KAPITEL 97
STRAFANZEIGE
„Zwei... drei... vier...“
Ben zählte in Gedanken die Stockwerke bis hinauf zur Intensivstation der Centinela- Klinik, während er ungeduldig von einem Bein auf das andere tretend neben Meg im Lift stand.
Endlich... Fast geräuschlos und für seine Begriffe viel zu langsam öffnete sich die Fahrstuhltür. Ben griff nach Megs Hand und lief eilig mit ihr den langen Flur entlang zur Anmeldung.
Während er auf den Klingelknopf an der verschlossenen Tür drückte, ging ihm noch einmal das Telefongespräch, dass er vor einer knappen halben Stunde mit Dr. Pares geführt hatte, durch den Kopf.
„Hier spricht Dr. Pares.“
„Doktor Pares! Gibt es etwas Neues?“
„Allerdings... Sie sollten sofort herkommen!“
„Ist etwas mit Derek nicht in Ordnung?“
„Das kann man wohl sagen.“
„Hat sich sein Zustand verändert? Geht es ihm schlechter?“
„Ben... Wenn es irgendwie möglich ist, dann kommen Sie bitte so schnell wie möglich in die Klinik!“
„Ja... ja natürlich... Bitte, Doktor... was ist los?“
„Nicht am Telefon. Wie schnell können Sie hier sein?“
„In etwa zwanzig Minuten.“
„Gut. Ich erwarte Sie.“
Er hatte sofort die nächste Abfahrt genommen und sämtliche Geschwindigkeitsrekorde gebrochen, um so schnell wie möglich hier zu sein.
Was war los mit Derek?
Ging es ihm schlechter?
Würde er an irgend einer Nachwirkung der schweren Operation sterben?
Oder hatte er vielleicht sein Erinnerungsvermögen zurückerlangt?
Alles war möglich...
„Verdammt.... warum kommt denn hier keiner?“ rief er aufgebracht und starrte auf die immer noch verschlossene Tür.
Meg drückte beruhigend seine Hand.
„Gedulde Dich einen Moment, immerhin sind wir in einem Krankenhaus. Bestimmt sind gerade alle Schwestern beschäftigt.“
Ben lächelte entschuldigend.
„Tut mir leid, Meg, aber diese Ungewissheit macht mich total verrückt!“
In diesem Augenblick öffnete eine der Stationsschwestern die Tür.
„Mister Evans?“ fragte sie und trat zur Seite, als er bestätigend nickte. „Bitte kommen Sie herein, Dr. Pares erwartet Sie bereits.“
„Ich möchte zuerst nach meinem Bruder sehen.“
Die Schwester warf ihm einen kurzen Blick zu, den er nicht so recht zu deuten wusste.
„Das ist leider im Moment nicht möglich, Sir.“ sagte sie entschuldigend und wies auf eine der Türen, an der „Ärztezimmer“ stand. „Dr. Pares hat ausdrücklich gesagt, ich soll Sie sofort zu ihm bringen, wenn Sie da sind!“
„Es interessiert mich nicht, was...“ wollte Ben gegen diese Bevormundung protestieren, doch Meg unterbrach ihn, indem sie ihn mit einer entschiedenen Handbewegung zurückhielt.
„Ben...“ flüsterte sie und deutete geradeaus, den Gang entlang, an dessen Ende sich Dereks Krankenzimmer befand. Erstaunt folgte er ihrem Blick und kniff ungläubig die Augen zusammen.
„Was um alles in der Welt ... haben die denn dort verloren?“
„Kommen Sie bitte, Mr. Evans!“ bat die Schwester mit Nachdruck und öffnete die Tür zum Ärztezimmer. „Der Doktor wird Ihnen alles erklären!“
Niedergeschlagen und ziellos schlenderte Cole ein Stück den Strand entlang.
Nein, das war heute definitiv nicht sein Tag...
Erst verschwand Gregory einfach über Nacht spurlos aus der Stadt, ohne sich im Geringsten darum zu scheren, dass er mit dieser Aktion Coles Bürgschaft verspielte und damit alles zunichte machte, was er sich in den vergangenen Monaten mühsam aufgebaut hatte. Es traf ja nicht nur ihn, sondern auch Caitlin, aber dass störte diesen Bastard anscheinend nicht im Geringsten. Im Gegenteil, der saß jetzt irgendwo im Ausland und lachte sich ins Fäustchen...
Cole kickte wütend mit dem Fuß ein Stück Treibholz aus dem Weg.
Verdammt, er war sich so sicher gewesen, das Richtige zu tun, als er das DEEP als Kaution für Gregory einsetzte! Er hatte bei weitem nicht mit dessen Kaltblütigkeit gerechnet. Oder war es eher Verzweiflung, die Gregory veranlasst hatte, bei Nacht und Nebel mit Olivia zu verschwinden?
Immerhin hatte er noch die Nerven gehabt, seine eigene Tochter mit seiner schriftlichen Verfügung zur Scheidung zu zwingen!
Cole blieb stehen und starrte aufs Meer hinaus, die Lippen verbittert zu einem dünnen Strich zusammengepresst. Man sollte eben nicht mit dem Teufel pokern, das hatte er nun davon...
Aber er würde sich nicht unterkriegen lassen! Irgendwie würden sie es schon schaffen, er und Caitlin...
Kurzentschlossen zog er sein Handy aus der Tasche und rief sie an.
„Die haben das DEEP beschlagnahmt.“ sprach er auf den Anrufbeantworter, als sie sich nicht meldete. „Falls Du mich suchst, ich gehe auf ein Bier zu Elaine. Bis später.... Ich liebe Dich, Cait.“ fügte er nach kurzer Überlegung noch rasch hinzu, steckte das Handy in die Hosentasche und verließ den Strand schnellen Schrittes in Richtung Strandpromenade.
„Doktor... Mr. Evans und Miss Cummings sind hier.“ kündigte die Schwester die Besucher an.
Dr. Pares kam aus einem der angrenzenden Räume und durchquerte mit schnellen Schritten das Vorzimmer, um Ben und Meg zu begrüßen.
„Kommen Sie herein.“ sagte er und nickte der Schwester dankend zu, die sich daraufhin diskret zurückzog.
„Ich danke Ihnen, dass Sie so schnell hergekommen sind.“
Ben hatte jedoch keinen Sinn für irgend welche Höflichkeitsfloskeln.
„Doktor Pares“ stellte er den Arzt mit ernster Miene zur Rede, ohne sich auch nur einen Schritt von der Stelle zu rühren, „Was hat das zu bedeuten? Warum stehen die Polizisten vor Dereks Tür?“
„Ben“ versuchte Dr. Pares ihn zu beschwichtigen, „Nur noch einen Moment, dann werde ich Ihnen alles erklären.“
„Geht es Derek gut?“ fragte Meg vorsichtig.
Der Arzt nickte.
„Sein Zustand ist stabil, er ist zwar immer noch sehr geschwächt von der Operation, aber seine Werte werden stündlich besser. Bisher sieht alles recht gut aus.“
„Und warum haben Sie mir dann am Telefon gesagt, es sei etwas nicht in Ordnung?“ fragte Ben ungehalten. „Was ist los, aus welchem Grund wird mein Bruder bewacht? Warum...“
„Kommen Sie...“
Entschieden legte Dr. Pares seine Hand auf Bens Schulter und schob ihn in das angrenzende Zimmer. Voller unguter Gefühle folgte ihnen Meg.
Dr. Pares war nicht allein.
Am Fenster stand ein Mann und blickte hinaus. Als Ben und Meg den Raum betraten, wandte er sich um.
Bens Augen weiteten sich erstaunt.
„Ricardo? Was tust Du denn hier?“
Im Waffelshop herrschte um diese Zeit reger Betrieb.
Cole sah sich kurz um und entschied sich dann für einen Platz vorn am Tresen.
„Hallo Elaine“ begrüßte er die Besitzerin, die ihn mit freundlichem Lächeln willkommen hieß. „Ganz schön was los heute.“
Elaine nickte.
„Ja, ich bin zufrieden. Und was ist mit Dir? Müsstest Du nicht im DEEP sein?“
„Das gehört mir nicht mehr.“ erwiderter Cole.
Elaine sah ihn erstaunt an.
„Ich habe davon gehört, aber ich dachte, Du führst es erst einmal weiter, bis die Besitzansprüche geklärt sind.“
Cole lachte bitte.
„Dachte ich auch... bis vor einer halben Stunde. Dann stand ich plötzlich vor einem dicken Siegel der Staatsanwaltschaft.“
„Meine Güte!“ Die Wirtin schüttelte erbost den Kopf. „Gregory ist so ein Mistkerl! Haut einfach ab... Ich hätte nie gedacht, dass er zu so etwas fähig ist.“
„Er ist zu allem fähig, Elaine.“
„Ja, anscheinend. Und anscheinend nicht nur er... Olivia kenne ich schon mein ganzes Leben lang, sie war eine meiner besten Freundinnen... das dachte ich zumindest. Von ihr hätte ich solch eine Aktion bestimmt nicht erwartet.“
„Ach was soll`s „ seufzte Cole und zuckte resigniert mit den Schultern. „Ich habe mit dem Teufel gepokert und verloren. So ist das Leben. Gibst Du mir bitte ein Bier, Elaine? Das kann ich jetzt gut gebrauchen.“
Sie nickte und holte eine Flasche unter dem Tresen hervor.
„Nur Mut, irgendwie wird’s schon weitergehen.“ sagte sie und schob ihm die Flasche hin. „Das hier geht aufs Haus.“
„Danke Elaine.“ Er nahm einen großen Schluck und atmete tief durch. „Ah... das war gut.“
Elaine lächelte zuversichtlich.
„Du wirst schon sehen, es kommt ganz bestimmt alles wieder in Ordnung. Das Wichtigste hast Du ja noch – Deine wunderschöne junge Frau Caitlin!“
Cole verschluckte sich fast an seinem Bier und presste verbittert die Lippen zusammen. Seine Kehle war plötzlich wie zugeschnürt.
„Ja... natürlich.“ Mehr brachte er im Augenblick nicht heraus.
Elaine sah sich um.
„Ich muss wieder an die Arbeit. Wir reden später weiter, okay?“
„Okay.“
Er sah ihr nach, wie sie flink zwischen den Tischen umhereilte und trotz der Hektik für jeden der Gäste ein freundliches Wort fand. Diese Frau war wirklich bewundernswert...
Er widmete sich wieder seinem Bier und hing für eine Weile seinen Gedanken nach.
Wie lange er so gesessen hatte, wusste er nicht, als Elaine plötzlich neben ihn trat und vertraulich ihre Hand auf seinen Arm legte.
„Cole..., die junge Frau dort hinten am Fenster hat nach Dir gefragt.“
Erstaunt drehte er sich um und folgte dem Blick der Wirtin.
Dort saß eine Blondine mit dem Rücken zu ihm allein an einem der Tische.
„Keine Ahnung, wer das ist. Was will sie denn?“
Elaine zuckte mit den Schultern.
„Das hat sie mir nicht gesagt. Sie kam vor ein paar Minuten herein. Ich habe sie vorher noch nie hier gesehen.“ Sie verzog vielsagend das Gesicht „Sieht ziemlich... na ja... teuer aus.“
Cole grinste.
„Danke Elaine.“
Er trank sein Bier aus, stand auf und schlenderte hinüber zum Tisch der unbekannten jungen Frau. Obwohl er ihr Gesicht noch nicht sehen konnte, wusste er sofort, dass sie nicht hierher gehörte. Irgendwie umgab sie ein Flair, dass sie auf den ersten Blick von den Strandgirls unterschied, die hier ständig ein und ausgingen. Sie war äußerst elegant gekleidet. Das gletscherblaue Kostüm sah nicht aus, als hätte sie es bei Macys gekauft. Vielmehr vermittelte es den Eindruck, als sei es eigens für sie angefertigt worden. Ihr blondes schulterlanges Haar glänzte wie das eines Filmstars, während sie in selbstbewusster Haltung dasaß und gelangweilt an ihrem Drink nippte.
Cole räusperte sich.
„Sie wollten mich sprechen?“
Sie schien ihn erwartet zu haben, denn sie war nicht im geringsten überrascht, als sie so unverhofft angesprochen wurde, sondern drehte sich langsam um und musterte ihn mit unverhohlener Neugier.
Cole musste sich insgeheim eingestehen, dass die Vorderansicht der Besucherin hielt, was der Blick auf ihre Rückseite bereits versprochen hatte.
Sie war Anfang Zwanzig und ausgesprochen hübsch, nein, eigentlich war sie ihr Gesicht von jener makellosen Schönheit, wie sie nur das Skalpell eines begnadeten Schönheitschirurgen hervorzubringen vermochte. Ebenmäßig, wie aus Porzellan gemeißelt. Die ganze übrige Figur passte in fast unheimlicher Vollkommenheit zu diesem Gesicht, wie Cole sofort feststellte. Ihre dezent geschminkten, vollen Lippen verzogen sich zu einem charmanten Lächeln, doch ihre katzenhaften smaragdgrünen Augen lächelten nicht. Sie taxierte ihn wie die interessante Auslage irgendeiner Boutique in Beverly Hills.
„Da haben wir ihn also... Cole Deschanel, den Besitzer des legendären DEEP.“
Cole zog erstaunt die Augenbrauen hoch und schwor sich insgeheim, sich von dieser kühlen Schönheitskönigin nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Schließlich war er verheiratet... zumindest bis vor ein paar Stunden.
„Nun, ich befürchte, da liegen Sie gleich doppelt daneben, Lady. Ich bin weder der Besitzer, noch ist das DEEP legendär.“
Sie lachte und entblößte dabei, wie nicht anders zu erwarten, zwei Reihen perlweißer Zähne.
„Eins zu null für Sie, Cole. Ich darf sie doch Cole nennen, oder?“
„Sie dürfen... sobald sie mir verraten, mit wem ich das Vergnügen habe?“
„Jade Sheridan.“ Sie wies auf den freien Stuhl an ihrem Tisch. „Würden Sie bitte für einen Moment Platz nehmen?“
„Sheridan...“ überlegte er laut und grinste dann, während er sich setzte. „Tut mir leid, unter diesem Namen kenne ich bisher nur ein Luxus-Hotel in Las Vegas.“
„Oh... ja natürlich. Es gehört meinem Vater.“ erwiderte sie wie beiläufig und winkte dem Kellner. „Was trinken Sie, Cole? Betrachten Sie sich bitte als mein Gast.“
Cole versuchte sich sein Erstaunen nicht allzu sehr anmerken zu lassen.
„Ich nehme ein Bier.“ sagte er so cool wie möglich. „Aber nur, wenn Sie mir verraten, was ausgerechnet ich für Sie tun kann, Miss... Sheridan.“
„Jade.“ verbesserte sie und gab rasch die Bestellung auf. Dann wandte sie sich ihm wieder zu.
„Jetzt sind Sie es, der danebenliegt, Cole. Ich bin nicht hier, damit Sie etwas für mich tun.“ Ihre Katzenaugen funkelten. „Ich würde gern etwas für Sie tun!“
Ricardo erhob sich, trat auf Ben und Meg zu und reichte ihnen mit ernster Miene die Hand. „Ich bin dienstlich hier. Es geht um Deinen Bruder, Ben.“
„Setzen Sie sich bitte“ forderte Dr. Pares seine Besucher auf und rückte für Meg einen der Stühle zurecht.
„Was ist mit Derek?“ fragte Ben ernsthaft besorgt. „Weshalb wird er bewacht?“
„Dienstvorschrift.“ erwiderte Ricardo. „Wir haben erfahren, dass er sich hier aufhält und nicht, wie angenommen, bei seinem Autounfall vor einigen Monaten ums Leben gekommen ist.“
„Ja und? Weshalb rückst Du gleich mit einer Polizeieskorte hier an?“
„Weil gegen Derek Strafanzeige gestellt wurde. Wegen Entführung, Freiheitsberaubung, Widerstandes gegen die Staatsgewalt, Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, unerlaubten Waffenbesitzes, versuchten Mordes...“ Ricardo machte eine bedeutungsvolle Pause und suchte Megs Blick. „Versuchter Mord an Dir, Meg.“
Ben lehnte sich zurück und verschränkte die Arme.
„Also darum geht es. Ich dachte, diese Sache war zu den Akten gelegt worden.“
„Tja... der Fall galt als erledigt, solange man Derek für tot gehalten hat. Nun sieht das Ganze etwas anders aus. Wir sind verpflichtet, ihn in Gewahrsam zu nehmen, sobald das möglich ist.“
„Aber Du siehst doch selber, dass es im Moment ganz und gar nicht möglich ist!“ rief Ben ungehalten. „Ist es da nicht etwas übertrieben, gleich zwei Polizisten vor seinem Zimmer zu postieren?“
„Wie gesagt, das ist Dienstvorschrift. Derek hat uns nicht nur einmal ausgetrickst, das müsstest Du doch am besten wissen!“
„Moment...“ mischte sich Dr. Pares ein, „Das mag ja alles sein, aber wie ich Ihnen vorhin bereits versichert habe, wird dieser Patient in den nächsten Tagen mit Sicherheit nicht in der Lage sein, irgend etwas auf eigene Faust zu unternehmen. Dafür kann ich als sein behandelnder Arzt garantieren.“
„Entschuldigung, Doktor, bei allem Respekt, aber darauf darf ich mich nicht verlassen.“
„Das ist doch absurd!“
„Und was willst Du tun, Ricardo?“ mischte sich Ben wieder ein. „Willst Du ihn hier rund um die Uhr bewachen lassen, bis er wieder auf eigenen Füßen steht?“
„Nein. Nur solange er auf der Intensivstation liegt.“
„Und danach?“
„Danach wird er von uns ins Bezirkskrankenhaus in Long Beach überführt. Dort gibt es einen Trakt, der zum Untersuchungsgefängnis gehört.“
„Das ist nicht Dein Ernst!“
„Ben... wir wissen doch beide, was Dein Bruder in den letzten Jahren alles getan hat, um Dir zu schaden. Und dabei ist es nicht geblieben. Er hat auch andere verletzt, ohne Rücksicht auf Verluste. Zuerst meine Schwester... dann Meg... wer weiß, wen noch alles! Erinnere Dich, wie Du um Megs Leben gezittert hast. Es hätte nicht viel gefehlt, und Dein Bruder wäre zum Mörder geworden. Er gehört hinter Gitter!“
„Er war krank, Ricardo!“
„Tut mir leid, aber das kann ich nicht glauben!“
Ben seufzte resigniert und wandte sich hilfesuchend an Dr. Pares.
„Bitte erklären Sie es ihm!“
„Das habe ich vorhin bereits versucht.“ erwiderte der Arzt schulternzuckend. „Anscheinend ohne großen Erfolg.“ Er wandte sich erneut an Ricardo. „Sie sprachen eben von Ihrer Schwester, Detektive Torres. Kann es sein, dass Sie in diesem Falle etwas befangen sind?“
„Ich verbitte mir solche Anschuldigungen!“
„Dann öffnen Sie die Augen und sehen Sie sich die medizinischen Gutachten an!“ Dr. Pares nahm Dereks Akte, die vor ihm auf dem Tisch lag und hielt sie Ricardo unter die Nase. „Lesen Sie! Ich werde Ihnen gern behilflich sein, wenn Sie etwas nicht verstehen!“
Erbost wollte Ricardo etwas erwidern, doch Meg, die bisher geschwiegen hatte, kam ihm zuvor.
„Moment mal... So kommen wir nicht weiter.“ Sie atmete tief durch und sah Ricardo an.
„Bitte hör mir nur einen Moment ganz in Ruhe zu. Derek hatte einen Tumor, der sein Wesen verändert hat. Nach dem Unfall hatte er das Glück, dass Dr. Pares ihn behandelt und erfolgreich operiert hat. Momentan sieht es ja wohl so aus, als hätte Derek einen Großteil seiner Erinnerungen verloren. Ob das nur vorübergehend ist, wird sich erst noch zeigen. Und obwohl Dr. Pares eigentlich ganz anderen Verpflichtungen nachgehen müsste, ist er hier, um das herauszufinden. Derek braucht spezielle Therapien, und wer weiß, vielleicht ist er am Ende ein ganz anderer Mensch und bereut zutiefst, was er getan hat. Aber wenn Du ihn jetzt einsperrst und irgendwelchen fremden Ärzten überlässt, die keine Ahnung haben, wie sie ihn richtig behandeln sollen, machst Du jede Hoffnung zunichte, denn dann hat Derek keine Chance, wieder ganz gesund zu werden.“
Im Raum war es still.
Ben und Dr. Pares wechselten einen bedeutungsvollen Blick miteinander, während Ricardo Meg schweigend ansah. Dann lehnte er sich zurück und nickte.
„Okay...“ sagte er nachdenklich. „Ich habe verstanden. Ich hoffe nur, Du auch, Meg.“
Erstaunt zog sie die Stirn in Falten.
„Was meinst Du?“
„Nun... es liegt allein in Bens Hand, wie wir in der Sache weiterverfahren. Er hat seinen Bruder damals auf meinen Rat hin angezeigt. Immerhin hat Derek Dich fast umgebracht. Dagegen waren all seine anderen Taten nur Bagatellen. Aber überlege genau: Wenn Ben die Anzeige zurückzieht, ist Derek ein freier Mann, sobald er die Klinik verlässt. Dann kann keiner für Deine Sicherheit garantieren.“ Er warf einen Blick auf seinen Notizblock, der vor ihm lag. „Was wollte er eigentlich in LA?“
Bens Miene verfinsterte sich.
„Er hat nach Meg gesucht.“
„Na also.“ schnaufte Ricardo. “Er verfolgt Meg noch immer!“
„Das war doch vor seiner Operation!“ warf Meg ein. „Danach hat er mich nicht einmal erkannt!“
„Das wird er aber vielleicht bald. Und dann?“
Ben griff nach Megs Hand und spürte, wie sie zitterte.
„Dann werde ich da sein.“
„Okay.“ Es war Ricardo deutlich anzusehen, dass er mit der Entscheidung nicht einverstanden war. Aber er musste sich fügen und nickte widerstrebend. „Das ist allein Euer Risiko. Deines ... und Megs. Also, wie verbleiben wir nun?“
Meg kämpfte innerlich sekundenlang gegen den Anflug von Panik, den Ricardos deutliche Worte für einen Moment hervorgerufen hatten. Sie wandte den Kopf und suchte Bens Blick.
„Tu es.“ sagte sie leise. Er drückte sacht ihre Hand.
„Ich weiß nicht... Ich muss das nicht tun, wenn Du es nicht willst.“ flüsterte er heiser.
Sie schluckte.
„Doch, das muss ich. Nicht um seinetwillen, aber für uns.“
In stillem Einvernehmen sahen sie einander an.
Dann straffte Ben entschieden die Schultern. Seine Stimme schien Meg unwirklich und fremd, und die Worte, die er sagte, hallten in ihren Ohren wider:
„Ich ziehe hiermit meine Anzeige gegen Derek Evans wegen Entführung und versuchten Mordes offiziell zurück.“
Elaines Waffelshop
Cole griff nach dem Bier, das der Kellner vor ihm abgestellt hatte.
„Sie wollen etwas für mich tun, Miss Sheridan... ähm, Jade? Und was bitte sollte das sein?“
Sie rührte in ihrem Drink, ohne Cole dabei aus den Augen zu lassen.
„Ich möchte, dass Sie das DEEP wie bisher weiterführen.“
Cole lachte.
„Tja, da sind Sie bei mir leider an der falschen Adresse. Die Bar wurde geschlossen, und ich bin, wie schon erwähnt, nicht mehr länger sein Besitzer.“
„Okay... dann formuliere ich es etwas anders...“ erwiderte Jade geduldig und sah ihn herausfordernd an. Arbeiten Sie ab sofort für mich, Cole.“ Sie lehnte sich zurück, schlug die langen schlanken Beine gekonnt übereinander und lächelte unergründlich.
„Ich bin die neue Besitzerin des DEEP.“.
„Wie geht es jetzt weiter?“ fragte Ben, als er kurz darauf gemeinsam mit Meg und Ricardo den Raum verließ.
„Ich werde heute noch meinen Bericht fertigmachen.“ erwiderte Ricardo. „Komm morgen früh aufs Revier und melde Dich bei Chief Harris. Dort musst Du dann Deine Aussage unterschreiben.“
„Bist Du denn nicht da?“
„Nein, ich habe ab morgen Urlaub.“
„Und was ist mit Gregory?“
„Wir verfolgen seine Spur, doch wenn er sich ins Ausland abgesetzt hat, und momentan spricht leider alles dafür, dann können wir erst einmal gar nichts tun.“
Ben knirschte mit den Zähnen und fluchte leise.
Ricardo legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Tut mir leid, Ben.“
Er gab den beiden Polizisten vor Dereks Krankenzimmer ein Zeichen. Die Beamten zogen sich daraufhin sofort zurück.
„Okay“ nickte Ben und reichte ihm die Hand. „Danke für Dein Verständnis, Ricardo.“
Der Detektive nickte mit einem immer noch etwas skeptischen Lächeln.
„Ich hoffe nur, Du wirst nicht eines Tages bereuen, was Du eben getan hast.“
Ben sah ihn nachdenklich an.
„Ich habe mir mein halbes Leben lang gewünscht, dass Derek und ich ein brüderliches Verhältnis zueinander haben könnten. Vielleicht ist das jetzt die Chance, unseren Hass aufeinander ein für alle mal zu vergessen.“
„Ja, vielleicht.“ Ricardo maß Meg zum Abschied mit einem bedeutungsvollen Blick.
„Pass auf Dich auf.“
„Das werde ich.“
Ben hatte seinen Arm um Megs Schultern gelegt. Sie sahen Ricardo nach, wie er hinter der Tür verschwand.
„Geht es Derek wirklich gut?“ wandte sich Ben an Dr. Pares, der ebenfalls das Zimmer verlassen hatte. „Oder hat er mitbekommen, was hier los war?“
Marc Pares schüttelte den Kopf.
„Nein. Das, was heute geschehen ist, bleibt unter uns. Er wird es nie erfahren.“
Auf der Heimfahrt nach Sunset Beach fiel Ben auf, wie still Meg war. Blass und in sich gekehrt saß sie neben ihm und starrte die ganze Zeit geradeaus durch die Windschutzscheibe.
„Was ist denn los, Liebling? Fühlst Du Dich nicht wohl?“ fragte er besorgt.
„Nein... mir fehlt nichts.“ erwiderte sie schnell. „Es geht mir gut.“
Ben war noch immer viel zu sehr mit den Geschehnissen der letzten Stunde beschäftigt, sonst hätte er bemerkt, dass das Gegenteil der Fall war.
Es ging ihr ganz und gar nicht gut...
Es waren diese Worte, die Dr. Pares zuletzt gesagt hatte. Diese Worte hatten etwas in ihr wachgerufen, eine unangenehme Erinnerung, die bisher irgendwo in ihrem Unterbewusstsein geschlummert hatte und die sie noch nicht so recht zu deuten wusste.
„Das, was heute geschehen ist, bleibt unter uns. Er wird es nie erfahren...“
Sie hörte die Worte immer und immer wieder, aber es war nicht die Stimme von Dr. Pares, die in ihrem Kopf widerhallte. Es war Dereks Stimme...