KAPITEL 92

Zukunftsgedanken

 

 

Villa der Familie Richards

 

„Haben Sie noch einen Wunsch, Mister Richards? ... Misses Richards?“ fragte Rosa und blickte abwartend von einem zum anderen, während sie neben dem großen ovalen Tisch im Esszimmer stehenblieb.

„Nein, lassen Sie uns allein, Rosa.“ erwiderte der Hausherr mit einer unwirschen Handbewegung, während sich Olivia mit ihre Serviette die Lippen abtupfte und der Haushälterin ihren Teller reichte. „Vielen Dank, meine Liebe, das Essen war hervorragend. Machen Sie Feierabend für heute.“

Rosa nickte.

„Danke, Misses Richards. Gute Nacht.“

 

Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, sprang Gregory auf und begann nervös im Zimmer auf und ab zu laufen.

„Du bist zu freundlich, Olivia.“ beklagte er sich. „Das Personal muß man härter anpacken, sonst tanzen sie einem auf der Nase herum.“

Olivia nippte an ihrem Wein und schüttelte missbilligend den Kopf.

„Rosa arbeitet bereits seit dreiundzwanzig Jahren für uns, und sie tanzt bestimmt niemandem auf der Nase herum!“

Gregory antwortete nicht. Die Hände in den Hosentaschen vergraben, verharrte er vor dem Fenster und starrte hinaus.

Sein Schweigen wirkte eher bedrohlich als beruhigend, und irgendwann stand Olivia auf und ging zu ihm hin.

„Worüber machst Du Dir Sorgen?“ fragte sie sanft.

„Ich frage mich, wo Ben sich die ganze Zeit herumtreibt!“ knurrte Gregory anstatt einer Antwort ungehalten. „Ausgerechnet jetzt, wo ich ihn mal dringend brauche, ist er nirgends zu erreichen.“

Olivia legte beschwichtigend ihre Hand auf seine Schulter.

„Es wird schon alles gut gehen. Ich glaube nicht, dass Dich eine Gefängnisstrafe erwartet.“

Gregory biss sich auf die Lippen.

„Darauf verlass Dich lieber nicht, Olivia.“

„Weshalb?“ fragte sie gutgläubig. „Du bist der beste Anwalt weit und breit... Wer sollte es wagen, Dich zu verurteilen?“

„Dieser verdammte Staatsanwalt!“ fauchte er verbissen und ballte die Fäuste. „Er wartet schon lange darauf, dass er mir eine reinwürgen kann, und diesmal sieht es ganz so aus, als würde ihm das auch gelingen!“

Olivia musterte ihn argwöhnisch von der Seite.

„Also gibt es einen Grund, weshalb er...“

„Natürlich gibt es einen Grund, verdammt!“ brüllte Gregory. „Den gibt es immer! Man darf sich nur nicht erwischen lassen!“

Olivia schluckte und trat einen Schritt zurück.

„Schrei nicht so, es könnte Dich jemand hören!“

Gregory verdrehte wütend die Augen, ging zurück zum Tisch und griff nach seinem halbvollen Weinglas.

„Wer zum Teufel sollte mich hier hören? Unsere Haushälterin hat Feierabend und Caitlin konnte es mit ihrem neuen Bräutigam kaum erwarten, das Haus wieder zu verlassen. Sie behandelt mich wie einen Aussätzigen!“

„Was erwartest Du denn von ihr? Soll sie Dir um den Hals fallen, wo Du sie fast umgebracht hättest?“

„Das war ein Unfall!“

„Nenn es wie Du willst.“ erwiderte Olivia unwirsch. „Immerhin hat Cole dafür gesorgt, dass Du nicht länger in Untersuchungshaft bleiben musstest.“

„Der gute Cole...“ höhnte Gregory, „Was glaubst Du wohl, warum er das getan hat? Aus Nächstenliebe?“

„Aus Liebe zu Caitlin!“

„Das ich nicht lache...“

 

Das Läuten an der Haustür ließ sie beide aufhorchen.

„Erwartest Du noch Jemanden?“ fragte Olivia mit einem erstaunten Blick zur Uhr.

„Nein.“

Gregory drehte das Glas in den Fingern und machte keinerlei Anstalten, zur Tür zu gehen.

Voller wachsender Ungeduld trat Olivia von einem Fuß auf den anderen.

„Du solltest vielleicht trotzdem nachsehen, Rosa ist nämlich nicht mehr da.“

Gregory stürzte den restlichen Wein mit einem einzigen Zug hinunter und stöhnte gequält, als es abermals läutete, diesmal allerdings mit Nachdruck und mehrmals hintereinander.

„Verdammt, ich komme ja schon!“

Wütend riß er die Tür auf und sah sich einer Person gegenüber, mit deren Besuch er wohl zuallerletzt gerechnet hätte.

„Sie?“

 

 

Kurz vor Sunset Beach

 

Ein langanhaltendes wütendes Hupen brachte Ben in die Wirklichkeit zurück und er bemerkte, dass er aus der Überholspur heraus zu weit nach rechts gefahren war. Der Fahrer des Wagens, den er dadurch fast in die Leitplanken abgedrängt hätte, zeigte ihm in einer unmissverständlichen Geste, was er von diesem unverantwortlichen Verhalten hielt, gab Gas und brauste davon.

Ben fluchte leise und biss die Zähne aufeinander.

„Reiß Dich zusammen!“ ermahnte er sich kopfschüttelnd und nahm die nächste Ausfahrt.

Erstaunt stellte er fest, dass er, ohne es zu merken,  auf der Küstenstraße fast bis Sunset Beach gefahren war.

Von den Klippen aus konnte man die kleine Stadt bereits sehen.

 

Ben fuhr in eine der Parkbuchten am Straßenrand und stieg aus. Langsam ging er den Weg entlang, den er von früher her so gut kannte und der über einen schmalen Pfad direkt bis zum oberen Rand der Klippen führte, von wo aus sich dem Betrachter ein atemberaubendes Panorama aus Himmel, Meer und der weit unter den Felsen malerisch daliegenden Stadt bot.

Der bevorstehende Sonnenuntergang tauchte alles ringsum in ein märchenhaft goldenes Licht.

 

Doch für die Schönheit der Natur hatte Ben heute keinen Blick.

 

Direkt am Abgrund blieb er stehen, die Hände tief in den Taschen seiner Jacke vergraben und starrte gedankenverloren hinunter in die tödliche, aus scharfkantigem Fels und aufschäumendem wilden Wasser bestehende Gruft, die so gefährlich und dennoch unglaublich schön war.

Hier hatte er sich oft mit Maria getroffen, damals, als sie frisch verliebt waren und die ganze Welt noch in Ordnung schien. Sie glaubten zu dieser Zeit beide fest daran, dass ihre Gefühle für einander unbesiegbar seien und ihre Liebe ewig andauern würde. Und doch war diese einmalige große Liebe eines Tages plötzlich und unerwartet zerbrochen, genauso schnell wie die Wellen, die sich unaufhörlich unten an den Felsen brachen, und deren Millionen auffliegende glitzernde Wassertropfen Ben an Glasscherben erinnerten, die sich schmerzhaft in die Haut bohrten und tiefe Narben hinterließen. So hatte er damals gefühlt, als Maria ihn verließ, als Derek sie mit überlegenem Lächeln einfach mit sich nahm und Ben in einem Strudel aus Wut, Verzweiflung und innerem Schmerz zurückließ.

 

Und das sollte er jetzt alles einfach so verzeihen?

 

Zwei Jahre hatte er gebraucht, um über die Trennung von Maria hinwegzukommen, und wenn auch die Zeit manche Wunden zu heilen vermochte, so war der alles verzehrende Schmerz in seinem Inneren damals doch nur allmählich einer dumpfen, verbissenen Gleichgültigkeit gewichen, die jeden einzelnen Tag und jede Nacht seines Lebens beherrschte.

 

Bis er Meg getroffen hatte...

 

Sie erwischte ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel, sie war der langersehnte Sonnenstrahl in seinem düsteren einsamen Leben, und auch, wenn er sich am Anfang noch hartnäckig gegen seine Gefühle wehrte, so hatte er doch bereits in dem Augenblick, als sich ihre Blicke das erste Mal begegneten und einander festhielten, irgendwie gefühlt, dass diese bezaubernde junge Frau alles verändern würde.

 

Doch kurz darauf war Derek erneut aufgetaucht und hatte mit allen Mitteln versucht, ihm nun auch Meg zu nehmen. Es war ihm nicht gelungen. Im Gegenteil, um ein Haar hätte er seinen fanatischen Hass auf Ben und seine Jagd auf die geliebte Frau seines Bruders mit dem Leben bezahlt.

 

Ben strich sich über die Stirn.

Vielleicht wäre es besser gewesen, Derek hätte die Operation nicht überlebt...

Er erschrak fast bei diesem Gedanken.

Okay.. versuchte er sich zu beruhigen, lange Zeit dachten ohnehin alle, Derek sei tot, doch das war ein Unfall gewesen, als er sich auf der Flucht vor der Polizei befand.

Aber ihm bewusst den Tod wünschen? Nein, das hatte Ben niemals wirklich getan. Und das würde er auch jetzt nicht tun.

 

Er atmete tief durch, während er weiter auf die tosende Brandung starrte, ohne wirklich etwas davon zu sehen.

 

Seine Gedanken wanderten unaufhörlich in die Vergangenheit und wieder zurück in die Gegenwart. Wie oft hatte er sich früher gewünscht, ein normales Verhältnis zu seinem Bruder zu haben. Jetzt würde er vielleicht seine Chance bekommen. Aber wollte er sie überhaupt noch, nach allem, was geschehen war? Konnte er Derek wirklich alles verzeihen, was er ihm angetan hatte?

Und wenn, was würde Meg dazu sagen? Immerhin hatte Derek skrupellos mit ihrem Leben gespielt und sie nach der Entführung aus der Berghütte beinahe umgebracht. Würde sie seine Nähe ertragen und vergessen können, was geschehen war?

 

Ben presste die Lippen aufeinander und schüttelte unmerklich den Kopf. Nein, das konnte sie ganz sicher nicht, sie war zwar überaus gütig und verständnisvoll ... aber das war nun wirklich zu viel verlangt.

Also würde er sich entscheiden müssen. Und auch wenn es schmerzte, er wußte ganz genau, wie diese Entscheidung ausfallen würde...

 

Für Bruchteile von Sekunden drohte sein Herzschlag auszusetzen, als er hinter sich plötzlich ein Geräusch hörte und sich eine Hand unvermittelt auf seine Schulter legte...

 

 

Die Villa der Familie Richards

 

Cynthia Rodriges stand da, von Kopf bis Fuß perfekt gestylt, im eleganten roten Chanelkostüm, das Ledertäschchen lässig unter den Arm geklemmt und lächelte strahlend.

„Gregroy! Herzlich willkommen zu Hause!“

„Cynthia...“ murmelte er entgeistert, „Was wollen Sie?“

„Nun...“ sie räusperte sich und lächelte dann unbeirrt weiter, „Sagen wir mal so... Ich bin hier, weil ich eventuell dafür sorgen könnte, dass Sie nicht wieder dahin zurück müssen, wo Sie heute hergekommen sind.“

Gregorys Gesicht verfinsterte sich zusehends. „Was zum Teufel soll dieses alberne Geschwätz! Was sollten Sie schon tun können? Wollen Sie etwa den Staatsanwalt bestechen?“

„Nein, mein Lieber, selbst wenn ich das könnte, würde ich einen anderen Weg wählen.“

„Und der wäre?“

Sie musterte ihn mit dem überlegenen Blick einer Frau, die sich ihrer Sache sicher war.

„Vielleicht sollten Sie mich erst einmal hereinbitten und mir ein paar Minuten Ihrer kostbaren Zeit widmen. Mein Angebot wird Sie garantiert interessieren.“

Gregory überlegte einen Augenblick angestrengt. Er mochte Cynthia nicht besonders, aber das tat momentan nichts zur Sache. Sie war clever, und vielleicht tat er gut daran, sich anzuhören, was auch immer sie ihm vorzuschlagen hatte. In seiner gegenwärtigen Situation mußte er für jede Hilfe dankbar sein, dessen war er sich leider voll bewusst.

Widerwillig trat er beiseite und ließ sie ein.

 

 

Bei den Klippen

 

Zu Tode erschrocken durch die unerwartete Berührung fuhr Ben herum und sah einen Bruchteil von Sekunden später in Megs Gesicht.

„Meg... Woher wusstest Du...“ begann er fassungslos, doch sie legte lächelnd einen Finger auf seine Lippen.

„Keine Ahnung, nenn es einfach einen siebten Sinn.“, flüsterte sie, glücklich ihn gefunden zu haben. „Du hast mir irgendwann einmal von diesem Ort erzählt, erinnerst Du Dich? Hoch auf den Klippen über Sunset Beach, der Platz, an dem Du Dich früher immer mit Maria getroffen hast. Du warst nie mit mir hier, aber ich wußte trotzdem, wo Du in diesem Moment sein würdest. Hier treffen sich Vergangenheit und Gegenwart...“ Sie hob den Kopf und sah ihn mit großen Augen an. „Aber... Ist da auch ein Platz für die Zukunft?“

 

Ben durchfuhr ein wohliges Gefühl von Wärme und Zuneigung. Jetzt erst schien er in vollem Maße zu spüren, wie schmerzlich er Meg die ganze Zeit vermisst hatte. Er hob die Hand und strich ihr zärtlich eine Haarsträhne aus der Stirn, während ihre Blicke miteinander verschmolzen.

Du bist meine Zukunft, Meg. Egal, was heute, morgen oder irgendwann passiert, ich möchte es mit Dir erleben. Niemand wird uns je wieder trennen, und ich werde niemals wieder zulassen, dass Dir irgendwer wehtut, das schwöre ich Dir.“

In Megs Augen schimmerten Tränen.

„Ich liebe Dich, Ben.“

Wortlos schlang er seine Arme um ihren schlanken Körper und zog sie fest an sich, so als wolle er sie nie wieder loslassen.

 

Während sich tief unter ihnen weiterhin die schäumenden Wellen an den Felsen brachen, um in Form von Millionen winzig kleiner Wassertröpfchen ihren Weg zurück in den endlosen Ozean zu finden, legte Meg ihren Kopf an Bens Schulter, spürte seine Wärme und fühlte sich das erste Mal seit Wochen wieder unendlich geborgen.

 

 

Villa der Familie Richards

 

Olivia, die im Wohnzimmer wartete, bemühte sich angesichts des unerwarteten Gastes um ein verbindliches Lächeln, obwohl sie über Cynthias Erscheinen keineswegs erfreut war.

„Cynthia, meine Liebe, was für eine nette Überraschung! Was führt Sie zu uns?“

„Ich entschuldige mich für diesen späten Überfall.“ erwiderte Cynthia mit jener kühlen Freundlichkeit, über die sich Olivia bereits auf der Party geärgert hatte.

„Ich würde Ihren Mann gerne einen Augenblick unter vier Augen sprechen. Es handelt sich um eine wirklich dringende Angelegenheit, und ich verspreche, dass ich mich so kurz wie möglich fassen werde.“

„Wir gehen in mein Arbeitszimmer.“ knurrte Gregory unwirsch, bevor Olivia zu antworten vermochte. Mit einer Miene, die nichts Gutes verhieß, wies er Cynthia den Weg.

„Hier entlang.“

 

Olivia stand einen Augenblick lang wie versteinert. Was nahm sich diese anmaßende Person eigentlich heraus?

Ärgerlich folgte sie den beiden und lauschte neugierig an der Tür zu Gregorys Arbeitszimmer, doch sie mußte frustriert feststellen, dass sie kein Wort von dem verstehen konnte, was dahinter gesprochen wurde.

Wütend rauschte sie hinauf in ihr Schlafzimmer und warf die Tür hinter sich zu.

Gregory hatte ihr versprochen, dass er diese Rodriges sehr bald loswerden würde. An dieses Versprechen mußte sie ihn unbedingt erinnern...

 

 

Bei den Klippen

 

„Wie bist du eigentlich hergekommen?“ fragte Ben leise, nachdem sie eine Weile schweigend engumschlungen dagestanden hatten.

„Mit einem Taxi. Als ich deinen Wagen an der Strasse sah, wußte ich, dass meine Vermutung, Dich hier zu finden, richtig gewesen war, und ich schickte das Taxi zurück.“ murmelte Meg verträumt. Plötzlich fiel ihr schlagartig ein, weshalb sie ihn eigentlich gesucht hatte. Sie hob den Kopf und sah Ben erschrocken an.

„Du weißt das von Derek?“

Ben nickte.

„Ja, Dr. Pares hat es mir erzählt.“

„Was wirst du tun? Vorausgesetzt, Derek wacht überhaupt wieder auf...“

„Ich weiß es nicht. Es ist zu viel passiert. Derek hat zu vielen Menschen geschadet, Menschen, die mir etwas bedeuten.“

„Ja, das hat er...“ Gedankenverloren starrte Meg aufs Meer hinaus und dachte daran, wie Derek sie aus den Bergen entführt und in seinem Haus gefangengehalten hatte. Als wäre es gestern gewesen, sah sie ihn mit der Spritze in der Hand vor dem Bett stehen. Sie fröstelte bei dem Gedanken an die panische Angst, die sie damals ergriffen hatte. Damals... alles, was vor der Operation geschehen war, zählte dazu und war Vergangenheit.

 

Meg straffte die Schultern.

„Das ist jetzt vorbei, Ben.“ sagte sie entschieden und sah ihn an. „Derek wird niemandem mehr wehtun. Und wenn Du ihm verzeihen kannst, dann kann ich es auch.“

 

Langsam färbte sich der Himmel über den Klippen glutrot, ein Zeichen dafür, dass sich ein ereignisreicher Tag seinem Ende näherte.

Liebevoll hielt Ben Meg umschlungen und strich ihr über die Wange.

„Komm mit...“ sagte er plötzlich und nahm kurzentschlossen ihre Hand, um sie mit sich fortzuziehen.

„Hey“ rief sie erstaunt, „Wohin gehen wir?“

„Dahin, wo alles angefangen hat!“

Meg lachte.

„Wie willst Du denn so schnell in 8000m Höhe über den Pazifik gelangen?“

Ben blieb stehen und sah sie bedeutungsvoll an.

„Dort oben sind wir uns zum ersten Mal begegnet, Du und ich, das ist wahr. Aber wirklich angefangen hat es mit uns woanders... Komm schon, beeil Dich, Liebling!“

 

 

Gregorys Arbeitszimmer

 

Während sich Cynthia in einen der gut gepolsterten Clubsessel setzte und die langen schlanken Beine gekonnt übereinander schlug, trat Gregory zur Bar und nahm eine Flasche heraus.

„Cognac, Cynthia?“

„Gerne“ erwiderte sie, lehnte sich entspannt zurück und wartete geduldig, bis er ihr das Glas reichte und sich ihr gegenüber niederließ.

„Nun, ich bin ganz Ohr. Um was für ein Angebot geht es?“

„Ich habe mich erkundigt und herausgefunden, dass jemand eine ziemlich hohe Kaution gezahlt hat, damit man Sie heute aus der Untersuchungshaft gehen ließ.“ begann sie gedehnt.

Unwillig zog Gregory die Augenbrauen zusammen.

„Darf ich fragen, was Sie das angeht?“

„Nun, solch hohe Kautionen werden normalerweise nur gestellt, wenn der Betreffende ein wirklich wichtiger Mann ist, der... nun sagen wir... einiges zu verlieren hat. Und das haben Sie...“

„Woher...“

„Ich habe meine Quellen.“ Sie nippte an ihrem Glas und stellte es dann vor sich auf den Tisch, während sie Gregory eindringlich musterte.

„Man wird Sie diesmal drankriegen, soviel ist sicher, doch Sie wollen um keinen Preis ins Gefängnis, habe ich Recht?“

Er starrte sie finster an, und in seinem Kopf wirbelten die Gedanken wild durcheinander. Cynthia wußte anscheinend mehr, als ihm lieb war. Er sollte sich auf jeden Fall anhören, was sie zu sagen hatte. Sie hatte verdammt Recht, er hatte nichts zu verlieren, diesmal nicht...

 

„Ich bin ganz Ohr.“

„Okay“ Zufrieden lächelnd lehnte sich Cynthia zurück. „Haben Sie schon einmal von der Firma CASTILLO CORPORATIONS gehört?“

 

 

Auf dem Pier

 

Sie standen engumschlungen im Licht der untergehenden Sonne draußen auf dem Pier, dort, wo der Himmel das Meer berührte und die Legende von Sunset Beach manchmal Wirklichkeit wurde. Für Ben und Meg jedenfalls schien sie sich zu erfüllen. Im gleißenden Rot des Sonnenunterganges sahen sie einander in die Augen und nahmen das bunte Gewimmel von unzähligen Touristen, die sich genau wie sie um diese Zeit an dem herrlichen Schauspiel der Natur erfreuten, gar nicht wahr.

„Hier hat alles richtig begonnen“ raunte Ben, „Obwohl ich schon vorher von Dir fasziniert war. Aber an diesem Tag sind wir uns wiederbegegnet, und da wußte ich plötzlich, dass es für mich einen Neuanfang geben würde – mit Dir, Meg!“

Sie lächelte versonnen.

„Elaine hat mir genau an diesem Tag von der Legende erzählt, an die die Menschen hier glauben. Und dann standest Du mit einem Mal vor mir... Es war fast wie Zauberei.“

Ben lachte.

„Zauberei, bei der Casey ein wenig nachgeholfen hatte. Dafür werde ich diesem Teufelskerl ewig dankbar sein!“

 

Der Sonnenball war bereits fast ganz am Horizont verschwunden, als Ben und Meg Hand in Hand über den Pier zurück zur Strandpromenade schlenderten, hinüber zu Bens Haus, wo er vorhin seinen Wagen geparkt hatte.

Dort blieb Ben etwas unschlüssig stehen.

„Möchtest Du zurück nach Hause, Meg?“ fragte er zögernd, um sie zu nichts zu drängen.

Sie sah ihn mit großen Augen an.

„Du meinst nach Venice? Oh nein, Venice ist nur eine vorübergehende Bleibe, aber niemals mein Zuhause.“

Er zog sie dicht zu sich heran.

„Und... wo fühlst Du Dich zu Hause?“

Sie blinzelte verschmitzt.

„Noch so eine dumme Frage, Ben Evans, und ich ziehe sofort wieder ins Surf Center!“

 

Bevor sie wußte, wie ihr geschah, hatte Ben sie schwungvoll auf seine Arme genommen und trug sie durch den Vorgarten zum Eingang seines Hauses. Vor der Tür setzte er sie ab, beugte sich zu ihr herunter und begann unvermittelt damit, sie voller ungeduldiger Leidenschaft zu küssen. Meg reagierte sofort und erwiderte seinen Kuss mit all der Sehnsucht, die sich in den vergangenen Wochen tief in ihrem Herzen aufgestaut hatte.

Hungrig suchten sich ihre Lippen, während sie sich beide dicht aneinander drängten und sich schließlich eng umschlungen in den Armen hielten, als wollten sie sich niemals wieder loslassen.

Meg stöhnte leise auf, als sich Bens Hand zielstrebig ihren Rücken hinauftastete und sich schließlich in ihren dichten braunen Locken verfing, während die andere den eher umgekehrten Weg einschlug und ihr fast den Atem nahm.

„Willkommen zu Hause, Liebling!“ raunte Ben zwischen seinen Küssen. „Findest Du nicht, dass es sinnvoller wäre, wenn wir...?“

„...hineingehen?“ vollendete Meg die Frage mit einem verklärten Lächeln. „Ich habe schon befürchtet, Du würdest nie fragen!“