Er betrat den dunklen Hausflur und nahm auf dem Weg nach oben gleich mehrere Treppenstufen auf einmal. Ein paar Sekunden später stand er endlich vor ihrer Wohnung.
Meg Cummings...
Er drückte auf den Klingelknopf und starrte auf die Tür.
Gleich würde sie ihm öffnen. In ihren schönen großen Augen würde sich zunächst Überraschung und Erstaunen widerspiegeln, bevor sie richtig begriff, dass er es war, der sie gefunden hatte. Dann jedoch würde sie lächeln... Dieses Lächeln, dass ihn von Anfang an so fasziniert hatte, er konnte es kaum erwarten, es zu sehen.
Atemlos lauschte er, ob sich von innen Schritte der Tür näherten, aber nichts geschah.
Alles blieb still.
Noch einmal drückte er auf den Klingelknopf und klopfte zugleich ungeduldig an die Tür.
Sie mußte doch zu Hause sein...
„Tut mir leid, junger Mann, aber Miss Cummings ist wieder nicht da!“ ertönte plötzlich eine Stimme hinter ihm. Misses Housman, die alte Dame von nebenan, lugte neugierig aus ihrer Wohnung und lächelte ihn bedauernd an. „Sie mußte doch heute wieder arbeiten, obwohl sie eigentlich noch frei gehabt hätte, die Ärmste.“ plauderte sie unbefangen. „Aber so ist das eben, nette und fleißige Menschen werden immer ausgenutzt!“
Er atmete tief durch und versuchte mühsam, seine Enttäuschung nicht allzu deutlich zu zeigen.
„Und... wo finde ich... Megs Arbeitsstelle?“ fragte er so höflich wie möglich, während er sich ein halbwegs charmantes Lächeln abrang.
„Oh, das ist einfach!“ rief Mrs. Housman, erfreut helfen zu können. „Sie fahren raus zum Airport, dort fragen Sie nach dem Centinela Hospital. Es ist ein riesiges Krankenhaus, das können Sie gar nicht verfehlen. Liegt direkt am Manchester Drive. Dort arbeitet Miss Cummings in der Notaufnahme.“
„Als Krankenschwester?“
„Aber ja... und sie ist sicher eine sehr gute Krankenschwester.“ nickte Mrs. Housman eifrig. „Der junge Herr Doktor hat sie dort untergebracht. Die beiden verstehen sich wirklich gut, sie sind ein schönes Paar.“
„Ein...“ Ihm verschlug es fast die Sprache. „Ein Paar, sagen Sie?“
„Na ja, genau weiß ich es zwar nicht, aber sie würden sehr gut zusammenpassen, die beiden.“
„Ah ja... und dieser Doktor, wohnt er auch hier?“
„Natürlich! Eine Etage tiefer, im Erdgeschoss. Aber der ist auch nicht da, der ist vor einer Weile weggefahren, mit einer jungen Frau. Die habe ich allerdings vorher noch nicht hier gesehen.“
Er hasste im allgemeinen die Sorte Menschen, die allzu neugierig waren und ihre Nase überall hineinsteckten, aber diese Frau hier war für ihn ein Glückstreffer.
„Haben Sie vielen Dank, Misses...“
„Housman“ ergänzte die Nachbarin schnell. „Wissen Sie, mein verstorbener Mann war mit den Housmans verwandt, die vor 50 Jahren unten in San Diego...“
„Wie gesagt, vielen Dank, Misses Housman!“ unterbrach er sie ungeduldig und war schon an der Treppe. „Ich muß los. Auf wiedersehen!“
Vor der Tür des Doktors verharrte er kurz und starrte auf das Namensschild.
„John Carter“
Den Namen würde er sich auf jeden Fall merken!
„Ben?“ Annie seufzte erleichtert auf, als sie nach unzähligen vergeblichen Anrufen seine Stimme endlich am Handy hörte. „Meine Güte, wo steckst Du bloß? Ich muß ganz dringend mit Dir reden!“
„Annie, jetzt nicht, ich habe keine Zeit!“
„Was soll das heißen! Wo zum Teufel bist Du?“
„Auf dem Weg nach LA.“
„Dann komm zurück, ich will Dir was sagen.“
„Tut mir leid, aber das muß warten. Wir sehen uns später.“
„Halt, warte... leg nicht auf!“
Sie hörte, wie er ungeduldig durchatmete.
„Annie, ich sagte Dir doch gerade, was es auch ist, es kann warten!“
„Kann es nicht!“ widersprach sie hastig. „Es geht um Meg!“
„Was ist mit ihr?“
„Ich habe mit ihr gesprochen.“
„Du hast... was?“
„Ben, ich glaube, sie ist in Gefahr!“
„Wie kommst Du denn auf diese Idee?“
„Ich... na ja, es klingt vielleicht etwas merkwürdig, aber... ich glaube, dass Derek noch lebt und dass er mit Sicherheit auch nach Meg sucht. Vielleicht ist er zur Stunde sogar schon auf dem Weg zu ihr.“
„Annie! Warst Du zu lange in der Sonne oder was? Solche Scherze sind nicht lustig!“
Sie stöhnte wütend auf und verdrehte die Augen.
„Du dämlicher Ignorant! Hättest Du in den letzten Tagen mal Deinen Verstand gebraucht, anstatt pausenlos Deinem Wandervögelchen hinterherzutrauern, dann wäre Dir vielleicht aufgefallen, dass einige von den Dingen, die passiert sind, nicht zusammenpassen. Außerdem habe ich Derek gesehen.“
„Waaas? Wo?“
„Ist doch jetzt egal, damals dachte ich zuerst, dass ich Dich gesehen hätte, aber Du warst zu dem Zeitpunkt ganz woanders, also habe ich ein wenig nachgeforscht...“
„Annie, was ist los? Was weißt Du genau?“
„Das Meg vielleicht in Gefahr ist, wenn Du sie nicht zuerst findest!“
„Ich weiß, wo sie ist, ich bin auf dem Weg zu ihrer Wohnung.“
„Aber da ist sie nicht...“ rief Annie aufgeregt. „Ich habe vor einer Stunde mit ihr telefoniert...“
„Woher zum Teufel...“
„Ist doch egal. Sie arbeitet im Centinera Hospital am Airport. Und ich nehme an, dass sie jetzt immer noch dort ist.“
„Wieviel weiß Meg von dem, was Du mir eben erzählt hast?“
„Nicht mehr und nicht weniger als Du.“
„Annie, Du bist…“
„...eine echte Freundin, ich weiß, Ben. Aber das wolltest Du ja nie sehen...“ Sie holte tief Luft, um nicht an dem Kloß, der mit einem Male in ihrem Hals zu stecken schien, zu ersticken. „Na los, gib Gas! Beeil Dich!“
„Danke Annie!“
„Ja, ja, für Eure Dankeshymnen kann ich mir auch nichts kaufen.“ murrte Annie und legte auf. Hoffentlich ging alles gut. Sie hatte jedenfalls getan, was sie konnte.
„Sie schon wieder?“
Misses Housman blinzelte fragend durch den Türspalt.
Er zog erstaunt die Stirn in Falten.
„Wie bitte?“
„Haben Sie Meg denn in der Klinik nicht erreicht?“
Seine Gedanken überschlugen sich.
Diese Frau schien überzeugt davon, ihn zu kennen, obwohl er noch nie hier gewesen war.
Er nicht, aber...
Verdammt, Annie hatte recht!
„Ich... wir haben uns wohl gerade verpasst.“ erwiderte er schnell, drehte sich um und hastete die Treppe hinunter.
„Na so was...“ Verständnislos blickte Mrs. Housman ihm nach, bevor sie kopfschüttelnd wieder in ihrer Wohnung verschwand.
„Mit wem hast Du denn gerade so eifrig telefoniert?“ fragte Jude, der eben aus dem Badezimmer kam.
„Ach.. ähm...“ Annie wollte ihm eigentlich die Wahrheit sagen, überlegte es sich jedoch in letzter Sekunde noch anders.
Jude hatte ihr nicht geglaubt, als sie ihm von ihrer Theorie erzählte, die sie sich über Ben und Maria zusammengebastelt hatte. Das sei ausschließlich Wunschdenken, hatte er behauptet und ihr geraten, Ben endlich in Ruhe zu lassen. Er schien überzeugt zu sein, dass sie Gespenster sah und sich nur für das interessierte, was ihre einstige unerfüllte Liebe betraf.
Er war eifersüchtig, ganz eindeutig, und zuerst hatte Annie das auch gefallen. Aber inzwischen reagierte Jude auf ihre Versuche, Ben helfen zu wollen, zuweilen recht ungehalten.
„Ich habe mit einer Freundin telefoniert.“ sagte sie deshalb und wollte sich schon abwenden, als Jude sie plötzlich am Arm packte.
„Warum lügst Du mich an, Annie?“ fragte er in scharfem Tonfall. „Du hast keine Freundinnen! Du hast mit ihm telefoniert, mit Ben Evans. Gib es zu!“
„Und wenn schon...“ knurrte sie und machte sich ungehalten los. „Das ist doch meine Sache.“
„Nein, da irrst Du Dich.“ erwiderte er und maß sie mit wütendem Blick. „Wenn die Frau, die ich liebe, ihre gesamte Freizeit damit verbringt, hinter einem Kerl herzutelefonieren, der sie eigentlich gar nicht haben will, dann ist das, verdammt nochmal, auch meine Sache! Kannst Du Ben Evans nicht endlich in Frieden lassen?“
Annie sah ihn mit großen Augen an.
„Was hast Du eben gesagt?“
„Du hast mich sehr gut verstanden, meine Liebe! Ich werde mir nicht länger mit ansehen, wie Du Dich...“ wiederholte er ungehalten, doch sie hob die Hand und unterbrach ihn.
„Nein... das meine ich nicht, Jude. Was... was hast Du vorher gesagt, über mich... Wer bin ich für Dich?“
Jude stutzte und überlegte einen Augenblick, doch dann wurde ihm klar, was sie meinte.
„Ich habe gesagt, dass Du die Frau bist, die ich liebe.“
„Ist das wahr?“
Annies Augen bekamen plötzlich einen eigenartigen Glanz.
Jude nickte.
„Natürlich ist das wahr. Hast Du das nicht gewusst? Ich habe mich bereits vom ersten Augenblick an in dieses bezaubernde, kratzbürstige Biest verliebt, mit dem man jeden Tag neue Überraschungen erlebt.“
„Aber Du hast es nie gesagt.“
„Ich dachte, Annie Douglas will so etwas gar nicht hören.“ rechtfertigte er sich und grinste, während er langsam auf sie zuging und sie in seine Arme zog.
Die Wut war verraucht. Annie schaffte es doch immer wieder, ihn in Erstaunen zu versetzen. So wie jetzt in diesem Augenblick...
Er hatte noch nie zuvor so einen verklärten Ausdruck in ihren Augen gesehen.
„Doch, ich will es hören.“ sagte sie leise und schlang ihre Arme um seinen Hals. „Das hat nämlich noch nie ein Mann zu mir gesagt. Bitte, sag es nochmal!“
„Ich liebe Dich, Annie Douglas!“
Sie lächelte zufrieden.
„Ich liebe Dich auch, Du dummer Kerl! Und Du hast überhaupt keinen Grund, auf einen Mann eifersüchtig zu sein, den ich eben unter Einsatz aller meiner Kräfte mit einer anderen verkuppelt habe, damit er endlich aus meinem Leben verschwunden ist.“
Jude zog die Stirn in Falten.
„Du hast... was?“
„Ach vergiss es. Das ist nicht mehr wichtig.“
„Wenn Du das sagst...“
Annie lächelte verführerisch.
„Wie wäre es stattdessen, wenn Du mir auf der Stelle beweist, wie sehr Du mich liebst?“
Jude grinste.
„Nichts lieber als das!“
Er fuhr wie ein Besessener.
„Sie sind kein Paar, oh nein, Sie sind ganz bestimmt kein Paar!“ brachte er immer wieder zwischen seinen grimmig zusammengebissenen Zähnen hervor, während er das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrat.
Sie gehörte doch ihm, verdammt!
Das Kreischen von Bremsen und ein mehrstimmiges wütendes Hupkonzert erinnerte ihn daran, dass er soeben eine rote Ampel überfahren hatte.
Es war ihm egal.
Da vorne, das riesige Gebäude, das mußte es sein... die Centinera Klinik.
Fast hätte er die Ausfahrt verpasst. Er riß das Lenkrad herum, schnitt einen schwarzen Mercedes, der erschrocken auswich und mit quietschenden Reifen kurz hinter ihm quer auf der Fahrbahn zum Stehen kam.
Trotz seiner viel zu hohen Geschwindigkeit schaffte er es gerade noch, seinen Wagen in der Abbiegespur zu halten, ohne die Leitplanken zu streifen.
Auf dem Parkplatz angekommen, besann er sich einen Augenblick.
Wenn er hier durch seine Raserei auffiel, würde er Ärger mit dem Sicherheitsdienst bekommen, und Ärger konnte er jetzt wirklich nicht gebrauchen. Also mußte er sich ab sofort so unauffällig wie möglich benehmen.
Er parkte den Wagen in der ersten Reihe, die eigentlich für das Krankenhauspersonal reserviert war. Egal, es würde nicht lange dauern.
Er wollte nur schnell zu Meg. Sie würde sofort mit ihm gehen, dessen war er sich völlig sicher...
Ohne sich umzusehen, ging er mit schnellen Schritten in Richtung Eingang.
Jetzt würde ihn niemand mehr aufhalten, niemand!
Er sah nicht den Jeep, der in völlig überhöhter Geschwindigkeit über die Parkplatzeinfahrt geschossen kam. Er hörte auch nicht die Schreie der Passanten, die dem Wagen in letzter Sekunde auswichen.
Er dachte nur an sie...
Der Aufprall kam völlig überraschend.
Er wurde durch die Luft geschleudert und landete irgendwo einige Meter weiter zwischen den Kühlerhauben zweier Autos.
Bewegungslos zusammengekrümmt blieb er liegen.
Der Unfallwagen schlingerte und prallte ungebremst an einen der Lichtmasten, die kurz vor dem Eingang standen. Dort blieb er laut hupend stehen...
John saß mit Abby in dem kleinen Strandlokal unweit seiner Wohnung.
„Willst Du nicht endlich diese Jacke ausziehen?“ fragte er mit einem belustigten Blick auf den dunkelblauen Blazer, den sie trotz seines Hinweises auf die hier herrschenden sommerlichen Temperaturen angezogen hatte.
Abby nickte.
„Ja, Du hast recht. Ich hätte sie in Deiner Wohnung lassen sollen. Hier ist das Wetter etwas beständiger als in Chicago, wie mir scheint.“
John sprang auf, nahm ihr die Jake ab und ging damit zur Garderobe. Beim Aufhängen rutschte ein Brief aus der Innentasche. Er hob ihn auf und warf schnell einen Blick darauf.
„St. Helen- Klinik, Santa Monica“ stand als Absender darauf.
Irritiert zog John die Stirn in Falten. Was hatte Abby mit Santa Monica zu tun?
Was hatte sie überhaupt hier zu tun? War sie allein wegen ihm hergekommen?
Er hatte unzählige Fragen, was Abby betraf, doch nicht eine davon war über seine Lippen gekommen, als er ihr vor einer Stunde so plötzlich gegenübergestanden hatte. Stattdessen hatte er ihr einen Kaffee angeboten, sich mit ihr über belanglose Sachen unterhalten und sie dann zum Essen eingeladen, um die Verlegenheit, die deutlich zwischen ihnen spürbar war, zu mildern.
Nun waren sie hier, und er scheute sich wie ein kleiner Junge davor, sie zu fragen, was ihm auf der Seele brannte, aus Angst, die Antworten könnten ihm nicht gefallen.
„Entschuldige, der ist eben aus Deiner Jackentasche gefallen.“ sagte er, als er zurück an den Tisch kam und reichte ihr den Brief. „Besser, Du steckst Deine Post in Deine Umhängetasche.“
„Lies ihn.“ erwiderte Abby lächelnd. „Er ist einer der Gründe, warum ich hier bin.“
Erstaunt und etwas zögernd entfaltete John den Brief und begann zu lesen.
Abby beobachtete ihn währenddessen prüfend.
Er hatte sich nicht verändert, seitdem er Chicago verlassen hatte.
Oder doch?
Sie fand ihn attraktiver den je, und sie fragte sich zum tausendsten Male, wie sie es fertiggebracht hatte, den Heiratsantrag eines solchen Mannes einfach auszuschlagen. Er fehlte ihr, sein unkompliziertes Wesen, sein Lachen, seine Zärtlichkeiten... sogar ihre gelegentlichen Streitereien, an denen die Versöhnung hinterher stets das Schönste waren. All das hatte sie einfach aufgegeben. Und wofür?
Abby schüttelte unmerklich den Kopf. Nein, das war es nicht wert gewesen. Nicht im Geringsten...
„Hey... hörst Du mir zu?“
John war fertig mit Lesen und sah sie prüfend an. Sie war total in Gedanken versunken und kehrte nun erschrocken in die Wirklichkeit zurück.
„Entschuldige, was hast Du gesagt?“
„Ich habe Dich gefragt, ob dass hier Dein Ernst ist!“ Er deutete auf den Brief. „Das ist eine Zusage auf eine Bewerbung!“
Abby lächelte.
„Ja, sehr gut erkannt. Genau das ist es.“
„Du willst im St. Helen Memorial anfangen, tausende Meilen weit weg von zu Hause?“
Abby nippte an ihrem Wasser und nickte dann.
„Ja John, das habe ich vor.“
„Warum?“ fragte er verständnislos.
Abby spitzte die Lippen, eine Angewohnheit, die sich immer dann zeigte, wenn sie angestrengt nachdachte und ihre Antwort genau abwägen wollte.
„Es ist ein sehr gutes Angebot.“ sagte sie dann.
John zog ungläubig die Stirn in Falten.
„Abby, jetzt wo Du Deinen Doktortitel hast, hättest Du bestimmt auch in Chicago Arbeit finden können.“
Wieder nickte sie.
„Das ist richtig, Kerry Weaver hat mir sogar eine Stelle im County angeboten.“
„Und Du hast abgelehnt? Das kann ich kaum glauben...“
„Ich habe abgelehnt, weil...“ Abby drehte nervös das Glas zwischen ihren Fingern, bevor sie endlich ihren ganzen Mut zusammen nahm und John offen in die Augen sah „weil das County ohne Dich nicht mehr das selbe ist wie früher.“
Meg betrat den Umkleideraum und sah sich um. Erleichtert stellte sie fest, dass sie allein war. Sie lehnte sich erschöpft gegen die Tür ihres Schrankes und schloss sekundenlang die Augen. Annies Telefonanruf kam ihr sofort wieder in den Sinn. Bisher hatte sie noch keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken, doch jetzt wurde ihr bewusst, dass Ben vielleicht schon auf dem Weg hierher sein könnte.
Nach unzähligen Tagen und Nächten der Traurigkeit stieg zum ersten Mal wieder so etwas wie ein leichtes Glücksgefühl in ihr auf. Oh ja, wenn Annie bereits mit Ben gesprochen hatte, dann würde er ganz bestimmt herkommen! Vielleicht war er schon da?
So ein Unsinn, schalt sie sich sofort, sie hatten doch erst vor wenigen Stunden miteinander telefoniert...
Noch einmal ließ sie sich durch den Kopf gehen, was Annie gesagt hatte. Langsam ergab alles einen Sinn. Sie und Ben hatten sich blenden lassen, hatten es zugelassen, dass ihre Liebe durch Intrigen fast zerstört worden war. Durch Maria, und durch... Derek!
Der Gedanke an ihn jagte ihr einen eisigen Schauer über den Rücken.
Es war Derek gewesen, der sie im Surf Center besucht und ihr gesagt hatte, er hätte sich für Maria und das Baby entschieden! Sie hätte es merken müssen... Ben wäre nie so abgebrüht gewesen, ihr den Vorschlag zu machen, als seine heimliche Geliebte in Sunset Beach zu bleiben!
Derek lebte und suchte nach ihr. Vielleicht war er ebenfalls schon auf dem Weg nach LA? Wenn Annie herausbekommen hatte, wo sie sich aufhielt, dann konnte Derek das ebenfalls. Er war gerissen und abgebrüht.
Meg atmete tief durch und versuchte sich zu beruhigen.
Wie auch immer, jetzt war sie gewarnt, und sollte es zu einem Wiedersehen kommen, dann würde sie genau achtgeben, wem sie gegenüberstand.
Sie öffnete den Schrank und nahm ihre Sachen heraus, um sich umzuziehen, als die Tür des Umkleideraumes aufgerissen wurde.
Linda, die Schwester, mit der Meg zusammen in der selben Schicht arbeitete, kam hereingestürzt.
„Gut, dass Du noch da bist, Meg!“ rief sie aufgeregt. „Den Feierabend kannst Du vergessen! Draußen vor dem Eingang hat sich soeben ein schwerer Unfall ereignet. Ein sturzbetrunkener Autofahrer hat einen Passanten angefahren. Sieht übel aus. Los komm, wir werden dringend gebraucht!“
Er spürte keinen Schmerz, als er die Augen öffnete. Ihm war nur kalt und er merkte, dass er zitterte.
`Ich bin gefallen...` dachte er. `Wie ungeschickt von mir!` Er versuchte aufzustehen, da schoss ein scharfer, übermächtiger Schmerz durch seinen Körper, der ihn reglos verharren ließ.
Aus weiter Ferne hörte er Stimmen, die in sein Bewusstsein drangen.
„...dieser Wahnsinnige hat ihn einfach umgefahren... sinnlos betrunken... wußte nicht mehr, was er tat.. oh mein Gott, das sieht nicht gut aus...“
Und dann dicht neben ihm eine Stimme, die ihm wie ein Echo in den Ohren klang:
„Können Sie mich hören, Sir? Bitte bewegen Sie sich nicht, bleiben Sie liegen, es wird gleich ein Arzt hier sein...“
`Wozu brauche ich einen Arzt?` überlegte er verwundert und schloss die Augen. `Mir ist doch nur ein wenig kalt... Nur einen Moment ausruhen, dann geht es mir wieder gut... Ihr dürft mich nicht aufhalten, ich muß doch zu ihr...`
„Ich bin Doktor Anderson.“ drang irgendwann eine sonore Männerstimme in sein Bewusstsein. Sie war ruhig und vertrauenserweckend. „Ich werde Ihnen erst einmal etwas gegen die Schmerzen geben, dann wird es erträglicher...“
`Ich hab doch gar keine Schmerzen.` wollte er protestieren, doch seine Lippen waren wie taub.
Gleich darauf spürte er einen schwachen Einstich im Arm.
Das Mittel wirkte sofort.
Die Dunkelheit hüllte ihn ein wie ein warmer wohltuender Mantel, als er in tiefe Bewusstlosigkeit versank.
Den entsetzten Aufschrei, den eine der heraneilenden Schwestern ausstieß, als sie ihn sah, hörte er nicht mehr.