KAPITEL 86

Ein überraschender Anruf

 

 

John Carters Wohnung in Venice

 

Meg verbrachte wie verabredet den Nachmittag in Johns Wohnung, um die für ihn so wichtige Postsendung entgegenzunehmen, die er erwartete. Da sie sowieso bis zu ihrer Spätschicht nichts Wichtiges zu tun hatte, vertrieb sie sich die Zeit mit Saubermachen und Fensterputzen. So war sie beschäftigt und mußte wenigstens nicht ständig über Dinge nachdenken, die sich sowieso nicht mehr ändern ließen.

 

Sie war gerade fertig, als es draußen läutete.

In der Hoffnung, es sei der erwartete Postbote, riß Meg die Tür auf.

Draußen stand eine zierliche junge Frau mit schulterlangem dunklen Haar, das von hellen Strähnen durchzogen war. Sie trug Blue Jeans, ein helles Shirt und trotz der Hitze darüber noch einen dunkelblauen Blazer. Neben sich hatte sie einen großen Reisekoffer abgestellt. Ihre lebhaften blauen Augen fixierten Meg erstaunt.

„Hi... ich wollte eigentlich zu John... John Carter! Ich muß mich wohl in der Adresse geirrt haben... Entschuldigen Sie bitte...“

Meg war ebenso überrascht, lächelte jedoch spontan und nickte der jungen Frau aufmunternd zu.

„Nein, bitte warten Sie... Das ist die richtige Adresse. Sind Sie... eine Freundin von John?“

Die junge Frau spitzte die Lippen. Es sah aus, als müsse sie ihre Antwort erst einen Augenblick lang abwägen, bevor sie zögernd nickte, während sie Meg etwas irritiert musterte.

„Ja... ja, das war ich zumindest. Seine Freundin. Mein Name ist Abby Lockhart. Ich komme aus Chicago.“

 „Abby“ lächelte Meg überrascht und reichte der jungen Frau, die ihr auf Anhieb sympathisch war, die Hand. „Ich bin Meg Cummings. John hat mir von Ihnen erzählt. Bitte, kommen Sie herein.“

 

John Carters Wohnung in Venice

 

Abby nahm den Koffer auf.

„Entschuldigen Sie, aber ich bin etwas überrascht, dass John Ihnen von mir erzählt hat.“ sagte sie, während sie Meg etwas zögernd ins Wohnzimmer folgte.

„Kommen Sie direkt vom Flughafen?“ fragte Meg, Abbys letzte Bemerkung bewusst ignorierend und wies auf die gemütliche kleine Sitzecke. „Bitte nehmen Sie doch Platz,“

Abby setzte sich und sah sich aufmerksam um.

„Ja, ich bin vorhin erst angekommen und mit einem Taxi direkt hergefahren.“

„Dann sind Sie bestimmt durstig. Möchten Sie ein Glas Mineralwasser?“

„Gerne.“ nickte Abby und zog endlich den Blazer aus. „Es ist ungewohnt heiß hier in Kalifornien.“

„Oh ja“ lachte Meg. „Aber man gewöhnt sich sehr schnell daran.“

Sie ging in die Küche und holte das Mineralwasser.

„Johns Schicht ist eigentlich schon zu Ende. Falls er nicht wieder Überstunden machen muß, dürfte er jeden Moment hier sein. Weiß er, dass Sie ihn besuchen?“ fragte sie, während sie das gefüllte Glas vor Abby auf den Tisch stellte und sich zu ihr setzte.

„Nein, ich wollte ihn überraschen.“ Abby lächelte etwas gequält. „Stattdessen bin ich es nun, die überrascht ist. Darf ich Sie etwas fragen, Meg?“

„Aber ja, gerne.“

„Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, wenn ich vielleicht etwas direkt bin, aber eine Frage beschäftigt mich natürlich, nachdem ich Sie hier in Johns Wohnung vorfinde.“ Abby sah Meg mit großen Augen an. „Wer sind Sie für ihn?“

Meg lächelte und es fiel ihr nicht schwer, Abbys prüfendem Blick standzuhalten.

„Nun ja, das läßt sich nicht mit einem Satz beantworten, fürchte ich. Wir arbeiten zusammen im selben Krankenhaus. Ich bin seine Kollegin.“

Nur seine Kollegin?“

„Ich möchte ebenfalls ganz offen zu Ihnen sein, Abby. John und mich verbindet eine sehr tiefe Freundschaft, obwohl... ich bin mir nicht sicher, ob ich bisher für ihn wirklich so eine gute Freundin gewesen bin, wie er es eigentlich verdient hätte. Ich glaube, ich bin wohl eher sein... Schützling. Er hat mir geholfen, als es mir schlecht ging. Ohne ihn hätte ich die letzten Wochen nicht überstanden. John ist momentan für mich der beste Freund, den ich habe.“

„Also nur ein Freund...“ meinte Abby nachdenklich.

Meg nickte.

„Nicht mehr... aber auch nicht weniger. In dieser Millionenstadt, unter all den fremden Menschen kann man sehr allein sein. Da ist es ein großes Glück, einen Freund wie ihn zu haben.“ Meg machte ein kurze Pause, bevor sie nun ihrerseits eine Frage stellte. „Und wie steht`s mit Ihnen, Abby?“

„Was meinen Sie?“

„Nun, wo wir einmal dabei sind, offen zu reden, wie stehen Sie zu John, wenn ich fragen darf?“

Abby lächelte.

„Da er Ihnen von mir erzählt hat, werden Sie sicher wissen, dass wir in Chicago zusammenwaren.“ Ihr Lächeln wurde gequält und wehmütig. „Ich war schuld, dass es nicht funktioniert hat. Ich hab`s gründlich vermasselt. Aber vielleicht ist es ja noch nicht zu spät.“

„Tja, vielleicht... Aber ich denke, das müssen Sie ihn schon selbst fragen.“ meinte Meg und Abby nickte. 

„Deshalb bin ich hier...“

 

In diesem Moment wurde draußen die Tür geöffnet.

Meg zwinkerte Abby verschwörerisch zu.

„Da ist er ja schon. Na dann... ich wünsche Ihnen viel Glück!“ Sie stand auf und ging hinaus auf den Flur.

„Hi Doktor Carter.“ begrüßte sie John mit einem geheimnisvollen Lächeln. „Deine Postsendung ist leider bisher noch nicht abgegeben worden. Aber dafür ist etwas anderes hier gelandet...“ Sie grinste und wies auf die Wohnzimmertür. „Ich verschwinde dann mal. Meine Schicht fängt bald an. Bis später!“

 

Erstaunt blickte John ihr nach, bis sie die Tür hinter sich geschlossen hatte.

Dann drehte er sich um und ging neugierig zum Wohnzimmer hinüber.

Er öffnete die Tür und blieb wie angewurzelt stehen.

„Abby?“ fragte er ungläubig und während sein Herz ein paar total unkontrollierte Sprünge zu machen schien, starrte er sie an, als habe er einen Geist vor sich.

Sie stand lächelnd auf und ging langsam auf ihn zu.

„Hallo Carter! Lange nicht gesehen...“

 

 

Liberty Corporation

 

„Verdammt!“

Wütend strich sich Ben über die Stirn und blickte zum hundertsten Male auf seine Uhr. Er hätte schon lange bei ihr sein können... in LA, bei Meg. Jetzt, nachdem er endlich erfahren hatte, wo sie sich aufhielt, wollte er nur noch das eine: sie endlich wiedersehen, ihr sagen, wie sehr er sie liebte und sie vermisst hatte, alle Zweifel und Missverständnisse beseitigen, die sie beide quälten.

Aber ausgerechnet heute ging hier alles drunter und drüber.

Die Staatsanwaltschaft hatte nach Gregorys gestriger Verhaftung einen Durchsuchungsbefehl für die LC erwirkt, die sich nicht nur auf das Büro des Verdächtigen beschränkte. Die verantwortlichen Beamten waren seit Stunden damit beschäftigt, jede Akte zu durchforsten und jedes noch so belanglose Schriftstück genau unter die Lupe zu nehmen. Dabei gingen sie nicht gerade behutsam vor, sondern schienen ein perverses Vergnügen dabei zu empfinden, die tadellos aufgeräumten Büroräume binnen kürzester Zeit in ein wildes Chaos zu verwandeln.

Gregorys Inhaftierung selbst kam in Sunset Beach einer Sensation gleich. Sämtliche Boulevardblätter stürzten sich wie wild auf die Schlagzeilen, die sich ihnen unverhofft boten und die Telefone im Büro standen keine Minute still.

Ronda und Elisabeth waren hoffnungslos überfordert und standen beide kurz vor einem Nervenzusammenbruch, weil sie hilflos mit ansehen mußten, wie ihre wohlbehütete Büroordnung von den Beamten des Staatsanwaltes völlig zunichte gemacht wurde.

„Mister Evans, können wir denn gar nichts dagegen tun?“ fragte Ronda, den Tränen nahe.

Ben zuckte zunächst nur bedauernd die Schultern.

„Ich fürchte nein. Im Augenblick können wir uns wirklich nur so kooperativ wie möglich verhalten, um das ganze Geschehen in Grenzen zu halten.“

„Was für Grenzen?“ fauchte Elisabeth und stürzte wütend zu ihrem Schreibtisch, den der eine Beamte soeben zu öffnen versuchte. „Finger weg, da oben sind meine privaten Sachen drin!“

„In diesem Büro gibt es ab sofort keine privaten Sachen mehr, Gnädigste!“ belehrte sie der Beamte ungerührt und streckte die geöffnete Hand aus. „Den Schlüssel für die Schublade, sonst muß ich sie aufbrechen lassen.“

„Unterstehen Sie sich...“ Widerstrebend händigte ihm die Chefsekretärin ihren Schlüsselbund aus. „Ich merke, wenn etwas von meinen Sachen fehlt!“ knurrte sie drohend, und Ben mußte wider Willens grinsen.

„Beruhigen Sie sich, Liz“ meinte er und legte ihr seine Hand auf die Schulter. „Ich würde vorschlagen, Sie und Ronda gehen für eine Weile hinunter in die Cafeteria und machen erst einmal eine Pause.“

Der Polizist, der am Fahrstuhl stand, hob warnend die Hand.

„Hier darf keiner raus, bis...“

Ben zog die Stirn in Falten.

„Meine Mitarbeiter gehen jetzt einen Kaffee trinken.“ sagte er ruhig, aber bestimmt. „Ich verbürge mich dafür, dass beide in einer Stunde wieder hier sind. Und wenn Sie ein Problem damit haben, können Sie die Damen ja begleiten.“

Der Polizist räusperte sich verlegen.

„Ich habe meine Anweisungen, Sir...“

„Niemand verläßt das Büro und damit basta!“ donnerte der eine Beamte unfreundlich.

Ben zog die Stirn in Falten und seine Stimme klang deutlich schärfer als vor ein paar Sekunden, als er sich langsam umwandte:

„Sie sollten in Ihrem Übereifer nicht vergessen, dass keiner der hier Anwesenden irgend eines Vergehens beschuldigt wird. Wir sind aus freien Stücken hier, um die Untersuchungen zu unterstützen. Sie sind nur im Auftrag Ihres Vorgesetzten, des Bezirksstaatsanwaltes hier, und ich bin mir nicht sicher, ob er Ihr Benehmen vor allem den Damen gegenüber gutheißen würde, Also verhalten Sie sich entsprechend angemessen, ansonsten muß ich Sie daran erinnern, dass auch meine Geduld Grenzen hat!“

Der Beamte war für einen Moment sprachlos. Insgeheim mußte er sich jedoch eingestehen, dass er seine Kompetenzen wohl etwas überschritten hatte, denn er gab dem Polizisten an der Tür widerwillig ein Zeichen.

„Lassen Sie die Damen gehen, Cooper. Mister Evans verbürgt sich persönlich dafür, dass sie das Gebäude nicht verlassen.“

Elisabeth sog empört die Luft ein.

„Mister Evans verbürgt sich persönlich dafür...“ äffte sie den Beamten nach und verzog wütend das Gesicht. „Eine bodenlose Frechheit, was Sie sich hier herausnehmen! Wenn das alles hier vorbei ist, wird Mister Evans Ihnen persönlich in den Hintern treten, dafür verbürge ich mich! Und wenn Mister Richards erst wieder hier ist, dann...“

„Das reicht, Liz!“ lachte Ben und schob Gregorys vor Empörung zitternde Sekretärin zum Ausgang. „Trinken Sie einen Tee, am besten mit einem Schuss Rum, zur Beruhigung!“

Als sich die Fahrstuhltüren hinter den Damen geschlossen hatten, atmete Ben tief durch und warf erneut einen Blick zur Uhr. Sekunden später war er drüben am Schreibtisch und hieb mit der Faust so heftig auf die Tischplatte, dass der immer noch dort beschäftigte Beamte erschrocken innehielt.

„So, Schluss mit diesem Theater! Verbinden Sie mich mit dem Bezirksstaatsanwalt, Ihrem Chef.“

„Was?“ Der Beamte starrte ihn ungläubig an. „Aber Sie wissen, das wir einen amtlich beglaubigten Durchsuchungsbefehl...“

Ben stützte sich mit beiden Armen auf dem Schreibtisch, beugte sich vor und funkelte den Mann drohend an.

„Es ist mir egal, ob Sie auf grund dieses beglaubigten Wisches hier den Mörtel aus den Fugen kratzen oder das Gebäude abreißen...“ sagte er gefährlich leise, „Ich weiß nicht, welcher Vergehen sich mein Partner schuldig gemacht haben soll, ich selbst aber habe mir nicht das Geringste vorzuwerfen. Das einzige, was ich habe, ist ein absolut dringender Termin, der keinen Aufschub duldet und von dem mehr als nur meine geschäftliche Existenz abhängt. Und wenn ich nicht in spätestens einer Stunde dieses Büro endlich verlassen kann, dann werde ich dafür sorgen, dass Sie für den Rest Ihrer Tage Büros wie diese säubern, anstatt sie sinnlos zu verwüsten! Habe ich mich klar ausgedrückt?“

Die Männer starrten einander sekundenlang feindselig an, dann schluckte der Beamte mühsam und nickte nur stumm, während er zum Telefon griff und die Nummer seines Chefs eintippte.

„Na also.“ Ben entspannte sich und lächelte. „Warum nicht gleich so...“

 

 

 

Liberty Corporation

 

Wütend starrte Derek auf das Faxgerät in Cynthias Hotelzimmer.

„Komm schon, spuck endlich die Papiere aus, Du dämlicher Kasten!“ knurrte er und sah ungehalten zur Uhr. Um diese Zeit wäre er längst weggewesen, auf dem Weg nach LA, zu Meg. Inzwischen mußte sie ja wieder zurück sein von ihrem Wochenendausflug.

Bei diesem Gedanken überzog für einen Moment ein zynisches Lächeln sein angespanntes Gesicht.

Oh, sie würde sicher sehr überrascht sein ihn zu sehen, die kleine Meg, und ehe sie begriffen hätte, dass er nicht der Mann war, für den sie ihn hielt, säßen sie beide längst im Flugzeug nach Venezuela, wo er ein reicher Mann war und ihnen die ganze Welt offen stand. Und mit Hilfe seiner mächtigen Firma in Caracas und den von Cynthia erworbenen Anteilen an der LC würde es ein Kinderspiel für ihn sein, seinen Bruder Ben endlich fertigzumachen.

Für immer.

Es klang wirklich einfach, wenn nicht vor ein paar Stunden der Anruf von Cynthia gekommen wäre. Sie saß in der LC fest, weil die Staatsanwaltschaft nach der Verhaftung Gregory Richards zur Stunde dort alles durchsuchte.

Cynthia hatte ihm mitgeteilt, dass ihr Kontaktmann in Caracas sie telefonisch darüber informiert habe, dass es bei CASTILLO CORPORATIONS Probleme gäbe.

„Du musst Dich unbedingt sofort mit der Geschäftsleitung in Verbindung setzen, Derek!“ hatte sie ihm aufgeregt erklärt. „Am besten wäre es, Du würdest sofort hinfliegen!“

„Unmöglich!“ hatte er verärgert geantwortet. „Ich habe jetzt für so etwas keine Zeit!“

„Dann verlierst Du vielleicht Deine Firma!“  warnte ihn Cynthia eindringlich und erläuterte ihm die Gründe für ihre Vermutungen.

Derek fluchte. Ausgerechnet jetzt!

Nein, die Firma und damit einen Großteil seines neu erworbenen Vermögens zu verlieren, wollte er nun doch nicht riskieren. Schließlich wollte er in der Zukunft mit Meg ein angenehmes Leben führen.

Cynthia, die sich in seiner Firma besser auskannte, als jeder andere, riet ihm schließlich, was genau er zu tun hatte. Er tätigte also laut ihrer Anweisung einige entsprechende Anrufe und wartete nun ungeduldig auf die Papiere, die sein Firmenanwalt ihm zum Unterschreiben faxen wollte. Als nach einer Stunde immer noch nichts angekommen war, rief Derek noch einmal in Caracas an.

„Tut mir leid, Mr. Castillo, aber so schnell geht das nicht. Ich muß erst alle notwendigen Unterlagen zusammensuchen, um das entsprechende Formular aufzusetzen, dass Sie unterzeichnen müssen!“ erklärte ihm der Anwalt wichtig.

Derek unterdrückte mühsam seine Wut.

„Wer ist Ihrer Meinung nach für dieses Desaster verantwortlich?“ erkundigte er sich so ruhig wie möglich.

„Nun ja, so einfach ist das nicht... Wenn man es genau überlegt...“

„Wofür bezahle ich Sie eigentlich?“ brüllte Derek ins Telefon. „Den Namen! Sofort!“

Der Anwalt räusperte sich erschrocken und nannte ihm die Namen zweier Mitglieder der Geschäftsleitung. „Zumindest ist durch die Aktivitäten dieser beiden Herren...“

„Entlassen!“ unterbrach ihn Derek. „Alle beide.“

„Aber Mister Castillo, es handelt sich immerhin um ehemals enge Vertraute Ihrer verstorbenen Frau ...“

„Entlassen!“ wiederholte Derek mit eisiger Stimme. „Sofort! Habe ich mich klar ausgedrückt?“

„Ja, Mister Castillo.“

„Gut. Und in spätestens einer Stunde erwarte ich die erforderlichen Papiere zum Unterzeichnen. Keine Minute später, sonst sorge ich persönlich dafür, dass Sie in Zukunft höchstens noch Eheverträge annullieren dürfen, Herr Anwalt!“

„Ich werde Ihnen die Papiere umgehend zufaxen, Mister Castillo. Sie können sich darauf verlassen!“ beeilte sich der Jurist zu sagen.

Derek legte den Hörer auf und grinste zufrieden.

„Na also. Warum nicht gleich so...“

 

 

 

Centinela Hospital Notaufnahme

 

„Meg, da ist ein Anruf für dich auf Leitung drei...!“ rief die Schwester am späten Nachmittag vom Empfangstresen aus, als Meg gerade das Ultraschallgerät in eines der Behandlungszimmer bringen wollte.

„Wer ist dran?“ fragte sie im Vorübergehen neugierig und blieb kurz stehen.

„Keine Ahnung. Die Dame wollte ihren Namen nicht nennen, aber es scheint wohl wichtig zu sein!“

Meg zuckte bedauernd mit den Schultern.

„Tut mir leid, aber das wird warten müssen. Ich kann jetzt nicht. Sie soll später nochmal anrufen.“

Die Schwester rollte gutmütig mit den Augen, kam flink hinter dem Tresen hervor und nahm ihr das Gerät ab.

„Du hast zwei Minuten. Na los, geh schon, ich erledige das hier für Dich!“

„Danke“ lächelte Meg und war mit wenigen Schritten beim Telefon.

„Hallo?“

„Na das wurde auch langsam Zeit.“ schnaufte eine weibliche Stimme ungeduldig. „Meg Cummings?“

„Wer spricht denn da?“

„Hab ich doch mal wieder den richtigen Riecher gehabt! Unser Wandervögelchen hat sich in LA niedergelassen, und auch noch am Airport, damit es im Notfall schnell weiterfliegen kann!“

Die Stimme am anderen Ende lachte kehlig und kam Meg plötzlich sehr bekannt vor.

„Annie? Annie Douglas, sind Sie das?“

„Bingo, richtig geraten, Schätzchen!“

„Woher... ich meine... wie haben Sie mich gefunden?“

Wieder lachte Annie.

„Dazu gehört nun wirklich nicht allzu viel, meine Liebe. Nur ein klein wenig gesunder Menschenverstand und ein paar gute Bekannte, die mir noch was schuldig waren. Und bevor Sie mich jetzt als nächstes fragen, wem ich alles erzählt habe, wohin Sie sich verkrümelt haben, muß ich Sie enttäuschen: sogar Annie Douglas kann ein Geheimnis für sich behalten!“

Meg schluckte mühsam.

Wenn es für Annie wirklich so einfach gewesen war, sie aufzuspüren, dann könnte auch Ben... nun, jeder könnte sie finden, wenn er wollte!

Annie schien ihre Gedanken erraten zu haben.

„Sie fragen sich jetzt sicher, weshalb ich Sie eher gefunden habe als Ben?“

„Ben sucht nach mir?“ forschte Meg vorsichtig.

„Meine Güte, Sie sind naiver, als ich dachte. Natürlich sucht er Sie... Das er Sie noch nicht gefunden hat, ist relativ einfach zu erklären: Verliebte Männer können nicht logisch denken, und unser gemeinsamer Freund scheint da ein besonders schwieriger Fall zu sein.“

Meg spürte, wie ihr Herz unkontrolliert zu rasen begann. Vergeblich versuchte sie, wenigstens einen Teil ihrer inneren Ruhe wiederzufinden.

„Was wollen Sie, Annie? Weshalb rufen Sie mich an?“

Annie stöhnte am anderen Ende der Leitung schmerzlich auf.

„Noch eine, die schwer von Begriff ist! Dreimal dürfen Sie raten, Wandervögelchen!“

Meg atmete tief durch.

„Annie, falls Sie sich die ganze Mühe nur gemacht haben, um mich zu beleidigen, dann können wir uns jedes weitere Wort sparen. Ich habe nicht viel Zeit...“

„Ich will Sie nicht beleidigen, Meg.“ erwiderte Annie plötzlich in ernstem Tonfall. „Das wollte ich nie. Ich rufe Sie an, um Ben zu helfen. Und Ihnen...“

Irritiert zog Meg die Stirn in Falten.  

„Was... was soll das heißen... uns helfen?“

„Kleine Meg...“ meinte Annie gedehnt, „Sie leben erst seit kurzer Zeit in dieser Gegend und kennen manche Leute nicht einmal halb so gut wie ich.“

„Reden Sie von Ben?“

„Schätzchen, ich rede von Maria Torres- Evans, Bens Fehltritt Nummer Eins, die angeblich nach einer leidenschaftlichen Liebesnacht mit ihrem Ex ein Kind von ihm erwartet!“

„Angeblich?“ fragte Meg und lauschte atemlos.

„Ganz richtig... Angeblich. Ich habe mal ein wenig recherchiert, und es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn die gute Maria ein ganz und gar falsches Spielchen spielt.“

„Können Sie beweisen, was Sie da sagen?“

„Beweisen?“ Annie lachte spöttisch. „Ich kenne Maria lange genug, um zu wissen, dass sie ein durchtriebenes Miststück ist. Und es ist schon etwas mehr als ein dummer kleiner Zufall, dass sie am Tag vor besagter Nacht in der Apotheke Schlaftabletten kauft, die so stark sind, dass sie einen ausgewachsenen Mann für gut ein paar Stunden völlig aus den Latschen kippen lassen, so dass man ihm hinterher sogar eine heiße Liebesnacht einreden kann, von der er nichts mehr weiß.“

„Ist diese Vermutung nicht etwas gewagt?“

„Vielleicht... vielleicht aber auch nicht. Denn meine nächste Vermutung übertrifft die erste noch: Was würden Sie sagen, wenn Maria schon länger schwanger wäre, als sie zugibt?“

Meg mußte sich setzen.

„Das... das würde ja bedeuten...“

„Ja genau. Na endlich klingelt`s bei Ihnen!“

„Annie..., woher um alles in der Welt wissen Sie das alles?“ stammelte Meg.

„Glauben Sie etwa, ich binde Ihnen meine Quellen auf die Nase, Kindchen? So sympathisch sind Sie mir nun auch wieder nicht...“

Wider willens mußte Meg lächeln.

„Warum tun Sie das, Annie? Ich meine... Sie müssten sich doch freuen, dass Ben und ich nicht mehr zusammen sind. Das war es doch, was Sie die ganze Zeit über wollten!“

Annie schnaubte verächtlich.

„Was wissen Sie denn schon von mir! Ich habe Ben immer geliebt, schon als ich noch ein Teenager war und er damals hier in Sunset Beach auftauchte. Ich wollte stets das Beste für ihn, und dass ihm Maria Torres nur Unglück bringen würde, habe ich vom ersten Augenblick an gewusst. Als sie ihn dann verlassen hat, hoffte ich, endlich eine Chance bei Ben zu haben, aber nein... er wollte mich nicht. Er wollte mich nie... Ich war für ihn nur die gute Freundin, die immer da war. Tja...“ Annie seufzte am anderen Ende der Leitung leise, bevor sie fortfuhr: „Und dann kamen Sie... Ich spürte damals sofort, es hat ihn voll erwischt. Ich glaube, zu diesem Zeitpunkt habe ich endlich begriffen, dass aus Ben und mir niemals ein Paar werden würde. Und nun leidet er, weil Sie ihm einfach davongelaufen sind. Er leidet ganz furchtbar, und das kann ich nicht tatenlos mit ansehen...“

Megs Stimme zitterte leicht, als sie antwortete:

„Aber ich bin ihm nicht einfach so davongelaufen, Annie. Er war bei mir und hat mir gesagt, dass er sich für Maria und das Baby entschieden hat.“

„Ben war bei Ihnen und hat Ihnen so etwas gesagt? Mmh... das ist interessant. Da wären wir nämlich bei der anderen Sache, über die ich nachgedacht habe. Hier passt was nicht so ganz zusammen.“

„Erklären Sie es mir bitte?“

„Ich habe lange darüber nachgegrübelt, und mit Sicherheit sind Sie schuld an meinem ersten grauen Haar, aber auch wenn Jude mich für komplett verrückt hält, ich bin mir ganz sicher. Ich habe ihn gesehen!“

„Wen haben sie gesehen?“ fragte Meg irritiert.

„An jenem Abend, als Sie sich mit Ben verlobt haben, war er da die ganze Zeit über bei Ihnen im DEEP? Den ganzen Abend?“

„Aber ja...“

Annie schnaufte zufrieden.

„Na also, wußte ich es doch. Ich bin abends mit Jude von LA gekommen, und ich habe ihn ganz deutlich gesehen. Kurz vor Sunset Beach stand er neben seinem Wagen am Straßenrand und sah ziemlich erschrocken aus, als unser Scheinwerfer ihn blendete.“

„Wer?“

„Na Ben eben!“

„Aber ich sagte doch gerade...“

„Ja, ich habe es gehört.“ fiel ihr Annie unwirsch ins Wort. „Aber ich habe sein Gesicht ganz deutlich im Scheinwerferlicht gesehen. Und nun denken Sie mal nach, Meg: Wenn es nicht Ben war, der dort stand, wer war es dann?“

„Nein...“ Meg stutzte und schüttelte dann entschieden den Kopf. „Nein, das ist nicht möglich, Annie... Derek ist tot!“

„Anscheinend nicht tot genug.“ erwiderte Annie trocken. „Ich an Ihrer Stelle wäre jedenfalls etwas vorsichtig!“

Alle Farbe war aus Megs Gesicht gewichen.

„Sie meinen...“

„Derek Evans ist mit allen Wassern gewaschen, das müssten selbst Sie bemerkt haben, nach allem, was geschehen ist!“

Meg strich sich über die Stirn, die sich plötzlich sehr feucht anfühlte.

„Wenn das stimmt, dann... dann wird mir manches klar...“

„Na endlich!“ rief Annie spöttisch.

„Weiß Ben inzwischen, wo ich bin?“ erkundigte sich Meg hoffnungsvoll.

„Noch nicht, aber ich denke, ich werde es ihm sagen, sobald ich ihn finde. Momentan ist er mal wieder wie vom Erdboden verschwunden...“

 

Meg schrak zusammen, als sich plötzlich eine Hand auf ihre Schulter legte.

„Alles in Ordnung mit Dir?“ fragte die Schwester vom Empfang beunruhigt. „Du siehst etwas blass aus!“

Meg nickte nur stumm.

„Dann komm, wir haben einen Notfall! Der Rettungswagen muß jede Minute hier sein...“

Meg sprang auf.

„Annie, ich muß jetzt Schluss machen!“ rief sie in den Hörer. „Ich danke Ihnen, dass Sie mich angerufen haben. Das werde ich Ihnen nie vergessen.“

„Nun werden Sie bloß nicht gleich sentimental!“ knurrte Annie. „Das habe ich nur für Ben getan!“

„Das weiß ich doch...“ flüsterte Meg, aber das Klicken in der Leitung sagte ihr, dass Annie bereits aufgelegt hatte.

 

Meg atmete tief durch und schluckte die aufsteigenden Tränen tapfer hinunter.

Sie wurde draußen gebraucht... alles Private mußte jetzt erst einmal warten!