Stunden waren inzwischen vergangen. Stunden, in denen Ben und Meg sich unendlich viel zu erzählen hatten. Inzwischen war ihnen klar, in was für eine gemeine Intrige sie beide verstrickt worden waren und wie kaltblütig Maria und Derek sie hintergangen hatten. Jeder der beiden auf seine ganz spezielle Art...
Obwohl Ben kein Hehl daraus machte, dass er seinem Zwillingsbruder nahezu alles zutraute, hegte Meg dennoch Zweifel.
„Warum ist er so?“ grübelte sie, während sie in dem unpersönlich kühlen Warteraum vor dem OP- Trakt saßen und darauf warteten, etwas über Dereks Zustand zu erfahren. „Man wird doch schließlich nicht als hinterhältiger Mensch geboren! Es muß doch irgend einen Grund dafür geben, warum er versucht, Dir immer und immer wieder wehzutun!“
Ben zuckte nur mit den Schultern.
„Was meinst Du, wie oft ich mir diese Frage schon gestellt habe.“ meinte er mit einem bitteren Lächeln. „Ich finde auch keine Antwort darauf.“
Nachdenklich sah Meg ihn an.
„Ihr beide seid Euch äußerlich so ähnlich, wie man es nur ganz selten findet, aber vom Charakter her könntet Ihr nicht unterschiedlicher sein.“
Ben erwiderte nichts, sondern starrte eine Weile gedankenverloren auf die gegenüberliegende schmucklose Wand, die so kalt und bedrückend auf ihren Betrachter wirkte wie der gesamte offene Raum, in dem sie saßen.
Wer war eigentlich dafür verantwortlich, dass Krankenhausflure und Nischen so furchtbar geschmacklos gestaltet wurden? War es nicht für die Wartenden schon deprimierend genug, hier draußen verharren zu müssen, während ihre Angehörigen hinter den weißen OP- Türen oftmals um ihr Leben kämpften?
Er seufzte leise.
„Kannst Du Dich daran erinnern, was ich Dir damals erzählt habe, als Derek in Sunset Beach auftauchte und wir das erste Mal über ihn sprachen?“
Meg nickte.
„Ja, ich erinnere mich genau. Du sagtest, Du glaubst, er gibt Dir die Schuld daran, dass Eure Mutter nach Eurer Geburt gestorben ist, weil Du der Zweitgeborene warst. Seiner Meinung nach würde sie ohne Dich noch leben.“
„Genau“ Ben lächelte bitter. „Und die Psychiater, zu denen mein Vater ihn daraufhin andauernd geschleppt hat, haben die Sache nur noch verschärft. Solange ich denken kann, war mein Bruder mir gegenüber nur hinterhältig und gemein. Und trotzdem habe ich mich immer mit ihm verbunden gefühlt und ihm vieles verziehen. Bis zu der Sache mit Maria damals.“
„Das ist normal bei Zwillingen. Man sagt ihnen nach, dass sie eine übernatürlich starke Bindung hätten.“ Meg hob den Kopf und sah ihn an. „Was fühlst Du jetzt, wenn Du hier sitzt und an ihn denkst?“
„Ich habe Angst um ihn. Angst, dass er sterben könnte.“ Ben schüttelte fassungslos den Kopf. „Das ist doch verrückt, oder?“
„Nein, das ist überhaupt nicht verrückt.“ erwiderte Meg voller Überzeugung. „Ganz und gar nicht.“
In diesem Augenblick öffnete sich die automatische Schwingtür, die in den OP- Trakt führte und John trat heraus, gefolgt von Abby, die ihnen jedoch nur flüchtig zunickte und zielstrebig den Gang entlang zum Fahrstuhl eilte.
„Sobald ich ihn in der Leitung habe, stelle ich das Gespräch in den OP durch, Carter!“ rief sie und verschwand hinter den sich schließenden Türen.
Mit ernstem Gesicht kam John Carter auf die beiden Wartenden zu und blieb dicht vor ihnen stehen.
Unruhig lief Cynthia in ihrem Hotelzimmer auf und ab. Nachdem die Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft ihre Durchsuchung in der Liberty Corporation am späten Nachmittag endlich beendet hatten, war sie sofort hierher geeilt, in der Hoffnung, mit Derek einige wichtige Details in Bezug auf die Probleme, die in der CASTILLO CORPORATIONS aufgetreten waren, besprechen zu können.
Aber Derek war nicht da.
Er hatte weder eine Nachricht für sie hinterlassen noch war er auf seinem Handy zu erreichen. Zähneknirschend hatte Cynthia in Caracas angerufen und war dort sofort mit dem Firmenanwalt verbunden worden, der sich erst einmal bitterlich über die unkonventionelle Vorgehensweise Mr. Castillos beschwerte. Zum Glück hatte der Anwalt, wenn auch unter Dereks massivem Druck, die ganze Sache zufriedenstellend erledigen können.
Trotzdem strich sich Cynthia besorgt über die Stirn.
Wenn sie beide noch länger hier in Sunset Beach festsitzen würden, konnte sie für nichts garantieren. Dereks Firma brauchte eine feste Hand, man konnte sie nicht auf Dauer aus der Ferne lenken. Aber das schien er nicht begreifen zu wollen. Oder lag ihm am Ende vielleicht gar nichts an CASTILLO CORPORATIONS? Sollte ihm Joannas Lebenswerk vielleicht nur als finanzielles Sprungbrett dafür dienen, um seinen Bruder zu ruinieren und sich auf diese Art an ihm zu rächen?
Cynthia blickte beunruhigt zur Uhr und wählte erneut Dereks Handynummer.
„...der Teilnehmer ist momentan nicht erreichbar...“ meldete sich die verbindlich- monotone Stimme der Mailbox.
Cynthia unterdrückte mit aller Mühe einen Fluch und starrte stattdessen ratlos auf das Telefon. Dann wählte sie kurzentschlossen die Nummer der Rezeption.
„Entschuldigen Sie bitte die Störung, Charles“ hauchte sie so liebenswürdig wie möglich in den Hörer, „Ich möchte Sie um einen großen Gefallen bitten, Ihre Diskretion natürlich vorausgesetzt... Wie sich sicher herumgesprochen hat, führt die Staatsanwaltschaft diverse Untersuchungen in der LC durch, und ich habe einige wichtige Akten in Mr. Castillos Zimmer liegen gelassen, die diese Herren ganz dringend benötigen. Mr. Castillo ist zwar momentan leider nicht da, aber ich will die Untersuchungen in der Firma möglichst nicht behindern. Würden Sie mir bitte einen Ihrer Mitarbeiter hinaufschicken, der mir Mr. Castillos Zimmertür öffnet?... Oh, natürlich... das weiß ich sehr zu schätzen, Charles... das ist wirklich sehr liebenswürdig von Ihnen... Vielen Dank!“
Zufrieden legte sie auf.
Sie würde sich in Dereks Zimmer einmal gründlich umsehen. Wer weiß, vielleicht gab es ja einen Hinweis darauf, wo er sich aufhielt...
Ben und Meg waren aufgesprungen. In banger Erwartung starrten sie John entgegen.
„Was ist mit Derek?“ fragte Meg atemlos. „Lebt er?“
John wirkte erschöpft, doch als er die angespannten Gesichter der beiden sah, lächelte er.
„Wir haben ihn fürs Erste stabilisiert. Aber leider ist er noch nicht über den Berg.“
„Was heißt das genau, Doktor?“ fragte Ben beunruhigt.
John blickte ihn ernst an.
„Ihr Bruder hat massive Verletzungen erlitten, die, wie wir sehr schnell feststellen konnten, allesamt nicht unbedingt lebensbedrohlich waren. Der gebrochene Arm und die angeknacksten Rippen werden heilen. Der Milzriss hat innere Blutungen verursacht, die wir stoppen konnten, und auch der Schlag gegen die Wirbelsäule hat außer ein paar ordentlichen Blutergüssen voraussichtlich keine bleibenden Schäden verursacht. Es könnte allerdings sein, dass Derek nach seinem Erwachen aus der Narkose seine Beine nicht spürt. Das ist jedoch mit Sicherheit nur vorübergehend, bis die Schwellungen, verursacht durch die Hämatome, die auf den Nervenkanal drücken, etwas abschwellen. Er wird ziemliche Rückenschmerzen haben, aber das MRT zeigt deutlich, dass keine Nerven verletzt oder durchtrennt wurden.“
Ben ließ John nicht aus den Augen.
„Bis hierher klingt alles ganz gut, Doktor.“ bemerkte er. „Doch irgend etwas in Ihrer Stimme sagt mir, dass da noch ein „Aber“ folgt...“
John nickte ernst.
„Allerdings.“
Meg fasste nach Carters Arm.
„Bitte sag uns alles, John!“ bat sie.
Er wies auf die Besucherbank.
„Setzen wir uns einen Augenblick.“
Den Blick gespannt auf Carter gerichtet nahmen Ben und Meg Platz..
„Die Sache ist die...“ begann dieser etwas zögernd, „Derek hat bei dem Aufprall eine Kopfverletzung erlitten, die uns erhebliche Sorgen bereitet. Es sieht ganz danach aus, als ob wir seinen Schädel öffnen müssen, da wir auf dem CT etwas entdeckt haben, was auf eine innere Blutung schließen läßt. Diese Einblutung müssen wir unbedingt stoppen, um bleibende Schäden im Gehirn zu vermeiden.“
Ben presste die Lippen aufeinander.
„Verdammt!“
Meg sah John aufmerksam an.
„Sprichst Du von einer Kraniotomie?“
„Ja, allerdings.“
Meg verzog erstaunt das Gesicht.
„Soweit ich weiß, ist dazu ein Spezialist erforderlich.“ stellte sie fest. „Ist einer im Haus?“
John schüttelte den Kopf.
„Keiner, der dazu befähigt wäre. Die Verletzung ist an einer denkbar ungünstigen Stelle. Der Eingriff wird äußerst riskant.“
Ben schien für einen Augenblick total abwesend und starrte nur wortlos die Wand an. Nach allem, was in der Vergangenheit zwischen Derek und ihm vorgefallen war, müßte es ihm doch vollkommen egal sein, was mit seinem Bruder geschah. Aber das war es nicht. Er fühlte sich so abscheulich, als läge eine Hälfte von ihm hinter diesen Milchglas-Türen im Sterben.
Hatte Meg am Ende recht? Gab es wirklich diese geheimnisvolle Verbindung zwischen ihm und Derek? Eigentlich glaubte er nicht an solche Sachen, hatte es nie getan. Und doch spürte er plötzlich wieder diese Angst...
Entschlossen wandte er sich an John.
„Holen Sie einen Spezialisten! Egal, was es kostet, ich werde das bezahlen! Aber helfen Sie meinem Bruder!“
John nickte, als hätte er nichts anderes erwartet.
„Abby telefoniert bereits mit jemandem, der dafür in Frage kommt. Er ist einer der besten Gehirn- Chirurgen des Landes und war während ihres Medizinstudiums einige Zeit ihr Mentor in Chicago. Dr. William Pares.“
„John, das dauert doch viel zu lange, bis dieser Doktor von Chicago aus hier ist!“ gab Meg besorgt zu bedenken, doch Carter schüttelte den Kopf.
„Er unterrichtet derzeit nicht in Chicago, sondern in Stanford und praktiziert die meiste Zeit an der Universitätsklinik in San Francisco. Und wir haben Glück, denn momentan befindet sich Dr. Pares auf einem Ärztekongress hier in Los Angeles.“
„Dann wird er herkommen?“ fragte Ben hoffnungsvoll.
„Ich hoffe es.“ John überlegte kurz und wandte sich dann wieder an Meg. „Keine Sorge, wenn er hört, was für eine Herausforderung hier auf ihn wartet, wird er keine Sekunde lang zögern!“
„Herausforderung?“ fragte Ben misstrauisch.
John lächelte entschuldigend.
„Bitte verstehen Sie dass nicht falsch, aber Meg hatte mich gebeten, ganz offen zu sein. So wie es aussieht, handelt es sich bei dem Eingriff um einen ziemlich komplizierten Fall. Jede nicht alltägliche Operation bedeutet für einen Spezialisten wie Dr. Pares eine Herausforderung besonderer Art.“ John sah auf die Uhr. „Eines kann ich Ihnen jedoch versichern, Ben, wenn er es schafft, rechtzeitig hier zu sein, dann ist Ihr Bruder wirklich in den allerbesten Händen. Mehr können wir im Augenblick nicht tun.“
Ben atmete tief durch und blickte dann auf das Schriftstück, das John Carter in den Händen hielt.
„Was ist das?“
„Eine Einwilligungserklärung, dass wir diese Operation vornehmen dürfen. Ich vermute, Sie sind momentan der einzige Familienangehörige, den wir fragen können. Wie gesagt, es ist ein sehr komplizierter und äußerst riskanter Eingriff.“
Entschlossen griff Ben nach dem Stück Papier und setzte seinen Namen darunter.
„Tun Sie Ihr bestes!“ sagte er und reichte es John zurück.
Der nickte.
„Das werden wir. Ihr Bruder ist ein Kämpfer, Ben, er kann es schaffen!“
Einige Minuten trat Abby aus dem Fahrstuhl und eilte auf die Wartenden zu.
„Es hat geklappt, er ist bereits auf dem Weg hierher!“ berichtete sie atemlos. „Wir sollen schon alles vorbereiten.“
Mit einem Lächeln wandte sie sich an Ben und Meg.
„Dr. Pares ist der Beste, er wird das schon hinkriegen!“
Meg sprang auf und drückte spontan Abbys Hand.
„Vielen Dank, Abby!“
„Keine Ursache.“ Sie wandte sich an John. „Wir sollten jetzt reingehen!“
Er nickte.
„Und Ihr solltet nach Hause fahren.“ riet er den beiden Wartenden. „Diese Operation dauert mit Sicherheit ein paar Stunden. Ich verspreche, dass ich mich sofort melde, wenn alles vorbei ist!“
Meg wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit Ben.
„John hat recht.“ meinte sie und nahm seine Hand. „Du kannst Deinem Bruder im Moment sowieso nicht helfen.“
Ben nickte.
„Also gut.“ Er griff nach Megs Hand. „Lass uns gehen.“
John winkte ihnen zum Abschied zu, bevor er und Abby hinter den sich automatisch schließenden OP- Türen verschwanden.
„Was hat er gesagt?“ fragte John gespannt, als sie beide allein waren.
„Wen meinst Du? Dr. Pares?“
„Natürlich! Ein Arzt wie er eilt doch nicht einfach zu jedem beliebigen Fall, um ihn zu übernehmen!“
Abby blieb stehen und maß ihn mit einem bedeutungsvollen Blick.
„Dies ist kein beliebiger Fall, und das weißt Du auch, Carter. Wenn wir uns geirrt haben und es sich nicht um eine Einblutung handelt, dann steht Pares vielleicht in wenigen Minuten vor der größten Herausforderung seiner bisherigen Laufbahn!“ Sie lächelte geheimnisvoll. „Wer weiß, vielleicht hat das Thema des Ärztekongresses den Doktor gelangweilt, oder ich hatte einfach Glück, dass er sich an eine unbedeutende kleine Studentin erinnern konnte, die ihn ständig mit unbequemen Fragen genervt hat. Jedenfalls war er sofort bereit, uns einen Gefallen zu tun.“ erklärte sie bescheiden.
John legte ihr lachend den Arm um die Schultern, während sie langsam weitergingen..
„Wer würde sich an Dich nicht erinnern!“
„War das jetzt... ein Kompliment?“ fragte Abby unsicher und sah ihn aufmerksam an.
„Natürlich war es das.“ schmunzelte John. „Du hast doch unseren Oberarzt vorhin gehört. Du durftest ihm nicht nur assistieren, er meinte sogar, er könnte eine tüchtige Ärztin wie Dich hier gut gebrauchen. Aber leider hast Du ja schon andere Pläne...“
Sie blieben erneut stehen und musterten sich sekundenlang schweigend, dann atmete Abby tief durch.
„Nun... ich habe mich noch nicht entgültig entschieden. Ob ich das tue, hängt von verschiedenen Umständen ab. Wenn wir hier fertig sind, können wir ja vielleicht noch einmal darüber reden. Aber jetzt ist erst einmal wichtig, dass unser Patient alles gut übersteht. Los, lass uns wieder reingehen und den anderen helfen, Carter!“
Sie war schon an der Tür zum Waschraum, als sie hinter sich seine Stimme hörte.
„Abby?“
Erstaunt drehte sie sich noch einmal um.
„Was ist?“
John lächelte.
„Du bist noch genauso einmalig wie damals!“
Auf dem Weg zu Megs Wohnung hatten sie beide kaum ein Wort gesprochen.
Hin und her gerissen von den sich überschlagenden Ereignissen dieses Tages hatte sich Meg in die weichen Polster von Bens Wagen fallen lassen und die Augen geschlossen. Sie öffnete sie erst wieder, als Ben vor ihrem Haus angekommen war.
„Meg?“
Zärtlich strich er ihr übers Haar , beugte sich herüber und küsste sie sanft auf die Lippen.
„Aufwachen, wir sind da.“
„Ich habe nicht geschlafen. Ich habe nachgedacht.“
„Und worüber?“
„Über alles, was heute passiert ist. In meinem Kopf herrscht ein völliges Durcheinander. Es begann damit, dass Abby am Mittag plötzlich vor Johns Tür stand.“
„Abby? Die Ärztin von vorhin?“
Meg nickte.
„Sie und John... sie arbeiteten an der selben Klinik in Chicago und wollten heiraten. Aber das ist eine lange Geschichte. Irgendwann erzähle ich sie Dir, wenn Du möchtest.“ Sie seufzte. „Dann rief mich Annie in der Klinik an. Das hat mich total überrascht. Ich dachte immer, sie hasst mich, weil sie glaubte, ich hätte dich ihr weggenommen.“
Ben lächelte.
„Tja, bei Annie kann man sich nie ganz sicher sein, was sie gerade denkt und fühlt. Aber im Grunde ihres Herzens ist sie ganz in Ordnung.“
„Sie hatte sich eben in den falschen Mann verliebt. In einen, den sie nicht haben konnte. So was ist bitter.“
Ben lehnte sich zurück und lachte leise.
„Tut mir leid, aber Annie ist nun einmal nicht mein Typ!“
Trotz aller Strapazen dieses Tages wirkte sein Lachen ansteckend und irgendwie befreiend.
„Und... darf ich fragen, was für einen Typ bevorzugst?“ forschte Meg lächelnd.
Ben zwinkerte ihr geheimnisvoll zu.
„Ich bevorzuge diese kleinen zierlichen Brünetten, die mir den Atem nehmen, wenn sie mich mit ihren großen unschuldigen Augen anblicken, so wie Du das jetzt gerade tust. Und da gibt es tatsächlich eine, die mich bereits vom ersten Augenblick an so fasziniert hat, dass mich seitdem keine andere mehr interessiert...“
„Wie wäre es, wenn wir raufgehen und Du mir mehr von dieser Frau erzählst?“ schlug Meg vor.
Ben nickte.
„Nichts lieber als das. Lass uns für eine Weile das ganze Dilemma vergessen!“
Sie stiegen aus dem Wagen und betraten Arm in Arm das Haus.
„Derek, Du elender Schuft!“ zischte Cynthia wütend.
Sie hatte auf der gegenüberliegenden Straßenseite geparkt und hatte die Augen hinter einer riesigen dunklen Sonnenbrille verborgen, während sie die Szene vor Megs Haus mit wachsender Neugier verfolgte. „Irgendwie habe ich geahnt, dass Du ihr noch immer nachstellst!“
Grimmig beobachtete sie, wie sich die Haustür hinter den beiden jungen Leuten schloss.
Ihr Blick fiel auf den glänzenden schwarzen BMW und sie verzog angewidert das Gesicht.
„Sogar den Wagen Deines Bruders hast Du kopiert! Das ist wirklich krank...“
Sie lehnte sich zurück und dachte daran, wie sie vor ein paar Stunden Dereks Hotelzimmer durchsucht und diesen Zettel mit Megs Adresse gefunden hatte. Er empfand demnach mehr für diese junge Frau, als er zugeben wollte, denn warum sollte er sie jetzt noch verfolgen, nachdem sie gar nicht mehr mit Ben Evans liiert war! Seinen Bruder konnte er jedenfalls nicht mehr damit ärgern, indem er sich mit dessen Verflossener traf...
Cynthia fühlte die heiße Wut, die ihr Blut fast zum Überkochen brachte. Gepaart mit der nagenden Eifersucht, von der ihr die ganze Zeit über schon ganz schlecht zu sein schien, gab das einen nahezu tödlichen Cocktail.
„Ich hasse Dich, Derek Evans!“ murmelte sie mit vor Zorn bebenden Lippen und rachsüchtig zusammengekniffenen Augen, „Du hast mich die ganze Zeit über nur für Deine Zwecke benutzt! Du hast mit meinen Gefühlen gespielt und sie mit Füßen getreten!“
Der bloße Gedanke an jene erste Liebesnacht und sein Benehmen danach trieb ihr noch immer die Schamesröte ins Gesicht. Warum hatte sie sich nur so gehen lassen? Dabei hatte er nie von Liebe gesprochen...
Zum Teufel mit ihm! Das würde sie sich nicht gefallen lassen!
„Das wirst Du mir büßen, das schwöre ich Dir!“
Sie startete den Motor und fuhr entschlossen davon.
Während Meg in ihrer Tasche nach dem Wohnungsschlüssel suchte, lehnte sich Ben an den Türrahmen und betrachtete sie mit einem Lächeln.
„Was ist?“ fragte sie, als sie seinen Blick bemerkte.
Spontan streckte er die Hand aus, ergriff sie und zog sie in seine Arme.
„Egal, was der heutige Tag uns noch bringen mag, Meg, wichtig ist, dass ich Dich endlich wiedergefunden habe. Alles andere wird sich finden.“
Sekundenlang standen sie eng umschlungen da, sahen sich in die Augen und wussten, dass sie beide das selbe füreinander fühlten.
„Lass uns endlich reingehen...“ raunte Ben leise. Beim Klang seiner zärtliche Stimme durchfuhr sie ein wohliger Schauer.
„Na, haben Sie Miss Cummings endlich gefunden?“ krächzte eine Stimme hinter ihnen.
Erschrocken fuhren sie auseinander.
Mrs. Housman stand in ihrer Wohnungstür, die Hände in die Hüften gestemmt und musterte Ben prüfend.
Er stutzte kurz, räusperte sich etwas verlegen und nickte dann.
„Ähm... ja, dank Ihrer Hilfe.“
„Hallo Mrs. Housman!“ grüßte Meg die Nachbarin und machte sich flink daran, ihre Wohnungstür aufzuschließen.
Mit einer Schnelligkeit, die man ihr gar nicht mehr zugetraut hätte, kam Mrs. Housman herüber und hielt Meg am Arm fest.
„Warten Sie, Kindchen!“
Meg blieb erstaunt stehen.
„Ja?“
Ben merkte, dass die Nachbarin etwas Vertrauliches auf dem Herzen hatte und trat diskret ein paar Schritte zurück.
„Hören Sie“ flüsterte Mrs. Housman Meg wichtig zu, „Wenn der da wirklich der Mann Ihrer Träume ist, dann sollten Sie ein wenig achtgeben.“
„Wie meinen Sie das?“ fragte Meg vorsichtig.
„Nun, er erschien mir etwas... na ja“ Die Nachbarin machte mit einem vorsichtigen Seitenblick auf Ben eine eindeutige Handbewegung vor ihrer Stirn, „sagen wir, etwas... durcheinander.“
„Durcheinander...“ wiederholte Meg sprachlos.
„Ja, Sie wissen schon, einer der seine Gedanken nicht so recht beisammen hat.“ flüsterte Mrs. Housman bedeutungsvoll. “Er war heute Nachmittag hier und hat nach Ihnen gesucht, da habe ich ihm gesagt, wo Sie zu finden sind, und nach zwei Stunden stand er wieder da und sah mich an, als hätte er mich noch nie vorher gesehen!”
Meg verstand.
Derek und Ben... Sie selbst hatte Probleme, die beiden auseinanderzuhalten, wie sollte es da die neugierige alte Dame von nebenan schaffen, die von der Existenz der Zwillingsbrüder gar nichts ahnte!
Außerdem ging Mrs. Housmans Beobachtungsgabe über das Schlüsselloch der Wohnungstür nicht hinaus, aber Meg war im Augenblick viel zu glücklich, um weiter darüber nachzudenken. Immerhin, wenn die Nachbarin Ben in ihrer Unwissenheit nicht den richtigen Tipp gegeben hätte...
Spontan trat sie auf die Frau zu und umarmte sie herzlich.
„Danke Mrs. Housman!“
“Wofür?”
“Dafür, dass Sie so gut auf mich aufgepasst haben! Und was ihn betrifft...“ Sie wies mit einer Kopfbewegung auf Ben, der die Szene amüsiert beobachtete, „Glauben Sie mir, auch wenn er gelegentlich etwas verrückt erscheint, er ist genau der Richtige für mich. Ich liebe diesen Mann!“
Mrs. Housman wischte sich die Tränen der Rührung aus den Augen.
„Ja dann... halten Sie ihn fest, Kindchen, halten Sie ihn gut fest!“
Meg nickte lächelnd, ging zu Ben hinüber und schlang ihre Arme um seinen Hals.
„Das werde ich, Mrs. Housman, ganz sicher!“