KAPITEL 85

DIE PARTY  Teil 2

 

 

Die Villa der Familie Richards

 

Mister und Misses Richards hätten sicher gut in ein Wachsfigurenkabinett gepasst, wie sie so  versteinert dastanden und ihre Tochter sowie deren Ehemann anstarrten, als kämen die beiden von einem anderen Planeten.

„Hhh...“ brachte Olivia nur heraus, während ihr Unterkiefer langsam nach unten klappte.

Annullieren... Das war das einzige Wort, das Gregory nach den ersten Schrecksekunden durch den Kopf schoss. Sofort annullieren!

Doch er kam nicht mehr dazu, es auszusprechen, denn zu seinem Unglück war ausgerechnet Bette zu Ohren gekommen, was Caitlin eben verkündet hatte.

„Herzlichen Glückwunsch!“ schmetterte sie derart lautstark durch den Raum, dass sich alle anwesenden Gäste erstaunt nach ihr umblickten. Sie eilte auf Caitlin zu, um sie freudestrahlend in die Arme zu nehmen. „Das ist ja vielleicht eine Überraschung, Schätzchen!“ Annerkennend zwinkerte sie der Tochter ihrer Freundin zu. „Ich muß schon sagen, einen strammen Burschen hast Du Dir da ausgesucht!“ Sie drehte sich zu Cole um und umarmte auch ihn. „Und Sie, junger Mann, sind daran schuld, dass alle Junggesellen von Sunset Beach in Zukunft schlaflose Nächte haben werden, weil Sie denen das schönste Mädchen der Stadt einfach vor der Nase weggeschnappt haben!“

„Vielen Dank, Bette!“ erwiderte Caitlin mit einem vorwurfsvollen Seitenblick auf ihre immer noch unbeweglich dastehenden Eltern. „Wenigstens eine hier, die sich mit uns freut!“

Bette stutzte und folgte ihrem Blick. Über den Rand ihrer Sonnenbrille hinweg beäugte sie Olivia und Gregory kritisch und zog die Stirn in Falten.

„Hey, Ihr Partylöwen! Eure Tochter hat Euch eben verkündet, dass sie geheiratet hat! Das ist doch ein Grund zum jubeln! Wenn man Euch zwei Trauerweiden allerdings sieht, könnte man eher denken, dass ...“

„Halt die Kappe Bette...“ fiel ihr Gregory wütend ins Wort. „Geh und hol Dir einen Drink!“

Bette musterte ihn einen Augenblick lang stumm und lächelte dann in ihrer unerschütterlichen Art.

„Sieh an, sieh an... unser charmanter Gastgeber. Dein Wunsch sei  mir Befehl!“

Sie drehte sich gekonnt auf dem Absatz ihrer hochhackigen Pumps um und ging zurück zu den übrigen Gästen, denen sie natürlich nicht länger vorenthielt, was es neben der Hauseinweihung zusätzlich noch zu feiern gab.

 

„Das hast Du ja wieder toll hinbekommen!“ fauchte Olivia ihren Ehemann an. „Jetzt hast Du sie beleidigt!“

„Diese unmögliche Person kann man gar nicht beleidigen.“ erwiderte Gregory und zerrte zornig an seiner Krawatte.

Olivia versuchte damenhaft ihre Wut zu zügeln.

„Diese unmögliche Person, wie Du sie nennst, mein Lieber, ist zufällig eine meiner besten Freundinnen!“ Sie raffte ihr Kleid und schritt hoch erhobenen Hauptes eilig in den Salon. „Bette, warte bitte!“

 

„Na toll!“

Caitlin maß ihren Vater mit vorwurfsvollem Blick und verschränkte abwartend die Arme vor der Brust.

„Nun Daddy, willst Du uns nicht endlich gratulieren?“

„Gratulieren? Wozu?“ fauchte er unerbittlich. „Zum größten Fehler Deines Lebens?“

„Daddy!“ rief sie entrüstet, doch sein Gesicht blieb verschlossen.

„Entschuldigt mich jetzt bitte, ich muß mich um meine Gäste kümmern. Wir reden später.“

Er ging weg und ließ seine Tochter und deren frischgebackenen Ehemann einfach stehen.

Caitlin starrte ihm fassungslos nach und drehte sich dann zu Cole um.

„Es tut mir so leid...“  begann sie, doch er legte ihr sacht einen Finger auf den Mund.

„Schscht.... ganz ruhig.“ sagte er zärtlich und lächelte verschmitzt. „Wir haben doch beide gewusst, dass Dein Vater begeistert sein würde, nicht wahr? Ich kann damit leben. Fragt sich nur, ob Du es auch kannst, Baby.“

„Oh ja“ erwiderte Caitlin voller Überzeugung und streckte trotzig das Kinn vor, „und ob ich das kann!“

Sie deutete Mark und Sara, die diese ganze Szene mit wachsender Unruhe beobachtet hatten, mit einem Kopfnicken an, ihr zu folgen, hakte sich bei Cole ein und schritt stolz in den Salon, um die ersten Glückwünsche der überraschten Gäste entgegenzunehmen.

 

 

Die Villa der Familie Richards

 

„Es tut mir leid, Bette!“ Olivia fasste nach dem Arm ihrer Freundin und zwang sie auf diese Weise, stehenzubleiben. „Gregory meint es nicht so!“

Bette lachte amüsiert.

„Das solltest Du vielleicht eher Deiner Tochter sagen, meine Liebe.“ erwiderte sie kühl. „Mich kann man nicht so leicht beleidigen, aber Caitlin und ihr überaus charmanter Ehemann sind diejenigen, die Ihr mit Eurem merkwürdigen Verhalten vor den Kopf gestoßen habt!“

Olivia senkte schuldbewusst den Kopf.

„Ja, ich weiß. Ich werde nachher mit Caitlin sprechen, wenn Gregory sich beruhigt hat!“

„Nachher...“ Bette umfasste Olivias Schultern und zwang sie auf diese Art, sie anzusehen. „Soll ich Dir was sagen? Wenn ich eine so großartige Tochter hätte, und die wäre heute hier aufgetaucht und hätte mir verkündet, dass sie den Mut gehabt hat, die Liebe ihres Lebens vom Fleck weg zu heiraten, dann wäre ich vor Stolz und vor Freude auf den Tisch gesprungen und hätte es laut verkündet! Aber nein, die Familie Richards muß erst wieder ein Drama um die Sache machen. Und warum? Weil Seine Durchlaucht, König Gregory, nicht vorher um Erlaubnis gefragt worden ist!“ Sie schnaufte verächtlicht. „Mein Gott, Olivia, nichts ist schlimmer, als so ein egoistischer engstirniger Familientyrann!“

„Ach Bette, er ist doch gar nicht so, wie er immer tut...“ seufzte Olivia, griff sich vom Tablett eines vorübergehenden Kellners ein volles Sektglas und stürzte es in einem Zug hinunter.

„Wow..“ nickte Bette anerkennend. „Das hast Du jetzt gebraucht!“

Die Freundinnen sahen sich einen Augenblick lang schweigend an und brachen dann in lautes Gelächter aus.

 

„Sag mal, warum läufst Du nun wirklich die ganze Zeit über mit dieser unmöglichen Sonnenbrille herum?“ fragte Olivia, als sie sich beide einigermaßen beruhigt hatten.

Bette sah sich vorsichtig um. Als sie sicher war, dass sie keiner der Gäste beobachtete, lüftete sie wortlos die Brille.

„Oh... oh...“ brachte Olivia angesichts der in allen erdenklichen Farben der Natur schillernden Augenpartie heraus, die unter der Brillen- Tarnung zum Vorschein kam. „Bist Du vor einen parkenden Bus gerannt?“

Bette grinste.

„Eine parkende Faust trifft es eher.“

„War er das... Dein neuer Lover?“

„Eric Forrester?“ Bette schüttelte entrüstet den Kopf. „Ich bitte Dich, Olivia... Du kennst ihn doch auch, der würde nie im Leben eine Frau schlagen! Nein, diese nette Kleinigkeit habe ich jemandem ganz anderen zu verdanken.“

Olivia nickte.

„Ah ja, verstehe. Königin Stefanie hat Wind von Eurer Affäre bekommen und fordert mit schlagkräftigen Argumenten ihren Ehemann zurück!“

„Wieder falsch, meine Liebe. Auf Stefanie wäre ich vorbereitet gewesen. Nicht vorbereitet dagegen war ich auf eine Konkurrentin, die anscheinend der Meinung ist, sie habe ältere Rechte auf Eric.“

Olivia zog überrascht die Augenbrauen hoch.

„Und wer sollte das sein?“

„Schätzchen, das errätst Du nie!“

„Komm schon, spuck es endlich aus!“

„Okay, okay.. diese Kampfmaschine stand plötzlich mitten in der Nacht vor unserer Hoteltür, und bevor ich begriff, dass es nicht der Zimmerservice war, hat sie ausgeholt und mir dieses Ding verpasst. Ich solle meine Krallen von Eric lassen, meinte sie, während ich ein wahres Sternenfeuerwerk vor meinen Augen tanzen sah. Dann rauschte sie davon, und der Spuk war vorbei...“

Olivia verdrehte ungeduldig die Augen.

„Bette... wer war sie?“

„Deine alte Freundin Sally Spektra!”

 

 

Venice

 

Es war schon ziemlich spät, als George Carters Luxuslimousine vor dem Haus hielt, in dem John und Meg wohnten.

Sie luden ihr Gepäck aus und verabschiedeten sich herzlich von George und Roger.

Etwas wehmütig blickten beide dem Wagen hinterher, als er langsam die Strasse hinunterrollte und hinter der nächsten Kurve verschwand.

„Bye bye Du schönes Wochenende!“ seufzte John und nahm die Taschen, während Meg die Haustür aufschloss. Schweigend folgte sie ihm nach oben, wo er ihr Gepäck vor ihrer Tür abstellte.

„Da wären wir also wieder in unserem Luxus- Appartementhaus. Ich werde mich unten noch schnell duschen und umziehen, bevor ich in die Klinik fahre. Das wird bestimmt eine lange Nacht.“

Meg nickte.

„Tut mir leid für Dich!“

John lachte.

„Du solltest mich lieber nicht allzu sehr bedauern, denn morgen Abend bist Du selbst mit Nachtschicht dran!“

„Stimmt auch wieder!“ grinste Meg und zwinkerte ihm zu. „Also dann, beeil Dich, Du weißt doch, ohne Dich läuft der Laden nicht!“

„Das kommt mir manchmal auch so vor.“ Er beugte sich vor und küsste sie auf die Wange.

„Gute Nacht, Meg!“

 

Er war schon auf der Treppe, als ihm noch etwas einfiel.

„Morgen Nachmittag erwarte ich eine wichtige Depesche aus Chicago. Unterlagen, die mir ein ehemaliger Kollege zuschicken will, und die ich in der Klinik dringend brauche. Könntest Du vielleicht so lieb sein, und das Päckchen in meiner Wohnung entgegennehmen, falls ich bis dahin nicht zurück bin?“

Meg nickte.

„Klar, kein Problem. Ich nehme mir ein Buch und mach es mir solange auf Deiner Couch bequem.“

John lächelte.

„Vielen Dank, Meg. Bis morgen!“

 

 

Die Villa der Familie Richards

 

Nachdem sich Gregory zur Beruhigung seiner immer noch zum Zerreißen gespannten Nerven einen Cognac an der Bar genehmigt hatte, war er , zumindest nach außen hin, fast wieder der Alte. Geschmeidig lächelnd und durch und durch ein perfekter Gastgeber und Gentleman plauderte er mit seinen Gästen, zeigte sich gespielt zufrieden über die Heirat seiner Tochter und begrüßte auch zwei Neuankömmlinge galant und mit der ihm eigenen Herzlichkeit.

„Oh, unser kühner Liberty- Pilot Casey Mitchum! Herzlich willkommen! Dr. Chang... Sie sehen ganz bezaubernd aus!“

Die Männer reichten sich die Hand, während Rae geschmeichelt lächelte.

„Vielen Dank.“

Mit einer einladenden Handbewegung wies Gregory ins Innere des Hauses.

„Amüsiert Euch gut und fühlt Euch wie zu Hause!“

„Danke, das werden wir.“ erwiderte Casey und nahm Raes Arm. „Bitte sag mir bescheid, falls Du Ben irgendwo siehst!“ flüsterte er ihr zu, und sie nickte.

„Ich glaube, ich weiß, wen ich fragen kann.“

Sie zwinkerte ihm schelmisch zu und steuerte zielstrebig zur Bar hinüber, wo Bette sich gerade angeregt mit Elaine und zwei weiteren Frauen unterhielt.

 

 

Die Villa der Familie Richards

 

Ben war eine Weile ziellos herumgeschlendert und hatte mit diesem und jenen Gast ein paar flüchtige Worte gewechselt, bevor er beschloss, sich für eine Weile aus dem Partytrubel zurückzuziehen. Er trat hinaus auf die dezent beleuchtete Veranda und stellte erleichtert fest, dass diese bisher noch menschenleer war.

Mit dem Glas in der Hand lehnte er sich ans Geländer und genoss die Ruhe und den erfrischend kühlen Nachtwind.

 

Eine herrliche sternenklare Nacht.

Sofort drifteten seine Gedanken in eine bestimmte Richtung.

Meg... wo mochte sie jetzt sein? Fühlte sie sich auch so allein wie er? Stand sie vielleicht auch irgendwo draußen und starrte in den von Milliarden Sternen erleuchteten Himmel?

Da.. eine Sternschnuppe!

„Komm zu mir zurück, Meg!“ flüsterte er. „Das ist der einzige Wunsch, den ich habe!“

 

 

Die Villa der Familie Richards

 

„Hier steckst Du also!“

Erstaunt drehte Ben sich um. Casey lehnte lässig am Türrahmen und grinste etwas unbeholfen. Zum ersten Mal seit ihrer heftigen Auseinandersetzung standen sich die beiden Freunde wieder gegenüber.

„Hallo Ben!“

Bens Gesicht wurde abweisend.

„Casey...“ grüßte er kühl zurück.

Casey kam langsam auf ihn zugeschlendert.

„Rae hatte recht... Du siehst schlecht aus!“

Ben lachte bitter.

„Vielen Dank. Es geht mir auch nicht besonders.“

Sie musterten sich beide ein paar Sekunden lang schweigend, dann versuchte Casey den ersten Schritt.

„Ben, hör mal, ich...“

„Lass gut sein, Casey, bemüh` Dich nicht.“ unterbrach Ben ihn und wandte sich ab. „Ich komme schon klar.“

Casey war mit zwei Schritten bei ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Ben... glaub nicht, dass mir unsere Freundschaft nichts bedeuten würde. Es ist nur so, dass ich einer guten Freundin Diskretion versprach, und wie Du weißt, habe ich noch nie ein Versprechen gebrochen. Das ist gegen meine Prinzipien.“

Ben nickte.

„Ja, das weiß ich, und ich akzeptiere es. Was ich nicht verstehe, ist die Tatsache, dass Du als mein bester Freund Dich von mir abgewandt hast, ohne mir auch nur die Spur einer Chance zu geben, mich zu rechtfertigen. Genauso wie Meg... sie ist ohne ein Wort einfach weggegangen, und alles, was ich will, ist noch einmal mit ihr zu reden, um ein paar Dinge zwischen uns klären.“

Casey zog erstaunt die Augenbrauen zusammen.

„Aber Du hast doch mit ihr geredet! Du hast ihr auf eine sehr unschöne Art zu verstehen gegeben, dass Eure Beziehung für Dich offiziell beendet ist und sie für Dich neben Maria...“

Ben unterbrach Casey, indem er abwehrend die Hände hob.

„Okay, okay... sie hat erfahren, dass Maria ein Kind von mir erwartet, aber das ist doch noch lange kein Grund, einfach wegzulaufen, ohne miteinander zu reden!“

„Und Dein Besuch bei Meg im Surf Center, damals an dem Tag, als sie Sunset Beach verlassen hat?“

„Wovon zum Teufel redest Du? Was hat mein Besuch im Surf Center damit zu tun? Sie war bereits fort, als ich dort war, und Du hast mich behandelt wie einen Schwerverbrecher, anstatt mir zu helfen und mir zu sagen, wo ich sie finden kann!“

Verwirrt schüttelte Casey den Kopf.

„Du warst doch vorher schon einmal da, und danach war Meg total außer sich!“

Nein!“ Ungläubig starrte Ben Caseys an. „Hat sie das etwa behauptet?“

„Ja verdammt nochmal!“ Casey fuhr sich nervös mit den Fingern durch sein widerspenstiges blondes Haar. „Aber egal, wie dem auch sei... Rae und ich sind jedenfalls beide der Meinung, dass Du und Meg unbedingt noch einmal miteinander über alles reden solltest. Und deshalb werde ich gegen alle persönlichen Regeln verstoßen und Dir sagen, wo Du sie findest!“

 

Vieles von dem, was Casey ihm vorwarf, war Ben noch unklar, doch er stellte keine weiteren Fragen, sondern atmete tief durch und nickte erleichtert. Wenn dieser unfähige Privatdetektiv, den er heimlich engagiert hatte, anscheinend nicht in der Lage war, Meg ausfindig zu machen, so würde er jetzt wenigstens von Casey endlich erfahren, wo er sie finden konnte.

„Also gut. Wo ist sie?“

 

„Warte Casey...“ erklang plötzlich eine Stimme hinter ihnen, und beide fuhren erschrocken herum.

In der Verandatür stand Maria und sah mit großen Augen von einem zum anderen.

Ben straffte die Schultern.

„Maria... was tust Du hier?“

„Ricardo hat mich angerufen.“ erwiderte Maria.

„Ricardo?“ fragte Ben irritiert.

Maria atmete erleichtert auf.

„Dann... hat er noch nicht mit Dir gesprochen?“

„Worüber sollte er mit mir sprechen?“

Sie schwieg und nagte nervös an ihrer Unterlippe.

Nach kurzem Zögern trat sie auf Casey zu und legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm.

„Bitte lass mich kurz mit Ben allein, ich habe ihm etwas sehr Wichtiges zu sagen.  Ich glaube, danach wird es Dir leichter fallen, das Versprechen zu brechen, dass Du Meg gegeben hast.“

 

 

Venice

 

Meg hatte eben ihre Wohnungstür aufgeschlossen, als sich die Tür der Nachbarwohnung öffnete.

Misses Housman, eine nette, alleinstehende Dame um die Achtzig, kam herausgeschlurft.

Sie war klein und zierlich und hatte es stets im Kreuz, weshalb sie immer etwas gebückt ging.

„Miss Cummings?“

Meg mochte die alte Dame, auch wenn diese zuweilen etwas neugierig war. Immerhin war sie die Einzige hier in diesem Haus, die man ab und zu mal zu sehen bekam und die sich für ihre Nachbarn interessierte.

„Hallo Mrs. Housman!“ grüßte sie freundlich. „Ich hoffe, ich habe Sie nicht aufgeweckt!“

„Nein Kindchen, ich habe noch nicht geschlafen. In meinem Alter braucht man nicht mehr so viel Schlaf. „Ich wundere mich nur, dass Sie schon zurück sind! Sagten Sie nicht, Sie wären das ganze Wochenende verreist?“

„Es ist leider etwas dazwischengekommen.“ erklärte Meg. „Ich muß morgen arbeiten.“

„Oh, das ist schade. Aber so ist das heutzutage, die fleißigen Leute werden immer ausgenutzt. Eine Schande...“ Misses Housman schob ihre Brille, die ihr auf die Nase gerutscht war, ein Stück höher und blinzelte unter ihren grauen Löckchen hervor.

„Bevor ich es vergesse... Sie hatten heute Besuch. Ein junger Mann. Er war gestern Abend schon einmal da, und vor ein paar Stunden hat er hartnäckig vor Ihrer Tür gewartet. Ich bin dann hinausgegangen und habe ihm gesagt, Sie seien verreist und kämen erst morgen wieder.“

Meg zog erstaunt die Stirn in Falten.

„Ein junger Mann? Hat er irgendwas gesagt?“

„Er war sehr nett und höflich und hat sich bei mir bedankt. Er meinte, er käme nochmal vorbei, wenn Sie wieder zurück sind. Dann ist er gegangen.“

„Wie sah er denn aus?“

Misses Housman verzog nachdenklich das Gesicht.

„Er war groß und schlank, mit dunklem Haar... Wenn ich`s  mir recht überlege, er sah wirklich gut aus. Ein äußerst attraktiver Mann!“

 

Ben“ dachte Meg, und ihr Herz machte sofort einen gewaltigen unkontrollierten Hopser, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte.

„Vielen Dank, Misses Housman!“ sagte sie betont ruhig und rang sich ein verbindliches Lächeln ab. „Wer immer das auch war, er wird sich sicher wieder melden. Gute Nacht!“

Sie schloss schnell die Tür hinter sich, um den neugierigen Blicken der Nachbarin zu entgehen.

„Er war hier... er hat mich gesucht!“ flüsterte sie und lehnte sich verträumt lächelnd an den Türrahmen.

Doch wenige Augenblicke später verdüsterte sich ihre Miene wieder.

Weswegen sollte Ben sie suchen? Er hatte sich doch klar und deutlich für Maria entschieden!

Sicher war nur irgend ein Vertreter an der Tür gewesen, oder jemand vom Krankenhaus, der ihr sagen wollte, dass sie morgen Dienst hatte...

„Hör endlich auf zu träumen, Meg!“ schalt sie sich und begann zielstrebig, ihre Tasche auszupacken, wobei sie den unbekannten Besucher hartnäckig aus ihren Gedanken zu verdrängen versuchte.

 

 

Die Villa der Familie Richards

 

Nachdem Casey die Veranda verlassen hatte, sahen sich Ben und Maria schweigend an.

Maria vermochte Bens prüfendem Blick nicht lange Stand zu halten und senkte schuldbewusst die Augen. Er konnte deutlich spüren, wie nervös sie war.

„Wo bist Du gewesen?“ fragte er streng. „Ich muß dringend über einige Dinge mit Dir reden!“

„Entschuldige...“ murmelte sie leise. „Ich bin einfach verschwunden, weil ich mir eingeredet habe, dass sich damit alle meine Probleme von allein lösen würden. Aber das ist Unsinn. Ich habe dadurch alles nur noch viel schlimmer gemacht. Ricardo hat mir die Augen geöffnet.“

„Von welchen Problemen sprichst Du? Und was hat Dein Bruder damit zu tun?“

„Es geht um mein Baby.“

Er sah sie an.

„Du meinst, unser Baby.“

Maria atmete tief durch und nahm all ihren Mut zusammen.

„Nein Ben. Mein Baby, nicht Deines. Ich habe Dich angelogen.“

 

Die Stille, die darauf folgte, schien endlos.

Ben schaute seine Ex- Frau an, als würde er sie zum ersten Mal in seinem Leben sehen, und dieser Blick traf sie mitten ins Herz.

„Sag doch bitte etwas!“ wisperte sie mit tränenerstickter Stimme.

Ben drehte sich um und starrte in die Nacht. Er hatte sein Glas achtlos beiseite gestellt und seine Hände umklammerten das Geländer so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.

„Ich habe es geahnt...“ flüsterte er kopfschüttelnd. „Ich konnte nichts für dieses Kind empfinden. Irgendwie habe ich geahnt, dass Du mich belügst.“

Abrupt drehte er sich wieder zu ihr um.

„Warum?“ herrschte er sie an. „Nenn mir einen verdammten Grund, warum Du mir das angetan hast?“

Maria stand da wie ein Häufchen Unglück.

„Weil ich Dich liebe und Dich halten wollte. Nur darum...“

„Mit einer Lüge wolltest Du mich halten?“ Er strich sich fassungslos über die Stirn. „Oh mein Gott!“

„Ben, bitte hör mir zu!“

„Nein, Du wirst mir zuhören!“ Er war mit zwei Schritten bei ihr, packte sie fest bei den Schultern und sah ihr in die Augen.

„Du hast unsere Ehe zerstört, in dem Du bei Nacht und Nebel einfach mit meinem Bruder durchgebrannt bist. Ich habe lange, sehr lange gebraucht, bis ich den Schmerz darüber einigermaßen verwunden hatte. Und als ich Meg kennenlernte und mir mein Leben endlich nach Jahren wieder lebenswert erschien, da bist Du plötzlich aus dem Nichts wieder aufgetaucht und hast geglaubt, alles wäre wie früher. Und als das nicht funktioniert hat, hast Du mich dazu gebracht...“

„Nein!“ rief Maria verzweifelt. „Nein Ben, auch das war eine Lüge!“

Er zog erstaunt die Augenbrauen hoch.

„Ach ja?“

Sie nickte verzweifelt.

„Ja... ich hab Dir an dem Abend etwas in den Champagner getan. Ich wußte damals bereits, dass ich schwanger war, und Du solltest glauben, dass...“

„Ich fasse es nicht. Sag mal, wie hinterhältig muß man eigentlich sein, um auf solch eine Idee zu kommen? Du hast wirklich sehr schnell von meinem Bruder gelernt, dass muß man Dir lassen.“ Er sah sie an und kniff nachdenklich die Augen zusammen. „Von wem bist Du nun eigentlich schwanger, Maria?“

Sie wand sich unter seinem festen Griff.

„Du tust mir weh...“ flüsterte sie mit zitternder Stimme.

Der schuldbewusste Blick aus ihren Augen genügte, und Ben verzog schmerzlich sein Gesicht.

„Oh nein... das kann doch nicht wahr sein! Natürlich, jetzt geht mir ein Licht auf! Ein Zwilling sieht aus wie der andere... Du wolltest, dass ich Dereks Baby als mein eigenes großziehe!“ Ben ließ sie so abrupt los, dass sie rückwärts taumelte und sich an einem der Tische halten mußte. Er selbst trat einen Schritt zurück. Angewidert schüttelte er den Kopf.

„Das ist so absolut krank...“

„Ben!“ Maria streckte ihre Hand nach ihm aus, doch er wich noch weiter zurück und seine Augen blitzten voller Verachtung.

„Ich glaube, ich brauche jetzt einen Drink.“

Er griff nach dem noch vollen Glas und stürzte den Inhalt wahllos hinunter. Er spürte weder das darauffolgende Brennen in seiner Kehle, noch hörte er, wie Maria leise die Veranda verließ. Er war wie betäubt.

Minutenlang starrte er in die Dunkelheit, und dann plötzlich, ohne dass er etwas dagegen tun konnte, begann er hysterisch zu lachen, während ihm gleichzeitig Tränen über die Wangen liefen.

Er kam erst wieder zu sich, als ihm jemand mit festem Griff die Hände auf die Schultern legte.

„Ben?“

Er drehte sich um und sah sich Casey gegenüber.

„Ben, was ist los?“

„Gar nichts...“ erwiderte Ben und wischte sich übers Gesicht. „Es war alles ein Irrtum, Casey. Eine riesengroße, gemeine und faustdicke Lüge. Und jetzt mein Freund, jetzt will ich nur noch eines: Ich möchte endlich wissen, wo ich Meg finde!“

 

 

Die Villa der Familie Richards

 

„Du solltest endlich die Hochzeit unserer Tochter offiziell verkünden, Gregory!“ forderte Olivia ihren Ehemann zu später Stunde ungeduldig auf. „Das bist Du ihr schuldig! Die Leute reden sonst...“

„Die reden sowieso schon!“ erwiderte er total sauer. Als er Olivias warnenden Blick sah, fügte er sich grollend.

„Na schön! Wenn das Dein Wunsch ist...“ Er nahm sich ein gefülltes Champagnerglas und gab der Band ein Zeichen. Die hörte augenblicklich auf zu spielen, und sofort trat Stille ein.

 

„Liebe Gäste!“ begann Gregory. „Heute ist für die Familie Richards ein ganz besonderer Abend, den keiner von uns so schnell vergessen wird.

Nicht nur die Einweihung unseres neuen Hauses gilt es zu feiern, auch ein anderes wichtiges Ereignis hat uns alle überrascht...“

 

Der Türgong unterbrach seine Rede.

Rose kam kurz darauf hereingeeilt und flüsterte Olivia aufgeregt etwas zu. Sekunden später betraten zwei Polizisten in Uniform, sowie ein Detective vom Police Departement in Begleitung von Chief Harris den Salon.

„Guten Abend allerseits.“ grüßte der Detective pflichtbewusst. „Wir bitten die späte Störung zu entschuldigen, Herrschaften...“

„Darf ich fragen, was dieser Überfall zu bedeuten hat?“ fragte Gregory verärgert und beunruhigt zugleich.

„Das werden wir Ihnen sofort sagen, Sir.“

Er gab den beiden Polizisten ein Zeichen, worauf diese sich links und rechts neben dem Hausherrn postierten.

„Was zum Teufel...“ begann Gregory wütend, doch Chief Harris unterbrach ihn ungerührt:

„Mister Richards, ich verhafte Sie hiermit wegen mutwilliger Zerstörung von öffentlich geschütztem Gelände, wegen des Verdachtes auf schwere Körperverletzung in zwei Fällen und wegen Anstiftung zum Mord.“

 

„Waaas?“

Olivia war mit wenigen Schritten bei ihrem Mann.

„Was soll das heißen, Detective?“ fragte sie entsetzt. „Ich verstehe das nicht.. Was genau wirft man meinem Mann vor?“

„Die Unterschlagung von Plänen, die besagen, dass in Wirklichkeit mehr Strandhöhlen vorhanden sind als angegeben, was zum Einsturz einer Höhle geführt hat.“ begann der Detective aufzuzählen und ließ Gregory dabei nicht aus den Augen. „Weiterhin der illegale Auftrag zur Sprengung jener Strandhöhle, die den Strand mit dem DEEP verband. Hinzu kommt noch...“

„Du warst das?“ Fassungslos starrte Caitlin ihren Vater an. „Du hast die Höhle sprengen lassen, in der ich verschüttet wurde?“

 

Bevor es irgend jemand verhindern konnte, hatte sich Cole einen Weg durch die Menge gebahnt und packte Gregory wütend am Jackett.

„Sie elender Mistkerl! Sie hätten um ein Haar Ihre eigene Tochter umgebracht!“

„Cole... nicht!“ schrie Caitlin erschrocken, und die bereitstehenden Officer konnten gerade noch verhindern, dass die beiden Männer aufeinander losgingen.

Gewaltsam zerrten sie Cole von Gregory weg. Der rückte erschrocken und unangenehm berührt seine Krawatte zurecht. Das Ganze war wirklich oberpeinlich!

„Ich verlange, dass Sie sofort mein Haus verlassen!“ herrschte er Chief Harris und ihre Kollegen an. „Ihr Auftritt ist absolut unsinnig!“

„Was hier unsinnig ist und was nicht, wird sich noch klären.“ erwiderte Harris. „Machen Sie keine Schwierigkeiten, Mr. Richards und folgen Sie uns jetzt aufs Revier!“

„Ich denke nicht daran!“ brüllte Gregory außer sich vor Wut. „Verschwinden Sie auf der Stelle, oder ich sorge dafür, dass Sie ab morgen nur noch die Gosse vor dem Revier kehren dürfen!“

 

„Schluss jetzt!“ donnerte der Detective. „Klärt ihn über seine Rechte auf, damit wir endlich gehen können!“

„Mich braucht niemand über meine Rechte aufzuklären, ich bin selber Anwalt!“

„Um so besser. Los geht’s!“

Der Aufforderung seines Vorgesetzten folgend ratterte der Officer monoton den gewünschten Text herunter.

„Sie haben das Recht zu schweigen...“

 

Gregory hörte gar nicht hin. In seinem Kopf wirbelten die Gedanken wild durcheinander, während sich die Handschellen unerbittlich um seine Handgelenke schlossen.

„Kommen Sie!“ Der Officer packte seinen Arm.

Mit einem energischen Ruck befreite sich Gregory aus seinem Griff.

„Fassen Sie mich nicht an!“ fauchte er und blickte wütend in die Runde. „Das werdet Ihr mir büßen, verdammt!“

 

Fassungslos starrten alle auf die Tür, als er von den Polizisten nach draußen geführt wurde.

Man hätte eine Stecknadel fallen hören, so still war es plötzlich im Raum.

Der Detective trat auf Ben zu, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte.

„Mr. Evans?“

„Ja?“

„Ich muß Sie bitten, uns ebenfalls zu begleiten. Als Geschäftspartner von Mr. Richards und gleichberechtigter Teilhaber benötigen wir Ihre Aussage und haben einige wichtige Fragen an Sie.“

„Kann das nicht warten?“ fragte Ben etwas ungehalten. „Ich habe noch eine dringende Verabredung!“

„Tut mir leid, aber ich muß darauf bestehen.“ erwiderte der Detective streng und blickte in die Runde. „Ist eine Miss Rodriges anwesend?“

„Sie hat die Party bereits verlassen, Sir.“ erwiderte Rose eilig.

„Na gut, dann befragen wir sie morgen. Gehen wir, Mr. Evans.“

Mit einer Handbewegung bedeutete der Detective Ben, ihm vorauszugehen.

 

„Einen Augenblick bitte!“

Ben trat zu Olivia, die bleich wie ein Gespenst an der Wand lehnte.

„Kommst Du klar?“ fragte er sie leise, und sie nickte mechanisch.

„Ich habe ja Caitlin.“ Hilfesuchens blickte sie sich nach ihrer Tochter um. „Du bleibst doch da, oder?“

Caitlin nickte.

„Natürlich bleiben wir bei Dir, Cole und ich.“ erwiderte sie mit fester Stimme. „Du kannst ja nichts dafür!“

Dann wandte sie sich an die umstehenden Gäste.

„Meine Herrschaften, ich darf Sie jetzt im Namen meiner Eltern bitten zu gehen. Die Party ist zu Ende!“

 

Ben folgte dem Detective nach draußen.

„Wie lange wird das alles denn dauern?“ fragte er vorsichtig.

Der Beamte zuckte die Schultern.

„Das kommt auf die Umstände an.“ erwiderte er vage. „Wenn Mr. Richards sich kooperativ zeigt, wird sich alles relativ schnell klären.“

`Der zeigt sich mit Sicherheit nicht kooperativ!`  dachte Ben resigniert und malte sich in Gedanken wehmütig aus, wie dieser verrückte Abend eigentlich für ihn hätte enden können.

 

`Warte auf mich, Meg!` dachte er sehnsüchtig. `Ich bin so bald wie möglich bei Dir, Liebling!`

 

 

Sunset Inn

 

Kurz vor Mitternacht betrat Derek sein Hotelzimmer. Die Beleuchtung ließ er aus.

Die Laternen der Strandpromenade draußen tauchten den dunklen Raum in ein spärliches Licht, doch das genügte ihm.

Er zog sein Jackett aus und warf es achtlos auf die Couch. Dann ging er zum Fenster und öffnete es weit.

Während die kühle Nachtluft ins Zimmer strömte, atmete er tief durch und starrte zufrieden lächelnd in die Nacht hinaus.

Ein leises Klopfen an der Tür ließ ihn herumfahren.

„Ja bitte?“

Cynthia trat ein und blinzelte in die Dunkelheit.

„Derek?“

„Was gibt’s?“

„Warum stehst Du hier im Dunkeln?“

„Weil mir so ist.“

„Kann ich das Licht einschalten?“

„Nein.“

Er hörte, wie sie beleidigt die Luft einsog.

„Wo warst Du den ganzen Tag? Ich konnte Dich nirgends erreichen!“ meinte sie vorwurfsvoll.

„Ich kann Dich erreichen, das ist genug. Also, was gibt es Wichtiges?“

„Ich komme soeben von der Richards- Party. Noch habe ich zwar keine konkreten Beweise, aber ich spüre, dass in der Firma irgend etwas vorgeht.“

„Und was?“

„Keine Ahnung, aber Ben war heute Vormittag in Gregorys Zimmer und hat irgend etwas gesucht. Ich weiß auch nicht, aber ich habe das Gefühl, er misstraut ihm und sucht nach Beweisen, um seinen Partner festzunageln.“

„Ich würde Gregory Richards auch nicht trauen.“ erwiderte Derek sarkastisch. „War das alles?“

„Ja...“

„Gut, ich danke Dir, Cynthia. Gute Nacht!“

Sie blieb einen Augenblick lang zögernd stehen und verließ dann wortlos das Zimmer.

Derek drehte sich wieder um und starrte weiter hinaus.

 

Wen interessierte die Firma! Im Augenblick gab es weitaus wichtigere Dinge für ihn...

 

„Du läufst nicht länger vor mir davon, Meg Cummings. Irgendwann musst Du ja von Deinem Wochenendtrip zurückkommen, und dann werde ich da sein...“