Nach 5 Jahren im Sunset Paradise...
Das George-Carter-Medicalcenter, kurz G.C.M. genannt, besteht nunmehr seit drei Jahren.
Es umfasst eine große Klinik und ein Kurzentrum, in dem sich ehemalige Patienten, aber auch Kurgäste aus aller Welt erholen können. Das GCM ist das größte Projekt seiner Art an der südkalifornischen Küste zwischen San Diego und Santa Cruz.
Die Firma LIBERTY CORPORATION, kurz LC genannt, die dieses Projekt ins Leben rief und den Bau finanzierte, gehört ebenfalls noch immer zu den bekanntesten Immobilienfirmen an der Westküste.
Ben Evans leitet die Firma gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Derek.
Olivia Richards, die bereits vor ihrer Heirat mit Gregory aktiv für einen Rundfunksender tätig war, leitet inzwischen den Radiosender R.O.C. (Radio Orange County), dessen Hauptsitz sich im wenige Kilometer südlich gelegenen Seal Beach befindet. Ihre Chefmoderatoren sind neben einigen anderen der musikbegeisterte Mark Wolper und Vanessa Hart- Bourne, inzwischen seit zwei Jahren glücklich verheiratet mit Michael Bourne, dem Sicherheitschef der LIBERTY CORPORATION.
Einen festen Platz im Team hat auch Sara Cummings, Dauerverlobte von Mark, die in ein paar Monaten ihr Studium für Medienwissenschaften an der LA - University beenden wird.
Nachdem Gregory nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis vor zwei Jahren vergeblich versucht hat, als Anwalt wieder Fuß zu fassen, arbeitet er nun als juristischer Berater. Zu seinen Kunden zählen allerdings nicht nur seriöse Geschäftsleute. Es wird gemunkelt, dass sich seine Verbindungen zu gewissen Mafiakreisen während seiner dreijährigen Haftzeit noch vertieft hätten. Doch solange ihm das keiner nachweisen kann, lebt er sein Leben, gemeinsam mit seiner Frau, in einer schmucken Wohnsiedlung in Newport Beach, nur einige Strassen entfernt von der Villa, in der Sandy und Kirsten Cohen wohnen.
Sandy arbeitet nach wie vor eng mit Ben und Derek Evans zusammen. Als Firmenanwalt hat er einen festen Platz im Team der LC. Die Familien treffen sich des öfteren auch privat miteinander. Vor allem Kirsten und Meg verstehen sich prächtig.
Cole und Caitlin sind seit fast fünf Jahren wieder miteinander verheiratet und führen noch immer das DEEP. Sie besitzen ein schönes Strandhaus im Süden Sunset Beachs, das Cole extra für sie beide bauen ließ. Die beiden wünschen sich nichts sehnlicher als ein Baby, doch nachdem Caitlin bei einem Autounfall vor zwei Jahren ihr Baby verlor, blieb der jungen Familie ein Kinderwunsch leider versagt. Trotzdem hoffen die beiden weiter und denken mittlerweile sogar über eine Adoption nach.
Roger Miles hat sich inzwischen aus dem Berufsleben zurückgezogen. Er genießt seinen wohlverdienten Ruhestand auf Santa Rosa Island.
Zu John und Abby Carter hat er nach wie vor engen Kontakt. Wann immer die beiden Zeit haben, besuchen sie „Onkel“ Roger gemeinsam mit ihrem dreijährigen Sohn Josuah.
John Carter leitet das G.C.M. als Chefarzt. Er macht seine Sache gut und wird von einem hervorragenden Ärzteteam unterstützt, das er selbst mit ausgewählt hat, und zu dem auch seine Frau Abby gehört.
Abby, deren medizinische Leidenschaft nach wie vor die Notfallmedizin ist und die sich im G.C.M. inzwischen zur medizinischen Leiterin der Notaufnahme hochgearbeitet hat, ist seit vier Jahren glücklich mit John verheiratet. Die beiden leben nach wie vor auf George Carters Anwesen. Wenn John und Abby arbeiten, kümmern sich Georges treue Haushälterin Emily und Kindermädchen Lisa um Söhnchen Josuah.
Während Casey noch immer als Pilot bei OCEANIC Airlines die großen Jets kreuz und quer durch die Staaten fliegt, brechen für Rae als Ärztin die vorerst letzten Wochen im G.C.M. an. Nachdem sie seit Bestehen des neuen Medical Centers als leitende Kinderärztin tätig ist, wird sie sich nun eine längere Auszeit von mindestens einem Jahr gönnen, da sie bereits im achten Monat schwanger ist. Sie und Casey freuen sich unbändig auf das Baby. Die beiden wissen bereits, dass sie eine Tochter erwarten, doch das haben sie bisher keinem verraten.
Alex Mitchum, die sich seit einigen Jahren auffällig oft in England aufhält, wird zur Geburt des Kindes in Sunset Beach erwartet. Sie möchte die jungen Eltern tatkräftig unterstützen, was die beiden natürlich sehr freut. Und, welche Überraschung, Alex wird nicht allein nach Sunset Beach kommen. Jonathan Evans wird sie begleiten. Die beiden sind seit der Hochzeit ihrer Söhne fast unzertrennlich.
Jude und Annie sind seit einem halben Jahr miteinander verheiratet und leben in San Diego, wo Jude seit über drei Jahren als Chefarchäologe an einem Institut für Heimat-Forschung arbeitet. Annie engagiert sich inzwischen ebenfalls für dieses Institut. Doch insgeheim wünscht sie sich etwas, was sie vorher nie für möglich gehalten hatte: ein Baby. Sie und Jude arbeiten intensiv daran.
Bette Katzenkasrahi lebt noch immer glücklich mit Eric Forrester zusammen, weigert sich jedoch beharrlich, diesen nach seiner Scheidung von Stefanie zu heiraten. Sie ist der Meinung, eine Ehe würde ihrer harmonischen Beziehung nur schaden. Eric betreibt inzwischen neben seiner Firma FORRESTER CREATIONS in Los Angeles eine große Geschäftsfiliale in Sunset Beach, die mit großem Erfolg läuft.
Ricardo und Gabi sind seit drei Jahren verheiratet und leben inzwischen in Houston/ Texas. Ricardo ist vor einigen Monaten als Detektiv dorthin versetzt worden. Gabi fiel der Abschied von Sunset Beach nicht leicht, aber inzwischen arbeitet sie als Sekretärin in Ricardos Abteilung und fühlt sich dort recht wohl. Vor allem, weil sie sich nun mit Ricardo endlich eine eigene Zukunft aufbauen kann. Solange sie beide in Carmens Haus lebten, war das irgendwie nicht möglich, auch wenn sich Carmen in den letzten Jahren doch einigermaßen um ein gutes Verhältnis bemühte.
Antonio findet seine Erfüllung in seiner Tätigkeit als Priester. Er lässt recht selten von sich hören, aber ein bis zweimal im Jahr besucht er seine Familie in Sunset Beach.
Zur Hochzeit von Gabi und Ricardo kam er als Gast, getraut hat die beiden auf seinen Wunsch hin ein anderer Priester.
Derek hat seit seiner Operation sein Leben wieder voll im Griff. Er wohnt mit seiner kleinen Familie in einem schmucken Häuschen in der Mainstreet. Seine Frau Maria trägt er auf Händen und sein fünfjähriger Sohn Dennis ist sein ganzer Stolz. Dennis ist seinem Vater sehr ähnlich.
Maria hat sich in den letzten Jahren wieder mehr ihrem früheren Hobby, der Malerei, gewidmet. Damit hat sie großen Erfolg. Ihre kunstvollen, lebensfrohen Aquarelle schmücken zum Beispiel die Flure des neuen Kurzentrums. Inzwischen bekommt sie Aufträge aus mehreren Bundesstaaten und ist vor ein paar Wochen erst von einer Promotiontour aus Texas zurückgekehrt. Ihren Aufenthalt in Houston nutze sie auch zu einem Besuch bei ihrem Bruder Ricardo und dessen Frau Gabi.
Maria ist glücklich mit Derek. Die Heirat hat sie nie bereut.
Ihren gemeinsamen Sohn umsorgen beide mit sehr viel Liebe. Nur manchmal, in ganz stillen Stunden, denkt Maria an die Zeit zurück, als Derek noch „ein anderer“ war: undurchsichtig, eiskalt und unberechenbar. Dann spürt sie tief in ihrem Inneren die Angst, dass Dennis etwas von der damaligen Krankheit seines Vaters geerbt haben könnte.
Doch wenn sie das fröhliche Lachen ihres Sohnes hört, wenn er liebevoll seine kleinen Ärmchen um ihren Hals legt und sich an sie kuschelt, wenn sie ihm Gutenacht-Geschichten vorliest, dann vergisst sie diese Ängste ganz schnell wieder und freut sich über ihr gesundes, glückliches Kind.
Für Ben und Meg waren die letzten Jahre schön und schwer zugleich.
Während Meg ihr Medizinstudium absolvierte, wurde sie schwanger, und obwohl der Zeitpunkt dafür etwas ungünstig war, freuten sie und Ben sich von ganzem Herzen auf das Baby, das, wie sich bald herausstellte, gleich im Doppelpack kommen sollte.
Ben und Meg sind also inzwischen glückliche Eltern von Zwillingen, zwei gesunden Mädchen, die prächtig gedeihen und mit jedem Tag hübscher werden. Jil und Jamie, die vor ein paar Wochen bereits ihren dritten Geburtstag feierten, sind der unbestrittene Mittelpunkt im Hause Evans.
Um ihr Studium trotzdem weiterführen zu können, teilte sich Meg die Arbeit rund um Haushalt und Kinder mit einer tüchtigen und zuverlässigen Haushaltshilfe. Rose, die all die Jahre zuvor bei den Richards tätig war und bereits Caitlin und Sean aufzog, gehört inzwischen fast schon zur Familie.
Mit unermüdlichem Einsatz, der tatkräftigen Hilfe seines Bruders und nicht zuletzt der moralischen Unterstützung seiner Ehefrau und seiner Freunde schaffte es Ben, das Millionenprojekt der LC, das G.C.M., nach den Vorstellungen George Carters fertigzustellen.
Bens Vorschlag war es auch, dem Gesundheitszentrum den Namen seines vor fünf Jahren verstorbenen Hauptinvestors zu geben: George-Carter-Medicalcenter.
Nun, da Meg ihr Studium erfolgreich abgeschlossen und die erforderliche Praxiszeit absolviert hat, wird sie künftig als frischgebackene Kinderärztin im G.C.M. tätig sein. Zunächst als Vertretung für Dr. Rae Chang, die in Kürze ihr erstes Kind erwartet. Später will sie entweder weiter in der Klinik arbeiten oder sich ihren Traum von einer eigenen Praxis erfüllen.
Mit Ben Evans hat Meg auch noch nach Jahren den Traum-Mann ihres Lebens an ihrer Seite. An ihrer Liebe zueinander hat sich nichts geändert. Im Gegenteil, die gemeinsame Vergangenheit hat ihre Verbindung zueinander noch mehr gestärkt und gefestigt.
Wann immer die beiden Zeit finden, treffen sie sich mit ihren Freunden und verbringen soviel Zeit wie möglich gemeinsam mit den Kindern.
Einmal im Jahr organisiert Ben regelmäßig auf Paradise Island ein Familientreffen, zu dem sein Vater, Caseys Mutter, die Changs und die Cummings aus Kansas anreisen. Aber auch die Familie Torres, sowie Megs Schwester Sara mit ihrem Verlobten Mark dürfen dabei nicht fehlen. Diese verlängerten Wochenenden sind jedes Mal wahre Highlights für alle Anwesenden.
Sobald die Zwillinge alt genug dafür sind, möchte Ben mit seiner Familie nach Europa reisen und Meg all die Plätze zeigen, von denen sie in romantischen Stunden zu zweit so oft geträumt haben: Paris, Venedig, Madrid, London, Berlin. Doch bis es soweit ist, genügt es ihnen, sich ab und zu in den Flieger zu setzen und die Großeltern in Ludlow/ Kansas zu besuchen.
Bevor wir jedoch entgültig Abschied nehmen müssen vom SUNSET PARADISE und seinen uns so vertraut gewordenen Bewohnern, machen wir abschließend noch einen Besuch auf Paradise Island, wo Ben und Derek mit ihren Familien gerade das Wochenende verbringen...
Meg trat auf die Terrasse hinaus, wo ihr fröhliches Lachen entgegenschallte.
„Guck mal, Mami, hat Vita uns geschenkt!“
Stolz präsentierten die Zwillinge Jil und Jamie ihrer Mutter die beiden nagelneuen Püppchen, die wie sie selbst, völlig gleich aussahen.
„Sooo schöne Zöpfe, Mami!“ jubelte Jil.
„Will auch so gelbe Zöpfe haben!“ ergänzte Jamie begeistert.
„Ihr habt braune Locken, die sind viel schöner!“ lachte Evita.
„Dürfen wir in Deinen Garten, Vita?“ fragte Jil.
Evita nickte.
„Geht schon, aber bleibt da, wo wir Euch von hier aus sehen könnt.“
„Kommst Du mit, Mami?“
Meg lachte.
„Lauft nur, ich bleibe noch einen Augenblick hier und warte auf Daddy.“
Lächelnd sahen die beiden Frauen den Kindern nach.
„Sie sind einfach süß.“ schwärmte Evita.
Schokoladenbraune Locken, durchwirkt von sonnengebleichten goldenen schimmernden Strähnchen, umrahmten die niedlichen Gesichtchen, deren unbestrittener Mittelpunkt die strahlenden nachtblauen Augen waren, die sie von ihrem Vater geerbt hatten. Zwei völlig identische kleine Wesen, und doch in ihrem Charakter schon recht verschieden. Jil war die Sanftere von beiden, ruhig und sehr anhänglich, ihre Schwester Jamie dagegen wirkte ungestüm und temperamentvoll. Dennoch ergänzten sie einander wunderbar. Eine konnte einfach nicht ohne die andere sein. Wo Jil war, war Jamie nicht weit.
„Es wird nicht lange dauern und die beiden werden die Männerwelt total verrückt machen!“ mutmaßte Evita mit stolzem Blick.
Meg lachte.
„Oh Evita, ich hoffe, bis dahin wird es noch sehr lange dauern!“
Maria trat mit dem fünfjährigen Dennis aus dem Haus.
„Sind wir zu spät zum Essen?“ fragte sie mit einem Blick zur Uhr. „Denni war wieder einmal nicht vom Wasser wegzubekommen!“
„Ben und Derek sind auch noch nicht zurück.“ erwiderte Meg beruhigend. „Sie helfen Vincent beim Holzhacken.“
„Er hat es mal wieder im Kreuz.“ fügte Evita entschuldigend hinzu. „Es ist eine Schande, da kommen die Männer endlich mal wieder hierher auf die Insel, und dann müssen sie auch noch arbeiten!“
Meg lachte.
„Aber Evita! Das tun die beiden doch gern!“
„Genau!“ ergänzte Maria und blinzelte Meg schelmisch zu. „Ein bisschen körperliche Arbeit schadet ihnen bestimmt nicht!“
Evita lachte.
„Ich werde inzwischen mal nach dem Abendessen sehen.“
„Darf ich mit den Zwillingen spielen?“ fragte Dennis. Seine Hände umfassten liebevoll das glänzende rote Feuerwehrauto, dass Evita und Vincent ihm bei seiner Ankunft heute Mittag geschenkt hatten.
Meg nickte.
„Aber natürlich, geh nur. Sie sind beide unten im Garten.“
„Prima!“
Dennis stürmte davon.
Mit seinen fünf Jahren war er schon recht groß und kräftig. Er hatte dunkles Haar und war seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten.
„Er fühlt sich wohl hier auf der Insel.“ sagte Maria, die ihrem Sohn lächelnd nachblickte. „Die ganze Woche hat er von nichts anderem geredet als von dem bevorstehenden Wochenende auf Paradise Island!“
„Kann ich verstehen.“ erwiderte Meg und blickte zufrieden hinaus aufs Meer, auf dessen golden schimmernder Oberfläche die tief stehende Sonne bereits ihre allabendlichen Akzente setzte. „Ich habe mich auch darauf gefreut, endlich mal wieder hier zu sein. Ein schönes ruhiges Wochenende nach all dem Prüfungsstress in der letzten Zeit!“
„Aber der Stress hat sich gelohnt, finde ich!“ Maria lehnte sich neben ihre Schwägerin an die Brüstung der Terrasse. „Du hast es geschafft, Meg! Du bist jetzt Frau Doktor Evans. George Carter wäre sehr stolz auf Dich!“
„Nicht nur George!“ ließ sich Ben vernehmen, der eben die Terrasse betreten hatte. „Rat mal, wer noch!“
Er nahm seine Frau lächelnd in die Arme und gab ihr einen Kuß. Dann hielt er ihr seinen rechten Zeigefinger hin. „Hier... ein klassischer Fall für die neue Kinderärztin!“
„Ein Splitter?“ fragte Meg ungläubig. „Ben, den kannst Du doch selbst...“
„Ich möchte eine sanfte Behandlung, und Kinderärzte sind sanft zu ihren Patienten!“
„Was Du nicht sagst!“ grinste Meg und zwinkerte Maria zu.
„Einen Augenblick, ich hole Skalpell, Tupfer, Schere und Nadel aus meiner Tasche! Das muß geschnitten und anschließend genäht werden! Das wollte ich sowieso nochmal üben, bevor ich Rae ab Montag in der Klinik vertrete!“
Derek, der seinem Bruder gefolgt war, lachte schallend.
„Nur zu, ich halte ihn fest!“
Dennis war inzwischen durchs Haus hinunter in den Garten gelaufen. Schon von weitem hörte er seine beiden Kusinen draußen lachen. Sie saßen auf einer Decke, die Evita vorher liebevoll unter einem Zypressenbaum ausgebreitet hatte und spielten voller Hingabe mit ihren neuen Puppen.
Dennis öffnete die Tür und wollte zu ihnen hinüberlaufen, doch irgend etwas hielt ihn zurück. Eine geheimnisvolle Kraft, die sich der kleine Junge nicht erklären konnte. Sie war wie eine innere Stimme, die ihm gebot stehenzubleiben und sich nicht von der Stelle zu rühren. Er hörte diese Stimme nicht oft, aber manchmal war sie eben plötzlich da, und sie machte ihm Kopfweh.
So wie jetzt...
Er stand an der Tür und sah hinüber zu den beiden kleinen Mädchen, die dort einträchtig zusammen spielten. Die Zwillinge waren so vertieft in ihr Spiel, dass sie ihn nicht zu bemerken schienen. Er fühlte sich plötzlich ganz seltsam, irgendwie einsam und von allem ausgeschlossen. Er gehörte nicht dazu, obwohl er es so gern wollte und noch nicht einmal einen Versuch gemacht hatte, zu den beiden Kleinen hinüber zu gehen. Jil und Jamie waren für ihn mit einem Mal wie eine verschworene Gemeinschaft, zu der kein anderer Zugang fand.
Dennis kniff die Augen zusammen. Seine Kopf tat ihm weh. Er wußte genau, das würde aufhören, wenn er tat, was die innere Stimme ihm sagte.
Sein hübsches Gesicht verzog sich zu einem eigenartigen Lächeln. Achtlos stellte er das neue Feuerwehrauto auf den Boden neben sich.
Oh ja, er würde schon dafür sorgen, dass Jil und Jamie ihn beachteten...
„Abendessen ist fertig!“ rief Evita und erschien mit einem großen Tablett auf der Terrasse.
Meg und Maria sprangen sofort auf um der Haushälterin beim Tischdecken zu helfen.
„Holst Ihr bitte die Kinder?“ rief Meg Ben und Derek zu. „Sie sind alle drei unten im Garten!“
Wenig später erschien Ben mit den Zwillingen links und rechts auf dem Arm. Jil hatte ihre kleinen Ärmchen um den Hals ihres Daddys geschlungen und schmiegte sich liebevoll an ihn, während Jamie wild zappelte und sich aus seinem Griff zu befreien versuchte.
„Jamie kann selber laufen!“ verkündete sie selbstbewusst.
Ben lachte und setzte sie ab.
„Zwei Räuber habe ich erwischen können“ grinste er und setzte seine Töchter kurz vor Meg ab. „Der dritte wird noch vermisst!“
„War Dennis nicht mit bei Euch?“ fragte Maria die Zwillinge erstaunt. „Er wollte doch mit Euch spielen!“
„Wo ist Denni?“ fragte Jil verständnislos und Jamie schüttelte den Kopf, dass ihre braunen Locken nur so flogen.
„Denni is nicht da!“ nuschelte sie.
„Derek wird ihn schon finden.“ beruhigte Ben die Frauen, während er seine Töchter der Reihe nach auf ihre Klappstühle bugsierte. „So groß ist ja der Garten nicht.“
Derek fand Dennis vor dem alten Brunnen hinter dem Haus.
„He Partner, was tust Du denn ganz allein hier?“ fragte er lächelnd. „Ich dachte, Du spielst mit Jil und Jamie?“
„Nee, die sind mir zu klein und zu doof!“ erwiderte der Fünfjährige und verzog das Gesicht. „Außerdem sind sie Mädchen!“
„Oh“ Derek verkniff sich ein Grinsen. „Und... nur weil sie klein, doof und Mädchen sind, magst Du sie nicht mehr?“
„So hab ich das nicht gemeint.“
„Sondern?“
„Ich will mit jemandem spielen, der so groß ist wie ich. Jemand, der mit mir Pirat spielt, oder Indianer. Und das spielen die beiden fast nie.“
„Okay Kumpel, schon verstanden.“ nickte Derek und legte seinem Sohn die Hand auf die Schulter. „Wie wäre es, wenn wir zwei jetzt als Piraten oben auf der Terrasse erscheinen und uns die besten Happen von Evitas köstlichem Abendessen entern?“
Ein versöhnliches Lächeln erschien auf Dennis` Gesicht.
„Einverstanden!“ rief er.
„Na dann los! Wer zuerst oben ist!“ Derek lief los.
Dennis warf noch einen letzten bedeutungsvollen Blick auf den Brunnen, dann jagte er seinem Vater hinterher.
Die Sonne war bereits untergegangen, als Ben seine Zwillinge ins Bett brachte. Eng aneinandergekuschelt lagen die beiden links und rechts von ihm in den Kissen und lauschten der Gutenacht-Geschichte, die er ihnen vorlas. Meg erschien leise an der Tür und nahm dieses friedvolle Bild dankbar in sich auf. Sie spürte sich so herrlich entspannt und unsagbar glücklich. All der Stress der letzten Wochen und Monate schien von ihr abzufallen, kaum dass sie heute Mittag die Insel betreten hatten.
Ein tiefes Glücksgefühl durchströmte sie.
Ben blätterte das Buch um und bemerkte seine Frau. Ihre Blicke begegneten sich und hielten einander fest. Er schien ihre Gedanken lesen zu können, denn seine Augen bestätigten jeden einzelnen davon: Es würde ein schöner Abend werden...
Die Geschichte war zu Ende, die Gutenachtküsschen waren verteilt.
Ben löschte das Licht.
Da ertönte ein Entsetzensschrei:
„Meine neue Püppi!“
Und gleich darauf noch einer:
„Will meine auch haben!“
Ben atmete tief durch.
„Ja okay, wo sind sie denn?“
„Bei Vita...“
„...im Garten!“
„Gut.“ ergab sich Ben seinem Schicksal. „Ich hole sie Euch schnell. Und Ihr bleibt schön im Bettchen!“
Im Garten waren keine Puppen.
Ben suchte überall, ohne Erfolg.
Schließlich holte er die anderen dazu. Ratlos sahen sie sich um.
„Ich habe das Spielzeug erst vor ein paar Minuten weggeräumt.“ erklärte Maria kopfschüttelnd. „Da waren keine Puppen dabei!“
„Ich hätte schwören können, dass sie hier auf der Decke lagen, als ich Jil und Jamie zum Abendessen geholt habe!“ überlegte Ben. „Auf jeden Fall haben wir sie nicht mitgenommen!“
Meg atmete tief durch.
„Na gut“ sagte sie schulternzuckend, „Ich werde nach oben gehen und die beiden beruhigen. Ich hoffe, sie schlafen auch ohne ihre neuen Puppen ein. Morgen können wir dann nochmal in aller Ruhe suchen.“
Trotz Megs einfühlsamer Worte gab es bittere Tränen.
Dann endlich waren die Zwillinge eingeschlafen.
„Weißt Du, wo die neuen Puppen sind, die Jamie und Jil heute von Evita geschenkt bekommen haben?“ fragte Maria ihren Sohn, während sie ihn ins Bett brachte.
Dennis schüttelte den Kopf.
„Du weißt doch, welche ich meine“ forschte Maria weiter, „Die mit den schönen blonden Zöpfen!“
„Ja, ich weiß.“ sagte der Junge und kuschelte sich in seine Decke. „Ich habe sie nicht gesehen.“
„Wirklich nicht? Sie sind nirgends zu finden. Die Zwillinge sind sehr traurig darüber. Sie haben bitterlich geweint.“
„Das tut mir leid. Gute Nacht, Mum!“
Maria suchte vergeblich nach einem Zeichen im Gesicht ihres Sohnes. Da war keine Regung, die ihr Aufschluss hätte geben können, ob Dennis tatsächlich nichts von dem Verbleib der Puppen wußte.
„Na gut.“ sagte sie und küßte ihn liebevoll auf die Wange, während sie das Licht löschte. „Wenn Dir noch etwas einfällt, kannst Du es mir ja sagen. Gute Nacht, mein Schatz!“
„Gute Nacht, Mami!“
Als Maria das Kinderzimmer verlassen hatte, starrte Dennis ein paar Sekunden lang in die Dunkelheit. Dann tastete seine kleine Hand nach dem Lichtschalter.
Er stand auf und ging zu dem Rucksack, in dem er sein mitgebrachtes Spielzeug verwahrte. Aus einer der Seitentaschen holte er etwas weiches, goldgelb glänzendes... Ein blonder Puppenzopf.
Er betrachtete ihn eine ganze Weile, bevor er ihn wieder in dem Versteck verschwinden ließ. In Gedanken hörte er die Stimme seiner Mutter:
Dennis nahm sein neues Feuerwehrauto und öffnete leise die Tür. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass draußen auf dem Flur niemand zu sehen war, huschte er hinaus und schlich sich heimlich zum Kinderzimmer der Zwillinge.
Er trat ein und ließ die Tür offen.
Der Lichtschein vom Flur fiel auf die Gesichter der beiden schlafenden Mädchen.
Dennis stand da und betrachtete sie.
Ein plötzliches Gefühl von Bedauern überkam ihn.
„Es tut mir leid...“ flüsterte er kaum hörbar. Dann legte er sein neues Feuerwehrauto vorsichtig zwischen die beiden aufs Kissen.
Kurz darauf verschwand er so lautlos, wie er gekommen war...