KAPITEL 77
Zwischen Gefühl und Verstand
Cynthia hatte sich in den vergangenen Wochen sehr gut in der Firma eingearbeitet. Zu Bens Überraschung verfügte sie über ausgezeichnete Grundkenntnisse und besaß zudem eine bemerkenswert leichte Auffassungsgabe, die es ihr ermöglichte, bereits aktiv mitzuarbeiten und einen wichtigen Teil der anfallenden Aufgaben selbstständig zu erledigen. Allerdings hatte sie auf eine persönliche Assistentin bisher bewusst verzichtet. Sie mochte Derek nicht vorgreifen, sollte er selbst entscheiden, wen er zu seiner Unterstützung einstellen wollte, wenn er bald ihren Platz übernahm.
Ihren Platz... der Gedanke daran versetzte Cynthia einen schmerzhaften Stich in der Brust, denn sie mußte sich eingestehen, dass sie wirklich gern hier in der Liberty Corporation war. Die Arbeit machte ihr Spaß, sie hatte eine gewisse Verantwortung zu tragen und ein Mitspracherecht in allen anstehenden wichtigen Entscheidungen. Zudem besaß die Firma einen guten Ruf und wurde tadellos geführt, zumindest schien es so.
Gregory Richards begegnete ihr inzwischen zwar nicht mehr so feindselig wie am Anfang, aber sie spürte genau, dass sie vor ihm auf der Hut sein mußte. Bisher hatte sie noch nichts Spezielles herausgefunden, was beweisen würde, dass er nebenbei heimlich unseriöse Geschäfte tätigte, doch vieles wies darauf hin, dass man ihm besser nicht zu sehr vertraute.
Und was Ben betraf...
Dereks zwielichtiger, bösartiger, psychopatischer Zwillingsbruder wurde ihr, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte, mit jedem Tag sympathischer. Er war es, der sie von Anfang an als gleichwertige Partnerin in der Firma akzeptierte, der ihr half, sich einzuarbeiten und ihr alle Fragen geduldig beantwortete. .. und Cynthia konnte sich mit jeder Stunde, in der sie mit ihm zusammenarbeitete, weniger vorstellen, dass er wirklich der war, als den Derek ihn beschrieben hatte. Er hatte zwar Dereks Gesicht, das Gesicht, von dem sie vom ersten Augenblick an fasziniert gewesen war, aber ansonsten war er ganz anders. Sein gesamtes Wesen, sein Umgang mit ihr und mit anderen Menschen beinhaltete alles, was man sie sich insgeheim an einem Mann wünschte: Sicherheit, Kompetenz, Ausgeglichenheit und Freundlichkeit, aber auch einen ausgewogenen Geschäftssinn mit einer dafür notwendigen Härte und Konsequenz in den Verhandlungen mit seinen Geschäftspartnern. Sie hatte Ben Evans, seitdem sie hier war, nie launisch erlebt, und sie begann sich ernsthaft zu fragen, ob ein Mensch in der Lage war, sich dauerhaft so zu verstellen.
Allerdings war ihr aufgefallen, dass Ben oftmals traurig wirkte, irgendwie verloren.
Ronda, seine Sekretärin, hatte ihr vor kurzem anvertraut, dass er seiner großen Liebe hinterher trauerte, die ihn verlassen hatte, weil seine Exfrau ein Baby von ihm erwartete.
„Seine Ex- Frau?“ hatte Cynthia erstaunt gefragt und interessante Details über die Vergangenheit von Ben Evans erfahren, die sie gar nicht mehr zur Ruhe kommen ließen. So hatte ihr Ronda zum Beispiel bereitwillig erzählt, dass Ben mit Maria verheiratet gewesen war, die dann jedoch eines Tages mit seinem Zwillingsbruder Derek durchgebrannt war. Später habe Ben dann Meg Cummings kennengelernt, eine junge Frau aus Kansas, die so wunderbar zu ihm gepasst hätte und seine ganz große Liebe gewesen sei. Doch eine kurze Affäre mit Maria, die sich inzwischen von Derek getrennt hatte und wieder in Sunset Beach lebte, hatte dieser Liebe zwischen Ben und Meg ein jähes Ende gesetzt.
Warum hatte Derek ihr nie von dieser Maria erzählt? Immerhin hatte er seinem Bruder die Frau ausgespannt und dessen Ehe bewusst zerstört!
War er am Ende der Zwielichtigere von beiden?
Unmöglich... den Gedanken verwarf Cynthia sofort wieder. Sie dachte an das Vertrauen, dass Derek in sie setzte, indem er sie hier in die Firma einschleuste und ihr alle Vollmachten gab, an ihre enge Zusammenarbeit in den letzten Wochen und nicht zuletzt an die Intimitäten, die sie mit ihm kurz vor seiner Abreise nach Caracas ausgetauscht hatte... schon der Gedanke daran jagte ihr Blut schneller durch die Adern. Oh ja, sie mußte sich eingestehen, dass sie sich nach ihm sehnte! Auch wenn das bedeutete, dass sie dann hier alles aufgeben müßte und wieder nur Dereks kleine unbedeutende Sekretärin sein würde.
Aber schließlich konnte sie ja nur eines haben: ihn oder...
Cynthia stutzte plötzlich und zog nachdenklich die Stirn in Falten. Über ein „oder“ hatte sie bisher noch gar nicht nachgedacht...
Das Klingeln ihres Handys riß sie abrupt aus ihren Gedanken.
„Hallo?“
„Cynthia, hier ist Derek. Ich habe in der Firma erst einmal alles erledigt. Die Geschäfte können eine Weile ohne mich laufen. Würden Sie mich bitte morgen Nachmittag in LA am Flughafen abholen?“
Surf Center
Als Casey am Abend nach Hause kam, saß Rae in der Küche und blickte gedankenverloren zum Fenster hinaus in den Garten.
Er trat an sie heran und schlang seine Arme um ihre Schultern.
„Hey Schönheit, schaust Du den Blumen beim Wachsen zu?“ fragte er scherzhaft. Erschrocken sah sie sich um.
„Casey, ich hab Dich gar nicht gehört!“
„Das habe ich gemerkt. Du warst meilenweit weg mit Deinen Gedanken.“ Er küsste seine zukünftige Frau liebevoll und setzte sich dann zu ihr. „Möchtest Du darüber reden?“
Erstaunt hob sie die Augenbrauen.
„Worüber?“
„Na, zum Beispiel über das, was Dich eben derart intensiv beschäftigt hat, daß man hinter Dir die Wohnung hätte ausräumen können, ohne dass Du etwas davon wahrgenommen hättest!“
Rae lächelte wehmütig.
„Ich habe an Ben und Meg gedacht.“
Caseys Gesicht verdüsterte sich zusehends.
„An Meg denke ich auch sehr oft, aber an Ben will ich keinen Gedanken mehr verschwenden.“
„Ich weiß nicht recht...“ meinte Rae etwas zögernd, „vielleicht tun wir ihm alle unrecht.“
„Wie meinst Du das?“
„Ach, das ist nur so ein Gefühl.“ erwiderte sie ausweichend. „Er tut mir irgendwie leid.“
Casey stand auf und begann unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen. Die Freundschaft mit Ben hatte ihm sehr immer viel bedeutet, und die ganze Sache machte ihm ziemlich zu schaffen und belastete ihn insgeheim sehr.
„Was gibt’s da leidzutun?“ knurrte er, leicht verärgert darüber, dass Rae ihn anscheinend genau durchschaute. „Ben hat sich für Maria entschieden und damit basta.“
„Nein, so einfach ist das nun auch wieder nicht.“ entgegnete sie. „Sieht er etwa aus wie ein glücklicher werdender Vater? Hast Du ihn, seitdem Meg weg ist, einmal mit Maria zusammen gesehen? Ich meine, die beiden könnten sich doch jetzt in der Öffentlichkeit zeigen, sich zu ihrer Liebe bekennen... wenn da Liebe ist!“
Casey stutzte, blieb einen Moment lang nachdenklich stehen und setzte sich dann wieder zu Rae.
„Was versuchst Du mir zu sagen?“
Rae warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu.
„Ich bin Marias Ärztin, und alles, was sich in der Praxis abspielt, unterliegt einer strengen Schweigepflicht.“
„Das weiß ich doch.“
„Trotzdem habe ich das Gefühl, das hier etwas nicht stimmt.“
Etwas irritiert verzog Casey das Gesicht.
„Rae, was soll denn nicht stimmen? Maria bekommt ein Kind von Ben, er war selbst hier und hat es Meg gesagt, auf eine so unschöne Art, dass ihr gar keine andere Möglichkeit blieb, als ihre Koffer zu packen.“
„Trotzdem... es passt nicht.“ beharrte Rae. „Und da ist dann noch die Sache mit dem Termin...“ Erschrocken biss sie sich auf die Lippen.
„Was für ein Termin?“ fragte Casey neugierig.
„Ach... „ Rae, die ihre letzte unüberlegte Bemerkung bereute, überlegte einen Moment angestrengt, „Ich... ich wollte Ben zu einem Termin für einen Gesundheits- Check-up überreden. Er sieht wirklich nicht gut aus, findest Du nicht auch?“ meinte sie hastig.
„Mh, das hat er sich selber zuzuschreiben.“ knurrte Casey, besann sich dann aber. „Okay, vielleicht hast Du recht. Ruf ihn an.“
Rae nickte entschlossen.
„Das werde ich.“
„Also wirklich, Tante Bette, findest Du nicht, dass das etwas zu weit geht?“ schimpfte Annie und tigerte ungehalten vor dem dampfenden Whirlpool, in dem sich ihre Tante genüsslich rekelte, auf und ab.
Bette schien das nicht im Geringsten zu beeindrucken. Sie wirkte absolut entspannt und hob nur einmal kurz den Kopf, um ihre Nichte amüsiert anzublinzeln.
„Ich verstehe gar nicht, weshalb Du Dich so aufregst, Poopsie! Eric ist doch ein netter Mann.“
Annie rollte mit den Augen.
„Dieser Modegockel! Ich weiß wirklich nicht, was Du an dem findest, außer an seinem Bankkonto vielleicht. Außerdem ist er verheiratet!“
Bette lachte hell auf und zwinkerte bedeutungsvoll.
„Nicht, wenn er mit mir zusammen ist, Du Schäfchen.“
„Wie kann man denn nur so furchtbar blauäugig sein!“ wetterte Annie. „Weißt Du, was die Presse über seine Ehefrau schreibt? Sie ist der bösartigste und intriganteste Drache entlang der Westküste!“
„Kein Wunder, dass er sich sein Vergnügen bei anderen Frauen sucht.“ erwiderte Bette ungerührt, legte ihren Kopf wieder zurück und schloss die Augen. „Außerdem fallen mir auf Anhieb mindestens ein Dutzend Frauen ein, die ebenfalls berechtigte Aussicht auf diesen Titel hätten.“
„Um so mehr Grund für Dich, auf der Hut zu sein.“
„Ach Annie, ich mag diesen Mann einfach.“ schwärmte Bette unbeirrt. „Er ist so überaus charmant, witzig, großzügig und für sein Alter noch... mh, wie soll ich sagen... ziemlich aktiv.“
„Stefanie Forrester wird Hackfleisch aus Dir machen, wenn sie erfährt, dass Du mit ihrem Mann rummachst!“
„Poopsie, aus mir macht keiner so leicht Hackfleisch. Ich bin ziemlich zäh, wie Du weißt. Und ich mache auch nicht mit ihm rum, wie Du es so respektlos auszudrücken pflegst, ich habe eine Beziehung mit ihm. Eine sehr interessante, romantische Beziehung! Und jetzt lass mich ein wenig entspannen, sonst kriege ich meinen Teint nicht ordentlich hin.“
„Ooch...“ Annie hob in theatralischer Verzweiflung die Hände in die Höhe, ließ sie jedoch sofort wieder sinken. Es war sinnlos, Tante Bette etwas ausreden zu wollen, wenn diese frisch verliebt war.
„Okay, mach was Du willst. Sag aber hinterher nicht, ich hätte Dich nicht gewarnt!“ Sie wollte schon gehen, drehte sich jedoch noch einmal um. „Und damit Du es weißt, ich bin spätestens um Mitternacht zurück, und dann erwarte ich, dass dieser.. dieser... Schneider hier verschwunden ist!“
Bette lächelte nachsichtig, als sie hörte, wie die Tür geräuschvoll hinter ihrer Nichte ins Schloss fiel.
Seitdem Annie für eine stattliche Summe ihre LC- Anteile verkauft hatte, lebten sie beide hier wieder ziemlich sorglos. Annie hatte sofort das Haus renovieren lassen und neue Möbel angeschafft. Und sie hatte mit viel Begeisterung ihre Garderobe um eine nicht unbeträchtliche Stückzahl ergänzt. „Notwendigkeit“ nannte sie es. Bette nannte es „Verschwendung“. Mit einiger Mühe hatte sie ihre Nichte schließlich davon überzeugen können, einen Teil ihres Vermögens fest anzulegen, anstatt es sinnlos zu verschleudern. Sie liebte Annie und würde auch weiterhin auf sie acht geben.
Aber eines war sicher: Annie war trotz des vielen Geldes immer noch ganz die „Alte“ geblieben. Das hatte ihr letzter Auftritt deutlich bewiesen. Sie hatte sich nicht verändert. Und das war auch gut so.
Allerdings schien sich ihre Anfangs etwas schwierige Beziehung zu Jude gefestigt zu haben. Sie hatte aufgehört, Ben ständig hinterherzujagen und verbrachte viel Zeit mit dem gutaussehenden Archäologen. Blieb nur zu hoffen, dass Jude Cavanough es eines Tages schaffen würde, den „Teufel“ gänzlich zu bändigen und dann vielleicht den „Engel“ zu heiraten.
„Aber bis dahin, meine liebe Annie“ murmelte Bette mit geschlossenen Augen, „bis dahin musst Du noch eine Menge lernen!“
„Meg, bist Du da?“
John klopfte an ihre Tür, die nur angelehnt war und trat zögernd ein. Meg stand am Küchenfenster und starrte gedankenverloren hinaus. Sie schien ihn gar nicht bemerkt zu haben.
Er blieb im Türrahmen stehen und betrachtete ihre schlanke Gestalt einen Moment lang schweigend. Sie sah so zerbrechlich aus, wie sie da stand, und doch wußte er, was für Kraft und Energie in dieser zierlichen Person steckte. Wenn sie in der Klinik ihren Dienst tat, ging sie voll in ihrer Arbeit auf und schaffte teilweise mehr, als manche erfahrene Krankenschwester. John kannte sie inzwischen ziemlich gut und wußte genau, dass die Arbeit ihr nicht nur Freude machte, sondern gleichzeitig eine Art persönliche Therapie war. Sie stürzte sich voller Elan in jede Schicht, um ihren persönlichen Kummer zu vergessen und nicht nachdenken zu müssen.
John lächelte wehmütig.
Er hätte ihr zu gerne geholfen, über die Sache mit Ben hinwegzukommen, aber inzwischen mußte er sich eingestehen, dass sich seine Empfindungen für sie in den vergangenen Wochen geändert hatten und nicht mehr so selbstlos waren wie am Anfang. Er wollte sie beschützen und ein Freund für sie sein, bei dem sie sich sicher fühlte, aber da war noch etwas anderes.
Er hatte sich in sie verliebt, in ihre blauen Augen, ihr Lächeln, das so selten geworden war, ihre zurückhaltende, fast scheue Art, ihre eiserne Selbstbeherrschung und Zähigkeit, mit der sie versuchte, ihr neues Leben hier zu meistern. Er hätte ihr zu gern gestanden, was er fühlte, doch ihr unerschütterliches Vertrauen in seine Freundschaft hielt ihn zurück. Sie brauchte einfach noch etwas Zeit, um über die Trennung von Ben hinwegzukommen. Vielleicht, wenn er nur lange genug wartete, würde aus ihrer Freundschaft zu ihm vielleicht einmal mehr werden...
Und dann war da noch etwas anderes, das ihn beschäftigte. Er hatte bisher mit niemandem darüber gesprochen, aber seitdem er wieder hier war, ging ihm diese gewisse Sache nicht mehr aus dem Kopf. Er mußte endlich mit jemandem darüber sprechen, jemand, der ihn verstehen konnte: Meg.
Er räusperte sich vorsichtig, um sie nicht zu erschrecken.
Sie drehte sich um und lächelte, doch er sah, dass sie geweint hatte. In ihrer Hand hielt sie das Telefon.
„John! Du bist spät dran...“
„Stimmt.“ nickte er und trat näher. „Wir hatten noch einen Notfall.“
„Ich hatte Dir Abendessen gemacht.“ sagte sie, legte das Handy auf den Küchentisch und nahm einen Teller mit belegten Broten aus dem Kühlschrank. „Was möchtest Du dazu trinken? Einen Weißwein oder lieber nur Soda?“
„Ein Glas wein wäre genau richtig.“ erwiderte er und setzte sich. „Aber nur, wenn Du mir Gesellschaft leistest.“
Während Meg zwei Gläser füllte, begann er zu essen.
„Ausgezeichnet.“ lobte er mit vollem Mund, „jetzt merke ich erst, wie hungrig ich bin. Und Du scheinst meinen Geschmack bereits sehr gut zu kennen.“
Meg lachte.
„Truthahnpastete und Schinken... das kann ich mir gerade noch merken!“
„Wie war Dein Nachmittag?“ fragte er so beiläufig wie möglich, ohne sie jedoch aus den Augen zu lassen.
„Casey hat angerufen. Er und Rae kommen am Wochenende zu Besuch.“ berichtete sie.
„Dr. Chang?“ John grinste. „Fein, die muß ich unbedingt etwas zum Thema Endoskopie fragen.“
Meg verdrehte die Augen.
„Ja ja... Ihr beiden Doktoren werdet wieder fachsimpeln, dass uns normalen Sterblichen die Ohren klingen.“
„Wir könnten alle vier zusammen essen gehen.“ schlug John vor. „Ich lade Euch ein.“
Er sah sie aufmerksam an. „Aber nur, wenn Du mir verrätst, warum Du vorhin geweint hast.“
„Ich hab doch gar nicht...“ begann Meg, doch sie wußte längst, dass sie John Carter nichts vormachen konnte und senkte den Kopf.
„Ich hab auf Paradise Island angerufen.“
Er zog überrascht die Stirn in Falten.
„Du hast.. was?“
„Ich wollte mich von Vincent und Evita verabschieden. Sie waren so freundlich zu mir, als wir dort waren.“
„Und dann?“
Meg schluckte.
„Er war da...“
„Ben?“
Sie nickte stumm. Etwas zögernd begann sie von ihrem Gespräch mit Evita zu erzählen, von dem Erstaunen in der Stimme der alten Frau, als sie Megs Gründe hörte, warum sie Ben verlassen hatte, und von der Tatsache, dass er jeden Abend allein auf Paradise Island verbrachte, während Maria laut Evitas Aussage noch nie mit ihm dort gewesen sei.
„Und dann hörte ich plötzlich Bens Stimme.“ gestand sie schließlich atemlos. „Er fragte Evita, wer am Telefon sei und sie meinte, eine gute Freundin und gab ihm den Hörer.“
„Und dann?“ fragte John gespannt.
Meg zuckte mit den Schultern.
„Dann habe ich aufgelegt.“
Schweigend nippte John an seinem Wein.
„Vielleicht hättest Du mit ihm reden sollen.“ meinte er nach einer Weile nachdenklich.
„Und was hätte das gebracht? Er hätte mir ja doch nur das selbe gesagt wie damals im Surf Center, und glaub mir, John, darauf kann ich verzichten.“
„Du hättest ihm zumindest noch eine Chance geben sollen, Dir alles aus seiner Sicht zu erklären.“
John konnte selbst kaum glauben, dass er das eben gesagt hatte. Er war auf dem besten Wege sich an diese faszinierende junge Frau zu verlieren, und anstatt daran zu arbeiten, dass sie seine Gefühle vielleicht eines Tages erwidern würde, gab er ihr tatsächlich noch Tipps, wie sie sich mit ihrer verflossenen Liebe wieder aussöhnen könnte. Etwas Absurderes gab es doch wohl gar nicht!
Er fasste über den Tisch nach ihrer Hand.
„Du kannst so nicht weitermachen, Meg. Das macht Dich kaputt. Fahr nach Sunset Beach und rede noch einmal mit Ben.“
Sie schüttelte traurig den Kopf.
„Das kann ich nicht.“
„Dann vergiss ihn endlich!“
„Das kann ich auch nicht...“
Sie starrten einander sekundenlang an und mußten plötzlich beide lachen.
„Oh mein Gott“ meinte Meg schließlich nach Luft ringend, „Du musst glauben, ich bin nicht ganz normal!“
John grinste.
„Normal? Wer ist das schon! Normal ist langweilig.“
Er hob sein Glas und prostete ihr zu.
„Auf alle, die nicht ganz normal sind, uns beide eingeschlossen!“
Nachdem sie einen Schluck getrunken hatten, fiel Meg noch etwas ein.
„Fast hätte ich es vergessen... George hat uns am Wochenende eingeladen, mit seiner Jacht einen kleinen Ausflug von Santa Barbara nach Santa Rosa Island zu machen. Hast Du Lust dazu?“
Johns Miene verdüsterte sich.
„Dann müssen wir wieder das Liebespaar spielen...“ gab er zu bedenken. „Nicht, dass mich das stören würde, im Gegenteil, aber wann willst Du ihm endlich die Wahrheit sagen?“
Meg verzog schuldbewusst das Gesicht.
„Glaub mir, wenn es nach mir gegangen wäre, dann hätte ich mit der Schwindelei gar nicht erst angefangen. Bei der ersten passenden Gelegenheit erklären wir ihm alles. Er ist ein wirklich guter Mensch und hat es nicht verdient, belogen zu werden, selbst dann nicht, wenn es im Dienste seiner Gesundheit ist.“
„Du hast Recht.“ stimmte John nachdenklich zu. „Er muß die Wahrheit erfahren. Nicht nur, was uns beide betrifft. Es fragt sich nur, wieviel Wahrheit sein krankes Herz ertragen kann...“
Meg horchte auf.
„Wie meinst Du das?“
John nahm einen großen Schluck aus seinem Glas, lehnte sich zurück und atmete tief durch. Er mußte es einfach loswerden, und keiner eignete sich besser dazu, sein Geheimnis mit ihm zu teilen, als Meg...
„Du hast ein gesundes Herz, also werde ich Dir erst einmal etwas von dieser Wahrheit erzählen. Aber schnall Dich an, Meg, sonst haut es dich vielleicht um...“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause und starrte einige Sekunden auf sein Weinglas, in dessen golden schimmernden Inhalt sich das letzte Licht des Tages brach, welches das Zimmer erhellte. Erwartungsvoll sah Meg ihn an.
„Nun red` schon, John, Du weißt doch, mich haut so leicht nichts um!“
Er hob den Kopf und blickte in ihre Augen, entschlossen, sein Geheimnis mit ihr zu teilen.
„Als George und ich uns einander vorstellten, hat er über unsere zufällige Namensgleichheit geschmunzelt.“
Meg nickte irritiert.
„Ja, daran erinnere ich mich.“
„Nun, diese Übereinstimmung ist kein Zufall. Ich habe mehr mit George Carter gemeinsam als irgend jemand ahnt. Ich bin sein Sohn.“