KAPITEL 93

Flucht

 

 

Gregorys Arbeitszimmer

 

Eine ganze Weile, nachdem Cynthia gegangen war, saß Gregory noch immer regungslos an seinem Schreibtisch, den Kopf in die Hände gestützt und düster vor sich hinstarrend, während seine Gedanken fieberhaft arbeiteten.

Das Angebot, dass Cynthia Rodriges ihm unterbreitet hatte, war mehr als verlockend. Es bedeutete Freiheit, Unabhängigkeit, Reichtum und Macht. Aber wenn er es annahm, würde er einen sehr hohen persönlichen Preis dafür zahlen müssen.

Cynthia war wirklich clever, das mußte er zugeben. Er hatte sie unterschätzt. Oder besser gesagt, er war in der letzten Zeit zu sehr mit sich selbst und seinen Problemen beschäftigt gewesen, als das er auf den Gedanken gekommen wäre, die neue Teilhaberin so genau zu durchleuchten, wie er das ansonsten mit jedem neuen Mitarbeiter zu tun pflegte. Ein unverzeihlicher Fehler, der ihm unter anderen Umständen leicht den Kopf hätte kosten können...

 

Und Cynthia Rodriges schien sich ihrer Sache sicher zu sein.

 

„Ich habe von Anfang an hart für diese Firma gearbeitet, ich war zuverlässig, umsichtig und bedingungslos loyal.“ hatte sie ihm mit ruhiger, fester Stimme erklärt. „Ich war die Beste, und Joanna Castillo wußte das zu schätzen. Doch dann ist sie leider ganz plötzlich verstorben. Ich blieb in der Firma und arbeitete fortan für den Mann, den Joanna kurz vor ihrem Tod geheiratet hatte. Jetzt weiß ich, dass er meine Loyalität schamlos ausgenutzt hat. Schlimmer noch, er hat mich skrupellos dazu benutzt, seine zwielichtigen  Geschäfte abzuwickeln.“ Cynthia atmete tief durch und straffte die Schultern. „Aber ich lasse mich nicht benutzen! Von niemandem...“

„Und was hat das alles mit mir zu tun, Teuerste?“ hatte Gregory ungeduldig gefragt.

Sie beugte sich vor und ihre Augen funkelten wie die einer Wildkatze, während sie ihn aufmerksam fixierte.

„Ich bin sicher, dass Joanna Castillos Tod kein Zufall war. Leider kann ich das nicht beweisen. Aber dennoch hat Mister Castillo einen entscheidenden Fehler gemacht...“

„Und welchen?“

„Er hat mich unterschätzt. Ich bin nicht die dumme kleine Sekretärin, die gottergeben ihre Arbeit leistet und die man nach Belieben herumschubsen kann wie einen primitiven Lakaien. In den vielen Jahren habe ich einflussreiche Verbindungen geknüpft, die mir jetzt von nutzen sein werden.“

Gregory nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas. Der Cognac brannte in seiner Kehle.

„Und was genau wollen Sie, Cynthia?“

In ihren dunklen Augen loderte ein gefährliches Feuer.

„Ich will, dass Derek Castillo alles verliert, was er besitzt. Seine Existenz, die Firma, sein Haus in Caracas, jeden Cent... alles!“

„Sie wollen also die Firma vernichten!“

„Nein, die Firma soll dabei keinen Schaden nehmen, im Gegenteil. Nur ihr derzeitiger Besitzer. Und Sie werden mir dabei helfen.“

 

Gregory spürte, wie er wider Willens eine Gänsehaut bekam. Eine Frau, die so hasste, wie Cynthia das anscheinend tat, durfte man nicht unterschätzen.

 „Warum sollte ich das tun?“ erkundigte er sich vorsichtig.

„Dafür gibt es zwei gute Gründe, Gregory.“ erwiderte sie gelassen. „Erstens: Sie lieben Macht und Reichtum genauso sehr wie ich. Clever geführt wirft CASTILLO CORPORATION genug Gewinn für uns beide ab.“ Sie machte eine Pause und nippte ebenfalls an ihrem Cognac, ohne ihn jedoch dabei aus den Augen zu lassen.

„Und der zweite Grund?“ fragte Gregory, der sich unter ihrem Blick leicht unbehaglich zu fühlen begann.

Cynthia lächelte verhalten.

„Ganz einfach... Wir beide sitzen im selben Boot. Ihr Thron in Sunset Beach wackelt bereits und es ist mehr als fraglich, ob Sie Ihre Freiheit behalten werden, die Ihnen so viel bedeutet. Ich für meinen Teil habe auch nichts zu verlieren. Aber ich will meine Rache und den Platz in der Firma, den ich mir rechtmäßig erarbeitet habe. Mit Ihrer Skrupellosigkeit und Ihren juristischen Fähigkeiten, sowie meinen Verbindungen und dem detaillierten Insider-Wissen über CASTILLO CORPORATIONS gehört uns im Handumdrehen bald die mächtigste Firma an der Küste Venezuelas.“

Gregory schluckte. Das hörte sich verdammt gut an...

„Was wissen Sie über diesen... Castillo?“ fragte er interessiert.

Cynthia lächelte geheimnisvoll.

„Alles, was ich wissen muß.“

„Erzählen Sie mir mehr.“

Ihre Augen verengten sich.

„Alles zu seiner Zeit. Erst will ich eine klare Entscheidung von Ihnen!“

Er zog die Stirn in Falten.

„Unterschätzen Sie mich nicht, Cynthia. Ich kaufe keine Katze im Sack.“

„Und ich kann es mir nicht leisten, unvorsichtig zu sein. Sobald Sie bereit sind, mich bei meinen Plänen zu unterstützen, werden Sie alles erfahren...“

 

Nun hockte er hier vor der wahrscheinlich schwersten Entscheidung seines Lebens.

Und er mußte sie sofort treffen, denn die Zeit saß ihm im Nacken.

Pässe für ihn und Olivia, ein Flugzeug, dass sie problemlos außer Landes bringen würde, eine neue Identität und eine mächtige Firma, die er sich nur mit Cynthia teilen mußte... das war die positive Seite. Über die negative mochte er momentan gar nicht nachdenken.

Cynthia hatte ihm bis eine Stunde vor Mitternacht Bedenkzeit gegeben, dann erwartete sie seinen Anruf. Und erst, wenn er hundertprozentig zustimmte, würde er genauere Details erfahren.

Genau genommen blieb ihm keine Wahl. Er wußte, was hier in Sunset Beach auf ihn wartete. Er hatte zu hoch gepokert und würde alles verlieren, wenn er weiterhin nur dasaß und abwartete. Alles, einschließlich seiner Freiheit...

 

 

Gregorys Arbeitszimmer

 

„Gregory?“

Er fuhr erschrocken herum.

Olivia stand im Türrahmen und musterte ihn fragend. „Was ist los? Was wollte diese Person von Dir?“

Gregory starrte seine schöne Frau lange und eindringlich an, bevor er antwortete.

„Es könnte durchaus sein, dass diese Person, wie Du sie so abfällig nennst, momentan der einzige Mensch in unserem Leben ist, der uns den Weg aus dieser derzeitigen Misere in eine sorgenfreie Zukunft sichern kann.“

Olivia schüttelte ungläubig den Kopf.

„Was redest Du denn da?“

„Pack die wichtigsten Sachen ein.“ erwiderte Gregory ungerührt. „Wir verreisen.“

„Was? Wohin?“

„In ein neues Leben. Für eine sehr lange Zeit.“

Schockiert riß Olivia die Augen auf und trat einen Schritt zurück.

„Ich werde Sunset Beach nicht verlassen!“

„Du willst also riskieren, dass ich ins Gefängnis muß?“

„Nein!“

„Dann geh jetzt und pack die Koffer.“

„Und... unsere Kinder?“

„Sean braucht uns schon lange nicht mehr, und Caitlin kommt auch ohne uns beide bestens klar. Es ist Zeit, dass wir an uns selbst denken!“

Mit zwei Schritten war Olivia am Schreibtisch. Eindringlich sah sie ihren Mann an.

„Was hast Du vor?“

„Ich erkläre es Dir später.“

„Gregory, Du machst mir Angst!“

Er sah die Furcht in ihren Augen, aber er durfte jetzt keine Rücksicht nehmen.

„Olivia... Ich muß ins Gefängnis, wenn ich hier bleibe. Und das will ich nicht. Also gibt es nur eine Möglichkeit.“

Die Erkenntnis traf Olivia wie ein Keulenschlag.

„Flucht...“ hauchte sie leise.

Gregory nickte.

„Ja, genau.“

„Ich... ich muß erst mit Caitlin reden!“

„Ich werde ihr ein paar Zeilen schreiben.“

Olivia griff sich an die Stirn, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen.

„Gregory... Cait und Cole verlieren das DEEP, wenn Du einfach verschwindest!“

„Es hat mir noch nie gefallen, dass meine Tochter in einer schäbigen Bar hinterm Tresen stehen und andere Leute bedienen muß. Ich werde ein Schriftstück aufsetzen, in dem ich ihr die Villa überschreibe.“

„Oh mein Gott! Das geht alles so schnell!“

„Tut mir leid, Olivia, mehr Zeit haben wir nicht!“

 

 
Bens Haus

 

Irgendwann gegen Mitternacht schreckte Meg plötzlich aus dem Schlaf hoch und brauchte einen Augenblick um sich zu erinnern, wo sie war. Ein Blick zur Seite genügte und sie entspannte sich, während ein verklärtes Lächeln ihre Lippen umspielte.

Ben... Er lag neben ihr und schlief.

Sie betrachtete liebevoll sein markantes Gesicht. Selbst im Schlaf lag noch immer diese raue Männlichkeit, diese Attraktivität in seinen Zügen, die sie so sehr faszinierte. Sie verspürte den dringenden Wunsch, mit ihren Fingerspitzen über seine Wangen zu streichen, doch sie wollte ihn nicht aufwecken. Die letzten vierundzwanzig Stunden waren für ihn genauso aufregend gewesen wie für sie selbst.

 

Der Unfall vor dem Krankenhaus, dieses eisige Entsetzen, als sie glauben mußte, dass es Ben war, der Sekunden später um sein Leben kämpfte, bis zu dem Augenblick, als sie plötzlich erkannte, dass es sich in Wirklichkeit um den von allen totgeglaubten Derek handelte, der sie bis nach Los Angeles verfolgt hatte. Dann das unverhoffte Wiedersehen mit Ben, die unbändige Freude darüber, vermischt mit der bitteren Erkenntnis, dass man sie beide belogen und wie Marionetten in einem billigen Theaterstück benutzt hatte, um sie voneinander zu trennen. Und als wenn das noch nicht genug war, dann auch noch diese unerwartete Nachricht über Dereks Gesundheitszustand, die alles schlagartig veränderte. Das Ganze war ein einziger Strudel aus Überraschung, Angst, Ungewissheit, aber auch höchsten Glücksgefühlen gewesen, in dem sie beide zu versinken drohten, bis sie dann in stillem Einvernehmen hier in Bens Haus in Sunset Beach erneut zueinandergefunden hatten. In diesem Augenblick, als sie sich liebten und in den Armen hielten, war nichts anderes mehr von Bedeutung, es zählte nur der Augenblick, und sie kosteten ihn aus, als hätten sie beide ewig auf diesen Moment gewartet. Und so war es ja auch...

 

Meg lächelte.

Plötzlich erschienen ihr die letzten Wochen nur noch wie ein Traum, so als wären sie nie wirklich voneinander getrennt gewesen. Aber gleichzeitig war sie sich dessen bewusst, dass sie nichts von dem, was sich ereignet hatte, nur geträumt war. Es würde Veränderungen geben, denn auch sie selbst hatte in der Zwischenzeit wichtige Entscheidungen getroffen, und da waren einige Dinge in ihrem Leben, die es zu regeln galt. Aber nicht jetzt, nicht in diesem kostbaren Augenblick, hier in Bens Haus, in seinem Schlafzimmer, in seinen Armen...

 

Eine Weile lauschte sie seinen ruhigen gleichmäßigen Atemzügen, dann konnte sie nicht länger widerstehen. Sie beugte sich vorsichtig hinüber und hauchte ihm liebevoll einen Kuss auf die Wange. Er blinzelte verschlafen, doch bevor sie sich zurückziehen konnte, um seinen Schlaf nicht zu stören, spürte sie, wie sie zwei starke Arme umfingen und zu sich hinunterzogen.

„Entschuldige Ben, ich wollte nicht...“ begann sie, doch er verschloss ihre Lippen mit einem langen sehnsüchtigen Kuss.

 

„Mmh... so geweckt zu werden, ist wohl das Beste, was einem Mann passieren kann, selbst, wenn es mitten in der Nacht ist!“ meinte er mit rauer Stimme und lächelte. „Versprich mir, dass Du mich auch noch so weckst, wenn wir schon mindestens zwanzig Jahre verheiratet sind!“

Meg lachte.

„Was soll das heißen, Ben Evans?“

„Nun“ Er richtete sich etwas auf und stützte sich auf seinen Ellenbogen, während er Meg aufmerksam betrachtete. „Ich erinnere mich noch recht gut, dass wir, bevor man uns auf so gemeine Art voneinander trennte, gewisse Pläne geschmiedet haben. Diese Pläne sollten wir nun endlich verwirklichen.“

Meg hielt unwillkürlich den Atem an.

„Du meinst, Du willst noch immer, dass ich Deine Frau werde?“

„Was dachtest Du denn? Natürlich will ich das. So bald wie möglich!“

Megs Augen glänzten, während sie nickte.

„Ja, das möchte ich auch.“

Dann jedoch wurde ihr Blick ernst. „Allerdings sollten wir mit unseren Hochzeitsplänen noch etwas warten.“ Sie bemerkte Bens fragenden Ausdruck in den Augen und lächelte. „Zumindest so lange, bis wir wissen, wie Derek die Operation überstanden hat.“

„Vielleicht hast Du recht.“ stimmte Ben nach kurzer Überlegung zu. „Ich kann Dir kaum beschreiben, mit welchen Gefühlen ich dem Moment erwarte, in dem er aufwacht. Alles ist möglich, hat Dr. Pares gesagt. Wird sich Derek an irgend etwas erinnern können? Ist er noch der Selbe wie vorher? Oder ein völlig veränderter Mensch?“ Er atmete tief durch und strich sich über die Stirn. „Alles ist möglich...“

 

Sie konnten nicht mehr schlafen.

Eine Weile lagen sie eng aneinander gekuschelt da, genossen einfach die Nähe des anderen und hingen schweigend ihren Gedanken nach.

„Meg? flüsterte Ben irgendwann.

„Was ist?“

Er richtete sich auf und sah sie mit ernster Miene an.

„Die letzten Wochen waren die Hölle... Wir haben so viel kostbare Zeit verloren. Ich möchte jeden Morgen neben Dir aufwachen.“ Seine Lippen verzogen sich zu einem bedeutungsvollen Lächeln. „Zieh bei mir ein! Heute noch! Was meinst Du dazu?“

 

 

 

Flughafen Long Beach

 

„So, ich bin fertig mit dem Check up.“ Casey stellte die Motoren des kleinen LC Privatflugzeuges ab und lehnte sich zurück. „Eine Mammut- Tour, aber dafür läuft das Vögelchen jetzt perfekt.“

„Wie oft soll ich Dir das noch sagen, Du Bruchpilot: Es soll nicht laufen, es soll fliegen, Cas!“ grinste sein Bordmechaniker T.C., der mit ihm zusammen die fällige Wartung der Maschine durchgeführt hatte. Dieser Check up hatte jedoch erheblich länger gedauert als geplant, denn auf dem anschließenden Probeflug hatten sie eine Unregelmäßigkeit in den Messgeräten entdeckt und über Stunden hinweg nach der Ursache für den Fehler im System gesucht.

„Willst Du noch`ne Proberunde drehen?“ fragte Casey, belustigt über T.C.s  Bemerkung und nahm die Kopfhörer ab.

„Nichts da, es ist bereits nach Mitternacht!“ protestierte der Mechaniker. „Auf mich wartet eine verdammt hübsche Frau zu Hause!“

Casey warf ihm einen erstaunten Blick zu.

„Seit wann das denn?“

„Seit gestern.“ erwiderte T.C. trocken und schob sein Basekap zurück, während seine braunen Augen schelmisch blitzten. „Zumindest hoffe ich, dass sie noch da ist, wenn ich heimkomme!“

Er war um die dreißig, schlank und nicht nur wegen seiner wilden Rasta- Mähne, die ihm ein etwas verwegenes Aussehen verlieh, bei den Frauen sehr beliebt. Casey arbeitete gern mit ihm zusammen, denn T.C. war ein Profi, was Flugzeugwartung betraf. Zudem verbreitete er meist eine geradezu ansteckend gute Laune, selbst an einem Tag wie heute, wo an einen pünktlichen Feierabend nicht zu denken gewesen war.

 

„Na dann lass Deine neue Eroberung nicht länger warten!“ meinte Casey augenzwinkernd  und öffnete die Tür.

Lachend kletterten die beiden Männer aus der Maschine und waren eben dabei, das Privatterrain der LIBERTY CORPORATION zu verlassen, als T.C. verwundert stehen blieb.

„Wo kommt denn die plötzlich her?“ fragte er erstaunt und wies auf die Privatmaschine, die ziemlich dicht neben dem Stellplatz der LC in Warteposition stand.

Casey zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung, die war gerade gelandet, als wir reinkamen. Wenn ich mich nicht irre, sind die beiden Piloten noch immer an Bord.“

„„Könnte vom Typ her `ne DC sein.“ mutmaßte T.C. mit Kennerblick. „Sicher einer von diesen reichen Geschäftsleuten, der keinen  Fuß mehr in einen überfüllten Airbus setzen wollen.“

„Tja, das ist eben das Privileg der reichen Geschäftsleute. Und wir beide haben wiederum das Privileg, diese Leute zu fliegen oder stundenlang an ihren fliegenden Kisten herumzuschrauben.“ seufzte Casey grinsend und wollte eben die Garage zuschließen, als der Pilot der kleinen Privatmaschine nebenan die Motoren startete.

 

Genau in diesem Augenblick näherte sich eine dunkle Limousine dem Stellplatz. Während von einigen Flughafen- Bediensteten eilig eine Gangway herangerollt und verschiedene Gepäckstücke aus dem Wagen ins Flugzeug gebracht wurden, stiegen drei Leute aus der Limousine und gingen schnellen Schrittes auf die Maschine zu. Sie trugen Mäntel und hatten trotz der Dunkelheit Sonnenbrillen auf. Casey konnte im Schein der Flughafen- Beleuchtung erkennen, dass zwei davon Frauen waren, denn sie trugen große Hüte, die sie tief ins Gesicht gezogen hatten. Der dritte im Bunde, ein hochgewachsener, stattlicher Mann, hielt den Kopf gesenkt und sah sich vor dem Besteigen der Gangway noch einmal kurz um, als wolle er sichergehen, dass sie nicht beobachtet wurden, bevor er hinter den Damen hastig im Rumpf der Maschine verschwand. Sofort wurde die Gangway wieder entfernt. Die Türen schlossen sich, das Flugzeug verließ seine Park- Position und rollte langsam in Richtung der Startbahn, wo die Crew auf ihre Abflugerlaubnis warten mußte.

 

Die ganze Aktion hatte nicht länger als fünf Minuten gedauert.

 

„Da sieht man es mal wieder, die können sich alles erlauben.“ meinte T.C. kopfschüttelnd. „Eine richtige Nacht- und- Nebel- Aktion!“

Casey starrte der Maschine nach.

„Eigenartig...“ murmelte er und kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf. „Ich glaube fast, ich habe schon Halluzinationen.“

T.C. sah ihn fragend an.

„Was meinst Du?“

„Nun, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, Gregory Richards ist soeben in diese Maschine gestiegen. Aber das kann ja unmöglich der Fall sein, denn der sitzt in Untersuchungshaft.“

T.C. kniff die Augen zusammen.

„Also... jetzt wo Du es sagst, irgendwer von den Kollegen hat mir erzählt, dass Richards heute morgen zeitweise auf freien Fuß gesetzt wurde.“

„Auf freien Fuß, einfach so? Das gibt’s doch nicht...“

„Na ja, sein Schwiegersohn... der das DEEP besitzt, der hat angeblich die Kaution gestellt.“

„Cole Deschanel?“ Caseys Augen wurden immer größer. „Aber der hat doch gar kein Geld!“

„Das brauchte er auch nicht. Er hat angeblich die Bar als Sicherheit eingesetzt.“ T.C. verzog bedenklich das Gesicht. „Der mir das erzählt hat, meinte noch, hoffentlich haut Richards nicht ab, sonst verliert dieser Deschanel seinen Laden und wir wissen nicht mehr, wo wir uns abends treffen sollen. Der Schuppen ist nämlich wirklich gut.“

„Verdammt...“ murmelte Casey, dem plötzlich klar wurde, was er eben beobachtet hatte. Eine Sekunde lang stand er noch wie versteinert, dann machte er auf dem Absatz kehrt und lief zurück zum Flugzeug, das er eilig aufschloss.

„Was hast Du denn vor?“ rief T.C. entgeistert.

„Ich will versuchen, die Maschine aufzuhalten!“

In fliegender Eile griff sich Casey das Funkgerät im Cockpit.

 

 

Bens Haus

 

Meg schluckte.

„Ich soll bei Dir einziehen? Heute noch?“ wiederholte sie und zwang sich zu einem vorsichtigen Lächeln. „Ben, ich fürchte, das wird nicht gehen.“

„Aber warum denn nicht?“ fragte er verständnislos. „Wir könnten gleich am Vormittag nach LA fahren und Deine Sachen holen. Die Wohnung zu kündigen dürfte doch kein Problem sein!“

Meg seufzte leise.

„So einfach ist das nicht.“

Ben zog die Stirn in Falten.

„Du hast es Dir etwa anders überlegt?“

„Nein!“ erwiderte Meg schnell. „Das ist es nicht. Ich würde wirklich gern bei Dir einziehen, nichts lieber als das. Aber... nicht heute Vormittag!“

„Das verstehe ich nicht.“

„Nun, ich habe einen Job, schon vergessen? Ich muß heute Vormittag arbeiten!“

Ben schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn und lachte.

„Oh natürlich... Du hast ja einen Job... Sorry, das hatte ich ganz vergessen. Dann ändern wir eben unsere Pläne.“

„Wie meinst Du das?“ fragte Meg verwirrt.

„Das ist doch kein Problem“ erwiderte er mit der ihm eigenen Entschlossenheit. „Wir werden erst am Nachmittag Deine Sachen packen. Ich nutze den Vormittag, um nach Derek zu sehen und einige geschäftliche Dinge zu erledigen. Nach Deinem Dienst hole ich Dich ab. Wir kündigen die Wohnung und Deinen Job gleich dazu, und dann...“

„Ben, warte einen Moment.“ unterbrach ihn Meg und hob abwehrend die Hand. In ihr Laken gewickelt setzte sie sich auf und sah ihn ernst an. „Ich werde meinen Job im Centinela Hospital nicht kündigen.“

Ben stutzte, doch dann glaubte er zu verstehen und nickte.

„Wenn es Dir Freude macht, in einem Krankenhaus zu arbeiten, dann werde ich eben versuchen, Dich im SB Medical Center unterzubringen. Obwohl Du wirklich nicht auf den Job angewiesen bist, Liebling. Als meine zukünftige Frau musst Du nicht arbeiten gehen...“

„Das ist sehr großzügig von Dir, Ben, aber danke, ich will den Job in LA behalten.“

„Und warum? Wegen John?“ fragte Ben etwas argwöhnisch.

„Ja, er ist einer der Gründe dafür.“ erwiderte Meg und lächelte, als sie seinen misstrauischen Blick sah. „Kein Grund, gleich eifersüchtig zu werden. Ich möchte in der Centinela Klinik weiterarbeiten, weil John Carter dort mein Mentor ist.“

Ben starrte sie ungläubig an.

„Dein... was?“

„Für das, was ich vorhabe, brauche ich einen vorgesetzten Arzt, einen Mentor, denn ich muss während der zahlreichen Praktika in den nächsten acht bis zehn Semestern alle medizinischen Stationen durchlaufen. Und John wird mich dabei unterstützen.“

„Wovon redest Du, Meg?“

Sie lächelte geheimnisvoll.

„Ich erfülle mir meinen Jugendtraum, Ben. Ich studiere Medizin.“

 

 

Flughafen Long Beach

 

„LC 1, LC 1, Tower bitte melden!“

„Hier Tower, was gibt’s, LC 1?“ meldete sich einer der Fluglotsen.

„Hier spricht Kapitän Casey Mitchum. Es geht um die Maschine, die eben um Starterlaubnis gebeten hat! Wo fliegt die hin?“

„Die DC 9? Die geht nach Venezuela.“

„Lasst sie nicht starten, hört Ihr? Nicht rauslassen!“

„Aber wieso denn nicht?“

„An Bord ist aller Wahrscheinlichkeit nach ein Untersuchungsgefangener, der illegal ausreisen will!“

„Sie müssen sich irren, LC 1“ erwiderte der Fluglotse, „Das ist eine Privatmaschine, alles ist korrekt gemeldet. Aber ich kann ja mal nachfragen.“

Ungeduldig starrte Casey auf das Funkgerät in seiner Hand, bis sich endlich die Stimme des Lotsen wieder meldete.

„Hören Sie, LC 1...“

„Ja?“

„Tut mir leid, die Maschine hat soeben ihre Starterlaubnis bekommen und ist bereits in der Abflugphase!“

Casey unterdrückte einen wütenden Fluch.

„Wohin fliegt sie?“

„Moment, ich muss nachsehen... Eigenartig...“

„Was ist eigenartig?“

„Es ist kein genauer Zielflughafen angegeben. Normalerweise...“

Casey knirschte mit den Zähnen.

„Vergessen Sie`s, Tower, jetzt ist es zu spät! LC 1, Ende.“