KAPITEL 81
Brisante Neuigkeiten
„So, das wär`s für heute.“
Die Physiotherapeutin nahm Gabis Arm und führte sie den Gang entlang zu ihrem Zimmer. „Ich bringe Sie jetzt zurück, damit Sie sich ausruhen können. Schließlich sollen Sie sich ja nicht gleich überanstrengen!“
Gabi, glücklich darüber, dass sie so gute Fortschritte machte, blieb zögernd stehen und umklammerte das Geländer.
„Vielen Dank, aber das letzte Stück schaffe ich ganz gut allein.“ versicherte sie der Therapeutin, die bereits mehrmals unruhig zur Uhr geblickt hatte.
„Trauen Sie sich das wirklich zu?“ Etwas skeptisch zog die junge Frau die Stirn in Falten.
Gabi nickte eifrig.
„Ich werde ganz bestimmt langsam gehen, genauso, wie Sie es mir gezeigt haben.“
„Na gut“ stimmte die Therapeutin lächelnd zu, „Ich bin ohnehin schon ziemlich spät dran und muß meinen nächsten Termin einhalten. Aber bitte sehen Sie sich vor!“
Gabi atmete erleichtert auf.
Wieder stundenlang allein in diesem Zimmer zu hocken, war ihr ein Horror. Dann schon eher hier draußen noch ein wenig laufen üben...
Sie sah der Therapeutin nach, die den Gang entlang zur Treppe hastete und ihr noch einmal zuwinkte, bevor sie nach unten verschwand.
`Bald.. bald schon werde ich auch wieder so laufen können!` dachte sie sehnsüchtig.
Anstatt wie versprochen zurückzugehen, setzte Gabi mechanisch einen Fuß vor den anderen, bis sie vor der Treppe stand, die hinunter führte.
Sie hörte Madame Carmen unten in der Küche hantieren.
Antonios Mutter, ihre ehemalige Schwiegermutter ... Sie war ihr fremd geblieben, und auch jetzt, nach dem Unfall, begegnete ihr Carmen immer noch mit einer Zurückhaltung, die mitunter schon an Feindseligkeit grenzte. Gabi konnte sich nicht erklären, warum das so war. Sie hatte doch gar nichts getan. Aber sie spürte auch kein Verlangen, Madame Carmen über den Weg zu laufen. Also drehte sie sich um und wollte schon zurückgehen, als unten plötzlich die Haustür geöffnet wurde.
Gabi lauschte verwundert.
Wer konnte das um diese Zeit sein? Vielleicht Ricardo, der eine Pause nutzte, um nach ihr zu sehen?
Bei diesem Gedanken begann ihr Herz unwillkürlich schneller zu schlagen und sie reckte neugierig den Hals.
„Mama?“
Das war Marias Stimme, stellte Gabi enttäuscht fest. Sie hörte, wie Ricardos Schwester ihre Schritte zur Küche hinüberlenkte. „Mama, bist Du da?“
„Maria!“ Schwungvoll öffnete Carmen die Tür und kam herausgeeilt. „Kind, was tust Du denn um diese Zeit hier? Hast Du schon gefrühstückt?“
„Danke, ich habe keinen Hunger. Mama, ich muß unbedingt mit Dir reden!“
Marias Stimme klang angespannt und nervös.
Hellhörig geworden blieb Gabi oben an der Treppe stehen und lauschte interessiert.
„Ich habe etwas sehr Dummes getan“ hörte sie deutlich Marias aufgeregte Stimme. „Und nun ist Ben kurz davor, alles herauszubekommen!“
Ben saß über einigen Werbeverträgen, die noch durchgesehen werden mußten, doch er konnte sich nicht recht konzentrieren. Immer wieder starrte er auf den Zettel, den er in Marias Krankenakte gefunden und mitgenommen hatte und dessen Inhalt er bereits auswendig kannte. Außerdem gingen ihm Raes Worte ständig durch den Kopf...
„Und wenn Du irgendwelche Zweifel an der ganzen Sache hast, dann lass einen Vaterschaftstest machen. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Aber Du solltest gut darüber nachdenken.“
Inzwischen war er sich ziemlich sicher, dass Rae die Akte mit der darin befindlichen Notiz in voller Absicht hatte liegen lassen. Schließlich mußte sie ihre ärztliche Schweigepflicht wahren, und so hatte sie nach einer Möglichkeit gesucht, ihm trotzdem einen Wink zu geben.
Er ärgerte sich, dass er Maria anschließend nicht direkt gefragt hatte, ob das Baby, das sie erwartete, wirklich von ihm war. Immerhin war sie ziemlich nervös geworden, als er begonnen hatte, ihr ein paar Fragen zu stellen. Vielleicht war ihre Schwangerschaft wirklich schon weiter fortgeschritten, als sie zugab? Aber wenn das wirklich der Fall sein sollte, dann kam er als Vater des Kindes nicht in Frage...
Vielleicht sollte er seine Ex- Frau doch besser zu diesem Ultraschall- Termin begleiten. Am Ende bekam er dort etwas über den genauen Geburtstermin heraus.
Ben strich sich nachdenklich über die Stirn.
Maria war das eine Problem... Megs Verschwinden ein anderes, eines, dass ihn nicht zur Ruhe kommen ließ.
Er war gespannt, wann sich dieser Privatdetektiv bei ihm melden würde. Ob er wohl eine Spur von ihr fand? Je eher, desto besser. Er mußte unbedingt endlich wissen, wo sie war, er mußte sie wiedersehen und mit ihr reden.
Manchmal glaubte er, die Sehnsucht nach ihr würde ihn um den Verstand bringen... So wie vorhin, als er Marias Wohnung verließ. Da fuhr unweit von ihm ein Auto die Strasse hinunter, und er hatte doch wirklich für einen Augenblick geglaubt, Meg säße am Steuer. Aber das konnte nicht sein, auch wenn er sich das noch so sehr wünschte.
Ben seufzte und versuchte sich wieder auf seine Arbeit zu konzentrieren, aber er wußte, dass ihm das heute sehr schwer fallen würde...
„Beruhige Dich bitte, Maria!“ Madame Carmen warf einen kurzen besorgten Blick in Richtung des oberen Flures und schob ihre Tochter in die Küche. “Komm herein und setz Dich erst einmal.“
„Kann Gabi uns hören?“ fragte Maria, der der Blick ihrer Mutter nicht entgangen war.
„Nein“ schüttelte Carmen den Kopf, „Sie ist oben in ihrem Zimmer und übt mit dieser Therapeutin, die Ricardo extra für sie eingestellt hat.“
„Macht sie Fortschritte?“
Carmen schnaubte verächtlich.
„Was weiß ich... Es ist eine Schande, dass mein Sohn sein Geld für diese teure Behandlung zum Fenster hinauswirft! Er trägt schließlich keine Schuld an dem, was geschehen ist!“
„Er meint es doch nur gut.“ beschwichtigte Maria ihre Mutter. „Gabi hat es schon schwer genug. Sie tut mir wirklich leid.“
„Was stöbert sie auch mitten in der Nacht in unbefestigten Höhlen herum! Sie hätte ihre Zeit von vorn herein besser nutzen sollen... zum Beispiel als gute Ehefrau, dann wäre Antonio vielleicht noch da!“
„Du bist ungerecht.“ widersprach Maria. „Du weißt ganz genau, dass Gabi keine Schuld daran hat, dass Antonio sie und seine Familie verlassen hat.“
„Ach nein?“ rief Carmen erbost. „Glaubst Du wirklich, dass das Schicksal stärker sein kann als wahre Liebe?“
Maria nickte mit zusammengepressten Lippen.
„Ja, manchmal schon. Leider...“
„Ach papperlapapp...“ wehrte Carmen unbeirrt ab. „Jedenfalls haben wir diese Frau nun noch länger auf dem Hals!“
„Mama!“ rief Maria ungehalten. „Was redest Du denn da? Schließlich gehört Gabi zur Familie!“
„Nicht mehr...“ widersprach Carmen grimmig. „Eigentlich hat sie nie wirklich dazugehört.“
„Sie war immerhin Antonios Frau.“ beharrte Maria. „Außerdem habe ich so das Gefühl, als ob sie Ricardo nicht ganz gleichgültig ist.“
„Natürlich nicht... er fühlt sich leider für sie verantwortlich.“
„Nicht nur das, Mama“ lächelte Maria, „Ich glaube, er mag sie...“
„Das verhüte Gott!“ rief Carmen erschrocken. „Und wenn er es nicht tut, tue ich es!“
„Ach Mama...“ mahnte Maria kopfschüttelnd, doch Carmen hatte sich entschlossen, das Thema zu beenden. Sie setzte sich ihrer Tochter gegenüber an den Küchentisch und musterte sie gespannt.
„Aber Du bist nicht hergekommen, um mit mir über Gabriella zu reden.“ mutmaßte sie. „Was ist passiert mein Kind, was hat Dich so aufgeregt?“
Maria seufzte.
„Ich glaube, ich habe einen unverzeihlichen Fehler gemacht.“
Carmen horchte auf.
„Was für einen Fehler denn?“
Maria senkte die Augen unter dem forschenden Blick ihrer Mutter und starrte auf die Tischplatter vor sich.
„Ich wollte, dass es niemand jemals erfährt, zu allerletzt Ben. Es sollte ewig ein Geheimnis bleiben... Aber ich fürchte, ich kann mit dieser Lüge nicht leben.“
„Wovon redest Du, Kind?“
„Von dem Baby, das ich erwarte.“
„Was ist damit?“
Maria hob den Blick und sah ihrer Mutter in die Augen.
„Es ist von Derek, nicht von Ben.“
Carmen sprang erschrocken auf.
„Was sagst Du da? Dios mios, Maria! Du erwartest ein Kind von diesem… diesem Teufel ?“
„Er war nicht immer so, Mama!“
Carmen starrte ihre Tochter ungläubig an.
„Dann bist Du also schon länger schwanger, als Du zugegeben hast!“
Maria starrte stumm vor sich hin und plötzlich vermochte sie die Tränen nicht länger zurückzuhalten.
„Ich wollte ihn zurück, und ich wollte, dass alles wieder so ist, wie früher... dass wir eine Familie sind, er und ich... und das Baby!“
„Dereks Baby!“ erwiderte Carmen mit versteinertem Gesicht.
„Mein Baby!“ verbesserte Maria schluchzend. „Es ist meins, und ich will es haben!“
„Natürlich willst Du es haben!“ fuhr Carmen sie an. „Aber den Vater dazu hättest Du Dir vorher aussuchen sollen!“
Maria schüttelte nur den Kopf.
„Das war doch nicht geplant... Und als ich merkte, dass ich schwanger war, da war ich total verzweifelt. Und dann kam ich auf den Gedanken, dass es ja vielleicht nicht auffallen würde, wenn...“ flüsterte sie mit versagender Stimme. „Wo die beiden doch Zwillingsbrüder sind...“
Carmen zog die Augenbrauen zusammen.
„Aber Du warst doch mit Ben wieder zusammen!“
„Nein...“
„Nein? Ja aber...“
Maria griff sich an ihre schmerzenden Schläfen. Diese Kopfschmerzen... sie kamen immer häufiger in der letzten Zeit, ohne jede Vorwarnung.
„Ich war gar nicht mit ihm zusammen, Mama.“ sagte sie verzweifelt. „Ich habe nur alles so arrangiert, dass er das denken muß.“
„Ich fasse es nicht...“ Carmen sprang auf und lief dann aufgeregt zur Tür. „Warte einen Augenblick bevor wir weiterreden, es ist besser, ich sehe nach, ob diese Therapeutin noch durchs Haus schleicht.“
Auf dem Flur am Treppenaufgang bekam Gabi einen tödlichen Schrecken.
Carmen war auf dem Weg nach oben!
Panisch drehte sie sich um und wollte in ihr Zimmer zurücklaufen, doch ihre Beine gehorchten ihr nicht. Sie stolperte über den Teppich, verlor das Gleichgewicht und konnte sich nicht mehr halten. Sie spürte, wie sie fiel und noch im Fallen hart mit dem Kopf irgendwo aufschlug. Alles um sie herum verschwamm zu undeutlichen Schatten. Sie hörte wie aus weiter Ferne aufgeregte Stimmen und Schritte, die auf sie zukamen und in ihren Ohren wie Trommelschläge widerhallten. Dann wurde es dunkel um sie herum und sie verlor das Bewusstsein.
Erleichtert und froh, nach einer endlos langen Schicht endlich Feierabend zu haben, nahm John Carter seinen Mantel und winkte im Hinausgehen der hübschen blonden Schwester kurz zu, die hinter dem Empfangstresen der Notaufnahme ihren Dienst tat.
„Bis morgen, Kelly!“
„Bis morgen, Dr. Carter!“ erwiderte sie mit strahlendem Lächeln.
„Was für ein Mann!“ murmelte sie verzückt. „Und so etwas läuft tatsächlich noch frei herum!“
„Irrtum, Kelly. Der ist schon lange nicht mehr frei...“ grinste ihre Kollegin, die unbemerkt hinzugetreten war und die Worte gehört hatte. „Da ist diese Neue, wie heißt sie doch gleich...“
„Meg“ ergänzte Kelly. „Meg Cummings. Aber die hat nichts mit ihm. Sie sind nur Freunde.“
„Das glaubst aber auch nur Du, Dummchen!“ lachte die andere spöttisch. „Achte nur mal auf seine Augen, die glänzen wie Sterne am Südpol, wenn er sie ansieht. Nein, auf den mach Dir lieber keine Hoffnung, der ist bereits vergeben!“
John, der nichts von den Diskussionen der beiden Schwestern über sein Liebesleben ahnte, verließ schnellen Schrittes den Eingangsbereich der Klinik. Draußen war es bereits dunkel. Ein warmer Wind blies ihm ins Gesicht, und er fragte sich wie fast jede Nacht, wenn er so spät vom Dienst kam, warum er eigentlich den Mantel mitnahm. Eine Gewohnheit aus seiner Zeit in Chicago. Dort wäre er um diese Zeit ohne Mantel erfroren...
„Hallo John!“
Sie stand an der nächsten Ecke und ihr Lächeln ließ sein Herz sofort höher schlagen.
„Meg, was machst Du denn um diese Zeit hier? Dein Dienst beginnt doch erst in zwei Stunden!“
„Ich wollte Dich überraschen.“ erwiderte sie und hakte sich ganz selbstverständlich bei ihm ein. „Aber ich habe lieber hier draußen gewartet, sie reden sowieso schon über uns beide.“
„Lass sie doch tratschen, wenn es ihnen Freude bereitet!“ lachte John. „Das macht mir nichts aus.“
„Na dann“ Meg sah irgendwie traurig aus, aber sie lächelte immerhin, „Dann macht es Dir sicher auch nichts aus, wenn ich die zwei Stunden bis zu meinem Dienstbeginn überbrücke, indem ich Dich zum Essen einlade. Ich muß Dir etwas erzählen.“
SB Medical Center
Gabi schlug die Augen auf und sah sich erstaunt um.
Wo war sie? Was war geschehen?
Noch bevor sie darüber nachgrübeln konnte, wie sie hierher gekommen war, öffnete sich die Tür und Ricardo kam hereingestürmt.
„Gabi...“ Mit drei Schritten war er an ihrem Bett und nahm sie behutsam in die Arme. „Du bist wach, das ist gut. Ich habe mir solche Sorgen gemacht, als meine Mutter anrief und mir sagte...“
„Deine Mutter?“ Gabi zog irritiert die Stirn in Falten. „Sie hat Dich angerufen?“
„Ja, sie sagte mir, dass Du oben im Flur gestürzt wärst und einige Zeit bewusstlos warst. Zum Glück war Maria gerade da, und sie haben sich beide um Dich gekümmert und den Krankenwagen gerufen, als Du nicht wieder zu Dir kamst.“ Er strich ihr lächelnd übers Haar. „Stell Dir mal vor, meine Mutter war richtig besorgt um Dich!“
Irritiert griff sich Gabi an die Stirn.
„Ich verstehe nicht... in meinem Kopf geht alles durcheinander...“ Ihr Blick fiel auf die große Wanduhr, die leise vor sich hintickte. Dieses Ticken drang in ihr Bewusstsein und schwoll zu einem lauten durchdringenden Ton an, der sie zu Tode erschreckte.
Tick.. Tick...
Gabi glaubte für einige Sekunden, ihr Kopf müsse von dem Geräusch zerspringen und hielt sich entsetzt die Ohren zu.
„Aufhören!“ rief sie und klammerte sich im nächsten Moment zitternd an Ricardos Schultern fest. „Mach das dieses Ticken aufhört... gleich fliegt alles in die Luft!“
Ricardo hielt sie erschrocken fest.
„Da ist doch nichts“ versuchte er sie zu beruhigen, „nichts, wovor Du Angst haben musst! Ich bin doch bei Dir...“
Gabi schluchzte laut auf.
„Ich.. kenne dieses Geräusch von irgendwo her...“ Schlagartig hob sie den Kopf und starrte Ricardo an. „Oh mein Gott! Ich weiß es wieder... ich habe dieses Geräusch schon einmal gehört... und zwar in der Höhle! Als ich dort drin war, an dem Abend, als die Höhle einstürzte, tickte eine Zeituhr! Ich habe sie gesehen, sie war an der Felswand angebracht, zusammen mit Sprengstoff und einer Zündschnur, die nach draußen führte... ein Fernzünder... es waren nur noch Sekunden, bis...“ Entsetzt schlug sie die Hände vors Gesicht. „Es war schrecklich, ich konnte nicht mehr hinaus! Ich bin in die andere Richtung gelaufen, auf das DEEP zu, ich dachte, ich schaffe es noch... aber dann... dann gab es einen gewaltigen Knall und alles war dunkel!“
Ricardo sah sie schockiert an.
„Was sagst du da? Eine Sprengung? Bist Du sicher, Gabi?“
Sie nickte heftig.
„Ja, es ist alles wieder da. Ich sehe es glasklar vor mir... Ich bin dann später noch einmal zu mir gekommen und war irgendwo eingeklemmt. Ich habe meine Taschenlampe neben mir gefunden und da habe ich gesehen... oh, es war so furchtbar, Ricardo...“ Tränen schossen ihr in die Augen, als sie an diesen Augenblick dachte, „ich war wie lebendig begraben! Ich habe dann mit der Lampe auf die Steine geklopft...“
„Es ist ja gut.“ Obwohl Ricardo durch ihre überraschende Aussage momentan selbst total aufgewühlt war, nahm er sie erneut beruhigend in die Arme und streichelte zärtlich ihr Haar. „Es ist vorbei, jetzt kann Dir nichts mehr geschehen.“
Gabis Kopf lag an seiner Schulter.
„Ich hatte so wahnsinnige Angst, Ricardo!“ schluchzte sie.
„Ich werde nicht zulassen, dass Dir jemals wieder etwas geschieht.“ flüsterte er leise. „Ich werde herausbekommen, wer für all das verantwortlich ist und dann gnade ihm Gott...“
Sie saßen in dem kleinen Imbiss unweit der Klinik. Hier hatten sie schon ein paar Mal während der Mittagspause gegessen. Die halbe Klinikbelegschaft verkehrte in diesem Lokal, aber heute Abend war zum Glück kein bekanntes Gesicht zu sehen.
Meg stocherte etwas lustlos in ihrem Salat herum. John bemerkte besorgt die dunklen Schatten unter ihren Augen, und er brauchte nicht erst zu fragen, um zu wissen, dass sie heute nach der Nachtschicht sicher nicht viel geschlafen hatte.
„Dieses Wochenende haben wir beide frei.“ sagte er aufmunternd und griff über den Tisch hinweg nach ihrer Hand. „Du solltest Dich als erstes richtig ausschlafen. Und wenn wir mit George hinaus auf diese Insel fahren, legst Du Dich in die Sonne und faulenzt mal nach Herzenslust.“
Ein schwaches Lächeln war die Antwort.
„Klingt gut.“
„Hey, was ist denn los, Meg? Du wolltest mir doch vorhin was erzählen! Also... Komm schon! Was gibt es neues?“
Sie legte etwas zögernd die Gabel weg.
„Ich hatte mir Deinen Wagen geborgt.“
„Ja, ich weiß. Du wolltest was einkaufen. Das ist doch in Ordnung!“
„Ich war aber nicht einkaufen, John.“ erwiderte sie, hob den Blick und sah ihn an. „Ich war in Sunset Beach.“
„Wow...“ brachte er nur überrascht heraus. „Und... weiter?“
„Ich habe Deinen Rat befolgt und wollte mit Ben sprechen. Ich bin zu seinem Haus gefahren, aber er war nicht da.“ Um ihre Lippen lag ein bitteres Lächeln. „Ich bin dann weitergefahrenn zu Maria, ich weiß auch nicht, warum. Einfach so. Ich wollte wissen, ob er bei ihr ist.“
John sah sie fragend an und Meg nickte nur stumm zur Bestätigung.
„Er war dort. Damit dürfte nun alles geklärt sein.“
„Das tut mir leid, Meg...“
„Nein“ wehrte sie mit einer entschiedenen Handbewegung ab. „Nein, es war gut so, nun weiß ich wenigstens bescheid. Ich brauche mich nicht ständig zu fragen, was wäre, wenn... Es ist vorbei.“ Sie atmete tief durch und nahm einen Schluck von ihrem Mineralwasser, bevor sie weitersprach. „Ich war vorhin an der Medical University of LA und habe mich angemeldet.“
Auf Johns Gesicht machte sich Erstaunen breit.
„Du hast Dich also entschieden!“
„Ja. Ich werde Medizin studieren.“ nickte sie mit einer Entschlossenheit, die ihn überraschte. So geht wenigstens einer meiner Träume in Erfüllung.“
„Okay“ lächelte John, hob sein Glas und zwinkerte ihr verschwörerisch zu. „Dann lass uns auf Deine Zukunft anstoßen, Frau Doktor Cummings! Ich werde mich gleich morgen darum kümmern, dass Du Dein Praktikum an unserer Klinik absolvieren kannst und dass Du einen Mentor bekommst, der Dir so richtig das Leben schwer macht...“
Meg lachte, zum ersten Mal an diesem Abend.
„Du redest doch nicht etwa von Dir, oder?“
„Ja klar, von wem sonst!“
„Du würdest Dich bereiterklären, mein Mentor zu sein?“
„Warum denn nicht? Ich schikaniere für mein Leben gerne junge hübsche Studentinnen...“
Meg beugte sich spontan vor und küsste ihn auf die Wange.
„Vielen Dank, John Du bist wirklich ein guter Freund. Der beste, den ich zur Zeit habe...!“
Keiner von beiden hatte den Mann bemerkt, der unweit von ihnen in einer Nische saß. Auch das mehrmalige kurze Aufleuchten eines Blitzlichtes ging im allgemeinen Gaststättenbetrieb unter.
Zufrieden lächelnd winkte der Mann dem Kellner, zahlte, erhob sich und verließ den Imbiss, ohne sich noch einmal umzudrehen.