Der Strand der untergehenden Sonne  1

 

Meg blickte verträumt aufs Meer hinaus.
Der Strand war jetzt am Abend fast menschenleer, und sie hatte sich einen besonders schönen Platz in den Dünen ausgesucht, um dem faszinierenden Farbenspiel zuzusehen, das die untergehende Sonne auf das Wasser zauberte und die Wellen in den verschiedensten Farben funkeln ließ.
Es schien ihr fast unmöglich, dass sie noch heute morgen tausende Meilen weit von hier entfernt gewesen war, und obwohl sie Meer und Strand bisher nur von Postkarten kannte, verspürte sie plötzlich ein Gefühl von Geborgenheit und Wärme.
Ja wirklich, Gabi hatte nicht übertrieben, die Sonnenuntergänge in Sunset Beach schienen etwas Besonderes zu sein, und mit einem Mal war sich Meg ganz sicher, genau das Richtige getan zu haben, indem sie spontan der Einladung ihrer Freundin gefolgt war und zu Hause alles hinter sich gelassen hatte: ihre Eltern, ihr Zuhause, den langweiligen Laborjob zwischen Reagenzgläsern und Blutanalysen, und nicht zuletzt ihren Dauerverlobten Tim, der sie schamlos betrog und auch noch dumm genug war, sich dabei von ihr erwischen zu lassen.
"Mit 22 ist man schließlich nicht zu alt, um noch mal ganz neu anzufangen! Pack deine Koffer, setz dich ins nächste Flugzeug und komm zu mir nach Sunset Beach, wo das Leben tobt!" hatte Gabi ihr gemailt.
Die gute Gabi, ihre beste Freundin seit der Highschool. Sie hatten sich eine Weile aus den Augen verloren, aber seit Gabi in dem Krankenhaus in Sunset Beach arbeitete, schrieben sie sich fast jeden Tag E- Mails.
Gabi wohnte in einer WG mit einem Barkeeper, zwei Rettungsschwimmern und einer jungen Ärztin aus dem Krankenhaus, und sie schien hier richtig glücklich zu sein.
Leider hatte ein Notfall in der Klinik verhindert, dass sie ihre Freundin vom Flughafen abholen konnte.
Aber da Meg sowieso wild entschlossen war, dass ab heute ihr neues, selbstständiges Leben beginnen sollte, hatte sie sich kurzerhand von einem Taxi zum nächsten Strand- Motel bringen lassen, dort fürs erste ein kleines Zimmer gemietet und sich den Weg zu Gabis Klinik erklären lassen.
Nun saß sie hier am Strand und bekam den Blick nicht los von diesem herrlichen Sonnenuntergang.
"Ja, Meg Cummings, das ist es! Sunset Beach, die kleine Stadt, wo du ganz neu anfangen kannst!" dachte sie und lächelte zufrieden.

"Glauben Sie an die Legende?"
Erschrocken blickte Meg auf, konnte jedoch im Gegenlicht der untergehenden Sonne nur die Umrisse des Mannes erkennen, der da vor ihr stand.

Jeany

 

 

 

Der Mann kam immer näher auf Meg zu. Langsam konnte sie seine Umrisse klar erkennen. Er war ziemlich groß, mit dunkelbraunem, mittellangem Haar, daß er mit viel Gel nach hinten gekämmt hatte. Er war vollkommen in Schwarz gekleidet, was ihm sehr gut stand. Ihn umgab etwas Geheimnisvolles.

"Von welcher Legende reden Sie, Mr...?"
"Evans. Sagen Sie nur, Sie kennen die Legende von Sunset Beach nicht", sagte er mit einem leicht vorwurfsvollen Unterton. Sein Lächeln verriet jedoch, daß es ein Witz war.

"Erzählen Sie mir davon."

"Oh, so genau kenne ich die auch nicht. Es heißt so ungefähr, daß an einem Abend wie diesem, wenn der Santa Ana Wind weht, die erste Person, die man auf der anderen Seite des Piers sieht, für einen bestimmt ist. Das war jetzt die Kurzversion, wenn Sie die vollständige Geschichte hören wollen, fragen Sie Elaine Stevens vom Waffleshop, die kann Ihnen das erzählen."

"Ich denke, ich werde darauf zurückkommen, Mr Evans. Ich bin Meg Cummings. Sie können mich ruhig Meg nennen."

"Dann bestehe ich aber darauf, daß Sie mich auch bei meinem Vornamen nennen." Lächelnd streckte er ihr die Hand entgegen. "Ich bin Derek Evans."

Hickengruendler

 

 

 

"Sie sind wohl nicht von hier?," fragte Derek.
Meg sah ihn lange an, ehe sie antwortete. "Nein, ich komme aus Kansas", entgegnete sie.
Der Mann hatte irgendetwas Bedrohliches an sich, obwohl sie nicht sagen konnte, warum sie so fühlte.
"Meine Freundin lud mich hierher ein, ich brauchte mal Luftveränderung."
Derek grinste.

"Die werden Sie hier sicher bekommen. Sunset Beach ist einfach der ideale Erholungsort!"
Meg sah ihn an.

"Ja, das denke ich auch. Entschuldigen Sie, Mr. Evans, aber ich muss jetzt wirklich gehen. Meine Freunde warten auf mich. Es war nett, Sie kennengelernt zu haben. Vielleicht laufen wir uns mal wieder über den Weg!"

Derek kratzte sich am Kinn. Er musterte Meg von oben bis unten. Sie wich seinem Blick aus. Irgendwie hat er kalte Augen, dachte sie. Etwas hypnotisches geht davon aus.

„Aber natürlich werden wir uns wiedersehen", sagte er verschwörerisch,

„Sie wissen doch, wir sind füreinander bestimmt!"

Er drehte sich um und verschwand genauso geheimnisvoll, wie er gekommen war.

Meg sah ihm verwirrt hinterher. Sie würde ihre Freunde nach ihm befragen.
Wer ist dieser geheimnisvolle Derek Evans?

Mona

 

 

 

 

 

Meg überlegte, was sie nun tun sollte.

"Hatte er nicht etwas von einem "Waffleshop" erzählt", sagte sie laut zu sich selbst,

„Da kann ich warten und vielleicht eine Waffel essen, bis Gabi kommt."
“Davon würde ich Ihnen abraten", sagte eine freundliche Stimme hinter ihr.

"Wenn es etwas gibt, daß Sie im Waffleshop nicht essen sollten, dann sind das Elaines Waffeln. Es sei denn, Sie wollen den nächsten Tag nicht mehr erleben."
Sie wandte sich um und sah erstaunt genau den Mann, der sich vorhin von ihr verabschiedet hatte, allerdings in eine andere Richtung.

Wie konnte es sein, daß er so plötzlich hinter ihr stand?
"Sie kennen wohl auch alle Schleichwege hier in Sunset Beach, nicht wahr?"
"Wie bitte?", fragte er etwas verwundert.
"Na, sie sind doch vorhin noch in die andere Richtung gegangen, und jetzt kommen sie plötzlich von hier."
"Derek" schmunzelte. Offenbar schien er etwas zu wissen, von dem sie keine Ahnung hatte, aber genauso offenbar schien er seinen Spaß daran zu haben, sie noch etwas im Dunkeln tappen zu lassen.
"Ja, es scheint, als sei ich an zwei Orten gleichzeitig.", meinte er grinsend.

Seltsamerweise erschauerte Meg.

Derek war ihr vorhin schon etwas unheimlich, und dass er es fertig bringen konnte, sich so schnell von hinten an sie heranzuschleichen, obwohl er vorhin genau in die andere Richtung verschwunden war, beunruhigte sie nun doch ein wenig.

"Na, wie dem auch sei," meinte sie. "Ich denke, ich werde doch ein paar Waffeln essen. Ich werd ja nicht gleich dran sterben."

Sie versuchte zu lächeln.

„Dorthin wird er mich ja nicht gleich verfolgen,“ dachte sie.

Sie verabschiedet sich von ihm, und ging schnellen Schrittes davon.

Einige Minuten später kam sie beim Waffleshop an und ging hinein. Und was sie da sah, verschlug ihr die Sprache. Derek Evans saß an einem der Tische und zwinkerte ihr zu. "Ich wusste doch, daß sie kommen", sagte er. "Deswegen habe ich den Shop ja vorhin erwähnt."

Hickengruendler

 

 

 

 

"Hallo", sagte sie etwas unsicher und hoffte inständig, er möge nicht merken, dass ihr das Herz vor Schreck bis zum Hals schlug.
"Und" grinste Derek, "Wollen Sie Elaine nach der Legende fragen, oder darf ich Sie zuerst zu einem Kaffe einladen?"
Meg glaubte wieder dieses eigenartig bedrohliche Funkeln in seinen blauen Augen zu sehen, das sie bei ihrer ersten Begegnung mit ihm schon irritiert hatte. Komisch, als ihr Derek kurz danach auf dem Weg hierher noch einmal begegnete, war ihr das nicht aufgefallen.
"Ich muss hier raus" dachte Meg, denn dieser Mann wurde ihr langsam unheimlich, obwohl er eigentlich sehr gut aussah, aber irgendwas stimmte nicht.
"Danke für die Einladung, aber ich habe schon eine Verabredung und wollte nur jemanden nach dem Weg zum Sunset Memorial fragen."
Dereks Augen ließen sie nicht los.
"Schade." meinte er, immer noch lächelnd, "aber ein Krankenbesuch geht natürlich vor."
Er stand auf, legte einen Arm vertraulich um ihre Schulter und führte sie zur Tür.
"Dort die Straße hinunter Richtung Strand, ungefähr 100 Meter links. Sie können es nicht verfehlen."
Er war ihr beim Sprechen ziemlich nah gekommen, und der markante Duft seines After Shave stieg Meg in die Nase. Seine Hand brannte wie Feuer auf ihrer Schulter.
"Reiß Dich zusammen, Cummings" dachte sie und rückte verwirrt von ihm ab.
"Danke, Mr... ich meine, Derek!" stotterte sie verlegen.
Er ließ sie los und meinte dann mit seinem unergründlichen Lächeln:
"Ich hoffe, meine Einladung zum Kaffee ist nur aufgeschoben!"
"Sicher" beeilte sich Meg zu sagen, "ich komme drauf zurück."
Sie war schon fast zur Tür hinaus, als er leise ihren Namen sagte.
"Meg?  Denken Sie an die Legende - und vergessen Sie nicht: ich bin Ihr Schicksal!"

Jeany

 

 

 

Obwohl es inzwischen schon ziemlich spät war, herrschte im Sunset Memorial noch ein reges Treiben. Krankenschwestern eilten geschäftig hin und her, am Empfangstresen warteten die letzten Patienten darauf, endlich aufgerufen zu werden und die Besatzung eines Notdienstwagens genehmigte sich schnell mal zwischendurch eine wohlverdiente Kaffeepause am Automaten.
Die ganze Atmosphäre erinnerte Meg an ihren alten Job im Labor des Wichita Memorial Hospitals in Kansas. Nur die Klinik hier war viel kleiner und wirkte nicht so kalt und unpersönlich.
Unbemerkt ließ Meg ihren Blick schnell über die in der Eingangshalle befindlichen Personen schweifen. Sie atmete erleichtert auf, dass dieser geheimnisvolle Derek sie nicht auch noch hierher verfolgt hatte.
Sie ging zur Aufnahme und erkundigte sich bei der Schwester nach Gabi Martinez.
"Schwester Gabi..." überlegte die freundliche, ziemlich rundliche Blondine, doch plötzlich hellte sich ihr von Sommersprossen übersätes Gesicht auf.
"Moment mal, sind Sie vielleicht die Freundin aus Kansas?"
Meg nickte lächelnd.
Genau, wie Gabi geschrieben hatte, hier schien wirklich jeder jeden zu kennen.
Die rundliche Dame in Weiß streckte ihr spontan die Hand entgegen.
"Hi, ich bin Roxanne.- Warten Sie einen Augenblick, ich werde die gute Gabi ganz schnell für Sie hervorzaubern!"
Mit verschwörerischer Miene trat sie ans Mikrofon und rief über den Lautsprecher:
"Schwester Gabi, bitte sofort zum Empfang- ein Notfall! Schwester Gabi bitte!"
Es dauerte keine halbe Minute und eine äußerst hübsche, sehr schlanke junge Frau mit langem schwarzem, lose im Nacken zusammengebundenem Haar kam im kurzen weißen Kittel den Flur entlanggerannt.
"Was ist los, Roxi, schon wieder ein Notfall?"
"Könnte man so ausdrücken!"  Roxanne grinste zufrieden über ihren gelungenen Spaß und deutete mit dem Zeigefinger an Gabis fragendem Gesicht vorbei auf Meg.

Jeany

 

 

 

"Meg!" Gabi strahlte über das ganze Gesicht, als sie ihre Freundin hinter Roxannes Rücken entdeckte. Die beiden umarmten sich.

"Schön, daß Du meine Einladung angenommen hast, nach Sunset Beach zu kommen! Wie lange haben wir uns schon nicht mehr gesehen?"

Meg dachte nach.

"Eine Ewigkeit, scheint mir!"

"Und, wie ist Dein erster Eindruck vom Land der untergehenden Sonne," fragte Gabi neugierig.

Meg sah sie nachdenklich an. Sollte sie ihrer Freundin von dem geheimnisvollen Mann erzählen?

"Ich habe ja noch nicht soviel von Sunset Beach gesehen, eigentlich nur den Strand und natürlich den traumhaft schönen Sonnenuntergang."

"Weißt Du," klärte sie Gabi auf, "da gibt es eine Geschichte, die besagt, daß ..."

"Ja, ich weiß," unterbrach Meg sie, "ich kenne schon die "Legende von Sunset Beach". Gabi sah sie erstaunt an.

"Von wem denn? Ich denke, Du kennst hier niemanden?!"

Meg biss sich auf die Lippen. Nun musste sie Gabi doch von ihrer Bekanntschaft berichten.

"Ich habe am Strand einen Mann kennengelernt," sagte sie vorsichtig.

Gabi sah sie ungläubig an.

"Na, das ging aber schnell," sagte sie schmunzelnd. „Wer ist er denn, kenne ich ihn?" Meg sah sie an.

"Ich weiß nicht, kann schon sein."

"Habt Ihr Euch miteinander bekannt gemacht," bohrte Gabi.

Meg holte tief Luft.

"Ja!"

"Ja, und wie heißt der geheimnisvolle Unbekannte?"

"Meg verschränkte die Arme vor dem Körper. Alleine schon der Gedanke an ihn, ließ sie erschauern.

"Derek Evans", stieß sie dann hervor und wartete ungeduldig auf Gabis Reaktion, doch diese wurde von Roxanne zurechtgewiesen.

"Mädels, quatschen könnt Ihr später. Gabi, die Pflicht ruft!"

Gabi sah Meg entschuldigend an.

"Wir reden später, okay?"

Dann verschwand sie mit Roxanne in einem Raum und ließ Meg alleine im Flur stehen.

Mona

 

 

Meg beschloss, hier auf Gabi zu warten und holte sich einen Kaffee vom Automaten. Das protestierende Knurren ihres Magens ignorierend setzte sie sich an die Seite in den Wartebereich und ließ die letzten Tage in Gedanken noch einmal Revue passieren.
Heute morgen war sie noch in Ludlow aufgewacht, das heißt, geschlafen hatte sie kaum letzte Nacht, dazu war sie zu aufgeregt, denn ihren Plan, zu Gabi zu reisen, hatte sie schon Tags zuvor gefasst.
Mit dem Gedanken daran hatte sie eigentlich schon eine ganze Weile gespielt, jedes Mal, wenn ein neues Mail von Gabi ankam, erwachte das Fernweh in Meg mit Urgewalten. Aber da war ja Tim...

Eigenartig, sie verspürte keinen Schmerz, wenn sie an ihn dachte, nur ohnmächtige Wut darüber, dass er sie so gemein hintergangen hatte, wo er erst vor ein paar Tagen noch von Hochzeit gesprochen hatte.

Dieser Mistkerl!

Meg war sich jetzt ziemlich sicher, das dies sicher nicht sein erster Seitensprung gewesen war. Egal, jetzt war sie hier, sollte er sich doch daheim zum Teufel scheren!
Eine junge Ärztin legte einen Berg Krankenhausakten auf den Tresen. Als ihr Blick auf Meg fiel, stutzte sie kurz.
"Hallo, haben Sie noch einen Termin für heute?"
Meg schreckte aus ihrem Tagtraum hoch und strich sich nervös das Haar zurück.
"Nein, ich warte hier nur auf eine Freundin von mir. Gabi Martinez."
Die Ärztin kam neugierig näher.
"Sie sind aus Kansas, hab ich recht?" Als sie sah, dass Meg nickte, lachte sie und bot ihr die Hand zum Gruß.
"Rae Chang!" stellte sie sich vor, "Ich bin Gabis Mitbewohnerin im Surf Central."
"Meg Cummings. Freut mich, Sie kennenzulernen, Dr. Chang." antwortete Meg, angenehm überrascht über die offene, freundliche Art der jungen Asiatin. Rae lachte.
"Was heißt hier ´Dr. Chang´? Ich dachte, du willst bei uns einziehen, Meg? Ich bin Rae, Deine zukünftige Mitbewohnerin!"
Meg strahlte. "Soll das heißen, ihr habt wirklich noch ein Zimmer für mich frei?"
"Na Du machst mir Spass!" ereiferte sich Rae, "Gabi redet seit Wochen von nichts anderem und hat jeden für das Zimmer in Frage kommenden Untermieter systematisch vergrault!"
Mit verschwörerischem Lächeln fügte sie noch hinzu:
"Wird langsam Zeit, dass die Männer in unserem Haus nicht mehr ewig in der Überzahl sind!"
Die beiden lachten und Meg fiel ein Stein vom Herzen.
"Also" Rae stand auf, ich muss noch ein bisschen was tun, aber ich hoffe, wir sehn uns später noch!"
Meg nickte.
"Wenn es bei Gabi nicht zu spät wird, holen wir nachher gleich meine Sachen und kommen vorbei."
"Alles klar." rief Rae noch über die Schulter zurück, "dann bis später!"

Jeany

 

 

Gabi hatte ihre Schicht beendet. Erschöpft ging sie zum Getränkeautomaten und zog sich einen Kaffee. Sie sah nicht die Gestalt, die um die Ecke auf einer Bank saß. Sie dachte darüber nach, was Meg ihr erzählt hatte.

Ausgerechnet Derek Evans musste ihr über den Weg laufen!

Sie sollte ihre Freundin vielleicht vor diesem Playboy warnen, der in Sunset Beach schon etlichen Mädchen das Herz gebrochen und sie dann sitzen gelassen hatte. Außerdem war er ihr, Gabi, unheimlich. Sie hatte ihn ein paar Mal im Waffelshop gesehen, im Gespräch mit einer jungen Frau. Wer diese junge Frau gewesen war, wusste Gabi allerdings nicht. Von Elaine hatte sie erfahren, daß er noch einen Zwillingsbruder hatte, der in Verdacht stand, seine Frau ermordet zu haben ...

Sicher nicht der richtige Umgang für ihre liebe Freundin Meg!

Gabi war in Gedanken versunken, als sie plötzlich eine Stimme hinter sich hörte ...

Mona

 

 

"Schwester, wie lange dauert das hier denn noch..."

Gabi bekam einen leichten Schrecken und wandte sich um. Da war sie, die Frau mit der sie Derek Evans neulich gesehen hatte. Sie war Mitte bis Ende 20 war mittelgroß und hatte langes, rotes Haar.

"Ich hatte einen Termin bei Dr. Chang um 18.00 Uhr. Das war vor einer halben Stunde. Ich habe auch noch etwas anderes zu tun, als den ganzen Abend hier rumzusitzen. Ich will mit meinem Verlobten heute Abend zu einer Party im Deep."

"Mit ihrem Verlobten?"

"Ja, wenn sie nichts dagegen haben. Freilich, wenn das hier noch ein bisschen dauert, wird Derek wohl ohne mich gehen. Und das passt mir gar nicht. Die Frauen werfen sich ihm immer reihenweise um den Hals. Der Arme, er kann gar nichts dafür, liebt nur mich. Aber ständig gibt es eine andere, die ihm einfach nicht von der Pelle weichen will."

Gabi sagte nichts. Schließlich stand es ihr nicht zu, sich in die Beziehung anderer Leute einzumischen.

"Entschuldigen sie bitte vielmals, wenn sie warten mussten. Aber wir hatten heute viel zu tun, mehrere Notfälle, verstehen sie."

"Na so viel kann es ja nicht sein, wenn die Schwestern Zeit haben, in aller Ruhe einen Kaffee zu trinken."

Das ging wirklich zu weit. Was erlaubte sich diese Frau eigentlich? Gabi wollte die passende Antwort geben, doch dazu kam es nicht mehr.

"Miss Douglas", sagte Rae, die auf die beiden zukam. "Entschuldigen sie bitte die lange Wartezeit. Wenn sie dann bitte kommen würden. ich wäre soweit."

Die Rothaarige grunzte etwas Unverständliches und ging anschließend mit Rae davon. "Nochmal Glück gehabt, meine Liebe", dachte Gabi und ging in die andere Richtung.

Die Untersuchung dauerte einige Minuten.

Annie Douglas kauerte sich beunruhigt im Stuhl. Was, wenn es etwas ernstes war?

Diese ständige Übelkeit wollte nicht aufhören. Sie war wohl ziemlich unhöflich zu der Schwester vorhin.

"Aber was lassen die mich auch so lange warten. Ich kann so schon nachts vor Sorge kein Auge mehr zutun", überlegte sie.

"Nun Miss Douglas", begann Rae. "Die Sache ist eindeutig."

Sie stand auf und ging auf Rae zu.

Annie erschauerte. Wenn es wirklich etwas ernstes war? Oh mein Gott, es ist etwas ernstes!

Rae reichte ihr die Hand entgegen.

"Gratuliere", sagte sie.

"Gratuliere?", wiederholte Annie verdutzt.

"Ja, allerdings. Sie sind schwanger."

Hickengruendler

 

 

Annie hatte das Gefühl, als ob ihr jemand den Boden unter den Füßen wegziehen würde. "Schw..anger!?", fragte sie ungläubig. Das ist völlig unmöglich!"

Die junge Ärztin schmunzelte.

"Ich fürchte nicht. Schätze mal, daß sie ca. in der 6. Woche sind."

Annie sank auf die Liege zurück. Wie sollte sie das nur Derek erklären? Zumal sie sicher war, daß das Baby nicht von ihm sein konnte!

Sie musste hier raus! Schnell raffte sie ihre Sachen zusammen und verließ fast fluchtartig den Untersuchungsraum. Auf dem Flur kollidierte sie fast mit Meg, die immer noch auf Gabi wartete. Meg sah der Flüchtenden irritiert hinterher.

Was man ihr wohl gerade gesagt hatte?, überlegte sie. Es konnte nichts gutes sein, dessen war sie sicher.

Während Meg noch über die junge Frau nachdachte, hörte sie plötzlich, wie jemand ihren Namen rief.

"Meg, Du bist ja immer noch hier!" Gabi zeigte sich überrascht.

"Ist schon in Ordnung, ich habe ein bisschen gelesen und einen Kaffee getrunken. So lange musste ich ja auch nicht warten."

Gabi hielt ihr die Tür auf.

"Na, dann komm', dann will ich Dir Dein neues Zuhause zeigen."

Die beiden Frauen verließen die Klinik und machten sich auf den Weg zu Gabis WG.

Mona

 

 

"So, willkommen in Deinem neuen Zuhause", sagte Gabi.

Meg sah sich um. Das Haus gefiel ihr auf den ersten Blick.

„Ja,“ überlegte sie, „hier könntest Du Dich wirklich wohlfühlen.“

In diesem Augenblick kamen zwei Männer die Treppe hinunter. Beide Mitte 20, der eine groß, muskulös und blond, der andere war dunkelhäutig.

"Es wird Zeit, daß ich Dich mit unseren Mitbewohnern bekannt mache", sagte Gabi.

"Rae kennst du ja schon. Und Mark ist im "Deep", da muss er heute während einer Party kellnern. Das hier sind Casey", sie zeigte auf den Blonden, "und Michael". Nun fiel ihr Blick auf den Dunklen. Die beiden reichten ihr freundlich die Hände.

"Herzlich willkommen im Surfcenter", sagte Casey. "Ich hoffe, Du fühlst dich hier wohl, Meg. Ich darf Dich so nennen, oder."

"Selbstverständlich", meinte Meg lachend. "Schließlich wohnen wir ja jetzt zusammen. Da wäre es doch sehr umständlich, wenn wir uns siezen würden, Casey."

"Wenn Ihr nichts dagegen habt, gehe ich rauf, und mach mich frisch", erklärte Gabi. "Der Tag heute im Krankenhaus war ziemlich anstrengend."

Meg folgte ihrer Freundin.

"Gabi, wart mal gerade", sagte sie, nachdem Michael und Casey außer Hörweite waren. "Ja?", Gabi wandte sich zu ihr um.

"Ich habe das Gefühl, daß Du mir heute Nachmittag absichtlich etwas verschwiegen hast. Raus mit der Sprache. Was hat es mit diesem Derek Evans auf sich?"

Hickengruendler

 

 

 

Gabi druckste herum.

"Wie soll ich es sagen, hm, er hat hier in Sunset Beach keinen so guten Ruf," brachte sie schließlich hervor. "Außerdem ist er verlobt!"

Meg sog hörbar die Luft ein.

"Ach ja, woher weißt Du das?", fragte sie interessiert.

"Heute war eine junge Frau in der Klinik, die sich als Derek Evans' Verlobte ausgab," verriet ihr Gabi. "Ich glaube, sie hatte einen Termin bei Rae. Sie war super unfreundlich und so was von eingebildet!"

Gabi war immer noch sauer, wie sie behandelt wurde.

Meg horchte auf.

"Du sagst, Rae behandelte sie? Ob sie mir wohl Näheres über die Frau sagen kann?"

Gabi winkte ab.

"Das darf sie nicht, damit verletzt sie ihre Schweigepflicht als Ärztin."

Meg war von sich selber überrascht, wie sehr sie Evans' Leben interessierte, dabei hatte sie ihn gerade erst kennengelernt. Sie dachte nach.

"Weißt Du Gabi, als ich auf Dich wartete, rannte eine junge Frau aufgeregt den Gang hinunter. Sie hätte mich beinahe umgerannt! Sie hatte rote Haare, daran kann ich mich noch erinnern."

Gabi nickte zustimmend.

"Ja, das ist sie."

Meg dachte an Derek. Er hatte etwas von "Schicksal" gefaselt, daß sie beide verbinden würde. Dieser Lügner! Wie konnte er mit ihr flirten, während er doch längst verlobt war?! Gabi unterbrach ihren Gedankengang.

"Meg, sei mir nicht böse, aber ich bin todmüde. Wir können doch morgen weiterreden. Ich habe morgen meinen freien Tag, dann führe ich Dich durch Sunset Beach und zeige Dir die Sehenswürdigkeiten und Lokalitäten."

Meg nickte.

"Ja, ich bin auch müde. Zeigst Du mir, wo ich schlafen kann?“

Mona

 

 

Meg bekam an diesem Abend kein Auge zu. Sie musste ständig an diesen Derek Evans kennen.

"Meine Güte, Meg", sagte sie zu sich selbst. "Warum grübelst du ununterbrochen über diese Mann nach. Er hat dich schamlos belogen. Und außerdem hat er dir Angst gemacht. Aber dennoch, irgendwie war es faszinierend."

Da sie sowieso nicht einschlafen konnte, beschloss sie, nach unten zu gehen und sich eine Tasse Tee zu machen. Sie schaute auf ihren Wecker. Halb fünf Uhr nachts.

Erstaunt stellte sie fest, daß sie nicht die Einzige war, die noch wach war.

Rae saß erschöpft am Sofa.

"Ich weiß, ich sollte ins Bett gehen", sagte sie zu einem jungen Mann, der am Tisch saß. "Aber ehrlich gesagt, bin ich selbst dafür noch zu erschöpft. Keinen Schritt mehr."

Der junge Mann lächelte ihr mitfühlend zu. Offensichtlich ist das Marc, überlegte Meg. Marc war Anfang zwanzig, hatte kurzgeschnittenes braunes Haar und ein sehr sympathisches Äußeres.

Erst jetzt bemerkten die beiden Meg.

"Ach, noch jemand, der nicht schlafen kann?", fragte Rae.

"Ja", gab Meg zu. "Wahrscheinlich die Aufregung, alles fremd hier und so."

"Ja, das kann ich verstehen. Darf ich bekannt machen. Marc Wolper, Meg Cummings." "Freut mich", Marc reichte Meg lächelnd die Hand.

"Ebenfalls", antwortete Meg und erwiderte den Händedruck. "Kommst du auch jetzt erst von der Schicht", fragte sie ihn.

"In der Tat", seufzte Marc. "War eine super Stimmung heute Abend. Aber mir wäre es lieber gewesen, ich wäre einer der Gäste und nicht der Kellner. Da macht es dann doch viel Arbeit. Einige Gäste hatten sehr ausgehalten, vor allem Annie Douglas war mal wieder nicht totzukriegen. Gefeiert bis zum geht nicht mehr."

"Annie Douglas? So eine Rothaarige?", erwiderte Rae verwundert.

"Ja. Du kennst sie?"

"War heute in meiner Sprechstunde", sagte Rae, etwas in Gedanken versunken.

Meg horchte auf. Rothaarig? Raes Sprechstunde? Konnte es sein, daß das die Frau war, mit der sie zusammengestoßen war?

"Ich hoffe sie übertreibt es nicht", führte Rae fort, noch immer mehr zu sich selbst, als zu den anderen. "Das ist nicht gut, in ihrem Zustand."

Meg war hellhörig geworden. Fast gegen ihren Willen kam ihr die Frage über die Lippen: "In was für einem Zustand ist sie denn?"

Sofort biss sie sich auf die Zunge. Rae blickte sie verwundert an.

"Das darf ich dir nicht sagen. Ärztliche Schweigepflicht. Du verstehst."

Natürlich verstand Meg. Etwas anderes kam ja auch überhaupt nicht in Frage.

Wie konnte sie sich nur zu dieser dummen Bemerkung hinreißen lassen.

"Aber dennoch würde mich wirklich interessieren, was mit ihr los ist", überlegte Meg.

Hickengruendler

 

 

 

Als Meg morgens erwachte, musste sie erst einen Moment überlegen, wo sie war.

Ein Blick auf die Uhr ließ sie erschrocken hochfahren - 8.00 Uhr, so spät schon!
Meg war eine notorische Frühaufsteherin, denn das Leben auf der Ranch begann spätestens um 5.00 Uhr morgens.
Aber hier war alles noch ziemlich ruhig.
Sie ging zum offenen Fenster, lehnte sich weit hinaus und genoss die frische, klare Luft und den herrlichen Blick aufs Meer.
"Was kann es schöneres geben!" schwärmte sie in Gedanken und beschloss, gleich nach dem Frühstück ihre Koffer vom Motel zu holen und dann ihre Eltern in Ludlow anzurufen. Mum würde bestimmt schon besorgt auf ein Lebenszeichen von ihr warten, auch wenn sie Megs Idee, nach Sunset Beach zu Gabi zu reisen, erstaunlicherweise recht schnell akzeptiert hatte.
"Sie versteht mich eben." lächelte Meg. Sie zog sich rasch an und machte sich auf den Weg ins gemeinsame Bad.
Spätestens dort wurde sie daran erinnert, dass sie ihr neues Zuhause mit fünf anderen Leuten teilen musste - das Bad war besetzt, und das schon seit mindestens einer halben Stunde, wie ihr Rae mit verschlafenem Gähnen auf dem Flur mitteilte.
"Müsst Ihr nicht zur Arbeit?" fragte Meg erstaunt. Rae winkte nur ab.
"Hier gibt es keine Frühaufsteher, höchstens Morgenmuffel." meinte sie und fügte etwas lauter in Richtung Badezimmertür hinzu: "Nicht wahr, Michael?"
"Ich weiß gar nicht, was Du meinst" kam es fast unverständlich nuschelnd zurück, was darauf schließen ließ, dass Michael sich gerade mit seiner Zahnbürste beschäftigte.
Die beiden Frauen lachten.
"Casey und Michael gehen nie vor 9.00 Uhr aus dem Haus, vorher hätten sie am Strand nicht viel zu tun." erklärte Rae, "Mark hat heute frei, ansonsten kellnert er abwechselnd im "Java Web", unserem Internetkaffee, oder in der Nachtbar, dem "Deep". Gabi hat Nachmittagsdienst, und ich habe heute Bereitschaft und darf faulenzen - bis zum nächsten Notfall!"
"Aua, au..." kam Casey in gekrümmter Haltung den Flur entlang und hielt sich den Bauch. "Frau Doktor, schnell, ich bin ein Notfall!"
"Spassvogel!" schimpfte Rae belustigt und gab ihm einen freundschaftlichen Klaps auf den Rücken. "Ich weiß schon, wie man einen solchen Notfall behandelt!"
"Ach ja?" Casey zwinkerte Meg zu und sah Rae erwartungsvoll grinsend an.
"Rizinus!" meint diese nur lässig. "Und kein Frühstück!"
Casey nahm sofort eine gerade Haltung ein.
"Frau Doktor sind wieder so gut zu mir!"
Michael trat mit dem Handtuch über der Schulter aus der Tür.
"Bad ist frei. Wer ist der nächste?"
"Ich!!!" riefen Rae, Meg und Casey gleichzeitig.

Jeany

 

Das gemeinsame Frühstück war ein unkonventionelles Gemisch aus Kaffe, Donats, Buttertoast mit Marmelade, Orangensaft und wildem Geschnatter. Alle versuchten, Meg das Neuste aus dem Surf Central und Sunset Beach zu erzählen, bis diese abwehrend die Hände hob und lachte.
"Langsam langsam, bevor in meinem Kopf alles durcheinandergeht, mach ich Euch einen Vorschlag. Falls Ihr heute abend noch nichts vorhabt, würde ich Euch gerne einladen, um meinen Einstand ins Surf Central mit Euch zu feiern."
"Wow, super, ich bin dabei!" freute sich Mark, und auch die anderen schienen recht begeistert. Gabi stöhnte.
"Ich hab Spätdienst!" Als sie jedoch Megs erschrockenen Blick sah, winkte sie lächelnd ab.
"Glaub mir, Meg, wenn du mit dieser Bande ausgehst, wird es eine lange Nacht! Ich werde einfach nachkommen."
"Gut, das wäre geklärt." meinte Casey. "Und wohin gehen wir?"
“In den Waffelshop!“ hätte Meg beinahe gesagt, da das kleine gemütlich wirkende Lokal das einzige in Sunset Beach war, das sie bisher kannte. Da fiel ihr plötzlich Derek Evans ein und sie schluckte den Satz schnell hinunter. Ihm wollte sie auf keinen Fall schon wieder begegnen.
"Macht Ihr einen Vorschlag!" bat sie.
"Ins Deep" riefen alle einhellig.
"Die Nachtbar, wo Mark arbeitet." erklärte Gabi Meg rasch. Diese nickte zustimmend.
"Klingt gut. Also abgemacht, heute abend im Deep!"

Später, als Meg und Gabi sich auf den Weg ins Seabreeze- Motel machten, um Megs Sachen zu holen, meinte Gabi beiläufig:
"Ach ja, Meg, was ich dir noch sagen wollte, der Besitzer des Deep ist Derek Evans."
"Na toll" dachte Meg erschrocken, "willkommen in Sunset Beach!"

Jeany

 

 

Meg und Gabi holten Megs Sachen aus dem Seabreeze Motel ab und brachten sie ins Surf Central.

"Na was wollen wir jetzt machen", fragte Gabi. "Ich habe den ganzen Tag über Zeit. Soll ich dich ein wenig in unserer schönen Stadt herumführen."

Meg stimmte begeistert zu. Ihr erster Tag in Sunset Beach. Den konnte sie ruhig ein wenig genießen. Anschließend musste sie sich mit einem anderen Problem beschaffen. Sie hatte noch keine Stelle gefunden, da musste sie sich dringend drum kümmern. Sie war so wütend gewesen auf Tim, daß sie Gabis Angebot, zu ihr zu ziehen, sofort annahm. Wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen sollte, hatte sie in diesem Augenblick gar nicht bedacht. Nur weg von hier, ging ihr damals durch den Kopf.

Natürlich würden Gabi und ihre Freunde sie finanziell unterstützen, bis sie einen Arbeitsplatz gefunden hatte, auch ihre Eltern würden ihr etwas schicken, wenn sie darum bat. Aber Meg hasste den Gedanken, anderen Menschen auf der Tasche zu liegen.

Dazu wollte sie es erst gar nicht kommen lassen.

Während sie mit Gabi durch die Stadt bummelte, wollte Meg wissen, ob ihre Freundin zufällig wusste, wo noch eine Stelle frei war.

"Marc hat mir erzählt, daß im "Deep" noch ein Kellner gesucht wird", begann Gabi zögernd. Aber sie merkte sofort, daß ihre Freundin darüber nicht glücklich war. Für Derek Evans zu arbeiten war wirklich das letzte, worauf sie Lust hatte.

"Ansonsten würde ich einmal bei Gregory Richards nachfragen. In der Liberty Corporation", fuhr Gabi fort. "Du hast doch schon mal als Sekretärin gearbeitet, oder?" "Ja, meine Ausbildung damals. Aber Gabi, daß ist fünf Jahre her."

"Na und, bewerben kannst Du Dich doch trotzdem? Schlimmstenfalls wirst Du abgelehnt." Damit hatte Gabi natürlich Recht.

Außerdem, alles war besser als für Derek Evans zu arbeiten, alles.

Hickengruendler

 

 

Gregory Richards betrat sein elegant eingerichtetes Büro im Gebäude der Liberty Corporation und atmete tief durch.
„Das wäre fast geschafft, Ben!“ sagte er zu dem gutaussehenden, dunkelhaarigen Mann, der ihm gefolgt war.
„Die Banken haben wir auf unserer Seite, - jedenfalls so gut wie...“ fuhr Gregory fort, während er eine Flasche Cognac und zwei passende Gläser aus der modernen Hausbar nahm und einschenkte.
„Jetzt hängt alles von unserem Hauptinvestor in Los Angeles ab.“
Ben nickte zustimmend.
„Ich treffe ihn morgen Nachmittag.“
Gregory zog erstaunt die Augenbrauen hoch, während er seinem Geschäftsteilhaber eines der Gläser reichte.
„Du fährst nach L.A.? Wie hast du es geschafft, so schnell einen Termin zu bekommen?“
„Tja,“ Ben lächelte vielsagend, „ich hatte eben einen guten Lehrmeister!“
Gregory nickte zufrieden.
„Trinken wir auf die Liberty Corporation und den hoffentlich erfolgreichen Abschluss unseres Projektes, dem Bau der Ferienanlage!“
Die beiden prosteten sich zu, und während sie tranken, betrachtete Gregory Ben nachdenklich.
„Jung, dynamisch, sehr gutaussehend, die richtige Mischung für Erfolg.“ dachte er.
„Es ist wahr, er hat wirklich schnell gelernt. Leider ist er dabei immer noch zu ehrlich geblieben.“
Gregory Richards selbst war Geschäftsmann mit Leib und Seele. Als genauso brillanter wie skrupelloser Anwalt war er bekannt dafür, gegebenenfalls über Leichen zu gehen. Vielleicht war es gerade dieser Tatsache zu verdanken, dass die Liberty Corporation zu den führenden Immobilienfirmen der Westküste zählte. In fast drei Jahrzehnten harter Arbeit hatte Gregory die Firma aufgebaut, und als Ben Evans damals mit 21 Jahren, unerfahren aber mit beträchtlichem ererbten Eigenkapital von England nach Sunset Beach kam, hatte er das Talent des jungen Mannes sofort erkannt und war sein Mentor geworden. Er hatte ihm alles beigebracht, was er über die Firma wissen musste. Sehr bald arbeitete sich Ben zu seinem gleichberechtigten Teilhaber hoch, und heute, nach knapp 10 Jahren, war er unentbehrlich für Gregory und die L.C. geworden.
Vom Charakter her waren die beiden Männer jedoch sehr unterschiedlich.
Während Gregory es liebte, über alles und jeden in seinem Umfeld die bedingungslose Kontrolle zu haben, was oft sogar seine eigene Familie schmerzlich zu spüren bekam, war Ben eher der ruhige Pol der Geschäftsverbindung.
Er spielte ungern mit falschen Karten und war als seriös und zuverlässig bekannt. Sein Erfolg als Geschäftsmann basierte auf seinem scharfen Verstand und seiner schnellen Auffassungsgabe. Wenn es sein musste, konnte Ben sehr hart und unnachgiebig sein, aber er blieb immer gerecht.
Gregory Richards dagegen scheute keine Hürde, um sein jeweiliges Ziel zu erreichen. Die Dreckarbeit dabei überließ er seinen Lakaien. Verschlagen und hinterhältig kannte er alle Tricks. Wer sich ihm in den Weg stellte, hatte nichts zu lachen.
Heute, mit 30 Jahren, kannte Ben seinen Geschäftspartner besser als jeder andere. Er wusste, was er ihm zu verdanken hatte.
Er war sich aber auch im Klaren darüber, dass seine Mitarbeit in der Firma für seinen Freund und Mentor unverzichtbar geworden war.
Die beiden Männer hatten ihre Grenzen abgesteckt und gelernt, sich zu akzeptieren.
Somit hatte Gregory auch kein Problem damit, dass Ben den Hauptinvestor allein treffen würde. Er hatte ohnehin privat noch einiges zu regeln, nachdem sein Sohn mal wieder von der Highschool geflogen war und seine Tochter keine Lust mehr auf ihr Studium zu haben schien.
„Ich hole dir noch einige Akten aus meinem Wagen. Du wirst sie morgen brauchen.“ meinte er, stellte sein Glas auf den Schreibtisch und suchte im Hinausgehen in den Taschen seines maßgeschneiderten Jacketts nach dem Autoschlüssel.

Ben trat zum Fenster und sah hinaus. Er hatte keinen Zweifel daran, dass er den Investor für das Projekt gewinnen konnte.
„Eine meiner leichtesten Übungen.“ dachte er lächelnd.
Draußen gingen zwei junge Frauen vorbei. Eine von ihnen trug einen Koffer, die andere eine Reisetasche. Sie unterhielten sich angeregt.
Ben sah ihnen nach und überlegte. Ach ja, das war doch die junge Frau, die er gestern am Strand getroffen hatte. Wie es aussah, hatte sie vor, länger in der Stadt zu bleiben.
Bens Herz schlug etwas schneller, und er musste sich eingestehen, dass ihm diese Tatsache nicht unangenehm war.
„Sie ist hübsch“ dachte er, „ganz anders, als diese typisch aufgepeppten California- Girls.
Ein Mädchen wie sie...“
Ben wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Gregory mit einem Aktenordner hereingeplatzt kam.
„So, Ben, dann wollen wir die wichtigsten Fakten noch mal durchgehen.“

Jeany

 

 

"Ben, hallo." Ben zuckte zusammen.

"Entschuldige bitte Gregory. Ich war in Gedanken. Was hast du gesagt?"

"Ich sagte, daß wir die Fakten noch einmal durchgehen müssen."

"Natürlich Gregory, du hast vollkommen Recht."

Doch Gregory fiel auf, daß sich Ben noch immer sträubte, sich von Fenster zu entfernen. "Du scheinst ja etwas Bemerkenswertes zu sehen", meint er und drängte sich nun, neugierig geworden, neben Ben. Doch die beiden Frauen waren bereits um die Ecke gebogen.

"Da ist doch gar nichts. Hattest du etwa eine Erscheinung?"

"Ja, so könnte man es nennen", sagte Ben in Gedanken versunken.

Ihm ging diese Frau einfach nicht aus dem Kopf. Dabei hatte er sie doch erst einmal gesehen. Nein, jetzt natürlich zweimal. Aber er hatte nur einmal mit ihr gesprochen. So hatte sich ihm keine Frau mehr eingeprägt seit Maria. Aber er wollte nicht an Maria denken. Sie war tot.

Ben raffte sich zusammen.

"Also, dann wollen wir mal Gregory. Was gibt es noch zu besprechen?"

Die beiden setzten sich über die Akten.

Hickengruendler

 

 

 

Im Deep herrschte Hochbetrieb.
Mark hatte einen Tisch nahe der Tanzfläche reserviert, von dem aus man fast die ganze Bar überblicken konnte.
Die Surf Central Gang war bester Stimmung.
Michael hatte seine Freundin Vanessa mitgebracht.
Sie und Meg waren sich auf Anhieb sympathisch.
Vanessa arbeitete als Journalistin beim „Sunset Sentinel“, der lokalen Zeitung von Sunset Beach, die ihrem Vater gehörte. Sie war dunkelhäutig wie Michael, hatte langes gelocktes Haar und ein hübsches Gesicht mit schönen dunklen Augen.
Michael hatte den Arm um sie gelegt und flirtete heftig mit ihr. Die beiden schienen sehr verliebt zu sein.
Meg bemerkte, dass sich auch Rae und Casey nicht ganz gleichgültig waren.
„Ach so,“ dachte sie amüsiert, „deshalb streiten die beiden andauernd. Auch eine Art, sich näherzukommen!“
Eben war auch Gabi von ihrer Spätschicht gekommen und gesellte sich zu ihnen, froh darüber, endlich ihre Beine ausstrecken zu können.
Meg war entspannt und fröhlich, und sie war erleichtert, dass der Besitzer des „Deep“ bislang noch nicht aufgetaucht war.
Mark hatte sie schon mit verschiedenen Leuten bekannt gemacht. Er kannte hier jeden und genoss sichtlich den „Heimvorteil“.
„Und, Meg, wann willst du auf Jobsuche gehen?“ fragte Casey.
„Ich weiß noch nicht genau, auf jeden Fall so bald wie möglich.“ antwortete sie. „Morgen will ich erst mal auf  Shopping- Tour, ich brauche noch ein paar Kleinigkeiten für mein neues Zimmer und in meine Garderobe muss ich auch noch etwas kalifornischen Schwung bringen!“
„Wieso?“ fragte Michael grinsend. Und an die anderen gewandt fügte er schelmisch hinzu:
„Seht sie euch an, Leute, sie sieht doch schon aus, wie eine von uns!“
Alle lachten übermütig.
Wahrhaftig hatte die heiße Sonne heute erste Spuren auf Megs zartem Teint hinterlassen, was ihr ausgezeichnet stand. Nun wirkte sie nicht mehr so blass. Sie hatte ein regelmäßig geschnittenes, außergewöhnlich hübsches Gesicht mit großen, ausdrucksvollen Augen.
Ihr dunkles Haar reichte bis auf die Schultern, und sie hatte die Angewohnheit, ihren halblangen Pony, den sie zur Zeit nachwachsen ließ, öfter aus dem Gesicht zu streichen.
Ihr ganzes Wesen hatte in der Vergangenheit schon in so manchem Mann Beschützerinstinkte geweckt, dabei war Meg selbstständiger, als man auf den ersten Blick annahm. Außerdem konnte sie stur wie ein altes Muli sein, aber das geschah nur ganz selten. Meistens war sie umgänglich, freundlich und hilfsbereit.
Manchmal wohl auch etwas naiv, kritisierte sie sich selbst, sonst hätte sie Tim viel eher durchschaut. Tim...  wer war doch gleich Tim?  Meg lächelte.
„Meine Vergangenheit“ dachte sie ohne Reue.
„Du bist doch gelernte Krankenschwester!“ meinte Rae.
„Ich wird mich mal umhören, vielleicht ist irgendwo was frei.“
„Danke Rae, lieb von dir!“ Meg überlegte einen Moment.
„Ich würde auch was anderes machen, egal, Hauptsache, ich kann meine Miete bezahlen!“
„Wenn nicht, kriegst du mein Bett!“ grinste Casey, was ihm einen Hieb von Raes Ellenbogen einbrachte.
„Au, ich mein ja nur... ich nehm` dann natürlich die Luftmatratze!“ Schallendes Gelächter.
Meg durchfuhr urplötzlich ein kalter Schauer.
Oben auf der Treppe zu seinem Büro stand Derek.

Jeany

 

 

„Gabi...“ raunte Meg und deutete mit einer unauffälligen Augenbewegung in seine Richtung.
„Damit war zu rechnen“ meinte Gabi leise und zwinkerte der Freundin aufmunternd zu.
„Aber keine Bange, wir sind in der Überzahl!“
„Hoffentlich...“ dachte Meg und konnte förmlich spüren, wie die blauen Augen am anderen Ende des Raumes sie durchbohrten.
„Er kommt her!“ flüsterte sie Gabi panisch zu. Diese gab dem verdutzten Mark einen energischen Tritt vors Schienbein, dass der Ärmste zusammenzuckte, und zischte unauffällig:
„Los, tanz mit Meg! – Schnell!“
Um eventuellen weiteren Tritten zu entgehen, sprang Mark auf und nahm Megs Hand.
„Komm, schöne Nachbarin, schenk mir diesen Tanz!“
Unendlich erleichtert folgte Meg ihm auf die Tanzfläche.

Derek begrüßte seine Gäste aus dem Surf Central höflich und winkte dem Kellner.
„Eine Runde für meine Freunde! Bestellt euch, was ihr möchtet, geht aufs Haus!“
Mit großem „Hallo“ wurde die Einladung angenommen, und Meg beobachtete über Marks Schulter hinweg, wie Derek sich mit an den Tisch setzte.
„Auch das noch!“ stöhnte sie leise.
„Kannst du mir erklären, was das eben für eine Aktion war?“ fragte Mark daraufhin. „Was ist los, Meg?“
Sie erzählte ihm von ihrer merkwürdigen Begegnung mit Derek.
Mark nickte.
„Nimm dich bloß in acht vor ihm, der hat es faustdick hinter den Ohren.“ warnte er.
„Was du nicht sagst.“ stöhnte Meg. „Aber wir können schließlich nicht ewig tanzen. Komm Mark, sehen wir den Tatsachen ins Auge!“

Als sie an den Tisch zurückkamen, erhob sich Derek höflich von seinem Platz, um sie zu begrüßen.
„Hi Derek“ sagte Meg so beiläufig wie möglich, doch er hielt ihre Hand fest.
„Hallo Schönheit! Schon etwas eingelebt?“
„Ihr kennt Euch?“ fragte Vanessa erstaunt.
„Aber natürlich.“ antwortete Derek und zog bedeutungsvoll die Stirn in Falten, ohne Meg jedoch dabei aus den Augen zu lassen.
„Wir haben uns gestern bei Sonnenuntergang am Strand getroffen. Der Legende nach ist sie meine zukünftige Frau!“

Jeany

 

 

Meg schnappte nach Luft.
Sonst war sie eigentlich um keine Antwort verlegen, aber dieser Mann schaffte es doch jedes Mal, sie aus der Fassung zu bringen.
„Also jetzt hören Sie mal, Derek...“
Er schaute sie belustigt an.
„Das war doch nur ein Scherz! Tut mir leid, Meg, ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen. Ich mach`s wieder gut, versprochen. - Tanzen Sie mit mir?“
Bevor Meg etwas erwidern konnte, vernahm sie Gabis warnende Stimme:
„Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee wäre, Derek!“  
So unauffällig wie möglich wies sie zur Bar hinüber.
Dort stand die rothaarige Miss Douglas und musterte sie alle mit unverhohlenem Missfallen...

Jeany

 

 

"Ich hoffe ich störe die harmonische Runde nicht."

Annie Douglas näherte sich mit energischem Schritt und drohendem Blick Megs Tisch. "Auch das noch", dachte diese.

"Da Du ziemlich laut gesprochen hast, blieb mir nicht anderes übrig, als Dein Gespräch mitzuhören. Der Legende nach ist sie also Deine zukünftige Frau.“

Sie musterte Meg aufmerksam. Dieser blieb nicht verborgen, daß Annie ihr einen Blick blanken Hasses zuwarf.

"Dann möchte ich Sie darüber informieren, daß nach derzeitigem Stand der Dinge ich seine zukünftige Frau bin. Und ich möchte auch, daß das so bleibt."

Sie hakte sich bei Derek ein und zog ihn demonstrativ näher an sich heran.

Meg versuchte sofort, die Situation zu erklären:

"Ich versichere Ihnen, Miss Douglas, ich habe bestimmt nicht die Absicht, Ihnen Ihren Verlobten..."

"Jaja, das sagen sie alle. Und ich versichere Ihnen, dass Sie das auch nicht schaffen werden. Weil er bis jetzt immer zu mir zurückgekommen ist."

Plötzlich stockte sie.

"Sagen Sie, haben wir uns nicht schon einmal gesehen?"

"Ja, im Krankenhaus. Ich habe dort auf meine Freundin gewartet und wir wären fast zusammengestoßen."

Derek blickte Annie überrascht an.

"Du warst im Krankenhaus? Da hast du mir gar nichts von erzählt."

"Äh, ja. Weißt du, ich wollte dich nicht beunruhigen. Und es war ja dann auch schließlich nichts. Gar nichts Erwähnenswertes."

Meg fiel auf, wie Annie krampfhaft versuchte, Raes erstauntem Blick auszuweichen. "Wenn du nichts dagegen hast Annie, möchte ich Meg und ihren Freunden noch ein bisschen Gesellschaft leisten."

Meg war sprachlos. Scheinbar kam es Derek überhaupt nicht in den Sinn, daß sie, Meg, etwas dagegen hatte.

"Aber nein, natürlich nicht Derek, bleib nur." erwiderte Annie trocken. "Aber dann hast du wohl nichts dagegen, wenn ich auch noch ein wenig bleibe. Sicher hat hier jeder Verständnis dafür, daß ich bei meinem Verlobten sein will."

Hickengruendler

 

 

 

Meg fühlte sich nicht wohl neben der mondänen Annie Douglas in ihrem zu knappen Cocktailkleidchen, deren Lebensglück momentan darin zu bestehen schien, alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und zum Mittelpunkt der kleinen Gesellschaft zu werden.
Seit Annie aufgetaucht war, schien die bislang so tolle Stimmung gedämpft, und die Unterhaltung zog sich schleppend dahin. Meg beteiligte sich kaum daran, denn Miss`Douglas Geplapper ging ihr auf die Nerven, aber sie befürchtete, durch eine unpassende Bemerkung bei Annie noch mehr in Ungnade zu fallen, und sie wollte den schönen Abend nicht mit einem Streit beenden.
Ein junger Mann kam an den Tisch und bat Gabi um einen Tanz.
Meg glaubte, ein gewisses Leuchten in den Augen der Freundin zu bemerken, als diese ihm auf die Tanzfläche folgte.
„Das ist Ricardo Torres, Detektiv beim örtlichen Sunset Police Department.“ erklärte ihr Vanessa leise und fügte vertraulich hinzu:
„Es knistert gewaltig, wenn die beiden sich begegnen, aber wenn nicht endlich mal einer von ihnen den berühmten ersten Schritt wagt, haben sie die ersten grauen Haare, bevor da überhaupt mal was geschieht!“
„Tja, so kann`s gehen!“ lachte Meg.
Hinter Annies Rücken beobachtete Derek sie und zwinkerte ihr unverschämt vertraulich zu, als sie seinen Blick bemerkte.
„Lass mich bloß in Ruhe!“ dachte sie wütend und sah schnell weg.

„Ben?“
Eine sehr junge, schlanke Frau mit langem blondem Haar legte ihre Hand auf Dereks Schulter und schaute ihn erwartungsvoll an, als er sich erstaunt umwandte.
„Miss Richards, was verschafft mir die Ehre?“ fragte er mit höflichem Lächeln, während er sich erhob und ihr die Hand reichte.
„Oh!“ sie stutzte kurz und errötete wie ein Schulmädchen.
„Entschuldigung, Mister Evans, ich dachte, Sie seien Ben.“
Sie schaute lächelnd in die Runde und sah bekannte Gesichter.
„Hallo Leute!“
„Hi Caitlin“, „Setz Dich doch zu uns“ wurde sie sogleich begrüßt.
„Ben war nicht hier.“ erklärte Michael.
„Schade, dabei muss ich ihn unbedingt sprechen. Und da er nicht zu Hause war, dachte ich...“ Derek bot ihr seinen Platz an.
„Danke.“ Caitlin setzte sich und seufzte. „Na ja, da kann man nichts machen.“

Derek räusperte sich und meinte dann:
„Ich muss mich leider verabschieden, die Pflicht ruft.“  
Mit einem Seitenblick auf Meg fügte er hinzu:
„Einen schönen Abend noch. Man sieht sich!“
Entspannt lehnte Meg sich zurück und registrierte erleichtert, dass auch Annie Douglas sich erhob.
„War nett mit Euch zu plaudern. Feiert nicht mehr so lange.“ Boshaft fügte sie hinzu:
„Die kleine Missi hier“ sie deutete auf Meg, „müsste doch eigentlich schon lange in den Federn liegen.“
„Oh, keine Sorge!“ konterte Meg. „Da, wo ich herkomme, gibt es Partylöwen in ganzen Rudeln!“
„Wow“ rief Casey und alle am Tisch lachten.
Annie drehte sich wortlos um und rauschte hinter Derek hinaus.

„Bist Du neu in der Stadt?“ fragte Caitlin Meg.
„Import aus Kansas, gestern angekommen.“ rief Mark fröhlich.
„Darf ich Euch bekannt machen: Caitlin Richards – Meg Cummings.“
Die beiden Frauen reichten sich die Hand.
„Hast Du schon ein Zimmer gefunden?“ fragte Caitlin.
„Ich wohne im Surf Central.“ verriet Meg. „Lauter nette Leute!“
"Darauf trinken wir!“ lachte Michael, und alle hoben lautstark ihre Gläser.

Meg brannte noch eine Frage auf der Seele.
„Caitlin, warum hast Du vorhin gedacht, Derek sei Ben? Sehen die beiden sich ähnlich?“
Caitlin nickte.
„Das kann man wohl sagen. Derek und Ben sind Zwillinge!“

Jeany

 

 

 

"Zwillinge!" Meg saß wie angewurzelt auf dem Stuhl. Natürlich, daß sie da nicht selbst drauf gekommen war. Darum hatte er es geschafft, an zwei Orten gleichzeitig zu sein, weil es zwei verschiedene Personen waren. Aber warum hatte Gabi ihr das nicht gesagt? Und wieder stöhnte Meg innerlich auf. Sie hatte ihre Freundin nicht danach gefragt, sondern nur von ihrer Begegnung mit Derek erzählt. Gabi hatte keine Ahnung gehabt, daß Meg auch Ben getroffen hat. Wie war das noch gleich gewesen Meg? Bei der zweiten Begegnung hattest du dieses bedrohliche blitzen in den Augen nicht gesehen. Dieser Mann ist bestimmt nicht gefährlich.

"Gefährlich", wie ein Echo auf ihre Gedanken hörte sie plötzlich die Stimme hinter sich. Ricardo Torres war etwas näher an sie herangetreten und zog sie nun ein Stück zur Seite.

"Hören sie. Sie sind neu in der Stadt. Ich möchte Sie warnen. Halten Sie sich von Derek Evans fern. Er ist gefährlich. Dessen bin ich mir sicher. Genauso gefährlich wie sein Zwillingsbruder."

Hickengruendler

 

 

 

"Wie meinen Sie das, gefährlich?"

"Ich will Ihnen mal eine Geschichte erzählen. Es war mal eine wunderschöne Frau, die hieß Maria. Die Männer liefen ihr in Scharen nach, sie hätte jeden haben können. Doch leider entschied sie sich für den Falschen. Sein geheimnisvolles Äußeres faszinierte sie und sie kam nicht  mehr von ihm los. Es kam zu einer Traumhochzeit, aber irgendwann hatten viele Leute den Eindruck, dass die beiden gar nicht glücklich waren, denn unter der Oberfläche brodelte es. Maria ist zu ihrem Bruder gegangen und hat ihm zu verstehen gegeben, daß es in der Ehe zwischen ihr und ihrem Mann gar nicht harmonisch zu ging. Sie hatte sich sogar vor ihm gefürchtet. Ein paar Tage später ist sie mit dem Ehemann auf See gefahren und nicht mehr zurückgekommen. Ich habe versucht, dem Ehemann einen Mord nachzuweisen, aber ich konnte es nicht."

Ricardo blickte Meg fest in die Augen.

"Maria war meine Schwester. Und ich bin mir sicher, daß ihr Ehemann sie umgebracht hatte."

"Und dieser Ehemann war Derek Evans?", wollte Meg wissen. Doch Ricardos Antwort versetzte ihr einen viel größeren Schock.

"Nein. Es war Ben Evans. Aber ich bin davon überzeugt, daß Derek genauso gefährlich ist. Darum hüten Sie sich vor ihm."

Meg blickte ihm fest in die Augen. Sie dachte nicht an Derek, als sie sagte:

"Vielen Dank für die Warnung, Mr Torres. Aber ich entscheide lieber selbst, wem ich vertraue, und wem nicht."

"In Ordnung", sagte Ricardo. "Aber tun Sie mir den Gefallen und seien Sie vorsichtig, wenn Sie sich mit dieser Familie einlassen."

Hickengruendler

 

 

 

Ricardo sah Meg noch einmal fest in die Augen, drehte sich um und ging zu Gabi hinüber. Meg schaute ihm verwirrt hinterher. Jetzt war sie erst wenige Stunden in Sunset Beach, und schon hatte sie das Gefühl, als ob dunkle Mächte von ihr Besitz ergreifen würden. Die Evans-Zwillinge verkörperten offensichtlich das Böse, und sie, Meg, sollte sich besser von ihnen fernhalten, aber irgend etwas zog sie unwiderstehlich in ihren Bann.

Meg stand auf und ging zu ihren Freunden zurück.

"Seid mir nicht böse, aber ich glaube, ich möchte noch ein wenig frische Luft schnappen. Mein Kopf schmerzt etwas!"

Gabi sah ihre Freundin besorgt an.

"Soll ich Dich vielleicht begleiten?" Meg schüttelte heftig den Kopf. Sie wollte alleine sein, um ihre Gedanken zu ordnen.

"Nein, ich bin okay, ich möchte nur ein bisschen laufen. Ich komme später wieder."

Gabi warf Meg noch einmal einen prüfenden Blick zu, ehe die Freundin wegging.

"In Ordnung, ich hoffe, Deinem Kopf geht es nach dem Spaziergang wieder besser. War wohl doch alles ein bisschen viel für Dich, oder?!"

Meg hörte den letzten Satz von Gabi nicht mehr. Sie hatte das "Deep" schon verlassen. Draußen atmete sie die frische Seeluft ein. Sie ging zum Strand hinunter und ließ sich dort in den Sand fallen. Mit den Fingern malte sie geistesabwesend Buchstaben in den Sand und schreckte dann entsetzt hoch, als sie las, was sie geschrieben hatte.

Mona

 

 

 

Völlig ungläubig las Meg noch einmal, was sie geschrieben hatte. Kein Zweifel: E V A N S.  "Verdammt nochmal, Meg, gehen Dir denn diese Brüder überhaupt nicht aus dem Kopf." Sie war wütend über sich selbst. Derek Evans hatte ihr einen Schauer über den Rücken gejagt- Ben nicht. Konnte man danach etwas beurteilen? Offensichtlich hatte Ben seinen Spaß daran gehabt, ihr zu verheimlichen, daß er nicht Derek war. Andererseits war dies nur eine Bagatelle. Er hatte einen Spaß gemacht. Deswegen hat er doch noch lange nicht seine Frau umgebracht. Oh Meg, lass Dich doch von Ricardo Torres Geschichte nicht durcheinander bringen!

"Am besten, ich gehe wieder ins "Deep" zurück", dachte sie bei sich. "Die anderen machen sich sonst noch Sorgen."

Plötzlich hielt Meg inne. *Knirsch* Was war das? *Knirsch* Das Geräusch von Fußabdrücken war zu hören. Am Strand. Direkt hinter ihr.

Meg lief ein Schauer über den Rücken.

"Komm schon, reiß Dich zusammen. Du bist doch sonst nicht so ein Angsthase. Es gibt nichts, wofür Du Dich fürchten müsstest. Schließlich hat Dir keiner der Evans-Zwillinge was getan."

*Knirsch* Meg wandte sich um. Nun wollte sie doch sehen er da hinter ihr geht.

Hickengruendler

 

 

 

Meg drehte sich um, aber sie konnte im Dunkel kaum etwas erkennen.

"Meg, ich bin's, Mark", sagte eine Stimme. Meg war erleichtert. Sie befürchtete schon, daß es wieder einer der Evans' Brüder war.

"Gabi meinte, daß ich mal nach Dir schauen sollte", entschuldigte Mark sein Auftauchen. "Du warst so schnell verschwunden. Wir anderen haben uns auch Sorgen gemacht. Ist alles okay mit Dir?"

Meg nickte.

"Ja, mir geht es wieder besser." Sie stand auf und klopfte sich den Sand von den Kleidern.

"Warte, Mark, ich komme mit Dir!" Er hielt ihr galant den Arm hin und sie hakte sich unter. Während die beiden zurück zum "Deep" gingen, wurden sie von einer dunklen Gestalt unbemerkt beobachtet.

Mona

 

 

 

 

 

Ben Evans trat aus dem Schatten des Deep und ging langsam die Ocean Avenue entlang nach Hause.
Er hatte einen ausgedehnten Strandspatziergang gemacht, um für das morgen in L.A. stattfindende überaus wichtige Gespräch mit dem zukünftigen Hauptinvestor der Liberty Corporation einen klaren Kopf zu bekommen.
Irgendwann war er am Bootshafen angekommen, einem Ort, den er nach Möglichkeit mied, da er schlimme Erinnerungen hervorrief. Erinnerungen, die mit Maria, seiner Frau, zutun hatten. Oder sollte er sagen, seiner verstorbenen Frau?
Seit jener Nacht im September, als ein schrecklicher Sturm Sunset Beach heimsuchte, war sie verschollen. Einige Leute glaubten, Ben hätte sie umgebracht.
„Grund dafür hätte ich gehabt“, dachte Ben gequält, „aber ich hätte ihr niemals etwas antun können, niemals!“
Er sah sein Boot am Pier liegen, und dort- Dereks Boot.
„Geh weiter“ befahl sich Ben, „Bleib nicht stehen, denk nicht nach!“
Er ging zwischen den Dünen zurück zur Strasse, da sah er sie sitzen - die junge Frau, der er gestern am Strand begegnet war, und die ihn so beeindruckt hatte.
Er überlegte, ob er zu ihr hinüber gehen und sie ansprechen sollte, denn sie sah so traurig aus und malte gedankenverloren irgend etwas in den Sand.
Da stand sie abrupt auf und ging davon.
Ohne nachzudenken folgte ihr Ben bis zur Strasse.
Dort sah er, wie Mark vom Deep herübergelaufen kam und sich mit ihr unterhielt. Nach einer Weile nahm Mark ihren Arm, und die beiden verschwanden in der Bar.
„Was soll das“ dachte Ben irritiert über sein eigenes Verhalten, „geh nach Hause und vergiss sie endlich!“

Jeany

 

 

 

Annie hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte.
Seit sie gestern von Dr. Chang erfahren hatte, dass sie schwanger war, ging in ihrem Kopf alles durcheinander.
Ein Kind- was sollte sie jetzt mit einem Kind anfangen?
Sie wollte leben, sich amüsieren...
Andererseits, besonders glücklich war sie zur Zeit auch nicht mit ihrem Leben. Das Zusammensein mit Derek war nicht so berauschend, wie sie es sich erträumt hatte.
Ein bitteres Lächeln umspielte Annies Lippen.
Eigentlich hatte sie immer Ben gewollt, so lange sie denken konnte. Aber er liebte sie nicht, und so war sie froh gewesen, als ihr Derek begegnete und sich für sie zu interessieren schien. Wenigstens sah er aus wie Ben, und Zwillinge, die sich äußerlich so ähnlich waren, konnten doch nicht allzu verschieden sein.
Aber das war ein Trugschluss, wie sich sehr bald herausstellte.
Derek war von seinem  Wesen her ganz anders als Ben, das spürte Annie sehr schnell.
Wenn Ben liebte, dann liebte er richtig, bedingungslos und mit seinem ganzen Herzen, so wie er damals Maria geliebt hatte. Aber das war lange her...
Derek dagegen war ein Jäger, ihn interessiert am meisten, was er nicht haben konnte.
Er war skrupellos, und Annie war sich sicher, dass er weit, sehr weit gehen würde, um zu bekommen, was er wollte. Sein phantastisches Aussehen machte es ihm oft leicht, zumindest bei den Frauen. Und davon gab es viele.
„Eigentlich... “ dachte Annie boshaft, „kann es ihm ja egal sein, wenn ich auch fremdgehe.“  Nur mit einem kleinen Unterschied: sie bekam ein Kind, und sie wusste genau, dass Derek nicht der Vater dieses Babys sein konnte. Er war zeugungsunfähig, das hatte er ihr selbst gesagt.
„Tja“ sagte sie zu sich selbst, während sie gedankenverloren über ihren Bauch strich. „Was machen wir jetzt, wir beide? Ich weiß ja nicht mal, wie Dein Daddy heißt und wo ich ihn finden könnte, und Derek will Dich nicht, dessen bin ich mir sicher!“

Sie dachte zurück an jenen Abend im Deep. Eigentlich wollte sie Derek abholen, aber der war mal wieder nicht da. Also hatte sie sich an die Bar gesetzt und sich einen Drink bestellt, als dieser junge, unwahrscheinlich gutaussehende Typ hereinkam. Ihre Blicke trafen sich, und schon war alles klar... so klar, dass sie noch in der selben Nacht mit ihm im Seabreeze- Motel landete.

„Ach ja“ stöhnte Annie, „ich weiß nur, dass er der Chef dieser Baufirma war, die am "Sunset Inn" arbeiteten, und dass es sein letzter Abend in Sunset Beach gewesen ist.
Und ich weiß noch, dass er zwei unverschämt süße Grübchen auf seinen Wangen hatte, wenn er lachte...“

Jeany

 

 

 

„Mit wem redest Du?“ unterbrach Derek, der nur mit Shorts bekleidet aus dem Badezimmer trat, Annies Erinnerungen.
„Mit mir selbst. Mit Dir kann man sich ja zur Zeit nicht unterhalten.“ knurrte sie.
Derek ließ seine übrigen Sachen achtlos auf den Boden fallen und warf sich aufs Bett.
„Hör auf zu nerven, Annie, sonst übernachte ich im Deep.“ meinte er missmutig.
„Na klar, ich verstehe. Es ist mal wieder eine Neue in der Stadt. Hat wohl heute nicht so geklappt, wie Du es Dir gewünscht hättest?“ gab Annie boshaft zurück.
„Nein, nicht nach Deinem peinlichen Auftritt vorhin.“ erwiderte er bösartig und schloss die Augen. Annies hämisches Lachen ignorierte er, genauso wie die Tatsache, dass sie sich in ihrem Bett herumwarf und ihm demonstrativ den Rücken zudrehte.

Nein, das war heute tatsächlich nicht sein Tag gewesen. Und diese Kleine aus Kansas war nicht ganz unschuldig daran, seit er sie zum ersten Mal am Strand getroffen hatte, ging sie ihm nicht mehr aus dem Kopf.
Was war nur an ihr, das ihn so faszinierte?
Sie war hübsch, zugegeben, aber davon gab es hier mehr als genug. Nein, da war noch etwas anderes. Ihre Verletzlichkeit, ihre natürliche Art und ihre Scheu vor ihm selbst, das gab der ganzen Sachen diesen besonderen Kick.
Nein, verliebt war er nicht, dieses Wort gab es für Derek nicht, aber er wollte sie haben, mehr als jede andere zuvor, und das verwirrte ihn.
Wegen Annie machte er sich keine Gedanken, sie langweilte ihn sowieso.
Zuerst hatte sie ihm gefallen, ihr selbstsicheres Auftreten, ihre makellose Figur und ihr herrliches rotes Haar. Sie schien ein bisschen zu sein wie er selbst, skrupellos, intrigant, mit messerscharfem Verstand. Auch in anderer Hinsicht verstanden sie sich ausgezeichnet, Annie konnte so sexy sein, wenn sie nur wollte!
Aber nach und nach bekam er mit, dass sich hinter der Fassade der schönen verruchten Lady ein einsames kleines Mädchen verbarg, dass nach Liebe und Verständnis suchte.
Ausgerechnet bei ihm! Um solche Sachen sollten sich andere kümmern, er war doch kein Seelsorger!
Nein, er musste so langsam sehen, wie er aus der Sache mit Annie mit einigermaßen heiler Haut wieder herauskam, ohne größeren Schaden zu nehmen.

Jeany

 

 

 

Als Derek Evans am nächsten Morgen aufwachte, stellte er fest, daß Annie das Haus bereits früh verlassen hatte.

"Eigenartig, wo sie wohl hin ist", fragte er sich.

Annie Douglas war normalerweise nicht der Typ, der morgens um 8.00 Uhr aus den Federn war. Einen Beruf hatte sie nicht, nie gehabt. Und freiwillig stand sie nie vor 10.00 Uhr auf. Auch die Tatsache, daß sie sich rausgeschlichen hatte, verwunderte Derek, normalerweise war Rücksichtsnahme nicht ihre Stärke und sie machte genug Lärm, daß auch jeder wusste, daß sie wach war. "Nur, damit man ihr ein wenig Aufmerksamkeit zukommen lässt. Wie billig", dachte Derek mit Missfallen. "Irgendetwas verbirgt sie doch. Gestern im Deep hat sie schon so rumgedruckst. Und sie dachte, er hätte das nicht bemerkt." Derek konnte nur den Kopf schütteln. Aber das kam ihm gar nicht so ungelegen. Normalerweise hätte er sie längst auf die Straße gesetzt, aber er wusste, daß sie es Meg Cummings sofort auf die Nase binden würde. Aus reiner Gehässigkeit. Und Derek war klar, daß Meg Cummings das nicht gefallen würde. Und er wollte Meg Cummings gefallen. Wenn er allerdings einen Grund hätte, Annie den „Schwarzen Peter“ zuzuschieben, sähe das etwas anders aus.

"Ich krieg schon raus, was du verbirgst, Annie", sagte er zu sich.

Hickengruendler

 

 

 

Annie war bereits in aller Frühe aufgebrochen und hatte sich Broschüren über Schwangerschaften besorgt. Sie dachte die ganze Zeit darüber nach, ob eventuell eine Abtreibung in Frage kam. Durch dieses Baby würde sie eventuell alles verlieren. Ihre Unabhängigkeit, sie konnte nicht mehr so oft ausgehen wie sie wollte, alles müsste sie diesem Baby anpassen. Aber vor allen Dingen würde sie Derek verlieren. Er war doch der einzige Mensch in Sunset Beach, der sich mit ihr beschäftigte. Obwohl, in letzter Zeit immer weniger. Derek hatte sich in den letzten Wochen immer weiter von ihr entfernt, und seit diese Miss Sunshine aus der Pampa aufgetaucht war, wurde es ganz offensichtlich. Er beachtete sie kaum noch. Das war unfair. Wenn er sie nicht liebte, sollte er sie wenigstens beachten. Und wenn er herauskriegen würde, daß sie schwanger war, wäre es das endgültige Ende.
Andererseits: Irgendwie war es schon ein schönes Gefühl, daß ein Leben in ihr wuchs. Es war etwas Ungewöhnliches. Aber was konnte sie diesem Leben schon bieten? Derek würde sie verlassen und sie wäre mittellos. Am Ende müsste sie sich gar noch eine Arbeit suchen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Außerdem, sie wusste genau, daß sie keine bessere Mutter wäre, als ihre Eltern es waren. Und sie konnte es einem kleinen Wesen nicht zumuten, daß es so behandelt würde, wie sie behandelt wurde. Aber es wäre nun einmal IHR kleines Wesen.

Annie seufzte. Sie war sich noch nicht sicher, ob sie dieses Kind wollte.

Hickengruendler

 

 

 

Während Annie über den Strand schlenderte, sah sie, wie Meg Cummings sich von der anderen Seite ihr näherte. Ein Treffen war unvermeidlich.

Also gut, dachte Annie. Wenn dann aber richtig.

Als sie Annie Douglas kommen sah, war Meg kurz davor einfach umzudrehen. Doch es war bereits zu spät. Derek Evans rothaarige Verlobte kam bereits selbstsicheren Schrittes auf sie zu.

"Wen haben wir denn da", begann sie. "Na, sind Sie bereits auf dem Weg zu meinem Verlobten, oder suchen Sie einen anderen Mann, dem Sie die Frau ausspannen können?" Meg Cummings blickte sie böse an. Konnte diese Frau nicht einmal ihre große Klappe halten?

"Miss Douglas, ich habe Ihnen doch bereits gestern Abend gesagt, daß ich kein Interesse an Ihrem Verlobten habe."

"Gesagt haben Sie, aber ich glaube es Ihnen nicht. Wahrscheinlich sind Sie einsam und verbittert. Das ist alles. Die typische Landpomeranze, die nie einen abkriegt. Sehen Sie sich doch nur an. Diese Kleidung trägt man vielleicht in Wisconsin."

"Kansas."

"Das ist doch alles das selbe. Hier können Sie damit keinen Blumentopf gewinnen. Kein Mann wird sich auch nur nach Ihnen umdrehen, das wissen Sie, und darum machen Sie sich an Derek ran. Aber auch für ihn sind Sie absolut langweilig."

"Wenn Sie davon so überzeugt sind, Miss Douglas, dann frage ich mich, warum Sie sich offensichtlich vor mir fürchten."

"Ich, mich vor Ihnen fürchten? Wie lächerlich." Doch mehr fiel Annie Douglas nicht ein. Sie rauschte davon, schneller als sie gekommen war.

"Bravo. Sie haben es ihr gegeben", hörte Meg eine Stimme hinter sich.

Sie wandte sich um. Ein Blick in die Augen verriet ihr sofort, welchem der Evans-Zwillinge sie gegenüberstand.

Hickengruendler

 

 

 

"Sie sind Ben, nicht war?", fragte Meg vorsichtig. Er nickte.

"Sie haben eine erstaunlich gute Menschenkenntnis, junge Dame, alle Achtung!"

Er sah sie bewundernd an. "Ich hoffe, ich habe sie nicht erschreckt?!"

Meg schüttelte den Kopf und sah ihm dabei in die Augen. Nein, vor Ben hatte sie seltsamerweise keine Angst, auch wenn er angeblich ein Mörder sein sollte ...

"Einen Penny für Ihre Gedanken." Ben sah sie prüfend an. Meg fühlte sich ertappt und sie spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg.

"Ach, ich dachte nur, wie ähnlich Sie sich doch sehen, Sie und Derek."

Er schmunzelte.

"Ja, wir sind eineiige Zwillinge, selbst unsere Eltern konnten uns oftmals nicht auseinanderhalten."

Meg lächelte ihn an und er erwiderte ihr Lächeln. Mit einer Hand fuhr Ben sich durch das dunkle Haar.

"Er hat so warme Augen und so schlanke Hände, Künstlerhände," dachte sie. Einen Moment stellte sie sich vor, wie es wohl wäre, wenn diese Hände sie streicheln würden ... Meg schüttelte heftig den Kopf, als wollte sie ihre Gedanken verjagen. Ben sah sie fragend an.

"Habe ich etwas falsches gesagt?"

Meg hob beide Arme in die Luft und ließ sie dann wieder fallen.

"Ach, ich glaube, ich denke einfach zu viel!"

Ben sah sie weiter an, und ihm gefiel sehr, was er sah. Er verschränkte die Arme, holte tief Luft, um seinen ganzen Mut zusammenzunehmen.

"Darf ich sie zu einem Kaffee im Waffelshop einladen?"

Meg sah ihn erstaunt an. Nie im Leben hätte sie sich vorstellen können, mit Ben Evans einen Kaffee zu trinken, aber zu ihrer eigenen Überraschung sagte sie:

"Ja!"

Mona

 

 

Im Waffelshop war es um diese Zeit noch recht ruhig.
Elaine begrüßte ihre Gäste, und Ben stellte ihr Meg vor.
„Schön, ein neues Gesicht begrüßen zu können. Willkommen in Sunset Beach!“
Elaine reichte Meg die Hand und bot den beiden einen kleinen Tisch am Fenster an.
Während sie Kaffee holte, sah Meg sich um.
„Es ist sehr gemütlich hier.“ sagte sie anerkennend, verschwieg aber sicherheitshalber ihre Begegnung mit Derek hier am Tag ihrer Ankunft.
„Ja, Elaine gibt dem Laden ein ganz besonderes Flair.“ bestätigte Ben.
Plötzlich wurde energisch die Tür aufgerissen.

„Ben! Endlich finde ich Dich!“  rief Caitlin und begrüßte ihn mit einem Kuss auf die Wange.
Sie wandte sich an Meg und reichte ihr lächelnd die Hand.
„Hallo Meg, schön dich zu sehen. Darf ich mich einen Moment zu Euch setzen?“
„Hi Caitlin, klar, setz dich.“ sagte Meg freundlich, während Ben einen Stuhl heranzog.
„Ihr beide kennt Euch?“ fragte er erstaunt.
„Wir haben uns gestern im Deep getroffen.“ erklärte Meg.
„Ja, die ganze Surf Central Gang war da, es war total lustig. Meg hat ihren Einstand gegeben, sie wohnt mit bei ihnen.“ Erzählte Caitlin und fügte hinzu:
„Zuerst dachte ich, Du sitzt mit am Tisch, aber es war nur Derek.“
Meg glaubte zu erkennen, dass Bens Gesicht sich verdüsterte, als Dereks Name fiel.
Aber Caitlin achtete nicht darauf, sondern bestürmte Ben sogleich mit ihrem Anliegen.
„Hör zu, Du musst unbedingt mit Daddy reden. Du bist der Einzige, dem er vertraut. Bitte Ben!“
Ein Lächeln glitt über sein Gesicht.
„Um was geht’s denn? Hast Du was ausgefressen, junge Dame?“
Caitlin verdrehte schmerzlich stöhnend die Augen.
„So schlimm?“ lachte Ben.
„Schlimmer!“
„Soll ich Euch einen Moment allein lassen?“ fragte Meg taktvoll, aber Caitlin schüttelte den Kopf.
„Nein, bitte bleib da. Ich bin sicher, Du verstehst mich, genau wie Ben!“
„Na los, raus mit der Sprache!“ meinte dieser und zwinkerte ihr zu.
„Also“, begann Caitlin, „es gab Zoff bei uns.“ Mit einem Seitenblick auf Meg fügte sie stöhnend hinzu: „Wieder einmal!“
„Na ja, Sean ist von der Schule geflogen, weil er sich geprügelt hat und bei der letzten Examensarbeit schummeln wollte. Und ich möchte mein Studium abbrechen...“
„Ein denkbar schlechter Zeitpunkt.“ warf Ben ein.
„Der Zeitpunkt dafür ist nie günstig. Daddy ist vollkommen ausgerastet!“
„Kann ich mir denken.“
„Beeeen“ bettelte Caitlin, „Rede mit ihm, bitte!“

„Was studierst du denn, Cait?“ erkundigte sich Meg. Caitlin zog eine Grimasse.
„Sozialwirtschaft. Es gibt nichts schlimmeres.“
Ben lachte. „Und was käme Deiner Meinung nach eher in Frage?“
„Na- toll wäre ein Fernstudium, Jura zum Beispiel, so wie Casey es macht.“
„Casey studiert Jura?“ staunte Meg.
“Ja, und er arbeitet nebenbei und muss nicht ständig wochenlang weg, sondern kann in Sunset Beach bleiben.“
„Ach darum geht es.“ grinste Ben. „Du willst nicht ins Internat!“
„Genau.“ nickte Caitlin erleichtert. „Du verstehst mich.“
Ben hob abwehrend die Hände. „Moment mal, das heißt aber noch lange nicht, dass Gregory Dich versteht.“
„Rede mit ihm!“ bettelte Caitlin.
Ben zwinkerte Meg zu und lächelte. „Heute abend, okay?“
Mit einem Freudenschrei fiel ihm Caitlin um den Hals.
„Danke Ben!“
„Ich kann aber nichts versprechen!“ betonte er. Sie winkte nur lässig ab.
„Daddy hört auf Dich, das weiß ich.“ An Meg gewandt, fügte sie hinzu:
„Ist er nicht wundervoll?“
Meg lächelte nur und verkniff sich eine Antwort.

Jeany

 

 

 

Als Caitlin gegangen war, sah Ben Meg lächelnd an.
„Entschuldigen Sie bitte. Ich kenne Caitlin Richards schon ziemlich lange, ihr Vater und ich sind Geschäftspartner. Sie vertraut mir.“
Meg schaute ihn gedankenverloren an.
„Dazu hat sie bestimmt auch allen Grund.“
Ben hatte Mühe, sich von diesen schönen Augen loszureißen. Für einen Augenblick stellte er sich vor, wie es wohl wäre, über ihr weiches Haar zu streichen.

„Und, was haben Sie heute noch so vor?“ fragte er schnell, bevor sie seine Gedanken vielleicht noch erraten konnte.
„Ich wollte mittags mit dem Bus nach Santa Monica, um noch einiges einzukaufen“ antwortete sie, und fügte verschmitzt lächelnd hinzu:
„Das 40 Quadratmeter- Einkaufscenter von Sunset Beach erfüllt meine Ansprüche doch nicht so ganz!“
Ben lachte. Er dachte einen Moment lang nach und sagte dann:
„Ich weiß ja nicht, wie gerne Sie Bus fahren, aber ich hätte da einen Vorschlag. Ich habe am Nachmittag geschäftlich in Los Angeles zu tun, und vielleicht bringt Ihnen ein Einkaufsbummel dort größere Erfolge?“
„Wow, das wäre toll!“ rief Meg begeistert, und fügte lächelnd hinzu:
„Aber nur, wenn es Ihnen keine Umstände macht!“
Ben grinste.
„Überhaupt nicht. – Solange Sie mit Ihren Einkäufen auf der Rückfahrt mein Auto nicht lahm legen!“
„Mit Sicherheit nicht. Meine finanziellen Mittel sind begrenzt. Ich muss mir erst mal einen Job suchen, bevor ich anfange, große Sprünge zu machen.“
„Haben Sie an was bestimmtes gedacht?“
Meg zog die Stirn in Falten.
„Nun, eigentlich bin ich Krankenschwester, aber im Sunset Memorial ist momentan nichts frei.“
Sie lächelte und fügte hinzu:
„Allerdings würde ich auch gern was anderes machen. Ich konnte mir zu Hause auf der Ranch in Kansas ein paar Kenntnisse in der Buchhaltung erwerben und habe vor meiner Lehre ein Jahr als Sekretärin gearbeitet. Mal sehen, ob sich da was findet.“

Ben schien kurz zu überlegen und meinte dann:
„Ich glaube, ich hätte da etwas für sie.“
Ungläubig zog Meg die Stirn in Falten.
„Ist das wahr?“
„Na ja“, lachte Ben, „Unser Unternehmen hat größere Vorhaben geplant. Bisher hat Gregorys Sekretärin Bette alles gemanagt, aber das wird sie allein kaum schaffen, und wenn ihr die Arbeit über den Kopf wächst, wird sie krantig wie ein alter Besen!“
Sie lachten beide.
„Also, wenn sie sich vorstellen könnten, als meine persönliche Assistentin zu arbeiten...“
„Ich fasse es nicht.“ meinte Meg mit einem Kopfschütteln.
„Ich meine...“ sie sah ihn immer noch zweifelnd an. „...Sie spendieren mir einen Kaffee, und obendrein noch einen Job!“
„Heißt das, Sie nehmen an?“ fragte Ben.
Meg nickte gerührt und konnte nicht verhindern, dass ihr die Tränen in die Augen traten.
„Danke, Mister Evans“ flüsterte sie. Er reichte ihr die Hand.
„Ben... Bitte nennen Sie mich Ben. Und - willkommen bei der Liberty Corporation!“

Jeany

 

 

 

Pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt hielt Ben mit seinem weißen BMW- Cabrio vor dem Surf Central.
Gabi bemerkte ihn sofort durch das Flurfenster.
"Hey! Meg, Dein Traumprinz ist gerade vorgefahren!"
"Gabi!" mahnte Meg verlegen lachend, "Hör schon auf, er nimmt mich doch nur mit nach Los Angeles!"
"...und er ist Dein neuer Boss,... und Du warst mit ihm Kaffee trinken..." neckte Gabi sie weiter, "...und Deine Augen strahlen, wenn Du von ihm sprichst!"
"Gar nicht wahr!" widersprach Meg halbherzig. Die beiden lachten fröhlich.
"Gut siehst Du aus." meinte Gabi aufrichtig und musterte Meg in ihrem hellblauen Sommerkleid anerkennend.
Plötzlich wurde ihr Gesicht ganz ernst, und sie sah der Freundin fest in die Augen.
"Bitte sei vorsichtig, Meg!"
"Aber ich..." begann diese abwehrend, doch Gabi unterbrach sie:

"Ich weiß, Ben Evans ist sehr attraktiv und charmant. Aber er ist auch ein überaus gefährlicher Mann."
"Du hörst Dich schon genauso an wie dieser Ricardo." tadelte Meg und nahm ihre Tasche.
"Der muss es ja schließlich wissen." beharrte Gabi. "Bens verstorbene Frau war seine Schwester."
"Somit ist der Zeuge voreingenommen!" urteilte Meg lächelnd, und bevor Gabi etwas darauf erwidern konnte, hob sie abwehrend die Hand.
"Okay, Gabi, ich muss los. Wir reden heute abend, und..." fügte sie versöhnlich hinzu, "dann erzählst Du mir alles, von dieser Maria, und wie sie gestorben ist... Bis dann!"
Schon war sie zur Tür hinaus.
Nachdenklich sah Gabi ihrer Freundin durchs Fenster hinterher, wie sie in den Wagen stieg und mit Ben davonfuhr.
"Ich weiß nicht, Meg," sagte sie zu sich selbst, "ich glaube fast, das, was ich Dir dann erzählen werde, wird Dir bestimmt nicht gefallen!"

Jeany

 

 

 

Während er am Steuer saß, schlug sich Ben Evans plötzlich mit einer Hand an den Kopf. "Was gibts?", fragte Meg verwundert.

"Entschuldigen Sie, ich fürchte wir müssen gleich nochmal bei der Liberty Corporation vorbei. Ich habe dort einige Akten im Büro meines Partners liegen lassen, die ich in Los Angeles bei dem Geschäftstermin dringend brauche. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus? Es dauert auch wirklich nur einen Moment."

"Oh nein, gar nichts. Wissen Sie was, ich steige mit aus. Dann kann ich mir gleich meinen neuen Arbeitsplatz ansehen."

Der Wagen hielt vor der Liberty Corporation. Ben stieg aus und öffnete anschließend galant die Beifahrertür für Meg.

Gregorys Sekretärin Bette saß an ihrem Schreibtisch, die Tür zu Gregorys Büro war abgeschlossen. Bette machte Ben verschwörerische Zeichen:

"Da würde ich jetzt nicht reingehen. Er ist absolut mies drauf." Sie warf ihm einen vielsagenden Blick zu. "Der Schuldirektor seines Sohnes ist darin. Scheinbar will Mr. Richards versuchen, daß Sean wieder auf dem College aufgenommen wird."

Doch Ben schüttelte den Kopf.

"Tut mir Leid, darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Mein Geschäftspartner wartet, und ich habe dieser jungen Dame", er wies auf Meg, "einen Einkaufsbummel versprochen."

Er klopfte an und betrat Gregorys Büro. Meg hörte die Stimme Gregory Richards:

"Wie Sie wissen, habe ich die Schule in den letzten Jahren des öfteren finanziell unterstützt, freilich, jetzt, wo ich keines meiner Kinder mehr dort habe, wird sich das wohl ändern."

Meg konnte Gregory Richards genau ins Gesicht sehen. Ein sehr eindrucksvolles Gesicht. "Ein Mann, der weiß was er will, und daß auch meistens bekommt", dachte Meg bei sich. Der Schuldirektor saß Mr Richards gegenüber, von ihm konnte sie nur die Glatze sehen, die knapp über die Stuhllehne herausragte. Etwas versetzt von seinem Vater stand ein ca. 18 jähriger Junge mit blondem, stacheligem Haar. Offenbar sein Sohn, überlegte Meg.

"Oh Mr Richards bitte", meinte da der Schuldirektor, "ich bin sicher, wir finden eine Möglichkeit, dieses kleine Missverständnis aus der Welt zu schaffen."

Gregory nickte zufrieden. Offenbar hatte er nichts anderes erwartet.

Meg sah in das Gesicht Sean Richards. Es lag Erleichterung in seinen Zügen, daß er so kurz vor dem Abschluss nicht von der Schule flog, aber auch etwas anderes, daß Meg nicht erklären konnte. Sean Richards betrachtete seinen Vater mit einer seltsamen Mischung aus Bewunderung und Ekel in den Augen.

Ben gab Gregory ein kurzes Zeichen, der ihm daraufhin zunickte. Dann ging er zu Gregorys Schreibtisch, nahm die Akte und verschwand wieder. Dann wandte er sich an Meg.

"So, jetzt aber auf nach Los Angeles. Wir sind sowieso schon so spät dran. Und Sie wollen ja auch noch was einkaufen."

Hickengruendler

 

 

 

Ganz wie von Ben erwartet, war das Treffen mit dem Investor ziemlich schnell über die Bühne gegangen. Kleinere Unstimmigkeiten wurden dank Bens genialer Umredungskunst schnell beseitigt. Dem Bauprojekt am Hafen stand nichts mehr im Wege.

"So, und jetzt habe ich den ganzen Nachmittag Zeit für Sie", sagte Ben mit einem freundlichen Lächeln.

Meg fühlte sich wie im siebten Himmel. Ben Evans war charmant, geschäftstüchtig, zuvorkommend und hatte obendrein noch Humor. Wie konnte sie nur glauben, daß dieser Mann dazu fähig war, seine Frau umzubringen.

"Ich darf einfach nicht ständig auf das Gerde anderer Leute hören", ermahnte sie sich.

Während sie durch die Straßen Los Angeles schlenderten blieb Meg plötzlich abrupt stehen.

"Oh Ben, sehen Sie nur, dieses Kleid. Haben Sie dieses Kleid gesehen, das ist ja wundervoll."

Sie lief ins Geschäft. Ben folgte ihr.

"Kann ich Ihnen helfen?", fragte die Verkäuferin.

"Oh ja. Kann ich dieses Kleid mal anprobieren?"

"Selbstverständlich." Die Verkäuferin nahm es und gab es Meg, die in der Umkleidekabine verschwand, aus der sie etwas später wieder herauskam.

"Es steht Ihnen hervorragend", sagte Ben begeistert. "Das dürfen sie nicht einfach so zurücklassen. Kaufen sie es."

Meg war ebenfalls von dem Kleid angetan, doch dann hielt sie einen Moment inne.

Jetzt kommt der Haken, dachte sie, und damit sollte sie Recht behalten. Denn erst jetzt warf sie einen Blick auf das Preisschild. 200 Dollar.

"Tja, hat wohl nicht sollen sein", meinte sie betrübt. "So voll ist mein Geldbeutel leider nicht, daß ich mir das leisten könnte."

Sie gab es der Verkäuferin zurück und verließ den Laden niedergeschlagen.

"Einen Augenblick noch, ich komme gleich nach", rief Ben ihr hinterher. Dann wandte er sich an die Verkäuferin.

"Warten Sie noch einen Moment", sagte er zu ihr.

Hickengruendler

 

 

 

Als Annie Douglas zurückkam, viel Derek auf, daß sie zum ersten Mal seit langem blendender Laune war. Er wollte sie gar nicht fragen, wo sie war, er war sicher, daß er sowieso nicht die Wahrheit hören würde. Es gab andere Mittel, das rauszufinden. Bald darauf wurde ihm klar, daß dies auch nur ein indirekt ein Grund für ihre gute Stimmung war.
"Rate mal, wen ich vorhin gesehen habe", legte sie los.

"Scheinbar jemand erfreulichen", gab Derek zur Antwort.

"Na ja, wie man es nimmt. Meg Cummings, unsere Kansas-Bäuerin."

Nun wurde Derek neugierig.

"Du hast heute Meg gesehen?"

"Zweimal, um genau zu sein. Das erste Mal haben wir uns ganz nett unterhalten, heute Morgen."

Derek konnte sich lebhaft vorstellen, was Annie ungefähr unter "nett unterhalten" verstand.

"Aber vorhin habe ich sie erneut erblickt." Annie legte eine dramatische Pause ein, damit ihre Worte auch wirkten. "Aber sie war nicht allein. Sie war in Begleitung, in männlicher Begleitung."

Derek konnte förmlich spüren, wie genüsslich Annie diese Worte über die Lippen kamen. "Wahrscheinlich einer von ihren Mitbewohnern im Surfcenter", erwiderte er kalt.

"Falsch geraten. Sie war mit Deinem Bruder unterwegs."

"Mit Ben!" Nun war Derek keineswegs mehr kalt und unbeteiligt, kalter Zorn stieg in ihm hoch. Das konnte nicht doch sein, nicht schon wieder Ben!

"Oh doch. Er hat sie in einem großen Auto von daheim abgeholt und sie sind zusammen weggefahren. Scheinbar verstanden sie sich ziemlich gut." Jedes Wort Annies war ein weiterer Dolchstoß für Derek. Ben, immer wieder Ben!

"Wenn du nichts dagegen hast, Derek, gehe ich jetzt hoch. Mich duschen."

Mit einem frechen Grinsen ging Annie davon.

Kaum war sie weg holte Derek aus und warf vor Wut mit der Handfläche einen Stapel Papiere vom Tisch. Das kann einfach nicht wahr sein. Ben, Ben, Ben. Ben hatte immer alles bekommen, war der ach so tolle Mann, der großartige Ben! Nur er, Derek, schaute immer in die Röhre. Das war unfair. Alles nahm Ben ihm weg. Aber er wollte nicht zulassen, daß er ihm auch Meg wegnahm. Schließlich war sie für ihn bestimmt. Das Schicksal hatte gesprochen.

"Diesmal wirst Du kein Glück haben, Ben. Das schwöre ich Dir," sagte Derek grimmig.

Hickengruendler

 

 

 

Los Angeles faszinierte Meg vom ersten Augenblick an. Ob das nun am besonderen Flair der 10- Millionenstadt oder nur an Bens charmanter Begleitung lag, vermochte sie selbst nicht zu sagen. Eines aber wusste Meg mit Sicherheit: diesen Nachmittag würde sie ganz bestimmt nicht vergessen.
Sie spazierte mit Ben durch Down Town, das Zentrum L.A.s, das die verschiedenen Stadtteile miteinander verband.
Meg konnte sich kaum sattsehen an dem bunten Treiben auf den Straßen, sie hatte ständig das Gefühl, hier würde sich alles etwas schneller bewegen als anderswo, jeder noch so kleine Laden wirkte, als sei er etwas ganz Besonderes, und an fast jeder Ecke gab es kleine Straßencafes mit richtigen Musikanten.
In einer winzigen Boutique nahe des City Hall erstand Meg ein chickes dunkelrotes Kostüm, das ihr für den neuen Bürojob wie geschaffen schien. Das Teil war eigentlich ebenfalls viel zu teuer für ihre momentanen finanziellen Verhältnisse, aber schließlich wollte sie ja gut aussehen, wenn sie morgen ihre Arbeit aufnahm. Und Bette, ihre künftige Kollegin, war außergewöhnlich elegant gekleidet gewesen, als sie sich heute Mittag kurz im Büro begegnet waren. Das war Meg sofort aufgefallen. Wehmütig dachte sie an das bezaubernde Kleid von vorhin.
"Denk praktisch, Meg!" ermahnte sie sich in Gedanken. "Das könntest Du jedenfalls nicht ins Büro anziehen!"

Als sie beide wieder im Auto saßen, erwartete Meg, dass Ben nun schnellstens zurück nach Sunset Beach fahren würde, aber stattdessen erwartete sie noch ein Ausflug hinüber nach Hollywood, jenem Stadtteil von L.A., in dem die Stars und Sternchen zu Hause waren.
In ihren kühnsten Träumen hatte Meg nicht geglaubt, tatsächlich einmal über den berühmten Hollywood- Boulevard zu schlendern.

Später hatten sie in einem kleinen Restaurant gleich neben dem Manns Chinese Theater noch ein Glas Wein getrunken.
Meg erzählte Ben von Kansas, von ihren Eltern und der Ranch, wo sie bis vor ein paar Tagen zu Hause gewesen war.
Ben hörte aufmerksam zu. Von sich selbst erzählte er jedoch kaum etwas. Meg erfuhr an diesem Abend nur, dass er gemeinsam mit seinem Bruder in England aufgewachsen war, bevor er vor 10 Jahren nach Sunset Beach kam.
„Und leben Sie allein?“ fragte Meg vorsichtig.
Sofort flog ein Schatten über sein Gesicht.
„Ja.“ erwiderte er knapp. Nach einer Weile fügte er hinzu:
„Ich war verheiratet. Aber das ist vorbei und vergessen.“
Meg spürte die Veränderung, die in ihm vorging und schwieg. Sie wollte keine alten Wunden aufreißen, und vielleicht würde er ihr ja irgendwann von selbst erzählen, was mit seiner Frau geschehen war. Stattdessen seufzte sie nur und meinte:
„Ich hätte auch beinahe geheiratet und damit wahrscheinlich den größten Fehler meines Lebens begangen.“
„Was ist passiert?“ fragte Ben aufmerksam.
„Tja“ Meg zuckte mit den Schultern und lächelte bitter.
„Ich war ihm nicht genug.“
„Welch ein Idiot!“ dachte Ben und sah sie lange an.
Dann hob er sein Glas, prostete ihr zu und meinte leise:
„Sie werden Ihr Glück finden, Meg Cummings. - Ich weiß es!“

Jeany

 

 

 

Die untergehende Sonne tauchte die Küstenstrasse in gleißend rotes Licht.
Meg lächelte verträumt.
„Die Sonnenuntergänge hier sind faszinierend. Ich glaube, ich habe noch nie so etwas schönes gesehen!“
Ben warf ihr einen nachdenklichen Blick von der Seite zu.
„Ich werde Ihnen etwas zeigen!“
Nach ein paar Metern fuhr er rechts an den Straßenrand und hielt den Wagen an.
Er stieg aus, öffnete Megs Beifahrertür und reichte ihr die Hand.
„Kommen Sie Meg!“
„Wo gehen wir hin?“ fragte sie überrascht, obwohl ihr das in diesem Augenblick, als er ihre Hand ergriff völlig egal war.
Er lächelte nur geheimnisvoll.
Ein paar Schritte, und Meg bot sich ein märchenhaftes Bild. Sie standen hoch oben über den Klippen, unten tobte die Brandung an die Felsen und hinten am endlos scheinenden Horizont tauchte die untergehende Sonne glutrot ins Meer.
Fasziniert schaute Meg hinaus aufs Wasser. Kein Maler hätte jemals dieses herrliche Farbenspiel der Natur wiedergeben können, das sich ihnen hier bot.
„Sehen Sie nur, Ben, wie wunderschön!“ sagte Meg ganz leise.
„Ja, wunderschön.“ antwortete er, kaum hörbar, im Rauschen der Brandung. Er hatte nur noch Augen für Meg. Als sie sich nach ihm umdrehte, tauchten ihre Blicke ineinander und sie waren sich plötzlich unsagbar nah.
Megs Herz klopfte bis zum Hals.
„Küss mich...“ dachte sie sehnsüchtig, und Bens Augen sagten ihr, dass er genauso fühlte.

Plötzlich hielt ein Auto mit quietschenden Bremsen am Straßenrand.
„Ben! Hallo Ben!“ Annie Douglas sprang aus ihrem Wagen und kam schnellen Schrittes auf die beiden zu. Sie strahlte Ben an.
„Ich hab Dein Auto stehen gesehen, und da dachte ich...“
Sie unterbrach sich mitten im Satz und maß Meg mit einem vernichtenden Blick.
„Sie lassen wohl gar nichts, aus, was?“
Meg erwiderte nichts, dieser Augenblick war einfach zu ernüchternd.
„Was willst Du, Annie?“ fragte Ben mit ärgerlichem Unterton in der Stimme.
Die vollen roten Lippen von Annie verzogen sich zu einem Lächeln.
„Sehen wir uns heute abend im Deep?“ fragte sie zuckersüß. „Ich muss Dir unbedingt etwas erzählen! – Allein!“ fügte sie mit einem erneuten geringschätzigen Seitenblick auf Meg giftig hinzu.
Ben schüttelte den Kopf.
„Tut mir leid, aber das wird warten müssen.“ meinte er kurz angebunden. „Ich habe noch zu arbeiten.“
„Och, kann das nicht warten?“ schmollte Annie.
„Nein, das kann es nicht. Entschuldige uns, Annie. Ein andermal vielleicht.“ Er legte Meg einen Arm um die Schultern und ging mit ihr zum Auto zurück.
„Entschuldigen Sie, Meg. Annie meint es nicht so.“ sagte er leise, doch seine Stimme verriet seinen Ärger über den Vorfall.
„Doch“ dachte Meg, „Annie meint es genauso, wie sie es gesagt hat!“
Und doch lächelte sie. Diesen schönen Tag heute und vor allem den eben erlebten besonderen Augenblick mit Ben konnte ihr keiner nehmen, auch Annie Douglas nicht.

Jeany

 

 

 

Auf dem Heimweg vom Surf Central fiel Ben sein Gespräch mit Caitlin am Morgen im Waffelshop ein, und er beschloss, gleich noch bei Gregory vorbeizuschauen.
Das Anwesen der Richards war das bei weitem prächtigste entlang der ganzen Ocean Avenue. Die großzügige Bauweise, die riesigen terrassenartigen Glasfenster und die geschmackvolle Fassade des zweistöckigen Gebäudes zeugten von Reichtum und architektonischer Meisterleistung. Den Eingang säumten zwei mächtige Säulen, die bis hinauf in den ersten Stock reichten. Palmen und ein gepflegter Vorgarten rundeten das Bild ab.
Rose, die spanische Haushälterin, öffnete Ben die Tür und bat ihn freundlich lächelnd herein.
„Senior Evans, bitte gedulden Sie sich einen Augenblick, ich werde Sie sofort anmelden!“ sagte sie mit ihrem typischen Akzent.
„Nicht nötig, Rose, mein Vater kommt sicher gleich herunter. Solange werde ich Mr. Evans Gesellschaft leisten.“ ertönte Caitlins Stimme von der Terrassentür.
Sie eilte auf Ben zu und begrüßte ihn.
„Schön, dass Du noch Zeit gefunden hast, herzukommen!“
„Und, wie ist die Stimmung?“ erkundigte sich Ben vorsichtig.
Caitlin wedelte mit der einen Hand, als hätte sie sich verrannt und zog dabei ein bedenkliches Gesicht.
„Na ja, die Sache mit Sean wäre soweit geklärt, allerdings, was mich betrifft...“
„Ben!“ Gregory kam die Treppe herunter und begrüßte seinen Freund und Geschäftspartner.
„Wie war es in L.A.? Konntest Du schon was erreichen?“ fragte er gespannt.
Ben nickte.
„Wir haben ihn!“
„Na das ist doch endlich mal eine erfreuliche Nachricht!“ rief er und fügte mit einem ernsten Blick auf seine Tochter hinzu:
„...die erste heute, nach diesem ganzen Desaster hier!“
„Daddy“ mahnte Caitlin und verdrehte genervt die Augen, doch Gregory unterbrach sie sofort:
„Nein, ich will nichts mehr davon hören, junge Dame! Das Maß ist voll! Übrigens – Du kannst nach oben gehen und Deiner Mutter helfen. Sie sucht überall nach der Brosche, die ich ihr zum Hochzeitstag geschenkt habe. Weiß der Teufel, wo sie die wieder verlegt hat.“
Caitlin zuckte nur resigniert mit den Schultern und warf im Vorbeigehen einen flehenden Blick in Bens Richtung. Er zwinkerte ihr aufmunternd zu.
„Setz Dich doch!“ forderte Gregory ihn auf, „und nun erzähl schon, wann kommt dieser Mr. Young nach Sunset Beach, um den Vertrag zu unterzeichnen?“
Ben lächelte geheimnisvoll und nahm ein Schriftstück aus seinem Aktenkoffer.
„Wei- Lee Young hat bereits unterschrieben. Er sagt, er habe bereits Erkundungen über die Liberty Corporation eingeholt, und was er bisher über uns hörte, habe ihm gefallen. Er sagte, er freut sich darauf, mit uns Geschäfte zu machen.“
Gregory nickte zufrieden. Er hatte zwei Drinks eingeschenkt und stieß mit Ben auf dessen neusten Geschäftsabschluss an.
„Auf den Erfolg, Ben! Nun können wir uns in Ruhe nach einer geeigneten Baufirma umsehen.“

Ben räusperte sich und stellte sein Glas ab.
„Ich traf in L.A. den Chef der Baufirma, die kürzlich die Rekonstruktionsarbeiten am „Sunset Inn“ durchgeführt hat. Wie ich hörte, war der Besitzer des Hotels mit dem Preis- Leistungs- Verhältnis überaus zufrieden. Jedenfalls habe ich mit Cole Deschanel einen Termin vereinbart, er kommt Ende der Woche her und macht uns ein Angebot.“
Gregory lehnte sich zurück und nickte wieder anerkennend.
„Das ist gut, Ben, sehr gut! Nach dem heutigen Tag kann ich solche Nachrichten gebrauchen.“

Jeany

 

 

 

Da war das Stichwort für Ben, um das Gespräch geschickt auf Caitlin zu bringen.
„Ärger im Paradies?“
Gregory schnaufte wütend.
„Das kann man wohl sagen! Teil 1 des Ärgers hast Du ja heute im Büro sicherlich mitbekommen. Teil 2 folgte dann zu Hause.“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause, holte tief Luft und stürzte seinen Drink mit einem Schluck hinunter. Dann knallte er das Glas unsanft auf die Tischplatte.
„Caitlin will ihr Studium hinschmeißen!“ Er sah Ben an. „Kannst Du Dir das vorstellen? Meine Tochter will nicht studieren!“
Ben sah ihn aufmerksam an.
„Wer sagt Dir denn, dass sie gar nicht studieren will?“ meinte er, „Vielleicht ist das, wozu Du sie vor einem Jahr gedrängt hast, einfach nicht das Richtige für sie.
„Nicht das Richtige?“ Gregory sprang auf und begann, wütend im Zimmer auf und ab zu tigern. „Und was wäre Deiner Meinung nach das Richtige? Soll sie vielleicht Sozialhelferin werden oder eine dumme Krankenschwester?“
Ben zog amüsiert die Augenbrauen hoch und entgegnete:
„Ach, weißt Du, Gregory, ich habe erst kürzlich eine wirklich nette Krankenschwester kennengelernt, und glaub mir – dumm ist sie ganz bestimmt nicht! Außerdem...“ fügte er lächelnd hinzu, „...soweit ich mich erinnere, war Olivia ebenfalls als Krankenschwester tätig, als Du sie kennengelernt hast.“
Bevor Gregory etwas darauf erwidern konnte, ertönte die spöttische Stimme seiner Frau von der Treppe her:
„Jedenfalls war ich dumm genug, ihn zu heiraten!“
Mit erhabenem Lächeln und majestätisch anmutendem Gang kam sie auf Ben zu und begrüßte ihn mit einem Kuss auf die Wange.
„Schön, Dich zu sehen, Ben.“
Olivia Richards war eine sehr schöne Frau. Schlank und gut gebaut, hatte sie etwas Katzenhaftes an sich, sie konnte sanft und liebevoll erscheinen, aber sie vermochte ihre Interessen auch hart und herzlos durchzusetzen. Intrigant und lauernd konnte sie einen Gegner in die Enge treiben und lächelnd zusehen, wie er unterging. Sie wirkte stets sehr gefühlsbetont, und trotz ihrer zahlreichen Affären zweifelte Ben keinen Augenblick daran, dass sie Gregory noch immer über alles liebte. Allerdings hinderte ihr Stolz sie in Gesellschaft anderer daran, das zu zeigen, denn wenn ihr Mann sie beleidigte, zahlte sie ihm jedes Wort sofort zurück. So wie eben.
„Hallo Olivia!“ antwortete Ben, amüsiert über Gregorys mürrisches Gesicht.
„Unsere Tochter...“ wandte sich Olivia wieder an ihren Mann und warf dabei provozierend ihr schulterlanges schwarzes Haar zurück, „...hat mir anvertraut, dass sie gerne ein Jura- Fernstudium absolvieren würde. Was gibt es daran auszusetzen?“
„Jura!“ fauchte Gregory ungehalten. „Sie soll vielleicht einmal die Firma übernehmen!“
„Na dann wäre doch Jura genau das Richtige!“ schaltete Ben sich ein.
„Caitlin ist doch ein kluges Mädchen.“ beschwichtigte er seinen Freund, „und wenn sie von zu Hause aus studiert, kann sie Dir in der Firma bei wichtigen Angelegenheiten über die Schulter schauen und viel lernen!“
Gregory sah Ben nachdenklich an. „Hat Caitlin mit Dir gesprochen?“
Ben winkte ab. „Das braucht sie gar nicht. Glaub mir, sie ist nicht glücklich mit dem, was Du für sie ausgesucht hast. Und immerhin hat sie ein ganzes Jahr lang versucht, Dir zuliebe dieses Studium fortzuführen. Aber keiner...“ er machte eine bedeutungsvolle Pause, „keiner, nicht mal Deine Tochter, kann die Zukunft nur nach den Wünschen der Eltern gestalten. Lass ihr Freiräume, lass sie mal selbst entscheiden, was sie tun will.
Und glaub mir, Gregory, wenn sie etwas gerne tut, dann wird auch was draus.“
Gregory wollte etwas einwenden, aber Olivia kam ihm zuvor.
„Danke Ben, das war endlich mal ein wahres Wort! Ich bin ganz Deiner Meinung!“
Sie wandte sich an ihren Mann und sagte mit zusammengekniffenen Augen:
„Und wenn Caitlin nur halb so viel von Dir geerbt hat, wie Du immer behauptest, Gregory, dann brauchst Du Dir ja keine Gedanken zu machen. Denn  dann müsste sie eine überaus brillante Anwältin werden!“

Jeany

 

 

Nachdem Ben sie abgesetzt hatte, betrat Meg gut gelaunt das Surfcenter.

"Hallo Meg, da bist du ja."

"Gabi?" Meg war etwas erstaunt. Scheinbar hatte ihre Freundin auf sie gewartet.

"Weißt Du nicht mehr? Wir wollten doch reden, über Ben."

Richtig. Aber Meg hatte das verdrängt. Sie hatte auch plötzlich keine große Lust mehr dazu.

"Gabi...", begann sie. "Ich weiß, Du hast Ricardo sehr gern. Er scheint ja auch ein netter Kerl zu sein. Aber er ist nicht unvoreingenommen. Er hat Maria geliebt und ihr Verlust schmerzt ihn. Er ist verbittert über ihren Tod, und gibt Ben die Schuld. Vielleicht ist das sein Weg, den Schmerz zu verarbeiten. Aber ich habe Ben Evans näher kennengelernt, und ich bin mir sicher, er ist genauso wenig zu einem Mord fähig wie wir beide."

Gabis Blick verriet, daß sie da nicht so sicher war.

"Meg, Maria Torres hat ihrem Bruder gebeichtet, daß sie große Angst vor Ben hatte. Und kurz darauf stirbt sie unter geheimnisvollen Umständen. Alles passt zusammen."

"Alles", meinte Meg gelassen, "bis auf die Tatsache, daß Ben Evans der harmloseste Mensch ist, den ich je getroffen habe."

Damit war das letzte Wort gesprochen und sie lies die noch immer zweifelnde Gabi zurück.

Hickengruendler

 

 

 

Am nächsten Morgen erwachte Meg total unausgeschlafen. Sie hatte wirres Zeug geträumt - von Ben, von Derek und dieser kleinen Hexe, Annie Douglas.

Meg schaute auf die Uhr. Sie hatte noch gut eine Stunde, ehe sie aus dem Haus musste. Genügend Zeit, um noch eine heiße Dusche zu nehmen.

Heute war ihr großer Tag! Sie fing als Bens Assistentin bei der Liberty Corporation an. Was für eine Ehre! Sie konnte es immer noch nicht glauben, dass sie demnächst ganz eng mit ihm zusammenarbeiten würde. Bei diesem Gedanken schlug ihr Herz schneller! Sie hatte sich in ihn verliebt, obwohl sie überhaupt nichts über ihn wusste, und sie schien ihm auch nicht ganz gleichgültig zu sein. Wie er sie angeschaut hatte!

Meg rief sich zur Ordnung. Er war ihr Chef! Sie würde nicht gleich als erstes ein Techtelmechtel mit ihrem Chef beginnen! Sie schüttelt über sich selber den Kopf, schlüpfte aus ihrem Pyjama, betrat die Dusche und drehte den Wasserhahn auf.

Sie war ganz in Gedanken versunken, als die Türglocke sie aus ihren Träumen riss.

Meg zuckte zusammen. Wer konnte das sein, so früh am Morgen?

Schnell drehte sie das Wasser ab, schlüpfte in ihren Bademantel und schlang sich ein Tuch um die nassen Haare.

"Kein so toller Aufzug," dachte sie noch, während sie die Tür öffnete.

Mona

 

 

 

Meg rubbelte sich in den Augen, weil sie an eine Halluzination glaubte.

"Du?!," platzte sie dann heraus.

Der junge Mann, den sie angesprochen hatte, lehnte lässig im Türrahmen und grinste sie frech an.

"Hi Meg, Schatz, das ist eine Überraschung, was?"

Meg schloss kurz die Augen und öffnete sie dann wieder. Das konnte doch nur eine Sinnestäuschung sein! Wer da vor ihr stand war kein geringerer als ihr Ex-Verlobter Tim Truman!

Meg verschränkte die Arme vor dem Körper. So wollte sie signalisieren, daß er nicht willkommen war.

"Tim, was machst Du hier?"

Er lächelte spöttisch.

"Was denkst Du, was ich hier mache? Ich besuche meine Verlobte!" Er grinste zufrieden. "Ex-Verlobte," zischte Meg ihn an. "Verschwinde, ich will nichts mehr von Dir wissen!" Tim sah sie an.

"Du bist doch nicht etwa immer noch sauer auf mich?"

"Nein, natürlich nicht," entgegnete Meg sarkastisch, "ich finde es toll, daß Du neben mir noch andere Freundinnen hast!" Sie versuchte, die Tür wieder zuzudrücken, doch Tim hatte schon einen Fuß hineingestellt.

"Willst Du mich nicht 'reinbitten, Meg? Früher hattest Du mal bessere Manieren!"

Meg schaute ihn giftig an, öffnete dann aber die Tür, um ihn hineinzulassen.

"Also, Tim, was machst Du hier in Sunset Beach?"

Mona

 

 

 

"Was ich hier mache, das fragst Du noch?" Er ging direkt an Meg vorbei, rückte einen Stuhl ab und setzte sich an den Tisch.

"Ich wüsste nicht, daß ich Dich zum bleiben aufgefordert hätte, Tim."

"Keine Bange. Ich bin bald wieder weg."

Meg atmete erleichtert auf.

"Ich habe zwei Tickets für den 11 Uhr Flug nach Kansas City gekauft. Wenn Du Dich mit Kofferpacken beeilst, kriegen wir ihn noch. Von dort aus kriegen wir dann gleich einen Anschluss nach Ludlow"

Meg blickte ihn sprachlos an.

"Tim. Ich habe nicht vor, mit Dir zurück nach Ludlow zu gehen. Ich lebe jetzt in Sunset Beach, habe hier einen Job, Freunde."

"In Ludlow hast du auch Freunde. Andy, Julia, Connie..."

"Connie? Du wagst es in meiner Gegenwart Connie zu erwähnen? Das wird ja immer schöner. Sie ist meine Exfreundin, wie Du mein Exverlobter bist."

"Ach komm Meg, Du wirst diese kleine Sache mit Connie doch nicht überbewerten. Sie bedeutet mir gar nichts."

Meg wurde immer sprachloser.

"Weißt Du Tim, Du scheinst nicht einmal zu merken, daß Du mit Deinem Gerede die ganze Sache nur noch schlimmer machst. Hättest Du jetzt gesagt, Du liebst Connie von ganzem Herzen, hättest das nur verdrängt, ich hätte das noch eher verstanden als das hier!"

"Aber Meg, was hast Du denn? Ich liebe doch nur Dich. Connie ist ein Zeitvertreib gewesen."

"Raus!"

"Meg.."

"Raus! Aber sofort, bevor ich mein letztes Fünkchen Zurückhaltung verliere."

Tim war klar, daß es besser war, den strategischen Rückzug anzutreten. Er lief zur Tür heraus und hörte diese unmittelbar darauf ins Schloss krachen.

Er griff in die Tasche und nahm Megs Ticket nach Kansas, um es zu zerreißen. Dann nahm er seins, und riss es ebenfalls in zwei Hälften.

"Ohne Dich gehe ich nirgendwo hin, Meg."

Hickengruendler

 

 

 

Gabi kam von oben die Treppe herunter. Rae und Marc hatten Frühschicht, und Casey und Michael waren an diesem Morgen auch bereits sehr zeitig zum Strand aufgebrochen. So, daß außer den beiden niemand im Haus war.

"Ich habe die Tür knallen gehört. Was war los?", wollte Gabi wissen.

"Ich hatte Besuch," meinte Meg trocken.

"Männlichen?"

"Ja, allerdings."

"Und, welcher Zwilling war es?"

Meg schüttelte den Kopf.

"Keiner von beiden. Der Besuch war aus Kansas."

Gabi blickte sie ungläubig an.

"Aber doch nicht etwa Tim?"

"Oh doch, ganz genau der."

"Und was wollte er?"

"Er hat gemeint, die Sache mit Connie hätte ihm nichts zu bedeuten. Er würde nur mich lieben. Dann hat er mich gefragt, daß heißt falsch, er hat mich nicht gefragt, sondern er ist wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass ich mit ihm zurückgehe."

"Na der hat Nerven. Du willst doch nicht etwa...?"

"Selbstverständlich nicht. Hier ist jetzt mein Zuhause. Jetzt erst recht, wo ich diese prima Stelle gefunden habe."

"Äh, Meg, apropos..." Gabi brauchte nicht weiter zu reden. Meg fiel es wie Schuppen von den Augen.

"Oh mein Gott. Ich bin noch im Bademantel. Und gleich fängt meine Arbeit an. Das fehlte noch, wenn ich gleich am ersten Tag zu spät käme."

Sie rannte die Treppe hinauf, um sich in Windeseile umzuziehen.

Hickengruendler

 

 

 

Ben war den ganzen Tag geschäftlich unterwegs gewesen und saß am Abend noch über wichtigen Firmenunterlagen, die dringend durchgesehen werden mussten.
Aber so richtig konnte er sich nicht auf seine Arbeit konzentrieren. Immer wieder wanderten seine Gedanken zu einer gewissen dunkelhaarigen jungen Frau, deren strahlende Augen ihn bis in seine Träume verfolgten.
Schließlich klappte er die Mappe mit den Geschäftspapieren zu und beschloss, sich am Strand noch ein wenig die Beine zu vertreten, als es plötzlich an der Eingangstür läutete.
„Mister Evans?“ ließ sich der Postbote bestätigen und reichte Ben einen großen flachen Geschenkkarton der mit einer Schleife verziert war.
„Ihre Lieferung aus L.A., Sir. Bitte quittieren Sie!“ Ben unterschrieb und belohnte den jungen Mann mit einem reichlichen Trinkgeld.
Wieder allein öffnete er den Karton und strich über den feinen dunkelblauen Seidenstoff des Kleides, von dem Meg in der Boutique so begeistert gewesen war.
Ben lächelte. Sie hatte in diesem Kleid derart bezaubernd ausgesehen, dass er es einfach kaufen musste.
Dann aber wurde sein Gesicht ernst.
Und was nun? Er konnte ihr doch nicht einfach ein 200- Dollar- Kleid schenken! Wie würde das denn aussehen? Sie würde es sicher auch nicht einfach so annehmen, da war sich Ben sicher. Er musste sich also etwas einfallen lassen.
Plötzlich hellte sich sein Gesicht auf.
Natürlich! Die Party bei Gregory!
Ben lächelte schelmisch. Er schloss den Karton wieder und wollte ihn nach oben tragen, als ihm das Portrait seiner verstorbenen Frau ins Auge fiel.
Sein Lächeln war verschwunden, als er leise sagte:
„Nein, Maria! Du wirst mich nicht daran hindern! Sie ist ganz anders als Du – sie ist ehrlich!“

Jeany

 

 

Meg war nun schon den zweiten Tag im Büro und die Stunden vergingen ihr wie im Flug. Gestern hatte Bette ihr alles gezeigt und erklärt, und ihr schwirrte der Kopf, als sie am späten Nachmittag nach Hause kam.
Heute fiel es ihr schon wesentlich leichter sich zurechtzufinden, und sie lernte schnell.
Bette schien jedenfalls zufrieden zu sein, denn sie war inzwischen dazu übergegangen, Meg ausführlich über die Gepflogenheiten ihres Chefs Gregory Richards in Kenntnis zu setzen.
„Und ich kann Ihnen sagen, Kindchen, wenn es Krach mit Misses Richards gab, ist er ungenießbar! Hui, da kann er richtig grantig sein!“ plauderte sie vertraulich und fügte mit verschwörerischer Mine hinzu: „Und glauben Sie mir, es kracht öfter als nötig bei den beiden! Dann geht er auf Geschäftsreise und sie hüpft mit irgend einem Lover in die Kiste!“
Meg lächelte und zog scheinbar amüsiert die Stirn in Falten. Das Liebesleben von Bettes Chef interessierte sie eigentlich überhaupt nicht, sie hatte mit ihrem eigenen zu tun, sofern dieses im Augenblick überhaupt existierte.
Gestern hatte sie Ben den ganzen Tag nicht gesehen, und heute war er nach einer kurzen Begrüßung gleich in seinem Büro verschwunden. Meg sah auf die Uhr.
„Ich wird mal Kaffee kochen, damit wir die Chefetage bei Laune halten!“ meinte sie mit einem Augenzwinkern als Antwort auf Bettes Wortschwall über „Greggy“, wie diese Mr. Richards wenig respektvoll zu nennen pflegte.
Bette war ein Energiebündel, ihr Alter hatte sie zwar nicht verraten, aber Meg schätzte sie auf Mitte bis Ende 40. Die gutaussehende Blondine hatte ein überschäumendes, mitreißendes Temperament, eine Schwäche für perfektes Styling und den neusten Klatsch, den sie mit Begeisterung weitergab. Aber so verrückt sie auch zu sein schien, sie hatte doch etwas Vertrauenserweckendes an sich, sie war hilfsbereit und witzig, und sie besaß ein hohes Maß an Lebenserfahrung, was nach sieben gescheiterten Ehen nicht sehr verwunderlich schien.
Der angekündigte Kaffee motivierte Bette sofort zu einem neuen Redeschwall.
„Das ist eine gute Idee, Kleine, tun Sie das, und denken Sie daran, Ben liebt seinen Kaffee schwarz wie die Nacht, so wie seine schwarze Seele, okay Schätzchen, das war natürlich nur ein Witz, ach ja, und Greggy drei Stück Zucker und Sahne. Igitt, ich werde nie verstehen, wie man sich seinen Kaffee mit so viel Zucker verderben kann...“
In diesem Moment wurde die Bürotür aufgerissen und ein Super- Mini in hochhackigen Pumps stürmte herein, die roten Haare kunstvoll aufgesteckt.
„Guten Morgen, Tante Bette!“

Jeany

 

 

 

Meg stöhnte innerlich schmerzlich auf.
„Annie Douglas! Ein nie endender Alptraum !“ dachte sie genervt. - Tante Bette?  Auch das noch! Das konnte ja heiter werden!
„Annie!“ Bette stand auf und umarmte den Gast. Dann wandte sie sich an Meg und stellte die beiden Frauen einander vor.
Meg, das ist meine Nichte Annie. Annie, das ist...“
„Danke, wir kennen uns bereits!“ unterbrach Annie ihre Tante schroff und maß Meg mit einem giftigen Blick.
„Was tun Sie denn hier? Arbeiten Sie etwa für die Liberty Corporation?“
Meg schaltete die Kaffeemaschine ein und setzte sich wieder an ihren Schreibtisch.
„Sie wissen doch, Miss Douglas, ich lasse eben nichts aus!“ entgegnete sie herausfordernd.
Bette merkte sehr schnell, dass die beiden Frauen sich nicht gerade freundschaftlich gesinnt waren und versuchte geschickt das Thema zu wechseln.
„Was ist das eigentlich für eine Garderobe, Annie, hast Du Deinen Rock zu Hause vergessen, oder was?“ fragte sie mit missbilligendem Blick auf das übertrieben kurze Kleidchen ihrer Nichte. Annie ignorierte die Bemerkung hoheitsvoll.
„Ist Ben da?“
Bette vertrat ihr den Weg.
„Er ist in seinem Büro, aber er will nicht gestört werden, Schätzchen! Auch von Dir nicht!“
„Hör schon auf, Tante Bette, es ist wichtig!“ maulte Annie. Bette rückte keinen Zentimeter.
„Du wirst da jetzt nicht reingehen, Pupsi!“
Meg versteckte ihr Gesicht hinter einem Stapel Aktenordner, damit niemand ihr mühsam unterdrücktes Lachen angesichts dieses originellen Kosenamens bemerkte.
„Pupsi“ indessen streckte trotzig das Kinn vor.
„Ich bekomme ein Kind! Und ich will wissen, was Ben dazu zu sagen hat. Sofort!“
Mit diesen absichtlich doppelsinnig gewählten Worten schob Annie Bette energisch beiseite. Ohne anzuklopfen betrat sie Bens Büro und ließ die Tür geräuschvoll hinter sich ins Schloss fallen.
Megs Lächeln war zusammen mit jeglicher Farbe aus ihrem Gesicht verschwunden.
„Annie bekommt ein Kind von Ben?“ fragte sie ungläubig, mit angstvoll klopfendem Herzen. Bette zuckte die Schultern.
„Was soll ich sagen, Schätzchen, bei Annie ist so gut wie alles möglich. Sie liebt Ben schon lange, nur hatte ich bisher das Gefühl, das dies nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Na ja, hoffentlich geht das gut!“

Jeany

 

 

 

"Nein. Ich hab es." Meg fiel plötzlich etwas ein. "Das Kind ist natürlich von Derek und Annie will Ben nur informieren, daß er Onkel wird."

"Tut mir leid, da muss ich Sie enttäuschen," warf Bette ein. "Derek kann keine Kinder bekommen. Er ist unfruchtbar."

Meg sah sie schockiert an.

"Woher sollen sie das wissen?"

"He, Schätzchen. Schon vergessen? Ich weiß alles. Die Bewohner von Sunset Beach fürchten sich davor, daß ich eines Tages mal anfange, eine Kolumne zu veröffentlichen. Was ich selbstverständlich nie machen werde. Schließlich bin ich keine Klatschreporterin."

Meg hörte Bette nur noch mit einem Ohr zu. Sollte es tatsächlich wahr sein?

Sollte Ben fähig sein mit der Verlobten seines eigenen Bruders zu schlafen? Armer Derek. Jetzt öffnete sich die Tür wieder und Annie kam heraus. Ben sah besorgt aus.

"Wir reden später darüber, Annie. Ich versichere Dir, ich werde Dir beistehen, so gut ich kann. Das bin ich Dir einfach schuldig."

Meg stöhnte innerlich.

"Damit ist ja wohl alles geklärt", dachte sie entsetzt. Sie packte Annie beim Arm.

"Und Sie erzählen mir, ich würde nichts auslassen. Das ist ja wohl die Höhe."

Annie blickte sie scharf an. Ein Triumph war in ihren Augen zu erkennen, als sie zur Antwort ausholte.

Ben setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. Annie, Annie, sie hatte es mal wieder geschafft, sich in den tiefsten Schlamassel zu bringen. Er dachte nach. Annie und er waren schon jahrelang enge Freunde. Er wusste, daß sie vielleicht mehr für ihn empfand, aber er hatte ihr sofort klargemacht, daß für ihn nicht mehr als Freundschaft in Frage kam. Danach hatte sich Annie immer mehr mit Derek beschäftigt. Damals, als Maria starb, war sie die Einzige gewesen, die an seine Unschuld glaubte. Fast alle hatten ihn geschnitten und Annie stand ihm während dieser schweren Zeit hilfreich zur Seite, wohl wissend, daß Ben unfähig war, Maria zu töten.

"Du hast mir damals geholfen Annie. Und das vergesse ich Dir nie. Und jetzt helfe ich Dir. Das bin ich Dir schuldig."

Hickengruendler

 

 

 

"Ich weiß gar nicht wovon sie reden", gab Annie Meg trocken zur Antwort.

"Ich habe Ben nur über diese wundervolle Nachricht informiert. Ich finde, er hat ein Recht darauf, es zu erfahren. Uns beide verbindet schließlich so viel."

Annie wählte ihre Worte sehr sorgfältig. Man konnte ihr nicht vorwerfen, daß ihr während ihres Gesprächs mit Meg auch nur eine Lüge über die Lippen kam. Sie spielte nur ein wenig mit den Tatsachen.

"Ich habe heute zufällig erfahren, daß Derek unfruchtbar ist."

"Ach, und von wem..." Annie redete nicht weiter. Ein Blick auf Tante Bette und ihr war es klar. Bette schaute scheinbar desinteressiert in einige Unterlagen. Doch wer genau hinsah, erkannte, daß sie die Ohren scharf gespitzt hatte.

"Ich nehme an, Ihr Verlobter weiß nicht, daß Sie ihn betrügen."

"Und ich weiß nicht, ob Sie das auch nur das geringste angeht."

Meg wurde rot. Damit hatte Annie natürlich nicht unrecht. Verdammt nochmal, warum mussten ihr diese Evans-Zwillinge unbedingt über den Weg laufen.

Annie gab noch immer keine Ruhe.

"Ich bin sicher Ben..." Doch plötzlich verstummte sie.

Meg erkannte verwundert, daß sie weiß wie eine Wand wurde. Annies Blick hing wie hypnotisiert auf der Tür zum Fahrstuhl und Meg wandte sich nun ebenfalls dahin um. Gregory Richards war soeben herausgetreten, in der Begleitung eines anderes, jüngeren Mannes.

"Es freut mich sehr, daß Sie den Bauauftrag für uns übernehmen wollen", sagte Gregory zu dem anderen Mann. "Ich bin sicher einer erfolgreichen Zusammenarbeit steht nichts mehr im Weg, Mr Deschanel."

Hickengruendler

 

 

 

Annie versuchte blitzschnell ihre Gedanken zu ordnen.
Das war er! Ohne Zweifel, der Vater ihres ungeborenen Kindes.
Sie war nicht darauf gefasst, ihm hier zu begegnen, und sie wollte sich auch nicht zu erkennen geben, das passte momentan überhaupt nicht in ihre Pläne.
Also schnappte sie sich ihre Tasche, senkte den Kopf und mit einem gemurmelten

„Hallo Gregory...“ war sie blitzschnell im Aufzug verschwunden, in der vagen Hoffnung, dass keiner der beiden Herren sie richtig zur Kenntnis genommen hätte.
Leider war Annies ganze Erscheinung nicht so leicht zu übersehen...
Cole Deschanel bemerkte zwei Endlosbeine, die an ihm vorbeihasteten, sah rotes, aufgestecktes Haar und nahm einen verführerischen Duft wahr, der ihm irgendwie bekannt vorkam. Er drehte sich um, doch leider hatte sich die Fahrstuhltür schon geschlossen, bevor er einen Blick auf das Gesicht der Dame werfen konnte.
„Annie Douglas.“ erklärte Gregory, der Coles Blick bemerkt hatte, amüsiert.
„Normalerweise bewegt sie sich nicht so schnell.“
„Eine Ihrer persönlichen Assistentinnen?“ fragte Cole so beiläufig wie möglich, um sein Interesse zu verbergen. Gregory lachte.
„Gott bewahre mich davor! Ich liebe meine Ordnung, und Annie würde dieses Büro in Null Komma Nichts in ein Chaos verwandeln! Hab ich recht, Bette?“
Diese zog eine Grimasse und winkte nur ab.
Gregory stellte Cole die beiden Damen im Büro vor.
„Bette Katzenkazrahi, mein guter Engel, der hier alles bestens organisiert, und Meg Cummings, unsere neue Mitarbeiterin, die für alles zuständig ist, was meinen Teilhaber Ben Evans betrifft. - So,“ meinte er abschließend und legte Cole eine Hand auf die Schulter, „darf ich Sie dann in Bens Büro bitten, wo wir alle Einzelheiten noch einmal durchgehen können!“

Jeany

 

 

 

Annie lehnte an der Wand des Aufzuges und atmete tief durch.
„Mister Deschanel...“ wiederholte sie nachdenklich und strich sich zufrieden lächelnd über ihren Bauch.
„Sehr gut, dann weiß ich jetzt wenigstens, wo ich Papi finde! Und sollten wir beide ihn doch noch brauchen, dann werden wir ihn an seine Pflichten zu erinnern wissen! – Sofern sich nicht noch etwas anderes ergibt!“

Jeany

 

 

 

Während Bette den Herren ihren Kaffee servierte, versuchte Meg ihre Gedanken zu ordnen. Sie war so enttäuscht über das, was sie gehört hatte, die Tatsache, dass Ben sich aller Wahrscheinlichkeit nach mit Annie eingelassen hatte, schmerzte sie zutiefst. Vergeblich versuchte sie sich einzureden, dass sie sein Privatleben doch eigentlich gar nichts anginge, aber eine innere Stimme sagte ihr, sie stecke gefühlsmäßig schon viel tiefer in der Sache, als sie wahrhaben wolle.
Meg liebte diese dunklen Augen, die bis in ihre Seele zu sehen schienen. Er war so gutaussehend, groß, schlank und durchtrainiert, und wenn er sie so ansah, wie vor zwei Tagen bei Sonnenuntergang auf den Klippen, dann wurden ihre Knie noch nachträglich weich. So hatte sie für Tim nie empfunden. Ein völlig neues Gefühl machte sich in ihr breit, und Meg wusste nicht, ob das gut für sie war.

Jeany

 

 

 

Als alles besprochen war, lehnte Cole Deschanel sich entspannt zurück. Er war froh, diesen Auftrag bekommen zu haben, das bedeutete Arbeit für ihn und seine Crew für mindestens ein Jahr. Die Liberty Corporation galt als solides, bodenständiges Unternehmen, und Cole war sich sicher, dass er seinen neuen Arbeitgebern vertrauen konnte.
Ben Evans kannte er schon von seinem letzten Auftrag in Sunset Beach. Er machte einen ehrlichen und zuverlässigen Eindruck. Bei Gregory Richards war sich Cole nicht ganz so sicher, der hatte etwas Verschlagenes im Blick, da sollte man sich besser etwas vorsehen.
Na egal, der Vorschuss war jedenfalls angenehm großzügig.

Cole nahm einen Schluck Kaffee und lachte mit Ben über eine Bemerkung, die Gregory eben gemacht hatte, als sich die Tür öffnete und das in seinen Augen schönste Geschöpf, das ihm seit langem begegnet war, hereintrat. Die noch sehr junge Frau hatte ein frisches und herzliches Lachen, als sie Ben und Gregory mit einem Kuss auf die Wange begrüßte.
„Ben, schön Dich zu sehen. Hallo Dad!“ rief sie und flüsterte Ben etwas ins Ohr, was sich wie „und vielen Dank für Deine Hilfe!“ anhörte.
Dann wanderte ihr Blick erwartungsvoll zu Cole.
„Hallo Mister...“
„Deschanel.
Cole Deschanel.” beeilte er sich zu sagen, nachdem er aufgesprungen war und ihre Hand ergriffen hatte. Sie hatte einen überraschend festen Händedruck.
„Caitlin Richards.“
Gregory stand auf und legte besitzergreifend einen Arm um Caitlins Schultern.
„Meine Tochter besucht die Firma jetzt öfter, da sie etwas Erfahrung für ihr zukünftiges Jurastudium sammeln will. Und von wem könnte sie da mehr lernen, als von ihrem Dad!“ erklärte er stolz.
„Arbeiten Sie für die Liberty Corporation?“ erkundigte sich Caitlin interessiert und warf mit einer anmutigen Kopfbewegung ihr langes blondes Haar zurück.
Cole nickte.
„Ja, meine Baufirma arbeitet an der zukünftigen Ferienanlage mit.“ antwortete er.
Caitlin lächelte. Sie konnte den Blick gar nicht von seinem Gesicht lösen. Er sah sooo gut aus, mit seinem kurzen, schwarzen, am Stirnansatz widerspenstig abstehendem Haar und den dunklen Augen. Noch bemerkenswerter aber fand sie die beiden Grübchen auf seinen Wangen, die sich immer dann zeigten, wenn er lachte. Sein Körper war schlank und muskulös, das konnte sie sogar unter dem dunklen Anzug erkennen, und er hatte kräftige Hände. Caitlin war fasziniert.
Ein deutliches Räuspern Gregorys holte sie aus ihrem Traum.
„Ähm... Caitlin, Bette wird Dir zunächst alles zeigen, was Du zu Anfang wissen musst. Ich denke, wir sehen uns dann zum Mittagessen.“
„Okay,“ sagte sie, mehr zu Cole als zu ihrem Vater, „Wir sehen uns! Hat mich gefreut, Sie kennenzulernen, Mr. Deschanel.“
„Ganz meinerseits.“ lächelte Cole. Er sah ihr nach, wie sie hinausging und meinte dann:
„Sie haben eine sehr hübsche Tochter, Mister Richards.“
Gregory zog die Stirn in Falten.
„Ja, ich weiß!“

Jeany

 

 

 

Bette war heute schon etwas früher gegangen, denn sie hatte eine ihrer berühmt- berüchtigten Tennisstunden, auf die sie sich die ganze Woche über freute. Meg blieb deshalb etwas länger im Büro, um die restlichen Akten für Gregory einzusortieren.
Als sie fast fertig war, klingelte das Telefon.
Es war Ben.
Sie hatte ihn seit dem Vorfall mit Annie kaum noch gesehen, und kaum hörte sie seine Stimme, klopfte ihr Herz schon wieder schneller. Sie konnte sich einfach nicht dagegen wehren.
Ben hatte wichtige Unterlagen im Büro vergessen und bat Meg, auf seinem Schreibtisch nachzusehen. Als sie den Ordner gefunden hatte, bat Ben sie, für heute Feierabend zu machen und die Papiere kurz bei ihm vorbeizubringen. Er meinte, er hätte auch noch eine Kleinigkeit mit ihr zu besprechen, die nicht warten könne.
Meg schloss das Büro ab und betrat den Fahrstuhl.
Was gab es wohl Wichtiges, das nicht bis morgen Zeit gehabt hätte, überlegte sie. Bestimmt wollte er ihr die Sache mit Annies Schwangerschaft erzählen.
„Und das nennt er eine Kleinigkeit!“ dachte Meg ungehalten.

Jeany

 

 

 

Ocean Avenue 1303, das musste es sein.
Ein wunderschönes Haus, hell und freundlich, mit zwei Etagen, von denen jede eine große Veranda hatte. Von der unteren konnte man direkt auf die Strasse gelangen, und von oben hatte man ganz sicher einen traumhaften Ausblick aufs Meer.
Meg blieb einen Augenblick stehen und überlegte, wie es wohl wäre, jeden Morgen aufzuwachen und von dieser Veranda oder von einem der vier dahinter liegenden großen Balkonfenster aufs Meer hinaus zu blicken. Sogar die Sonnenuntergänge konnte man von hier beobachten...
Sie war derart in Gedanken versunken, dass sie nicht bemerkte, wie Ben aus dem Haus trat und sie amüsiert betrachtete. Er trug ein dunkles Hemd, dessen Ärmel bis zu den Ellenbogen aufgerollt waren, und hatte ganz leger die Hände in die Hosentaschen gesteckt.
„Verraten Sie mir, was Sie gerade denken?“ fragte er leise. Meg lächelte. Für einen Moment war Annie Douglas vergessen.
„Ich beneide Sie, Ben!“ sagte sie ehrlich und schaute weiter aufs Meer hinaus. „Sie können jeden Tag von Ihrer Veranda aus sehen, wie die Sonne abends im Meer versinkt...“
Sie drehte sich um und lachte.
„Verzeihen Sie bitte, aber ich habe mich noch nicht daran gewöhnt, dass das ja für Sie bestimmt nichts besonderes mehr ist.“
„Ach wissen Sie,“ antwortete Ben, und seine dunklen Augen raubten Meg fast den Verstand, „Es kommt immer darauf an, wann und mit wem man sie erlebt.“
Dann legte er einen Arm leicht um ihre Schulter.
„Kommen Sie Meg, ich würde Ihnen gerne noch den Rest meiner bescheidenen Hütte zeigen.“

Jeany

 

 

 

Ben führte Meg in ein helles, geräumiges Wohnzimmer, das auf den ersten Blick sehr einladend und gemütlich wirkte. Er lud sie ein Platz zu nehmen und bot ihr ein Glas Wein an. Während er kurz in der angrenzenden Küche verschwand, sah sich Meg staunend um.
Der Raum war modern und geschmackvoll eingerichtet und durch das riesige, dreigeteilte Balkonfenster gelangte man hinaus auf die untere Terrasse, auf der moderne gepolsterte Campingmöbel und Palmen standen. In der Mitte des Zimmers war eine helle Couchgarnitur angeordnet, und dahinter führte eine elegant geschwungene Marmortreppe nach oben. Vor dem Fenster befand sich Bens Schreibtisch, ein sicherlich wertvolles, rustikales altes Möbelstück. An der Wand nahe der Tür stand ein Kamin. Auf dem Sims darüber waren mehrere Bilder zu sehen.
Meg betrachtete die Fotos interessiert, und es fiel ihr auf, dass Ben auf keinem davon mit seinem Zwillingsbruder zu sehen war. Aber eines der Bilder weckte ihr Interesse.
Es war das Portrait einer jungen Frau. Sie war sehr hübsch, hatte braunes langes Haar und schöne blaue Augen.
„Vielleicht seine Frau Maria.“ dachte Meg und überlegte, was an dem Gesicht der Frau nicht stimmte. Es war dieses Lächeln, irgendwie wirkte es nicht echt, denn ihre Augen waren, während sie für die Kamera lächelte, argwöhnisch auf den Betrachtenden gerichtet.
„Maria, meine verstorbene Frau.“ erklärte Ben, der unbemerkt hinzugetreten war und reichte Meg ein Glas mit Rotwein.
„Eine der letzten Aufnahmen vor ihrem Unfall.“
„Was ist passiert?“ fragte Meg leise.
„Sie fuhr trotz Sturmwarnung mit dem Boot meines Bruders hinaus. Ich folgte ihr noch, konnte sie aber nicht finden.“ antwortete er mit rauher Stimme, den Blick stur auf das Bild gerichtet. „Am nächsten Morgen fand die Küstenwache das Boot auf offener See. Es war stark beschädigt, und von Maria fehlt seitdem jede Spur.“
Meg legte ihre Hand auf Bens Arm. „Das tut mir leid...“  
Er riss sich aus seinen Gedanken und sah sie lächelnd an.
„Wir wollen von etwas Angenehmerem reden, als von alten Familiengeschichten. Setzen Sie sich doch, Meg. Ich wollte gern noch etwas mit Ihnen besprechen.“
„Jetzt kommt die Sache mit Annie...“ dachte Meg, obwohl – hatte er nicht gerade gesagt, er wolle von etwas Angenehmem sprechen?

Jeany

 

 

 

Ben hob sein Glas.
„Lassen Sie uns zuerst darauf anstoßen, dass Sie sich gut in die Firma eingelebt haben“ schlug er vor und fügte dann lächelnd hinzu: „Sofern man das nach zwei Tagen überhaupt schon so sagen kann!“
Meg nickte und trank einen Schluck. Der Wein schmeckte mild und lieblich, gar nicht so wie das, was jetzt sicher folgen würde.
„Die Arbeit macht mir Spass, und Bette hat mir alles erklärt, was ich wissen muss.“ sagte sie, und Ben lachte.
„Die gute Bette hat Ihnen mit Sicherheit auch das erklärt, was Sie nicht wissen wollten!“ spielte er auf deren Hang zu den neusten Klatschgeschichten an. Meg stimmte in sein Lachen ein.
„Na ja, es hielt sich gerade noch in Grenzen!“
„Wenn Sie erst eine Weile in der Firma arbeiten, werden Sie feststellen, dass man auch jederzeit mit Überraschungen zu rechnen hat.“ meinte er.
„Allerdings...“ dachte Meg. Ben lächelte und fuhr fort:
„Die erste Überraschung folgt bereits morgen abend.“
Meg sah ihn mit großen Augen fragend an und er erklärte:
„Gregory gibt eine Party. Anlass dafür ist sozusagen die Tatsache, dass die Liberty Corporation endlich den Vertrag für den Bau der Ferienanlage unter Dach und Fach hat. Wir haben lange darum gekämpft, um dieses Großprojekt in Angriff nehmen zu können.“
„Oh!“ brachte Meg nur heraus, denn damit hatte sie nun gar nicht gerechnet.
„Keine Angst!“ lachte Ben, der ihr Zögern missverstand, „es wird ganz zwanglos!“
Meg sah ihn etwas skeptisch an.
„Etwa so zwanglos wie eine Oscar- Verleihung, nehme ich an.“ grinste sie.
“Begleiten Sie mich, Meg, und ich verspreche Ihnen, Sie müssen keine Rede halten!“ konterte Ben. Sie lachten beide.
„Okay“ nickte Meg entschlossen, „Ich begleite Sie gerne.“
Aber da war noch dieses andere Thema, das ihr unter den Nägeln brannte. Jetzt... oder nie!
„Ben...“ begann sie zögernd, doch als er sie dann so erwartungsvoll ansah, verließ sie der Mut. Hatte sie denn überhaupt ein Recht, ihn nach seinem Verhältnis zu Annie zu fragen?
„Ich... es tut mir leid, aber...  ich fürchte, ich hab nichts Passendes anzuziehen für so ein gesellschaftliches Ereignis.“ sagte sie schnell und zog ein entsetztes Gesicht. „Ich fürchte, ich muss mir morgen freinehmen und...“

Darauf hatte Ben nur gewartet.
„Keine Stunde bekommen Sie frei.“ unterbrach er sie und schüttelte den Kopf.
„Nein?“
„Nein. Ich weiß was Besseres.“
Wieder diese großen fragenden Augen. Zum wiederholten Mal spürte Ben das Bedürfnis, Meg einfach in den Arm zu nehmen. Bisher hatte er geglaubt, dieses Gefühl sei damals mit Maria untergegangen und für immer gestorben, und nun war es plötzlich wieder da, stärker denn je.
Er stand auf und lief zur Treppe.
„Einen Augenblick, Meg.“
Kurz darauf reichte er ihr einen Karton.
„Was ist das?“ fragte Meg erstaunt. Bens Augen blitzten schelmisch.
„Machen Sie`s auf.“
Meg öffnete den Karton neugierig und traute ihren Augen nicht.
„Ben...“ Fassungslos starrte sie auf den Inhalt. „Das ist... verrückt...Das kann nicht sein!“
Sie hob das Kleid in die Höhe und konnte es nicht glauben.
Ben lächelte.
„Gefällt es Ihnen immer noch?“
Meg schnappte nach Luft. „Sie... Sie haben das gekauft! – Für mich?“
Er zuckte scheinbar gleichgültig mit den Schultern.
„Was soll ich sagen, Sie sehen bezaubernd darin aus. Es ist wie für Sie gemacht!“
„Ben, das ist ein 200- Dollar- Kleid!“ versuchte sie zu widersprechen, „Sie können doch nicht...“  Er legte den Finger an die Lippen und meinte mit gespielt unschuldigem Blick:
„Ich hab es doch nur für mich getan! Ich bin furchtbar eitel, und ich wollte sichergehen, dass ich zur Party auch ganz bestimmt das schönste Mädchen von Sunset Beach an meiner Seite habe!“
Meg sah ihn lächelnd an. Dann trat sie plötzlich einen Schritt vor und küsste ihn sanft auf die Wange.
„Danke Ben, vielen Dank!“

Jeany

 

 

 

Als Ben und Meg das Haus verließen und am Strand entlang Richtung Surf Central gingen, wurden sie von drei Augenpaaren argwöhnisch beobachtet.

„Sieh mal an, Ben, hast Du Dir den kleinen Sonnenschein schon geangelt! Das ging ja schnell.“ dachte Annie Douglas mit bösem Lächeln, während sie den beiden vom Fenster ihres Schlafzimmers aus nachblickte. Ihre Augen wurden zu schmalen Schlitzen, als sie leise sagte:
„Er wird Dir kein Glück bringen, Du Miststück, wenn ich ihn schon nicht bekommen konnte, soll ihn auch keine andere haben!“

Tim Truman war Meg schon vom Büro aus heimlich gefolgt und hatte ein Stück entfernt gewartet, bis sie wieder auftauchte. Dieser Kerl war bei ihr, ihr neuer Chef. Tim mochte ihn auf Anhieb nicht leiden. Er sah zu gut aus und Meg schien ihn gern zu mögen...
Tim schüttelte den Kopf. Wie konnte er nur so dumm sein, sie so einfach gehen zu lassen!
„Ich werde Dich zurückbekommen, Meg, Du gehörst nicht hierher. Ich werde um Dich kämpfen, mit allen Mitteln, das schwöre ich Dir!“

Auf dem Balkon seines Hauses stand Derek und schaute zum Strand hinunter. Einträchtig schlenderten Ben und Meg am Wasser entlang und schienen von ihrer Umwelt gar nichts wahrzunehmen, so waren sie in ihr Gespräch vertieft.
„Verdammter Bastard!“ zischte Derek wütend. „Das wirst Du mir büßen!“
Ein finsterer Plan spukte schon seit Tagen in seinem Kopf herum und begann langsam Gestalt anzunehmen.
„Vergiss ihn, kleine Meg, denn wenn alles klappt, wird er Dich auch bald vergessen haben.“

Jeany

 

 

 

Meg Cummings schwebte wie auf Wolken, als sie ins Surfcenter zurückkam. Ben hatte sie noch bis vor die Tür gebracht. Er küsste sie auf die Wange, so dicht wie möglich bei ihrem Mund.

"Ich freue mich schon darauf, wenn wir uns morgen wieder im Büro sehen. Und natürlich auf der Partie." Mit diesen Worten verabschiedete er sich von ihr und Meg sah ihm verträumt hinterher. Was kümmerte sie Annie Douglas? Ben war derjenige der zählte, nur Ben. Sie war noch in Gedanken, als sie plötzlich eine Stimme hörte:

"Na, hattest Du einen schönen Tag." Es war Rae.

"Oh ja, herrlich, Ben ist so charmant."

"Ben? Ben Evans?"

"Nein, Rae nicht. Ich weiß was Du sagen willst. Von Gabi und Ricardo musste ich mir das auch schon anhören, aber Ben.."

"Ruhig Meg, Du brauchst mir gar nichts zu sagen. Ich war nur überrascht, das ist alles. Aber ich kenne Ben Evans viel zu wenig, um irgendwie über ihn zu urteilen. Überhaupt, kümmere Dich nicht um die anderen. Dein Gefühl zählt."

Meg war erleichtert. Rae war die erste, die sie in dieser Hinsicht ermutigte.

"Er hat mich auf eine Party eingeladen, bei Gregory Richards."

"Wirklich", meinte Rae. "Meg, das ist ja wundervoll. Da gehe ich auch hin."

"Was?"

"Ja, Gregory Richards hat mich heute Nachmittag angerufen und mir gesagt, daß sein Geschäftspartner darauf besteht, daß ich auf die Party komme."

"Ach", nun war Meg neugierig. "Und wer ist dieser seltsame Geschäftspartner?"

Rae zuckte mit den Schultern.

"Keine Ahnung. Das soll geheim bleiben. Soll wohl eine Überraschung werden."

"Das ist ja noch ein Grund zu kommen", meinte Meg lächelnd. "Ich muss unbedingt als eine der Ersten wissen, wer das ist."

Hickengruendler

 

 

 

Es war einer dieser Morgen, die Olivia Richards hasste.

Selten war es der Fall, daß die ganze Familie Richards zusammen am Frühstückstisch saß, heute war so eine Ausnahme, aber anstatt das Frühstück zu genießen, war die Stimmung auf dem Nullpunkt.

Sean saß mit trotziger Mine am Frühstückstisch und redete kein Wort. Olivia seufzte, sie kannte den Grund. Sie und Gregory waren es gewesen, die Seans Freundin Tiffany damals aus der Stadt vertrieben. Nachdem Sean das herausgefunden hatte, brach er völlig mit seinen Eltern. Nur Caitlin zuliebe, die ihn darum bat, lebte er überhaupt noch im Haus. Auch seine schulischen Leistungen litten darunter, nicht daß Sean ein schlechter Schüler gewesen wäre, ganz im Gegenteil. Er besaß den hellwachen Verstand seines Vaters, aber seit Tiffanys Abschied viel er immer öfters negativ auf. Was für ein Glück, daß er nicht von der Schule geflogen ist, so kurz vor seinem Abschluss. Auch seine neue Freundin Amy konnte nur bedingt was daran ändern. Zwar war er seitdem er sie traf wieder etwas glücklicher, aber seinen Eltern konnte er nicht verzeihen.

Amy- allein bei dem Gedanken an sie standen Olivia die Haare zu Berge. Eine furchtbar ordinäre Person. Aber Sean zuliebe wollte sie das Mädchen akzeptieren, einen noch tieferen Bruch mit ihrem Sohn wollte sie nicht riskieren.

Sean Richards schwankte innerlich. Einerseits war er in gewisser Weise erleichtert, nicht von der High School geflogen zu sein, aber er wusste, daß er es verdient hätte zu fliegen, oder zumindest durch die Prüfung zu fallen. Wer bei einer dermaßen wichtigen Prüfung schummelt. Nicht, daß er das nötig gehabt hätte. Sean konnte die Aufgabe ohne weiteres lösen. Aber er wollte schummeln, und er wollte erwischt werden. Das hatte er absichtlich so eingefädelt. Ja, er hoffte sogar, von der Schule zu fliegen. Wieviel hatte er in letzter Zeit angestellt, um zu fliegen, aber nichts half. Gregorys Einfluss brachte ihn immer wieder durch. Seans größte Angst war es, eines Tages so zu werden wie sein Vater. Er wollte jeden Schritt, der in diese Richtung ging, unterbinden. Darum war er in letzter Zeit absichtlich immer negativ aufgefallen. Freilich gab es noch einen anderen Grund. Er wusste, daß sein Vater sich über ihn ärgerte, nun ja, dann wollte er ihm auch wenigstens Gründe dafür liefern. Inzwischen hatte Sean seine Kurzschlussreaktionen überdacht. Er war fähig die High School als einer der besten zu bestehen, daß wollte er sich doch nicht nehmen lassen. Das war schließlich seine Leistung und nicht die seines Vaters. Aber danach sollte etwas anderes kommen. Kein Jurastudium, wie Gregory es sich vorstellte, nein irgendwas anderes. Raus aus Gregorys Fußstapfen.

Hickengruendler

 

 

 

Auch Gregory hing seinen Gedanken nach. Caitlin - ihm war sofort aufgefallen, daß sie ein Auge auf Cole Deschanel geworfen hatte. Das gefiel Gregory nicht. Ein Bauarbeiter war viel zu schlecht für seine Tochter- jeder Mann war viel zu schlecht für seine Tochter. Unglücklicherweise kam Deschanel auch noch auf die Party heute Abend. Caitlin hatte ihn eingeladen. Und da hätte Gregory schlecht ablehnen können, vor allem, weil er ja auch in das Bauprojekt involviert ist. Gregory verzog säuerlich die Miene. Ihm reichte es schon, daß er Amy heute Abend ertragen musste. Wahrscheinlich würde sie wieder alles versuchen, um dazuzugehören, etwas was dieser Spinatwachtel nie gelingen würde. Gregory fragte sich immer wieder, was sein Sohn wohl an ihr fand. Aber seine Gedanken schweiften zu Cole Deschanel zurück. Er war das größere Problem. Was Sean machte, war ihm relativ egal, außerdem war jede besser als diese Schmarotzerin Tiffany. Aber er würde es nicht zulassen, daß sich Cole Deschanel zwischen ihn und Caitlin drängt – niemals!

Hickengruendler

 

 

 

Die Einzige, die sich von der trüben Stimmung am Tisch nicht anstecken ließ, war Caitlin. "Daddy, der Mann der Ben engagiert hat, ist ein Glücksgriff. Da bin ich sicher."

"Oh ja, ich vermute, daß er seine Fähigkeiten hat."

"Ich bin froh, daß Du mir erlaubt hast, ihn einzuladen."

Gregory grunzte etwas Unverständliches. Erlaubt war wirklich das falsche Wort. Caitlin hatte ihn vor vollendete Tatsachen gestellt, da konnte man kaum etwas machen.

"Da fällt mir ein, ich muss nochmal weg."

Caitlin sprang auf.

"Irgendwas für die Party kaufen. Was schickes zum Anziehen."

"Du hast doch das Kleid, daß ich Dir Weihnachten geschenkt habe?"

"Oh Daddy, der alte Fetzen." Caitlin Richards hatte viele gute Seiten. Sie war herzlich, freundlich und hilfsbereit. Aber sie war auch verschwenderisch. Vielleicht lag es daran, daß sie immer alles bekommen hatte, was sie wollte.

Caitlin stand auf und machte die Tür hinter sich zu. Sean hatte seine Sprache wiedergefunden.

"Das passt Dir nicht, was?", meinte er bissig.

"Ich habe keine Ahnung, wovon du redest."

"Ach komm. Tu doch nicht so. Du ärgerst Dich, daß sich bei Caitlin mal nicht alles um Dich dreht. Tja, Dein kleines Mädchen wird erwachsen. Find Dich damit ab."

Olivia grinste. Gregory bemerkte, daß sie vollkommen Seans Meinung war.

"Caitlin wird immer mein kleines Mädchen bleiben, merkt Euch das."

Er wandte sich an Sean.

"Ich nehme an, Deine reizende Freundin wird Dich heute Abend begleiten?"

Sean grinste innerlich. Ihm gefiel es, daß seine Eltern Amy nicht leiden konnte. Das machte sie um so interessanter für ihn. Eigentlich hatte er nicht vor, zu kommen. Amy hatte ihn angefleht, wollte mal sehen, wie es in der High Society so ist. Aber Sean hatte ihr versichert, daß es furchtbar sei. Aber wenn er die Dinge so betrachtete, es würde seinem Vater wohl nicht passen, wenn Amy mitkäme.

"Selbstverständlich kommen wir, Daddy. Amy freut sich schon riesig auf ein Gespräch mit Senator Blythe."

Gregory verzog vielsagend die Stirn.

Hickengruendler

 

 

 

Mark war heute schon zeitig im Deep um aufzuräumen. Gestern abend war ganz schön was losgewesen, und als die letzten Gäste die Bar verlassen hatten, war es bereits nach Mitternacht. So hatte er nur noch die Einnahmen in den Bürosafe geschlossen und die Stühle hochgestellt. Heute nun gab es noch jede Menge Gläser, die nachpoliert werden mussten und auch die Getränkebestände wollte er kontrollieren und nachbestellen.
Mark seufzte. Gläserpolieren gehörte nicht gerade zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Wenn Derek doch endlich jemanden finden würde, der hier aushalf. Ein tüchtiger Hilfskellner wäre Gold wert. Aber bisher hatte sich niemand auf die Zeitungsanzeige im "Sentinel" gemeldet. Und dabei wäre die Stelle nicht mal so schlecht bezahlt! Aber es lag wohl mehr an Dereks zweifelhaftem Ruf, dass sich zumindest keine Dame nach dem Job gefragt hatte.
Derek... Mark wunderte sich heute sowieso über seinen Chef. Sonst erschien er nie vor dem Mittag im Deep, aber vorhin stand sein Wagen vor der Tür. Er war oben in seinem Büro, und er schien Besuch zu haben, denn Mark hatte vorhin Stimmen gehört.
Mit wem machte Derek so früh schon Geschäfte?

Es dauerte nicht lange, und die Tür zum Büro wurde geöffnet.
Mark traute seinen Augen nicht. Das war doch Eddie Connors, dieser schmierige, korrupte Ex- Polizist, der jetzt angeblich irgendwo in der Nähe ein eigenes Detektiv- Büro aufgemacht hatte und andauernd in Sachen herumschnüffelte, die ihn eigentlich nichts angingen.
Was hatte sein Chef denn mit dem zu schaffen? Das konnte fast nichts Gutes sein.
Mark beobachtete misstrauisch, wie Eddie die Treppe herunter und in Richtung Bar kam.
"Mark, mein Freund, schenk mir einen Tequilla ein!"
"So früh am Morgen, Mister Connors?" meinte Mark erstaunt.  "Was sagt Ihr Magen dazu?"
Eddie lachte nur und winkte ab. "Den frag ich gar nicht erst. Los, gieß ein, ich hab was zu feiern."
Derek, der hinzu getreten war, nickte Mark unmerklich zu.
"Einen Drink, Eddie, und dann möchte ich, dass Sie anfangen, was für Ihr Geld zu tun. - Sofort!"
Eddie nickte grinsend, doch als er das Blitzen in Dereks dunklen Augen sah, wurde er schlagartig ernst. Er kippte seinen Tequilla in einem Schluck hinunter, deutete einen kurzen Gruß an und verschwand.
Mark räusperte sich kurz und sagte dann vorsichtig:
"Es geht mich zwar nichts an, mit wem Sie Geschäfte machen, Derek, aber nehmen Sie sich vor ihm in Acht. Er ist gefährlich!"
"Das bin ich auch..." dachte Derek. Er schob Eddies Glas in Marks Richtung und antwortete:
"Ganz recht, es geht Dich nichts an. Aber trotzdem, keine Angst, ich weiß schon, was ich tue."

Jeany

 

 

Marc war weiter mit dem Wegräumen der Gläser beschäftigt. Derek setzte sich an einen Tisch im "Deep" und füllte einige Rechnungen aus. Marc hatte recht. Eddie Connors konnte gefährlich sein, und war obendrein dumm. Aber er konnte auch sehr nützlich sein. Für Geld würde er alles tun. Und er brauchte jemanden, der skrupellos und gierig genug war, seinen Plan auszuführen, ohne groß nachzufragen.

Er lächelte teuflisch. Das einzige Problem war, daß man sich auf Eddie Connors nicht verlassen konnte. Er brachte es fertig, die Sache noch zu vermasseln. Aber wenn alles gutging, würde das Problem mit Ben bald ein für allemal aus der Welt geschafft sein.

Hickengruendler

 

 

 

Das Handy klingelte. Derek nahm ab.

"Ja?"

"Derek", hörte er Annies Stimme an der anderen Seite der Leitung. "Weißt Du eigentlich, was Du für ein Glückspilz bist?"

"Wieso?"

"Du darfst mich heute Abend ausführen. Ich bin von Gregory auf eine Party eingeladen worden. Na, was meinst Du?"

"Tut mir leid, Annie, dafür ich habe ich nun wirklich keine Zeit, ich muss arbeiten." "Arbeiten, ha, dass ich nicht lache! Aber gut dann eben nicht."

Unmittelbar darauf war die Leitung auf der anderen Seite tot.

Annie hatte ganz Recht gehabt. Derek hatte sie angelogen. Er hatte für diesen Abend schon etwas anderes vor. Ein Rendezvous mit Meg Cummings.

"Wir gehören zusammen Meg. Das Schicksal hat das so bestimmt. Und heute abend wird der erste Schritt gemacht."  

"Marc!", rief er. "Bringst Du mir bitte ein Wasser."

Marc erschien kurz darauf an Dereks Tisch und stellte das Wasser neben ihm ab.

"Ach, Marc, könntest Du mir heute abend einen Gefallen tun?"

"Kommt darauf an, welchen."

"Würdest Du Meg heute Abend unter einem Vorwand zum Strand bringen? Es soll eine Überraschung sein."

Marc betrachtete Derek kritisch und unsicher.

"Soll das ein Treffen oder so sein?"

"Ganz recht. Ich habe vor, mich heute abend mit Meg Cummings zu treffen. Aber dazu brauche ich jemanden, der sich als Bote ausgibt. Auf meine Einladung wird sie wohl kaum reagieren."

"Ich bin sicher, Annie wäre darüber begeistert."

"Was Annie nicht weiß, macht Annie nicht heiß. Also, machst Du mit?"

"Tut mir leid, das werde ich ganz bestimmt nicht."

"Ach, und wieso nicht?"

"Zum einen, weil ich es nicht will, und außerdem ist Meg für heute abend schon verabredet."

"Ach, und mit wem?"

"Mit Ben. Sie gehen zusammen auf eine Party bei Gregory."

Ein Blick in Dereks Gesicht, und Marc lief ein Schauer über den Rücken.

Offenbar versuchte Derek verzweifelt, soeben eine starke Emotion zu verbergen. Es war entweder Liebe oder Hass, Liebe zu Meg, und Marc war sich sicher, daß Derek zu echter Liebe nicht fähig war. Dann konnte es nur Hass sein, Hass auf Ben.

"Ach so, Ben." Derek sagte das zu betonungslos. "Mein Bruder mal wieder. Hat wohl nicht sollen sein. Ich wünsche den beiden für heute abend viel Spaß, richte es ihnen doch bitte aus."

Nun wurde es Marc noch unheimlicher. Es passte nicht zu Derek, so einfach nachzugeben.

Derek kehrte in sein Büro zurück, wo er erneut zum Handy griff und wählte.

"Annie Douglas", meldete sich Dereks Verlobte an der anderen Seite der Leitung.

"Annie? Ich bin es. Ich habe es mir überlegt. Die Arbeit kann warten. Ich werde doch mit zur Party kommen. Könnte ganz lustig sein."

Hickengruendler

 

 

 

Gabi und Meg saßen am Nachmittag auf Raes Bett und inspizierten mit ihr gemeinsam kritisch den Inhalt ihres Kleiderschrankes. Die Richards- Party forderte ihren Tribut - nichts war gut und fein genug, Rae zog sich an die hundertmal um, kombinierte, probierte, stöhnte und fluchte sogar, was man sonst nur ganz selten von ihr hörte und kam dann zu dem überraschenden Schluss: „Ich hab nichts anzuziehen!“
Neben dem Bett auf dem Fußboden häuften sich in wirrem Durcheinander Kleider von Meg und Gabi, „Alternativ- Garderobe“, wie Gabi sie scherzhaft nannte, aber auch die erfüllten Raes Ansprüche nicht.
Entnervt ließ sie sich neben den Freundinnen aufs Bett fallen.
„Wenn mir nicht sofort was einfällt, bekomme ich einen hysterischen Anfall!“ stöhnte sie.
„Wieso haben die mich überhaupt eingeladen?“ Sie rollte mit den Augen. „Reine Schikane!“
Gabi lachte. „Du bist die Hausärztin der Familie Richards!“
„Nein, das ist es nicht.“ wehrte Rae ab. „Gregory sagte, sein neuer Geschäftspartner oder Investor hätte darum gebeten, mich einzuladen. Ich kann mir nicht vorstellen, wer das sein soll.“ grübelte sie. „Weißt Du was über ihn, Meg?“
Die schüttelte nur den Kopf. „Mir ist nur bekannt, dass Ben ihn neulich an dem Nachmittag in L.A. getroffen hat. Sein Name wurde nicht genannt. Er muss aber sehr einflussreich sein, denn Gregory spricht fast ehrfürchtig von ihm.“
Rae zuckte die Schultern. „Ich lass mich überraschen, falls ich überhaupt nachher dorthin gehe, ohne Kleid, ohne Begleitung...“
„Casey!“ riefen Meg und Gabi wie aus einem Munde und lachten.
Wie auf Bestellung klopfte es an die Tür.
„Habt Ihr mich gerufen?“ fragte Casey und grinste, angesichts der Tatsache, das Raes Zimmer wie ein türkischer Basar aussah.
Rae stand auf und begann um ihn herumzuschleichen, wie eine Katze auf Beutezug.
„Casey...“ schnurrte sie, während Gabi und Meg vor Lachen fast platzten.
„Oh nein“ hob er abwehrend die Hände, „ich werde Dir bestimmt nicht beim Aufräumen helfen!“
„Casey... würdest Du mich heute abend auf die Party von Gregory Richards begleiten?  Bitte..!“
Sein gutaussehendes Gesicht hellte sich auf.
„Klar, gerne!“ er stutzte und sah Rae misstrauisch an. „Wo liegt das Problem?“
Sie zog eine Grimasse.
„Ich hab nichts anzuziehen!“
Casey strahlte sie an. „Also wenn`s weiter nichts ist!“ Drei erwartungsvolle Augenpaare schauten ihn groß an.
„Na ja“ grinste er, „Ich leih Dir gerne einen Anzug von mir!“

Jeany

 

 

Ben stand unten im gemeinsamen Wohnzimmer der Surf Central Gang und unterhielt sich mit Casey, während er auf Meg wartete. Er trug einen dunklen Anzug, der ihm hervorragend passte.
Casey erklärte gerade, dass er mit Rae in einer halben Stunde nachkommen würde, da sie noch ein kleines Problem mit ihrem Kleid zu klären hätte, als Meg die Treppe herunterkam.
Die beiden Männer unterbrachen ihr Gespräch und starrten sie bewundernd an.
Sie war nur dezent geschminkt, was ihr hervorragend stand, und Gabi hatte ihr das dunkle Haar kunstvoll hochgesteckt. Kleine goldene Creolen schmückten ihre Ohren, und um den Hals trug sie eine dünne goldene Kette mit einer tränenförmigen Perle als Anhänger. Das dunkelblaue Seidenkleid umschmeichelte ihre schlanke Figur und schien wirklich wie für sie gemacht.
Casey fand als Erster seine Sprache wieder.
„Wow, Meg! Bist Du das?“ Meg lachte verlegen, als ihr Mitbewohner zur Treppe kam, ihr galant seinen Arm anbot und sie zu Ben hinüberführte.
„Miss Cummings, darf ich Ihnen Ihren Begleiter für den heutigen Abend vorstellen?“
Ben sah sie nur bewundernd an und sagte dann leise:
„Sie sehen so bezaubernd aus, Meg!“

Jeany

 

 

 

Die Party bei den Richards hatte bereits begonnen, als Ben und Meg eintrafen. Das Haus strahlte in seinem schönsten Glanze, die gute Rose hatte sich unter Olivias strenger Regie selbst übertroffen und auch den verstecktesten Winkel auf Hochglanz poliert, die Kellner vom Partyservice flitzten geschäftig hin und her und im Hintergrund bemühte sich ein eigens dafür engagierter D.J. um diskret beschwingte Tanzmusik. Die erlesene Abendgarderobe der anwesenden Damen war ein Thema für sich, bei den meisten war viel Geld im Spiel, aber nicht alle waren bei der Wahl ihres Kleides gut beraten worden.
Seans Freundin Amy zum Beispiel wirkte in ihrem hautengen Stretch- Mini etwas deplatziert, und die Gattin von Senator Blythe zupfte ständig an ihrem etwas zu tief geratenem Rüschenausschnitt, der ihren gewaltigen Busen noch extra betonte, anstatt ihn zu kaschieren.
Olivia Richards dagegen hatte wieder einmal bei der Wahl ihrer Kleidung exzellenten Geschmack bewiesen. Wie eine Königin schritt sie in ihrem burgunderfarbenem, bodenlangen Kleid aus feinster Seide und ihrem dazu passenden erlesenen Brillantschmuck von einem Gast zum anderen, das glänzende schwarze Haar kunstvoll mit Diamantnadeln aufgesteckt und immer ihr reizendstes Lächeln auf den perfekt geschminkten Lippen. Sie war die perfekte Gastgeberin.
Caitlin trug ein jadegrünes Kleid mit dünnen Spagettiträgern und weitschwingendem Rock.
Die Farbe stand ihr ausgezeichnet und ihre Augen strahlten an diesem Abend mit ihren zierlichen Diamantohrsteckern um die Wette. Seit Cole Deschanel unter den Partygästen weilte, schien sie wie auf Wolken zu schweben. Er hatte ihr schon bei der Begrüßung ein charmantes Kompliment gemacht und schaute immer wieder interessiert zu ihr herüber, während er sich angeregt mit einigen Herren aus der Baubranche unterhielt.
Gregory gab sich heute ganz als höflicher, weltgewandter Gastgeber, mit stetig freundlichem Lächeln wanderte er umher, beteiligte sich mit Interesse an den Gesprächen seiner Gäste und zeigte sich sogar seiner Gattin gegenüber aufmerksam und liebevoll. Wer aber genauer hinsah, bemerkte, dass seinen ständig wachsamen, herumwandernden Blicken nichts entging.
Es war wie immer: Gregory hatte die Kontrolle über das ganze Geschehen.

Jeany

 

 

 

 

Er eilte auf Ben und Meg zu, begrüßte sie beide herzlich und winkte einem der Kellner.
„Champagner!“ ordnete er an und nahm Megs Arm.
„Sie sehen phantastisch aus, meine Liebe! Fühlen Sie sich bitte ganz wie zu Hause!“  
„Danke Gregory“ antwortete Meg, sichtlich beeindruckt von dem Trubel hier und schaute sich dann hilfesuchend nach ihrem Begleiter um, als Gregory sie mitten unter die Gäste führte. Ben jedoch war schon von einigen Bekannten entdeckt und sofort in ein Gespräch verwickelt worden.
„Na das kann ja heiter werden...“ dachte Meg und war froh, als sie Caitlin am anderen Ende des Raumes entdeckte.
„Ich möchte Ihnen meine Frau vorstellen, Meg“ sagte Gregory und wies galant lächelnd auf die Dame, die vor ihnen stand. „Olivia Richards, das Juwel in meinem Haus. – Olivia, darf ich Dich mit Meg Cummings bekannt machen, sie ist Bens neue persönliche Assistentin in der Firma.“
Die beiden Frauen reichten sich die Hand.
„Eine wunderschöne Frau!“ dachte Meg. „Aber sie wirkt unglücklich, obwohl sie lächelt.“
„Freut mich, Sie kennenzulernen, Miss Cummings.“ sagte Olivia liebenswürdig. „Wie ich hörte, sind noch nicht allzu lange in Sunset Beach?“
Meg lächelte. „Nein, erst ein paar Tage, Misses Richards, aber ich muss sagen, es gefällt mir sehr gut hier.“
Olivia legte ihre Hand vertraulich auf Megs Arm und meinte:
„Lassen wir doch die Förmlichkeiten, bitte nennen Sie mich Olivia.“
„Sehr gern, also ich bin Meg.“
Olivia nahm zwei Gläser mit Champagner vom Tablett eines Kellners, reichte Meg ein Glas und meinte, während sie ihr zuprostete:
„Mögen Ihre Wünsche in Erfüllung gehen, Meg – hier in Sunset Beach!“
Während Meg nur an ihrem Glas nippte, trank Olivia ihres mit einem Zug fast aus.

„Meg! Schön, dass Du da bist!“ Das war Caitlin. Sie hakte sich bei Meg ein und zog sie mit einem kurzen „Entschuldige uns bitte, Mum!“ mit sich davon. Sie gingen hinaus auf die Terrasse.
„Hast Du ihn gesehen, Meg?“ sprudelte sie los. „Er ist da, und er sieht sooo gut aus!“
„Wen meinst Du?“ fragte Meg amüsiert.
„Cole Deschanel!“
„Ach, der Bauauftrag!“
„Bauauftrag!“ schnaubte Caitlin entrüstet. Dann lachte sie schelmisch und verdrehte die Augen. „Er ist garantiert... der Vater meiner zukünftigen Kinder!“
„Hey“ lachte Meg, „Dich hat`s ja richtig erwischt! – Übrigens,“ sie wies mit einer unauffälligen Kopfbewegung zur Terrassentür, „da kommt er geradewegs auf uns zu. Soll ich verschwinden?“
Caitlin riss die Augen entsetzt auf.
„Ja... nein... ich weiß nicht...“
„Hallo die Damen! Darf man stören?“ lächelte Cole unwiderstehlich. Caitlin fuhr herum.
„Mister Deschanel! Freut mich, dass Sie auch hier sind.“
Sie suchte krampfhaft nach den richtigen Worten.
„Ist es Ihnen auch zu heiß da drin?“ fragte sie schließlich etwas unbeholfen.
Cole lächelte immer noch, und die Grübchen auf seinen Wangen waren einfach zu süß.
„Eigentlich wollte ich Sie fragen, ob Sie mit mir tanzen würden.“ sagte er zu Caitlin und wandte sich dann höflich an Meg:
„Wenn es Ihnen nichts ausmacht!“
Meg schüttelte den Kopf und meinte:
„Nein, überhaupt nicht. Viel Spass Ihr beiden!“
Caitlin zwinkerte ihr vielsagend zu, als sie an Coles Arm hinausschwebte.
Meg trat an das Geländer der Veranda, sah in den Garten und überließ sich ihren Gedanken...

Jeany

 

 

Nun kam Ben auf sie zu, und da fiel Meg plötzlich etwas ein.

"Ben, da ist etwas, was ich Sie fragen wollte."

"Ja", sagte er ermunternd.

"Wie ist eigentlich der Name dieses Investors aus Los Angeles?"

"Des Investors aus Los Angeles? Das ist Mr Young. Da drüben steht er."

Er nickte Wei-Lee Young, der sich gerade im Gespräch mit Senator Blythe befand, aufmerksam zu, und dieser erwiderte den Gruß.

"Wissen Sie, ob er irgendwie mit Rae bekannt ist?"

"Mit Rae Chang? Nein keine Ahnung. Warum fragen Sie?"

"Er hat wohl bei Gregory Richards darauf bestanden, daß Rae auch eingeladen wird."

Ben zuckte mit den Schultern.

"Nun, ich nehme an, dann werden sich die beiden wohl kennen."

Damit sollte er recht behalten. In diesem Augenblick betraten Rae und Casey das Haus, und wurden von Gregory und Olivia Richards begrüßt. Meg bemerkte, wie sich kurz darauf auch Wei-Lee Young zu den beiden gesellte.

"Guten Abend, Rae," sagte er. "Schön Dich mal wieder zu sehen, nach so langer Zeit." "Wei-Lee, das ist ja eine Überraschung." Die beiden umarmten sich.

"Darf ich bekannt machen, Casey Mitchum, Wei-Lee Young."

Die beiden Männer reichten sich höflich die Hände, doch keiner von ihnen schien über die Anwesenheit des anderen sonderlich glücklich zu sein.

Hickengruendler

 

 

 

Zur selben Zeit stellte Mark im Deep gerade die letzten Stühle hoch, als er eine Gestalt die Treppe hinunterkommen sah.

"Entschuldigen Sie, aber wir schließen in wenigen Minuten," sprach er die Person an.

"Ist schon okay," entgegnete der Angesprochene, "ich dachte ich hätte noch ein Bier trinken können, aber wenn nicht ..."

Mark versuchte im Halbdunkel die Person zu identifizieren, aber sowohl Stimme als auch Erscheinung erschienen ihm fremd.

"Kennen wir uns?," fragte er deshalb. Der Fremde kam die Treppe hinunter, und Mark sah in das Gesicht eines jungen, blonden Mannes, nicht viel älter als er.

"Nein, ich bin neu in der Stadt," der junge Mann streckte ihm die Hand hin.

"Tim Truman, ich kommt aus Kansas!"

Mark überlegte kurz. Kam Meg nicht auch daher?

"Willkommen in Sunset Beach, Tim!", begrüßte er den Neuankömmling. "Ich bin Mark Wolper!"

Die beiden lächelten sich freundlich an.

"Komm, ich spendier' Dir noch ein Bier, und dann kannst Du mir erzählen, was Dich hierher getrieben hat."

Mona

 

 

 

Mark ging hinter den Tresen und schenkte Tim ein Bier ein, was dieser auch gleich zur Hälfte leerte.

"Danke, Mann, das hab' ich echt gebraucht!" Er sah Mark grinsend an.

"Du willst wissen, was mich nach Sunset Beach führt," er stoppte kurz. Sollte er Mark erzählen, daß er seiner Verlobten gefolgt war? Er entschied sich für eine halbherzige Wahrheit.

"Ich bin der Liebe meines Lebens gefolgt, aber leider hat sie einen anderen gewählt."

Er zuckte mit den Schultern. Das Bild von Meg und ihrem gutaussehenden, attraktiven Chef ging ihm nicht aus dem Kopf. Er war überzeugt davon, daß sie etwas mit ihm hatte! Das er schon vorher nicht treu gewesen war, verschwieg er wohlweislich.

Mark sah ihn mitleidig an.

"Ja, das kenne ich, " sagte er, während er an Tiffany dachte. "Manche Frauen haben einen eigenartigen Geschmack."

Tim schaute ihn überrascht an.

"Wohl auch eine schlechte Erfahrung gemacht, was?"

Mark schluckte. Er wollte nicht mehr über Tiff nachdenken.

"Ja, ist aber schon lange her."

"...und nun suche ich dringend eine Arbeit," fuhr Tim fort. Mark horchte interessiert auf. "Mensch, Tim, da habe ich DEN Job für Dich!" Zufrieden grinste er ihn an.

"Ich suche noch dringend jemanden, der mir hier im Deep unter die Arme greifen kann, und die Bezahlung ist auch nicht schlecht. Na, was sagst Du?!" Erwartungsvoll sah er Tim an. Der rieb sich innerlich die Hände. Das klappte ja prima! Erst fand er Meg, dann einen Job, und alles weitere würde sich auch schon finden.

"Einverstanden!" Er ergriff Marks Hand und schüttelte sie.

"Natürlich muss ich noch meinen Chef fragen, ob Du hier anfangen kannst, aber da wir schon seit Wochen händeringend jemanden suchen, wird er Dich mit Kusshand nehmen!" Mark grinste bei der Vorstellung, wie Derek darauf reagieren würde, und er, Mark, hatte endlich eine Entlastung. Er schaute auf die Uhr.

"Mein Chef ist heute leider nicht da. Er ist auf einer Party der High Society." Mark rollte mit den Augen. "Aber morgen sage ich ihm gleich Bescheid. So, und nun muss ich den Laden wirklich dicht machen, sonst bekomme ich Ärger. Komm morgen früh vorbei, dann kannst Du mit meinem Chef alles weitere klären."

Tim sah ihn fragend an.

"Sag' mal, wie heißt eigentlich Dein Chef?"

"Ach, hatte ich das nicht erwähnt, er heißt Derek Evans ...!"

Mona

 

 

 

Ben gehörte zweifellos zu den gefragtesten Gästen dieser Party. Meg hatte bisher kaum ein Wort mit ihm wechseln können, da wurde er schon wieder weggerufen.
Sie lächelte resigniert. "Was hast Du erwartet, Meg?" fragte sie sich, "schließlich ist er einer der Firmenchefs. Den hat man an so einem Abend eben nicht für sich allein."
"Na schöne Frau, auch so allein?" fragte Casey und lehnte sich neben sie an die Brüstung der Terrasse. Er sah auch nicht gerade glücklich aus.
"Hey, was ist los? Du siehst aus, als hättest Du einen Geist gesehen!" versuchte Meg ihn aufzumuntern. Casey lachte bitter.
"Ja, hab ich auch. Einen Geist aus Raes Jugendtagen!"
Meg sah ihn fragend an, und er erzählte ihr, dass der Investor der Liberty Corporation Raes langjähriger Freund und, wie er seit einigen Minuten wusste, auch ihr ehemaliger Verlobter war.
"Ach deswegen hat Mister Young Gregory gebeten, sie heut abend einzuladen!" kombinierte Meg. Sie legte Casey eine Hand auf den Arm und meinte beruhigend:
"Na lass mal, sie haben sich eben lang nicht gesehen. Rae war bestimmt sehr überrascht, ihn hier zu treffen."
Er nickte und zog die Stirn in Falten.
"Das kann man wohl sagen." Kopfschüttelnd sah er Meg an.
"Ich weiß, es ist nichts dabei, wenn man einen alten Freund trifft, aber das hier - das ist anders. Wie er sie angesehen hat, und überhaupt, der ganze Kerl ist mir nicht geheuer. Ein aalglatter, skrupelloser Geschäftsmann! Glaub mir Meg, er will sie wiederhaben, ich spüre das!"
Meg lächelte mitleidig. Was sollte sie dazu sagen?
"Lass ihr Zeit, Casey, Rae ist eine Frau, die weiß, was sie will. Sie ist doch glücklich hier. Und sie mag Dich sehr!" meinte sie schließlich.
Casey sah traurig aufs Meer hinaus.
"Du kennst sie nicht so, wie ich sie kenne, Meg. Rae ist nicht so stark, wie es scheint. Sie hängt noch immer sehr an allem, was mit ihrer Vergangenheit und ihrer Familie zu tun hat. Das wird er ausnutzen."
Wehmütig dachte er an den Moment, als sie beide hier vor dem Richards Haus angekommen waren.

Rae hatte seine Hand ergriffen, als hätte sie Angst davor, hineinzugehen in diesen Trubel. Sie sah so hinreißend aus in dem zart goldschimmernden Abendkleid, dass sie sich in letzter Minute von Vanessa geborgt hatte. Ihr seidiges, schwarzglänzendes Haar fiel lose auf ihre Schultern herab und wurde auf der einen Seite von einer goldenen Spange gehalten.
Ihre schönen dunklen asiatischen Augen strahlten, als sie schließlich mit ihm den Raum betrat.
Bewundernde Blicke trafen sie von allen Seiten.
Olivia war sofort auf sie zugeeilt und hatte sie überschwenglich begrüßt.
„Dr. Chang, Casey! Schön, dass Sie unsere Einladung angenommen haben!“ Etwas scherzhaft hatte sie noch hinzugefügt:
„Ich hoffe doch, dass die Klinik heute nicht schließen musste, weil Sie unser Gast sind!“
Rae hatte gelacht und erwidert:
„Keineswegs, Misses Richards, ich bin überzeugt, man wird mich würdevoll vertreten!“
Währen Gregory ihnen Champagner reichte, hatte Casey Rae lächelnd zugeflüstert:
„Amüsier Dich und denk nicht darüber nach, was so was hier kostet!“
Erstaunt hatte sie ihn angesehen. Wie schaffte er es nur immer wieder, ihre Gedanken zu erraten, schienen ihre Augen zu fragen. Tatsächlich ahnte er genau, was in ihrem Kopf eben vorging. Sie konnte nicht begreifen, wie man so verschwenderisch mit seinem Geld umgehen konnte. Da wo sie herkam, gab es solche Feste nicht, da wurde ehrlich verdientes Geld auch ehrlich ausgegeben, für sinnvollere Sachen.
„Okay“ sagte sie dann und hatte ihn aus Spass in den Arm gekniffen, „wir sind ja nicht zum Denken hier...“
Dann war dieser asiatische Geschäftsmann erschienen. Zielstrebig bahnte er sich seinen Weg durch die schwatzenden Gäste und kam direkt auf sie zu... und dann hatten sich die beiden in den Armen gelegen.

Casey schnaubte verächtlich.
"Dieser Kerl hat sie vollkommen vereinnahmt." beschwerte er sich bei Meg. "Ich komme nicht mehr an sie heran."
Meg lachte.
"Casey, beruhige Dich endlich, es gibt doch nicht nur diesen Abend! Schließlich wohnst Du mit ihr zusammen." Verschmitzt lächelnd fügte sie hinzu:
"Glaub mir, Du bist eindeutig im Vorteil!"

Jeany

 

 

 

Derek und Annie gingen über die Ocean Avenue zum Richards Haus. Derek blickte öfters ungeduldig auf die Uhr. Die Party hatte schon längst begonnen. Wahrscheinlich amüsierten sich Ben und Meg gerade königlich. Warum musste Annie sich auch so die Zeit lassen.

"Du verstehst das nicht. Das ist Psychologie," hatte Annie ihm erklärt. "Je später du kommst, desto größer ist die Aufmerksamkeit, die dir zugeteilt wird."

Nun kamen die beiden an, klingelten und Hausmädchen Rose öffnete ihnen die Tür.

Annie stellte sich in Position. Das war ihr großer Auftritt, den wollte sie nicht vermasseln. Es war eigentlich nichts besonderes, an der Art, wie sie den Raum betrat, aber doch war er so einstudiert, daß jeder der Gäste unweigerlich seinen Blick Annie zuwandte.

Olivia Richards war auf die beiden zugekommen, ihr Gang war bereits leicht schwankend. "Annie, Liebes", sagte sie in zuckersüßem Tod. "Wie schön, daß du auch da bist. Und fast pünktlich."

Annie konterte.

"Ja, entschuldige bitte die leichte Verspätung, Olivia. Du weißt ja wie das ist, wenn man sich einfach nicht für die richtige Garderobe entscheiden kann. Obwohl", sie betrachtete Olivia scharf, "ab einem gewissen Alter ist das ja ohnehin nicht mehr so wichtig. Aber wie ich sehe Olivia, schaffst Du es ja auch ohne mich, in die richtige Partystimmung zu kommen. War der Champagner gut? Entschuldige bitte die neugierige Frage, aber ich bezweifle, daß noch etwas für mich da ist, deswegen muss ich fragen."

"Ja Annie, wer zu spät kommt, den bestraft das Leben."

Die beiden Frauen waren sich nicht grün, seit die damals 15jährige Annie ihren inzwischen verstorbenen Vater in Olivias Bett erwischt hatte, und Olivia später dann auch noch das ganze Vermögen geerbt hatte, während Annie leer ausging.

"Es ist immer ein Vergnügen, Euch beiden zuzuhören", sagte Gregory, der nun aber versuchte, Annie und Olivia voneinander fernzuhalten, um eine mögliche Eskalation während der Party zu verhindern. Nun fiel Annies Blick ungläubig auf Meg.

"Egal wo ich auch hin komme", meinte Annie, "überall sehe ich immer das gleiche Gesicht."

"Ja Annie", erwiderte Meg, "das habe ich auch gerade gedacht." Meg wusste selbst nicht, ob ihre Bemerkung nun auf Annie gemünzt war, oder auf Derek, der nach seiner Verlobten den Raum betrat.

"Guten Abend Meg", begrüßte er sie. "Ich habe gar nicht damit gerechnet, sie hier zu sehen. Was für eine angenehme Überraschung."

Hickengruendler

 

 

 

"Ja, ich freue mich ebenfalls Derek", antwortete Meg unaufrichtig. "Aber wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden. Ich bin mit Ihrem Bruder hier und möchte ihn nicht zu lange allein lassen." Derek deutete mit einem Blick auf Ben, der sich angeregt mit Senator Blythe und Wei-Lee Young unterhielt.

"Es sieht nicht so aus, als wäre ihm im Moment sonderlich langweilig. Ja, so ist der gute Ben eben, Geschäfte gehen ihm über alles, das war schon immer so."

"Da habe ich ihn aber ganz anders kennengelernt Derek."

"Ach ja. Nun, ich kenne ihn schließlich schon ein bisschen länger."

Annie stand die ganze Zeit neben ihrem Verlobten und kochte innerlich vor Wut, weil Derek seine ganze Aufmerksamkeit nur Meg zugewandt hatte. Sie nahm sich ein Glas Champagner von einem Tablett, aber anstatt ihn zu trinken, holte sie aus, und warf es mit einem lauten Klirren Derek vor die Füße.

"Oh Derek. Entschuldige bitte. Wie ungeschickt von mir. Jetzt hab ich doch das Glas fallenlassen."

"Annie, was um alles in der Welt..."

Meg nutzte die Gelegenheit.

"Wenn sie mich bitte entschuldigen würden, Derek. Ich bin sicher, sie wollen mit ihrer Verlobten noch einen schönen Abend verbringen und da möchte ich nicht im Weg stehen."

"Meg, warten sie..." Doch sie war schon weg. Derek funkelte Annie böse an, die aber scheinbar harmlos und unschuldig zurücklächelte. So schnell aber gab Derek nicht auf. Er sah, wie Meg hinaus auf die Terrasse lief und machte sich auf, ihr zu folgen.

"Nicht ohne mich, Derek". Annie Douglas hatte bereits zur Verfolgung angesetzt, als sie mit einem anderen der Partygäste zusammenstieß.

"Du?", sagte der Mann verblüfft. Es war Cole Deschanel.

"Tja", meinte Annie. "So sieht man sich wieder."

Hickengruendler

 

 

 

Meg stöhnte innerlich über die letzte Begegnung und Annie Douglas kindisches Verhalten. Sie beschloss, nachdem sie vorhin eine ganze Weile mit Casey getanzt hatte, eine Pause einzulegen und sich diskret nach Rae umzusehen, um sie nach ihrem geheimnisvollen Jugendfreund zu fragen.
Leider kam sie nur bis zur Terrassentür.
„Hallo, ich hatte schon befürchtet, Sie gar nicht mehr hier zu treffen, Schätzchen! Wo haben Sie sich die ganze Zeit versteckt?“ begrüßte Bette sie wie eine alte Bekannte. Sie trat einen Schritt zurück, packte Meg bei den Schultern und musterte sie anerkennend.
„Meine Güte, Meg! Was zahlt Ihnen Ben für ein Gehalt? Das ist ja ein Wahnsinnskleid!“
Meg dachte nicht daran, ihr Geheimnis preiszugeben.
„Alte Bestände!“ flunkerte sie lachend.
Das gefiel Bette. Vertraulich meinte sie:
„Los, Kindchen, verdrehen Sie den Burschen hier ordentlich die Köpfe, die haben`s nicht besser verdient!“
„Eigentlich möchte ich nur einem hier gefallen.“ dachte Meg, laut aber sagte sie schlagfertig:
„Na kommen Sie, Bette, Ihr Dekollete  ist auch nicht von schlechten Eltern!“
Sie lachten beide übermütig. Bettes gute Laune war wirklich wohltuend und vor allem ansteckend.
„Na Ihr beiden, amüsiert Ihr euch gut?“ fragte Gregory, der unbemerkt hinzu getreten war.
„Klar!“ meinte Bette und fügte mit einem Seitenblick auf Meg hinzu:
„Einen richtigen kleinen Goldschatz hat Ben uns da mitgebracht. Sie ist tüchtig, sieht gut aus und hat Verstand! Gregory, ich sage Ihnen, das ist äußerst selten heutzutage!“
Gregory nickte lächelnd und wollte gerade etwas erwidern, als ihm jemand zuvor kam.
„Darf ich diesen Goldschatz um einen Tanz bitten?“ klang eine wohlbekannte Stimme hinter ihnen. Bette lachte.
„Aber klar doch, Ben, das wird aber auch langsam Zeit, dass Sie endlich aufkreuzen, sonst schnappt Sie Ihnen noch ein anderer weg!“ plapperte sie los.
Meg hatte den ersten Schreck überwunden und verbiss sich mühsam ein Lachen.
„Bette! -  Er ist nicht Ben, er ist Derek!“

Jeany

 

 

 

Derek legte seinen Arm um ihre schlanke Taille und führte sie zur Tanzfläche. Seine gefährlichen Augen fixierten sie von oben bis unten, bevor er leise sagte:
„Sie sehen bezaubernd aus, Meg!“
„Es ist schon eigenartig“ dachte Meg und versuchte, ihn beim Tanzen nicht allzu nahe an sich heran zu lassen, „Ben hat genau das Gleiche zu mir gesagt, und trotzdem klang es ganz anders.“
Derek spürte ihren Widerstand, als er Meg an sich heranzog. Er lächelte und neigte den Kopf.
„Mmh, wie gut Ihr Haar duftet! So verführerisch!“
„Klar“ knurrte Meg, „das ist der irre Duft von frischem Heu, schließlich komme ich vom Lande, schon vergessen?“
Über seine Schulter hinweg suchten ihre Augen nach Ben, aber sie konnte ihn nirgends entdecken.
Derek schaute sie an und grinste.
„Sie sind so süß, wenn Sie sich ärgern!“
„Derek“ entgegnete Meg etwas genervt, „lassen Sie uns einfach nur tanzen, ich habe wenig Lust, das nächste Glas Champagner von Ihrer Verlobten auf meinem Kleid wiederzufinden!“

Jeany

 

 

 

„Tja, die Welt ist klein.“ meinte Cole und musterte Annie lächelnd. „Gut siehst du aus.“
„Man tut was man kann. Bist du allein hier?“ wollte sie wissen und betrachtete fasziniert die Grübchen auf seinen Wangen. Cole zog die Stirn in Falten.
„Na ja, gewissermaßen nicht. Und du? Immer noch auf der Suche?“
Die Frage war Annie etwas peinlich, zumal Olivia noch in ihrer Nähe stand.
Sie wechselte schnell das Thema.
„Was treibt Dich nach Sunset Beach?“
„Ich arbeite momentan für die Liberty Corporation.“ antwortete Cole und lächelte. „Wir werden uns also in nächster Zeit häufiger über den Weg laufen.“
„Das wird sich nicht vermeiden lassen.“ dachte Annie, laut aber sagte sie:
„Ich sehe dort gerade ein paar gute Freunde von mir, bitte entschuldige mich, hat mich jedenfalls gefreut, dich wiederzusehen.“ Fort war sie. Cole sah ihr nach und schüttelte den Kopf. Eine merkwürdige Frau, aber sehr interessant! Er hätte nichts dagegen, sie wiederzusehen...  
Als Caitlin auf ihn zukam, hatte er Annie schon fast wieder vergessen.

Annie beobachtete ihn aus sicherer Entfernung. Die Begegnung war ihr unangenehm, sie hätte sich gewünscht, sie wäre besser darauf vorbereitet gewesen. Dann stutzte sie. Mit wem tanzte er denn da so verliebt? Sieh einer an, Caitlin, Gregory Richards Töchterlein, na wenn das kein Zufall war! Die beiden schmachteten sich an wie Scarlett und Red in „Vom Winde verweht“.
Wow! Annie grinste schadenfroh. Ob das Gregory und Olivia wohl gefallen würde, ihre kleine Tochter verliebt in den Mann, von dem Annie Douglas ein Kind erwartete!
„Irgendwann, zu einer für mich günstigen Zeit, platzt die Bombe...“ dachte sie schadenfroh.

Jeany

 

 

Gregory nahm Bette diskret zur Seite.
"Tun Sie mir einen Gefallen, meine Liebe, und schaffen Sie meine Frau so unauffällig wie möglich hinauf in ihr Schlafzimmer. Ich sage Rose bescheid, dass sie einen starken Kaffee kocht und Sie sorgen dafür, dass Olivia ihn auch trinkt."
Er sah sich um, ob auch niemand in der Nähe das Gespräch mitbekam, doch die Gäste waren alle anderweitig beschäftigt.
Los, Bette, wenn Sie es schaffen, meine Frau halbwegs wieder nüchtern zu bekommen, ohne dass sie mir den ganzen Abend ruiniert, reden wir am Montag über eine Gehaltserhöhung!"
"Oho!" Bette spitzte die Lippen und verzog sie dann zu einem Lächeln.

Beruhigend tätschelte sie Gregorys Arm.
"Keine Sorge, Chef, das kriegen wir schon hin. Und wenn nicht, dann hat Misses Richards leider plötzlich einen heftigen Migräneanfall bekommen, die Ärmste!"
Gregory knirschte mit den Zähnen.
"Misses Richards" schnaubte er wütend, mit unterdrückter Stimme, "wird sich morgen früh wünschen, es wäre nur ein Migräneanfall gewesen! Mich so zu blamieren!"
Bette winkte ab.
"Na na, immer mit der Ruhe, es ist ja nichts passiert. Das kriegen wir schon hin."
Sie ging hinüber zu Olivia, die mit einem halbvollen Champagnerglas an der Terrassentür lehnte und auf einen imaginären Punkt mitten im Zimmer starrte.
"Livy, meine Liebe, Gregory hat mir gerade erzählt, was für wunderschönen Schmuck er Dir zum Hochzeitstag geschenkt hat. Würdest Du ihn mir bitte zeigen?"
Olivia verdrehte die Augen. Sie hatte das Gefühl, mitten unter den Tanzenden zu stehen. Um sie herum drehte sich alles, und ihr war schlecht.
"Bette, lass mich. Mir ist nicht gut." sagte sie mit schwerer Zunge und versuchte, ihre alte Freundin anzusehen, doch diese schien ihren Augen immer wieder zu entgleiten und sich mit den anderen mitzudrehen.
"Bleib doch mal stehen, Bette, mir wird übel, wenn Du Dich immer drehst!"
"Ich weiß, Livy, komm mit nach oben, Du kannst Dich ein wenig hinlegen, dann wird es besser!"
Sie nahm Olivias Arm und führte sie zur Treppe. Im Vorbeigehen zwinkerte sie Gregory aufmunternd zu.
Olivia leistete keinen Widerstand. Willenlos ließ sie sich nach oben bringen. In ihrem Schlafzimmer fiel sie aufs Bett und schlief sofort ein.
Nachdenklich betrachtete Bette ihre Freundin aus Jugendtagen.
"Du hast alles, was Du Dir nur wünschen kannst, Livy," sagte sie leise und nachdenklich, "und doch hast Du es nie geschafft, richtig glücklich zu sein. Ich habe siebenmal mein Glück versucht, und auch, wenn es nie von langer Dauer war, möchte ich doch keine Sekunde davon missen!"

Jeany

 

 

 

Ben unterhielt sich mit Gregory und einem der neuen Bauleiter, doch er war nicht richtig bei der Sache. Immer wieder wanderte sein Blick zu Meg, die schon eine ganze Weile mit seinem Bruder tanzte. Derek spielte seine Spielchen, ab und zu flüsterte er Meg etwas ins Ohr, und sie schien sich in seiner Gegenwart nicht sonderlich wohlzufühlen.
Ben merkte, wie sein Blutdruck langsam stieg. Was hatte Annie vorhin gesagt?
„Er hat nur Augen für diese Ackerpflanze aus Kansas, weiß der Teufel, was ihn an ihr so fasziniert!“
„Tja, Derek“ dachte er bitter, „wir kennen beide den Grund dafür. Sie ist mit mir hier, und schon diese Tatsache allein macht Dich rasend. Aber diesmal nicht, mein Freund, diesmal bekommst Du nicht, was Du willst!“
Er entschuldigte sich bei seinen Gesprächspartnern und ging langsam hinüber zur Tanzfläche.

Jeany

 

 

 

„Ich würde Sie sehr gern morgen abend einladen. Wir könnten nett essen gehen und uns dann vielleicht gemeinsam den Sonnenuntergang ansehen!“ flüsterte Derek Meg ins Ohr. Sie schüttelte den Kopf.

„Ich glaube nicht, dass das eine so gute Idee wäre.“

„Nach diesem Tanz ist Schluss!“ schwor sie sich. Ihr Rücken tat schon weh, weil sie sich so gerade hielt, um ihm nicht zu nahe zu kommen und seine Hand auf ihrer Taille war inzwischen um mindestens hundert Prozent nach unten gerutscht.

Wie konnten zwei völlig identisch aussehende Menschen so eine unterschiedliche Ausstrahlung haben!

Derek schien ihren letzten Gedanken erraten zu haben.

„Sagen Sie, Meg, wie schaffen Sie es, Ben und mich nach so kurzer Zeit auseinanderzuhalten?“ fragte er vertraulich. Meg zuckte mit den Schultern. Sie würde ihm nicht verraten, dass sie den Unterschied zwischen den Brüdern in deren Augen sah, und dass ihr Gefühl sie bisher nie betrogen hatte, wenn Ben in ihrer Nähe war, denn dann fühlte sie sich sicher und ihr Herz klopfte voller Freude. Sie lächelte.

„Ganz einfach, Sie sehen zwar gleich aus, aber Ben trägt heute abend einen dunkleren Anzug! Sie hätten sich mit ihm absprechen sollen!“

Derek sah sie lange an und fragte dann, abrupt das Thema wechselnd:

„Wollen wir einen Spatziergang am Strand machen, nur wir beide?“

Verblüfft über dieses in ihren Augen eindeutige Angebot holte Meg tief Luft, um ihm die richtige Abfuhr zu verpassen, aber dazu kam sie nicht mehr.

„Alles in Ordnung, Meg?“ fragte Ben und sah seinen Bruder aus dunklen Augen drohend an.

„Partnertausch, Bruderherz.“ sagte er dann und streckte Meg einladend die Hand entgegen.

Jeany

 

 

 

Derek ließ seine Beute widerstrebend frei.

"Entschuldigen sie bitte", meinte Ben zu Meg. "Ich habe sie heute Abend wohl ziemlich vernachlässigt."

"Macht nichts", Megs Laune hatte sich wieder gebessert. "Sie sind hier ja auch ein hohes Tier. Und der Abend ist ja auch noch lange nicht vorbei."

In trauter Zweisamkeit drehten sich die beiden nun über die Tanzfläche, von Derek böse beobachtet, der alle Versuche Annies, mit ihm zu tanzen, mit einem Handwinken ablehnte.

Hickengruendler

 

 

 

Bette kam die Treppe wieder herunter. Sie gab Gregory ein kurzes Zeichen, daß mit seiner Frau heute Abend nicht mehr zu rechnen war. Gregorys Laune sank rapide. Die Party verlief nicht so, wie er es sich vorgenommen hatte. Olivia hatte sich mal wieder nicht beherrschen können, hoffentlich war ihr erneuter Patzer niemandem aufgefallen. Senator Blythe war bereits wieder gegangen, was Gregory ihm nicht verübeln konnte. Amy Nielsen hatte sich den ganzen Abend an seine Fersen geheftet:

"Ich wollte sie schon immer mal kennenlernen, Senator Blythe. In Washington muss es doch furchtbar aufregend sein, oder nicht? Kennen sie den Präsidenten persönlich?"

Sean hatte das ganze grinsend beobachtet. Im Gegensatz zu seinem Vater schien er sich bestens zu amüsieren. Mittlerweile drehten sich Amy und Sean eng umschlungen auf der Tanzfläche. Caitlin hatte nur Augen für Cole Deschanel. Und das war eindeutig das schlimmste am Abend.

Was will dieser arme Bauarbeiter mit Gregory Richards Tochter? Er sollte sich auf seinen Bauauftrag konzentrieren, anstatt mit der Tochter des Auftraggebers zu tanzen. Obendrein hatte Annie Douglas ihm auch noch eines seiner wertvollen Kristallgläser ruiniert.

Nein, der Abend verlief gar nicht nach Gregorys Geschmack.

Hickengruendler

 

 

 

 

„Ich hoffe, Derek hat Sie nicht belästigt!“ sagte Ben leise, als sie beide nach dem Tanz mit einem Glas Champagner hinaus auf die Terrasse gingen. Meg lächelte.
„Ach wissen Sie, Ben, wir Mädchen aus Kansas wirken vielleicht etwas zurückhaltend, aber wir können uns ganz gut unserer Haut wehren!“
Er hob sein Glas.
„Auf diesen Abend, Meg! Ihre erste Party in Sunset Beach!“
„Unsere erste Party“ verbesserte Meg in Gedanken und stieß mit ihm an.
„Ich habe schon sehr interessante Leute kennengelernt.“ sagte sie und lachte. „Trinkfeste und weniger Trinkfeste...“
Ben betrachtete sie mit einem Schmunzeln.
„Sie haben sich tapfer geschlagen.“
„Danke, Boss!“ entgegnete sie scherzhaft. Dann sahen sie beide hinaus in die Nacht, wie die Lichter der Strandpromenade sich in den Wellen spiegelten.
„Es ist schon ziemlich spät. Wir sollten uns langsam verabschieden.“ sagte Ben nach einer Weile. Meg nickte und registrierte zufrieden, wie er im Hinausgehen einen Arm leicht um ihre Schultern legte.

Gemeinsam gingen sie am Strand entlang. Das Rauschen der Wellen klang wie Musik in Megs Ohren. Lange sprachen sie beide kein Wort, schlenderten nur nebeneinander her, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. Ein angenehm kühler Nachtwind wehte vom Meer herüber.
„Ist Ihnen kalt?“ fragte Ben schließlich leise.
Meg verneinte, doch er zog sein Jackett aus und legte es ihr fürsorglich um die Schultern.
„Danke Ben“ sagte Meg mit einem Lächeln und kuschelte sich in die warme Jacke.
Irgendwann nahm Ben stumm ihre Hand. Ein wohliger Schauer jagte über ihren Rücken. In diesem Moment wäre sie ihm bis ans Ende der Welt gefolgt...
In stummer Übereinstimmung bogen die beiden zur Seebrücke ab, die um diese Zeit menschenleer vor ihnen lag.
Sie bummelten bis ans Ende des Geländers und schauten von oben den Wellen zu, wie sie sich im Mondschein unten  an den hölzernen Brückenpfeilern brachen.
„In einer sternenklaren Nacht wie heute kann man oft Sternschnuppen sehen.“ sagte Ben schließlich leise.
Meg lächelte.
„Dann darf man sich etwas wünschen.“
Er nickte. „Ich hätte schon einen Wunsch.“
Meg drehte sich nach ihm um. „Ich auch...“
Als sich ihre Lippen berührten, war alles ringsum vergessen.
Ben hielt Meg in seinen Armen, und sie wünschten sich beide sehnlichst, dass dieser Augenblick nie vergehen möge.

Jeany

 

 

 

Es war der schönste Augenblick in Megs Leben.

Doch plötzlich, fast unmerklich, schob sie ihn ein Stück von sich.

"Was ist?" fragte Ben unsicher. "Wenn ich da was falsch verstanden habe, dann..."

"Nein, das ist es nicht," sagte Meg sofort. "Ben. Ich hab da eine Frage, bitte sei mir nicht böse, daß ich sie gleich jetzt stelle. Aber es ist wichtig, das zu wissen."

"Ja, nur keine Scheu. Ich werde Dich schon nicht beißen", meinte Ben lächelnd.

Meg nahm allen Mut zusammen.

"Also gut! Ben, was hat es mit Annies Kind auf sich?"

Ben pfiff durch seine Zähne.

"Ich bin überrascht, daß Du davon weißt."

"Sie hat es neulich im Vorzimmer rumposaunt. Ich konnte es nicht überhören."

"Nun, was hat es damit auf sich? Ich werde mich natürlich so gut es geht um sie und das Baby kümmern. Das bin ich Annie schuldig."

Meg stöhnte innerlich entsetzt auf. Doch dann kam etwas, womit sie nicht gerechnet hatte.

"Immerhin sind wir schon so lange befreundet. Annie war die Einzige, die zu mir gehalten hat, als..." Er zögerte. "Als es mir ziemlich dreckig ging. Und jetzt möchte ich zu ihr halten."

Meg begriff sofort, was das bedeutete.

"Du bist also nicht der Vater?"

Ben lachte.

"Ich, der Vater von Annies Kind? Wie kommst Du denn darauf?"

Meg wehrte ab.

"Ach nichts. Vergiss es einfach."

„Annie Douglas - Du kleines Miststück!“ dachte sie insgeheim. „Das hast du doch mit Absicht gemacht!“ Aber das war jetzt unwichtig. Ben war nicht der Vater des Babys.

Und darüber war Meg ehrlich gesagt ziemlich erleichtert.

Ben nahm sie in den Arm, und sie blieben noch eine lange Zeit diesen Abend gemeinsam am Strand.

Hickengruendler

 

 

 

Am nächsten Vormittag kam Tim bereits frühzeitig ins "Deep." Marc hatte ein Treffen mit Derek Evans ausgemacht, um eventuelle Formalitäten wegen des Jobs zu sprechen. Freilich zweifelte Tim keine Sekunde daran, daß er die Stelle bekam. Marc hatte ihm anvertraut, daß bereits seit Monaten händeringend nach einem geeigneten Mann gesucht wird. Eigentlich seltsam, daß niemand diesen Job machen will, überlegte Tim.

Nun kam Derek Evans die Treppe ins "Deep" hinunter. Marc, der hinter der Theke beschäftigt war, begrüßte seinen Arbeitgeber mit einem flüchtigen Handzeichen. Tim blieb dagegen der Mund offen stehen.

"Sie?", sagte er ungläubig.

Derek war offensichtlich verwirrt. Er deutete Tim an, ihm in sein Büro zu folgen.

"Ich wüsste nicht, daß wir uns kennen", sagte Derek etwas überrascht, als die beiden im Büro ankamen und er die Tür geschlossen hatte.

"Sie kennen mich nicht. Aber ich Sie."

"Ah ja", Derek wurde neugierig.

"Ich habe sie neulich Abend am Strand gesehen. In trauter Zusammenkunft mit meiner ehemaligen Verlobten". Tim blickte ihn böse an.

Derek schmunzelte.

"Das wage ich zu bezweifeln. Ich kenne Annie schon seit vielen Jahren und würde wissen, wenn sie sich zwischendurch verlobt hätte."

"Annie? Wer ist Annie? Ich rede von Meg. Meg Cummings."

Dereks Züge hellten sich auf. Langsam begann er, zu begreifen.

"Meg ist Ihre Verlobte gewesen?"

"Ganz recht. Wir wollten heiraten, aber dann, ... hmm, kam etwas dazwischen."

"Nun, dann muss ich Sie über etwas informieren. Sie haben nicht mich mit Meg Cummings gesehen, sondern meinen Zwillingsbruder."

"Ihren Zwillingsbruder?" Tim war verblüfft.

Derek nickte.

"Ja so ist es", sagte er. "Und wenn Sie wirklich noch Gefühle für Meg Cummings haben, sollten Sie dafür sorgen, daß sie sich von ihm fernhält."

Hickengruendler

 

 

 

Tim blickte ihn fragend an.

"Wie meinen Sie das?"

"Nun, Ben, mein Zwillingsbruder, war schon einmal verheiratet. Maria hieß sie. Eine wunderschöne Frau. Ben liebte sie. Er liebte sie über alles. Vielleicht zu sehr."

Derek stoppte. Doch ganz wie er es einkalkuliert hatte, war Tim auf seine Andeutung angesprungen.

"Zu sehr? Warum zu sehr?"

"Maria hatte sich immer mehr von ihm distanziert. Mir ist aufgefallen, daß sie ihn manchmal mit anderen Augen angesehen hat. Ich glaube, sie wollte sich von ihm trennen. Das hätte Ben nie zugelassen. Und dann ist es geschehen."

"Was ist geschehen?"

"Sie ist verschwunden. Eines Nachts. Und es gibt nicht wenige, die glauben, daß Ben dahintersteckt."

Tim blickte ihn scharf an.

"Warum sagen Sie mir das alles."

"Zum einen", meinte Derek lächelnd, "weil Sie es sowieso früher oder später erfahren würden. Außerdem würde es mir leid tun, wenn Ihrer Freundin das gleiche widerfährt wie Maria. Ich bin eben ein Menschenfreund, aber ich weiß, daß mein Bruder nicht so ist. Ich habe schon immer gewusst, daß man Ben nicht trauen kann."

Tim nickte anerkennend.

"Danke Mr. Evans, dass Sie so ehrlich und direkt zu mir sind."

"Es hat keinen Sinn, mir und anderen etwas vorzumachen. Ich weiß am besten, wie mein Bruder ist."

Er beugte sich zu Tim vor.

"Mr. Truman, wenn Sie versuchen sollten, Ihre Verlobte von meinem gefährlichen Bruder fernzuhalten, können Sie auf meine Hilfe bauen."

An Tims Blick erkannte der scharfsinnige Derek sofort, daß dieser nicht abgeneigt war, das Angebot anzunehmen.

"Ach ja, und Mr. Truman, noch was. Sie haben den Job. Wenn Sie wollen, können Sie heute Abend anfangen."

"Das werde ich", meinte Tim. Dann verabschiedete er sich.

"So ein Idiot", dachte Derek. "Aber ich glaube, er kann mir noch nützlich sein."

Hickengruendler

 

 

 

Als Tim die Treppe zum Ausgang hinaufrannte, stieß er mit einer jungen, schlanken, attraktiven Rothaarigen zusammen. Leicht genervt schob sie ihn zur Seite, um sich Platz zu verschaffen.

"Darf ich mal, ich hab's eilig!" Sie rannte, so schnell sie mit ihren Stöckelschuhen konnte, weiter die Treppe hinunter. Tim sah ihr bewundernd hinterher. Diese Frau hatte Klasse! Er pfiff leise durch die Lippen.

Wohl nicht leise genug, denn die Rothaarige drehte sich plötzlich noch einmal zu ihm um und warf ihm einen Handkuss zu.

Tim grinste und hob die Hand ebenfalls zum Abschied. Wer sie wohl war?

Mona

 

 

Annie stürmte in Dereks Büro ohne anzuklopfen.

"Wir müssen reden - sofort!"

Relaxed saß er in seinem Bürostuhl und kaute an einem Bleistift.

"Annie, Darling, welch' eine Überraschung!"

Er stand auf, um sie in den Arm zu nehmen, doch sie wehrte ihn ab.

"Du Scheinheiliger," zischte sie. "Was denkst Du, mit wem Du es zu tun hast? Ich bin nicht eins Deiner billigen Flittchen, die Du herumkommandieren kannst!"

Annie schnaubte vor Wut. Sie war immer noch wütend, weil Derek sie auf Gregorys Party überhaupt nicht beachtet hatte. Er hatte nur Augen für diese Meg! Annie schüttelte sich, beim Gedanken an die junge Frau.

"Darling, ich weiß gar nicht, warum Du Dich so aufregst," fragte Derek unschuldig.

Annie baute sich vor ihm auf.

"So, Du weißt es also nicht, na dann will ich Deinem Gedächtnis mal auf die Sprünge helfen!" Sie blitzte ihn wütend an. "Ich sage nur "Meg Cummings" – klingelt es jetzt vielleicht bei Dir?"

Sie hatte die Arme verschränkt und schaute ihn herausfordernd an.

Derek schmunzelte.

"Eifersüchtig, mein Schatz?," fragte er ironisch. Nein, eifersüchtig war sie nicht, aber sie konnte es nicht leiden, wenn man sie einfach überging und nicht beachtete.

Derek fuhr fort.

"Weißt Du, mit wem Du da gerade zusammengestoßen bist?" fragte er sie. Annie sah gelangweilt auf ihre lackierten Fingernägel.

"Derek, was soll die blöde Frage?"

"Das, meine Liebe, ist mein neuer Barkeeper," fuhr Derek fort, "und er ist kein geringerer als der Verlobte von Meg Cummings."

Als sie den Namen "Meg" hörte, sah Annie interessiert auf.

"Ach was, die kleine 'Miss Kansas' hat also einen Verlobten!?" Annie atmete erleichtert auf. Diese Information musste sie gleich an Ben weitergeben. Der Arme wusste ja vielleicht noch gar nicht, mit wem er sich da eingelassen hatte!

Sie drehte sich zu Derek um.

"Entschuldige, aber mir ist gerade eingefallen, daß ich noch einen Termin zur Massage habe."

Sie gab Derek einen flüchtigen Kuss auf die Wange und rauschte Richtung Ausgang.

Mona

 

 

 

Annie eilte schnurstracks zu Bens Haus, um ihn mit den eben erfahrenen Neuigkeiten zu überraschen. Leider traf sie niemanden an.
So konnte er nur sein? Ganz sicher nicht in seinem Büro, denn heute war Sonntag.
„Vielleicht sollte ich im Surf Central nachfragen!“ dachte Annie sarkastisch und lachte bitter.
Sie beschloss, erst einmal nach Hause zu gehen und später wiederzukommen.
Als sie in ihren Hauseingang einbog, wäre sie fast mit Eddie Connors zusammengestoßen.
„Annie!“ begrüßte er sie mit seinem ewig anzüglichen Grinsen. „Du solltest nicht so rennen, in Deinem Zustand!“
„Was tust Du denn hier!“ herrschte sie ihn unfreundlich an. „Und was für einen Zustand meinst Du eigentlich?“
Eddie lachte.
„Komm schon Annie, Du hast ja laut genug herumposaunt, dass Du ein Baby erwartest. Schließlich bin ich Privatdetektiv, und mir bleibt nichts verborgen, was in dieser Stadt geschieht. Auch nicht die Tatsache, dass Du den guten Derek nun zum treusorgenden Daddy machst!“
Annie maß ihn mit einem verächtlichen Blick. Nein, er wusste zwar viel, aber alles offenbar doch nicht. Und das war auch gut so! Sie sah ungeduldig auf ihre Uhr.
„Also, Eddie, ich habe nicht sehr viel Zeit. Was willst Du?“
„Das möchte ich nicht auf der Strasse mit Dir besprechen, Annie.“ erwiderte er und wies auf die Tür. Annie zuckte gleichgültig mit den Schultern.
„Ich hoffe, es ist etwas wichtiges. Komm rein und fass Dich bitte kurz.“
Eddie folgte ihr mit einem überzeugten Lächeln. Es hatte Zeiten gegeben, da brauchte er keinen Vorwand, um hier zu erscheinen. Seine kurze, aber heftige Affäre mit Annie war ihm noch lebhaft im Gedächtnis. Zu schade, dass sie sich danach Derek zugewandt hatte.
Aber vielleicht würde sich das ja wieder ändern...

Jeany

 

 

 

Achtlos warf Annie ihre Tasche auf einen der farbenfrohen Sessel, während sie sich selbst auf die Couch fallen ließ und ihre hochhackigen Pumps von den Füßen kickte.
Eddie sah sich um, während er sich einen Drink einschenkte. Alles noch beim alten, das Zimmer in eigenwilligen, schrillen Farben, die ganze Wohnung eine Mischung aus Annies etwas eigenwilligem und Bettes extravagantem Geschmack, wobei beides nicht unbedingt in jedem Falle miteinander harmonierte.
Annie teilte sich die Strandwohnung mit ihrer Tante Bette, allein hätte sich keine von beiden die hohe Miete leisten können, und dabei wartete Olivia Richards, der Annies Vater das Appartement vererbt hatte, bestimmt wie ein Haifisch darauf, dass sie die beiden eines Tages wegen Zahlungsunfähigkeit auf die Strasse setzen konnte.
„Fühl Dich ganz wie zu Hause, Eddie.“ knurrte Annie mit bösem Seitenblick auf das Glas in seiner Hand. „Und nun los, was willst Du?“
„Ich war auf Dienstreise,“ begann Eddie bedeutungsvoll, „In Mexiko unten.“
Annie wippte ungeduldig mit dem Fuß. „Ja und...“
„Und...“ er stand auf und holte einen Umschlag aus der Innentasche seines Jacketts, „ich habe interessante Fotos mitgebracht.“
„Fotos?“ Annie sah ihn misstrauisch an. „Was für Fotos?“
Eddie wedelte mit dem Umschlag vor ihrer Nase herum.
„Glaub mir, wenn Du die siehst, oder Dein Freund Ben Evans...“
Annie sprang auf. „Was hat Ben damit zu tun?“ Sie schnappte nach dem Umschlag. „Jetzt gib endlich her!“
Eddie grinste. „Nicht so eilig! Was bekomme ich dafür?“
„Mach Dich nicht lächerlich, ich weiß nicht mal, was da drauf ist. Außerdem weißt Du ganz genau, dass ich kein Geld habe!“ entgegnete sie gereizt.
Wieder dieses anzügliche Lachen.
„Dafür hast Du andere Qualitäten...“
Annie kniff die Augen drohend zusammen.
„Entweder Du zeigst mir jetzt die verdammten Fotos oder machst, dass Du rauskommst!“
Abwehrend hob er beide Hände.
„Schon gut, schon gut, nur keine Aufregung! Hier,“ er reichte ihr den Umschlag, „Du hast es so gewollt.“
Annie zerrte die Fotos ungeduldig heraus.
„Ich weiß gar nicht, was das ganze...“ begann sie, doch plötzlich starrte sie auf eines der Bilder und wurde weiß wie eine Wand.
„Das kann nicht sein, das ist doch ganz unmöglich....“
Eddie war hinter sie getreten und schaute über ihre Schulter hinweg auf die Fotos in ihrer Hand.
„Glaub mir, Annie, das dachte ich auch zuerst. Aber ich hab sie dort gesehen, und da ich die Kamera dabei hatte, habe ich sie heimlich fotografiert.“
Annie sah sich blitzschnell die anderen Bilder an und schüttelte fassungslos den Kopf.
„Sie ist es, ohne Zweifel“ flüsterte sie, „Maria...“

Jeany

 

 

Meg hatte mit Gabi einen Morgenlauf gemacht und nun saßen die beiden vor dem Surf Central am Strand und ruhten sich aus. Gabi fragte Meg nach allen Einzelheiten der gestrigen Party bei den Richards, jedes Detail schien sie zu interessieren. Sie lachten und scherzten, und Gabi schüttelte empört den Kopf, als ihr Meg von Derek erzählte.
„Wie kannst Du die beiden Brüder nur unterscheiden?“ fragte Gabi erstaunt. „Die meisten Leute hier können das nicht.“
Meg sah ihre Freundin mit glänzenden Augen an.
„Ich erkenne Ben an der Art, wie er mich ansieht.“ sagte sie leise, wie zu sich selbst und lächelte verträumt.
„Na klasse,“ meinte Gabi, „Du bist eine Woche hier und verliebst Dich ausgerechnet in den mysteriösesten Mann von ganz Sunset Beach.“
„Was spricht dagegen?“ fragte Meg erstaunt. „Er ist frei, und ich auch...“
Gabi sah ihre Freundin warnend an.
„Meg! Mach Dich bitte nicht unglücklich. Ben Evans ist nicht frei, er wird es nie sein!“

Jeany

 

 

Meg sah Gabi mit großen Augen an.
„Wie meinst du das?“
„Na ja, wie soll ich sagen,“ überlegte Gabi, „Er hat seine Frau über alles geliebt, doch dann hat es plötzlich gekriselt, und als sie unter eigenartigen Umständen verschwand, waren einige Leute überzeugt davon, dass Ben dabei seine Hände im Spiel hatte.“
Meg schüttelte den Kopf.
„Das sind doch alles Gerüchte.“ regte sie sich auf. „Wie kann man jemanden ohne Beweise einfach so verurteilen?“
„Er hat damals überhaupt nichts dazu gesagt, er hat sich total verschlossen und keinen an sich herangelassen, außer Annie und Gregory vielleicht.“
„Würde ich auch nicht, wenn die Leute mich einfach so verurteilen würden!“ erwiderte Meg trotzig. „Und außerdem“ fügte sie hinzu, „wenn Du Ben so erlebt hättest wie ich gestern, würdest Du nicht so reden. Er war so liebevoll und zärtlich...“
„Ja ja,“ lachte Gabi, „und gutaussehend... Meg, Dich hat es voll erwischt!“ Nachdenklich fügte sie hinzu: „Ich kann Dich gut verstehen und ich hoffe, dass Du recht hast, was Ben angeht, aber trotzdem, sei vorsichtig. Und nimm Dich auch vor Derek in acht, der ist den meisten hier ebenfalls nicht so ganz geheuer!“
Meg lachte und nickte. „Mir auch nicht, Gabi.“
„Na Ihr Hübschen, darf man stören?“  Ricardo stand hinter ihnen und grinste.

„Ich wollte Gabi zu einer Bootsfahrt entführen. Und damit es keine Zeugen für die Entführung gibt, nehmen wir Meg einfach mit!“
„Oh nein, Herr Kommissar!“ wehrte Meg ab und stand auf.
„Ich werde schweigen wie ein Grab, habe nichts gesehen und gehört.“

Sie lachten übermütig.
„Viel Spass Ihr beiden. Ich lauf noch ein wenig.“ Sie winkte zum Abschied und joggte in lockerem Tempo die Ocean Avenue hinunter.

Jeany

 

 

 

Meg war nicht wenig überrascht, als sie nach ein paar Metern auf eine alte Bekannte traf. "So trifft man sich wieder!" Annie sah sie herablassend an.

Meg blieb stehen und atmete tief durch. Diese Frau war wie ein Fluch! Sie ließ sich nicht abschütteln und schon gar nicht abschrecken.

Annie stützte die Hände in die Hüften.

"Wussten Sie schon, daß Ihr Verlobter für meinen Verlobten arbeitet? Was für ein witziger Zufall, finden Sie nicht?" Sie ließ Meg bei ihrer Frage nicht aus den Augen und wartete neugierig auf ihre Reaktion.

Meg spürte eine leichten Schwindel, doch sie fing sich schnell wieder.

"Ex-Verlobter, wenn schon," entgegnete sie.

Annie sah sie überrascht an, ließ ihr Ziel aber nicht aus den Augen.

"Wie auch immer," meinte sie mit einer wegwischenden Handbewegung.

"Ihr Ex-Verlobter hat eine Stelle im Deep bekommen, und ich glaube, er will sich hier häuslich niederlassen." Sie schnalzte mit der Zunge.

Meg sah sie entsetzt an. Sie hatte ja schon immer gewusst, daß Tim sehr hartnäckig war, aber soviel Hartnäckigkeit hatte sie ihm nicht zugetraut. Sie wusste, was er wollte, aber für sie war der Zug ein für allemal abgefahren! Sie hatte sich in Ben verliebt, und sie würde sich das von keinem kaputt machen lassen, auch nicht von Tim!

Als wenn Annie ihre Gedanken gelesen hätte, fuhr sie fort:

"Ben wird sehr überrascht sein, wenn er von Ihrem ... Ex-Verlobten erfährt, meinen Sie nicht?" Sie sah Meg fest in die Augen.

Meg hob energisch das Kinn.

"Weiß Derek alles über Ihre Beziehungen, die sie vor ihm hatten ..." Sie holte tief Luft. "Und weiß Derek, daß Sie in seinen Bruder verliebt sind?" Meg konnte nicht glauben, daß sie das gesagt hatte. Ihre Gedanken hatten sich einfach selbständig gemacht.

Sie sah, wie Annie alle Farbe aus dem Gesicht verlor. Also hatte sie recht gehabt.

Annie liebte Ben! Meg hatte das schon lange vermutet, und Bette hatte auch so etwas angedeutet. Das erste Mal erlebte Meg, wie Annie sprachlos war. Wortlos drehte diese sich um und rannte zum Haus zurück.

Meg war verwirrt. Ob Ben wusste, daß Annie in ihn verliebt war?

Irgendwer hatte ihr erzählt, daß Ben zu keiner echten Liebe fähig wäre. War das der Grund, warum er Annie ablehnte?

Tausend Fragen schwirrten in Megs Kopf herum, und um sie zu verscheuchen, rannte sie ziellos weiter den Strand hinunter.

Mona

 

 

"Dieses verflixte Miststück!" Annie schäumte innerlich vor Wut.
Wie konnte dieses dahergelaufene Gör es nur wagen, so mit ihr zu reden!
Obwohl sie es nicht einmal sich selbst eingestehen würde, so hatte Meg doch, ohne es zu ahnen, Annies wundesten Punkt getroffen.
"Das zahle ich Dir heim!" zischte sie rachsüchtig und ging noch einen Schritt schneller in Richtung auf Bens Haus zu, die Tasche mit den Fotos von Eddie  fest unter den Arm geklemmt. Sie wusste, was sie zu tun hatte.

Jeany

 

 

Casey war auf dem Weg vom Rettungsturm zum Waffelshop, um für sich und Michael ein paar Sandwiches zu holen.  Als er Meg um die Ecke kommen sah, blieb er stehen und wartete auf sie.
„Hey, Kansas- girl, es reicht doch, wenn ich am Sonntag arbeiten muss, aber dass Du Dich heute so abstrampelst!“ meinte er kopfschüttelnd mit einem Blick auf ihr Footballshirt, die Leggings und ihre ausgetretenen Turnschuhe. Meg lachte und beugte sich schweratmend nach vorn, die Hände auf die Knie gestützt, um ihren Kreislauf zu beruhigen. Ihr Gespräch mit Annie und deren Reaktion darauf hatte sie so beschäftigt, dass sie gar nicht auf ihr Tempo geachtet hatte.
„Na komm,“ Casey legte seinen Arm um ihre Schultern, „ich glaub, Du brauchst`nen Kaffee genauso dringend wie ich.“ Lachend betraten sie den Shop und setzten sich an den Tresen zu Elaine, die sie beide freudig begrüßte. Während sie ihnen Kaffee einschenkte, erkundigte sie sich bei Meg, wie sie sich inzwischen in Sunset Beach eingelebt hätte. Meg lächelte und meinte mit einem Seitenblick auf Casey:
„Also ich glaub, ich bin richtig verliebt in diese kleine Stadt, und ganz sicher werde ich es noch eine ganze Weile hier aushalten!“
„Und wer weiß, vielleicht findet sie ja hier ihre große Liebe!“ fügte Casey theatralisch hinzu und zwinkerte Elaine zu. Diese guckte erstaunt von einem zum anderen.
„Ihr beide...?“ fragte sie zögernd. Casey und Meg sahen sich einen Augenblick lang verdutzt an und verstanden dann, dass sie bei Elaine einen völlig falschen Eindruck erweckt hatten.
„Aber nein!“ riefen beide wie aus einem Munde und die drei lachten schallend.
Als sie ungestört waren, fragte Meg Casey nach Rae. Er zog ein bedenkliches Gesicht.
„Ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll,“ sagte er, „sie war den Rest des Abends ganz verschlossen und heute früh hab ich sie noch nicht gesehen. Dieser Wei- Lee hat sie völlig verändert.“
„Das gibt sich schon wieder.“ meinte Meg zuversichtlich, „lass ihr nur etwas Zeit, bestimmt war sie nur total überrascht, ihn hier zu sehen.“
„Nein Meg, du verstehst das nicht. Rae war lange Zeit in ihrer Welt gefangen, ihre Sitten und Familientraditionen, sie hat sich von allem gelöst, als sie hierher kam, und sie hat gemerkt, dass ihr das Leben hier gefällt. Aber dafür hat sie auch eine Menge aufgegeben.“ Er starrte in seine Kaffeetasse. „Wusstest Du, dass ihre Eltern den Ehemann für sie schon lange Jahre zuvor ausgesucht hatten?“
„Was?“ Meg schaute Casey mit großen Augen ungläubig an. Er nickte traurig.
„Ja, es war Wei- Lee Young, sie sollte ihn heiraten und hat sich geweigert. Sie hat mit allem gebrochen, was ihr etwas bedeutete und ist hierher nach Kalifornien gekommen. Und nun taucht dieser Kerl hier auf...“
Meg schüttelte den Kopf. „Das gibt’s doch gar nicht, in welchem Jahrhundert leben wir eigentlich?“
„Da, wo Rae aufgewachsen ist, ist das noch so.“
„Aber sie ist eine moderne Frau, und ich weiß, dass sie Dich sehr gerne hat.“ versuchte Meg ihn zu trösten. Elaine kam mit zwei Sandwichtüten.
„Deine Bestellung, Casey.“
Er trank seinen Kaffee in einem Zug aus, stand auf und reichte Elaine einen Geldschein.
„Der Kaffee geht auf mich. Stimmt so.“ An Meg gewandt sagte er leise:
„Tja, ich muss los. Bis heute abend und... danke fürs Zuhören!“
Elaine und Meg sahen ihm nach, als er hinausging.
„Sie wohnen also im Surf Central?“ fragte Elaine. Meg nickte.
„Ja, und Casey ist einer meiner Mitbewohner. - Und ein sehr guter Freund.“ sagte sie.
Elaine lächelte nachdenklich.
„Aber an jenem Abend am Pier haben Sie einen anderen getroffen.“
Meg sah sie fragend an.
„Wie meinen Sie das?“
Die Ladenbesitzerin lachte.
„Entschuldigen Sie, ich bin eine hoffnungslose Romantikerin. Sie wissen doch, die Legende sagt...“
„Ja, ich weiß,“ antwortete Meg und seufzte, „es war leider der falsche Mann, der mir beim ersten Sonnenuntergang begegnete.“
Elaine legte mitfühlend die Hand auf ihren Arm.
„Das tut mir leid.“
„Ach was!“ lächelte Meg und zwinkerte Elaine zu. „Vielleicht hat das Schicksal ihn nur verwechselt!“

Jeany

 

 

 

Elaine lächelte verschmitzt.

"Wer weiß," sagte sie geheimnisvoll, "alles ist möglich im Land der untergehenden Sonne." Sie sah, wie ein junger Mann den Waffelshop betrat und begrüßte ihn freundlich. "Schönen guten Tag, was darf ich Ihnen bringen?"

Meg drehte sich ebenfalls nach dem neuen Gast um und erstarrte.

"Hi, Meg, schön Dich zu sehen!" Tim lächelte sie freundlich an.

"Hallo Tim!" Meg wandte sich wieder ihrem Kaffee zu. Tim ging zum Tresen und bestellte sich ebenfalls einen Kaffee.

"Darf ich mich setzen?" stellte er die Frage an Meg. Sie wies auf den Platz neben sich. "Ja, warum nicht," sagte sie leicht genervt. "Du gibst ja doch nicht eher Ruhe."

Sie warf ihm einen vieldeutigen Blick zu.

Elaine beobachtete die beiden neugierig. Zu gerne hätte sie gewusst, was zwischen ihnen vorging. Sie schob Tim den Kaffee zu. Da sie spürte, welche Spannung zwischen den jungen Leuten war, zog sie es vor, sich diskret im Hintergrund zu halten.

Meg schaute von ihrem Kaffee auf.

"Also los, nun sag' schon, was Du von mir willst. Umsonst trinkst Du hier bestimmt keinen Kaffee, wo Du das Zeug sonst nicht anrührst."

Tim sah sie überrascht an. Sie wusste also noch, daß er normalerweise nur Tee trank.

Ein gutes Zeichen, wie er meinte. Meg sah ihn fragend an.

"Nun los, sag' was Du willst, und dann lass mich ein für allemal in Ruhe. Wir werden das jetzt hier ausdiskutieren, und dann hoffe ich, daß Du das nächste Flugzeug nach Ludlow nimmst ...“

Mona

 

 

 

 

Nachdem er sich von Annie verabschiedet hatte, ging Eddie Connors zu seiner Wohnung zurück. Es war eine schäbige, heruntergekommene Wohnung. Akten lagen überall verteilt, Eddies Kleidung lag achtlos auf den Stühlen. Er nahm sein Handy aus der Tasche und wählte eine Nummer.

Bei Derek Evans im Büro in "Deep" klingelte das Telefon.

"Derek Evans", meldete er sich.

"Mr Evans, hier spricht Eddie Connors."

"Und?"

"Nun, an Ihrer Stelle würde ich das Scheckbuch schon einmal zücken."

"Soll das heißen...?"

"Ja, sie hat angebissen."

"Gute Arbeit Eddie. Keine Angst, ich werde schon dafür sorgen, daß Sie bekommen, was Sie verdienen."

"Ich kann es kaum erwarten. Auf Wiedersehen, Mr Evans."

"Auf Wiedersehen Eddie." Dann legte Derek den Hörer auf.

"Ausgezeichnet", dachte er, "die Dinge laufen ideal."

Er warf einen Blick auf zwei Fotos, eines von Ben, und eins von Annie, die nebeneinander auf Dereks Schreibtisch standen.

"Wenn alles klappt", meinte er mit einem teuflischen Grinsen, "muss ich mich bald mit zwei Nervensägen weniger herumschlagen.“

Hickengruendler

 

 

 

Im Waffelshop. Tim wollte sich nicht so leicht abschrecken lassen.

"Meg," begann er. "Weißt Du, wieviel Du mir noch bedeutest? Das mit Conny ... tut mir wahnsinnig leid. Sie hat mir nie etwas bedeutet, es war nur ... physisch, wenn Du verstehst, was ich meine? Meg, ich liebe Dich und ich werde um Dich kämpfen!" Entschlossen sah er sie an.

Meg seufzte. Sie wusste, daß sie ihm nicht gleichgültig war und auch, daß er Conny nicht wirklich geliebt hatte, aber was änderte das an der Situation? Sie empfand nichts mehr für ihn, und erst seit sie Ben kennengelernt hatte wusste sie, daß sie Tim auch niemals wirklich geliebt hatte.

"Tim ...," begann sie, doch er unterbrach sie.

"Meg, was uns einmal verband kannst Du doch nicht vergessen haben?"

Er bettelte förmlich um ihre Liebe. Doch plötzlich verdüsterte sich sein Gesichtsausdruck. "Es ist dieser Ben Evans, nicht wahr? Deshalb willst Du nichts mehr von mir wissen?" Meg schluckte. Was wusste Tim über Ben und sie? Da steckte bestimmt Annie dahinter, diese falsche Schlange!

"Blödsinn," entgegnete Meg, sah Tim aber dabei nicht an.

Elaine, die die beiden aus sicherer Entfernung beobachtet hatte, spürte, daß Meg Hilfe brauchte. Sie ging zum Tresen.

"Ach, Meg, mir fällt gerade ein, daß ich noch eine Bestellung für Casey habe. Würde es Ihnen etwas ausmachen, sie gleich bei ihm vorbeizubringen? Sie wohnen doch zusammen, wenn ich mich nicht irre, oder?"

Meg atmete erleichtert auf. Sie sah auf die Uhr.

"Entschuldige, Tim, aber ich muss auch langsam los, habe einen wichtigen Termin."

Sie schnappte sich die Tüte mit den Pommes für Casey, warf Elaine noch einen dankbaren Blick zu und rannte aus dem Waffelshop.

Mona

 

 

Den ganzen Vormittag ging Annie Douglas schon auf der Suche nach Ben quer durch Sunset Beach. Aber sie hatte noch keine Spur von ihm gefunden.

Stattdessen hatte sie Meg mal wieder getroffen, worüber Annie inzwischen gar nicht mehr verwundert war. Sie kam sich allmählich vor wie bei dem Wettlauf zwischen Hase und Igel. Wo immer sie auch hinkam, die Kuhbäuerin aus Kansas war schon da. Im "Deep" bei Derek, in der Liberty Corporation bei Ben, am Strand, auf der Party bei den Richards, sogar im Krankenhaus war sie mit ihr zusammengestoßen. Aber nicht nur, daß sie da war. Alles drehte sich um Meg.

Die wundervolle Meg, jeder liebte sie, jeder mochte sie, und keiner beachtete mehr Annie.

"Aber warum wundere mich deswegen", fragte sich Annie. "Das ist schließlich mein Leben. Keiner hat mich bisher gemocht, außer Tante Bette, Ben und Maria. Sogar meine Eltern haben sich einen Dreck um mich gekümmert, und Derek interessiert sich auch nicht mehr wirklich für mich." Bei Maria war das immer etwas anderes gewesen. Sie hatte Annie verstanden, ihr konnte sie alles anvertrauen.

Die beiden waren unzertrennlich.

Und Ben war immer Annies heimliche Liebe gewesen. Doch dann kam Maria, ihre beste Freundin, und schnappte ihn ihr weg. Einfach so. Am Anfang war Annie wütend auf Maria gewesen, aber sie konnte nicht lange wütend auf Maria sein, einen der wenigen Menschen, die sie je verstanden hatte.

Aber ihr Stolz hatte es nicht zugelassen, daß sie sich mit Maria aussprach. Annie wollte wohl selbst nicht wahrhaben, wie wichtig ihr diese Freundschaft war.

Und dann kam die Nacht des Sturms, und Maria verschwand.

Nun war es zu spät für eine Aussprache, Annie hatte die Chance verstreichen lassen. "Warum bist du nur bei diesem Sturm hinausgefahren, Maria? Warum nur? Was ist in dieser Nacht geschehen?", fragte sich Annie immer wieder.

Freilich wusste sie genau, was nicht geschehen war. Nämlich, daß sie von Ben umgebracht wurde. So ein Unsinn.

Annie kannte Ben besser als sich selbst und sie wusste genau, daß er Maria nie hätte wehtun können.
Die Fotos waren es, die alles änderten.

Konnte es wirklich sein, daß Maria noch lebt? Aber warum ist sie dann nicht zurückgekommen, warum in Mexiko geblieben?

Annie wollte diese zweite Chance nicht verstreichen lassen. Sie wollte nicht noch einmal die Möglichkeit verpassen, sich mit ihrer einzigen Freundin auszusöhnen.

Hickengruendler

 

 

 

Dann erblickte sie Ben. Er stand an den Klippen und blickte aufs Meer hinaus, so als ob er dort irgendetwas Bestimmtes suchte.

"Ben!", sagte Annie.

Er schrak zusammen.

"Annie? Ich habe Dich nicht kommen hören."

"Du warst ziemlich in Gedanken."

"Ja, das ist wohl richtig."

Annie seufzte. Ihr war klar, daß weiteres Nachfragen keinen Sinn hatte. Ben war offensichtlich nicht gewillt, ihr seine Gedanken zu verraten. Und wenn Ben etwas geheimhalten wollte, hatte es keinen Sinn zu bohren. Er konnte verschlossen wie eine Auster sein.

"Ben, ich muss mit Dir reden. Und ich weiß nicht so recht, wie ich es Dir sagen soll."

Ben betrachtete sie skeptisch. Annie Douglas war normalerweise nie um Worte verlegen, und Rücksichtnahme war auch nicht ihre Stärke, so daß er ihr zunächst nicht glaubte. Aber dann erkannte er, daß es diesmal etwas anderes war. Scheinbar ging es um etwas, daß Annie selbst sehr beschäftigte.

"Nun, schieß los Annie. Du hast doch sonst keine Scheu."

"Stimmt, da hast Du wohl recht. Also gut. Ben, was würdest Du sagen, wenn ich einen konkreten Anhaltspunkte hätte, daß Maria noch lebt?"

Sie blickte Ben lange an, dessen Mund vor Erstaunen offenstand.

Hickengruendler

 

 

 

„Du hast... was?“ Ben starrte Annie fassungslos an, während sie triumphierend lächelte.
Plötzlich packte er sie mit festem Griff an den Schultern. Seine Augen waren dunkel vor Wut und seine Stimme bebte, als er leise sagte:
„Ich weiß nicht, was Du wieder für seltsame Spielchen spielst, und was in deinem kranken Hirn vorgeht, aber lass mich damit in Ruhe, Annie, ich warne Dich. Auch meine Geduld hat ihre Grenzen!“
Annie wand sich in seinem Griff.
„Ben, Du tust mir weh! Lass mich sofort los!“ rief sie erschrocken, aber er dachte gar nicht daran.
„Sag mir sofort, was das eben sollte!“ forderte er drohend.
„Das würde ich ja, aber erst musst Du mich loslassen!“ rief Annie und sprang sofort einen Schritt zurück, als er seine Hände sinken ließ.
„Bist Du von Sinnen, das tat weh!“ herrschte sie ihn an.
„Mein Gott, Ben, Du solltest Dich wirklich besser unter Kontrolle haben!“
„Annie...“ er sah sie mit zusammengekniffenen Augen drohend an.
„Ist ja gut, - hier!“ sie reichte ihm den Umschlag.
Ben nahm die Fotos heraus und begann, eines nach dem anderen anzusehen, aber seine Bewegungen wurden immer langsamer, bis er schließlich bewegungslos auf ein Bild starrte.
„Ben...?“ fragte Annie ängstlich, als er sich lange nicht rührte. Langsam hob er den Kopf. Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen.
„Woher hast du die Fotos?“ fragte er mit monotoner Stimme.
„Eddi hat sie mir gegeben.“ antwortete Annie.
„Eddie Connors?“
Sie nickte. Er sah sie lange an, aber sein Blick schien durch sie hindurch zu gehen.
Dann drehte er sich wortlos um und lief davon.

Jeany

 

 

Heute am Sonntag Vormittag herrschte am Strand ein buntes Treiben. Das Rauschen der Wellen vermischte sich mit dem Stimmengewirr der vielen Menschen, es roch nach Salzwasser und Sonnenöl, und wohin man sah, waren farbenfrohe Sonnenschirme aufgestellt.
Kinder buddelten im Sand oder spielten mit Wasserbällen, andere tummelten sich im Wasser und die meisten lagen einfach nur faul in der heißen Sonne.
Meg kletterte die Treppe zum Rettungsturm hinauf.
„Hallo Ihr beiden!“ begrüßte sie Michael und Casey und reichte ihnen die Tüte mit den Pommes von Elaine, die ihre Rettung vor Tim gewesen war. Während die beiden ewig Hungrigen sich erfreut über diese Zusatzkost hermachten, sah Meg vom Turm aus auf den Strand.
„Einen tollen Ausblick habt Ihr hier!“ schwärmte sie.
„Nimm Dir das Fernglas, dann wird’s noch besser!“ nuschelte Michael mit vollem Mund.
Meg grinste.
„Okay, ich übernehme mal die Kontrolle. Was habt Ihr für einen Stundenlohn?“
Casey zog ein saures Gesicht. „Wirf das Fernglas wieder weg, es lohnt sich nicht!“
Lachend nahm Meg das Glas und beobachtete die Gegend. Toll, wie deutlich man alles sehen konnte, sogar drüben auf der Anhöhe über den Dünen waren die Leute genau zu erkennen, die dort entlangspatzierten.
Plötzlich stutzte Meg. Sie starrte durch das Fernglas, hinauf zu den Klippen, wo sie erst vor ein paar Tagen mit Ben den Sonnenuntergang beobachtet hatte.
Ja, kein Zweifel, jetzt stand er wieder dort, aber diesmal mit einer anderen Frau. Er hielt sie an den Schultern fest und die beiden schienen sich angeregt zu unterhalten.
Meg konnte die Frau nur von hinten sehen, aber halt... jetzt drehte sie sich um... Annie!
Meg setzte das Fernglas ab und rieb sich die Augen.
Was wollte denn Ben mit Annie dort oben?
Aber vielleicht war es ja gar nicht Ben, sagte sie sich, genauso gut konnte Annie mit Derek dort sein. Als sie das Glas wieder hob, waren die beiden verschwunden.
„Na, was interessantes entdeckt?“ fragte Michael.
Meg lächelte und gab ihm das Fernglas.
„Nichts von Bedeutung!“ meinte sie beifällig.
„Den Taschendieben ist es heute zu heiß am Strand und den Haien zu laut. Ihr könnt heimgehen, Jungs!“

Jeany

 

 

 

Eddie Connors holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank und machte es sich auf seiner modrigen Couch gemütlich. Die Dinge verliefen bestens. Derek Evans hatte ihn um diese kleine Gefälligkeit gebeten, und wollte ihn dafür bestens belohnen. Doch dieses Kapital sollte erst der Anfang sein. Der Startschuss in eine glorreiche Zukunft. Dann konnte er endlich raus aus diesem Drecksloch, in ein großes Haus, mit Personal, wie bei den Richards.

"Mein Gott, das hast du verdient Eddie", dachte er. In seiner Phantasie malte er sich bereits aus, was er mit dem Geld alles anfangen könnte.

"Die Frauen werden sich nach mir umdrehen", überlegte er. "Ich werde einer der gefragtesten Junggesellen in Sunset Beach sein. Und das alles nur wegen der kleinen Alma. Wahrhaftig, ihre verblüffende Ähnlichkeit mit Maria könnte mein großes Glück sein." Es war nicht schwer, Alma zu den Fotos zu überreden. Er hatte ihr Geld versprochen, wenn sie sich dafür in scheinbar alltäglicher Pose ablichten ließe. Wofür er die Fotos brauchte, hatte Eddie wohlweißlich verschwiegen.

Ein lautes Klopfen an seine Tür rüttelte ihn aus seinen Gedanken auf.

Hickengruendler

 

 

 

Eddie schlenderte zur Tür und öffnete.

"Derek", sagte er, "immer herein in die gute Stube."

"Falsch geraten, Connors, ich bin Ben Evans. Haben Sie etwa meinen Bruder erwartet?" Eddie log blitzschnell.

"Selbstverständlich nicht. Aber man kann Sie beide ja auch leicht verwechseln, das können Sie mir kaum übelnehmen. Was verschafft mir die Ehre ihres Besuches, Ben?" Ben knallte die Fotos auf den Tisch.

"Was ist das?"

"Hmm, ich würde sagen, das sind Fotos."

"Spielen Sie nicht den Idioten Eddie, ich will wissen, was es mit den Motiven dieser Fotos auf sich hat." Er zeigte sie ihm.

"Ach so, daß sind die Fotos mit Maria. Ich wusste nicht, daß sie inzwischen in Ihrem Besitz sind. Eigentlich habe ich sie ja Annie geschenkt."

"Hören Sie auf, Connors. Sie wissen genau, daß Annie mir solche Fotos sofort zeigen wird."

"Ja, da haben Sie wohl recht. Ich habe sie auch nur geschossen, damit ich einen Beweis habe. Sonst hätte mir sowieso niemand glaubt."

"Eddie, was ich von Ihnen wissen möchte: Wo haben Sie diese Fotos geschossen?" "Acapulco. Mexiko. Traumhafter Strand, schöne Mädchen. Genau wie hier. Und mittendrin Maria. Sie war es wirklich."

"Acapulco?". Ben schaute sich entgeistert um. "Ich frage mich, wie jemand mit ihrem Budget sich solche Reisen leisten kann."

"Ich war im Auftrag eines Klienten da. Er hat die Reise bezahlt. Und anschließend habe ich mir noch ein paar schöne Tage gemacht. Aber bitte, verraten sie mich nicht." meinte er mit einem zuckersüßen Lächeln.

Ben warf Eddie einen geringschätzigen Blick zu und ging.

Hickengruendler

 

 

 

Nachdem Ben Eddies Wohnung verlassen hatte, war er einfach nur ziellos am Strand entlang gelaufen, um einen klaren Kopf zu bekommen. Als er irgendwann seine Umwelt wieder wahrzunehmen schien, wurde ihm bewusst, dass er genau an der Stelle der Seebrücke stand, wo er und Meg sich gestern nacht geküsst hatten.  
Als er an Meg dachte, krampfte sich sein Herz schmerzhaft zusammen.
„Warum ausgerechnet jetzt, Maria?“ stöhnte er innerlich. In dem Augenblick, wo sein Leben anfing, wieder einen Sinn zu bekommen, jetzt, wo diese wundervolle junge Frau in sein Leben getreten war und er begann, sich langsam aus seiner Einsamkeit zu befreien und auf jeden neuen Tag zu freuen! Das Schicksal konnte wirklich launisch sein.
Aber er musste Gewissheit darüber haben, was mit Maria geschehen war. Vielleicht hatte es ja seinen tieferen Sinn, dass er all die Jahre nicht zur Ruhe gekommen war und ständig darüber nachdachte, warum überhaupt alles so gekommen war. Sie waren beide so glücklich gewesen! Aber Maria hatte ihn belogen und mit seinen Gefühlen gespielt, und dann kam jene Nacht...
Er starrte auf die Wellen und versuchte sich vorzustellen, sie wäre wirklich noch am Leben. Was war dann mit ihr geschehen, damals...? Warum hatte sie sich nie gemeldet und kam zu ihm zurück? Endlose Fragen quälten ihn.
Er musste sie finden. Alles weitere würde sich danach entscheiden.

Jeany

 

 

 

Gregory legte nachdenklich den Hörer auf. Ben hatte ihn gerade darüber informiert, dass er für ein paar Tage nach Mexiko fliegen müsse, um ein paar persönliche Dinge zu klären. Er hatte seinen Firmenpartner gebeten, falls jemand nach ihm fragen würde, zu sagen, er sei geschäftlich unterwegs. Gregory hätte zu gern gewusst, was es in Mexiko für Ben für Familienangelegenheiten zu regeln gäbe, aber der hielt sich bedeckt.
„Na gut,“ dachte er, „wenn er wieder zurück ist, wird er mir sicher davon erzählen.“
Im Grunde war er ganz froh, dass ihm eine Zeitlang in der Firma niemand über die Schulter sah. So konnte er in Ruhe einige Transaktionen erledigen, von denen Ben nicht unbedingt etwas zu wissen brauchte.
So zum Beispiel die Sache mit Cole Deschanel. Es passte ihm überhaupt nicht, dass seine Tochter gestern auf der Party nur Augen für diesen Kerl gehabt hatte, und heute schienen sie auch den Tag zusammen zu verbringen. Außerdem würden sie sich zwangsläufig in der Firma begegnen, denn leider Gottes arbeitete dieser Deschanel ja seit kurzem für die Liberty Corporation. Gregory überprüfte die Firmenkonten und überlegte, wo er unbemerkt etwas für sein Depot abzweigen könne, von dem er die zum Teil sehr üppigen Schmiergelder für seine Lakaien abbuchte.
Schließlich nickte er zufrieden. Er würde ein oder zwei seiner Leute auf Cole Deschanel ansetzen, die ihn beobachten und seine Vergangenheit überprüfen sollten.
„Wollen wir doch mal sehen, ob wir nicht etwas finden, was diesen Burschen untragbar macht für unsere anspruchsvollen Baumaßnahmen.“ murmelte Gregory und lächelte hinterhältig.
„Dann bist Du schneller wieder raus aus Sunset Beach und dem Leben meiner Tochter, als Dir lieb ist, mein Freund!“

Jeany

 

 

 

„Meg! Bist Du da?“ Rae klopfte energisch an die Zimmertür. „Komm schon, Du hast Besuch!“
Meg hatte gerade geduscht und war dabei, sich das Haar zu trocknen.
„Einen Moment!“ rief sie und zog sich schnell ein Shirt und abgeschnittene Jeans an, bevor sie öffnete.
„Was für Besuch?“ fragte sie neugierig. Rae lächelte vielsagend und trat zur Seite, um den Blick auf den abendlichen Besucher freizugeben.
„Hallo Meg, ich hoffe, ich störe nicht!“
Meg strahlte, als sie sah, wer vor ihrer Tür stand.
„Ben! Komm rein!“ Sie ergriff seine Hand und zog ihn ins Zimmer. Er sah sich kurz um.
„Gemütlich hast Du`s hier.“
Sie nickte. „Klein, aber fein.“ Mit einem verschmitzten Lächeln fügte sie hinzu: „Na ja, etwas bescheidener als Dein Palast am Strand.“ Sie wies auf das winzige Sofa neben dem Fenster.
„Setz Dich doch. Ich hol uns schnell was zu trinken unten in der Küche.“
Während sie die Treppe hinuntereilte, strich sich Ben über die Stirn und seufzte. Sie freute sich offensichtlich sehr über seinen Besuch und sie sah süß aus, mit ihrem halbnassen Haar, braungebrannt und so unkompliziert, dass es eine richtige Wohltat war. Er wäre gerne mit ihr Essen gegangen oder hätte sie zu einem Spatziergang eingeladen, aber er befürchtete, dass er heute kein guter Begleiter wäre. Zuviel ging ihm im Kopf herum, seine Gedanken kreisten unaufhörlich um Maria und die morgige Reise nach Acapulco.
Sein Blick fiel auf das Foto auf ihrem Nachttisch.
„Deine Eltern?“ fragte er, als Meg mit zwei Gläsern Orangensaft hereinkam und die Tür mit dem Fuß zuschob.
„Ja, genau, meine Mum, mein Dad und Sara, meine jüngere Schwester.“ Sie reichte ihm ein Glas und lächelte. „Ich vermisse sie ein wenig. Ich war eigentlich noch nie lange von zu Hause weg.“ Ben nickte verständnisvoll.
„Das ging mir zuerst auch so, als ich vor zehn Jahren hierher kam. Und wenn Du dann die Leute hier kennst und Freunde hast...“
Meg sah ihn an.
„Die hab ich ja schon. Gabi, meine Mitbewohner, und... dich.“
Ben stellte sein Glas ab, nahm Megs Hand und zog sie zu sich heran.
„Ich muss morgen auf eine dringende Geschäftsreise nach Acapulco. Es kann eine Weile dauern, bis ich zurück bin. Ich hoffe, Du kommst zurecht... im Büro?“ Sie nickte nur überrascht. Es tat Ben weh, wenn ihn diese schönen Augen so ansahen, während er sich einer Notlüge bedienen musste.
„Ich gebe Dir meine Handynummer, da kannst Du mich immer erreichen.“ sagte er schnell.
„Und hier ist der Schlüssel zu meinem Haus, bitte sei so lieb und schau nach der Arbeit dort kurz vorbei, es kann sein, dass hin und wieder ein wichtiges Fax ankommt, und es wäre auch schön, wen Du den Anrufbeantworter abhören würdest und mich anrufst, falls was Wichtiges da sein sollte.“
Wieder nickte Meg und Ben spürte ihre Enttäuschung darüber, dass er so plötzlich verreisen musste.
Er legte seine Hand sanft unter ihr Kinn, sah ihr lächelnd in die Augen und sagte leise:
„Ich hoffe, Du rufst mich auch an, wenn nichts Wichtiges ist.“
„Okay, ich ruf Dich an.“
Er gab ihr einen Kuss auf die Wange.
„Ich muss los, Meg.“
Er war schon auf dem Weg zur Tür, als sie leise sagte:
„Guten Flug, Ben. Und pass auf Dich auf!“
Keiner von beiden wusste, wie es geschah, aber im nächsten Moment lagen sie sich in den Armen.
Ben konnte nicht genug bekommen von ihren süßen Lippen und auch Meg erwiderte seinen Kuss mit so viel Leidenschaft, dass an diesem Abend bestimmt mehr daraus geworden wäre, aber der plötzliche Gedanke an Maria und die Fotos von Eddie ernüchterten ihn schlagartig.
„Meg...“ flüsterte er und streichelte zärtlich ihr Haar, als sie ihn mit großen Augen erwartungsvoll ansah.
„Ich möchte nichts überstürzen. Du bist für mich etwas besonderes, und ich will, dass unsere erste Nacht auch etwas ganz besonderes für uns beide ist. Wenn ich zurück bin, haben wir alle Zeit der Welt.“
Meg nickte und senkte den Blick. Sie spürte, dass ihn irgend etwas mehr beschäftigte, als er zugab und sie versuchte, den erneuten Anflug von Enttäuschung zu verbergen, der von ihren Gefühlen Besitz ergriff.
„Wer weiß, was sein wird, wenn ich zurückkomme.“ dachte Ben.“ Vielleicht finde ich Maria wirklich, und dann...“ Er stöhnte leise und nahm Meg fest in seine Arme.
„Was machst Du nur mit mir!“ flüsterte er zärtlich, „Wir kennen uns erst so kurze Zeit, aber in diesen letzten Tagen hast Du mein langweiliges Leben total auf den Kopf gestellt!“
Er hob den Kopf und schaute ihr in die Augen.
„Ich glaube, ich habe mich in Dich verliebt, Meg Cummings!“

Jeany

 

 

 

Zufrieden registrierte Derek, dass Annie ihre Koffer packte. Sein Plan schien zu funktionieren.
Belustigt trat er hinzu und fragte scheinheilig:
„Willst Du verreisen?“
„Ich fliege für ein paar Tage nach Südamerika zu meiner Mutter.“ antwortete sie und nahm ihre Kleider aus dem Schrank. In den Monaten, in denen sie mit Derek zusammenlebte, hatte sie schon fast ihre ganze Garderobe bei ihm untergebracht, immer darauf hoffend, er würde ihr endlich sagen, sie solle doch ganz zu ihm ziehen. Doch er schien gar nicht daran zu denken. Nun ja, eine zeitweilige Trennung würde ihm vielleicht die Augen darüber öffnen, was er an ihr hatte.
„So plötzlich?“ fragte er und betrachtete mit zusammengekniffenen Augen den Kleiderberg auf dem Bett. „Wie viele Wochen willst Du denn bleiben?“
„Ich weiß noch nicht.“ erwiderte sie knapp. „Vielleicht tut es unserer Beziehung ganz gut, wenn wir uns mal eine Weile nicht sehen.“
Derek trat hinter sie und legte ihr die Arme um die Taille. „Einen anderen Grund gibt es nicht?“ fragte er lauernd. Annie nagte nervös an ihrer Unterlippe. Nein, den wahren Grund würde sie nicht verraten. Eigentlich waren es zwei Gründe, die sie zu ihrer Reise veranlassten. Zum einen musste sie unbedingt herausfinden, ob Maria wirklich noch am Leben war und zum anderen wäre sie für die Dauer ihres Aufenthaltes in Acapulco mit Ben zusammen, wer weiß, vielleicht ergab sich doch noch etwas zwischen ihnen beiden.
Annie lächelte. Alles keine Gründe, über die Derek sonderlich erfreut wäre. Und das Baby kam noch hinzu. Wenn er wüsste...
Aber sie würde morgen früh die erste Maschine nehmen, der Platz neben Mister Ben Evans war für sie vorhin telefonisch reserviert worden, nachdem die nette Angestellte des Flughafens ihr dienstbeflissen mitgeteilte, welchen Flug Mister Evans für sich gebucht hatte.
„Ich werde Dich vermissen, Derek.“ sagte sie und drehte sich mit aufreizendem Lächeln zu ihm um. „Du mich auch?“
„Aber ja, mein Schatz!“ antwortete er und fügte mit etwas anzüglichem Lächeln hinzu:
„Vielleicht sollten wir noch ein wenig Abschied feiern!“
Annie lächelte und schloss die Augen, als auf das breite Bett sanken, und während sie in seinen Armen lag, stellte sie sich zum hundertsten Male vor, er wäre der Mann, den sie wirklich liebte.

Jeany

 

 

Meg durchfuhr ein wohlig, warmer Schauer, als Ben ihr seine Liebe gestand.

"Es geht mir genauso," flüsterte sie leise.

"Ich weiß." Er löste sich vorsichtig aus ihren Armen und hielt ihre Hand in seiner.

"Aber wir sollten nichts überstürzen. Wenn ich zurück bin, fangen wir ein neues Leben an," versprach er ihr.

Hoffentlich, dachte er im Stillen. Maria war einst seine große Liebe gewesen, aber die vergangenen Ereignisse hatten ihn verändert. Er konnte nicht mehr so für sie empfinden wie damals. Wenn sie wirklich noch am Leben war, würde das sein ganzes Leben verändern und nicht nur seins ...

"Also dann ..."

Meg konnte sich nicht dazu durchringen "Auf Wiedersehen" zu sagen.

Ben zog sie ein letztes Mal in die Arme und gab ihr einen sanften Kuss auf die Lippen. Dann ging er zur Tür, und ohne sich noch einmal nach Meg umzuschauen verließ er das Zimmer.

Mona

 

 

Am nächsten Morgen fuhr Ben mit einem Taxi zum Flughafen. Die Straße war dicht, Ben wahr genau in den Berufsverkehr Montags Morgens bekommen. Er blickte auf die Uhr. Es wurde langsam knapp, der Flug wartet auch nicht ewig. Ben war heute morgen spät aufgebrochen, wäre er früher gefahren, hätte es keine Probleme gegeben. Aber er wollte am liebsten überhaupt nicht aufbrechen, wollte Meg und Sunset Beach nicht verlassen. Wenn das wirklich Maria war, hatte sie offensichtlich kein Interesse daran, zu ihm zurückzukehren. Aber dennoch, er wollte es wissen, wollte wissen, ob es seine Frau war, und warum sie sich von ihm abgewandt hatte.

Das Taxi kam am Flughafen an. Ben bezahlte den Fahrer und blickte auf die Uhr. Er war noch pünktlich.

"Seltsam", dachte er, "daß ich mich überhaupt nicht freue, das Flugzeug noch bekommen zu haben."

Er stieg ein und eine Stewardess brachte ihn zum Platz.

"Na endlich", hörte er plötzlich eine wohlbekannte Stimme, "Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr."

Fassungslos blickte Ben auf seine Platznachbarin: Annie!

Hickengruendler

 

 

 

Ben war sprachlos.

"Annie, was um alles in der Welt machst Du hier?"

"Dreimal darfst Du raten. Ich begleite dich natürlich auf der Suche. Immerhin war Maria meine beste Freundin."

"Und woher weißt Du, welchen Flug ich genommen habe?"

"Ähm, na ja, weißt Du, Du hast gestern Nachmittag so mitgenommen gewirkt. Da habe ich mich direkt für Dich verantwortlich gefühlt. Ich wollte Dich nicht so allein reisen lassen, und, tja, da habe ich mich eben mal erkundigt."

Ben fand seine Fassung langsam wieder.

"Fein." Sein Tonfall verriet, daß er es keineswegs so fein fand.

"Und wenn Du mir jetzt noch sagst, woher Du das Geld für das Flugticket hast, bin ich zufrieden."

"Ich habe Tante Bette angepumpt."

"In Ordnung, Annie. Du hast Deinen Auftritt gehabt. Bitte gehe jetzt, irgendwelche Unkosten wegen des Flugs ersetze ich Dir, aber ich kann Dich bei der Suche nach Maria wirklich nicht gebrauchen. Sei mir jetzt nicht böse, aber ich muss das allein machen." Annie wollte etwas erwidern, als sie die Stimme der Stewardess hörte.

"Meine Damen und Herren. Bitte schnallen Sie sich an und stellen Sie das Rauchen ein. Wir starten in wenigen Augenblicken."

"Tja, so ein Unglück", meinte Annie grinsend. "Jetzt ist es zu spät, und ich muss wohl mitfliegen."

Sie blickte Ben mit unschuldigen Augen an. Der seufzte.

Das Flugzeug rollte los und startete Richtung Mexiko.

Hickengruendler

 

 

 

Im selben Augenblick schaute Derek auf seine Uhr.

"Normalerweise müssten die beiden bereits aufgebrochen sein", dachte er. "Ausgezeichnet, und diesen Trottel Tim habe ich sowieso in der Tasche. Unserem Glück steht nichts mehr im Wege Meg. Das Schicksal kann man eben nicht hintergehen."

Hickengruendler

 

 

 

Als Meg am nächsten Morgen erwachte, fühlte sie sich seltsam traurig und leer. Ben war fort, und sie wusste nicht, wann sie ihn wiedersehen würde!

Sie erinnerte sich an ihren Abschied, als er sie in seine Arme gezogen und geküsst hatte. Meg seufzte tief. Sie beeilte sich, sich zu duschen und anzuziehen und ging die Treppe hinunter, um zu frühstücken.

"Meg, "begrüßte sie Gabi, "Du bist aber heute schon früh auf den Beinen."

Meg rieb sich die Augen.

"Und besonders ausgeschlafen siehst Du auch nicht gerade aus, "fügte sie schmunzelnd hinzu. Gabi sah aber noch etwas anderes in Megs Gesicht, was sie nicht ganz einordnen konnte. Meg holte sich einen Kaffee und ließ sich aufs Sofa fallen.

"Entschuldige, Gabi, aber ich habe auch nicht besonders gut geschlafen."

Gabi sah sie prüfend an.

"Alles in Ordnung mit Dir?"

Meg musste mit jemandem über ihre Gefühle zu Ben reden, sonst würde sie platzen, und sie wusste, daß Gabi sie verstehen würde.

"Ben, "begann sie vorsichtig, "war gestern abend noch hier und hat sich von mir verabschiedet. Er musste dringend geschäftlich nach Acapulco ..." Meg stockte kurz, um sich genau ihre Worte zu überlegen und fuhr dann mit ihrer Erzählung fort.

"Wir haben uns ... geküsst und uns .... Gabi, stell' Dir vor, Ben liebt mich! Ist das nicht einfach wundervoll?!

Gabis Gesicht verdüsterte sich.

"Meg, ich will Deinen Enthusiasmus nicht dämpfen, aber was ich so über Ben Evans gehört habe ..."

Meg unterbrach sie.

"Es ist mir egal, was andere sagen," sagte sie störrisch, "wir lieben uns, und alles andere zählt nicht."

Gabi sah sie lange an.

"Okay Meg, ich will Dir da nicht reinreden, aber sei trotzdem vorsichtig. Auch wenn er seine Frau nicht umgebracht hat - aber irgendwie sind mir die Evans-Brüder nicht ganz geheuer."

Meg war überrascht, wie aufrichtig Gabi war.

"Ja, mir ist Derek auch unheimlich," vertraute sie der Freundin an. "Aber Ben ist ganz anders, er würde mich nie belügen oder betrügen. Wenn Du ihn richtig kennen würdest, würdest Du ihn auch mit anderen Augen sehen."

Gabi seufzte.

"Oh Meg, warum musstest Du Dich ausgerechnet in einen der Evans-Brüder vergucken, wo es doch so nette Jungs in Sunset Beach gibt."

Gabi grinste und Meg zog eine Grimasse. Sie dachte an Tim. Von "Jungs" hatte sie wirklich die Nase voll! Sie stand doch mehr auf reife Männer, wie Ben!

Ben ... Ob er jetzt schon im Flieger saß?

Meg stand auf und stellte die Kaffeetasse unsanft auf den Tisch. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, daß sie sich langsam für den Arbeitstag rüsten musste. Schließlich erwartete Ben von ihr, daß sie in seiner Abwesenheit alles überwachte.

Gabi sah ebenfalls auf die Uhr.

"Oh Schreck, ich muss mich sputen, sonst komme ich zu spät. Bis heute Abend, Meg!" Gabi schnappte sich ihre Tasche und mit einem lauten Krachen ließ sie die Tür ins Schloss fallen.

Meg packte ebenfalls ihre Sachen in die Tasche und steckte den Zettel ein, auf dem Ben seine Handynummer notiert hatte.

Dann machte sie sich auf den Weg zur Liberty Corporation

Mona

 

 

 

 

Vanessa parkte ihren Wagen am Rande der Baustellenzufahrt zur neuen Ferienanlage der Liberty Corporation.
Sie hatte heute einen Termin für ein wichtiges Interview mit Gregory Richards und war schon spät dran. Sie war froh, den Auftrag zu der Reportage erhalten zu haben, denn das Projekt fand schon im Vorfeld ein breites Interesse in der Öffentlichkeit und würde bestimmt eine ganze Menge Leser anlocken.
Erleichtert stellte Vanessa fest, dass Gregory noch nicht angekommen war. So konnte sie sich noch einen Augenblick ungestört umsehen.
Das riesige alte Fabrikgebäude, das seit Jahren leer stand und so gar nicht recht in die Landschaft passte, sollte umkonstruiert werden, denn seine Grundmauern waren fest und solide gebaut und hatten bisher jedem Sturm standgehalten. Die Lagerhalle dahinter jedoch würde in den nächsten Tagen der Abrissbirne zum Opfer fallen.
Vanessa seufzte. Leider würde aber auch ein erheblicher Teil des Strandes und der Dünen in Mitleidenschaft gezogen werden, und auch einige vorspringende Felsen, sowie darunter befindliche kleinere Höhlen sollten gesprengt werden, um landeinwärts mehr Platz zu schaffen. Ein Eingriff in die Natur, der schon vorab für einigen Wirbel gesorgt und das Projekt erheblich verzögert hatte.
Aber die Ferienanlage würde eine Vielzahl Touristen anlocken, die Stadt brauchte das Geld dringend und somit schien das Ganze am Ende gerechtfertigt. Trotzdem zweifelten immer noch einige unverbesserliche Skeptiker, dass Gregory Richards alle Unterschriften auf seinen Genehmigungen rechtmäßig erworben hatte. Von Korruption, Erpressung und Manipulation war die Rede gewesen, aber natürlich konnte keiner ihm etwas nachweisen.
Nun, Vanessa hatte sich ihre Fragen für heute wohl überlegt und gedachte vorerst nicht, in irgend ein Fettnäpfchen zu treten. Dazu war später immer noch Zeit.

Jeany

 

 

Gregory und Bette erreichten die Baustelle kurz nach Vanessa.
Zufrieden registrierte Gregory, dass bereits ein geschäftiges Treiben herrschte. Die Abrissfirma war mit Bagger, mehreren Lastwagen und allem, was sonst noch dazugehörte vor Ort, und die Deschanel- Firma hatte begonnen, das alte Fabrikgebäude einzurüsten.
Erstaunt sah er, dass Cole selbst an dem Gerüst mitarbeitete.

Cole Deschanel - dieser Mann saß ihm inzwischen wie ein Stachel in der Seele.
Den halben Sonntag hatte er mit Caitlin verbracht, weiß der Teufel, wo die beiden sich die ganze Zeit herumgetrieben hatten. Als sie abends nach Hause kam, war sie aufgedreht wie nie zuvor, ihre Augen glänzten, wenn sie nur seinen Namen aussprach. Das musste ein Ende haben, und zwar schnellstens, bevor sich daraus noch mehr entwickelte! Gregory wusste, er musste sich umgehend etwas einfallen lassen, um dieses Verhältnis zu unterbinden. Aber wie wurde man Cole Deschanel wieder los? Kein leichtes Unterfangen, schließlich war er nicht allein hier.
Aber halt - vielleicht war da doch eine Möglichkeit...

Gregory gab Cole durch ein Handzeichen zu verstehen, dass er ihn zu sprechen wünschte, und der junge Mann kam kurz darauf zu ihm herüber.
„Hallo, Mister Richards. Bette, schön, Sie zu sehen.”
„Ganz meinerseits, Cole.“ antwortete Bette und fügte mit kokettem Lächeln hinzu:
„Meine Güte, Sie sehen ja sogar im Arbeitshemd noch umwerfend aus!“
Gregory räusperte sich auffällig und Cole konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
„Wie ich sehe, läuft ja alles bestens an. Oder gibt es irgendwelche Probleme?“ erkundigte sich der große Boss.
Cole schüttelte den Kopf.
„Nichts Wesentliches. Einer meiner Vorarbeiter hatte gestern einen Autounfall und fällt ein paar Tage aus, deshalb mache ich heute seine Arbeit. Ansonsten finden Sie mich dort drüben in meinem Büro.“ Er wies auf einen größeren Bauwagen. Gregory nickte.
„In Ordnung, Cole.“ Er sah auf seine Uhr. „Ich habe gleich einen Termin mit einer Reporterin des „Sentinal“. Ich möchte Sie bitten, Ihre Leute davon in Kenntnis zu setzen, dass keiner der Arbeiter befugt ist, Miss Hart oder einem ihrer Kollegen von der Zeitung Auskunft über die Arbeiten hier zu erteilen, ganz gleich welcher Art. Nur für den Fall, dass sie danach noch irgendwelche neugierigen Fragen stellen sollte.“ ordnete er an.
Cole nickte.
„Geht klar. Bis später dann.“
Gregory und Bette sahen ihm nach, wie er wieder an seine Arbeit ging.
„Ein schöner Mann...“ schwärmte Bette.
„Das ist ja das Problem!“ dachte Gregory grimmig, laut aber sagte er:
„An die Arbeit, Bette, richten Sie Ihren Blick aufs Wesentliche!“
„Was glauben Sie, was ich die ganze Zeit über tue!“ entgegnete sie mit spitzbübischem Grinsen und stakste ihrem Arbeitgeber in ihren hochhackigen Pumps eilig hinterher.

Jeany

 

 

Mit einem etwas eigenartigen Gefühl schloss Meg am späten Nachmittag Bens Haus auf. Zögernd betrat sie das große Wohnzimmer. Durch die Gardinen fiel das Licht der untergehenden Sonne. Meg öffnete die Verandatür und trat hinaus auf den Balkon. Sie holte tief Luft und sah hinaus aufs Meer. Wieder einer dieser herrlichen Sonnenuntergänge, aber trotzdem, ohne Ben war er nur halb so schön...
Nachdem Meg Faxgerät und Anrufbeantworter überprüft und sich wesentliches notiert hatte, wählte sie Bens Handynummer. Den ganzen Tag über hatte sie sich darauf gefreut, am Abend mit ihm zu telefonieren.
Als sie schließlich seine Stimme hörte, schlug ihr Herz gleich schneller.
Er war gerade mit dem Auto unterwegs und hielt kurz am Straßenrand, um ungestört mit ihr reden zu können.
Sie fragte ihn, wie der Flug gewesen sei und ob er schon wüßte, wann er zurückkäme. Ben seufzte. Es könne wohl noch ein paar Tage dauern, meinte er, genaueres wäre noch nicht absehbar.
"Vielleicht überrasche ich Dich ja und bin am Ende schneller wieder zu Hause, als Du denkst." meinte er tröstend.
"Das wäre zu schön." schwärmte Meg.
Sie konnte sich genau vorstellen, wie Ben lächelte, als er leise sagte:
"Ich vermisse Dich und kann es gar nicht erwarten, wieder in Sunset Beach zu sein."
Dann erzählte er noch ein wenig von der schönen Stadt Acapulco. Meg legte den Kopf in die Kissen auf der Couch und lauschte dem Klang seiner Stimme.
Als sie sich schließlich verabschiedeten, blieb sie verträumt dort liegen und hing ihren Gedanken nach. Irgendwann schlief sie ein...

Jeany

 

Meg erwachte von irgend einem merkwürdigen Geräusch. Draußen dämmerte es bereits.
Sie hob den Kopf und erstarrte. Jemand war durch die offene Verandatür ins Zimmer getreten und kam langsam auf sie zu. Zu Tode erschrocken wollte Meg um Hilfe rufen, als ihr die Gestalt des vermeintlichen Einbrechers bekannt vorkam.
„Ben?“ fragte sie ungläubig.
„Ja, mein Schatz.“ sagte er leise und setzte sich zu ihr. Im Halbdunkel konnte sie sein Gesicht nur undeutlich erkennen.
„Hab ich Dich etwa erschreckt?“ fragte er und strich ihr liebevoll eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Meg nickte.
„Ich hab nicht mit dir gerechnet, nachdem wir vorhin erst telefoniert haben.“ erwiderte sie etwas verwirrt. Er lächelte.
„Tut mir leid, ich wollte Dich gern überraschen, deshalb habe ich nicht gesagt, dass ich schon auf dem Rückweg bin.“ entschuldigte er sich. „Ich hab dich so wahnsinnig vermisst, Meg!“
Er nahm sie in die Arme und küsste sie.
Meg erwiderte seinen Kuss, doch mit einem Mal zog ein eisiger Schauer über ihren Rücken. Seine Lippen wurden immer fordernder und seine Hände waren plötzlich überall.
Mit ganzer Kraft stieß sie ihn von sich weg und sprang auf.
„Derek!“ rief sie zitternd vor Wut. Sein Lachen ließ sie erschaudern.
„Komm schon, Meg, das war doch ein sehr vielversprechender Anfang!“ meinte er spöttisch.
Meg griff sich blitzschnell ihr Handy vom Tisch und verschanzte sich hinter der Couch.
„Verschwinden Sie!“
„Schade, Kleines, der Abend hat so schön begonnen...“ grinste er anzüglich und stand auf.
„Der Abend ist zu Ende.“ sagte sie mit möglichst fester Stimme, obwohl ihr ganz flau im Magen war. Sie wählte die Nummer des Surf Central, ohne Derek dabei auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen, und atmete erleichtert auf, als sich Michael meldete.
„Hi, hier ist Meg. Ich bin in Bens Haus. Bitte holt mich sofort hier ab!“
Michael hörte sofort an ihrem Tonfall, dass etwas nicht stimmte. Er fragte nicht lange.
„Alles klar, Meg. Bin schon unterwegs!“
Erleichtert ließ sie das Handy sinken und schüttelte verständnislos den Kopf.
„Warum tun Sie das, Derek?“
Er ließ sich in den Sessel gegenüber der Couch fallen und hob lächelnd die Schultern.
„Du machst mich total verrückt, ich kann nichts dagegen tun. Das ist Schicksal, -  unser Schicksal, Meg! Erinnerst Du Dich.... der erste Sonnenuntergang...“
„Das ist doch nur eine alberne Legende, Derek!“ meinte Meg. Er schüttelte den Kopf und sagte so leise, dass sie ihn kaum verstehen konnte:
„Das hat Maria auch gesagt, aber diese Legende hat sie das Leben gekostet.“

„Was haben Sie gesagt?“ Meg glaubte nicht richtig gehört zu haben, aber Derek winkte nur ab und stand auf.
„Okay, vergessen wir das Ganze. – Vorerst!“ Er deutete einen Kuss in ihre Richtung an und sagte mit schmeichelnder Stimme:
„Also dann, meine Schöne, bis bald... Sehr bald!“ und war im nächsten Moment über die Veranda verschwunden. Meg stürzte zur Tür und verschloss sie eilends. Ein paar Sekunden später klingelte Michael stürmisch an der Eingangstür.

Jeany

 

 

 

Meg erschrak. Sie rührte sich nicht. Was, wenn Derek schon wieder zurück war? Er wurde ihr von Minute zu Minute unheimlicher.

"Meg, bist du da? Ich bin es, Michael!"

Meg atmete auf.

"Oh Michael, Gott sei Dank." Sie öffnete die Tür und in ihrer Erleichterung fiel sie ihm in die Arme.

"He, ist ja gut. Nicht so stürmisch. Meine Güte, was ist denn los? Du bist ja vollkommen mitgenommen."

"Ich erklär es dir später, aber bitte, lass uns erst von hier verschwinden, okay?"

"Okay."

Er brachte sie zum Auto.

Derek stand in einiger Entfernung und beobachtete die beiden.

Das Schicksal hatte gesprochen. Diese Frau sollte ihm gehören, und nicht Ben.

Er wollte sie besitzen, immer hatte Ben alles gehabt, doch diesmal hatte das Schicksal andere Pläne.

Und das Schicksal kann man nicht betrügen.

Hickengruendler

 

 

 

"Also Meg, was hat Dich so mitgenommen?" Michael blickte sie aufmunternd an, während sie sich auf der Couch im Surf Central entspannte. Mittlerweile hatte sie sich etwas beruhigt und sie überlegte, ob sie vorhin nicht doch etwas überreagiert hatte.

"Michael. Was weißt Du über Derek Evans?"

"Nicht sonderlich viel. Er ist vor ungefähr 10 Jahren nach Sunset Beach gezogen, könnten auch 15 hergewesen sein. Ben kam ein bisschen früher, und Derek ist später dann zu ihm gezogen. Freilich nur kurz, die Brüder können sich nicht besonders gut leiden, dass hast Du sicher auch schon gemerkt? Derek hat sich dann eine eigene Wohnung genommen. Seitdem gilt er als der Dorfcasanova, keine Frau war vor ihm sicher, und keine hat ihm widerstehen können, außer Maria."

Meg blickte auf.

"Derek war auch hinter Maria her?"

"Oh ja. Und wie. Ich würde sogar sagen, besessener, als hinter jeder anderer, wahrscheinlich, weil sie ihm immer ausgewichen ist. Ich habe nicht erlebt, daß er je so hinter einer Frau her war, auch hinter Annie nicht. Aber dann kamst Du."

"Und hinter mir ist er genauso ausdauernd her, wie damals hinter Maria?"

"Hmm, ja, vielleicht sogar noch mehr."

"Oh Michael. Dieser Mann wird mir immer unheimlicher. Du hättest ihn heute sehen sollen. Ich glaube, er ist nicht ganz normal. Er hat gesagt er sei Ben, und es war so dunkel, da konnte ich die Augen nicht sehen, und dann hat er mich angemacht und... Oh Michael, es war furchtbar, ganz anders als bei Ben."

„Er war in Bens Haus?“ fragte Michael ungläubig.

Meg nickte und rang wieder mit ihrer Fassung.

"Und dann hat er noch so etwas Komisches gesagt, daß die Legende Maria umgebracht hätte. Oder so etwas in der Art. Weißt du, wie er das gemeint hat?"

Hickengruendler

 

 

 

 

Michael zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung, was er damit meint.“ sagte er. „Der Kerl ist mir sowieso nicht geheuer!“
Meg seufzte.
„Wem sagst Du das!“
Sie überlegte einen Moment, dann legte sie ihre Hand auf Michaels Arm und bat:
„Wenn ich mir die Sache recht überlege, bitte Michael, erzähl den anderen vorerst nichts von der Sache. Das Ganze ist mir doch ziemlich peinlich, und ich befürchte, dass Casey und Mark, wenn sie davon erfahren, sofort zu Derek rennen und ihn zur Rede stellen würden.“
Michael sah sie einen Moment lang nachdenklich an und nickte dann.
„Vielleicht hast Du recht, Meg.“ stimmte er schließlich zu. „Behalten wir also die Sache für uns – Vorerst!“

Leider war das gar nicht so einfach, denn noch am selben Abend wurde ein großer Strauß herrlicher weißer Rosen im Surf Central für sie abgegeben.
Zuerst dachte Meg, sie seien von Ben, aber auf der Karte stand nur schlicht und einfach:
„Entschuldigung! Derek“
Gabi war dabei, als Meg die Karte las.
„Woher weiß er, dass weiße Rosen Deine Lieblingsblumen sind?“ fragte sie erstaunt.
Meg zuckte mit den Schultern und meinte nur seufzend:
„Ach weißt Du, langsam wundert mich bei ihm gar nichts mehr!“

Dann erzählte sie ihrer Freundin von ihrem eigenartigen Erlebnis vorhin in Bens Haus.
Gabi schnappte nach Luft.
„Das gibt’s doch gar nicht!“ wetterte sie los, aber als Meg ihr erklärte, warum sie bisher nur Michael von dem Vorfall erzählt hatte, nickte sie zustimmend.
„Ich glaube, unsere drei Männer hätten heute noch bei Derek vorbeigeschaut, und das wäre ganz sicher kein Höflichkeitsbesuch gewesen.“
Sie sah Meg eindringlich an und meinte dann:
„Denk daran, was ich Dir gesagt habe, sei in Zukunft ein bisschen vorsichtiger. Derek ist kein Typ, der so einfach aufgibt. Und jetzt, wo Ben nicht da ist...“
Meg lächelte. „Ich hab vorhin mit Ben telefoniert, bestimmt kommt er bald heim.“

Jeany

 

 

 

Am nächsten Morgen war Meg zeitig im Büro. Es war noch einiger Papierkram zu erledigen, den sie beseitigt haben wollte, wenn Ben zurück war. Bette war zu einem Diktat in Gregorys Büro gerufen worden, darum war Meg allein im Vorzimmer, als das Telefon klingelte.

"Liberty Corporation. Meg Cummings am Apparat", meldete sie sich.

"Sie schon wieder. Ist Tante Bette da?", sagte eine in Megs Ohren inzwischen schon sehr vertraute Stimme.

"Tut mir Leid, Annie, ich kann sie im Augenblick nicht ans Telefon holen. Sie ist beschäftigt."

"Mein Gott, ich muss sie aber unbedingt sprechen."

"Dann werden Sie sich gedulden müssen, bis sie zurück ist. Im Moment ist sie in Gregorys Büro."

"Aber später habe ich keine Zeit. Ben wartet nicht ewig, wir wollen gleich aufbrechen." Meg war es zumute, als hätte sie soeben ein Panzer überrollt.

"Ben?"

"Ja, Ben." Und dann ganz plötzlich, als ob Annie jetzt gerade etwas eingefallen wäre, fügte sie hinzu. "Er ist schon ziemlich ungeduldig. Die Sache nimmt ihn doch ziemlich mit. Er markiert ja immer den Starken, aber er ist weich wie Butter. Gut, daß er seinen Stolz überwunden und mich gebeten hat, ihn zu begleiten."

"Ben, hat... Annie, darauf falle ich nicht herein. Ben ist in Acapulco."

"Ganz Recht. Kann ich nur bestätigen. Da bin ich ja schließlich auch. Die ganze Stadt ist ein Traum. Ein Paradies für jedes Liebespaar", und ziemlich eindeutig fügte sie hinzu: "und für all diejenigen, die hoffen, ihren Traummann zu finden. Ach ja. Es wird wohl noch ein bisschen dauern, bis Ben zurückkommt. Die Sache hier ist ihm wirklich sehr wichtig. Und mir natürlich auch. Sozusagen eine Reise in die Vergangenheit, auf das diese die Gegenwart bald einholt."

Nun verlor Meg endgültig ihre Geduld.

"Hören Sie, Annie, ich weiß nicht, worauf Sie hinaus wollen. Offensichtlich genießen Sie es, hier Gift zu versprühen. Aber wenn Sie glauben, daß mich Ihre unverständlichen Anspielungen irgendwie kümmern, dann täuschen Sie sich. Auf Wiedersehen."

Meg knallte den Hörer auf die Gabel. Warum um alles in der Welt hat Ben Annie mit nach Acapulco genommen, und nicht sie?

Jeany

 

 

 

Der merkwürdige Anruf ging Meg den ganzen Tag nicht aus dem Kopf. Sie versuchte sich einzureden, dass Annie nur bluffte, aber so richtig glaubte sie selbst nicht daran, denn wenn sie sich die Sache recht überlegte, war sie dieser rothaarigen Plage sonst auf Schritt und Tritt begegnet, aber seit Ben weg war...
„Meg, was ich Sie vorhin schon fragen wollte, Schätzchen, wer hat eigentlich diese wunderschönen weißen Rosen hier abgegeben?“ riss Bette, die mit Kugelschreiber und Schreibblock soeben aus Gregorys Büro kam, sie aus ihren Gedanken. Meg lächelte etwas abwesend.
„Die sind von mir.“ Bettes Augen weiteten sich erstaunt. „Haben Sie einen heimlichen Verehrer, Kindchen?“
„Nein, nein,“ beeilte sich Meg zu sagen, „ich dachte sozusagen als kleinen Einstand...“
„Entzückend!“ Bette schnupperte an einer der Blüten und verdrehte genüsslich die Augen.
„Ach ja“ sagte Meg so beiläufig wie möglich, „Ihre Nichte hat angerufen und wollte Sie unbedingt sprechen. Leider hat sie keine Telefonnummer hinterlassen.“
„Annie?“ wunderte sich Bette. „Ist ja eigenartig, ich weiß gar nicht, wo sie steckt. Sie hat sich etwas Geld von mir geliehen und seitdem ist sie verschwunden.“ überlegte Bette laut. Dann aber winkte sie ab und meinte:
„Aber sicher ist sie drüben bei Derek und die beiden finden wieder einmal tagelang nicht aus dem Bett!“
Meg beugte sich möglichst tief über ihre Schreibarbeit und war sich in diesem Moment ziemlich sicher, dass sie heute ihr Frühstück weglassen würde.

Jeany

 

 

Zur selben Zeit saßen Marc und Gabi gemeinsam am Strand und sonnten sich. Gabi hatte heute Nachtschicht, und da auch Marc erst am Abend ins "Deep" musste, hatten sie den ganzen Tag für sich.

Marc hatte Gabi schon immer sehr gern gemocht, im Grunde seines Herzens hatte er sie mehr als nur gemocht, und tat es immer noch. Aber er wusste, daß sie nicht so für ihn empfand. Gabi sah in ihm nur einen guten Freund, aber ihr Herz gehörte Ricardo, genauso wie Tiffanys Herz immer Sean gehört hatte. Marc hatte sich damit abgefunden, was blieb ihm übrig. Irgendwann würde auch er ganz sicher die Frau fürs Leben finden. Er durfte nur die Suche nicht aufgeben.

"Wir haben übrigens einen neuen Kellner im "Deep", sagte Marc gerade zu Gabi.

"Tim Truman, ich weiß. Du weißt, daß er Megs ehemaliger Verlobter ist."

Marc setzte sich auf.

"Jetzt weiß ich es. Aber stimmt, er hat mir gesagt, daß er seiner großen Liebe gefolgt ist."

"Tja", meinte Gabi lakonisch "nur war sie wohl nicht seine einzige große Liebe." "Verstehe ich nicht. Wenn ich so eine tolle Frau wie Meg oder dich kriegen würde, würde ich sie nie betrügen."

"Oh Marc, soll das ein Kompliment sein", sagte Gabi grinsend.

Marc wollte was erwidern, als er plötzlich eine Stimme hörte.

"Hi, kann ich Euch beiden ein wenig Gesellschaft leisten?"

Marc verspürte eine leichte Eifersucht, als er Ricardo Torres muskulösen, braungebrannten Körper sah.

Hickengruendler

 

 

 

„Hi Ricardo!“ sagte er und stand auf. „Setz Dich doch, ich denke, Gabi wird nichts dagegen haben, wenn Du ihr noch ein wenig Gesellschaft leistest. Ich muss los, habe noch was zu erledigen.“
Weg war er. Die beiden sahen ihm etwas verwundert nach.
„Hab ich Mark vertrieben?“ fragte Ricardo und ließ sich neben Gabi im Sand nieder. Sie schüttelte den Kopf.
„Ach woher denn.“ Sie sah ihn lächelnd von der Seite an. „Oder bist Du sehr enttäuscht, dass er weg ist?“
Ricardos Augen wanderten über ihren gebräunten, schlanken Körper. Dann schaute er in ihre Augen und meinte beifällig:
„Na ja, wenn Du mich so fragst...“
Gabi spielte sein Spiel mit. „Okay, dann kann ich ja gehen!“ Sie sprang auf, aber Ricardo war schneller und hielt sie fest. Lachend balgten sie sich wie verspielte Kinder im Sand, doch dann waren die beiden plötzlich ganz still und sahen sich nur noch tief in die Augen. Ricardo beugte sich langsam hinunter und küsste Gabi zärtlich. Zuerst war sie überrascht, doch schnell erwiderte sie seinen Kuss.
„Endlich...“ dachte sie verliebt und schlang ihre Arme um seinen Hals.
Wie sehnsüchtig hatte sie auf einen Augenblick wie diesen gewartet. Sie liebte Ricardo schon lange heimlich und hatte auch gemerkt, dass sie ihm nicht gleichgültig war, aber den entscheidenden Schritt hatte keiner von ihnen bisher gewagt...

Mark beobachtete die beiden von fern. Es tat ihm weh, Gabi in Ricardos Armen zu sehen. Wieder einmal hatte er das untrügliche Gefühl, eine wichtige Chance vertan zu haben...

Jeany

 

 

Olivia saß draußen am Pool und genoss die laue Abendluft.
Der Orangensaft in ihrer Hand war mit reichlich Wodka versetzt, und sie trank einen großen Schluck.
„Herrlich“ dachte sie, „nach dem dritten Glas bekommt doch die Welt gleich eine andere Farbe!“
Gregory war gerade nach Hause gekommen und trat hinaus auf die Terrasse. Als hätte er ihre Gedanken erraten, griff er nach dem Glas, nippte daran und goss den Inhalt angewidert ins nächste Blumenbeet.
„Rose!“ rief er in Richtung Eingang, „bringen Sie meiner Frau bitte einen Kaffee!“
Olivia lachte spöttisch.
„Mein Gott, sind wir heute wieder besorgt!“
Ohne auf ihre Bemerkung einzugehen, ließ er sich in einen der bequemen Korbsessel fallen und streckte die Beine aus.
„Wie war Dein Tag, Schatz?“ fragte Olivia, aber nach ihrem gleichgültigen Tonfall zu urteilen, war das eine rein rhetorische Frage.
„Furchtbar!“ knurrte Gregory, „solange ich weiß, dass unsere Tochter sich mit diesem Handwerker abgibt, wird jeder Tag furchtbar sein.“
Olivia schüttelte verständnislos den Kopf.
„So lass sie doch in Ruhe, sie ist 20 und verliebt. Was ist daran auszusetzen?“
Gregory richtete sich kerzengerade auf und sah seine Frau befremdet an.
„Was daran auszusetzen ist?“ fauchte er fassungslos. „Ich glaube fast, der Alkohol hat Dir schon ganz das Gehirn vernebelt, Olivia! Cole Deschanel ist ein Nichts, ein Bauarbeiter, der keinen Cent in der Tasche hat, ein Mitgiftjäger, ein Betrüger...“
„Aber das weißt Du doch gar nicht!“ unterbrach sie ihn, „Gib es doch zu, er ist Dir nur ein Dorn im Auge, weil Du Angst hast, Caitlin könnte sich ernsthaft in ihn verlieben und Du hättest keine Kontrolle mehr über sie!“
Gregory lehnte sich zurück. „Sie ist viel zu jung, um selbst zu entscheiden, was gut für sie ist.“ entgegnete er frostig und ignorierte das genervte Augenrollen seiner Frau.
„Ich werde am besten die Angelegenheit selbst in die Hand nehmen.“
„Und wie willst Du das anstellen?“ fragte sie interessiert.
„Das lass mal meine Sorge sein, Olivia. Sieh Du lieber zu, dass Du bis zum Abendessen wieder bei klarem Verstand bist.“ meinte er abfällig, stand auf und ging ins Zimmer zurück.
Dort nahm er das Telefon und wählte eine Nummer.
„... also in 10 Minuten an der Lagerhalle.“ hörte ihn Olivia gerade noch sagen, als sie ihm kurz darauf ins Haus folgte.
„Gregory, Du willst doch dem jungen Mann nichts antun, oder?“ Nun war sie doch etwas besorgt. Sie wusste, wenn ihr Mann jemanden loswerden wollte, war ihm so gut wie jedes Mittel recht, und ab und zu hatte sie diesbezügliche Intrigen auch unterstützt, so wie vor ein paar Monaten die Sache mit dieser Tiffany, der Herumtreiberin, in die Sean sich unglücklicherweise verliebt hatte, aber der junge Mann, den Caitlin so mochte, machte doch eigentlich einen recht vernünftigen Eindruck. Sie wollte nicht, dass ihm etwas geschah, nur weil er sich in ihre Tochter verguckt hatte.
Gregory zog erstaunt die Augenbrauen hoch.
„Skrupel, Olivia?“
Dann aber lachte er und meinte:
„Beruhige Dich, meine Liebe, das habe ich nicht vor, ich will nur auf möglichst solide Art und Weise dafür sorgen, dass sich seine Firma in ihrer Arbeit als, - nun sagen wir, - etwas inkompetent erweist, so dass ich mich gezwungen sehe, den Vertrag mit Mister Deschanel zu lösen.“
Olivia spitzte die Lippen und schien angestrengt über etwas nachzudenken.
„Was ist los?“ fragte Gregory.
„Tja,“ meinte sie, und ihre Augen wurden ganz schmal, „ich frage mich nur, wie Caitlin darauf reagieren wird. Hoffentlich hast Du diesmal die Rechnung nicht ohne Deine Tochter gemacht!“

Jeany

 

 

Die blonde junge Frau in den abgetragenen Jeans schlenderte am Strand entlang und sah sich mit wachsamen Augen um. Über der einen Schulter trug sie einen alten Rucksack. Es dämmerte schon, und sie sah müde aus. Als sie an die Baustelle der Liberty Corporation kam, überzeugte sie sich schnell, dass niemand sie beobachtete und passierte blitzschnell die Absperrung. Wenig später verschwand sie in Richtung der alten Lagerhalle, die morgen abgerissen werden sollte.
„Perfekt!“ dachte sie und sah sich um. „Hier kann ich bequem die Nacht verbringen.“
Während sie nach einem Eingang in das Gebäude suchte, hörte sie plötzlich leise Stimmen. Vorsichtig schlich sie näher und erkannte zwei Männer, die sich im Windschatten des Gemäuers unterhielten und sich hier anscheinend unbeobachtet glaubten.
Die eine Stimme kam ihr bekannt vor. Sie duckte sich und tastete sich behutsam weiter vor, bis sie die Gesichter der Männer im letzten Licht des Tages erkennen konnte.
„Sieh einer an,“ dachte sie überrascht. „Gregory Richards. Also wenn der um diese Zeit hier herumschleicht, kann das eigentlich nur bedeuten, dass irgendwas Illegales im Gange ist...“

Jeany

 

 

Sie blieb in dem Versteck, von wo aus sie jedes Wort der beiden Männer genau verstand. "Ist alles erledigt, Connors?", wollte Gregory Richards wissen.

"Alles bestens. Wenn sie das Gerüst überprüfen lassen, wird herauskommen, dass schlampig aufgebaut wurde. Und das..."

"Kann ich natürlich nicht durchgehen lassen, und ich wäre leider gezwungen, Cole Deschanel zu entlassen."

Die junge Frau konnte sehen, wie ein teuflisches Lächeln um Gregorys Mundwinkel zuckte.

"Ausgezeichnet Connors. Sie haben gute Arbeit geleistet. Ich versichere Ihnen, wenn alles nach Plan läuft, soll es für Sie nicht von Schaden sein."

"Das will ich hoffen, auf Wiedersehen Mr Richards."

Die beiden Männer verabschiedeten sich.

Die junge Frau war verblüfft, was sie da gehört hatte. Was hatte das zu bedeuten? Plötzlich hörte sie hinter sich ein Bellen.

"Oh Spike, du kleiner Ausreißer", rief sie erleichtert.

"Ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr wieder. Ich hab eine gute Nachricht für dich. Vielleicht können wir bald in unser altes Heim zurück. Ich glaube, da könnte sich was ergeben."

Hickengruendler

 

 

 

Rae, Casey, Mark und Meg saßen an diesem abend allein beim Abendessen. Michael hatte ein Date mit Vanessa und Gabi war vor einer halben Stunde zum Nachtdienst ins Krankenhaus aufgebrochen. Zuvor hatte sie Meg mit verträumtem Blick die jüngste Entwicklung in ihrer beginnenden Romanze mit Ricardo geschildert. Sie schien rundherum glücklich zu sein.
Meg gönnte ihrer Freundin dieses Glück von ganzem Herzen, sie wusste ja zur Zeit am besten, was für ein phantastisches Gefühl das war, wenn man sich Hals über Kopf verliebte. Sie lächelte still vor sich hin und ihr Herz bekam akute Rhythmusstörungen, wenn sie nur an diese tiefgründigen blauen Augen dachte, die sie so aus der Ruhe bringen konnten.
Da war nur ein einziger Wermutstropfen in der ganzen Geschichte, und der trug den Namen Annie Douglas...
„Erde an Meg...“ sandte Casey ein Signal ab und grinste, als sie erschrocken aus ihren Gedanken hochfuhr.
„Was hast Du gesagt?“ fragte sie zerstreut. Casey lachte fröhlich.
„Diese Jugend! Hört den Alten einfach nicht zu!“
„Komm Alter, frag sie nochmal.“ meinte Mark kauend und klopfte seinem Tischnachbarn wohlwollend auf die Schulter.
„Also, wir haben gerade beschlossen, noch auf einen Sprung im „Deep“ vorbeizuschauen.“ wiederholte Casey. „Du bist doch dabei, Meg!“
Das war zwar mehr eine Feststellung als eine Frage, aber Meg hatte ihre Bedenken.
Derek würde dort sein und Tim...
„Ich weiß nicht, eigentlich bin ich doch ziemlich geschafft heute...“ begann sie zögernd, was ihr ein dreistimmiges enttäuschtes „Oooooch“ ihrer Mitbewohner einbrachte.
„Bitte Meg, Du wirst mich doch nicht im Ernst an meinem freien Abend mit diesen beiden ungehobelten Kerlen allein lassen!“ lächelte Rae verschmitzt.
Meg überlegte kurz. Normalerweise war es dumm, sich wegen Derek zu verstecken, sie musste den Tatsachen ins Auge blicken, schließlich lebte sie hier.
„Okay,“ sagte sie kurzentschlossen, „ich bin dabei!“
Vielleicht würde er ja gar nicht da sein, hoffte sie insgeheim. Sie konnte nicht ahnen, dass sie an diesem Abend einen ganz anderen Derek kennenlernen sollte...

Jeany

 

 

Mark fühlte sich an diesem Tag wirklich vom Pech verfolgt. Zuerst die Sache mit Gabi und Ricardo am Strand, und dann das... Kaum hatten sie das „Deep“ betreten, eröffnete ihm der Boss, dass sein D.J. für diesen Abend kurzfristig abgesagt hatte und Mark einspringen müsse. Was blieb ihm übrig! Während es sich seine drei Mitbewohner an einem der gemütlichen Tische bequem machten, verschwand er hinter Mischpult und CD- Schrank und legte los.
Derek begrüßte Rae und Meg galant wie immer und servierte ihnen die ersten Getränke höchstpersönlich. Ansonsten hielt er sich etwas zurück, nur sein Blick wanderte immer wieder zu Meg hinüber. Sie unterhielt sich angeregt mit ihren Freunden und beachtete ihn nicht weiter.
Tim stand hinter der Bar und ließ seine ehemalige Verlobte nicht aus den Augen. Er versuchte sich seine Wut nicht anmerken zu lassen. Da saß sie und amüsierte sich, während er hier arbeiten musste, um wenigstens in ihrer Nähe zu sein! Die Welt war doch ungerecht... Verdammt, sein Platz war eigentlich an diesem Tisch da drüben, neben ihr!
Mark spielte einen schönen langsamen Song, und die Tanzfläche begann sich zu füllen, obwohl heute im Verhältnis zu anderen Abenden relativ wenig Gäste hier waren.
Casey tanzte mit Rae, und Derek nutzte natürlich die Gelegenheit, um Meg aufzufordern. Da sie keine Lust auf lange Debatten hatte und er sich bisher ganz manierlich benahm, folgte sie ihm auf die Tanzfläche.
„Du siehst müde aus.“ stellte er fest. Sie nickte. „Ja, es war ein stressiger Tag. Ich werde auch nicht mehr lange bleiben.“
„Soll ich Dich nachher nach Hause bringen?“ fragte er leise.
„Nein danke, Derek, ist nicht nötig.“
Sein Blick fiel auf die zarte goldene Kette mit der tränenförmigen Perle als Anhänger, die Meg um den Hals trug und die ihm schon neulich auf der Party bei den Richards aufgefallen war.
„Ein Glücksbringer?“ fragte er. Meg lächelte.
„Ja, das ist sie. Ein Geschenk meiner Eltern zu meinem 18. Geburtstag, sie bedeutet mir sehr viel. Ich trage sie immer.“
Derek lächelte. „Sehr hübsch. Sie passt zu Dir!“
„Meg, kann ich Dich kurz sprechen?“ klang Tims Stimme neben ihnen.
Abweisend blickte Meg ihn an.
„Jetzt nicht, Tim.“
Erstaunt sah Derek von einem zum anderen.
„Ihr kennt Euch?“
„Ja!“ antworteten beide gleichzeitig und funkelten sich grimmig an.
„Na dann...“ grinste Derek und hob resignierend beide Hände, „...will ich nicht länger stören.“ Mit einem amüsierten Blick zog er sich hinter die Bar zurück, ließ die beiden jedoch nicht aus den Augen.
„Was willst Du?“ fragte Meg gereizt und ging zu ihrem Platz. Tim folgte ihr.
„Ich muss mit Dir reden.“
„Nein!“ sagte sie mit aller Deutlichkeit. „Ich bin heute mit Freunden hier und möchte nur einen schönen Abend verbringen. Und Du,“ fügte sie mit einem eisigen Blick hinzu, „bist zum Arbeiten hier, also tu was für Dein Geld und lass mich in Ruhe!“
„Treib es ja nicht zu weit!“ fauchte Tim. Meg schüttelte den Kopf.
„Zu weit bist nur Du gegangen, mein Lieber“ gab sie leise zurück, um kein Aufsehen zu erregen, „also benimm Dich wie ein Mann und trag die Konsequenzen!“

Wortlos ging Tim zurück an die Bar.
„Alles klar, Meg?“ fragte Casey, der mit Rae gerade an den Tisch zurück kam. Sie nickte.
Die beiden sahen sie derart fragend an, dass sie wider Willens lachen musste.
„Okay, setzt Euch, ich wird Euch die Geschichte von Tim erzählen.“

Jeany

 

 

Keiner beachtete die drei jungen Männer, die eine Weile darauf das „Deep“ betraten. Sie setzten sich zunächst an die Bar und bestellten sich jeder einen Drink. Aufmerksam musterten sie von ihrer Position aus die Gäste. Irgendwann stand einer von ihnen auf und schlenderte hinüber zu Marks Musiktresen.
Derek kam die Treppe von seinem Büro aus herunter, sagte irgend etwas zu Mark und kam dann herüber zu Caseys Tisch.
„Alles zur Zufriedenheit bei Euch?“ fragte er und sah Meg dabei fragend an.
„Wie immer, Derek, alles bestens.“ antwortete Casey.
Derek wollte gerade wieder gehen, als plötzlich die Musik verstummte.
Erstaunt drehten sich alle zu Mark um – und erstarrten.
Leichenblass stand Mark neben dem Fremden, der ihm mit eindeutiger Bewegung ein Messer an die Kehle hielt.
„Guten Abend, meine Herrschaften.“ sagte der Mann gelassen ins Mikrofon, „Dies ist ein kleiner Überfall. Würden Sie bitte so freundlich sein und Ihr Bargeld, Uhren und Schmuck vor sich auf den Tisch legen, meine beiden Freunde sammeln Ihre Spenden dann ein. Versuchen Sie nicht, uns auszutricksen, ich glaube, diesem jungen Mann hier“ er wies grinsend auf Mark, „würde das gar nicht gut bekommen!“
Alle saßen wie erstarrt, als die beiden mit Messern bewaffneten Ganoven begannen, mit Nachdruck der Forderung ihres Komplizen nachzuhelfen. Angstvoll händigten die ersten Gäste ihre Geldbörsen und ihren Schmuck aus.
Derek hatte sich unbemerkt hinter Meg gestellt. Sie merkte, wie seine Hände auf ihren Schultern ruhten und kurz ihren Hals berührten, aber sie war viel zu geschockt, um zu reagieren. Wahrscheinlich wollte er sie nur beschützen. Sie drehte den Kopf nach der Bar. Tim stand mit erhobenen Händen dort und rührte sich nicht.
„Na was ist?“ Einer der Männer stand vor ihnen und richtete plötzlich eine Waffe auf Rae.
„Geld und Schmuck, aber dalli!“
Fluchend nahm Casey seine Uhr ab, Meg streifte zitternd einen schmalen Goldring vom Finger, und Rae nahm ihre Halskette ab. Grinsend verstaute der Mann alles in einer Plastiktüte. Grob stieß er Derek mit der Pistole an.
„Was ist mit Dir?“
Scheinbar gleichgültig zuckte dieser mit den Schultern.
„Wo ist der Safe?“ schrie der Ganove ihn an. Mit einer Kopfbewegung wies Derek zur Treppe hinüber.
„Los, geh vor!“
Langsam setzte Derek sich in Bewegung und ließ dabei den Mann, der Mark mit dem Messer bedrohte, nicht aus den Augen. Unbemerkt nickte er Mark zu.
Dann überstürzten sich die Ereignisse...
Derek drehte sich blitzschnell und rammte dem hinter ihm gehenden Verbrecher den Ellenbogen mit aller Kraft in die Brust, Mark stieß den neben ihm stehenden Mann mit dem Messer überraschend beiseite und schickte einen Kinnhaken hinterher. Casey nutzte das Durcheinander und rang mit dem Pistolenmann, wobei sich ein Schuss löste. Einige Gäste warfen sich auf den Boden, ein paar Frauen kreischten. Man hörte Holz splittern und ein paar Flaschen in der Bar gingen zu Bruch. Tim zog den Kopf ein.
Die drei Männer ergriffen panisch die Flucht. Derek versuchte, den Mann mit dem gestohlenen Schmuck noch aufzuhalten , bekam dabei aber selbst dessen Faust zu spüren und ging zu Boden.
Langsam löste sich das allgemeine Chaos und erleichtert stellten alle fest, dass bei dem Überfall zum Glück keiner ernsthaft verletzt worden war. Derek rappelte sich auf und wischte sich mit dem Handrücken das Blut vom Mundwinkel. Mark rieb sich mit schmerzlich verzogenem Gesicht das Handgelenk. Caseys Hemd war zerrissen und eine blutige Schramme zog sich über seinen Oberarm. Einer der Gäste hatte eine herumfliegende Glasscherbe ins Gesicht bekommen. Rae verarztete ihn schnell.
Tim rief sofort die Polizei, doch die drei Männer waren mit dem erbeuteten Schmuck und dem Bargeld  über alle Berge.
Später, als die Aufregung sich etwas gelegt und die meisten der Gäste schon gegangen waren, verabschiedete sich Derek von Casey, Rae und Meg.
„Geht’s Dir gut?“ fragte er Meg mit besorgtem Blick. Sie nickte.
„Das war vorhin ziemlich mutig.“ sagte sie anerkennend. Er grinste.
„Ich hab nur meinen Laden verteidigt.“ meinte er beifällig.
„Ah ja,“ Meg wandte sich ab und wollte gehen. „Gute Nacht, Derek.“
„Meg...“
Als sie sich umdrehte, hielt er etwas in seiner geschlossenen Hand.
„Ich glaube, das gehört Dir.“
Er öffnete die Hand. Darin lag Megs Kette mit dem Perlenanhänger.

Jeany

 

 

Meg starrte auf die Halskette und sah dann Derek fragend an.

"Hast Du nicht bemerkt, daß ich sie Dir abgenommen habe," fragte er überrascht.

"Es wäre doch schade um das gute Stück gewesen, wenn diese Ganoven sie in die Hände bekommen hätten," fügte er lächelnd hinzu. Meg sah ihn an. Sie war überrascht, wie menschlich Derek sein konnte.

"Danke," flüsterte sie leise, und sie spürte, wie eine Träne die Wange hinunterrollte.

Die letzten Minuten waren einfach zuviel für sie gewesen. Derek sah sie prüfend an. "Hey, nicht weinen. Wenn ich eins nicht leiden kann, sind es Heulsusen!"

Er gab ihr ein Taschentuch. Meg lächelte ihn an. Derek hob die Hand, um ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu wischen, doch Meg machte eine Abwehrbewegung, so daß seine Hand ins Leere griff. Enttäuscht zog er sie zurück.

Meg fühlte sich genötigt, etwas zu sagen, doch Rae kam ihr zuvor.

"Meg, ich glaube, wir sollten besser gehen." Zu Derek gewand meinte sie.

"Ich hoffe, Sie entschuldigen uns?! Wir brauchen jetzt alle etwas Ruhe, nach den Ereignissen der letzten Stunde."

Sie legte einen Arm um Meg, die immer noch wie versteinert da stand und führte sie Richtung Ausgang. Casey nickte Derek zu. "Ich bringe die Frauen nach Hause und komme dann noch einmal wieder, um beim Aufräumen zu helfen, okay?"

Sein Blick streifte durch das „Deep“. Es sah ziemlich verwüstet aus.

Als alle gegangen waren, atmete Derek erleichtert auf.

Ein teuflisches und zufriedenes Grinsen stand auf seinem Gesicht.

"Das hat ja wie am Schnürchen geklappt," sagte er leise zu sich selber und rieb sich die Hände ...

Mona

 

 

 

Cole bummelte mit Caitlin Hand in Hand die Main Street hinunter in Richtung Strand.
Es war schon sehr spät, und er befürchtete, dass es Gregory nicht passen würde, wenn  seine Tochter erst nach Mitternacht heimkäme. Sein Arbeitgeber benahm sich sowieso in letzter Zeit etwas eigenartig. Cole vermutete, dass dieser Stimmungswechsel etwas mit seiner Freundschaft zu Caitlin zu tun hatte. Er lächelte gequält. Wieder einmal so ein besorgter Vater, der sein Töchterlein nicht aus den Klauen lassen wollte. Die Sorte war von jeher eine Plage.
„Cole?“ Caitlin war stehengeblieben. „Hörst Du mir überhaupt zu?“
„Natürlich, mein Schatz.“ antwortete er schnell, obwohl er keine Ahnung hatte, wovon sie die ganze Zeit sprach. Caitlin war dermaßen aufgedreht und redete fast ununterbrochen von Legenden, einer merkwürdigen Lady in Black am Strand, die den Mann ihres Lebens traf und wieder verlor. Irgendwann hatte er aufgehört, ihr geduldig zuzuhören, sondern hing seinen Gedanken nach, die immer öfter in Richtung einer jungen, dynamischen Rothaarigen schweiften, die ihn eine Nacht lang nachhaltig beeindruckt hatte. Wo mochte sie nur sein? Er hatte sie seit der Party neulich nicht mehr gesehen.
„Cole!“ drängelte Caitlin, „komm mit zum Strand! Nur wir beide, der endlose Ozean und die Sterne über uns am Himmel... Ich finde das wahnsinnig romantisch!“ Sie breitete die Arme aus und drehte sich im Kreis. Dann fiel sie ihm lachend um den Hals und küsste ihn.
Cole erwiderte ihren Kuss, und für einen Moment lang vergaß er Annie Douglas und alle Vorbehalte. Caitlin war wirklich süß. Eine so hübsche junge Frau war ihm seit langem nicht begegnet. Sie war so... unkompliziert, anhänglich und bestimmt bedingungslos treu... Papa Gregorys kleines Mädchen, dass die rosarote Brille den ganzen Tag über nicht abnahm.
Cole zog die Stirn in Falten. Er stand eigentlich mehr auf geheimnisvolle, erfahrene Frauen, aber diese Beziehung hier versprach weder Geheimnisse , noch Erfahrung, sondern eine Menge Ärger... Er räusperte sich auffällig und meinte dann:
„Caitlin, es wäre besser, wenn ich Dich jetzt nach Hause bringen würde. Ich möchte keinen Ärger mit Deinen Eltern.“
„Ach was,“ meinte Cait, „ich bin doch kein kleines Kind mehr, Cole!“
Er nahm versöhnlich ihre Hand und zog sie mit sich fort.
„Na komm, ich muss nachher noch auf der Baustelle vorbei und ein paar Unterlagen aus dem Bürocontainer holen, Dein Vater will sämtliche Kostenvoranschläge morgen auf seinem Schreibtisch liegen haben.“
„Wenn Du willst, rede ich mit Dad, dann hast Du noch ein paar Tage Zeit und musst nicht die ganze Nacht durcharbeiten.“ schlug sie vor. Cole blieb stehen.
„Hör mal, Caitlin,“ sagte er ruhig, aber bestimmt, „Ich bin froh, dass ich diesen Auftrag bekommen habe und es wäre wohl das Letzte, wenn Du Deinen Vater um mehr Freizeit für mich bitten würdest.“
„Ach Cole,“ seufzte Caitlin und küsste ihn auf die Wange, „dann ist wohl jetzt dieser schöne Abend zu Ende!“
Er legte den Arm um ihre Schultern. „Morgen ist auch noch ein Tag, und schließlich bin ich ja noch eine ganze Weile hier.“

Jeany

 

 

 

Eine halbe Stunde später schloss Cole sein Baustellenbüro auf und suchte nach den Unterlagen, von denen er gesprochen hatte, doch er konnte sie nirgends finden. Fluchend durchwühlte er seinen Schreibtisch. Das war doch nicht möglich, er wusste genau, dass er heute nach der Mittagspause den dicken Hefter auf den Tisch gelegt hatte. Aber auch eine erneute Suche blieb erfolglos.
„Na prima“ dachte Cole wütend, „dann kann ich mich ja auf eine lange Nacht einrichten.“
Er schaltete den Computer ein und rückte seinen Stuhl zurecht.
Nach Stunden intensiver Schreibarbeit schlief er erschöpft zwischen Tabellenkalkulationen und Material- Listen ein.
Gegen 1.00 Uhr nachts weckte ihn irgend ein merkwürdiges Geräusch. Er öffnete die Tür und lauschte hinaus ins Dunkel. Das Geräusch kam ganz aus der Nähe, allem Anschein nach vom alten Fabrikgebäude drüben.. Es klang, als ob Metall irgendwo anschlug. Neugierig nahm er eine Taschenlampe und verließ er den Container, um nachzusehen.
Natürlich, das metallische Klopfen kam vom Baugerüst, dass er mit seinen Leuten gestern rings um das Gebäude errichtet hatte.
Er leuchtete nach oben. Was zum Teufel war das denn?
Eine der dicken Metallstreben baumelte lose an einem Ende in der Luft, während das andere ständig gegen das darunter befindliche Geländer schlug. Cole schüttelte verständnislos den Kopf. Wie konnte denn das passieren? Sie hatten doch alles sorgfältig verschraubt und noch einmal geprüft!
Nein, eine solche Gefahrenquelle musste er sofort beheben, egal, auf welche Art und Weise sie auch immer entstanden sein mochte.
Entschlossen klemmte er sich die Taschenlampe zwischen die Zähne und begann, mit kraftvollen Bewegungen nach oben zu klettern.
Cole hatte die lose hängende Strebe fast erreicht. Er hielt sich mit einer Hand am Geländer fest und beugte sich weit vor, um sie zu fassen, als er plötzlich merkte, wie das ganze Gerüst sich mit ihm nach vorn bewegte. Panisch klammerte er sich fest und versuchte noch, sein Gewicht nach hinten zu verlagern, aber dem Gerüst fehlten die Verankerungen, die es vielleicht noch gehalten hätten. Ächzend und knarrend gab es nach und fiel schließlich mit Getöse in sich zusammen.
Der Krach des Einsturzes übertönte Coles Schrei, während er in die Tiefe stürzte und regungslos unter Brettern und Metallrohren liegenblieb.

Jeany

 

 

 

Tiffany Thorne, das Mädchen, das in dem Lagerhaus Unterschlupf gefunden hatte, schreckte aus ihrem Schlaf.

"Um Gottes Willen, was ist das für ein Lärm", dachte sie. Spike bellte ununterbrochen und als Tiffany die Tür öffnete, rannte er nach draußen. Tiffany, die, da sie über nichts anderes verfügte, in ihrer Straßenkleidung gekleidet hatte, folgte ihn sofort.

Entsetzt blieb sie stehen, als sie sah, was geschehen war. Das ganze Gerüst war in sich zusammengebrochen. Und unten lag jemand, ein Mann. Offensichtlich war er runtergefallen.

Tiffany kämpfte sich zu ihm vor und fühlte seinen Puls. Erleichtert atmete sie durch.

Er lebte noch.

Plötzlich kam ihr ein Gedanke:

"Gregory Richards, natürlich. Er steckt dahinter."

Erneut fiel ihr Blick auf den Mann der regungslos dalag.

"Ich muss Hilfe holen", dachte sie.

Und auf der Suche nach Hilfe rannte Tiffany Thorne los.

Hickengruendler

 

 

 

"Meint Ihr, Ihr schafft den Rest allein?", wollte Casey besorgt wissen.

"Natürlich, wir sind doch nicht aus Zucker", hatte Meg ihm versichert. Es war nur noch zwei Minuten zu Fuß zum Surfcenter.

"Gut, dann gehe ich jetzt zurück. Marc, Tim und Derek beim Aufräumen helfen."

Er verabschiedet sich von Rae und Meg.

"Das war ziemlich mutig von Derek, nicht wahr", meinte Rae zu Meg.

"Ja, in der Tat."

Meg war in Gedanken. Sie wurde aus Derek Evans einfach nicht schlau.

Gerade, als sie absolut entschlossen war, ihn zu hassen, kam so etwas.

"Vielleicht ist er doch nicht so schlimm, wie ich dachte", mutmaßte sie.

Plötzlich hörten die beiden Frauen etwas. Jemand schrie um Hilfe.

Am anderen Ende der Straße kam eine Gestalt angelaufen, die sich im Licht der Straßenlaterne als junge Frau, fast noch als Mädchen, um die 20 entpuppte.

"Bitte helfen Sie mir", rief das Mädchen, die wie Meg erst jetzt bemerkte, völlig abgetragene Kleidung trug.

"Bitte kommen Sie mit! Ein Mann ist schwer verletzt! Er braucht einen Arzt."

Hickengruendler

 

 

 

Erschöpft und in schmutzigen Sachen kam Meg eine Stunde später im Surf Central an.
Gemeinsam mit Rae und dem jungen Mädchen hatten sie Teile des eingestürzten Baugerüstes mit aller Kraft beiseitegeräumt, um an den Verletzten heranzukommen. Es sah nicht gut aus für Cole. Die ganze Zeit über, bis der Notdienst ihn vorhin in die Klinik brachte, hatte er das Bewusstsein nicht wiedererlangt, obwohl Rae vor Ort hervorragende Erste Hilfe leistete und auch während des Transportes nicht von seiner Seite wich.
Casey und Mark schienen immer noch im „Deep“ zu sein, und Michael schlief entweder schon, oder war ebenfalls noch nicht zu Hause.
Meg atmete tief durch, griff nach dem Telefon und wählte Gregorys Privatnummer. Nach einer Weile meldete sich Rose mit etwas verschlafener Stimme.
Die Haushälterin äußerte zwar ihre Bedenken, Mister Richards um diese Zeit aufzuwecken, aber Meg meinte energisch, es handle sich um einen Notfall. Als sie ihn endlich in der Leitung hatte, berichtete sie kurz, was geschehen war. Gregory schien total geschockt.
Er dankte Meg schließlich für ihren Anruf und versicherte, er werde sofort in die Klinik fahren, um nach dem Verletzten zu sehen.
Meg lehnte sich auf der Couch zurück und schloss die Augen. Was für ein Tag!

Jeany

 

 

 

Als Gregory den Hörer auflegte, richtete sich Olivia neben ihm im Bett auf.
„Was ist denn passiert?“ fragte sie neugierig.
„Auf der Baustelle hat es einen Unfall gegeben.“ antwortete Gregory und schüttelte nachdenklich den Kopf. So ein verdammter Mist aber auch!
Er sprang auf und begann sich anzukleiden. Olivia ließ ihn nicht aus den Augen.
„Nun sag schon, was ist denn geschehen?“ wollte sie wissen.
„Das Baugerüst um das Fabrikgebäude ist eingestürzt.“ erwiderte Gregory und knöpfte sein Hemd eilig zu.
Olivia zuckte nur mit den Schultern.
„Na phantastisch“ meinte sie beifällig, „Das ist doch genau das, was Du wolltest. Jetzt hast Du einen Grund, diesen jungen Mann zu entlassen. Seine Firma hat schlampig gearbeitet, oder...“ sie neigte den Kopf etwas zur Seite und maß ihren Mann mit listigem Blick, „Deine Handlanger haben besonders gute Arbeit geleistet!“
Gregory starrte sie durchdringend an.
„Allerdings!“ zischte er mit unterdrückter Stimme, „So gut, dass Cole Deschanel jetzt im Sunset Memorial auf der Intensivstation liegt und die Ärzte um sein Leben kämpfen.“
„Waaas?“ Olivia war aufgesprungen. „Gregory, wie um alles in der Welt konnte das...“
Er hob abwehrend die Hände.
„Keine Ahnung, was er mitten in der Nacht auf der Baustelle zu suchen hatte! Das konnte ich doch nicht ahnen...“
Fassungslos hielt Olivia ihre Hände an die Wangen.
„Mein Gott, Gregory! Wenn er stirbt, bist Du schuld!“
Er fuhr herum und packte seine Frau bei den Schultern. Wütend funkelte er sie an.
„Hör auf. Olivia, glaubst Du vielleicht, das hätte ich gewollt? Er sollte nur von hier verschwinden, ich wollte ihn doch nicht umbringen!“
„Aber...“ begann sie, doch er schnitt ihr das Wort ab.
„Genug! Ich muss los. Und Du - beruhige Dich erst einmal!“
Er merkte, dass sie zitterte, ließ sie los und maß sie mit einem geringschätzigen Blick.
„Mix Dir unten einen Drink, oder zwei... Und zu keinem ein Wort!“
„Gregory...“
„Bis später!“ Er stürmte hinaus und schlug die Tür hinter sich zu.
Olivia stand bewegungslos und starrte vor sich hin.
„Mein Gott“ sagte sie mit brüchiger Stimme, „Wie sollen wir das nur Caitlin beibringen?“

„Was willst Du mir beibringen, Mum?“ hörte sie eine Stimme hinter sich und fuhr entsetzt herum. Caitlin stand in der Schlafzimmertür und wartete gespannt auf eine Antwort.

Jeany

 

 

 

"Caitlin ...Schatz ...," Olivia fingerte nervös an den Bändern ihres Nachthemdes herum. "Mum, was ich denn los, und wo ist Dad?" Caitlin schaute sich im Schlafzimmer um. Olivia drückte Caitlin auf das Bett.

"Setz' Dich, ich muss Dir etwas sagen."

Caitlin spürte, wie auch sie immer nervöser wurde.

"Mum, bitte ...!"

Olivia holte tief Luft, ehe sie antwortete.

"Es gab auf der Baustelle einen Unfall... Das Gerüst ist zusammengebrochen, und

Cole ..." Sie stockte mitten im Satz. Wie sollte sie Caitlin sagen, daß ihre große Liebe vielleicht sterben würde?!

"Mum, was ist mit Cole?" Caitlin schüttelte Olivias Schultern. Sie sah die Sorge und Angst in den Augen ihrer Mutter und ahnte, daß etwas Schreckliches geschehen sein musste. "Cole wollte wohl etwas reparieren," fuhr Olivia langsam fort, "und dann stürzte das Gerüst ein und begrub ihn darunter."

Caitlin stieß einen spitzen Schrei aus und sprang auf.

"Wo ist er? Ist er verletzt?" Caitlin redete völlig wirr durcheinander. Sie war total geschockt von dieser Nachricht.

Olivia nahm sie in den Arm.

"Caitlin, Liebes, er ist im Krankenhaus. Dein Vater ist schon hingefahren, um genaueres zu erfahren."

Caitlin zitterte am ganzen Körper. Erst wenige Stunden zuvor waren sie händchenhaltend durch die Nacht gewandert ... Sie befreite sich aus Olivias Umarmung.

"Mum, ich muss zu ihm. Ich will bei ihm sein."

Olivia schüttelte den Kopf.

"Du kannst jetzt doch nichts für ihn tun, er liegt noch auf der Intensivstation."

Caitlin riss entsetzt die Augen auf.

"Auf der Intensivstation?! Oh Mum, dann muss er schwer verletzt sein."

Olivia sah ihre Tochter mitfühlend an.

"In Ordnung, Caitlin, ich fahre Dich zum Krankenhaus."

Während Olivia sich schnell anzog, lag Caitlin auf dem Bett ihrer Eltern und ließ ihren Tränen freien Lauf.

Mona

 

 

 

Olivia zitterte am ganzen Körper, sie hatte sich kaum noch unter Kontrolle.

„Verflixt - ich brauche was zu trinken,“ dachte sie.

Als Caitlin herunterkam, hatte ihre Mutter bereits die Schnapsflasche am Mund.

"Mum...".

"Oh, keine Sorge Caitlin. Ich fahre Dich gleich ins Krankenhaus. Ich brauche nur etwas zur Beruhigung, die Nerven, Du verstehst."

"Warum willst Du Cait ins Krankenhaus fahren?" Sean war aufgewacht. Noch im Pyjama bekleidet kam er herunter und sah seine Mutter fragend an.

"Oh, Sean," schluchzte Caitlin. "Cole hatte einen Unfall. Das Gerüst ist über ihm zusammengestürzt. Er liegt auf der Intensivstation."

Sean warf einen Blick auf seine Mutter, die die Schnapsflasche noch immer in Griffweite hatte.

"In diesem Zustand kann sie Dich unmöglich fahren." Er rief nach der Haushälterin. "Rose, kümmern Sie sich bitte um meine Mutter und passen Sie auf, daß sie nicht mehr zuviel trinkt. Ich fahre Caitlin in die Klinik."

In Windeseile ging er die Treppe hinauf und zog sich um.

Dann brach er mit Caitlin zur Klinik auf.

Hickengruendler

 

 

 

Caitlin und Sean eilten über die Gänge des South Bay Krankenhauses, als sie ein bekanntes Gesicht entdeckten.

"Gabi", rief Caitlin. "Cole, ich meine, der Mann, der unter dem Gerüst begraben wurde, weißt Du wie es ihm geht?"

"Er ist Caitlins Freund", fügte Sean erklärend hinzu.

"Tut mir leid, Caitlin, ich habe nur gehört, daß ein Mann eingeliefert wurde, über seinen Gesundheitszustand weiß ich nichts."

"Caitlin?", Rae war von hinten auf ihn zugekommen. "Ich habe geholfen, ihn aus den Trümmern zu befreien."

"Oh Rae, Rae wie geht es ihm?"

"Cait, Du weißt, daß ich Dir das nicht sagen darf. Du bist nicht mit ihm verwandt."

"Rae, bitte."

Die Ärztin nickte.

"Er lebt. Und mit ein bisschen Glück kommt er auch durch. Mehr kann ich Dir nicht sagen, da ich auch nicht seine behandelnde Ärztin bin. Aber ich versichere Dir, er ist bei Dr. Robinson in den besten Händen."

"Kann ich ihn sehen?"

"Er liegt im künstlichen Koma. Es hätte also keinen Sinn. Aber wenn Du willst, kann ich Dir das Zimmer zeigen, in dem er liegt. Dann kannst Du dort warten."

Caitlin, die ihren Tränen nach wie vor freien Lauf ließ, nickte und ging mit Rae.

Sean wollte folgen, als er plötzlich eine Stimme hinter sich hörte.

"Hallo Sean". Er drehte sich erstaunt um und stand Tiffany gegenüber.

Hickengruendler

 

 

 

"So sieht man sich wieder," sagte Tiffany.

"Offensichtlich", meinte Sean.

"Sean, ich wollte Dir sagen, es tut mir leid, daß ich damals so plötzlich verschwunden bin, Deine Eltern..."

"Hör auf, Tiffany. Ich weiß, was sie gemacht haben. Aber Du hättest auch zu mir kommen können, mir vertrauen. Gemeinsam hätten wir einen Weg gefunden..."

"Mag sein, aber jetzt bin ich ja wieder da, und..."

"Nein, Tiff. So einfach ist das nicht. Ich habe mittlerweile eine neue Freundin, verstehst Du."

Tiffany wurde blass.

"Ach so."

"Du warst fast ein Jahr verschwunden. Ich dachte, Du kämst überhaupt nicht mehr zurück. Tut mir Leid Tiff, ich glaube nicht, daß es eine Zukunft für uns gibt."

Daraufhin ging Sean, auf der Suche nach Coles Krankenzimmer.

"Oh doch", sagte Tiffany zu sich selbst. "Es gibt eine gemeinsame Zukunft für uns, Sean. Und ich weiß auch, wer mir dabei helfen wird, sie wahrwerden zu lassen. Ihm wird wohl keine andere Wahl bleiben."

Hickengruendler

 

 

 

Als Meg am anderen Morgen ins Büro kam, war Bette gerade dabei, die Blumen zu gießen und die weißen Rosen in der Vase auf dem Fensterbrett zu ordnen.
„Guten Morgen, Kindchen!“ begrüßte sie ihre jüngere Kollegin und begann sogleich, sie mit tausend Fragen wegen dem Unfall in der vergangenen Nacht zu bombardieren, und als diese dann ganz nebenbei noch den Überfall im „Deep“ erwähnte, hing sie förmlich an Megs Lippen, um ja nichts zu verpassen.
„Das gibt’s doch nicht!“ Bette war begeistert. „Endlich ist in diesem Nest hier mal was los, und was tue ich? Anstatt mich ins aufregende Nachtleben zu stürzen, sehe ich mir zu Hause ein langweiliges Video an und verpasse den ganzen Trubel! Und Derek hat diesen Kerl einfach eine verpasst?“ rief sie und ließ ihre geballte Faust nach vorn durch die Luft sausen.
Meg nickte und musste über Bettes Demonstration lachen.
„Na ja, so ungefähr.“
Bettes Gesicht verfinsterte sich mit einem Schlag.
„Der arme Cole!“ sagte sie mitfühlend. „Wie konnte das nur passieren! Jammerschade, so ein bildhübscher Kerl und fällt einfach vom Gerüst!“
„Bette!“ Meg stand auf und holte einen Stapel Kopierpapier aus dem Schrank, während sie ihrer Kollegin einen bedeutungsvollen Blick zuwarf, „Er ist nicht vom Gerüst gefallen, sondern das Gerüst ist zusammengebrochen. Weiß der Teufel, wie so was passieren konnte!“
„Die arme kleine Caitlin!“ jammerte Bette. „Sie muss ja völlig fertig sein!“
Meg atmete tief durch und versuchte dann zum wiederholten Male, das Thema zu wechseln, was ihr bisher nicht gelungen war.
„Wo ist denn Mister Richards heute?“
„Auf der Baustelle,“ antwortete Bette „Die Polizei ist dort und hat noch einige Fragen an ihn.“
Sie sah Meg mit großen Augen an.
„Die kommen bestimmt auch noch hierher, denn Sie waren ja dabei, als Cole gefunden wurde.“ überlegte sie laut.
„Könnte passieren.“ stimmte Meg nachdenklich zu, als sich die Fahrstuhltür öffnete und wie auf Stichwort Ricardo Torres heraustrat.
„Guten Morgen, meine Damen.“ Er nickte Bette freundlich zu und wandte sich dann an Meg:
„Ich hab noch ein paar Fragen wegen des Baustellenunfalls gestern. Wo sind wir ungestört?“
Meg wies auf Bens Büro und folgte Ricardo, Bette einen bedeutungsvollen Blick zuwerfend.
Diese hockte auf der Schreibtischkante und war das erste Mal an diesem Vormittag ganz still.

Jeany

 

 

 

Ricardo stellte Meg zuerst einige banale Fragen, die sie eigentlich schon in der Nacht seinen Kollegen vom Streifendienst beantwortet hatte. Er notierte sich alles eifrig. Dann sah er Meg mit ernstem Blick an.
„Keine Ahnung, was da passiert sein könnte?“
Meg zog die Stirn in Falten.
„Wie sollte ich? Diese junge Frau...“
„Tiffany Thorne“ unterbrach Ricardo und sie nickte,
„Ja genau, Tiffany kam auf Dr. Chang und mich zugerannt und bat um Hilfe. Sie sagte, auf der Baustelle sei ein Gerüst eingestürzt und jemand sei darunter eingeklemmt. Wir sind dann sofort dorthin und haben versucht, an Mister Deschanel heranzukommen, um ihm zu helfen.“
Ricardo nickte beifällig. Ohne erkennbaren Zusammenhang fragte er:
„Wo ist eigentlich Ben Evans die ganze Zeit über?“
Meg sah ihn irritiert an.
„Ben ist in Mexiko, -  geschäftlich.“
„Allein?“ Ricardos Augen beobachteten sie genau, doch sie hielt seinem Blick tapfer stand.
„Soweit ich weiß, ja.“ antwortete sie so ruhig wie möglich und sah dabei Annies Gesicht deutlich vor sich. „Worauf wollen Sie hinaus?“
Ricardo stand auf und ging zur Tür.
Ohne direkt auf  Megs Frage einzugehen, sagte er:
„Das Gerüst ist nicht von alleine eingestürzt. Es wurde absichtlich manipuliert.“
Fassungslos starrte Meg ihn an.
„Wer sollte denn so etwas tun? Und warum?“
Ricardo lächelte sonderbar.
„Wiedersehen, Meg. Und – passen Sie auf sich auf!“

Jeany

 

 

 

Ben war nun schon den dritten Tag unterwegs gewesen und hatte all die Orte aufgesucht, an denen Eddie Connors angeblich die Fotos gemacht hatte. Überall hatte er die Bilder herumgezeigt, er hatte in allen möglichen Hotels nachgefragt, aber niemand erinnerte sich an die junge Frau in dem hellen Sommerkleid, die angeblich Maria war.
Nur in einem kleinen Restaurant am Hafen hatte einer der einheimischen Kellner auf einem der Fotos das Gebäude im Hintergrund erkannt, eine schneeweiße, wunderschöne alte Villa, am Rande der Stadt, in der angeblich zur Zeit ein Casino untergebracht sein sollte.
Das war Bens Ziel für den morgigen Tag.
Todmüde kam er im Hotel an, wo Annie unten an der Poolbar schon auf ihn wartete.
Als sie ihn sah, sprang sie auf und kam auf ihn zugeeilt.
„Was ist? Hast Du was neues erfahren?“
Resigniert schüttelte Ben den Kopf.
„Ich werde jetzt auf mein Zimmer gehen und duschen.“ sagte er erschöpft und als Annie sich anschickte, ihn zu begleiten, fügte er mit Nachdruck hinzu: „Allein!“
Schmollend blieb sie zurück. Vor dem Aufzug drehte sich Ben noch einmal um und meinte etwas versöhnlicher:
„Wir treffen uns in einer Stunde hier zum Abendessen. Sei brav...“
Annie lächelte.
„Was soll`s!“ dachte sie, „Acapulco ist traumhaft, und Ben in meiner Nähe. Also – nur die Ruhe!“

Jeany

 

 

 

Oben in seinem Zimmer ließ Ben sich auf sein Bett fallen und gönnte sich ein paar Minuten Ruhe. Aber seine Gedanken kreisten weiter unaufhörlich um Maria. Manchmal hatte er das Gefühl, er sei ihr ganz nah, dann plötzlich wieder war sie unerreichbar fern und für immer verloren...
Ohne es zu wollen, schlief er erschöpft ein.
Im Traum sah er Maria, sie schien vor etwas davonzulaufen. Er rief ihren Namen, doch sie konnte ihn nicht hören. Jemand verfolgte sie durch einen endlos langen Gang, der schließlich hinaus auf eine Brücke führte. Sturm tobte und schlug meterhohe Wellen an die Brüstung.
Maria kämpfte sich vorwärts, doch ihr Verfolger blieb ihr dicht auf den Fersen. Ben wollte ihr helfen, aber er konnte sich nicht von der Stelle bewegen, seine Beine waren wie Blei.
Plötzlich war die Brücke zu Ende. Maria drehte sich angstvoll um. Aber was war das? Es war mit einem mal nicht mehr Maria, die er sah, sondern Meg...
Ihre großen angstvollen Augen schauten ihn flehend an, bevor der Unbekannte sie erbarmungslos ins Wasser stieß. Dann drehte der Mann sich langsam um und Ben erstarrte:
er sah in sein eigenes Gesicht...

Schweißgebadet fuhr Ben hoch und brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, wo er sich befand. Er hörte ein energisches Klopfen an der Tür, und das war kein Traum mehr.

Jeany

 

 

 

Beleidigt rauschte Annie ins Zimmer.
„Ich warte seit einer halben Stunde unten auf Dich!“
„Tut mir leid, ich muss wohl eingeschlafen sein.“ entschuldigte sich Ben und fuhr sich über die Stirn. Annie sah ihn prüfend an.
„Hattest Du wieder einen Alptraum?“ fragte sie mitfühlend. Er nickte.
„Einen sehr realistischen...“
„Ben...“ Annie strich ihm zärtlich übers Haar, aber er wandte sich abrupt ab.
„Ich dusche nur schnell, dann können wir gehen.“
Während er im Bad verschwand, streckte sich Annie genüsslich auf dem breiten Bett aus und stellte sich vor, wie es wohl wäre, hier mit Ben die Flitterwochen zu verbringen, als plötzlich sein Handy zu klingeln begann.
Sie angelte es vom Nachttisch und sah neugierig auf die Display- Anzeige.
Eigenartig – der Anruf kam aus Bens Haus in Sunset Beach. Kurzentschlossen nahm sie den Anruf an.
„Hallo?“
Zuerst war es einen Augenblick lang still am anderen Ende der Leitung, dann aber fragte eine zarte Frauenstimme etwas zögernd:
„Ist dort der Anschluss von Ben Evans?“
Annie stutzte kurz, dann aber verzog sie ihre roten Lippen zu einem spöttischen Grinsen.
„Meg, sind Sie das?“ fragte sie scheinheilig.
„Annie? Sie schon wieder...“ kam die verwunderte Gegenfrage.
„Ähm... ja, tut mir leid, Meg, Ben duscht gerade. Soll ich ihm etwas ausrichten?“
Wieder einen Moment Stille. Dann fragte Meg:
„Sagen Sie mir die Wahrheit! Was tun Sie wirklich in Acapulco? Ich dachte, Ben hätte geschäftlich da zu tun?“
Annie lachte anzüglich.
„Tja, er wusste eben schon immer, Geschäft und Vergnügen geschickt miteinander zu verbinden. Ach, einen Augenblick, ich muss ihm nur schnell ein Handtuch hineinreichen...“
Sie räkelte sich wohlig auf dem Bett. Das Gespräch verlief genau nach ihrem Geschmack.
„So, da bin ich wieder. Ja, der Arme sieht total erschöpft aus...“
Sie hörte, wie Meg am anderen Ende tief Luft holte.
„Dann sollten Sie ihn vielleicht lieber seine Arbeit machen lassen und sich stattdessen um Ihren sogenannten Verlobten kümmern!“
Annie fuhr hoch.
„Was zum Teufel hat Derek... hallo? Hallo...“
Doch das Knacken in der Leitung und das darauffolgende Freizeichen signalisierten ihr, dass ihre Gesprächspartnerin bereits aufgelegt hatte.

Jeany

 

 

 

An diesem Abend erhielt Eddie Connors einen Anruf aus Acapulco.
Er lauschte gespannt der Nachricht seines Gesprächspartners, nickte ein paar Mal beifällig und meinte schließlich zufrieden lächelnd:
„Ausgezeichnet, Josè, mein Auftraggeber wird zufrieden sein. Sorg dafür, dass sie morgen ihre Sache gut macht, es wird sich für Dich lohnen. – Alles klar, ich erwarte Deinen Anruf.“
Er holte tief Luft.
„Und, Josè... es darf nichts schief gehen!“
Als er den Hörer auflegte, zog ein breites, selbstgefälliges Grinsen über sein Gesicht.
„Phantastisch, Derek wird zufrieden sein, - und ich auch!“

Jeany

 

 

 

Nachdem Meg aufgelegt hatte, stand sie noch eine Weile unschlüssig am Telefon, ehe sie erneut eine Nummer wählte.

"Cummings," hörte sie eine bekannte Stimme an der anderen Leitung sagen.

"Sara? Hier ist Meg!"

"Hallo Schwesterchen, wie geht's Dir?“ Sara war erfreut, Megs Stimme mal wieder zu hören.

"Frag' nicht," entfuhr es Meg.

Sara wurde hellhörig.

"Wieso, was gibt's denn?"

Meg atmete tief durch.

"Tim ist hier, hier in Sunset Beach." Sie hörte, wie ihre Schwester seufzte.

"Oh je, ich schätze mal, daß das Ärger bedeutet, oder?"

"Das kannst Du laut sagen," entgegnete Meg genervt. "Er verfolgt mich auf Schritt und Tritt. Er hat hier sogar einen Job angenommen. Er will sich hier häuslich niederlassen." Meg rollte mit den Augen.

Sara musste sich ein Lachen verbeißen. Schnell hielt sie die Hand vor die Sprechmuschel. "Arme, Meg," sagte sie stattdessen.

Mona

 

 

 

"Was mich aber viel mehr interessiert ist, ob Du jemanden kennengelernt hast," fragte Sara neugierig. Diesmal war Meg diejenige, die seufzte. Sie dachte an Ben, und ihr Herz wurde schwer.

Sara dauerte die Gedankenpause zu lange. Sie wurde hartnäckiger.

"Meg, los, nun rede schon. Hast Du einen Mann in Sunset Beach kennengelernt?"

Meg schmunzelte. Sie sah ihre Schwester direkt vor sich, wie sie nervös hin- und herrannte. Sie wollte Sara nicht länger auf die Folter spannen.

"Ja, ich habe jemanden kennengelernt," begann sie zu erzählen. "Er heißt Ben und ist mein neuer Chef."

Sara war einen Moment sprachlos.

"Du hast eine Affäre mit Deinem Chef?" Sie schien entsetzt zu sein.

"Sara!"  Meg bremste den Gedankengang ihrer Schwester. "Niemand hat etwas von einer Affäre gesagt. Das ist alleine Deine Schlussfolgerung! Nein, Ben und ich sind uns erst kürzlich näher gekommen, und außer einem Kuss," fügte sie erklärend hinzu, "ist zwischen uns nichts passiert."

Sara schien sich damit zufrieden zu geben.

"Weißt Du Meg, wir können das ein anderes Mal bequatschen. Da fällt mir ein ... Du weißt es ja noch gar nicht. Wir können bald öfter miteinander reden, denn ich habe vor, einige Wochen in Sunset Beach Urlaub zu machen ...!

Mona

 

 

 

Meg war einen Moment sprachlos.

"Bist Du noch da?," fragte Sara am anderen Ende der Leitung. Meg fand ihre Stimme wieder.

"Na, das nenne ich eine Überraschung! Wann kommst Du?"

"Schon Ende der Woche. Ich hätte Dich noch angerufen, aber ich hatte soviel um die Ohren und auch noch viel zu organisieren." Sara zog sich einen Stuhl heran. Das Telefongespräch schien wohl doch länger zu dauern.

"Ich hatte gedacht," fuhr sie fort, "daß Du mir vielleicht bei der Suche nach einem Hotel behilflich sein kannst. Bei Euch in der WG ist ja sicher kein Platz mehr für mich, oder?" Sara hielt kurz den Atem an. Natürlich hoffte sie, daß sie bei ihrer Schwester wohnen könnte, aber wenn nicht, würde sie sich eben ein Hotel suchen. Meg überlegte kurz. "Weißt Du, Sara, wegen einer Unterkunft für Dich muss ich mich erst schlau machen und natürlich erst die anderen WG-Mitglieder nach ihrer Meinung fragen. Ich melde mich sofort bei Dir, wenn ich genaueres weiß, okay?"

Sara atmete erleichtert auf. Wenn Meg die Sache in die Hand nahm, würde schon alles klappen.

"Prima," sagte sie fröhlich. "Dann erwarte ich bald Deinen Anruf."

Meg kritzelte ein Datum auf einen Block.

"Also gut, Sara, dann grüß' noch Mum und Dad ganz lieb von mir. Wir sehen uns ja bald." "Ja, Meg, mach's gut. Ich freue mich schon auf Dich." Meg legte auf und schaute auf den Notizblock vor sich. Schon in 5 Tagen würde ihre Schwester in Sunset Beach eintreffen, und Meg hatte bis dahin noch eine Menge zu erledigen.

Mona

 

 

 

Gregory Richards fiel daheim erschöpft in seinen Sessel. Ricardo Torres hatte ihn ziemlich in die Mangel genommen. Wie es sein konnte, daß dieses Gerüst in sich zusammenfällt, ob er dafür eine Erklärung hatte. Gregory dachte an seine Aussage. Hatte er richtig reagiert? Geschockt, über die tragischen Ereignisse, aber auch jede Schuld entschieden von sich weisend.

"Verdammt", dachte er, "was klettert er auch um diese Zeit noch darum. Hätte er sich nicht eingemischt, wäre alles planmäßig gegangen. Aber beruhige Dich, Gregory. Niemand kann Dir etwas nachweisen."

Cole Deschanel hatte das Bewusstsein noch immer nicht wiedererlangt. Gregory hatte versucht, Verwandte von ihm aufzutreiben. Offenbar existierten noch ein Vater und ein Bruder, aber Gregory war es nicht gelungen, sie zu erreichen.

Immerhin gab es Hoffnung. Dr. Tyus Robinson hatte erklärt, daß Cole gute Chancen hätte, wenn er nur noch diese Nacht überleben würde.

Es klingelte an der Tür. Da Hausmädchen Rose bereits zu Bett gegangen war, öffnete Gregory selbst.

"Was wollen Sie denn hier?", sagte er überrascht.

Hickengruendler

 

 

 

"Guten Abend Mr Richards. Wollen Sie mich nicht hereinbitten?"

Tiffany Thorne fühlte sich gar nicht wohl in ihrer Haut. Aber das durfte sie sich nicht anmerken lassen. Sie durfte sich die Chance nicht durch die Lappen gehen lassen, zu Sean zurückzukehren.

"Hatten wir nicht eine Abmachung?", wollte Gregory wissen.

"Abmachung kann man das kaum nennen. Sie hatten mich unter Druck gesetzt, mich von Sean fernzuhalten."

"Ganz recht. Und das gilt noch immer. Wenn Sie also nicht schnellstens verschwinden..." "Hören Sie auf, die Dinge haben sich verändert."

"Ach, tatsächlich?", meinte Gregory kühl.

"Ja, allerdings. Ich bin gestern Nacht auf der Suche nach Unterschlupf fündig geworden." "Wirklich. Schön für Sie. Warum begeben Sie sich nicht dahin zurück?"

"Wollen Sie denn nicht wissen, wo ich Unterschlupf gefunden habe?"

"Nein, das interessiert mich nicht im geringsten."

Tiffany grinste.

"Seien Sie sich da mal nicht so sicher. Es war drüben bei der Baustelle. Ich war es, die Cole Deschanel gefunden hat."

"Ach so." Gregory wurde langsam unsicher.

"Ja. Und am Abend vorher habe ich ein Gespräch zwischen zwei Männern zufällig mitangehört. Ein sehr interessantes Gespräch, wenn Sie verstehen, was ich meine."

Hickengruendler

 

 

 

Noch ging Gregory nicht auf Tiffanys Worte ein.

"Ruhig bleiben", dachte er. "Vielleicht blufft sie nur."

"Ach, und was war das für ein Gespräch?"

"Einer der beiden Männer hat den anderen beauftragt, am Gerüst zu manipulieren. Er nannte den anderen Mann übrigens Connors, das habe ich mir behalten. Nur zur Information. Und soll ich Ihnen was sagen? Die Stimme des Auftraggebers kam mir von Anfang an bekannt vor, und da bin ich neugierig geworden und habe sein Gesicht ganz genau erkannt. Raten Sie mal, wer es war." Tiffany grinste. Offenbar hatte sie Gregory aus der Fassung gebracht.

"Wenn Sie Geld wollen...", meinte Gregory.

"Hören Sie auf. Ich will kein Geld, keinen Pfennig. Ich will nur eins, Sean. Ich liebe ihn. Aber Sie wissen wahrscheinlich gar nicht, was das ist."

"Nun, wenn Sie nach wie vor hinter meinem Sohn her sind, muss ich Ihnen wohl sagen, daß er eine neue Freundin hat, Amy Nielsen. Wirklich seht intelligent und kultiviert", log Gregory schamlos.

"Och, Sie finden schon einen Weg, ihn zu überzeugen, daß ich die Richtige für ihn bin. Sie schaffen doch alles. Oder wollen Sie, daß ich meine Beobachtungen der Polizei erzähle? Gute Nacht, Mr Richards."

Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen schlenderte Tiffany davon.

Wütend knallte Gregory die Tür hinter ihr zu.

"Verdammt", zischte er.

Hickengruendler

 

 

 

Tiffany kam in die Lagerhalle zurück, in der sie Unterschlupf gefunden hatte, wo sie von ihrem Vierbeiner freudig begrüßt wurde.

"Hi Spike. Tut mir leid, daß ich Dich so lange allein gelassen habe. Aber bald wirst Du nie mehr allein, sein. Ich verspreche Dir, es wird Dir gutgehen."

Sie seufzte.

"Ich habe mich heute ziemlich tief in den Schmutz begeben, weißt Du, aber ich liebe Sean wirklich, ehrlich. Und man muss sich schon auf das Niveau dieser Familie herabbegeben, wenn man es mit ihr aufnehmen will."

Tränen liefen ihr über die Wangen. Anschließend nahm sie Spike und drückte ihn fest an sich.

"Wir kommen bald raus aus diesem Drecksloch, ich verspreche es Dir."

Hickengruendler

 

 

 

Nachdem Meg das Telefongespräch mit ihrer Schwester beendet hatte, verließ sie Bens Haus. In ihrem Kopf kreiste ständige eine Frage.

"Was machte Annie bei Ben in Acapulco?" Es sollte doch eine Geschäftsreise sein, so hatte Ben zumindest behauptet, und warum sollte er sie anlügen? Auf der anderen Seite fragte sie sich, wie Annie da hineinpasste.

Beim Gedanken an Annie verspürte Meg einen Stich in der Magengrube. Ausgerechnet Annie, die heimlich in Ben verliebt war! Ob Derek wohl wusste, daß seine Verlobte bei Ben war? Vielleicht sollte sie ihm mal die Augen darüber öffnen!

Meg schüttelte den Kopf, als könnte sie damit die düsteren Gedanken vertreiben.

Sie musste mit Casey, Michael, Mark, Rae und Gabi reden, ob Sara während ihres Aufenthaltes in Sunset Beach bei ihnen unterkommen konnte.

Entschlossen ging Meg den Weg zurück zum Surf Central.

Mona

 

 

 

Der erste, der ihr dort über den Weg lief war Casey.

"Hi Meg," begrüßte er sie freundlich.

"Hallo Casey, heute nichts los am Strand oder was?"

Meg boxte ihm spielerisch in die Seite. Casey boxte zurück.

"Nein, heute ist es ziemlich mau, aber Michael ist ja dort, und wenn er Hilfe braucht, kann er mich ja rufen." Er wies auf sein Handy. Meg strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr.

"Hm, Casey, ich müsste da etwas mit Dir und den anderen besprechen."

Casey sah Meg fragend an.

"Na, dann schieß mal los. Ich bin ganz Ohr, auch stellvertretend für die anderen."

Er grinste breit. Meg überlegte sich, wie sie anfangen könnte.

"Also, ich habe eine jüngere Schwester, Sara ... und sie will mich besuchen kommen.“ Meg holte tief Luft, ehe sie weiterredete.

"Ob es Euch wohl was ausmachen würde, wenn sie hier übernachtet?"

Meg sah Casey fragend an. Er grinste nur verschmitzt.

"Das war alles? Ich dachte schon, Du wolltest uns erzählen, daß Du Dich verlobt hast!" Casey konnte sein Lachen nicht mehr zurückhalten. Meg stimmte mit ein. Sie dachte einen Moment sehnsüchtig an Ben. Wie schön wäre es doch, wenn sie ihren Freunden wirklich so eine Nachricht überbringen könnte! Meg rief sich zur Ordnung. Was dachte sie da nur?!

Casey sah sie an.

"Aber klar kann Deine Schwester bei uns wohnen. Wie lange will sie denn bleiben?"

Meg runzelte die Stirn. Sara hatte von ein paar Wochen gesprochen.

"Ich schätze, 2-3 Wochen vielleicht," sagte sie. Casey nickte.

"Ich denke, daß müsste in Ordnung gehen. Du kannst ja die anderen noch mal fragen, aber von mir aus ist es okay - und ich bin der Hauptmieter und habe das meiste Sagen." Er grinste Meg schelmisch an.

Sie war erleichtert.

"Danke, Casey, heute abend frage ich die anderen, und wenn die auch ihr Einverständnis geben, kann ich Sara anrufen. Sie wird vor Freude an die Decke springen!"

Sie wurden durch das Klingeln von Caseys Handy unterbrochen.

Als er den Anruf beendet hatte, drehte er sich zu Meg um.

"Entschuldige, aber die Pflicht ruft. Michael verlangt nach mir. Ach, Meg, wenn ich Michael gleich sehe, frage ich ihn, ob er etwas dagegen hat, daß Deine Schwester hier für ein paar Wochen wohnt."

Meg lächelte ihn an.

"Ja, und nochmal Danke, Casey!"

Er schnappte sich seine Sachen und verließ das Surf Central. Meg setzte sich aufs Sofa und spielte völlig in Gedanken versunken mit ihrem Handy, als es zu klingeln anfing. Erschrocken sprang sie auf. Wer konnte das sein?

Mona