KAPITEL 83

KONFRONTATION

 

Sunset Inn, Zimmer 302

„Waaas? Das darf ja wohl nicht wahr sein!“

Jude schaute ungläubig von einem zum anderen. Das, was er gerade von Gabi und Ricardo zu hören bekommen hatte, war schier unvorstellbar. Und doch...

Gabi hatte ihn heute morgen angerufen und gebeten, bei ihr im Sunset Inn vorbeizukommen, da sie ihm dringend etwas erzählen müsse.

Er hatte sich gefreut, dass ihre Erinnerung an jene verhängnisvolle Nacht in der Höhle wieder zurückgekehrt waren, doch was eben diese Erinnerungen für brisante Neuigkeiten in sich bargen, war geradezu sensationell. Es war kein einfacher Einsturz gewesen, und sein Team hatte bei den Messungen auch keinen Fehler gemacht, obwohl er und seine Mitarbeiter das Gefühl hatten, dass eben diese Variante seinen Auftraggebern anscheinend am gelegendsten gekommen wäre. Nein, all das traf nicht zu.  Jemand hatte die Höhle sprengen lassen, bewusst, vorsätzlich und ohne Rücksicht auf Verluste... Und Jude ahnte ganz genau, wer dieser „Jemand“ war.

Er lehnte sich zurück und atmete tief durch.

„Und was wollt Ihr jetzt tun?“

Gabi zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung. Aber der Verantwortliche sollte keinesfalls ungeschoren davonkommen!“

„Und wer dieser Verantwortliche ist, steht ja außer Frage.“ erwiderte Jude. „Gregory Richards. Er ist immerhin derjenige, der die ganze Zeit über mit allen erdenklichen Mitteln versucht hat, die Kosten für die Messungen so gering wie möglich halten will und ständig hinterrücks gegen unsere Arbeit intrigiert. Außerdem war das DEEP eine ernst zu nehmende Konkurrenz für ihn, seitdem die Höhle die Bar mit dem Strand verband.“

„Tja...“ nickte Ricardo, „nur müssten wir ihm das erst einmal beweisen. Und so ein aalglatter Typ wie er hat bestimmt keine Spuren hinterlassen!“

„Doch“ Gabi hielt triumphierend den Kugelschreiber hoch. „Den habe ich in der Höhle gefunden, direkt vor dem Sprengsatz. Er muß jemandem aus der Tasche gefallen sein. Es ist einer mit vergoldeter Spange, ein Werbegeschenk der LC an besonders gute Kunden.“

„Interessant...“ Jude betrachtete den Stift von allen Seiten und sah Gabi dann fragend an. „Darf ich ihn vorübergehend behalten? Er ist zwar kein direkter Beweis, dass Richards die Sprengung veranlasst hat, aber er wird mir vielleicht helfen, ihn ein wenig aus der Reserve zu locken!“

„Und wie stellst Du Dir das vor?“ fragte Ricardo gespannt.

Jude grinste.

„Tja also.. ich hab da so eine Idee. Aber dazu brauche ich Deine Hilfe, Ricardo!“

 

 

Gregorys Büro in der LC 

„Mr. Richards? Jude Cavanough möchte Sie dringend sprechen!“

Gregory zog unmutig die stirn in Falten. Was wollte denn dieser Archäologenchef schon wieder von ihm? Und überhaupt... war der mit seinem Team nicht bald mit der lästigen Höhlenschnüffelei fertig? Die Sache wurde ihm nämlich allmählich zu heiß...

Aber es half nichts. Er durfte keinen verdacht erregen und mußte vorerst gute Miene machen.

Er drückte auf den Knopf der Wechselsprechanlage.

„Schicken Sie ihn herein, Liz!“

 

Fünf Sekunden später stand Jude vor Gregorys Schreibtisch.

„Entschuldigen Sie den spontanen Überfall, aber das, was ich mit Ihnen zu bereden habe, ist außerordentlich wichtig und duldet keinen weiteren Aufschub.“

Gregory zog die Stirn in Falten, wies Jude jedoch an, sich zu setzen.

„Okay, machen Sie es kurz, ich bin etwas in Eile.“

 

Jude nestelte in seiner Jackentasche herum und brachte außer einem kleinen Gegenstand, den er mit einem geübten Griff geschickt unter der Tischplatte des Schreibtisches befestigte, den Kugelschreiber zum Vorschein, den Gabi in der Höhle gefunden hatte.

„Kommt Ihnen dieser Stift irgendwie bekannt vor?“

Gregory verzog keine Miene, während er den Kugelschreiber eingehend betrachtete.

„Was ist damit?“

„Ist das ein Werbegeschenk der LC?“

„Ja, aber nur an besondere Kunden.“

„Das ist gut, das schränkt den Kreis der Verdächtigen ein wenig ein.“

„Wie bitte? Welche Verdächtigen?“ rief Gregory ungeduldig. „Wovon reden Sie, Mann?“

„Von dem Einsturz der Strandhöhle, Sir. Oder sollte ich eher sagen, von der Sprengung der Höhle?“

In Gregorys Gesicht regte sich kein Muskel.

„Sprengung? Waren Sie zu lange in der Sonne?“

„Bedaure, aber mein Verstand ist glasklar. Die Strandhöhle wurde vorsätzlich in die Luft gejagt, und ich wüsste nur zu gerne, wer den Auftrag dazu erteilt hat.“

„Anscheinend haben Sie zu viel Phantasie.“ knurrte Gregory. „Wer zum Teufel sollte denn so etwas tun?“

„Jemand, dem das Ganze finanziellen oder anderen Nutzen bringt. Oder, um es anders auszudrücken, jemand, dem es nicht gefallen hat, dass das DEEP durch die Verbindung zum Strand vielleicht zu einer neuen gewinnbringenden Touristenattraktion werden könnte, ohne dass die LC am Gewinn beteiligt ist!“

„Jetzt reichts aber!“

Erbost sprang Gregory auf und hieb mit der Faust auf die Schreibtischplatte. „Was versuchen Sie mir hier eigentlich zu unterstellen, Cavanough?“

„Ich?“ Erstaunt blickte Jude ihn an. „Ich habe doch niemanden etwas unterstellt, am allerwenigsten Ihnen, Gregory! Ich habe nur versucht, Gründe für die Tat zu finden.“

„Gründe, die alle mit mir oder der LC in Verbindung stehen!“ fauchte Gregory und drückte auf den Knopf der Wechselsprechanlage.

„Elisabeth, Mr. Cavanough möchte gehen.“ Er maß Jude mit vernichtendem Blick. „Sie sind von mir und meinem Partner engagiert worden, damit Sie im Interesse der  Firma arbeiten!“

„Aber genau das versuche ich ja zu tun, indem ich den Dingen auf den Grund gehen will!“ erwiderte Jude unbeirrt, als Elisabeth auch schon hereingeeilt kam.

„Mister Cavanough, ich werde Sie jetzt hinausbegleiten.“ sagte sie mit sehr viel Nachdruck in der Stimme. „Es sei denn, Sie zwingen mich dazu, den Sicherheitsdienst zu informieren, damit...“ 

„Sparen Sie sich die Mühe, Elisabeth.“ unterbrach Jude sie mit liebenswürdiger Gelassenheit. „Ich bin schon weg.“ Er erhob sich und nickte Gregory zu.

„Auf Wiedersehen. Tut mir leid, dass Ihnen die Sicherheit der Firma und Ihrer Mitmenschen so wenig am Herzen liegt. Ich habe es nur gut gemeint.“

Gregory funkelte ihn böse an.

„Für die Sicherheit der LC kann ich sehr gut allein sorgen. Aber ich warne Sie, Jude, wenn Sie noch einmal Ihre Kompetenzen derart überschreiten, werde ich entsprechende Maßnahmen gegen Sie einleiten. Danach werden Sie sich wünschen, mich niemals kennengelernt zu haben!“

„Soll das eine Drohung sein?“

„Das können Sie auffassen, wie Sie wollen, aber ich lasse mir nicht von Stümpern wie Ihnen auf der Nase herumtanzen. Guten Tag!“

 

 

Am Strand

„Na der war vielleicht wütend!“ feixte Jude, der sich kurz darauf unten am Strand mit  Ricardo traf. „.Ich hatte am Schluss das Gefühl, mitten in ein Wespennest gestochen zu haben!“

Ricardo nickte.

„Tja, das wird den Herrschaften erst einmal zu denken geben. Obwohl ich mir nicht sicher bin, in wie weit die Sekretärin in die Sache eingeweiht ist. Aber vielleicht können wir durch das Aufnahmegerät ein paar entsprechende Telefonate mitschneiden. Hast Du es so platziert, wie ich es Dir gesagt hatte?“

„Klar. Unter der Tischplatte. Ging ganz problemlos. Er war so sehr von dem Kugelschreiber abgelenkt, dass er es überhaupt nicht mitbekommen hat.“ Jude sah auf die Uhr. „Wie lang ist das Band?“

„Etwa eine Stunde.“ erwiderte Ricardo.

„Dann müßte es inzwischen abgeschaltet haben.“ rechnete Jude und runzelte die Stirn. „Und wie kommen wir wieder an das Aufnahmegerät heran?“

Ricardo überlegte kurz und grinste dann.

„Durch Ben.“

„Gregorys Geschäftspartner?“ fragte Jude skeptisch. „Aber was ist, wenn der selber mit in der Sache drin steckt?“

Ricardo schüttelte den Kopf.

„Nein, ich kenne meinen ehemaligen Schwager. Er mag seine Fehler haben, aber er würde sich nie auf etwas Derartiges einlassen. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Ben ist in Ordnung.“

„Um so besser. Rufst Du ihn an?“

„Nein, ich werde ihn in der Firma aufsuchen, wenn er seine Mittagspause macht. Dann kann ich ihm die Sache in aller Ruhe erklären. Und wenn alles klappt, haben wir das Band spätestens heute Abend.“

 

 

Santa Rosa Island

George Carter hatte vorgeschlagen, den geplanten Bootsausflug bereits auf Freitag Nachmittag zu verlegen. Er meinte, er habe auf Santa Rosa eine ganz bescheidene kleine Hütte, wo sie alle gemeinsam zwei ruhige Tage mit Angeln und Faulenzen verbringen könnten.

Da dies das erste gemeinsame freie Wochenende für John und Meg war, stimmten beide spontan zu. Raus aus den engen Mietwohnungen, raus aus der hektischen Stadt mit ihrem Alltagsstress! Gleich, nachdem sie beide ihre Schicht beendet hatten, packten sie eilig ihre Sachen zusammen und fuhren zum Hafen, wo sie sich mit George und Roger Miles verabredet hatten.

 

Die Überfahrt nach Santa Rosa Islands verlief problemlos und harmonisch, George Carters

„bescheidene“ Hütte entpuppte sich dann allerdings als prächtiges Ferienhaus direkt am Meer mit einer riesengroßen blumenumrankten Sonnenterrasse und den allerbesten Voraussetzungen für ein rundherum gemütliches Wochenende mitten im Luxus.

 

Nach ihrer Ankunft saßen John und Meg gemeinsam mit George und Roger auf der Terrasse und aßen zu Abend.

Während die drei Männer mit einem Glas Wein auf ein paar erholsame Stunden anstießen, hatte sich Meg abgewandt. Sie stand gedankenverloren am Geländer und starrte hinaus aufs Meer, wo am Horizont glutrot die Sonne versank. Dieses Naturschauspiel beschwor Erinnerungen herauf, die so wunderschön und schmerzlich zugleich waren, dass sie es kaum ertragen konnte.

 

Sie schrak aus ihren Gedanken, als sie eine Bewegung neben sich wahrnahm. George Carter war unbemerkt hinzu getreten und sah sie forschend an.

„Alles in Ordnung, Meg? Sie sehen so traurig aus!“

Sie atmete tief durch und versuchte vergeblich, die trüben Gedanken abzuschütteln.

„Alles bestens, George. Sie haben ein wunderschönes Fleckchen Erde hier!“

Er nickte.

„Ja, meine Frau hat es auch geliebt. Wir waren sehr oft hier.“ Er lächelte. „Wie mir John eben verraten hat, haben Sie sich nun doch entschlossen, sich Ihren Traum zu erfüllen.“

„Was meinen Sie?“

„Die Einschreibung an der medizinischen Universität!“

„Oh... ja, das habe ich.“

„Das freut mich, Meg. Sie werden eine gute Ärztin, das weiß ich.“

Sie lächelte.

„Danke, George. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.“

„Nun, Sie gehen ihn ja nicht allein. Ihr Verlobter steht Ihnen doch sicher in jeder Beziehung zur Seite.“

„Mein Verlobter...“ wiederholte sie nachdenklich und starrte auf die Wellen, die sich stetig am Ufer brachen.

„Was ist los?“ forschte George. „Habt Ihr Probleme miteinander?“

„Probleme?“ Fast erschrocken sah sie ihn an. „Wie kommen Sie darauf?“

„Nun, man macht sich so seine Gedanken. Ihr beide geht sehr freundschaftlich miteinander um... aber Ihr wirkt auf mich nicht wie ein Liebespaar. Außerdem steht Ihr Gepäck nicht im selben Zimmer wie das von John. Etwas verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Verliebte normalerweise nicht die Finger voneinander lassen können! Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, Ihr zwei seid nur...“

„Gute Freunde.“ ergänzte Meg spontan und nickte dann heftig. „Gut beobachtet!“

Sie hob langsam den Kopf und sah George Carter ins Gesicht. „Schluss mit der Lügerei.“ sagte sie mit fester Stimme. „John und ich sind kein Liebespaar, George, wir sind nie eins gewesen, und wir sind auch nicht verlobt. Wir sind nur gute Freunde.“

 

 

Sunset Inn, Zimmer 302

Die Sonne versank bereits langsam am Horizont, als Ben das Sunset Inn betrat und mit dem Lift hinauf in die dritte Etage fuhr. Dort ging er zu dem Zimmer, das Ricardo ihm genannt hatte und klopfte an die Tür.

Ricardo selbst öffnete ihm.

„Warum treffen wir uns eigentlich hier im Hotel und nicht bei Dir zu Hause?“ erkundigte sich Ben, während er den gemütlichen Wohnraum betrat. „Hast Du Angst, Deine Mutter geht mir an die Gurgel, wenn sie mich sieht?“

„Keine Ahnung, was meine Mutter denkt und tut, ich jedenfalls brauche dringend eine Auszeit, weil sie sich mal wieder permanent in alles einmischt!“ erwiderte Ricardo zerknirscht und setzte sich Ben gegenüber in den Sessel. „Hast Du das Band?“

Ben fasste in seine Jackentasche und holte das kleine Aufnahmegerät heraus.

„Hier ist es.“

Ricardo atmete sichtlich auf.

„Gott sei Dank!“ rief er erleichtert und wollte schon danach greifen, doch Ben zog seine Hand zurück.

„Einen Moment.“ sagte er. „Du bekommst das Band, allerdings nur unter einer Bedingung...“

„Und die wäre?“ fragte Ricardo argwöhnisch.

Ben lehnte sich lächelnd zurück.

„Wenn Gregory wirklich schuldig ist, möchte ich das nicht erst von der Staatanwaltschaft erfahren. Schließlich geht es bei der Sache nicht nur um ihn, sondern auch um den guten Ruf der Firma, die ich selber mit aufgebaut habe. Wenn mein Partner Mist gebaut hat, soll er gefälligst auch dafür gerade stehen, aber ich bin nicht bereit, ihn nur auf einen vagen Verdacht hin ans Messer zu liefern und damit auch meine eigene Existenz zu gefährden.“

„Ich werde Dich auf dem Laufenden halten.“ versprach Ricardo.

Ben schüttelte den Kopf.

„Tut mir leid, aber das reicht mir nicht. Ich habe für dich die Kastanien aus dem Feuer geholt, also will ich dabei sein, wenn Du Dir das Band anhörst. Und zwar jetzt sofort!“

Ricardo verzog unwillig das Gesicht.

„Ich weiß nicht...“

Ben drehte das Aufnahmegerät in seinen Händen.

„Wir machen es so... oder gar nicht. Das ist meine Bedingung. Ich möchte genau wie Du nur die Wahrheit herausfinden.“

 

„Mit der Wahrheit ist es so eine Sache...“ ertönte eine Stimme hinter ihm.

Erstaunt drehte er sich um.

„Gabi!“ Er erhob sich und schüttelte ihr erfreut die Hand. „Wie schön, dass es Ihnen besser geht und Sie wieder auf Ihren eigenen Beinen stehen! Bitte...“ Er deutete auf den zweiten Sessel, „setzen Sie sich doch zu uns!“

Gabi nahm lächelnd Platz und sah aufmerksam von einem zum anderen.

„Worüber habt Ihr Euch gerade unterhalten?“

„Ben hat das Band aus Gregory Richards Büro geholt und mitgebracht.“ erklärte er. „Aber er stellt eine Bedingung...“

Gabis Augen wanderten zu Ben. Fragend blickte sie ihn an.

„Ich möchte mir die Aufzeichnungen mit anhören, Gabi. Nicht mehr und nicht weniger.“ sagte er. „Ich denke, das ist nicht zu viel verlangt.“

Sie verzog das Gesicht und wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit Ricardo.

„Was ist, wenn Sie etwas zu hören bekommen, was Ihnen nicht gefällt?“

„Das Risiko gehe ich ein.“

„Okay.“ nickte sie schließlich. „Einverstanden.“

Sie wollte aufstehen, aber Ben hielt sie zurück.

„Einen Moment noch, Gabi. Was haben Sie vorhin damit gemeint, als Sie sagten, mit der Wahrheit sei es so eine Sache?“

„Ach... nichts Spezielles.“ erwiderte Gabi und dachte insgeheim an das Gespräch zwischen Carmen und Maria, das sie heimlich gehört hatte. „Es gibt eben leider immer wieder Leute, die es verstehen, die Wahrheit so lange zu ihren Gunsten zu verbiegen, dass ihnen am Ende selbst nicht einmal bewusst wird, dass daraus schon lange eine faustdicke Lüge geworden ist. Sie tun anderen damit weh, ohne über die Konsequenzen nachzudenken.“

„Das ist leider wahr.“ nickte Ben nachdenklich. „Allerdings befürchte ich, dass Gregory zu der weitaus schlimmeren Sorte gehört. Was er tut, das tut er ganz bewusst und skrupellos, ohne Rücksicht auf Verluste. Das mag aus meinem Mund vielleicht hart klingen, denn er war jahrelang mein Mentor und ich habe ihm viel zu verdanken, aber diese dunkle Seite an ihm habe ich immer gehasst. Und wenn er es war, der die Sprengung der Strandhöhle veranlasst hat, dann habe ich auch kein Mitleid mit ihm. Dann muß er bestraft werden...“

„Dann sollten wir nicht länger zögern, sondern uns das Band endlich anhören.“ schlug Ricardo vor. „Hoffen wir, dass es eine Antwort auf unsere Fragen enthält.“

 

 

Santa Rosa Island

Erwartungsvoll und ängstlich zugleich sah Meg George an. Sie hatte eine gewisse Überraschung erwartet, aber stattdessen lächelte er nur.

„Ja, ich weiß.“

„Haben Sie nachgeforscht?“

Er schüttelte den Kopf.

„Ich mag zwar alt sein, und vielleicht schon hin und wieder ein wenig senil, aber ich bin nicht blind.“

„Sind Sie jetzt enttäuscht?“

Er lachte und legte den Arm um ihre Schultern.

„Kommen Sie Meg, lassen Sie uns ein Stück zusammen den Strand entlang gehen. Die frische Luft ist Balsam für mein Herz, und außerdem möchte ich endlich die wahre Geschichte von Meg Cummings hören.“

„Meine Geschichte?“ Meg verzog skeptisch das Gesicht. „Die ist leider zur Zeit alles andere als amüsant, George.“

„Das Leben besteht nicht nur aus Sonnenschein. Aber eines habe ich in meinem Leben gelernt: Nach jeder noch so dunklen Nacht folgt garantiert ein neuer heller Tag...“

 

 

Sunset Inn, Zimmer 302

Auf dem Band war zunächst das Gespräch zwischen Jude und Gregory Richards zu hören.

Ben, Ricardo und Gabi lauschten gespannt.

„An dieser Stelle hat Jude den Raum verlassen“ flüsterte Gabi, als man eine Tür zuklappen hörte.

 

Brauchen Sie mich noch?“ erklang Elisabeths Stimme nach ein paar Sekunden.

Ähm... ich weiß nicht, wieviel Sie von unserem Gespräch mitbekommen haben, Liz... was die Sache mit den Strandhöhlen betrifft, so hoffe ich, dass ich mich auf Ihre Diskretion verlassen kann?“

„Sie können sich immer auf meine Diskretion verlassen, Sir. Das wissen Sie doch.“

„Das wollte ich hören. Danke Liz, Sie können gehen. Ich muß noch einen dringenden Anruf machen und möchte nicht gestört werden.“

 

Wieder klappte die Tür. Dann hörte man, wie Gregory eine Nummer eintippte.

 

„Richards hier. Es gibt ein Problem .... dieser Archäologe ... ja genau, der die Überprüfung der Strandhöhlen leitet, der war eben bei mir und hat ein paar Fragen gestellt, die mir gar nicht gefallen haben ... was heißt hier, das ist mein Problem? Das sehe ich etwas anders... das weiß ich auch nicht, aber sie werden sich mit Sicherheit  ihren Teil zusammenreimen. Diese Kleine, die in der Höhle verschüttet war, kann sich anscheinend wieder an alles erinnern, und wer weiß, was sie alles gesehen hat! ... Nein, das hat er nicht gesagt, aber wo sonst sollte er seine Informationen haben?... Natürlich müssen wir uns darum kümmern ... na wie gehabt, Ihr erledigt die Sache so perfekt wie möglich und ich schreibe den Scheck ... ja, verdammt, von mir aus auch Barzahlung! Und wartet damit noch einen Tag, ich will mir meine Einweihungsparty nicht mit irgend welchen Hiobsbotschaften verderben! Danach lasst Ihr die lästige Zeugin diskret verschwinden... und es wäre vielleicht hilfreich, wenn Ihr beide danach erst einmal für eine Weile untertaucht, bis sich hier alles beruhigt hat. Mit der Summe, die ich zahle, dürfte das kein Problem sein ... Natürlich zahle ich diesmal pünktlich, was soll die dumme Frage ... erledigt Euren Job, dann kann gar nichts schief gehen. Wir hören voneinander.“

 

Der Hörer wurde aufgelegt, dann ertönten Schritte und die Tür fiel ins Schloss. Gregory hatte den Raum verlassen.

 

Ben, Gabi und Ricardo blickten einander vielsagend an. Gabis Gesicht war kreidebleich.

„Denkt Ihr, was ich denke?“ fragte Gabi ängstlich.

Ricardo presste die Lippen zusammen.

„Verdammt, so war das nicht gedacht... Gabi sollte zu allerletzt in die Sache mit reingezogen werden.“

„Ich könnte versuchen, Gregory zur Rede zu stellen und ihn zur Vernunft zu bringen.“ schlug Ben spontan vor.

Ricardo schüttelte energisch den Kopf.

„Wach auf, Ben. Gregory Richards kann man nicht zur Vernunft bringen. Den muß man mit härteren Bandagen bekämpfen.“

„Und was schlägst Du vor?“

„Du wirst gar nichts tun, Ben.“ Ricardo wies auf das Aufnahmegerät. „Wir haben den Beweis, den wir brauchen, um Richards festzunageln. Allerdings befürchte ich, wenn ich die Sache weitergebe und das Ganze einmal ins Rollen kommt, dann wird die Staatsanwaltschaft auch vor Dir als seinem Partner nicht Halt machen.“

„Ich habe nichts zu verbergen.“

„Dann hast Du auch nichts zu befürchten. Morgen ist die Einweihungsparty bei den Richards. Das wäre eine günstige Gelegenheit für uns, um zuzuschlagen und ihn uns zu greifen. Aber bis dahin darf er nicht ahnen, was da gegen ihn läuft. Also lass Dir wenn möglich nichts anmerken.“

„Kein Problem.“ erwiderte Ben. „Ich sehe Gregory ohnehin erst am Abend auf der Party.“

Er stand auf und nickte Gabi aufmunternd zu. „Wenn ich bis dahin helfen kann, lasst es mich wissen.“

„Du hast uns schon mehr geholfen, als Du ahnst.“ antwortete Ricardo und reichte ihm die Hand. „Und keine Angst, ich werde hier bei Gabi bleiben und gut auf sie achtgeben, bis die Sache ausgestanden ist.“

 

 

Santa Rosa Island

Das Boot schaukelte träge auf den sanften Wellen. Das Hauptsegel bauschte sich im Nachtwind wie ein riesiger Vogel, der flugbereit seine Schwingen ausbreitete.

Meg stand an der Reling und blickte aufs Meer hinaus. Ihr Herz flatterte vor lauter Glück mit dem Segel um die Wette.

Sie hörte ihn hinter sich aus der Kajüte kommen und drehte sich langsam um. Er kam auf sie zu, in der Hand zwei halbgefüllte Champagnergläser, von denen er ihr eines reichte.

„Auf uns, Meg. Auf unsere Liebe...“

Sie nippte nur an ihrem Glas, sie war viel zu aufgeregt zum trinken, und sie spürte sofort, wie selbst dieser winzige Schluck Champagner ihren Verstand zu benebeln begann.

Er lächelte und stellte die Gläser weg. Dann trat er zu ihr an die Reling und schlang die Arme um sie.

„Bist Du glücklich?“ raunte er ihr leise ins Ohr. Sie nickte und seufzte wohlig, als sie spürte, wie seine Lippen sacht über ihren Hals strichen.

Genießerisch legte sie den Kopf zurück und schloss die Augen. Wenig später berührte sein Mund ihre Lippen, zuerst nur ganz vorsichtig, dann jedoch übermannte ihn die Leidenschaft und er zog sie fest in seine Arme, während er mit seiner Zunge ihren Mund erforschte und Gefühle in ihr weckte, die sie innerlich erbeben ließen. Ihr Körper vibrierte unter seinen streichelnden Händen und sie drängte sich dichter an ihn.

Mit einer schnellen kraftvollen Bewegung nahm er sie auf seine Arme und trug sie hinüber zur Kabinentür.

Im goldenen Mondlicht sah sie sein Gesicht.

„Ben...“ flüsterte sie voller Sehnsucht.

Da veränderte sich plötzlich schlagartig sein zärtliches Lächeln. Zurück blieb ein überlegenes, hämisches Grinsen.

„Nicht Ben... sondern Derek!“ erwiderte er mit kaltem Blick und Meg hatte das Gefühl, als ob ihr das Blut in den Adern gefror...

 

„Meg! Meg... wach auf, Du hast nur geträumt!“

Sie schlug die Augen auf und sah in Johns besorgtes Gesicht.

„Ich habe Dich nebenan schreien gehört und dachte, Dir ist etwas passiert!“ sagte er und strich beruhigend über ihre zitternden Schultern.

Sie schluckte.

„Derek ist wieder da!“

Irritiert starrte John sie an.

„Hattest Du mir nicht erzählt, Bens Zwillingsbruder sei tot?“

Meg strich sich nervös mit der Hand über die schweißnasse Stirn und versuchte sich zu orientieren. Ja, sie war hier auf Santa Rosa Island, in Georges Strandhaus. Sie war eingeschlafen und hatte geträumt... Einen so schönen Traum, doch dann plötzlich...

Sie versuchte, die Erinnerung daran aus ihrem Gedächtnis zu verdrängen.

„Ja... ja, Du hast recht. Derek ist tot. Ich hatte nur einen Alptraum. Aber es war alles so real...“

Sie sah so verzweifelt aus und John zog sie schweigend in die Arme. So saßen sie eine ganze Weile nur da. Seine Hände streichelten über ihr Haar und Meg fühlte sich seit langem wieder einmal einen Moment sicher und geborgen. Aber diese innere Spannung wollte trotz allem einfach nicht weichen. Da war immer noch dieser schreckliche Traum und Bens Gesicht, das sie überdeutlich vor sich sah und das doch nicht seines war, denn in dem Augenblick, als es sich zu diesem hässlichen Grinsen verzog, wußte sie, dass es Derek war und nicht Ben, der sie hielt... Würde das jemals aufhören?

Lass Dich fallen.. sagte eine innere Stimme, da ist jemand, der Dich hält. Du kannst Dich auf ihn verlassen, er wird immer für Dich da sein...

 

Sie hob den Kopf und sah in Johns Gesicht. Seine Augen waren ihr ganz nah.. Sie waren blau mit kleinen grauen Fünkchen. Sie sah noch mehr darin...

Zuneigung, Verlangen...

John schien ihre Gedanken zu spüren. Er beugte sich leicht vor und seine Lippen berührten behutsam ihren Mund.

Meg schloss die Augen und ließ es geschehen. Für einen kurzen Moment erwiderte sie seinen Kuss sogar, doch im nächsten Augenblick stieß sie ihn zurück und riß sie sich los.

„Nein...“ rief sie schweratmend und hob abwehrend die Hände, „Nein, das sollten wir nicht tun. Wirklich nicht, das ist nicht richtig...“

„Doch, das ist es, Meg.“ erwiderte John leise. „Du empfindest doch auch etwas für mich, das spüre ich ganz deutlich.“

Sie sah ihn schuldbewusst an.

„Ja, das stimmt. Ich mag Dich wirklich sehr, aber meine Gefühle für Dich sind nicht so, wie Du denkst. Als wir uns eben geküsst haben, da habe ich dabei an Ben gedacht. Ich kann nichts dagegen tun, John.“

„Das macht mir nichts aus.“ log er und versuchte zu lächeln, doch Meg schüttelte entschieden den Kopf.

„Das hast Du nicht verdient. Du bist mein bester Freund, und ich möchte Dich nicht verlieren. Aber das zwischen uns würde nicht funktionieren, das weiß ich. Ich bin noch nicht frei, und ich bin mir nicht sicher, ob ich das jemals sein werde.“

„Dann werde ich eben warten.“ erwiderte er gespielt fröhlich und zwinkerte ihr zu. „Wir haben doch alle Zeit der Welt.“ 

Meg umarmte ihn und küsste ihn auf die Wange.

„Ich möchte Dich nicht verletzen.“

„Das könntest Du gar nicht. Egal, was Du tust...“

Er lächelte, doch sein Herz war schwer wie Blei, als er wenig später zurück in sein Zimmer ging.

 

 

Sunset Inn, Zimmer 302

„Du musst Dir keine Sorgen machen, Gabi, Dir wird nichts geschehen.“ sagte Ricardo leise und zog sie in seine Arme. „Wie gesagt, ich bleibe hier. Du hast ja gehört, vor der Party wollen sie sowieso nichts unternehmen. Und danach wird der Staatsanwalt garantiert dafür sorgen, dass Gregory seinen Auftrag zurückzieht. Er hat gar keine andere Wahl...“

Gabi nickte und legte müde ihren Kopf an Ricardos Schulter.

„Ich habe keine Angst. Ich war nur erschrocken, wie ein Mensch so skrupellos sein kann. Er weiß doch nicht einmal genau, ob Jude die Informationen wirklich von mir hatte.“

Einen Moment lang standen sie beide nur schweigend da und jeder hing seinen Gedanken nach.

„Sag mal...“ fragte Ricardo plötzlich, „hast Du vorhin eigentlich jemand Bestimmten gemeint, als Du mit Ben über Wahrheit und Lüge gesprochen hast?“

Gabi hob den Kopf und sah ihn mit großen Augen an.

„Ja, allerdings. Das habe ich.“

„Willst Du es mir erzählen?“

Entschlossen nickte sie.

„Ja, ich werde es Dir erzählen. Aber dazu sollten wir uns besser setzen. Es geht nämlich dabei um Deine Mutter... und um Maria.“

„Was ist mit Ihnen?“

„Sei still und hör mir einfach zu...“