KAPITEL 88

Ben oder Derek?

 

Centinera Hospital Notaufnahme

 

Während man den Verletzten vorsichtig auf eine Trage bettete und ins Innere der Notaufnahme fuhr, nahm Meg so gut wie nichts von dem wahr, was um sie herum geschah. Sie konnte nicht denken, sie funktionierte einfach. Wie im Trance machte sie ihre Arbeit, jeder Handgriff saß, und nur an ihrem versteinert wirkenden Gesicht konnte man erkennen, das etwas nicht in Ordnung war.

Ben... es war Ben, der hier leblos dalag, mit bleichen Lippen und stark blutender Kopfverletzung. Er hatte sie gesucht und war in diesen Wagen gelaufen, dessen sturzbetrunkener Fahrer soeben von anderen Notärzten und Sanitätern behandelt wurde.

Sie hörte wie aus weiter Ferne die Diagnosen der Ärzte, die Ben untersuchten.

„Mindestens zwei gebrochene Rippen... verhärtete Bauchdecke läßt auf massive innere Blutungen schließen... Er muß umgehend zum Thorax- Röntgen... außerdem gleich ein Ultraschall und danach ein Kopf- CT, um eine Schädelfraktur auszuschließen...“

Das klang alles andere als gut.

„Halt durch, Ben... Bitte, kämpfe! Für Dich... für uns!“ bat sie insgeheim, während sie routinemäßig die Vitalfunktionen des Patienten kontrollierte. Sie nannte die Werte und hängte auf Anordnung des behandelnden Notarztes eine weitere Blutkonserve an.

„Meg...“

Es war ein kaum wahrnehmbares Flüstern, das sie aufhorchen ließ. Doch bevor sie reagieren konnte, hatten die anderen es ebenfalls vernommen.

„Der Patient ist bei Bewusstsein!“ Der behandelnde Arzt drängte sie eilig beiseite. „Können Sie mich hören, Sir? Wie geht es Ihnen? Haben Sie Schmerzen? Können Sie Ihre Beine bewegen?“

Meg trat wieder an den Behandlungstisch heran.

„Ben.. hörst Du mich?“

Zitternd beobachtete sie, wie seine Augen nach ihr suchten, bevor seine Lider erneut zu flattern begannen. Sie beugte sich schnell zu ihm herunter.

„Hab keine Angst, Liebling, ich bin bei Dir!“ sagte sie leise und streichelte kurz seine Hand, bevor sie erneut zur Seite geschoben wurde.

„Schnell, er wird wieder bewusstlos. Zwei Milligramm Lidocain...“ Der Arzt nahm die Spritze, die man ihm reichte und verabreichte dem Patienten das Mittel. Als die erwünschte Reaktion jedoch ausblieb, galt es, schnell zu handeln.

„Atemstillstand!“ rief eine der Schwestern und Meg war es, als würde auch ihr der Atem stocken, als auf dem Monitor mit durchdringendem Piepton eine Nulllinie erschien.

„Reanimieren!“ rief der Arzt. Er langte nach den Paddles, die ihm die Schwester geistesgegenwärtig reichte. „Laden auf Dreihundert...“

Ein beängstigendes Summen ertönte.

Der Arzt setzte die Paddles auf die nackte Brust des Patienten.

„Weg vom Tisch!“ befahl er kurz, damit keiner der Umstehenden in der Eile aus Versehen einen Stromschlag erlitt.

Bei dem unmittelbar darauffolgenden Reanimations-Impuls bäumte sich der Körper des Patienten kurz auf. Die Nulllinie auf dem Monitor blieb.

„Nochmal das Ganze... Weg vom Tisch!“

Es tat Meg fast körperlich weh, zusehen zu müssen, was hier mit Ben geschah. Sie hatte noch nie in ihrem Leben gebetet, doch jetzt brannten ihr die Worte auf den Lippen: „Lieber Gott, hilf ihm! Lass nicht zu, dass er stirbt!“

Als hätte man sie tatsächlich erhört, kündigte das Piepsen auf dem Monitor plötzlich wieder einen Herzschlag an.

Erleichtert atmeten alle auf.

„Intubationsset!“ verlangte der Arzt und führte dem bewusstlosen Patienten mit geübten Handgriffen einen Sauerstoffschlauch in die Luftröhre ein. „So, und nun ab mit ihm in den OP! Ab jetzt zählt jede Sekunde!“

 

 

Long Beach Untersuchungsgefängnis

 

In dem düsteren kahlen Besucherraum des Untersuchungsgefängnisses von Long Beach gab es nur ein einziges vergittertes Fenster. Es war winzig und so weit oben, dass man nicht hindurchsehen konnte. Wozu auch, man würde ja doch nur die deprimierend grauen Mauern erblicken, hinter denen sich der Zellentrakt befand, in dem die Häftlinge einsaßen und auf ihre Verhandlungen warteten.

Häftlinge wie Gregory Richards.

 

Er saß seiner Frau gegenüber in dem Besucherraum und konnte es nach wie vor nicht fassen, was hier mit ihm geschah. Wie konnte man es wagen, ihn, den einflussreichsten Anwalt und Geschäftsmann in der ganzen Umgebung, einfach so zu verhaften und einzusperren wie einen  Kriminellen! Das würde ein Nachspiel haben! Wenn er erst einmal hier raus war...

Er bemerkte Olivias Blicke, die immer wieder wie hilfesuchend hinauf zu dem winzigen Fenster wanderten. Er kannte ihre leicht klaustrophobische Veranlagung und wußte, dass ihr enge geschlossene Räume Unbehagen bereiteten. Es mußte sie große Überwindung kosten, hier so ruhig zu sitzen. Aber darauf konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen. Es ging schließlich um seinen Hals, und den wollte er so schnell wie nur möglich aus der Schlinge ziehen, ohne das sein Ruf und seine Existenz allzu großen Schaden nahmen, wenn das überhaupt noch machbar war.

„Sie durchsuchen Dein Büro!“ flüsterte Olivia leise

„Verdammt!“ Gregory knirschte mit den Zähnen. „Woher weißt Du das?“

„Ben hat mich heute Vormittag darüber informiert, dass die Staatsanwaltschaft  jede Akte umdreht und konfisziert.“ Sie beugte sich vor und sah ihn eindringlich an. „Werden sie etwas finden, was Dich belastet?“

Gregory fluchte leise.

„Natürlich nicht.“ zischte er.

„So oder so, Du brauchst unbedingt einen Anwalt!“ versuchte Olivia ihren Mann zu überzeugen.

„Ich bin mein eigener Anwalt!“ knurrte er, besann sich jedoch, als er die Angst in ihren Augen sah und griff über den breiten Tisch hinweg nach ihrer Hand.

„Ich bin bald hier raus!“

„Keinen Körperkontakt!“ bellte der Sicherheitsbeamte, der bisher mit unbeteiligtem Gesicht neben der Tür gesessen hatte, sofort. „Besser, Sie gewöhnen sich schon mal daran!“ fügte er sarkastisch hinzu.

Gregory schluckte die bissige Bemerkung, die ihm auf der Zunge lag, hinunter und zog mit einem giftigen Blick auf den Beamten seine Hand zurück.

„Wie meinst Du das, Du bist bald zu Hause?“ flüsterte Olivia.

 „Sie sind bereit, mich gegen Kaution rauszulassen.“

„Sprechen  Sie lauter!“ erklang wieder die Stimme des Beamten, der sie nun nicht mehr aus den Augen ließ.

Olivia beachtete ihn gar nicht. Ein hoffnungsvolles Lächeln umspielte ihre Lippen.

„Ist das wahr? Dann kommst Du bald nach Hause?“

Er nickte etwas zögernd.

„Ja... da gibt es nur ein kleines Problem... Diese Geier haben die Kaution verdammt hoch angesetzt.“

„Wie hoch genau?“ wollte Olivia wissen.

Gregory warf dem Beamten einen prüfenden Blick zu. Als er sah, dass dieser sie nach wie vor beobachtete, presste er wütend die Lippen aufeinander.

„Viel zu hoch. Ich kann so viel Geld momentan nicht flüssig machen.“

Ungläubig zog Olivia die Augenbrauen zusammen.

„Aber wir haben doch...“

„Scht!“ zischte Gregory. „Ich habe einiges investiert, wie Du weißt.“ erwiderte er ungeduldig. „In die Villa... Ins Geschäft... Vor allem ins Geschäft.“

„Und an das Geld kommst Du nicht heran?“

„Im Augenblick nicht.“

Olivia sah ihn verzweifelt an.

„Ich könnte meinen Schmuck...“ begann sie nach einem Ausweg zu suchen, doch er unterbrach sie ungehalten.

„Vergiss es, Olivia. Verstehst Du denn nicht? Die Summe ist zu hoch! Die wittern eine einmalige Chance, einem angesehenen Bürger etwas anzuhängen, und das wollen sie sich natürlich nicht entgehen lassen.“

„Und nun?“

 

Der Beamte sah auf die Uhr und stand auf.

„Die Besuchszeit ist um. Kommen Sie, Richards, ich bringe Sie in Ihre gemütliche Zelle!“

Unmissverständlich klapperte er mit den Handschellen.

Gregory stand auf.

„Geh nach Hause und ruf Ben an.“ sagte er schnell. „Er soll sofort herkommen. Noch heute. Er muß mir helfen und die Kaution zahlen, wenn es sein muß, von seinem Privatkonto.“

Olivia schluckte und nickte.

„Bis bald, Liebling!“

Mit brennenden Augen sah sie ihm nach, wie er mit dem Beamten hinter der schweren Eisentür verschwand, bevor sie selbst fluchtartig den ungastlichen Raum verließ.

 

 

Centinera Hospital Notaufnahme

 

Meg kam erst wieder richtig zu sich, als sich die großen Flügeltüren, die zum OP führten, mit automatischem Summen hinter ihr schlossen. Sie lehnte sich gegen die kühle Wand und schloss die Augen.

„Du wirst es schaffen, Ben!“ flüsterte sie. „Du musst es schaffen, ich liebe Dich doch!“

 

Erschrocken fuhr sie herum, als die Türen sich noch einmal öffneten.

Eine der OP- Schwestern sah heraus.

„Gut, dass Du noch da bist, Meg“ rief sie hinter ihrem Mundschutz. „Kannst Du bitte versuchen, Doktor Carter zu erreichen? Wir brauchen dringend seine Hilfe...“

„Ja... ja natürlich!“ Meg überlegte nicht lange, sondern rannte sofort los zum nächsten Telefon. Auf den Piepser wollte sie sich in dem Fall nicht verlassen. Jede Sekunde zählte, hatte der Arzt gesagt...

Mit zitternden Fingern wählte sie Johns Handynummer.

 

 

Venice

 

Nach Abbys letzten Worten schien die Zeit für Sekunden stillzustehen, während John und sie einander unverwandt anstarrten.

Das geschäftige Treiben in dem kleinen Lokal schienen sie überhaupt nicht mehr wahrzunehmen. Es gab nur sie beide.

„Du bist wegen mir hergekommen?“ fragte John nach einer kleinen Ewigkeit leise.

Abby schluckte und nickte dann.

„Ja. Ich wollte Dich wiedersehen, Carter.“

Er dachte daran, wie sehr er lange Zeit unter der Trennung von ihr gelitten hatte und wie schwer es ihm gefallen war, hier ganz neu anzufangen.

„Ist das alles?“ fragte er nicht ohne Bitterkeit.

„Ich war dumm und selbstsüchtig. Ich wollte mich nicht binden, weil ich Angst hatte, jede Ehe würde so enden wie die meiner Eltern... in einer Katastrophe.“

„Und nun denkst Du das nicht mehr?“

Abby schüttelte wortlos den Kopf.

John schwieg noch eine Weile nachdenklich. Er kannte Abby lange genug, um zu wissen, welche Überwindung sie dieses Eingeständnis kosten mußte. Doch das aufkommende Glücksgefühl, das sich daraufhin in seinem Inneren ausbreitete, kämpfte gegen den Gedanken an die Enttäuschung, die er empfunden hatte, als Abby ihm damals sagte, sie wolle keine feste Beziehung,

Was, wenn sie nach einer Weile wieder einen Rückzieher machte?

Das würde er nicht noch einmal überleben...

 

„John?“ Abby sah ihn fragend an. Sein Vorname klang aus ihrem Munde fremd, so lange er denken konnte, hatte sie ihn immer ganz kumpelhaft „Carter“ genannt.

Er lächelte etwas gequält.

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Abby.“ meinte er aufrichtig. „Ich freue mich, dass Du hier bist. Aber inzwischen ist ziemlich viel Zeit vergangen. Es hat sich eine Menge verändert.“

„Ist es wegen Meg?“ forschte Abby vorsichtig.

„Meg hat damit nichts zu tun. Sie ist eine gute Freundin, weiter nichts.“

„Dann... gibt es niemand anderen in Deinem Leben?“

John hörte die Hoffnung, die in diesen Worten mitklang.

„Nein, momentan nicht.“ sagte er und lächelte. „Das heißt aber nicht, dass ich bereit bin, alte Beziehungen wieder aufleben zu lassen. Die Trennung von Dir hat verdammt wehgetan.“ 

Er sah die Enttäuschung in ihren Augen und griff über den Tisch hinweg nach Abbys Hand.. „Gib uns einfach noch etwas Zeit!“

Abby atmete tief durch.

„Okay. Das ist mehr, als ich erwarten durfte.“

John lächelte.

„Es ist schön, dass Du da bist, Abby.“ sagte er leise. „Und es wäre noch viel schöner, wenn Du bleiben würdest.“

 

In diesem Augenblick begann sein Handy zu läuten.

Etwas unwillig über die Störung zog er es aus der Tasche und blickte aufs Display.

„Es ist die Klinik.“ erklärte er entschuldigend, bevor er abnahm und sich meldete.

„Meg? Was gibt es denn?“ Er lauschte angespannt. „Das kann nicht wahr sein... Ein Unfall? Was, so schlimm?... Er muß operiert werden? ... Nein, natürlich nicht, mach Dir bitte keine Sorgen, bleib ganz ruhig, ich bin schon unterwegs!“

„Was ist denn los?“ fragte Abby hastig, als John das Gespräch beendet hatte.

„Es gab einen schweren Unfall, ein... Bekannter von Meg. Ich muß sofort hin, sie brauchen mich im OP...“

„Ich komme mit!“ rief Abby kurzentschlossen und sprang auf, während John in fliegender Hast das Geld für das Essen auf den Tisch zählte.

Eilig verließen sie das Lokal.

 

 

Villa der Familie Richards

 

„Das werde ich Daddy nie verzeihen, niemals!“

Caitlin ließ sich auf das breite Bett fallen und presste verbittert die Lippen aufeinander.

Cole, der damit beschäftigt war, seine Sachen in einen der riesigen begehbaren Kleiderschränke zu räumen, hielt lächelnd inne. Caitlin hatte ihn nach dem gestrigen Desaster dazu überredet, ihrer Mutter zuliebe das Angebot ihrer Eltern anzunehmen und den Westflügel der neu aufgebauten Villa zu beziehen. So war Olivia wenigstens nicht allein in dem großen Haus. In Zeiten wie diesen mußte eine Familie zusammenhalten.

Caitlin schluckte.

Eine Familie? Das war einmal... Sobald ihr Vater aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, und sie zweifelte bei seinen Beziehungen keine Sekunde daran, dass dies sehr bald geschähe, würde sie sich mit Cole ein eigenes Zuhause suchen, am besten weit weg von Sunset Beach. Sie hatte ein für allemal genug von Gregorys Eskapaden. Ihre Mutter mußte lernen, endlich allein mit ihren Problemen klarzukommen, und ihr jüngerer Bruder Sean lebte schon lange sein eigenes Leben, weil er sich die ständige Kontrolle und Bevormundung nicht gefallen lassen wollte.

„Du solltest Dir nicht allzu viel Mühe machen“ kommentierte Caitlin Coles Einräumversuche, „Ich schätze, wir werden nicht lange hier sein.“

Erstaunt schaute Cole aus dem Schrank.

„Wie meinst Du das?“

„Sobald mein Vater wieder zu Hause ist, suchen wir uns etwas Eigenes.“

„Aber dieser Westflügel ist doch so groß wie ein eigenes Haus.“ gab Cole zu bedenken. „Wir könnten den Zugang zum Haupthaus zumauern lassen, dann sind wir ganz für uns.“

Caitlin lachte spöttisch.

„Du kennst meinen Vater schlecht, mein Lieber. Um uns zu kontrollieren, gräbt er sich durch meterdickes Mauerwerk! Du musst mit allem rechnen, sogar mit heimlicher Videoüberwachung! Er ist ein Alptraum!“

Cole verzog das Gesicht und sah sich prüfend um.

Insgeheim bedauerte er es, dass sie aus dem Surf Center ausgezogen waren. Dort war es zwar eng gewesen, aber dafür urgemütlich. Aber er war gleichzeitig auch froh darüber, mit Caitlin endlich etwas Zeit allein verbringen zu können. Schließlich waren sie verheiratet... Eine Tatsache, die er noch gar nicht so richtig begriffen hatte.

Alles war ziemlich schnell gegangen. Es hatte ihn total erwischt. Caitlin war eine tolle Frau und kein bisschen verwöhnt, wie man es eigentlich von Gregorys Töchterlein erwartet hätte. Obwohl sie in Reichtum und Wohlstand aufgewachsen war, wußte sie die Werte des Lebens mehr zu schätzen als materielle Dinge, eine Charaktereigenschaft, die sie ganz gewiss nicht von ihrem Vater geerbt hatte.

Als sie gestern Morgen in seinen Armen aufgewacht war, hatte er ihr spontan einen Antrag gemacht. Und genauso spontan hatte Caitlin ihn angenommen.

Noch am selben Tag besorgten sie sich eine Heiratserlaubnis und flogen nach Las Vegas. Nur Sara und Mark waren in ihre Pläne eingeweiht und standen natürlich gerne als Trauzeugen zur Verfügung.

 

Cole schob den kleinen Stapel Shirts unschlüssig von einer Ecke des Schrankfaches in die andere. Er konnte tun was er wollte, seine paar Sachen verloren sich förmlich in diesem riesigen Schrank. Luxus war er nicht gewöhnt, sein Zuhause war immer einfach gewesen, und hier hatte man schon seine Not, sich nicht bereits im Kleiderschrank zu verlaufen.

Er ließ den Stapel Shirts achtlos liegen, trat hinaus und setzte sich neben Caitlin aufs Bett. Liebevoll legte er den Arm um seine junge Frau.

„Komm schon, Schatz, nimm`s nicht so schwer. Auch wenn Dein Vater ein paar kleine Fehler gemacht hat...“

„Ein paar kleine Fehler?“ schnaubte Caitlin erbost. „Cole, mein Vater lügt, betrügt und manipuliert, solange ich denken kann, und es ist mehr als verwunderlich, dass man ihm erst jetzt auf die Schliche gekommen ist! Und das nennst Du ein paar kleine  Fehler?“ Sie schüttelte verbittert den Kopf. „Einer dieser Fehler hätte mich fast umgebracht.“

„Aber das war gewiss nicht seine Absicht, Cait.“ beschwichtigte Cole sie. Er wußte zwar selbst nicht so recht, wieso er für Gregory Partei ergriff. Er hätte doch eigentlich allen Grund zur Schadenfreude, jetzt, wo dieser Mann hinter Gittern saß...

Aber Gregory war Caitlins Vater, und Cole wußte, dass sie ihn trotz allem liebte.

„Ich bin sicher, was Dein Vater auch getan haben mag, es war zum Wohle der Familie.“

Caitlin verdrehte die Augen.

„Die Familie! Sei bloß still, ich kann das nicht mehr hören!“

Cole strich ihr beruhigend über das seidige blonde Haar, und seine Augen blickten nachdenklich.

„Weißt Du Cait, in gewisser Hinsicht kann ich ihn sogar verstehen. Ich würde auch alles für meine Familie tun, für meine Frau, meine Kinder...“

Caitlin horchte auf.

„Kinder? Hast Du eben Kinder gesagt?“

Cole nickte.

„Natürlich. Oder hast Du was gegen Kinder?“

„Nein!“ rief sie, immer noch erstaunt, „ganz im Gegenteil!“

Cole grinste.

„Wunderbar, dann sind wir uns ja in dem Punkt einig. Lass uns am besten gleich damit anfangen...“

Caitlin lachte und umarmte ihn.

„He, es muß ja nicht alles so schnell gehen wie unsere Hochzeit!“

Cole zog sie dicht zu sich heran und suchte ihre Lippen.

„Aber wo wir schon mal beim Thema sind...“ flüsterte er zwischen seinen Küssen, während sie beide rücklings aufs Bett fielen, „dazu fällt uns bestimmt noch was ein...“

 

Das Läuten des Telefons beendete die romantische Stimmung des jungen Paares.

„Immer im passendsten Augenblick!“ knurrte Cole. Caitlin rappelte sich hoch und lächelte entschuldigend.

„Tut mir leid, Liebling, ich habe Rose gebeten, mich anzurufen, wenn Mum nach Hause kommt. Eine Sekunde...“ Sie nahm den Hörer ab.

„Rose? Ja natürlich, sagen Sie ihr bitte, wir kommen gleich rüber.“

„Was ist los?“ fragte Cole, als sie aufgelegt hatte.

Caitlin sah ihn nachdenklich an.

„Rose sagte, meine Mutter sei eben ziemlich aufgeregt von ihrem Besuch im Untersuchungsgefängnis zurückgekommen. Anscheinend gibt es Neuigkeiten...“

„Okay“ Nicht ohne Bedauern stand Cole auf und zog Caitlin mit sich hoch. „Dann müssen wir unsere anderen Pläne leider auf später verschieben. Lass uns gehen.“

 

 

Villa der Familie Richards

 

Olivia tupfte sich mit dem Taschentuch die Tränen aus den Augen. Nervös knetete sie das Tuch in den Händen, während sie Cole und Caitlin von ihrem Besuch im Untersuchungsgefängnis und dem Gespräch mit Gregory berichtete.

„Ich habe schon zweimal versucht, Ben Evans zu erreichen, aber keiner weiß, wo er sich aufhält. Seine Mitarbeiterin sagte nur, er hätte einen dringenden Termin und es könnte sein, dass er länger unterwegs wäre. Aber auch sein Handy ist ausgeschalten.“

„Ich fasse es nicht...“ entfuhr es Cole. „Ihr seid die reichste Familie der ganzen Stadt und könnt kein Geld flüssig machen?“

„Ich kümmere mich nicht um die finanziellen Sachen.“ erklärte Olivia entschuldigend.

„Dann solltest Du vielleicht ab jetzt endlich damit beginnen, Mum!“ meinte Caitlin vorwurfsvoll. „Schließlich bist Du seine Frau und nicht nur schmückendes Beiwerk!“

„Caitlin!“ rief Olivia empört. „Wie kannst Du so etwas sagen!“

„Weil es die Wahrheit ist. Ich war viel zu lange still!“

„Moment mal...“ Cole hob die Hand. „Jetzt ist wirklich nicht die Zeit, sich über Dinge zu streiten, die sich sowieso nicht mehr ändern lassen.“ Er wandte sich an Olivia. „Du möchtest, dass er auf freien Fuß gesetzt wird?“

Sie nickte heftig.

„Ja natürlich!“

Cole dachte noch einen Augenblick angestrengt nach, dann lächelte er. „Na gut. Olivia, kann ich mir für eine Stunde Deinen Wagen leihen?“

„Aber ja... natürlich!“ Erstaunt hielt ihm Olivia die Wagenschlüssel hin. „Er steht noch in der Einfahrt.“

„Cole, wo willst Du denn hin?“ rief Caitlin überrascht.

„Ich will versuchen, dieser Farce ein Ende zu breiten.“ erwiderte er bedeutungsvoll. „Ich werde Deinen Vater aus der Untersuchungshaft herausholen.“

Ungläubig schüttelte Caitlin den Kopf.

„Und wie willst Du das anstellen?“

Cole grinste vielsagend.

„Lass mich nur machen, ich habe da so eine Idee...“

 

 

California County Notaufnahme

 

Nach dem Anruf fühlte Meg sich wie ausgelaugt, so als habe das kurze Telefonat ihre ganze restliche Kraft gekostet. John war auf dem Weg hierher. Er würde dafür sorgen, dass alles menschenmögliche getan wurde, um Ben am Leben zu erhalten. Obwohl sie unsagbar erleichtert darüber war, zitterten ihre Knie und sie kam sich so hilflos vor wie noch nie in ihrem Leben.

Was, wenn Ben die schwere Operation trotzdem nicht überstand?

 

Kelly, die Schwester von der Aufnahme, kam den Gang entlanggeeilt und riß Meg aus ihren Gedanken.

„Ach da steckst Du. Ich habe Dich schon gesucht... Hier sind die Sachen des Patienten. Würdest Du sie bitte, bevor Du nach Hause gehst, in den Aufwachraum bringen, den wir für ihn vorbereitet haben?“

Meg löste nur mit Mühe ihren Blick von der verschlossenen Tür, die zum OP führte und nickte abwesend.

„Ja, natürlich.“

Kelly sah die tiefe Besorgnis in ihrem Gesicht und legte ihr für einen Moment mitfühlend die Hand auf die Schulter.

„Ist er ein Freund von Dir?“

„Ein Freund?“ Meg schluckte mühsam die aufsteigenden Tränen hinunter. „Ben ist mehr als nur ein Freund für mich...“

„Verstehe.“ Die Schwester nickte verständnisvoll und übergab Meg die Sachen. „Es hat ihn ziemlich erwischt, was? Aber der wird schon wieder, Du weißt doch, er ist in den besten Händen.“

Sie wollte bereits gehen, doch Megs letzte Worte ließen sie nachhaltig zögern.

„Ach... Meg, warum nennst Du ihn eigentlich Ben? In den Papieren, die er bei sich hatte, steht ein anderer Name.“

Meg sah sie irritiert an.

„Was?“

„Ja, ich habe seine Personalien eben in den Computer eingegeben. Der heißt doch überhaupt nicht Ben. Wenn ich mich recht erinnere, ist sein Name Derek. Derek Castillo...“