KAPITEL 84
DIE PARTY Teil 1
Jude wollte so eben in den Eingang zu Annies Haus einbiegen, als er Ben erblickte, der in diesem Moment von seinem Morgenlauf zurückkam.
„Gut im Training!“ grinste er anerkennend, nachdem die Männer sich begrüßt hatten.
Ben atmete tief durch.
„Ich versuche in Form zu bleiben.“
„Alles klar wegen heute Abend?“ erkundigte sich Jude mit einem vorsichtigen Seitenblick auf Annies Veranda. Noch war dort niemand zu sehen. Er hatte Annie bewusst nichts von dem Verdacht gegen Gregory erzählt. Er kannte sie inzwischen gut genug, um zu wissen, dass ihr Temperament vielleicht mit ihr durchgehen würde und sie sich vielleicht vor lauter Genugtuung darüber, dass es Gregory endlich einmal ernsthaft an den Kragen gehen sollte, vor irgendwem verplauderte. Sie würde es noch früh genug erfahren...
Ben nickte.
„Alles klar. Hauptsache, Gabi passiert nichts.“
„Ricardo ist die ganze Zeit bei ihr.“
„Läuft da was zwischen den beiden?“
„Keine Ahnung, aber ich würde es Gabi wünschen, dass sie nach ihrer so tragisch gescheiterten Ehe den Richtigen findet.“
Ben seufzte.
„Ja, das kann man jedem wünschen.“
Jude sah ihn an und klopfte ihm zuversichtlich auf die Schulter.
„Kopf hoch, Ben, auch Du wirst noch die Richtige finden. Schließlich sind wir doch hier in Kalifornien, und noch dazu in der Stadt, die die Liebe geschaffen hat!“
Ben lachte bitter.
„Geschaffen vielleicht. Nur leider steht nicht in der Gebrauchsanweisung, wie man sie halten kann.“
Jude warf wieder einen bedeutungsvollen Blick zu Annies Veranda.
„Tja, ich fürchte, dafür muß wohl jeder selber sorgen, mein Freund. Der eine mehr, der andere weniger. Ach ja, wo wir gerade beim Thema sind... Hast Du für heute Abend schon eine weibliche Begleitung?“
Ben sah ihn erstaunt an.
„Darüber habe ich mir überhaupt noch keine Gedanken gemacht. Warum auch? Ich kann genauso gut allein zu Gregorys Einweihungsparty gehen.“
Jude grinste.
„Ich hätte da einen Vorschlag...“
„Lass hören!“
„Nun, wie ich vermute, kommen Meg und Maria nicht in Frage, Annie ist sowieso nicht erwünscht, ansonsten würde sie sicher mit mir hingehen...“
„Aber da Du genauso wenig erwünscht bist“ warf Ben schmunzelnd ein, „Wer bleibt denn da noch?“
„Guten Morgen, Jungs!“ ertönte eine Stimme von Annies Veranda zu ihnen herunter.
Bette stand oben, im pinkfarbenen Badeanzug, einen knallgelben Pareo um die drallen Hüften geschwungen und winkte ihnen fröhlich zu. Auf der Nase trug sie eine große dunkle Sonnenbrille. „Gut geschlafen, Ihr zwei Hübschen?“
Ben und Jude sahen sich an und wussten, dass sie beide in diesem Augenblick den selben Gedanken hatten.
„Oh nein...“ entfuhr es Ben.
„Oh ja...“ grinste Jude. „Die perfekte Begleitung für Dich! Außerdem hätten Annie und ich dann den Abend ganz für uns...“
Ehe Ben es verhindern konnte, drehte er sich um und winkte zurück.
„Hallo Bette! Sie sehen wieder mal zum Anbeißen aus! Haben Sie heute Abend schon was vor?“
Die Villa der Familie Richards
Die frisch rekonstruierte Villa der Familie Richards erstrahlte in neuem Glanz. Nichts in und um den Prachtbau auf dem großen gepflegten Grundstück erinnerte an die nach dem Großbrand in Schutt und Asche gelegte Ruine.
Gregory hatte keine Kosten und Mühen gescheut, um das Haus so umbauen zu lassen, dass es keine Wünsche offen ließ. Großzügig, mondän und elegant, den Wohlstand des Richards- Clans in jeder Hinsicht hervorhebend, präsentierte sich die Villa am Tage der Einweihung ihren Bewohnern und Gästen.
Rose, seit vielen Jahren treue Haushälterin der Familie, rang verzweifelt die Hände. Sie bemühte sich nach Kräften, wenigstens Ordnung in das Chaos zu bringen, das die Leute vom Partyservice hinterließen. Ständig kamen neue Lieferungen, Catering, Blumenarrangements, ja sogar eine kleine Band war engagiert worden, um am Abend für den passenden musikalischen Rahmen zu sorgen. Die Bandmitglieder verkabelten seit Stunden ihre Instrumente und Rose befürchtete, dass spätestens auf der Party irgend ein Gast einen schrecklichen Tod finden würde, wenn er zwischen diese Unmengen an Kabeln und Strippen gelangte und sich darin erhängte.
„Mrs. Richards“ beklagte sie sich händeringend, „So kann ich nicht arbeiten, beim besten Willen nicht! Nichts steht an seinem Platz, diese Leute trampeln durch das Haus wie eine Herde wildgewordener Stiere!“
Olivia, selbst ziemlich beschäftigt mit Anweisungen und Entscheidungen, den Partyservice betreffend, lächelte gequält.
„Ich weiß, Rose, aber das müssen wir heute leider über uns ergehen lassen. Ab morgen wird dann hoffentlich wieder alles so sein, wie wir es gewohnt sind.“
„Ihr Wort in Gottes Gehör!“ murmelte Rose und eilte nichts gutes ahnend in die Küche, aus der eben ein verdächtig lautes Scheppern erklungen war.
Gregory kam die Treppe herunter, an einem Ohr das Handy.
„...wenn Ihr sicher seid, dass sie ein Problem für uns ist, dann erledigt die Sache meinetwegen heute noch. Je eher, desto besser. Danach holt ihr Euch euer Geld und verschwindet wie abgesprochen. Allerdings möchte ich vor morgen früh damit nicht belästigt werden, haben wir uns verstanden?“
„Wer ist denn ein Problem für uns?“ erkundigte sich Olivia interessiert, als er das Gespräch beendet hatte.
„Ach niemand von Bedeutung.“ erwiderte Gregory ausweichend und legte das Handy auf den Tisch. „Kannst Du mir bitte die Krawatte binden? Ich muß nochmal in die Firma.“
„Jetzt noch?“ rief Olivia entsetzt. „Meine Güte, hier geht alles drunter und drüber, und Du willst ins Büro? Kann das nicht warten?“
„Nein, kann es nicht.“ Er streckte den Hals und bemühte sich stillzuhalten, während sie mit geschickten Fingern den Knoten der Krawatte band.
„Wo steckt denn eigentlich Caitlin die ganze Zeit?“ fragte er schließlich. „Wollte sie nicht bei den Vorbereitungen helfen?“
Olivia zuckte die Schultern.
„Keine Ahnung. Im DEEP ist sie jedenfalls nicht, sie sagte, dass die Bar anlässlich unserer Party heute geschlossen bleibt. Vielleicht haben sie und Cole noch was zu erledigen, aber sie werden beide schon noch auftauchen.“
„Das will ich doch stark hoffen.“ knurrte Gregory, der sich nur wegen des lieben Familienfriedens mit Caitlins Freundschaft zu diesem Cole Deschanel arrangiert hatte.
Insgeheim hoffte er immer noch, dass seine Tochter irgendwann zur Vernunft kommen und diesem hergelaufenen Cowboy aus Dallas den Laufpass geben würde. Das Cole ihm das DEEP weggeschnappt und dann auch noch Caitlin auf seine Seite gezogen hatte, machte ihm noch immer zu schaffen. Leider schienen die beiden sich mit jedem Tag besser zu verstehen, das DEEP lief wider Erwarten bestens, und überdies war Olivia auch noch auf die verrückte Idee gekommen, ihrer Tochter anzubieten, den leerstehenden Westflügel der Villa gemeinsam mit Cole zu beziehen, um die beiden in ihrer Nähe zu haben. Allerdings hatten weder Caitlin noch Cole sich bis jetzt dazu geäußert.
„So... fertig!“ Olivia trat einen Schritt zurück und betrachtete kurz ihr Werk. Okay, die Krawatte saß.
Trotzdem war sie nicht zufrieden.
„Ich weiß nicht, Gregory... Ich kann es mir nicht erklären, aber ich habe so ein eigenartiges Gefühl, als würde heute noch irgend etwas Unvorhergesehenes passieren.“
Gregory zog erstaunt die Augenbrauen hoch und küsste seine Frau dann flüchtig auf die Wange.
„Natürlich wird heute noch etwas passieren, meine Liebe! Etwas ganz Entscheidendes sogar. Immerhin weihen wir heute endlich unser neu erbautes Haus ein, und ich verspreche Dir, spätestens morgen wird keiner in der Umgebung von Sunset Beach mehr einen Zweifel daran haben, wer hier in der Stadt die High Society repräsentiert!“ Er nahm seinen Aktenkoffer und eilte zur Tür. „Ich muß los! In etwa einer Stunde bin ich zurück!“
In dem ganzen Trubel um die Partyvorbereitungen war keinem aufgefallen, dass Gregory sein Handy auf dem Tisch hatte liegen lassen. Keinem, bis auf einen Mann, der allem Anschein nach zum Partyservice zu gehören schien. In einem unbeobachteten Augenblick verschwand er mit dem Handy kurz nach draußen, notierte sich etwas und legte es dann mit zufriedenem Lächeln wieder zurück, als sei nichts gewesen.
Santa Rosa Island
Meg bummelte mit John Seite an Seite am Strand entlang und genoß dieses besondere Flair, das es nur hier gab. Schnuppernd streckte sie die Nase in die Luft.
„Es riecht nach Kalifornien!“ stellte sie schmunzelnd fest.
John blickte sie skeptisch an.
„Ich weiß nicht... riecht es nicht überall am Meer so?“
Entschieden schüttelte Meg den Kopf.
„Ich glaube nicht. Das gibt es nur hier, und egal wo ich bin, ich liebe diesen unverwechselbaren Duft und würde ihn unter tausend anderen sofort wiedererkennen!“
Sie blieb stehen und schloss für einen Moment die Augen, während sie genießerisch die Luft einsog.
„Es ist diese einzigartige Kombination aus verschiedenen Düften, die man wahrnimmt, wenn man zum ersten Mal in seinem Leben hierher kommt.“ schwärmte sie, ,,Der herbe würzige Duft des Ozeans, der sich mit Sonnenöl, exotischen Blüten und der flimmernden Hitze der heißen Erde vermischt. Er ist einfach typisch für Kalifornien, und man vergisst ihn nie.“
„Ja, vielleicht.“ John wandte sich ab und ging langsam weiter.
Nach kurzem Zögern folgte ihm Meg und hakte sich bei ihm ein.
„John... wegen gestern Abend...“ begann sie zögernd, „Ich hoffe, Du bist nicht böse auf mich? Das könnte ich nicht ertragen!“
Er blieb stehen und sah sie mit ernstem Gesicht an.
„Ich habe Dir schon einmal gesagt, dass ich Dir niemals böse sein kann. Vielleicht ein wenig enttäuscht, aber das legt sich wieder. Ich bin allem Anschein nach sowieso kein Gewinner, was die Liebe angeht. Ich hab`s schon einmal gründlich vermasselt.“
„Möchtest Du darüber reden?“
Anstatt einer Antwort ging er langsam weiter, und sie folgte ihm schweigend. Erst nach einer ganzen Weile begann er leise zu erzählen:
„Wir haben in der selben Klinik in Chicago gearbeitet. Ich war damals gerade mit meinem Studium fertig und arbeitete als Assistenzarzt im ersten Jahr. Abby war Krankenschwester. Ich mochte ihre spontane, unkomplizierte Art. Trotzdem dauerte es eine ganze Weile, bevor es richtig zwischen uns funkte. Dann waren wir fast ein Jahr lang zusammen. Sie zog bei mir ein und alles war bestens. Bis zu dem Tag, als wir das erste mal von Heirat sprachen.“
Er seufzte und blickte nachdenklich aufs Meer hinaus.
„Von da an war alles irgendwie anders. Vielleicht lag es daran, dass Abby schon einmal verheiratet gewesen war und nur mit Unbehagen an diese kurze Ehe zurückdachte, die ein einziges Desaster gewesen war. Jedenfalls verhielt sie sich zum Thema Heirat äußerst zurückhaltend. Und als sie schließlich soweit war, habe ich heimlich einen Ring gekauft und sie ganz groß zum Essen eingeladen. Ich hatte das Lokal nur für uns beide gemietet. Es hat mich locker einen Monatslohn gekostet, aber das war mir egal.“
„Und dann?“ fragte Meg gespannt.
John zuckte mit den Schultern.
„Das Ende ist schnell erzählt. Ich habe Abby den Ring nie gegeben.“
„Warum nicht?“
„Keine Ahnung. Torschlusspanik vielleicht. Ich weiß nicht, ich bekam mit einem Mal Angst vor der eigenen Courage. Ich dachte, ich würde für immer meine Freiheit verlieren und all so einen Unsinn. Tausend Dinge gingen mir durch den Kopf, als ich Abby da sitzen sah, und ich konnte sie einfach nicht mehr fragen. Sie hätte wahrscheinlich nie erfahren, was ich an jenem Abend wirklich vorhatte, wenn sie nicht am nächsten Tag zufällig den Ring in meiner Jackentasche entdeckt hätte.“
„Autsch...“ Meg verzog schmerzlich das Gesicht. „Ich glaube, ich weiß, wie Abby sich gefühlt haben muß.“
John nickte.
„Unsere Beziehung kühlte sich merklich ab, und eine Woche später meinte sie, es sei besser, erst einmal etwas Abstand von einander zu nehmen.“
John zuckte die Schultern und lächelte traurig.
„Einen Monat danach starb meine Mutter. Kurz vor ihrem Tod erfuhr ich von ihr endlich den Namen meines Vaters.“
„George Carter...“ flüsterte Meg.
John nickte.
„Ja. Eine Woche später hatte ich alle Brücken hinter mir abgebrochen und saß im Flugzeug nach Kalifornien.“
„Und... Du hast nie wieder etwas von Abby gehört?“
„Ich habe ihr geschrieben. Sie hat mir nicht geantwortet. Durch einen ehemaligen Kollegen habe ich erfahren, dass sie ihr Medizinstudium, das sie vor Jahren aus finanziellen Gründen abbrechen mußte, wieder aufgenommen hat. Wer weiß, vielleicht ist sie inzwischen Frau Doktor Lockhart...“
„Liebst Du sie noch?“
„Ich denke in letzter Zeit sehr oft an sie.“
Meg sah ihn an und strich sich dann schmunzelnd über die Stirn.
„Was ist?“ fragte John erstaunt.
„Wir haben viel gemeinsam, findest Du nicht auch? Wir trauern beide einer großen Liebe nach, die unerreichbar für jeden von uns geworden ist.“
„Du hast recht, Meg.“ stimmte John lächelnd zu. „Wir sind schon ein merkwürdiges Gespann, wir beide!“
Sunset Inn, Zimmer 302
Ricardo sah auf die Uhr.
In einer Stunde würde die Party bei den Richards beginnen, und bisher hatte sich keiner seiner Kollegen gemeldet. Hoffentlich ging nachher alles glatt.
Er selbst war keinen Schritt von Gabis Seite gewichen und hatte sogar die Nacht auf der Couch im Wohnzimmer verbracht, denn ihm war klar, dass sie in größter Gefahr schwebte. Er und Jude waren nicht unschuldig daran, denn durch ihren waghalsigen Plan, Gregory Richards eine Falle zu stellen, hatten sie diesen erst auf den Gedanken gebracht, Gabi als Mitwisserin ausschalten zu lassen. Das sah auch Chief Harris, seine unmittelbare Vorgesetzte so, und nach einer gepfefferten Standpauke, die sicherlich auch noch ein disziplinarisches Nachspiel für ihn haben würde, hatte Harris vor dem Hotel sicherheitshalber zwei Zivilpolizisten in einem Auto postiert, die pausenlos den Eingang überwachten und jeden Verdächtigen sofort überprüften.
Nun hieß es warten...
Ocean Avenue
Pünktlich zur verabredeten Zeit klopfte Ben an Annies Tür, um Bette zur Party abzuholen. Während er auf sie wartete, hoffte er insgeheim, sie möge sich für ein weniger schrilles Outfit entschieden haben als heute Morgen auf der Veranda.
Bette bewies jedoch wieder einmal mehr Taktgefühl als erwartet.
Sie erschien in einem überaus eleganten nachtblauen Kostüm mit tiefem Ausschnitt, den eine schlichte aber wirkungsvoll schimmernde Perlenkette zierte. Pumps und Abendtäschchen waren natürlich farblich perfekt abgestimmt.
Nur ihre große dunkle Sonnenbrille störte Ben ein wenig.
Als er sie nach zahlreichen Komplimenten, ihr Aussehen betreffend, darauf ansprach, lächelte sie nur geheimnisvoll.
„Eine Lady gibt eben nicht gleich alles preis, mein Schöner.“
Annie, die lässig im Türrahmen lehnte, grinste boshaft.
„Ach komm schon, Tante Bette, nur weil das Blau Deiner Kontaktlinsen nicht mit dem von Deinem Kostüm übereinstimmt, musst Du doch nicht den ganzen Abend dieses Monstrum auf der Nase tragen! Mein Gott, Du tappst ja völlig im Dunkeln!“
„Wer hier im Dunkeln tappt, wird sich noch erweisen, meine Liebe.“ erklärte Bette ungerührt und hakte sich bei Ben ein. „Komm, Traumprinz, lass uns gehen, bevor meine Nichte mit ihren neidvollen Blicken noch Löcher in meine Strümpfe brennt!“
„Pah!“ machte Annie nur beleidigt. „Als ob ich nichts Besseres zu tun hätte!“
Sunset Inn, Zimmer 302
Gabi sah Ricardo am Fenster stehen. Gedankenverloren starrte er hinaus, ohne wirklich etwas wahrzunehmen.
„Du machst Dir Sorgen, nicht wahr?“ Sie trat leise von hinten an ihn heran und legte ihm ihre Hände auf die Schultern. „Das brauchst Du aber nicht. Ich fühle mich hier vollkommen sicher, solange Du nur in meiner Nähe bist.“
Ricardo sog geräuschvoll die Luft ein.
„So einfach ist das leider nicht. Ich bin schließlich daran schuld, dass Du in dieser dummen Lage bist. Ich würde mir nie verzeihen, wenn Dir etwas passiert.“
„Mir passiert schon nichts.“ erwiderte Gabi und verzog den Mund zu einem vielsagenden Lächeln, als er sich zu ihr umdrehte. „Außerdem... wer sagt Dir, dass ich mich in einer dummen Lage befinde? Vielleicht gefällt es mir ja, dass Du da bist.“
Ricardo schluckte.
Es hatte schon mehrfach deutlich zwischen ihm und Gabi geknistert, aber nie so offensichtlich wie jetzt in diesem Moment. Er war sich plötzlich sicher, dass sie das genauso spürte wie er. Während er in dem Blick ihrer schönen dunklen Augen versank, hob er langsam die Hand und strich zärtlich über ihre Wange. Gabi schien diese Berührung zu genießen, denn sie schloss die Augen und seufzte leise.
Das war Bestätigung genug.
Ricardo neigte den Kopf und suchte mit seinem Mund ihre vollen weichen Lippen, die sich sogleich einladend öffneten. Vorsichtig, um sie nicht zu erschrecken, berührte er sie nur kurz, doch Gabi schlang ihre Arme um seinen Hals und zog ihn dicht zu sich heran.
Jetzt gab es kein Zurück mehr.
Er hatte sich schon tausendmal in seinen geheimsten Träumen ausgemalt, sie so zu küssen, wild, leidenschaftlich, so wie ein Mann eine Frau küsst, die er von ganzem Herzen begehrt. Und er begehrte sie wirklich, vom ersten Augenblick an, seit Antonio sie damals der Familie als seine Frau präsentierte, hatte er das getan, doch sie war immer unerreichbar für ihn gewesen.
Jetzt nicht mehr...
Er hielt sie in seinen Armen, und seine hungrigen Lippen nahmen weiter Besitz von ihrem Mund, als wollten sie nie mehr etwas anderes tun.
Sie presste sich an ihn und erwiderte seinen Kuss mit so viel Leidenschaft, dass er glaubte, vor Wonne zu vergehen. Nach einer kleinen Ewigkeit löste er seine Lippen von ihren und sah sie eine Sekunde lang fragend an.
Gabi taumelte etwas benommen, doch sie lächelte verklärt, und er fing sie auf und trug sie zur Couch hinüber.
„Ich habe davon geträumt, das mit Dir zu tun, immer und immer wieder. Jede Nacht...
Das, und noch viel mehr...“ flüsterte er, während sie eng umschlungen in die weichen Polster sanken.
Ein lautes Poltern vor der Tür ließ sie beide erschrocken zusammenfahren.
„Polizei! Detektive Torres, sind Sie da? Bitte öffnen Sie die Tür!“
Santa Rosa Island
George und Roger hatten das Abendessen gesichert. Stolz kehrten sie am späten Nachmittag von ihrem Angelausflug zurück und präsentierten ihren Gästen zwei äußerst ansehnliche Fische. Meg hatte sofort darauf bestanden, sie nach Kansas- Art zuzubereiten, was ihr ganz phantastisch gelungen war.
Nach dem üppigen Mal hatten sie es sich alle vier gerade auf der Terrasse gemütlich gemacht, als plötzlich Johns Handy klingelte.
„Die Klinik“ teilte er den anderen mit einem Blick aufs Display mit. „Das bedeutet meistens nichts Gutes. Entschuldigt mich bitte...“
Mit dem Handy in der Hand ging er ein paar Schritte.
Meg sah, wie er unmutig den Kopf schüttelte und heftig diskutierte. Als er sich kurz darauf wieder zu ihnen gesellte, verzog sie skeptisch das Gesicht.
„Sieht so aus, als wäre unser schönes ruhiges Wochenende vorzeitig zu Ende.“
John nickte.
„Tja, tut mir wirklich leid, aber ich werde dringend in der Klinik gebraucht. Ein Notfall.“
„So ein Mist!“ entfuhr es Meg.
„Da hast Du recht.“ stimmte John zu. „Dich brauchen Sie übrigens auch, für die Nachtschicht vom Sonntag zum Montag. Du hast Dein Handy nicht an, deshalb haben sie es mir gesagt.“
„Oh...“ Meg nickte betreten. „Daran hatte ich nicht gedacht.“ Ihr Blick wanderte zu ihrem Gastgeber, der die ganze Szene schweigend beobachtet hatte.
„Tut mir echt leid, George. Wir hatten uns so auf dieses Wochenende gefreut, und nun das...“
„Das ist doch kein Grund sich zu entschuldigen!“ entgegnete er und lächelte verständnisvoll. „Wenn man einen fähigen Mediziner und eine tüchtige Krankenschwester mit an Bord hat, muß man damit rechnen, dass sie irgendwo dringender gebraucht werden!“
„Ich werde uns ein Taxiboot ordern, dass uns zurückbringt.“ schlug John vor, doch George hielt ihn zurück.
„Kommt überhaupt nicht in Frage. Wir sind zusammen hergekommen und wir fahren auch zusammen zurück.“
Als sie wenig später ihre Sachen gepackt hatten und die Anker lichteten, nahm Meg John noch einmal heimlich beiseite.
„Du wolltest es ihm an diesem Wochenende sagen, habe ich recht?“
John wußte sofort, was sie meinte.
„Ich sage es ihm, wenn der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist.“ erwiderte er.
„Und woran erkennst Du, dass es der richtige Zeitpunkt ist?“
John lächelte.
„Wenn es soweit ist, werde ich es wissen. Dann wird George Carter erfahren, dass er seit siebenundzwanzig Jahren einen Sohn hat.“
Sunset Inn, Zimmer 302
Gabi und Ricardo brauchten ein paar Sekunden, um sich wieder zu fassen.
Während Gabi hastig ihr zerzaustes Haar ordnete, stopfte Ricardo in fliegender Eile sein Hemd in den Bund seiner Jeans.
„Alles klar?“ flüsterte er und zwinkerte ihr zu, während er zur Tür hinüberging.
Ihre Augen glänzten wie im Fieber und ihre Wangen waren von der Hitze und der Leidenschaft ihrer Berührung leicht gerötet, doch sie lächelte und nickte.
„Alles klar.“
Ricardo atmete noch einmal tief durch und öffnete dann mit einem Ruck die Tür.
Draußen standen zwei bewaffnete Polizisten, sowie einer von Ricardos Kollegen in Zivil.
„Gibt es Neuigkeiten?“ fragte Ricardo mit fester Stimme.
„Und ob es die gibt, Detektive.“ erwiderte der eine Polizist. „Wir sind hier, um Entwarnung zu geben. Misses Torres droht ab sofort keine Gefahr mehr.“
Ricardo zog skeptisch die Stirn in Falten.
„Wie darf ich das verstehen?“
„Könnte ich einen Augenblick hereinkommen?“ fragte der Beamte in Zivil.
„Natürlich!“ rief Gabi aufgeregt. „Erzählen Sie bitte! Was ist geschehen?“
„Wir hatten einen unserer Leute bei dem Partyservice, den die Richards für ihr Fest heute Abend engagiert haben, eingeschleust. Ihm ist es gelungen, an Mr. Richards Handy zu gelangen und die Nummer der Leute ausfindig zu machen, die er beauftragt hatte, Sie, Misses Torres, aus dem Weg zu schaffen.“
„Und wie habt Ihr sie gefunden? Mit einer Fangschaltung?“ fragte Ricardo interessiert.
„Darüber dürfen wir in Anwesenheit von Zivilpersonen leider nicht sprechen. Du weißt doch, Ricardo, Dienstgeheimnis.“ erwiderte sein Kollege und warf Gabi einen entschuldigenden Blick zu.
Sie lachte erleichtert.
„Es ist mir völlig egal, auf welche Weise man die Kerle geschnappt hat, Hauptsache, es ist vorbei und ich bin nicht mehr in Gefahr.“
„Sie sind in Sicherheit.“ bestätigte der Beamte und wandte sich an Ricardo. „Im Moment werden die Verdächtigen zum Verhör aufs Revier gebracht, aber ich denke, spätestens bei einer Gegenüberstellung platzt die Bombe. Die Beiden sind übrigens keine Unbekannten in der Szene. Es sieht nicht gut aus für Mister Richards. Gar nicht gut...“
Ricardo nickte zufrieden.
„Okay, ich werde später auf dem Revier vorbeischauen. Ich hoffe nur, dass wir den Haifisch diesmal festnageln können.“
„Wir arbeiten dran...“ grinste sein Kollege und nickte Gabi freundlich zu.
„Auf wiedersehen, Misses Torres!“
„Auf wiedersehen, Detektive!“
Als Ricardo die Tür hinter dem Besucher geschlossen hatte, warf sie lachend den Kopf zurück.
„Es ist vorbei, Ricardo, hast Du gehört? Mir kann nichts mehr geschehen!“
Er setzte sich zu ihr auf die Couch und lächelte etwas wehmütig.
„Dann brauchst Du ab sofort auch keine Bewachung mehr. Ich werde mich also verziehen.“
Sie griff nach seiner Hand.
„Tja... wenn ich es mir recht überlege, fühle ich mich irgendwie doch noch nicht so sicher...“
„Dann komme ich nachher wieder.“ Er sah sie fragend an. „Und wenn Du es möchtest, werde ich bleiben, solange Du willst.“
„Das hört sich gut an!“ Sie legte den Kopf zurück und lächelte nachdenklich. „Du willst mit Ben reden, habe ich recht?“
„Ich weiß noch nicht.“ erwiderte er ausweichend. „Aber ich will auf jeden Fall dabei sein, wenn es Richards an den Kragen geht.“
Gabi hielt noch immer Ricardos Hand und zog ihn leicht zu sich heran.
„Komm her und küss mich noch einmal so wie vorhin... dann lasse ich Dich vielleicht für ein paar Stunden gehen.“
„Nichts lieber als das...“
Die Villa der Familie Richards
Als die ersten Gäste bei den Richards eintrafen, war alles perfekt für die große Einweihungsparty vorbereitet. Die Villa strahlte jedem Neuankömmling in vollendetem Glanze entgegen. An diesem Abend sollte alles stimmen, selbst das kleinste Detail.
Nichts, aber auch gar nichts würde man dem Zufall überlassen, dafür hatten die Gastgeber gesorgt.
Alles war bestens organisiert.
Olivia trug ein jadegrünes enganliegendes Abendkleid aus weich fließender Seide, dass ihre immer noch tadellose Figur sanft umschmeichelte. Ihr prächtiges dunkles Haar hatte ihr ein extra aus LA angereister Starfriseur kunstvoll aufgesteckt. Um den Hals trug sie ein glitzerndes Diamant- Collier, ein Geschenk Gregorys zu ihrem zehnten Hochzeitstag.
Würdevoll schritt sie die mit kostbaren Orientteppichen ausgelegte Treppe hinunter, um ihre Gäste zu begrüßen.
Gregory, aalglatt und tadellos aussehend wie immer, wich nicht von ihrer Seite. Ganz der liebende Ehemann.
Auch wenn es nicht immer so gewesen war, so demonstrierte man an diesem besonderen Abend Harmonie und Eintracht in einer glücklichen und wohlhabenden Familie.
„Vielleicht sollte ich in die Politik gehen...“ raunte Gregory Olivia zu, während er sich ein letztes Mal vor seinem großen Auftritt die Krawatte zurechtrückte.
Sie blickte ihn erstaunt an.
„In die Politik? Wie kommst Du denn auf die Idee?“
„Das Land braucht Leute wie mich.“ erwiderte er völlig unbescheiden. „Fähige und clevere Männer, die es verstehen, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln ihre Ziele durchzusetzen.“
„Und Du bist so ein Mann...“ meinte Olivia sarkastisch.
„Oh ja“ nickte er und bot seiner schönen Frau siegessicher den Arm. „Mit Dir an meiner Seite kriegen wir sie alle, Darling!“
Sie begannen, unten in der großen mahagoniverkleideten Diele ihre Gäste willkommen zu heißen.
Elaine erschien als eine der ersten, die eintrafen, gefolgt von einigen Vertretern des Stadtrates. Cynthia Rodriges betrat in einem traumhaften cremefarbenen Chiffonkleid das Haus und Gregory stellte sie seiner Frau höflich als seine neue Teilhaberin vor.
„Freut mich außerordentlich, endlich einmal Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss Rodriges.“ meinte Olivia und reichte ihr höflich die Hand. „Mein Mann hat schon sehr viel von Ihnen erzählt.“
Cynthia lächelte charmant.
„Ach wirklich ? Ich hoffe, es war auch etwas Gutes dabei!“
Interessiert schaute sie sich um. Dieser Richards mußte allem Anschein nach förmlich in Geld schwimmen!
„Ein absolut prachtvolles Haus haben Sie!“ stellte sie fest. „Sie beide sind wirklich zu beneiden.“
Während sie sich kurz darauf unter die anwesenden Gäste mischte, warfen sich Olivia und Gregory einen bedeutungsvollen Blick zu.
„Die werde ich bald wieder los.“ raunte Gregory. „Sehr bald.“
Olivia nickte nur flüchtig. Sie hatte nichts dagegen einzuwenden, wenn diese Miss Rodriges so rasch wie möglich wieder von der Bildfläche verschwand, denn sie war nicht nur äußerst attraktiv, sondern schien auch überdies auch noch ziemlich klug zu sein. Wenn Gregory sich nicht vorsah, würde sie ihm über kurz oder lang sicher ins Geschäft pfuschen.
„Olivia, meine Liebe!“
Das war Bette.
Mit ausgebreiteten Armen flog sie auf ihre Jugendfreundin zu und umarmte diese stürmisch, während sich Ben als ihr Begleiter diskret im Hintergrund hielt.
„Guten Abend, Olivia! Du siehst wie immer absolut phantastisch aus!“ meinte er charmant, und die Gastgeberin nickte ihm erfreut zu.
„Herzlich willkommen, Ben. Es freut mich, dass Du heute Abend Zeit für unsere kleine Party gefunden hast.“
„Ach, das war doch selbstverständlich für uns.“ erwiderte Bette, bevor Ben antworten konnte.
„Euer Häuschen ist einfach traumhaft geworden.“
Sie drehte sich schwungvoll zu Gregory um und grinste ihn breit an. „Greggy, wen hast Du wieder übers Ohr gehauen, dass Du Dir so eine Hütte mitten in die Pampa leisten kannst!“
Gregory lächelte säuerlich.
„Alles ehrliche Arbeit, Bette.“ sagte er betont freundlich. „Das Wort „Arbeit“ findest Du im Lexikon genauer definiert!“
„Eins zu Null für Dich. Vorerst!“ lachte Bette und wandte sich unbeirrt wieder Olivia zu.
„Dein Ehemann ist immer noch ganz der Alte. Fühlt sich sofort auf den Schlips getreten, wenn man seine Loyalität anzweifelt!“
Olivia verdrehte theatralisch die Augen.
„Vertragt Euch bloß, Ihr zwei!“
„Wir vertragen uns doch immer, nicht wahr, Greggy?“ meinte Bette und zwinkerte Gregory zu.
„Amüsier Dich gut, Bette!“ erwiderte er trocken. „Du kannst übrigens die Sonnenbrille abnehmen, das sanfte Licht aus unseren Kronleuchtern wird Deine Augen nicht gleich blenden!“
„Hast Du eine Ahnung...“ murmelte Bette und drehte sich zu Ben um. „Komm Traumprinz, mischen wir uns unters Volk!“
„Alles klar?“ fragte Gregory und klopfte Ben auf die Schulter.
Der nickte nur.
„Bei mir ja. Und wie sieht’s bei Dir aus?“
Gregory strahlte.
„Alles bestens. Schon die Tatsache, endlich aus dieser verflixten Penthouse- Suite heraus zu sein, macht mich glücklich!“
Ben lächelte.
„Dann genieß den Abend!“
`Genieße ihn, so lange Du kannst` dachte er, während er mit Bette zu den übrigen Gästen hineinging. Er hatte heute Vormittag noch ein wenig im Büro recherchiert und war auf einige Ungereimtheiten gestoßen, die seinen Verdacht gegen Gregory verstärkten. Sein Partner arbeitete offensichtlich daran, ihn loszuwerden.
Nun, so leicht würde ihm das bestimmt nicht gelingen...
Als sie schon fast sicher waren, alle eingeladenen Gäste begrüßt zu haben, sah Olivia unruhig zur Uhr.
„Ich verstehe nicht, wo Caitlin so lange bleibt. Ob sie die Party vergessen hat?“
Gregory zuckte mit den Schultern.
„Ich glaube nicht, dass unsere Tochter so ein wichtiges Familienereignis vergisst!“
„Natürlich nicht!“
Caitlin stand in der Tür und strahlte ihre Eltern übers ganze Gesicht an. Sie trug ein weißes Kostüm und hielt einen Strauss Orchideen im Arm. Neben ihr stand Cole, tadellos aussehend im dunklen Anzug. Er hatte den Arm um Caitlins Schultern gelegt und grinste etwas verlegen.
Hinter ihnen betraten noch zwei junge Leute das Haus, die Olivia flüchtig vom DEEP her kannte. Offensichtlich hatte Caitlin die beiden eingeladen.
Gregory umarmte seine Tochter und blickte dann etwas misstrauisch von einem zum anderen.
„Ging das nicht ein klein wenig früher?“ fragte er missbilligend. „Deine Mutter hat sich schon Sorgen gemacht, wo Du wohl so lange steckst!“
„Tut mir leid, Daddy.“ lächelte Caitlin. „Wir haben uns beeilt und das erstbeste Flugzeug genommen, um noch rechtzeitig zu Eurer Party hier zu sein!“
Gregory stutzte.
„Flugzeug? Wo seid Ihr denn gewesen?“
„Oh, das ist schnell erklärt.“ meinte Caitlin. „Darf ich Euch zuerst zwei enge Freunde von uns vorstellen: Mark Wolper und Sara Cummings.“
„Wir kennen uns bereits.“ erwiderte Gregory flüchtig und Olivia lächelte pflichtgemäß. „Herzlich willkommen, Ihr beiden.“
Mark und Sara traten zögernd näher.
„Würdest Du jetzt bitte meine Frage beantworten, junge Dame?“ forderte Gregory mit Nachdruck. „Also, wo seid Ihr gewesen?“
Caitlin straffte die Schultern und fasste nach Coles Hand.
„Mum, Dad... Sara und Mark waren mit uns in Las Vegas... als unsere Trauzeugen.
Cole und ich haben heute Nachmittag geheiratet!“