KAPITEL 91
Die Diagnose
Die Schwester von der Aufnahme brachte Ben in eines der Ärztezimmer, in dem Dr. Marc Pares mit zwei anderen Ärzten gerade über irgend ein medizinisches Thema diskutierte. Angesichts seines Gastes unterbrach er das Gespräch.
„Wir reden später weiter, meine Herren.“
Die beiden Ärzte verließen mit einem kurzen Gruß den Raum, während Pares aufstand und Ben die Hand reichte.
„Mr. Evans, danke dass Sie so schnell hergekommen sind.“ Er wies auf die beiden Besuchersessel. „Setzen wir uns hierher, das ist gemütlicher.“
„Wie geht es Derek?“ fragte Ben gespannt, während er der Einladung Folge leistete.
Dr. Pares, ein hochgewachsener, schlanker Mann um die Fünfzig, dessen offene, freundliche Art sofort Vertrauen erweckte, wägte seine folgenden Worte sorgsam ab.
„Ihr Bruder hat das Schlimmste überstanden. Aber die Operation war nicht leicht.“
„Also konnten Sie die Einblutung stoppen, die von dem Aufprall mit dem Unfallwagen herrührte?“
Der Arzt blickte Ben aus seinen blaugrauen Augen ernst an.
„Aufgrund des MRT mußten wir zunächst annehmen, dass es sich bei besagter Stelle im Gehirn um ein durch den Unfall verursachtes Hämatom mit nachfolgender Blutung handelte. Nach Öffnen des Schädels wurden wir eines Besseren belehrt. Da war keine Einblutung...“
„Dann rührte das, was Sie gesehen haben, gar nicht von dem Unfall her?“ fragte Ben angespannt. „Was war es dann, Doktor?“
Dr. Pares lehnte sich etwas zurück und atmete tief durch.
„Ihr Bruder litt an einem Kraniopharyngeom.“
Ben starrte ihn an und zog die Stirn in Falten.
„Einem... was?“
Marc Pares nickte und hob lächelnd die Hände.
„Bitte entschuldigen Sie, Mr. Evans, aber wir Ärzte neigen immer wieder dazu, während eines Gespräches in die Fachsprache zu verfallen. Ich werde Ihnen erklären, was ich meine.“
Er beugte sich wieder vor, nahm einen Notizzettel und einen Stift von dem kleinen Beistelltisch zur Hand und begann mit schnellen Strichen eine Skizze zu zeichnen.
„Wenn Sie sich hier einen Schädel vorstellen...“ erklärte er, während er mit dem Stift auf besagte Stelle der Zeichnung tippte, „Hier haben wir das Gehirn. Und ungefähr an dieser Stelle hier befindet sich ein Teil, dass wir umgangssprachlich „Das Gehirn im Gehirn“ nennen, der Hypothalamus.“
Ben nickte.
„Davon habe ich schon gehört.“
„Dieser Teil ist mitverantwortlich für unser Gefühlsleben, unsere Persönlichkeitsentwicklung, unser Sozialverhalten. Und genau dort haben wir Ihrem Bruder einen Tumor entfernt. Ein bösartiges kleines Ding an einer fast unzugänglichen Stelle.“
„Derek hatte einen Tumor?“ rief Ben ungläubig. „Wie lange schon?“
Dr. Pares zuckte mit den Schultern.
„Schwer zu sagen. Die entfernten Tumorzellen werden noch genauestens untersucht, aber ich wage zu behaupten, dass Ihr Bruder schon sehr lange unter diesem Kraniopharyngeom gelitten hat, vielleicht wurde er sogar damit geboren.“
Ben lehnte sich zurück, fuhr sich nachdenklich mit der Hand über die Stirn und atmete tief durch.
„Jetzt wird mir manches klar...“ murmelte er kopfschüttelnd.
Dr. Pares sah ihn aufmerksam an.
„Wie meinen Sie das, Mr. Evans? Litt Derek häufig unter starken Kopfschmerzen oder anderen Symptomen?“
Ben nickte.
„Was die Kopfschmerzen betrifft, da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen, aber die restliche Symptomatik trifft voll ins Schwarze.“ Er lachte bitter, als er Dr. Paris` erstaunten Blick sah. „Dereks Gefühlsleben, seine Persönlichkeit, sein Sozialverhalten... all das war nur darauf ausgerichtet, mir zu schaden, mich zu verletzen und mir das wegzunehmen, was mir am meisten am Herzen lag.“
„Er hat Sie gehasst, seinen eigenen Zwillingsbruder?“
Benn nickte bestätigend.
„Abgrundtief.“
„Und der Grund dafür?“
Ben zuckte resigniert mit den Schultern.
„Gute Frage, Doktor. Er hat sich gewissermaßen einen Grund zusammengebastelt.“
„Wie darf ich das verstehen?“
„Unsere Mutter starb kurz nach seiner und meiner Geburt, und Derek hat sich im Kindesalter in die wahnwitzige Idee hineingesteigert, ich hätte sie umgebracht, weil ich nach ihm geboren bin.“
Dr. Paris wiegte nachdenklich den Kopf.
„Er glaubt also, wenn Sie nicht wären, würde Ihre Mutter noch leben.“
Ben nickte.
„Verrückt, was?“
„Nicht unbedingt. Ein solcher Tumor kann, wie gesagt, die gesamte Persönlichkeitsstruktur verändern. Das heißt, der Betreffende unterliegt starken Stimmungsschwankungen, mitunter neigt er zu zwanghaften Handlungen, die er nicht zu kontrollieren vermag.
Ein lebhafter Mensch kann durch ein Kraniopharyngeom auch regelrecht depressiv werden, ein anderer hyperaktiv, oder...“ Er machte eine Pause und sah Ben bedeutungsvoll an, „oder ein völlig normaler Mensch wird plötzlich aggressiv und bösartig, und diese Charaktereigenschaften gipfeln dann in einer reglerechten Besessenheit, die sich meist gegen ein bestimmtes Ziel richtet, in Dereks Fall gegen Sie... seinen eigenen Bruder.“
„Er hat es also nicht mit Absicht getan...“ murmelte Ben fassungslos. „Er ist krank...“
„Er war krank.“ verbesserte Dr. Pares bedeutungsvoll. „Wir haben den Krankheitsherd entfernt. Was nun weiter passiert, müssen wir abwarten.“
Ben sah ihn unsicher an.
„Was... kann denn passieren?“
Der Arzt verzog bedenklich das Gesicht.
„Solch eine schwere Operation birgt immer ungeahnte Risiken. Eines davon wäre eine totale oder eine Teilamnesie, das heißt, Ihr Bruder könnte sich an gar nichts oder nur an bestimmte Lebensabschnitte zurückerinnern. Oder er erinnert sich an alles und kann sich sein Verhalten nicht erklären. Vielleicht benimmt er sich aber auch genauso wie vorher. Das bedeutet, dass man ihn therapieren müßte, um seine Persönlichkeitsstruktur wieder in normale Bahnen zu lenken...“
„Das menschliche Gehirn ist kompliziert. Könnten durch die Operation in geistiger Hinsicht noch andere Schäden zurückbleiben?“
„Ich muß Ihnen gestehen, dass ich selbst noch nicht allzu oft eine so äußerst komplizierte Kraniotomie durchgeführt habe. Ein Tumor mit Einwirkung auf die Hypophyse galt lange Zeit als inoperabel. Aber da wir den Schädel bereits geöffnet und ich gesehen habe, um was genau es sich handelt, habe ich es riskiert, um dem Patienten zu helfen. Wie er den Eingriff verkraftet, liegt an ihm und seiner Verfassung. Es ist alles möglich...“
Ben verzog schmerzlich den Mund.
„Ich habe mich Derek immer irgendwie verbunden gefühlt, egal, was er mir angetan hat.“
„Ich kann Sie gut verstehen.“ erwiderte Dr. Pares verständnisvoll. „Es wäre sehr hilfreich, wenn Sie mir einige Fragen beantworten und etwas mehr von Ihrem Bruder erzählen, von seinem Verhalten bzw. seinem Fehlverhalten. Dadurch sind wir auf alles vorbereitet und können besser auf ihn eingehen, wenn er erwacht.“
Ben nickte.
„Fragen Sie, Doktor, ich habe Zeit.“
Meg riß die Wohnungstür schwungvoll auf, in der Hoffnung es sei Ben, der soeben geläutet hatte.
„Hi“ Abby stand draußen und grinste, als sie Megs erstaunten Blick sah. „Tut mir leid, ich bin bestimmt nicht die Person, die Sie erwarten, aber ich wollte mich nur eben kurz melden, bevor ich es mir nach dieser unerwarteten Mammut- Schicht auf Carters Couch bequem mache.“
„Sind Sie allein?“ fragte Meg angespannt. „Wo ist John? Gab es Probleme in der Klinik?“
Abby schüttelte beruhigend den Kopf.
„Nein, alles in Ordnung. John hat mir seinen Wohnungsschlüssel gegeben. Er konnte noch nicht weg. Ich bin ehrlich gesagt ziemlich fertig und war froh, dass ich nicht mehr gebraucht wurde.“
„Jemand aus der Zentrale der Klinik hat vorhin angerufen und Ben zu einem Gespräch mit Dr. Pares gebeten.“ erklärte Meg. Unmittelbar darauf besann sie sich und lächelte entschuldigend. „Ich bin unmöglich, lasse Sie hier draußen auf dem Flur stehen, wo bei uns alle Wände Ohren haben. Bitte kommen Sie doch herein und erzählen Sie mir, wie die OP verlaufen ist!“
„Tja...“ Abby trat von einem Fuß auf den anderen, „Ehrlich gesagt wäre es mir lieber, wenn Sie für einen Augenblick mit runterkämen. Dann könnte ich mich etwas frischmachen, einen Bissen essen und Ihnen dabei alles berichten.“
„Okay.“ stimmte Meg kurzentschlossen zu und folgte der jungen Ärztin in John Carters Wohnung.
Nach dem ausführlichen Gespräch, in dessen Verlauf sich Dr. Pares mit Bens Einverständnis zahlreiche Notizen gemacht hatte, begleitete der Hirnspezialist seinen Besucher hinauf in die in der ersten Etage liegende Intensivstation, wohin man Derek nach dem Eingriff sofort verlegt hatte.
„Bitte nur ein kurzer Besuch.“ bat Marc Pares zum Abschied eindringlich, nachdem er Ben bei der diensthabenden Schwester angemeldet hatte, „Der Patient befindet sich noch immer in einem äußerst kritischen Zustand und wird in den nächsten Stunden sowieso nichts mitbekommen.“
Ben nickte.
„Natürlich, Doktor.“
Dr. Pares reichte ihm die Hand.
„Danke für Ihr Verständnis und für Ihre Geduld, mit der Sie meine Fragen beantwortet haben. Egal wie die Sache mit Ihrem Bruder ausgehen mag, die heute gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Bedeutung und sehr hilfreich für die Behandlung von derartigen Hirntumoren. Ich werde Derek auch weiterhin mit betreuen und sehen, wie sich alles entwickelt.“
„Ich danke Ihnen, Dr. Pares.“ erwiderte Ben. „Ohne Ihren Einsatz wäre Derek mit Sicherheit gestorben, und geblieben wäre dann nichts als Hass.“ Er lächelte bitter. „Unbegründeter Hass...“
Dr. Pares klopfte ihm verständnisvoll auf die Schulter.
„Die Natur geht manchmal eigenartige Wege, Ben. Denken Sie in Ruhe über alles nach. Viel Glück!“
Zögernd und angespannt folgte Ben der diensthabenden Schwester den Gang entlang zur Schleuse, die in die IST- Räume führte.
„Legen Sie bitte Kittel, Mundschutz und Handschuhe an.“ ordnete die Schwester streng an und wartete geduldig, bis Ben der Anweisung Folge geleistet hatte. Erst dann öffnete sie die Tür und führte ihn zu Dereks Krankenzimmer. „Wie gesagt, bitte nur kurz, Mr. Evans, Ihr Bruder ist erst vor ein paar Minuten aus dem OP gebracht worden.“
Ben nickte, den Blick unverwandt auf das weiße Bett gerichtet, dass inmitten modernster hochentwickelter Technik stand. Ein mehrfaches Piepsen der Apparate zeigte an, dass der Patient am Leben war und seine Vitalfunktionen momentan im Normbereich lagen.
Langsam, als hätte er Angst vor dem, was ihn erwartete, trat Ben näher und blieb schließlich vor dem Bett stehen.
Blass wie Wachs, mit geschlossenen Augen und frischem Kopfverband lag sein Bruder da, an unzählige Schläuche angeschlossen, die ihn nach dem schweren Eingriff am Leben erhielten. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte Ben, sich selbst dort in den Kissen liegen zu sehen, und sein Magen krampfte sich schmerzlich zusammen.
„Meine andere Hälfte...“ dachte er bitter, „So fremd und doch so vertraut. Was hast Du mir alles angetan, Derek! Dein ganzes bisheriges Leben hat sich darauf gestützt, mir zu schaden, wo immer es ging und mir möglichst das Liebste zu nehmen, dass ich besaß. Nun muß ich erfahren, dass Du das alles gar nicht steuern konntest, diesen tiefen unbegründeten Hass auf mich, der Dich immer weiter trieb...“ Er starrte auf Dereks unbewegliches Gesicht – sein Gesicht. Die Ähnlichkeit zwischen ihnen war wirklich einmalig...
Was würde geschehen, wenn Derek erwachte? Wie würde es sein? Würde er sich an irgend etwas erinnern oder funktionierte sein Gedächtnis am Ende überhaupt nicht mehr?
Ben schluckte schwer.
Und was war mit ihm selbst? Warum fühlte er sich plötzlich innerlich so zerrissen?
Er dachte an die Vergangenheit, sah plötzlich wieder die beiden kleinen Jungen, die sich aufs Haar glichen und auf einem vornehmen englischen Gut einträchtig zusammen im Sand spielten, bis der eine plötzlich ohne Vorwarnung die Schaufel nahm und sie dem anderen mit aller Kraft an den Kopf schlug...Fast konnte er das warme Blut spüren, dass ihm damals über die Stirn gelaufen war, bevor sein Vater die Platzwunde hatte nähen lassen. Zurückgeblieben war eine winzig kleine Narbe am Haaransatz.
Mechanisch fuhr Ben mit dem Finger über die kaum sichtbare Stelle.
Die Szene in seiner Erinnerung wechselte... Die Jungen waren jetzt älter, der eine hatte sich fein gemacht und wollte das Haus verlassen, um sein Mädchen zum Abschlussball abzuholen, als ihn kurz hinter den Stallungen jemand mit einem stumpfen Gegenstand niederschlug und einsperrte... Als er zu sich kam, sah er vom Fenster aus den anderen, der aussah wie er selbst, mit seinem Mädchen im Auto, sie küssten sich und fuhren lachend davon...
Ben stöhnte unmerklich auf.
Unzählige solcher Erinnerungen drängten sich mit einem Mal in sein Gedächtnis, obwohl er sie mit aller Kraft zu blockieren versuchte.
Hilfesuchend drückte er seine Fingerspitzen gegen die Schläfen, dass es schmerzte.
„Nein... Schluss damit!“
Entschlossen drehte er sich um und verließ fast fluchtartig das Krankenzimmer seines Bruders.
Meg und Abby hatten es sich bei einer Tasse Cappuccino in Johns kleiner gemütlicher Sitzecke bequem gemacht und warteten auf Bens Rückkehr aus dem Krankenhaus.
Abby hatte ausführlich von dem Verlauf der Operation und den neusten Erkenntnissen berichtet. Meg war erschüttert über diese unerwartete Diagnose, und je mehr Zeit verstrich, desto unruhiger wurde sie.
Wie würde Ben auf die Neuigkeiten reagieren? Was ging in ihm vor, wenn er erfuhr, dass Derek die ganze Zeit von einer heimtückischen, krankhaften Veränderung in seinem Gehirn beeinflusst worden war? Wieviel konnte er verkraften?
Als sie nach gut drei Stunden noch immer nichts von ihm gehört hatten, hielt es Meg nicht länger aus.
Sie sprang auf und begann unruhig im Zimmer auf und ab zu laufen.
„Wer weiß, wie Ben das alles aufgefasst hat! Immerhin dachte er die ganze Zeit, sein Bruder habe ihn gehasst, und nun muß er plötzlich erfahren, dass Derek eigentlich gar nicht anders konnte, als so zu handeln!“
„Ja, damit hatte sicher niemand gerechnet, am allerwenigsten Ben.“ erwiderte sie und nickte Meg zuversichtlich zu. „Aber er wird schon damit fertig, er sieht nicht so aus, als würde er gleich aus den Schuhen kippen!“
Meg sah Abby zweifelnd an.
„Ich weiß nicht so recht. Die letzte Zeit war nicht gerade leicht für ihn.“
Abby hob die Augenbrauen. Inzwischen hatten sich die beiden Frauen auf das vertraute „Du“ geeinigt, und zu ihrem eigenen Erstaunen fiel es Abby überhaupt nicht schwer, Meg zu duzen, obwohl sie sich bis gestern noch nicht einmal gekannt hatten.
„So, wie Du mir erzählt hast, waren die letzten Wochen auch für Dich alles andere als einfach. Und? Du hast sie überstanden!“
„Ja“ nickte Meg nachdenklich, „Mit Johns Hilfe.“
„Ich bin mir ganz sicher, Du hättest es auch allein geschafft. Du bist stärker, als Dir eigentlich bewusst ist.“
„Mag sein.“ meinte Meg. „Aber alles wäre viel schwerer gewesen.“ Sie sah Abby fragend an. „Und was ist mit Dir? Mir scheint, Du bist jetzt auf dem richtigen Weg.“
„Bin ich das?“ fragte Abby erstaunt.
„Ja.“ erwiderte Meg überzeugt. „Sonst wärst Du doch jetzt nicht hier!“
Nachdenklich nippte Abby an ihrem Cappuccino.
„Ich bin hierher gekommen, um die Stelle in Santa Monica anzunehmen. Zumindest habe ich mir das bisher einzureden versucht. Die Wahrheit ist, ich habe es in Chicago nicht mehr ausgehalten, seitdem John von dort weggegangen ist. Ich wollte ihm nahe sein.“ Sie stellte die Tasse ab und lachte kopfschüttelnd.
„Weißt Du Meg... ich habe Dich erst vor ein paar Stunden kennengelernt, und schon erzähle ich Dir Dinge, die ich mir bis vor kurzem noch nicht einmal selbst eingestanden hätte. Das ist sonst gar nicht meine Art.“
Meg nickte lächelnd.
„Ich glaube, wir beide sind uns auf eine gewisse Art ziemlich ähnlich.“
Vor der Tür zur Intensivstation blieb Ben schweratmend stehen. Er konnte nicht mehr genau sagen, wann er auf dem Weg nach draußen Kittel und Mundschutz losgeworden war, er wußte nur, dass er Dereks Zimmer in maßloser Wut und Panik verlassen hatte.
Er lehnte sich gegen die kühle Wand und schloss für Sekunden die Augen.
Es waren die Erinnerungen... Er hatte sie viel zu lange verdrängt.
Nach einer Weile fühlte er erleichtert, wie sich sein Herzschlag langsam wieder normalisierte. Mechanisch massierte er seine schmerzende Stirn.
Hatten Derek oft solche Kopfschmerzen gequält? Dr. Pares meinte, die Schmerzen hätten zuweilen unerträglich sein müssen.
Mit einem Schlag wurde ihm bewusst, wie wenig er von seinem Bruder wußte. Eigentlich fast gar nichts...
Und dann plötzlich dachte er an Meg...
Er würde ihr erzählen müssen, was er eben erfahren hatte.
„Tut mir wirklich leid, Meg, aber dass mein Bruder Dich entführt und fasst umgebracht hätte, das war nur ein dummes Versehen. Er hat nämlich zuweilen Dinge getan, die er eigentlich gar nicht so meinte, weil in seinem Kopf nicht alles in Ordnung war...“
So ein Unsinn! Nein, das würde sie wahrscheinlich nicht verstehen. Wie denn auch! Er verstand es ja selbst noch nicht.
In seiner Jackentasche knisterte der Umschlag mit Dereks persönlichen Papieren, die ihm die Schwester vorhin an der Rezeption ausgehändigt hatte.
Gerade, als er danach greifen und hineinsehen wollte, öffnete sich die Tür hinter ihm.
John Carter trat heraus.
Er sah abgespannt aus, tiefe Schatten lagen unter seinen Augen. Die außergewöhnlich lange Schicht und die Anspannung der letzten Stunden hatten ihre Spuren hinterlassen.
Trotzdem lächelte er.
„Ganz schön viel für einen Tag, was?“
Ben nickte.
„Das kann man wohl sagen. Ich kann kaum fassen, was ich eben von Dr. Pares erfahren mußte.“
„Glauben Sie mir, Ben, wir waren während der Operation genauso überrascht.“ erwiderte John. „So etwas wie diese Art von Tumor kommt äußerst selten vor, und wir können von Glück sagen, dass ein Spezialist wie Marc Pares zur Stelle war und Ihren Bruder operiert hat.“
„Ob man hier wirklich von Glück sprechen kann, wird sich noch zeigen.“ murmelte Ben. „Und ich bin mir nicht sicher, wie Meg die Sache verkraften wird.“
John blickte ihn nachdenklich an und legte ihm dann kameradschaftlich eine Hand auf die Schulter.
„Sie sollten Meg nicht unterschätzen. Sie kann mehr vertragen, als Sie glauben.“
Bens warf ihm einen Blick zu, den John zunächst nicht zu deuten wußte.
„Sie haben sie in den letzten Wochen ziemlich gut kennengelernt.“ stellte er trocken fest.
John hörte mit einem Mal einen Anflug von Eifersucht aus seiner Stimme heraus und zog instinktiv seine Hand zurück.
„Oh ja, das kann man wohl sagen.“ meinte er trotzdem voller Überzeugung. „Meg ist ein ganz besonderer Mensch, warmherzig und gefühlvoll, aber gerade diese Eigenschaften machen sie auch leicht verletzlich.“
„Und ich habe sie verletzt, ist es das, was Sie damit andeuten wollen?“
„Ich will gar nichts andeuten. Aber ich finde, Meg hat es nach dieser ganzen Misere verdient, wieder ein wenig glücklich zu sein, und wenn Sie nicht dafür sorgen, dann wird es ein anderer tun.“
Ben trat einen Schritt zurück.
„Soll das eine Drohung sein?“ fragte er mit zusammengezogenen Augenbrauen und starrte den Arzt herausfordernd an.
John hielt seinem Blick mühelos stand und schüttelte den Kopf.
„Nein, Ben, keine Drohung. Nur ein gutgemeinter Hinweis.“ Er warf einen kurzen Blick auf seine Armbanduhr. „Ich muß wieder an die Arbeit, wir sehen uns später.“
Damit drehte er sich um und ging den Gang entlang in Richtung Fahrstuhl.
Ben stand wie angewurzelt und sah ihm nach. Dann plötzlich schien er sich zu besinnen und fuhr sich nervös mit den Fingern durchs Haar. Verdammt, warum reagierte er so gereizt? Meg hatte ihm doch bereits gesagt, dass John Carter nur ein guter Freund war...
Mit drei Schritten hatte Ben den jungen Arzt eingeholt.
„Dr. Carter... John... Warten Sie!“
Erstaunt blickte John sich um.
„Es tut mir leid.“ sagte Ben aufrichtig und streckte ihm versöhnlich die Hand entgegen. „Ich war ungerecht, aber momentan liegen meine Nerven ziemlich blank.“
Nach einem kurzen Zögern schlug John ein.
„Kein Problem, Ben. Ich kann das verstehen. Und was Meg betrifft...“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause und nickte dann bestätigend, „Ich habe sie wirklich gerne und würde fast alles für sie tun... Aber ich bin keine Konkurrenz für Sie, denn ich habe begriffen, dass in ihrem Herzen nur Platz für einen Einzigen ist.“
Die beiden Männer sahen sich offen in die Augen.
„Danke John.“ sagte Ben. „Es ist mir sehr wichtig, dass Sie eines wissen: Ich habe keine Schuld daran habe, was zwischen Meg und mir vorgefallen ist. Die Misere, von der Sie eben sprachen, haben wir vornehmlich Derek zu verdanken. Derek... und meiner Ex-Frau. Die beiden hätten mit ihren gemeinen Intrigen fast Erfolg gehabt. Aber es war hoffentlich die letzte Gemeinheit meines Bruders. So oder so...“ fügte er leise hinzu und dachte an Derek, wie er ihn vor ein paar Minuten gesehen hatte, bewusstlos, an unzählige Schläuche angeschlossen um sein Leben kämpfend.
John nickte, als könne er die Gedanken seines Gegenübers lesen.
„Er wird auf irgendeine Art sicher nicht mehr der Selbe sein, wenn er erwacht. Aber wie sich das äußert, ist jetzt wirklich noch nicht abzusehen.“
Ben atmete tief durch und versuchte gegen das beklemmende Gefühl in seiner Brust anzukämpfen.
„Ja, Dr. Pares erwähnte es bereits.“
„Fahren Sie gleich nach Hause zu Meg?“
„Ich weiß noch nicht, ich brauche ein wenig Zeit, um meine Gedanken zu ordnen.“
„Das kann ich gut verstehen.“
Johns Peeper meldete sich. Er zog ihn aus der Kitteltasche und blickte kurz auf die angezeigte Nummer. „Tut mir leid, aber die Pflicht ruft. Bis später, Ben.“
„Vielleicht solltest Du Ben auf seinem Handy anrufen!“ schlug Abby vor, der nicht entgangen war, dass Meg immer unruhiger wurde.
„Habe ich bereits versucht, aber es ist ausgeschalten.“ erwiderte Meg und zum hundertsten Male wanderte ihr Blick zur Uhr.
In diesem Augenblick klingelte das Telefon.
„Bei Dr. Carter...“ meldete sich Abby und lauschte in den Hörer. Kurz darauf nickte sie lächelnd. „Kein Problem, ich werde mal sehen, was Du für Vorräte im Kühlschrank hast und dann mit dem Abendessen hier auf Dich warten. Ist das okay?... Fein... Oh ja, sie ist hier, bleib dran...“ Sie reichte Meg den Hörer. „John möchte Dich sprechen!“
„John... Weißt Du, wo Ben so lange bleibt? Hast Du ihn gesehen? Ich mache mir allmählich Sorgen... Hat er mit Dr. Pares gesprochen?... Hat er... Ja, ich verstehe. Danke, John.“
Nachdenklich legte sie auf.
„Was ist los?“ fragte Abby besorgt.
„John hat mit Ben gesprochen, und er erschien ihm ziemlich durcheinander. Er meinte, er wolle für eine Weile allein sein, um über alles in Ruhe nachdenken zu können.“
„Tja“ Abby nickte verständnisvoll, „Nachdem, was Du mir über Ben und seinen Zwillingsbruder erzählt hast und nach dieser Nachricht heute kann man das irgendwie verstehen.“ Sie überlegte kurz. „Carter wird in einer Stunde hier sein. Ich bereite ein Abendessen für uns vor. Leiste uns doch Gesellschaft!“
„Nein... nein, danke, Abby, ich bin sicher, ihr beide habt eine Menge zu besprechen. Ich würde heute bestimmt nur stören. Außerdem glaube ich, Ben braucht mich im Moment nötiger.“
„Weißt Du denn, wo er sein könnte?“ fragte Abby erstaunt.
Meg zuckte vage mit den Schultern.
„Zumindest habe ich so eine Ahnung. Es gibt da einen Platz...“ Sie lächelte und war schon an der Tür. „Bis später, Abby!“