KAPITEL 94

ÜBERRASCHENDE WENDUNGEN

 

 

Bens Haus

 

„Du studierst also Medizin...“

Ben sah Meg lange an, und sein Erstaunen wich langsam einem Lächeln.

„Was ist?“ fragte Meg unsicher. „Du wusstest doch, dass es schon immer mein Wunsch war, Ärztin zu werden. Jetzt habe ich endlich die Gelegenheit dazu. Hast Du ein Problem damit?“

„Meg...“ erwiderte er kopfschüttelnd, beugte sich vor und küsste sie. „Weißt Du eigentlich, dass mir, seitdem wir uns kennen, schon mehrere Leute gesagt haben, Du wärst etwas Besonderes? Und sie haben allesamt Recht, das bist Du wirklich. Ich bin wahnsinnig stolz auf Dich, Frau Doktor!“

Erleichtert über seine Reaktion lachte sie.

„Nun, bis zum Doktortitel ist es noch ein ganzes Stück.“ Sie zögerte und bedachte ihn mit einem prüfenden Blick. „Ich hatte schon befürchtet, dass Du vielleicht nicht besonders begeistert von meinem Vorhaben sein würdest.“

„Wieso denn nicht?“ fragte er erstaunt.

„Ich werde wenig Freizeit haben und, trotzdem ich mich für einen Großteil der Vorlesungen in Fernstudienkursen eingeschrieben habe, werde ich oft nicht zu Hause sein. Es wird nicht leicht, Ben, ich hoffe, Du verstehst das. Vor uns liegt ein langer Weg.“

Er nickte und strich ihr sanft übers Haar.

„Wir werden ihn gemeinsam gehen, Du und ich. Schließlich sollst auch Du die Möglichkeit haben, all das in Deinem Leben zu erreichen, was Du Dir vorgenommen hast. Und ich bin sicher, dass wir uns hinterher noch genauso lieben, wie wir das jetzt bereits tun!“

Meg umarmte ihn glücklich.

„Ich danke Dir Ben!“

„Wofür denn?“ fragte er lachend. „Noch habe ich ja nichts getan. Aber ich hoffe, Du erlaubst mir zumindest, meiner zukünftigen Frau dieses Studium zu finanzieren!“

Meg sah ihn an und lächelte geheimnisvoll.

„Ich befürchte, dazu ist es zu spät. Das ist bereits bezahlt.“

Ben zog erstaunt die Stirn in Falten.

„Schon bezahlt? Du hast mir doch mal erzählt, Deine Eltern konnten sich die Gebühren nach Deinem Highschoolabschluss nicht leisten!“

„Das ist leider wahr.“ erwiderte Meg. „Die Einschreibung an der Uni, die Studiengebühren und alles, was dazugehört hat ein guter Freund für mich bezahlt.“

„Ein Freund?“

Meg lehnte sich zurück und sah Ben bedeutungsvoll an.

„Erinnerst Du Dich an den Tag nach unserer Verlobungsfeier im Deep?“

Bens Gesicht verdüsterte sich mit dem Gedanken daran.

„Das war der Tag, an dem Du spurlos aus Sunset Beach verschwunden bist. Und ob ich mich erinnere!“

„Ich wollte Dich an diesem Tag mit Jemandem bekannt zu machen...“

„Und wer ist dieser geheimnisvolle Jemand?“

Meg lachte und zwinkerte ihm zu.

„Wart`s ab!“ meinte sie geheimnisvoll. „Du wirst ihn so bald wie möglich kennenlernen. Und ich bin sicher, Du wirst ihn genauso sehr mögen wie ich!“

 

 

Die Villa der Familie Richards

 

Cole und Caitlin wurden am anderen Morgen durch das Läuten des Haus-Telefons geweckt.

Verschlafen rappelte sich Caitlin auf und griff nach dem Hörer.

„Rose? Was ist denn los?“ Sie stutzte, als sie die aufgeregte Stimme der Haushälterin hörte.

„Warten Sie einen Augenblick, Rose, ich komme selber hinunter. Wo sind Sie? In der Küche... Ja, beruhigen Sie sich, ich bin gleich da.“

Mit einem Seufzen schwang Caitlin die Beine aus dem Bett und griff nach ihrem Hausmantel.

„Was ist denn los, Liebling?“ fragte Cole und blinzelte verschlafen.

Sie waren in der letzten Nacht erst weit nach Mitternacht vom Deep nach Hause gekommen, und er hätte sich momentan nichts sehnlicher gewünscht, als den Vormittag einfach zu verschlafen. Aber anscheinend gab es irgend ein Problem...

„Rose hat angerufen.“ erklärte Caitlin und strich sich mit allen Fingern kurz durch ihr langes blondes Haar. „Sie hat nicht gesagt, um was genau es sich handelt, aber sie klang ziemlich aufgeregt. Ich werde mal hinuntergehen und nachsehen, was es so Wichtiges gibt.“ Sie beugte sich zu ihm herunter und gab ihm einen Kuss. „Schlaf weiter, ich bringe uns nachher gleich Frühstück mit.“

„Du bist ein Schatz!“ murmelte Cole und vergrub den Kopf wieder in den Kissen. Nicht einmal in einer Nobelvilla wie dieser hier hatte man seine Ruhe!

 

 

Bens Haus

 

„Meg?“

„Mmh...“

„Wann musst Du zur Arbeit?“

„In ein paar Stunden.“

„Dann haben wir ja noch etwas Zeit...“

„Ben... lass mich schlafen!“

„Willst Du das wirklich?“

„Ja... mmh... nein.... eigentlich nicht...“

„Soll ich lieber aufhören?“

„Oh nein, bloß nicht...“

„Das könnte ich gar nicht, Liebling, selbst wenn ich es wollte...“

 

Nur das Rascheln der Seidenlaken und ein wohliges Stöhnen war noch zu hören... Und das Läuten des Telefons, gefolgt von Bens ungehaltenem Knurren.

 

„Ben, das Telefon!“

„Ignorier das verdammte Ding...“

„Und wenn es wichtig ist?“

„Nichts ist wichtiger als das, was wir gerade tun...“

 

Der Anrufbeantworter schaltete sich ein und Bens Stimme auf Band verkündete, dass der Anrufer bitte eine Nachricht hinterlassen sollte.

Das tat dieser dann auch.

„Ben, hier ist Casey! Bitte nimm den Hörer ab, wenn Du zu Hause bist, es ist wirklich sehr wichtig. Es geht um Gregory... Ich glaube, er ist abgehauen!“

 

„Casey?“

Ben war mit einem Satz aus dem Bett gesprungen und hatte den Hörer hochgerissen. „Was zum Teufel sagst Du da?“

 

 

Die Villa der Familie Richards

 

Ratlos stand Caitlin unten in der Küche.

Was Rose da in ihrer Aufregung für zusammenhangloses Zeug zusammenstotterte, überstieg momentan ihre Vorstellungskraft.

Mum und Dad sollten weg sein?

Okay, sie hatte sich ja selbst gewundert, dass das Tor zur Einfahrt der Villa sperrangelweit offen gestanden hatte, als sie nachts mit Cole nach Hause gekommen war. Aber sie hatte nicht weiter darüber nachgedacht, sondern angenommen, ihre Eltern seien noch ausgegangen.

Aber was bedeutete es wirklich, wenn die Haushälterin unter Tränen behauptete, Mister und Misses Richards seien „weg“? Wohin? Wie lange? Warum überhaupt?

Rose wußte es nicht. Sie weinte und schniefte und murmelte ständig etwas auf spanisch, was Caitlin nicht verstand.

Schließlich gab sie es auf und ließ Rose in der Küche zurück, um sich selbst ein Bild von dieser äußerst merkwürdigen Sache zu machen.

 

Sie betrat das riesige Wohnzimmer und blickte sich um. Auf dem Tisch standen benutzte Gläser, es lagen Zeitschriften achtlos auf dem Boden und über der Couchlehne hing der Hausmantel ihrer Mutter. Der Kamin war aus, aber davor lagen eine Menge Papierfetzen, so als hätte jemand irgend welche Papiere verbrannt.

Caitlin schüttelte missbilligend den Kopf.

Sicher hatten sie Rose nach dem Abendessen nach Hause geschickt, wie sie das öfter taten. Danach blieb einfach alles achtlos liegen, in der Überzeugung, die Haushälterin würde früh morgens schon für Ordnung sorgen.

Caitlin seufzte.

Sie selbst hatte nie jemanden gebraucht, der ihr alles nachräumte. Darauf würde sie auch in Zukunft gut verzichten können. Sie fühlte sich selbstständig genug, ihr Heim für Cole und sich allein in Ordnung zu halten.

Sie stolperte über Olivias Schuhe, kickte sie achtlos beiseite und wollte schon gehen, da sah sie ihn...

 

Der große weiße Briefumschlag lehnte an der Blumenvase auf dem Tisch, und er trug ihren Namen.

Caitlin nahm ihn auf und drehte ihn erstaunt in ihren Fingern, bevor sie ihn öffnete.

Gespannt zog sie das dicht beschriebene Blatt heraus und erkannte sofort die Handschrift ihres Vaters, darunter die ihrer Mutter, eilig hingekritzelt. Neugierig begann sie zu lesen, doch bereits nach wenigen Zeilen begriff sie plötzlich, was das alles zu bedeuten hatte. Ihre Knie begannen zu zittern, sie sank auf die Couch und ihr Mund öffnete sich zu einem stummen Schrei...

 

 

Centinela Hospital

 

Ein paar Stunden später hatte Megs Schicht in der Klinik bereits begonnen.

Vorsichtig schoben sie und ihre Kollegin Linda ein Rollbett mit einem Patienten in den Fahrstuhl.

„Sind wir schon da?“ fragte der ältere Mann schläfrig. Er hatte bereits starke Beruhigungsmedikamente bekommen und befand sich auf dem Weg zum OP.

Meg lächelte.

„Nur noch einen Augenblick Geduld, Mister Miller, es geht gleich los!“

„Ich kann`s kaum erwarten...“ meinte der Patient mit einem schiefen Lächeln, das nur zu deutlich zeigte, dass da immer noch eine Spur von Angst vorhanden war.

„Keine Sorge, wenn Sie nachher wieder aufwachen, fühlen Sie sich wie neugeboren.“

Meg wußte, dass dies nach einer schweren Magenoperation sicher nicht der Fall sein würde, aber ihre beruhigenden Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Der Patient schloss nach einem kurzen Nicken die Augen und ergab sich seinem weiteren Schicksal.

Meg seufzte und lehnte sich an die kühle Wand, während der Lift sanft nach oben fuhr.

„Geht es Dir gut?“ fragte Kelly mit einem prüfenden Blick.

Meg lächelte.

Eine interessante Frage...

 

Nach Caseys Telefonanruf war alles sehr schnell gegangen. Die Neuigkeiten, die er überbrachte, waren alles andere als erfreulich gewesen. Meg konnte gut verstehen, dass Ben sich sofort auf den Weg zur Liberty Corporation machen mußte, um sich dort einen ersten Überblick zu verschaffen, wieviel Schaden Gregory durch sein mutmaßliches Verschwinden angerichtet hatte. Hoffentlich war die Firma noch zu retten.

Ben überließ Meg seinen Wagen, damit sie nach LA zur Arbeit fahren konnte.

„Bitte sieh nach Derek“  hatte er sie gebeten und sie sanft in die Arme geschlossen, nachdem er ihren erschrockenen Blick wahrnahm. „Ich weiß, dass ist sehr viel verlangt, Liebling, aber ich möchte gern wissen, wie es ihm geht. Du kannst auch einfach Dr. Pares fragen, aber ich kann wirklich noch nicht sagen, wann ich heute aus dem Büro wegkomme.“

„Ist schon gut, Ben“ hatte sie geantwortet und ihr Unbehagen über diesen Auftrag tapfer verdrängt, „Ich werde nach ihm sehen.“

Nun war es an der Zeit, dieses Versprechen einzulösen...

 

„He, Meg... Geht es Dir gut?“ wiederholte Linda etwas beunruhigt über Megs Schweigen ihre Frage.

„Ja und nein... Ich bin seit gestern noch nicht sehr viel zum Nachdenken gekommen. Der Tag heute hat so hektisch begonnen, wie der gestrige endete...“

Linda lachte.

„Schätzchen, mit so einem Kerl an der Seite, wie der, der Dich vor dem Eingang erwartet hat, kann der Tag gar nicht hektisch genug sein!“

 

Die Fahrstuhltüren glitten auf und die beiden Schwestern schoben das Bett den Flur entlang zum OP, wo der Patient bereits erwartet wurde.

„Sie sollen bitte einen der Patienten von der Wachstation mit nach unten nehmen.“ ordnete die diensthabende OP-Schwester an. „Es wird allerdings noch gut zehn Minuten dauern, der Arzt untersucht ihn erst.“

„Okay“ nickte Linda, „wir warten.“

Meg sah auf die Uhr.

„Die Intensivstation ist eine Etage tiefer. Ich werde mal schnell nach Bens Bruder sehen.“

„Sieht der genauso gut aus?“ fragte Linda neugierig.

Meg verdrehte die Augen.

„Ich fürchte, momentan sieht er überhaupt nicht gut aus.“

 

 

Die Villa der Familie Richards

 

Als Caitlin nach Hause kam, wurde sie bereits von Cole erwartet.

„Cait!“ rief er beunruhigt. „Wo zum Teufel hast Du die ganze Zeit gesteckt? Ich habe mir Sorgen gemacht...“

„Ich war in der Firma, bei Ben Evans.“ erwiderte sie kurz angebunden und marschierte an ihm vorbei ins Wohnzimmer.

Cole beobachtete erstaunt, wie sie sich in einen der Sessel fallen ließ und mit einem Aufstöhnen die Schuhe von den Füßen kickte.

„Zuerst kommst Du in Tränen aufgelöst zurück in unser Schlafzimmer, weigerst Dich mit mir zu reden und dann verschwindest Du einfach.“ beklagte er sich vorwurfsvoll. „Konntest Du mir nicht wenigstens sagen, wohin Du wolltest?“

„Nein. Ich musste zuerst mit Ben sprechen.“

„Und worüber?“ fragte Cole sarkastisch. „Über die neusten Eskapaden Deines Vaters? Wenn man Rosas hysterischem Gestammel Glauben schenken kann, hat er sich kurz entschlossen zusammen mit Deiner Mutter auf eine etwas längere Reise begeben!“

Mit zusammengepressten Lippen nickte Caitlin.

„Ja... es ist wahr. Sie sind weg.“

„Hast Du davon gewusst?“ forschte Cole.

Caitlin sprang erbost auf.

„Wie kannst Du so etwas sagen! Ich bin mindestens so überrascht und schockiert wie Du!“

Cole musterte sie prüfend.

„Und was wolltest Du ausgerechnet bei Ben Evans, dem Geschäftspartner Deines Vaters?“

„Er ist nicht nur sein Geschäftspartner, für mich ist Ben schon immer ein guter Freund.“ verteidigte sich Caitlin. „Ich brauchte seinen Rat.“

„Wußte er, was Dein Vater vorhatte?“

„Ist das ein Verhör?“ fuhr Caitlin Cole ungehalten an, besann sich dann jedoch. „Niemand hat es gewusst. Ben ist im Büro und sammelt die Scherben ein, die Dad ihm hinterlassen hat. So wie es aussieht, steht die Liberty Corporation kurz vor dem Aus.“

Cole spürte, wie sich auf seiner Stirn kleine Schweißtropfen bildeten. Bis jetzt hatte er immer noch gehofft, alles werde sich zum Guten klären.

„Oh Mann...“ stöhnte er schmerzlich und fuhr sich verzweifelt mit den Fingern durchs Haar, „Ich hätte nie gedacht, dass er uns das antun würde. Vor allem Dir, seiner eigenen Tochter...“ Er drehte sich um, trat auf Caitlin zu und nahm sie bei den Schultern.

Eindringlich sah er sie an.

„Du weißt hoffentlich, was seine Flucht für uns bedeutet? Wir haben das DEEP verloren!“

„Nicht nur das DEEP...“ erwiderte Caitlin leise und trat einen Schritt zurück.

Ihr starrer Blick verhieß nichts Gutes.

„Wie meinst Du das?“ fragte er vorsichtig.

Caitlin holte tief Luft.

„Ich möchte, dass wir unsere Ehe annullieren lassen, Cole!“

„Was?“

„Ich will die Scheidung!“

 

 

George Carters Villa

 

Roger Miles hatte sich gleich nach dem Frühstück in sein Büro zurückgezogen, um sich um die Firmengeschäfte zu kümmern. Seit George Probleme mit dem Herzen hatte, versuchte ihn sein Anwalt und treuer Freund so wenig wie nur möglich mit geschäftlichen Dingen zu belasten. Nach dem Herzanfall, den Carter vor nicht allzu langer Zeit auf dem Rückflug von Tokio nach LA erlitten hatte, unternahm Roger sogar Geschäftsreisen fast immer allein. Soweit es ging, erledigte er alles selber und fragte George nur dann um Rat, wenn es absolut unerlässlich war.

So wie jetzt...

Roger zog irritiert die Stirn in Falten, rückte seine Brille zurecht und starrte zum wiederholten Male ungläubig auf den Monitor des Computers. Schließlich aktualisierte er die aufgerufene Seite und stellte fest, dass sich dadurch auch nichts von dem änderte, was dort überraschenderweise stand.

Nachdem er zielstrebig einen dicken Aktenordner gewälzt und schließlich etwas gefunden hatte, was seine Ahnungen zu bestätigen schien, griff Roger kurzentschlossen zum Telefon und wählte Carters hausinterne Privatnummer.

„George? Würdest Du bitte kurz in mein Büro kommen? Ich habe hier etwas, das dürfte Dich sehr interessieren...“

 

 

Centinela Hospital, ITS

 

Meg drückte auf den Klingelknopf am Eingang der Intensivstation. Als sie eingelassen wurde und der diensthabenden Schwester den Flur entlang folgte, befürchtete sie fast, diese könnte hören, wie stark ihr Herz klopfte.

„Er kann Dir nichts mehr anhaben, beruhige Dich. Was immer er in der Vergangenheit getan hat, er war krank...“ versuchte sie sich einzureden, während sie Kittel und Mundschutz anlegte.

 

Selbst als sie Derek Minuten später da liegen sah, blass, friedlich schlafend, mit riesigem Kopfverband, angeschlossen an unzählige Geräte und Schläuche, wollte das unbehagliche Gefühl nicht weichen.

„Dr. Pares ist momentan nicht da“ erklärte die Schwester, die nebenbei die Apparaturen kontrollierte, „Er hat mich beauftragt, Ihnen zu sagen, dass bisher alles sehr gut aussieht. Die Werte des Patienten liegen allgemein im Normalbereich.“

„Wann rechnen Sie damit, dass er zu Bewusstsein kommt?“ fragte Meg angespannt.

Die Schwester wiegte abschätzend den Kopf.

„Schwer zu sagen. Es kann jederzeit passieren, das kommt ganz auf die innere Verfassung des Patienten an. Einer braucht nur ein paar Stunden, während andere Tage oder sogar Wochen so liegen. Aber je eher desto besser. Wir schauen jede Viertelstunde nach ihm, und wenn er erwacht, werden wir Dr. Pares und den diensthabenden Arzt sofort informieren.“ Die Schwester sah auf die Uhr. „Ich lasse Sie einen Augenblick mit Mister Evans allein.“

Meg nickte stumm. Ihr Mund war wie ausgetrocknet, als die Schwester den Raum verließ und die Tür hinter sich schloss.

Da lag er nun... Derek Evans. Sein Gesicht war das von Ben, eine exakte Kopie. Doch was steckte hinter der Fassade?

Meg fröstelte.

Wie würde er sein, wenn er erwachte? Würde er sich an alles erinnern können, was vor seinem Unfall geschehen war?

„Ben möchte, dass Du lebst.“ sagte sie leise und ihre eigene Stimme klang fremd in ihren Ohren. „Aber wie wird es danach weitergehen? Wirst Du ihn dann in Ruhe lassen?“ Sie presste die Lippen zusammen. „Wirst Du uns beide in Ruhe lassen?“

Sie spürte, wie ihr gegen ihren Willen die Tränen in die Augen schossen und wandte sich schnell ab. Hinter ihr befand sich das Fenster und sie blickte hinaus in Richtung Highway, der zum nahegelegenen Flughafen führte. Soeben donnerte eine riesige Maschine der United Airlines im Landeanflug darüber hinweg, doch das Fensterglas war so dick, dass man den Lärm, den sie machte, überhaupt nicht wahrnahm. Fasziniert beobachtete Meg, wie sie langsam immer tiefer sank und schließlich hinter den hohen Airport-Hotels verschwand.

„Die fliegen hier im Zwei-Minuten-Takt“ hatte ihr John irgendwann einmal erklärt, und Meg verspürte einen leichten Anflug von Sehnsucht. Schließlich war sie oft genug mitgeflogen, und sie hatte dieses Gefühl geliebt, wenn sich hunderte Tonnen von Stahl mit gewaltiger Energie in die Lüfte erhoben, als wäre das ein Kinderspiel.

Ihre innere Anspannung hatte sich etwas gelegt. Sie würde warten, bis die nächste Maschine vorüberflog und dann wieder gehen. Im Augenblick konnte sie ohnehin nichts für Derek tun, er war hier in den besten Händen...

 

Sie vermochte es sich nicht zu erklären, aber plötzlich überkam sie erneut eine merkwürdige Unruhe. Sie fühlte sich, als würde sie irgendwo her beobachtet.

Ein leises Geräusch hinter sich ließ sie herumfahren und ihr Herzschlag drohte für Sekunden auszusetzen.

Sie starrte Derek fassungslos an, mitten hinein in seine dunklen Augen... die Augen, vor denen sie sich so gefürchtet hatte.

Sie stand wie versteinert, unfähig sich zu bewegen.

Er fixierte sie und bevor sie es verhindern konnte, hob er die Hand und fasste nach ihrem Arm. Sein Griff war unerwartet fest und seine Lippen formten mühsam ein Wort:

„Meg...“