wie ein Ei dem anderen!“
„Was ist daran phantastisch?“ brummte Derek und verschwand wieder im Schlafzimmer. Entschlossen, sich nicht einfach so abweisen zu lassen, folgte ihm Cynthia und blieb erstaunt stehen. Auf dem Bett lagen seine Sachen und, bereits halb eingeräumt, sein Reisekoffer.
„Was tun Sie denn da?“ fragte sie entsetzt.
„Nach was sieht es denn aus?“ grinste Derek.
„Wir können doch jetzt nicht einfach abreisen!“
„Nein, wir reisen auch nicht ab, meine Liebe. Sie werden vorläufig hierbleiben und Ihre Rolle in der LC hübsch brav weiterspielen. Ich fliege mit der Abendmaschine zurück nach Caracas und kümmere mich dort erst einmal um meine eigene Firma.“
„Ja aber...“ Panisch blickte Cynthia ihn an. „Wieso... ich meine, Sie können doch nicht einfach...“
Derek sah sie einen Moment lang prüfend an. Er wußte, er durfte den Bogen nicht überspannen. Er brauchte Cynthia.
Mit einem Lächeln ließ er die Sachen, die er soeben in seinen Händen hielt, achtlos aufs Bett fallen und kam langsam auf sie zu. Dicht vor ihr blieb er stehen.
„Kein Grund zur Aufregung, Kleines, ich komme ja wieder. Aber wenn ich mich so lange nicht in meiner Firma blicken lasse, gibt das nur unnötiges Gerede. Und wer weiß...“ Er hob die Hand und strich mit dem Finger leicht über ihre vollen Lippen, „vielleicht versucht sogar irgend jemand meine Abwesenheit auszunutzen und der Firma zu schaden... Das wollen wir doch vermeiden, oder?“
Cynthia schluckte und nickte nur stumm. Was war nur los mit ihr? Er brauchte sie nur zu berühren, und schon war sie wieder wie Wachs in seinen Händen...
Wie hypnotisiert starrte sie in diese unergründlichen nachtblauen Augen und hoffte sehnsüchtig, dass seine Lippen sie endlich berühren mögen.
„Kommen Sie in der Firma allein klar?“ flüsterte sie kaum hörbar, während ihr Gesicht nur noch wenige Zentimeter von seinem entfernt war.
„Ich rufe Dich an...“ flüsterte er zurück und begann, qualvoll langsam, die Knöpfe ihrer Bluse zu öffnen, während er sie sacht zum Bett hinüber drängte, „mehrmals täglich...“
Achtlos fiel die Bluse zu Boden. Cynthia schwanden fast die Sinne, als sie seine Hände besitzergreifend auf ihren Brüsten spürte. Sie presste sich sehnsüchtig an ihn und nahm kaum noch wahr, wie sie beide zwischen seinem Reisegepäck in den weichen Kissen landeten. Während sich ihre hungrigen Lippen zu einem leidenschaftlichen Kuss fanden, vergaß sie in seinen Armen alles um sich herum...