KAPITEL 82
Wahrheit und Lüge
Derek und Cynthia saßen gemeinsam in Dereks Hotelzimmer und sprachen über die derzeitige finanzielle Situation in der Liberty Corporation.
Etwas gelangweilt blickte Derek auf die Unterlagen, die Cynthia vor ihm ausbreitete.
„Allmählich erholt sich die LC von den enormen Ausgaben, die durch den Bau der Ferienanlage entstanden sind.“ erklärte sie geschäftig. „Dank einiger wichtiger Investoren, vor allem aber durch die gute Führung der Firma ist alles noch relativ überschaubar geblieben. Die LC hat bisher in der Immobilienbranche einen makellosen Ruf.“
„So etwas kann sich manchmal schlagartig ändern.“ erwiderte Derek trocken. „Du bist also der Meinung, Ben führt die Firma gut?“
„Ben ist zwar nur einer von drei stimmberechtigten Teilhabern, aber er ist zweifellos der Beste.“ nickte Cynthia überzeugt. „Er ist ein durch und durch cleverer, loyaler und verantwortungsbewusster Geschäftsmann. Wenn Ihr beide zusammenarbeiten würdet, anstatt gegeneinander, könntet Ihr wirklich viel erreichen...“
Derek glaubte sich verhört zu haben. Seine Augen verengten sich augenblicklich zu schmalen Schlitzen und Cynthia verstummte erschrocken, als sie seinen finsteren Blick sah.
„Sagtest Du eben zusammenarbeiten?“ fragte er lauernd. „Hast Du vergessen, warum wir hier sind? Verdammt Cynthia, ich will die LC übernehmen oder sie vernichten, und nicht mit meinem Bruder zusammenarbeiten!“
„Hör mal, Ben ist wirklich nicht...“ versuchte Cynthia vorsichtig einzulenken, doch er sprang auf und hieb wütend mit der Faust auf den Tisch.
„Hat Dich dieser Bastard etwa auch schon um den Finger gewickelt? Das kann er nämlich richtig gut! Allerdings hatte ich Dich um einiges cleverer eingeschätzt! Man kann Ben nicht trauen, keiner kann das...“ Er funkelte sie böse an. „Herrgott nochmal, wie naiv bist Du eigentlich?“
Cynthia blickte ihn erschrocken an und presste dann beleidigt die Lippen zusammen.
„Immerhin naiv genug, um mich mit Dir einzulassen...“ murmelte sie leise und wandte sich ab, damit er nicht sah, wie sehr seine Worte sie verletzt hatten.
„Was hast Du gesagt?“ fragte er lauernd.
„Ach nichts.. vergiss es.“ erwiderte sie abweisend und begann, die herumliegenden Firmenunterlagen zusammenzupacken.
Derek achtete nicht weiter auf sie, sondern trat zum Fenster und starrte hinaus.
Nichts konnte ihn mehr verletzen, als wenn jemand in seiner Gegenwart die Vorzüge seines Zwillingsbruders anpries. Clever, verantwortungsbewusst, loyal... so verdammt loyal, dass ihm allein schon von dem Wort schlecht wurde!
`Sie versteht das nicht. Keiner kann das verstehen.` dachte er zerknirscht, `Ich werde erst Ruhe finden, wenn mir all das gehört, was ihm lieb und teuer ist: seine Firma, die Frau, die er liebt, sein Leben...“
Er drehte sich abrupt zu Cynthia um, als diese mit den Unterlagen im Arm soeben das Zimmer verlassen wollte.
„Gib mir die Schlüssel!“
„Was?“ fragte sie ungläubig und blieb stehen.
„Die Schlüssel von der LC. Ich will mich dort mal ein wenig umsehen!“
Nach Feierabend verließ Ben das Büro nicht wie so oft in letzter Zeit in Richtung Hafen, um mit seinem Boot nach Paradise Island zu fahren, sondern schlug noch einmal den Weg zum Ocean Drive ein.
Entschlossen, endlich ein alles klärendes Gespräch zu führen, läutete er an Marias Tür.
Er wollte wissen, woran er war, und er würde nicht her wieder gehen, bis auch der letzte Zweifel beseitigt war... so oder so.
In der Wohnung jedoch blieb alles still.
Ben drückte erneut auf den Klingelknopf.
Nichts.
Er fluchte leise vor sich hin und hatte das Gefühl, einmal mehr auf der Stelle zu treten und einfach nicht voranzukommen. Enttäuscht wandte er sich ab und wollte bereits wieder gehen, als die Tür zur Nachbarwohnung einen spaltbreit geöffnet wurde und das neugierige Gesicht einer alten Dame mit Lockenwicklern im Haar zum Vorschein kam.
„Wollen Sie zu Misses Torres- Evans?“ fragte sie, und Ben nickte.
„Wissen Sie, wo ich sie finden kann?“
„Sie ist nicht zu Hause.“ erklärte die Dame überflüssigerweise und taxierte ihn mit ihren kleinen, wieselflinken Augen von Kopf bis Fuß. Ein äußerst attraktiver Mann, der Maria da besuchen wollte. War der nicht heute morgen schon mal dagewesen? Das wäre doch ein nettes Thema zum nächsten Kaffeekränzchen...
„Sind Sie ein Freund von Maria?“ erkundigte sie sich neugierig und schob sich ein Stück weiter durch den Türspalt.
„Nein, ich bin ihr Ex- Mann, Ma`m.“ erwiderte Ben zerknirscht.
„Oh... Mister Evans, wie nett, Sie kennenzulernen!“
Nun öffnete sich die Tür ganz und die Nachbarin kam auf den Flur hinausgelaufen, um Ben überschwenglich die Hand zu schütteln.
„Das tut mir aber leid, dass Sie umsonst hergekommen sind. Aber wie gesagt, sie ist nicht da.“
„Na gut, dann werde ich später noch einmal wiederkommen.“ antwortete Ben hastig, um endlich den sensationslüsternen Blicken der älteren Dame zu entgehen.
„Tja also... das wird Ihnen auch nicht weiterhelfen.“ meinte diese und genoß es sichtlich, mehr zu wissen als er. „Sie werden sie nämlich weder jetzt noch später antreffen.“
Ben, schon im Gehen begriffen, blieb stehen und spürte, wie seine Geduld langsam aber sicher zu Ende ging.
„Ach nein?“ fragte er so höflich wie möglich. „Hätten Sie vielleicht die Güte mir zu sagen, wieso nicht?“
Die Wieselaugen blitzten triumphierend auf.
„Weil sie nämlich seit heute Mittag verreist ist!“
Derek öffnete mit Cynthias Schlüssel mühelos die Eingangstür zu den Büroräumen der Chefetage.
Seine Verkleidung hatte er unten im Wagen gelassen. Für den Moment war er Ben...
Nachdem er vor einer Weile aus sicherer Entfernung heimlich beobachtet hatte, wie nach und nach alle Angestellten der LC gegangen waren und auch sein Bruder und dessen Geschäftspartner die Firma verlassen hatten, war er hineingegangen. Der Wachdienst schöpfte keinen Verdacht, als „Mr. Ben Evans“ noch einmal zurückkam. Er hatte wohl oben in seinem Büro noch etwas vergessen. So etwas kam ab und an mal vor...
Derek sah sich interessiert um. Bens Büro war überraschenderweise nicht abgeschlossen, wohl aber sein Schreibtisch, der daneben befindliche Aktenschrank und der im Büro befindliche Safe, der mit Sicherheit alle wichtigen Geschäftsunterlagen enthielt.
Nun, das würde kein großes Problem sein, fand Derek angesichts der recht einfach erscheinenden Sicherungstechnik, damit würde ein Profi wie er schon fertigwerden.
Während er noch überlegte, womit er beginnen sollte, summte die Wechselsprechanlage, die mit dem Sicherheitsdienst verbunden war. Derek fuhr erschrocken zusammen. Um keinen Verdacht zu erregen, drückte er schließlich auf den Knopf und meldete sich.
„Was gibt’s?“
„Mister Evans, da ist ein Mister Logan, der Sie unbedingt sprechen will. Er hat keinen Termin, aber er behauptet, Sie würden ihn trotzdem jederzeit empfangen, da er wichtige Neuigkeiten für Sie hätte, auf die Sie angeblich warten!“
Dereks Gesicht verzog sich zu einem Grinsen.
Neuigkeiten, die Ben oder die Firma betrafen, waren immer gut...
„Schicken Sie ihn herauf!“
Er setzte sich hinter Bens Schreibtisch in Positur, als sich auch schon wenig später die Fahrstuhltür öffnete und ein Mann mittleren Alters hereintrat. Derek fand, dass der Unbekannte auf den ersten Blick ein wenig heruntergekommen aussah und irgendwie etwas Verschlagenes im Blick hatte, und er fragte sich insgeheim, was sein Bruder mit solch einem Mann wohl Wichtiges zu besprechen hatte.
Nun, er würde es gleich erfahren.
„Mister Logan“ begrüßte er ihn mit einem distanzierten Lächeln, „was kann ich für Sie tun?“
Logan grinste anzüglich.
„Sie für mich? Ich glaube, es ist wohl eher so, dass ich etwas für Sie tun konnte, Sir.“
Er zog einen größeren Umschlag aus der Innentasche seines abgetragenen Jackets und legte ihn vor Derek auf den Schreibtisch. „Ich habe sie gefunden. War nicht besonders schwer.“ erklärte er beiläufig und wies auf den Umschlag. „Sie hält sich zur Zeit in LA auf. Die Anschrift ihrer Wohnung steht da drin.“
Derek hatte keine Ahnung, um was es eigentlich ging, aber es mußte wohl etwas sehr Geheimnisvolles sein, wenn Ben für diesen Mann sogar außerhalb der Geschäftszeiten zu sprechen war. Er griff nach dem Umschlag und öffnete ihn.
„Na dann lassen Sie mal sehen, was Sie Interessantes für mich haben...“
Zum Vorschein kamen drei Fotos mittlerer Größe in schwarz- weiß, auf denen zwei Personen deutlich zu sehen waren. Derek erkannte eine davon sofort, und für einen Bruchteil der Sekunde schien sein Herzschlag auszusetzen. Wie hypnotisiert starrte er auf die Bilder in seiner Hand.
„Und... ist das die Person, die Sie suchen?“ fragte Logan und beobachtete argwöhnisch Dereks Reaktion.
„Ja... ja, das ist sie... Meg“ brachte dieser nur mühsam heraus, ohne den Blick von den Fotos zu wenden. Seine Meg... und ein anderer Mann, den er nicht kannte. Sie liefen zusammen Arm in Arm die Strasse entlang und schienen sehr vertraut miteinander zu sein. Sie saßen gemeinsam in irgend einem Lokal, der Mann hielt ihre Hand, sie lächelte ihn an, und auf dem letzten Foto küsste sie ihn sogar auf die Wange.
Derek spürte, wie das Blut in seinen Adern förmlich zu kochen begann...
„Wann... wurde das aufgenommen?“! brachte er mühsam heraus.
„Gestern Abend.“ erwiderte Logan und beobachtete Derek genau. „Alles in Ordnung, Mr. Evans?“
„Ähm... ja“ Derek versuchte sich mühsam zu beherrschen. „Alles bestens.“
Als Logan keine Anstalten machte zu gehen, er die Stirn in Falten.
„Sonst noch was?“
„Nun ja... mein Honorar, Sir. Wir hatten Barzahlung vereinbart, sofort nach Lieferung.“
Dereks Gedanken überschlugen sich.
Ben schien diesen Mann engagiert zu haben, um Meg zu finden. Er mußte dafür sorgen, dass die beiden sich vorerst unter keinen Umständen begegneten.
„Ja, das hatten wir vereinbart. Nur trage ich nicht den ganzen Tag eine solche Summe in der Hosentasche mit mir herum, das müssen Sie verstehen. Kommen Sie in drei Stunden auf den Parkplatz hinter dem Seabreeze- Hotel. Dort wird eine schwarze Limousine auf Sie warten. Steigen Sie ein, damit uns niemand beobachten kann, und Sie werden Ihr Geld bekommen.“
Logan nickte.
„Ja okay. Ich werde da sein. Und ich hoffe, Sie auch, Mr. Evans.“
Er wandte sich zum Gehen, doch Dereks Stimme hielt ihn zurück..
„Noch eins, Mr. Logan...“
„Ja?“
„Ich möchte nicht, dass uns irgendwer miteinander in Verbindung bringt. Also vermeiden Sie es, jemals wieder hierher in diese Firma zu kommen.“
Etwas später betrat Ben das Grundstück der Familie Torres. Madame Carmen schien ihn erwartet zu haben, denn sie öffnete die Tür, noch bevor er Gelegenheit hatte, anzuklopfen.
„Wo ist Maria?“ fragte er ohne Umschweife und blinzelte sie argwöhnisch an. Seiner ehemaligen Schwiegermutter hatte er noch nie so recht über den Weg getraut, nicht einmal zu der Zeit, als er und Maria noch glücklich miteinander verheiratet gewesen waren.
Carmens strenges Gesicht verzog sich zu einem säuerlichen Lächeln, als hätte sie seine Gedanken erraten.
„Oh... sieh mal einer an!“ rief sie und musterte ihn boshaft, „Ben Evans erinnert sich tatsächlich daran, dass er eine Familie hat!“
„Welche Familie?“ konterte Ben. „Lass Deine Spielchen, Carmen. Beantworte einfach meine Frage, und Du bist mich sofort wieder los.“
„Ich denke gar nicht daran, Dir irgend welche Fragen zu beantworten!“ keifte sie ihn an. „Du hast meine Tochter und die Tatsache, dass sie ein Kind von Dir erwartet, wochenlang ignoriert. Was willst Du jetzt von ihr?“
„Ich will nur mit ihr reden.“ erwiderte Ben ungerührt. „Ist sie bei Dir?“
Carmen stand in der Tür und machte keine Anstalten, ihn hereinzubitten.
„Mit ihr reden? Etwas spät, wie mir scheint, mein Lieber! Du hättest mit ihr reden sollen, bevor Du damit angefangen hast, ihren Kummer und ihre Einsamkeit auszunutzen, um erneut Hoffnungen in ihr zu wecken und sie wieder in Dein Bett zu locken!“
Ben holte tief Luft und wollte protestieren, doch ein Blick in Carmens Augen zeigte ihm deutlich, dass dies keinen Sinn gehabt hätte.
„Was zwischen Maria und mir geschehen ist, geht nur sie und mich etwas an, niemanden sonst.“ erwiderte er daher nur abweisend. „Also Carmen, wo ist sie?“
„Da, wo du ihr mit Deinem Verhalten nicht wehtun kannst, wo sie zur Ruhe kommt und sich etwas erholen kann. Sie ist verreist, auf Anraten ihrer Ärztin.“
„Eine Kur?“ fragte Ben erstaunt.
Carmen zuckte die Schultern.
„Nenne es, wie Du willst.“
„Ist sie krank?“ Beunruhigt blickte Ben Carmen an. Die verzog nur geringschätzig das Gesicht.
„Krank? Sie ist schwanger, Ben, und sie fühlt sich seit Wochen verraten und alleingelassen von dem einzigen Mann, dem sie vertraut hat und den sie noch immer liebt. Natürlich macht so etwas krank...“ Sie klopfte sich mit der Faust an ihre Brust, „...und zwar genau hier drin!“
Ben verdrehte genervt die Augen. Er kannte Carmens zum Teil sehr theatralische Auftritte.
„Wann kommt sie zurück?“ fragte er sachlich.
„Das weiß ich nicht.“
„Sag mir bitte, wo ich sie finde, dann werde ich hinfahren und in Ruhe mit ihr reden.“
„Reden?“ Misstrauisch sah sie ihn an. „Worüber?“
„Über... uns, und darüber, wie es in Zukunft weitergehen soll.“
So etwas wie Hoffnung klomm plötzlich in Carmens Augen auf.
„Um ihr zu sagen, dass Du sie liebst und wieder mit ihr zusammensein willst?“
Ben sah sie erstaunt an und straffte dann die Schultern.
„Um eines klarzustellen: ich bin bisher immer ehrlich zu Maria gewesen. Ich werde sie auch dieses Mal nicht anlügen, Carmen. Lügen machen nämlich ebenfalls krank!“
Carmen ballte die Fäuste.
„Fahr zur Hölle, Ben Evans!“
Er lächelte.
„Nein, den Gefallen werde ich Dir bestimmt nicht tun.“
Mit diesen Worten drehte er sich um und ging davon.
Bereits am selben Tag ihres verhängnisvollen Sturzes durfte Gabi das Krankenhaus wieder verlassen. Nachdem Doktor Robinson mit ihren Werten zufrieden war und zudem erfreut festgestellt hatte, dass die Patientin endlich ihre Amnesie überwunden zu haben schien und sich an die Geschehnisse in der Höhle kurz vor dem Einsturz erinnern konnte, stand ihrer Entlassung nichts mehr im Wege.
Ricardo holte Gabi ab und fuhr sie in seinem Wagen zu sich nach Hause.
Dort angekommen, sahen sie, wie Ben gerade in diesem Augenblick in seinem Wagen vom Grundstück fuhr. Die beiden Männer winkten sich kurz zu, bevor Ben das Tor passierte und auf die Straße abbog.
„War das eben Ben Evans?“ fragte Gabi verwundert, während Ricardo ihr beim Aussteigen half.
„Ja, das war Ben.“ bestätigte er und sah nicht minder erstaunt drein. „Ich frage mich, was er hier gewollt hat.“
„Ich könnte mir gut vorstellen, was das war.“ murmelte Gabi und dachte zum wiederholten Male an das Gespräch zwischen Maria und ihrer Mutter, das sie heute morgen zufällig belauscht hatte, und das eigentlich der Grund für diesen dummen Sturz gewesen war.
Sie hatte Ricardo bisher noch nichts davon erzählt, weil sie nicht so recht abzuschätzen vermochte, wie er darauf reagieren würde. Schließlich ging es hier ja um seine Schwester...
„Was meinst Du?“ fragte Ricardo, während er seinen Arm fest um ihre Taille legte, um sie zu stützen, während sie langsam zum Haus hinübergingen.
Gabi wurde schlagartig bewusst, wie sehr sie seine Berührung genoss. Schnell verdrängte sie jedoch diesen Gedanken und versuchte sich wieder auf das eigentliche Gesprächsthema zu konzentrieren.
„Na ja, vielleicht wollte er zu Maria. Immerhin erwartet Deine Schwester ein Kind von ihrem Ex- Mann, wenn ich das richtig verstanden habe.“
„Ja leider... Ich kann es kaum glauben. Und ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache.“ seufzte Ricardo.
„Wieso? Ich dachte, die beiden waren mal verheiratet!“ forschte Gabi vorsichtig.
Er winkte lachend ab.
„Sie waren verheiratet, genau, die Betonung liegt auf „waren“. Sie sind es nicht mehr.“
„Aber ich vermute, sie lieben sich immer noch!“
Jetzt schüttelte Ricardo entschieden den Kopf.
„Ich kenne Ben. Für ihn ist damals eine Welt zusammengebrochen, als Maria ihn wegen seines Bruders verlassen hat. Aber für einen Mann wie ihn gibt es in diesem Fall kein Zurück. Er hatte mit ihr und mit der Vergangenheit abgeschlossen, spätestens an dem Tag, als er diese Kleine aus Kansas kennenlernte, Meg Cummings. Die beiden waren so glücklich, und ich kann mir bis heute nicht erklären, warum Ben entgegen aller seiner Prinzipien doch wieder etwas mit Maria angefangen haben sollte...“
Sie waren stehengeblieben und Ricardo sah Gabi lächelnd an, während er sanft den Druck seines Armes, mit dem er sie umfasst hielt, verstärkte.
„Aber das soll nicht unsere Sorge sein. Wichtig ist, dass es Dir bald wieder richtig gut geht! Na komm, gehen wir hinein.“
Gabi überließ sich nur zu gern seiner Führung und setzte langsam einen Schritt vor den anderen, doch sie wollte das Thema noch nicht so schnell fallen lassen. Die Gelegenheit war günstig, und allem Anschein nach schien Ricardo zu all dem eine ganz gesunde Meinung zu vertreten. Vielleicht sollte sie ihm doch erzählen, was sie inzwischen wußte.
„Hör mal, Ricardo, ich habe da heute morgen zufällig...“ begann sie, hielt jedoch mitten im Satz erschrocken inne, als die Haustür aufflog und Madame Carmen heraustrat.
„Ah, da seid Ihr ja endlich!“ rief sie. „Ich habe Euch bereits erwartet! Kommt herein, das _Abendessen ist eben fertig geworden.“
Sie lächelte, doch ihre Augen blitzten warnend auf, als sie Gabis Blick suchte.
„Es freut mich, dass es Dir wieder gut geht, meine Liebe. Das Ganze hätte wirklich sehr böse enden können...“
Bens Haus
Zu Hause angekommen, nahm Ben sofort das Telefon zur Hand und wählte die Nummer des Surf Centers.
„Rae? Hier ist Ben. Sag mir bitte, hast Du Maria eine Kur verordnet oder ihr sonst irgendwie geraten, für längere Zeit zu verreisen?“
„Ich?“ klang Raes erstaunte Stimme aus dem Hörer. „Nein! Ich hatte keine Veranlassung dazu. Wieso fragst D?“
„Weil ihre Mutter genau das gesagt hat, Maria sei verreist auf Deinen ärztlichen Rat hin.“
„Wie kommt diese Frau dazu, so etwas zu behaupten?“ entrüstete sich Rae. „Ich habe Maria seit ihrem letzten Arztbesuch vor ungefähr zwei Wochen gar nicht noch einmal gesehen!“
Ben nickte zufrieden. Somit hatte sich seine Vermutung fürs Erste bestätigt.
„Danke Rae.“ sagte er und dachte an seinen Besuch in Raes Praxis, als er den Notizzettel in Marias Akte gefunden hatte. „Danke für alles...“
„Ben, warte mal...“ rief Rae, doch er hatte bereits aufgelegt.
Surf Center
Nachdenklich legte Rae das Telefon weg und rieb sich die Stirn.
„Verflixt nochmal, wenn ich ihm doch einfach sagen könnte, was ich vermute! Aber vielleicht weiß er es ja bereits...“
„Was willst Du mir sagen? Und was weiß ich bereits schon?“ ertönte Caseys Stimme zärtlich an ihrem Ohr. Er war unbemerkt hinzugekommen und hatte ihr kurzes Selbstgespräch gehört. Er trat dicht an sie heran und legte seine Arme liebevoll um ihre Schultern. „Lass mich raten, Rae... Du wolltest mir sagen, dass Du mich liebst und begehrst wie keinen anderen auf der Welt, aber dann hast du Dir überlegt, dass ich das ja vielleicht bereits weiß...“
„Spinner!“ lachte Rae und gab ihm einen Kuss auf die Nasenspitze, bevor sie sich aus seiner Umarmung befreite. „Aber Du hast recht, ich muß wirklich dringend etwas mit Dir besprechen.“
„Okay“ Casey setzte sich ihr gegenüber an den Küchentisch. „Ich höre...“
Rae seufzte.
„Versprich mir, dass Du nicht gleich wieder wütend wirst, wenn ich davon anfange!“
Er verzog dass Gesicht wie ein kleiner Junge, dem man gerade sein Spielzeug weggenommen hatte.
„Hey... als ob ich schon jemals wütend war! Und schon gar nicht auf meine zukünftige Frau! Also Schatz, was bedrückt Dich?“
„Ach Casey... Ben sollte endlich wissen, wo er Meg finden kann.“
Casey stutzte.
„Um Ben geht es?“
Rae nickte heftig.
„Er tut mir so leid.“
„Will er Meg denn wirklich finden? Weißt Du das genau?“ fragte Casey skeptisch.
„Hör mal, ich habe mit ihm gesprochen, und ich bin fest davon überzeugt, dass Ben Meg liebt, und zwar mit jeder Faser seines Herzens.“
„Wenn das so ist, warum hat er ihr dann so wehgetan und ihr gesagt, er hätte sich für Maria entschieden?“
„Tja also... das versuche ich auch gerade herauszubekommen. Irgendwas stimmt nicht...“
Casey lehnte sich zurück und verschränkte die Arme.
„Rae! Bitte gib mir keine Rätsel auf, sag mir einfach, was Du zu sagen hast!“
Sie nickte entschlossen.
„Okay, habe mir einen Weg gesucht, um Ben das, was ich vermute, mitzuteilen, ohne dass ich meine Schweigepflicht verletzen mußte. Warum halten wir es mit diversen Versprechungen, die Du Meg gegeben hast, nicht einfach genauso?“
Casey zog die Stirn in Falten.
„Und wie stellst Du Dir das vor?“
„Zum Beispiel könnte ich Ben sagen, wo Meg zu finden ist. Schließlich weiß ich ebenfalls ihre Adresse, und ich habe niemandem etwas versprochen...“
Casey sah sie lange an und schüttelte dann entschieden den Kopf.
„Nein. Darauf lasse ich mich nicht ein. Aber ich werde selbst mit ihm reden.“
Rae atmete befreit auf.
„Wann?“
„So bald wie möglich.“
Carmen, Gabi und Ricardo betraten die gemütliche Wohnküche, aus der es verführerisch duftete.
„Ich habe für Euch gekocht.“ erklärte Carmen bedeutungsvoll, während Ricardo Gabi einen der Stühle an dem großen Esstisch zurechtrückte.
„Was meint ihr dazu, dass wir uns zur Feier des Tages ausnahmsweise ein gutes Glas Wein genehmigen und darauf anstoßen, dass Gabriella nichts schlimmeres passiert ist!“ fuhr sie fort. „Würdest Du bitte eine Flasche aus dem Keller holen, Ricardo?“
Er nickte.
„Natürlich, sofort, Mama! Eine gute Idee.“ Er warf Gabi einen liebevollen Blick zu, der den wachsamen Augen seiner Mutter natürlich nicht entging. „Ich bin gleich zurück.“
Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, verschwand schlagartig das Lächeln aus Carmens Gesicht und sie sah Gabi feindselig an.
„Schluss mit dem Theater. Sag mir jetzt, was hast Du wirklich heute morgen dort oben gewollt? Spionierst du uns nach?“
„Wie bitte?“ Gabi spürte, wie ihr alles Blut aus dem Gesicht wich. Mit großen Augen starrte sie Ricardos Mutter an.
„Madame Carmen, ich kann Ihnen versichern...“
„Ich glaube Dir kein Wort! Du hast da oben gelauscht, als ich mich mit meiner Tochter unterhalten habe. Was solltest Du denn sonst auf dem Flur gewollt haben?“ Sie schnaufte böse. „Aber ich warne Dich, Gabriella, was auch immer Du glaubst gehört zu haben, stimmt nicht! Im Ernstfall stünde Dein Wort gegen meines, und mir wird man glauben, denn ich bin eine angesehene Persönlichkeit hier in Sunset Beach! Du würdest Dich nur lächerlich machen... Außerdem ist Dein Gesundheitszustand nicht der allerbeste, und nach einem Sturz, bei dem man so unglücklich mit dem Kopf aufschlägt, bildet man sich manchmal so manche Dinge nur ein.“
Gabi glaubte sich verhört zu haben, aber sie spürte, wie ihr Respekt und ihre anfängliche Angst vor dieser Frau allmählich einer ohnmächtigen Wut wich. Langsam war es genug...
Madame Carmen fand das nicht. Sie setzte noch eins oben drauf.
„Glaub mir, meine Liebe, ich kann sehr gut Gedanken lesen. Und ich weiß, was Du vorhast und warum du noch immer hier bist. Aber ich werde weder zulassen, dass Du meiner Tochter mit irgend welchen erfundenen Lügen schadest, noch werde ich tatenlos zusehen, wie Du Dich nun auch noch an meinen zweiten Sohn heranmachst!“
Gabi presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen, und obwohl ihre Knie unter der ungewohnten Belastung noch immer zitterten, stand sie langsam auf. Diesmal fiel es ihr nicht schwer, Carmens berühmt berüchtigtem magischen Blick standzuhalten.
„Was werfen Sie mir eigentlich noch alles vor?“ fragte sie gerade heraus.
Die Antwort kam prompt.
„Wenn Du nicht gewesen wärst, dann wäre Antonio jetzt nicht in Mexiko!“
Gabi lächelte bitter und nickte.
„Ja, vielleicht. Aber wenn ich nicht gewesen wäre, dann hätte er auch sein Elternhaus niemals wieder betreten. Ich habe ihn erst davon überzeugt, endlich zu vergeben und auf seine Familie zuzugehen, und eines können sie mir glauben, Madam Carmen, wenn ich damals schon den Grund gekannt hätte, warum er mit ihnen und seinen Geschwistern gebrochen hatte, dann hätte ich ihm bestimmt nicht geraten, hier her zurückzukommen!“
„Du Hexe!“ entfuhr es Carmen.
Gabis Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.
„Ich bin bestimmt keine Hexe. Jedenfalls nicht so wie Sie. Aber ich weiß mich zu wehren, wenn man versucht mich anzugreifen!“
„Ist das eine Drohung, meine Liebe?“ fragte Carmen lauernd.
Gabi straffte die Schultern.
„Nein, das ist ein Versprechen. Lassen Sie es besser nicht darauf ankommen.“
In diesem Augenblick kam Ricardo mit dem Wein zurück. Er spürte die angespannte Atmosphäre sofort und sah in den Blicken der beiden Frauen, das irgend etwas vorgefallen war.
„Etwas nicht in Ordnung?“ fragte er vorsichtig.
Gabi nickte.
„Allerdings. Würdest Du mich bitte nach oben bringen, Ricardo, damit ich meine Sachen packen kann?“
„Ja aber... was ist denn passiert?“
„Nichts, worüber es sich lohnen würde zu reden. Zumindest vorerst nicht.“ Gabi warf Madame Carmen einen bedeutungsvollen Blick zu. „Ich bin in diesem Hause nicht willkommen, also werde ich gehen.“
„Was redest Du denn da für einen Unsinn!“ rief Ricardo erstaunt, doch als er das verschlossene Gesicht seiner Mutter sah, schien er sehr schnell zu begreifen.
„Mama? Hast Du etwas dazu zu sagen?“
Carmen zuckte nur gleichgültig mit den Schultern und wandte sich zum Herd um.
„Das Essen wird kalt.“ sagte sie, als sei nichts gewesen und machte sich an den bereitgestellten Töpfen und Schüsseln zu schaffen.
„Mama!“ wiederholte Ricardo mit Nachdruck und stellte die Weinflasche unsanft auf den Tisch.
Gabi legte sofort beschwichtigend die Hand auf seinen Arm.
„Nicht...“
Ricardo sah, dass sie zitterte und nickte verärgert.
„Ich weiß zwar nicht, was eben hier vorgefallen ist, aber anscheinend hast du es mal wieder geschafft, Mama!“
Er legte den arm um Gabi und führte sie zur Tür.
Carmen fuhr herum.
„Ricardo! Du kannst doch jetzt nicht gehen, Junge! Was ist mit dem Essen?“
„Lass es Dir schmecken.“ erwiderte er ungerührt. „Mir jedenfalls ist der Appetit inzwischen vergangen!“
Es dämmerte bereits, als Sam Logan auf dem etwas abgelegenen Parkplatz hinter dem Seabreeze- Hotel ankam. Die schwarze Limousine wartete bereits auf ihn. Sie hatte getönte Scheiben, so dass er niemanden im Inneren des Fahrzeuges erkennen konnte. Aber das war ihm egal, Hauptsache, er würde sein Geld bekommen.
Als Logan die Tür zum Fond des Wagens öffnete, wurde er plötzlich mit eisernem Griff am Revers seines Jackets gepackt und hineingezogen. Er war so überrascht, dass er sich nicht zu wehren vermochte, zudem er kurz darauf die kalte Klinge eines Messers an seiner Kehle spürte.
„Hören Sie mir gut zu, Mister Logan“ flüsterte der Mann hinter ihm, den er nicht sehen konnte. „Hier ist ein hübsche Summe Bargeld, mit dem Sie sich für eine ganze Weile unsichtbar machen sollten. Das sollte übrigens ganz problemlos von statten gehen, ansonsten...“ Der Druck der scharfen Klinge an seinem Hals verstärkte sich merklich, und Logan sog angespannt die Luft durch die Zähne ein.
„Ja“ ächzte er. „Kein Problem, ich wollte sowieso für längere Zeit verreisen...“
„Wunderbar“ flüsterte die heisere Stimme hinter ihm und eine Hand schob ihm einen dick gefüllten Umschlag in seine Tasche. „Tun Sie das. Am besten heute noch. Leben Sie wohl, Mister Logan.“