KAPITEL 95

NEUANFANG?

 

Villa der Familie Richards

 

Cole stand da und starrte seine junge Frau entsetzt an.

„Kannst Du das bitte nochmal wiederholen?“ fragte er, unfähig sich von der Stelle zu rühren.

Caitlin schluckte.

„Ich möchte, dass wir uns sofort scheiden lassen!“

Cole brauchte noch ein paar Sekunden, dann plötzlich schien er zu begreifen.

„Oh nein...“ Kopfschüttelnd trat er einen Schritt zurück, ohne sie dabei jedoch aus den Augen zu lassen. „Oh nein, Caitlin, so kommst Du mir nicht davon! Ich weiß nicht, was Dein intriganter, bösartiger Vater Dir diesmal für einen Floh ins Ohr gesetzt hat, aber durch ihn habe ich von einer Minute auf die andere alles verloren, was ich besaß. Das tut verdammt weh, doch ich kann es verkraften. Wenn es jedoch um die Frau geht, die ich liebe, werde ich nicht kampflos aufgeben!“

Caitlins Gesicht verzog sich mit einem Mal zu einem Lächeln.

„Das sollst Du doch auch nicht, Cole. Das würde ich gar nicht wollen... Aber es muß sein!“ Sie kramte in ihrer Tasche und zog einen zerknitterten Brief heraus. „Bitte lies das und dann lass uns in Ruhe über alles reden!“

 

 

Cole starrte abwechselnd auf das Blatt Papier, das Caitlin ihm reichte und dann wieder auf seine Frau, die ihm eben einen seiner Meinung nach total absurden Vorschlag gemacht hatte.

„Was soll das, Cait? Warum um alles in der Welt willst Du, dass wir uns scheiden lassen?“

„Lies den Brief“ forderte sie mit Nachdruck. „Er wird Dich interessieren.“

Widerwillig löste Cole den Blick von ihrem angespannten Gesicht, entfaltete das dicht beschriebene Papier und begann zu lesen.

„Das gibt` s doch nicht...“ murmelte er nach einer Weile und zog ungläubig die Stirn in Falten.

Caitlin hatte ihn aufmerksam beobachtet.

„Und... Verstehst Du nun?“

Cole schaute auf und nickte stumm.

„Dein Vater ist ein Teufel...“ brachte er mühsam zwischen den Zähnen hervor, „ein hinterhältiger, gemeiner, berechnender Teufel...“

Caitlin trat einen Schritt auf ihn zu.

„Es tut mir leid“ begann sie, doch er wehrte mit einer Handbewegung ab.

„Kaum zu glauben, dass Ihr beide miteinander verwandt seid!“ knurrte er und reichte ihr den Brief zurück. „Hier, nimm... Du wirst ihn vielleicht noch brauchen!“

Caitlin legte beschwichtigend ihre Hand auf Coles Arm.

„Hör zu, hier ist die Stelle, auf die es ankommt.“ Sie entfaltete den Brief erneut und begann vorzulesen:

 

 „...Du brauchst keine Angst zu haben, dass Du nach unserer Abreise mittellos dastehst, Caitlin. Für Dich ist bestens gesorgt. Neben der Lebensversicherung, die Dir mit Vollendung Deines fünfundzwanzigsten Lebensjahres ausgezahlt wird, lege ich hiermit testamentarisch fest, dass auch unsere Villa mit dem gesamten Grundstück in Dein Eigentum übergeht – sobald Du rechtskräftig von Cole Deschanel geschieden bist. Das ist meine einzige Bedingung.“

  

„Ich weiß, was in dem Wisch steht.“ knurrte Cole aufgebracht.

Caitlin zog aufgeregt die Augenbrauen hoch.

„Ja verstehst Du denn nicht? Wir werden genau das tun, was mein Vater will. Wir erfüllen seine Forderung und lassen uns scheiden. Nach der Scheidung verkaufen wir die Villa, und von dem Geld holen wir uns das DEEP zurück. Danach heiraten wir einfach wieder! Ben hat mir den Tipp gegeben, und ich finde die Idee wirklich gut. Es ist ganz einfach...“

Cole sah sie skeptisch an.

„Bist Du sicher?“

Caitlin grinste.

„Hör zu, ich bin nicht so wie mein Vater, das weißt Du. Aber... ich habe im Laufe meines Lebens eine ganze Menge von ihm gelernt!“

 

 

Centinela Hospital, ITS

 

“Meg…”

Sie stand da wie erstarrt.

Unfähig, sich seinem unerwartet festen Griff zu entziehen, sah sie in Dereks Augen, die ihr in diesem Moment genauso bedrohlich vorkamen wie früher. Oder bildete sie sich das am Ende nur ein?

Derek stöhnte leise und begann wieder seine Lippen zu bewegen.

„Ich... habe... Durst...“ brachte er schließlich mühsam heraus.

Langsam löste sich Meg aus ihrer Erstarrung.

„Du... kannst Dich an mich erinnern?“ flüsterte sie fassungslos.

Irritiert verzog Derek das Gesicht. Dann hob er langsam den anderen Arm etwas an und deutete mit der Hand auf ihren Kittel.

„Das Namensschild...“ ächzte er.

„Oh“ Endlos erleichtert nickte Meg. „Ja natürlich...“

„Wo bin ich?“ fragte Derek und tastete nach seinem dicken Kopfverband. Panisch hob er den Kopf. „Was ist das?“

Meg versuchte sich aus seinem Griff zu befreien.

„Ganz ruhig... Ich hole schnell den Arzt, der wird Dir... Ihnen alles ganz genau erklären.“

Derek hielt ihr Handgelenk nach wie vor fest umklammert.

„Bitte... Was ist geschehen? Wo bin ich?“

„Es ist alles in Ordnung!“ Meg vermochte nicht mit Gewissheit zu sagen, ob sie mit diesen Worten nun ihn oder vielmehr sich selbst beruhigen wollte. „Nur noch einen kleinen Augenblick Geduld, ich sage dem Doktor, dass Sie wach sind, und dann wird er Ihnen alles erklären!“

Überraschenderweise nickte Derek gehorsam und ließ sie los. Sein Kopf sank erschöpft in die Kissen zurück, während Meg erleichtert nach draußen eilte.

„Schnell, holen Sie Dr. Pares“ rief sie der diensthabenden Schwester zu, „Mister Evans ist soeben aufgewacht!“

 

 

Bens Büro in der LIBERTY CORPORATION

 

„Dieser Verbrecher!“

Casey, der bereits seit geraumer Zeit ungehalten von einem Ende des Büros zum anderen gewandert war, blieb vor dem Fenster stehen und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar.

Wenn ich doch nur geahnt hätte, was hier vorgeht, dann hätte ich die verdammte Maschine vielleicht noch aufhalten können!“

„Hör endlich auf, Dir Vorwürfe deswegen zu machen, Casey.“ beschwichtigte ihn Ben, der hinter seinem Schreibtisch am Computer saß. „Mich gleich zu informieren war das Klügste, was Du tun konntest. So hatte ich wenigstens Gelegenheit, die Firmenkonten noch rechtzeitig zu sperren zu lassen, bevor die ganz leer sind!“

Casey trat hinter Ben und blickte über dessen Schulter auf den Monitor.

„Hast Du mittlerweile schon einen ungefähren Überblick? Wieviel fehlt denn?“

Ben wiegte bedenklich den Kopf.

Auf Anhieb ist das schwer zu sagen. Gregory kennt sich als Anwalt bestens aus und er ist nicht dumm. Er kann einiges entsprechend frisiert haben, den er hat seit seiner Verhaftung genau gewusst, dass die Anschuldigungen gegen ihn nicht aus der Luft gegriffen sind. Wenn die Staatsanwaltschaft weitergegraben hätte, dann wären mit Sicherheit noch einige brisante Dinge ans Tageslicht gekommen. Also hat er sich schnell genommen, was ihm seiner Meinung nach zustand, um hier in Sunset Beach alles hinter sich zu lassen und irgendwo neu anzufangen. Anteile an der Firma, zum Beispiel, Aktien, diverse Gelder und Anlagen. Ich vermute, er hatte nebenbei irgendwo auch noch illegale Gelder angelegt.“

„Hast Du dafür Beweise?“

„Leider nicht. Ich hatte zwar seit einiger Zeit so einen Verdacht, aber bisher konnte ich Gregory nichts nachweisen.“

„Bis heute...“ knurrte Casey wütend. „Wie hat er es bloß geschafft, alles so schnell abzuwickeln? Er hat doch, seitdem er wieder auf freiem Fuß war, kaum Zeit gehabt!“

„Casey...“ Ben lehnte sich zurück und warf seinem Freund einen vielsagenden Blick zu. „Gregory Richards ist ein alter Fuchs, der alle Tricks kennt. In was für dunkle Geschäfte er auch immer verwickelt gewesen sein mag, er wußte stets ganz genau, worauf er sich einließ und hat garantiert schon lange die notwendigen Vorkehrungen getroffen, falls man ihm irgendwann auf die Schliche kommt.“

Casey nickte.

„Ja, darauf kannst Du wetten. Aber nicht nur er... Die Rodriges hat natürlich auch binnen kürzester Zeit alle Zelte abgebrochen. Vermutlich steckte die feine Dame von Anfang an mit Gregory unter einer Decke und hat sich nur deswegen in die Firma eingeschlichen.“

„Tja, nach dem neusten Stand wäre das fast anzunehmen“ stimmte Ben zu. „Allerdings hatte sie Annie ihre Firmenanteile ganz legal abgekauft. Das war alles notariell beglaubigt.“

Er seufzte und zuckte hilflos mit den Schultern. „Nun ja, wie dem auch sei... Wir können nichts mehr daran ändern, dass Gregory sich feige aus dem Staub gemacht hat. Wer mir bei der ganzen Sache besonders leid tut, ist Caitlin.“

„Oh ja, Caitlin...“ stimmte Casey zu, „sie wird ihre Eltern vermissen. Besonders ihre Mum. Trotzdem, als sie vorhin hier im Büro war, fiel es mir wieder auf, dass sie ganz anders ist, als ihre verlogenen Eltern.“ Er sah, wie Ben lächelte und nickte ihm anerkennend zu. „Du hast sie gut beraten, Ben, trotz der Probleme, die Dir ihr Vater verursacht hat. Sie wird schon zurechtkommen.“

„Ich fühle mich einfach irgendwie für Caitlin verantwortlich. Sie war noch ein Schulkind, als ich nach Sunset Beach zog, und sie kam oft zu mir, wenn sie ein Problem hatte.“

„Da haben wir`s“ schnaufte Casey missbilligend, „normalerweise geht ein junges Mädchen mit seinen Problemen zu seinen Eltern. Aber was ist an den Richards jemals normal gewesen!“

Ben lachte bitter und wandte sich wieder der Tastatur zu.

„Lass uns weitermachen, die Bestandsaufnahme ist noch lange nicht zu Ende, und ich befürchte, das entgültige Resultat wird mir nicht gefallen!“

„Und wie geht es dann weiter?“ erkundigte sich Casey vorsichtig.

Ben seufzte.

„Tja... gute Frage. Allein werde ich die Firma auf keinen Fall halten können. Bleibt abzuwarten, in welche Richtung Gregory seine Anteile verhökert hat.“

„Und was wird aus der Ferienanlage?“

 

Bevor Ben antworten konnte, öffnete sich draußen im Vorzimmer der Lift und Gregorys Sekretärin Elisabeth stürzte aufgeregt ins Büro.

„Ben...“ keuchte sie völlig außer Atem, „Ich bin nach Ihrem Anruf so schnell hergekommen, wie ich nur konnte!“

Sie bemerkte die Blicke der beiden Männer und stutzte. Misstrauisch sah sie von einem zum anderen. „Was ist denn passiert?“

Ben stand auf und geleitete Elisabeth mit sanftem Nachdruck nach draußen zu ihrem Platz.

„Es ist besser, Sie setzen sich erst einmal.“ schlug er seelenruhig vor und nahm vor ihr auf der Schreibtischkante Platz. „Unser gemeinsamer Freund Gregory hat sich quasi über Nacht aus den Firmengeschäften zurückgezogen.“ Er ließ seine Worte ein paar Sekunden wirken, während er Elisabeth, die unter seinem Blick zusehends nervöser wurde, eindringlich musterte. „Wussten Sie davon?“

Gregorys langjährige Sekretärin wurde mindestens einen Schein blasser und ihre Lippen zitterten.

„Was sagen Sie da? Nein, um Gottes Willen, ich hatte keine Ahnung!“

Ben nickte.

„Ganz ruhig, Liz, ich glaube Ihnen. Aber ich bezweifle, dass der Staatsanwalt das unter den gegebenen Umständen ebenfalls tun wird!“

„W.. wie meinen Sie das, Ben?“

„Nun“ Ben furchte bedeutungsvoll die Stirn, „Immerhin waren Sie über viele Jahre Gregorys engste Vertraute in der Firma. Die Herren von der Staatsanwaltschaft werden davon ausgehen, dass Sie in einige interessante Dinge eingeweiht waren. Legale und ... illegale Dinge.“

„Oh.. Ben... ich kann Ihnen versichern...“ stammelte Elisabeth, doch er unterbrach sie sogleich. „Versichern Sie mir nichts, meine Liebe. Helfen Sie mir lieber, diese Firma, und damit Ihren Arbeitsplatz und nicht zuletzt Ihr eigenes Ansehen zu retten!“

„U... und wie?“

„Indem Sie ab sofort mit mir zusammenarbeiten und mir alles verraten, was Sie über Gregorys diverse Transaktionen wissen.“ Er erkannte den Zweifel in ihrem Blick und beugte sich etwas vor. Eindringlich sah er sie an.

„Sie haben nichts zu verlieren, Elisabeth. Gregory kommt nicht zurück, er hat Sie feige im Stich gelassen. Die Herren von der Staatsanwaltschaft werden nicht zimperlich mit Ihnen umgehen. Für die sind Sie mitschuldig. Es sei denn...“

„Ja?“ hauchte Elisabeth mit hochroten Wangen.

Ben lächelte.

„Es sei denn, ich verbürge mich für Ihre Loyalität und bekomme als Gegenleistung dafür alle Informationen, die mir weiterhelfen können!“

Elisabeth nickte heftig.

„Ich wollte niemanden betrügen, das müssen Sie mir glauben! Ich werde alles tun, um Ihnen zu helfen!“

„Fein“ Ben stand auf, griff sich Block und Stift und reichte ihr beides. „Dann möchte ich Sie bitten, sofort damit anzufangen. Schreiben Sie alles auf, was Sie wissen! Jede Kleinigkeit kann wichtig sein.“

Einen Augenblick lang starrte ihn Elisabeth schockiert an, dann jedoch nickte sie nur stumm und machte sich an die Arbeit.

 

„Ben... Telefon für Dich!“ rief Casey und reichte ihm das Firmenhandy. „Meg ist dran. Sie klingt ziemlich aufgeregt.“

 

 

Centinela Hospital, I.T.S.

 

„Na, das sieht doch alles recht gut aus.“ meinte Dr. Pares mit einem zuversichtlichen Lächeln, nachdem er Derek gründlich untersucht hatte. Die auf der anderen Seite des Bettes stehende Schwester notierte eifrig die von ihm genannten Werte in die Krankenakte des Patienten.

„Würden Sie mir endlich sagen, was genau passiert ist!“ forderte Derek eindringlich.

Dr. Pares nickte.

„Dazu kommen wir gleich. Nur noch einen Augenblick Geduld...“ Er holte eine kleine Lampe aus der Kitteltasche und leuchtete damit in Dereks Augen.

„Pupillentätigkeit normal“ diktierte er der Schwester als abschließenden Befund und bedeutete ihr mit einem Kopfnicken, dass sie gehen konnte, bevor er sich wieder an seinen Patienten wandte. Er zog sich einen Hocker ans Bett heran und setzte sich.

„Tja, Mister Evans...“

„Derek... bitte nennen Sie mich Derek!“

„Okay, Derek also... Sie sind hier im Centinela Hospital in Los Angeles, Kalifornien. Können Sie sich erinnern, wie Sie hier her gekommen sind und was Sie hier wollten?“

Derek schüttelte den Kopf.

„Ich habe keine Ahnung, Doc.“

„Leben Sie vielleicht in LA?“

„Nein, in Yorkshire.“

“Wo liegt denn das?”

„In England.“

„Dann sind Sie nur zu Besuch hier?“

„Ich kann mich nicht erinnern, es ist gerade so, als ob ich im Nebel stehe.“ flüsterte Derek verwirrt.

Dr. Pares nickte verständnisvoll.

„Lassen Sie sich Zeit, Derek. Nebel kann sich lichten, deshalb werde ich Ihnen immer wieder Fragen stellen. Vielleicht finden wir ja auf irgend etwas eine Antwort, das wäre ein Anfang.“

Derek nickte mit zusammengebissenen Zähnen. Das Reden fiel ihm schwer, sein Kopf schmerzte, als würde darin jemand mit einem Presslufthammer arbeiten, und er fühlte sich kaputt und leer.

„Also...“ fuhr Dr. Pares geduldig fort, „Sie müssen irgend etwas hier im Centinela zu tun gehabt haben. Oder wollten Sie jemanden besuchen? Denken Sie nach, Derek, der Unfall passierte direkt vor dem Eingang zur Klinik!“

„Ein Unfall?“ Derek hob unter größter Anstrengung den Kopf und starrte den Arzt neben seinem Bett erschrocken an. „Ich hatte einen Unfall?“

„Ja, ein betrunkener Autofahrer hat Sie mit seinem Jeep frontal erwischt. Wir mußten Ihre Milz entfernen, Sie haben eine Oberschenkelfraktur, Ihr Brustbein und zwei Rippen sind angeknackst, was Ihnen sicher in nächster Zeit noch ein paar Probleme beim Bewegen verursachen wird, von diversen Prellungen und Blutergüssen ganz abgesehen.“

Derek griff mit der Hand nach dem Kopfverband.

„Und... das hier, Doc? Was ist damit? Ich habe höllische Kopfschmerzen!“

„Hatten Sie die schon früher?“

Derek nickte.

„Oh ja, sehr oft. Aber diese hier sind anders...“

„Der Schmerz, den Sie jetzt in Ihrem Kopf fühlen, rührt von der Operation her. Sie hatten eine Kopfverletzung, die uns einige Sorgen bereitet hat.“

Der Arzt sah Derek deutlich an, dass er das eben Gehörte erst einmal verarbeiten mußte und schwieg einen Moment, während sein Patient den Kopf in die Kissen zurückfallen ließ.

„Ich werde veranlassen, dass die Schwester die Dosis des Schmerzmittels übergangsweise erhöht.“ sagte er nach einer Weile.

Derek suchte seinen Blick.

„Doc... warum habe ich die ganze Zeit das Gefühl, dass das noch nicht alles war, was Sie mir sagen wollten?“

„Sie sollten erst einmal etwas schlafen, Sie sind noch sehr schwach. Wir reden morgen weiter.“

„Nein... wenn da noch irgend etwas ist, dann will ich es sofort wissen!“ beharrte Derek unter größter Anstrengung.

„Also gut“ Dr. Pares straffte die Schultern. „Während der Operation an Ihrem Gehirn haben wir einen Tumor entdeckt. Ihn zu entfernen, war sehr schwierig, aber es ist geglückt.“

„Ein Tumor? Sie meinen eins von diesen kleinen, bösartigen Dingern, die einen früher oder später langsam umbringen?“

„Ob er Sie irgendwann umgebracht hätte, läßt sich nicht mit Gewissheit sagen. Sicher ist, dass Sie ihn schon ziemlich lange in sich getragen haben. Daher auch die Kopfschmerzen.“ erwiderte Dr. Pares etwas ausweichend. Er wollte den Patienten nicht unnötig beunruhigen, sondern sich erst vorsichtig vortasten, um zu erfahren, in wie weit Dereks Gedächtnis nach der OP wieder funktionierte.

„Die Operation ist sehr gut verlaufen.“ meinte er sehr diplomatisch und nickte Derek aufmunternd zu. „Nun müssen wir langsam und schrittweise versuchen, Ihr Gedächtnis wieder auf Touren zu bringen. Wie bereits gesagt, ich helfe Ihnen dabei. Fürs Erste würde es reichen, wenn Sie mir verraten, was das Letzte ist, an was Sie sich spontan erinnern können.“

Derek schloss für einen Moment erschöpft die Augen.

„Das Letzte... Ich muß kurz nachdenken...“ murmelte er, während in seinem Kopf Gedankenfetzen wie grelle Blitze aufleuchteten und wieder verschwanden, ohne dass er einen davon greifen konnte.

„Verdammt, Doc... Sind Sie sicher, dass Sie in meinem Oberstübchen nicht irgend eine Hauptleitung gekappt haben?“ fragte er sarkastisch, obwohl ihm eigentlich nicht nach Scherzen zumute war.

Dr. Pares lachte und stand auf.

„Hören Sie, Derek, wir sollten es fürs Erste dabei belassen. Sie brauchen Ruhe. Ich sehe später noch einmal nach Ihnen.“ Er legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm. „Und bis dahin ruhen Sie sich aus und quälen sich nicht. Die Erinnerung kommt meist von ganz allein zurück.“

„Wenn Sie das sagen...“

 

Die Stationsschwester steckte den Kopf zur Tür herein.

„Doktor Pares... Er ist jetzt da. Soll ich ihn reinschicken?“

Der Arzt überlegte einen Augenblick und nickte dann kurz entschlossen.

„Gut, aber nur ein paar Minuten.“ Er wandte sich an Derek. „Können Sie noch einen kurzen Besuch verkraften? Da ist jemand, der Sie unbedingt sehen möchte...“

 

 

Centinela Hospital, I.T.S.

 

Zögernd betrat Ben Dereks Krankenzimmer, den Blick erwartungsvoll auf seinen Bruder gerichtet, der dort lag, noch immer an zahlreiche Apparate und diverse Schläuche angeschlossen.

Gleich nachdem Meg ihn aus der Klinik angerufen und ihm mitgeteilt hatte, Derek sei aufgewacht, hatte er im Büro alles stehen und liegen gelassen und war hergefahren.

„Er erinnert sich nicht, was vor dem Unfall passiert ist.“ hatte Dr. Pares ihn an der Tür kurz informiert. „Wir müssen behutsam vorgehen. Bitte keinerlei Aufregung!“

Nein, er würde ihn nicht aufregen, nicht, wenn es sich vermeiden ließ. Was aber, wenn sein Anblick ausreichte, um alles wieder hervorzuholen?

 

Ben atmete tief durch. Egal, was geschah, er mußte wissen, wie es um seinen Bruder stand.

 

Derek lag mit geschlossenen Augen da und wirkte ziemlich erschöpft. Als er Schritte vernahm, öffnete er die Augen und starrte seinen Besucher sekundenlang wie gebannt an, bevor er reagierte.

„Du?“ brachte er erstaunt heraus.

„Hallo Derek“ sagte Ben und griff zögernd nach der Hand, die Derek ihm entgegenstreckte.

„Wie geht es Dir?“

Dereks blasse Lippen verzogen sich zu einem gequälten Lächeln.

„Ging schon mal besser...“ Seine Augen fixierten Ben. „Du hättest wegen mir nicht so eine weite Reise machen müssen. Aber es ist schön, dass Du da bist. Ich vermute, ich habe Euch einen ziemlichen Schrecken eingejagt!“

Ben überlegte insgeheim, wen er wohl mit „Euch“ alles meinen könnte.

„Du bist stark, Du schaffst das schon.“

„Bleibst Du hier?“

Ben nickte, unendlich erleichtert darüber, dass Derek ihn allem Anschein nach wiedererkannte und ihm überdies sogar freundlich gesinnt zu sein schien.

„Wenn Du mich brauchst, werde ich dasein.“

Derek lächelte zufrieden und schloss die Augen.

„Dann ist es gut...“ murmelte er.

 

Ben saß noch eine Weile am Bett seines Bruders und sah auf dessen entspanntes Gesicht.

Derek schien eingeschlafen zu sein, denn sein Atem ging regelmäßig, unterstützt von dem monotonen Piepton auf dem Überwachungsmonitor.

„Vielleicht wird nun doch noch alles gut, und wir können in Zukunft wie zwei vernünftige Menschen miteinander umgehen.“ dachte Ben voller Zuversicht.

Er schrak zusammen, als Dr. Pares unbemerkt hinter ihn getreten war und ihm seine Hand auf die Schulter legte.

„Kommen Sie, wir lassen den Patienten jetzt allein.“ sagte der Arzt leise. „Er ist erschöpft und muß erst allmählich zu Kräften kommen. Ich möchte nicht, dass er sich überanstrengt.“

Ben nickte verständnisvoll und erhob sich. Mit einem letzten Blick auf Dereks ruhiges blasses Gesicht drehte er sich um und folgte Dr. Pares zur Tür.

 

„Warte...“

Mühevoll hob Derek den bandagierten Kopf und starrte seinem Besucher nach, der eben das Zimmer verlassen wollte.

Überrascht drehte Ben sich um.

„Ja?“

„Wo ist... Ben?“ fragte Derek gespannt. „Warum ist er nicht mitgekommen? Sei ehrlich... Ist er noch immer böse auf mich?“