Vor dem Eingang zur Notaufnahme des Centinela Hospitals
„Ich bin hundemüde!“ stöhnte Linda, die mit Meg zusammen in der heutigen Schicht gearbeitet hatte. Gemeinsam verließen die beiden jungen Frauen die Klinik, als Linda plötzlich stehenblieb.
„Wow... was haben wir denn da? Guck Dir den an, Meg! Meine Güte, für ein solches Exemplar könnte ich meine Müdigkeit glatt vergessen! Ob der schon vergeben ist?“
Nicht sonderlich interessiert folge Meg den Blicken ihrer Kollegin und blieb wie erstarrt stehen.
Da stand er, lässig an seinen Wagen gelehnt und blickte aus seinen geheimnisvollen dunklen Augen zu ihnen herüber - Ben.
Er war wie so oft ganz in schwarz gekleidet und sah einfach fantastisch aus. Kein Wunder dass die Frauen sich nach ihm umblickten.
Er jedoch hatte nur Augen für die eine...
Als er sie sah, stieß er sich vom Wagen ab und kam langsam auf sie zu.
Zum zweiten Mal an diesem Tag wurde Gregory in den Besucherraum geführt. Man hatte ihm nicht gesagt, wer ihn besuchen wollte, aber er rechnete damit, Ben zu sehen. Um so erstaunter war er, als er den Raum betrat und Cole gegenüberstand.
„Was zum Teufel tun Sie denn hier, Deschanel? Wollen Sie sich an meinem Unglück weiden?“
„Hinsetzen!“ befahl der Sicherheitsbeamte streng.
Die beiden Männer nahmen gegenüber Platz.
„Wieso sollte ich mich freuen, wenn Du hier drin sitzt, Schwiegervater?“ fragte Cole mit einem unschuldigen Lächeln, dass Gregory genauso zur Weißglut brachte wie diese unverschämt anmaßende Anrede. „Immerhin gehöre ich jetzt zur Familie und somit steht auch mein guter Ruf auf dem Spiel.“
„Was willst Du?“ zischte er.
„Ich will Dir helfen.“ erwiderte Cole, lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Ich bin bereit, die Kaution für dich zu zahlen.“
„Du?“ rief Gregory ungläubig. “Soll das ein Witz sein?”
„Ich bin bestimmt nicht bis hierher gefahren, nur um Witze mit Dir zu machen. Also... willst Du nun hier raus oder nicht?“
Gregory starrte ihn finster an.
„Ben wird mir helfen.“
„Wird er nicht.“ widersprach Cole. „Ben ist verreist, und keiner, nicht einmal seine engsten Mitarbeiter wissen, wo er sich derzeit aufhält. Sein Handy ist ausgeschalten.“
Gregory ballte die Fäuste. Es schien, als habe sich alle Welt gegen ihn verschworen.
Sein misstrauischer Blick fiel wieder auf Cole.
„Was hättest Du denn schon für Sicherheiten zu bieten?“
Cole grinste.
„Dreimal darfst Du raten, geschätzter Schwiegervater... Oder glaubst Du, ein Objekt, bei dem der große Gregory Richards einst fetten Profit gewittert und sich vielleicht sogar die Finger dafür schmutzig gemacht hat, um in seinen Besitz zu gelangen, würde die Staatsanwaltschaft nicht interessieren?“
Vor dem Eingang zur Notaufnahme des Centinela Hospitals
„Du.. der kommt hier rüber!“ flüsterte Linda aufgeregt und sah sich nach Meg um. Als sie jedoch deren Gesicht sah, begriff sie in Sekundenschnelle. „Sag bloß, Du kennst den Typ!“
Meg antwortete nicht. Sie verharrte noch immer wie angewurzelt, bis Ben sie fast erreicht hatte.
Ihre Lippen formten seinen Namen, als könne sie es nicht glauben, ihn zu sehen.
Er blieb dicht vor ihr stehen und sah sie einen Augenblick wortlos an, bevor er ihr Gesicht zärtlich zwischen seine Hände nahm.
„Meg...“
„Ben?“
Ihre großen Augen starrten ihn unverwandt an.
Linda hatte sich wieder gefasst und schüttelte enttäuscht den Kopf.
„Na wie üblich, die Besten sind bereits vergeben! Ich geh dann mal. Gute Nacht!“
Meg hörte sie gar nicht.
In ihrem Kopf ging alles durcheinander. Vor ein paar Minuten noch hatte sie in das selbe Gesicht geblickt, das bleich und stumm in den Kissen lag – Dereks Gesicht.
Oder hatte er sie wieder getäuscht? War es am Ende vielleicht doch Ben, der dort drin im OP gerade um sein Leben kämpfte?
Völlig durcheinander trat sie einen Schritt zurück.
„Zeig mir Deinen Ausweis...“
„Was?“
„Bitte... irgend einen Beweis, dass Du es bist und nicht Derek!“
Nach kurzem Überlegen verstand Ben.
„Annie hat Dich angerufen.“ sagte er und nickte lächelnd. „Du willst einen Beweis, dass ich Ben bin? Okay...“
Er trat spontan einen Schritt vor, nahm sie kurzentschlossen in die Arme, und bevor sie wußte, wie ihr geschah, küsste er sie.
Dem ersten Impuls folgend wollte sie sich dagegen wehren, doch da war mit einem Mal dieses Gefühl einer tiefen Vertrautheit, als sie sich berührten. Sie nahm plötzlich nichts anderes mehr wahr, spürte nur seinen Mund auf ihren Lippen, zuerst ganz sacht, dann intensiver, fordernder und ihre Knie drohten nachzugeben. Ihrem Gefühl folgend schlang sie die Arme um Bens Hals und erwiderte seinen Kuss.
Seine Hände strichen sacht über ihren Rücken, während er leidenschaftlich und voller Begierde ihre letzten Zweifel einfach wegküsste. Sie stöhnte vor Wonne leise auf und vergrub ihre Finger in seinem dichten Haar. Nichts war in diesen Sekunden mehr wichtig, es gab nur noch sie beide, und als sie sich nach einer kleinen Ewigkeit schweratmend voneinander lösten und einander stumm in die Augen sahen, brauchte Meg keine weiteren Beweise mehr.
Gregory hielt die Luft an.
„Du meinst... Du bietest das DEEP als Kaution für mich?“
„So ist es.“
Cole konnte förmlich sehen, wie es hinter Gregorys Stirn arbeitete und lachte spöttisch.
„Oh ja, ich weiß genau, was Du jetzt denkst! Vergiss es! Du solltest Dich besser damit abfinden, dass wir dieses Mal nach meinen Spielregeln spielen, wenn Du hier raus willst.“
Gregory schielte nach dem Beamten und stellte erleichtert fest, dass dieser eingenickt war.
Mit einem Blick, der dem eines verschlagenen Schakals glich, wandte er sich wieder seinem Schwiegersohn zu.
„Du hast eines nicht bedacht, mein lieber Cole... Was ist, wenn ich mich nicht an die Abmachung halte?“
„Dann verlieren Caitlin und ich das DEEP.“ erwiderte Cole ungerührt und beugte sich langsam vor. Die Ellenbogen auf die Tischplatte gestützt sah er Gregory eindringlich an.
„Und in dem Augenblick, wo wir das DEEP verlieren“ spann er den Faden weiter, „verlierst Du Deine Tochter, denn dann werde ich meine Sachen packen und von hier weggehen, zurück nach Dallas, und Caitlin wird mir folgen, weil uns beide dann nichts, gar nichts mehr in Sunset Beach hält.“
„Das wird sie nicht...“ widersprach Gregory grimmig, doch seine Stimme klang gar nicht mehr so sicher.
Cole nickte.
„Oh doch, Gregory, das wird sie. Wenn Du uns nämlich reinlegst, wird sie das letzte bisschen Vertrauen verlieren, dass sie vielleicht noch in ihren Vater hat. Sie wird mir folgen, darauf kannst Du wetten. Dann hast Du am Ende weder das DEEP, noch hast Du eine Tochter.“
Er lehnte sich wieder entspannt zurück.
„Also Du siehst, egal, wie Du es drehst, diesmal sitze ich am längeren Hebel.“
Gregory knirschte mit den Zähnen.
Er wußte genau, dass Cole recht hatte. Zum Teufel, der Junge war cleverer als er dachte...
Außerdem war ihm längst klar, dass ihm keine andere Wahl blieb. Er mußte auf das Angebot eingehen. Ben war nicht erreichbar, und er selbst hätte zwar die Summe für die Kaution auftreiben können, aber die dafür notwendigen Anrufe konnte er unmöglich vom Gefängnis aus führen.
Außerdem würde er nicht noch eine Nacht hier bleiben...
„Also gut... „ nickte er. „Ich nehme Dein Angebot an. Du brauchst Dir keine Sorgen zu machen, ich werde gewiss nicht gegen die richterlichen Auflagen verstoßen. Du kannst Deine verdammte Bar behalten.“
„Etwas anderes hatte ich nicht erwartet.“ erwiderte Cole gelassen und erhob sich. „Ich werde morgen mit dem Untersuchungsrichter reden und die Sache klären.“
„Morgen?“ Gregory wurde blass. „Wieso regelst Du dass nicht gleich heute?“
„Tut mir leid, aber in einer halben Stunde öffnet das DEEP, und ich kann es mir nicht leisten, meine Gäste warten zu lassen. Aber ich verspreche Dir, ich werde mich gleich morgen früh persönlich um die Angelegenheit kümmern. Einen schönen Tag noch, Schwiegervater!“
Er gab dem Officer, der erschrocken von seinem Nickerchen hochfuhr, ein Zeichen und verließ mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen den Besucherraum, einen vor Wut schäumenden Untersuchungs-Häftling hinter sich zurücklassend.
Vor dem Eingang zur Notaufnahme des Centinela Hospitals
„Na, möchtest Du noch immer meinen Ausweis sehen?“ fragte Ben mit rauer Stimme.
Meg schluckte und schüttelte benommen den Kopf.
„Ich glaube nicht.“ meinte sie heiser und sah mit großen Augen zu ihm auf. „Du bist wirklich da...“
Er lächelte und strich sacht mit seinen Fingern über ihre Wange.
„Ja, ich bin da und ich werde auch nicht wieder weggehen, es sei dann, mit Dir zusammen.“
„Heißt das, Du wirst Maria nicht heiraten?“
„Das hatte ich nie vor.“
Meg lehnte ihre heiße Stirn an seine Brust.
„Ich dachte, ich hätte Dich verloren.“ sagte sie leise und konnte nicht verhindern, dass ihre Augen sich mit Tränen füllten.
„Nicht weinen, Liebling!“ flüsterte Ben zärtlich und hielt sie fest umschlungen. „Ich wollte Dir bestimmt niemals wehtun, und ich muß Dir ganz dringend etwas erklären...“
Das brachte Meg zurück in die Wirklichkeit.
Mit einem Ruck hob sie den Kopf.
„Was es auch ist, es muß warten.“ unterbrach sie ihn hastig. „Ich muß Dir nämlich auch etwas sagen. Es geht um Deinen Bruder.“
„Derek?“ Ben horchte auf. „Was ist mit ihm?“ fragte er, nichts Gutes ahnend.
„Er ist damals bei dem Unfall nicht ums Leben gekommen.... Annie hat mich angerufen, und mir gesagt, dass er nach mir sucht.“
„Ja, ich weiß.“ erwiderte Ben bitter. „Wenn es stimmt, was Annie sich da zusammengereimt hat, dann hat er uns die ganze Zeit an der Nase herumgeführt. Ich kann es kaum glauben...“
Megs Hände krallten sich in sein Hemd.
„Aber es stimmt, Ben. Er ist hier!“
„Ja, kann sein, dass er irgendwann hier auftaucht, wenn er wirklich nach Dir sucht. Aber keine Angst, dann werde ich da sein!“
„Nein... Du verstehst nicht... er ist bereits hier... in der Klinik!“
„Was?“
Bevor Meg ihm alles erklären konnte, hielt ein Wagen mit quietschenden Bremsen direkt neben ihnen. John und Abby sprangen heraus.
Angesichts des Mannes an Megs Seite stutzte John Carter.
„Habe ich vorhin was falsch verstanden?“ murmelte er ungläubig, doch Meg hatte sich schon aus Bens Armen gelöst und kam auf ihn zugelaufen. Die Erleichterung darüber, dass er da war, stand ihr ins Gesicht geschrieben, als sie ihn spontan umarmte.
Etwas irritiert bemerkte Ben die Vertrautheit zwischen den beiden.
„John, ich bin so froh, dass Du da bist! Bitte, Du musst ihm helfen!“
„Ich bin hergekommen, so schnell ich konnte.“ erwiderte er und maß Ben über Megs Kopf hinweg mit einem zweifelnden Blick. „Du hast mir am Telefon gesagt, Ben Evans hätte einen Unfall gehabt! Wie ich sehe, geht es ihm aber recht gut!“
„Entschuldige John...“ Meg atmete tief durch, trat einen Schritt zurück und zwang sich zur Ruhe. „Das ist nicht Ben, den sie drinnen operieren, sondern sein Zwillingsbruder Derek!“
„Derek?“ riefen John und Ben gleichzeitig.
Meg nickte.
„Ja, er ist von einem betrunkenen Autofahrer angefahren und schwer verletzt worden. Ich dachte zuerst auch, er sei Ben, aber dann...“ Sie brach ab und maß John mit einem flehenden Blick. „Bitte beeil Dich, sie brauchen Dich im OP! Alles andere erkläre ich Dir später!“
John schaute sich kurz nach Abby um, die unschlüssig beim Wagen stehengeblieben war.
„Kommst Du mit? Ein Arzt zuviel ist besser als einer zu wenig!“
„Okay.“ nickte sie und trat näher, während John Carter sich noch einmal besorgt an Meg wandte.
„Und Du bist wirklich sicher, dass er der Richtige ist?“ erkundigte er sich leise, mit einem misstrauischen Blick in Bens Richtung.
„Ja, das bin ich.“ erwiderte sie eilig. „Geh jetzt... ich möchte nicht, dass Derek stirbt!“
„Nach allem, was er Dir angetan hat?“ fragte er ungläubig.
Sie schluckte und nickte dann.
„Er ist Bens Bruder. Laßt ihn nicht sterben, bitte!“
Abby reichte ihr die Wagenschlüssel und legte ihr für einen kurzen Augenblick beruhigend die Hand auf die Schulter.
„Sie kennen ihn, Meg“ sagte sie leise, „Er wird alles tun, was in seiner Macht steht.“
„Danke Abby.“ flüsterte Meg zurück. „Das weiß ich.“
Während sie John und Abby nachschaute, trat Ben neben sie und legte behutsam seinen Arm um ihre Schultern.
„Carter ist ein sehr guter Arzt.“ sagte er, ohne Meg dabei aus den Augen zu lassen. „Das habe ich schon in Sunset Beach bemerkt.“
Meg nickte.
„Ja, das ist er. Und er ist ein wirklich guter Freund. Der beste, den ich je hatte.“
Sie hörte den leichten Anflug von Eifersucht in Bens Stimme, spürte seinen fragenden Blick und straffte die Schultern.
„Bevor Du jetzt vielleicht falsche Schlüsse aus meiner Beziehung zu John Carter ziehst, solltest Du eines wissen: Er hat mir eine Wohnung besorgt, einen Job, er hat meine Launen ertragen, wenn mir zum Heulen zumute war und er war da, wenn ich jemanden zum Reden brauchte. Er hat niemals irgend etwas von mir dafür erwartet. Glaub mir, ohne einen Freund wie ihn an meiner Seite hätte ich die letzten Wochen nicht durchgestanden.“
„Und nun hilft er auch noch Derek.“ erwiderte Ben etwas sarkastisch. „Bemerkenswert, wie mein Bruder es immer wieder schafft, dass sich alle bedingungslos um ihn bemühen.“
Meg maß ihn mit einem leicht vorwurfsvollen Blick.
„Hör mal Ben, was auch immer Derek in seinem Leben getan hat, er ist Dein Bruder und keiner von uns wünscht sich seinen Tod. Was vorhin geschehen ist, dafür konnte er nichts. Aber er ist jetzt in den besten Händen, und erst dann, wenn das Team da drin es nicht schaffen sollte, sein Leben zu retten, dann ist es wohl Schicksal.“
Ben sah sie nachdenklich an.
„Ja, vielleicht hast Du Recht.“ stimmte er nach ein paar Sekunden schließlich zu und nahm Megs Hand. „Entschuldige, wenn meine Worte eben vielleicht etwas... hart klangen, aber Derek hat in seinem Leben schon so viel Unheil angerichtet, dass ich einfach nicht mehr weiß, wie ich überhaupt noch für ihn empfinden soll. Dich hätte er sogar fast getötet. Dafür hasse ich ihn von ganzem Herzen. Aber... wenn Du in der Lage bist ihm zu verzeihen, dann sollte ich es vielleicht auch können.“
Meg nickte.
„Ja, dass solltest Du. Versuch es zumindest.“
Er atmete tief durch und küsste sie auf die Wange. „Na komm, gehen wir hinein und warten ab, wie das Schicksal diesmal entscheidet.“