Kapitel 74
Eine notwendige Lüge
Penthouse- Suite der Familie Richards im Sunset Inn
“Könntest Du mir bitte erklären, was das hier sein soll?”
Olivia stand im Wohnzimmer der Penthouse- Suite und hielt irgend ein Dokument in ihrer Hand., als Gregory vom Büro nach Hause kam.
Müde und überreizt von den Geschehnissen dieses schrecklichen Tages blinzelte er.
„Was ist das?“
„Dreimal darfst Du raten...“
Er warf seinen Aktenkoffer auf die Couch und ging an ihr vorbei in Richtung Badezimmer, während er bereits mit einer unwirschen Bewegung begann, sich seiner lästigen Krawatte zu entledigen.
„Ich hatte heute nichts als Ärger am Hals, also verschone mich gefälligst mit Deinen albernen Ratespielchen!“ knurrte er ungehalten.
„Du wirst gleich noch viel mehr Ärger bekommen, mein Lieber!“ erwiderte sie mit drohenden Unterton in der Stimme. Gregory wollte sie ignorieren, doch ihre folgenden Worte ließen ihn erstarren.
„Bist Du für den Einsturz der Höhle verantwortlich, bei dem Caitlin verunglückt ist?“
Er blieb schlagartig stehen und drehte sich um.
„Herrgott nochmal... Was war das? Was willst Du, Olivia?“
Sie trat näher und hielt ihm dabei die Unterlagen hin.
„Ich will eine Antwort. Hast Du etwas an den Höhlen manipuliert?“
„Wie kommst Du auf solch einen Blödsinn?“
Mit einem misstrauischen Blick auf die Papiere in ihrer Hand kam er näher. „Was ist das?“
„Das wollte ich eigentlich von dir wissen... Aber wenn Du mich so fragst...“ Sie sah ihn durchdringend an. „Das hier habe ich in unserem Safe- Schließfach gefunden. Hierauf sind die Strandhöhlen verzeichnet, vier Höhlen, obwohl man nur noch drei davon findet. Eine gibt es nicht mehr. Wieso, Gregory?“
„Was redest Du da für wirres Zeug, Olivia? Es gab von jeher nur drei Höhlen! Und was zum Teufel suchst Du in meinem Safe?“ fragte er entrüstet.
„Olivia zog die Augenbrauen hoch.
„Unser Safe, mein Lieber. Ich wurde vom Sicherheitsdienst gebeten, unser Schließfach auf Vollständigkeit zu überprüfen, als mir dieser eigenartige Plan in die Hände fiel. Also... würdest Du mir bitte erklären, was es mit dieser Höhle auf sich hat?“ Sie konnte förmlich sehen, wie es hinter Gregorys Stirn arbeitete. „Versuch erst gar nicht, mir irgend welche Lügenmärchen zu erzählen“ warnte sie ihn, „ich bin hier in Sunset Beach aufgewachsen und kenne den Strand und die dazugehörigen Höhlen sehr gut. Und diese hier...“ sie wies auf die Unterlagen, „die gab es bis vor kurzem noch. Als ich jedoch vorhin bei Jude Cavanough anrief und fragte, wann die vierte Höhle gesprengt werden soll, zeigte er sich eigenartigerweise sehr erstaunt und erklärte mir, er wüsste nur von drei Höhlen. Findest Du das nicht merkwürdig?“
Gregory sah plötzlich seine Fälle davon schwimmen und packte seine Frau am Handgelenk.
„Du... Du hast… was ? Du hast mit Cavanough gesprochen? Verdammt noch mal, Olivia...“
„Du tust mir weh!“ Vergeblich versuchte sie sich aus seinem Griff zu befreien.
„Ist das wahr? Hast Du mit ihm über die Höhlen gesprochen?“ fauchte er sie unbeirrt an.
„Nein...“ rief sie und wand sich unter seinem Griff, „nein, ich habe nur geblufft, aber ich werde es garantiert tun, wenn Du mich nicht augenblicklich loslässt!“
Er besann sich und ließ ihr Handgelenk los.
„Hör zu“ schnaufte er und versuchte, sich etwas zu beruhigen, „diese Höhle ist völlig ungefährlich für die Sprengungen, die geplant sind. Sie würde die Firma nur einen Haufen Geld kosten, deshalb habe ich sie nicht mit aufgeführt und die Pläne dafür sicherheitshalber hier in unserem Safe deponiert.“
Olivia kniff ungläubig die Augen zusammen.
„Und warum habe ich sie neulich bei meinem Spatziergangüberhaupt nicht finden können?“
„Weil der Eingang verschüttet wurde, verdammt!“ fluchte Gregory, der sich durch die unbequemen Fragen seiner Frau in die Enge getrieben fühlte.
„Verschüttet... von wem? Von Dir?“ Olivia schüttelte ungläubig den Kopf. „Du weißt genauso gut wie ich, dass schon von je her vermutet wird, die Strandhöhlen seien alle unterirdisch miteinander verbunden. Glaubst Du denn wirklich, Cavanough und sein Team würden mit ihren hochmodernen Geräten diesen Schwindel nicht irgendwann herausbekommen? Ganz abgesehen davon, dass ein unentdeckter Hohlraum für die Stabilität der Felsen eine absolute Gefahr darstellen würde?“
„Hör schon auf, Olivia, was verstehst Du denn davon!“ erwiderte Gregory, dem das Gespräch langsam zu gefährlich wurde, gereizt und wollte sich abwenden, doch seine Frau hielt ihn energisch am Arm fest.
„Allmählich wird mir so manches klar, und ich frage mich, wobei Du noch alles Deine Finger im Spiel hast, nur um ein paar lumpige Dollar zu sparen!“
„Was soll das heißen?“ fauchte Gregory erbost. „Du glaubst doch nicht etwa... Hör zu, mit dem... Einsturz im Keller des Deep hat das nicht das Geringste zu tun! Wie kannst Du auch nur annähernd denken, ich hätte das veranlasst? Wo doch unsere Tochter im Deep arbeitet...“
Olivia betrachtete ihn mit einer Skepsis, die ihn wütend machte. Zugleich begann ihn sein schlechtes Gewissen zu quälen.
„Vergiss das Ganze.“ befahl er barsch. „Caitlin ist glücklicherweise bei diesem bedauerlichen Unfall nichts Ernsthaftes geschehen. Und was die vierte Höhle betrifft, so werden wir ihre Existenz schön für uns behalten.“
„Nein, das werden wir nicht.“ sagte Olivia entschieden und ließ mit einem geringschätzigen Lächeln zu, wie er ihr die Pläne aus den Händen riß. „Ich habe mir Kopien gemacht.“
Gregory stöhnte auf und ließ resigniert die Arme sinken.
„Was willst Du, Olivia?“
Sie sah ihn mit triumphierendem Lächeln an.
„Ich will, dass Du Caitlin in Ruhe läßt. Sie und ihren neuen Freund, diesen... Cole!“
„Ich soll diesem Grünschnabel allen Ernstes das Deep überlassen? Und überdies noch mit unserer Tochter als seiner Geschäftspartnerin? Niemals...“
„Dann muß ich Mister Cavanough anrufen.“ sagte sie entschieden.
„Das würdest Du tun?“ Gregory starrte sie an und las die Antwort in ihrem Blick. Oh ja, es war ihr Ernst!
„Verdammt Olivia, das ist Erpressung!“
„Nenn es, wie Du willst“ erwiderte sie ungerührt, „Mir geht es nur um Caitlin.“
„Ist Dir klar, was das Deep wert ist?“
„Das Deep ist eine alberne Immobilie Gregory! Hier geht es um unsere Tochter, die einzige, die Du hast... Dein kleines Mädchen, wie Du sie noch immer gerne nennst! Was bedeutet Dir mehr? Sie... oder diese verdammte Kellerbar?“
Sie starrten einander sekundenlang an, und diesmal wich Olivia seinem Blick nicht aus.
„Du hast recht.“ sagte er plötzlich nach einer Weile, die ihr wie eine Ewigkeit erschien, ganz leise. „Ich bin ein Trottel!“
Er drehte sich zum Fenster, damit sie nicht sah, wie es um ihn stand.
Olivia musterte ihn einen Augenblick lang erstaunt, dann flog ein Lächeln über ihr bis dahin angespanntes Gesicht.
„Ja, das bist Du. Aber Einsicht ist ja bekanntlich der erste Weg zur Besserung.“ Sie ging auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Geh zu ihr, gleich morgen früh. Rede mit ihr, sie wird Dir ganz bestimmt zuhören!“
Erschüttert sah Olivia, dass Tränen in seinen Augen standen. Es waren nur wenige Momente in ihrer Ehe gewesen, in denen sie ihn so schwach gesehen hatte.
„Glaub mir, ich wollte das alles nicht.“ stöhnte er. „Ich wollte immer nur das Beste... für uns, für die Kinder.. für die Firma.“
„Dann tu endlich einmal das Richtige.“ erwiderte Olivia leise, aber eindringlich. „Lass Cole und Caitlin in Ruhe. Lass sie ihr eigenes Leben leben. Wir haben eine so großartige Tochter! Gib ihr endlich die Chance, die sie verdient!“ Sie überlegte einen Moment und fügte dann etwas zögernd hinzu: „Und wo wir einmal dabei sind, Gregory, vielleicht kannst Du auch uns beiden und unserer Ehe noch eine Chance geben! Ich jedenfalls wäre bereit dazu...“
Eric war etwas enttäuscht gewesen, als ihn Olivia am Vormittag angerufen und das Treffen zum Lunch abgesagt hatte. Aber in Anbetracht der besonderen Umstände konnte er verstehen, dass sie momentan einen Besuch bei ihrer Tochter in der Klinik vorzog. Allerdings hatte er sie am Nachmittag sofort angerufen und nicht eher lockergelassen, bis sie schließlich seinem Vorschlag zustimmte, sich am Abend mit ihm im Grenadines zu treffen. Auf seine vorsichtige Frage hin, ob es wegen des Termins Probleme mit ihrem Ehemann gäbe, hatte sie nur gemeint, es wäre allein ihre Angelegenheit, wann und mit wem sie ausginge. Ihre Antwort erfüllte ihn mit Genugtuung. Vielleicht würde aus ihrer Begegnung, die in LA so abrupt geendet hatte, doch noch die erhoffte Romanze...
Im Grenadines hatte er einen Tisch für zwei bestellt. Dabei hatte er sich genau umgesehen und dann ausdrücklich die etwas versteckt liegende Nische ganz hinten rechts am Fenster mit Blick aufs Meer verlangt. Dort würde er mit Olivia ungestört dinieren und anschließend eventuell auch gemeinsam mit ihr ohne viel Aufsehen das Restaurant durch den Nebeneingang, der direkt in die Hotellobby führte, verlassen können.
Zuversichtlich und pünktlich auf die Minute erschien er zur vereinbarten Zeit am Eingang des Grenadines und bemerkte enttäuscht, dass Olivia noch nicht da war.
Er wartete eine Viertelstunde, dann entschloss er sich, einstweilen im Restaurant Platz zu nehmen. Gaston würde Olivia sicher sofort zu seinem Tisch geleiten, sobald sie hier eintraf.
Er betrat das Grenadines und sah sich einen Augenblick lang suchend um. Von den dienstbeflissenen Angestellten, deren Aufgabe es war, die Gäste zu ihren Plätzen zu begleiteten, war momentan keiner zu sehen, also ging Eric zielstrebig zu dem von ihm reservierten Tisch, als er feststellen mußte, dass dort schon jemand saß.
Erstaunt blieb er stehen.
„Verzeihen Sie vielmals, Ma`m“ sagte er höflich, „Aber das ist mein Tisch.“
Die blonde Dame mittleren Alters in dem royal- blauen Kostüm hob den Kopf und musterte ihn überrascht. Eric fiel sofort auf, dass ihre Augen genauso strahlend blau waren wie ihr Outfit. Überhaupt war sie eine äußerst attraktive Erscheinung, und Eric registrierte den leicht amüsierten Ausdruck in ihrem Gesicht, als sie ihn von oben bis unten taxierte.
„Mit wem habe ich denn überhaupt das... Vergnügen?“ fragte sie lächelnd.
„Forrester. Eric Forrester.“ stellte er sich mit leichtem Kopfnicken vor.
Sie zog etwas die Augenbrauen hoch, ohne den Blick von ihm abzuwenden. Falls sie seinen Namen schon gehört hatte, und er war sich sicher, dass dies der Fall war, so modebewusst, wie sie sich kleidete, ließ sie es sich jedoch nicht anmerken. Stattdessen wies sie auf den Tisch, nahm einen Zipfel des blütenweißen Tischtuches, hob ihn hoch und ließ ihn wieder fallen.
„Tja, Mister... Forrester, es tut mir leid, aber ich kann nirgends Ihren Namen auf oder unter diesem Tisch entdecken. Von daher bezweifle ich, dass es Ihrer ist.“
Zuerst wollte Eric protestieren, doch er sah den Schalk in ihren schönen Augen und mußte lachen.
„Eins zu null für Sie, meine Liebe. Aber trotz alledem... ich bin hier verabredet und hatte ausdrücklich darum gebeten, dass man mir diesen Tisch reserviert. Wenn Sie wünschen, werde ich mich selbstverständlich darum kümmern, dass Ihnen ein anderer gleichwertiger Platz zugewiesen wird.“
„Nein danke, das wünsche ich nicht.“ erwiderte sie prompt, ohne eine Miene zu verziehen. „Das ist sozusagen mein Stammplatz, und einen gleichwertigen gibt es hier nicht.“
Für einen Augenblick verschlug es Eric die Sprache. Er war es gewohnt, dass man überall und in fast jeder Situation seinen Wünschen nachkam und vor allem die Damenwelt für gewöhnlich seinem Charme widerspruchslos unterlag. Aber diese hier... sie strahlte ein so gesundes Selbstbewusstsein aus, dass ihn sofort faszinierte.
Er atmete tief durch und setzte wieder sein gewinnendes Lächeln auf.
„Nun, vielleicht könnten wir uns irgendwie arrangieren...“
Sie lehnte sich zurück und verschränkte erwartungsvoll die Arme.
„Und wie stellen Sie sich das vor, wenn ich fragen darf?“
„Nun, wir könnten den Tisch miteinander teilen.“ schlug er spontan vor.
„Den Tisch miteinander teilen...“ wiederholte sie und lächelte dann amüsiert. „Eigenartig... es klingt interessant, wie Sie das sagen. So, als hätte der Satz eine ganz andere Bedeutung!“
Eric lachte.
„Ich kann ihnen versichern, Ma`m...“ Er machte eine Pause und sah sie fragend an.
„Bette Katzenkazrahi.“ stellte sie sich nun ihrerseits vor. „Und versichern Sie mir bitte nichts. Das wäre der erste Schritt zu einem langweiligen Abend. Setzen Sie sich, Eric Forrester!“
Er grinste, nahm Platz und winkte dem Kellner.
„Eine Flasche von Ihrem besten Champagner.“ orderte er. „Und bringen Sie noch ein zusätzliches Glas. Die Dame ist mein Gast.“
Die innere Anspannung schien ihn fast zu zerreißen, als Ben an der Tür des Surf Center läutete. Er hatte sich etwas verspätet, aber das war nicht wichtig. Wichtig war, ob Meg die Neuigkeiten bereits wußte und wie sie darauf reagieren würde. Ungeduldig drückte er ein zweites Mal auf den Klingelknopf, als ihm endlich geöffnet wurde.
Es war Casey, der in der Tür stand, und er musterte Ben mit einem Blick, als sähe er ihn in diesem Augenblick zum ersten Mal.
„Was willst Du denn noch hier?“ fragte er unfreundlich. „Hast Du für heute nicht genug angerichtet?“
Ben schluckte und holte tief Luft.
„Ihr wisst es also.“ meinte er resigniert. „Okay, es tut mir leid, wie alles gekommen ist, aber ich werde das mit Meg klären.“ Er wollte an Casey vorbei ins Haus gehen, doch der hielt ihn zurück.
„Gib Dir keine Mühe. Sie ist nicht da.“
„Was?“ Ben glaubte sich verhört zu haben. „Ich verstehe nicht...“
„Was gibt es da zu verstehen“ erwiderte Casey unfreundlich. Er zog einen zerknitterten Briefumschlag aus der Hosentasche und reichte ihn Ben. „Das soll ich Dir geben.“
Ben starrte einen Augenblick lang auf den Umschlag und riß ihn dann erwartungsvoll auf, in der Hoffnung, wenigstens ein paar Zeilen von Meg zu finden und vielleicht zu erfahren, was sie bewogen hatte, ihn heute zu versetzen. Stattdessen purzelte ihm der Verlobungsring entgegen.
Ben sah auf den Ring und dann in Caseys verschlossenes Gesicht.
„Was soll denn das? Kannst Du mir vielleicht erklären, warum...“
„Das fragst Du noch?“ unterbrach ihn sein Freund ungehalten. “Verdammt Ben, Du hast es tatsächlich geschafft, dass sie regelrecht vor Dir geflohen ist.“
„Ohne noch einmal mit mir zu reden? Aber... mein Gott, ich liebe sie doch!“
Casey lachte spöttisch.
“Entschuldige, wenn ich das so sagen muß, aber Du hast eine etwas merkwürdige Art, das auszudrücken!”
„Wie meinst Du das?“
„Das weißt Du sehr gut. Und nun entschuldige mich, ich habe zu tun.“
„Warte mal... Casey! Was wolltest Du eben damit sagen?“
Abweisend musterte Casey ihn.
„Tut mir leid, Ben, ich mußte Meg versprechen, nicht mit Dir über diese Sache zu diskutieren, so gerne ich das auch tun würde.“ Wütend ballte er die Fäuste. „Sie hat mein Wort... leider... aber ich halte mich an das, was ich verspreche. Also verschwinde jetzt besser!“
`Er hat erfahren, dass Maria ein Kind von mir erwartet...` dachte Ben verbittert, `Genauso wie Meg und alle anderen. Nur ich wußte bis vor einer Stunde nichts davon!`
„Wo finde ich sie?“ fragte er mit belegter Stimme.
„Das wirst Du von mir nicht erfahren, gib Dir keine Mühe. Davon abgesehen weiß ich es nicht einmal genau.“
„Casey, was soll denn das? Du bist mein bester Freund...“
„Tja, was das angeht, Ben, da bin ich mir nicht mehr so sicher.“
Das Carter- Anwesen in den Santa Monica Mountains nördlich von Los Angeles war nicht nur gut versteckt und für die Öffentlichkeit so gut wie unzugänglich, es war schlichtweg gigantisch.
Ein riesiges Portal mit den Initialen „GC“ zierte das breite Portal, dass sich nur geladenen Gästen oder den hier ansässigen Personen öffnete. Eine von dicken Palmen eingesäumte Allee führte zum Haupthaus, das in einer herrlichen Parkanlage mitten im Grünen lag. Das Haus selbst war eine prächtige schneeweiße Villa, die trotz ihrer beachtlichen Größe überhaupt nicht protzig wirkte, sondern sich perfekt ins Landschaftsbild einfügte. George Carter schien nicht nur unermesslich reich zu sein, er mußte über dies auch einen ausgezeichneten Architekten gehabt haben.
Staunend blickte Meg aus dem Fenster der Limousine, die sie und John in LA am Flughafen abgeholt hatte. Der herrliche Ausblick ließ sie ihre Sorgen für ein paar kurze Augenblicke vergessen.
Ihnen gegenüber saß Roger Miles. Carters Anwalt und Vertrauter bemerkte die staunenden Blicke seiner Gäste und lächelte still. Es war fast immer dasselbe. Wer zum ersten Mal hier zu Besuch kam, war wie berauscht von dem Anwesen und diesem herrlichen Stück Natur zwischen der Küste und den ersten Ausläufern der Santa Monica Berge.
Während der Chauffeur noch eine Ehrenrunde auf dem blumenumsäumten Rondell vor der Villa drehte, betrachtete Roger Meg mit einem kurzen Seitenblick und stellte erleichtert fest, dass ihre bleichen Wangen inzwischen wieder etwas Farbe bekommen hatten. Als sie vorhin mit ihrem Begleiter aus dem Flugzeug gestiegen war, hatte er für einen Moment erschrocken überlegt, ob man den Besuch bei George Carter nicht besser verschieben sollte. Ein Blick hatte genügt und er wußte, irgend etwas Schlimmes war geschehen. Bevor sie losfuhren, hatte Meg die Bitte geäußert, einen kleinen Umweg in Kauf zu nehmen, um John Carter in seiner Wohnung abzusetzen. Auf dem Weg dorthin hatte sie ihm kurz berichtet, was heute vorgefallen war, worauf Roger sie sofort eindringlich bat, ihrem Gastgeber nichts davon zu erzählen.
„Er ist kranker, als er jemals zugeben würde“ hatte er seinen Gästen erklärt, „Die kleinste Aufregung könnte ihn umbringen. Sein Herz macht ihm große Probleme.“ Er wußte, es würde schon ein Problem sein, dem alten Herrn plausibel zu erklären, wieso Meg ohne ihren Verlobten gekommen war. Das sie vorläufig in der Stadt bleiben würde, durfte er erst gar nicht erfahren, denn dann würde er sofort bemerken, dass hier etwas nicht stimmte.
Als sie vor John Carters kleiner Mietwohnung am Rande von Downtown angelangt waren, kam Roger dann eine Idee. Er hatte sich kurz vergewissert, dass die Trennscheibe zwischen ihnen und dem Chauffeur geschlossen war, bevor er George Carters Gästen seinen ungewöhnlichen Vorschlag unterbreitete. Sie waren zwar ziemlich überrascht gewesen, hatten dann jedoch nach kurzer Überlegung beide zugestimmt. Nun stand ihr gesamtes Reisegepäck in Johns Wohnung, aber er saß immer noch neben Meg im Fond des Wagens.
Die Limousine hielt vor dem Eingang der Villa. Ein Angestellter des Hauses stand bereit und öffnete die Wagentür.
Langsam und sichtlich beeindruckt stiegen Meg und John aus.
„Meine Güte...“ das war alles, was Meg hervorbrachte. Sie fühlte sich plötzlich angesichts dieses gigantischen Anwesens so klein und unbedeutend, dass sie, ohne es recht zu merken, haltsuchend nach Johns Arm griff. Er bemerkte ihre Unsicherheit und legte leicht seinen Arm um sie.
„Ganz ruhig, das kriegen wir schon hin.“ raunte er ihr zu, und sie lächelte dankbar.
Und dann öffnete sich die Tür und George Carter trat heraus. Strahlend eilte er auf seine Gäste zu.
Meg erschrak ein wenig, als sie ihn sah. Was war nur geschehen? Die wenigen Wochen, seit sie ihn auf dem Flug von Tokio nach LA im Flugzeug kennengelernt hatte, hatten ihn total verändert. Er war auffallend gealtert und er hatte beängstigend abgenommen. Nur seinen gütigen Augen waren noch immer die selben, als er freudig auf Meg zukam.
„Willkommen in meiner bescheidenen Hütte!“ rief er etwas schweratmig und schloss Meg lachend in die Arme, so, als ob sie sich bereits seit Jahren kannten. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie ich mich freue, dass Sie meine Einladung angenommen haben! Endlich kann ich mich bei meiner Lebensretterin ein wenig revanchieren!“
„George“ erwiderte Meg lächelnd, „Sie haben sich doch bereits revanchiert, und zwar mehr, als jemals nötig gewesen wäre!“
„Ach papperlapapp, das war doch überhaupt nicht der Rede wert!“ wehrte er bescheiden ab und wandte sich an John. „Und Sie sind bestimmt der junge Mann, dem Megs Herz gehört!“ meinte er und betrachtete ihn mit einem wohlwollenden Blick, bevor er auch ihm kräftig die Hand schüttelte. „Ich hoffe, Sie wissen, was Sie für ein Glück haben, Mister...“
Meg holte tief Luft. Sie hasste es zu lügen, aber ein Blick in Rogers Gesicht sagte ihr nur all zu deutlich, dass diese Notlüge nötig war.
„George, darf ich Ihnen meinen Verlobten John Carter vorstellen?“