Im Morgengrauen wachte Bette auf. Sie drehte sich auf die Seite und blickte den fest schlafenden Mann neben sich an. Glücklich seufzte sie auf. Nie hätte sie zu träumen gewagt, dass sie in ihrem Alter noch ihrem Traummann begegnen würde.
Plötzlich aber fiel ihr etwas anderes ein und das glückliche Lächeln auf ihrem Gesicht verschwand. Vorsichtig stand sie auf, zog ihren Morgenmantel über und ging zum Fenster hinüber. Gedankenverloren starrte sie in die Dämmerung hinaus. Sie wusste nicht, wie lange sie schon dort gestanden hatte, als sich zwei starke Arme um ihre Taille legten
„Hey meine Schöne, so tief in Gedanken versunken?“ fragte Sam . Bette drehte sich zu Sam um und lächelte ihn an.
„Hey Big Boy, was machst Du denn schon auf?“
„Ich habe Dich vermisst, meine Schöne. Kannst Du nicht mehr schlafen?“ wollte Sam wissen. „Nein,“ Bette schüttelte ihren Kopf „es geht mir soviel durch den Kopf.“
Sam sah in ihr ernstes Gesicht.
„Ich hoffe, Du bereust nicht, dass Du zu meinem Antrag ja gesagt hast.“ sagte er. Bette umarmte Sam und drückt ihn ganz fest.
„Nein Sam. Du bist das Beste, was mir seit Jahren passiert ist.“ antwortete sie. Sam hob Bettes Kinn hoch und blickte ihr in die Augen.
„Dann erzähl mir, was Dich bedrückt.“
Bette seufzte und holte tief Luft.
„Ich muss Dir ein Geständnis machen.“
Sam ließ sie nicht aus den Augen und nickte ihr aufmunternd zu.
„Ich....ich....Sam, ich habe eine Tochter.“ Bette schloss die Augen, um auf Sams Reaktion zu warten. Sam drückte Bette ganz fest an sich.
„Du meinst also, dass wenn wir heiraten, meine Schöne, dass ich dann sogar Vater werde?“ fragte er lächelnd. Bette nickte.
„Es macht Dir also nichts aus?“ fragte sie.
„Aber ganz und gar nicht, ich wollte schon immer eine Tochter haben, und nun bekomme ich sie ja. Wann kann ich sie denn kennen lernen?“ antwortete Sam.
Plötzlich brach Bette in Tränen aus.
„Hey was ist denn los?“ fragte Sam besorgt.
„Heute ist Emilys 20. Geburtstag und das letzte mal, als ich sie gesehen habe, da war sie 4.“ schluchzte Bette „Ich weiß nicht einmal, wo sie lebt.“
Sam führte Bette zum Bett zurück und sie setzten sich. Er spürte, das noch mehr dahinter steckte, als sie bisher offenbart hatte.
„Willst Du mir nicht erzählen, was passiert ist?“ fragte er vorsichtig. Bette nickte und begann zu erzählen:
„Niemand hier in Sunset Beach weiß von Emily. Ich bin erst nach meiner Scheidung von Ihrem Vater, Edward Davis, hier hergekommen. Seitdem habe ich Emily nicht mehr gesehen.“
„Und warum nicht?“ fragte Sam.
„Dafür hat Edward gesorgt. Er hat das Sorgerecht für Emily bekommen, weil er mich als unfähige Mutter dargestellt hatte. Dann hat er mit Ihr Los Angelos verlassen und mir gedroht, er würde unsere Tochter außer Landes schaffen, wenn ich versuchen würde, Kontakt mit ihr aufzunehmen. Ab und zu habe ich mal ein Foto bekommen, aber das ist auch alles.“
Sam nahm Bette in den Arm und drückte sie ganz fest.
„Aber nun ist Sie doch erwachsen. Vielleicht würde Sie Dich gerne kennen lernen.“
„Aber ich weiß doch gar nicht, wo Emily jetzt lebt, und ob Sie mich überhaupt sehen möchte.“ Sam blickte Bette an.
„Wenn Du willst, helfe ich Dir, Sie zu suchen. Erst dann kannst Du feststellen, ob Sie Dich sehen möchte oder nicht.“ schlug Sam vor.
„Das würdest Du wirklich für mich tun?“ fragte Bette. Sam nickte.
„Für Dich, meine Schöne, würde ich alles tun.“
Bette fiel Sam um den Hals.
„Ich liebe Dich.“
Sam lachte.
„Ich liebe Dich auch. Aber nun lass uns noch ein wenig zu schlafen, und dann versuchen wir Deine Tochter zu finden.“
Sie legten sich hin und schon bald war Bette in Sams Armen eingeschlafen.
Ben stand da und
schaute seiner Braut erwartungsvoll entgegen. Unter den Gesängen der
Eingeborenen wurde sie auf einer aus Holz zusammengebauten Sänfte durch das Dorf
bis zu ihrem Haus getragen. Sie sah wunderschön aus, langes schwarzes Haar,
geschmückt von einem Kranz aus unzähligen Orchideen, einen Rock aus Schilfgras
und ein knappes Oberteil, das nur aus Blüten und Schmuck zu bestehen schien. Die
Sänfte wurde behutsam abgesetzt und Tamiha schritt hoheitsvoll auf Ben zu.
„Er gehört mir!“ sagte sie und sah sich herausfordernd um, während sie Ben ihre
Hand reichte.
Meg wollte zu ihr laufen und ihr sagen, dass Ben niemals hierher gehören würde,
aber irgend jemand hielt ihr ein Messer an die Kehle und zwang sie
stehenzubleiben und der seltsamen Hochzeit zuzusehen.
Einer der älteren Eingeborenen, der den Schmuck eines Priesters trug, trat vor
und sagte mit feierlicher Stimme:
„Und so erkläre ich Euch zu Mann und Frau...“
„Nein!“
Zitternd fuhr Meg aus dem Schlaf. Draußen dämmerte es bereits und man konnte das
Rauschen der Wellen durch das geöffnete Fenster hören. Irritiert sah sie sich
um, noch von den Bildern des Alptraums verfolgt, als sie spürte, wie zwei starke
Arme sie umfingen.
„Meg, was ist denn mit Dir?“ hörte sie Bens besorgte Stimme. „Hast Du schlecht
geträumt?“
Erleichtert, das alles nur ein schlimmer Traum gewesen war, seufzte sie.
Zärtlich streichelte er ihr übers Haar.
„Ist ja gut... War wohl ziemlich viel für Dich, was in den letzten Tagen
geschehen ist. Aber es ist vorbei, Meg, Du brauchst Dich nicht mehr zu
fürchten.“
Sie nickte und kuschelte sich an ihn.
„Ich hatte solche Angst um Dich.“ flüsterte sie. Ben hielt sie ganz fest.
„Ohne Dich wäre ich verloren gewesen. Ich liebe Dich, Meg!“
Er küßte sie und vertrieb damit die letzten Schatten des Alptraums aus ihrem
Gedächtnis.
Später lag sie in seinem Arm und dachte über ihr gestriges Gespräch mit Tyus
Robinson in der Klinik nach.
„Weißt Du, was der Doktor gesagt hat?“ meinte sie schließlich nachdenklich. „Tamiha
hat Dir nicht nur das Leben gerettet, sie hat Deine Wunden besser versorgt als
jeder Arzt.“
Ben nickte.
„Ja, das ist wirklich erstaunlich. Ich verspüre auch kaum noch Schmerzen. Wenn
man bedenkt, dass Joe Hanson nach dem Absturz sofort tot war, erscheint mir das
fast wie ein Wunder.“
„Ich denke, sie beherrscht die Kunst der Eingeborenenmedizin wirklich perfekt,
und so mancher Mediziner könnte von den ihr noch was lernen. Auch wenn sie etwas
verrückt zu sein scheint.“
„Na ja, was wir hier als verrückt bezeichnen, hat aber dort seinen Ursprung in
der tiefen Gläubigkeit der Eingeborenen.“ überlegte Ben. „Denk doch nur mal
daran, was Du mir über Deinen Perlenanhänger erzählt hast.“
„Ja“ erinnerte sich Meg lächelnd. „Ohne den Anhänger hätte sich Tamiha
wahrscheinlich gar nicht erst auf einen Handel mit mir eingelassen.“ Sie
schüttelte den Kopf.
„Was ist?“ fragte Ben.
„Ich wollte gerne mit Dir nach Hawaii, erinnerst Du Dich? Aber so hatte ich mir
das wirklich nicht vorgestellt!“
Er lachte.
„Vielleicht schreibt Robin doch noch einen Roman darüber, dann haben wir was,
wovon wir später unseren Enkelkindern erzählen können!“
„Enkelkinder?“ staunte Meg. „Du planst aber schon weit voraus!“
Am Vormittag kamen
Gregory und Robin Masters bei Ben vorbei, um noch einmal ausführlich über die
Verträge zu sprechen, die den Bau und die damit verbundene Finanzierung der
Ferienanlage betrafen. Dr. Robinson hatte Ben strikt verboten, in den nächsten
Tagen schon zu arbeiten, also wurde alles Wesentliche kurzentschlossen bei einem
kühlen Drink auf der Veranda besprochen. Meg und Thomas brachen unterdessen zu
einem kleinen Stadtbummel auf.
Auf der Strandpromenade begegneten ihnen Annie und Cole.
Während Cole es am liebsten bei einem freundlichen Gruß im Vorübergehen belassen
hätte, konnte Annie sich natürlich einen Kommentar nicht verkneifen.
„Nanu, was sehe ich denn da?“ lächelte sie zuckersüß. „Haben Sie sich diesen
gutaussehenden Mann etwa aus dem Dschungel mitgebracht, Meg? Nur für den Fall,
dass Ben am Ende doch die wirklich exotischen Frauen auf Hawaii vorziehen
könnte...“
Meg lächelte geringschätzig, während Thomas halb erstaunt, halb belustigt von
einer zur anderen blickte.
„Annie... ich habe Sie gar nicht vermißt. Auf Hawaii hatte ich immerhin mit
professionellen Hexen zu tun. Soll Thomas Sie für den nächsten Nachhilfekurs
anmelden?“
Annie warf den Kopf zurück und trat aufreizend dicht an Magnum heran.
„Sind Sie der Kursleiter?“
Der zog erstaunt die Augenbrauen hoch und warf Cole einen prüfenden Blick zu,
doch der zuckte nur amüsiert mit den Schultern.
„Da muß ich Sie enttäuschen.“ antwortete Meg stattdessen. „Thomas unterrichtet
nur wirklich interessante Fälle.“
„Ach ja?“ giftete Annie zurück, ohne einen Blick von Magnum zu lassen. „Verraten
Sie mir, auf welcher Weide Sie die kleine Meg kennengelernt haben? Ist sie
heulend durch ein Orchideenfeld geirrt?“ fragte sie ihn mit amüsiertem Lächeln.
„Wieder einmal Lust auf ein unfreiwilliges Bad?“ hielt Meg dagegen.
Cole räusperte sich. Er nahm Annie am Arm.
„Es war nett, Euch zu treffen. Einen schönen Tag noch!“ meinte er mit
freundlichem Grinsen und zog seine Freundin mit sich fort. Sie folgte nur
widerstrebend, Meg einen bitterbösen Blick zuwerfend.
„Was war denn das?“ lachte Thomas, während sie weitergingen. „Eine Freundin von
Dir?“
„Eine ganz besondere...“ schmunzelte Meg, „Du siehst, auch in Sunset Beach gibt
es Hexen. Nur, hier bei uns sind sie rothaarig.“
Nachdem Annie angekündigt hatte, einen Krankenbesuch bei Olivia machen zu wollen (etwas was Cole sehr beunruhigte, er aber nicht verhindern konnte), machte sich dieser direkt auf den Weg ins Polizeirevier.
"Kann ich sie sehen?", fragte er Officer Spencer.
"Selbstverständlich", antwortete der Officer und führte ihn zu Jade.
"Oh Cole. Ich bin so froh, daß Du da bist." Sie kam zu den Gitterstäben und wollte Coles Hände greifen, doch er wich zurück.
"Ich werde alles tun, was möglich ist", antwortete er zurückhaltend. "Wegen der Kaution, meine ich. Ich werde sehen, was ich auftreiben kann. So viel wird es nicht sein, aber ich nehme an, Daddys schmutziges Geld werden sie wohl nicht mehr akzeptieren."
"Das würdest Du für mich tun?", fragte Jade glücklich.
"Selbstverständlich", nickte Cole. "Du bist schließlich meine Schwester."
"Oh Cole, ich danke Dir, vielen Dank."
"Nichts zu danken", antwortete er kühl. "Ich möchte Dich nur um eins bitten."
"Ja?"
"Bitte lauf mir so wenig wie möglich über den Weg, wenn Du raus bist."
Das Flehen in Jades Augen ignorierte er. "Ich hätte nie gedacht, daß ich mich in zwei Menschen wie Dir und Daddy so täuschen könnte. Oh, was muß ich blind gewesen sein, all die Jahre."
"Cole..."
"Schon gut, Jade", meinte er. "Das ist eigentlich alles, was ich sagen wollte."
Und damit ging er wieder.
Hickengruendler
Als Olivia Richards die Tür öffnete, stand dort der letzte Mensch, den sie erwartet hatte. Sie war allein im Haus, da Gregory bereits zur Arbeit aufgebrochen war, Caitlin die Überreste von der Party für Ben Evans aufräumen mußte, Sean in der Schule war (seine Abschlußprüfungen standen kurz bevor) und Rose ihren freien Tag hatte.
"Einen wunderschönen Guten Morgen, Olivia", begrüßte Annie Douglas sie schwungvoll.
"Was willst Du hier, Annie?"
"Mal nach Dir schauen", erklärte sie. "Du warst gestern Abend nicht auf der Party."
"Erzähl mir bloß nicht, daß Du mich vermißt hast? Das glaube ich Dir nämlich nicht."
"Mit Sicherheit nicht", entgegnete Annie trocken. "Aber an Deiner Stelle hätte ich die Party genossen. Wer weiß, wann Du das nächste mal einen Grund hast, zu feiern."
"Was willst Du damit sagen, Annie?"
"Ach komm schon, Olivia. Wir beide wissen doch genau, wie der ganze Rest von Sunset Beach übrigens auch, daß Du allein an Caseys Zustand Schuld bist. Nicht wahr, Olivia?" Annie marschierte direkt auf das Sofa zu und nahm Platz. "Wenn Tante Bettes Quellen stimmen, und Du weißt ja, das tun sie in der Regel, dann plant der Staatsanwalt ein Verfahren gegen Dich, wegen schwerer Körperverletzung. - Kekse, Olivia?" Sie reichte ihr eine Schachtel, die auf dem Tisch stand. Olivia ignorierte diese plumpe Geste.
"Ausgeschlossen Annie. Mich kannst Du nicht ins Bockshorn jagen. Gregory hätte mir längst darüber erzählt, wenn..."
"Vielleicht weiß er es noch gar nicht? Die offizielle Mitteilung an Euch soll heute Nachmittag rauskommen."
"Aber Du weißt natürlich Bescheid?"
"Die Sekretärin des Staatsanwaltes ist die Schwester der besten Freundin von Tante Bette", eröffnete ihr Annie. "Scheinbar ist der Staatsanwalt noch immer wütend, weil Gregory ihn bei der letzten Verhandlung einen alten Trottel genannt hat. Manche Menschen sind einfach nachtragend. Hoffentlich mußt Du es nicht ausbügeln, Olivia", fügte sie mit scheinheiliger Stimme hinzu. "Kann man für sowas eigentlich ins Gefängnis kommen? Stell Dir mal vor, Du ein paar Wochen bei Wasser und Brot. Wäre das nicht tragisch? Brot würdest Du sicher noch aushalten, aber wochenlang nur Wasser zu trinken zu bekommen, wäre Dein sicherer Tod, Olivia." Annie bemerkte zufrieden, daß Olivia kalkweis geworden war.
"Ich bin extra selbst vorbeigekommen, um es Dir selbst zu sagen, Olivia. Nicht, daß Du es noch aus dem Mund von jemandem erfährst, der die Situation genießen könnte..."
"Wie reizend von Dir", zischte Olivia. "Aber Du kannst mich nicht erschrecken, Annie. Ich habe nämlich den besten aller Anwälte auf meiner Seite. Dein Wunsch, mich im Gefängnis zu sehen, wird also nicht in Erfüllung gehen. Eher wirst Du dort landen, wegen penetranter Ruhestörung im Leben unschuldiger Leute."
"Unschuldig? Ich hoffe, Du meinst damit nicht Dich, Olivia?"
"Jetzt habe ich aber genug!" meinte Olivia. "Ich habe gerade eine Gehirnerschütterung hinter mir, und Du bist der letzte Mensch, den ich jetzt gebrauchen kann. Also raus..."
"Aber sicher, Olivia. Ich will Deiner Genesung doch nicht im Wege stehen. Wäre ein Jammer, wenn Du stirbst, bevor Du vor Gericht schmorst."
Olivia knallte die Tür hinter Annie zu. Dann wählte sie eine Telefonnummer.
"Hier ist Olivia Richards. Sie sind aber nicht Bette? Vertretung, verstehe. Ich muß sofort meinen Mann sprechen. Es ist dringend."
Antonio war in der Kirche gerade dabei, einige neue Kerzen für die Morgenandacht hinzustellen, als er ein Geräusch hinter sich vernahm. Er fuhr herum und ließ vor Schreck beinahe eine Kerze fallen.
"Mama!" entfuhr es ihm. "Du hast mich erschreckt." Er sah seine Mutter stirnrunzelnd an. Es mußte einen Grund haben, weshalb sie in der Kirche auftauchte. Antonio konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal überhaupt an einem Gottesdienst teilgenommen hatte - nicht vor seiner Versetzung nach Venezuela und erst recht nicht nach seiner Rückkehr.
"Was tust Du hier?" fragte er deshalb auch neugierig. Madame Carmen zog ihr Tuch vom Kopf und sah ihren Sohn nachdenklich an.
"Du bist sicher nicht zum Beten hierhergekommen, oder?" fragte Antonio mißtrauisch. Langsam schüttelte sie den Kopf.
"Kennst Du den Spruch "Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muß der Berg zum Propheten kommen"?"
Antonios Augen verengten sich zu Schlitzen.
"Was willst Du damit sagen?" fragte er ungehalten. Madame Carmen sah ihn herausfordernd an. "Du weichst mir aus, Antonio!" sagte sie bestimmt," und ich weiß auch warum," fügte sie hinzu. Antonio atmete schwer.
"Mama, ich möchte Dich bitten, Dich aus meinen Angelegenheiten herauszuhalten," bat er inständig. Madame Carmen schüttelte den Kopf.
"Das kann ich nicht," sagte sie. "Ich habe Dich nicht zum Priester erzogen, damit Du jetzt alles wegwirfst!" Ihre Augen bekamen einen seltsamen Glanz. Antonio sah sie verständnislos an. "Wovon redest Du eigentlich?" fragte er. Madame Carmen nahm in einer Bank platz.
"Setz' Dich bitte," forderte sie ihren jüngsten Sohn auf. Verunsichert nahm Antonio neben seiner Mutter platz. "Ich möchte gar nicht lange herum reden," sagte sie. "Ich weiß, daß Du in Gabi Martinez verliebt bist ..." Sie machte eine Pause und sah ihrem Sohn fest in die Augen, der plötzlich jegliche Farbe aus seinem Gesicht verlor.
Madame Carmen registrierte es sofort und nickte nur.
"Ich hatte also recht," sagte sie traurig. Antonio starrte angestrengt auf den Boden. Er war nicht fähig, auch nur ein Wort zu sagen. Für ihn selber war es ja auch eine Überraschung gewesen, als er feststellte, daß er sich in sie verliebt hatte. Er schloß die Augen, weil er sich für sein eigenes Geständnis schämte.
"Ja, ich liebe sie!" flüsterte er. Madame Carmen hob in einer theatralischen Geste die Arme zum Kreuz empor und sprach einige spanische Worte. Dann sah sie ihren Sohn wieder an.
"Sie ist nicht gut für Dich," sagte sie knapp. "Sie wird Dir nur Verderben und Unglück bringen!" fügte sie eindringlich hinzu.
"Bitte, höre auf mich," flehte sie verzweifelt," ehe es zu spät ist!"
Antonio sprang abrupt auf. Um seinen Mund herum zuckte es.
"Mama ... ich möchte Dich bitten, jetzt zu gehen!" sagte er bestimmt. Madame Carmen stand langsam auf. Verzweifelung war in ihrem Gesicht zu erkennen.
"Für Dich ist ein anderer Weg bestimmt," versuchte sie es noch einmal, doch Antonio schnitt ihr das Wort ab.
"Bitte geh' jetzt!" bat er erneut. Madame Carmen straffte ihren Körper und ging zum Ausgang. An der Tür drehte sie sich noch einmal zu ihm um.
"Denk' an meine Worte ..." Sie öffnete die Tür und verließ die Kirche.
Zärtlich strich Derek über Saras Haar.
"Ich glaube, daß die Begrüßungsparty für Ben ein richtiger Erfolg war," sagte er. Sara nickte, während sie sich enger in seine Arme kuschelte.
"Ja, und es waren auch wirklich alle da," sagte sie. Ihr Blick fiel auf den Wecker. Erschrocken setzte sie sich auf. "Weißt Du eigentlich, wie spät es schon ist?" fragte sie entsetzt.
Derek grinste.
"Hast Du einen wichtigen Termin, daß Du schon so früh aufstehen willst?" fragte er schmunzelnd. Sara runzelte die Stirn.
"Früh nennst Du das? Es ist 11.30 Uhr!"
Derek kratzte sich am Kinn.
"Wenn man bedenkt, daß wir erst um 4 Uhr ins Bett gekommen sind ... dafür liegen wir doch noch gut in der Zeit."
Sara befreite sich aus seinen Armen und stand auf.
"Ich glaube, daß meine Eltern auch noch schlafen," stellte sie fest, nachdem sie einen Moment nebenan gelauscht hatte. "Zumindest höre ich nichts." Sie zog ihren Morgenmantel über. "Ich gehe jetzt erst einmal runter und decke für uns alle den Tisch, und Du," sie boxte Derek spielerisch in die Seite," kannst Dich schonmal duschen und anziehen."
Derek sprang aus dem Bett und machte einen Diener vor Sara.
"Wie Sie befehlen, zukünftige Misses Evans!" sagte er grinsend. Sara lachte.
"Ich kann es kaum erwarten," sagte sie sehnsüchtig. Derek schlang seinen Arm um sie und drückte ihr einen Kuß auf die Lippen.
"Okay, aber vorher sollten wir etwas essen," schlug er vor. Sara lächelte.
"Gut, dann will ich
mal dafür sorgen, daß alles perfekt ist, wenn Du runterkommst." Während Derek im
Badezimmer verschwand, ging Sara die Treppe nach unten.
Als sie die Küche betrat, blieb sie überrascht stehen. Sie sah ihre Eltern am
Tisch sitzen.
"Ihr seid ja schon auf!" entfuhr es ihr überrascht. Ihr Blick fiel auf den gedeckten Tisch. "Und den Frühstückstisch habt Ihr ja auch schon gedeckt!" Sara kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Joan sah sie schmunzelnd an.
"`Schon auf` ist gut," sagte sie. "Normalerweise pflegen Dein Vater und ich um diese Zeit schon Mittag zu essen."
Sara wurde rot, und Hank lachte.
"Mach' sie doch nicht verlegen, Joanie," sagte er. Er nahm Sara in den Arm. "Ruht Euch nur aus." sagte er. "Nach der ganzen Vorbereitung und der Mühe, die Ihr Euch für die Party gemacht habt, habt Ihr den Schlaf wirklich verdient."
Sara sah ihren Vater dankbar an. Joan mischte sich ein.
"Ach ja, Sara, ..." sie wies auf den Tisch," ich habe soweit alles gefunden, nur den Brotkorb nicht."
Sara ging zu einem der unteren Schränke und kniete sich hin.
"Den haben wir immer im unteren Fach stehen." Sie öffnete die Tür und holte den Brotkorb heraus. Als sie versuchte, wieder aufzustehen, verspürte sie plötzlich einen ziehenden Schmerz in ihrem Unterleib. Stöhnend und mit schmerzverzerrtem Gesicht ließ sie sich wieder zurücksinken, während ihre Hand automatisch zum Bauch hintastete. Sofort war Joan bei ihr. "Sara, ist alles in Ordnung?" fragte sie besorgt. Sie half Sara wieder auf die Beine.
"Ja, danke Mom, es geht schon."
Prüfend sah Joan sie an.
"Ist wirklich wieder alles in Ordnung?"
Sara nickte heftig.
"Ja, alles okay ... nur ein Krampf." Sie sah verstohlen zur Tür. "Bitte kein Wort zu Derek," bat sie," er macht sich sowieso schon unnötig viel Sorgen um mich!"
Joan sah ihre Tochter skeptisch an.
"Vielleicht gar nicht so unnötig, wie Du glaubst," sagte sie nachdenklich.
In diesem Moment betrat Derek die Küche, und Sara warf ihrer Mutter einen flehenden Blick zu. Derek spürte sofort die Spannung, die im Raum lag. Irritiert sah er zwischen den beiden Frauen hin und her.
"Was ist hier los?" fragte er, während er Sara kritisch ansah.
Das Aroma von frisch gekochten Kaffee weckte Bette auf. Sie schlug die Augen auf, und vor ihrem Bett stand Sam mit einem Frühstückstablett in den Händen.
„Na Du Schlafmütze,“ lächelte er Bette an „hast Du gut geschlafen?“
Bette setzte sich auf.
„Ja, in Deinen Armen schlafe ich immer sehr gut.“ antwortete sie. Sam platziert das Tablett auf Bettes Schoß.
„Nun wird aber erst einmal gefrühstückt.“
Bette blickte auf das Tablett.
„Aber was ist mit Dir? Hier ist ja nur ein Teller und eine Tasse drauf.“ wollte sie wissen. Sam setzte sich auf die Bettkante.
„Entschuldige, aber ich war schon joggen und habe etwas gegessen.“ antwortete Sam „Aber ich will Dir hier Gesellschaft leisten und Du kannst mir in der Zwischenzeit alles, was Du weißt über Deine Tochter und Ex-Mann erzählen.“
Bette trank einen Schluck Kaffee.
„Viel kann ich Dir da nicht erzählen. Wir lebten damals in Los Angelos. Edward stammt aus einer reichen Familie und hatte selber einen kleinen Pharmaziekonzern. Aber was genau, das kann ich Dir nicht mehr sagen. Nach 6 Jahren Ehe hat er mich wegen einer 20 jährigen verlassen. Emily hat er mitgenommen. Vor Gericht hatte er behauptet, ich sei eine unfähige Mutter, dabei hat Emily ihm selber nicht viel bedeutet. Nicht mal als sie geboren wurde, hat er seine Geschäftsreise unterbrochen und ist nach Hause gekommen.“ berichtete Bette.
Sam hörte sich Bettes Bericht fassungslos an.
„Und die Richter hatten ihm das alles geglaubt?“
Bette nickte.
„Er hatte genug Geld und Einfluss. Unsere Hausangestellten haben damals alle für ihn ausgesagt und mich als lieblose Mutter hingestellt.“ erklärte Bette.
„Hast Du denn noch irgendeine Adresse, unter der Du Deinen Ex-Mann oder Emily erreichen kannst?“ fragte Sam.
„Nein,“ Bette schüttelte ihren Kopf, „nichts, er hat mir nichts gegeben.“
„Okay,“ Sam stand auf „dann versuchen wir es anders. Gib mir mal die Geburtsdaten der beiden.“ Bette nannte Sam die Daten.
„Was willst Du denn damit anfangen?“ fragte sie verwirrt. Sam beugte sich zu Bette hinunter und küsste sie auf die Stirn.
„Ich werde jetzt ein paar Anrufe machen, und ich denke, schon bald werden wir den Aufenthaltsort von Deiner Tochter kennen.“
Ein Lächeln erschien auf Bettes Gesicht.
„Ach ja, ich habe ja ganz vergessen, dass Du so Deine geheimen Quellen hast, mein Big Boy.“ sagte sie, sichtlich erleichtert. Sam lachte.
„Nun, sagen wir mal so, ich kenne eine Menge einflussreiche Leute, die mir noch einiges schuldig sind.“ Er küsste Bette noch einmal. „Und nun entschuldige bitte, aber ich muss ein paar Anrufe tätigen.“
Gabi sah Estella fassungslos an.
"Was unterstellst Du mir da eigentlich?" stieß sie aufgebracht hervor. "Natürlich bin ich wegen meines Vater hergekommen ... und nur wegen ihm," sagte sie energisch.
Estella sah sie spöttisch an.
"Aber Gabi, meine Liebe," sagte sie mit zuckersüßer Stimme, "nun reg' Dich doch nicht so auf." Sie lächelte verbindlich. "Dann habe ich mich eben geirrt ..."
Estellas Gesinnungswandel verwirrte Gabi für einen Moment, aber sie erinnerte sich, daß Estella auch schon früher geschickt ein Thema wechseln konnte, wenn es ihr unangenehm war.
"Kann ich Dir vielleicht beim Auspacken helfen?" bot sich ihre Stiefmutter gerade an, und Gabi schüttelte den Kopf.
"Danke, aber das schaffe ich schon alleine," sagte sie. Estella legte Gabi vertraulich eine Hand auf ihre Schulter.
"Wir sollten versuchen, unsere Differenzen von früher zu begraben," sagte sie.
Überrascht sah Gabi sie an. "... Deinem Vater zuliebe," fügte Estella schnell hinzu. Gabi sah sie mißtrauisch an. Sie würde vor Estella auf der Hut sein müssen, dachte sie. Ihre Stiefmutter würde sicher nichts unversucht lassen herauszufinden, weshalb sie wirklich nach Ludlow gekommen war, und anscheinend war ihr jedes Mittel recht, um an diese Information zu kommen! Doch Gabi ließ sich nicht so schnell von Estellas falscher Freundlichkeit beeindrucken.
"Wovor hast Du Angst?" fragte sie und sah ihre Stiefmutter herausfordernd an. Für einen Moment erkannte Gabi eine Unsicherheit im Blick ihrer Stiefmutter, doch der Eindruck verflog so schnell, wie er gekommen war.
"Angst?" stieß Estella hervor und lachte lauthals. "Ich habe vor nichts und niemanden Angst, aber Du ..." Sie ging ein paar Schritte auf Gabi zu, griff nach ihrem Handgelenk und umklammerte es. "Du bist diejenige, die ..." Ihr Satz wurde abrupt unterbrochen, denn Lorenzo betrat Gabis Zimmer.
"Estella, würdest Du mich bitte mit meiner Tochter einen Moment alleine lassen?" bat er seine Frau. Estella ließ widerwillig Gabis Handgelenk los und trat einen Schritt zurück.
"Aber selbstverständlich," sagte sie höflich. Sie raffte ihren Rock hoch und verließ grußlos das Zimmer. Gabi spürte, wie die Anspannung von ihr abfiel und sich in Verzweifelung auflöste. Weinend warf sie sich ihrem Vater in die Arme.
"Papa, bitte hilf mir! Ich weiß einfach nicht mehr weiter!"
Sara versuchte Dereks Blick auszuweichen.
"Was ist hier los?" wiederholte er seine Frage. Sara atmete einmal tief durch.
"Nichts besonderes," log sie," nur etwas ... Persönliches zwischen meinen Eltern und mir."
Derek runzelte die Stirn. So ganz war er mit der Antwort nicht zufrieden.
"Ich hoffe, es ging nicht um mich, oder um die überstürzte Hochzeit, oder ..."
Joan unterbrach ihn.
"Nein, keine Sorge, Derek, es ging nicht um Dich ..." sie räusperte sich. "... Zumindest nicht direkt ..." Sara warf ihrer Mutter wieder einen bittenden Blick zu, und Joan dachte einen Moment nach, was sie Derek jetzt erzählen könnte. "Sara hat uns erzählt, daß sie gerne mit Dir zusammen das Hochzeitskleid aussuchen würde."
Derek sah Sara überrascht an.
"Also, soweit ich weiß, darf der Bräutigam das Kleid doch nicht vor der Trauung sehen, oder?" fragte er verunsichert. Joan nickte heftig mit dem Kopf.
"Ja, genau, denn es bringt dann Unglück, und genau das haben wir Sara vorhin auch versucht klarzumachen, als Du zur Tür hereingekommen bist."
Derek sah Sara stirnrunzelnd an.
"Komische Frühstücksthemen habt ihr," murmelte er, während er sich einen Kaffee holte. Sara sah ihre Mutter dankbar an, doch sie konnte die Besorgnis in ihrem Blick erkennen. Nachdem Derek sich verabschiedet hatte, weil er nach der Feier im "Deep" noch mit beim Aufräumen helfen wollte, nahm Joan ihre Tochter beiseite.
"Ich habe Dich die letzten Tage beobachtet," sagte sie nachdenklich. Sara sah ihre Mutter verwirrt an.
"Beobachtet ... aber wieso denn?" fragte sie überrascht. Joan seufzte tief.
"Weil Du ja offenbar nicht auf Dich aufpassen kannst," entfuhr es ihr. Sie sah Sara besorgt an. "Du hattest diese Krämpfe schon öfter, nicht wahr?"
Sara wich ihrem Blick aus.
"Ja," gestand sie leise. Sie fühlte sich mit einem Mal richtig elend. "Oh, Mom," sagte sie verzweifelt," ich habe Angst!"
Joan sah Sara mitfühlend an.
"Wovor denn nur, Schatz?" fragte sie sanft. Sara zog ein Taschentuch hervor und wischte sich die aufsteigenden Tränen aus den Augen.
"Ich habe Angst, daß mit dem Baby etwas nicht in Ordnung ist," sagte sie. Joan nahm ihre Tochter in den Arm.
"Aber Sara, dann solltest Du zu einem Arzt gehen und Dich untersuchen lassen," sagte sie. Sara schüttelte den Kopf.
"Nein, davor habe ich ja gerade Angst!"
Joan schob Sara etwas von sich weg und sah sie verständnislos an.
"Das verstehe ich nicht," sagte sie.
"Ich habe Angst davor, was mir der Arzt vielleicht sagen wird," erklärte Sara. Joan nickte.
"Ich verstehe, aber in der Ungewissheit zu leben ist sicher noch viel schlimmer," stellte sie fest. Sara seufzte.
"Ja, sicher," gab sie zu. Sie sah ihre Mutter bittend an.
"Wenn ich zum Arzt gehe ... würdest Du mitkommen?" fragte sie. Joan sah sie überrascht an. "Ich denke, daß dies wohl mehr Dereks Aufgabe ist, denn er ist der Vater und ..."
Sara unterbrach ihre Mutter.
"Mom, bitte," flehte sie. "Ich will ihn nicht unnötig beunruhigen," fügte sie als Erklärung hinzu. Joan warf einen fragenden Blick zu Hank hinüber, und als dieser nickte, wandte sie sich wieder Sara zu.
"In Ordnung," sagte sie. "Ich finde es zwar nicht richtig, aber ich werde Dich begleiten." Erleichtert atmete Sara auf.
"Danke, Mom!" Sie gab ihrer Mutter einen Kuß auf die Wange. "Ich werde jetzt gleich im Krankenhaus anrufen und mir einen Termin geben lassen," versprach sie und verließ die Küche, während Joan und Hank ihr nachdenklich hinterher sahen.
Nachdem ihr
Nachtdienst zu Ende war, fuhr Rae sofort zum L.A. General Hospital. Ihre Mutter
sollte heute Vormittag entlassen werden, und Rae wollte sie wenigstens noch
einmal sehen, noch einmal mit ihr sprechen, bevor ihr Vater sie wieder vor ihr
abschotten konnte und ihr jeglichen Umgang mit ihrer Tochter verbot.
Rae schluckte. Vielleicht würden ihre Eltern nun wieder in die Heimat nach China
zurückkehren, und dann...
Eine tiefe Traurigkeit erfasste sie, so wie vor ein paar Wochen, als sie Sunset
Beach verlassen hatte. Aber nein – diesmal war es anders, diesmal hatte sie ihre
Entscheidung entgültig getroffen, und nun galt es Abschied zu nehmen.
Während sie den langen Krankenhausflur entlangging, wanderten ihre Gedanken kurz
zu Wei-Lee. Seit er sie vor ein paar Tagen in die Klinik begleitet und den
hässlichen Streit mit ihrem Vater miterlebt hatte, war er wie vom Erdboden
verschwunden und hatte sich nicht ein einziges Mal gemeldet.
So ein Versager! In der Geschäftswelt markierte er stets den großen Helden, aber
wenn es um einfache, zwischenmenschliche Beziehungen ging, verschwand er und
ließ sich nicht mehr blicken. Genauso wäre wahrscheinlich eine Ehe mit ihm
abgelaufen, solange sie seinen Vorstellungen entsprochen und die brave Ehefrau
gespielt hätte, wäre alles bestens gewesen.
Nein danke!
Sie war an der Tür zum Krankenzimmer ihrer Mutter angelangt. Die Hand auf der
Klinke blieb sie kurz stehen und atmete tief durch.
„Also gut, bringen wir es hinter uns!“ sagte sie leise, klopfte an und trat ein.
Misses Chang saß auf
dem Bett und starrte geistesabwesend auf ihre Hände, die gefaltet auf ihrem
Schoß lagen. Sie war bereits fertig angezogen und ihre Sachen standen
zusammengepackt neben der Tür.
„Rae!“ rief sie und sah ihrer Tochter erfreut entgegen.
„Mum, wie geht es Dir?“ Rae ging auf sie zu und umarmte sie. Dann setzte sie
sich neben ihre Mutter aufs Bett und nahm liebevoll deren Hände.
„Fühlst Du Dich wirklich schon kräftig genug, die Klinik zu verlassen?“ forschte
sie. „Du siehst sehr blass aus, und ich denke, ein paar Tage Aufenthalt in einem
Kurheim hätten Dir bestimmt gutgetan. Wenn Du möchtest, arrangiere ich das für
Dich!“
Misses Chang lächelte.
„Danke, Rae, aber ich vermute, dass wir nicht mehr allzu lange in Los Angeles
bleiben werden. Dein Vater will nach Hause, er muß sich um dringende Geschäfte
kümmern.“
Obwohl sie es schon vermutet hatte, gab es Rae doch einen schmerzhaften Stich
ins Herz.
„Geschäfte?“ fragte sie verhalten. „Ich denke, Wei-Lee kümmert sich von hier aus
um alles!“
„Nun, seit er weiß, dass aus Euch beiden nichts wird, hat er sich
unmißverständlich aus allem zurückgezogen. Er sagte Deinem Vater, dessen
Geschäfte gingen ihn ab jetzt nichts mehr an.“
Rae knirschte heimlich mit den Zähnen.
Mistkerl! Er nutzte anscheinend jede Gelegenheit, um die Situation noch zu
verschärfen. Glaubte er wirklich, dadurch könne er noch etwas ändern? Allmählich
kamen ihr berechtigte Zweifel, was Wei-Lees vielgepriesene Loyalität anging. Er
hatte zwar immer so getan, als wolle er ihr helfen, die Wogen zwischen ihr und
ihren Eltern zu glätten, und sie war ihm auch stets dafür dankbar gewesen, aber
jetzt fragte sie sich, zu wessen Vorteil er die ganze Zeit wirklich gehandelt
hatte.
„Hat Vater Probleme in der Firma?“ fragte sie vorsichtig.
Misses Chang lächelte wehmütig.
„Du weißt doch, er spricht mit mir nicht übers Geschäft. Aber ich sehe ihm an,
dass ihm etwas Sorgen bereitet.“ Zögernd entzog sie Rae ihre Hände. „Er muß
jeden Moment da sein.“
Einen Moment lang entstand ein peinliches Schweigen, dann stellte ihre Mutter
leise eine Frage, die Rae zutiefst in Erstaunen versetzte.
„Wie geht es Casey?“
Überrascht blickte sie auf.
„Es ... geht ihm schon sehr viel besser, Mum.“ sagte sie. „Aber er hat noch
einen langen Weg vor sich.“
„Er wird es schon schaffen. Wenn er eine nur halb so starke Persönlichkeit ist,
wie seine Mutter...“
„Seine Mutter?“ Jetzt staunte Rae wirklich. „Woher kennst Du Alex Mitchum?“
Bevor Misses Chang antworten konnte, öffnete sich die Tür und Raes Vater trat
ins Zimmer. Als er sie neben ihrer Mutter sitzen sah, stutzte er einen
Augenblick. Dann ging er auf seine Frau zu und half ihr hoch.
„Wie geht es Dir heute, meine Liebe?“
Sie nickte ihm etwas befangen zu.
„Der Arzt sagt, ich darf mit nach Hause, wenn ich größere Anstrengungen
vermeide... und Aufregungen.“ fügte sie zögernd hinzu.
Rae war aufgestanden und sah etwas unschlüssig von einem zum anderen. Aber auch
Mister Chang wirkte irgendwie verlegen, schließlich nahm er das Gepäck seiner
Frau auf und trug es schweigend nach draußen.
„Okay, das war`s.“ dachte Rae wehmütig und drehte sich nach ihrer Mutter um. Sie
bemühte sich, die Tränen zurückzuhalten, um ihr unnötige Aufregung zu ersparen.
„Mum... leb wohl, und mach Dir um mich keine Sorgen. Denk jetzt bitte vor allem
an Dich und Deine Gesundheit!“
„Rae, mein Kind...“ Misses Changs Hände zitterten, als sie das Gesicht ihrer
Tochter streichelte. „Gib bitte auf Dich acht.“
Die beiden Frauen standen da und konnten es nicht verhindern, dass ihnen Tränen
übers Gesicht liefen, als Mister Chang das Zimmer wieder betrat. Einen Moment
sah es aus, als kämpfe er mit sich selbst. Dann räusperte er sich und meinte mit
brüchiger Stimme:
„Was ist los mit Euch? Ihr könnt Euch doch nachher im Hotel weiter unterhalten,
und außerdem denke ich, dass wir unsere Tochter doch ab und zu einmal zu sehen
bekommen, auch wenn sie ...“ er verzog mißbilligend das Gesicht, „zukünftig
vielleicht mit einem Amerikaner verheiratet sein wird!“
"Unglaublich", polterte Olivia los. In diesem Moment bekam sie wieder Kopfschmerzen und setzte sich schnell auf die Couch. Gregory war nach Hause gekommen und versuchte nach Leibeskräften, sie zu beruhigen. "Nicht nur, daß ich wahrscheinlich bald wegen schwerer Körperverletzung vor Gericht stehe, nein, anstatt von meinem Mann muß ich es auch noch aus dem Munde der größten Giftspritze von ganz Sunset Beach erfahren!"
Gregory blickte sie grimmig an.
"Beruhige Dich, vielleicht wollte Annie Douglas Dich nur ärgern und hat alles frei erfunden. Und wenn nicht, werde ich ein ernstes Wort mit Bette reden, warum sie nicht auf die Idee gekommen ist, mir etwas zu sagen", fügte er düster hinzu. "Aber ich bin sicher..."
In diesem Moment klingelte es an der Tür. Gregory eilte hinüber und öffnete. Dann hielt er Olivia einen Brief vor die Nase. Beide wußten sofort was es war:
Ein Einschreiben von der Staatsanwaltschaft.
Sam saß an seinem Schreibtisch im seinem neuen Büro im Sunset Inn. Gerade eben hatte er den letzten Check up an der neuen Videoüberwachungsanlage vorgenommen. Nun wartete er auf den Rückruf eines Freundes wegen des Verbleibs von Edward Davis und seiner Tochter Emily.
Er konnte es immer noch nicht fassen, wie ein Mann nur so grausam sein konnte und kaltherzig Mutter und Tochter trennen konnte.
Um sich abzulenken, sah er die Personalakten der Angestellten vom Sunset Inn genauer an. Er wollte in Zukunft keine bösen Überraschungen erleben, nach dem, was in letzter Zeit alles passiert war. Der Flugzeugabsturz hatte allem Anschein nach ja Gregory Richards gegolten, aber dennoch sorgte sich Sam um seinen besten Freund. Solange es noch keine Spur von A J Deschanel gab, wollte er kein Risiko eingehen. Wer weiß, wozu dieser noch fähig war.
Er war gerade in eine der Akten vertieft, als das Telefon läutete. Schnell nahm er den Hörer ab. „Sam Peterson“ meldete er sich und lauschte. „Hi Jim! Und, konntest Du was herausfinden?....... Gut, ich verstehe....... Ja, am besten faxt Du es mir gleich rüber. Danke noch mal für Deine Hilfe....... Ja mache ich, bis dann.“ Er legte auf und lehnte sich zurück und starrte auf das Faxgerät, das schon wenige Augenblick später zu drucken anfing. Schnell entnahm er das Blatt Papier und las es zufrieden.
„Na bitte, das wird Bette freuen.“ Er fuhr seinen Computer herunter und verschloss die Personalakten in seinem Aktenschrank, bevor er sein Büro verließ.
Meg und Thomas
gingen weiter und kamen am Surf Center vorbei.
„Mein erstes Zuhause in Sunset Beach.“ erklärte Meg mit verträumtem Ausdruck in
den Augen. Sie blieben beide stehen.
„Du hast mir nie erzählt, wie Du ausgerechnet in diese Stadt gekommen bist.“
überlegte Thomas und grinste dann. „Ich meine, wenn das nur Zufall war, hättest
Du damals genauso gut Big Island wählen können.“
Meg lachte.
„Ja, stimmt, aber es war kein Zufall. Ich wollte mein Leben verändern, nachdem
ich gemerkt hatte, dass alles ziemlich festgefahren war, und dass der Mann, den
ich eigentlich für meinen zukünftigen Ehemann gehalten hatte, mich betrog.“ Sie
holte tief Luft. „Na ja, eine Freundin von mir, mit der ich damals in Kansas
zusammen das College besuchte, hat es hierher verschlagen, und sie schrieb mir
ständig E-Mails, wie wunderschön es hier sei. Also bin ich eines Tages einfach
zum Flughafen...“ Sie breitete die Arme aus und wies auf den Strand vor ihnen,
„und schon war ich hier!“
„Und dann hast Du Ben kennengelernt?“
„Ja, Ben und ... Derek.“
Thomas sah sie aufmerksam an.
„Das klingt, als hättest Du Dich nicht immer so gut mit Bens Bruder verstanden?“
Meg zog die Augenbrauen hoch.
„Nein, nicht immer.“ sagte sie nachdenklich. „Erst in der letzten Zeit. Er hat
sich ziemlich verändert, seit er mit meiner Schwester zusammen ist. Wenn ich
ehrlich sein soll, hat er mir am Anfang sogar ziemlich Angst gemacht. Aber das
ist zum Glück Vergangenheit.“
Michael kam mit seinem Surfbrett unter dem Arm vom Strand. Er sah die beiden und
blieb stehen.
„Na, die gestrige Party gut überstanden?“
„Aber immer!“ gab Thomas lachend zurück. „Schon surfen gewesen?“ fragte er und
deutete auf das Board. Michael nickte.
„Die Brandung ist heute einfach ideal. Sollten Sie auch mal probieren.“
„Kein Problem.“ meinte Thomas und zwinkerte Meg zu. „Wenn Ihr noch irgendwo so
ein Board für mich habt...“
„Klar“ nickte Michael, „Sie können Caseys ausleihen, er hat sicher nichts
dagegen. Vorläufig kann er es ja leider nicht benutzen.“
„Wie geht es ihm?“ fragte Meg. „Ich hab zwar gestern im Deep gehört, was Du
gesagt hast, aber ich würde gerne wissen, wie es wirklich um ihn bestellt ist.“
Michaels Gesicht wurde etwas nachdenklich.
„Hast Du heute Nachmittag schon etwas vor?“ fragte er. Meg schüttelte den Kopf.
„Nichts Spezielles.“
„Vanessa und ich fahren ihn besuchen, wenn Du möchtest, nehmen wir Dich mit nach
L.A.!“
Meg strahlte.
„Fantastisch! Natürlich komme ich mit. Ich hab ihn seit dem Unfall nicht mehr
gesehen.“
„Okay, abgemacht. Wir holen Dich bei Ben ab.“ versprach Michael und wandte sich
wieder an Thomas. „Und wenn wir von L.A. zurück sind, gehen wir beide surfen!“
„Abgemacht!“ lachte Magnum. „Ich bin dabei!“
"Aber, Kind, was ist denn nur geschehen?" Lorenzo Martinez drückte seine Tochter an sich, während er ihr hilflos über den Kopf strich. Gabi lehnte den Kopf an seine Schulter und ließ den Tränen freien Lauf. Es tat gut, ihm so nahe sein zu können, nachdem sie die ganzen Jahre über Distanz zu ihm gehalten hatte. Sie wusste, daß es im Grunde genommen nicht seine Schuld war, daß sie sich so weit voneinander entfernt hatten.
"Ich würde Dir gerne helfen, wenn ich kann," sagte ihr Vater, und Gabi drückte seine Hand. "Danke, aber ich fürchte, daß mir niemand helfen kann," entgegnete sie traurig.
"Wollen wir uns setzen?" fragte Lorenzo, und Gabi führte ihn zum Bett hinüber, wo sie dann beide platz nahmen.
"Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll ..." begann Gabi. Sie zögerte einen Moment. Sollte sie ihrem Vater wirklich alles über Ricardo und Antonio erzählen? Sicher würde er Estella alles weitererzählen, und sie würde sicher die ganze Sache nur hochspielen und für ihre Zwecke ausschlachten. Gabi seufzte tief.
"Du kannst Dich vielleicht noch daran erinnern, daß ich Dir bei meinem letzten Besuch erzählte, daß ich einen Freund habe," sagte sie langsam. Lorenzo nickte, während er seine Brille abnahm und sich die Augen rieb. "Nun," fuhr Gabi fort," ... wir haben vor kurzem unsere Beziehung beendet." Sie sah die Überraschung in den Augen ihres Vaters.
"Sagtest Du damals nicht, daß er die große Liebe Deines Lebens wäre und Du mit ihm alt werden wolltest?" erinnerte er sich. Gabi schluckte. Sie konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, daß sie ihrem Vater so etwas erzählt hatte.
"Ja," brachte sie mühsam heraus," aber manchmal werden Träume eben nicht wahr."
Lorenzo nahm Gabis Hand und drückte sie.
"Es tut mir so leid!" sagte er, und Gabi hörte in seiner Stimme die Anteilnahme. "Bist Du deswegen gekommen?" fragte er. "Wolltest Du hier über den Verlust hinwegkommen?"
Gabi bekam mit einem Mal ein schlechtes Gewissen. Sie war nur aus eigennützigen Motiven hierher zurückgekehrt und nicht, weil sie Sehnsucht nach ihrem Vater gehabt hatte. Lorenzo schien Gabis Gedanken zu erraten, denn er hob plötzlich die Hand und berührte ihre Wange.
"Es ist schon in Ordnung," sagte er. "Der Grund, weshalb Du gekommen bist ist einerlei ... Hauptsache, Du bist wieder hier!"
Gabi kämpfte wieder mit den Tränen.
"Danke," flüsterte sie leise. Lorenzo runzelte die Stirn.
"Wofür?" fragte er irritiert. Gabi räusperte sich.
"Für alles!" entgegnete sie. Langsam stand sie auf. "Ich werde nicht sehr lange bleiben können," sagte sie," und ich möchte möglichst viel Zeit mit Dir verbringen," fügte sie hinzu. "Meinst Du, Estella hat etwas dagegen?" fragte sie.
Bei der Erwähnung ihres Namens wurde sein Gesicht plötzlich ernst, und er stand abrupt auf. "Ich werde jetzt gehen, damit Du Deine restlichen Sachen auspacken kannst," sagte er. Gabi sah ihn irritiert an. Eine seltsame Wandlung ging mit ihm vor, die sie sich nicht erklären konnte. Zu ihrer größten Verwunderung erkannte sie Furcht in seinen Augen.
Lorenzo setzte hastig seine Brille wieder auf und griff nach seinem Stock.
"Soll ich Dich nach unten begleiten?" bot Gabi ihre Hilfe an, doch er machte eine abweisende Handbewegung.
"Nein, danke, ich komme schon alleine zurecht," sagte er, während er unsicher auf die Tür zusteuerte. Gabi sah ihm verwundert hinterher, wie er das Zimmer verließ. Sie konnte sich nicht dem Eindruck entziehen, daß etwas nicht in Ordnung war. Warum hatte ihr Vater so panisch reagiert, als sie Estella erwähnte?
Sie würde der Sache auf den Grund gehen. Seufzend begann sie ihren Koffer auszupacken, während ihre Gedanken nach Sunset Beach wanderten ... zu Ricardo und Antonio.
Als Derek von seiner Aufräumaktion nach Hause kam, fand er das Haus leer vor. Es irritierte ihn etwas, daß Sara nicht einmal eine Nachricht für ihn hinterlassen hatte, wo sie und ihre Eltern hingegangen waren. Das war so gar nicht ihre Art, und Derek spürte instinktiv, daß etwas nicht in Ordnung war. Als er das Wohnzimmer betrat, fiel ihm gleich auf, daß das Telefon nicht an der üblichen Stelle lag wie sonst. Sara hatte anscheinend noch telefoniert, bevor sie das Haus verlassen hatte. Nachdenklich nahm er den Hörer in die Hand und drückte die Wahlwiederholungstaste.
"Medical Center," meldete sich eine freundliche Stimme. "Wie kann ich Ihnen behilflich sein?" Verwirrt legte Derek auf, bevor die freundliche Dame noch weitere Fragen stellen konnte.
Wieso hatte Sara das Krankenhaus angerufen? fragte er sich.
Plötzlich durchfuhr ihn ein schrecklicher Gedanke. Es war etwas mit dem Baby! Derek griff nach den Autoschlüsseln und rannte aus dem Haus. Er sprang in den Wagen, gab sofort Vollgas und fuhr mit quietschenden Reifen los. Während er über die Küstenstrasse jagte, dachte er die ganze Zeit nur an Sara und das Baby. Sie durfte es nicht verlieren ...
Instinktiv drückte Derek das Gaspedal noch tiefer durch. Er bemerkte nicht, daß er die zulässige Höchstgeschwindigkeit längst überschritten hatte und der Wagen in den Kurven immer instabiler reagierte. In einer langgezogenen Linkskurve passierte es dann.
Der Wagen geriet ins Schleudern, und obwohl Derek noch versuchte, gegenzulenken, kam er von der Fahrbahn ab, stürzte eine kleine Böschung hinunter und überschlug sich mehrmals, bevor er auf dem Dach liegend zum Stehen kam.
„Ja bitte?“ Gespannt
schaute Casey auf die Tür. „Michael, Vanessa!“ rief er erfreut, als er sah, wer
hereinkam. Sie begrüßten sich herzlich.
„Los, setzt Euch und erzählt mir, wie die Party gestern im Deep gelaufen ist!“
drängelte Casey gespannt und wies auf die Stühle neben dem Bett.
Michael grinste geheimnisvoll.
„Aber zuvor mußt Du erst noch jemand anders begrüßen. Draußen wartet nämlich
noch ein Besucher darauf, Dich zu sehen!“
Er ging zur Tür und öffnete sie. Caseys gespanntes Gesicht erstrahlte in dem
Augenblick, als er erkannte, wer da versteckt hinter einem herrlichen
Blumenstrauß hereinkam.
„Meg!“
Mit wenigen Schritten war sie am Bett und ließ sich in seine Arme fallen.
„Casey...“ einen Moment verharrten sie so, dann sah Meg ihn prüfend an. Die
Stirn in Falten gelegt strich sie über seine eingefallenen Wangen. „Hey, wie
geht es Dir?“
Er lächelte.
„Ich weiß, ich sehe schrecklich aus. Das Essen hier ist`ne Katastrophe!“
„Ach was!“ winkte Michael lachend ab, „in ein paar Wochen füttern wir Dich
wieder richtig raus, und dann geht’s ab ins Fitnessstudio!“
„Schön wär`s“ nickte Casey und sah Meg prüfend an. „Und wie ist es mit Dir? Ich
hab von Deinem Abenteuer gehört. Alles wieder in Ordnung?“
Meg schluckte die Tränen, die ihr bei Caseys Anblick die Kehle zuschnürten,
tapfer hinunter und nickte stumm.
„Und wie geht es Ben?“ fragte er weiter.
„Es geht ihm gut. Ich soll Dich ganz herzlich grüßen. Er soll sich noch ein
bisschen schonen, aber das nächste Mal besuchen wir Dich zusammen.“
Casey lächelte. Er griff nach Megs Hand.
„Komm, setz Dich zu mir, ich will alles wissen, über Hawaii und was Ihr dort
erlebt habt!“
Michael grinste und sah Vanessa, die Megs Blumenstrauß gerade in eine Vase
arrangierte, vielsagend an.
„Wir werden indessen mal einen Kaffee trinken gehen, dann könnt Ihr beiden Euch
ungestört unterhalten.“ meinte er.
Als die beiden das Zimmer verlassen hatten, ließ sich Meg am Bettrand nieder.
„Los, erzähl`schon!“ drängelte Casey, doch sie schüttelte entschieden den Kopf.
„Kein Wort erfährst Du, bevor ich nicht weiß, wie es Dir wirklich geht. Also...“
Sie sah ihn prüfend an, „raus mit der Sprache!“
Caseys Gesicht
verdüsterte sich ein wenig. Viel von seiner Fröhlichkeit war zur Zeit nur
gespielt, ein persönliches Schutzschild, wenn Besucher anwesend waren. Doch er
kannte Meg genau und wußte, dass er ihr nichts vorzumachen konnte.
„Schau her...“ sagte er und schlug die Bettdecke bis zu seinen Knien hoch. Meg
erschrak innerlich, wie dünn seine Beine geworden waren. Sie strich leicht
darüber.
„Fühlst Du schon etwas?“
Resigniert schüttelte er den Kopf.
„Nichts. Nicht das Geringste, Meg, und die Operation ist schon vier Tage her!“
Erstaunt sah sie ihn an.
„Ja und? Was sind vier Tage nach so einem schweren Eingriff? Als mein Vater sich
den Ischiasnerv geklemmt hatte, brauchte er mindestens vier Wochen, bevor er
wieder halbwegs gerade gehen konnte!“ Sie drückte Caseys Hand. „Rae hat Dir doch
sicher schon erklärt, dass es seine Zeit braucht. Du mußt nur Geduld haben,
Casey, sehr viel Geduld.“
Er nickte und preßte die Lippen aufeinander.
„Lieg Du mal tagein tagaus in diesem Bett, ohne Dich bewegen zu können.“
Meg nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände und zwang ihn, ihr in die Augen zu
sehen.
„Es bleibt ja nicht ewig so. Aber es hätte leicht sein können... Gib nicht auf,
Du wirst wieder laufen können!“
Er nickte.
„Du hast ja recht.“
„Na also“ meinte Meg zufrieden. „Und nun los, beweg Deine Zehen!“
„Was?“ Ungläubig starrte er sie an. Meg nickte aufmunternd.
„Komm schon, beweg sie!“
„Aber... ich spür sie doch nicht!“
„Ist doch egal, Casey, los... wackle mit den Zehen!“
Sie starrten sich einen Moment lang an, er fassungslos über ihren Vorschlag, und
sie herausfordernd. Dann brachen sie beide in schallendes Gelächter aus.
„Meine Güte, Meg“ lachte Casey, „Du bist vielleicht eine Therapeutin! Laß gut
sein, wenn Du nachher gehst, wird ich Dich vielleicht zur Tür bringen!“
Zufrieden nickte Meg.
„So gefällst Du mir schon viel besser. Und jetzt will ich noch wissen, wie es um
Dich und Rae bestellt ist. Wie ich gehört habe, will sie diesen aufgeblasenen
Wie-Lee nicht mehr heiraten? Und sie hat Deine Operation mit durchgeführt?“
Casey lächelte bedeutungsvoll.
„Rae hat sich für mich entschieden. In allen Punkten...“
Meg strahlte.
„Wundervoll, Casey! Ich freu mich so für Dich!“
„Okay“ Er rückte sich erwartungsvoll in seinem Bett zurecht, „aber jetzt
erzählst Du mir endlich von Hawaii!“
Meg war mit ihrer
Erzählung fast fertig, als sich die Tür leise öffnete und Rae hereintrat.
„Hey, schön Dich zu sehen!“ begrüßte sie Meg und die beiden Frauen umarmten sich
herzlich.
„Ich hab gehört, Du hattest mächtig Stress in der letzten Zeit.“ meinte Rae und
betrachtete Meg lächelnd. „Aber dafür siehst Du blendend aus!“
„Danke, Rae, das Kompliment kann ich nur zurückgeben. L.A. scheint Dir gut zu
bekommen.“
„Seit Casey in meiner Nähe ist, hat sich vieles verändert.“ nickte Rae. „Er gibt
mir das Gefühl, endlich einmal etwas richtig zu machen. So langsam bekomme ich
mein Leben in den Griff.“ Sie lächelte Casey zu. „Ja, ich bin glücklich hier.“
Wenig später kamen auch Michael und Vanessa aus der Cafè- Terria zurück. Sie
saßen alle zusammen in Caseys Krankenzimmer und tauschten sich über die neusten
Ereignisse in und um Sunset Beach aus. Sie waren bester Stimmung und ließen
Casey für eine Weile vergessen, dass er hier an sein Bett gefesselt war. Fast
hätten sie das Klopfen an der Tür überhört.
Ein unbekannter junger Mann trat ein und nickte ihnen zur Begrüßung zu.
„Wer von Ihnen ist Casey Mitchum?“ fragte er förmlich.
„Das bin ich.“ meldete sich Casey und beobachtete neugierig, wie der Mann näher
trat und einen Umschlag aus seiner Jackentasche zog.
„Für Sie, Sir.“ sagte er, reichte ihm den geheimnisvollen Umschlag und wandte
sich wieder zur Tür. Mit den Worten „Einen schönen Tag noch!“ war er
verschwunden.
„Was war das denn?“ wunderte sich Michael.
Casey drehte den Brief mißtrauisch in seinen Händen, bevor er ihn öffnete und
das darin befindliche Schriftstück las.
„Das ist ein Schreiben der Staatsanwaltschaft in Sunset Beach.“ Erklärte er nach
einer Weile seinen erstaunt lauschenden Freunden. „Ich soll als Zeuge auftreten
in dem Strafprozessverfahren gegen Olivia Richards.“
„Das geschieht der alten Hexe recht!“ platzte Vanessa heraus. „Endlich wird sie
dafür bezahlen, was sie Dir angetan hat! Obwohl...“ ihr Gesicht nahm einen
nachdenklichen Ausdruck an, „wie ich Gregory Richards kenne, kommt sie bestimmt
wieder glimpflich davon.“
„Wie meinst Du das?“ fragte Meg erstaunt.
„Ich hab sie kurz vor dem Unfall gesehen.“ berichtete Vanessa. „Sie hätte
beinahe meinen Wagen gerammt, weil sie Schlangenlinien gefahren ist und wie eine
Besessene raste. Ich bin überzeugt davon, dass sie völlig betrunken war! Aber
als ich Gregory kürzlich darauf ansprach, stritt er alles ab und berief sich
sogleich auf das Gutachten des Krankenhauses. Aalglatt hat er mich abblitzen
lassen. Und Sean behauptet, er hätte den Bluttest seiner Mutter in der Klinik
gesehen, und der sei eindeutig negativ gewesen.“ Sie holte tief Luft. „Also wenn
Ihr mich fragt, hier stimmt was nicht. Das stinkt meilenweit nach Manipulation
a`la Gregory Richards!“
"Miss Cummings, bitte!" Die Tür zum Behandlungsraum öffnete sich, und Dr. Robinson trat heraus. Während Sara sich langsam erhob, warf sie einen verzweifelten Blick zu ihrer Mutter hinüber. Diese nickte ihr aufmunternd zu, und Sara folgte dem Arzt zögernd ins Sprechzimmer. Dr. Robinson nahm hinter dem Schreibtisch platz und durchblätterte kurz Saras Krankenakte. "Was haben Sie auf dem Herzen?" fragte er und sah Sara prüfend an. "Soweit ich weiß, haben wir doch erst wieder einen Termin für übernächste Woche vereinbart."
Sara nickte.
"Es gibt da aber ein Problem ..." begann sie zögernd. Dr. Robinson hörte sich dann geduldig und aufmerksam an, was Sara über ihre Symptome schilderte und machte sich nebenbei einige Vermerke für die Akte. Nachdem sie ihren Bericht beendet hatte, sah Sara den Arzt ängstlich an. Dr. Robinson versuchte sie zu beruhigen.
"Nun machen Sie sich nicht schon vorher verrückt," sagte er. "Ich werde Sie jetzt noch einmal untersuchen, eine Sonografie machen, und dann werden wir weitersehen."
Sara nickte, legte sich auf die Liege und schob ihre Bluse hoch. Dr. Robinson begann mit seiner Untersuchung, und Sara schloß die Augen. Was würde die Untersuchung ergeben? fragte sie sich ängstlich. Sie spürte etwas kühles auf ihrer Haut und einen Moment später einen Gegenstand, der über ihren Bauch fuhr. Sara hielt den Atem an und versuchte krampfhaft, ihre Augen geschlossen zu halten. Sie hoffte, daß sie die schlechte Nachricht so besser verkraften würde. "Miss Cummings," hörte sie Dr. Robinson sagen," möchten Sie ihr Baby denn gar nicht sehen?" Zögernd öffnete Sara ihre Augen.
Dr. Robinson hatte den Monitor zu ihr herumgedreht, so daß sie die Umrisse ihres Babys gut erkennen konnte.
"Sehen Sie?" er wies auf einen kleinen schwarzen Punkt, der sich rhythmisch bewegte. "Das ist das Herz," erklärte er lächelnd. Überrascht schaute Sara auf den pochenden Punkt.
"Es - es lebt?" stammelte sie. Dr. Robinson nickte.
"Ja, und wenn ich die Daten mit denen vom letzten Mal vergleiche, ist ihr Baby sogar schon wieder gewachsen." Tränen der Erleichterung rollten über Saras Wangen.
"Na, na, das ist doch kein Grund zum Weinen," sagte Dr. Robinson, während er ihr ein Taschentuch reichte. Sara setzte sich auf und schneuzte sich die Nase.
"Vielen Dank, Herr Doktor," sagte sie und stand auf. Dr. Robinson schaltete das Gerät aus und ging zurück zu seinem Schreibtisch. Er schrieb ein Rezept aus und übergab es an Sara.
"Gegen die Unterleibskrämpfe habe ich Ihnen Magnesium aufgeschrieben," erklärte er. Er streckte ihr zum Abschied die Hand entgegen. "Machen Sie sich keine Sorgen," sagte er. "Die Schwangerschaft verläuft optimal, und dem Baby geht es gut. Wir sehen uns dann in drei Wochen wieder," fügte er abschließend hinzu.
Überglücklich über diese gute Nachricht verließ Sara den Behandlungsraum.
"Mom, stell' Dir vor, es geht dem Baby gut!" rief Sara ihrer Mutter schon von weitem zu. Joan seufzte erleichtert.
"Dem Himmel sei dank," sagte sie. Sara zog ihre Mutter am Arm zum Ausgang.
"Ich muß es sofort Derek erzählen," sagte sie aufgeregt. Joan runzelte die Stirn.
"Ich denke, Du wolltest es ihm nicht sagen," sagte sie verwirrt. Sara lächelte.
"Jetzt, wo ich weiß, daß alles in Ordnung ist, soll er es auch erfahren."
Joan lächelte.
"Sehr vernünftig," sagte sie," und in Zukunft solltest Du auch keine Geheimnisse mehr vor Deinem Mann haben," fügte sie belehrend hinzu. Sara schüttelte heftig den Kopf.
"Nein, niemals wieder," versprach sie. Joan hakte sich bei Sara ein.
"Gut, dann wollen wir mal ein Taxi nach Hause nehmen," sagte sie. "Unsere Männer warten bestimmt schon auf uns."
Es folgte ein
betretenes Schweigen.
„Ich kann Olivia nicht allein die Schuld dafür geben, was passiert ist.“ sagte
Casey schließlich leise. „Das wäre zu einfach. Hätte ich mich nicht
sinnloserweise mit Ricardo mitten auf der Strasse geprügelt...“
„Darum geht es doch gar nicht, Casey!“ rief Vanessa aufgebracht. „Sie trägt eine
wesentliche Mitschuld an dem Unfall, und Gregory tut wieder einmal alles, um den
Namen seiner Familie reinzuwaschen! Er manipuliert, besticht und lügt, dass sich
die Balken biegen! Ich will nicht, dass er damit durchkommt!“
Michael legte seiner Freundin die Hand auf die Schulter.
„Ganz ruhig, Vanessa.“ sagte er und sah sie eindringlich an. „Du magst ja recht
haben, wir alle kennen Gregory und seine Methoden, aber genau deshalb bitte ich
Dich, vorsichtig zu sein! Er ist gefährlich, und wenn es darum geht, seine
Familie zu schützen, hat er keine Skrupel. Ich möchte nicht, dass Dir etwas
geschieht!“
Sie lächelte.
„Das ist lieb von Dir, Michael, aber mach Dir keine Sorgen. Ich pass schon auf
mich auf. Er soll nur wissen, dass er nicht einfach machen kann, was er will,
nur weil er reich ist und Einfluß hat. Auch wenn man „Richards“ heißt, hat man
sich an gewisse Regeln zu halten!“
„Wann ist der Prozess, Casey?“ fragte Meg. Er zuckte mit den Schultern.
„Das steht noch nicht fest. Sie schreiben, dass ich zum bevorstehenden
Strafverfahren vorgeladen werde. Ein genauer Termin wird mir noch mitgeteilt.“
„Na dann bin ich mal gespannt, ob ich auch als Zeugin erscheinen soll!“ fauchte
Vanessa. „Ich würde dem Gericht mit Vorliebe von meinen Beobachtungen
berichten!“
Wenig später
verabschiedeten sich Meg, Vanessa und Michael von Casey und Rae.
„Wir sehen uns bald wieder“ versprach Meg mit einem Lächeln, „und das nächste
Mal bringe ich Ben mit!“
Im Vorbeigehen warf sie noch einen Blick auf Caseys Füße, die unter der
Bettdecke hervorguckten. Sie erstarrte.
„Hey, das gibt es doch nicht!“ rief sie und zeigte fassungslos auf seine Zehen.
„Du hast sie bewegt!“
„Was?“ Ungläubig schaute Casey auf seine Füße. Rae trat heran und legte eine
Handfläche aus seine Fußsohle.
„Versuch`s nochmal!“ Sie spürte einen ganz leichten Gegendruck, und auch Meg
hatte die winzige Bewegung bemerkt. Strahlend sahen sie sich an.
„Das ist fantastisch, Casey!“ rief Meg. Rae nickte zustimmend.
„Der entscheidende erste Schritt.“ meinte sie zuversichtlich und lächelte ihm
glücklich zu.
Casey straffte die Schultern und grinste zufrieden.
„Na also, Meg, hab ich Dir nicht vorhin gesagt, ich bring Dich zur Tür, wenn Du
gehst?“
Ricardo Torres war in seine Gedanken vertieft, als ihn jemand ansprach.
"Ricardo?"
Er schreckte auf.
"Ach Du bist es Cole, hi."
"So nachdenklich?"
Ricardo nickte.
"Ja, ich habe vorhin mit dem Staatsanwalt gesprochen. Ich soll bald als Zeuge aussagen, bei der Verhandlung gegen Olivia Richards, wegen Caseys Unfall."
"Belastet Dich das?", fragte Cole leicht verwundert.
"Nein, überhaupt nicht", erklärte Ricardo. "Es ist nicht das erste Mal, das ich bei einer Verhandlung aussagen muß. Als Polizist bin ich das quasi gewohnt. Ich mache mir nur Gedanken wegen Gabi."
"Gabi? Soll sie auch aussagen?"
Ricardo nickte.
"Sie ist Augenzeugin. Der Staatsanwalt hat gemeint, daß ihre Aussage unumgänglich ist."
"Gabi scheint mir eine starke Frau zu sein. Ich denke nicht, daß sie irgendwelche Probleme damit hat", meinte Cole zuversichtlich.
"Normalerweise gebe ich Dir da recht. Aber diesmal liegen die Dinge etwas anders."
Cole sah Ricardo fragend an, aber er winkte ab. Cole verstand sofort und wechselte das Thema. "Ich bin hier, um die Kaution für Jade zu stellen."
"Für Deine Schwester?", fragte Ricardo verwundert.
"Genau. Ich habe einen Kredit aufgenommen, damit müßte..."
"Das ist nicht nötig", erklärte Ricardo schnell.
"Aber..."
"Die Kaution ist bereits bezahlt."
"Was?" Nun war es an Cole, verwundert zu fragen.
"Ich dachte, Du wüßtest das", erklärte Ricardo.
"Ich hatte keine Ahnung."
Ricardo zuckten mit den Schultern.
"Jedenfalls ist die
Kaution bezahlt", erklärte er dann. "Du kannst den Kredit also wieder
zurückzahlen."
Ungefähr eine Stunde später saß Cole bei Jade im Hotelzimmer.
"Und Du weißt auch nicht, wer die Kaution bezahlt hat?"
Jade schüttelte den Kopf.
"Detektive Torres meinte, daß die Person unter allen Umständen darauf besteht, anonym zu bleiben."
"Meinst Du, es ist Daddy?", wollte Cole wissen. Jade zuckte mit den Schultern.
"Wenn, dann nur unter einem falschen Namen. Sonst wäre die Polizei doch schon längst auf seinen Fersen. Aber woher sollte er von meiner Verhaftung überhaupt wissen?"
"Keine Ahnung", gab Cole zu.
"Aber um ehrlich zu
sein", erwiderte Jade, "fällt mir im Moment sonst niemand ein, der meine Kaution
stellen würde, und darauf besteht, anonym zu bleiben."
"Haben Sie alles erledigt, Johnson?", fragte Gregory Richards ins Telefon.
"Haben Sie auch klargemacht, dass mein Name unter keinen Umständen genannt
werden darf? Ich glaube, meine Familie würde das nicht verstehen, daß ich die
Frau aus dem Gefängnis hole, die den einwandfreien Ruf meiner Familie
untergraben wollte."
Dann knurrte er: "Es paßt mir selbst nicht besonders. Aber mir bleibt nichts anderes übrig. Sie wissen ja, wieso. Jedenfalls kann es nicht schaden, wenn Jade Sheridan früher oder später erfährt, dass sie mir etwas schuldet."
Während das Taxi über die Küstenstrasse zurück nach Sunset Beach fuhr, schaute Joan aus dem Fenster, während Sara mit geschlossenen Augen vor sich hindöste. Plötzlich bremste das Taxi scharf ab, und Sara öffnete die Augen.
"Was ist denn jetzt?" fragte sie überrascht, während sie angestrengt nach draußen schaute. Keine fünf Meter vor ihnen versperrte ein Einsatzfahrzeug der Ortsfeuerwehr die Strasse, und direkt dahinter stand ein Notarztwagen. Der Taxifahrer drehte sich zu Joan und Sara um. "Bleiben Sie bitte sitzen," sagte er. "Ich werde mal fragen, was da los ist." Er verließ seinen Wagen und ging auf den Feuermann zu, der ihm per Handzeichen zu verstehen gegeben hatte, anzuhalten. Nachdem er einige Worte mit ihm gewechselt hatte, ging er zurück zu Joan und Sara, die schon ungeduldig warteten.
"Konnten Sie erfahren, was passiert ist?" fragte Joan den Taxifahrer. Er nickte.
"Ja, anscheinend ist ein Fahrzeug von der Fahrbahn abgekommen und die Böschung hinuntergestürzt."
"Wie schrecklich!" brachte Joan hervor. "Ich hoffe doch, daß den Insassen nichts passiert ist!" sagte sie. Sara unterbrach ihre Mutter.
"Ich weiß nicht, Mom, aber wenn der Notarztwagen gerufen wurde, wird es dem Fahrer sicher nicht so gut gehen," sagte sie nachdenklich. Der Taxifahrer nickte zustimmend.
"Ja, das fürchte ich auch .." Schnell wechselte er das Thema. "Wir müssen leider umdrehen und eine andere Strecke fahren," sagte er. "Ich werde Ihnen die Mehrkosten natürlich nicht berechnen," fügte er freundlich hinzu.
Sara warf noch einen letzten Blick aus dem Fenster zur Unfallstelle hinüber, bevor der Fahrer seinen Wagen wendete und in die andere Richtung weiterfuhr.
Nervös wartete Bette auf die Rückkehr von Sam. Immer wieder ging sie zum Fenster und schaute hinaus, ob er schon zu sehen war. Dann endlich war es soweit und Sams schwarzer Van bog um die Ecke und blieb vor Bettes Haus stehen. Sofort lief Bette zur Tür und begrüßte Sam. „Na endlich, ich dachte schon, Du kommst gar nicht mehr nach Hause.“
„Danke, ich hoffe Du hattest auch einen guten Tag.“ sagte Sam und zog Bette zu sich heran „Aber mir gefällt, dass Du Dein Haus auch als meins bezeichnest.“ Er platzierte einen zärtlichen Kuss auf Bettes Lippen und trat ein. Ungeduldig folgte Bette ihm.
„Und? Konntest Du etwas herausfinden?“
Sam ging hinüber zur Bar und goss sich ein Glas Eistee ein, dann drehte er sich langsam zu Bette um.
„Was denkst Du?“ Er konnte es sich nicht verkneifen, Bette ein wenig auf die Folter zu spannen. „Sam Peterson, treib bitte keine Spielchen mit mir.“ sagte Bette und funkelte Sam wütend an. Sam ging zu Bette hinüber und zog sie mit sich auf Sofa.
„Also, Deine Tochter studiert am Morton Collage in Cicero im dritten Semester Architektur.“ Bette fiel Sam um den Hals.
„Du hast sie also tatsächlich gefunden?“ fragte sie noch einmal um sicher zu gehen. Sam nickte und trank einen Schluck von seinem Eistee. „Aber wo zum Teufel ist Cicero? Davon habe ich noch nie gehört.“ wollte Bette nun wissen.
„Cicero liegt im schönen Staate Illinois und liegt ca. 1 Autostunde entfernt von Chicago. Dein Ex-Mann lebt in Chicago, seine Firma ist dort auch ansässig.“
„Oh Sam, danke.“ Bette umarmte und küsste ihn. „Denkst Du, wir können nach Cicero fahren und Emily besuchen?“
Sam schien einen Moment nachzudenken.
„Warum gehst Du nicht rüber zu Ben und fragst ihn, ob Du ein paar Tage frei bekommst, und ich treffe in der Zwischenzeit alle Reisevorbereitungen.“ schlug Sam vor.
„Das ist eine gute Idee. Ich hoffe nur, dass Ben mir auch frei gibt.“ antwortete Bette.
„Erzähl ihm ganz einfach das, was Du mir erzählt hast. Ich bin sicher, dass er Verständnis für Dich hat.“ meinte Sam. Bette stand auf.
„Du hast recht, ich bin bald wieder da.“ Damit verließ sie das Haus.
Nachdem Sara und ihre Mutter zuhause angekommen waren, beschlossen Hank und Joan spontan, noch auf einen Sprung bei Meg und Ben vorbeizuschauen. Sie hatten ja am Vorabend nur wenig Gelegenheit gehabt, mit den beiden zu reden und wollten das jetzt nachholen. Mit dem beruhigenden Gedanken, daß Derek sicher auch bald nach Hause kommen würde, ließen sie Sara ruhigen Gewissens zu Hause zurück.
Müde von den Ereignissen des Tages legte Sara sich auf das Sofa und schlief fast augenblicklich ein. Das schrille Klingeln des Telefons riß sie aus dem Schlaf, und erschrocken setzte sie sich auf. Vermutlich war es Derek, der sie vom "Deep" aus anrief, dachte sie und nahm das Gespräch entgegen.
"Spreche ich mit Misses Evans?" fragte eine fremde weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung. Verwirrt überlegte Sara einen Moment, wie der Anrufer darauf kam, daß sie mit Derek verheiratet war.
"Mit wem spreche ich denn?" stellte sie die Gegenfrage. Sie hörte ein Räuspern.
"Ich rufe vom Medical Center an," sagte die Stimme. "Vor einigen Stunden wurde bei uns ein gewisser Derek Evans nach einem Autounfall eingeliefert ..." Sara hörte den letzten Rest des Satzes schon nicht mehr, weil ihr Körper plötzlich von einem unkontrollierten Zittern erfasst wurde. Der Hörer entglitt ihrer Hand und fiel auf den Fußboden. Sara bückte sich sofort danach, doch als sie atemlos in die Hörmuschel hinein lauschte, hörte sie nur noch einen langgezogenen Ton. Der Anrufer hatte bereits aufgelegt. Ein heftiges Schwindelgefühl erfasste Sara, und sie setzte sich schnell aufs Sofa. Mühsam rang sie mit ihrer Fassung.
Derek hatte einen Autounfall! schoß es ihr immer wieder durch den Kopf. Sie dachte plötzlich wieder an den Unfall, den sie auf dem Weg nach Hause gesehen hatten. War das Derek gewesen, der dort unten im Graben gelegen hatte?
Sara spürte Übelkeit ins sich hochsteigen. Wie betäubt, den Hörer immer noch umklammernd, wählte sie mit zitternder Hand Bens Telefonnummer.
Als Meg am späten
Nachmittag nach Hause kam, war Ben nicht allein. Ihre Eltern hatten, nachdem
Joan und Sara zu Hause eingetroffen waren, einen Strandspatziergang gemacht und
saßen nun mit ihm auf der Veranda, wo sie sich gemeinsam einen Eiskaffee
schmecken ließen.
„Mum, Dad!“ rief Meg erfreut und begrüßte ihre Eltern herzlich. „Seit Ihr schon
lange da?“
„Nun, wir haben eine Weile mit Ben geschwatzt.“ erwiderte Joan. „Gestern im Deep
war das ja kaum möglich, bei all dem Lärm und dem Trubel. Da finde ich es hier
schon gemütlicher.“
„Stimmt.“ lachte Ben und gab Meg einen Kuß. „Komm setz Dich zu uns. Wie geht es
Casey?“
„Oh, Ihr werdet es nicht glauben!“ Meg sah von einem zum anderen. „Ich hab tolle
Neuigkeiten!“ Sie erzählte ausführlich von ihrem Krankenbesuch und davon, wie
Casey zum Schluß begonnen hatte, seine Zehen zu bewegen.
„Das ist ja fantastisch!“ freute sich Joan, und Hank nickte.
„Ja, so etwas dauert eben seine Zeit.“ bestätigte er und deutete auf seinen
Rücken. „Da kenn ich mich aus!“
Meg lachte.
„Genau das hab ich ihm auch gesagt, Dad. Aber ich bin ganz sicher, er wird es
schaffen, vollständig gesund zu werden. Und jetzt, da Rae wieder an seiner Seite
ist, geht es bestimmt noch viel schneller voran.“
„Ja, die Liebe kann wahre Wunder bewirken.“ meinte Joan lächelnd. „Das sieht man
ja an Euch beiden!“
„... und an Sara und Derek!“ ergänzte Meg. „Ich hab sie heute noch gar nicht
gesehen, geht es der werdenden Mutter gut?“
„Ja, sie ist okay.“ antwortete Joan schnell, mit einem kurzen Seitenblick auf
Hank. „Die üblichen Schwangerschaftsbeschwerden, aber sonst fühlt sie sich
blendend.“
Meg hatte das kurze Zögern in der Stimme ihrer Mutter wohl bemerkt, doch bevor
sie nachhaken konnte, fügte diese schnell hinzu: „Die beiden haben sogar schon
ein Ultraschallbild von ihrem Baby. Es ist kaum zu glauben.“ Sie griff nach der
Hand ihres Mannes. „Wir werden Großeltern!“
Ben lachte.
„Darf ich Grand- Ma Joan und Grand- Pa Hank noch einen Eiskaffee holen?“
Sie lachten übermütig.
„Jetzt, da alles bei Euch hier Gott sei dank wieder in Ordnung ist, werden wir
auch so langsam unseren Urlaub beenden. Mich zieht es heim auf meine Ranch.“
sagte Hank nach einer Weile. „Ich hoffe nur, unser Nachbar hatte alles gut im
Griff, während wir wegwaren.“
„Der alte Mister Collins?“ Meg grinste. „Dad, ich befürchte, Du wirst Deinen
gesamten Tierbestand auf Diät setzen müssen, er hat sie bestimmt kugelrund
gefüttert!“
„Na ja, bis zu Eurer Hochzeit werde ich schon alles wieder in „Schuss“ haben.“
meinte Hank. „Habt Ihr schon einen Termin festgelegt?“
Meg sah fragend zu Ben hinüber.
„Nein, noch nicht, wir werden uns erst noch mit Derek und Sara darüber
unterhalten.“ sagte er und griff nach Megs Hand, die er liebevoll streichelte.
Joan nickte.
„Aber allzu lange solltet Ihr nicht mehr damit warten, sonst passt Deine
Schwester in kein Hochzeitskleid mehr!“ scherzte sie.
„Auf jeden Fall teilen wir Euch den Termin sofort mit, wenn er feststeht, und
ich werde Euch den Firmenjet rüberschicken nach Kansas, dann wird die lange
Reise angenehmer.“ versprach Ben. Meg sah ihn erstaunt an.
„Habt Ihr denn überhaupt noch einen?“
„Gregory wollte sich darum kümmern, soviel ich weiß.“
Joan schluckte.
„Vielleicht sollten wir doch lieber mit der normalen...“
„Mum!“ lachte Meg, „Du kannst das Angebot ruhig annehmen, an diesem Jet bastelt
bestimmt keiner herum! Außerdem wird das Gelände des Flughafens seit dem Vorfall
viel stärker bewacht als vorher, hat Ricardo gesagt.“
Joan schien beruhigt.
Sie saßen noch eine Weile zusammen, als plötzlich das Telefon klingelte. Ben
nahm den Hörer ab, lauschte einen Moment und gab das Telefon an Joan weiter.
„Es ist Sara...“ sagte er. „..und sie klingt sehr aufgeregt!“
Unverwandt blickten
alle auf Joan, deren Gesicht plötzlich jegliche Farbe verlor, nachdem sie
angespannt in den Hörer gelauscht hatte.
„Du lieber Gott...“ brachte sie schließlich mühsam heraus, und Meg sah entsetzt,
wie sich die Augen ihrer Mutter mit Tränen füllten.
„Wir sind sofort bei Dir, mein Kind, bitte bleib da und warte auf uns!“ rief sie
mit zitternder Stimme und legte auf. Fassungslos schaute sie in die Runde.
„Mum, was ist denn los?“ fragte Meg in böser Vorahnung. „Ist etwas mit Sara?“
„Derek... er hatte einen Unfall...“ stammelte Joan. Dann sprang sie auf und
griff nach Hanks Hand. „Wir müssen sofort zum Strandhaus! Sara braucht uns
jetzt! Ich weiß nicht, wie sie das in ihrem Zustand verkraftet!"
„Wartet, wir nehmen meinen Wagen!“ rief Ben.
Meg nahm den Autoschlüssel vom Tisch.
„Ich werde fahren, Ben.“
Er widersprach nicht, seine Wunden erinnerten ihn bei jeder Bewegung ziemlich
schmerzhaft daran, dass er sich noch schonen sollte.
Gemeinsam verließen sie das Haus.
Als Derek erwachte stieg ihm gleich der Geruch von Desinfektionsmittel in die Nase, und noch bevor er seine Augen öffnete wußte er, daß er sich im Krankenhaus befand. Er brauchte gar nicht lange darüber nachzugrübeln, weshalb er hier war, denn mit einem Schlag kam die Erinnerung an die letzten Minuten wieder zurück. Sein Wagen war über eine Böschung gestürzt und hatte sich überschlagen. Das letzte, an das er sich erinnern konnte, bevor er das Bewußtsein verlor, war dieser furchtbare Schmerz, der seine Schulter durchbohrt hatte. Angestrengt überlegte Derek, wohin er wohl unterwegs gewesen war, als der Unfall passierte, aber so sehr er sich auch den Kopf zermarterte, es wollte ihm einfach nicht einfallen.
Derek stöhnte. Sein Kopf brummte, und unterhalb des Halses hatte er das Gefühl, als ob eine Eisenklammer um seinen Körper herum liegen würde. Als er versuchte, einen seiner Arme zu bewegen, schoß ein stechender Schmerz durch seine Brust. Instinktiv sog er die Luft stärker ein und stöhnte schmerzgeplagt auf. Was war nur los mit ihm? fragte er sich. Wie schwer waren seine Verletzungen?
Er hörte, wie sich die Tür zum Krankenzimmer öffnete und jemand hereintrat. Gleich darauf beugte sich eine Krankenschwester über ihn.
"Wie ich sehe, sind Sie wieder unter den Lebenden," sagte sie und lächelte. "Wie fühlen Sie sich, Mr. Evans?" Derek schloß die Augen. Was für eine blöde Frage, angesichts seiner Verletzungen, dachte er. Er hörte, wie die Krankenschwester den Raum wieder verließ.
In Dereks Kopf begann es erneut zu arbeiten. Wieso konnte er sich nicht daran erinnern, was vor dem Unfall passiert war? fragte er sich. Wie hatte die Schwester ihn vorhin genannt - Mr. Evans? Warum sagte ihm der Name überhaupt nichts? Je mehr er versuchte, den Nebel zu durchdringen, desto heftiger pochte es in seinem Kopf.
Plötzlich öffnete sich die Tür wieder und eine Gestalt in einem weißen Kittel erschien.
"Mr. Evans," begrüßte Dr. Robinson seinen Patienten, "Sie scheint es ja immer wieder hierherzuziehen," stellte er lächelnd fest.
Derek musterte den Arzt verständnislos. Dr. Robinson sah Dereks fragendes Gesicht und legte nachdenklich die Stirn in Falten.
"Das hatte ich schon beinahe vermutet," sagte er mehr zu sich selber. Er holte eine kleine Taschenlampe hervor und leuchtete in Dereks Augen. "Die Pupillenreflexe sind in Ordnung," sagte er. Er sah Derek an. "Sie wissen nicht, wer ich bin?" fragte er. Derek schüttelte vorsichtig den Kopf.
"Wissen Sie denn, wer Sie sind?" fragte er weiter. Wieder schüttelte Derek den Kopf.
Dr. Robinson kratzte sich am Kinn.
"Dann scheint ihre Gehirnerschütterung doch gravierender zu sein, als anfangs vermutet," sagte er. Derek sah den Arzt verwirrt an, und Dr. Robinson zog sich einen Stuhl heran und nahm platz. "In Ordnung," sagte er, während er Dereks Krankenakte studierte," ich werde Ihnen jetzt sagen, was Ihnen fehlt."
Erwartungsvoll sah Derek den Arzt an.
"Nun," begann dieser," sie hatten einen ziemlich schweren Autounfall ..." Er unterbrach seine Ausführungen, als er sah, daß Derek nickte. Erfreut sah Dr. Robinson ihn an. "Daran können Sie sich also erinnern? - Sehr gut!" Er fuhr fort. "Sie hatten wirklich Glück im Unglück," sagte er. "Die Verletzungen sind nicht sehr schwer, und in einigen Monaten sind Sie wieder ganz der alte." Dr. Robinson blätterte wieder in der Akte und sah Derek dann an. "Sie haben sich bei dem Unfall das Schlüsselbein und zwei Rippen gebrochen," erklärte er. "Außerdem diagnostizierten wir bei Ihnen eine mittelschwere Gehirnerschütterung, die allem Anschein nach auch eine leichte Amnesie verursacht hat," fügte er hinzu.
Derek verzog das Gesicht. Wenn er sich vorstellte, daß er monatelang hier liegen musste, wurde ihm ganz schlecht. Irgendwie beschlich ihn das Gefühl, als ob er auch schon vor diesem Unfall wenig für Krankenhäuser übrig gehabt hatte. Dr. Robinson klappte die Akte zu. "So, und nun hoffen wir mal, daß Ihr Besuch Ihrem Gedächtnis ein bisschen auf die Sprünge helfen kann," sagte er lächelnd. Er verließ das Zimmer, während Derek ihm verwirrt hinterher sah. Erwartungsvoll schaute er zur Tür, als diese sich wieder öffnete und eine zierliche, junge Frau mit schulterlangen, blonden Haaren ins Zimmer trat ...
Nachdem Dr. Robinson
Ben und Meg mit einiger Überredungskunst davon überzeugt hatte, dass Derek nicht
in Lebensgefahr sei, und sie momentan wirklich nichts für ihn tun könnten,
verabschiedeten sie sich von Joan und Hank.
„Mach Dir keine Sorgen, Meg, wir bleiben hier bei Sara und werden Euch nachher
anrufen, sobald wir Genaueres wissen.“ versprach Joan und fügte mit einem
besorgten Blick auf Ben hinzu: „bring ihn nach Hause, er sieht ziemlich
erschöpft aus!“
„Ja, das würde ich auch empfehlen.“ schaltete sich Dr. Robinson mit einem leicht
vorwurfsvollen Lächeln ein. „Zuviel Besuch ist momentan sowieso nicht gut für
den Patienten. Und außerdem muten Sie sich schon wieder zu viel zu, Ben. Wenn
Sie noch länger hier herumstehen, werde ich Sie wieder einweisen!“
Meg nickte und nahm Bens Arm.
„Wir sind schon weg!“
Als sie zu Hause ankamen, wartete Bette vor der Tür. Ungeduldig tippelte sie hin
und her. Als sie Ben sah, stürzte sie gleich auf ihn zu.
„Ben, Schätzchen, ich dachte schon, Du kommst gar nicht mehr nach Hause!“
Er lächelte gequält, während Meg die Tür aufschloß.
„Komm erstmal rein, Bette. Wo brennt`s denn?“
„Ich brauche dringend Urlaub! Gregory hab ich nicht erreicht, also frag ich
Dich, kannst Du mich ein paar Tage entbehren? Es ist wirklich äußerst wichtig!“
Ben setzte sich auf die Couch und bedeutete ihr Platz zu nehmen, während Meg in
der Küche etwas Frisches zu trinken holte. Unmutig zog er die Stirn in Falten.
„An wie lange hattest Du denn gedacht?“
„Na ja, ich weiß noch nicht, wie schnell wir die Angelegenheit regeln können...“
überlegte sie, „sagen wir, erst einmal eine Woche?“
„Ben atmete hörbar aus.
„Also ich muß sagen, das ist momentan ungünstig, Bette, so leid es mir tut.
Dadurch, dass ich auch nicht im Büro bin und Gregory viel unterwegs sein
wird...“
„Oh Ben, bitte! Es ist wirklich wichtig!“ rief sie aufgeregt. „Sam hat
herausgefunden, wo sich meine Tochter aufhält, und er will mit mir nach Chicago
fliegen...“
„Deine Tochter?“ fragte Ben verständnislos. „Bette, seit wann hast Du eine
Tochter?“
Bette lächelte.
„Seit gut zwanzig Jahren, Schätzchen!“
„Was?“ Meg brachte einen Krug voll kühle Limonade aus der Küche und goß ihnen
ein. „Und sie lebt in Chicago?“
Bette nickte.
„Das ist eine lange Geschichte. Ich werde sie Euch bei Gelegenheit mal erzählen.
Auf jeden Fall hat Sam herausgefunden, wo Emily sich aufhält, und wir wollen nun
dorthinfahren.“
„Na das ist ja eine Überraschung!“ schmunzelte Ben. „Dann muß ich Dir natürlich
freigeben, und wenn die Liberty Corporation daran pleite geht!“
„Wieso pleite?“ fragte Meg. „Ich bin doch auch noch da. Wird Zeit, dass ich
meine Arbeit wieder aufnehme, von mir aus gleich morgen!“
Bette sprang auf und umarmte Meg stürmisch.
„Danke Muffin, Du bist ein Schatz!“ Sie drehte sich um und warf Ben eine Kußhand
zu. „Und Du natürlich auch! Das muß ich gleich Sam erzählen! Macht`s gut, Ihr
Süßen, bis bald! Wir werden Euch ganz bestimmt mal aus Chicago anrufen! Bye!“
„Viel Glück, Bette!“ rief ihr Meg noch nach, doch sie war schon draußen und warf
mit wahrhaft jugendhaftem Schwung die Tür hinter sich zu.
Ben und Meg sahen sich staunend an.
„Was sagt man dazu!“ Ben schüttelte ungläubig lächelnd den Kopf. „Bette hat eine
Tochter! Dann heiratet der gute „alte“ Sam gleich eine ganze Familie!“
Lorenzo saß im Wohnzimmer in seinem bequemen Ohrensessel und hielt nachdenklich eine Tasse Tee in seiner Hand, während Estella gelangweilt in einem Modeheft blätterte. Plötzlich, ohne ersichtlichen Grund, schleuderte sie die Zeitung in eine Ecke des Zimmers und stand auf. Lorenzo hob überrascht den Kopf.
"Was ist denn?" fragte er. Estella begann aufgebracht im Zimmer hin und her zu laufen.
"Was will sie hier?" stieß sie ungehalten hervor. "Jahrelang hat sie sich nicht den Dreck um Dich geschert, und nun tanzt sie wieder hier an." Estellas Hände waren zu Fäusten geballt. "Ich könnte wetten, daß sie es auf Dein Erbe abgesehen hat," entfuhr es ihr. Schnell warf sie einen prüfenden Blick zu Lorenzo hinüber, doch seine Miene verriet nicht, was er über ihre Äußerung dachte.
"Ich bin doch ihr Vater," brachte er nur schwach hervor. "Wohin soll sie denn sonst gehen, wenn sie Probleme hat?" fragte er verzweifelt.
Estella hob interessiert den Kopf.
"So," dachte sie bei sich," die Kleine hat also Probleme ... Das hätte ich mir doch denken können." "Ich bin mir ziemlich sicher, daß sie ihre Probleme auch ganz gut alleine lösen kann" giftete Estella. Mit einem klirrenden Geräusch setzte Lorenzo die Teetasse ab und stand auf.
"Du wirst sie mir nicht ein zweites Mal entfremden!" begehrte er auf. Überrascht sah Estella ihren Mann an. So forsch hatte sie ihn bisher nur selten erlebt. "Gabi ist zu mir gekommen, weil sie meine Hilfe braucht, und die werde ich ihr nicht verwehren," fügte er bestimmt hinzu.
Estella lachte.
"Jetzt hast Du eine dicke Backe, aber vielleicht erinnerst Du Dich daran, daß ich es war, die Dir und Deiner Tochter damals ein Zuhause gegeben hat." Zufrieden bemerkte sie, wie Lorenzo verlegen den Kopf senkte. "Du warst fast mittellos nach dem Tod Deiner Frau und sehr dankbar über mein Angebot, Dich zu heiraten." Sie ging auf ihn zu und berührte leicht mit ihrer Hand seine Wange. "Und ich muß Dich sicher nicht daran erinnern, was passiert, wenn Du meinen Anweisungen nicht folgst ..." sagte sie mit gefährlich ruhiger Stimme.
Lorenzo erstarrte. Mit einer wütenden Handbewegung schubste er ihre Hand fort.
"Ja," stieß er bitter hervor," Du erinnerst mich ja regelmäßig daran!"
Estella lächelte zufrieden.
"Dann wird es Dir sicher auch nicht schwerfallen, einen Weg zu finden, damit Deine Tochter hier wieder verschwindet!" zischte sie in sein Ohr. Lorenzo streckte instinktiv beide Arme aus und versetzte Estella einen Schubs, so daß sie rückwärts gegen den Couchtisch stieß.
Wütend funkelte sie ihn an.
"Das hast Du nicht umsonst getan!" drohte sie. Sie drehte sich um, als sie ein Geräusch hinter sich hörte und stand ihrer Stieftochter gegenüber.
Zögernd ging Sara auf Dereks Krankenbett zu. Sein Anblick, wie er so hilflos da lag, den Oberkörper komplett bandagiert, schnürte ihr die Kehle zu. Das schlimmste jedoch war, daß er sich anscheinend an gar nichts was vor dem Unfall geschehen war, erinnern konnte. Dr. Robinson hatte sie deswegen eindringlich gebeten, etwas Distanz zu halten und ihn nicht gleich so zu überfallen. Es war schon ein eigenartiger Gedanke, daß der Mann, der vor ihr lag, keine Ahnung hatte, wer sie war, geschweige denn, daß sie ein Kind von ihm erwartete. Schließlich waren sie und ihre Familie Fremde für ihn!
Sara schluckte tapfer die Tränen hinunter, die in ihr hochstiegen und versuchte stattdessen zu lächeln.
"Hi, Derek," begrüßte sie ihn. Sie sah, wie er die Stirn runzelte, als ob er überlegen würde, wer sie war. "Es ist schon in Ordnung," sagte Sara. "Dr. Robinson hat uns erzählt, daß Du unter einem leichten Gedächtnisverlust leidest. Wahrscheinlich kommt es Dir etwas merkwürdig vor, daß Dich jetzt hier so viele fremde Leute besuchen, aber ich denke, daß die Amnesie nur vorübergehend sein wird und Du uns schon bald wieder erkennen wirst," fügte sie zuversichtlich hinzu.
Derek nickte. Erst jetzt fiel ihm auf, daß er seit seinem Erwachen noch nicht ein einziges Wort gesprochen hatte. Wie würde es sein, seine Stimme zu hören?
"Wer - wer ..." begann er, doch Sara unterbrach ihn.
"Du möchtest wissen, wer ich bin?" fragte sie. Sie streckte ihre Hand aus und berührte leicht seinen Arm. "Ich bin Sara ..."
Während Sara Derek dann ein wenig von seinem Leben vor dem Unfall erzählte, wo er gelebt und was er beruflich gemacht hatte, sah er sie die ganze Zeit interessiert an. Er fragte sich in welcher Verbindung er zu Sara stand. War sie seine Schwester, seine Freundin oder gar seine Frau? Sara spürte seinen Blick und ahnte, was in ihm vorging. Sie hätte ihm am liebsten erzählt, daß sie seine Verlobte war, aber sie fürchtete, daß es ein zu großer Schock für ihn wäre.
Sara hob den Kopf und lächelte ihn an.
"Ich denke, für heute ist es erst einmal genug," sagte sie. "Du mußt Dich jetzt ausruhen." Sie stand auf und beugte sich instinktiv zu ihm hinunter, um ihm einen Kuß zu geben, doch kurz bevor sie seine Lippen berührte, zuckte ihr Kopf zurück. Verlegen trat sie einen Schritt zurück.
"Ich ... ich werde dann mal wieder gehen," stotterte sie, drehte sich um und ging zur Tür, während ihr Derek nachdenklich hinterhersah. Plötzlich fiel ihm etwas ein.
"Sara?"
Langsam drehte sie sich um.
"Ja?"
"Wirst Du mich wieder besuchen?"
Sara atmete tief durch.
"Ja," sagte sie leise," ich komme wieder ..."
Während Sara das Krankenzimmer verließ, dachte Derek über sie nach. Als sie sich vorhin über ihn gebeugt hatte, hatte er plötzlich ein seltsames Verlangen in sich gespürt, und der Geruch ihres Parfums hatte vertraute Gefühle in ihm geweckt. Derek schloß die Augen. Er sah wieder Saras Gesicht vor sich, wie sie sich über ihn gebeugt und sich ihre Lippen fast berührt hatten. Er spürte, wie sein Puls sich beim Gedanken an sie beschleunigte, und schnell öffnete er die Augen. Wer war sie, daß sie ihn so durcheinander brachte? Derek stöhnte, denn durch das viele Nachdenken begann sein Kopf wieder zu schmerzen.
Die Tür öffnete sich plötzlich, und Dr. Robinson trat herein. Lächelnd sah er Derek an.
"Ich hoffe, daß ihre zukünftige Frau sie ein bisschen aufheitern konnte," sagte er. Ruckartig versuchte Derek sich aufzusetzen, doch der Schmerz zwang ihn, sich wieder hinzulegen.
"Meine ... was?" fragte er entgeistert. Dr. Robinson kratzte sich verlegen am Kopf.
"Dann bin ich ja anscheinend in ein Fettnäpfchen getreten," sagte er zerknirscht. "Hat sie Ihnen nicht gesagt, wer sie ist?" fragte er.
Derek schüttelte mechanisch den Kopf.
"Nun," sagte Dr. Robinson," dann werde ich es Ihnen sagen ... Sara Cummings ist Ihre Verlobte!"
Ricardo saß an seinem Schreibtisch im Police Departement und blätterte geistesabwesend in Olivia Richards' Akte. Mit den Gedanken war er allerdings nicht bei dem Prozess, sondern bei Gabi. Er erinnerte sich an ihr letztes Treffen am Strand, wo sie sich so leidenschaftlich geküsst hatten. Kurz darauf hatte sie ihm erzählt, daß sie ihren Vater besuchen wollte, aber Ricardo hielt diesen Besuch nur für einen Vorwand, um vor ihm zu fliehen.
Er nahm einen Kugelschreiber und drehte ihn in seinen Fingern nachdenklich hin und her. Sie hatte den Kuß am Strand genauso herbeigesehnt wie er, da war er sich ziemlich sicher, aber weshalb hatte sie dann einen Rückzug gemacht? Vieles an Gabi verwirrte ihn in letzter Zeit, denn sie verhielt sich ihm gegenüber so eigenartig abwartend und distanziert.
Ob ein anderer Mann dahinter steckte? schoß es ihm plötzlich durch den Kopf. Doch er verwarf den Gedanken sofort wieder. Sie hatte ihm doch geschworen, daß zwischen ihr und Casey, außer dieser einen Nacht, nichts gewesen wäre. Ricardo schüttelte den Kopf. Nein, das konnte es auch nicht sein, dachte er. Er mußte herausfinden, was sie bedrückte. Bis zum Prozeßbeginn waren es noch einige Tage hin. Er hatte also noch genügend Zeit ... Ricardo stand auf. Ein Plan begann in seinem Kopf zu reifen, und je länger er darüber nachdachte, desto entschlossener wurde er.
Er ging hinüber zum Büro seiner Vorgesetzten und betrat, ohne anzuklopfen, den Raum.
"Chief Harris," sagte er im Befehlston," ich brauche dringend Urlaub!"
"Was ist denn hier los?" Erstaunt betrat Gabi das Wohnzimmer und sah fragend zu Estella hinüber. Diese warf ihr einen giftigen Blick zu und schritt hocherhobenen Hauptes an ihr vorbei. Gabi sah ihr irritiert hinterher und wandte sich dann an ihren Vater.
"Hattet Ihr einen Streit?" fragte sie neugierig. Lorenzos Miene wirkte verschlossen, und er machte eine abwehrende Handbewegung.
"Es war nichts besonders," log er. "Reden wir von erfreulicheren Dingen," wechselte er schnell das Thema. "Erzähl' mir doch, wie Du in Sunset Beach lebst?"
Gabi runzelte die Stirn. Sie hätte schwören können, daß sie ihrem Vater schon bei ihrem letzten Treffen alles über ihr Leben dort erzählt hatte.
"Nun," begann sie," ich arbeite immer noch als Krankenschwester und wohne immer noch mit meinen Freunden zusammen in einer WG ..."
Lorenzo nickte.
"Ich erinnere mich," sagte er. "Erzählst Du mir etwas von Deinem ... Freund?" fragte er. Gabis Gesicht nahm einen abweisenden Ausdruck an.
"Er ist nicht mehr mein Freund," sagte sie knapp. Lorenzo seufzte.
"So, wie es sich anhört, hat er wohl Schluß gemacht und nicht Du - ist es so?"
Gabi sah ihren Vater überrascht an. Anscheinend hatte er eine gute Menschenkenntnis.
"Ja," sagte sie leise. Gabi rang mit sich. Sollte sie ihrem Vater die ganze Wahrheit erzählen? Sie warf einen verstohlenen Blick zur Tür hinüber, doch von Estella war keine Spur zu sehen. Gabi fasste sich ein Herz.
"Es ist etwas komplizierter ..." begann sie. Lorenzo tastete sich zu seinem Sessel hinüber und nahm platz.
"Setz' Dich, mein Kind," sagte er," dann können wir besser darüber reden."
Gabi nahm zögernd auf dem breiten Sofa platz und schlang nervös ihre Hände ineinander. "Ricardo - mein Ex-Freund," begann sie ihre Erzählung," hat noch einen jüngeren Bruder, und ich habe mich ..." Gabi unterbrach den Satz und atmete schwer.
"Und Du hast Dich in ihn verliebt?" fragte ihr Vater. Gabi hob überrascht den Kopf.
"Ja," gab sie zu. "Woher weißt Du das?" fragte sie verwundert. Lorenzo lächelte.
"Das war doch offensichtlich, nachdem, was Du mir vorhin erzählt hast," sagte er. Er streckte seine Hand nach ihr aus, und Gabi sprang schnell auf, um danach zu greifen.
"Aber Kind," sagte er," gräme Dich doch nicht! Das kommt in den besten Familien vor, daß man sich in den Bruder des Mannes verliebt, von dem man meinte, daß er die große Liebe sei."
Gabi sah ihren Vater dankbar an.
"Ich danke Dir für Dein Verständnis," sagte sie," aber so einfach ist es doch nicht ..." Sie schluckte. "Antonio ist Priester ..." gestand sie ihm dann.
Lorenzo öffnete den
Mund, um etwas zu sagen, schloß ihn jedoch gleich wieder. Gabi erkannte an
seinem Gesichtsausdruck, daß ihn diese Nachricht wohl doch etwas geschockt
hatte. Schweigend saßen sich Vater und Tochter gegenüber und dachten über das
Gesagte nach. Für Gabi war es das erste Mal, daß sie ihre Gefühle in Worten
ausgedrückt hatte, und auch ihr kam es plötzlich absurd vor, daß sie sich
ausgerechnet in einen Priester verlieben musste!
Nur wenige Meter von ihnen entfernt, hinter der Tür verborgen, hatte Estella
alles mit angehört. Zufrieden lächelnd warf sie ihren Kopf zurück. Das war also
das große Geheimnis, daß ihre Stieftochter hierher geführt hatte. Sie strich
sich nachdenklich durch ihr langes Haar, während sie überlegte, wie sie diese
Information gegen Gabi einsetzen konnte. Sie ärgerte sich ein wenig darüber, daß
ihr nicht sofort etwas einfiel, wie sie ihre Stieftochter hinaus ekeln konnte,
aber ihre Zeit würde kommen, dessen war sie sich sicher.
Vorsichtig lugte Estella um die Ecke. Ihre Stieftochter saß immer noch, die Hände vor dem Gesicht haltend, auf dem Sofa, während Lorenzo wie erstarrt in seinem Sessel saß.
Estella grinste spöttisch. Diese Ahnungslosen, dachte sie. Gut für sie, hatte sie doch wieder einen Trumpf in der Hand, den sie beizeiten gegenüber Lorenzo ausspielen konnte.
Sie drehte sich um und schlich leise auf Zehenspitzen die Treppe hinauf in ihr Zimmer.
Nachdem Joan noch
einmal angerufen und versichert hatte, dass Derek außer einem gebrochenen
Schlüsselbein, zahlreichen Prellungen und einer Amnesie, die Sara zwar sehr
verunsichert hatte, die aber laut Dr. Robinson hoffentlich nur vorübergehend
war, nichts weiter fehle, waren Ben und Meg doch sehr erleichtert und
beschlossen, einen ruhigen Abend zu Hause zu verbringen. Nach dem Abendessen
saßen sie verliebt aneinandergekuschelt auf der Veranda und sahen dem herrlichen
Sonnenuntergang zu, als das Telefon erneut klingelte.
Es war Gregory.
Er berichtete, dass er mit Robin Masters, nachdem nun alle geschäftlichen
Transaktionen zur beiderseitigen Zufriedenheit abgeschlossen waren, gemeinsam im
Grenadines zu abend gegessen hätte und sich freuen würde, wenn Ben und Meg sich
noch für eine Weile in der Hotelbar des Sunset Inn zu ihnen gesellen würden.
Ben stöhnte schmerzlich auf.
„Gregory, sei nicht böse, aber mir tun noch immer alle Knochen weh, ich bin
momentan wirklich froh, wenn ich sitze... ja, ich weiß, dass es Robins letzter
Abend ist...“ Er verdrehte die Augen, „schon gut, ich werde sehen, was ich tun
kann.“
Er legte auf und sah Meg fragend an.
„Was meinst du dazu?“
Meg schüttelte energisch den Kopf.
„Du wirst auf keinen Fall heute mehr ausgehen.“ sagte sie bestimmt. „Ich sehe
doch, dass Du Schmerzen hast.“
„Es ist Robins letzter Abend...“ versuchte Ben einzuwenden.
„Und wenn schon. Er wird es verstehen.“ meinte Meg. „Denk daran, was Dr.
Robinson gesagt hat.“
Ben grinste.
„Sag doch gleich, dass Du um jeden Preis mit mir allein sein willst...“
Bevor Meg etwas erwidern konnte, klopfte es an der Tür.
„Was ist denn heute nur für ein Andrang hier?“ wunderte sie sich und ging um zu
öffnen.
Draußen stand Sam und zwinkerte ihr lächelnd zu.
„Krankenbesuch!“
„Sam!“ lachte Meg und begrüßte ihn herzlich. „Komm rein!“
„Ich wollte mal sehen, wie es unserem „Inselwunder“ geht.“ sagte er und klopfte
Ben kumpelhaft auf die Schulter. „Und ich wollte mich für ein paar Tage
verabschieden. Wie Ihr ja schon von Bette wißt, fliegen wir morgen nach
Chicago.“
„Ja, es war eine Überraschung, zu hören, dass Bette eine Tochter hat.“
antwortete Ben und wies auf den freien Sessel auf der Veranda. „Komm setz Dich,
einen Moment wirst Du doch noch Zeit haben!“
Sam schmunzelte.
„Ich denke schon, Bette packt gerade ihre Sachen, das ist mir zu stressig, da
hab ich das Weite gesucht.“
Sie lachten. Meg kam mit frischen Drinks aus der Küche.
„Ich hab eine Idee.“ sagte sie und stellte vorsichtig das Tablett ab. „Während
Ihr beide Euch hier noch ein Weilchen unterhaltet, gehe ich rüber ins Sunset Inn
und nehme Gregorys Einladung an. Dann kann ich ihm auch gleich sagen, dass ich
ab Montag wieder mit der Arbeit in der Firma beginne.“
Ben lächelte.
„Das ist lieb von Dir, Meg. Macht es Dir auch wirklich nichts aus, ohne mich
dahin zu gehen?“
Sie trat zu ihm heran und gab ihm einen Kuß auf die Stirn.
„Wenn ich nachher nach Hause komme, das Kaminfeuer brennt, und der tollste Mann
von Sunset Beach wartet hier auf mich, dann wüßte ich nicht, was mir überhaupt
etwas ausmachen sollte!“
Nachdem Bette und
Sam der Einladung auf grund ihrer bevorstehenden Reise auch nicht hatten folgen
können, war Gregory sichtlich erleichtert, dass wenigstens Meg auf einen Drink
ins Sunset Inn gekommen war. Galant rückte er ihr den Stuhl zurecht und
bestellte Champagner, während Robin ihr lächelnd ein Kompliment machte.
„Sie sehen bezaubernd aus, Meg.“
Wenig später waren sie in ein angeregtes Gespräch vertieft, dem Gregory nur
halbherzig folgte. Er schien heute etwas zerstreut und nicht ganz bei der Sache
zu sein. Irgend etwas beschäftigte ihn, das war deutlich zu spüren.
Meg lächelte. Nun, wenn es etwas Geschäftliches war, dann würde sie es ja
spätestens im Büro erfahren.
Wenig später erschien Thomas in der Bar. Es fiel ihnen sofort auf, dass er
leicht hinkte, als er zu ihnen an den Tisch kam.
„Magnum, was ist los?“ fragte Robin halb belustigt. „Sind Sie auf einen Seeigel
getreten?“
Thomas grinste säuerlich, nachdem er alle begrüßt hatte.
„Es war die Megawelle!“ erzählte er begeistert von seinen Surferlebnissen. „Sie
hat mich glatt vom Brett gehauen!“
Robin lachte.
„Wie kann denn sowas passieren?“ lästerte er. „Sie als Sicherheitsbeauftragter
hätten doch wissen müssen, dass man sich anschnallt!“
„Aber wieso denn?“ entgegnete Thomas in harmlosem Plauderton. „Das Meer und ich
sind Freunde! Und was sind schon ein paar Prellungen und blaue Flecke unter
Freunden!“
Meg kniff ihn lachend in die Seite.
„Kannst Du überhaupt surfen?“
„Klar“ prahlte er und zwinkerte ihr zu, „ich bin nicht ertrunken, das Brett hat
mich nicht erschlagen, Michael hat sich nur halb totgelacht, und Spass hat es
auch gemacht! Also, was will man mehr?“
Der Abend neigte
sich dem Ende und Meg verabschiedete sich.
„Wollen Sie wirklich allein nach Hause gehen?“ fragte Gregory besorgt. „Ich rufe
Ihnen gern ein Taxi!“
„Nein“ wehrte Meg lachend ab, „das ist wirklich nicht nötig, danke. Es sind ja
nur ein paar Schritte, und die frische Luft tut bestimmt gut!“
Thomas stand auf.
„Ich bring Dich nach Hause.“ sagte er bestimmt, und als sie widersprechen
wollte, grinste er.
„Keine Widerrede! Mein lädiertes Knie braucht Bewegung!“
Gemeinsam verließen sie das Grenadines und schlenderten gemächlich die
Strandpromenade entlang.
„Das war`s also, Meg.“ sagte er nach einer Weile und sah sie lächelnd von der
Seite an. „Morgen früh geht es heim nach Big Island.“
„Ja, wir werden Euch auf jeden Fall zum Flughafen begleiten.“ erwiderte Meg.
„Schade, dass Ihr nicht noch ein paar Tage Zeit habt.“
Thomas nickte.
„Robin führt ein unruhiges Leben. Ich vermute, sein Terminplan ist durch diese
paar Tage ohnehin schon total aus dem Gleichgewicht!“ Er überlegte kurz und
schüttelte dann lächelnd den Kopf.
„Was ist?“ fragte Meg erstaunt.
„Ich habe gerade daran gedacht, dass wir in der kurzen Zeit, seit wir uns
kennen, mehr Abenteuer erlebt haben, als manche Leute in ihrem halben Leben!“
Meg lachte.
„Da hast Du allerdings recht. Und unsere haben glücklicherweise ein gutes Ende
gefunden.“
Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her.
„Thomas...“ begann Meg zögernd, „ich wollte Dich schon lange was fragen.“
Er zog fragend die Augenbrauen hoch.
„Warum ist ein toller Mann wie Du nicht schon längst verheiratet oder zumindest
in festen Händen?“
Magnum blieb erstaunt stehen.
„Toller Mann... kannst Du mir das bitte schriftlich geben?“ fragte er lachend.
Dann aber wurde sein Gesicht nachdenklich und seine Augen wanderten ziellos in
die Ferne.
„Es gab schon jemanden in einem Leben.“ begann er leise zu erzählen. „sie hieß
Michelle, und wir waren unsagbar verliebt. Ein paar Monate nach unserer Hochzeit
verschwand sie spurlos. Keiner wußte wohin und weshalb sie fortgegangen war, ich
frage mich noch heute, was damals wirklich geschehen ist. Nach Jahren tauchte
sie plötzlich wieder auf, gemeinsam mit ihrer fünfjährigen Tochter. Sie waren
vor irgendjemandem auf der Flucht. Ich vermute, dass die Kleine meine Tochter
war, Michelle hat es damals weder bestätigt noch bestritten. An dem Tag, als ich
sie treffen wollte, um mir endlich Klarheit zu verschaffen, sprengte jemand den
Wagen mit den beiden in die Luft...“
Meg hielt die Luft an.
„Das ist ja schrecklich! Hast Du erfahren, wer das getan hat?“
Er schüttelte resigniert den Kopf.
„Nein, ich hatte zwar Vermutungen, aber keine Beweise.“
„Und danach?“ fragte Meg.
„Jahre später habe ich eine Frau kennengelernt, die mich bat, sie vor einem
unbekannten Verfolger zu schützen. Sie war meine zweite große Liebe.“
„Wie war sie?“
„Diane war...“ Thomas sah Meg gedankenverloren an, „...faszinierend, sanft und
freundlich. Wir waren so glücklich. Dann eines Tages tauchte ihre dominante
Zwillingsschwester Deirdre auf und erzählte mir, dass Diane angeblich an
Persönlichkeisspaltung litt und geisteskrank sei. Ich konnte das einfach nicht
glauben, bis zu dem Tag...“ er brach ab und schluckte schwer. Meg nahm seinen
Arm.
„Du mußt mir das nicht erzählen, wenn Du nicht möchtest.“ sagte sie mitfühlend.
Er schüttelte den Kopf.
„Nein, es tut gut, mal mit jemandem darüber zu reden. Du hättest Ben ja auch
beinahe verloren und kannst mich vielleicht daher verstehen.“
Sie nickte.
„Und was passierte mit Diane?“
„Sie erschoss ihre Zwillingsschwester und damit sich selbst.“
„Waas?“ Verständnislos sah Meg ihn an.
„Deirdre war als Kind bei einem Unfall gestorben, sie existierte nur in Dianes
Phantasie, sie fühlte sich von ihr verfolgt und gequält und hat sich auf diese
Art von ihr befreit. Ich hab sie geliebt, aber ich konnte ihr nicht helfen.“
Sprachlos starrte Meg ihn an.
„Meine Güte, Du hast schon ganz schön Pech gehabt in Deinem Leben.“ sagte sie
dann. „Und trotzdem bist Du so ein fröhlicher Mensch!“
Er lächelte.
„Ich hab das auch bisher keinem erzählt. Das ist Vergangenheit. Aber manchmal,
wenn man daran erinnert wird, schmerzt sie eben noch.“
Nachdenklich saß Meg später neben Ben vor dem
Kamin und starrte in die Flammen.
Er nahm sie liebevoll in die Arme. Sie schloß die Augen und legte den Kopf an
seine Schulter.
„Weißt Du, Ben, es ist mir heute erst richtig klargeworden, was für ein Glück
wir beide gehabt haben.“ sagte sie leise.
Er nickte.
„Das weiß ich schon lange. Schon seit dem Tag, als Du in Sunset Beach angekommen
bist und wir uns am Strand begegnet sind. Weißt Du noch?“
Sie lächelte.
„Wie könnte ich das vergessen! Ich war fasziniert von Deinen Augen... und das
bin ich auch heute noch!“
Ben küßte sie und strich ihr übers Haar.
„Laß uns bald heiraten, Meg.“ sagte er unendlich zärtlich. „Du bist die Frau,
mit der ich zusammen alt werden möchte...“
Jeany
Nachdem Meg und Magnum gegangen waren, blieb Gregory noch einen Moment sitzen und trank sein Glas leer. Anschließend bezahlte er und wollte aufstehen und gehen. Vor dem Eingang stieß er mit Vanessa Hart zusammen.
"Zu so später Stunde noch unterwegs?", fragte er sie höflich.
"Ich komme von einem Interview", erwiderte sie kühl.
"Darf ich sie noch ein Stück begleiten?"
Vanessa fletschte die Zähne.
"Das ist eine ausgezeichnete Idee", meinte sie. "Ich wollte sowieso noch etwas mit Ihnen bereden."
"Und was?"
"Es geht um Casey Mitchums Unfall."
"Ach, das schon wieder."
"Ja genau. Verlassen Sie sich drauf, Mr. Richards. Ich werde Ihnen schon auf die Schliche kommen und einen Beweis finden, dass Sie die Dokumente haben fälschen lassen."
Gregory lächelte nur kühl.
"Außerdem habe ich mich als Zeugin bei der Staatsanwaltschaft gemeldet", fügte sie hinzu.
Nun wirkte Gregory leicht alarmiert.
"Ich kann beschwören, dass Ihre Frau erstens viel zu schnell und zweitens Schlangenlinien gefahren ist."
"Wenn Sie glauben, dass sich jemand für Ihre Geschichten interessiert..."
"Den Staatsanwalt haben Sie jedenfalls interessiert. Schönen Abend noch Mr. Richards."
Und zufrieden bemerkte Vanessa, dass auf Gregorys Gesicht ein Anflug von Sorge zu sehen war.
Das anschließende Abendessen in der Villa Martinez-Ramirez verlief eher ruhig. Gabi fand, daß Estella sehr selbstzufrieden wirkte, und sie war überaus charmant, geradezu unnatürlich liebenswürdig. Gabi warf einen verstohlenen Blick zu ihrem Vater hinüber, der fast nichts von seinem Essen angerührt hatte und nur schweigend da saß. Gabis Gewissen regte sich. Es war ihre Schuld, daß er jetzt so nachdenklich war. Insgeheim bereute sie es schon, ihrem Vater von Antonio erzählt zu haben. Eine Angestellte kam mit einem Tablett herein, auf dem sich die feinsten Köstlichkeiten befanden, und Estella langte ordentlich zu. Anscheinend war sie die einzige, der es den Appetit nicht verschlagen hatte, dachte Gabi, denn auch sie hatte nur mäßigen Hunger. Außerdem spürte sie, daß sie langsam müde wurde.
Als alle aufgegessen hatten und der Tisch abgeräumt war, stand Gabi auf.
"Bitte, entschuldigt mich jetzt," sagte sie," ich bin sehr müde und möchte auf mein Zimmer gehen." Sie stand auf, beugte sich zu ihrem Vater hinunter und gab ihm einen Kuß auf die Wange. "Schlaf' gut, mein Kind," sagte er und strich leicht über ihr Haar. Gabi nickte Estella noch einmal zu und verließ dann das Esszimmer. Sie war erleichtert, als sie in ihrem Zimmer war. Während sie ihre langen Haaren mit einer Bürste bearbeitete, fragte sie sich, was Ricardo jetzt machte. Sie erinnerte sich, wie enttäuscht und verwirrt er sie am Strand angesehen hatte, nachdem sie ihn abgewiesen hatte. Wenn sie wieder in Sunset Beach zurück wäre, würde sie ihm erklären, weshalb sie ihre Beziehung nicht wieder neu aufnehmen konnte, als ob nichts geschehen wäre. Aber vorher musste sie mit Antonio reden ...
Gabi schlüpfte ins Bett und zog die Bettdecke über sich. Mit dem Gedanken, daß sich schon irgendwie alles fügen würde, schlief sie ein.
Sara konnte in dieser Nacht nicht schlafen. Nachdem sie sich fast zwei Stunden nur im Bett herumgewälzt hatte, beschloß sie, sich unten noch etwas vor den Fernseher zu setzen.
Leise, um ihre Eltern nicht zu wecken, ging sie die Treppe hinunter und blieb überrascht auf der untersten Stufe stehen.
"Mom, was machst Du denn hier?" fragte Sara erstaunt und ging auf ihre Mutter zu. Joan saß auf dem Sofa und las in einem Buch.
"Dasselbe könnte ich Dich fragen," sagte sie. Sie wies neben sich. "Komm her und setz' Dich zu mir," forderte sie Sara auf," und dann erzählst Du mir, was Du für Sorgen hast, die Dich nicht schlafen lassen."
Sara nahm seufzend auf dem Sofa platz.
"Es ist wegen Derek ..." begann sie. Joan nickte.
"Ja, das hatte ich mir schon gedacht," sagte sie. Sie legte einen Arm um Sara. "Du solltest Dir nicht allzuviele Sorgen machen," sagte sie. "Dr. Robinson hat Dir doch gesagt, daß seine Verletzungen nicht allzu schlimm sind und schon bald wieder verheilt sein werden."
Sara nickte.
"Die körperlichen Wunden - ja, aber was ist mit seiner Amnesie?" Sara sah ihre Mutter mit einem verzweifelten Blick an. Joan strich ihr sanft über den Kopf.
"Das ist doch nur vorübergehend," tröstete sie ihre Tochter, doch Sara befriedigte diese Antwort nicht.
"Was ist, wenn er entlassen wird und immer noch nicht sein Gedächtnis wieder hat?" In ihrer Stimme klang Besorgnis mit. "Wie wird es dann für ihn sein, hier mit einer Fremden unter einem Dach zu leben? Oh Mom ..." Sara lehnte ihren Kopf an Joans Schulter, während ihr die Tränen hinunterliefen. "Er erinnert sich an gar nichts," schluchzte sie, „nicht an mich, nicht an unser gemeinsames Leben, und nicht einmal an unser Baby ... und wir wollten doch bald heiraten ..." ihre Stimme versagte, und während sich ihre ganze Verzweifelung und Angst in Tränen entlud, hielt Joan sie die ganze Zeit im Arm. Sie dachte darüber nach, was Hank in Bens Haus gesagt hatte, nämlich daß er wieder nach Hause zu seiner Farm wollte. Konnten sie denn unter diesen veränderten Umständen ihre jüngste Tochter einfach im Stich lassen?
Joan beschloß, noch einmal mit Hank darüber zu reden, ob sie nicht vielleicht doch noch ein paar Tage länger bleiben konnten, zumindest so lange, bis Derek aus dem Krankenhaus entlassen und sich zuhause wieder etwas eingelebt hatte. Vorsichtig stand Joan auf.
"Weißt Du was?" sagte sie. "Du gehst schonmal zurück in Dein Bett, und ich bringe Dir dann noch einen Becher mit warmer Milch und Honig hoch." Sie lächelte. "Das hat bisher immer geholfen, wenn Du nicht einschlafen konntest," sagte sie.
Sara nickte und stand auf.
"Danke, Mom," schniefte sie. Während Sara nach oben ging, bereitete Joan in der Küche die warme Milch vor. Als sie wenige Minuten später mit dem Becher in der Hand das Schlafzimmer betrat, stellte sie überrascht fest, daß Sara bereits eingeschlafen war. Leise stellte sie den Becher auf dem Nachttisch ab, gab Sara noch einen Kuß auf die Stirn und ging dann zurück ins Gästezimmer.
Sam hatte einen Flug früh am nächsten Morgen gebucht und er war erleichtert darüber, denn Bette hatte in der letzten Nacht vor Aufregung kaum geschlafen. Entspannt lehnte er sich in seinem Sitz zurück und genoss den Start. Sobald die Lichttafel, „Bitte anschnallen“ erlosch, löste Bette Ihren Sicherheitsgurt und schmiegte sich an Sam.
„Ich kann es immer noch nicht glauben, dass wir in ein paar Stunden schon in Chicago und bei meiner Tochter sein werden.“
Sam beugte sich vor und küsste Bettes Stirn.
„Nun, ich kann es ja auch kaum erwarten, Deine Tochter kennen zu lernen. Schließlich bin ich ja noch nie vorher Vater geworden.“ sagte Sam. Bette blickte den Mann mit den unglaublichen grünen Augen zärtlich an.
„Warum hat Ben Dich nur so lange vor uns, vor mir, versteckt?“ fragte sie leise. Sam sah Bette einen Augenblick an, bevor er antwortete.
„Bette, Du musst verstehen, dass es nicht einfach ist, plötzlich aus einem Geschäft, wie das unsere auszusteigen. Die ‚Firma’ verlangt alles und totalen Einsatz von ihren Mitarbeitern und Aussteigern wird es nicht leicht gemacht. Viele haben einfach zu viel Insiderwissen, um ein ruhiges Leben zu führen.“ Er machte eine kurze Pause und drückte Bette sanft an sich. Dann fuhr er langsam fort. „So ein Ausstieg ist immer schwer und je mehr Kontakt Du noch hast, desto schwerer wird es. Ben hatte es ganz richtig gemacht. Wenn wir uns früher wiederbegegnet wären, wäre er bestimmt wieder mit mir ins Geschäft eingestiegen. Besonders nach dem, was mit Maria war. Aber als er Meg begegnet ist und er sich Ihrer Liebe sicher war, konnte er mich kontaktieren ohne Angst zu haben, wieder ‚rückfällig’ zu werden. Seine Liebe zu Meg hat ihm die Kraft dazu gegeben.“
Bette seufzte.
„Und was ist mit Dir? Muss ich befürchten, dass Du wieder zurückkehren willst?“
Sam hob Bettes Kinn an und sah ihr tief in die Augen.
„Meine Schöne, ich habe absolut keinen Grund mehr, zur ‚Firma’ zurück zu kehren. Ich liebe Dich und würde alles für Dich tun, um Dich glücklich zu machen.“
„Ich liebe Dich auch, Big Boy,“ sagte Bette „aber ich habe auch ein wenig Angst, dass Du es eines Tages bereuen wirst.“
Sam beugte sich vor und küsste Bette.
„Davor brauchst Du keine Angst haben, meine Schöne. Du bist alles, was ich mir in meinem Leben erträumt habe, und Du bist die Frau, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen möchte.“ „Gut,“ lächelte Bette „und nun erzähl mir noch einmal genau, was Du über Emily herausfinden konntest.“
Der Tag des
Abschieds war gekommen. Dringende Geschäfte riefen Robin Masters zurück auf
seine Insel, und da hier alles Geschäftliche erledigt war, wollte er seine
Pflichten nicht länger aufschieben. Thomas folgte mit einem gewissen Bedauern.
Er hatte hier neue Freunde kennengelernt, aber er war sicher, dass er mit Ben,
Meg und Sam in Verbindung bleiben und sie bald wiedersehen würde, spätestens am
Tag der bevorstehenden Doppelhochzeit. Sie hatten ihn und seine Freunde
eingeladen, und das würde er sich bestimmt nicht entgehen lassen.
Ben und Meg brachten die Besucher zum Flughafen und begleiteten sie bis zu
Robins Privatjet.
„Wir hören voneinander!“ versprach Ben und schüttelte den beiden Männern zum
Abschied herzlich die Hand. Thomas umarmte Meg und sah Ben dann ernst an.
„Gib gut auf sie acht, Ben. Eine Frau wie Meg findet man nicht alle Tage!“
Ben nickte.
„Ich weiß, und ich werde sie bestimmt nie mehr aus den Augen lassen.“
Als sie ins Flugzeug stiegen, hielt Meg Thomas zurück.
„Wirst Du Robin begleiten, wenn er Tamiha und ihre Leute aufsucht?“ fragte sie
leise. Thomas nickte.
„Ich bin sein Sicherheitsbeauftragter, und manchmal auch sein Bodyguard.“
erklärte er. „Natürlich werde ich mitgehen.“
Sie reichte ihm ein kleines Kästchen.
„Bitte gib ihr das von mir.“
Erstaunt öffnete er es und erblickte den Perlenanhänger.
„Die Träne Gottes...“ sagte er nachdenklich und sah sie dann ungläubig an. „Meg,
das ist... ich meine, willst Du das wirklich?“
Sie nickte heftig.
„Ja, ich möchte, dass sie ihn bekommt. Immerhin verdanke ich ihr, dass Ben am
Leben ist, das bedeutet mir mehr als alles andere. Ich weiß, dass sie eigentlich
nicht in böser Absicht gehandelt hat, als sie uns bedrohte, sie ist nur ihrem
Glauben gefolgt.“ Sie blickte auf den Anhänger. „Für mich ist das hier nur ein
Schmuckstück, an dem ein paar Erinnerungen hängen, aber ich weiß, ihr wird er
viel mehr bedeuten.“
Thomas nickte.
„Du bist unglaublich, weißt Du das?“
„Ach was“ lächelte Meg, „grüß T.C., Rick und Higgins von mir. Und die „Jungs“
natürlich auch. Und Thomas... pass gut auf Dich auf!“
Robin und Thomas sahen aus dem Fenster der kleinen Privatmaschine hinüber zum
Terminal, wo Ben und Meg Arm in Arm standen und ihnen zum Abschied zuwinkten.
Freundschaftlich klopfte Robin Thomas auf die Schulter.
„Na kommen Sie, Magnum, nun ziehen Sie nicht so ein trauriges Gesicht!
Irgendwann wird Ihnen bestimmt auch eine Frau wie Meg begegnen, Sie müssen sich
nur gründlich genug umsehen!“
Thomas warf ihm einen erstaunten Blick zu. Robin lachte.
„Ja mein Lieber, ich bin zwar schon etwas älter, aber noch lange nicht verkalkt!
Die junge Dame hat Sie ziemlich beeindruckt! Sie hat Sie an Diane erinnert, hab
ich recht?“
Thomas nickte.
„Ja, irgendwie schon.“
Robin atmete tief durch.
„Aber leider ist sie ja schon in festen Händen. Und Diane ist bereits seit zwei
Jahren tot.“ Mit väterlichem Grinsen fügte er hinzu: „Nun ja, ich denke, es wäre
ganz gut, wenn ich Sie auf eine meiner nächsten Europareisen mitnehmen würde,
mein Freund. Die Mädels an der Còte d`Azur sind nämlich wirklich nicht zu
verachten!“
Ricardo war in seinem Appartement gerade dabei, Vorbereitungen für seine Reise zu treffen, als es an der Tür klopfte.
"Herein!" sagte er, während er weiterhin einige Hosen und Hemden in eine Reisetasche stopfte. Er schaute erst hoch, als der Besucher sich räusperte. "Ach, Antonio, Du bist es," sagte er knapp. Antonio sah überrascht zu, wie Ricardo seine Tasche packte.
"Du fährst weg?" fragte er erstaunt. Ricardo nickte.
"Ja, ich fahre nach Kansas ..." er zögerte einen Moment, ehe er weitersprach," ...zu Gabi." Antonio holte tief Luft. Die Erwähnung ihres Namens erinnerte ihn wieder an seine eigenen, verworrenen Gefühle für sie.
"Weiß sie, daß Du kommst?" fragte er nachdenklich. Ricardo schüttelte den Kopf.
"Nein, und ich weiß auch ehrlich gesagt nicht, ob sie sich über meinen Besuch freuen wird," gab er zu. Seufzend schloß er die Tasche und setzte sich auf einen Stuhl. "Aber ich muß einfach etwas tun, sonst werde ich noch verrückt!"
Antonio nickte. Er konnte seinen Bruder ja so gut verstehen! Auch er litt unter der Situation, daß er sich in die Freundin seines Bruders verliebt hatte, und die Ungewißheit quälte ihn, ob sie vielleicht sogar dieselben Gefühle hatte wie er.
"Du verstehst, weshalb ich zu ihr muß, nicht wahr?" fragte Ricardo in Antonios Gedanken hinein. Antonio starrte angestrengt an die Wand. Er wußte nicht, was er seinem Bruder sagen sollte. Es war Ricardos Entscheidung, und letztendlich konnte er es nicht verhindern, daß die beiden sich vielleicht wieder versöhnten. Seine Mutter hatte recht. Sein Platz war in der Kirche und nicht bei einer Frau ... nicht bei Gabi! Vor vielen Jahren hatte er sich für diesen Weg entschieden, und es gab nun kein Zurück mehr!
"Antonio?" Ricardo sah seinen Bruder fragend an. "An was denkst Du?"
Antonio schüttelte den Kopf und versuchte zu lächeln.
"Fahr' nur nach Kansas," sagte er," und sage ihr, was Du für sie empfindest."
Ricardo strahlte in an.
"Danke, kleiner Bruder! Mit Deinem Segen wird bestimmt alles gut."
Antonio ging zur Tür.
"Ich wünsche Dir viel Glück!" sagte er leise, bevor er die Tür öffnete und das Appartement verließ. Ricardo sah seinem Bruder nachdenklich hinterher. Etwas an Antonios Stimme irritierte ihn. Sie war so voller Traurigkeit gewesen, als er ihm Glück gewünscht hatte. Ricardo schüttelte den Kopf über seine eigenen Gedanken. Wieso sollte Antonio traurig darüber sein, daß er wieder mit Gabi zusammenkam?
Ricardo schaute auf die Uhr. Es wurde höchste Zeit für ihn. In zwei Stunden musste er am Flughafen sein, und noch am selben Tag würde er Gabi wiedersehen. Vor Vorfreude klopfte ihm das Herz bis zum Hals. Nach einem letzten Blick, nahm er seine Tasche und verließ das Appartement.
Als Sara am nächsten Morgen Dereks Krankenzimmer betrat, stellte sie überrascht fest, daß er schon aufrecht im Bett saß. Er lächelte sie an, als er sie hereinkommen sah.
"Hi, Sara!" begrüßte er sie. Sara nickte scheu. Seitdem sie von Dr. Robinson erfahren hatte, daß Derek über sie Bescheid wusste, war sie unsicher, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollte. "Setz' Dich doch," forderte Derek sie auf. Sara nahm zögernd platz und verschränkte nervös die Hände ineinander.
"Wie geht es Dir?" fragte sie. Derek sah an sich herunter.
"Schon viel besser. Die Verbände halten alles gut zusammen, und heilen muß es eben von selber." Sara nickte.
"Dr. Robinson hat Dir erzählt, wer ich bin?" fragte sie unsicher. Derek nickte.
"Eine merkwürdige Situation ist das," sagte er. "Ich kann mich wirklich überhaupt nicht an Dich erinnern," fügte er entschuldigend hinzu. Sara lächelte nervös.
"Das ist sicher nur vorübergehend," sagte sie. Derek nickte wieder.
"Vielleicht hast Du Lust, mir ein bisschen über ..." er schluckte, bevor er weitersprach," ... uns zu erzählen."
Sara sprang auf.
"Okay, wenn Du meinst, daß es Dir hilft ..." Sie erzählte ihm von ihrem ersten Treffen im "Deep", wo sie sich Hals über Kopf in ihn verliebt hatte, von den Schwierigkeiten und Widerständen, die sie danach erleben mussten, von der Insel, wo sie sich das erste Mal so richtig nahe gekommen waren, ihrem überstürzten Einzug in sein Haus, von ihrer Verlobung, nur von ihrer Schwangerschaft erzählte sie ihm nichts. Sie wollte es ihm zu einem anderen Zeitpunkt sagen. Schließlich hatte es auch keine Eile. Derek hatte ihr die ganze Zeit interessiert zugehört, doch in seinen Augen konnte sie keinen Funken der Erinnerung erkennen. Seufzend nahm sie wieder platz. "Du erinnerst Dich wirklich an nichts, oder?"
Bedauernd schüttelte er den Kopf.
"Dr. Robinson meinte, daß meine Erinnerung einmal schlagartig zurückkommen kann, aber bis jetzt ist alles nur dunkel."
Sara nickte verständnisvoll.
"Ja, ich weiß. Mir ging es ja vor nicht allzu langer Zeit genauso. Ich hatte nach einem Unfall auch mein Gedächtnis verloren und konnte mich an gar nichts erinnern." Sara machte eine Pause. "Ich habe nicht einmal meine eigene Mutter wiedererkannt," sagte sie seufzend. Derek runzelte die Stirn.
"Meine Mutter ..." sagte er nachdenklich, doch Sara lenkte schnell ein.
"Deine Eltern sind schon sehr lange tot," sagte sie. "Du hast aber noch einen Bruder ... einen Zwillingsbruder," verbesserte sie sich. Derek sah sie überrascht an.
"Tatsächlich?" fragte er erstaunt. Er griff sich an die Stirn. "Ich kann mich nicht erinnern ..." Sara sah, wie er sich vergeblich damit quälte, die Erinnerung zurückzuholen, und sie sprang auf und ging ein paar Schritte auf ihn zu. Sanft legte sie ihre Hand auf seine Stirn. Ihre Berührung und der Duft ihres Parfums brachten Erinnerungsfetzen bei Derek hoch. Er hielt ihre Hand fest und zog sie langsam zu sich herunter. Sara atmete schwer, während Derek ihr vorsichtig über die Wange strich. Er zog sie weiter zu sich herunter, bis sie seinen Atem spüren konnte. Sara schloß die Augen, und als sich ihre Lippen berührten, stöhnte sie leise auf. Als sein Kuß fordernder wurde, riß Sara sich gewaltsam los.
"Nicht ..." sagte sie außer Atem, während sie mit zitternder Hand über ihre Lippen strich. "Du - Du brauchst noch Ruhe," stotterte sie.
Derek sah sie mit einem eigenartigen Gesichtsausdruck an.
"Ich kann mich jetzt wieder erinnern ..." sagte er. Sara sah ihn überrascht an.
"An was denn?" fragte sie erstaunt. Derek lächelte.
"An Dich ... wie wir uns geküsst haben ... Deine Berührungen ..." Sara sah ihn überrascht an. "Wirklich? Oh, Derek, das ist einfach phantastisch!" stieß sie glücklich hervor. "Dann dauert es bestimmt nicht mehr lange, bis Du Dich auch wieder an alles andere erinnern kannst," sagte sie. Derek nickte.
"Ja, das hoffe ich auch," entgegnete er. Sara stand auf.
"Ich werde jetzt gehen. Du brauchst noch viel Ruhe hat Dr. Robinson gesagt." Sie beugte sich zu ihm hinunter und gab ihm einen Kuß auf die Stirn. "Ich komme vielleicht später nochmal wieder," versprach sie. Derek nickte und sah ihr dann nachdenklich hinterher, wie sie das Krankenzimmer verließ.
Vanessa wurde von
den ersten warmen Sonnenstrahlen geweckt, die durch das offene Fenster auf ihre
Bettdecke fielen. Sie hob den Kopf und sah in Michaels schlafendes Gesicht. Ein
zärtliches Lächeln umspielte ihre Lippen. Morgens neben ihm aufzuwachen war
etwas, woran sie sich durchaus gewöhnen könnte.
Als sie gestern spät abend nach Hause kam, hatte er bereits hier auf sie
gewartet, bei Kerzenschein, mit einem liebevoll zubereiteten Abendessen für
zwei... auf diese Art den Tag ausklingen zu lassen, war wirklich schön gewesen.
Ihre Beziehung konnte momentan gar nicht besser sein, dachte sie zufrieden, mal
abgesehen von den ständigen Anrufen seiner Exfrau, die sich in der letzten Zeit
häuften und sie irgendwie nervten. Aber Virginia war zum Glück weit weg, und
solange sie nur anrief, um Michael mitzuteilen, wie es Jimmy ging...
Ihre Gedanken wanderten zu ihrem unverhofften Zusammentreffen mit Gregory
Richards vor dem Grenadines. Seine Überheblichkeit ärgerte sie fürchterlich, und
irgendwie hatte ihr der panikartige Ausdruck in seinen Augen eine gewisse
Genugtuung verschafft, als sie ihm erzählte, sie habe sich als Zeugin im Prozess
gegen seine Frau bei der Staatsanwaltschaft gemeldet.
„Ich krieg Dich, Richards, ich weiß zwar noch nicht genau, wie, aber ich arbeite
daran.“ dachte sie und lächelte still vor sich hin.
„Nichts ist schöner, als früh aufzuwachen und in Dein lächelndes Gesicht zu
sehen. Guten Morgen, Scoop!“ holte Michaels Stimme sie aus ihren Gedanken.
„Hallo Michael!“ Vanessa gab ihm einen Kuß. „Hast Du gut geschlafen?“
Er nickte.
„Es ist zwar erst kurz nach Sieben, aber ich...“
„Kurz nach Sieben?“ unterbrach ihn Vanessa zu Tode erschrocken und sprang aus
dem Bett. „So ein Mist, ich sollte schon vor einer halben Stunde in der
Redaktion sein!“ Sie begann, hektisch ein paar Sachen aus dem Schrank zu suchen.
„Mein Chef bringt mich um!“ Endlich hatte sie alles gefunden und verschwand
unter der Dusche. In einer neuen persönlichen Bestzeit war sie fertig, warf sich
ihre Tasche über die Schulter und gab Michael einen flüchtigen Kuß.
„Tut mir leid... aber ich muß los! Nimm Dir was zum Frühstück und fühl Dich ganz
wie zu Hause. Den Schlüssel kannst Du wieder unter den Blumentopf legen. Bis
heute abend, bye...“ Die Tür war schon fast zu, als sie noch einmal den Kopf ins
Zimmer steckte. „Ich liebe Dich, Michael!“ Weg war sie.
„Tja, ich Dich auch, Scoop!“ grinste er und schwang die Beine aus dem Bett.
„Aber an Deinen hektischen Beruf muß ich mich erst noch gewöhnen!“
Vanessa sprang in
ihren Wagen, der vor dem Haus geparkt war. Sie warf die Tasche auf den
Beifahrersitz und schnallte sich an. Jetzt aber los, sonst gab es wirklich
Ärger!
Das Gebäude des Sunset Sentinel lag etwas außerhalb von Sunset Beach.
Vanessa beschloß, eine Abkürzung zu fahren. Kurzentschlossen bog sie von der
Mainstreet ab und befuhr eine schmale holprige Nebenstrasse, die sich etwas
abschüssig und kurvenreich durch das Gelände schlängelte.
„Nur keine Hektik, Vanessa!“ murmelte sie und trat auf die Bremse, um ihre etwas
rasante Geschwindigkeit auf ein angemessenes Tempo herabzusetzen. Aber... was
war denn das?
Es schien, als trat ihr Fuß ins Leere, beim Durchtreten des Bremspedals war kein
Widerstand zu spüren. Wieder und wieder trat sie auf das Pedal, aber der Wagen
reagierte nicht. Da die Strasse abwärts führte, wurde er immer schneller.
„Verdammt nochmal...“ Panisch versuchte Vanessa, ihn einigermaßen in der Spur zu
halten, als sie auf die nächste Kurve zuraste.
„Lieber Gott, bitte jetzt keinen Gegenverkehr!“ dachte sie noch und nahm die
scharfe Biegung mit quietschenden Reifen. Der Wagen kam leicht ins Schleudern,
ließ sich jedoch zunächst wieder einigermaßen unter Kontrolle bringen. Vanessa
warf einen kurzen Blick zur Seite, während sie das Bremspedal immer wieder
vergeblich bis zum Boden durchtrat. Dichtes Gebüsch säumte die schmale Strasse
ein, und linkerhand ging es eine Böschung hinunter.
Vanessa versuchte in ihrer Not die Handbremse anzuziehen, aber der Wagen war
viel zu schnell, und als die Hinterräder blockierten, schleuderte er sofort, so
dass sie diesen Versuch aufgeben mußte, um die Kontrolle zu behalten. Panisch
lenkte sie in die nächste Kurve und wagte kaum einen Blick auf die sich immer
weiter nach rechts bewegende Tachonadel.
Die Reifen quietschten und Vanessa kämpfte verzweifelt gegen die in ihr
aufsteigende Übelkeit.
Und dann geschah es... vor der nächsten Biegung kam ihr ein anderes Fahrzeug
entgegen, dessen Fahrer sogleich scharf bremste und warnende Lichtsignale gab.
Voller Panik versuchte Vanessa den Wagen weiter nach rechts zu lenken, dabei kam
sie von der Strasse ab und streifte den nach oben führenden steilen Hang. Der
Wagen wurde wie von Geisterhand in voller Fahrt ein Stück hochgehoben, landete
kurz hinter dem entgegenkommenden Fahrzeug auf der linken Fahrbahnhälfte und
schoß die Böschung hinunter.
Vanessa war in diesen schrecklichen Sekunden nicht bewußt, dass es ihr eigener
Angstschrei war, der in ihren Ohren klang, sie umklammerte nur noch panisch das
Lenkrad, und starrte mit weit aufgerissenen Augen nach vorn, während sich der
Wagen abwärts durch dichtes Gestrüpp bohrte und schließlich mit einem
hässlichen, dumpfen Geräusch an einer riesigen, aus der Erde ragenden Wurzel zum
Stehen kam.
Vanessa rührte sich nicht mehr und ihr Kopf lag seitlich auf dem Lenkrad.
Tödliche Stille senkte sich über die Unfallstelle...
Es war später Vormittag, als Bette und Sam auf dem O’hare Airport in Chicago landeten. Bette konnte gar nicht schnell genug aus dem Flugzeug herauskommen, und Sam hatte seine liebe Mühe Bette zu bremsen, damit sie nicht alle Leute beim Aussteigen über den Haufen lief. Beruhigend nahm er ihre Hand in die seine.
„Langsam Bette, wir müssen eh noch auf unsere Koffer warten.“
Bette seufzte.
„Du hast ja recht, aber ich bin so aufgeregt.“
„Darauf wäre ich jetzt nicht gekommen.“ lachte Sam und zog Bette an sich heran. Wenige Minuten später, standen sie vor dem Laufband der Gepäckausgabe. Unruhig stapfte Bette von einem Fuß auf den anderen.
„Warum dauert das bloß so lange.“
„Bette“ Sam legte seinen Arm um Ihre Taille „es dauert eben seine Zeit, so ein großes Flugzeug auszuladen.“ In diesem Augenblick setzte sich das Gepäckband in Bewegung und die ersten Koffer und Taschen erschienen.
„Na endlich,“ sagte Bette erleichtert und trat ganz dicht an das Band heran „wo bleibt nur unser Gepäck?“
„Es wird schon kommen, keine Angst.“ versuchte Sam Bette zu beruhigen. Es dauerte noch einige endlose Minuten, bis endlich die Koffer von Bette und Sam auftauchten. Sam schnappte sich das Gepäck und lud es auf den Gepäckwagen.
„So, das hätten wir und nun müssen wir die Mietwagenvermittlung finden. Ich habe ein Auto für uns bestellt.“
„Du denkst aber auch an alles.“ Bette hakte sich lächelnd bei Sam ein „Ich hätte mir garantiert ein Taxi genommen und wäre damit nach Cicero gefahren.“ Zielsicher lenkte Sam den Gepäckwagen quer durch die Ankunftshalle zu dem Schalter der Mietwagenfirma.
„Guten Tag,“ lächelte er die junge Frau hinter dem Schalter an „mein Name ist Sam Peterson und ich habe ein Auto bei Ihnen vorbestellt.“
„Guten Tag Mr. Peterson,“ begrüßte die junge Frau ihn „einen Augenblick bitte.“ Sie tippte Sams Namen in den Computer ein „Ja, da haben wir ja die Reservierung. Ein dunkelblaues Mercedes Coupé.“ Sie reichte Sam ein Formular. „Würden Sie das bitte ausfüllen und dann muss ich noch Ihren Führerschein sehen.“ Sam nahm das Formular und füllte es schnell aus. Dann holte er seine Brieftasche hervor und reichte der jungen Frau seinen Führerschein. Diese warf einen Blick darauf und gab ihn an Sam zurück. Dann holte sie einen Schlüssel und Papiere aus einer Schublade und reichte beides Sam.
„Der Wagen steht auf Parkplatz A 04, Sie können gleich hier hinten raus.“ Sie wies auf eine Tür in der Nähe des Schalters.
„Danke, einen schönen Tag noch.“ lächelte Sam und schob den Gepäckwagen in Richtung Tür. „Was denkst Du, wie lange brauchen wir von hier bis nach Cicero?“ frage Bette, als Sam die Koffer in das Auto lud.
„Etwas über eine Stunde würde ich sagen.“ schätze Sam.
„Schön, nun wird es nicht mehr lange dauern und ich kann meine Emily endlich wieder in meine Arme schließen.“ sagte Bette glücklich.
„Ein wenig musst Du Dich aber noch gedulden, wir sollten zuerst im Hotel einchecken.“ meinte Sam.
„Muss das wirklich sein?“ fragte Bette. Sam nickte.
„Ich denke ja. Außerdem vergieß bitte nicht, Emily studiert und wird bis zum Nachmittag bestimmt in irgendwelchen Vorlesungen stecken.“
„Du hast mal wieder recht.“ seufzte Bette „Ich bin einfach zu ungeduldig wie immer.“ Sam küsste Sie und hielt Ihr dann die Autotür auf.
„Aber gerade das, macht einen Teil Deines unwiderstehlichen Charmes aus.“
Bette stieg ein.
„Du weißt ganz genau, was eine Frau hören will.“ lachte sie „In welchen Hotel werden wir denn wohnen?“
Sam ging auf die Fahrerseite hinüber und stieg ein.
„Im The Palmer House Hilton.“ sagte er und startete das Auto.
„Miss... hallo Miss,
können Sie mich hören?“ Die fremde Stimme drang wie aus weiter Ferne in Vanessas
Bewußtsein. Sie blinzelte und versuchte die Augen zu öffnen. Jemand hielt ihren
Kopf, als sie sich vorsichtig bewegte und nach hinten lehnte.
„Gott sei Dank, sie lebt!“ hörte sie jemanden aufgeregt sagen, während sie
krampfhaft schluckte und langsam begann, Arme und Beine zu bewegen.
„Bitte bleiben Sie ruhig sitzen, Miss.“ hörte sie wieder die Stimme von vorhin.
Sie drehte stöhnend den Kopf nach der Seite und erblickte einen älteren Mann,
der sie freundlich ansah und mit seiner Hand immer noch ihren schmerzenden
Nacken stützte.
„Sie hatten einen Unfall, junge Frau, können Sie sich erinnern?“
Vanessa fuhr sich mit der Hand über die Stirn und entdeckte plötzlich Blut auf
ihrem Handrücken. Verständnislos starrte sie darauf.
„Was... was ist denn passiert?“
„Sie sind uns mit Ihrem Wagen entgegengekommen, aber Sie waren viel zu schnell,
und statt zu bremsen, wollten Sie ausweichen...“
„Ja“ Für einen Moment schloß sie die Augen und sah dann wieder alles ganz
deutlich vor sich, die Strasse, das entgegenkommende Fahrzeug, ihr
Ausweichmanöver, dann der Abhang... „Ich... ich konnte nicht bremsen, die
Bremse... sie hat nicht...“
„Ganz ruhig“ sagte der ältere Mann und tätschelte ihre Schulter. „Können Sie
Arme und Beine bewegen?“
Sie nickte.
„Ich glaub schon.“
Eine aufgeregt wirkende Dame um die Sechzig trat neben den Mann ans offene
Wagenfenster. Sie musterte Vanessa einen Augenblick aufmerksam.
„Der Notarztwagen ist schon unterwegs.“ Sie sah den Mann neben sich kurz an.
„Gehst Du bitte nach oben an die Strasse, Liebling, damit sie die Unfallstelle
gleich finden?“
Der Mann nickte, schenkte Vanessa noch ein beruhigendes Lächeln und verschwand.
„Keine Angst, mein Kind, ich bleibe solange bei Ihnen.“ sagte die ältere Dame in
mütterlichem Ton. „Sie haben viel Glück gehabt, wie mir scheint. So, wie Sie die
Böschung hinuntergeschossen sind, haben wir befürchtet, es könnte nicht
allzuviel von Ihnen übrig geblieben sein! Also wenn Sie einen Schutzengel haben,
so war er heute bei Ihnen!“
Vanessa öffnete die Wagentür und versuchte, ihre Beine hinauszuschieben.
„Oh oh, das sollten Sie nicht tun, meine Liebe“ rief die Dame sogleich besorgt,
„warten Sie lieber, bis die Sanitäter hier sind, man kann ja nicht wissen...“
„Es geht mir gut“ ächzte Vanessa und lächelte krampfhaft, während sie sich
seitlich aus dem Auto schob.
Die Frau nahm ihren Arm und stützte sie, so gut es ging.
„Warten Sie, Kindchen, langsam,... so“ sie half Vanessa sich ins Gras zu setzen,
„nun strecken Sie erst einmal die Beine aus. Ja, so ist es gut.“
„Ich habe Ihnen und Ihrem Mann bestimmt einen ziemlichen Schrecken eingejagt.“
vermutete Vanessa und rieb sich ihre schmerzenden Waden. Die Frau nickte.
„Das kann man wohl sagen. Sie hatten es ganz schön eilig!“
„Es tut mir leid... aber ich konnte nichts dafür, meine Bremsen funktionierten
plötzlich nicht, ich konnte überhaupt nichts mehr tun!“
„Das gibt’s doch nicht!“ meinte die Dame und tupfte Vanessa mit einem sauberen
Kleenex das Blut von der Stirn. „Und Sie haben keine Ahnung, wer das getan hat?“
Verständnislos starrte Vanessa sie an.
„Wie meinen Sie das?“
„Na ja, Bremsen versagen selten von allein!“ Sie bemerkte den fassungslosen
Blick, den Vanessa ihr zuwarf und lächelte verlegen.
„Verzeihen Sie, da ist wohl wieder meine Phantasie mit mir durchgegangen!
Walther, mein Mann, behauptet immer, ich vermute hinter allem etwas Böses, ich
sollte Kriminalromane schreiben!“ Sie drückte Vanessa das Tuch in die Hand.
„Pressen Sie das an Ihre Stirn, bis der Notarztwagen da ist. Sie haben eine
kleine Platzwunde!“
Geistesabwesend drückte Vanessa das Kleenex auf die blutende Wunde. Aus der
Ferne war schon ein Notsignal zu hören.
„Ich glaube, jetzt kommen sie!“ Aufgeregt reckte die ältere Dame den Hals. „Nun
wird alles gut, meine Liebe.“ meinte sie und streichelte kurz Vanessas Arm.
„Vergessen Sie, was ich eben gesagt habe, ich wollte sie nicht verunsichern!“
Vanessa nickte benommen. Ein Gesicht tauchte plötzlich vor ihrem geistigen Auge
auf, den Mund zu einem selbstgefälligen Grinsen verzogen...
„Na ja, wissen Sie...“ sagte sie mit belegter Stimme, „so abwegig ist Ihre Idee
vielleicht gar nicht...“
Gabi wurde von den ins Zimmer einfallenden Sonnenstrahlen geweckt. Schnell sprang sie aus dem Bett, denn ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, daß sie verschlafen hatte. Als sie fertig angekleidet das Esszimmer betrat, traf sie auch gleich Estellas herablassender Blick.
"Guten Morgen, Liebes," sagte sie mit einschmeichelnder Stimme. "Wir dachten schon, daß wir alleine frühstücken müssten."
Gabi beugte sich zu ihrem Vater hinunter und gab ihm einen Kuß.
"Guten Morgen, Papa!" sagte sie sanft. Sie wandte ihren Kopf zu Estella. "Dir wünsche ich natürlich auch einen guten Morgen, Estella," sagte Gabi, und ihre Stimme troff vor Ironie. Estella warf ihr einen eisigen Blick zu, doch Gabi war viel zu gut gelaunt, als daß sie sich von Estella den Tag verderben lassen würde.
"Hast Du gut geschlafen, mein Kind?" fragte Lorenzo seine Tochter, und Gabi nickte.
"Ja, wie ein Murmeltier," entgegnete sie lächelnd. Lorenzos Gesichtsausdruck wirkte zufrieden. "Das freut mich," sagte er. Er nahm einen Schluck Kaffee aus seiner Tasse.
"Was würdest Du davon halten, wenn ich nachher mit Dir zu den Stallungen hinübergehe?" fragte er. Gabi hob erfreut den Kopf.
"Ja, schrecklich gerne!" stieß sie begeistert hervor. Sie erinnerte sich daran, was für eine leidenschaftliche Reiterin sie als Kind gewesen war. Es war nicht ein Tag vergangen, an dem sie nicht ausgeritten war, und Gabi erinnerte sich daran, daß sie sogar mal ein eigenes Pony besessen hatte. Lorenzo lächelte.
"Ich wusste, daß Dir das gefallen würde," sagte er. Niemandem fiel auf, daß Estella merkwürdig still geworden war.
"Ich habe erst kürzlich einen wunderschönen Araber-Hengst gekauft," fuhr Lorenzo stolz fort. "Er wird Dir gefallen."
Gabi lächelte, während sie ihr Brötchen schmierte.
"Davon bin ich überzeugt," sagte sie," aber bitte erwarte nicht, daß ich ihn auch reite! Ich habe schon seit Jahren auf keinem Pferd mehr gesessen," gab sie zu. "Lieber eine sanftere Stute ..." Plötzlich und ohne Vorankündigung erhob sich Estella plötzlich vom Tisch.
"Wenn Ihr mich entschuldigen würdet," sagte sie mit frostiger Stimme," ich habe noch etwas zu erledigen, was keinen Aufschub duldet!" Sie drehte sich um und verließ eilig das Zimmer. Irritiert sah Gabi ihr hinterher. Lorenzo schüttelte den Kopf.
"Du mußt sie entschuldigen," sagte er seufzend. "Estella hasst Pferde, und Gespräche über dieses Thema, besonders am Tisch, sind ihr zuwider."
Überrascht sah Gabi ihren Vater an. Sie fragte sich, weshalb er das Gespräch darauf gebracht hatte, wenn er doch wusste, wie ungehalten Estella darauf reagiert. Gabi kam immer mehr zu der Überzeugung, daß es in der Ehe zwischen ihrem Vater und Estella nicht mehr stimmte. Nachdem das Frühstück beendet war, stand Lorenzo auf.
"Wenn Du Dich fertig umgezogen hast," sagte er," treffen wir uns wieder hier unten, einverstanden?" Gabi sah an sich herunter.
"Ich fürchte, daß ich nichts passendes zum Reiten dabei habe," sagte sie bedauernd. Lorenzo lächelte.
"Das ist doch völlig einerlei," sagte er. "Eine ordentliche Hose und Bluse tun es auch." Er drehte sich um und tastete sich hinüber zum Sessel. Gabi ging nach oben und schaute im Kleiderschrank nach etwas passendem, was sie für einen Ausritt anziehen konnte. Nachdem sie fündig geworden war, zog sie sich schnell um und band ihre langen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen. Sie warf einen Blick in den Spiegel und musste plötzlich grinsen. Estella würde vermutlich "shocking" schreien, wenn sie sie jetzt so sehen würde. Trotzig warf Gabi den Kopf zurück. Was interessierte sie Estella? Sie hatte schon einmal versucht, sie aus dem Haus zu graulen, aber diesmal, das schwor sich Gabi, würde Estella nicht so leichtes Spiel mit ihr haben! Gut gelaunt und beschwingt ging Gabi die Treppe wieder hinunter zum Esszimmer, wo ihr Vater schon auf sie wartete. Sie hakte sich bei ihm ein, und gemeinsam verließen sie das Haus und gingen zu den Stallungen hinüber.
Sam stoppte das Auto direkt vor dem Eingangsportal des Palmer House Hilton. Sofort öffnete ein Türsteher, in dunkelroter Uniform mit goldenen Knöpfen, Bette die Autotür.
„Willkommen im Palmer House Hilton.“ begrüßte er Bette und Sam. Auf ein kurzes Handzeichen des Mannes, kam ein Page angelaufen und lud die Koffer aus dem Auto. Sam und Bette betraten durch die große Drehtür das Hotel. Hier hielt Bette vor erstaunen erst einmal die Luft an. Sie hatte das Gefühl, eben einen Palast im Orient betreten zu haben. Sie standen in einer großen Halle, deren Gewölbedecken mit Deckengemälden verziert waren. Es war eine wahre Farbenpracht, wobei Goldtöne und ein sattes Rot überwogen. Seitlich wurde die Halle von mehreren Säulen abgegrenzt, die die palastartige Bauweise noch unterstrichen. Der Fußboden bestand aus polierten Marmor und in der Mitte der Halle lag ein dicker orientalischer Teppich. Dort waren auch einige Sessel und Tischchen zu Sitzgruppen arrangiert, die zum Hinsetzen einluden. Gegenüber der Eingangstür befand sich die Rezeption, hinter der ein Portier in einer Uniform stand. Sam und Bette gingen hinüber, wobei sich Bette weiter umsah.
„Willkommen im Palmer House Hilton.“ begrüßte der Portier sie.
„Guten Tag, ich habe eine Suite auf dem Namen Peterson bei Ihnen reserviert.“
Der Portier gab den Namen in den Computer ein.
„Ja, sie haben die Luxor Suite.“ Er reichte Sam ein Formular. „Wenn Sie hier bitte unterschreiben würden.“
Sam setzte seine Unterschrift auf das Papier und der Portier reichte dem Pagen den elektronischen Schlüssel.
„Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt.“
„Danke“ antwortete Sam und er folgte mit Bette dem Pagen zu den Fahrstühlen hinüber. Im Fahrstuhl wurde dezente Musik gespielt. Der Page drückte den Knopf für die 5. Etage und der Lift schwebte nach oben. Lautlos glitten oben die Türen auf und sie verließen den Aufzug. Sofort versanken sie in einem dicken Teppich, der sämtliche Geräusche zu verschlucken schien. „Hier entlang bitte.“ sagte der Page und führte sie einen Gang nach rechts. Vor der dritten Tür blieb er stehen und öffnete mit der Karte die Tür. Bette und Sam betraten die Suite. Der Page brachte das Gepäck in das Schlafzimmer und legte die Koffer auf einen für das Gepäck vorgesehenen Tisch ab. Dann überreichte er Sam die Schlüsselkarte.
„Einen angenehmen Aufenthalt.“ sagte er.
„Danke“ antwortete Sam und drückte dem Pagen ein großzügiges Trinkgeld in die Hand.
„Danke“ sagte dieser und verließ die Suite. Bette sah sich um. Die Suite bestand aus einem Wohnraum, der mit einem dicken orientalischen Teppich ausgelegt war. Eine gemütlich aussehende Sitzgarnitur aus weichem Leder war vor einem Kamin angeordnet. An der gegenüberliegenden Wand stand ein großer Schrank, in dem ein Fernsehgerät und eine Stereoanlage intrigiert waren. Im angrenzenden Schlafzimmer bildete ein großes Himmelbett den Mittelpunkt des Raumes. Die Kissen und Laken bestanden aus goldfarbener Seide und luden direkt zum hineinlegen ein. An der rechten Wand war ein großer Kleiderschrank in der Wand eingelassen. Auf der anderen Seite stand eine Frisierkommode. Abgerundet wurde die ganze Einrichtung von dezenten, im ganzen Raum verteilten, Wandleuchtern.
Bette drehte sich zu Sam um.
„Wow,“ sagte sie „so was habe ich noch nie gesehen.“
Sam nahm Bette in den Arm.
„Gefällt es Dir?“
„Ja,“ antwortete Bette „wenn ich es nicht so eilig hätte, Emily zu sehen, würde ich mich jetzt am liebste mit Dir zusammen in das große Himmelbett legen.“
Sam küsste Bette.
„Nun, dafür haben wir ja später noch Zeit. Jetzt denke ich, sollten wir nach Cicero fahren.“
„Ja,“ sagte Bette „ich kann es kaum noch erwarten.“
Hand in Hand verließen sie die Suite.
Nach anderthalb Stunden Fahrt erreichten Sam und Bette das Morton College in Cicero. Sam parkte das Auto vor dem Studentenwohnheim. Er stieg aus und ging um das Fahrzeug herum, um Bette die Autotür zu öffnen.
„Und Du bist sicher, dass Emily hier wohnt?“ fragte sie bestimmt zum 10. mal. Sam nickte.
„Ja ganz sicher, der Computer der Fakultät hat es mir verraten.“
„So einfach?“ wollte Bette skeptisch wissen. Sam lächelte und küsste Ihre Stirn.
„Nun, wenn man weiß wie, dann ist es ganz einfach.“ Er nahm ihre Hand. „Und nun komm, lass uns Deine Tochter besuchen.“ Sie betraten das Gebäude und Sam führte Bette zur Treppe.
„Sie wohnt zusammen mit einem anderen Mädchen in Apartment 203. Ich denke, dass wird auf der zweiten Etage sein.“
Bette sah sich um.
„Nicht mal einen Aufzug gibt es hier. Edward könnte ruhig ein wenig mehr Geld für die Unterbringung unserer Tochter ausgeben.“ stellte sie missmutig fest. Sam lachte.
„Emily ist noch jung und Ihr macht es bestimmt nichts aus, täglich ein paar Treppen zu steigen. „Ein paar Treppen, uh?“ Bette zog eine Augenbraue hoch und folgte Sam nach oben. Wenige Minuten später standen sie vor dem Apartment 203. Bette umklammerte Sams Hand mit ihrer eigenen, die sich plötzlich eiskalt anfühlte. Sam lächelte Bette aufmunternd zu.
„Worauf wartest Du noch?“
Bette zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß auch nicht. Was ist, wenn Sie mich überhaupt nicht sehen will?“
„Nun, das denke ich zwar nicht, aber herausfinden wirst Du es nur, wenn Du an diese Tür klopfst.“ sagte Sam. Bette nickte, holte tief Luft und klopfte an die Tür. Wenige Augenblicke später wurde die Tür von einer jungen Frau geöffnet, die das ganze Ebenbild von Bette war. Ihr langes rotblondes Haar fiel Ihr weich über die Schultern und Ihre Augen hatten die gleiche Farbe, wie die von Bette.
„Ja bitte?“ fragte die junge Frau.
Die Sanitäter
bestanden trotz Vanessas heftigen Protestes darauf, sie zu einer gründlichen
Untersuchung in die Klinik zu bringen. Schließlich gab sie nach. Während man ihr
auf der Fahrt zurück nach Sunset Beach im Krankenwagen Blutdruck und Puls maß,
arbeiteten ihre Gedanken fieberhaft.
Konnte es sein, dass jemand an ihrem Wagen manipuliert hatte? Sie hatte ihn erst
vor ein paar Tagen aus der Werkstatt geholt, nachdem man ihn gründlich
durchgecheckt und unter anderem auch die Bremsbeläge erneuert hatte. Die
Rechnung dafür war saftig gewesen, ein halbes Monatsgehalt!
Wieder sah sie Gregorys Gesicht, erst überheblich lächelnd, dann verunsichert
und gefährlich... Immerhin hatte sie ihn offen herausgefordert und ihm gedroht,
alles zu versuchen, um seine Frau als Schuldige an Caseys Unfall ans Messer zu
liefern, indem sie nach Beweisen dafür suchte, dass Olivia wirklich an diesem
Tag sturzbetrunken hinter dem Steuer ihres Wagens gesessen hatte, und sie
vermutete, dass es Gregory irgendwie fertiggebracht hatte, den Bluttest im
Krankenhaus zu fälschen, aber sollte er deswegen so weit gegangen sein, ihr nach
dem Leben zu trachten?
„Michael hat mich gewarnt!“ dachte sie beunruhigt, „nun habe ich den Salat! Ich
hätte tot sein können!“ Ihr Herz klopfte ihr plötzlich bis zum Hals und ihr
wurde ganz heiß.
„Miss“ sagte der Sanitäter, der neben ihr saß und gerade ihren Puls maß, mit
einem etwas beunruhigten Blick, „Sie scheinen sehr aufgeregt zu sein! Bitte
beruhigen Sie sich. Wir sind gleich da.“
Vanessa schluckte und nickte stumm.
„Was soll ich jetzt tun?“ dachte sie verzweifelt. „Erzähle ich der Polizei von
meinem Verdacht? Vielleicht mache ich damit alles nur noch schlimmer? Und wenn
es gar nicht so ist, wie ich vermute, und Gregory hat nichts damit zu tun? Dann
wird er mich verklagen, das käme ihm gelegen... Verdammt, Vanessa, worauf hast
Du Dich bloß wieder eingelassen?“
Sie legte den Kopf zurück und schloß die Augen. Ihr Magen krampfte sich
gefährlich zusammen. Dieses flaue Gefühl, das sie quälte, war keine Folge des
Unfalls. Es war Angst.
Da stand Bette nun Ihrer Tochter gegenüber und konnte keinen Ton herausbringen. Ihre Kehle war plötzlich ganz ausgetrocknet und alles was sie hervorbringen konnte war ein heiseres „Äh.“ Die junge Frau sah Bette fragend an.
„Kann ich Ihnen helfen?“ Da Sam merkte, dass Bette anscheinend kein Wort hervorbrachte, übernahm er die Initiative.
„Miss Davis, Emily Davis?“ fragte er vorsichtig, obwohl er nicht daran zweifelte, Bettes Tochter vor sich zu haben. Die junge Frau nickte.
„Ja!?“ Sam lächelte Emily an.
„Mein Name ist Samuel Peterson und das hier ist Bette Katzenkazrahi. Wir hätten Sie gerne einen Moment gesprochen. Dürfen wir herein kommen?“
Emily überlegte einen Moment. Normalerweise ließ sie keine Fremden in das Apartment, aber irgendwie kam Ihr die Frau sehr vertraut vor und außerdem würde ihre Freundin und Mitbewohnerin Kelly jeden Augenblick nach Hause kommen. Sie öffnete die Tür noch weiter und trat einen Schritt zur Seite.
„Bitte kommen Sie herein.“ Sam schob Bette ein wenig vorwärts. Diese drehte sich um und sah Sam mit großen Augen an.
„Samuel, uh?“
Sam grinste.
„Du kennst eben noch nicht alle meine Geheimnisse.“ Sie folgten Emily in ein kleines, aber geschmackvoll eingerichtetes Wohnzimmer.
„Bitte setzten Sie sich.“ sagte Emily. „Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“
Bette schüttelte den Kopf.
„Nein danke.“ antwortete Sam. Bette und Sam nahmen auf dem Sofa platz und die junge Frau setzte sich, sichtlich nervös, ihnen gegenüber in den Sessel.
„Und...äh....was wollten Sie denn mit mir besprechen?“ sie sah Bette und Sam dabei mit großen Augen an. Bette holte tief Luft und sah Ihre Tochter an.
„Ich bin Ihre....ich bin Deine Mutter.“ sagte sie leise. Emily sah Bette an, als ob sie einen Geist gesehen hätte.
„Wie bitte? Das kann nicht sein, denn meine Mutter starb, als ich noch ganz klein war.“ brachte sie schließlich hervor.
„Das hat Dir bestimmt Dein Vater, Edward Davis erzählt, oder?“ fragte Bette. Emily nickte.
„Ja, er sagte sie wäre bei einen Unfall ums leben gekommen, als ich noch ganz klein war.“
Nun liefen Bette Tränen über die Wangen.
„Ich bin aber nicht tot. Ich lebe! Dein Vater hat mir nach unserer Scheidung den Kontakt zu Dir untersagt.“ Sie öffnete Ihre Handtasche und holte Ihre Brieftasche heraus. Daraus entnahm sie ein paar Fotos. „Die wurden kurz vor der Scheidung aufgenommen.“ sagte Bette und reichte die Bilder Emily. Diese starrte auf die Fotos. Ganz deutlich konnte sie sich selber und die Frau, die ihr gegenüber saß, erkennen. Das Blut wich aus Emilys Gesicht und sie wurde ganz weiß.
„Oh mein Gott!“ Sie sah Bette an, dann schlug ihre Stimmung um.
„Und wo warst Du die ganzen Jahre? All die Jahre in denen ich mich nach meiner Mutter gesehnt habe und ich sie gebraucht hätte?“ fragte sie wütend. Nun flossen auch bei Emily die Tränen. „Ich hatte doch keine andere Wahl.“ schluchzte Bette. „Dein Vater hat mir ja keine andere Wahl gelassen. Durch Bestechung und Manipulation hat er das Sorgerecht für Dich bekommen. Ich durfte Dich nicht sehen und wusste auch die ganzen Jahre nicht, wo Du bist. Er hatte mir gedroht, dass er Dich außer Landes bringen würde, wenn ich nach Dir suche.“
Emily sah Bette an.
„Ich weiß nicht, was ich sagen oder glauben soll.“
Bette trocknete sich die Tränen mit einem Taschentuch, dass Sam Ihr gereicht hatte.
„Das kann ich verstehen. Nur zu gut, denn ich weiß ja auch nicht was ich sagen soll. Alles was ich weiß ist, dass ich Dich unbedingt sehen wollte. Mit Dir reden und Dich in den Arm nehmen.“ sagte sie. Emily hatte sich wieder ein wenig gefangen.
„Ich weiß nicht was ich sagen oder denken soll. Das ist einfach zu viel für mich.“ sagte sie mit leiser Stimme.
„Vielleicht ist es das beste, wenn Sie erst einmal in aller Ruhe über alles nachdenken“ schlug Sam vor. „und wenn Sie soweit sind, dann rufen Sie uns einfach im Hotel an und wir treffen uns.“
Emily nickte.
„Ich denke, das wäre das beste.“
Sam holte eine Visitenkarte aus seiner Brieftasche und reichte diese Emily.
„Über mein Handy können Sie uns jederzeit erreichen. Wohnen tun wir im Palmer House Hilton in Chicago.“ Emily nahm die Visitenkarte an sich.
„Danke, und wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen wollen, ich möchte über alles nachdenken.“ „Natürlich.“ sagte Sam und zog Bette mit sich hoch. „Komm Liebling, lass uns gehen. Deine Tochter muss jetzt alleine sein.“
Widerwillig folgte Bette Sam. An der Tür drehte sie sich noch einmal zu Emily um.
„Eines musst Du mir glauben, ich liebe Dich und habe Dich immer geliebt, nur hatte ich nie den Mut nach Dir zu suchen, Emily.“
Die junge Frau nickte und sah Sam und Bette nach, wie sie das Apartment verließen.
Nachdem Lorenzo Martinez seine Tochter durch die Stallungen geführt hatte, blieben sie vor einer Box stehen, und Lorenzo öffnete den Verschlag.
"Hallo, Calimero!" begrüßte er den Araber freundlich, und als Antwort stupste der Hengst seinen Herrn in die Seite. Gabi betrat ebenfalls die Box, blieb jedoch am Eingang stehen und wartete ab, wie der Hengst auf ihre Anwesenheit reagierte. Calimero spitzte kurz die Ohren, ging dann einige Schritte auf Gabi zu und senkte schnaubend den Kopf. Vorsichtig hielt Gabi ihm ihre Hand hin, damit er daran riechen konnte.
"Ich glaube, er mag mich," sagte sie dann erstaunt, als sie bemerkte, wie Calimero anfing, seinen Kopf an ihrer Schulter zu reiben. Lorenzo lächelte.
"Du hast Deinen Beruf verfehlt," sagte er. "Du hättest Pferdepflegerin werden sollen, nicht Krankenschwester."
Gabi schüttelte den Kopf.
"Aber, Papa," sagte sie leicht genervt. "Diese Diskussion haben wir doch schon früher gehabt. Ich liebe meinen Beruf, und ich könnte mir nichts schöneres vorstellen. Außer vielleicht ..." Gabi brach den Satz ab. Die Äußerung, die ihr auf der Zunge lag, war in ihrer derzeitigen Situation alles andere als passend.
"Was denn, mein Kind?" hakte Lorenzo nach. Gabi seufzte, während sie mit den Fingern durch Calimeros Mähne strich.
"Außer vielleicht ... später einmal eine eigene Familie zu gründen," beendete sie schließlich den Satz. Lorenzo nickte verständnisvoll. "Wenn Dir eines Tages der richtige Mann begegnet ist, werden sich Deine Träume sicher erfüllen," sagte er voller Überzeugung. Gabi dachte über ihr derzeitiges Leben nach - ihr Leben zwischen zwei Männern ...
"Soll ich dem Pfleger sagen, daß er ihn satteln soll?" hörte Gabi ihren Vater fragen. Wie aus einem Traum erwacht, schaute sie hoch.
"Ich würde ihn schon sehr gerne reiten, aber ich bin total aus der Übung," gab sie zu. Lorenzo ging ein paar Schritte auf den Hengst zu und strich ihm über den Rücken.
"Reiten ist wie Fahrradfahren - das verlernt man nicht," sagte er grinsend. Gabi lächelte.
"Nun gut," sagte sie mutig," ich versuchs!" Lorenzo verließ die Box und ging den Gang entlang, um den Pfleger anzuweisen, Calimero zu satteln. Der Pfleger begann sofort damit, den Hengst für den Ausritt vorzubereiten. Als er ihn fertig gesattelt hatte, brachte er ihn auf den Vorplatz, wo Gabi und ihr Vater schon warteten.
"Ich wünsche Ihnen einen guten Ausritt, Miss," sagte er höflich und verbeugte sich.
"Vielen Dank!" Gabi nahm die Zügel in die Hand und schwang sich in den Sattel. Sofort überkam sie ein vertrautes Gefühl. "Es ist einfach herrlich, wieder im Sattel sitzen zu können!" entfuhr es ihr. "Nur schade, daß Du nicht mitkommen kannst," fügte sie bedauernd hinzu. Lorenzo lächelte milde und kraulte dem Hengst hinter den Ohren.
"Selbst wenn ich könnte," sagte er verschmitzt," mit Dir würde ich nicht Schritt halten können." Gabi ergriff die Hand ihres Vaters und drückte sie.
"Ich werde nur einen kurzen Ausritt machen," versprach sie, während sie ihre Fersen leicht in Calimeros Flanken drückte. Sofort setzte der Hengst sich in Bewegung, und Gabi erfasste ein Gefühl der Euphorie, als sie auf Calimeros Rücken sitzend über die Wiesen und Felder, die Ländereien des Martinez-Ramirez-Anwesen, galoppierte. Zeit und Raum schienen völlig vergessen zu sein, und Gabi fühlte sich leicht und unbeschwert. Calimero gehorchte sofort auf jeden ihrer Befehle, und Gabi hatte das Gefühl, mit dem Hengst eine Einheit zu bilden. Als plötzlich eine hohe Hecke in Sichtweite kam, überlegte sie nicht lange und dirigierte Calimero auf das Hindernis zu. Schließlich hatte sie schon früher jede Hürde übersprungen, und auch heute war der Reiz der Versuchung groß. Calimero setzte zum Sprung an, und plötzlich spürte Gabi, daß der Sattel unter ihr nachgab. Erschrocken ließ sie die Zügel los und verlor so jeglichen Halt. Samt Sattel wurde sie wie ein Katapult durch die Luft geschleudert und landete wenige Augenblicke später unsanft auf der Erde ...
„Vanessa, was um
Gottes willen ist passiert?“ Michael kam in das Behandlungszimmer gestürmt, in
dem Tyus seine Patientin gerade gründlich untersucht hatte und eben dabei war,
ihr die Ergebnisse dieses Check- up mitzuteilen.
Tyus derzeitige Sprechstundenhilfe, die Urlaubsvertretung für Gabi, schnaufte
erbost hinter ihm her, bereit, ihn notfalls eigenhändig wieder hinaus zu
befördern. Figurmäßig sah sie ganz so aus, als würde ihr das keine allzu großen
Probleme bereiten, nur Michaels Schnelligkeit trieb ihr den Schweiß auf die
Stirn.
„Entschuldigung, Doktor, aber dieser...absolut unmögliche... Mensch.... also
wirklich, er ist einfach an mir vorbei...“
Dr. Robinson konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, als er die Schwester so
dastehen sah, die Hände in die Hüften gestemmt, das Gesicht zur Faust geballt,
schien sie bereit, den Kampf mit dem Eindringling aufzunehmen.
„Molly“ sagte er und mußte schon allein bei ihrem Namen schmunzeln, der das I-
Tüpfelchen auf der ganzen Erscheinung war, „es ist schon gut. Er ist der Freund
von Miss Hart, und er hat sich einfach nur Sorgen gemacht. Üben Sie Nachsicht,
meine Liebe!“
Sie knurrte undefinierbar, während sich ihr Wutpegel langsam senkte. Michael
versuchte ein verbindliches Lächeln, was ihm ein weiteres Knurren einbrachte,
bevor der grimmige Vorzimmerdrachen den Raum verließ.
Tyus räusperte sich, und bedeutete Michael, immer noch grinsend, sich zu setzen.
Dessen ganze Aufmerksamkeit galt erst einmal Vanessa. Er nahm sie vorsichtig in
den Arm.
„Scoop, was machst Du nur für Sachen!“
Sie befreite sich lächelnd aus seinem Arm.
„Ich bin okay, mir fehlt nichts, Michael. Nun setz Dich erst einmal.“
Zögernd nahm er Platz und sah gespannt von einem zum anderen.
„Also, was genau ist passiert?“
„Ihre Freundin hatte einen Autounfall.“ begann Tyus Robinson. „Und so wie es
aussieht, hat sie wahnsinnig viel Glück gehabt. Ein paar blaue Flecken und diese
kleine Platzwunde auf der Stirn sind das Einzige, was sie noch ein wenig an die
rasante Fahrt erinnern wird.“
„Bist du zu schnell gefahren, Vanessa?“ fragte Michael aufgeregt.
„Nein... ja...“ stotterte sie und schluckte. „Ich konnte nichts tun, die Bremsen
haben versagt...“
„Sie ist eine ziemlich steile Böschung hinuntergesaust.“ erklärte der Doktor,
„und mit der Stirn auf dem Lenkrad aufgeschlagen, bevor der Wagen zum Stehen
kam.“
„Meine Güte...“ Fassungslos schüttelte Michael den Kopf. „Vanessa, Du hättest
tot sein können!“ Er nahm ihre Hand und ließ sie nicht wieder los. Sie nickte
nur mit zusammengepressten Lippen.
Tyus Robinson klappte Vanessas Krankenakte zu.
„Auf jeden Fall sollten Sie sich heute und morgen noch sehr schonen, Miss Hart.“
sagte er ernst. „Nur unter dieser Bedingung lasse ich Sie gehen. Eigentlich
müßte ich sie mindestens einen Tag zur Beobachtung hierbehalten, aber“ er
blickte lächelnd auf Michael, „wie ich sehe, sind Sie ja in den besten Händen.“
Vanessa nickte und versuchte sein Lächeln zu erwidern, was aber nicht so recht
gelang.
„Vielen Dank, Doktor.“
Auch Michael reichte Tyus die Hand.
„Ach ja, was ich noch fragen wollte...“ fiel ihm ein, „was wird eigentlich mit
dem Wagen, wird er abgeschleppt oder muß ich mich darum kümmern?“
„Soweit ich weiß, wird er an der Unfallstelle abgeholt und in der Werkstatt
genau überprüft, um festzustellen, wie es zum Versagen der Bremsen gekommen
ist.“ antwortete Tyus. „Das Ergebnis können Sie auf dem örtlichen Polizeirevier
erfragen.“
„Danke.“
Gemeinsam mit Vanessa verließ Michael die Klinik.
Draußen vor der Tür nahm er sie noch einmal liebevoll in den Arm.
„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie froh ich bin, dass Dir bei diesem
Unfall nichts passiert ist!“ flüsterte er und drückte sie zärtlich an sich.
„Michael“ antwortete Vanessa und sah ihn ernst an, „Du mußt mir glauben, das war
kein Unfall!“
Dr. Robinson betrat Dereks Krankenzimmer und klappte die Akte auf, die er in der Hand hielt. "Ich habe gute Nachrichten, Mr. Evans," sagte er und lächelte. Derek sah ihn erwartungsvoll an. "Und was genau meinen Sie damit?" fragte er neugierig.
"Ihre Verletzungen scheinen gut zu heilen," erklärte der Arzt ihm," und ich sehe keinen Grund, weshalb wir sie nicht entlassen sollten."
Ein freudiger Ausdruck erschien auf Dereks Gesicht.
"Das sind wirklich sehr gute Nachrichten ..." Er stockte mitten im Satz und sah Dr. Robinson nachdenklich an. "Ich weiß ja überhaupt nicht, wo ich wohne ..." sagte er leise. Dr. Robinson sah ihn mitfühlend an.
"Ich hatte gehofft, daß die Amnesie bis zu ihrer Entlassung ausgeheilt wäre, aber da dies nun nicht der Fall ist ..." Er rieb sich die Nase. "Sie müssen verstehen, daß wir Sie nicht so lange im Krankenhaus lassen können, bis Ihr Gedächtnis wieder zurückgekehrt ist," sagte er entschuldigend. Derek nickte.
"Ja, das kann ich verstehen, und ehrlich gesagt bin ich auch ganz froh, hier rauszukommen."
Dr. Robinson klappte die Akte wieder zu und klemmte sie sich unter den Arm.
"Dann wäre das geregelt," sagte er. "Ich bin mir ziemlich sicher, daß die Erinnerung in Ihrer vertrauten Umgebung schnell wieder zurückkommen wird," erklärte er. Derek fingerte an seinem Verband herum.
"Wie lange muß ich das hier noch tragen?" fragte er. Dr. Robinson grinste.
"Sie sind wahrhaftig ein ungeduldiger Patient! Sie können von Glück reden, daß sie noch leben!" sagte er tadelnd. "Die Rippen und das Schlüsselbein," erklärte er," müssen noch eine Weile bandagiert bleiben, damit alles an der richtigen Stelle wieder zusammenwächst ..."
"Wie lange noch?" unterbrach Derek ihn. Dr. Robinson sah ihn amüsiert an.
"Sie wollen es wohl genau wissen - na gut, ich schätze ca. 3-4 Wochen," gab er zur Auskunft. Derek sah ihn entsetzt an.
"3-4 Wochen? So lange muß ich dieses Ding ..." er zerrte an seinem Rucksackverband herum," ... tragen?" Dr. Robinson kratzte sich am Kopf.
"Wenn es Ihnen lieber ist können wir Sie auch komplett von oben bis unten eingipsen ... dann geht es vielleicht etwas schneller," sagte er, sich ein Lachen verbeißend. Derek erkannte die Ironie in Dr. Robinsons Stimme und mußte ebenfalls schmunzeln.
"Nein, danke, Doktor," sagte er, während er die Hand abwehrend von sich streckte. "Dann werde ich doch lieber den Monat noch abwarten." Dr. Robinson nickte zufrieden.
"Eine sehr gute Entscheidung," sagte er. Er wandte sich um, um zur Tür zu gehen, zögerte dann aber, weil ihm noch etwas einfiel. "Ach, Mr. Evans ... ich habe Ihre Verlobte bereits angerufen. Die Entlassungspapiere sind unterschrieben, und nun brauchen Sie eigentlich nur noch darauf zu warten, abgeholt zu werden. Ich hoffe, es ist Ihnen recht, daß ich alles für Sie in die Wege geleitet habe?"
Derek nickte geistesabwesend.
"Dann wünsche ich Ihnen weiterhin gute Besserung, und denken Sie daran, daß sie regelmäßig einmal die Woche zum Verbandwechsel zu uns kommen," sagte Dr. Robinson abschließend. Er nickte Derek noch einmal freundlich zu, ehe er die Tür öffnete und das Krankenzimmer verließ.
Ricardos Herz klopfte bis zum Zerspringen, als er den Hauptweg zur Villa hinaufging. Es war nicht schwierig gewesen, Gabis derzeitigen Aufenthaltsort ausfindig zu machen, denn jedermann in Kansas kannte das Anwesen von Lorenzo und Estella Martinez-Ramirez. So hatte Ricardo dem Taxifahrer am Flughafen nur sagen müssen, daß er zur Villa wollte, und schon war dieser losgefahren. Als er nun zielstrebig den Weg hinaufging, kamen ihm doch Zweifel an seinem Vorhaben. Was war, wenn Gabi ihn gar nicht sehen wollte? Ricardo fuhr sich nervös durch sein dichtes, schwarzes Haar. Mit jedem Schritt, den er sich dem Hauptportal näherte, wurden seine Zweifel größer, und Ricardo bekam plötzlich Angst vor seiner eigenen Courage.
"Kann ich Ihnen behilflich sein, Sir?" hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich. Erschrocken fuhr Ricardo herum. Er stand einem Mann mittleren Alters gegenüber, der einen Strauß Blumen in der einen Hand, eine Schere in der anderen hielt.
"Entschuldigen Sie, Sir. Ich wollte Sie nicht erschrecken," sagte der Mann zu seiner Entschuldigung. "Ich bin Ramon, der Gärtner, und wer sind Sie?" fragte er neugierig. Ricardo verspürte einen Kloß in seinem Hals.
"Ich - äh, mein Name ist Ricardo Torres ... Ich bin ein ... Bekannter," stotterte er schließlich. Ramon sah ihn mißtrauisch an.
"Ich habe Sie hier noch nie gesehen," sagte er. Ricardo fühlte sich ertappt.
"Ich war auch noch nie hier," gestand er. "Ich wollte ..." Ricardo wurde unterbrochen, weil Ramon plötzlich seinen Kopf hob und in die andere Richtung schaute.
"Ah, da kommt ja Senior Lorenzo ..." er machte vor Ricardo eine Verbeugung. "Ich muß mich jetzt wieder an die Arbeit machen," sagte er. "Einen schönen Tag noch!" Ramon verschwand hinter einer Hecke, während Ricardo wie gebannt dem Mann entgegensah, der sich langsam dem Haus näherte. Das war also Gabis Vater, dachte er. Überrascht stellte er fest, daß der Hausherr anscheinend blind war, denn er tastete sich mit seinem Stock den Weg entlang und trug eine Brille mit dunklen Gläsern. Ricardo war unfähig, sich zu rühren und starrte Gabis Vater nur an. Fieberhaft überlegte er, wie er seinen Besuch vor ihm rechtfertigen konnte. Schließlich gehörte es nicht unbedingt zum guten Ton, unangemeldet irgendwo aufzutauchen - schon gar nicht in den Kreisen, in denen Gabis Vater verkehrte!
Als Lorenzo auf derselben Höhe war wie Ricardo blieb er plötzlich stehen. Stirnrunzelnd und suchend wandte er seinen Kopf hin und her.
"Ist da jemand?" fragte er in die Stille hinein. Ricardo fasste sich ein Herz und sprach ihn an. "Mr. Martinez ... ich bin Ricardo Torres, ein ... Freund ihrer Tochter Gabi, und ich bin hier, weil ich sie besuchen möchte." Ricardo stieß die Worte schnell hervor, und er war erleichtert, daß Lorenzo ihn nicht unterbrach. In Lorenzos Gesicht konnte man keinerlei Gefühlsregung erkennen. "Mr. Torres ... Ricardo ..." sagte er nachdenklich, als ob er einen tieferen Sinn in diesem Namen erkennen wollte. Plötzlich huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Erfreut streckte er Ricardo seine Hand entgegen. "Es freut mich sehr, Mr. Torres, meine Tochter hat mir schon sehr viel über sie erzählt."
Als Joan und Hank von einem Spaziergang am Strand nach Hause zurückkehrten fiel ihnen gleich auf, wie bedrückt Sara wirkte. Es dauerte auch gar nicht lange, bis sie schließlich mit dem Grund für ihre schlechte Laune herausplatzte.
"Dr. Robinson hat angerufen," sagte sie knapp. Joan sah sie fragend an, und Sara holte tief Luft. "Er will, daß ich Derek aus dem Krankenhaus abhole," fuhr Sara fort. "Angeblich können sie im Krankenhaus nichts mehr für ihn tun, denn die Rippenbrüche müssen von selber heilen, und da ist es wohl egal, ob er zuhause oder im Krankenhaus ist. Außerdem," fügte sie hinzu," meint Dr. Robinson, daß Derek in seiner vertrauten Umgebung viel schneller wieder sein Gedächtnis zurückerlangen wird."
Joan nickte.
"Das leuchtet mir ein," sagte sie. Sie spürte, wie nervös und angespannt Sara war. "Ich weiß, was Du fühlst," sagte sie mitfühlend," aber Du mußt auch die andere Seite sehen. Wie soll Derek seine Erinnerung wiederfinden, wenn man ihm dazu keine Chance lässt?"
Sara nickte.
"Du hast natürlich, wie immer, recht," gab sie zu," aber ich weiß nicht, wie ich hier mit ihm unter einem Dach leben soll ... und sogar noch im selben Bett!" stieß sie verzweifelt hervor. Joan sah sie schmunzelnd an.
"Das ist Dir doch vor dem Unfall bestens gelungen," sagte sie. Sara lächelte schwach.
"Vor dem Unfall ..." sagte sie nachdenklich," ... da wusste er ja auch wer ich bin!" Sara sah auf die Uhr. "Ich muß los," sagte sie. "Ich habe Dr. Robinson versprochen, daß ich Derek so schnell wie möglich abholen werde." Sara sah ihre Eltern bittend an. "Könntet Ihr es vielleicht einrichten, daß Ihr hier seid, wenn wir zurückkommen?" fragte sie. Joan lächelte.
"Angst?"
Sara nickte.
"Ja, wahnsinnige," gab sie zu," aber wie heißt doch noch der Spruch? "Auf in die Höhle des Löwen!" Sara umarmte ihre Eltern ein letztes Mal und griff dann zum Telefon, um sich ein Taxi zu bestellen.
Ricardo war über die Mitteilung, daß Gabi über ihn gesprochen hatte, höchst überrascht. Er zeigte es vor Gabis Vater aber nicht.
"Wie ich schon sagte," wiederholte Ricardo noch einmal den Grund seines Besuches," ich möchte Ihre Tochter besuchen. Ist sie hier?"
Lorenzo schüttelte bedauernd den Kopf.
"Sie haben sie gerade verpasst, junger Mann. Gabi wollte etwas ausreiten." Lorenzo berührte leicht Ricardos Arm. "Vielleicht sollten wir in der Zwischenzeit ins Haus gehen, während wir auf sie warten," schlug er vor. Ricardo nahm seinen Koffer und folgte Lorenzo die Stufen hinauf. Als sie die Eingangstür passiert hatten, blieb Ricardo wie angewurzelt stehen. Er hatte gewußt, daß Gabis Vater reich war, aber mit diesem Prunk und Reichtum, der ihm hier begegnete, hatte er nicht gerechnet. Er atmete zweimal tief durch, ehe er Lorenzo über den langen Flur folgte. Am Ende öffnete der Hausherr eine breite Flügeltür, und Ricardo betrat zögernd den Raum.
"Das ist das Wohnzimmer," erklärte Lorenzo überflüssigerweise. "Nehmen Sie doch bitte platz," sagte er zu Ricardo, der sich schließlich für einen bequemen Sessel entschied. Verkrampft hielt er immer noch den Griff seines Koffers in der Hand.
"Könnten Sie mir sagen, ob es hier in der Nähe ein Hotel oder eine Pension gibt?" fragte Ricardo. Lorenzo schüttelte entschieden den Kopf.
"Das kommt doch gar nicht in Frage!" sagte er. "Sie wohnen natürlich in meinem Haus."
Ricardo schluckte.
"Also, ich weiß nicht," warf er ein," vielleicht sollten wir Ihre Tochter vorher fragen."
Lorenzo machte eine Handbewegung, die keinen Widerspruch duldete.
"Ich bin mir ziemlich sicher, daß Gabi nichts dagegen hat," sagte er.
"Wenn er sich da mal nicht irrt," dachte Ricardo bei sich. Da er seinen Gastgeber aber nicht verärgern wollte, schwieg er lieber.
"Das ist wirklich sehr großzügig von Ihnen, mich hier wohnen zu lassen. Vielen Dank!" Lorenzo lächelte und griff nach einer kleinen Glocke, die auf dem Tisch stand. Er nahm sie hoch und läutete einmal. Sofort kam eine junge Frau herein.
"Sie wünschen, Senior?"
"Bitte bringen Sie Tee für meinen Gast und mich ... oder wünschen Sie lieber Kaffee?" stellte Lorenzo die Frage an Ricardo. Dieser schüttelte den Kopf.
"Nein, Tee ist mir recht." Die junge Dame verschwand und ließ die beiden Männer wieder alleine. Nervös spielte Lorenzo mit dem Knauf seines Blindenstockes. Er fragte sich, wo Estella nur so lange blieb. Normalerweise war sie die erste, die einen neuen Gast in ihrem Haus willkommen hieß. Es mussten wirklich zwingende Gründe vorliegen, daß sie jetzt nicht hier war. Ricardo sah sich im Wohnzimmer um, während er auf seinen Tee wartete. Nachdem, was er bisher gesehen hatte, konnte er überhaupt nicht mehr verstehen, weshalb Gabi ein Leben in Sunset Beach diesem vorzog. Seine Gedanken wurden abrupt unterbrochen, als sich die Tür plötzlich ruckartig öffnete und ein junger Mann atemlos den Raum betrat.
"Verzeihen Sie mein Eindringen, Senior Martinez ..."
Lorenzo stand auf. Verwirrung war in seinem Gesicht zu erkennen.
"Was ist denn geschehen?" fragte er, sich darüber wundernd, was denn der Stallknecht von ihm wollte.
"Calimero ..."stieß der junge Mann hervor. "Der Hengst stand vorhin vor seiner Box ... allerdings," er räusperte sich," ... von ihrer Tochter keine Spur."
Entsetzen erfasste Lorenzo, als er die Tragweite dieser Äußerung begriff.
"Mein Gott," stieß er hervor. "Hoffentlich hat er sie nicht abgeworfen und sie liegt jetzt irgendwo hilflos und verletzt ..." Seine Stimme brach, und er begann leicht zu schwanken. Sofort sprang Ricardo auf und stützte ihn.
"Wenn Sie möchten, suche ich nach ihr," bot er seine Hilfe an. Ein Gefühl der Panik stieg in ihm hoch, als er sich vorstellte, daß Gabi möglicherweise bei diesem Abwurf lebensgefährlich verletzt worden war. In diesem Moment wurde Ricardo erst richtig bewußt, daß ein Leben ohne Gabi keinen Sinn mehr für ihn haben würde. Er warf ein Stoßgebet zum Himmel hinauf, während er Lorenzo vorsichtig zu seinem Sessel hinüberführte.
"Tun Sie nur alles, was Sie für nötig halten," sagte dieser schwach. Ricardo nickte.
"Machen Sie sich keine Sorgen," sagte er zu Lorenzo, der wie ein Häufchen Elend in seinem Sessel kauerte. "Ich werde Ihnen Ihre Tochter wohlbehalten zurückbringen," versprach er. Dann drehte er sich um und verließ eilig mit dem Stallknecht zusammen das Wohnzimmer.
"Willkommen zu Hause, Derek!" Joan und Hank begrüßten ihn überschwenglich, als er mit Sara das Haus betrat. Verlegen sah er seine zukünftigen Schwiegereltern an.
"Ihr seid Saras Eltern, nehme ich an," sagte er und versuchte zu lächeln. Joan nickte.
"Ja," antwortete sie. "Wie Sara Dir vielleicht erzählt hat, sind wir nur ein paar Tage auf Besuch hier." Derek nickte und ging zögernd ein paar Schritte ins Wohnzimmer hinein. Er schaute sich um, doch es kam ihm nichts bekannt vor. Seufzend steuerte er auf das Sofa zu und setzte sich. Besorgt beugte sich Sara über ihn.
"Geht es Dir gut?" fragte sie. "Vielleicht ist es besser, wenn Du Dich oben etwas hinlegst."
Derek schüttelte energisch den Kopf.
"Nein!" sagte er. "Ich habe im Krankenhaus genug herumgelegen." Etwas sanfter fügte er hinzu. "Ich möchte nur ein bisschen hier sitzen."
Joan sah Hank vielsagend an, und er verstand, daß es jetzt besser wäre, das Feld zu räumen. "Wir werden noch einen kleinen Spaziergang machen und unterwegs eine Kleinigkeit einkaufen," sagte Joan. Sara sah ihre Mutter hilfesuchend an, und Joan drückte ihre Hand. "Es wird schon alles gut werden," flüsterte sie ihr zu.
Als Joan und Hank das Haus verlassen hatten, stand Sara unschlüssig im Wohnzimmer und beobachtete jede von Dereks Bewegungen. Sein Blick ging immer wieder suchend durch den Raum. Sara wußte, daß er so versuchte, seine Erinnerungen aufzufrischen, aber an seinem Gesichtsausdruck erkannte sie, daß ihm dies offenbar nicht gelang. Es brach ihr fast das Herz, ihn so hilflos dasitzen zu sehen.
"Ich will dann mal nach oben gehen," sagte sie nervös," Betten beziehen ..." Sara ging schnell die Treppe hinauf, während Derek ihr irritiert hinterher sah. Langsam stand er auf und ging im Raum auf und ab. Sein Blick fiel auf ein gerahmtes Foto, das auf dem Kaminsims stand. Überrascht sah er die Personen an, die dort abgelichtet waren. Da war Sara zu sehen, eine andere Frau und er ... doppelt! Das mußte sein Zwillingsbruder sein, mutmaßte er. Derek stellte das Bild wieder zurück. Angrenzend an das Wohnzimmer befand sich anscheinend noch ein anderer Raum, und Derek öffnete vorsichtig die Tür und spähte hinein. Er sah einen Schreibtisch, Regale ... Anscheinend sein Arbeitszimmer, ging es ihm durch den Kopf. Derek ging hinein und setzte sich auf den Drehstuhl. Wahllos begann er in den Papieren herumzuwühlen, die vor ihm auf dem Schreibtisch lagen. Es mußte doch irgendetwas geben, woran er sich erinnern konnte? Verzweifelt presste er seine Hände gegen die Stirn.
Ein kleines dunkles Papierfoto fiel ihm plötzlich ins Auge, das unter die Schreibtischunterlage geklemmt war. Derek zog es hervor und betrachtete es neugierig. Geschockt hielt er den Atem an, als er erkannte, was er da in der Hand hielt: Ein Ultraschallfoto! In seinem Kopf begann es zu pochen, während er weiterhin ungläubig das Foto anstarrte. –
"Derek? - Ach, hier bist Du ..." Sara öffnete die Tür zum Arbeitszimmer und blieb wie angewurzelt stehen, als sie sah, wie er wie gebannt das Ultraschallfoto ansah. Sie schloß für einen Moment die Augen und holte tief Luft. "Ich - ich wollte es Dir sagen," stammelte sie leise. "Aber Dr. Robinson meinte, daß ..." Derek schnitt ihr das Wort ab.
"Du wolltest es mir also sagen?" stieß er aufgebracht hervor. "Wann denn? Meinst Du nicht, daß ich ein Recht auf die Wahrheit habe?"
Sara sah ihn unter Tränen an.
"Ich wußte nicht, wie Du darauf reagieren würdest und da hielt ich es für besser, Dir noch nichts von dem Baby zu erzählen."
Derek sah sie fassungslos an. Jegliche Farbe war aus seinem Gesicht verschwunden.
"Gibt es noch etwas, was Du mir verschweigst?"
Sara schüttelte den Kopf. Derek presste stöhnend beide Fäuste gegen seine Stirn, weil das Hämmern in seinem Kopf immer heftiger wurde. Übelkeit stieg in ihm hoch. Gleichzeitig drängten sich Erinnerungsfetzen in sein Bewußtsein ... Er sah sich in seinem Wagen über die Küstenstraße rasen, und ein Gefühl von Angst ergriff ihn ... Er wußte plötzlich wieder, warum er so schnell gefahren war. Er war auf dem Weg ins Krankenhaus gewesen - zu Sara und dem Baby! Schwankend stand er auf. Die Schmerzen in seinem Kopf wurden schier unerträglich, und vor seinen Augen verschwamm plötzlich alles. Derek streckte die Hand nach Sara aus, und dann war nur noch Dunkelheit um ihn herum ...
„Mama, warum weinst
Du?“ Jimmy, der eben von der Schule nach Hause gekommen war, sah seine Mutter
ratlos an und legte ihr schüchtern seinen kleinen Arm um die Schultern. Sie war
doch sonst um diese Zeit immer auf der Arbeit, und das sie schluchzend in der
Küche saß, hatte er eigentlich noch nie erlebt.
Virginia schniefte und wischte sich schnell die Tränen ab, die ihr unaufhörlich
über die Wangen liefen. Dann nahm sie ihren siebenjährigen Sohn in die Arme und
vergrub ihr Gesicht in seiner Jacke. Hilflos streichelte er ihr übers Haar.
„Mama hör schon auf, ich bin ja jetzt bei Dir!“ sagte er und versuchte, seiner
Stimme einen festen Klang zu geben.
Virginia hob den Kopf und lächelte unter Tränen.
„Mein kleiner, großer Junge!“ sagte sie liebevoll. „Ich hab dich so lieb!“
„Ich dich auch, Mum!“ antwortete er und sah sie erwartungsvoll an. „Warum hast
Du denn geweint? Hast Du Dir wehgetan? Ist es jetzt wieder gut?“
Sie nickte.
„Ja, jetzt wo Du da bist, ist es wieder gut.“
„Was war denn los?“
„Ich hab meinen Job verloren, Jimmy.“ sagte sie ernst.
„Oh...“ Der Junge schluckte. Kein Job bedeutete: kein Geld, und ohne Geld...
Schnell versuchte er, seine Mutter wieder aufzumuntern. „Aber Du hast doch noch
den anderen Job, in Mister Duncans Kneipe!“
Mit Widerwillen dachte Virginia an das schmuddelige Lokal, dem sie gestern nacht
ein für allemal den Rücken gekehrt hatte. Weg von den ewig betrunkenen Männern,
die dort nächtelang herumlungerten, weg von Mister Duncan selbst, der sie bei
jeder Gelegenheit versucht hatte anzugrapschen. Gestern war es ihr zuviel
geworden und sie hatte ihm eine gelangt, worauf er sie sofort hinausgeworfen
hatte. Sie konnte ja nicht ahnen, dass sie heute auch noch ihre Arbeit in der
Fabrik verlieren würde, weil das Unternehmen plötzlich ohne Vorwarnung pleite
gegangen war.
„Ach weißt Du, Jimmy, zu Mister Duncan gehe ich auch nicht mehr. Du hattest
Recht, er ist ein alter Giftzwerg!“
Sie lachten beide über den Ausdruck, den Jimmy mal gebraucht hatte, als er
Virginias Arbeitgeber zum ersten Mal sah.
„Und was machen wir nun?“ fragte der Junge mit großen Augen. Virginia zuckte
ratlos mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht. Ich werde morgen, während Du in der Schule bist, losziehen
und versuchen, einen neuen Job zu finden.“
„Ich könnte ja auch arbeiten, Mum.“ sagte Jimmy ernsthaft.
Virginia strich ihm liebevoll über den Kopf.
„Das wird nicht reichen, junger Mann!“ meinte sie schmunzelnd. „Halbe Portionen
bekommen nur das halbe Gehalt!“
„Ich bin keine halbe Portion!“ erklärte er selbstbewußt und streckte sich.
Plötzlich strahlte er über das ganze Gesicht. „Ich weiß, was wir tun, Mum!“
„So? Und an was hast Du gedacht?“
„Wir fahren zu Daddy! Da wo er wohnt, ist noch Platz für uns, und Du findest in
Sunset Beach bestimmt auch eine neue Arbeit!“
„Jimmy...“ widersprach Virginia, aber er sah sie bittend an.
„Komm schon, Mum, bitte, laß es uns versuchen!“
Nachdenklich sah sie ihren kleinen Sohn an.
„Warum eigentlich nicht!“ dachte sie, „einen Versuch ist es immerhin wert.“ Das
sie noch immer sehr viel für Michael empfand, hatte sie bei ihrem letzten
Zusammentreffen neulich sehr deutlich gespürt. Wer weiß? Vielleicht hätte sie es
in jeder Hinsicht leichter, wenn sie nicht mehr allein für Jimmy sorgen müßte...
„Okay, Sportsfreund!“ sagte sie und straffte die Schultern. "Aber das wird bis
morgen warten müssen! Heute machen wir beide uns einen schönen Tag, und morgen
rufe ich Michael an!"
Einen Moment blieb Gabi benommen liegen, dann setzte sie sich vorsichtig auf. Überrascht stellte sie fest, daß sie sich bei dem Sturz, außer einer Abschürfung am linken Knie und vielleicht ein paar Prellungen, nichts schwerwiegenderes zugezogen hatte. Gabi streckte sich vorsichtig und bewegte ihre Beine. Nachdem sie festgestellt hatte, daß ihr nichts wehtat, stand sie langsam auf. Ihre Knie zitterten, und sie fühlte sich leicht schwindelig, aber sie stand immerhin mit beiden Beinen auf dem Boden. Gabi hielt Ausschau nach Calimero, doch von dem Hengst war keine Spur zu sehen. Ihr Blick fiel auf den Sattel neben sich. Sie hockte sich hin und überprüfte die Gurte. Sie konnte nicht begreifen, wie es dazu kommen konnte, daß sich die Gurte gelockert hatten und dadurch der Sattel verrutschte.
Plötzlich erstarrte sie. Einer der Gurte war durchtrennt, und so sauber, wie die Stelle aussah, konnte sie unmöglich von selber gerissen sein. Vielmehr sah es so aus, als ob jemand nachgeholfen hatte. Ein kleiner, feiner Schnitt war deutlich zu erkennen.
Gabi lief ein kalter Schauer über den Rücken als sie erkannte, daß dieser Unfall eigentlich gar keiner war! Jemand hatte offenbar absichtlich am Sattelgurt herummanipuliert und bewußt ihr Leben riskiert. Oder galt dieser Anschlag gar nicht ihr? Sollte ihr Vater das Opfer sein? Gabi schüttelte den Kopf. Nein, das konnte nicht sein, denn er ritt ja nicht mehr aus. Aber wer hasste sie so sehr, daß er sie umbringen wollte?
Gabi sah plötzlich wieder den hasserfüllten Blick ihrer Stiefmutter vor sich. Sie atmete schwer. War es tatsächlich möglich, daß Estella dafür verantwortlich war? Gabi ließ sich wieder zurück ins Gras fallen. Verzweifelung überkam sie. Sie wusste weder wo sie war, noch, wie sie wieder nach Hause zurückfinden sollte. Sie schaute auf die Uhr. Über zwei Stunden waren seit ihrem Aufbruch vergangen. Sicher machte sich ihr Vater schon große Sorgen um sie. Gabi wusste, daß der Instinkt eines Pferdes es immer wieder nach Hause zurückbringen würde, und sie war sich sicher, daß Calimero bereits wieder zuhause war.
"Verdammt!" Sie sprang wütend auf. Kämpferisch hob sie den Kopf. Es nützte nichts, Trübsal zu blasen. Sie musste irgendetwas unternehmen. Hilflos schaute sie sich um. Sie würde wahrscheinlich Stunden brauchen, bis sie wieder zu Hause war, aber jetzt nur abzuwarten und einfach hier in dieser Einöde sitzenzubleiben und darauf zu warten, daß die Nacht irgendwann hereinbrach, war auch kein so verlockender Gedanke. Gabi klopfte sich den Staub von ihrer Hose und ging zielstrebig den Weg zurück.
"Ich schaff das nie". Amy feuerte ihr Buch wütend in den Sand. Sie saß gemeinsam mit Tiffany und Sean am Strand und hatte ebenso wie Sean ein paar Bücher mitgenommen, um für die bevorstehenden Prüfungen zu lernen. "Ich falle durch und kann das Jahr wiederholen", jammerte sie. Sean und Tiffany blickten sie mitleidig an. Seitdem Amy ihnen bei Jades Intrige aus der Patsche geholfen hatte, waren die beiden wieder besser auf sie zu sprechen.
"Ich kann es Dir nachvollziehen", erwiderte Sean. "Ich denke manchmal genau das gleiche."
"Ach was", hörten die drei eine leicht arrogante Stimme. "Je mehr man sich deswegen um den Verstand bringt, desto schwieriger wird es. Wenn man nur mit genügend Ruhe daran geht, schafft man das mit links." Brad Niclas, ein Mitschüler von Sean und Amy hatte sich zu den drei gesellt. Er hatte dunkelbraune Haare und einen großen, muskulösen Körper.
"Du scheinst Dir Deiner Sache ja ziemlich sicher zu sein?", meinte Sean ungläubig.
"Allerdings", erklärte Brad. "Aber na ja", meinte er dann abfällig zu Amy, "manche müssen eben mehr lernen, die anderen können es sich schneller im Kopf speichern." Bei diesen Worten tippte er sich auf die Stirn. "Viel Vergnügen noch beim Lernen", erklärte er fröhlich und ging davon.
"Mrs Richards", rief Hausmädchen Rose, "hier möchte Sie jemand sprechen."
Olivia kam mit leichten Sorgenfalten die Treppe hinunter. Es war doch nicht etwa wegen des Prozesses? Sehr zu ihrer Erleichterung stellte sie fest, dass es nur Mark Wolper war.
"Guten Tag Mark", begrüßte sie ihn freundlich, während sie Rose ein Zeichen gab, dass diese gehen konnte.
"Guten Tag Mrs Richards", antwortete Mark höflich, aber zurückhaltend. Offensichtlich hatte auch er die Sache mit Casey nicht so einfach vergessen. "Es geht um den Sender", sagte er vorsichtig. "Wie sieht denn nun die Situation aus, nach Mr Deschanels... ähm.. Verschwinden."
"Da brauchen Sie sich keine Sorge zu machen, Mark."
Doch es war nicht Olivia die antwortete, sondern Jade Sheridan, die in der Tür stand, die Mark offen gelassen hatte.
"Was wollen Sie denn hier?", giftete Olivia. "Sofort raus!"
"Immer mit der Ruhe", erklärte Jade hochmütig. "Es geht um den Radiosender, und da bin ich genau die richtige Ansprechpartnerin." Sie betrachtete zufrieden die fassungslosen Gesichter von Mark und Olivia. "Mein Vater hat mir vor seinem Verschwinden die Anteile am Radiosender überlassen. Hier steht es schwarz auf weiß."
Olivia riss ihr das Papier aus der Hand, dass Jade triumphierend schwenkte und studierte es ungläubig.
"Wie gesagt, Mark", versicherte Jade, "Sie brauchen sich keine Gedanken zu machen. Es wird mit dem Sender so weitergehen wie bisher. Obwohl...", sie lächelte Olivia charmant zu, "ich selbstverständlich auf einem größeren Mitspracherecht bestehe, als es mein Vater hatte. Auf Wiedersehen zusammen." Und siegessicher schlenderte sie hinaus.
Als Derek wieder zu sich kam, lag er in seinem Arbeitszimmer auf dem Fußboden, und Sara beugte sich über ihn. Ihr Gesicht war kalkweiß, und in ihren Augen stand die nackte Angst. Als sie sah, daß er die Augen aufschlug, strich sie ihm vorsichtig über die Stirn.
"Gott sei dank!" sagte sie erleichtert. "Du bist wieder wach." Sie atmete tief durch. "Ich dachte schon, daß ich den Notarzt rufen müsste!"
Derek brauchte einen Moment, um sich zurechtzufinden, doch schlagartig kam die Erinnerung wieder zurück. Er erinnerte sich plötzlich wieder an den Tag des Unfalls ... Er war auf dem Weg ins Krankenhaus gewesen, weil er sich Sorgen um Sara und das Baby gemacht hatte. Aus einem Impuls heraus streckte Derek den Arm aus und legte seine Hand vorsichtig auf Saras Bauch. Überrascht von dieser Geste ließ sie es geschehen.
"Geht es ihm gut?" flüsterte Derek heiser. Sara sah ihn erstaunt an.
"Du erinnerst Dich an ... unser Baby?"
Derek nickte.
"Ich kann mich wieder an alles erinnern ..." sagte er leise, während er sich aufsetzte. Überglücklich fiel Sara ihm um den Hals, doch sofort rückte sie etwas ab, als Derek vor Schmerz aufstöhnte.
"Meine Schulter ..." Sara sah ihn verlegen an.
"Oh nein, das hatte ich ja ganz vergessen ..." Sie berührte vorsichtig seinen Verband. "Ich war nur so glücklich, daß Du ..."
Derek ließ sie nicht ausreden, sondern legte einen Finger unter ihr Kinn, zog sie zu sich heran und gab ihr einen sanften Kuß auf die Lippen.
"Du glaubst gar nicht, wie glücklich ich bin!" sagte er, nachdem er sie wieder freigegeben hatte. Sara half ihm beim Aufstehen und brachte in hinüber ins Wohnzimmer, wo er auf dem Sofa Platz nahm. „Als ich das Ultraschallbild vorhin sah, kamen plötzlich wieder alle Erinnerungen zurück ..." sagte er nachdenklich. Er unterbrach sich und sah Sara prüfend an. "Was wolltest Du eigentlich im Krankenhaus?" fragte er neugierig. Sara sah ihn verwirrt an.
"Du hast gewußt, daß ich im Krankenhaus einen Termin hatte?" fragte sie erstaunt. Derek nickte. "Als ich damals nach Hause kam war niemand da, und da drückte ich die Wahlwiederholungstaste am Telefon und ..."
Sara sah ihn fassungslos an.
"Dann ist es ja meine Schuld, daß Du diesen Unfall hattest!" stieß sie hervor, nachdem sie begriffen hatte, was er ihr damit sagen wollte. Derek schüttelte den Kopf.
"Nein, es ist ganz alleine meine Schuld!" sagte er. "Ich hätte ja nicht so rasen müssen." Er versuchte zu lächeln. Sara sah ihn schuldbewußt an.
"Es tut mir leid," sagte sie leise, während sie mit den Tränen kämpfte. Derek stand auf und nahm sie in den Arm.
"Hey, es ist doch nochmal alles gut gegangen," sagte er. Er hörte Saras leises Schluchzen, und schob sie etwas von sich weg, um sie anzusehen. "Es ist doch alles in Ordnung? Es geht dem Baby doch gut, oder?" fragte er alarmiert. Sara nickte.
„Ja, es geht ihm gut." Erleichtert drückte Derek Sara wieder an sich. In diesem Moment öffnete sich die Haustür, und Joan und Hank traten herein. Verlegen befreite sich Sara aus Dereks Armen.
"Mom, Dad ... Ihr seid ja schon wieder zurück!"
Joan sah schmunzelnd von Derek zu Sara.
"Sollen wir vielleicht wieder gehen?" fragte sie lächelnd. Sara schüttelte den Kopf.
"Nein," sagte sie und lächelte geheimnisvoll," Ihr kommt gerade richtig, um mit uns zu feiern." Sie warf Derek einen vielsagenden Blick zu. Joan und Hank sahen Sara fragend an.
"Was gibt es denn zu feiern?" fragten beide wie aus einem Mund. Derek legte zärtlich einen Arm um Sara, dann wandte er sich seinen zukünftigen Schwiegereltern zu.
"Joan ... Hank ... wir feiern meine Wiedergeburt ... Ich habe mein Gedächtnis wieder!"
Ricardo hatte nicht lange gezögert, und nachdem der Stallknecht Calimero wieder neu gesattelt hatte, war er sofort aufgebrochen, um nach Gabi zu suchen. Ricardo hoffte, daß der Hengst ihn zu der Stelle führen würde, wo er sie abgeworfen hatte. Ricardo betete inständig, daß sie nicht zu schwer verletzt sein würde. Der Gedanke, daß seine geliebte Gabi in Lebensgefahr schwebte, schnürte ihm die Kehle zu. Unbewußt trieb er den Hengst zur Eile an, und Calimero fiel in leichten Galopp. Die Dämmerung brach bereits herein, und Ricardo hatte zunehmend Mühe, durch die aufsteigenden Nebelschwaden, die nun langsam immer dichter wurden, den Weg auszumachen. Plötzlich scheute Calimero und blieb stehen. Ricardo sah, wie sich aus der Nebelwand vor ihm eine Gestalt löste und auf ihn zukam. Er kniff die Augen zusammen, weil er an eine Vision glaubte. Auch Gabi blieb wie angewurzelt stehen, als sie Calimero erkannte. Langsam ging sie auf den Hengst zu.
"Mein Gott, Du hast mich gefunden ..." stieß sie hervor, während ihr Tränen der Freude und Erleichterung über die Wangen liefen.
"Gabi!" Ricardo saß ab und ging ihr entgegen. Erst jetzt schien sie ihn zu erkennen.
"Ricardo?!" fragte sie ungläubig. während sie ihn mit weitaufgerissenen Augen anstarrte. Er wischte ihr mit dem Daumen sanft die Tränen fort und sah sie an.
"Ja ..." flüsterte er mit belegter Stimme.
Mit einem leisen Aufschrei warf Gabi sich in seine Arme und klammerte sich wie eine Ertrinkende an ihn. "Halt mich fest, halt mich ganz fest!" flehte sie, während sie ihren Kopf an seiner Schulter vergrub. Ricardo hielt sie fest, erleichtert darüber, daß sie unverletzt zu sein schien. Sanft strich er ihr übers Haar. Gabi hob den Kopf, und ihre Blicke trafen sich. Ihre Lippen kamen näher, und schließlich endete diese innige Umarmung in einem langen, zärtlichen Kuß. Einen Moment danach hielten sie sich nur in den Armen, bis Ricardo daran erinnert wurde, weshalb er hier war.
"Dein Vater macht sich große Sorgen um Dich," sagte er. "Außerdem wird man hier gleich nicht mehr die Hand vor den Augen sehen, und wir sollten wirklich vor Einbruch der Nacht zurück sein!"
Ricardo half Gabi in den Sattel und setzte sich dann hinter sie. Eng aneinandergeschmiegt ritten sie dann auf Calimeros Rücken zurück zur Villa.
„Wunderbar, dann
kommen wir ja genau richtig, um noch ein bisschen mitzufeiern!“ Ben klopfte an
die hinter Joan und Hank noch offen stehende Tür und trat mit Meg ein. Lachend
trat er auf seinen Bruder zu. „Du erinnerst Dich also wieder? Phantastisch, ich
freu mich für Dich, Bruderherz! Aber ich werde Dich nicht umarmen, da uns beiden
ja wohl immer noch alle Knochen wehtun!“
Sie lachten alle erleichtert und Meg reichte Derek die mitgebrachten Blumen.
„Ich bin froh, dass es Dir wieder gutgeht.“ sagte sie herzlich. Sie sah von
einem Zwilling zum anderen und schüttelte lächelnd den Kopf. „Unglaublich, was
Euch beiden in den letzten Tagen alles passiert ist.“
„Allerdings.“ stimmte Joan zu und zog die Stirn leicht in Falten. „Vielleicht
solltet Ihr Euch eine Ranch in Kansas kaufen und Farmer werden, dann würdet Ihr
bestimmt etwas ruhiger leben!“
„Wie soll ich denn das verstehen?“ mischte sich Hank ein und sah seine Frau
schmunzelnd an. „Willst Du damit etwa andeuten, Dein Leben in Ludlow ist
langweilig?“
„Das hab ich nicht gesagt!“ verteidigte sie sich. „Ich liebe das ruhige
Landleben! Ich sehne mich nach unserem Häuschen, dem Rauschen der Kornfelder,
dem Blöken der Schafe... Und wenn ich Abenteuer erleben will, dann fliegen wir
ab und zu mal nach Sunset Beach!“
Sie saßen an diesem Abend noch eine ganze Weile bei einem Glas Wein auf Dereks
Veranda und genossen das traute Zusammensein, während die untergehende Sonne den
Himmel über dem Meer in ihrem allabendlichen Ritual rot färbte.
Joan schmiedete eifrig Pläne für die bevorstehende Doppelhochzeit. Sara und Meg
zwinkerten sich heimlich verschmitzt zu und ließen sie gewähren. Sie freuten
sich, ihre Eltern so zufrieden und glücklich zu sehen.
Es war ein tolles Gefühl, das sie hier alle zusammensitzen konnten, mit den
Menschen, die ihnen so unendlich viel bedeuteten...
"Gabi, meine Kleine ..." Tief bewegt und erleichtert nahm Lorenzo seine Tochter in die Arme. Ricardo stand etwas abseits und sah verlegen auf den Boden. Während Gabi sich in die Arme ihres Vater schmiegte warf sie einen Blick zu Ricardo hinüber. Erst jetzt wurde ihr so richtig bewußt, daß er ihr vermutlich das Leben gerettet hatte, denn vor Einbruch der Dunkelheit hätte sie es niemals bis nach Hause zurück geschafft und wäre vermutlich vor Erschöpfung zusammengebrochen. Ricardo hob den Kopf und sah, wie Gabi ihn anlächelte.
"Was ist denn nur geschehen, mein Kind?" fragte Lorenzo besorgt, und Gabis Gesicht verdüsterte sich. Sie konnte ihrem Vater ja schlecht von ihrer Vermutung erzählen, daß Estella an ihrem Unfall schuld war, und deshalb log sie eine Geschichte zusammen, daß Calimero vor einem Hindernis gescheut und sie daraufhin abgeworfen hatte. Ricardo fragte sich, weshalb Gabi plötzlich so nervös wurde, und sein Instinkt sagte ihm, daß sie nicht die volle Wahrheit sagte. Lorenzo tastete an Gabis Armen entlang.
"Und Du bist auch wirklich nicht verletzt?" fragte er.
"Nur ein paar Prellungen," entgegnete Gabi. "Es ist wirklich nicht der Rede wert." Lorenzo atmete erleichtert auf und ließ Gabi los. Dann wandte er sich Ricardo zu.
"Ich danke Ihnen von Herzen dafür, daß Sie mir meine Tochter unversehrt zurückgebracht haben," sagte er und lächelte. "Das werde ich Ihnen niemals vergessen!"
Gabi und Ricardo sahen sich an, und sie erkannte die Zuneigung in seinen Augen. Wie groß ihre Zweifel bezüglich ihrer Beziehung auch gewesen waren, plötzlich wurde ihr bewußt, daß sie nur an Ricardos Seite glücklich werden konnte - unabhängig davon, daß sie auch noch Gefühle für Antonio hatte! Langsam ging sie auf ihn zu und lehnte ihren Kopf an seine Schulter.
Ricardo legte einen Arm um sie und sah sie verliebt an.
"Dein Vater hat mich freundlicherweise eingeladen, in seinem Haus zu übernachten," sagte er, während er ihr sanft über die Wange strich.
"Es ist schon nach Mitternacht," sagte Lorenzo," und die Dienerschaft schläft bereits ... Gabi, würdest Du Mr. Torres zeigen, wo das Gästezimmer ist?" fragte er.
Gabi lächelte und griff nach Ricardos Hand.
"Ja, natürlich, Papa." Plötzlich fiel ihr etwas ein. "Wo ist denn eigentlich Estella?" fragte sie neugierig. Lorenzos Gesicht drückte Bedauern aus.
"Sie hat sich schon früh hingelegt," erklärte er. "Sie hatte etwas Kopfweh."
"Was ihr in der derzeitigen Situation sicher sehr gelegen kam," dachte Gabi bitter. Sie sah Ricardo an.
"Wollen wir nach oben gehen?" fragte sie, und er nickte. Gabi gab ihrem Vater einen Kuß auf die Wange.
"Gute Nacht, Papa."
Ricardo streckte Lorenzo ebenfalls die Hand entgegen.
"Ich wünsche Ihnen auch eine gute Nacht, Mr. Martinez ... und noch einmal vielen Dank, daß ich bei Ihnen übernachten kann."
Lorenzo lächelte, während er Ricardos Hand drückte.
"Bitte nennen Sie mich Lorenzo," sagte er kurz. Ricardo warf einen verblüfften Blick zu Gabi hinüber, die jedoch nur still vor sich hin lächelte.
"In Ordnung ... Lorenzo," sagte er," aber dann müssen Sie mich auch Ricardo nennen," fügte er schnell hinzu. Die beiden Männer besiegelten das ganze mit einem kräftigen Händedruck. Gabi griff wieder nach Ricardos Hand, und gemeinsam gingen sie die Treppe hinauf zu den Schlafzimmern.
Als sie vor dem Gästezimmer stehenblieben, zog Ricardo Gabi noch einmal in seine Arme.
"Ich habe Dich so sehr vermisst ..." sagte er leise. Sie schmiegte sich an ihn.
"Ich Dich auch ..." flüsterte sie. Sie berührte mit ihren Lippen vorsichtig seinen Hals, und Ricardo zuckte zusammen. Schnell schob er sie von sich weg.
"Wenn Du jetzt nicht aufhörst, weiß ich nicht, was passiert ..." stieß er heiser hervor. Gabi ignorierte seine Äußerung, schlang ihre Arme um seinen Hals und fuhr damit fort, ihn zu küssen. Langsam wanderte ihr Mund abwärts, und Ricardo stöhnte auf. Er drückte die Tür zum Gästezimmer auf und steuerte auf das Bett zu. Vorsichtig legte er Gabi darauf ab, die bereits begann, die Knöpfe seines Hemdes zu öffnen. Sie zog ihn zu sich herunter und bedeckte sein Gesicht mit vielen Küssen. Ricardo konnte sich nicht mehr zurückhalten, und während der Mond ins Zimmer hineinschien, liebten sie sich leidenschaftlich ...
„Ich muß sofort
Ricardo Torres sprechen!“ verlangte Michael und trommelte nervös mit den Fingern
auf den Empfangstresen im Polizeirevier. Officer Ruiz schüttelte bedauernd den
Kopf.
„Tut mir leid, Michael, da kann ich dir nicht helfen. Ricardo hat kurzfristig
ein paar Tage Urlaub genommen und wird wohl vor dem nächsten Wochenende nicht
zurück sein. Aber vielleicht kann ich Dir behilflich sein?“
„Verdammt!“ Michael knirschte mit den Zähnen, besann sich dann aber und klopfte
Ruiz freundschaftlich auf die Schulter.
„Danke, Oscar, nichts für ungut, aber das ist eine Sache, die muß ich mit
Ricardo selber klären.“ Er wandte sich zum Gehen, drehte sich aber noch einmal
um. „Ach, wo ich schonmal hier bin... Habt Ihr schon das Ergebnis von der
Untersuchung des Wagens, mit dem Vanessa Hart gestern verunglückt ist?“
„Warte, moment...“ Ruiz wühlte in seinen Unterlagen, „ach, da haben wir es
ja...“ er las kurz in dem Bericht und nickte dann bedenklich. „Also hier steht
ganz eindeutig, dass die Bremsleitungen durchgetrennt worden sind.“ Er blickte
auf und sah Michael bedeutungsvoll an. „Das sieht ganz danach aus, als wollte
jemand Deiner Freundin ans Leben, Michael. Sie sollte schnellstens herkommen und
Anzeige erstatten, damit wir der Sache nachgehen können.“
Michael nickte zerstreut.
„Ja, das sollte sie wohl... Oscar, kann ich eine Kopie von dem Bericht der
Werkstatt haben?“
Ruiz überlegte einen Moment.
„Eigentlich darf ich das nicht, aber na gut, weil du es bist.“ Er legte das
Schreiben in den Kopierer und reichte Michael das Ergebnis Sekunden später.
„Falls jemand fragt, dann hast Du das Gutachten von der Werkstatt, nicht von
mir.“
Michael nickte.
„Danke, Oscar, Du hast was gut bei mir!“
„Ich komm drauf zurück!“ lachte der Officer. „Das nächste Mal im Deep!“
Michael hatte
Vanessa zu einem Strandbummel überredet, um sie auf andere Gedanken zu bringen.
Er selbst war ebenfalls von einer starken inneren Unruhe erfasst. Er war sich
inzwischen ziemlich sicher, dass der Anschlag auf Vanessas Leben mit ihren
Nachforschungen über Olivia Richards Unfall zu tun hatten, und er traute Gregory
ohne weiteres zu, dass er sich auf diese Art seiner Haut zu retten versuchte.
Michael erinnerte sich an die drei Anrufe gestern morgen, als Vanessa gerade aus
dem Haus war. Der Anrufer hatte sich nicht gemeldet, sondern immer wieder
aufgelegt. Zuerst hatte Michael gedacht, es handle sich um eine Verwechslung,
jemand, der einfach die falsche Nummer gewählt hatte, aber inzwischen war er
sich da auch nicht mehr so sicher.
„Du solltest vorübergehend ins Surf Center ziehen.“ sagte er spontan. „Wir haben
momentan Platz genug, Alex wohnt in Caseys Zimmer, bis er wiederkommt, dann kann
sie Saras Zimmer haben, falls sie noch bleiben möchte. Du könntest in Megs
Zimmer einziehen.“
Vanessa sah ihn erstaunt an.
„Solche Angst hast Du um mich?“
„Ach was“ er lachte verlegen, „ich hab Dich nun mal gern in meiner Nähe!“
„Michael!“ Sie nahm seine Hand und lächelte. „Versteh mich bitte nicht falsch,
aber ich hab nicht vor, wegen Gregory Richard oder seinen Handlangern mein
ganzes Leben umzukrempeln!“
„Das sollst Du ja auch nicht, Vanessa. Laß einfach die Finger von der Sache, das
ist zu heiß!“
Abrupt blieb sie stehen.
„Das ist nicht Dein Ernst! Du willst doch auch, dass die Wahrheit ans Licht
kommt!“ rief sie erbost. „Michael, Casey ist Dein bester Freund, und diese Frau
hätte ihn in ihrem Vollrausch beinahe umgebracht! Wer weiß, wann er jemals
wieder richtig laufen kann! Nein...“ sie schüttelte überzeugt den Kopf, „ich
wäre nicht Reporterin geworden, wenn ich so leicht aufgeben würde. Ich weiß, was
ich gesehen habe, und ich werde vor Gericht gegen sie aussagen.“
Michael hob resigniert die Hände.
„Okay, dann tu was Du nicht lassen kannst. Aber bitte, zieh wenigstens
vorübergehend ins Surf Center!“
Vanessa lächelte.
„Ich denk drüber nach.“ Sie zeigte in Richtung Seebrücke. „Schau mal, dort
sitzen Ben und Meg! Komm, laß uns mal rübergehen!“
Die vier begrüßten sich und schwatzten eine Weile. Während Vanessa Meg von ihrem
Unfall berichtete, nahm Michael Ben beiseite.
„Ich muß mit Dir reden.“ sagte er ernst. „Es geht um Deinen Geschäftspartner.
Ich habe Angst um Vanessas Leben. Ben, Du mußt mir helfen. “
Nachdenklich
schlenderten Ben und Meg später am Strand entlang nach Hause.
„Und Vanessa ist sicher, dass Gregory dahintersteckt?“ fragte Meg, nachdem Ben
ihr von seinem Gespräch mit Michael erzählt hatte. Ben nickte.
„Ich kenne Gregory lange genug, um zu wissen, dass er alles tun würde, um seine
Familie zu schützen. Olivia würde in der Öffentlichkeit als Säuferin
bloßgestellt, wenn das, was Vanessa behauptet, wahr wäre und vor Gericht die
Wahrheit ans Licht käme.“ sagte er. „Außerdem würde sie sicher verurteilt
werden, zumindest auf Bewährung.“
„Ja schon, aber denk mal an Casey, was sie ihm angetan hat. Wenn sie wirklich
betrunken war, sollte sie auch für ihre Tat gerade stehen!“ fand Meg. Dann blieb
sie nachdenklich stehen.
„Was ist?“ fragte Ben.
„Ich erinnere mich, dass Mark mir an dem Tag, als wir von Ludlow zurückkamen und
von dem Unfall erfuhren, etwas erzählt hat.“ Sie sah Ben bedeutungsvoll an. „Er
sagte, Gabi hätte die Ergebnisse der Blutuntersuchung gesehen, als sie aus dem
Labor kamen, und sie sei sich sicher, Olivia wäre alkoholisiert gewesen, als man
sie einlieferte. Aber später, im Computer, war das Ergebnis negativ. Als sie
Gregory Richards daraufhin ansprach, sei er sehr wütend geworden und habe sie
der Lüge bezichtigt.“
„Mh...“ Ben überlegte, „wir sollten vielleicht nochmal mit Gabi reden.“
Meg schüttelte den Kopf.
„Sie ist verreist. Mark sagte, sie sei ein paar Tage zu ihrem Vater nach Ludlow
geflogen.“
Gedankenversunken gingen sie weiter.
„Warte mal...“ Ben fiel etwas ein. „An dem Tag, als der Unfall war, hat Bette
einen Anruf von Rose entgegengenommen. Sie erzählte mir später im Büro davon.
Rose sei sehr aufgeregt gewesen und hätte dringend Gregory sprechen wollen. Kurz
darauf habe er dann ganz überstürzt das Büro verlassen.“
„Dann hat Rose vielleicht gewußt, dass Olivia betrunken ins Auto gestiegen
ist...“ vermutete Meg. Ben nickte.
„Sehr wahrscheinlich. Nur, Rose wird das niemals zugeben, für sie steht zu viel
auf dem Spiel, sie verhält sich den Richards gegenüber absolut loyal. Obwohl...“
„Was?“ fragte Meg misstrauisch, die genau wußte, dass er jegliche dunkle
Machenschaften Gregorys verabscheute. „Ben, was hast Du vor?“
Er lächelte bedeutungsvoll.
„Ich habe noch einige Papiere zu Hause, die Gregory sicher braucht. Ich denke,
ich werde den Richards in den nächsten Tagen mal einen kleinen Besuch
abstatten.“
„Eigenartig!“ meinte
Virginia und starrte den Telefonhörer an, als könne der ihr sagen, warum am
anderen Ende der Leitung niemand abnahm.
„Ist Dad nicht da, Mum?“ fragte Jimmy gespannt.
„Es scheint überhaupt niemand da zu sein.“ wunderte sich Virginia. „Ich versuch
schon den ganzen Tag über im Surf Center anzurufen, aber es geht keiner ran.“
„Warte mal...“ Jimmy überlegte einen moment, flitzte dann in sein Zimmer und kam
stolz mit einem Zettel zurück.
„Was ist das?“ fragte Virginia neugierig.
„Die Handynummer von meiner Freundin!“ erklärte Jimmy wichtig.
„Deiner...
aha.“ Virginia grinste.
“Und wer ist Deine
Freundin?”
„Meg!“ antwortete er. „Sie wohnt mit im Surf Center, und sie ist echt cool!“
„Und Du hast ihre Handynummer?“
„Klar, ich kann sie immer anrufen, wenn ich mal reden will, hat sie gesagt. Und
jetzt will ich reden!“
„Jimmy, das geht nicht...“ widersprach Virginia, doch er hatte sich schon das
Telefon geschnappt und die Nummer gewählt.
„Hi Meg! Ich bin`s, Jimmy. Kennst Du mich noch?... Nein, ich bin zu Hause, bei
meiner Mum.... klar geht`s mir gut, aber das kann ich Dir alles selber erzählen,
wir kommen nämlich vielleicht für immer nach Sunset Beach!... ja, bald, sehr
bald... weißt Du, ob bei meinem Dad im Haus noch ein Zimmer frei ist?... ach so,
Du wohnst nicht mehr dort! Dann ist ja Dein Zimmer frei... cool... bis bald, Meg,
bye!“
„Okay, Mum.“ sagte er zufrieden, „kann ich jetzt anfangen meine Sachen zu
packen?“
Verwundert steckte
Meg ihr Handy wieder in die Tasche, bevor sie Bens Haus betraten.
„Wer war denn das?“ fragte Ben. Meg lachte.
„Du wirst es nicht glauben, aber das war Jimmy, Michaels kleiner Sohn. Er wollte
wissen, ob im Surf Center ein Zimmer frei sei, und als ich ihm sagte, dass ich
nicht mehr dort wohne, meinte er, dann könnten er und seine Mum ja mein Zimmer
haben!“
„Was?“ Ben zog ungläubig die Stirn in Falten. „Wollen die beiden hier Urlaub
machen?“
„Ich weiß nicht, aber es klang mir eher nach einem Umzug!“
„Na so was“ schmunzelte Ben, „hat nicht Vanessa vorhin gesagt, sie wolle
vorübergehend ins Surf Center ziehen? Hoffentlich vertragen sich die beiden
Ladys!“
Meg nickte lächelnd.
„Bitte erinnere mich daran, dass ich Michael nachher nochmal anrufe und von dem
Gespräch mit Jimmy erzähle.“ bat sie. Ben nickte.
„Okay, ich versuche daran zu denken!“
Natürlich vergaßen sie es beide.
Joan und Hank saßen mit Sara und Derek beim Mittagessen und unterhielten sich nebenbei über ihre baldige Abreise. Joan fiel plötzlich auf, daß Sara merkwürdig schweigsam wurde.
"Sara, Schatz, was ist denn los?" fragte sie. "Du stocherst ja bloß in dem Essen herum. Schmeckt es Dir etwa nicht?"
Sara hob geistesabwesend den Kopf.
"Wie?" Irritiert sah sie ihre Mutter an. Derek mischte sich ein.
"Deine Mutter will nur wissen, warum Du Löcher in den Teller starrst."
Sara schob den Teller von sich weg und strich sich nachdenklich eine Haarsträhne hinters Ohr. "Wann wollt Ihr denn nach Hause fliegen?" fragte sie zusammenhangslos. Joan runzelte die Stirn und warf kurz einen Blick zu Hank hinüber.
"Ich weiß nicht genau," sagte sie," vielleicht morgen oder übermorgen. Wieso?"
Sara atmete tief durch.
"Würdet Ihr Derek und mich mitnehmen?" fragte sie dann zur Überraschung aller. Derek riß vor Erstaunen Mund und Augen weit auf, während sich Joan und Hank amüsiert ansahen.
"Du möchtest also mit Deinem zukünftigen Mann vorgezogene Flitterwochen in Ludlow machen ... habe ich das richtig verstanden?" fragte Joan und grinste. Sara verzog das Gesicht.
"Ich würde eher sagen einen Genesungsurlaub ..." entgegnete sie.
Ein verblüffter Blick von Derek traf sie.
"Ist ja nett, daß Du mich vorher auch gefragt hast, ob ich überhaupt damit einverstanden bin!" sagte er ironisch. Sara sah ihn bittend an.
"Du hast doch gehört, was meine Eltern gestern über das Landleben erzählt haben. Du wirst sehen, die gute Landluft wird Dich schnell wieder auf die Beine bringen, und ich habe dann endlich Zeit, mich nur um Dich zu kümmern. Bitte, Derek, nur ein paar Tage!" bettelte sie.
Hank sah schmunzelnd zu Joan hinüber.
"Wo sie recht hat, hat sie recht," sagte er zustimmend. Sara sah ihren Vater dankbar an.
"Soll das heissen, daß Ihr einverstanden seid?" fragte sie hoffnungsvoll, und als ihre Eltern nickten, fiel sie beiden um den Hals. Erwartungsvoll sah sie dann zu Derek hinüber, der immer noch etwas irritiert von Saras spontaner Urlaubsidee war. Er sah ihren flehenden Blick und gab schließlich nach.
"Okay," sagte er seufzend," machen wir eben ein paar Tage Urlaub in Ludlow."
Sara lächelte glücklich, ging ein paar Schritte auf ihn zu und gab ihm einen Kuß.
"Danke," flüsterte sie. "Du wirst es bestimmt nicht bereuen." Sie drehte sich um und ging zur Treppe.
"Wohin willst Du denn jetzt?" fragte Joan neugierig.
"Koffer packen," gab Sara kurz zur Antwort, bevor sie die Stufen hinauflief und im Schlafzimmer verschwand.
Sam stoppte das Mercedes Coupé vor dem Studentenwohnheim, in dem Emily wohnte. Er stieg aus und ging um den Wagen herum, um Bette die Autotür zu öffnen. Bette sah ihn dankbar an und lächelte.
„Danke, Big Boy. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie froh ich darüber bin, dass Emily gestern Abend angerufen hat, um sich heute mit uns zum Lunch zu treffen. Ich hatte wirklich die Befürchtung, sie wollte nichts mit mir zu tun haben.“
Sam legte seinen Arm um Bettes Taille.
„Nun, für Dich wäre es bestimmt auch ein Schock gewesen, wenn plötzlich Deine Mutter vor der Tür gestanden hätte, von der Dir Dein Vater immer erzählt hat, sie sei gestorben.“
„Du hast recht, wie immer.“ lächelte Bette. Gemeinsam betraten sie das Haus und stiegen die zwei Etagen bis zu Emilys Apartment hinauf. Voller Vorfreude klopfte Bette, diesmal ohne zu zögern an der Tür. Wenige Augenblicke später öffnete sich Dir Tür einen Spaltbreit.
„Ja bitte?“ fragte eine junge Frau mit langen dunklen Haaren.
„Äh, wir wollten eigentlich zu Emily Davis. Sie sind sicher Ihre Mitbewohnerin, ich bin....“
„Sie müssen Emilys Mutter sein.“ unterbrach die junge Frau Bette und öffnete nun die Tür ganz. „Kommen Sie bitte herein. Es ist gut, dass Sie hier sind.“
Verwundert sah Bette die junge Frau an.
„Ist etwas mit Emily? Geht es Ihr gut?“
„Kommen Sie doch bitte herein, ich möchte es nicht hier auf dem Flur erzählen.“ sagte die junge Frau. Sam schob die verwirrte Bette in die Wohnung und sie folgten der jungen Frau ins Wohnzimmer. „Ich bin Kelly Morgen, ich bin....ich war bis jetzt Emilys Mitbewohnerin und beste Freundin.“
„Moment, was heißt war? Wo ist Emily überhaupt, wir waren zum Lunch verabredet.“ unterbrach Bette Kelly.
„Ich weiß. Emily hat mir gestern auch alles erzählt und sie hat sich so gefreut, dass Sie hier waren und auch auf das Lunch heute. Dann hat Emily aber den Fehler gemacht und hat Ihren Vater angerufen. Während dieses Gesprächs ist sie sehr wütend geworden und hat Mr. Davis beschimpft. Zwei Stunden später, stand er mit zwei Männern plötzlich hier in unserem Apartment. Sie haben ein paar von Emilys Sachen gepackt und haben sie dann mitgenommen.“ „Mein Gott!“ Bette schlug entsetzt die Hände vor Ihr Gesicht „Er hat es wahr gemacht, er hat Emily ins Ausland verschleppt.“ brachte sie hervor und die Tränen strömten über ihr Gesicht. Sam holte sofort sein Handy aus der Tasche und wählte eine Nummer.
„Roger hier ist Sam. Kannst Du bitte mal überprüfen, ob eine Emily Davis oder Edward Davis in den letzten 12 Stunden irgendwie das Land verlassen haben?“ er wartete einen Augenblick auf eine Antwort. „Gut, danke. Ruf mich bitte sofort an, wenn Du etwas erfährst.“ Er legte auf und nahm Bette in den Arm. „Beruhige Dich bitte, Liebling, wir werden Emily finden, versprochen.“ Bette lächelte Sam dankbar an.
„Und wie willst Du das machen?“ fragte sie.
„Ich lasse das gerade überprüfen. Ich denke, jetzt ist es erst einmal an der Zeit, dass wir Deinem Ex-Mann einen Besuch abstatten.“ Er drehte sich zu Kelly um und reichte ihr seine Visitenkarte.
„Vielen Dank für Ihre Hilfe, Miss Morgen. Wenn sich Emily bei Ihnen meldet oder sonst etwas passiert, rufen Sie mich bitte an.“
„Ja, das mache ich.“ nickte Kelly „Ich hoffe Sie finden Emily.“
„Das werden wir, da bin ich mir ganz sicher.“ antwortete Sam und nahm Bettes Hand „Komm Liebling, lass uns gehen.“
Für Gabi und Ricardo begann mit dem Anbruch des Tages ein neues Kapitel in ihrem Leben. Als Gabi erwachte und Ricardo neben sich im Bett liegen sah, wusste sie, daß sich ihr Schicksal entschieden hatte. Während sie ihn liebevoll im Schlaf betrachtete, fragte sie sich, wie sie jemals an ihrer Liebe zweifeln konnte. Sie dachte an Antonio. Möglicherweise hatte sie ja wirklich noch Gefühle für ihn, aber sie hatte auch von Anfang an gewußt, das es für sie beide keine gemeinsame Zukunft geben würde. Zu unterschiedlich waren ihre Weltanschauungen. Ricardo bewegte sich im Schlaf und seufzte.
Gabi lächelte. Sie dachte an die vergangene Nacht, wo sie sich so bedingungslos und leidenschaftlich geliebt hatten. Ihre Sorgen und Gedanken waren wie ausgelöscht gewesen, und sie hatte sich ganz von ihren Gefühlen leiten lassen.
Gabi sah auf die Uhr. Schon wieder verschlafen! Leise, um Ricardo nicht zu wecken, schlüpfte sie aus dem Bett und zog sich einen Bademantel über. Estella würde sicher wieder frohlocken, daß sie sich mal wieder verspätet hatte.
Estella!
Mit einem Schlag war Gabi hellwach. Die Erinnerungen an den Tag zuvor kamen wieder hoch. Konnte es wirklich sein, daß ihre Stiefmutter für den Sturz verantwortlich war, und wenn ja, wieso wollte sie sie aus dem Weg haben?
"Einen Penny für Deine Gedanken!" hörte sie plötzlich Ricardos Stimme vom Bett her. Gabi zwang sich zu einem Lächeln.
"Sie dürften wohl mehr wert sein," entgegnete sie. Ricardo sprang aus dem Bett und kam auf sie zu. Er legte seine Arme um sie und zog sie zu sich heran.
"Guten Morgen, mein Liebling," sagte er zärtlich und gab ihr einen Kuß.
Gabi sah ihn schmunzelnd an.
"Du kannst wohl gar nicht genug bekommen, was?" zog sie ihn auf. Ricardo grinste.
"Niemals!" gab er zu. Gabi sah ihn nachdenklich an.
"Du hast mir noch gar nicht erzählt, was Du hier machst," sagte sie. Ricardo rieb sich den Bauch und seufzte.
"Werde ich alles machen, aber erst einmal brauche ich ein ordentliches Frühstück."
Gabi runzelte die Stirn.
"Du meinst wohl Mittagessen ... hast Du mal auf die Uhr geschaut?"
Ricardo warf eine Blick auf seine Armbanduhr und lachte.
"Mann, das ist mir ja noch nie passiert, daß ich das Frühstück verschlafen habe," sagte er. "Na gut, dann gehe ich jetzt ins Badezimmer und ziehe mich an." Gabi nickte.
"In Ordnung, dann werde ich nach unten gehen und schauen, ob ich noch was essbares auftreiben kann." Ricardo grinste und verschwand im Badezimmer, während Gabi die Tür öffnete und den Gang bis zur Treppe entlang ging.
"Du hast wohl die Nacht in einem fremden Bett verbracht?" hörte sie plötzlich Estellas Stimme hinter sich. Gabi drehte sich um und sah in das amüsierte Gesicht ihrer Stiefmutter. "Soweit ich mich erinnern kann, befindet sich Dein Zimmer doch am anderen Ende des Ganges, oder?" sagte sie, und Gabi erkannte die Ironie in ihrer Frage. Estella ging ein paar Schritte auf Gabi zu. "Wer ist es?" fragte sie anzüglich. "Der Polizist oder der Priester?"
Während Gabi sie nur fassungslos anstarrte und unfähig war, sich zu bewegen, drehte Estella sich um und ging lachend die Treppenstufen hinunter.
Gabi stand immer noch wie erstarrt am oberen Treppenabsatz, als Ricardo aus dem Gästezimmer kam. Erstaunt sah er sie an.
"Gabi, was machst Du denn noch hier?" fragte er. "Ich dachte, Du wolltest schon nach unten gehen." Gabi sah ihn an, doch ihr Blick ging ins Leere. Ricardo sah, daß sie am ganzen Körper zitterte und ihr Gesicht aschfahl war. Er legte seinen Arm um sie und führte sie zurück in sein Zimmer. Vorsichtig brachte er sie zum Bett hinüber.
"Willst Du mir nicht erzählen, was los ist?" fragte er sanft. Gabi schluckte. Sie konnte ihm nicht sagen, was sie für Antonio empfand, denn das würde ihm das Herz brechen. Außerdem war es völlig nebensächlich geworden, denn sie hatte sich für Ricardo entschieden. Sie sah ihn an und versuchte zu lächeln.
"Ich - ich glaube, daß mir der Unfall doch mehr zugesetzt hat, als ich wahrhaben wollte," log sie. Besorgt sah er sie an.
"Soll ich Dich zu einem Arzt bringen?" fragte er, doch Gabi schüttelte den Kopf.
"Nein," sagte sie schnell. "Ich brauche nur etwas Ruhe." Sie zog sich ihren Bademantel aus. "Ich werde mich noch ein bisschen hinlegen," sagte sie. "Könntest Du meinem Vater sagen, daß ich später herunterkommen werde, und ... daß er sich keine Sorgen machen soll?"
Ricardo nickte mechanisch.
"Bist Du auch ganz sicher, daß Dir sonst nichts fehlt?" fragte er besorgt. Gabi lächelte und gab ihm einen Kuß.
"Ganz sicher," sagte sie. Ricardo verließ das Zimmer, und Gabi schlüpfte unter die Bettdecke und zog sie sich über den Kopf. Sie hatte Ricardo angelogen, aber sie wäre einfach nicht fähig gewesen, Estella jetzt gegenüberzutreten! Gabi dachte an das Gespräch mit ihrem Vater zurück, bei dem sie ihm von ihren Gefühlen zu Antonio erzählt hatte. Estella musste sie dabei belauscht haben, denn woher wusste sie sonst, daß Ricardo einen Bruder hatte, der Priester war? Gabi drehte sich seufzend auf den Bauch und stützte ihr Kinn in den Händen ab. Warum nur war ihr Leben in den letzten Wochen und Monaten nur so kompliziert geworden? Erst die Affäre mit Casey, dann Antonio, und nun musste sie darum fürchten, daß Estella Ricardo brühwarm von ihrer Liebe zu Antonio erzählte. Und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, hatte ihre Stiefmutter sogar versucht, sie umzubringen! Gabi schüttelte den Kopf. Soviel Pech konnte man doch gar nicht haben!
Sie sprang auf. Madame Carmens Worte gingen ihr durch den Kopf. Sie hatte ihr damals verschwiegen, um was es sich dabei handeln würde, als sie ihre gesagt hatte, daß ihr Leben eine drastische Wende nehmen würde. Nun war Gabi plötzlich klar, was sie damit gemeint hatte. Nachdenklich begann sie im Raum hin und her zu laufen. Ihr Kampfeswille brach wieder durch. Sie würde Estellas Herausforderung annehmen, beschloß sie. Schließlich war sie kein kleines Mädchen mehr, daß sich von ihr einschüchtern ließ, und sie wußte etwas über Estella, was diese wohl ungern an die Öffentlichkeit gebracht haben wollte. Gabi ging zum Kleiderschrank und nahm sich frische Sachen heraus. Zumindest sauber und ordentlich wollte sie aussehen, wenn sie Estella gegenübertreten würde.
Gabi ging ins Badezimmer und drehte die Dusche auf ...
Als Ricardo das Esszimmer betrat, traf er Lorenzo nicht alleine an. Eine schöne, dunkelhaarige Frau, die er auf Ende 30 schätzte, war an seiner Seite. Während Estella Ricardo abschätzig musterte, wurde er von Lorenzo gleich freundlich begrüßt.
"Ricardo, ich grüße Sie! Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Nachtruhe?"
Ricardo konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er an die letzte Nacht mit Gabi zurückdachte.
"Danke, sie war sogar sehr angenehm," sagte er. Estella warf ihm einen spöttischen Blick zu, was Ricardo irritiert registrierte.
"Ich glaube, Sie kennen meine Frau noch nicht," sagte Lorenzo. "Ricardo, das ist Estella - meine Frau ... Estella, das ist Ricardo Torres. Er ist ..." Weiter kam er nicht, denn Estella unterbrach ihn.
"Wie schön, Sie endlich kennenzulernen, Mr. Torres," sagte sie mit einschmeichelnder Stimme," meine Stieftochter hat schon soviel von Ihnen erzählt." Sie streckte ihm ihre schmale Hand entgegen und musterte ihn dabei kritisch. "Also, ich muß schon sagen ... wie ein Priester sehen sie ja nicht gerade aus," stellte sie boshaft lächelnd fest. "Aber sicher täuscht dieser Eindruck nur. Sie sind ja in zivil hier."
Ricardo sah sie entgeistert an.
"Senora, ich glaube, Sie verwechseln da etwas," brachte er hervor, nachdem er sich wieder gefangen hatte. "Mein jüngerer Bruder ist Priester ... ich bin von Beruf Polizist."
Estella rollte theatralisch mit den Augen und schlug gespielt verlegen die Hand vor den Mund. "Meine Güte, das ist mir jetzt aber peinlich!" sagte sie. Sie schüttelte über sich selber den Kopf. "Da habe ich wohl tatsächlich etwas verwechselt." Sie holte tief Luft. "Ich hatte auch nicht wirklich angenommen, daß meine Stieftochter ein Verhältnis mit einem Priester hat!" fügte sie verschmitzt lächelnd hinzu.
Lorenzo hatte die ganze Zeit schweigend und mit geballter Faust den Boshaftigkeiten seiner Frau zugehört, doch nun war seine Geduld erschöpft.
"Estella!" Seine Stimme klang wie ein Peitschenhieb. Er ging ein paar Schritte auf sie zu und packte sie grob am Arm. "Es ist genug!" zischte er in ihr Ohr. Er wandte sich zu Ricardo um. "Wenn Sie meine Frau und mich entschuldigen würden? Wir haben etwas zu besprechen." Unsanft schob er sie vor sich her die Treppe hinauf. Ricardo stand wie angewurzelt. Ein furchtbarer Gedanke schoß ihm plötzlich durch den Kopf. War etwa zwischen Antonio und Gabi mehr, als beide zugeben wollten? Ricardo schloß die Augen und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Er wollte sie nicht verlieren, nicht jetzt, wo sie sich gerade erst wieder gefunden hatten! Ein Gefühl der Mutlosigkeit überkam ihn. Er öffnete die Tür und verließ das Esszimmer. Er brauchte frische Luft und Zeit, über alles nachzudenken! Ricardo öffnete die Eingangstür, hastete die Stufen hinunter und ging schnellen Schrittes den Weg entlang.
Auf den schnellsten Weg fuhr Sam nach Chicago zurück und lenkte den Wagen geschickt durch den Stadtverkehr. Schließlich brachte er das Auto vor dem Gebäude von ‚Davis Pharmazie’ zum Stehen. Dieses mal wartete Bette erst gar nicht, bis Sam ausgestiegen war und ihr die Tür öffnete, sondern sie sprang heraus, sobald der Wagen stand. Ohne auf Sam zu achten, lief sie auf den Eingang des Gebäudes zu. Sam folgte ihr und hielt sie am Arm zurück.
„Immer langsam, meine Schöne. Ich weiß ja, dass Du wütend bist, aber wenn Du dort so reinstürmst, dann erreichst Du gar nichts. Oder denkst Du vielleicht, die lassen Dich so ohne weiteres zu Deinem Exmann durch?“
Bette seufzte und blieb stehen.
„Ich denke Du hast recht. Aber wie wollen wir dann vorgehen?“
Sam lächelte Bette geheimnisvoll an.
„Nun, ich werde in meine Trickkiste greifen. Du sagst am besten nichts, bis wir Deinem Exmann gegenüberstehen. Vertrau mir einfach.“ Bette küsste Sam.
„Dir vertraue ich voll und ganz.“
„Gut,“ sagte Sam „dann komm.“
Gemeinsam betraten sie das Gebäude. Sam ging zum Pförtner hinüber. Er griff in seine Jackettasche und holte ein kleines Lederetui hervor. Er hielt dieses dem Pförtner unter die Nase.
„Guten Tag, wir kommen vom Gesundheitsministerium und möchten bitte sofort Mr. Davis sprechen.“ Der Pförtner sah kurz auf die Marke und griff dann zum Telfon. Er drückte eine Taste.
„Mr. Davis, hier ist jemand vom Gesundheitsamt, der Sie unbedingt sprechen will.“ Der etwas dickliche Mann lauschte und hielt dann seine Hand über die Sprechmuschel. „Mr. Davis fragt, um was es sich handelt?“
Sam beugte sich vor.
„Sagen Sie Mr. Davis, es geht um die Zuschüsse für die Forschungsarbeiten an dem neuen Aids Medikament.“
Der Pförtner wiederholte ins Telefon, was Sam eben gesagt hatte und nickte dann.
„Jawohl Mr. Davis.“ Er legte den Hörer auf und lächelte Sam an. „Mr. Davis erwartet Sie. Sein Büro ist im 11. Stock. Die Fahrstühle sind dort drüben.“ „Vielen Dank.“ sagte Sam und zog Bette mit sich zu den Fahrstühlen hinüber. Bisher hatte Bette noch kein Wort verloren, aber sobald sich die Lifttür hinter Ihnen geschlossen hatte, legte sie los.
„Wow, ich hätte nie geglaubt, dass das so einfach klappt.“ Sam lachte.
„Nun, das klappt auch nur, wenn man zuvor seine Hausaufgaben gemacht hat. Natürlich habe ich mich vorher gründlich über Deinen Exmann informiert.“
Bette umarmte Sam.
„Ich bin froh, das ich Dich gefunden habe. Du bist mein Supermann, und ich kann es kaum erwarten, Edwards Gesicht zu sehen, wenn er merkt, dass er Dich nicht so einfach einschüchtern kann.“
Der Fahrstuhl stoppte und die Türen glitten auf. Bette stieg zu erst aus und Sam folgte ihr. Nun standen sie in einer Halle und an der gegenüber liegenden Wand war ein Schreibtisch, an dem eine junge Frau saß. Sie lächelte Sam an und zeigte dabei neben einer Reihe strahlend weiße Zähne auch Ihr tiefes Dekolletè. „Sie sind bestimmt der Herr vom Gesundheitsministerium sein. Mr. Davis erwartet Sie schon. Sie können gleich durchgehen.“ Sie zeigte dabei auf die Tür rechts von ihr.
„Vielen Dank.“ lächelte Sam die junge Frau an. Er nahm Bettes Hand und zusammen betraten sie das Büro von Edward Davis.
Neugierig betrat Sam hinter Bette das Büro von Edward Davis. Er war gespannt darauf, was das für ein Mann war, der seine Tochter von Ihrer Mutter fern hielt, schlimmer noch, der einem unschuldigen Mädchen erzählte, dass seine Mutter gestorben sei. Hinter einem großen Schreibtisch aus Mahagoni, saß ein Mann, mit graumelierten Haar, der scheinbar in seine Arbeit vertieft war und es nicht für nötig hielt, seine Gäste zu begrüßen.
„Edward Davis, Du Mistkerl,“ brachte Bette wütend hervor. „wo ist Emily?“
Bei dem Klang von Bettes Stimme, hob Edwards Davis seinen Kopf und sah Bette mit kalten grauen Augen an.
„Dort wo Du sie nicht findest, Betzie.“ Er stand auf und kam um den Schreibtisch herum. Drohend blieb die untersetzte Gestalt wenige Zentimeter vor Bette stehen. „Ich hatte Dich bei unserer Scheidung gewarnt. Wenn Du versuchst Emily zu sehen, schaffe ich sie außer Landes.“ „Nenn mich nicht Betzie, das konnte ich noch nie leiden.“ brachte Bette wütend hervor. „Ich will jetzt sofort wissen, wo Emily ist.“
Edward Davis lachte höhnisch.
„Das wirst Du nie erfahren.“ Sam merkte, dass Bette drauf und dran war, die Beherrschung zu verlieren und schob sich zwischen Bette und ihren Exmann.
„Hören Sie Mr. Davis,“ versuchte er zu vermitteln, „Emily ist mittlerweile erwachsen und sollte selber entscheiden, ob Sie ihre Mutter sehen möchte oder nicht.“
„Und wer gibt Ihnen das Recht, sich hier einzumischen?“ fragte Edward und sah Sam dabei mit zusammengekniffenen Augen an.
„Ich bin Bettes Verlobter“ antwortete Sam „und ich möchte, dass Bette glücklich ist. Wenn sie gerne ihre Tochter sehen möchte, dann soll sie Emily auch sehen.“
Edwards Gesicht verzog sich zu einer Grimasse.
„Nur über meine Leiche, und nun verlassen Sie bitte mein Büro, bevor ich den Sicherheitsdienst hole.“ sagte er. „Und nehmen Sie dieses Miststück hier gleich mit.“ Er fasste Bette hart am Oberarm und schob sie in Sams Richtung. Das war zu viel für Sam. Er holte aus und versetzte Edward Davis einen Kinnhaken.
„Wagen Sie es ja nicht, Bette noch einmal näher zu kommen oder Sie zu beleidigen.“ sagte er mit drohender Stimme. „Diesmal haben Sie sich mit dem Verkehrten angelegt. Bette muss nun nicht mehr alleine gegen Sie ankämpfen. Und eins verspreche ich Ihnen, ich werde Emily finden, und ich werde Sie fertig machen, und danach werden Sie den Tag verfluchen, an dem Sie Bette ihre Tochter weggenommen haben.“ Sam nahm Bettes Hand. „Komm Liebling, wir sind hier fertig.“ Ohne sich noch einmal nach Edward Davis um zu drehen, verließen sie das Büro.
Als Bette und Sam wieder im Auto saßen, brach Bette in Tränen aus.
„Nun ist alles vorbei, ich werde Emily nie wieder sehen.“ Sam nahm Bette tröstend in den Arm „Keine Angst, mein Liebling, wir werden Emily finden, das verspreche ich Dir.“
„Aber...“ schluchzte Bette „aber wie willst Du das denn anstellen?“ Sam holte ein Taschentuch aus seiner Jackettasche und reichte es Bette.
„Nun, zu erst werden wir einmal ein wenig mehr über Mr. Edward Davis herausfinden. Wir fahren jetzt zu seinem Haus und sehen uns das mal an.“ Er startete den Wagen und fädelte sich in den fließenden Verkehr stadteinwärts ein. Eine Viertelstunde später hielt Sam vor einem großen Anwesen.
„Oh man, er hat sein Haus abgeschirmt, wie Fort Lauderdale.“ stellte Sam fest.“
Bette sah Sam an.
„Wie meinst Du das?“ fragte sie.
„Nun,“ Sam weiß auf das solide gusseiserne Tor „dort am Tor hat er eine Videoüberwachungsanlage installiert. Und sieh Dir die hohe Mauer an. Zusätzlich hat er diese auch noch mit einem elektrischen Draht gesichert.“ Sam sah sich weiter um. „Ich wette, er hat ein paar Wachhunde und Wachleute, die das Grundstück zusätzlich überwachen. Wenn Du mich fragst, hat Dein sauberer Herr Exmann so einiges zu verbergen.“
In diesem Augenblick klingelte Sams Handy und er hob ab. „Peterson“ meldete er sich und lauschte, was sein Gesprächspartner zu sagen hatte. „Gut danke, Roger.“ sagte er schließlich und legte auf. „Wie es aussieht, haben weder Edward Davis, noch Emily Davis in den letzten 24 Stunden das Land verlassen. Wenn Du mich fragst, hält sich Emily in Edwards Haus auf.“
Kaum hatte Sam zu Ende gesprochen, als sie auch schon drauf und dran war auszusteigen. Sam hielt sie zurück.
„Hey, wo willst Du denn jetzt hin?“
„Na nachsehen, ob Emily dort drin ist.“ antwortete Bette. Sam hielt Bette fest.
„Das werden wir, aber wir werden nicht so einfach so darauf losstürmen. Wir fahren jetzt ins Hotel zurück und legen uns einen Plan zurecht.“ erklärte Sam.
„Und was ist, wenn Edward Emily in der Zwischenzeit außer Landes bringt?“ fragte Bette ängstlich.
„Wenn er das versucht, werde ich sofort informiert.“ sagte Sam. Er startete den Wagen und fuhr zum Hotel zurück.
Im Hotel angekommen, wollte Bette ungeduldig wissen, was Sam denn nun zu tun gedenke.
„Nun,“ sagte Sam ruhig und gelassen „ich denke, ich werde als erstes Ben anrufen und fragen, wie es ihm geht.“
Bette sah Sam überrascht an.
„Ich weiß ja, dass Du und Ben die besten Freunde seit, aber muss das jetzt sein?“ fragte Bette. Sam nickte und lächelte.
„Keine Angst, Liebling. Ich rufe Ben ja nicht zu meinem Vergnügen an.“ Er nahm den Hörer ab und wählte Bens Nummer. Kurze Zeit später meldete sich Ben am anderen Ende.
„Hi Ben, wie geht es Dir?“ fragte Sam.
„Danke, gut so weit, nur fange ich allmählich an mich zu langweilen. Meg ist in der Liberty Corporation und hat mir streng verboten auch nur in die Nähe meines Büros zu kommen.“ antwortete Ben. Sam lachte.
„Das hört sich an, als ob Du eine Abwechselung gebrauchen kannst.“ stellte er erleichtert fest. „Aber wie geht es Dir körperlich?“
„Von Stunde zu Stunde besser. Das muss wirklich eine Wundermedizin gewesen sein, die ich auf Hawaii bekommen habe.“ antwortete Ben. „Aber Du rufst mich doch bestimmt nicht nur an, um zu fragen, wie es mir geht?“ Ben kannte seinen Freund nur zu gut.
„Erwischt,“ lachte Sam „also, die Sache ist die, ich könnte hier Deine Hilfe gebrauchen, aber nur, wenn Du Dich wirklich danach fühlst.“
„Und ob ich mich danach fühle. Wann soll ich wo sein?“ fragte Ben ohne zu zögern.
„Ich brauche Dich hier in Chicago.“ antwortete Sam.
„Gut, ich komme mit der nächsten Maschine. Soll ich noch irgendwas mitbringen?“
„Ja,“ antwortete Sam „so ein paar Dinge aus meinen Van konnte ich noch gebrauchen.“
„Dann leg mal los.“ sagte Ben. Sam seufzte.
„Nun, am besten wäre es, wenn ich den Van ganz hier hätte, aber....“
„Das ist doch kein Problem,“ fiel Ben Ihm ins Wort „den bringe ich einfach mit.“
„Nein Ben, das kann ich nicht von Dir verlangen, diese weite Fahrt wäre zu anstrengend für Dich und würde außerdem zu lange dauern.“ wandte Sam ein. Ben lachte.
„Aber nicht, wenn ich mit dem Flugzeug komme.“
„Wie meinst Du das?“ fragte Sam etwas verwirrt.
„Nun, der Liberty Corporation gehört auch eine Frachtmaschine und damit ist es kein Problem, Deinen Van und mich nach Chicago zu transportieren.“
„Das wäre ja super.“ sagte Sam.
„Gut, dann wäre das ja geklärt.“ erwiderte Ben. „Bist Du auch sicher, dass Du das schon tun kannst? Nicht das es nachher Ärger mit Meg gibt.“ fragte Sam noch einmal.
„Keine Angst, mit Meg komme ich schon zurecht. Allerdings wäre es ein wenig hilfreicher für mich, wenn Du mir sagst, wofür Du meine Hilfe brachst.“ antwortete Ben.
„Natürlich“ sagte Sam und beschrieb Ben mit wenigen Worten die Situation.
„Keine Angst Sam, ich bin sicher, dass Meg voll und ganz verstehen kann, dass ich Dir und Bette helfen möchte, Emily zu finden. Ich rufe Dich an, wenn ich weiß, wann ich in Chicago landen werde. Und Grüß Bette von mir. Sag ihr, wir werden Emily finden.“
„Danke Ben, bis dann.“ sagte Sam und legte den Hörer auf. Er drehte sich zu Bette um.
„Hilfe ist unterwegs. Und bis Ben hier ist, werde ich noch so einige Nachforschungen anstellen.“ Er ging zu seinem Laptop hinüber und schaltete ihn an. „Bette, könntest Du mir bitte eine große Kanne Kaffee bestellen? Das wird eine lange Nacht werden.“ Bette nickte.
„Ja, am besten bestelle ich gleich noch ein paar Sandwichs dazu.“ sagte sie und rief den Zimmerservice an. Nun da sie wusste, das Ben kommen würde, war sie schon um einiges ruhiger, und sie wusste plötzlich, das alles gut werden würde.
Nachdenklich legte
Ben den Hörer wieder auf.
Meg würde alles andere als begeistert sein, wenn er ihr nachher, wenn sie aus
dem Büro kam, eröffnete, dass er so bald wie möglich abreisen müßte, um Sam zu
helfen. Dieser Abschied mußte sie unweigerlich an seine Geschäftsreise nach
Hawaii erinnern... Aber mitnehmen konnte er sie nicht, wenn schon Bette im Büro
fehlte, dann wollte er wenigstens Meg dort haben, denn nach den jüngsten
Ereignissen traute er Gregory nicht über den Weg.
Gregory - diese Sache brannte ihm auch noch unter den Nägeln, und er musste
unbedingt noch einiges klären, bevor er nach Chicago flog.
Kurzentschlossen nahm er das Telefon und wählte die Nummer der Liberty
Corporation.
Meg nahm das Gespräch entgegen.
„Hallo mein Schatz. Hast Du bald Feierabend?“ fragte er und der Klang ihrer
Stimme ließ ihn glücklich lächeln.
„Tut mir leid, Ben, es wird wohl etwas später.“ seufzte sie. „Hier ist so viel
liegengeblieben, seit ich weg war, ich muß erst noch ein paar wichtige Sachen
erledigen. Aber ich verspreche Dir, zum Abendessen bin ich ganz bestimmt zu
Hause!“
„Gut, dann werde ich hier auf Dich warten... ungeduldig! Sag mal, ist Gregory
in seinem Büro?“
„Nein, er ist zur Baustelle rausgefahren, da gab es wohl irgend ein Problem. Er
sagte, es könne eine Weile dauern.“
Ben nickte zufrieden. Das passte ausgezeichnet.
„Gut, dann spreche ich morgen mit ihm.“ Er machte eine kleine Pause. „Meg?“
„Ja?“
„Ich liebe Dich!“
„Ich Dich auch, Ben.“ antwortete sie und ihre Stimme hatte einen zärtlichen
Klang, so dass ihm ganz warm ums Herz wurde.
„Ich hab mir für heute abend etwas Besonderes ausgedacht, und ich hoffe, dass Du
nicht zu müde bist, wenn Du nach Hause kommst.“ sagte er geheimnisvoll.
„Wenn ich keinen Strandlauf bis nach Santa Monica mit Dir machen muß...“ lachte
sie und fügte dann hinzu: „okay, ich freu mich auf heut abend, Ben. Bis dann!“
„Hallo Rose!“
begrüßte Ben die Haushälterin der Richards freundlich, als sie ihm eine halbe
Stunde darauf die Tür öffnete. „Ich bringe hier einige wichtige Unterlagen für
Gregory. Ist er schon zu Hause?“
„Mister Evans, kommen Sie bitte herein.“ antwortete Rose mit verbindlichem
Lächeln. „Mister Richards mußte vom Büro aus noch einmal zur Baustelle
hinausgefahren, nachdem er von dort einen dringenden Anruf erhalten hat.“
erklärte sie. „Aber Misses Richards ist oben in ihrem Zimmer. Ich werde sie
holen. Bitte,“ sie wies auf die Couch, „nehmen Sie solange Platz. Darf ich Ihnen
etwas zu trinken anbieten?“
Ben winkte ab.
„Vielen Dank, Rose. Ich denke, Gregory wird nichts dagegen haben, wenn ich mir
selbst einen Drink einschenke.“ meinte er und ging zur Bar hinüber.
„Oh, Mister Evans...“ verlegen zuckte Rose die Schultern, „die Flaschen dort
sind nur eine Attrappe.“
„Was?“ Ungläubig wandte Ben sich um. „Das ist ein Scherz, Rose! Oder?“
Die Haushälterin schüttelte den Kopf.
„Nein, Mister Richards möchte nicht, dass irgendwo Alkohol herumsteht.“
„Seit wann denn das?“
„Seit dem Misses Richards...“ Rose biß sich nervös auf die Zunge. „Nun, schon
eine ganze Weile. Aber wenn Sie mir sagen, was sie möchten, hole ich es Ihnen
aus der Küche.“ beeilte sie sich zu sagen.
„Danke, Rose. Ich bin auch mit einem Mineralwasser zufrieden.“ lächelte Ben.
Während sie ihm das Glas hinstellte, sah er sie aufmerksam an.
„Sagen Sie bitte, Rose, in der Stadt kursieren die wildesten Gerüchte über den
Tag, als der Unfall geschah. Sie wissen schon, was ich meine...“
Rose nickte und man sah ihr an, dass sie sich sehr unbehaglich fühlte.
„Sie waren doch an dem besagten Tag hier. Stand Misses Richards unter irgend
welchem Stress? War sie aufgeregt oder hat Sie sich über irgend etwas geärgert?“
„Mister Evans...“ sie suchte krampfhaft nach den richtigen Worten, „ja, Misses
Richards war sehr aufgeregt, sie hat sich über etwas geärgert, und dann...
entschuldigen Sie, aber ich bekomme ziemlichen Ärger, wenn ich mit Ihnen darüber
rede. Ich weiß nicht, ob...“
Ben nickte.
„Ist schon gut, Rose, ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen. Tut mir
leid.“
„Womit wolltest Du Rose nicht in Verlegenheit bringen, Ben?“ fragte Olivia, die
unbemerkt die Treppe hinuntergekommen war, und obwohl sie in unverbindlichem
Plauderton sprach, stand doch ein gewisses Mißtrauen in ihren Augen. „Flirtest
Du etwa mit meiner Haushälterin?“
Während Rose sich sichtlich erleichtert entfernte, stand Ben auf und ging auf
Olivia zu.
„Ich habe gehofft, ich kann sie Euch abwerben.“ ging er auf ihren Scherz ein,
während sich die beiden begrüßten. „Aber sie verhält sich absolut loyal und will
Euch nicht verlassen!“
Er betrachtete Olivia lächelnd. „Wie geht es Dir?“
„Oh, es geht schon wieder.“ erwiderte sie vage. „Ich fühle mich noch immer etwas
erschöpft.“ Sie setzten sich. „Und was ist mit Dir? Alles wieder in Ordnung? Wir
waren alle sehr froh, als wir erfuhren, dass Du am Leben bist!“
Ben nickte.
„Ja, ich hatte ein Riesenglück. Und ich habe Meg. Sie ist das Beste, was mir
seit langem in meinem Leben passiert ist!“
Olivia lächelte versonnen.
„Weißt Du Ben, Ihr beide erinnert mich immer an Gregory und mich, als wir noch
so jung waren... Es war so eine schöne Zeit!“
„Seit Ihr denn heute nicht mehr glücklich?“ forschte Ben, obwohl er über die
zahlreichen Ehekrisen der beiden bescheid wußte.
Olivia strich sich mit der Hand über die Stirn.
„Momentan scheint es fast so, als würde es besser werden. Gregory bemüht sich
seit dem Unfall sehr um mich, er versucht, alle Aufregung vor dem bevorstehenden
Prozeß von mir fernzuhalten. Aber je mehr er das tut, um so nervöser werde ich.“
„Aber wieso machst du Dir denn Sorgen, Olivia?“ fragte Ben. „Du hast doch nichts
zu befürchten!“
„Wenn Du wüßtest...“ entfuhr es ihr, doch sie brach sogleich erschrocken ab.
„Was denn?“
„Na ja, weißt du... immerhin habe ich durch meine... Unachtsamkeit Casey fast
umgebracht!“ sie suchte krampfhaft nach Worten. „Er hat sich mit jemandem auf
der Strasse geprügelt, und ich... hab ihn zu spät gesehen, ich...“
„Wo wolltest Du eigentlich an dem Tag so schnell hin?“
„Ich weiß nicht, ich denke, ich wollte zu Gregory... wir hatten uns
gestritten...“ Sie griff sich wieder an die Stirn. „Ben, entschuldige, ich habe
fürchterliche Kopfschmerzen. Ich werde mich noch etwas hinlegen.“
„Natürlich.“ Ben stand auf und ging zur Tür. „Bitte grüß Gregory von mir. Die
Unterlagen dort auf dem Tisch wird er sicher brauchen. Bis bald, Olivia.“
Gedankenversunken starrte Olivia ihm nach. Hatte sie zu viel gesagt? Wußte er
mehr, als er zugeben wollte?
Mit einem flauen Gefühl im Magen ging sie wieder nach oben.
Michael und Vanessa
hatten mehrere Kartons mit den wichtigsten Sachen aus Vanessas Wohnung geholt
und waren gerade dabei, alles vor dem Surf Center auszuladen. Mark packte mit
an, und gemeinsam schleppten sie alles nach oben in Saras ehemaliges Zimmer.
„So viele Sachen kannst Du doch unmöglich brauchen!“ stöhnte Michael und ließ
sich zwischen die restlichen Kartons auf die Couch fallen. „Ich denke, Du ziehst
nur vorübergehend hier ein?“
„Komm schon, keine Müdigkeit!“ grinste Vanessa, „Du wolltest es schließlich so!“
Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, um ihm wieder aufzuhelfen, aber er war
stärker und zog sie zu sich herunter. Lachend rangen sie miteinander und warfen
eine der Kisten um. Bücher, lose Blätter und ein paar Schnellhefter fielen bunt
durcheinander und machten das Chaos perfekt.
„Hey!“ rief Mark, der gerade wieder die Treppe herunterkam, „was soll der
Unsinn, habt Ihr nichts Besseres zu tun?“
„Doch!“ lachte Michael und küßte Vanessa, die ihre Arme um seinen Hals
geschlungen hatte. Mark verdrehte genervt die Augen und riß die Tür auf, um die
restlichen Sachen hereinzuholen. Erschrocken blieb er wie angewurzelt stehen.
Vor ihm standen Virginia und Jimmy und sahen ihn erwartungsvoll an.
„Hi Mark!“ rief Jimmy, „Ist Megs Zimmer noch frei?“
Zwischen Büchern und Kartons tauchten Vanessas und Michaels ungläubige Gesichter
auf.
„Jimmy? Virginia?“ Michael rappelte sich hoch und Vanessa zog schnell ihre Bluse
zurecht. „Wo kommt Ihr denn plötzlich her?“
Während Jimmy seinen Vater stürmisch begrüßte, trat Virginia zögernd näher.
Etwas verlegen sah sie von Vanessa zu Michael.
„Ich hab versucht, hier anzurufen, aber es war keiner da, also sind wir heute
morgen einfach losgefahren.“ Sie atmete tief durch. „Michael, ich brauche Deine
Hilfe!“
Gabi war gerade dabei, ihre Haare trockenzufönen, als sie plötzlich hörte, wie nebenan eine Tür zugeschlagen wurde. Kurz darauf hörte sie zwei aufgebrachte Stimmen. Sie schaltete den Fön aus und lauschte neugierig. Unschwer konnte sie erkennen, daß es sich bei den beiden Streithähnen um ihren Vater und Estella handelte. Die beiden sprachen so laut, daß man fast jedes Wort verstehen konnte. –
"Kannst Du mir mal sagen, was das vorhin sollte?" hörte sie ihren Vater fragen. Seine Stimme klang sehr wütend. Einen Moment war Stille, dann hörte sie die Stimme ihrer Stiefmutter.
"Da Du ja anscheinend nicht fähig bist, ihr den Weg nach draußen zu zeigen, wollte ich eben ein bisschen nachhelfen."
"Was fällt Dir ein?" hörte sie wieder die aufgebrachte Stimme ihres Vaters. "Du hast Dich nicht in Gabis Leben einzumischen. Ich verbiete es Dir!" Seine Stimme überschlug sich fast, und Gabi wartete gespannt auf Estellas Reaktion. Sie hörte ein spöttisches Lachen.
"Du willst mir etwas verbieten? Mach' Dich doch nicht lächerlich! Alles, was Du hast und bist, hast Du mir zu verdanken. Vergiß' das nicht, mein Lieber!" Gabi hörte, wie jemand hektisch im Raum auf und ab ging. "Es genügt nur ein Anruf, und schon bist Du aus meinem Testament gestrichen!" Gabi hörte den Hass in Estellas Stimme.
"Was bist Du nur für ein Mensch?" hörte Gabi wieder die Stimme ihres Vaters. Und wieder hörte sie das nervöse Klack-Klack von Estellas Pumps auf dem Parkettboden.
"Du bist so naiv, Lorenzo! Glaubst Du, ich habe die Absichten Deiner Tochter nicht durchschaut? Sie spielt Dir die liebende Tochter doch nur vor, in Wirklichkeit will sie sich nur bei Dir einschleimen, weil sie hofft, so einmal an mein Vermögen zu kommen. Aber sie hat die Rechnung ohne mich gemacht! Sie wird nichts bekommen, dafür werde ich schon sorgen ..." –
Gabi hatte genug gehört. Sie war fassungslos und wütend über das, was sie gerade gehört hatte, aber nun war sie auch ziemlich sicher, daß ihre Stiefmutter für ihren Unfall verantwortlich gewesen war. Was hatte sie gesagt? Sie würde schon dafür sorgen, daß sie nichts von dem Vermögen abbekommen würde. Gabi verstand nun endlich, was Estella die ganzen Jahre gegen sie gehabt hatte. Sie hatte ihr Vermögen durch sie bedroht gesehen. Gabi atmete tief durch. Vielleicht wäre es doch einmal an der Zeit, mit Ricardo über diese Sache zu reden, überlegte sie. Gabi ging zum Fenster und schaute gedankenverloren hinaus. Sie sah, wie Ricardo fast fluchtartig das Haus verließ. Ein furchtbarer Gedanke keimte in ihr auf. Hatte Estella ihm etwa von Antonio und ihr erzählt? War ihr Vater deswegen so wütend gewesen?
Gabi erstarrte, als sie an die möglichen Konsequenzen nachdachte. Schnell zog sie sich fertig an und rannte dann den Gang und die Treppe hinunter.
Als Meg gegen Abend
als Letzte das Büro der Liberty Corporation verließ, stand Bens schwarzes BMW-
Cabrio vor dem Eingang auf dem Parkplatz. Er selbst war nicht zu sehen.
Neugierig trat Meg näher und bemerkte erstaunt, das der Zündschlüssel im Schloß
steckte. Auf dem Fahrersitz lag eine weiße Rose und ein geheimnisvoller
Briefumschlag. Wieder sah sie sich suchend nach Ben um, aber er war nirgends zu
sehen. Meg nahm den Briefumschlag und öffnete ihn. Darin lag ein Zettel.
„Wo kann man die schönsten Sonnenuntergänge von ganz Sunset Beach beobachten?
Erinnerst Du Dich an den Platz, Meg? Dort hätte ich Dich damals beinahe zum
ersten Mal geküßt... Ich warte auf Dich! Ben“
Meg lächelte und schloß für einen Moment die Augen. Natürlich wußte sie genau,
welchen Platz er meinte. In Gedanken sah sie die Szenen von damals vor sich, wie
sie an diesem Abend zusammen aus Los Angeles zurückgekommen waren. Ben hatte
plötzlich den Wagen angehalten und sie zu dem Platz über den Klippen geführt,
von wo aus man die ganze Stadt sehen konnte. Die Sonne versank im Meer, es war
alles so faszinierend schön gewesen, und wäre Annie nicht in diesem Moment dort
aufgetaucht...
Meg startete den Motor des BMW und fuhr los. Sie bog auf die Küstenstrasse ab
und trat aufs Gaspedal. Der warme Sommerwind zerzauste ihr Haar, aber das störte
sie nicht. Minuten später war sie da, parkte den Wagen zwischen den Bäumen neben
der Strasse und stieg aus.
Als sie zu den Klippen hinüberging, bemerkte sie die Spur aus weißen
Rosenblüten, die ihr den Weg weisen sollten. Lächelnd hob sie eine davon auf und
steckte sie in ihr Haar. Sie trat hinaus auf das Plateau vor den Felsen und
spürte den Wind, der vom Meer herüberwehte und ihre Haut streichelte. Der Himmel
über dem Wasser färbte sich bereits rot, aber von Ben war nichts zu sehen.
Gedankenversunken sah Meg hinunter auf Sunset Beach, die Stadt, in der sie ihr
Glück gefunden hatte, als sie plötzlich zwei starke Arme umfingen.
„Schön Sie zu sehen, Miss Cummings!“ raunte ihr eine wohlbekannte Stimme
zärtlich ins Ohr. „Wie ich sehe, scheint Dir die Aussicht immer noch zu
gefallen!“
Meg lehnte ihren Kopf gegen die Schulter hinter sich und schloß genießerisch die
Augen.
„Ich habe damals schon gewußt, das ich hier leben will, mit Dir!“
Sie drehte sich zu ihm um und sie sahen sich in die Augen. „Das war eine
wundervolle Überraschung, Ben!“
Er zwinkerte ihr geheimnisvoll zu.
„Komm mit, die Überraschung ist noch nicht zu Ende!“
Hand in Hand liefen
sie ein Stück auf den Klippen entlang. Nicht weit von der kleinen
Aussichtsplattform hatte Ben ein Picknick vorbereitet. Er hatte an alles
gedacht, ein Abendessen für zwei, dazu Wein und natürlich weiße Rosen.
„Meine Güte, Ben!“ Überwältigt sah Meg ihn an. „Ich hab nicht im Traum daran
gedacht, dass mein erster Arbeitstag so wunderbar enden würde...“
Ben lachte und gab ihr einen Kuß.
„Nun setz Dich und iß erst einmal, Du hast bestimmt Hunger!“
„Oh ja, den hab ich!“
Sie nahmen Platz und ließen sich das Picknick schmecken, während vor ihren Augen
die Sonne langsam im Meer versank und ein märchenhaftes Licht über die ganze
Küste zauberte.
Später saßen sie engumschlungen und sahen dem prächtigen Farbenspiel am Horizont
zu.
„Dieser Abend ist so wunderschön. Hab ich vielleicht noch einen kleinen Wunsch
frei?“ fragte Meg leise.
„Und was wünschst Du Dir?“
„Kann ich jetzt vielleicht den Kuß bekommen, den Du mir damals nicht geben
konntest, weil Annie uns gestört hat?“
Ben lächelte.
„Den einen und noch viele mehr, wenn Du möchtest!“
Es war schon fast dunkel, als Ben Meg von Sams Anruf erzählte. Erschrocken sah
sie ihn an.
„Aber Du bist noch nicht einmal richtig gesund!“ sagte sie vorwurfsvoll. „Du
solltest das nicht tun!“
Ben legte seine Hände auf ihre Schultern und sah ihr liebevoll in die Augen.
„Hör zu; Meg, ich weiß, wovor Du Angst hast, aber ich verspreche Dir, so etwas
wie auf Hawaii wird nicht noch einmal passieren! Außerdem bist Du die Einzige,
der ich bisher davon erzählt habe. Ich bin bestimmt ganz vorsichtig. Aber Sam
würde auch alles für mich tun, das weißt Du doch.“
Meg nickte.
„Ja, ich weiß.“
„Und nun brauchen er und Bette meine Hilfe. Ich muß dorthin, das bin ich ihm
schuldig.“
„Wann fliegst Du?“
„Morgen. Sam braucht seinen Van, und ich werde selbst mit der kleinen
Frachtmaschine der Firma rüber nach Chicago fliegen.“
Meg riß die Augen auf.
„Du? Kannst Du denn...“
Ben lachte.
„Ja, eine Frachtmaschine kann und darf ich fliegen. Eines von den angenehmen
Dingen meiner damaligen Sonderausbildung.“
„Aber Du bist doch bestimmt lange nicht geflogen!“
„Das ist wie Schwimmen oder Autofahren, Meg, das verlernt man nicht. Vertrau
mir! Ich würde Dich ja gern mitnehmen, aber Du weißt ja selber, dass ich Gregory
im Moment nicht so recht trauen kann, und da ist es gut, wenn Du in der Firma
ein Auge auf alles hast, was er so treibt. Ich war heute in seinem Haus, und ich
glaube fast, Vanessa hat mit ihrer Vermutung recht. Sie ist nahe dran an der
Wahrheit. Aber Gregory würde alles tun, um zu verhindern, dass der Name seiner
Familie in den Dreck gezogen wird. Ich hoffe nur, er geht nicht zu weit dabei.
Ich werde ihm morgen noch einen kurze Besuch abstatten, bevor ich abfliege.“
Meg kuschelte sich in seine Arme.
„Ich werde ihn schon im Auge behalten, zumindest im Büro.“ Sie richtete sich auf
und sah ihm in die Augen. „Ben, bitte sei vorsichtig in Chicago. Ich hoffe nur,
es passiert Dir nichts.“
„Ich passe gut auf mich auf, versprochen. Du sollst keine Angst haben.
Außerdem...“ er lächelte verschmitzt, „es wäre wirklich nicht gut, wenn Dir
Flugzeuge plötzlich Angst einjagen würden.“
„Wie meinst Du das?“ fragte Meg und sah ihn verständnislos an.
„Na ja, ich dachte, während ich weg bin, könntest Du Dir schon mal ein paar
Gedanken machen, wohin unsere Hochzeitsreise gehen soll. Zu Hause liegen ein
paar Prospekte, und ich möchte, das Du Dir einen Ort aussuchst, wo Du schon
immer gerne hinwolltest. Was hälst Du davon?“
Meg lachte.
„Sollten wir das nicht zusammen tun?“
Ben küßte sie.
„Glaub mir Meg, jeder Ort auf dieser Welt ist mir recht, solange ich mit Dir
dort zusammen sein kann!“
"So, das wäre erledigt!" Joan legte den Hörer auf und wandte sich an Hank. "In weniger als 24 Stunden werden wir wieder zuhause sein," sagte sie lächelnd zu ihm. Er nahm sie spontan in den Arm.
"Ich freue mich schon darauf, wieder in meinem eigenen Bett zu schlafen," sagte er und grinste. "Was soll das heissen, Dad? Willst Du damit sagen, daß Du bei uns nicht gut geschlafen hast?" Sara kam gerade die Treppe herunter und sah ihren Vater empört an.
"Nein, nein, natürlich nicht," beeilte er sich zu sagen. "War nur ein Scherz!"
Sara sah sich stirnrunzelnd um.
"Wo ist denn Derek?" fragte sie.
"Er wollte noch einmal kurz beim "Deep" vorbeischauen, um seinen Mitarbeitern noch letzte Instruktionen zu geben, bevor wir morgen früh abfliegen," erklärte Joan ihr. Sara sah sie nachdenklich an.
"Hoffentlich übernimmt er sich nicht!" sagte sie, und Joan konnte die Besorgnis in ihrer Stimme erkennen. "Das hätte er doch auch telefonisch erledigen können." Sara griff nach ihrer Jacke, die am Haken neben der Tür hing. "Wenn das so ist, werde ich auch nochmal ins "Deep" gehen. Vielleicht kann ich auch gleich noch bei Ben und Meg vorbeigehen, um mich zu verabschieden." Joan schüttelte den Kopf.
"Da wirst Du kein Glück haben," sagte sie bedauernd. "Ich habe gerade vorhin angerufen, aber es war nur der Anrufbeantworter geschaltet. Ich habe ihnen eine Nachricht aufgesprochen. Meg wird sich sicher melden, sobald sie das Band abhört."
Sara nickte.
"In Ordnung. Wann geht denn der Flieger nach Kansas?" fragte sie.
"Erst gegen Mittag," entgegnete Joan. "Wir haben also noch genügend Zeit, uns von den beiden zu verabschieden."
"Prima ..." Sara fiel plötzlich etwas ein. "Habt Ihr Lust, noch auf ein Stündchen mit ins "Deep" zu kommen?" fragte sie und sah ihre Eltern erwartungsvoll an. Joan und Hank schüttelten fast zeitgleich den Kopf.
"Nein, danke! Wir haben vorläufig genug von Trubel und Feiern. Wir werden es uns hier noch ein bisschen gemütlich machen."
Sara sah grinsend von ihrem Vater zu ihrer Mutter.
"Na, dann wünsche ich Euch noch einen schönen, gemütlichen Abend zu zweit! Wartet nicht auf mich. Ich denke, es wird wohl spät werden." Sie öffnete die Tür und verschwand in der Dunkelheit.
"Ricardo, warte!" Gabi rannte, so schnell sie konnte hinter ihm her. Er blieb stehen, als er seinen Namen hörte. Völlig außer Atem blieb sie vor ihm stehen. "Ich glaube, wir sollten reden," sagte sie. Ricardo sah sie mißtrauisch an.
"Worüber?" fragte er unsicher. Gabi griff nach seinem Arm.
"Komm', wir gehen etwas im Garten spazieren. Dann erzähle ich Dir alles."
Ricardo war neugierig darauf, was Gabi ihm zu erzählen hatte, und deshalb folgte er ihrer Aufforderung. Während sie dann Arm in Arm durch den Rosengarten gingen, erzählte Gabi ihm von ihrem Leben, bevor sie nach Sunset Beach gekommen war. –
"Ich wusste nicht," sagte Ricardo danach überrascht," daß Du und Dein Vater nach dem Tod Deiner Mutter fast mittellos waren."
Gabi nickte.
"Ja, und als er Estella kennenlernte, erkannte er seine Chance, aus diesem Dilemma herauszukommen."
Ricardo sah sie irritiert an.
"Dann hat Dein Vater Deine Stiefmutter also nur wegen ihres Geldes geheiratet?"
Gabi zuckte mit den Schultern.
"Ich weiß nicht so genau. Er behauptet, daß er sich damals Hals über Kopf in sie verliebt hätte, aber so ganz habe ich ihm das nie geglaubt." Gabi atmete tief durch. "Estella hat mich von Anfang an gehasst, und ich wusste nie, warum. Jetzt weiß ich es!" Gabi machte eine Pause und sah Ricardo nachdenklich an. "Mein Vater und Estella haben vor ihrer Eheschließung einen Vertrag abgeschlossen, der besagt, daß er gleichberechtigt am Vermögen beteiligt wird. Er kann darüber also genauso verfügen wie sie.“ Gabi seufzte. "Ich vermute mal, daß Estella nun Angst hat, daß mein Vater mir nach seinem Tod einen Teil des Martinez-Ramirez-Vermögens vererben könnte. Dann bliebe womöglich weniger für sie und ihren Sohn übrig. Eine furchtbare Vorstellung für jemanden, der geradezu krankhaft geldbesessen ist wie Estella!" fügte Gabi bitter hinzu. "Deshalb will sie mich auch aus dem Weg schaffen ..."
Ricardo hatte ihr die ganze Zeit mit gerunzelter Stirn zugehört, doch allmählich konnte er 1 + 1 zusammenzählen.
"Willst Du etwa damit andeuten, daß Deine Stiefmutter versucht hat, Dich zu töten?" fragte er entsetzt. Gabi strich sich nachdenklich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
"Ich habe zwar keine Beweise dafür, aber - ja!"
Ricardo sah sie nur fassungslos an.
"Nach meinem Sturz vom Pferd stellte ich fest, daß wohl jemand absichtlich den Sattelgurt angeschnitten hatte," erklärte Gabi. "Das war kein Zufall, das war eiskalte Berechnung, und ich bin nach dem Gespräch, daß ich vorhin belauscht habe fast sicher, daß meine Stiefmutter dafür verantwortlich ist!" Gabi atmete wieder tief durch. "Außerdem schreckt sie nicht davor zurück, Lügen über mich zu verbreiten!" sagte sie, während sie Ricardo nicht aus den Augen ließ.
"Was für Lügen?" fragte er unsicher. Gabi nahm ihren ganzen Mut zusammen.
"Sie behauptet doch tatsächlich, daß ich ein Verhältnis mit Antonio habe!" stieß sie schließlich hervor. Sie zitterte innerlich und wartete gespannt auf Ricardos Reaktion. Er rieb sich nachdenklich das Kinn.
"Ja," sagte er gedehnt," sie hat vorhin so komische Andeutungen gemacht ..."
Gabi sog scharf die Luft ein.
"Also doch!" dachte sie. Ihre Stiefmutter schien wirklich jedes Mittel recht zu sein, sie aus dem Haus zu ekeln! "Ricardo, ich schwöre Dir ..." stieß sie verzweifelt hervor," ... sie lügt, wenn sie nur den Mund auftut! Deinen Bruder und mich verbindet nur Freundschaft - nicht mehr! Das mußt Du mir glauben! Ich liebe Dich, und nur Dich!" sagte sie eindringlich, während sie versuchte, die Fassung zu bewahren. Ricardo berührte ihre Ehrlichkeit, und spontan schloß er sie in seine Arme. "Ich liebe Dich auch!" flüsterte er leise, während er ihre Schultern streichelte. Erleichtert lehnte Gabi sich an ihn. Einen Moment standen sie nur engumschlungen da, doch plötzlich schob Ricardo Gabi leicht von sich.
"Wir müssen etwas unternehmen, wenn Deine Stiefmutter wirklich versucht hat, Dich umzubringen!" sagte er. Gabi schüttelte den Kopf.
"Nein!" sagte sie. "Sie würde es meinen Vater spüren lassen, und das will ich nicht. Er macht schon genug wegen ihr durch."
Ricardo schüttelte verständnislos den Kopf.
"Das ist doch nicht Dein Ernst?" entfuhr es ihm entsetzt. "Du willst ihr das durchgehen lassen?" Gabi ergriff seine Hand.
"Ich werde tun, was sie will," sagte sie leise, während sie Ricardo ansah. "Ich werde nach Sunset Beach zurückkehren. Estella hat gewonnen ..." Ricardo zog sie wieder in seine Arme.
"Es wird Deinem Vater das Herz brechen," sagte er nachdenklich. Gabi sah ihn an und lächelte. "Nicht, wenn er hört, was ich für einen Vorschlag für ihn habe ..." sagte sie geheimnisvoll. Ricardo runzelte die Stirn.
"Verrätst Du mir, was Du vorhast?" fragte er neugierig. Gabi lächelte verschmitzt.
"Später!" versprach sie ihm. "Jetzt sollten wir erst einmal rein gehen und etwas essen. Ich habe nämlich einen Bärenhunger!"
Ricardo ergriff ihre Hand, und gemeinsam gingen sie zurück zum Haus.
Als Sara das "Deep" betrat war sie erstaunt, wie wenig für die Uhrzeit los war. Caitlin stand hinter dem Tresen und polierte gelangweilt einige Gläser, als Sara auf sie zuging und auf einem Barhocker platz nahm.
"Hi, Caitlin," grüßte sie freundlich. Caitlin hob den Kopf, und ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.
"Hallo, Sara! Das ist ja eine Überraschung! Mit Dir hätte ich hier heute gar nicht gerechnet," sagte sie. Sara sah sie stirnrunzelnd an.
"Wieso nicht?" fragte sie. Caitlin fuhr damit fort, die Gläser zu polieren.
"Der Boss hat schon erzählt, daß Ihr morgen eine kleine Reise machen werdet. Ich dachte, daß Du vielleicht noch mit Kofferpacken beschäftigt wärst," fügte sie grinsend hinzu.
Sara grinste zurück. "
„Schon alles erledigt," sagte sie. Caitlin legte das Handtuch beiseite. "Was kann ich Dir anbieten?" fragte sie, während sie auf verschiedene Flaschen bunten Inhalts zeigte. Sara verzog das Gesicht.
"Nichts alkoholisches," sagte sie. "Hast Du vielleicht Tomatensaft?"
Caitlin sah Sara entgeistert an.
"Tomatensaft?" fragte sie irritiert, während sie sich nachdenklich an der Stirn kratzte. "Bist Du etwa schwanger?" entfuhr es ihr. Die Bemerkung rutschte ihr nur so heraus, doch als Sara verlegen zur Seite schaute, bestätigte sich Caitlins Vermutung.
"Das ist ja nicht zu fassen!" sagte sie. "Du bist also wirklich schwanger?" fragte sie ungläubig. Sara nickte verlegen.
"Ich wollte es Dir schon eher sagen, aber irgendwie waren die letzten Wochen so turbulent, so daß ich völlig darüber hinweggekommen bin. Ich hoffe, Du bist mir nicht böse?"
Caitlin lachte fröhlich.
"Ich Dir böse? - Ach wo. Ich freue mich für Dich, - und natürlich auch für den Boss!" fügte sie noch schnell hinzu. Sara schaute sich suchend um. "Apropos ... Wo ist er denn?"
Caitlin sah sie grinsend an.
"Ihr habt anscheinend nicht dasselbe Timing," sagte sie schmunzelnd. "Er hat sich vor ca. einer halben Stunde verabschiedet, nachdem er noch etwas mit Mark wegen der nächsten Weinlieferung besprochen hatte und ist nach Hause gegangen," erklärte sie.
"Oh ..." war alles, was Sara dazu einfiel. Sie wunderte sich, daß sie ihm auf dem Hinweg nicht begegnet war. "Dann werde ich auch mal wieder gehen," sagte sie. "Heute ist ja sowieso nicht viel los."
Caitlin verdrehte die Augen.
"Wem sagst Du das!" entgegnete sie seufzend. "Ich mache heute schon den ganzen Abend nichts anderes, als Gläser zu polieren, und Mark zählt aus lauter Langeweile schon die Flaschen im Weinkeller!" fügte sie genervt hinzu. Sara sah sie mitleidig an.
"Ja, das kenne ich. Da hat man das Gefühl, als ob die Zeit nie vergehen würde. Aber gib' die Hoffnung nicht auf," sagte sie tröstend. "Der Abend ist noch jung, und vielleicht kommen ja noch einige Gäste ...". Kaum hatte Sara den Satz beendet, kamen auch schon einige Besucher die Treppe herunter. Sara lächelte.
"Dann noch viel Spaß!" sagte sie. Caitlin lachte.
"Danke, und sag' dem Boss nochmal, daß er sich keine Sorgen machen soll. Mark und ich werden ihn in seiner Abwesenheit würdig vertreten!"
Sara rutschte vom Barhocker.
"Ja, danke, werde ich machen," versprach sie, ging dann die Treppe hinauf und verließ das "Deep".
Als Sara das Haus betrat, blieb sie überrascht auf der Schwelle stehen. Ihre Eltern saßen eng aneinandergekuschelt auf dem Sofa, während vor ihnen eine Flasche Wein und zwei Gläser auf dem Tisch standen und im Hintergrund leise Musik lief. Sie drehten beide den Kopf zur Tür, als sie Sara hereinkommen hörten.
"Oh ..." entfuhr es Sara. "Ich hoffe, ich habe Euch nicht gestört?" Es war ihr irgendwie peinlich, in das Rendezvous ihrer Eltern geplatzt zu sein. Hank nahm seinen Arm um Joans Schultern fort und lächelte.
"Nein, Du störst doch niemals," sagte er. Sara atmete erleichtert auf.
"Dann ist es ja gut."
Joan runzelte die Stirn.
"Wolltest Du nicht ins "Deep" zu Derek?" fragte sie. Sara nickte.
"Ja, da war ich auch, aber die Bedienung sagte mir, daß er bereits wieder gegangen wäre." Sara sah ihre Mutter beunruhigt an. "Ist er noch nicht wieder zuhause?" fragte sie, während sie nervös an ihrem Verlobungsring herumdrehte. Joan und Hank schüttelten beide den Kopf.
"Nein, und er hat auch nicht angerufen," sagte Hank.
Joan stand auf und legte einen Arm um Sara.
"Bevor Du jetzt losrennst, um ihn zu suchen, solltest Du erst einmal überlegen, wo er sein könnte," sagte Joan ruhig.
"Ich weiß nicht ..." Sara fühlte, wie erneut ein Gefühl der Panik in ihr hochstieg. Sein schwerer Unfall lag erst wenige Tage zurück und steckte ihr immer noch in den Knochen. "Vielleicht ist er im Dunkeln gestürzt," presste sie hervor," und liegt jetzt irgendwo, verletzt und ohnmächtig ..." "Sara!" Joan hatte ihre jüngste Tochter an beide Arme gepackt und schüttelte sie leicht. "Hör auf, Dir ständig nur das Schlimmste auszumalen! Es wird schon einen Grund geben, warum er noch nicht hier ist," sagte Joan beruhigend. "Und nun setz Dich hin und entspann Dich!"
Widerwillig nahm Sara platz, während sie die ganze Zeit wie gebannt auf die Tür starrte. Als das Telefon plötzlich schellte zuckte sie leicht zusammen. Sie atmete tief durch, bevor sie den Hörer abnahm.
"Sara? Ich bin es, Meg! Mom hatte auf unseren Anrufbeantworter gesprochen, und da dachte ich, daß ich mich kurz melden sollte. Ich hoffe, daß ich Euch jetzt nicht alle aus dem Bett geholt habe?" fragte Meg vorsichtig.
"Nein, ist schon okay," entgegnete Sara. "Mom und Dad sitzen noch im Wohnzimmer bei einem Glas Wein, und ich ..." Sara schluckte.
"Und Du?" fragte Meg neugierig.
"Ich war noch kurz im "Deep", weil ich nach Derek schauen wollte," fuhr Sara mit ihrer Erzählung fort," und dann sagte mir Caitlin, daß er schon gegangen wäre, und nun ..." Saras Stimme versagte. "Meg ..." stieß sie verzweifelt hervor," ... Derek ist einfach verschwunden, und wir wissen nicht, wo er ist!"
Sie hörte, wie Meg leise lachte.
"Nein," sagte sie," er ist nicht verschwunden. Er ist hier bei uns - bei Ben und mir."
Gabi versuchte, den restlichen Tag ihrer Stiefmutter aus dem Weg zu gehen, worin Ricardo sie auch noch bestärkte. Nachdem sie das Gespräch zwischen ihrem Vater und Estella belauscht hatte, fühlte sie eine tiefe Traurigkeit, und die Sehnsucht nach ihrem wirklichen Zuhause in Sunset Beach wurde immer größer. Gabi beschloß daher, ihren Vater davon in Kenntnis zu setzen, daß sie wieder zurück nach Kalifornien fliegen würde. Während Ricardo ihr versprach, sich um die Buchung eines Fluges für den kommenden Tag zu kümmern, fieberte Gabi dem Moment entgegen, wo sie ihrem Vater ungestört von ihren Plänen erzählen konnte. Als Estella sich nach dem Abendessen auf ihr Zimmer zurückzog, weil sie angeblich wieder Kopfschmerzen hatte, sah Gabi ihre Chance gekommen.
"Papa, ich wollte schon die ganze Zeit etwas mit Dir besprechen ..." begann sie, und ihre Stimme zitterte leicht. Lorenzo lächelte.
"Ich weiß, was Du mir sagen möchtest," entgegnete er. "Du möchtest wieder nach Sunset Beach zurück. Ist es nicht so?" Gabi sah ihn erstaunt an.
"Du kannst wohl hellsehen!" entfuhr es ihr. Er lächelte.
"Nein, ich habe nur eine sehr gute Menschenkenntnis, und auch wenn ich blind bin, erkenne ich doch meistens, was vorgeht."
Gabi hielt einen Moment die Luft an. Ob ihr Vater auch wusste, daß Estella ihr hatte schaden wollen? fragte sie sich.
"Es fällt mir sehr schwer, Dich zu verlassen," sagte Gabi leise. "Aber mein Platz ist nicht hier, sondern in Sunset Beach, und ich habe Sehnsucht nach meiner Arbeit und meinen Freunden." Lorenzo nickte verständnisvoll.
"Du musst mir nichts erklären," sagte er. "Ich verstehe Dich." Er lächelte wieder. "Schließlich war ich auch einmal jung ..." Er unterbrach den Satz abrupt und seufzte. Gabi nahm ihren Vater in den Arm und hielt ihn ganz fest, während ihr eine Träne die Wange hinunterlief.
"Warum kommst Du nicht einfach mit?" schlug sie vor.
Lorenzos Gesicht drückte Überraschung aus.
"Ich soll mit Dir gehen?" fragte er erstaunt. "Nach Sunset Beach, - ohne Estella?"
Gabi bejate die Frage. Lorenzo löste sich aus ihrer Umarmung.
"Du glaubst gar nicht, wie glücklich mich Dein Vorschlag macht," sagte er," ... aber mein Platz ist hier. Es sieht vielleicht für Außenstehende nicht so aus, aber ich liebe meine Frau, und ich würde sie niemals verlassen!"
Gabi schluckte. Sie hörte die Entschlossenheit in seiner Stimme und wusste, daß er die Wahrheit sagte. Was auch immer zwischen ihm und Estella vorgefallen war - er liebte sie - uneingeschränkt und bis zum Ende seines Lebens! Es berührte Gabi, daß er so ehrlich mit ihr über seine Gefühle sprach, und in diesem Moment wurde ihr klar, daß sie nichts tun durfte, um sein Lebensglück zu zerstören. Sie würde ihr Wissen für sich behalten, daß Estella versucht hatte, sie umzubringen, denn andernfalls würde sie ihren Vater in eine schwere seelische Krise stürzen. Er würde es sicher nicht verwinden, noch einmal eine geliebte Frau zu verlieren! Gabi dachte an ihre Mutter, die schon in so jungen Jahren sterben musste. Damals hatte es ihren Vater fast umgebracht. Er war nahe daran gewesen, dem Alkohol zu verfallen, hatte seinen Job verloren, und wäre Estella nicht auf der Bildfläche erschienen und hätte ihn aus dem Sumpf herausgeholt, - wer weiß, was aus ihm und ihr geworden wäre...
Gabi atmete tief durch. Was Estella ihr auch immer angetan hatte, ihr Vater durfte darunter nicht leiden!
"Ich werde Dich schrecklich vermissen!" sagte Gabi schluchzend. Lorenzo zog sie wieder in seine Arme.
"Ich Dich auch mein Kind!" entgegnete er, während auch er mit den Tränen kämpfte. "Ich hoffe doch, daß Du Dich jetzt öfter mal bei mir melden wirst!" sagte er. Gabi versprach es.
"Würdest Du mich jetzt entschuldigen? Ich will oben meine Sachen zusammenpacken. Ricardo wollte sich derweil schon einmal um eine Reservierung kümmern."
Lorenzo ergriff Gabis Hand.
"Ist wieder alles in Ordnung mit Euch?" fragte er besorgt. Gabi bejate die Frage, und sie konnte erkennen, daß Lorenzo ein Stein vom Herzen fiel.
"Ich freue mich sehr," sagte er," und ich habe ein gutes Gefühl, was Euch beide angeht!"
Gabi lächelte.
"Ja, das habe ich auch," sagte sie mit fester Überzeugung. Sie verdrängte dabei ihren Gedanken an Antonio.
Gabi gab ihrem Vater noch einen Kuß und ging dann nach oben, um ihre Sachen zu packen.
Als Derek von seinem Besuch von Ben und Meg zurückkehrte, wurde er gleich überschwenglich von Sara begrüßt.
"Sara, langsam! Du brichst mir sonst noch mehr Rippen," sagte er lachend, während er sie sanft von sich schob. Besorgt sah sie ihn an.
"Mach' das bitte nie mehr!" bat sie ihn. "Ich bin fast tausend Tode gestorben, weil ich dachte, daß Du verschwunden wärst!"
Derek sah sie überrascht an.
"Ich bin doch nur ein wenig am Strand spazierengegangen, nachdem ich im "Deep" gewesen war, und dann traf ich auf dem Rückweg zufällig auf Meg und Ben, die gerade nach Hause kamen," verteidigte er sich. Sara schüttelte den Kopf.
"Es gibt Telefone!" sagte sie ungehalten. "Du hättest doch anrufen können!"
Derek strich ihr zärtlich über die Wange.
"Es tut mir leid!" sagte er sanft. "Wenn ich gewußt hätte, daß Du Dir solche Sorgen machst, hätte ich bestimmt angerufen," sagte er.
Sara lächelte.
"Entschuldigung angenommen!" sagte sie, schon etwas versöhnlicher. Sie setzte sich aufs Sofa. "Hast Du den beiden erzählt, daß wir morgen mit meinen Eltern nach Ludlow fliegen?" fragte sie neugierig. Derek nickte.
"Ja, und ob Du es glaubst, oder nicht - Ben hat sich auch gleich bei mir verabschiedet. Er fliegt für ein paar Tage nach Chicago." Sara sah ihn fragend an.
"Chicago? Was macht er denn dort?"
Derek nahm neben Sara Platz.
"Sam rief ihn an und bat ihn um Hilfe in einer dringlichen Angelegenheit. Ich weiß allerdings nichts genaueres, Ben hat nicht viel darüber erzählt." Derek sah sich um. "Wo sind eigentlich Deine Eltern?" fragte er. Sara wies nach oben.
"Sie waren müde und haben sich schon hingelegt." Sie stand auf und streckte sich. "Und ich werde ihrem Beispiel jetzt folgen und auch schlafen gehen." sagte sie, während sie gähnte. "Kommst Du mit?" fragte sie und sah Derek erwartungsvoll an. Er nickte und stand ebenfalls auf. Händchenhaltend gingen sie dann die Treppe zum Schlafzimmer hinauf.
Als Gregory am
nächsten Morgen sein Büro betrat, saß Ben in seinem Sessel und starrte ihm böse
entgegen.
„Nanu, was machst Du denn hier?“ fragte er scheinbar überrascht, obwohl ihn bei
Bens Gesichtsausdruck sofort eine seltsame Unruhe erfaßte. „Ich denke, Du sollst
Dich noch etwas erholen!“
„Deine neusten Eskapaden machen es mir nicht gerade leicht, an meine Gesundheit
zu denken.“ entgegnete Ben und sah Gregory durchdringend an. „Ich bin hier, weil
ich ein paar Antworten von Dir will.“
„Antworten? Worauf?“
„Zum Beispiel darauf, was an dem Tag, als der Unfall geschah, wirklich passiert
ist. Was versuchst Du zu vertuschen, Gregory?“
„Ben, was soll das? Was willst Du damit andeuten?“ Er stellte seinen Aktenkoffer
ab und trat zum Fenster. „Olivia ist vielleicht ein wenig zu schnell gefahren,
und sie hatte gewisse Kreislaufprobleme...“
„Olivia war betrunken, als sie an diesem Tag in ihren Wagen stieg, hab ich
recht?“ sagte Ben ruhig und sicher.
„Nein, verdammt nochmal!“ fauchte Gregory. „Das Gutachten beweist...“
„Vergiß es.“ unterbrach ihn Ben. „Warum wohl hälst Du den Alkohol in Deinem
eigenen Haus unter Verschluß! Deine Frau ist wieder rückfällig geworden, und
zwar an dem Tag, als sie Casey über den Haufen fuhr! Und Du versuchst es zu
vertuschen!“
„Gregory funkelte ihn wütend an.
„Jetzt hör mir mal zu, mein Freund! Wir kennen uns schon sehr lange, und unsere
Freundschaft bedeutet mir viel, aber wenn Du mir hier unterstellen willst...“
Ben hob die Hand.
„Ich rede hier mit Dir unter vier Augen, weil auch mir unsere Freundschaft viel
bedeutet. Aber ich möchte Dich warnen, Gregory. Treib es nicht zu weit! Noch so
ein Vorfall wie der Mordversuch an Vanessa Hart, und Du kannst Dir einen anderen
Geschäftspartner suchen. Das ist mein Ernst! Und noch etwas: Casey hat beinahe
sein Leben verloren. Wenn Du weiterhin Dein verlogenes Spiel treibst, werde ich
vor Gericht gegen Dich aussagen. Ich habe meinen Mund gehalten, als es damals um
Cole Deschanel ging, aber diesmal spiele ich nicht mit. Überleg Dir genau, was
Du tust. Von mir bekommst Du keine Rückendeckung mehr.“ Damit stand er auf.
„Übrigens, ich bin die nächsten Tage nicht zu erreichen, falls etwas Wichtiges
sein sollte, wende Dich an Meg, sie wird es mir ausrichten. Und ich nehme die
Frachtmaschine der Firma. Einen Piloten brauche ich nicht, ich werde selber
fliegen.“ Mit diesen Worten verließ er das Büro.
Gregory starrte ihm nach und zerrte nervös an seiner Krawatte.
Die Luft im Zimmer schien ihm plötzlich ziemlich dick...
Sara lehnte sich seufzend in ihrem Sitz zurück. Sie war erleichtert darüber, daß sie alle im Flieger nach Kansas saßen, denn beinahe hätten sie das Flugzeug noch verpasst! Joan und Hank hatten unbedingt noch persönlich Abschied von Ben und Meg nehmen wollen und waren schon früh aufgestanden. Sie waren nach einem kurzen Frühstück gleich zu Bens Haus hinübergegangen und hatten die beiden sogar noch angetroffen.
Ben war ebenfalls auf dem Sprung gewesen, weil er vor seinem Abflug nach Chicago noch im Büro vorbeischauen wollte, und Meg war gerade dabei, ihre Aktentasche für einen langen Arbeitstag in der Liberty Corporation zu packen. So war es zwar nur ein kurzer, aber dennoch herzlicher, tränenreicher Abschied gewesen.
Joan und Hank waren danach noch etwas spazierengegangen und hatten dabei völlig die Zeit vergessen. Zum Glück schafften sie es doch noch rechtzeitig bis zum Flughafen, und nachdem sie alle eingecheckt hatten, kehrte wieder mehr Ruhe ein.
Sara schaute aus dem Fenster und sah unter sich das immer kleiner werdende Sunset Beach. Wenn sie das nächste Mal hierher zurückkehrten, würde ein völlig neuer Lebensabschnitt für sie beginnen. Sie lächelte still vor sich hin, griff nach Dereks Hand und schloß die Augen, und während sie über den Wolken Richtung Kansas flogen, träumte Sara von ihrer baldigen Hochzeit.