KAPITEL 78
Ungereimtheiten
Immer noch erbost über Tante Bettes neueste Liebesaffäre marschierte Annie in ihrem brandneuen quittengelben Cocktailkleid durch den Garten zur Strasse, als sie im Vorübergehen bemerkte, dass Bens Verandatür nebenan offenstand. Die zarten weißen Vorhänge bauschten sich im Wind, aber es war niemand zu sehen.
`Nanu` dachte Annie erstaunt, `kann es möglich sein, dass er wirklich einmal zu Hause ist?`
Sie hatte Ben seit Tagen nicht mehr zu Gesicht bekommen, denn tagsüber war er im Büro und seine Abende verbrachte er, seitdem Meg ihn verlassen hatte, ständig auf dieser Insel...
Annie blickte zur Uhr. In einer halben Stunde war sie mit Jude im DEEP verabredet. Noch genug Zeit, um ihrem alten Freund einen Besuch abzustatten und zu sehen, ob er nicht endlich über den Verlust seines ländlichen Fluggänschens hinweg war.
Kurzentschlossen drehte sie sich auf dem Absatz um und nahm gleich die Abkürzung über die Veranda.
„Ben?“
Vorsichtig lugte sie durch die geöffnete Tür ins Wohnzimmer. „Bist Du da?“
„Was willst Du, Annie?“ Seine Stimme klang unwirsch und etwas schleppend.
Zögernd trat Annie näher.
„Hallo“ sagte sie ungewohnt vorsichtig. Ihre Augen, noch etwas geblendet vom gleißenden Licht, dass die untergehende Sonne um diese Zeit auf die Wellen des Ozeans warf, begannen sich allmählich an das Halbdunkel des Zimmers zu gewöhnen.
Ben saß auf dem Sofa, die langen Beine lässig von sich gestreckt, das dunkle Hemd halb offen und zerknittert. In seiner Hand hielt er ein gefülltes Whiskyglas, und seine Augen musterten die ungebetene Besucherin ohne große Teilnahme.
„Kannst Du nicht wie normale Gäste an der Haustür läuten?“ knurrte er verdrossen.
„Und Du? Kannst Du Dich nicht wie normale Menschen ab und zu bei Deinen Freunden melden?“ konterte sie schlagfertig und blieb vor ihm stehen.
„Freunde? Was denn für Freunde?“ Er lachte höhnisch auf. „Ich habe keine Freunde mehr...“
Empört stemmte Annie die Hände in die Hüften.
„Spinnst Du jetzt total, Ben Evans, oder hat Dir der Alkohol den Kopf vernebelt? Was ist mit mir? Bin ich vielleicht niemand?“
Statt einer Antwort nahm er einen tiefen Schluck aus seinem Glas.
„Wieviel davon hast Du denn schon in Dich hineingeschüttet?“ fragte Annie und betrachtete die halbleere Flasche auf dem Tisch.
„Noch nicht genug...“ erwiderte er mit schwerer Zunge.
Annie, nicht bereit, sich einfach so abwimmeln zu lassen, setzte sich in den Sessel ihm gegenüber, schlug die Beine übereinander und funkelte ihn herausfordernd an.
„Wieso bist Du nicht auf Deiner schwimmenden Festung, dieser geheimnisvollen Insel?“ fragte sie sarkastisch. „Hast Du am Ende endlich eingesehen, dass Dein Kansas- Girl es nicht wert ist, ihr wochenlang hinterherzutrauern?“
Ben presste verbittert die Lippen aufeinander und knallte sein Glas auf die Tischplatte.
„Verschwinde endlich, Annie!“
„Ich denke nicht daran!“ Trotzig streckte sie das Kinn vor. „Ich bin Deine Freundin, das bin ich schon immer gewesen, ob es Dir passt oder nicht! Und ich werde nicht wie alle anderen tatenlos zusehen, wie Du hier aus lauter Kummer langsam vor die Hunde gehst!“
Er winkte nur ab und ließ sich zurück in die weichen Polster fallen.
„Mach doch, was Du willst.“
Annie sprang auf.
„Genau das werde ich. Ich koche Dir jetzt einen starken Kaffee, damit Dein Spatzenhirn wieder auf Touren kommt. Und dann reden wir.“
Er brummte etwas Unverständliches, doch Annie achtete nicht darauf. Sie packte die Whiskyflasche und verschwand damit in der Küche. Dort goß sie den Inhalt der Flasche in den Ausguss. Dann nahm sie ihr Handy aus der Handtasche und rief Jude an.
„Tut mir leid, Liebling“ meinte sie zuckersüß, „Aber ich werde mich wohl etwas verspäten. Ich muß noch etwas sehr Dringendes erledigen. Bitte warte nicht auf mich, wir sehen uns dann später bei Dir!“
Bevor er antworten konnte, hatte sie bereits aufgelegt.
„So“ meinte sie zufrieden und nahm die Kaffeedose aus dem Schrank, „Dann wollen wir doch mal sehen, ob wir diesen Haufen Selbstmitleid da draußen wieder irgendwie hinbekommen!“
Meg starrte John fassungslos an.
„Was sagst Du da? Ist das wirklich wahr? Du bist George Carters Sohn?“
Er lächelte nur.
„Ein altes Geheimnis, das meine Mutter nur mit mir teilte. Auf meiner Geburtsurkunde steht George Carters Name. Sie war mit ihm zusammen, bevor er seine spätere Ehefrau kennenlernte. Mum hat sich immer geweigert, mit mir über meinen leiblichen Vater zu sprechen, aber kurz bevor sie starb, gab sie ihr Geheimnis preis und erzählte mir, dass George ihre große Liebe war. Sie lernten sich in New York kennen, als sie gerade Zwanzig war. Die beiden waren eine Zeitlang unzertrennlich, doch obwohl George um einiges älter war als sie, stand er damals immer noch sehr unter dem Einfluss seiner vermögenden Familie. Er war Alleinerbe der Firma seines Vaters und sollte diese übernehmen. Meine Mum kam aus sehr ärmlichen Verhältnissen. Sie war für die Carters nicht standesgemäß. Mister Carter, Georges Vater, bot ihr heimlich Geld dafür an, damit sie für immer aus Georges Leben verschwand.“
„Das ist ja eine Geschichte wie aus einer dieser Seifenopern!“ bemerkte Meg und sah ihn mit großen erstaunten Augen an. „Und was geschah dann weiter?“
„Meine Mutter lehnte ab. Sie war zu diesem Zeitpunkt bereits schwanger. Aber sie wollte George nicht in Schwierigkeiten bringen oder mit seiner Familie entzweien. Sie liebte ihn über alles, und deshalb ging sie fort aus New York. Sie nahm den ersten besten Bus...“ Er lächelte, „...und der führte sie nach Chicago. Dort blieb sie dann. Chicago wurde meine Heimatstadt. Sie zog mich ganz alleine groß, und obwohl es für sie ganz bestimmt nicht leicht war, hat es mir eigentlich nie an etwas gefehlt. Sie sagte mir immer, ich sei ihr Wunschkind, und ich glaube, so war es auch. Ich habe sie an ihn erinnert.“
„Und sie hat nie versucht, noch einmal mit ihm Kontakt aufzunehmen?“ fragte Meg ungläubig. „Ich meine... er wußte nicht einmal, dass er einen Sohn hatte?“
John lächelte.
„Nein, sie hat es nie versucht. Er hat dann bald danach seine Frau kennengelernt und geheiratet.“
Meg sah John fragend an.
„Bist Du deshalb nach dem Tod Deiner Mutter nach LA gegangen? Um in der Nähe Deines Vaters zu sein?“
„Anfangs war ich einfach nur neugierig auf ihn.“ erwiderte er. „Aber inzwischen habe ich mir hier mein eigenes Leben aufgebaut. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, einfach hinzugehen und mich ihm vorzustellen. Man hätte mich ohnehin nur für einen lästigen Schwindler oder Mitgiftjäger gehalten. Ich habe ihn aus der Ferne beobachtet, den großen George Carter. Kennengelernt habe ich ihn erst durch einen Zufall... „John lächelte und griff erneut nach Megs Hand, „...durch Dich.“
„Wirst Du es ihm sagen?“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein, wahrscheinlich nicht. Ich habe Dir die Gründe genannt.“
„Ich weiß, dass Du nicht so bist.“ sagte Meg überzeugt.
„Du weißt es, aber wird er es auch wissen? Und außerdem bin ich mir nicht sicher, ob sein krankes Herz solch einen Schock überstehen würde.“
Meg sah ihn nachdenklich an.
„Er hat mir damals im Flugzeug, als es ihm so schlecht ging und er dachte, dass er sterben muß, selbst erzählt, dass er sich immer eigene Kinder gewünscht hat, und wie sehr er es bedauert, keinen Sohn zu haben, der einmal sein Imperium weiterführt.“ Sie schüttelte traurig den Kopf. „Wenn Deine Mutter damals doch nur noch einmal mit ihm gesprochen hätte...“
„Sie hielt es für sinnlos, Meg.“ erwiderte John und sah sie vielsagend an. „Genauso wie Du jetzt...“
„Was soll das heißen?“
John lächelte.
„Die Geschichte meiner Mutter scheint sich soeben zu wiederholen.“
Meg blickte ihn skeptisch an.
„He, da ist ein großer Unterschied zwischen ihr und mir. Ich bin nicht schwanger...“
„Aber unglücklich. Aus einem Fehler heraus, den die Menschen immer und immer wieder machen. Unglücklich, weil keiner sich mit dem anderen ausspricht.“
Meg presste verbittert die Lippen aufeinander.
„John, ich kann nicht...“
„Rede noch einmal mit Ben.“ unterbrach er sie mit ernstem Gesicht. „Bevor es vielleicht zu spät ist!“
Bens Haus
Ben verzog angewidert das Gesicht und schüttelte sich.
„Pfui Teufel, Annie, willst Du mich vergiften? Dieses Gebräu weckt ja Tote wieder auf!“
„Das ist ja der Sinn der Sache!“ grinste sie und goß ihn von dem Kaffee nach. „Los, trink endlich, damit ich vernünftig mit Dir reden kann!“
„Ich will nicht reden...“ Störrisch schob Ben die Tasse weg. „Ich will meine Ruhe.“
„Okay“ Annie lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Dann rede ich, und Du hörst zu. Das wirst Du ja wohl noch auf die Reihe bekommen. Also...“ Sie holte tief Luft, „Du hast mit Deiner Exfrau geschlafen. Nur einmal?”
„Annie, ich wüsste wirklich nicht, was Dich das angeht…”
„So so... und von dem einen Mal ist die liebe Maria gleich schwanger geworden.“
„Das soll ja vorkommen.“ brummte er abweisend.
„Mh... habt Ihr denn nicht verhütet?“
„Also jetzt ist es aber genug!“
„Habt Ihr oder habt Ihr nicht?“
„Keine Ahnung, ich kann mich an diese merkwürdige Nacht überhaupt nicht mehr erinnern, tut mir leid.“
„Wieso das denn?“
Ben rieb sich genervt die Stirn.
„Annie, ich weiß es nicht. Ich bin frühmorgens aufgewacht, und da lag sie neben mir.“
„Wow...“
„Ist Deine Neugier jetzt befriedigt?“
„Ich bin nicht neugierig, ich versuche nur zu verstehen. Vielleicht hat dieses Miststück Dich hereingelegt!“
„Ich weiß ja, dass Du Maria nicht leiden kannst, aber glaubst Du vielleicht im Ernst, sie spielt mir die Schwangerschaft nur vor?“
„Ich weiß es nicht, aber die Sache kommt mir komisch vor. Hast Du Dich nie gefragt, ob das alles nicht ein Zufall zuviel ist?“
Ben starrte in seine Kaffeetasse.
„Ich weiß nur, dass ich eine Riesendummheit gemacht habe, für die ich jetzt bitter bezahlen muß. Meg ist weg...“
Annie sah ihn aufmerksam an.
„Du liebst sie wirklich, hab ich recht?“
„Vom ersten Augenblick an.“
Sie nickte.
„Genau aus diesem Grund hab ich sie vom ersten Augenblick an gehasst. Schon in diesem verdammten Flieger fing es an, ich habe gesehen, wie Du sie angeschaut hast und da wußte ich: Annie, Du hast bei ihm keine Chance mehr. Das hat ziemlich wehgetan.“
„Entschuldige, ich wollte Deine Gefühle nicht verletzen.“
„Ach was... im Grunde war ich später froh, dass Maria Dich nicht bekommen hat. Sie hat Dich nicht verdient. Lieber soll das Kansas- Girl Dich kriegen, sie passt sowieso besser zu Dir.“
„Aber sie ist weg.“
„Na dann hol sie Dir zurück! Verdammt nochmal, Ben, anstatt hier herumzusitzen, Trübsal zu blasen und sich sinnlos zu betrinken, solltest Du endlich was unternehmen. Und was Maria betrifft, mein Lieber, über die muß ich erst noch gründlich nachdenken. Irgendwas an der ganzen Babysache gefällt mir nicht.“
Sie stand auf.
„Schlaf erstmal Deinen Rausch aus. Morgen sieht alles schon ganz anders aus. Du hast nämlich sehr wohl noch Freunde, und vor allem hast Du mich. Also vertrau mir.“ Sie trat auf ihn zu und küsste ihn auf die Wange. „Gute Nacht.“
An der Tür blieb sie plötzlich nachdenklich stehen. Vor ihrem geistigen Auge spielte sich eine Szene ab, die sie nicht vergessen hatte und an die sie sich soeben erinnerte.
Es war der Abend, als sie mit Jude von LA zurückgekommen war...
Annie war auf dem Beifahrersitz neben Jude eingeschlafen, erschöpft von den „unendlichen Strapazen“ ihres ausgedehnten Shopping- Nachmittags.
Jetzt, kurz vor Sunset Beach, schreckte sie plötzlich hoch, genau in dem Moment, als die Lichtkegel der Scheinwerfer einen Wagen erfassten, der am Straßenrand geparkt war.
„Verdammt“ knurrte Jude wütend, „wieso steht der hier so unbeleuchtet herum!“
Annie blinzelte und rieb sich die Augen.
„Jude... hast Du den Mann gesehen, der neben dem Wagen stand?“
„Nur kurz“ erwiderte er, setzte den Blinker und bog auf die Strasse nach Sunset Beach ab.
„Der sah aus wie... Ben!“
„Annie!“ Jude verdrehte genervt die Augen. „Würdest Du bitte damit aufhören, überall Ben Evans zu sehen? Dein Jugendschwarm feiert in diesen Minuten seine Verlobung, und da wird er sicher nicht gleichzeitig auf dem Freeway herumfahren!“
„Ach... Ben, an dem Abend, als Du Deine Verlobungsparty mit Meg gefeiert hast, warst Du da irgendwann nochmal unterwegs?“
Verständnislos sah er sie an.
„Unterwegs? Nein, ich war den ganzen Abend im DEEP. Warum fragst Du?“
„Ach nur so. Ich dachte, ich hätte Dich gesehen... Hab mich wohl geirrt. Gute Nacht.“
Draußen vor dem Haus blieb sie stehen.
„Nein, ich habe mich ganz sicher nicht geirrt. Ich habe Ben an dem Abend auf dem Freeway gesehen. Hier stimmt was nicht...“
Im Haus der Familie Torres
Gabi saß in dem Rollstuhl, mit dessen Hilfe sie sich vorübergehend noch bewegen sollte, und starrte den glänzenden Kugelschreiber in ihrer Hand an. Nachdenklich drehte sie ihn zwischen ihren Fingern hin und her. Die Erinnerung wollte einfach nicht kommen, so sehr sie sich auch bemühte.
„Sie dürfen sich nicht so hineinsteigern“ hatte die Physiotherapeutin ihr geraten, „lassen Sie sich Zeit, irgendwann kommt die Erinnerung ganz von allein zurück.“
Aber auf das „Irgendwann“ wollte Gabi nicht warten, und schon gar nicht in diesem Haus, wo sie sich vom ersten Tag an nicht wohlgefühlt hatte. Madame Carmen schien zwar den Wunsch ihres ältesten Sohnes zu respektieren, Gabi bis zu ihrer völligen Genesung hier wohnen und betreuen zu lassen, aber sie machte auch weiterhin kein Hehl daraus, dass ihr die ehemalige Schwiegertochter nicht willkommen war. Ricardo dagegen bemühte sich rührend um seinen Gast. Er las ihr jeden Wunsch von den Augen ab und half ihr so gut es ging über die schwere Zeit hinweg. Gabi mußte sich eingestehen, dass sie mit jedem Tag ungeduldiger darauf wartete, dass er endlich von der Arbeit heimkam.
Sie war es nicht gewohnt, so viel allein zu sein und sehnte sich nach Sonne, Strand und ihrer Arbeit. In den vergangenen Tagen hatte sie viel über ihre gescheiterte Ehe nachgedacht und war zu dem Schluss gekommen, dass sie diese Wendung nicht hätte verhindern können. Was geschehen war, war einfach Schicksal, und sie beschloss, das endlich zu akzeptieren und ihr Leben allein weiterzuführen. Wie das allerdings genau aussehen sollte, wußte sie noch nicht. Am Nachmittag war Jude kurz auf einen Besuch hier gewesen und hatte ihr eröffnet, dass er seinen Firmensitz bis auf weiteres nach Huntington verlegen wolle, da er einige lukrative Angebote zu Ausgrabungen entlang der Küste erhalten habe, mit denen er beginnen wolle, sobald der Auftrag hier erledigt sei. Das würde bedeuten, dass Gabi Sunset Beach vorerst nicht verlassen mußte, es sei denn, sie wollte es...
Ein leises Klopfen holte sie zurück in die Gegenwart.
„Herein!“
Ricardo trat ein. In der Hand hielt er einen Blumenstrauß aus herrlich duftenden Orchideen.
„Schon wieder Blumen?“ fragte sie lächelnd. „Du wirst Dich meinetwegen noch in den Bankrott stürzen!“ Als er die Tür schloss und näher trat, hob sie abwehrend die Hand.
„Halt, warte mal...“
Erstaunt blieb er stehen und sah wie sie aufstand und langsam ein paar Schritte auf ihn zugelaufen kam.
„Gabi...“
„Ich habe fleißig geübt!“ eröffnete sie ihm stolz. „Ich wollte Dich überraschen!“
„Das ist ja wunderbar!“
„Nicht wahr?“ Sie strahlte übers ganze Gesicht. „Die Therapeutin meint, ich hätte schon tolle Fortschritte gemacht!“
„Und sie hat Recht!“ lachte Ricardo und schüttelte ungläubig den Kopf. „Kaum zu glauben... Du wirst bald wieder herumspringen wie früher!“
Als sie ihn fast erreicht hatte, wankte sie plötzlich etwas unbeholfen und wäre fast gestolpert.
Geistesgegenwärtig ließ Ricardo die Blumen fallen, breitete die Arme aus und fing Gabi auf.
Lachend hielt sie sich an seinen Schultern fest.
„Hoppla, meine Beine gehorchen mir eben doch noch nicht so ganz...“
Als sie zu ihm aufsah, war sie ihm so nah, dass sie fast erschrak. Seine kräftigen Arme umfingen sie und hielten sie fest, während ihre Blicke ineinander tauchten und sich nicht mehr losließen.
„Das geht mir mit meinem Kopf genauso...“ murmelte Ricardo und war wie hypnotisiert von diesen dunklen, glänzenden Augen, die ihn wie tiefe unergründliche Seen in ihren Bann zogen, um ihn nie wieder loszulassen.
Ein wohliger Schauer durchfuhr Gabi. Unfähig, sich zu rühren, stand sie da und starrte wie gebannt auf seine Lippen, die ihren so nahe waren...
Und dann hörte sie plötzlich in Gedanken wieder dieses Streitgespräch zwischen Ricardo und seiner Mutter, das sie heute Morgen zufällig mitbekommen hatte.
„Warum hast Du sie in unser Haus gebracht? Sie hat hier nichts mehr verloren.“ hatte sich Madame Carmen bei Ricardo beklagt.
„Sie ist mein Gast, Mama, ob es Dir passt oder nicht. Dass Antonio letztlich diesen Weg gewählt hat, war nur eine Frage der Zeit. Keiner trägt daran die Schuld, zu allerletzt Gabi. Also lass sie gefälligst in Ruhe.“
„Du musst Dich dieser Frau nicht verpflichtet fühlen, nur weil sie zu schwach war, ihren Ehemann zu halten. Lass sie gehen...“
„Mama“ Ricardos Stimme klang fest und klar, „Ich liebe Gabi.“
„So ein Unsinn!“ erwiderte Carmen nach Sekunden des Schweigens erbost. „Du liebst sie nicht, Du fühlst Dich für sie verantwortlich, weil Dein Bruder sie verlassen hat und weil Du Dich Antonio gegenüber noch immer schuldig fühlst. Aber das musst Du nicht, sie kann selbst für sich sorgen. Soll sie dahin gehen, wo sie hergekommen ist. Sie gehört nicht zu uns...“
„Doch, das tut sie. Wir sind jetzt ihre Familie, und ob es Dir passt oder nicht, ich werde sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen...“
Die Erinnerung an diese heimlich gehörten Worte ernüchterte Gabi schlagartig. Oh nein, sie wollte hier nicht aus Mitleid geduldet sein, nicht von Ricardo noch von sonst irgendwem. Und Liebe vorzuheucheln brauchte ihr auch niemand.
„Du kannst mich jetzt loslassen“ sagte sie schärfer als beabsichtigt und befreite sich so hastig aus seiner Umarmung, dass sie erneut strauchelte.
„Hey, nicht so stürmisch!“
Ricardo sprang hinzu und hielt sie gegen ihren Willen fest.
„Lass mich Dir helfen, Du bist noch nicht sicher auf den Beinen. Was ist denn los, Gabi?“ fragte er, während er sie zu ihrem Stuhl führte. Er war selbst ganz durcheinander und konnte nicht verstehen, weshalb sie diesen magischen Augenblick zwischen ihnen so abrupt beendet hatte. Er hätte schwören können, dass sie genauso fühlte wie er, ihre Augen hatten es ihm nur all zu deutlich verraten.
„Es ist nichts“ erwiderte Gabi. „Ich... ich fühle mich hier nur etwas... eingesperrt, das ist alles. Ich möchte endlich wieder hinaus, ich möchte am Strand entlanglaufen, arbeiten gehen und Dir nicht länger zur Last fallen.“
„Was redest Du denn da?“ fragte er ungehalten, während er die Blumen aufhob, die er vorhin hatte fallen lassen. „Du bist keine Last für mich, ganz im Gegenteil! Ich bin froh, dass Du bei mir... bei uns bist.“
„Deine Mutter sieht das sicher etwas anders.“
„Wie kommst Du darauf? Hat sie etwas zu Dir gesagt?“
„Das braucht sie gar nicht, das habe ich von Anfang an gespürt. Sobald ich wieder richtig laufen kann, verspreche ich, dass ich sofort aus Eurem Leben verschwinde.“
Ricardo trat näher, hockte sich vor den Stuhl, in dem sie saß und reichte ihr die Blumen.
„Ich möchte aber nicht, dass Du gehst.“ sagte er leise.
„Aber warum?“ fragte sie verständnislos.
Ricardo sah ihr in die Augen.
„Ich möchte, dass Du hier in Sunset Beach bleibst. Bei mir. Was ich Dir jetzt sage, ist die Wahrheit: Ich... ich habe mich in Dich verliebt, Gabi. Und zwar von dem Moment an, seit ich Dich zum ersten Mal sah. Selbst, wenn ich es wollte, ich kann nichts dagegen tun.“
Vorsichtig hob Annie den Kopf. Neben ihr lag Jude und schlief. Er hatte den Arm um sie gelegt und sein markantes sonnengebräuntes Gesicht wirkte entspannt und friedlich.
Annie betrachtete ihn einen Moment lang nachdenklich. Sie war gern mit ihm zusammen und konnte plötzlich nicht mehr so recht verstehen, warum sie so lange Zeit einem Phantom hinterhergejagt war, anstatt einfach zuzulassen, so selbstlos geliebt zu werden, wie er es tat.
Aufseufzend kuschelte sie sich an seine nackte Brust, und während sie seinen gleichmäßigen Atemzügen lauschte, hing sie einfach ihren Gedanken nach.
Als sie nach ihrem Besuch bei Ben viel zu spät im DEEP erschienen war, hatte Jude ihr weder Fragen gestellt noch Vorwürfe gemacht, er hatte einfach lächelnd den Arm um ihre Schultern gelegt und ihr ins Ohr geraunt, wie sexy er sie in ihrem neuen Kleid fände und ob der Rest des Abends denn nun ihnen beiden gehören würde.
„Der Abend und, wenn Du möchtest, die Nacht noch dazu.“ hatte sie verheißungsvoll geflüstert und ihm mit ihrem Sektglas zugeprostet.
„Dann lass uns keine Zeit mehr verschwenden...“ war seine Antwort darauf gewesen.
Ein paar Minuten später waren sie beide bereits auf dem Weg ins Sunset Inn, wo sie sofort auf sein Zimmer gingen. Wie zwei Verhungerte waren sie übereinander hergefallen und hatten sich leidenschaftlich geliebt, bis sie schließlich erschöpft Arm in Arm einschliefen.
Doch jetzt war es bereits kurz nach Mitternacht und Annie konnte nicht wieder einschlafen. Ihr Gespräch mit Ben ging ihr einfach nicht aus dem Kopf und sie grübelte darüber nach, wie sie ihm helfen könnte.
Irgendwie passte das alles nicht so recht zusammen.
Das Ben sich so einfach wieder mit Maria eingelassen hatte, konnte sie nicht glauben. Warum sollte er das tun, wo er doch zu der Zeit bis über beide Ohren in Meg verliebt war? Da schlief man doch nicht eben mal so mit seiner Ex... schon gar nicht Ben, dazu kannte ihn Annie viel zu gut. Nein, diese Hexe mußte ihn irgendwie hereingelegt haben, dessen war sie sich fast sicher. Die Frage war nur, wie.
Annie erinnerte sich noch sehr gut daran, was Ben ihr einmal gesagt hatte, einige Zeit nachdem Maria ihn wegen Derek verlassen hatte. Er würde sich nie mit einer Frau einlassen, die mit seinem Bruder zusammen war, eher würde die Hölle zufrieren. Und da sollte er... Oh nein, nie und nimmer!
Annie grinste schadenfroh. Ihrer Meinung nach war Maria sowieso längst nicht mehr die Schönheit von einst, im Gegenteil, seitdem sie wieder in Sunset Beach war, wirkte sie ständig irgendwie blass und kränklich. Na ja, schwanger eben...
Moment mal!
Annie richtete sich abrupt auf, ohne auf Jude zu achten, der durch ihre plötzliche Bewegung erschrocken die Augen aufschlug.
Blass und kränklich... wiederholte sie in Gedanken und ihre Augen verengten sich argwöhnisch zu schmalen Schlitzen, ...und dass nicht erst seitdem sie angeblich ein Kind von Ben erwartete! Nein, sie hatte schon vorher so ausgesehen! Und dann war da noch dieses Gespräch in der Apotheke. Annie erinnerte sich genau daran, was sie damals heimlich belauscht hatte...
„Ich möchte dieses Rezept einlösen.“ hatte sie Marias Stimme gehört und sich hinter den Regalen versteckt, um nicht gesehen zu werden.
„Vitamine...“ stellte Mister Miller nach einem Blick auf das Rezept fachmännisch fest und suchte das Gewünschte heraus.
„Ja...“ antwortete Maria etwas hastig, „ich war in letzter Zeit ziemlichem Stress ausgesetzt, und Dr. Robinson meinte, ich solle meinem Körper mal etwas Gutes tun.“
Der Apotheker legte ihr das Präparat vor.
„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Misses Evans?“
„Ja, ich hätte gern... nun, wie soll ich sagen, na ja.. „ Maria druckste etwas verlegen herum, „in letzter Zeit kann ich kaum noch schlafen, ich brauche ein starkes Schlafmittel, das schnell wirkt und auch wirklich ein paar Stunden anhält... aber es soll mir auch hinterher nicht das Gefühl geben, ich sei mit dem Kopf vor die Wand gerannt, ich möchte nur einfach mal wieder eine Nacht richtig durchschlafen können.“
Mister Miller überlegte einen Moment.
„Ja, ich glaube, da habe ich genau das Richtige für Sie. Diese Kapseln hier. Aber ich muß dazu sagen, dieses Medikament ist ziemlich stark und sollte nicht länger als ein paar Tage ohne ärztliche Anordnung eingenommen werden...“
Das war kurz vor dieser besagten Nacht gewesen, die Maria angeblich mit Ben verbracht hatte.
Sollte diese Hexe etwa...
„Annie?“ Verschlafen blinzelte Jude und richtete sich auf. „Was ist denn los, Schatz?“
„Ach, gar nichts.“ erwiderte sie geistesabwesend.
In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken.
Ein Schlafmittel, das schnell wirkt und ein paar Stunden anhält... Wenn Maria Ben heimlich etwas davon gegeben hätte, dann hätte er mit Sicherheit geschlafen, aber keinesfalls mit ihr! Das würde dann auch erklären, weshalb er sich an nichts erinnern konnte! Doch... von wem zum Teufel war dieses Miststück dann schwanger? Aber vielleicht war sie es ja gar nicht und wollte ihn nur ködern...
Nein, Annie schüttelte den Kopf, das ergab keinen Sinn, er würde sehr bald wissen, dass sie ihn belogen hatte...
Vielleicht, so dachte sie, könnte es nicht schaden, sich mal einen Termin bei diesem Dr. Robinson geben zu lassen. Magendrücken, Schlafstörungen... ihr würde schon etwas Passendes einfallen.
„Hey, hast Du schlecht geträumt?“ Zärtlich strichen Judes Hände über ihre nackten Schultern, massierten sie sacht und vergruben sich in ihrer flammend roten Haarpracht.
„Ich muß nach Hause“ murmelte Annie, entspannte sich jedoch sichtbar durch seine
Berührungen und schloss die Augen.
„Musst Du nicht“ wiedersprach Jude mit schmeichelnder Stimme, küsste sie zärtlich auf den Nacken und begann spielerisch an ihrem Ohr zu knabbern. „Schließlich bist Du über 21 und erwachsen!“
„Mmh“ Annie schnurrte wohlig wie eine Katze und vergaß für den Moment, worüber sie so eifrig nachgegrübelt hatte, „Du hast richtige Zauberhände, kaum zu glauben, dass Du damit sonst nur in der Erde herumwühlst um nach irgend welchen Schätzen zu suchen!“
Jude grinste und ließ seine Hände tiefer wandern.
„Vielleicht suchen sie ja gerade nach anderen verborgenen Kostbarkeiten...“ raunte er.
Annie stöhnte lustvoll auf und ließ sich zurück in die weichen Kissen sinken. Um das Problem mit Ben und Maria würde sie sich später kümmern. Jetzt gab es wichtigere Dinge...
„Hör bloß nicht auf, Jude...“ flüsterte sie genießerisch „Such weiter!“