Meg freute sich, als sie hörte, daß Sara gut in Sunset Beach gelandet war.
Sie versprach ihrer Schwester, frühzeitig Feierabend zu machen, um ihre Ankunft gebührend zu feiern.
Nachdem Sara aufgelegt hatte, sah Mark sie neugierig an.
"Was hat sie gesagt?"
"Meg will früher nach Hause kommen, damit wir feiern können," berichtete ihm Sara. "Prima, das ist eine tolle Idee," sagte er begeistert zu ihr, "und ich weiß auch schon den idealen Ort für so eine Feier."
Mark grinste sie an und Sara schenkte ihm wieder ein Lächeln. Interessiert schaute sie ihn an.
"Ach wirklich, wo denn?," fragte sie neugierig.
"Im Deep natürlich," entgegnete Mark ihr, "dort arbeite ich ... na ja, ich meine, wenn ich nicht gerade meinen freien Tag habe, so wie heute."
Sara sah ihn fragend an.
"Was ist "Deep"?," fragte sie. Mark sah sie überrascht an.
"Hat Meg Dir nie davon erzählt? Das ist DIE In- Bar in Sunset Beach. Alle Festivitäten finden dort statt, und alles was Rang und Namen hat trifft sich dort."
Sara fuhr sich mit einer schwungvollen Bewegung durch das Haar.
"Oh je, sicher habe ich dafür nichts Passendes anzuziehen, wenn sich dort nur Promis treffen." Sie seufzte, doch Mark beruhigte sie sofort.
"Meg kann Dir doch was leihen, oder Rae oder Gabi ... außerdem haben wir dort keine Kleiderordnung. Jeder kann so kommen, wie er will." Er lächelte Sara an.
Sie schien erleichtert zu sein.
"Puh, dann ist's ja gut. Ich dachte schon, ich müsste mir jetzt noch ein Cocktailkleid organisieren."
Mark grinste. Plötzlich fiel ihm etwas ein.
"Vielleicht sollte ich meinen Boss kurz anrufen und ihm sagen, daß heute ein paar Leute mehr vorbeikommen. Dann ist er auf jeden Fall vorbereitet. Ach ja, Tim ist übrigens auch dort. Er ist der zweite Barkeeper. Du kennst ihn ja wohl aus Kansas, oder?" Mark wartete auf eine Antwort.
Sara verzog das Gesicht.
"Ja, ich kenne ihn, und ich muss sagen, daß Meg schlechten Geschmack bewiesen hat, was ihn angeht." Mark musste sich ein Lachen verkneifen. Sara war immer so direkt. Das machte sie in seinen Augen auch so anziehend.
Mark griff zum Hörer und wählte die Nummer vom Deep.
Mona
"Hier haben wir auch meinen Einstand im Surfcenter gefeiert", erklärte Meg gerade ihrer Schwester. Casey, Rae, Marc, Gabi, Michael, Vanessa und Ricardo saßen mit den Cummings Schwestern im "Deep" und stießen auf Saras Ankunft an. Insgeheim hatte Meg gehofft, daß auch Ben anwesend sein würde. Aber er war auf dem Weg ins Krankenhaus. Zwar würde Annie nicht vor morgen aus der Narkose erwachen, aber Ben wollte Bette nicht alleinlassen.
Stattdessen war Tim anwesend. Er schwänzelte die ganze Zeit um Megs Tisch herum, woraufhin ihn Sara direkt fragte, ob es keine anderen Gäste gebe, die er zu bedienen hätte. Widerwillig zog sich Tim zurück, nicht ohne den Tisch mit Meg aber ständig im Augenwinkel zu behalten, was dieser nicht verborgen blieb.
Nun öffnete sich die Tür zu Dereks Büro und er kam heraus, und näherte sich Megs Tisch.
"Auch das noch", seufzte sie.
"Sieh mal einer an, was für reizender Besuch", erklärte Derek. "So eine hübsche junge Dame sieht das "Deep" selten."
Nun wurde es Meg zu bunt.
"Derek, was um alles...". Doch weiter kam sie nicht. Derek schien Meg vollkommen zu ignorieren und ging stattdessen auf Sara zu.
"Darf ich mich vorstellen, Derek Evans."
Sara lächelte. "Was für ein charmanter Mann", dachte sie.
"Ich bin Sara Cummings", erwiderte sie geschmeichelt.
"Cummings?", wiederholte Derek überrascht. "Ach ja natürlich", heuchelte er, "ich hab ja gehört, daß eine Schwester auf dem Weg nach Sunset Beach ist. Habe ich doch glatt wieder verdrängt." Er fügte verschwörerisch hinzu: "Wenn ich natürlich gewusst hätte, was für eine reizende junge Dame das ist, wäre mir das nie passiert."
"Ihnen sei noch einmal vergeben", meinte Sara lachend. "Setzen sie sich doch ein bisschen zu uns."
Meg stöhnte leise aus.
Aber Derek winkte ab.
"Nein Danke, ich will nicht aufdringlich erscheinen. Wir beide werden uns in Zukunft wohl noch öfters sehen, das hoffe ich zumindest."
"Ich bin sicher, das lässt sich einrichten. Ich muss ja einfach nur hier ins "Deep" kommen, wenn Sie auch da sind."
"Ich kann es kaum erwarten", erwiderte Derek, dann verschwand er.
"Oh mein Gott, Meg", schwärmte Sara. "Hier in Sunset Beach wimmelt es ja nur so von wunderbaren Männern. Dieser Derek ist ein Traum. Und", sie gab Marc einen freundschaftlichen Stoß in die Seite, "er hier scheint ein richtiger guter Kumpel zu sein." Sara bemerkte nicht, daß wieder Meg noch Marc über ihre Äußerung sonderlich glücklich waren.
Selbst als sie längst zu Hause waren, schwärmte Sara noch immer in den höchsten Tönen von Derek. Meg wusste, wie begeisterungsfähig ihre Schwester sein konnte, und Derek sah ja auch wirklich sehr gut aus - nur im Gegensatz zu Ben fehlte ihm einfach die Herzenswärme.
Es beunruhigte Meg, daß Sara sich anscheinend auf den ersten Blick in Derek verliebt hatte! Sie überlegte, wie sie ihre Schwester vor ihm warnen konnte. Meg war auch aufgefallen, wie bedrückt und zurückhaltend sich Mark verhalten hatte, nachdem Derek aufgetaucht war. Er war auch der erste, der sich nach ihrer Ankunft im Surf Central in sein Zimmer zurückzog.
Auch die anderen wurden langsam müde, und Meg schlug Sara vor, daß sie ja noch ein wenig am Strand entlang spazieren gehen könnten.
Gesagt, getan. Es war eine milde Sommernacht, und obwohl es schon sehr dunkel war, konnte man das Glitzern des Wassers erkennen. Sara ließ sich einfach in den Sand fallen. "Herrlich ist es hier, Meg. Ich verstehe jetzt, warum Du in Sunset Beach bleiben willst." Meg lachte.
"Wenn Du das schon toll findest, dann solltest Du mal die Sonnenuntergänge erleben. Das ist wirklich Romantik pur."
Sara stieß einen Seufzer aus.
"Ja, und mit dem richtigen Mann an der Seite ist das ganze doppelt so romantisch."
Meg sah Sara prüfend an. Sie ahnte, daß sie an Derek dachte, und prompt kam dann auch die Frage.
"Weißt Du, ob Derek Evans derzeit eine Freundin hat?"
Meg schluckte. Entsetzt sah sie ihre Schwester an.
"Sara," begann sie, "es wäre besser, wenn Du Dir diesen Mann aus dem Kopf schlägst. Erstens ist er 10 Jahre älter als Du, und außerdem ...genießt er hier nicht gerade den besten Ruf."
Meg umschrieb Dereks Charakter höflich, weil sie ihre Schwester nicht erschrecken wollte, aber Sara war anscheinend blind.
"Oh Meg, glaubst Du an Liebe auf den ersten Blick?"
Sie sah ihre Schwester sehnsüchtig an.
Meg seufzte. Sara wollte nicht zuhören.
"Komm Sara, ich glaube, wir gehen wieder zurück," sagte Meg. Sie wich der Frage aus, aber was sollte sie Sara sagen? Sie selber hatte es ja erlebt - die Liebe auf den ersten Blick!
Sara stand auf und hakte sich bei Meg unter.
"Ich werde ihn morgen im Deep besuchen," entschied sie. "Was meinst Du, ob er sich wohl darüber freuen wird?"
Meg schüttelte nur den Kopf über soviel Unvernunft.
Wieder im Surf Central angekommen verabschiedeten sich die Schwestern voneinander und jede ging in ihr Zimmer. Nachdem Sara sich ihr Nachthemd übergestreift hatte, stand sie noch eine ganze Weile am Fenster und schaute nach draußen.
"Oh Derek, "dachte sie, "wie schön muss es sein, den Sonnenuntergang in Deinen Armen erleben zu können ...!"
Mona
Gabi und Meg saßen am nächsten Morgen allein am Frühstückstisch. Meg war noch immer niedergeschlagen. Ihr gefiel es gar nicht, daß sich Sara ausgerechnet in einen Kerl wie Derek Evans verliebte. Ob sie ihr von ihren Erfahrungen mit Derek erzählen sollte? "Wahrscheinlich bringt es nicht viel", überlegte sie, "da Sara sowieso das Talent hat, auf stur zu schalten, wenn ihr etwas nicht passt."
Gabi bemerkte, daß ihre Freundin etwas beschäftigte.
"Na, willst Du mir nicht sagen, was los ist", ermunterte sie Meg. Die seufzte.
"Es geht um Sara und Derek", erklärte sie.
"Verstehe", antwortete Gabi, "es passt Dir nicht sonderlich, daß sich Sara ausgerechnet für diesen Mann interessiert, nicht wahr?"
Meg nickte.
"Sie hört mir auch nicht zu. Wie kann man nur so stur und unvernünftig sein."
"Liegt wohl in der Familie", meinte Gabi lächelnd.
"Wie Bitte?"
"Nun ja. Du bist doch Hals über Kopf in Ben verliebt, oder nicht? Dir ist es egal, was andere über ihn sagen, Du hörst auf Dein Herz."
"Ja, aber..."
"Lass mich bitte ausreden. Ich habe nach wie vor ein ungutes Gefühl bei der Sache, Meg. Weil ich ihm nicht traue. Aber ich habe eingesehen, daß ich Dir die Entscheidung überlassen muss, da Du auf mich sowieso nicht hörst."
Meg nickte.
"Und dann solltest Du verstehen, daß auch Sara nicht auf die anderen hört, sondern nur auf ihre Gefühle. Glaub mir", munterte sie ihre besorgte Freundin auf, "Sara wird früher oder später schon erkennen, was für ein Mensch Derek wirklich ist. Und dann wird sie sich schnell von ihm zurückziehen."
"Hoffentlich", meinte Meg.
Ben beendete den
geschäftsmäßigen Rundgang auf der Baustelle der Ferienanlage und stieg in
seinen Wagen. Bevor er startete, sah er noch einmal seine Unterlagen durch.
Um Gregory etwas zu entlasten, hatte er sich, bevor er vor einer Stunde
losgefahren war, dessen Material -und Lohnkalkulationen vom Schreibtisch
genommen und mit dem aktuellen Stand auf der Baustelle verglichen. Alles
schien soweit in Ordnung, nur eines machte ihn stutzig.
In Gregorys Aufzeichnungen befanden sich keinerlei Aufrechnungen für die
Deschanel- Firma, es war, als gäbe es Coles Leute auf der Baustelle gar nicht
mehr.
Sollte Gregory vielleicht vermutet haben, die Firma könne ohne ihren Chef
nicht termingerecht weiterarbeiten?
Er sah auf das Datum der Auflistungen. Nein, das konnte nicht der Grund sein,
denn die Kalkulation war bereits einen Tag vor Coles Unfall gemacht worden.
Außerdem arbeiteten Coles Leute nach wie vor zuverlässig und präzise. Man
konnte bei ihrem Arbeitstempo kaum vermuten, dass ihr Boss im Krankenhaus bis
vor kurzem noch um sein Leben gekämpft hatte.
Also musste das ein Versehen von Gregory sein!
Das wiederum wunderte Ben noch mehr, denn sein Geschäftspartner war
normalerweise in solchen Sachen mehr als pedantisch genau. Da musste der Herr
Anwalt schon ziemlich daneben sein, wenn ihm solche Fehler unterliefen.
„Na gut“, dachte Ben, „er wird mir das sicher erklären können.“
Er legte die Papiere auf den Beifahrersitz und startete den Motor.
Als er die Baustellenausfahrt passierte, fiel ihm ein junges blondes Mädchen
auf, dass mit ihrem kleinen Hund in Richtung Strand hinunterlief und sich
vorsichtig nach allen Seiten umsah. Sie schien von dem alten Fabrikgebäude
herzukommen.
Ben wollte erst anhalten und sie fragen, was sie hier wolle, dann aber
überlegte er es sich anders. Sicher hatte sie nur den Hund ausgeführt und war
zufällig auf dieses Gelände geraten. Kein Grund, gleich dumme Fragen zu
stellen, sie war ja schon fast wieder weg!
Während er an ihr vorbeifuhr, wurde er jedoch das Gefühl nicht los, sie schon
mal irgendwo gesehen zu haben.
Tiffany nahm Spike
auf den Arm und beeilte sich, unbemerkt von der Baustelle zu verschwinden.
„Verdammt“ schimpfte sie vor sich hin, „ausgerechnet heute, wo ich verschlafen
habe, müssen die hier früher mit der Arbeit beginnen! Spike, alter Junge, wir
haben Glück, wenn uns keiner bemerkt hat.“
Sie sah das weiße BMW – Cabrio auf sich zukommen.
„BE 1“ stand im Nummernschild, was sie sogleich in Panik versetzte.
Auch das noch, Ben Evans!
Hoffentlich hielt der jetzt nicht an und stellte sie zur Rede! Vorsichtig
schaute sie sich um und nahm den direkten Weg zum Strand. Sie drehte den Kopf
in die andere Richtung und atmete sichtlich erleichtert auf, als sie bemerkte,
dass der Wagen zügig an ihr vorbeifuhr, ohne anzuhalten.
„So, Spiki, jetzt werden wir uns im Java Web ein feines Frühstück genehmigen,“
meinte sie lächelnd, „und ein wenig mit Mark plaudern!“ Sie sah plötzlich
nachdenklich in die Ferne.
„Mal sehen, ob er mich noch so mag wie damals...“
Marc bemerkte Tiffany zunächst nicht. Er hatte gerade alle Hände voll zu tun, einen nörgelnden Gast zufrieden zu stellen. Nachdem ihm dies einigermaßen gelungen war, kehrte er unter einem Stöhnen hinter die Theke zurück. Tiffany kam auf ihn zu und setzte sich mit einem aufreizenden Lächeln an die Theke.
"Hi Marc", begrüßte sie ihn.
"Tiffany, wo kommst Du denn her?"
"Was soll das denn heißen, freust Du Dich gar nicht, mich wiederzusehen?"
"Natürlich freue ich mich." Er kam auf sie zu, umarmte sie und küsste sie vorsichtig auf beide Wangen.
"Wo bist Du denn damals so plötzlich hin verschwunden?", wollte er wissen.
Tiffany winkte ab.
"Das ist eine lange Geschichte. Die erzähl ich Dir später mal, okay! Jetzt bin ich jedenfalls wieder da", erklärte sie feierlich. Dann fügte sie leicht niedergeschlagen hinzu:
"Schade, daß sich nicht jeder so freut, mich wiederzusehen."
"Redest Du von Sean? Das kannst Du ihm kaum vorwerfen. So plötzlich, wie Du damals verschwunden bist."
"Er hat eine neue Freundin", fügte sie wütend hinzu.
Marc seufzte. Es war das alte Lied. Warum hatte jede Frau, die er mochte, Interesse an jemand anderen!
"Aber egal, das wird sich bald ändern."
"Du kannst seine Gefühle wohl kaum umdrehen."
"Da wäre ich mir nicht so sicher." Sie setzte ihr triumphierendstes Lächeln auf. "Immerhin habe ich einen wichtigen Verbündeten. Gregory Richards."
Marc betrachtete sie kritisch.
"Ich glaube kaum, daß Gregory Richards großes Interesse haben dürfte, Dir zu helfen." "Nein, freiwillig nicht", gab Tiffany zu. "Aber er hat keine andere Wahl."
Marc schluckte. Er hatte immer viel Sympathie für Tiffany empfunden. Auch er war von zu Hause ausgerissen und musste sich allein durchschlagen. Friss oder Du wirst gefressen, so war die Regel auf der Straße. Und Marc war sich nicht sicher, wo er gelandet wäre, wenn Ben sich nicht um ihn gekümmert hätte und ihm die Stelle bei seinem Bruder im "Deep" und im "Java Web" verschafft hätte. Seit er Tiffany damals kennengelernt hatte, hatte er auch eine gewisse Verantwortung empfunden, wollte das für sie tun, was Ben für ihn getan hatte.
"Hör mal", warnte er sie. "Ich weiß, daß Du jemand bist, der sich durchsetzen kann. Aber mit Gregory Richards ist nicht zu spaßen."
"Das lass nur meine Sorge sein. Ich werde schon mit ihm fertig", versicherte Tiffany voller Selbstvertrauen.
"Aber wie wäre es mit einem Themenwechsel? Wie sieht es denn bei Dir aus? Auch endlich die Frau fürs Leben gefunden?"
Hickengruendler
Gregory hatte kurz
nach Meg das Firmengebäude betreten und war nach einem knappen Gruß sofort in
seinem Büro verschwunden. Meg wunderte sich, dass Bette noch nicht da war. Sie
schaltete ihren Computer ein und sortierte die Post. Einen Stapel davon legte
sie in Bens Büro, alles andere brachte sie Gregory. Sie klopfte höflich an,
bevor sie sein Büro betrat und legte die Briefe mit einem verbindlichen
Lächeln auf seinem Schreibtisch ab.
Gregory beachtete sie gar nicht, er schien irgend etwas zu suchen.
Stirnrunzelnd verließ sie das Büro. Seine schlechte Laune hielt nun schon ein
paar Tage an, und in so einer „Schlechtwetterphase, wie Bette zu sagen
pflegte, war er mit Vorsicht zu genießen.
Sie setzte sich an ihren PC, um einen auf dem Diktiergerät vorbereiteten
Bericht einzugeben, als Gregory plötzlich aufgebracht aus seinem Büro gestürmt
kam.
„Meg, haben Sie gestern kurz vor Feierabend oder heute morgen etwas von meinem
Schreibtisch genommen?“
Erstaunt sah sie von ihrer Arbeit hoch.
„Nein, Mister Richards.“ sagte sie und schüttelte den Kopf. „Ich war überhaupt
nicht in Ihrem Büro. Was suchen Sie denn?“
Er sah sie unschlüssig an und winkte dann zerstreut ab.
„Ach nichts weiter.“ Er wandte sich wieder um und ging zurück. Kurz vor seiner
Bürotür drehte er sich noch einmal um.
„War irgend jemand während meiner Abwesenheit hier?“
Meg zuckte die Achseln.
„Nein, nicht dass ich wüsste. Gestern war es absolut ruhig hier, und eine
Stunde, nachdem sie gegangen waren, habe ich hier abgeschlossen.“
„Mmh“ machte Gregory nachdenklich. Dann fuhr er sich mit der Hand durchs Haar
und rang sich ein Lächeln ab. Er sah müde aus.
„Wissen Sie zufällig, wie Bens Terminplan heute aussieht?“ erkundigte er sich.
„Auf meinem Schreibtisch lag eine Notiz, dass er zur Zeit auf der Baustelle zu
erreichen sei, und später wird er sicher hier vorbeikommen.“ erklärte Meg.
Gregory nickte beifällig.
„Ach ja, Meg,“ sagte er, die Hand schon auf der Türklinke, „da fällt mir ein,
Bette hat sich heute noch einen Tag freigenommen. Sie kommen doch klar, oder?“
Sie nickte freundlich.
„Aber natürlich.“
Nachdenklich sah sie Gregory nach, als er die Bürotür hinter sich schloss.
„Eigenartig“, dachte sie, „solange ich hier arbeite, hat er noch nie gefragt,
welche Termine Ben hat.“
Sie schüttelte irritiert den Kopf und widmete sich wieder ihrer Arbeit.
Ein paar Minuten später klingelte das Telefon auf Bettes Schreibtisch.
„Auch das noch!“ stöhnte Meg, den die supermoderne Telefonanlage bereitete ihr
noch ziemliche Probleme, die bediente Bette sonst immer. Etwas zögernd nahm
Meg den Hörer ab und wusste nicht so recht, welchen Knopf sie nun drücken
musste, um das Gespräch anzunehmen.
„Ah ja“ dachte sie, „ich glaube, der hier war`s...“
Meg drückte auf
den Knopf und wollte sich gerade melden, um das Gespräch entgegenzunehmen, als
sie plötzlich Gregorys wütende Stimme an ihrem Ohr vernahm. Überrascht
lauschte sie seinen Worten, die jedoch nicht ihr galten.
„...kann mir keine derartigen Überraschungen leisten! Wenn ich geahnt hatte,
was Sie für ein Versager sind, hätte ich mir einen anderen gesucht, der das
für mich erledigt!“
„Mister Richards, ich kann Ihnen versichern...“ versuchte ihn sein
Gesprächspartner zu beruhigen, aber Gregory unterbrach ihn wütend.
„Sie sollen mir nichts versichern, Connors, Sie sollten verdammt nochmal Ihren
Auftrag erledigen, und zwar wie ein Profi und nicht wie ein deletantischer
Anfänger, Sie Idiot!“
Meg blickte erstaunt auf den Hörer in ihrer Hand, als könne der ihr Auskunft
darüber geben, was sie beim Bedienen der Anlage falsch gemacht hatte, dass sie
mit einem Mal mitten in einem von Gregorys Telefongesprächen gelandet war.
Ungläubig nahm sie den Hörer wieder ans Ohr.
„Wenn irgendwer davon Wind bekommt, was hier gelaufen ist, dann werde ich
persönlich dafür sorgen, dass Sie den nächsten Sonnenaufgang nicht mehr
erleben!“ zischte Gregory wütend. Der andere meinte darauf mit gereizter
Stimme:
„Vorsicht! Sie und ich, wir sitzen im selben Boot!“
„Oh nein, Connors!“ lachte Gregory böse, “ich werde dafür sorgen, dass dieses
Boot mit Ihnen alleine untergeht, wenn Sie versuchen sollten, mich zu
hintergehen! Sorgen Sie also dafür, dass uns niemand mit dieser Sache in
Verbindung bringen kann, wenn Ihnen Ihr armseliges Leben lieb ist!“ er machte
eine bedeutungsvolle Pause, und Meg wollte schon auflegen, als sie plötzlich
hörte, wie Gregory gefährlich leise hinzufügte:
„Und... noch eins - machen Sie keine Geschäfte mehr mit Derek Evans, solange
Sie für mich arbeiten, haben wir uns da verstanden?“
„A- aber, Mister Richards, ich... woher wissen Sie...?“ stotterte sein
Gesprächspartner verwirrt.
„Halten Sie mich für blöd, Sie geldgieriger Versager? Ich warne Sie nur
einmal, denken Sie daran!“ drohte Gregory ihm eiskalt und legte auf.
Meg legte den Hörer mit zitternden Fingern zurück auf die Anlage und setzte
sich schnell wieder auf ihren Platz.
Keine Sekunde zu
früh, denn Gregory kam mit seinem Aktenkoffer aus seinem Büro und eilte zum
Aufzug.
„Ich bin bis zum Mittagessen bei Gericht, Meg.“ rief er ihr im Vorübergehen
zu, während sich die Fahrstuhltür schon hinter ihm schloss.
Meg starrte ihm mit großen Augen nach.
Was sie da gerade zufällig mitgehört hatte, klang nicht gut. Was hatte Gregory
zu verbergen?
Und wer war dieser Mister Connors?
Meg zwang sich,
mit ihrer Arbeit weiterzumachen, aber sie wurde dieses ungute Gefühl, das
jenes unfreiwillig mitgehörte Gespräch in ihrer Magengegend hervorgerufen
hatte, einfach nicht los.
Ein paar Minuten später betrat Ben das Bürogebäude und fuhr mit dem Aufzug
nach oben.
Meg war ganz vertieft in ihre Arbeit, als er ins Zimmer trat. Erschrocken
blickte sie auf.
Als sie Ben sah, flog ein erleichtertes Lächeln über ihr Gesicht.
„Hallo Mister Evans!” sagte sie scherzhaft. Er blieb lächelnd vor ihrem
Schreibtisch stehen.
„Hallo mein Schatz!“ begrüßte er sie und reichte ihr eine einzelne weiße Rose.
„Die anderen habe ich Dir vorhin ins Surf Central schicken lassen, nachdem
unser gemeinsamer Abend vorgestern ein so unerwartetes Ende genommen hat.“
meinte er entschuldigend. Meg lächelte.
„Wie geht es Annie?“
Bens Mine verdüsterte sich.
„Nun“ sagte er, „sie wird es überstehen, aber sie tut sich schwer damit.“
„Das tut mir leid.“ sagte Meg leise. Ben schüttelte den Kopf.
„Mach Dir keine Gedanken. Sie kann sich ungeheuer in eine Sache
hineinsteigern, aber genauso schnell kann sie etwas auch wieder vergessen.“
Meg sah ihn ungläubig an.
„Ben, ich glaube nicht, dass eine Frau das so einfach vergessen kann, wenn sie
ein Kind verloren hat!“ sagte sie strafend.
Er ging um den Schreibtisch herum, zog sie sanft von ihrem Drehstuhl hoch und
nahm sie liebevoll in die Arme.
„Mach Dir um Annie keine Gedanken, sie ist zäh, sie schafft das schon!“
Meg schaute ihm prüfend in die Augen.
„Du scheinst sie wirklich gut zu kennen!“
Er lachte und zog die Augenbrauen hoch.
„Oh ja, das kann man wohl sagen!“ unmittelbar nachdem er das gesagt hatte,
erkannte er, dass sie seine Worte anscheinend falsch deutete.
„Hey“ flüsterte er liebevoll, „Annie ist nur eine alte Freundin, mehr wird sie
niemals sein!“
Als er ihren etwas skeptischen Blick sah, fügte er noch hinzu: „Und das weiß
sie auch!“
„Da bin ich mir nicht so sicher...“ dachte Meg, doch als Ben sie zärtlich
küsste, vergaß sie Annie Douglas. Sie lehnte ihren Kopf einen Moment an seine
Schulter und schloss die Augen.
Ben strich ihr übers Haar.
„Ich wünschte, es wäre schon Feierabend.“ seufzt er.
„Leider hab ich heute noch ziemlich viel zu tun.“
„Wem sagst Du das.“ meinte Meg. „Bette hat heute noch frei, und ich muss mich
hier um alles kümmern, dabei kann ich nicht mal diese dämliche Telefonanlage
richtig bedienen...“
Schlagartig fiel ihr das Gespräch ein, dass sie vorhin unfreiwillig mitgehört
hatte.
„Ben“ begann sie etwas zögernd, „mir ist da vorhin was ganz komisches
passiert.“
Er lachte und ging zu seinem Büro hinüber.
„Ach ja, was denn?“
„Na ja, wie soll ich sagen...“ Während Meg noch nach den richtigen Worten
suchte, klingelte das Telefon. Ben nahm den Hörer selbst ab.
„Evans- .... nein, ich wollte sowieso vorbeikommen.... ja natürlich, kein
Problem, bin schon unterwegs!“ Er legte auf und griff nach dem Aktenkoffer,
den er neben sich abgestellt hatte.
„Ich muss gleich wieder weg. War eigentlich Gregory heute im Büro?“
„Ja, er war vorhin eine Weile da und ist jetzt ins Gericht.“ antwortete Meg.
„Er war wütend, weil er irgendwelche Unterlagen nicht finden konnte, die
angeblich auf seinem Schreibtisch gelegen hatten.“ fügte sie hinzu.
Ben schien kurz zu überlegen, suchte dann aber weiter eilig ein paar Akten
zusammen und verstaute sie in seinem Koffer.
„Hör mal, Meg, wie wär`s, wenn ich Dich heute gegen abend zu Hause abhole, wir
gehen zum Strand und sehen uns den Sonnenuntergang an und überlegen gemeinsam,
wie wir das Wochenende am besten rumkriegen, was meinst Du?“ fragte er und
nahm sie noch einmal kurz in den Arm. Meg lächelte.
„Klingt gut!“
„Abgemacht!“ Er küsste sie auf die Wange und weg war er.
Meg sah ihm nach und zählte in Gedanken die Stunden bis zum Abend..
Jeany
Tiffany ließ sich den Kaffee und das Sandwich schmecken, zu dem Mark sie
eingeladen hatte. Auch Spike bekam versteckt hinter der Theke ein tierisch
gutes Frühstück, wofür er dem Gastgeber einen hingebungsvollen Hundeblick
zuwarf, der ewige Treue versprach.
Mark lachte.
„Na dann haben wir ja heute schon mal einen glücklich gemacht, nicht wahr,
Spike!“
Tiffany sah ihn gespannt an.
„Du hast vorhin nicht auf meine Frage geantwortet.“ sagte sie. „Wen machst Du
denn zur Zeit noch so alles glücklich?“
„Ach weißt Du...“ Mark suchte krampfhaft nach den richtigen Worten, „ich hab
so viel um die Ohren, da bleibt jede Beziehung auf der Strecke. Deshalb hab
ich auch momentan gar keine angefangen.“
Tiffany nickte und lächelte zufrieden.
Sie mochte Mark sehr gerne, vielleicht war es sogar mehr als das, aber er
hätte ihr niemals das bieten können, was ihr im Leben erstrebenswert schien,
nämlich viel Geld und gesellschaftliche Anerkennung. Das erhoffte sie sich
durch eine feste Beziehung mit Sean Richards. Sie hatte ihn ja schon so gut
wie sicher gehabt, damals, bevor sich seine ach so einflussreichen Eltern in
die Beziehung eingemischt und sie mit einem lumpigen Scheck und einer
wirkungsvollen Drohung aus der Stadt vertrieben hatten.
Sie grinste selbstsicher.
Das würde sich jetzt alles ändern. Sie musste nur noch diese Amy loswerden,
was sicher keine große Hürde sein würde, so einfältig, wie diese Gans zu sein
schien, und dann war der Weg ins große Glück für sie frei...
Mark hatte sie schweigend beobachtet.
„Woran denkst Du?“ fragte er nach einer Weile.
„Ach nichts.“ entgegnete sie mit verträumtem Blick. „Ich hab mir nur gerade
meine Zukunft vorgestellt.“
„So wie Du gelächelt hast, muss die ja rosig aussehen, Tiff.“ vermutete er.
„Na ja, bisher war es nur ein Traum. Aber ich werd das schaffen, Mark, ich
arbeite dran.“
Jeany
„Wo wohnst Du eigentlich zur Zeit?“ fragte er mit einem Blick auf ihren
schäbigen Rucksack, den sie wie immer bei sich trug.
Tiffanys Gesicht verdüsterte sich.
„Also, ich...“ begann sie zögernd, aber Mark fiel ihr sogleich ins Wort.
„Hey, ich bin es, fang gar nicht erst an, mir Märchen zu erzählen, die
Wahrheit will ich hören!“
Sie nickte.
„Also gut, ich übernachte zur Zeit im alten Fabrikgebäude, da, wo jetzt die
Baustelle der Liberty Corporation ist.“
Mark starrte sie fassungslos an.
„Tiff, bist Du übergeschnappt? Weißt Du, wie gefährlich es da ist!“
Er beugte sich weiter zu ihr hin, damit niemand ihr Gespräch hören konnte.
„Erst vor ein paar Tagen war auf der Baustelle ein schwerer Unfall! Jemand von
den Arbeitern hat dabei beinahe sein Leben verloren!“
„Ich weiß, ich hab es ja sozusagen miterlebt.“ antwortete Tiffany. „Zu der
Zeit war ich noch in der Lagerhalle, die ist dann am nächsten Tag abgerissen
worden.“ Mit Stolz in der Stimme fügte sie hinzu: „Außerdem war ich es, die in
dieser Nacht Hilfe geholt hat.“
„Du?“ staunte Mark. „Dann hat Cole Deschanel Dir mit Sicherheit sein Leben zu
verdanken!“
„Ach was!“ winkte sie lässig ab. „Er hatte einfach nur Glück.“
Mark schüttelte erstaunt den Kopf. Manchmal wurde er einfach nicht schlau aus
ihr. Einerseits schien sie nur auf Geld auszusein, gierig und rücksichtslos
nahm sie sich, was immer sie kriegen und war, damals zumindest, auch vor
kleinen Diebstählen und Betrügereien nicht zurückgeschreckt, um sich über
Wasser zu halten, aber immer öfter entdeckte er an ihr auch eine liebenswerte
Seite, sie konnte in bestimmten Situationen sehr hilfsbereit
und selbstlos sein, meistens dann, wenn man es nicht von ihr erwartete.
„Weißt Du was, Tiff, ich hab eine Idee.“ sagte er, einer spontanen Eingebung
folgend.
„Ich rede nachher mal mit Casey. Im Surf Central sind zwar zur Zeit alle
Zimmer restlos vermietet, aber da wäre noch der Raum über der Garage, mit ein
bisschen Geschick könnten wir den für Dich und natürlich für Spike herrichten.
Was sagst Du dazu?“
Tiffany sah ihn groß an.
„Ich weiß nicht, Mark, ich kann das nicht, ich hab doch überhaupt kein
Geld...“ meinte sie kopfschüttelnd, doch er ließ sie gar nicht ausreden.
„Wer hat denn was von Geld gesagt? Warte doch erst mal ab, was Casey sagt. Ich
bin sicher, er sieht das nicht so eng. Und Du suchst Dir einfach einen Job
hier irgendwo, damit Du was zum Leben hast.“
„Mark, ich möchte Dir keine Umstände machen.“ sagte sie leise, und es klang
fast ängstlich.
„Und ich bin mir auch nicht sicher, was Du dafür von mir erwartest!“
Mark sah sie entrüstet an.
„Was ich von Dir erwarte?“ wiederholte er und holte tief Luft. „Das kann ich
Dir sagen, Tiffany, ich erwarte von Dir, dass Du versuchst, Dein Leben in den
Griff bekommst, nicht mehr in Abrisshallen rumlungerst und die anderen
Mitbewohner nicht beklaust!“
Tiffany biss sich nervös auf die Lippe und legte ihre Hand auf Marks Arm.
„Ist ja schon okay, reg Dich nicht gleich so auf!“ Sie atmete tief ein und
nickte dann. „Gut, rede mit Casey, ich bin einverstanden.“
Mark strahlte.
“Komm heut abend ins Deep, dann sag ich Dir bescheid.“
Tiffany nahm Spike in den Arm und wandte sich zum Gehen. Sie presste die
Lippen aufeinander, denn es fiel ihr unsagbar schwer, das zu sagen, aber
dennoch drehte sie sich noch einmal nach Mark um.
„Danke für Deine Hilfe.“
Als Annie erwachte, schien die Sonne bereits hell in ihr Krankenzimmer.
"Oh, Pupsi, endlich." Bette saß neben dem Bett ihrer Nichte und hielt ihr die Hand.
"Ist es... ist es vorbei?", fragte Annie mit schwacher Stimme.
Bette, die sich die Tränen abwischte, nickte.
"Ja, es ist vorbei."
"Tante Bette", wollte Annie wissen, "ich wollte Dich das gestern schon fragen. Als ich gestern morgen aufgewacht bin, lag ich in Bens Bett. Ich meine", sie lächelte leicht, "nicht dass ich da unter normalen Umständen was gegen gehabt hätte, aber verstehst Du, wie es dazu gekommen ist?"
"Kannst Du Dich an nichts mehr erinnern?"
"Nein ich glaube nicht."
"Du warst sehr mitgenommen, wegen der Fehlgeburt. Du bist weggelaufen, und ein junger Mann hat Dich am Strand gefunden und zu Ben gebracht."
"Was?", Annie versuchte sich leicht aufzusetzen, war aber noch zu schwach.
"Ich bin allein über den Strand gelaufen?"
"Im Nachthemd", fügte ihre Tante hinzu.
"Oh mein Gott, wenn mich jemand so gesehen hat! Die glauben doch, ich sei nicht mehr ganz normal!"
"Beruhige dich Pupsi! Hätte Dich vor diesem Mann schon jemand gesehen, hätte er sicher auch was unternommen. Und ich bin sicher, Meg Cummings wird auch nichts sagen." "Meg Cummings? Meg Cummings hat mich gesehen?"
"Ja, sie war bei Ben."
"Ach, und was hatte sie da verloren? Konnte es wohl gar nicht abwarten, sich ihm um den Hals zu werfen!"
"Pupsi, bitte beruhige Dich! Du bist noch zu schwach."
"Das ist ungerecht, Tante Bette. Erst hab ich mein Kind verloren, und jetzt kommt so eine aus Kansas und will mir auch noch Ben wegnehmen."
"Pupsi, Ben hat Dir nie gehört."
Annie, noch immer die Folgen der Narkose spürend, war kurz davor, wieder einzuschlafen. Doch vorher flüsterte sie noch:
"Ich werde nicht zulassen, daß sie mir Ben wegnimmt."
Derek Evans saß gerade beim Lunch, als es an seine Türklingel so heftig schrillte, als sei sie soeben misshandelt worden. Zunächst ignorierte er die Klingel, doch da der Besucher nicht aufgab, erhob Derek sich schließlich, um die Tür zu öffnen.
"Unglaublich, was sich die Leute so denken, um diese Zeit vorbeizukommen", überlegte er missmutig.
Als er öffnete stand ihm Sara Cummings mit einem herzerwärmenden Lächeln gegenüber.
"Guten Tag, Mr Evans", begrüßte sie ihn und betrat die Wohnung.
"Schön hat er es hier", ging ihr durch den Kopf. "Eine Wohnung, wie es sich für einen Gentleman gehört." Dann fiel ihr Blick auf den Esstisch.
"Oh, entschuldigen Sie bitte. Ich habe Sie beim Mittagessen gestört, Das war furchtbar gedankenlos von mir." Sie wurde rot.
Derek, dessen erste Überraschung sich gelegt hatte, beschwichtigte sie sofort.
"Das macht gar nichts," versicherte er ihr. "Sie konnten es ja nicht wissen."
Insgeheim dachte er: "Ein kleines dummes Mädchen. Nicht mein Geschmack. Aber sie weiß, was sie will und hat ihren eigenen Kopf, das muss ich ihr lassen. Liegt wahrscheinlich in der Familie. Und außerdem könnte sie noch sehr nützlich für mich sein."
Er bot Sara einen Platz und etwas zu trinken an.
"Nun, was verschlägt Sie hierher?", wollte er wissen. "Nicht, daß so ein reizender Besuch nicht immer willkommen ist, aber ich nehme an, Sie haben einen Grund, nicht wahr?" "Ja, den habe ich", erklärte Sara selbstbewusst. "Ich wollte fragen, ob ich für Sie arbeiten kann."
"Sie wollen was?", fragte Derek überrascht.
"Für Sie arbeiten", erklärte Sara. "Ich weiß, das kommt vielleicht etwas überraschend. Aber Sie haben doch fürs "Deep" und fürs "Java Web" insgesamt nur drei Kellner. Ich bin sicher, da können Sie noch jemanden gebrauchen."
"Das schon", gab Derek zu. "Aber ich bräuchte schon jemanden mit ein bisschen Erfahrung. Und ich weiß nicht, ob ihre Schwester einverstanden ist, wenn sie in einem Nachtclub arbeiten." In seinen Gedanken fügte er hinzu: "Vor allem, wenn sie in meinem Nachtclub arbeiten."
"Ich lerne schnell", erklärte Sara. "Es gibt doch Marc, und von mir aus auch Tim, die werden mir schon alles beibringen können. Tim hatte auch keine Erfahrung, als er bei Ihnen angefangen hat. Und ich bin volljährig. Ich brauche also keinerlei Zustimmung, und schon gar nicht von meiner Schwester. Sie wird sich auch freuen, daß ich die Miete so schnell bezahlen kann und niemandem auf der Tasche liege."
Derek strich sich vorsichtig übers Kinn.
"Warum eigentlich nicht", überlegte er. "Wenn dieses kleine Gör den ganzen Tag um mich herum ist, komme ich vielleicht über sie an Meg heran."
"Also gut", meinte er zu Sara. "Sie sollen ihren Versuch bekommen. Aber zunächst einmal auf Probe."
"Oh Mr. Evans, vielen Dank." Sie ging auf ihn zu und umarmte ihn stürmisch. Dann wich sie zurück. "Entschuldigen Sie bitte. Ich weiß nicht, was gerade über mich gekommen ist."
"Schon in Ordnung", meinte Derek. "Ich fühle mich sehr geschmeichelt, wenn so ein hübsches Mädchen mich noch umarmt. Aber eins noch."
"Ja?"
"Wenn Sie schon für mich arbeiten, lassen wir das doch mit dem "Sie" Ich bin Derek". "Freut mich Derek. Ich bin Sara", erklärte sie lachend.
"Du hast was?!" Meg starrte ihre Schwester nur ungläubig an. Sie konnte es nicht glauben, daß Sara Derek wirklich um einen Job gebeten hatte. Sara hatte Meg in ihrem Zimmer aufgesucht, die gerade dabei war, sich für den Abend mit Ben umzuziehen. Sara hüpfte aufgedreht durch Megs Zimmer.
"Oh Meg, ich bin so glücklich! Das ist eine gute Gelegenheit, ihm nahe zu sein."
Meg ließ das Kleid auf den Boden sinken, daß sie in der Hand gehalten hatte. Sie fühlte eine plötzliche Wut in sich aufsteigen.
"Wie konntest Du einen Job annehmen, ohne mich vorher zu fragen?, "fragte sie ungehalten. Sara sah sie überrascht an.
"Wieso? Du wusstest doch, daß ich mir hier einen Job suchen wollte."
Meg sah ihr fest in die Augen.
"Ja, schon, "begann sie, "aber musste es denn ausgerechnet bei Derek Evans sein? Es gibt so viele Jobs in Sunset Beach, ausgerechnet bei diesem ..." Sie schluckte den Rest runter. Irgendwie war es wohl nicht so geschickt, sich Sara zum Feind zu machen. Sie wusste ja, wie Sara über Derek dachte. In ihren Augen war er ein Gott! Meg seufzte und schloss die Augen.
"Ich will Dich nicht bevormunden, Sara, aber ich glaube, es ist an der Zeit, Dir etwas über Derek Evans zu erzählen." Meg drückte Sara auf einen Stuhl.
"Setz' Dich, unser Gespräch wird wohl noch etwas länger dauern ..."
Sie wurden durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen.
"Herein!," sagte Meg, und als sich die Tür öffnete, sprang Sara erschrocken vom Stuhl hoch.
Meg eilte auf die Person zu und umarmte sie.
"Ben!" Sie schaute auf die Uhr. "Meine Güte, ich bin noch nicht mal umgezogen ... Ach ja, Ihr kennt euch ja noch nicht. Darf ich vorstellen, Sara das ist mein Chef und Freund Ben Evans ... Ben, das ist meine kleine Schwester Sara!"
Ben ging auf Sara zu und ergriff ihre Hand. "Freut mich Sie kennenzulernen, Sara," begrüßte er sie mit einem Lächeln. Sara stand wie angewurzelt und starrte ihn nur an. "Derek ...", entfuhr es ihr.
Ben sah sie mit gerunzelter Stirn an.
"Nicht ganz," sagte er und fügte dann schnell hinzu: "Derek ist mein Zwillingsbruder, aber ... außer der Ähnlichkeit haben wir nichts gemeinsam."
Sara sah Meg überrascht und vorwurfsvoll an. "Du hast mir nicht erzählt, daß Derek noch einen Zwillingsbruder hat, und daß Du ... mit dem anderen gehst!"
Meg schnappte nach Luft.
"Also wirklich, Sara, Du hast manchmal eine komische Ausdrucksweise. Ben und ich "gehen" nicht miteinander, wir lieben uns." Sie schenkte ihm ein Lächeln.
"Wie auch immer ..." Sara machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ist doch fast dasselbe." Sie sah Ben prüfend an. "Ist ja ein Wahnsinn, wie ähnlich Sie sich sehen! Als Sie da eben zur Tür reinkamen dachte ich echt, dass Derek vor mir stehen würde."
Ben sah sie durchdringend an.
"Sie kennen meinen Bruder? Woher denn?"
Sara hob den Kopf und sah ihn herausfordernd an.
"Er ist mein neuer Boss," sagte sie bestimmt, und diesmal war es Ben, der wie angewurzelt dastand und sie nur anstarrte.
Ben brauchte eine Weile, um seine Stimme wiederzufinden.
"Sie arbeiten für meinen Bruder?," fragte er dann ungläubig. Sara lachte.
"Ja, ist das nicht toll? Ich bin erst wenige Stunden hier und schon habe ich einen Job!" Ben sah zu Meg hin, doch sie hatte den Kopf gesenkt.
"Was für einen ... Job hat mein Bruder Ihnen angeboten?, "bohrte er weiter.
"Ich bin die neue Kellnerin im „Deep“, und außerdem helfe ich noch im Java Web aus, wenn Not am Mann ist, "sagte sie stolz.
Ben atmete tief durch. Er fragte sich, was Derek dazu veranlasst hatte, ein so blutjunges Mädchen einzustellen. Die Sache war ihm nicht ganz geheuer. Er würde Derek danach fragen.
Meg sah an sich herunter. "Würdet Ihr mich bitte entschuldigen, damit ich mich fertig anziehen kann, "sagte sie. Sara umarmte sie und verließ wortlos das Zimmer. Ben nahm Meg ebenfalls in den Arm und gab ihr einen Kuss auf die Nasenspitze.
"Beeil`Dich, ich warte dann unten."
Als beide gegangen waren, sank Meg seufzend aufs Bett. In ihrem Kopf kreiste eine Frage: Was hatte Derek mit Sara vor? Denn Meg wusste genau, daß Derek ihr diesen Job nicht aus reiner Nächstenliebe gegeben hatte. Sie musste das in Erfahrung bringen, ehe es zu spät und Sara in seine Fänge geraten war!
Meg verscheuchte ihre Gedanken, zog sich schnell um und rannte dann die Treppe ins Wohnzimmer hinunter, wo Ben schon sehnsüchtig auf sie wartete.
„Sara ist Dir
nicht sehr ähnlich, zumindest äußerlich.“ meinte Ben, als sie Hand in Hand am
Strand entlangspatzierten.
„Und sie scheint sehr eigenwillig zu sein!“ fügte er schmunzelnd hinzu.
Meg seufzte.
„Wem sagst Du das!“
Sie kamen an der Stelle vorbei, wo Meg am Tag ihrer Ankunft gesessen und die
untergehende Sonne betrachtet hatte.
„Können wir uns eine Weile hinsetzen, es ist so ein schöner Platz!“ schlug sie
vor und hoffte dabei insgeheim, dass sie diesen Platz nicht immer mit Derek in
Verbindung bringen würde, wenn sie mit Ben hier sitzen und aufs Meer schauen
könnte.
Sie setzten sich in das weiche Gras der Dünen, hinter sich tropisch grüne
Palmen und über sich den blauen Abendhimmel, der sich im Schein der
untergehenden Sonne am Horizont in allen nur möglichen Rottönen färbte. Die
Sonne schien als feuerroter glühender Ball bereits das Meer zu berühren, sie
spiegelte sich in den Wellen in wunderschönen Farben. Ein Schauspiel, das sich
jeden Abend wiederholte, an dem man sich jedoch nie sattsehen konnte.
Ben nahm Meg in den Arm und sie legte den Kopf an seine Schulter. Sie fühlte
sich so endlos glücklich und geborgen. Wahnsinn, wie ihr Leben sich in der
kurzen Zeit, seit sie hier in Sunset Beach war, verändert hatte! Sie lächelte
und schloss für einen Moment die Augen.
„Wenn mich jemand fragen würde, was Glück für mich bedeutet, dann würde ich
genau diesen Augenblick beschreiben.“ sagte sie leise.
Ben sah sie eine Weile nur stumm an und meinte dann:
„Ich dachte, ich hätte vergessen, wie das ist, aber mit Dir ist dieses Gefühl
stärker denn je. Du bist was ganz Besonderes, Meg...“ Er küsste sie zärtlich.
Sie saßen dort und hielten den Augenblick fest, bis die Sonne im Meer
versunken war. Dann spazierten sie weiter den Strand entlang, ohne bestimmtes
Ziel, einfach nur geradeaus, Hauptsache, sie waren zusammen.
Jeany
Eilig packte
Tiffany ihre paar Habseligkeiten im alten Fabrikgebäude zusammen und verließ
das Gebäude durch ein offenes Kellerfenster. Vorsichtig schaute sie sich um,
bevor sie die Baustelle überquerte, um wie immer durch das Loch im Absperrzaun
zu schlüpfen. Spike trollte eilig hinter ihr her, um den Anschluss nicht zu
verpassen.
Nachdem Mark ihr vorhin im „Deep“ freudestrahlend mitgeteilt hatte, dass ihrem
Einzug ins „Garagen- Appartement“ nichts mehr im Wege stand, hatte sie sich
sofort auf den Weg gemacht, um ihre Sachen zu holen. Keine einzige Nacht würde
sie mehr in diesem gottverlassenen, gespenstischen Fabrikgebäude verbringen,
wo sie ständig darauf gefasst sein musste, von irgendwem erwischt zu werden.
Tiffany kroch durch den Zaun und zerrte ihre Reisetasche nach. Leise rief sie
nach Spike, der sofort freudig um ihre Füße sprang.
„Wen haben wir denn da?“ ertönte hinter ihr eine Stimme, die sie erschrocken
herumfahren ließ. Auch das noch! Ben Evans und... na wenn das kein Zufall war,
die junge Frau, mit der sie neulich den verunglückten Bauarbeiter aus den
Trümmern des Gerüstes befreit hatte.
Verunsichert schaute sie von einem zum anderen und schätzte blitzschnell ab,
wie ihre Chancen standen, sich noch schnell aus dem Staub zu machen.
„Was tun Sie auf der Baustelle?“ fragte Ben streng und wies dabei auf Tiffanys
Tasche. Sie hob abwehrend die Hände.
„Oh nein, es ist nicht so, wie es aussieht, ich hab nichts gestohlen!“ beeilte
sie sich zu sagen.
„I – ich geh nur mit dem Hund spazieren, und da...“
„Tiffany?“ Jetzt erst schien Meg sie zu erkennen. Ben sah ungläubig von einer
zur anderen.
„Ihr kennt euch?“
Meg nickte.
„Ja, das ist die junge Frau, die Cole Deschanel nach seinem Unfall gefunden
hat.“ erklärte sie.
Ben zog die Stirn in Falten.
„Scheint so, als wären Sie oft hier mit Ihrem Hund unterwegs.“ bemerkte er
misstrauisch. „Wenn mich nicht alles täuscht, habe ich Sie doch auch heute
morgen schon an der Baustelle gesehen.“
Tiffany suchte krampfhaft nach einem Ausweg. Sie war von diesem zufälligen
Zusammentreffen derart überrascht, dass sie sich spontan für die Wahrheit
entschied, darauf hoffend, Mister Evans möge vielleicht nachsichtig sein.
Eigentlich sah er doch ganz nett aus, verdammt gut sogar!
„Ich“ begann sie leise, „ich hatte kein Geld und keine Unterkunft, und da habe
ich ein paar Tage in dem alten Fabrikgebäude übernachtet und bin immer früh
verschwunden, bevor die Arbeiter ihre Schicht begannen.“ Ihr Blick ging nervös
zwischen Ben und Meg hin und her, während sie hastig hinzufügte:
„Ich hab aber nichts gestohlen und auch niemanden belästigt, und jetzt
verschwinde ich ganz schnell wieder, hab was anderes gefunden. Bitte verraten
Sie mich nicht an die Bullen, Mister Evans!“
„Woher wissen Sie, wer ich bin?“ fragte Ben erstaunt. Tiffany lächelte
verlegen.
„Na, Sie sind doch der Boss, ich hab Sie schon hier schon gesehen, auch den
anderen, Ihren Geschäftspartner.“
Ben nickte und warf Meg einen bedeutungsvollen Blick zu.
„Na schön, Tiffany, oder wie immer Sie heißen mögen, Sie haben Mister
Deschanel durch Ihr mutiges Eingreifen in dieser Nacht sicher das Leben
gerettet. Sie brauchen keine Angst zu haben, ich werde nichts gegen Sie
unternehmen, schon schlimm genug, dass ein junges Mädchen wie Sie sich in so
einer Gegend die Nacht um die Ohren schlagen muss.“
Tiffany atmete erleichtert auf.
„Na dann... werd ich mal...“
Ben fiel noch etwas ein.
„Warten Sie!“ Er trat näher an sie heran, und Tiffany zog instinktiv den Kopf
ein.
„Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen, in dieser Nacht, als der Unfall geschah,
irgend was Ungewöhnliches?“ fragte er, einer inneren Eingebung folgend.
Tiffany schüttelte hastig den Kopf, zu hastig, wie es Ben schien.
„N – nein, ich... habe geschlafen.“
Ben sah sie durchdringend an, und sie wich nervös seinem Blick aus.
„Also dann, `wiedersehen!“ Sie griff schnell nach ihrer Tasche. „Komm Spike!“
rief sie und schlug hastig den Weg zur Stadt ein.
„Wiedersehen, Tiffany!“ rief ihr Meg noch hinterher.
Ben sah ihr kopfschüttelnd nach.
„Sie verschweigt irgendwas.“ meinte er.
„Ach lass doch,“ beruhigte ihn Meg, „sie hat es sicher nicht leicht, so ganz
ohne Zuhause!“
Ben nahm ihre Hand und sie gingen weiter.
„Trotzdem irgendwie komisch.“ grübelte er. Meg fiel etwas ein.
„Apropos komisch“ sagte sie, „mir ist heut im Büro was ganz Eigenartiges
passiert, das wollte ich Dir schon die ganze Zeit über erzählen...“
Gregory Richards beobachtete missmutig, wie seine Frau gerade den zwölften Wodka zu sich nahm.
"Olivia, Du solltest das lassen", ermahnte er sie.
"Lass mich in Ruhe", lallte sie. "Wage es nicht, mir auch noch die letzte Freude am Leben zu nehmen."
"Olivia, wenn..." In diesem Augenblick klingelte es an der Tür.
"Mach, das Du weg kommst", herrschte Gregory seine Frau an. "Es fehlte gerade noch, wenn das ein Geschäftspartner von mir ist, und Dich so sieht."
"Hör auf, mich rumzukommandieren, Gregory. Ich lass mir nichts mehr gefallen – von einem Mörder!"
"Cole Deschanel ist nicht gestorben", antwortete Gregory kalt.
"Ja... Sei ehrlich Gregory, ist es eine große Enttäuschung für Dich? Wahrscheinlich hast Du insgeheim erhofft, das er seinen Verletzungen erliegt!"
"Meine liebe Olivia", erwiderte Gregory, "die Tatsache, daß Cole Deschanel aus dem Koma erwacht ist, heißt noch lange nicht, daß er über den Berg ist. Also hoffen wir das Beste..."
Olivia sah ihren Mann entsetzt und mit weit aufgerissenen Augen an.
"Das er überlebt, natürlich." Als es wieder klingelte, packte er seine Frau beim Arm und zerrte sie die Treppe hinauf. Dann schloss er sie in ihrem Schlafzimmer ein, während sie schrie und zerrte.
"Schlaf Deinen Rausch aus", meinte er kalt, ließ den Schlüssel im Schloss stecken und öffnete die Haustür.
Hickengruendler
Tiffany stand vor der Tür, einen Rucksack auf dem Schulter, aus dem ein paar achtlos zusammengeworfene Kleider hervorlugten.
"Sie haben doch hoffentlich nicht vor, hier einzuziehen?" sagte Gregory entsetzt.
"Keine Angst, Mr Richards. Ich habe jetzt eine neue Bleibe gefunden."
"Ich vermute auf der Müllkippe, wo sie hingehören!" meinte Gregory scharf.
"Falsch geraten. Ein Freund von mir hat mich in seiner Wohngemeinschaft aufgenommen."
"Ach, und was interessiert mich das?"
"Ich habe mich ein wenig schlau gemacht, und erfahren, daß Ihre Sekretärin, die Junge meine ich, nicht die aufgedrehte Alte, auch dort wohnt."
"Das ist nicht meine Sekretärin, sondern die von Ben Evans."
Tiffany winkte ab.
"Unwichtig. Jedenfalls ist die Chance, daß jetzt, wo ich ständig mit ihr zusammen bin, mir ihr gegenüber etwas herausrutscht, natürlich viel größer. Sie wissen schon, worüber. Freilich wird mir das wohl nur passieren, wenn Sie weiter so abweisend auf meinen kleinen Vorschlag reagieren."
"Was soll ich denn Ihrer Meinung nach machen? Auf meinen Sohn Sean habe ich keinerlei Einfluss."
Das war etwas, was Gregory immer schon geärgert hatte. Diesmal kam es ihm zu Gute. "Wie wäre es denn, wenn Sie Ihren Sohn bitten, ein paar geschäftliche Unterlagen, die angeblich ganz wichtig sind, zu Ihrer Sekretärin zu bringen. Ihre andere Sekretärin hat sich doch momentan freigenommen..."
"Erstaunlich, wie sehr Sie über die Vorkommnisse in meinem Büro informiert sind." Tiffany zuckte die Schultern.
"Ich habe meine Quellen."
In Wahrheit hatte sie gehört, wie sich zwei Arbeiter auf der Baustelle darüber unterhielten, daß Bette ganz plötzlich Urlaub genommen hatte. Die wildesten Gerüchte über den Grund dafür gingen umher. Angeblich hatte ihre Nichte eine Abtreibung gehabt, oder so ähnlich.
"Also. Es dürfte wohl kaum jemanden verwundern, wenn Sie deshalb die andere Sekretärin bitten, diese ganz wichtigen Unterlagen noch zu erledigen. Schicken Sie Sean vorbei, und ich werde warten."
Gregory blickte ihr böse hinterher, als sie davonschlenderte.
Hickengruendler
Gregory! Gregory lass mich raus"! Olivia Richards hämmerte wie eine Verrückte an die Schlafzimmertür.
"Mistkerl", schrie sie. "Die besten Männer hätte ich haben können! Reihenweise sind sie mir hinterher gelaufen. Ich weiß nicht, warum ich ausgerechnet Dich ausgewählt habe. Jeden hätte ich haben können. Ich hasse Dich, hörst Du, ich hasse Dich."
Dann brach sie vor der Schlafzimmertür zusammen.
"Nein, ich liebe Dich", flüsterte sie. Mühsam raffte sie sich wieder auf, nur um ein weiteres Mal umzukippen. Der nächste Versuch wieder auf die Beine zu kommen, gelang ihr.
"Ich muss aus diesem Haus raus! Es ist wie ein Gefängnis. Ein Gefängnis." Sie rüttelte an der Tür, die sich aber nicht öffnen lies. Dann schleppte sie sich hinüber zum Fenster.
"Ich muss hier raus. Ich muss hier raus." Sie öffnete das Fenster und schnappte gierig nach frischer Luft. Dann kletterte sie auf die Fensterbank und machte sich auf den Weg zur Dachrinne. Doch dort kam sie nicht an. Sie konnte auf der Fensterbank das Gleichgewicht nicht halten und mit einem Schrei stürzte sie ab.
Gregory hörte den Schrei seiner Frau, doch er kam nicht von oben, sondern schien von draußen zu kommen.
"Was um alles in der Welt...", dachte er. Er rannte nach draußen und traute seinen Augen nicht, als er sah, was geschehen war. Olivia hatte offenbar versucht, über die Fensterbank und die Dachrinne nach unten zu klettern, was ihr aber in ihrem Zustand nicht gelungen war. Sie hatte das Gleichgewicht verloren, doch anstatt ganz in die Tiefe zu stürzen, war sie auf halbem Weg mit ihrem Kleid an einem Nagel, der ein Stück aus der Hauswand hervorlugte, hängengeblieben. Das Kleid war inzwischen völlig zerrissen und hing noch an einem letzten Zipfel an dem Nagel.
"Worauf wartest Du noch, Gregory!" keifte sie. "Hilf mir gefälligst!"
Doch dazu kam es nicht mehr. Der letzte Zipfel des Kleides löste sich, und sie stürzte ganz ab. Da der Weg aber nicht mehr so weit war, fiel die Landung einigermaßen glimpflich aus. Es gab ein dumpfes Geräusch, als Olivia hart mit ihrem Hinterteil auf dem Balkon landete.
"Au, au, au, au", machte sie, stand auf und hielt sich mit lautem Gejammer ihre vier Buchstaben. Gregory stand daneben und wusste nicht so richtig, was er sagen sollte.
Hickengruendler
Kaum waren Ben und Meg gegangen, beschloss Sara, ihrem neuen Chef einen Besuch abzustatten. Sie wusste, daß er bestimmt im Deep anzutreffen wäre, und so machte sie sich auf den Weg dorthin. Tim war der erste, der sie erblickte.
"Hi Sara, das ist ja eine Überraschung! Was machst Du denn hier?"
Sie wies die Treppe hoch.
"Ich habe etwas mit Der .. Mr. Evans zu besprechen," entgegnete sie. "Ist er in seinem Büro?"
Tim nickte und beschäftigte sich weiter mit dem Polieren der Gläser.
Sara ging die Treppe hoch und klopfte vorsichtig an.
"Ja, bitte!" hörte sie Dereks Stimme sagen. Sie öffnete die Tür und lugte vorsichtig hinein.
"Ich hoffe, ich störe nicht, aber ich wollte fragen, ob Sie ... ich meine Du Lust hast, mich an den Strand zu begleiten?"
Derek sah von seinem Schreibtisch auf und schaute Sara prüfend an. Sie fühlte sich unter seinem Blick fast nackt, und sie spürte, wie ihre Hände feucht und der Mund trocken wurde.
"Entschuldige, war wohl 'ne blöde Idee. Du bist wahrscheinlich gerade mit wichtigeren Dingen beschäftigt!" Sara wirkte zerknirscht, und irgendwie erschien ihr das Vorhaben plötzlich albern und kindisch. Sie drehte sich um und streckte ihre Hand nach dem Türgriff aus, doch Derek hatte sich blitzschnell erhoben und mit wenigen Schritten war er an der Tür und hielt sie am Arm fest.
"Warte!" Er sah ihr tief in die Augen, und sie spürte seine Anwesenheit so stark, dass ihr ganz schwindelig wurde. Sein Gesicht verzog sich zu einem Lächeln.
"Ich finde die
Idee wunderbar, und es ist mir eine Ehre, Dich zu begleiten." Sein Blick
durchdrang sie, und sie stand wie gefesselt, die Hand immer noch am Türgriff.
Derek löste ihre Hand vorsichtig und öffnete selber die Tür. Er bot Sara den
Arm, während sie zusammen die Treppe hinunter gingen. Derek machte zu Tim ein
Zeichen, daß er gerade mal verschwinden würde, und dann führte er Sara nach
draußen.
Tim blickte ihnen sehr verwundert nach.
Die rotglühende Sonne spiegelte sich im Wasser, als Sara und Derek am Strand entlang liefen. Sie hatte sich bei ihm eingehakt, und mit geschlossenen Augen ließ sie sich von ihm durch den weichen Sand führen. Sara hörte das Meeresrauschen, und sie empfand ein tiefes Glück. Konnte sie doch mit dem Mann ihres Herzen den Sonnenuntergang erleben!
Derek beschäftigten ganz andere Dinge. Er sah Sara entnervt von der Seite an. Die Kleine war lästig wie eine Schmeißfliege! Damit hatte er nicht gerechnet, und offensichtlich hatte sie auch noch was für ihn übrig. Was er jetzt gar nicht gebrauchen konnte, war ein verliebter Backfisch, der ihm wie eine Klette am Hals hing!
Er dachte an Meg. Wenn sie ihn doch nur halbwegs so anhimmeln würde wie Sara!
Er musste Meg einfach haben, egal, wie hoch der Preis dafür sein würde!
Sara hatte die Augen geöffnet und sah Derek prüfend an.
"Du siehst irgendwie nachdenklich aus," stellte sie fest. "Verrätst Du mir, woran Du gerade gedacht hast?"
Derek sah sie an. Meine Güte, neugierig ist sie auch noch, dachte er! Er zwang sich zu einem Lächeln.
"Weißt Du, es gibt über den Sonnenuntergang eine Legende. Soll ich sie Dir erzählen?" Sara schaute ihm tief in die Augen.
"Ja, sehr gerne," sagte sie leise, "ich liebe Legenden ..."
Mona
Sara hörte gebannt zu, wie Derek ihr die Geschichte von Sunset Beach erzählte.
Sie schaute in die Sonne, die nun ganz langsam im Meer versank und fühlte seine Hand auf ihrer Schulter. Sara drehte sich zu ihm um.
"Das ist die romantischste Liebesgeschichte, die ich je gehört habe," sagte sie sehnsüchtig. Sie sah Derek an.
Oh, nein, dachte er, sie wird doch jetzt nicht von mir erwarten, daß ich sie küsse?
Sara schloss die Augen. Sie stellte sich vor, wie es sein würde, wenn Derek sie jetzt in die Arme nehmen und küssen würde. Doch stattdessen nahm er seine Hand von ihrer Schulter.
"So, ich denke, wir haben genug Luft geschnappt. Außerdem ist die Sonne jetzt weg und es wird bald stockdunkel sein. Wenn wir uns nicht beeilen, werden wir den Weg nicht mehr zurück finden!" Er nahm ihre Hand und zog sie etwas unsanft mit sich.
Als die Lichter des „Deep“ schon sichtbar waren, blieb er plötzlich stehen. Ohne eine Vorankündigung zog er Sara plötzlich in seine Arme und gab ihr einen harten Kuss auf den Mund. Genauso plötzlich ließ er sie wieder los und ging zielstrebig, ohne sich noch einmal nach ihr umzuschauen, weiter zum „Deep“.
Sara blieb wie angewurzelt stehen. Sie starrte ihm hinterher und rieb sich die Lippen. Plötzlich erhellte sich ihr Gesicht.
"Er liebt mich! "flüsterte sie und rannte glücklich nach Hause.
Als Sara die Haustür öffnete, wurde sie gleich von Gabi begrüßt.
"Hallo, Sara! Wo kommst Du denn so spät her?" Sie sah sie prüfend an.
Sara schwebte immer noch auf Wolke 7 nach diesem Kuss von Derek, und Gabi hatte Mühe, sie in die Wirklichkeit zurückzuholen.
"Sara? Ist alles in Ordnung?," fragte sie besorgt.
Sara schaute Gabi an, als ob sie sie das erste Mal sehen würde.
"Was hast Du gesagt?"
"Ich fragte, wo Du herkommst! Es ist schon spät, und so ganz alleine sollte ein junges Mädchen um diese Zeit nicht mehr draußen herumlaufen."
Sara sah Gabi nachdenklich an. Sie überlegte kurz und dann platzte sie hervor
"Ich war ja gar nicht alleine ... Derek war bei mir!"
Gabi schluckte und sah Sara ungläubig an.
"Wie bitte? Derek Evans?" Sie dachte, sie hätte sich verhört, aber Sara nickte nur.
Gabi war entsetzt.
"Du bist alleine mit Derek Evans am Strand spazierengegangen? Sara ... ich hätte Dich wirklich für vernünftiger gehalten!" Gabi stemmte ihre Hände in die Hüften und sah Sara vorwurfsvoll an. Diese wehrte sich sofort.
"Wieso denn das?," fragte sie leicht genervt. "Er benahm sich wie der perfekte Gentleman, und wir hatten ... eine Menge Spaß am Strand!" Sie hob kämpferisch das Kinn.
Gabi schüttelte den Kopf.
"Mit Derek Evans hat man keinen "Spaß"," klärte sie Sara auf, "mit dem Mann hat man nichts als Ärger!"
Sara stampfte mit dem Fuß auf.
"Ach, lasst mich doch alle in Ruhe ... erst hackt Meg auf ihm herum, und jetzt fängst auch noch Du an. Mir reicht es!" Sara war im Begriff zu gehen, doch Gabi hielt sie fest. "Stop!"
Sara drehte sich um.
"Was ist denn noch? "fragte sie genervt.
"Okay, Waffenstillstand?!" Gabi streckte Sara die Hand hin. Sara zögerte kurz, ehe sie Gabis Hand ergriff.
"So," begann Gabi, "und nun möchte ich alles wissen über Deinen Abend mit Derek!"
Auf Saras Gesicht erschien ein Lächeln.
"Ich erzähle es Dir, "sagte sie, "wenn Du mir versprichst, daß Du es nicht Meg weitererzählst. Sie ist nicht so gut auf Derek zu sprechen, und ich möchte keine Standpauke von ihr bekommen!"
Gabi sah sie erstaunt an.
"Hast Du denn eine verdient?," fragte sie neugierig. Sara konnte nicht mehr an sich halten, und sie platzte mit der Neuigkeit heraus.
"Derek und ich ... wir haben uns geküsst!" Sie erstarrte mitten im Satz, denn die Tür öffnete sich und Meg trat ins Haus. Entsetzt starrte sie Sara an. Sie hatte offenbar den Satz mitbekommen, denn sie ging schnell auf ihre Schwester zu und packte sie am Arm. "Sag' mir sofort, daß das nicht wahr ist, Sara!" schrie sie wütend.
Vergeblich versuchte Sara sich zu befreien. Sie rieb ihren schmerzenden Arm. Triumphierend sah sie Meg in die Augen.
"Ja, Meg, Derek und ich haben uns geküsst, und Du wirst es nicht schaffen, uns auseinanderzubringen. Wir lieben uns nämlich!"
„Ach ja?“ höhnte Meg. „Ihr liebt Euch! Na toll!“ Sie sah Sarah eindringlich an. “Derek Evans liebt niemanden, - außer sich selbst vielleicht!”
Ben betrat hinter
Meg das Haus und schloss die Tür.
„Hey, ganz ruhig!“ sagte er und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Ich habe
eigentlich den Eindruck, dass Deine Schwester ganz gut zurechtkommt. Sie weiß
schon, wie weit sie zu gehen hat.“ meinte er versöhnlich. „Hab ich recht,
Sara?“ fügte er hinzu und warf ihr einen bedeutungsvollen Blick zu.
Die jedoch war in Kampfstimmung. Sie ignorierte Bens Vermittlungsversuch und
sah ihre Schwester böse an.
„Lass mich los! Du bist ja schlimmer als Mum!“ Sie schüttelte Megs Hand ab.
„Ich bin volljährig, falls Du das vergessen hast!“
„Dann benimm Dich gefälligst auch so!“ fauchte Meg zurück. „Du bist noch keine
zwei Tage hier und lässt Dich schon mit dem größten Casanova von Sunset Beach
ein! Mein Gott, Sara, benutz doch zur Abwechslung auch mal Deinen Kopf!“
Es entstand ein Moment peinlichen Schweigens. Gabi und Ben sahen sich etwas
ratlos an und Sara nagte nervös an ihrer Unterlippe. Es geschah selten, dass
Meg derart wütend wurde, sie musste also allen Grund dazu haben. Aber wenn man
sich Hals über Kopf verknallt hatte, war das schwer einzusehen. Sie sah für
den Moment nur eine Möglichkeit, um sich halbwegs würdevoll aus der Affäre zu
ziehen, bevor noch mehr böse Worte fallen würden, die man hinterher meistens
bereute, sie drehte sich um und lief die Treppe hinauf zu ihrem Zimmer.
„Sara, warte...“ rief Meg ihr nach, doch sie wusste, ihre kleine Schwester war
viel zu stur, um jetzt nachzugeben. Hilflos drehte sich Meg zu Gabi und Ben um
und zuckte nur resigniert mit den Schultern.
„Lass sie“ meinte Gabi beruhigend, „sie kriegt sich schon wieder ein. Im
Moment wirkt Dereks Charme noch nach, da hast Du sowieso keine Chance!“
Meg nickte.
„Ja, ich werde morgen versuchen, mit ihr in Ruhe zu reden, zum Glück ist sie
nicht nachtragend.“ Sie atmete tief durch. „Ausgerechnet Derek!“ stöhnte sie
und schüttelte den Kopf. Ben sah sie prüfend an.
„Ich hab ja auch nicht gerade die beste Meinung von meinem Bruder“ gab er zu,
„aber warum magst Du ihn eigentlich nicht?“
Meg stutzte. „Jetzt nur nichts falsches sagen“ dachte sie erschrocken, „sonst
geraten die Brüder noch wegen mir aneinander!“ Nein, das war wirklich das
Letzte, was sie wollte!
Sie warf Gabi einen bedeutungsvollen Blick zu und sagte dann vorsichtig:
„Ich hab so einiges gehört, und die Art, wie er Annie behandelt hat... damals
im „Deep“, und überhaupt, seine ganze arrogante Art, ich kann ihn einfach
nicht leiden!“
„Hat er Dich belästigt?“ forschte Ben.
Meg schüttelte heftig den Kopf.
„N... nein!“
„Na gewundert hätte es mich nicht!“ gab er zu. „Er ist doch hinter jeder
schönen Frau her...“
„Das hätte er nicht gewagt“ warf Gabi schnell ein, „wir waren ja im „Deep“
alle dabei.“
Meg sah Gabi dankbar an und wechselte schnell das Thema.
„Ich hole nur meine Jacke, dann können wir wieder los!“
Während sie die Treppe hinaufeilte, fragte Gabi erstaunt:
„Wollt Ihr nochmal weg?“
„Na ja“ meinte Ben etwas zögernd und rieb sich verlegen das Kinn, „wir wollten
noch auf einen Drink bei Elaine vorbeischauen und ...“
Gabi griff sich an die Stirn und rief beschämt dazwischen:
„Entschuldige Ben, das war wirklich eine absolut dumme Frage, total
unsensibel! Das geht mich ja nun wirklich nichts an, wie Ihr den Abend
verbringt. Vergiß es bitte!“
„Ach was“ lachte Ben, „ist doch ganz gut, wenn wenigstens jemand im Haus
bescheid weiß, falls Meg vielleicht erst nach dem Frühstück wieder zurück
ist!“
Jeany
Tiffany hielt
ihren Einzug im Surf Central.
Casey war einverstanden gewesen, allerdings unter einer Bedingung, und das war
der Wermutstropfen dabei: sie sollte sich einen Job suchen, um wenigstens
etwas für die gemeinsame Haushaltskasse beisteuern zu können.
Er hatte ja recht, das sah sie ein, aber arbeiten, täglich immer das gleiche
tun, wie in einer Tretmühle? Der Gedanke bereitete ihr Unbehagen. Sie musste
wirklich zusehen, dass sie die Sache mit Sean so schnell wie möglich auf die
Reihe brachte, dann würden sich ihre finanziellen Probleme sowieso schnell
lösen. Wie konnte sie auch nur so dumm sein und Gregory seinen Scheck
zurückgeben? Das hatte zwar Eindruck gemacht, aber vom Eindruck allein wurde
man ja bekanntlich auch nicht satt! Der Scheck war eigentlich nur erhalten
geblieben, weil ihr Vater, dieser Dreckskerl, nach seinem Tod noch etwas
Bargeld hinterlassen hatte.
Na ja, zu spät, und ein paar Dollar hatte sie ja noch für den Notfall.
Sie sah sich um. Hier konnte man es wirklich eine Weile aushalten. Michael und
Mark hatten die ehemalige Abstellkammer schon etwas freigemacht und ihr fürs
erste ein Feldbett aufgeschlagen. Ein Kissen und eine Decke war auch schnell
herbeigeschafft, und den alten Schrank würden sie morgen noch entrümpeln.
Tiffany streckte sich auf dem Bett aus und graulte Spike das Fell.
„Morgen sehen wir uns mal etwas um und schauen, wer noch so alles hier wohnt.“
sagte sie und gähnte. „Ach Spike, endlich mal eine Nacht, wo man ruhig
schlafen kann, ohne immer mit einem Ohr wach zu liegen!“ seufzte sie zufrieden
und schlief auf der Stelle ein.
Meg kuschelte sich
in Bens Arm. Gemeinsam standen sie auf der Veranda seines Hauses und genossen
die Stille der Nacht und den sanften erfrischenden Wind, der vom Meer
herüberwehte.
Der Streit mit Sara beschäftigte Meg immer noch in Gedanken. Ben spürte das.
„Mach Dir keine Sorgen, morgen sieht das schon anders aus.“ sagte er
beruhigend. „Bestimmt betrachtet Sara dann die Sache nüchterner.“
Meg seufzte und schüttelte den Kopf.
„Ich fürchte, das wird eher noch schlimmer. Sie ist stur wie ein Maulesel. Und
sie ist total verliebt...“
Ben lächelte.
„Das bin ich auch!“
Meg legte glücklich den Kopf an seine Schulter. Nach einer Weile fragte sie
leise:
„Warum hasst Ihr Euch, Derek und Du?“
Im selben Moment bereute sie diese Frage schon, aber es war zu spät. Ben
verspannte sich schlagartig, ließ sie los und trat an die Brüstung der
Veranda. Eine Weile sah er schweigend aufs Meer hinaus, bevor er zögernd
sagte:
„Das ist eine lange Geschichte.“
Meg trat an ihn heran und legte sanft ihre Hand auf seinen Arm.
„Ich hab viel Zeit.“ meinte sie leise. Ben sah weiter geradeaus und fing dann
gedankenverloren an zu erzählen:
„Das ging schon los, als wir noch Kinder waren. Wir hatten alles, was man sich
nur wünschen konnte, einschließlich Eltern, die uns liebten. Aber immerzu
schien Derek eifersüchtig auf mich zu sein, was ich hatte, wollte er auch
haben, wenn ich für etwas gelobt wurde, stellte er etwas an, um die
Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er war hinterhältig und gemein und freute
sich, wenn ich für etwas büßen musste, was er getan hatte. Trotzdem liebte ich
ihn, er ist doch mein Zwillingsbruder.
Später, als wir auf dem College waren, lernte ich ein Mädchen kennen. Wir
waren sehr verliebt, aber Derek hat es schließlich fertiggebracht, sie zu
täuschen. Er ging mehrmals mit ihr aus, und irgendwann hatte er es geschafft,
dass sie zu ihm gehörte. Danach war sie für ihn uninteressant.
Dann starb unser Vater, und ich kam mit 21 Jahren hierher nach Sunset Beach,
um mir eine Existenz aufzubauen. Derek folgte mir kurze Zeit später und blieb
auch hier. Ich half ihm sogar noch, in Sunset Beach Fuß zu fassen. Aber ich
hatte ständig das Gefühl, er wartete nur auf eine Gelegenheit, um mir wieder
eins auszuwischen.“
Meg hörte aufmerksam zu. Was Ben erzählte, rundete ihr bisheriges Bild von
Derek ab.
„Was geschah dann?“ fragte sie leise. Ben lächelte bitter.
„Ich lernte Maria kennen.“
„Deine Frau...“
Ben nickte.
„Ja, wir waren eine Zeitlang sehr glücklich, sie war eine wundervolle Frau,
liebevoll, warmherzig und wunderschön.“
„Du musst sie sehr geliebt haben...“ bemerkte Meg.
Ben lachte gequält.
„Ja, sehr. So sehr, dass ich nicht mal mitbekam, wie sie sich veränderte.
Dabei hätte ich es eigentlich besser wissen müssen. Nur, diesmal begriff ich
erst, was geschehen war, als ich meine Frau in Dereks Bett überraschte...“
„Ben, Du musst mir das nicht erzählen, wenn du nicht möchtest!“ flüsterte Meg.
Er schüttelte heftig den Kopf.
„Es ist gut, mal darüber zu reden, und eigentlich war das auch schon alles.
Wir haben uns an dem Abend heftig gestritten, sie griff sich Dereks
Bootsschlüssel, lief aus dem Haus und fuhr trotz Sturm mit seinem Boot hinaus.
Ich bin ihr gefolgt, hab sie die ganze Nacht gesucht, konnte sie aber nirgends
finden. Na ja, den Rest haben Dir bestimmt schon andere erzählt.“
Er drehte sich nach Meg um und sah sie an.
„Nur eines noch, und es ist mir verdammt wichtig, dass du das weißt,“ er
machte eine bedeutungsvolle Pause und sah ihr tief in die Augen, „ich habe
meine Frau nicht getötet!“
„Das hätte ich
auch nie geglaubt!“ sagte Meg leise, aber sehr bestimmt und sah ihn groß an.
„Du bist was ganz Besonderes, Ben!“
Er nahm sie in den Arm und küsste sie, zuerst zärtlich und fast vorsichtig,
dann immer leidenschaftlicher.
Ben wusste, es war gut, dass er ihr alles erzählt hatte, er fühlte sich wie
von einer zentnerschweren Last befreit. Das Gefühl der Leere, das ihn seit
Marias Tod beherrscht und keine neue Liebe zugelassen hatte, verschwand immer
mehr, seit er Meg kennengelernt hatte, er konnte wieder frei atmen und sich
auf jeden neuen Tag freuen.
Er strich ihr zärtlich über ihr Haar und ihre Schultern und genoss es, wenn
sie zwischen ihren Küssen leise seinen Namen sagte.
Diesmal würde er nicht zulassen, dass irgendwer sie beide störte, und wenn der
Rest der Welt unterging, das hier war ihre Nacht...
Gabi ging in ihr Zimmer, um sich bettfertig zu machen, als sie im Raum neben sich Geräusche hörte. Kurz darauf hörte sie, wie eine Tür scheppernd ins Schloss fiel. Sie öffnete ihre Zimmertür und rannte schnell die Treppe hinunter. Ein furchtbarer Gedanke keimte in ihr auf.
"Sara?" Gabi hatte
die Eingangstür geöffnet und starrte in die Finsternis. Sie sah in weiter
Entfernung nur einen Schatten, der plötzlich im Nichts verschwand ...
Sara rannte so schnell sie konnte die Straße hinunter. Ihr Ziel war das Deep,
doch dann überlegte sie es sich anders. Sie drehte sich um und rannte weiter
Richtung Dereks Haus. Vor seiner Tür blieb sie schweratmend stehen und
betätigte den Türklopfer.
Es dauerte eine Weile, ehe er die Tür öffnete. Seine Mimik drückte Überraschung aus, als er Sara erblickte.
"Du?" fragte er und runzelte die Stirn. "Was willst Du hier, mitten in der Nacht?"
Er wirkte ungehalten über die späte Störung. Doch kaum hatte er den Satz ausgesprochen, warf sich Sara in seine Arme und ließ ihren Tränen freien Lauf.
Derek war zu überrascht, um reagieren zu können. Er stand wie festgenagelt da und versuchte zu begreifen, was da gerade passierte. Er schob sie von sich und schaute in ihr tränennasses Gesicht. Er war es gewohnt, mit jeder Schwierigkeit fertigzuwerden, aber diese Situation überforderte ihn.
Er räusperte sich hörbar, und Sara wischte sich mit der Hand übers Gesicht. "Entschuldige," sagte sie. "Ich muss wirklich furchtbar aussehen!"
Er zog ein Taschentuch aus der Tasche und gab es ihr.
"Hier, putz' Dir erst einmal die Nase!" Sara nahm das Taschentuch dankbar entgegen. Derek zog sie am Arm ins Innere des Hauses. Er wollte vermeiden, daß vielleicht andere Leute Sara bei ihm sahen. Er drückte sie aufs Sofa und setzte sich neben sie. "Normalerweise," begann er, "mag ich es nicht, wenn ich unangemeldeten Besuch bekommen, aber Du bist natürlich eine Ausnahme!" Er zwang sich zu einem Lächeln. Sara griff nach seiner Hand.
"Bitte, ich würde Dich nicht darum bitten, wenn ich nicht in einer Notlage wäre, aber ... darf ich die Nacht über bei Dir bleiben?"
Derek sah sie an, als ob sie geistesgestört wäre. Er konnte nicht glauben, was er da hörte! Die Kleine hatte es aber mächtig erwischt! Gut für mich, dachte er. So bekomme ich beides - eine Nacht mit dieser Kleinen - und Meg!
Derek war natürlich nicht entgangen, daß Sara durchaus ihre Reize hatte, und schönen Frauen konnte er noch nie widerstehen - besonders, wenn sie sich ihm so an den Hals warfen wie Sara. Es interessierte ihn gar nicht, in welcher Notlage Sara steckte. Er ging gleich zum Gegenangriff über und legte seinen Arm um ihre schmalen Schultern.
"Aber natürlich darfst Du die Nacht über bei mir bleiben," sagte er aalglatt. "Ich würde mich sogar sehr darüber freuen!"
Sara sah zu ihm auf. Ihre Blicke trafen sich, und Derek zog sie näher zu sich heran. "Sehr sogar ..." flüsterte er und verschloss ihren Mund mit seinen Lippen.
"Sara, bleib stehen!" rief Gabi, doch sie bekam keine Antwort. Missmutig schloss sie die Tür. Ein furchtbarer Gedanke schoss ihr durch den Kopf. Sara würde doch wohl nicht zu Derek gehen mitten in der Nacht?!
Doch nachdem, was sie vorhin mitbekommen hatte, war Sara wohl zu allem fähig.
Gabi rannte die Treppe hoch und zog sich schnell wieder an. Sie musste Meg Bescheid sagen!
Gabi überlegte. Wahrscheinlich waren sie und Ben zu seinem Haus gegangen. Gabi rannte los und kam erst wieder vor Bens Tür zum Stehen. Sie drückte auf den Klingelknopf, doch nichts rührte sich.
"Bitte!" flehte sie, "macht doch endlich auf!"
Sie machte sich größte Sorgen um Sara, denn wenn sie wirklich zu Derek gegangen war, konnte alles mögliche in dieser Nacht passieren. Gabi mochte sich gar nicht ausmalen, was alles!
Sie trommelte weiter mit den Fäusten gegen die Tür und lauschte, ob man vielleicht etwas im Inneren hören konnte.
Mona
Officer Spencer
machte gerade seine Runde durch das nächtliche Sunset Beach. Er ging die Ocean
Avenue entlang und schaute sich aufmerksam nach allen Seiten um.
Seit dem mysteriösen Unfall auf der Baustelle war die Nachtstreife verdoppelt
worden. Ihm war das ganz recht, er hatte gerne Nachtdienst, denn der verlief
meistens ohne große Zwischenfälle.
Plötzlich stutzte er. Er sah, wie eine junge Frau aufgeregt die Strasse
entlang gelaufen kam und in einem der Strandhäuser verschwand. Das war doch
die Freundin von Ricardo Torres, seinem Boss! Was wollte die denn um diese
Zeit in Ben Evans Haus?
Spencer ging ihr neugierig nach. Als er hörte, dass sie wie wild an Bens Tür
klopfte und seinen Namen rief, betrat er den Hausflur.
„Alles in Ordnung, Miss Martinez?“ fragte er. Erschrocken fuhr sie herum und
starrte ihn an.
Dann strich sie sich verlegen das lange schwarze Haar zurück.
„Officer Spencer! Meine Güte, haben Sie mich aber erschreckt!“
„Tut mir leid, ich dachte, Sie stecken vielleicht in Schwierigkeiten und
wollte nachsehen, ob ich Ihnen helfen kann.“
Gabi lächelte nervös. Jetzt keinen Fehler machen! Sie konnte ihm unmöglich
erklären, weshalb sie um diese Zeit hier an Bens Türe klopfte, als ginge es um
Leben und Tod.
„Ich... ich sollte meine Bekannte hier abholen, aber... ich meine... na ja,
sicher haben wir uns nur verpasst!“ stotterte sie. Als sie Spencers etwas
ungläubigen Blick sah, fügte sie schnell mit einer Handbewegung auf die Tür
hinzu: „Es ist ja niemand da.“
Spencer nickte.
„Ja, scheint so. Ich werde Sie besser nach Hause begleiten, Miss Martinez,
vielleicht ist Ihre Freundin bereits dort.!“
Gabi war die ganze Sache äußerst peinlich, doch sie ging bereitwillig mit.
Während sie auf dem Heimweg mit Spencer eine belanglose Unterhaltung führte,
dachte sie mit Unbehagen daran, was Sara wohl jetzt gerade tat...
Als Gabi nach
Hause kam, war Mark noch auf. Er hatte vor einer halben Stunde endlich das „Deep“
abgeschlossen und nun streckte er genüsslich die Beine aus und trank in Ruhe
einen Tee. Gabi ließ sich neben ihm aufs Sofa fallen und schüttelte resigniert
den Kopf.
„Heute ist einfach alles schiefgelaufen!“
„Was ist denn los?“ fragte Mark. „Du bist ja völlig fertig!“
Gabi seufzte.
„Es ist wegen Sara.“ sagte sie und hatte damit sofort Marks ungeteilte
Aufmerksamkeit.
„Was ist mit ihr?“ erkundigte er sich gespannt.
„Zuerst war sie mit Derek am Strand, dann hatte sie deswegen mit Meg einen
fürchterlichen Streit, und vorhin ist sie einfach weggelaufen, und das
Schlimme daran ist, ich glaube, ich weiß, wo sie ist.“
„Bei Derek...“ ergänzte Mark, der plötzlich einen dicken Kloß im Hals zu haben
schien.
„Ich hab versucht, sie noch einzuholen, aber sie war so schnell weg!“ Gabi war
den Tränen nahe. „Und jetzt wollte ich Meg holen, aber bei Ben hat niemand
gehört, und dann kam Officer Spencer und hat mich heimgebracht. Das war
vielleicht peinlich, Mark! Ich konnte ihm doch nicht sagen, warum ich da war!“
Mark dachte einen Moment angestrengt nach. Plötzlich hellte sich sein Gesicht
auf.
„Ich hab eine Idee, Gabi! Vielleicht ist es noch nicht zu spät!“
Er sprang auf und nahm ihre Hand.
„Komm mit!“
Jeany
Sara schlang ihre Arme um Dereks Hals und erwiderte den Kuss. Er drückte sie mit seinem ganzen Gewicht aufs Sofa und seine Hände wanderten gierig über ihren Körper. Sara verspürte ein nie erlebtes Verlangen und vergrub ihre Finger in seinem Haar. Plötzlich lockerte Derek den Griff und stand auf. Mit einer schwungvollen Bewegung hob er Sara hoch und trug sie die Treppe hinauf in sein Schlafzimmer. Während er die Stufen erklomm, bedeckte er ihr Gesicht mit Küssen.
Im Schlafzimmer angekommen zog er sich mit einer lässigen Handbewegung sein Hemd über den Kopf. Sara sah seinen nackten Oberkörper und erschauerte. Langsam begann Derek, Sara auszuziehen, bis sie völlig unbekleidet vor ihm stand. Neidlos musste er gestehen, daß sie einen geradezu perfekten Körper hatte. Annie war ihm immer zu hager gewesen, aber Sara hatte Rundungen an genau den richtigen Stellen.
Sara sah in Dereks Augen und fühlte sich wie unter Hypnose. Willenlos ließ sie alles über sich ergehen. Als er sie Richtung Bett schob, dachte sie nicht einen Moment an Widerstand, zu sehr hatte sie diesen Moment herbeigesehnt.
Sie sank auf das weiche Bett und gab sich ihm ganz hin ...
Mark schaute
vorsichtig nach allen Seiten und schloss dann das „Deep“ auf. Gabi huschte
hinter ihm in die Bar. Sie gingen hinauf in Dereks Büro und sahen sich kurz
um. Alles war sauber und aufgeräumt, Dereks Schreibtisch wirkte geradezu
vorbildlich.
„Perfekt!“ meinte Mark und gab Gabi ein Zeichen.
„Los geht’s!“
Er nahm den Telefonhörer ab und wählte die Privatnummer seines Chefs. Es
dauerte eine Weile, dann hatte er Derek am Apparat. Er klang verärgert.
Mark meldete sich mit gestellt aufgeregter Stimme.
„Entschuldigen Sie die Störung, Boss, aber Sie sollten sofort ins „Deep“
kommen!... Ja, ich weiß, wie spät es ist, aber hier ist allem Anschein nach
eingebrochen worden!... Ja, klar, ich bin hier, einer Freundin von mir war
aufgefallen, dass hier etwas nicht stimmt, und sie rief mich an.“
Er zwinkerte Gabi zu, während er lauschte, was Derek zu sagen hatte.
„Nicht die Polizei, ich verstehe. Okay, Boss, ich warte hier, bis Sie da
sind!“ Er legte auf und streckte grinsend den Daumen in die Höhe. „Alles okay,
er hat angebissen! Jetzt aber schnell...“
Sie begannen, Papiere und Ordner durcheinanderzuwerfen, eine Flasche ging zu
Bruch und Mark demolierte eines der Fenster so, als sei dort jemand
eingestiegen. Dann nahm er das Bild von der Wand, das den Safe verdeckte und
warf es achtlos in die Ecke.
„Woher hast Du gewusst, dass Derek nicht die Polizei holen würde?“ fragte Gabi
atemlos.
Mark lachte.
„Was weiß ich, was er zu verbergen hat! Wir waren schon einmal in so einer
ähnlichen Situation, und er hat damals auch darauf bestanden, das ohne die
Bullen zu regeln. Kann uns nur recht sein. So...“ er sah auf die Uhr, „mach,
dass Du rauskommst, er wird jeden Augenblick hier sein!“
„Okay, ich laufe ins Surf Central, und wenn Sara dort nicht auftaucht, hole
ich sie bei Derek ab!“ Gabi legte Mark kurz die Hand auf die Schulter.
„Wird schon klappen, mach Dir keine Sorgen. Bis dann!“
Fluchend legte
Derek den Hörer auf. Er drehte sich nach Sara um, die ihn fragend ansah.
„Was ist denn passiert?“ fragte sie neugierig.
„Zieh Dich an, ich bring Dich heim! Im „Deep“ ist eingebrochen worden. Ich
muss hin.“ sagte er knapp.
„Oh!“ brachte Sara hervor und begann, umständlich die Knöpfe ihrer Bluse zu
schließen.
Derek warf ihr einen vielsagenden Blick zu. „So ein Mist aber auch,
ausgerechnet jetzt!“ dachte er frustriert. Die Kleine hatte ihm ganz schön
eingeheizt, die konnte ja küssen wie ein Profi! Na gut, diese Nacht konnte man
ohne weiteres wiederholen, er brauchte nur mit dem Finger zu schnippen, und
Sara würde da sein, dessen war er sich sicher.
„Beeil Dich, ich muss los!“ ermahnte er sie.
Sara zog eine Schnute.
„Kann ich nicht hier auf Dich warten? Bitte, Derek, ich möchte nicht nach
Hause!“
Er ließ sich erst gar nicht auf eine Diskussion ein, sondern wies auf die Tür.
„Komm schon, Schätzchen, ich hab es wirklich eilig!“
„Derek!“ Ihre schönen Augen sahen ihn flehend an. Er ging zu ihr hinüber und
nahm sie kurz in den Arm.
„Hör zu, ich will ja auch mit Dir zusammensein, aber ich möchte auch keinen
Ärger mit Deiner großen Schwester, wenn du die ganze Nacht wegbleibst. Also
lass uns auf die nächste Gelegenheit warten, okay?“ versuchte er sie zu
beruhigen. Dann gab er ihr noch einen Kuss. Sara schmolz dahin und folgte ihm
willig zur Tür hinaus.
Derek und Sara gingen händchenhaltend die Straße entlang.
Derek hatte ihr seine Hand gelassen, als sie danach griff und hoffte, daß niemand ihn so sehen würde. Das würde sein Image total ruinieren! Vor dem Surf Central blieben beide stehen und Sara sah Derek traurig an.
"Wann werden wir uns wiedersehen?" fragte sie. Er ließ ihre Hand los und erwiderte ihren Blick. "Bald." versprach er. "Aber ...," fügte er hinzu. "es ist vielleicht besser, wenn Du mich nicht anrufst. Oder möchtest Du, daß Deine Schwester Wind von der Sache bekommt?" Derek sah Sara fragend an. Insgeheim dachte er, daß es ihm eigentlich ganz recht wäre, wenn Meg davon erfahren würde! Sara spürte, wie ihre Augen wieder nass wurden. Nach dieser wundervollen Nacht konnte sie sich nicht vorstellen, auch nur eine Sekunde ohne Derek zu sein!
Er hob ihr Kinn und sah sie prüfend an.
"Alles okay?" Sie schniefte und schüttelte mit dem Kopf. Er nahm sie in die Arme, obwohl er selber nicht so genau wusste warum er das tat. Irgendwie erweckte Sara in ihm Beschützerinstinkte. Er rief sich zur Ordnung. Er würde doch jetzt nicht sentimental werden, nicht so kurz vor seinem Ziel, Meg zu erobern!
"Ich werde Dich anrufen!" sagte er bestimmt. Sara nickte. Sie war ihm dankbar, dass er ihr die Entscheidung abnahm, denn sie fühlte sie derzeit unfähig dazu.
Sie kuschelte sich in seine Arme und genoss die letzten Minuten mit ihm.
Derek wurde ungeduldig.
"Sara, ich muss los!" Er befreite sich aus der Umarmung und drückte ihr noch einmal einen Kuss auf die Lippen, ehe er sich umdrehte und in Richtung Deep ging.
Im Deep wartete
Mark auf Derek.
Obwohl er im Grunde ein sehr ehrlicher und aufrichtiger Typ war, verspürte er
diesmal jedoch keinerlei Gewissensbisse, dass er seinen Boss so hereinlegte,
im Gegenteil, er empfand es als eine Art Genugtuung, Derek von seinem
Zusammensein mit Sara weggelockt zu haben.
Derek war sehr ärgerlich, als er eintraf.
Sein erster Blick galt dem Safe, und er schien unsagbar erleichtert, dass die
vermeintlichen Diebe diesen nicht aufgebrochen hatten.
„Anscheinend sind sie gestört worden.“ vermutete er und sah sich
kopfschüttelnd um.
„Was die wohl in all den Papieren gesucht haben?“ überlegte er laut. Mark
zuckte mit den Schultern.
„Sicher haben die Einbrecher nur Geld gesucht, denn unten in der Bar ist alles
in Ordnung. Sie müssen durch das Fenster eingestiegen sein.“
„Mmh“ machte Derek nur nachdenklich und betrachtete die kaputte
Fensterscheibe, „die lassen wir morgen reparieren, und das ganze Durcheinander
können wir auch später wegräumen.“
„Keine Polizei?“ fragte Mark noch einmal sicherheitshalber.
Derek schüttelte den Kopf.
„Anscheinend ist ja nichts gestohlen worden. Weshalb dann so einen Aufstand
machen? Nein, die Bullen kann ich hier nicht gebrauchen.“
„Wie Sie meinen, Boss.“ antwortete Mark und grinste heimlich.
„Okay, Mark, mach bitte das Fenster noch irgendwie dicht und geh dann heim, Du
hattest bestimmt eine lange Schicht heute. Wir sehen uns morgen.“ Er setzte
sich hinter seinen Schreibtisch und begann, einige lose herumliegende Papiere
zu sortieren.
„Gehen Sie nicht nach Hause?“ fragte Mark und begann, ein paar
Sperrholzbretter an den Fensterrahmen zu nageln.
„Wenn ich einmal hier bin, kann ich auch gleich noch etwas von dem Kram hier
erledigen. Der Abend in sowieso ruiniert.“ knurrte Derek, ohne hochzusehen.
„Geschieht Dir recht, Du Mistkerl!“ dachte Mark zufrieden und schlug mit
Schwung den letzten Nagel ins Holz.
„So, fertig. – Also dann, gute Nacht, Derek!“
Als Meg erwachte,
brauchte sie erst einen Augenblick, um zu erkennen, wo sie war. Es war schon
hell und die ersten Sonnenstrahlen fielen ins Zimmer. Sie hob den Kopf und sah
Ben neben sich liegen. Er hatte den Arm um sie gelegt und schien noch zu
schlafen. Meg lächelte und streichelte leicht sein Gesicht. Eine Welle der
Zärtlichkeit überflutete sie, wenn sie an die vergangene Nacht dachte. So
hatte sie noch nie empfunden, wenn sie mit Tim zusammenwar, dieses Gefühl für
Ben war einmalig, das musste wohl die ganz große Liebe sein, wie sie nur
wenige Menschen erlebten!
Als hätte er ihre Gedanken gehört, öffnete Ben die Augen und lächelte sie an.
„Guten Morgen, Miss Cummings! Gut geschlafen?“
Meg gab ihm einen Kuss und kuschelte sich wohlig an seine breite Brust.
„Wunderbar, Mister Evans, wie im Paradies!“
Er umarmte sie zärtlich und streichelte ihr Haar.
„Ich hoffe, ich werde das in Zukunft öfter erleben!“
„Was ? fragte Meg leise.
„Aufzuwachen und als erstes in Deine schönen Augen zu sehen.“ lächelte Ben.
Er küsste sie wieder und konnte gar nicht mehr damit aufhören. Meg erwiderte
seine Zärtlichkeiten und sie liebten sich noch einmal voller Hingabe.
Später lagen sie atemlos aneinander gekuschelt und gaben sich beide
gegenseitig dem Gefühl hin, einfach die Nähe des anderen zu spüren.
Jeany
„Was fangen wir
nun mit diesem herrlichen Tag an?“ fragte Ben später, als sie auf der Terrasse
saßen und gemütlich frühstückten.
Meg lächelte.
„Keine Ahnung. Hauptsache, ich kann noch ein bisschen mit Dir zusammensein.“
Sie stutzte.
„Da fällt mir ein, ich muss nachher noch mit Sara reden, der Streit von
gestern tut mir leid, ich war ganz schön streng zu ihr.“
Ben lachte.
„Ja, Du hast ziemlich heftig reagiert, das war mal eine Seite an Dir, die ich
noch nicht kannte!“
Meg lächelte verschmitzt.
„Um alle meine Seiten kennenzulernen, braucht es etwas mehr als eine Nacht,
Ben Evans!“
„Gut zu wissen,“ ging er auf ihren neckenden Tonfall ein, „ich arbeite dran!“
Gregory und Sean saßen an diesem Morgen allein am Frühstückstisch. Caitlin war wieder in aller Frühe aufgebrochen, um bei Cole im Krankenhaus zu sein, und Olivia war noch nicht aufgestanden. Sie hatte die ganze Nacht über kein Auge zugetan, die Schmerzen hatten sie wachgehalten, und obendrein konnte sie sich nicht einmal, wie sie es so gern tat, von einer Seite zur anderen räkeln, sondern musste die ganze Nacht auf dem Bauch liegend verharren, was sie missmutig machte, und, noch immer die Folgen des Alkohols, sie die ganze Nacht über ununterbrochen reden ließ, was auch Gregory jegliche Hoffnung auf Schlaf raubte. Dies hatte zur Folge, daß er noch missmutiger als sonst war und seine schlechte Laune an Sean und Hausmädchen Rose, die einzigen Personen, die in seiner Reichweite waren, ausließ.
"Pfui, was ist das denn für ein Kaffee, Rose?", beschwerte er sich gerade.
"Ich habe ihn genauso gemacht wie immer, Mr Richards", antwortete diese.
"Er schmeckt aber anders. Ach was soll`s", murrte Gregory. "In letzter Zeit geht sowieso alles den Bach runter." Er griff nach der Zeitung und verschanzte sich dahinter.
Sean erhob sich vom Frühstückstisch und schlenderte zur Tür.
"Du hast wohl auch keine Lust, Dich zu verabschieden, oder wie soll ich das jetzt verstehen", knurrte Gregory, der nun hinter seiner Zeitung hervorlugte.
"Nachdem wir bei diesem Frühstück noch kein Wort miteinander gewechselt haben, hielt ich es für unnötig", erklärte Sean. "Aber bitte, wenn Du darauf bestehst."
Betont überzogen sagte er: "Auf Wiedersehen, Daddy. Ich wünsche Dir noch einen wunderschönen Tag und behalte Deine guten Laune."
"Lass die dummen Witze."
Neugierig fügte Gregory hinzu.
"Was hast Du heute eigentlich vor?"
"Seit wann interessiert Dich das denn?", wollte Sean wissen. Einlenkend eröffnete er seinem Vater dann aber, daß er plane, mit Amy den Tag am Strand zu verbringen. "Amy", Gregorys Gedanken wanderten zu den Unterhaltungen, die er mit Tiffany Thorne geführt hatte. Würde dieses Früchtchen tatsächlich fähig sein, ihn anzuzeigen? Zutrauen würde er ihr das.
"Was findest Du eigentlich an dieser Amy?", erkundigte sich Gregory vorsichtig. "Zugegeben, sie sieht gut aus. Aber sie scheint überhaupt keinen Verstand zu haben. Die passt doch gar nicht zu Dir."
"Warum hälst Du dich nicht aus meinen Angelegenheiten heraus und kümmerst Dich um Deine eigenen Probleme, Daddy? Ich nehme an, Du hast genug davon."
"Was willst Du damit sagen?"
"Ich will überhaupt nichts damit sagen", meinte Sean gelassen. "Oder gibt es etwas, was Du verbergen willst? Natürlich gibt es das", beantwortete Sean seine Frage selbst. "Es gibt immer etwas, was Du verbergen willst."
Als Reaktion auf Seans Unterstellung grinste Gregory seinen Sohn lediglich an.
"Wie dem auch sei", kam er auf das ursprüngliche Thema zurück, "diese Amy hat doch überhaupt keinen Stil. Wenn ich da an Tiffany denke..."
"Tiffany?", Sean blickte seinen Vater ungläubig an. "Seit wann bist Du denn zur Fürsprecherin von Tiffany geworden?"
Hickengruendler
Ich bin nicht zur Fürsprecherin von Tiffany geworden!" leugnete Gregory. "Aber ich habe vielleicht dennoch einige überzogene Reaktionen überdacht. Das Mädchen hat einen hellen Kopf, sie weiß, was sie will, und auch, wie sie es bekommt. Diese Amy dagegen, manchmal habe ich den Eindruck, daß sie nur Stroh im Kopf hat. Vielleicht ist Tiffany doch besser für Dich als Amy. Jetzt, wo sie wieder in der Stadt ist..."
"Woher weißt Du, daß Tiffany wieder in der Stadt ist? Ich habe Dir nicht davon erzählt. Oder hast Du sie etwa schon gesehen?" fragte Sean erstaunt.
Gregory reagierte schnell.
"Ähm ja", gab er zu. "...wie sie mit ihrem Vierbeiner über den Strand geschlendert ist. Sie war es, ohne Zweifel."
Aber Sean schüttelte entschieden den Kopf.
"Nein, das ist noch nicht alles", mutmaßte er. "Das erklärt vielleicht, woher Du weißt, daß sie in der Stadt ist, aber nicht, warum Du sie plötzlich in den höchsten Tönen lobst."
"Ich hatte eben die Gelegenheit zu vergleichen. Und jetzt, wo ich Amy kennengelernt habe, ist mir Tiffany direkt..."
"Vergiß es", fiel Sean ihm ins Wort. "Ich kauf dir keine Silbe davon ab. Anscheinend willst Du mir die Wahrheit nicht sagen. Dann kann ich es auch nicht ändern, aber glaub ja nicht, ich lasse mich von deinen Worten irgendwie beeinflussen."
Damit hatte er sein letztes Wort besprochen und ging Richtung Tür.
"Einen Moment noch", rief Gregory ihm nach. "Du weißt doch, wo Meg Cummings wohnt, oder?"
"Bens persönliche Assistentin? Wohnt die nicht bei Casey?"
Gregory nickte.
"Bring ihr doch bitte diese Unterlagen vorbei. Es ist nicht sehr viel, aber es muss bis Montag erledigt sein und Bette hat noch Urlaub. Du kommst doch auf dem Weg zu Deiner Freundin ohnehin dort vorbei."
Sean kam dies zwar etwas seltsam zu, er stimmte aber zu und nahm die Unterlagen mit.
Nach dem ausgiebigen Frühstück unternahmen Ben und Meg einen Spaziergang am Strand. Unterwegs hielten sie bei einem Eiscafe an, und Ben spendierte Meg ein großes Eis mit viel Sahne. Sie saßen an einem kleinen Tisch mit Blick aufs Meer. Meg ergriff über den Tisch hinweg Bens Hand und hielt sie fest. Dabei schaute sie ihm tief in die Augen. Er nahm ihre Hand und führte sie an seine Lippen.
"Ich liebe Dich!" sagte er leise, und an ihrem Blick erkannte er, daß sie genauso fühlte. Meg hatte aufgegessen, und Ben winkte den Ober heran.
"Wenn ich bezahlt habe, könnten wir ja noch ein bisschen zu mir gehen," sagte er und sah sie sehnsüchtig an. "Hier sind mir eindeutig zu viele Leute, und ich möchte nichts lieber, als mit Dir alleine sein!"
Sie sah ihn
verliebt an und nickte. Händchenhaltend schlenderten sie die Strandpromenade
entlang zurück zu Bens Haus.
Viel später, als Meg in Bens Bett in seinem Arm lag, fiel ihr plötzlich ein,
daß sie noch mit Sara wegen Derek sprechen wollte. Sie setzte sich auf.
"Was ist?" fragte Ben neugierig.
"Mir fällt gerade ein, daß ich noch mit Sara reden muss ... außerdem," fügte sie hinzu, "müssen wir ja auch heute noch mal aus diesem Bett rauskommen."
Sie sah Ben verschmitzt an. Er lachte.
"Du hast natürlich recht, aber viel lieber würde ich mit Dir im Bett liegen bleiben und Dir zeigen, wie sehr ich dich liebe!" Er zog sie an sich und gab ihr einen leidenschaftlichen Kuss, den Meg spontan erwiderte. Dann aber schlug sie die Bettdecke zurück und stand auf. Ihre Sachen waren über den ganzen Fußboden verstreut. Lächelnd sammelte Meg alles ein und ging ins Badzimmer, wo sie eine ausgiebige Dusche nahm. Als sie wiederkam, war auch Ben angezogen. Er führte sie die Treppe hinunter.
"Und Du willst nicht doch noch bleiben?" fragte er enttäuscht. Sie sah ihn an und schüttelte bedauernd den Kopf.
"Ich muss mit Sara reden und mich bei ihr entschuldigen."
Sie schlang ihre Arme liebevoll um seinen Hals und gab ihm einen Abschiedskuss.
Ben sah ihr nachdenklich hinterher, als sie die Straße Richtung Surf Central hinunterging.
Sara Cummings blieb an diesem Morgen lange im Bett liegen. Derek ging ihr einfach nicht aus dem Kopf. Was für ein wundervoller Mann. Und er liebte sie wirklich, von ganzem Herzen, das stand nach gestern Nacht fest. Schade, daß sie gestört wurden, aber was soll`s, dachte sie, diese Nacht lies sich nachholen.
Die Zukunft sah rosig für sie und ihren Derek aus! Das einzigste was Sara Glück störte, war Megs Verhalten.
"Wahrscheinlich
ist sie nur eifersüchtig", überlegte Sara. "Weil sich einmal im Leben nicht
alles um sie dreht."
Nachdem sie sich in aller Ruhe umgezogen und zurecht gemacht hatte, ging Sara
bester Laune die Treppe hinunter.
"Bald ist unser großer Tag, Derek", dachte sie. "Und wer weiß, vielleicht sogar heute schon."
Plötzlich hielt sie inne. Am Frühstückstisch saß jemand, den sie nicht kannte.
Eine junge Frau, vielleicht sogar noch ein kleines bisschen jünger als Sara, mit mittellangem blonden Haar, deren Kleider aussahen, als seien sie lange nicht mehr gewaschen worden. Um ihren Stuhl herum hüpfte ein Hund, der sich begierig über jede Scheibe Salami hermachte, die die junge Frau vom Esstisch auf den Boden warf.
"Wer um alles in der Welt sind Sie?", wollte Sara wissen.
Hickengruendler
Die junge Frau drehte sich zu Sara herum.
"Oh, freut mich sehr Sie kennenzulernen", begrüßte sie Sara überschwenglich. "Ich bin Tiffany."
"Schön, und was haben Sie hier verloren?".
"Ich wohne hier."
"Seit wann?", fragte Sara skeptisch.
"Seit gestern." Marc war aus der Küche gekommen und hatte anstatt Tiffany geantwortet. "Ich habe ihr das kleine Zimmer über der Garage hergerichtet."
"Na ja, von mir aus." Sara zuckte mit den Schultern. Was sollte sie auch sonst sagen? Sie war ja selbst eben erst eingezogen. Aber dieses Mädchen, Sara betrachtete sie kritisch, irgendwie war sie ihr unsympathisch, obwohl sie nicht so recht wusste, wieso.
Marc dagegen scheint sie überhaupt nicht unsympathisch zu sein. Ob er ein Auge auf sie geworfen hatte? Die war doch nie und nimmer gut genug für ihn.
Und plötzlich spürte Sara einen leisen Stich Eifersucht, der jedoch in dem Moment wieder verschwand, als sie an Derek dachte.
Das Frühstück verlief eher bedrückend.
Sara brachte es gerade heraus, Tiffany ihren Namen zu sagen, ansonsten schwiegen sich die beiden Frauen an.
"Was für eine blöde Kuh", überlegte Tiffany. "Denkt wohl, sie ist was besseres. Wie die mich ansieht. So richtig von oben herab. Aber na warte, bald schnappe ich mir Sean wieder, und dann werden sie zu mir heraufschauen, mir Respekt entgegen bringen. Tiffany Thorne, die Schwiegertochter der reichen und mächtigen Familie Richards."
Bei diesem Gedanken huschte ihr ein Lächeln über die Lippen.
"Wenn ich Glück
habe, bekomme ich Sean schnell genug, bevor Casey und Marc mich dazu zwingen,
mir einen Job zu suchen. Das ist so öde, da habe ich nun wirklich keine Lust
zu."
Im selben Moment klingelte es an der Tür.
"Ich mach auf", Sara sprang vom Frühstückstisch auf. Sie öffnete die Tür und Tiffany hörte plötzlich eine vertraute Stimme.
"Ist Meg Cummings da? Ich soll ihr dies vorbeibringen, von Gregory Richards."
"Nein, ich glaube, meine Schwester ist nicht da", antwortete Sara. "Aber ich kann es ihr..."
In diesem Augenblick wurde sie unterbrochen.
"Hallo Sean", begrüßte ihn Tiffany.
"Tiffany, was machst Du denn hier?", fragte Sean überrascht.
"Ich wohne jetzt hier", klärte sie ihn auf.
Sean nickte.
"Ah, ja. Freut mich, daß Du was gefunden hast." Er war um Worte etwas verlegen.
Es war Tiffany gewesen, die ihm damals die Augen öffnete, daß nicht jeder Mensch so wie er in einem großen Haus mit Personal aufwuchs. Theoretisch war ihm das natürlich schon immer klar gewesen, aber Tiffany war die erste der Personen, die er getroffen hatte, die keine Bleibe hatte. Gegen den Willen seiner Eltern hatte Sean Tiffany bei sich zu Hause aufgenommen, sich um sie gekümmert, ihr alles gegeben, und dann verschwand sie einfach so mit einem Scheck seiner Eltern. Das hatte geschmerzt. Erst später fand Sean heraus, daß das Geld nicht der einzige Grund war, sondern das es für Tiffany noch andere, viel schwerwiegendere gab. Öfters hatte er, nachdem er sie wiedergesehen hatte, sich gefragt, wo sie jetzt wohl Unterkunft gefunden haben könnte, der Scheck würde schließlich auch nicht ewig reichen. Aber sein Stolz hatte es nicht zugelassen, sie zu fragen.
"Das habe ich alles Marc zu verdanken", erklärte Tiffany. "Er ist einer der besten Menschen die ich kenne, herzlich, hilfsbereit, gutmütig. Ein richtiger Engel."
Und bevor Marc begriff, was mit ihm geschah, eilte Tiffany zu ihm herüber und hakte sich bei ihm ein.
Tiffany blickte Sean gebannt an.
"Irgendwie muss er doch reagieren! Wenigstens eine Spur Eifersucht zeigen!" dachte sie. Doch Sean erwiderte nur:
"Na ja, wie gesagt. Schön für Dich. Ich muss jetzt aber gehen. Ich bin noch mit Amy verabredet."
Nachdem er die Tür
von außen geschlossen hatte, hielt Sean für einen Augenblick inne. "Tiffany
und Marc? Na ja, sie war ja schon immer an ihm interessiert. Eigentlich sollte
ich mich freuen, daß sie auch ihr Glück gefunden hat. Aber warum tue ich es
dann nicht?" Weiter seinen Gedanken nachhängend ging Sean davon.
Tiffany war fassungslos.
"Keine Spur Eifersucht hat er gezeigt", dachte sie enttäuscht. "Ich bin ihm völlig egal. Aber das wird sich ändern. Bald gehörst Du wieder mir, Sean."
Sara dagegen hatte Marc und Tiffany giftig angesehen. Sie zog Marc ein Stück beiseite und fragte ihn aus.
"Was findest Du eigentlich an der?", wollte sie wissen.
"Wie Bitte?!", fragte Marc erstaunt.
"Na ja, diese Tiffany. Es sieht doch ein Blinder, dass Ihr was miteinander habt."
Erst wollte Marc ihr versichern, daß Tiffany nur eine gute Freundin ist, und sie scheinbar gerade versucht hatte, Sean eifersüchtig zu machen. Doch dann besann er sich anders: "Was ich an ihr finde? Nun sie ist ein intelligentes Mädchen und hat ihr Herz am rechten Fleck. Ich bin sicher, sie passt mindestens so gut zu mir, wie Du zu Derek."
Dann verzog sich Marc nach oben, auch Tiffany war inzwischen verschunden. Ihre leere Kaffeetasse und das Brettchen hatte sie auf dem Tisch stehenlassen.
"Tiffany", murmelte Sara zu sich selbst. "Was für ein gewöhnliches Ding. Marc hat was viel Besseres verdient."
In diesem Moment hörte Sara, wie jemand geräuschvoll die Tür aufschloss. Meg kam herein.
"Hallo Sara", sagte sie vorsichtig. Ohne den Gruss zu erwidern, warf diese ihr eine Mappe hin.
"Das hat Dir Gregory Richards vorbeibringen lassen, scheint wichtig zu sein. Wenn Du mich jetzt entschuldigst." Sie wollte schon gehen, als Meg sie vorsichtig am Ellenbogen festhielt.
"Sara, bitte. Lass uns erst reden. Es geht um Derek."
Hickengruendler
Sara sah Meg mit hocherhobenem Kopf an.
"Was willst Du?," fragte sie ungehalten. "Ich will mir Dir reden ... über Derek!"
Meg zeigte sich von dem frostigen Empfang unbeeindruckt.
"Darüber gibt's nichts zu bereden," schnappte Sara los. Meg versuchte sie zu besänftigen.
"Sara, bitte! Ich bin gekommen, um mich zu entschuldigen!"
Sara sah sie überrascht an.
"Okay, lass' uns nach oben gehen," sagte sie. Sie gingen die Treppe hoch in Saras Zimmer. Meg setzte sich auf einen Stuhl.
"Frieden?" fragte sie und streckte Sara die Hand hin. Sara drehte ihr den Rücken zu. "Erst, wenn Du mir gesagt hast, was Du wirklich hier willst," sagte sie und sah Meg prüfend an.
Gabi hatte sich nach ihrer anstrengenden Wochenendschicht auf dem Bett ausgestreckt, um sich ein wenig zu erholen. Im Zimmer neben sich hörte sie plötzlich, wie Meg und Sara miteinander stritten. Sicher erzählte Sara Meg gerade, daß sie die Nacht mit Derek verbracht hatte, überlegte sie. Kurze Zeit später hörte sie, wie Meg das Zimmer wieder verließ. Sicher war ihre Freundin jetzt völlig durcheinander und brauchte jemanden, dem sie sich anvertrauen konnte.
Vorsichtig klopfte sie wenig später an Megs Tür. Diese war überrascht, als sie Gabi sah. "Gabi! Komm' doch rein. Gibt's etwas besonders, weshalb Du mich sprechen möchtest?" Gabi sah ihre Freundin mitleidig an. "Es tut mir so furchtbar leid," sagte sie dann.
"Es muss ein Schock für Dich sein, erfahren zu müssen, daß Deine Schwester die Nacht mit Derek verbracht hat!"
Meg hielt sich am Türknauf fest, weil sie glaubte, sonst umkippen zu müssen.
"Was sagst Du da?" stieß sie hervor.
Gabi sah sie überrascht an.
"Ja weißt Du denn nicht, daß Sara gestern Nacht noch bei Derek war?"
Meg starrte Gabi nur entsetzt an und schüttelte mit dem Kopf. Sie ließ ihre Freundin eintreten und musste sich erst einmal setzen. Ihre Beine schienen plötzlich wie Pudding zu sein. Gabi schloss leise die Tür. Am liebsten wäre sie jetzt in einem Mauseloch verschwunden, so mies fühlte sie sich.
Meg fand ihre Sprache wieder.
"D...das ist ein schlechter Scherz, nicht wahr?" Sie sah Gabi forschend an. Diese schüttelte den Kopf und sah betreten zu Boden.
"Nein, ich fürchte nicht!"
Meg stöhnte auf.
"Sara hat mir vorhin kein Wort darüber erzählt." sagte sie.
"Nicht?" Gabi schloss die Augen. Wie konnte sie nur so unvorsichtig sein!
Schließlich
straffte sie ihre Schultern und erzählte Meg alles, was sich in der Nacht
zugetragen hatte.
Nachdem Gabi Meg alles gebeichtet hatte, sah sie ihre Freundin ratlos an.
"Und nun?" fragte sie. In Megs Kopf schwirrte es. Sie durchlebte eine Mischung der verschiedensten Gefühle. Sie war wütend auf Derek, daß er ihre Schwester verführt hatte, und wütend auf Sara, weil diese sie schamlos hintergangen hatte. Sie fühlte auch eine tiefe Traurigkeit, daß Sara sich ihr nicht anvertraut hatte, denn bisher hatten die Schwestern nie Geheimnisse voreinander gehabt. Meg seufzte und legte die Hände vors Gesicht.
"Ich weiß nicht!" antwortete sie Gabi. "Ich bin zu durcheinander und wütend, um jetzt mit Sara darüber zu reden!" Sie stand auf. "Ich weiß nur, es wird Sara fürchterlich in ihren Gefühlen verletzen, wenn sie erfährt, dass Derek nur mit ihr spielt! Ich muss ihm bei nächster Gelegenheit ein paar deutliche Worte sagen!" Sie ballte die Fäuste vor Wut. "Das hat er nicht ungestraft gemacht!"
Gabi versuchte sie zu beruhigen.
"Mach' nichts Unüberlegtes, Meg! Vielleicht solltest Du erst noch abwarten, was Sara dazu zu sagen hat."
Meg sah sie an.
"Entschuldige, Gabi, aber ich brauche frische Luft!" Sie öffnete die Tür und rannte die Treppen hinunter. Als Gabi ihr folgen wollte, hörte sie nur noch das dumpfe Geräusch der zufallenden Eingangstür.
Nach einer
abschließenden Untersuchung durfte Annie das Krankenhaus verlassen. Rae wies
sie eindringlich darauf hin, sich noch zu schonen und sich von jeder Aufregung
fernzuhalten.
„Keine Sorge, Dr. Chang,“ entgegnete Annie sarkastisch, „mein Leben ist im
Augenblick alles andere als aufregend!“
Während Bette ihre Nichte nach Hause fuhr, brütete Annie stumm vor sich hin.
Sie fühlte sich leer und ausgebrannt, und sie hatte es nicht fertig gebracht,
vor ihrer Entlassung bei Cole vorbeizuschauen. Sie war sich nicht sicher, ob
sie dann vielleicht ganz ihre bisher so mühsam bewahrte Fassung verloren
hätte.
„Ich werde ihn später besuchen, wenn es ihm selbst etwas besser geht.“ dachte
sie. „Und wenn Caitlin Richards nicht mehr ständig an seinem Bett hockt.“
Tante Bette hatte ihr von dem Gespräch mit Caitlin berichtet und ihr auch
nicht verschwiegen, dass Derek der jungen Frau böswilligerweise von ihr und
Cole und den Folgen ihrer kurzen Beziehung erzählt hatte.
„Dieser Mistkerl!“ erboste sich Annie in Gedanken.
Nein, einer Auseinandersetzung mit Coles derzeitigen Freundin fühlte sie sich
momentan noch nicht gewachsen. Das musste noch warten.
Während Bette den Wagen einparkte, schielte Annie heimlich hinüber zu Bens
Haus. Ob er wohl da war?
Sie fühlte sich leicht schwindlig, als sie ihre Wohnung betrat und beschloss,
dem Ratschlag ihrer Ärztin zu folgen und sich erst einmal etwas hinzulegen.
Bette rückte ihr die Kissen auf der Couch zurecht und holte schnell eine
Decke.
„So Pupsi, streck die Beine aus und mach es Dir bequem! Möchtest Du einen
Tee?“
„Danke, sehr gerne, Tante Bette.“ Annie war alles recht, wenn sie nur einen
Moment von dem Geschnatter ihrer Tante verschont blieb. Sie angelte nach dem
Handy auf dem Tisch und wählte Bens Nummer.
„Hallo Ben!“ sagte sie mit betont schwacher Stimme, als er sich meldete. „Ich
bin wieder zu Hause. Kannst Du nicht mal rüberkommen? Ich würde mich
wahnsinnig freuen, Dich zu sehen!“
Meg war ein Stück
den Strand entlanggelaufen, um ihre Gedanken zu ordnen.
Sie versuchte, sich zu beruhigen und die Sache gelassen zu sehen.
Na gut, Sara hatte sich verliebt, was soll`s! Unter anderen Umständen hätte
sie sich für ihre jüngere Schwester gefreut, aber ausgerechnet Derek! Der
Mann, der ihr selbst ständig nachstellte, seit sie in Sunset Beach angekommen
war, über den in der Stadt die wildesten Gerüchte kursierten, was seine
Frauengeschichten anbetraf und der allem Anschein nach überhaupt nicht fähig
war, sich in eine Frau ernsthaft zu verlieben! Für Sara würde es mehr als
eine herbe Enttäuschung bedeuten, wenn sie irgendwann erkannte, dass Derek nur
mit ihr spielte. Sie war zu sensibel, um das einfach wegzustecken, auch wenn
sie manchmal so selbstsicher wirkte, im Grunde war sie noch ein richtiges
Kind, starrköpfig und unwahrscheinlich leichtsinnig.
Meg fühlte sich einfach verantwortlich für Sara, jedenfalls so lange, bis
diese hier etwas Fuß gefasst hatte.
Sie atmete tief durch und beschloss, den Strand zu verlassen. Heute, am
Sonnabend, waren ziemlich viele Badegäste da, es war laut und hektisch am
Wasser, kein guter Platz um nachzudenken.
Sie verspürte jedoch keine Lust, zum Surf Central zurückzugehen, also schlug
sie unwillkürlich die Richtung zu Bens Haus ein.
„Vielleicht sollte ich ihm alles erzählen.“ überlegte sie, „dann wäre es
leichter für mich, und er käme nicht auf den Gedanken, ich hätte irgendwelche
Geheimnisse vor ihm.“
Sie lief die Strasse entlang und ihre Stimmung begann sich zusehends zu
bessern, wenn sie an den bevorstehenden Nachmittag mit ihm dachte, als sie
plötzlich sah, wie er kurz vor ihr das Haus verließ und ohne sich umzusehen
eiligen Schrittes die entgegengesetzte Richtung einschlug. Zuerst wollte sie
nach ihm rufen, dann aber wurde ihr schlagartig klar, wohin ihn sein Weg
führte: ins nächste Haus, Annies Haus!
Sie blieb abrupt stehen. Annie war also wieder zurück. Und natürlich wollte
Ben sie gleich sehen...
„Er liebt nur eine einzige Frau, ihr ist er hörig... Ben gehört Annie, er wird
nie frei sein!“ hörte sie plötzlich in Gedanken wieder Tims Worte.
Meg starrte auf den Hauseingang, in dem Ben verschwunden war.
„Welcome back, Annie” murmelte sie leise und ging traurig zurück.
Im Surf Central traf sie zunächst nur Rae an, die gerade vom Dienst kam.
Die junge Ärztin
stellte ihre Tasche ab und ließ sich aufs Sofa fallen.
„Puh, was für ein Tag!“
Meg war nicht der Typ, der seine Probleme auf andere abwälzte. Sie verdrängte
die trüben Gedanken und setzte sich zu Rae.
„Volles Programm gehabt?“
„Oh ja.“ stöhnte diese und verdrehte die Augen. „Das volle Out- of- Limits-
Touristen- Wochenendprogramm!“
„Waaas?“ fragte Meg lachend.
„Zuerst hatten wir einen, der hatte sich bei dem Versuch, die Seebrücke zu
erklimmen, beide Knie lättiert, er hielt einen Gummihai für einen echten, ein
anderer hatte beim Schnorcheln eine Muschel in die Luftröhre bekommen, und die
Krönung war eine Zweizentnerfrau, die von einem Volleyball getroffen wurde,
wobei ihr die volle Eistüte in den Ausschnitt des Badeanzugs rutschte und
durch die Kälte einen Kreislaufkollaps verursachte.“
„Das gibt’s doch gar nicht!“
Die beiden Frauen lachten schallend.
„Ist eigentlich Annie Douglas schon wieder zu Hause?“ fragte Meg beiläufig.
Rae nickte.
„Hab sie heute entlassen. Sie ist noch etwas schwach und muss sich schonen,
aber ich vermute, sie wird schon bald wieder zu ihrer alten Bestform
zurückfinden.“
Sie stutzte und sah Meg prüfend an.
„Ich dürfte Dir das alles eigentlich nicht erzählen, Du wirst das
hoffentlich...“
„...für mich behalten!“ ergänzte Meg schmunzelnd und hob beschwörend drei
Finger.
„Großes Pfadfinderehrenwort!“
„Wer war hier bei den Pfadfindern?“ klang eine Stimme von der Tür her. Casey
kam hereingepoltert, Michael und Mark im Schlepptau. Kurz darauf ertönte ein
lautes Gebell und Spike tobte zwischen den Beinen der anderen hindurch ins
Haus.
„Jetzt kommt Leben in die Bude!“ meint Meg trocken, und die beiden Frauen
lachten und graulten Spike das Fell. Der warf sich auf den Rücken und streckte
die Pfoten genüsslich nach oben.
„Ja, was bist denn Du für ein Hübscher?“ fragte Rae und nahm den kleinen Hund
liebevoll auf den Schoß.
„Schaut Euch das an, Leute“ tönte Casey grinsend, „Ich wohne schon so lange
hier, und mit mir macht sie so was nie!“
Natürlich hatte er
die Lacher auf seiner Seite.
„Das ist Spike, er gehört zu mir.“ antwortete Tiffany, die gleich nach den
Männern hereintrat.
„Tiffany ist unsere neue Mitbewohnerin!“ schaltete Mark sich schnell ein.
„Ja, wir hatten schon Gelegenheit uns kurz kennenzulernen.“ antwortete Rae und
reichte Tiffany lächelnd die Hand.
„Leider keine sehr erfreuliche.“ fügte Meg hinzu. „Tiffany fand damals Cole
Deschanel, als das Baugerüst einstürzte.“
„So, Du warst also sein guter Engel!“ grinste Michael. Er wandte sich an Rae.
„Wie geht es ihm überhaupt?“
„Besser, er ist nicht mehr in Lebensgefahr. Aber Du hast Recht, Michael, wäre
Tiffany an dem Abend nicht gewesen...“
Die winkte nur ab. Sie mochte es nicht, wenn man sie lobte, das machte sie
verlegen.
„Hört schon auf, das war doch nichts besonderes! Ich bin jedenfalls froh, dass
Spike und ich bei Euch wohnen dürfen!“ lenkte sie schnell vom Thema ab.
Gabi und Sara kamen, angelockt von dem Lärm, die Treppe herunter.
„Was ist denn hier los!“ rief Gabi erstaunt. „Sagt mal, wohnt Ihr etwa alle
hier?“
Jeany
„Ich hab eine
Idee!“ rief Casey. „Wir packen unser Abendessen ein und gehen alle zum Strand,
die meisten Touristen sind jetzt weg, wir können die letzten Sonnenstrahlen
genießen und vielleicht noch ein kleines Volleyballspiel wagen!“
Der Vorschlag wurde begeistert angenommen. Schnell war alles zusammengepackt,
die Badesachen angezogen, und nach ein paar Minuten zog die gesamte Surf
Central – Gang zum Strand.
Sie waren allerbester Stimmung und lieferten sich ein lautstarkes Match um das
Volleyballnetz.
Meg hielt sich den Bauch vor Lachen, als Tiffany Mark mit dem Ball
versehentlich fast k.o. schlug. Als Revanche dafür packte er Tiffany, warf sie
über seine Schulter und trug sie zum Wasser. Jubelnd folgten die anderen in
die Wellen. Dort wurde dann ein bunter Wasserball hin und her geworfen. Sie
waren alle total ausgelassen und fröhlich und bemerkten nicht, dass sie vom
Strand her interessiert beobachtet wurden.
Sean und Amy
bummelten gelangweilt am Strand entlang.
„Was für ein langweiliger Nachmittag!“ jammerte Amy. Sie hätte lieber etwas
ganz anderes unternommen, aber mit Sean war heute absolut nichts anzufangen.
Er schien mit seinen Gedanken meilenweit entfernt zu sein, sie kam einfach
nicht an ihn heran.
So wie jetzt, wo
er voller Interesse diese wilde Horde junger Leute beobachtete, so, als seien
das die letzten Menschen auf der Welt.
„Sean!“ rief sie erbost. „Ich hab Dich was gefragt! Nie hörst Du mir zu!“
Zerstreut sah er sie an.
„Hast Du was gesagt?“
Sie winkte entnervt ab.
„Vergiß es. Was findest Du denn nur an dieser wilden Affenhorde dort? So was
Niveauloses muss man sich doch nun wirklich nicht ansehen!“ maulte sie.
Sean schüttelte
verständnislos den Kopf.
„Was hast Du denn? Die sind doch nur lustig, total gut drauf!“ Mehr zu sich
selbst fügte er sehnsüchtig hinzu:
„Ich wünschte, ich wäre mit dabei!“
Amy sah ihn an, als sei er geistesgestört.
„Ist das Dein Ernst?“
Er grinste.
„Das sind die Leute vom Surf Central. Komm, wir gehen mal rüber zu ihnen.“
„Ohne mich!“ entgegnete sie entschieden, „mit diesen Wilden will ich nichts zu
tun haben!“
„Dann eben nicht“ meinte Sean, zog zu ihrem Entsetzen sein Shirt über den
Kopf, ließ es einfach in den Sand fallen und lief los. Er stürzte sich in die
Wellen und mischte sich lachend unter die jungen Leute.
Tiffany sah ihn und warf ihm den Ball zu.
„Hey Sean!“ rief sie fröhlich lachend.
„Na also“ dachte sie bei sich, „manches regelt sich doch wie von allein!“
Nachdem Ben kurz
bei Annie vorbeigeschaut hatte, ging er zum Surf Central, um nach Meg zu
sehen. Er wollte sie mit einer abendlichen Fahrt nach Santa Monica überraschen
und wunderte sich, warum sie nicht wieder aufgetaucht war. Eigenartigerweise
war im Surf Central auch niemand anzutreffen.
Etwas ratlos sah er sich um und wollte schon wieder gehen, als er fast mit
Vanessa Hart zusammenprallte.
„Hallo...“ grüßte sie freundlich, aber unsicher, da sie mal wieder nicht
wusste, wen von den Zwillingen sie vor sich hatte.
„...Ben“ ergänzte er lachend. „Hi Vanessa. Tja,“ er wies auf die Haustür des
Surf Central, „es scheint keiner da zu sein.“
Sie nickte.
„Ich weiß, Michael hat mich vorhin angerufen, aber ich habe mich etwas
verspätet. Sie sind alle zum Strand runter. Kommen Sie mit, Ben?“
Unternehmungslustig nickte er.
„Klar, Hauptsache, wir finden sie da.“
Vanessa lachte.
„Oh, das dürfte kein Problem sein. Ich wette, da, wo der meiste Lärm ist, da
ist auch die Surf Central– Gang nicht weit!“
Sie sollte recht
behalten.
Schon von weitem drang fröhliches Lachen zu ihnen herüber. Ben und Vanessa
setzten sich in den Sand und beobachteten amüsiert das ausgelassene Treiben.
„He Vanessa!“ rief Michael aus den Wellen, „Komm rein, Süße, das Wasser ist
herrlich!“
Vanessa lachte.
„Ich weiß nicht recht...“ sagte sie mit einem Blick zu Ben. Der nickte
aufmunternd.
„Nur zu, mehr als nass können Sie ja nicht werden!“
Saras Schwester winkte wie wild herüber. Sie rief etwas, was im Rauschen der
Wellen unterging. Ben beobachtete, wie Meg irgendetwas zu ihr sagte, worauf
sie schlagartig mit dem Rufen aufhörte. Er überlegte, ob er wohl auch noch
einen Sprung in die Fluten wagen sollte, als er sah, wie Meg aus dem Wasser
auf ihn zukam. Galant hielt er ihr das Badehandtuch auf und sie kuschelte sich
fröstelnd hinein.
„Hallo Ben!“
Sie war ganz außer Atem und gab ihm übermütig einen nassen, salzigen Kuss. Er
lachte und ließ sie gar nicht wieder los, während sie sich beide in den Sand
setzten.
„Ist Dir kalt?“ fragte er besorgt und hielt sie fest im Arm. Er strich ihr das
nasse Haar aus dem Gesicht und schaute sie bewundernd an. Sie sah wunderschön
aus mit ihrer sonnengebräunten Haut und den in der untergehenden Sonne
glänzenden Augen. Sie strahlte soviel Frische und Natürlichkeit aus, dass ihm
ganz warm ums Herz wurde.
Gerade wollte er sie küssen, als ein anderer Verehrer lautstark seine Rechte
anmeldete.
Spike sprang aufgeregt bellend um Meg herum, anscheinend froh, dass wenigstens
einer der ihm bekannten Zweibeiner wohlbehalten das Wasser verlassen hatte.
Lachend graulte sie ihm das Fell.
„Wie ich sehe, fliegen Dir die Herzen hier nur so zu!“ grinste Ben und
streichelte Spike.
„Pass auf, alter Junge, das ist meine Herzdame!“
Meg sah ihn an und ihr Gesicht wurde plötzlich ernst.
„Bin ich das?“ fragte sie leise.
„Aber natürlich!“ antwortete Ben etwas erstaunt. „Zweifelst Du etwa daran?“
Meg sah hinaus aufs Meer zu der Stelle, wo die Sonne wie ein riesiger
Feuerball in den Wellen zu versinken schien.
„Ich wollte vorhin zu Dir, aber Du warst nicht da. Warst Du bei Annie?“
„Ja, aber nur ganz kurz. Sie hatte mich angerufen, dass sie wieder zu Hause
ist. Schade, da haben wir uns verpasst...“ antwortete er, ohne sich etwas
dabei zu denken, doch dann wurde ihm schlagartig klar, was sie so traurig
machte.
„Meg!“ Er legte seine Finger unter ihr Kinn und zwang sie mit sanftem Druck,
ihn anzusehen.
„Das war nur ein Anstandsbesuch, mehr nicht! Glaub mir, Annie bedeutet mir
nichts, jedenfalls nicht so, wie Du denkst. Wenn es so wäre, dann wären Annie
und ich doch schon lange zusammen! Komm schon, Meg, ich liebe Dich, vertrau
mir bitte!“
Er sah sie eindringlich an und fühlte sich unendlich erleichtert, als ein
Lächeln über ihr Gesicht zog. Er küsste sie zärtlich, was ihm allerdings ein
drohendes Knurren von Spike einbrachte.
Meg schaute verschmitzt auf den kleinen Hund herunter.
„Was meinst Du dazu?“ fragte sie Spike schelmisch. „Sagt er die Wahrheit? Nun,
wenn nicht, wird er es bitter bereuen.“ Sie zwinkerte Ben zu. „Fang schon mal
an zu zittern!“
"Ich habe gehört, daß hier eine Party steigen soll," sagte plötzlich eine Stimme.
Meg sah hoch und schaute in Dereks kalte Augen. Sie erstarrte und stand schnell auf. "Was wollen Sie hier?" zischte sie. Doch ihre Frage blieb unbeantwortet, denn mit einem Freudenschrei rannte Sara auf Derek zu und umarmte ihn. Sie rückte etwas von ihm ab, als er sie strafend ansah.
"Hallo," sagte sie knapp. "Schön, daß Du auch kommen konntest!" Sie warf ihm einen doppeldeutigen Blick zu.
Derek sah von Sara weiter zu Meg. Sie sah atemberaubend schön aus in ihrem knappen Bikini. Er fuhr sich über die Lippen. Meg war sein Blick nicht entgangen und sie schaute ihn wütend an.
Ben sah gespannt zwischen Derek und Meg hin und her. Er hatte das dumpfe Gefühl, als ob die beiden mehr verband, als sie sagten.
Meg zog Sara, die immer noch fasziniert Derek anstarrte, mit sich mit.
"Komm' mit, ich muss mal mit Dir reden!"
Die beiden Brüder schauten sich schweigend an. Mark gesellte sich zu den beiden.
"Hi, Boss, ich hätte nie gedacht, daß Sie Spaß an solchen Veranstaltungen haben!"
Er sah Derek grinsend an. Dieser grinste gezwungen zurück.
"Nein, habe ich auch sonst nicht, aber ..." Er sah zu Sara und Meg hinüber, die sich unterhielten. Mark folgte seinem Blick, und sofort verdüsterte sich sein Gesicht.
"Ich verstehe!" sagte er nur kurz und rannte wieder zu Tiffany hinüber.
Ben sah Derek prüfend an.
"Was willst Du wirklich hier?" fragte er. Derek grinste Ben frech an.
"Mich amüsieren!" meinte er, und mit wenigen Handgriffen hatte er sich ausgezogen und stürzte sich in die kühlen Fluten.
„Wow, dieser
Body!“ schwärmte Sara und verdrehte die Augen. Als sie Megs Blick sah, lachte
sie laut auf.
„Meine Güte, Meg, jetzt guck nicht so streng! Ich bin sicher, Dein Zwilling
wird ähnlich gebaut sein!“
Meg schüttelte entnervt den Kopf.
„Bei Dir ist Hopfen und Malz verloren, weißt Du das?“
Sie wollte wieder zurück zu Ben gehen, aber Sara hielt sie auf.
„Meg... es tut mir leid! Komm schon, ich will mich nicht ewig mit Dir
streiten.“ versuchte sie einzulenken. „Versuch doch bitte, mich wenigstens ein
bisschen zu verstehen, ich hab mich in ihn verliebt, und er sich in mich!“
Meg sah sie ernst an.
„Glaubst Du, das weiß ich nicht! Es ist nur so...“ Sie sah sich um, damit
keiner das Gespräch zwischen ihnen beiden belauschen konnte, „Derek ist gar
nicht an einer festen Beziehung mit Dir interessiert, das ist er bei keiner
Frau, Sara, glaub mir, Du wirst aufwachen und bitter enttäuscht sein, er
spielt nur sein Spiel mit Dir.“ Sie sah ihre jüngere Schwester eindringlich
an, doch die schüttelte nur mit dem Kopf und lächelte verliebt.
„Oh nein, bei mir ist das anders, er liebt mich auch, das spüre ich. So hab
ich noch nie empfunden!“
„Du warst ja auch noch nie richtig verliebt.“ entfuhr es Meg.
„Du etwa?“ konterte Sara. „Deinen verunglückten Versuch mit Tim kann man ja
wohl kaum so nennen.“
„Jetzt reichts aber!“ zischte Meg. „Das musst Du mir nun wirklich nicht
vorwerfen!“
„Okay,“ gab Sara kleinbei, „war nicht so gemeint.“ Sie suchte krampfhaft nach
den richtigen Worten, denn sie wünschte sich nichts mehr, als dass ihre
Schwester, die bisher auch immer ihre beste Freundin gewesen war, ihre Gefühle
für Derek einfach nur verstehen würde.
„Freu Dich doch einfach für mich, Meg, dass ich jemanden gefunden habe, den
ich so liebe wie Du ihn liebst.“ Mit einer Kopfbewegung deutete sie zu Ben
hinüber, der sich im Sand ausgestreckt hatte und sich angeregt mit Casey
unterhielt, während er Spike das Fell graulte.
Meg schüttelte den Kopf.
„Tut mir leid, Sara, das kann ich nicht.“
Sara nagte an ihrer Unterlippe und suchte krampfhaft nach einem Kompromiss in
dieser Angelegenheit.
„Dann akzeptier doch einfach meine Freundschaft zu Derek!“ forderte sie
schließlich.
Diesmal nickte Meg.
„Gut, wenn es bei einer Freundschaft bleibt.“
Obwohl sie mit ziemlich schlechtem Gewissen an die letzte Nacht dachte und
auch daran, dass sie Meg nur die halbe Wahrheit erzählt hatte, umarmte Sara
ihre Schwester und war froh, dass nun erst einmal nichts mehr zwischen ihnen
zu stehen schien.
Sie gingen beide zurück zu den anderen und Sara schielte nach Derek, der
gerade aus dem Wasser kam.
„Keine Sorge!“ flüsterte sie ihm zu, als sie merkte, wie er Meg
hinterherstarrte, „ich hab das im Griff, meine Schwester hat nichts gegen
unsere Beziehung!“
„Schade“ dachte
Derek, „dann macht unsere sogenannte "Beziehung" aber nur noch halb so viel
Spass.“
Laut aber sagte er:
„Na, dann geh Dich mal langsam umziehen, mein Engel, damit wir rechtzeitig im
„Deep“ sind.“
Als er Saras irritierten Blick sah, fügte er lächelnd hinzu:
„Oder solltest Du vergessen haben, dass heute Dein erster Arbeitstag ist?“
„Oh!“ Sara sah ihn erschrocken an. „Ja natürlich, ich hatte wirklich nicht
mehr dran gedacht.“ Sie lachte und sammelte schnell ihre Sachen zusammen.
„Also dann, wir können gehen!“
Aber Derek hatte sich wieder hingesetzt.
„Geh schon mal vor, wir treffen uns nachher im „Deep“.“ sagte er mit
zuckersüßem Lächeln und ignorierte ihr enttäuschtes Gesicht. Zerknirscht
verabschiedete sich Sara von den anderen und ging zurück zum Surf Central.
Meg sah ihr nach. Ihre Schwester tat ihr in diesem Augenblick unsagbar leid,
und wären sie allein gewesen, hätte sie für Derek ein paar passende Worte
parat gehabt. So musste sie sich damit begnügen, ihm einen vernichtenden Blick
entgegenzuschleudern, den er jedoch mit einem anzüglichen Augenzwinkern
beantwortete.
Gereizt drehte sich Annie Douglas auf dem Sofa von einer Seite auf die andere.
Immerhin war es ihr gelungen, ihre Tante Bette für einige Zeit loszuwerden.
Annie mochte Bette wirklich gern, aber es gab Zeiten, da konnte sie einem einfach zu viel werden. Und jetzt war so eine Zeit, so dankbar Annie ihrer Tante auch für deren Fürsorge war. Annie hatte Tante Bette gebeten, einige "wichtige" Besorgungen für sie zu machen, und dafür gesorgt, daß die Geschäfte, in denen Bette die verschiedenen Teile bekam, möglichst weit auseinander lagen. Dann hatte sie Ben angerufen, hoffend, daß er nochmal auf einen Sprung herüberkam. Aber er war nicht erreichbar, offenbar hatte er sein Handy abgeschaltet.
"Ben, wo bist Du nur, wenn ich Dich brauche?", dachte sie.
"Ich kann nicht den ganzen Tag hier liegen bleiben, da werde ich ja verrückt!“ überlegte sie ungeduldig. "Ein bisschen frische Luft wird mir gut tun."
Sie öffnete die Terrassentür, ging auf den Balkon und schaute nachdenklich zum Strand hinunter. Dann sah sie die Gruppe, die laut johlend im Wasser und am Strand herumtollten.
"Die haben wenigstens ihren Spaß", dachte sie neidisch. "Sieh mal einer an, Richards Junior ist auch dabei. Das würde Gregory wohl kaum gefallen", schoss es ihr durch den Kopf. "Aber... das ist ja Ben?", erkannte sie plötzlich. "Und daneben Miss Kansas. Ist ja mal wieder typisch. Die lässt nichts aus. Ich leide, und sie nutzt die Gelegenheit eiskalt aus und macht sich an Ben heran. Aber warte nur, Früchtchen, das könnte Dir so passen. Ben gehört zu mir, und ich werde dafür sorgen, daß er es auch bald begreift."
Aber was war denn das?“
Annie eilte in
Tante Bettes Schlafzimmer und kramte das alte Fernglas von Onkel Ed hervor.
Damit postierte sie sich hinter der Gardine des Verandafensters, um besser
sehen zu können.
Und wirklich, ihre Augen hatten sie nicht getäuscht, da hockte doch auch Derek
mitten unter den jungen Leuten! Höchst ungewöhnlich, fand Annie, zumal er
selten da zu finden war, wo auch Ben sich aufhielt. Außerdem zählten die
Bewohner des Surf Central nicht gerade zu seinem Freundeskreis, sofern Derek
überhaupt so etwas hatte.
Obwohl - Annie stutzte – hatte er nicht letztens schon im „Deep“ mit an deren
Tisch gesessen? Natürlich!
Wohin starrte er eigentlich die ganze Zeit? Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen
von den Augen...
„Miss Kansas!“ Annie warf das Fernglas wütend in die Ecke. „Das darf doch
nicht wahr sein!“ Als ob es nicht reichte, dass sie sich an den einen der
Evans- Brüder heranmachte, nun musste sie auch noch dem anderen den Kopf
verdrehen!
Annie ballte die Fäuste. Dieses kleine Biest!
Sie atmete tief durch und merkte, wie ihre Knie anfingen zu zittern. Schnell
zog sie sich wieder auf ihre Couch zurück.
„Ich verspreche Dir, Meg Cummings, sobald ich wieder in Form bin, kannst Du
Dein blaues Wunder erleben! Dann wirst Du mich richtig kennenlernen!“
Als die Sonne
untergegangen war, machten Casey, Mark, Michael und Ben am Strand ein
Lagerfeuer. Meg und Gabi zogen sich schnell im Surf Central um und gingen zu
Elaine, um ein paar Flaschen Wein zu holen. Im Waffelshop fiel Gabi dann ein,
sie könne ja Ricardo anrufen, ob er vielleicht auch zum Strand kommen würde.
Meg setzte sich draußen vor dem Lokal an einen der Tische und wartete auf ihre
Freundin.
„Endlich trifft man Dich mal allein an!“
Sie fuhr erschrocken herum. Derek!
„Spionieren Sie mir nach?“
Er lachte und setzte sich zu ihr.
„Ich bin auf dem Weg zur Arbeit, und da muss ich hier vorbei, also keine
falschen Hoffnungen, Meg! Obwohl,“ er grinste anzüglich, „sollte es Dir
gefallen, wenn ich Dir ein bisschen nachlaufe, dann kann ich das gerne so
einrichten! Im übrigen“ er beugte sich vor und strich ihr, bevor sie es
verhindern konnte, mit vertraulicher Geste eine Haarsträhne aus der Stirn,
„lass doch endlich dieses alberne „Sie“ weg, das glaubt uns doch sowieso
keiner!“
Meg ließ ihn nicht eine Sekunde aus den Augen.
„Was haben Sie vor, Derek?“ fragte sie ernst.
Mit gespieltem Erstaunen zog er die Augenbrauen hoch.
„Lassen Sie Sara in Ruhe.“ warnte ihn Meg mit fester Stimme.
„Ah, darum geht es!“ lachte er. Dann beugte er sich blitzschnell nach vorn und
war ihr plötzlich ganz nah.
„Eifersüchtig?“ flüsterte er.
Meg sprang auf.
„Das müssen Sie gerade fragen! Fassen Sie sich an die eigene Nase!“
Er stutzte. „Was soll denn das heißen?“
Meg verzog spöttisch die Mundwinkel. „Halten Sie es, wie Sie wollen, aber
lassen Sie meine kleine Schwester da raus.“
Derek sah sich kurz um. Hier draußen war um diese Zeit niemand außer ihm und
Meg. Langsam trat er näher an sie heran. Etwas Bedrohliches ging von ihm aus,
und Meg wich vorsichtig zurück, bis sie mit dem Rücken an der kühlen Hauswand
lehnte. Ihre Knie zitterten, als Derek dicht vor ihr stand, so dicht, dass sie
seinen Atem spüren konnte.
„Ich will ja gar nicht Deine kleine Schwester,“ sagte er gefährlich leise, und
Meg jagte ein Schauer über den Rücken, „ich will Dich, Meg!“
In diesem Augenblick verließ Gabi mit zwei Riesenpapiertüten den Waffelshop
und kam auf sie beide zu.
„Meg?“ Sie stutzte kurz, als sie Ben erblickte. Dann sah sie das angespannte
Gesicht ihrer Freundin und augenblicklich wurde ihr einiges klar.
„Derek! Was tun Sie denn hier?“
Er trat einen Schritt zurück und lächelte verbindlich.
„Wir haben uns nur nett unterhalten. Nicht wahr?“ Er holte tief Luft. „So,
die Pflicht ruft. - Leider!“ fügte er mit einem Seitenblick auf Meg hinzu.
„Also dann, schönen Abend noch!“
Saras Augen leuchteten, als sie Derek ins Deep kommen sah. Tim war gerade dabei, sie anzuleiten und ihr die wichtigsten Handgriffe zu zeigen. Sara stellte sich auch nicht allzu ungeschickt an, so daß er gute Chancen für sie sah, eine wichtige Kraft fürs Deep zu werden.
Sie band ihre Schürze ab und rannte die Treppe hinauf hinter Derek her. Entschlossen betrat sie sein Büro, und ehe er noch wusste, wie ihm geschah, hing sie schon an seinem Hals.
"Oh Derek," seufzte sie, "wie ich diese Heimlichtuerei hasse! Warum darf niemand erfahren, daß wir zusammen sind?"
Er gab ihr einen flüchtigen Kuss und schob sie von sich weg.
"Wenn Du Dich mir weiterhin so an den Hals wirfst, wird es sicher nicht lange ein Geheimnis bleiben!" meinte er trocken.
Sara sah ihn überrascht an.
"Wieso, hier sieht uns doch niemand!"
Derek stöhnte innerlich auf. Die Kleine war auch zu naiv!
"Kapier' doch," sagte er ungehalten, "wenn Du hier ständig auftauchst, werden die anderen bald Lunte gerochen haben, und dann ..." Er ließ den Satz unvollständig.
Sara sah ihn neugierig an.
"Was ist dann?" fragte sie. Derek rollte genervt mit den Augen.
"Dann ... ach ich weiß auch nicht!"
Sara musterte ihn prüfend. Plötzlich weiteten sich ihre Augen.
"Ich weiß es ... Du schämst Dich für mich! Ich bin Dir nicht gut genug! Bin ich Dir zu jung oder warum möchtest Du nicht, daß unser Verhältnis bekannt wird?" Sie fühlte schon wieder Tränen in ihren Augen aufsteigen. Derek überlegte fieberhaft, was er ihr antworten könnte. Noch war es zu früh, um ihr den Gnadenstoß zu geben - er brauchte sie noch!
"Nein, nein," sagte er stattdessen. "Es ist nichts dergleichen, aber ich habe mich gerade von meiner Freundin getrennt und will nicht gleich wieder eine feste Bindung eingehen!" Sara schien mit der Antwort zufrieden zu sein, denn sie schlang ihre Arme erneut um seinen Hals. Derek hielt sie fest und atmete erleichtert auf. Gerettet! Sara nahm ihm auch jede Lüge ab!
"Möchtest Du mir von Deiner ... Ex-Freundin erzählen?" fragte sie und schaute zu ihm auf. Derek sah sie an.
"Vielleicht später! Jetzt habe ich noch einen Haufen Papierkram aufzuarbeiten, und Du solltest jetzt auch besser wieder nach unten gehen!" Er umarmte sie noch ein letztes Mal und schob sie dann zur Tür hinaus.
Als Derek gegangen war, atmete Meg hörbar aus. Gabi sah sie prüfend an.
"Was wollte er?" fragte sie.
Meg stand auf. Ihr Beine fühlten sich immer noch wie Gummi an.
"Ich weiß nicht genau," sagte sie, "aber ich glaube, er hat es auf mich abgesehen!"
Gabi starrte Meg nur an.
"Wie bitte? Ich dachte, nach dem Vorkommnis in Bens Haus damals hätte er das aufgegeben!"
"Er hat mir gesagt, daß er immer nur mich hätte haben wollen und an Sara überhaupt nicht interessiert wäre!" Meg war froh, daß sie sich jemandem anvertrauen konnte. Sie sah ihre Freundin verzweifelt an.
"Gabi, was soll ich denn jetzt tun? Er stellt mir schon nach, seitdem ich hier angekommen bin, aber allmählich wird das Ganze zu einer fixen Idee für ihn!"
Gabi zuckte nur mit den Schultern.
"Keine Ahnung, aber vielleicht solltest Du Ben davon erzählen!"
Meg schüttelte mit dem Kopf.
"Bloß nicht! Ich will nicht auch noch der Grund für Streitereien zwischen den beiden sein!"
"Aber irgendetwas musst Du doch tun," beharrte Gabi hartnäckig.
"Ja, Du hast sicher recht, aber Ben will ich da heraushalten, und ... Sara ebenfalls. Damit muss ich alleine klarkommen. Das ist eine Sache zwischen Derek und mir!"
Meg ballte die Fäuste.
"Wenn er seinen Fight haben will - na bitte!"
"Meg...," warnte Gabi sie. "Sei vorsichtig! Wenn Du Dich mit Derek anlegst, wirst Du sicher den kürzeren ziehen!"
Meg warf kämpferisch den Kopf zurück.
"Bisher vielleicht, aber jetzt, wo es um Sara geht, wird er diesen Kampf verlieren!"
Gabi sah Meg unsicher an. Sie wusste, wie hartnäckig ihre Freundin sein konnte, aber mit Derek war nicht zu spaßen ...
"Okay!" sagte sie. "Wenn Du Hilfe brauchst, bin ich für Dich da!"
Meg sah Gabi dankbar an.
"So spricht eine wahre Freundin, und Gabi ... kein Wort zu den anderen!"
Gabi versprach es und die beiden Frauen gingen zurück zum Surf Central.
Als Meg und Gabi
wieder am Strand ankamen, brannte bereits ein schönes großes Lagerfeuer, und
alle machten sich heißhungrig über die zwei Tüten voll Sandwiches her, die
Elaine für diese spontane Strandparty gesponsert hatte. Dazu gab es Wein aus
Plastikbechern.
Mark hatte seine Gitarre geholt und bald klangen fröhliche Lieder vom Strand
durch die hereinbrechende Nacht.
Meg hatte sich in Bens Arm bekuschelt. Seine Nähe und die ausgelassene
Stimmung ihrer Freunde ließen sie Derek und auch Sara fürs Erste vergessen.
Gabi freute sich, als Ricardo sich später nach seinem Dienst noch in der Runde
niederließ und angesteckt von der Romantik am Feuer seinen Arm um sie legte.
Vanessa und Michael saßen eng umschlungen und auch Casey nutzte seine Chance
und rückte näher zu Rae heran.
Mark spielte auf seiner Gitarre alte und neue Songs, die alle begeistert
mitsangen.
Tiffany schielte des öfteren zu Sean herüber, der sich zwischen Mark und
Michael platziert hatte. Schließlich stand sie auf und setzte sich neben ihn.
Doch Sean hatte seinen Stolz, er sah in die Flammen und sang kräftig mit, ohne
sie eines Blickes zu würdigen.
„Na komm, hab Dich nicht so, ich weiß genau, Du freust Dich, mich zu sehen!“
dachte Tiffany, doch noch waren ihre Versuche, seine Aufmerksamkeit auf sie zu
lenken, vergebens.
„Na gut, dann versuchen wir es eben auf eine andere Tour!“ beschloss sie
insgeheim und lehnte ihren Kopf an Marks Schulter. Der guckte zwar erst etwas
erstaunt, begriff aber anscheinend schnell, was sie im Schilde führte und ließ
sich ihre kleinen Tricks gerne gefallen.
Spike sprang kläffend um die jungen Leute herum, für ihn war das hier
Abenteuer pur. Was konnte es Schöneres in seinem Hundeleben geben, als ein
knisterndes Lagerfeuer, Zweibeiner, die ihm ständig das Fell graulten und
Stöckchen warfen, welchen er begeistert hinterherjagen konnte! Herrlich war
das!
Oben in der Ocean Avenue stand Annie wieder am Fenster und schaute sehnsüchtig
hinunter zum Strand. Sie hörte die Lieder und sah das romantische Feuer und
plötzlich wurde ihr schmerzlich bewusst, wie einsam sie in Wirklichkeit war...
Als Meg am nächsten Tag die Augen aufschlug, schien die Sonne schon hell in ihr Zimmer im Surfcenter. Verwundert warf sie einen Blick auf die Uhr.
"Oh nein, halb elf!“ dachte sie im ersten Augenblick, "ich müsste schon längst im Büro sein!" Doch dann warf sie einen Blick auf den schnarchenden Ben neben sich und plötzlich fiel ihr ein:
"Nein, muss ich nicht. Wir haben ja Sonntag. Ich kann den ganzen Tag ausspannen." Ganz leise, um Ben nicht zu wecken, krabbelte sie aus dem Bett und schlich auf Zehenspitzen Richtung Badezimmer.
"Hoffentlich ist nicht wieder belegt", dachte sie. Doch ihre Hoffnung war vergebens. Tiffany hatte das Badezimmer bereits in Beschlag genommen, und schien sich darin sehr wohl zu fühlen, jedenfalls machte sie keinerlei Anstalten, es zu räumen.
"Wir hätten doch bei Ben schlafen sollen", überlegte Meg grinsend.
"Guten Morgen, Du Langschläferin", Gabi kam über den Flur. Im Gegensatz zu Meg war sie bereits vollständig zurechtgemacht. Sie war in ihre besten Kleider geschlüpft, dafür aber etwas dezenter geschminkt, als es bei ihr üblicherweise der Fall war.
"Wow", sagte Meg, einen Blick auf Gabis Kleidung werfend, "hast Du heute noch etwas Besonderes vor?"
"So kann man es nennen", meinte Gabi. "Ricardo will mich heute seiner Mutter vorstellen. Und Du weißt ja, der erste Eindruck ist immer der Entscheidende."
"Na, dann wünsch ich Dir mal viel Erfolg", sagte Meg lachend.
Gabi rollte die Augen vielsagend und ging anschließend zu Ricardo, der ebenfalls im Surfcenter übernachtet hatte, nach unten.
"Keine Angst", meinte er lachend, "so schlimm ist sie nicht. Sie wird Dich schon nicht beißen, und an ihren Beruf wirst Du dich auch recht schnell gewöhnen."
"Ihren Beruf? Was macht sie denn?" fragte Gabi etwas beunruhigt.
"Sie ist Wahrsagerin", erklärte Ricardo grinsend und führte anschließend seine verblüfft schauende Freundin zu seinem Auto nach draußen.
Hickengruendler
Ungefähr eine halbe Stunde später saß Meg im Wohnzimmer und trank eine Tasse Kaffee. Für ein Frühstück war es entschieden zu spät, aber auf ihre Dosis Koffein konnte sie am Morgen einfach nicht verzichten, dann war mit ihr nichts anzufangen.
Ben kam genau in diesem Moment die Treppe hinunter und küsste sie zärtlich auf den Nacken.
"Hey, das kitzelt", lachte Meg. "Warum hast Du dich denn vorhin einfach so davongeschlichen?", fragte Ben mit gespielt vorwurfsvollem Ton in seiner Stimme.
"Was meinst Du, wie erstaunt ich war, als ich aufgewacht bin, und Du lagst nicht mehr da."
"Ich wollte Dich nicht wecken", meinte Meg entschuldigend. "Verzeihst Du mir", fragte sie mit flehendem Blick.
"Also gut, wollen wir mal nicht so sein", erwiderte Ben gnädig. Er küsste sie erneut auf den Nacken, und fuhr dann mit seinen Lippen immer weiter, bis er ihren Mund erreicht hatte.
Im selben Augenblick klingelte das Telefon.
"Schade", seufzte Meg, "es war gerade so schön."
"Lass doch die anderen rangehen."
"Ich bin aber am nächsten dran." Sie löste sich aus Bens Umarmung, ging zum Telefon und nahm den Hörer ab.
Hickengruendler
"Meg Cummings", meldete sie sich.
"Meg, mein Schatz. Schön daß Du dran bist. Ich bin es, Mum."
"Hi", erwiderte Meg erfreut, "Meine Mutter", flüsterte sie Ben zu.
"Ich wollte mal hören, wie es meinen beiden Töchtern so geht."
Meg zögerte. Besser, sie erzählte ihrer Mutter nichts von Saras neuem Liebhaber. Sie kannte Joan, die sich sehr große Sorgen um ihre Töchter machte, auch wenn sie manchmal versuchte, es ein bisschen zu verbergen, um nicht zu aufdringlich zu erscheinen.
"Uns geht es beiden gut", sagte Meg.
"Und Sara? Hat sie sich auch gut eingelebt, ist alles klar mit ihr? Du weißt ja, wie sie ist, manchmal ein bisschen blauäugig!"
"Wem sagst Du das", schoss es Meg durch den Kopf. Laut erwiderte sie aber:
"Ja, mit Sara ist auch alles in Ordnung. Sie hat sogar schon einen Job gefunden."
"Ja, das hat sie mir am Telefon erzählt. Sie scheint mit der Stelle sehr zufrieden zu sein." "Warte, wenn Du willst, hole ich sie mal ans Telefon, dann kann sie selbst mit Dir reden", schlug Meg vor. Sie lief die Treppe hinauf zu Saras Zimmer. Sie hatte sie heute noch nicht gesehen, also schlief sie sehr wahrscheinlich noch. Immerhin hatte sie gestern bis spät in die Nacht Dienst.
"Sara? Sara bist du wach?", fragte sie vorsichtig, während sie anklopfte und die Tür einen kleinen Spalt öffnete. Dann blieb sie wie angewurzelt stehen.
Saras Bett war leer und unberührt. Offenbar hatte sie die Nacht nicht hier geschlafen.
Meg ging ans Telefon zurück.
"Äh Mum, tut mir leid, ich habe ganz vergessen, daß Sara mit Gabi und Marc vor einer halben Stunde zum Strand runter ist. Sorry!"
"Bist Du Dir da sicher? Du klingst plötzlich so anders. Meg, gibt es irgendwas, was Du mir verheimlichst?"
"Nein, Mum. Es ist wirklich alles in Ordnung. Ich muss jetzt Schluss machen, Ben kommt mich abholen."
"Meg..."
"Wiedersehen." Hastig legte Meg auf. Sie hasste es, ihre Mutter anzulügen, da bekam sie jedes Mal ein schlechtes Gewissen.
"So, ich komme Dich also abholen", meinte Ben erstaunt.
"Oh Ben, tut mir leid. Eine blöde Ausrede. Aber Sara war nicht in ihrem Zimmer, und Mum hat immer weiter gebohrt, und da..."
"Schon gut. Du brauchst mir nichts zu erklären. Glaubst Du, Deine Schwester ist bei Derek?"
"Wo sonst", antwortete Meg seufzend. "Ich meine, eigentlich kann sie ja tun, was sie will. Sie ist erwachsen. Aber warum ausgerechnet Derek! So blind kann man doch nicht sein." "Das scheint Dich ja echt sehr in Rage zu bringen. Nun, ich kann das verstehen. Aber es gibt nicht viele, die Derek so schnell durchschauen. Bist Du dir sicher, das Du mir alles über ihn erzählt hast?"
"Bin ich", versicherte ihm Meg, "er ist mir einfach nur unsympathisch. Das ist alles. Ihm ist nicht zu trauen. Und ich wünschte, Sara würde das auch endlich merken."
Hickengruendler
Sara erwachte und blinzelte in die Sonne. Sie brauchte eine Weile, um zu begreifen, wo sie sich befand. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie sah auf den schlafenden Derek neben sich und kuschelte sich in ihr Kissen. Sie erinnerte sich an die letzte Nacht, und ein Glücksgefühl durchströmte sie. Sie warf die Bettdecke zurück und stand leise auf, um Derek nicht zu wecken.
Im Badezimmer zog sie das Pyjama-Oberteil aus, welches Derek ihre geliehen hatte, und betrachtete sich im Spiegel. Sie erstarrte, als sie die blauen Flecke am ganzen Körper entdeckte. Vor lauter Leidenschaft hatte sie gar nicht gemerkt, wie wild Derek mit ihr umgegangen war. Sie fuhr sich über die schmerzenden Stellen. Er war wie ein Tier über sie hergefallen, erinnerte sie sich.
Sie drehte sich vorm Spiegel hin- und her, als sie plötzlich eine Stimme hinter sich hörte. "Eine kleine Wiederholung gefällig?"
Derek stand im Türrahmen und grinste. Sara zog schnell das Pyjama-Oberteil wieder über. Sie fühlte sich plötzlich unter seinem prüfenden Blick nicht wohl. Derek lachte. "Was willst Du vor mir verbergen?" fragte er ironisch. "Es gibt nicht einen Zentimeter an Deinem makellosen Körper, den ich nicht kenne!"
Sara errötete. Sie fühlte sich ihm völlig ausgeliefert, und plötzlich spürte sie so etwas wie Angst.
"I - ich wollte mich nur etwas frisch machen," stammelte sie. Als sie die Tür passieren wollte, hielt er sie fest.
"Komm' wieder ins Bett! Es ist so einsam ohne Dich!" sagte er einschmeichelnd. Er zog sie am Arm zum Bett zurück und strich ihr mit einem Finger über die Lippen. Dann beugte er sich über sie und presste seine Lippen auf ihren Mund, so daß Widerstand zwecklos war. Sara schlang ihre Arme um seinen Hals und wieder versanken sie in einem Strudel der Leidenschaft ...
Mona
Als Sara das nächste Mal ihre Augen aufschlug, war das Bett neben ihr leer. Sie stand schnell auf und zog sich ihre Sachen über. Dann ging sie die Treppe hinunter und rief nach Derek, doch sie bekam keine Antwort. Sie war anscheinend alleine im Haus.
Auf dem Tisch fand sie eine Nachricht von ihm.
"Sara, Darling! Habe noch etwas Dringendes zu erledigen. Nimm' Dir einen Kaffee, wenn Du willst." Sara schluckte. Kein Wort über ihre gemeinsame Nacht! Vielleicht hatte Meg doch damit recht gehabt, daß Derek zu keiner echten Liebe fähig wäre.
Sara seufzte und versuchte ihre trüben Gedanken zu vertreiben. Sie schenkte sich einen Kaffee ein und ließ sich auf der Couch nieder. Über der Lehne hing ein Hemd von ihm, und sie presste ihr Gesicht hinein und atmete den würzigen Geruch seines Rasierwassers ein. Die Erinnerungen an ihre gemeinsame Nacht kamen dabei wieder hoch, und sie schloss die Augen, um sich ihm näher zu fühlen.
Plötzlich riss sie das Klingeln des Telefons aus ihren Träumen. Sara nahm den Hörer ab und meldete sich.
"Hier bei Derek Evans." Sie hörte, wie jemand am anderen Ende der Leitung schwer atmete.
"Hallo?" fragte Sara.
Sie wollte gerade wieder auflegen, als sich die Stimme zu erkennen gab.
Mona
"Hier ist Annie Douglas, und mit wem habe ich das Vergnügen?" Sara hielt den Atem an. "Dereks Ex", dachte sie und überlegte fieberhaft, was sie Annie jetzt sagen sollte.
Ihr Blick fiel auf das Hemd.
"Ich bin ... das Hausmädchen," log sie. "Mr. Evans hat mich gebeten, einige Kleidungsstücke von ihm in die Reinigung zu bringen, und außerdem bin ich gerade dabei, die Fenster zu putzen." Sara hielt einen Moment inne und lauschte.
Ob Annie ihr das wohl abnahm? Diese lachte nur.
"So, Sie sind also das Hausmädchen, ja? So nennt man das also heutzutage."
Sara krallte die Hand um den Hörer.
"Wie bitte?" fragte sie.
"Ist schon gut. Sagen Sie ... Mr. Evans, daß ich angerufen hätte, oder - nein, warten Sie, sagen Sie ihm nichts, ich werde gleich persönlich vorbeikommen!"
Sara's Atem stockte.
"Sie wollen vorbeikommen, aber ... Derek, ich meine Mr. Evans ist nicht hier."
Sara fühlte Panik in sich aufsteigen. Dieser Frau wollte sie nun wirklich nicht begegnen! Sie hörte wieder dieses klirrende Lachen.
"Das macht gar nichts, Schätzchen, ich habe einen Haustürschlüssel und will nur meine restlichen Sachen abholen. Derek brauche ich dafür nicht!"
Sara sah sich im Wohnzimmer um. Auf dem Tisch standen noch die Gläser und die Weinflasche vom Abend zuvor. In der Küche stapelte sich der Abwasch, und an den Zustand des Schlafzimmers wollte sie gar nicht erst denken!
Sie versuchte Annie abzuwimmeln.
"Es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, ehe ich mit allem hier fertig bin," sagte sie und fügte schnell hinzu. "So, nun muss ich aber wirklich weitermachen. Ihnen noch einen schönen Tag!" Ohne Annies Reaktion abzuwarten, legte Sara auf.
Schnell rannte sie hoch ins Schlafzimmer und holte ihre restlichen Sachen. Noch ein letzter Blick und sie verließ Dereks Haus.
Mona
Doch ihre Eile war vergebens. Gerade als sie Dereks Eingangstür geschlossen hatte, stieß sie mit einer attraktiven Rothaarigen zusammen, die Sara an ihrer Stimme sofort als Annie Douglas, identifizierte, die Frau vom Telefon.
"Sieh mal einer an", meinte Annie sarkastisch, "ich nehme an, Sie sind die "Putzfrau" vom Telefon?"
"Ganz recht", antwortete Sara verlegen. Annie musterte sie kritisch.
"Interessant, das ist mir vollkommen neu, daß Derek Putzfrauen engagiert.
"Ja, jetzt wo Sie nicht mehr da sind, und für ihn aufräumen..."
"Ich habe niemals für Derek aufgeräumt", unterbrach Annie sie schroff. "Das hätte ja auch noch gefehlt. Also versuchen Sie erst gar nicht, mir einen Bären aufzubinden, ich weiß genau, warum Sie jetzt aus Dereks Haus kommen. Sie haben dort übernachtet!" "Und wenn es so wäre", erwiderte Sara kämpferisch. "Ihnen kann es doch egal sein. Sie haben ihn doch verlassen."
"Ganz recht", gab Annie zurück. "Und ich habe beim besten Willen auch keine Lust, Ihren Platz wieder einzunehmen. Ich wundere mich nur etwas über Dereks Geschmack. Es ist mir neu, daß er sich jetzt auch mit dem Kindergarten einlässt. Wer sind Sie überhaupt? Ich habe Sie hier noch nicht gesehen. Oder hatten Sie etwa schon länger was mit Derek und nur darauf gewartet, daß der Drachen das Feld räumt?"
"Das ist überhaupt nicht wahr. Ich bin neu in der Stadt, komme aus Kansas..."
"Wo kommen Sie her?" Annie verschlug es fast die Sprache vor Erstaunen.
Sara war überrascht.
"Aus Kansas, wieso?"
"Warum kommt jeder Neuankömmling hier in Sunset Beach in letzter Zeit aus Kansas?" "Nicht jeder, nur meine Schwester, ihr Exverlobter und ich..."
"Moment. Ihre Schwester? Sie sind die Schwester von Meg Cummings?"
"Ja, Kennen Sie Meg?"
"In der Tat. Ich bezweifle, dass sie über Ihre Beziehung mit Derek begeistert ist."
"Ja, sie meint eben, sie müsste mich bevormunden..."
Doch Annie winkte ab.
"Quatsch. das ist nicht der Grund. Ihre Schwester ist bis über beide Ohren in Derek verknallt, so sieht es aus."
Für einen Moment zuckte ein Lächeln um Annies Mundwinkel, als sie Saras fassungsloses Gesicht sah.
Hickengruendler
"Da- das ist nicht wahr! Sie lügen!", schrie Sara sie an. Annie zuckte desinteressiert mit den Schultern.
"Ich lüge nicht. Meg hat sich seit dem ersten Tag ihrer Ankunft ununterbrochen an meinen Exverlobten herangemacht, und das auch, als ich noch lange mit ihm zusammen war."
"Nein, das stimmt nicht. Meg ist mit Ben zusammen. Vielleicht hat sie ihn und Derek nur einmal verwechselt, und Sie haben das missverstanden." Sara zwang sich krampfhaft zur Ruhe.
"Ben, ja das ist auch so eine Sache. Ich glaube, Meg hat ihn sich aus gekränktem Stolz geangelt."
"Wie meinen Sie das?" "Na ja, Sie wollte Derek haben, doch er hatte kein Interesse an ihr. Also hat sie sich die Person genommen, die Derek am ähnlichsten sah. Aber rein äußerliche Ähnlichkeit verdrängt das Verlangen nach der wahren Liebe eben doch nicht." Annie seufzte innerlich. Sie wusste genau, wovon sie redete. "Dann habe ich mich von Derek getrennt, und sie hatte auf freie Bahn gehofft. Und jetzt tauchen Sie auf. Ja, es muss hart für ihre Schwester sein."
"Verstehe", nickte
Sara. "Ja, jetzt wird mir einiges klar." Ohne ein weiteres Wort ließ sie Annie
stehen und rauschte davon.
Kurz darauf kam sie, noch immer innerlich erregt im Surfcenter an und schloss
die Tür auf.
Meg war da.
"Gut, daß Du da bist, Sara. Ich muss dringend mit Dir reden."
"Du Heuchlerin!", schrie Sara ihre Schwester an. "Du hinterhältige Heuchlerin!"
Hickengruendler
„Sara, was ist
denn los? Was hast Du?“ Meg versuchte vergeblich, ihre kleine Schwester zu
beruhigen. Sara war außer sich und die Tränen schossen ihr in die Augen.
„Du bist so gemein, Meg! Das hätte ich nicht von Dir gedacht!“ schluchzte sie
und ließ sich auf die Couch fallen.
Meg sah sich um. Zum Glück waren sie allein hier unten, Gabi und Ricardo waren
schon weg, Mark, Casey und Michael räumten am Strand die Reste vom Lagerfeuer
weg, Rae hatte Dienst und Tiffany war mit Spike unterwegs. Auch Ben war nach
Hause gegangen, sie hatten sich beide für den frühen Nachmittag verabredet.
Sie setzte sich neben Sara und legte sacht ihren Arm um sie.
„Komm schon, erzähl mir, was los ist!“
Sara schniefte und sah ihre Schwester kopfschüttelnd an.
„Warum hast Du mir nicht gesagt, dass du in Derek verliebt bist?“
„Was?“ Fassungslos starrte Meg sie an. „Das ist nicht Dein Ernst, oder?“
Die Frage erübrigte sich mit einem Blick in Saras Gesicht.
„Wer hat Dir diesen Floh ins Ohr gesetzt?“ fragte sie erbost. „Derek?“
Sara putzte sich die Nase und schaute Meg trotzig an.
„Nein, nicht Derek.
Annie
Douglas!“
„Annie?“
Meg sprang auf und begann vor Wut im Zimmer auf und ab zu laufen. „Das darf
doch nicht wahr sein! Sie ist gerade mal einen Tag aus dem Krankenhaus und
schon versprüht sie wieder ihr Schlangengift! Es ist nicht zu fassen, diese
Frau lässt wirklich keine Gelegenheit aus!“
Sara sah ihre Schwester verständnislos an.
„Dann stimmt es gar nicht?“ fragte sie hoffnungsvoll. Meg schüttelte den Kopf
und setzte sich wieder zu ihr, während sie ihr mit liebevoller versöhnlicher
Geste eine Hand auf den Arm legte.
„Nein, Sara, kein Wort davon ist wahr.“ Sie lächelte. „Ich habe mich in Ben
verliebt, und er sich auch in mich, und glaub mir, ich war noch nie zuvor so
glücklich in meinem Leben und um nichts in der Welt möchte ich diese Liebe
aufs Spiel setzen!“
„Aber sie hat gesagt...“ begann Sara zögernd, doch Meg unterbrach sie
sogleich.
„Hör zu, Du bist erst seit ein paar Tagen hier, ich werde Dir mal ein wenig
über Annie Douglas erzählen...“
Jeany
Gespannt lauschte
Sara, als Meg ihr von ihren Erlebnissen mit Ben, Derek und Annie Douglas
erzählte. Sie verschwieg auch nicht, dass es Derek gewesen war, den sie an
ihrem ersten Abend in Sunset Beach bei Sonnenuntergang am Strand getroffen
hatte, und dass er ihr ziemlich unheimlich vorkam, nur von seinen späteren,
all zu deutlichen Annäherungsversuchen ihr gegenüber erwähnte sie nichts, da
sie befürchtete, Sara könnte gerade das in ihrer gegenwärtigen Verliebtheit
missverstehen.
„Annie ist krankhaft eifersüchtig, sie war mit Derek zusammen, aber sie wollte
Ben.“ erklärte sie und lachte bitter. „Sie glaubt, ich hab ihn ihr
weggenommen.“
„Und stimmt das?“ fragte Sara mit großen Augen.
„Nein,“ antwortete Meg leise, „Sie waren nie zusammen. Ben sieht in ihr nur
eine gute Freundin.“ Sie hätte nie zugegeben, dass sie sich gerade diesen
letzten Satz in letzter Zeit schon sehr oft selbst eingeredet hatte, wenn
gewisse Zweifel an ihr nagten.
„Na dann wäre das ja geklärt,“ sagte Sara erleichtert und umarmte Meg spontan,
„so weiß ich wenigstens in Zukunft, was ich von dieser Annie Douglas zu halten
habe!“
Sie sprang auf und lief zur Tür.
„Wo willst du hin?“ fragte Meg erstaunt.
„Zu Derek, ich muss mit ihm reden!“
„Einen Moment, Sara!“ hielt Meg sie zurück. „Warte, ich hab da noch eine
klitzekleine Frage an Dich, Schwesterchen!“
Jeany
Als Sean die
Treppe herunter kam, waren seine Eltern schon beim Frühstück.
Sein Vater schlürfte seinen heißen Kaffee und sah ihm interessiert entgegen,
während seine Mutter mit einem Glas Orangensaft in der Hand unruhig im Zimmer
auf und ab lief, ärgerlich über die Tatsache, dass ihr aufgrund ihres
zeitweiligen Sitzverbotes ein gemütliches Frühstück versagt blieb.
Aufmerksam musterte sie ihren Sohn.
„Sean, Du siehst müde aus! Es muss so gegen 4.00 Uhr gewesen sein, als Du nach
Hause kamst!“
„Ach, spionierst Du mir jetzt auch noch hinterher?“ entgegnete er verärgert
und rückte seinen Stuhl zurecht. „Danke, Rose, ich gieß mir schon selbst den
Kaffee ein!“ wandte er sich mit einem verbindlichen Lächeln an die
herbeieilende Haushälterin.
Olivia legte ihm versöhnlich die Hand auf die Schulter.
„Aber nein, Du weißt doch, ich kann so schlecht schlafen, seit meinem...ähm...
kleinen Unfall.“ Erklärte sie mit einem Seitenblick auf Gregory, der grinsend
an seinem Kaffee nippte, „und da habe ich eben zufällig gehört, wie Du
heimkamst. Warst Du mit Amy aus?“
Sean rührte in seinem Kaffee.
„Nein, Mum, ich war gestern abend nicht mit Amy aus.“ antwortete er
bedeutungsvoll und sah aufmerksam zu seinem Vater hinüber, der scheinbar
desinteressiert in seiner neuen Sonntagszeitung blätterte.
„Nicht?“ Olivia zog erstaunt die Augenbrauen hoch.
Sean grinste.
„Ich war am Strand, mit den Leuten vom Surf Central. Wir haben ein Lagerfeuer
gemacht und hatten eine Menge Spass.“
„Seit wann triffst Du Dich mit den Bewohnern des Surf Central?“ fragte Olivia
etwas befremdet.
„Wieso denn nicht?“ konterte Sean. „Die sind doch sehr nett.“ Wieder warf er
Gregory einen prüfenden Blick zu. Er war sicher, dass diesem kein Wort
entging.
„Ach ja, Dad, das wird Dich interessieren, Tiffany war auch dabei.“
Jeany
Gregory versuchte,
einigermaßen erstaunt von seiner Zeitung aufzublicken, während Olivia ihr Glas
fast fallen ließ.
„Tiffany Thorne?“ rief sie entsetzt. „Was will dieses abscheuliche Mädchen
denn wieder hier?“
„Dieses „abscheuliche“ Mädchen wohnt im Surf Central. Und den Scheck, mit dem
Ihr beide sie damals bestochen habt, um aus Sunset Beach zu verschwinden, hat
sie Dad wieder zurückgegeben, ungenutzt!“
Triumphierend betrachtete Sean das fassungslose Gesicht seiner Mutter.
Olivia hielt sich krampfhaft an der Stuhllehne fest und schnappte nach Luft.
„Woher weißt Du...“
„Mum!“ mahnte er sie mit herablassendem Lächeln, „Beruhige Dich. Hast Du
geglaubt, ich bin blind und taub? Ich weiß schon lange, dass Ihr beide einen
großen Anteil daran hattet, dass Tiff damals so plötzlich verschwunden ist.“
Hilfesuchend sah Olivia zu Gregory. Der beobachtete die Szene haargenau, sagte
jedoch nichts.
„Lass gut sein, Mum.“ Sean angelte sich ein Stück Toast und biss herzhaft
hinein.
„Lassen wir die Vergangenheit ruhen, in der Hoffnung, dass Ihr Euch in Zukunft
ein bisschen weniger in meine Angelegenheiten einmischt.“ nuschelte er mit
vollem Mund und schien seinen Triumph zu genießen, „Tiffany hat mir alles
erzählt, und vielleicht ergibt sich ja noch die Gelegenheit, dass Ihr Euch bei
ihr entschuldigt.“
Olivia rollte genervt mit den Augen, während Gregory sich an seinem Kaffee
verschluckte und wütend nach Rose rief, da er sich das Jackett bekleckert
hatte.
„Was hat sie Dir denn erzählt?“ fragte er scheinbar beiläufig.
Sean zuckte mit den Schultern.
„Na ja, alles... was damals passiert ist.“
„Und...“ Gregory suchte nach den richtigen Worten, „seit Ihr beide... ich
meine...“
Sean lachte.
„Du meinst, ob wir wieder zusammen sind?“
Gregory musterte ihn gespannt. Noch war er sich nicht ganz sicher, was das
kleine intrigante Biest seinem Sohn alles erzählt hatte.
„Soweit ist es noch nicht, aber wenn es so wäre, dann wärt Ihr beide sicher
die letzten, die etwas dagegen unternehmen könnten.“ meinte Sean kampflustig.
„Nun“ entgegnete Gregory mit einem Seitenblick auf seine immer noch sprachlos
dastehende Frau, „inzwischen sehe ich die Sache gar nicht mehr so verbissen.
Nachdem ich Amy kennenlernen musste, kann ich nur sagen, jede andere Freundin
an Deiner Seite ist mir lieber als diese dumme Gans!“
„Gregory!“ Hätte Olivia Kontaktlinsen getragen, so wären sie ihr in diesem
Moment sicher herausgefallen. „Das ist doch nicht Dein Ernst!“
Sean trank seinen Kaffee aus und stand auf.
„Ich weiß zwar nicht, was Du diesmal im Schilde führst, Dad, aber ich weiß es
sehr zu schätzen, dass Du mal mit mir einer Meinung bist. Ich hoffe, das
bleibt auch so!“
Mit diesen Worten verließ er grußlos das Haus.
Jeany
Mit einem Stöhnen
sank Olivia auf den Stuhl neben ihr, um gleich darauf mit schmerzvoll
verzerrtem Gesicht wieder hochzufahren.
„Au verdammt!“ jammerte sie und rieb sich ihren schmerzenden Steiß. Wütend
musterte sie ihren Mann.
„Was zum Teufel sollte das eben?“ fauchte sie.
„Das werde ich Dir sagen.“ zischte er gereizt zurück. „Das kleine Miststück
weiß alles!“
„Wer weiß was?“ fragte Olivia verständnislos. Gregory packte seine Frau am
Arm.
„Tiffany Thorne war in der Nacht, als Deschanel vom Gerüst stürzte, auf der
Baustelle. Und...“ er sah sie durchdringend an, „sie hat mein Gespräch mit
Eddie Connors belauscht!“
Olivia stöhnte und schien zu wanken, doch Gregory hielt sie fest.
„Verstehst Du jetzt endlich, warum es von Vorteil ist, wenn Sean das Mädchen
eine Weile bei Laune hält? Sie hat mich erpresst, und solange sie glaubt, wir
nehmen sie mit offenen Armen in unsere Familie auf, solange wird sie den Mund
halten!“
„Ich kann mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, diese Herumtreiberin
wieder hier...“ fing Olivia an zu jammern, doch Gregory winkte nur ab.
„Es ist doch nur für kurze Zeit, Olivia, ich lass mir schnell etwas einfallen,
wie wir sie wieder loswerden, und diesmal für immer! Nur...“ er sah seine Frau
bedenklich an, „im Moment hat sie die besseren Karten, und wir dürfen einfach
kein Risiko eingehen. So..!“ er holte tief Luft, „nun gieß Dir von mir aus
einen Drink ein und beruhige Dich wieder.“
Das klang schon wieder so herablassend, dass Olivia wütend ihr Glas auf den
Tisch knallte.
„Nein danke, ich brauche keinen Drink, Gregory!“ sagte sie bestimmt. „Ich habe
gleich einen Termin in meinem Rundfunksender.“
„Ach, entgegnete er mit vor Spott triefender Stimme, „Du arbeitest auch einmal
wieder? Seit wann?“
Sie ignorierte die Bemerkung.
„Ich führe ein Bewerbungsgespräch mit einem sehr interessanten, äußerst
talentierten neuen Moderator.“
Mit Genugtuung registrierte sie Gregorys kurzen prüfenden Blick und meinte
geheimnisvoll lächelnd: „Ja, er könnte wirklich ein Gewinn sein, ... für den
Sender!“
Jeany
Sara sah Meg fragend an.
"Hast Du Mum von Derek erzählt?"
Sara schüttelte den Kopf.
"Wieso fragst Du?" wollte sie wissen. Meg seufzte.
"Na, dann habe ich es ja richtig gemacht ... Mum rief heute morgen an und fragte nach Dir. Ich sagte ihr, daß Du nicht da wärst. Sie hätte sicher einen Schlag bekommen, wenn ich ihr erzählt hätte, daß Du die Nacht bei einem Mann verbracht hast!" Meg verzog das Gesicht.
Sara grinste.
"Danke, Meg! Ja, Mum hätte sicher einen Herzanfall bekommen!" Sie unterdrückte ein Lachen. "Besser, sie weiß es nicht ... vorerst zumindest. Ich werde ihr schon irgendwann davon erzählen."
Meg sah Sara prüfend an.
"Du liebst ihn wirklich, oder?"
Saras Augen glänzten.
"Ja, ich liebe ihn, und ich hoffe, daß er mich genauso liebt!"
Meg sah Sara fragend an.
"Du hoffst es? Du weißt es nicht?"
Sara erwiderte Megs Blick.
"Sagt Ben Dir, daß er Dich liebt?" Sie sah ihre Schwester neugierig an.
Meg stellte Sara eine Gegenfrage.
"Hat es Dir Derek noch nicht gesagt?"
Sara schüttelte den Kopf. Meg sah sie mitleidig an. Sara tat ihr in diesem Moment so unendlich leid, und sie nahm sie wortlos in den Arm.
"Autsch!" Sara befreite sich aus Megs Umarmung und strich sich über den schmerzenden Oberarm.
"Was ist?" Meg sah Sara fragend an.
Mona
„Nichts weiter, schon gut!" Sara rieb weiter ihren Arm.
"Zeig' mal her?" Meg schob Saras Ärmel nach oben und erstarrte. "Mein Gott, Sara, wo hast Du die denn her?" Meg schaute auf die blauen Flecke an Saras Arm.
Sara schloss einen Moment die Augen. Hastig zog sie den Ärmel wieder nach unten.
"Ich habe mich gestoßen," log sie. Meg sah sie zweifelnd an.
Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf, aber sie verdrängte ihn schnell wieder. Derek würde Sara doch niemals absichtlich wehtun, oder doch?
"Meg, ich muss jetzt wirklich los!" sagte Sara ungeduldig.
Meg sah sie an. Irgendwie hatte sie nicht den Mut, Sara zu fragen, ob Derek sich an ihr vergriffen hatte.
"Pass auf Dich auf!" rutschte ihr dann heraus, ehe sie ihrer Schwester die Tür öffnete. Nachdenklich sah sie Sara hinterher, als diese den Weg zu Dereks Haus einschlug.
Mona
Obwohl Derek eine
Menge Schreibkram zu erledigen hatte, konnte er sich einfach nicht
konzentrieren, nachdem Annie ihm vor einer halben Stunde seinen
Wohnungsschlüssel auf den Schreibtisch geknallt und mit höhnischem Grinsen
erzählt hatte, dass sie Sara Cummings, seine neue „Putzfrau“ über ihn und
seine Gewohnheiten aufgeklärt hätte, damit diese ihre Aufgaben auch zur
Zufriedenheit des Hausherrn erledigen könne. Beunruhigt über das Ausmaß dieser
„Aufklärungen“ überlegte er, was er nun tun solle.
Sara war ein reizendes Mädchen, süß und verführerisch, und unter anderen
Umständen hätte er sich glücklich geschätzt, sie erobert zu haben, aber
diesmal war ihm nicht so wohl in seiner Haut. Er wollte Meg, er konnte kaum
noch an etwas anderes denken, und er war sich nicht sicher, ob er den
richtigen Weg eingeschlagen hatte, sie zu erobern, indem er mit ihrer kleinen
Schwester schlief.
Er beschloss, sich sicherheitshalber etwas netter Sara gegenüber zu verhalten,
auch wenn sie ihm mit ihrer kindhaften Naivität mitunter gehörig auf die
Nerven ging, zumindest im Bett verhielt sie sich ausgesprochen erwachsen...
Mit einem Grinsen griff er zum Telefon, als die Tür zu seinem Büro aufflog und
Sara aufgeregt hereinstürmte.
Jeany
"Derek, stell' Dir vor, ich habe heute mit Deiner Ex telefoniert!"
Ohne eine Begrüßung erzählte sie Derek über ihr Telefongespräch und das Treffen mit Annie. Er hörte ihr geduldig zu und unterbrach sie nicht, denn er hoffte, daß Sara irgendwann die Luft ausgehen würde, aber diesmal wartete er vergeblich auf eine Atempause von ihr.
" ... und dann hat sie behauptet, daß Du in Wirklichkeit in Meg verliebt bist ... ach quatsch, umgekehrt natürlich, Meg ist in Dich verliebt, und ... Du weißt schon .... Ich habe natürlich gleich mit Meg darüber gesprochen, und sie hat mir erst einmal die Augen über Annie geöffnet. Du meine Güte, wie kann man denn nur so rachsüchtig sein? Ach ja, und dann hat sie noch behauptet ..." Saras Stimme überschlug sich fast.
"Stop!" Derek unterbrach sie, indem er ihr den Mund zuhielt. "Jetzt hol' erst einmal Luft, okay?"
Bei der Erwähnung von Meg spürte Derek eine Stich im Magen. Warum konnte er sich nicht in Sara verlieben? Alles wäre viel einfacher gewesen!
Sara schob seine Hand weg.
"Interessiert es Dich denn gar nicht, was Deine Ex-Freundin für Lügen über Dich verbreitet?"
Derek sah sie mit gerunzelter Stirn an.
"Doch, schon ...," begann er, aber Sara unterbrach ihn erneut.
"Da ist noch etwas, was ich Dich fragen wollte." Sie sah ihn mit erhobenem Kopf fest in die Augen. "Liebst du mich eigentlich, Derek?"
Mona
Derek sah Sara ungläubig an. Er konnte einfach nicht fassen, daß sie das gefragt hatte! Was sollte er ihr jetzt antworten? Er fühlte sich in die Enge getrieben und trat die Flucht nach vorne an. Er legte seine Arme um sie, zog sie zu sich heran und küsste sie leidenschaftlich. Seine Hände wanderten abwärts, streichelten ihre Schultern, ihren Rücken ... Sara schmolz förmlich unter seinen Händen dahin, und alle Gedanken waren ausgelöscht. Als Derek sie schließlich losließ, atmete sie schwer und ihre Knie zitterten. Er zog einen Stuhl für sie heran, und sie setzte sich.
"War das Antwort genug?" fragte er sie und legte sein charmantestes Lächeln auf.
Sara war unfähig zu sprechen, und so nickte sie nur. Derek schien zufrieden, auch wenn er ahnte, daß diese Ablenkung nicht lange vorhalten würde. Sara würde ihm diese Frage sicher noch einmal stellen, dessen war er sich sicher.
"Weißt Du was?" sagte er einschmeichelnd zu ihr. "Ich bin gleich fertig, und dann machen wir es uns bei mir zuhause gemütlich. Was hältst Du davon?"
Sara lächelte.
"Aber nun," fügte er hinzu, "muss ich noch eine Kleinigkeit zu Ende bringen. Du kannst ja unten auf mich warten, okay?" Er zog sie vom Stuhl hoch und legte seinen Arm um ihre Schultern. Vor der Tür gab er ihr einen sanften Kuss auf die Stirn. Sie öffnete die Tür und ging die Stufen hinunter.
Mona
Kaum hatte Derek die Tür hinter sich geschlossen, hörte er einen Schrei und kurz darauf einen dumpfen Aufprall. Nichts Gutes ahnend öffnete er die Tür und schaute die Treppe hinunter. Unten am Treppenabsatz lag Sara, bewegungslos. Sie hatte eine Stufe übersehen und war die Treppe hinuntergefallen.
Derek rannte schnell hinunter und kniete sich neben sie.
"Sara!" rief er eindringlich und streichelte ihre Wangen. Doch sie rührte sich nicht. Er griff nach ihrem Handgelenk und fühlte den Puls. Nachdem er festgestellt hatte, daß sie lebte, rannte er wieder hoch und griff sich das Telefon. Er wählte die Nummer vom Rettungswagen und ging dann wieder zurück zu Sara, die immer noch bewusstlos auf dem kalten Boden lag. Er wollte sie erst hochheben, doch dann fiel ihm ein, daß sie ja vielleicht an der Wirbelsäule verletzt sein könnte. Er nahm ihre Hand, die sich eiskalt anfühlte und massierte sie.
"Verdammt, warum musste das passieren?" Derek fühlte sich schlecht. Irgendwie fühlte er sich verantwortlich für den Unfall, auch wenn er nicht direkt daran beteiligt gewesen war. Nervös schaute er auf die Uhr.
"Wann kommt denn endlich dieser verflixte Rettungswagen, dachte er. Saras Gesicht war kalkig, und Derek verspürte plötzlich Angst, daß sie hier in seinen Armen sterben würde. Er schüttelte den Kopf. Sie war jung und zäh und würde doch sicher einen Sturz von der Treppe überstehen! Er griff erneut zum Telefon und begann zu wählen. Er musste jemandem von Saras Unfall erzählen!
Entschlossen wählte er die Nummer vom Surf Central.
Mona
Ungefähr zu diesem Zeitpunkt näherten sich Gabi und Ricardo einem kleinen Häuschen am Strand. Ricardo fiel auf, daß Gabi nicht ganz wohl in ihrer Haut ist.
"Ausgerechnet eine Wahrsagerin", überlegte Gabi. Sie atmete noch einmal tief durch, dann klopfte Ricardo an die Tür.
"Kommt nur herein, ich habe gesehen, daß ihr kommt und gleich die Tür offen gelassen." Gabi betrat vorsichtig Carmen Torres Wohnung. Sie war sich nicht sicher, ob sie nun erleichtert oder enttäuscht sein sollte. Nichts an der Einrichtung des Hauses lies darauf schließen, daß hier eine Wahrsagerin lebte. Es gab nichts Übersinnliches, nichts exotisch Angehauchtes.
"Wahrscheinlich alles nur Vorurteile", überlegte Gabi. Madame Carmen dagegen glich schon eher dem Bild, das Gabi von einer Wahrsagerin hatte. Sie war zwischen vierzig und fünfzig, hatte pechschwarze Haare und trug ein Kopftuch, so daß sie unwillkürlich an eine Zigeunerin erinnerte.
"Sie haben uns GESEHEN?", fragte Gabi unsicher.
"Durchs Fenster", erklärte Madame Carmen mit einem Lächeln.
"Ach so", grinste Gabi. "Mein Name ist..."
"Gabi Martinez."
"Woher wissen Sie das?"
"Ich habe es ihr gesagt", warf Ricardo ein.
Hickengruendler
Der Nachmittag verlief erfreulicher, als Gabi es gedacht hatte. Madame Carmen entpuppte sich als angenehme Gesprächspartnerin, die allem Anschein nach nichts gegen die neue Freundin ihres Sohnes einzuwenden hatte.
Madame Carmen versuchte Gabi davon zu überzeugen, daß eine Vorhersage der Zukunft mit Hilfe von Kartenlegen durchaus möglich sei, ihr blieb aber nicht verborgen, daß Gabi skeptisch blieb.
"Das haben Sie mit Ricardo gemeinsam", erklärte Carmen, "auch so ein Zweifler. Mein zweiter Sohn Antonio, er ist derzeit bei der Mission in Venezuela, versucht sogar regelmäßig mich davon zu überzeugen, es aufzugeben, aber das ist ja fast schon seine Pflicht als Priester", fügte sie mit einem nachsichtigen Lächeln.
"Sagen Sie", schlug Carmen plötzlich vor, "möchten Sie, daß ich Ihnen die Zukunft vorhersage?"
"Ach, ich weiß nicht", meinte Gabi unsicher.
"Kommen Sie schon. Ganz umsonst. Oder interessiert Sie nicht, was die Zukunft für Sie bringt?"
"Na, das ist natürlich ein Argument", meinte Gabi fröhlich.
Hickengruendler
Madame Carmen begann damit, die erste Karte herumzudrehen.
"Die Liebenden", erklärte sie. "Sie werden Glück und die wahre Liebe in Sunset Beach finden."
"Hab ich doch schon", antwortete Gabi mit einem Seitenblick auf Ricardo lächelnd. "Aber ich fasse das gerne als gutes Omen auf."
Carmen deckte die weiteren Karten auf, eine nach der anderen.
"Eine Freundin aus Jugendtagen tritt in ihr Leben..."
"Prophezeit sie die Zukunft, oder erzählt sie mir, was bisher geschehen ist", dachte Gabi sarkastisch.
"Ich sehe eine echte und tiefe Freundschaft, aber auch dunkle Wolken. Jemand den Sie kennen, wird blind in sein Verderben rennen, und alle Versuche, ihn aufzuhalten, scheitern im nichts, bis es ein bitteres Erwachen gibt."
Obwohl Gabi nicht an Madame Carmens Vorhersage glaubte, ertappte sie sich bei dieser Prophezeiung für einen Augenblick bei dem Gedanken an Meg.
"Dunkle Ereignisse, die bereits vergessen schienen, werden wieder an die Oberfläche gebracht und in einem völlig neuen Licht erscheinen und alle Beteiligten müssen lernen, mit den bitteren Konsequenzen zu leben."
Gabi fuhr ein Schauer über den Rücken.
"Was ist das denn für eine Vorhersage?", überlegte sie. "Normalerweise versprechen einem Wahrsager doch immer viel Geld, einen Mann oder eine lange Reise."
In diesem Augenblick klingelte ihr Handy.
"Gabi Martinez", meldete sie sich. "Hi, Meg. Was? Ich komme sofort."
"Was gibt?", wollte Ricardo wissen, der den besorgten Gesichtsausdruck seiner Freundin wahrnahm.
"Sara liegt im Krankenhaus."
"Was?"
"Keine Ahnung, wie das passiert ist. Meg hat gerade angerufen. Sie wartet bereits in der Klinik. Ricardo, ich muss zu ihr."
Ricardo nickte. "Ich bring Dich hin."
Sie wandten sich an Carmen und erklärten ihr, daß eine Freundin von Gabi im Krankenhaus läge und verabschiedeten sich eilig.
"Aber wartet, die letzte Karte fehlt doch noch", rief Carmen ihnen nach. Doch die beiden waren schon weg.
"Also gut, dann eben so", sagte Carmen zu sich selbst. Sie wendete die letzte Karte und ihre Gesichtsfarbe veränderte sich daraufhin schlagartig. Sie wurde aschfahl.
"Dios mios", stöhnte sie entsetzt.
Hickengruendler
Nachdem Meg am Telefon von Saras Unfall erfahren hatte, war sie gleich ins Krankenhaus gefahren. Sie hatte nicht mal mehr Zeit gehabt, Ben zu verständigen, der noch einmal in die Liberty Corporation gefahren war, um einige Papiere durchzusehen. Als Meg im Krankenhaus eintraf, fragte sie an der Auskunft gleich nach ihrer Schwester, aber dort wusste man noch nichts von einer Einlieferung. Danach rief sie Gabi an.
Meg lief im Warteraum auf- und ab, als sie plötzlich Derek auf sich zukommen sah. "Meg? Sara wurde gerade von den Ärzten in Empfang genommen. Sie bringen sie jetzt in die Notaufnahme, und dann werden wir weiter sehen!"
Derek sah Meg prüfend an. In ihren Augen schimmerte es feucht. "Mach' Dir keine Sorgen," sagte er sanft, "die Ärzte tun alles was sie können!"
Meg wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht.
"Was ist denn passiert?" fragte sie und sah Derek an. Er zuckte mit den Schultern.
"So genau weiß ich das auch nicht ... auf jeden Fall muss sie gestolpert sein, denn ich fand sie bewusstlos unten am Ende der Treppe."
Meg fielen die blauen Flecke wieder ein, die sie bei Sara am Arm gesehen hatte. "Gestolpert? Oder hast Du sie vielleicht hinuntergestoßen?" Sie biss sich auf die Lippen, doch ihre Gedanken hatten sich schon verselbständigt. Derek sah sie entsetzt an.
"Was traust Du mir eigentlich zu?" fragte er wütend.
"Alles“, dachte Meg, aber sie blieb stumm. An seinem Gesicht konnte sie erkennen, daß ihn ihr Vorwurf tief getroffen hatte.
"Es ... tut mir leid," stammelte sie. "Ich meinte es nicht so."
Derek sah sie an und schüttelte nur den Kopf.
"Ich danke Dir, daß Du sie hergebracht hast!" Meg wurde versöhnlicher, und ihr fiel gar nicht auf, dass sie nun auch zum vertrauten „Du“ übergegangen war. Derek registrierte es mit einem Lächeln.
"Das ist doch selbstverständlich, Sara und ich ..." Weiter kam er nicht, denn eine Schwester trat auf ihn zu.
"Mr. Evans, wenn Sie möchten, können sie Ihre Verlobte jetzt kurz sehen. Sie ist immer noch ohne Bewusstsein, aber ihr Kreislauf ist stabil!"
Derek wich Megs Blick aus, die ihn nur fassungslos anstarrte. Ausgerechnet sie musste seine kleine Notlüge mitbekommen! Als die Sanitäter ihn nach seinem Verhältnis zu Sara befragt hatten, war ihm nichts besseres eingefallen als zu behaupten, daß er ihr Verlobter wäre. So etwas hörte sich immer gut an und würde ihm auch überall im Krankenhaus Eintritt gewähren!
Derek drehte sich zu Meg um und sah sie entschuldigend an.
"Ich will mal nach ihr sehen, okay?"
Die Schwester führte Derek in Saras Krankenzimmer.
Meg spürte, wie Übelkeit in ihr hochkroch und sie ein heftiges Schwindelgefühl überkam. Sie sah die Gestalt, die auf sie zukam nur noch schemenhaft vor sich.
"Meg!" Gabi stürzte auf sie zu, weil sie glaubte, daß ihre Freundin umkippen würde.
In Gabis Arm löste sich Megs Anspannung in Tränen auf.
"Gabi," schluchzte sie. "Sara ist noch bewusstlos, und... Derek und Sara sind ... verlobt!"
Mona
Gabi hielt ihr Freundin ganz fest. Nachdem, was ihr Madame Carmen heute prophezeit hatte, konnte es ja nur Ärger geben! Sie seufzte und schob Meg etwas von sich weg. "Woher weißt Du das?" Sie sah Meg fragend an. "Eine Schwester war vorhin hier und hat Derek in Saras Zimmer gebracht. Und sie hat Sara als seine ... "Verlobte" bezeichnet. Mein Gott, Gabi, sag' mir, daß das alles nur ein Alptraum ist, aus dem ich gleich erwachen werde?" Meg sah sie verzweifelt an. "Was wird Mum nur dazu sagen?" Meg zog ein Taschentuch aus der Tasche und trocknete ihre Tränen.
Als sie einen Arzt über den Flur gehen sah, sprach sie ihn an.
"Entschuldigen Se, mein Name ist Meg Cummings. Meine Schwester, Sara, wurde vorhin hier eingeliefert. Können Se mir sagen, wie es ihr geht?"
Der ältere Arzt schüttelte den Kopf.
"Wir wissen noch nichts Genaueres. Ihre Schwester ist immer noch ohne Bewusstsein, und wir können nur vermuten, wie schwer sie verletzt ist. Für den späten Nachmittag haben wir eine Computertomographie angesetzt. Danach werden wir genaueres wissen. Sie sagten, daß Sie die Schwester sind? Vielleicht können sie uns einige Angaben machen?" Der Arzt reichte Meg ein Formular. Er verabschiedete sich und verschwand in einem Behandlungsraum.
Meg schaute auf das Formular. Die Buchstaben und Zahlen tanzten vor ihren Augen. "Gib' es mir!" Gabi war hinter sie getreten und nahm ihr das Formular aus den Händen. Meg schaute sie dankbar an. Gabi setzte sich und begann Zeile für Zeile zu lesen. Plötzlich stockte sie.
"Was ist denn?" Meg sah ihr neugierig über die Schulter. Gabis Blick war bei der Frage nach einer möglichen Schwangerschaft hängen geblieben. Meg schloss die Augen.
"Nicht auch noch das!" dachte sie. War das vielleicht der Grund, warum Derek und Sara sich so plötzlich verlobt hatten? Sie schob den Gedanken beiseite. Nicht nach so kurzer Zeit!
Gabi hatte das Formular fertig ausgefüllt und brachte es zur Anmeldung zurück. "Komm'," forderte sie Meg auf. "Lass' uns einen Kaffee trinken. Ich lade Dich ein!"
Als sie auf dem Weg zur Cafeteria waren, fiel Meg ein, daß sie ja ganz vergessen hatte, Ben anzurufen. Sie griff zu ihrem Handy und wählte seine Nummer.
Mona
Als Olivia später
vom Studio nach Hause fuhr, lächelte sie still vor sich hin.
Das Bewerbungsgespräch mit dem überaus interessanten neuen Moderator hatte nie
stattgefunden, der Mann war frei erfunden, um Gregory ein wenig eifersüchtig
zu machen.
Immerhin hatte es funktioniert, auch wenn er nichts weiter gesagt hatte, sie
kannte ihn zu gut, sein Blick genügte. Er war misstrauisch, und das wiederum
zeigte ihr, dass er noch nicht gänzlich das Interesse an ihr verloren hatte.
Als sie an einem Blumenladen vorbeifuhr, kam ihr eine Idee.
„Warum nicht das Ganze noch ein wenig ausschmücken?“ dachte sie und hielt an.
Sie sah sich in dem Laden um und nahm sich eine einzelne langstielige rote
Rose. Nachdenklich betrachtete sie diese vollkommene Kreation der Natur.
„Wann hat Gregory mir eigentlich das letzte Mal Blumen geschenkt?“ überlegte
sie. Nun, vielleicht würde ihm das hier auf die Sprünge helfen!
Entschlossen trat sie den Weg zur Kasse an, als sie unsanft mit jemandem
zusammenstieß, so daß ihr die Rose aus der Hand fiel.
„Pardon, das tut mir leid!“ hörte sie eine angenehme Stimme sagen und sah in
zwei dunkle, unglaublich sanfte Augen. Wie versteinert stand sie da, während
der Mann sich nach der Rose bückte und sie aufhob.
„Alles in Ordnung, Miss?“ fragte er und legte die Hand besorgt auf ihren Arm.
Olivia starrte ihn sekundenlang fasziniert an. Er war schlank und wirklich
attraktiv, etwa in ihrem Alter, mit schwarzem Haar, das an den Schläfen
interessanterweise leicht ergraut war. Er trug einen teuer aussehenden,
dunklen Anzug und seine markanten Gesichtszüge hatten sich zu einem charmanten
Lächeln verzogen.
Mühsam löste sich Olivia aus ihrer Erstarrung.
„Ich...ähm, danke, mir geht es gut, Mister...?“
„Deschanel.“ stellte er sich freundlich vor und reichte ihr die Hand. „Armando
Deschanel.“
Jeany
„S... sehr
erfreut“ stammelte Olivia und ergriff seine Hand. „Ich bin Olivia Richards.“
Wohlwollend betrachtete er sie, während ihr unter seinen Blicken ganz heiß
wurde.
„Olivia“ sagte er nachdenklich, und aus seinem Mund schien ihr Name einen
besonderen Klang zu erhalten, „welch ein wunderschöner Name, so sinnlich... Er
passt zu Ihnen!“
Verlegen entzog sie ihm ihre Hand.
„Danke, Mister...“
„A.J.“ sagte er lächelnd, „bitte nennen Sie mich A.J.“ Er legte ihr ganz
leicht die Hand auf die Taille und führte sie zur Kasse.
„Die Rose geht mit auf meine Rechnung.“ sagte er zu der Verkäuferin und fügte
an Olivia gewandt leise hinzu: „Eine so schöne Frau sollte sich niemals selbst
Blumen kaufen müssen.“
Olivia schluckte und fühlte sich irgendwie ertappt.
„Ich hab nicht... die Rose ist nicht für mich!“
Er sah sie mit seinen tiefgründigen Augen an.
„Jetzt schon.“
Nachdem sie beide den Laden verlassen hatten, begleitete er sie bis zu ihrem
Wagen.
„Haben Sie geschäftlich in Sunset Beach zu tun?“ fragte Olivia interessiert.
„Ich weiß noch nicht genau.“ antwortete er vage. „In erster Linie bin ich
privat hier, aber wer weiß, wenn es mir in dieser Stadt gefällt...“ fügte er
hinzu und sah sie bedeutungsvoll an.
„Ja dann, ...A.J., es hat mich gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen.“ sagte
Olivia und setzte ihr reizendstes Lächeln auf. „Vielleicht sieht man sich ja
noch einmal wieder...“
A.J. hielt ihr galant die Wagentür auf.
„Dessen bin ich mir ganz sicher!“ meinte er mit vielsagendem Lächeln.
„Sagen Sie,“ Olivia sah ihn aufmerksam an, denn irgend etwas in seinem Gesicht
kam ihr bekannt vor, „Wir haben hier in Sunset Beach auch einen jungen Mann
mit dem Namen Deschanel. Sie sind nicht zufällig verwandt mit ihm?“
A.J. lachte.
„Ja, deswegen bin ich hier. Cole Deschanel ist mein Sohn!“
Jeany
Ben war inzwischen im Krankenhaus angekommen. Meg war unheimlich erleichtert darüber und ruhte sich jetzt an seiner Schulter auf.
Gabi war unterwegs, um für Meg eine Tasse Kaffee zu besorgen, während Derek etwas abseits stand und Ben und Meg aus den Augenwinkeln heraus beobachtete.
"Ich frag mich, was der hier will", murmelte Ben.
"Er ist ihr Freund. Auch wenn es uns nicht passt, aber er ist es. Außerdem hat er Sara gefunden, wer weiß, was wäre, wenn er nicht dagewesen wäre."
"Dann wäre sie
vielleicht gar nicht gefallen", schoss es Ben durch den Kopf. Aber er sprach
seinen Gedanken nicht aus.
"Was für ein harmonisches Paar", dachte Derek eifersüchtig. "Was hat mein
Bruder nur an sich, daß er alles das bekommt, was ich gerne möchte.
Wahrscheinlich denken sie beide, daß ich Sara gestoßen hätte. - Sara",
überlegte er, "verdammt, eigentlich könnte es mir doch völlig egal sein, was
mit ihr passiert." Doch dann dachte er an das lebensfrohe Mädchen, das in
seine Wohnung gehüpft kam, und ihm um einen Job gebeten hatte, so voller
Enthusiasmus. Natürlich hatte sie es ihm ziemlich leicht gemacht, Derek reizte
mehr die Eroberung, und ein Mädchen, das er so leicht bekommen konnte, verlor
schnell jeden Reiz für ihn.
"Aber deswegen will ich doch nicht, daß ihr etwas passiert."
Hickengruendler
"Ach nein", schreckte eine weibliche Stimme plötzlich alle aus ihren Gedanken. "Jetzt sind wir ja alle wieder versammelt."
Meg, Ben und Derek blickten auf und sahen, wie Annie über den Gang geschlendert kam. "In so trautem Beisammensein erlebt man Euch ja selten. Obwohl es manchen hier", sie warf Meg einen Blick zu, "sicherlich nicht ungelegen kommt. Was macht Ihr eigentlich alle hier?" fragte sie dann neugierig.
"Megs Schwester hatte einen Unfall", erklärte ihr Ben. "Sie liegt hier im Krankenhaus." Annie wandte sich Derek zu.
"Ach, Deine Putzfrau. Deshalb bist Du also hier."
"Putzfrau? Wieso Putzfrau?", wollte Meg wissen. Annie beachtete sie gar nicht, sondern konzentrierte sich nur auf Derek.
"Und wie ist das passiert? Ist sie über den Eimer gestolpert? Oder hat da jemand nachgeholfen?"
Derek blickte sie böse an.
"Kannst Du nicht einmal Dein unverschämtes Maul halten!“
"Schon gut", gab sie zurück. Dann drehte sie sich zu Meg um.
"Ich habe Ihre Schwester ja nur einmal gesehen. Aber ich wünsche ihr nichts schlechtes, und hoffe, daß es nichts schlimmes ist, ehrlich."
"Und was machst Du hier Annie?", wollte Ben wissen. "Müsstest Du Dich nicht schonen?" Annie winkte ab.
"Daheim fällt mir nur die Decke auf den Kopf. Du weißt doch, ich bin robust. Nun, ich bin hier, weil ich Jemanden besuchen will."
Ben nickte.
"Verstehe", sagte er. Dabei warf er über Annies Schulter einen Blick zu Derek, dessen Augen plötzlich zu kleinen Schlitzen wurden. Offensichtlich verstand er auch. "Überanstrenge ihn nicht, Annie", zischte er. "Wir wollen doch nicht, daß er einen Rückfall bekommt."
Als Antwort warf Annie ihm einen abfälligen Blick hiüber, nickte Ben kurz zu und schlenderte davon. Meg verstand nicht so richtig, über was die anderen da geredet hatten.
"Aber es geht mich ja auch nichts an", dachte sie.
Hickengruendler
Sara erwachte aus ihrer Ohnmacht. Ihr Mund fühlte sich pelzig an, und sie hatte rasende Kopfschmerzen. Vorsichtig versuchte sie den Kopf zu bewegen und sah sich im Zimmer um. Überall weiße Wände und ein paar Bilder an der Wand. Auf einem kleinen Tisch standen Blumen.
Plötzlich verstand sie. Sie war im Krankenhaus! Aber wie war sie hierher gekommen, und warum war sie hier? Sara versuchte sich zu erinnern, aber die Schmerzen waren zu groß. Sie tastete nach unten und suchte den Knopf für die Klingel. Nach ein paar Sekunden erschien eine Krankenschwester und schaute sie lächelnd an.
"Na, da sind wir ja wieder!" sagte sie und schaute Sara prüfend an. "Ich werde gleich dem Doktor bescheid sagen."
Die Schwester ging schnell aus dem Raum und ließ Sara zurück. Müde schloss sie die Augen. Vielleicht konnte der Arzt ihr sagen, was ihr fehlte. Mit diesem beruhigenden Gedanken schlief sie wieder ein.
Mona
Als sie kurz danach wieder erwachte, sah sie 3 Personen im Zimmer stehen. Der eine war vermutlich der Arzt, denn er trug einen weißen Kittel. Neben ihm stand eine junge dunkelhaarige Frau, etwas älter als sie. Ihr Blick blieb an dem großen, attraktiven Mann hängen, der sie die ganze Zeit anstarrte. Sara fuhr sich über die Lippen.
"W-wer sind Sie?" fragte sie, und erntete daraufhin überraschende Blicke.
Meg setzte sich zu Sara ans Bett und nahm ihre Hand.
"Sara, ich bin's doch, Meg!" Sara sah sie fragend an. Dann schaute sie zu Derek.
Der Arzt mischte sich ein. Nachdenklich sah er Sara an. "Erkennen Sie denn wenigstens ihren Verlobten, Miss?"
Sara spürte nur noch eine Leere im Kopf. Sie war verlobt!? Meg warf Derek einen verzweifelten Blick zu, doch er stand nur da und presste die Lippen aufeinander.
Sara schüttelte den Kopf. Der Arzt schob Meg und Derek aus dem Krankenzimmer.
"Es tut mir leid, aber Miss Cummings braucht jetzt absolute Ruhe!" Er schloss die Tür hinter sich. Meg sah Derek an. Das Sara ihn nicht erkannt hatte, war vielleicht verständlich, aber warum hatte sie ihre eigene Schwester nicht erkannt?
Meg ging zurück zu Ben und den anderen, während Derek vor Saras Krankenzimmer stehen blieb. Meg suchte Trost in Bens Armen.
"Sie ist wach, aber sie ... erkennt mich nicht!" sagte sie, und Tränen rollten über ihre Wangen. Ben hielt sie fest.
"Vielleicht nur eine vorübergehende Amnesie," vermutete er. "Sie wird Dich schon bald wieder erkennen. Wichtig ist erst einmal, daß sie nicht wirklich ernsthaft verletzt ist." Meg schaute zu Derek hinüber.
"Ben, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber angeblich sind Sara und Derek verlobt. Weißt Du etwas darüber?"
Ben hielt kurz den Atem an. Er ließ Meg los.
"Moment mal, das werden wir gleich geklärt haben," sagte er und ging hinüber zu seinem Bruder.
Mona
Ben fasste seinen Bruder ziemlich schroff am Arm.
"Was gibts?", fragte Derek abweisend.
"Ich denke, wir müssen reden. Über Deine plötzliche Verlobung." Derek dachte eine Sekunde nach. Sollte er den anderen reinen Wein einschenken? Er hatte ja Sara nur als seine Verlobte ausgegeben, um Informationen über ihren Gesundheitszustand zu bekommen. Das konnten sie ihm kaum übel nehmen. Aber andererseits, die Sache lief vielleicht gar nicht so schlecht für ihn. Als Saras Verlobter gehörte er ja quasi schon zu Megs Familie.
"Die Entscheidung kam ganz spontan", erklärte er plötzlich. "Sara und ich erkannten, daß wir für immer zueinandergehören. Da wollten wir diesen Schritt wagen."
"Sie ist aber nicht die erste, mit der Du diesen Schritt gewagt hast", gab Ben bissig zurück.
"Das mit Annie war ein Irrtum. Wir haben unseren Fehler eingesehen und rückgängig gemacht, bevor sich zu große Folgen daraus entwickelten. Das mit Sara dagegen ist die wahre Liebe. Das spüre ich genau."
Bens Griff wurde fester.
"Versuch bloß nicht, mich zum Narren zu halten. "Wahre Liebe", dazu bist Du doch gar nicht fähig."
"Wie immer denkst Du nur das Schlechteste von mir, Bruderherz."
"Nein, ich weiß genau, was gespielt wird. Du nutzt Saras Amnesie aus, weiß der Teufel, was genau Du wieder planst, aber Du nutzt sie aus."
Derek musterte ihn kalt.
"Ach ja, und wie erklärst Du es Dir dann, daß ich dem Arzt bereits gesagt habe, daß ich mit Sara verlobt bin, bevor ich von der Amnesie wusste? Ja, das passt nicht ganz in Dein Bild hinein, nicht wahr? Aber frag Meg, sie kann es Dir bestätigen."
Mit einem triumphierenden Blick ließ Derek seinen Bruder stehen.
"Wahrhaftig", murmelte er, "die Dinge könnten sich gar nicht besser entwickeln."
Hickengruendler
Als Cole Deschanel die Augen aufschlug, sah er zunächst nur verschwommen die Frau, die auf einem Stuhl neben seinem Bett saß. Zunächst dachte er, daß es Caitlin war, die die ganzen letzten Tage seitdem er erwacht war fast ununterbrochen an seinem Bett gewacht hatte, aber diesmal war es jemand anderes.
"Wen haben wir denn da?", meinte er mit einem überraschten Tonfall in seiner noch schwachen Stimme. "Was führt Dich denn hierher?"
Annie richtete sich von ihrem Stuhl auf.
"Ach, ich bin sowieso in der Nähe gewesen, und da dachte ich, kannst ja mal vorbeischauen", meinte sie ausweichend. "Normalerweise hätte ich mir diesen Umstand natürlich nicht gemacht", erklärte sie schnell, "aber wenn man schon mal da ist."
Um Coles Mundwinkel zuckte ein Lächeln.
"Was für wundervolle Grübchen er hat", überlegte Annie. "Selbst in diesem Zustand." "Jedenfalls freue ich mich sehr über diesen Besuch. Entschuldige bitte das ich nicht aufstehen kann, um Dich gebührend zu empfangen."
Sie winkte ab. "Sieh lieber zu, daß Du schnell wieder richtig auf die Beine kommst. Dann wird eine bestimmte Frau hier in Sunset Beach sehr erleichtert sein."
Cole zog erstaunt die Augenbrauen hoch.
"Ich meine Caitlin", sagte Annie lächelnd. "Und sonst niemanden, ist das klar?" "Vollkommen klar."
"Jedenfalls kann ich nicht länger bleiben. Ich habe Dr. Chang versprochen, daß ich höchstens eine Viertelstunde bei Dir bleibe. Normalerweise hätten sie es mir gar nicht erlaubt, aber aufgrund der Umstände hat Dr. Chang ein gutes Wort für mich eingelegt." "Was denn für Umstände?"
Annie zögerte.
"Es ist besser, wenn Du das später erfährst", fügte sie hinzu. "Wie gesagt, ich muss jetzt gehen. Ciao."
"Ciao",
meinte Cole.
"Hat mich ehrlich
gefreut."
Als Annie das Krankenzimmer verließ, bemerkte sie nicht, daß sie beobachtet
wurde. Caitlin Richards sah ihr nach und spürte plötzlich einen schweren Stich
in der Seele.
"Ich weiß, ich sollte nicht eifersüchtig sein", dachte sie. "Aber ich bin es."
Hickengruendler
Nachdem der Arzt Sara gründlich untersucht hatte, kam er zu dem Schluss, daß sie sich bei dem Sturz nicht ernstlich verletzt hatte. Das Handgelenk war leicht verstaucht, und sie hatte eine mittelschwere Gehirnerschütterung erlitten. Außerdem hatte sie einige Prellungen. Die Amnesie war wohl eine direkte Folge der Gehirnerschütterung, dessen war er sich sicher. Sie würde wohl von alleine vergehen, auch wenn er nicht sagen konnte, wann das sein würde. Die Zeit würde das mit sich bringen.
Sara sah den Arzt erwartungsvoll an.
"Und?" fragte sie neugierig. "Was fehlt mir?"
Er teilte ihr seine Diagnose mit, und sie atmete erleichtert auf.
"Wann darf ich nach Hause?" fragte sie, und gleich darauf dachte sie angestrengt nach. Wo war sie eigentlich zu Hause? Der Arzt lächelte sie an.
"Sie sind mir vielleicht eine Ungeduldige! Sie können von Glück sagen, daß nichts schlimmeres passiert ist ... Nein, Sie müssen schon noch ein paar Tage hierbleiben, damit wir ausschließen können, daß Ihnen auch wirklich nichts fehlt. Manchmal können auch noch Spätsymptome auftreten, von denen wir jetzt noch nichts bemerken!"
Er sah sie an.
"Würden sie bitte meinem ... Verlobten bescheid sagen, daß ich ihn sprechen möchte, ja?" bat sie.
Der Arzt nickte und ging in den Warteraum, um Derek bescheid zu sagen.
Mona
Kurz nach ihrem
Besuch bei Cole hatte Annie noch einmal einen Termin bei Dr. Chang.
Die junge Ärztin wollte sichergehen, dass es ihrer Patientin auch wirklich gut
ginge, da diese sich vor allem psychisch noch in einem ziemlich stabilen
Zustand zu befinden schien.
Annie wollte sich gerade am Empfang melden, als sie Meg sah, die sich angeregt
mit Casey und Michael unterhielt.
Interessiert trat Annie näher heran und versteckte sich unbemerkt in einer der
Warte- Nischen, von wo aus sie gut jedes Wort hören konnte.
„Und er hat gesagt, sie ist ganz von allein die Treppe runtergestürzt?“ fragte
Michael etwas ungläubig.
„Was willst Du damit sagen?“ schaltete sich Casey ein. „Traust Du Derek zu,
dass er da nachgeholfen hat?“
Michael lachte abfällig.
„Also nachdem, was ich erlebt habe, trau ich ihm fast alles zu.“
„Michael“ mahnte Meg, doch anscheinend war Caseys Interesse geweckt.
„Was hast Du erlebt?“ fragte er.
Es entstand eine Pause, wahrscheinlich überlegte Michael, ob er weitererzählen
sollte.
Annie beugte sich vor, um besser zu hören.
„Michael, hör schon auf damit, die Sache ist erledigt, und es ist doch gar
nichts weiter passiert damals.“ ließ sich Meg vernehmen.
„Nichts weiter passiert?“ schnaufte Michael. „Sicher, weil ich rechtzeitig da
war, nachdem Du mich angerufen hattest!“
„Würde mir vielleicht endlich mal einer erklären...“ forderte Casey
ungeduldig, doch Meg unterbrach ihn. Man hörte deutlich, dass ihr die Sache
äußerst peinlich war.
„Na ja, das war während der Zeit, als Ben gerade in Mexiko war. Ich war in
seinem Haus und hab mit ihm telefoniert, na ja, und da bin ich auf der Couch
eingeschlafen...“
Annie verdrehte in ihrem Versteck genervt die Augen. „Typisch“ dachte sie,
„kann auch nur einem Landei aus der Provinz passieren!“
„Und ?“ fragte Casey gespannt.
„Als sie aufwachte, stand Derek im Zimmer.“ erzählte Michael weiter. „Und
glaub mir, der hatte ganz eindeutige Absichten!“
„Meg...“ fing Casey besorgt an, aber sein Freund unterbrach ihn.
„Na ja, sie hat sich fürchterlich erschrocken und rief mich an, und ich bin
sofort hin.“
„Hört schon auf, das ist doch nichts weiter!“ beschwichtigte Meg die beiden.
„Nichts weiter?“ protestierte Michael. „Hey, Du hattest ganz schön Angst vor
ihm!“
„Nur für einen Moment.“ log Meg verlegen.
„Warum habt Ihr uns das nicht erzählt?“ fragte Casey vorwurfsvoll. „Wir hätten
doch...“
„Eben, darum!“ unterbrach ihn Meg. „Ich wollte kein Riesentheater. Ich komm
schon mit Derek klar.“
„Hast Du Ben inzwischen davon erzählt?“ erkundigte sich Michael.
„Nein.“ gestand Meg. „Ich befürchte, dann gibt es erneut Ärger zwischen den
beiden Brüdern, und das will ich nicht.“
In diesem Moment gesellte sich Ben wieder zu Meg und den anderen, während
Derek von Saras behandelndem Arzt angesprochen wurde und diesem daraufhin den
Gang entlang folgte.
„Dieser Schuft!“ dachte Annie erbost, „ich hab es doch geahnt! Er stellt ihr
also schon lange nach, wer weiß, was passiert wäre, wenn sie diesen Michael
nicht gerufen hätte!“
Doch dann flog ein zynisches Lächeln über ihr Gesicht.
Vielleicht konnte man ja die Sache auch etwas anders auslegen! Vor allem, wenn
Ben davon erfahren würde...
Als Annie zum Empfangstresen hinüber ging, fühlte sie sich plötzlich sehr
beschwingt und richtig gut gelaunt...
Jeany
Nachdem Derek Saras Krankenzimmer betreten hatte, ging er gleich zu ihrem Bett, beugte sich über sie und gab ihr einen Kuss.
"Hallo Kleines!" begrüßte er sie.
Sara sah ihn mit gerunzelter Stirn an. Sie konnte sich an überhaupt nichts mehr erinnern! Das sollte ihr Verlobter sein? Sie sah Derek genauer an. Einen guten Geschmack hatte sie ja, dachte sie und musste plötzlich grinsen.
Derek sah sie prüfend an.
"Was ist?" fragte er.
Sara versuchte, wieder normal zu denken.
"Seit wann sind wir ... verlobt?" fragte sie neugierig.
Derek fingerte nervös an Saras Bettdecke herum.
"Noch nicht sehr lange," wich er aus. "Genauer gesagt, erst seit einer Woche!"
Sara sah ihn ungläubig an.
"Oh!" stieß sie nur hervor. "Und wie lange kennen wir uns?"
Derek spürte, wie ihm der kalte Schweiß auf die Stirn trat. Jetzt nichts falsches sagen, dachte er.
"Seit einem Monat!"
Sara schluckte. Sie kannte ihn erst einen Monat und hatte sich schon mit ihm verlobt? War sie so ein impulsiver Mensch?
Stöhnend sank sie in ihr Kissen zurück. Derek sah sie besorgt an.
"Ist alles in Ordnung, soll ich den Arzt rufen?"
Sara sah ihn an.
"Nein, es geht mir gut, aber ich kann mich an ... gar nichts erinnern." Sie drückte ihre Hand gegen die Stirn. "An gar nichts, verstehst Du!" sagte sie verzweifelt.
Er nahm sie wortlos in den Arm. Plötzlich ging die Tür auf, und Meg trat hinein.
"Würdest Du bitte draußen warten, Derek! Ich muss mit meiner Schwester reden!"
Mona
Derek zog sich widerspruchslos zurück.
"Machs gut Schatz. Ich komme Dich morgen wieder besuchen", verabschiedete er sich. Meg hatte das Gefühl, den Boden unter ihren Füßen zu verlieren, als Derek ihre Schwester so ansprach. So geräuschlos wie möglich schloß er hinter sich die Tür.
Meg setzte sich an Saras Bettkante.
"Kannst Du Dich an mich erinnern?", fragte sie. Doch Sara schüttelte nur langsam den Kopf.
"Wer sind Sie?", fragte sie.
"Ich bin es, Meg. Deine Schwester."
Doch Sara blickte sie nur mit großen Augen an.
"Es tut mir leid, ich..."
"Schon gut", beruhigte Meg sie. "Schlaf Dich am besten mal aus. Vielleicht kannst Du Dich morgen schon wieder erinnern. Aber eins noch, Sara. Wann hast Du Dich mit Derek verlobt, weißt Du das noch?"
"Letzte Woche. Das hat er zumindest gesagt."
"Aber Du kannst Dich nicht daran erinnern?"
Wieder schüttelte Sara den Kopf. Tränen stiegen ihr in die Augen.
"Du hast nicht gewusst, daß ich verlobt bin?", wollte sie wissen.
"Bis heute Nachmittag nicht", erwiderte Meg mit einem Lächeln.
"Aber das müsste ich Dir doch erzählt haben."
Meg dachte an die Auseinandersetzungen, die sie wegen Derek mit Sara hatte.
"Nein", sagte sie zu sich selbst. "Es kann auch sein, daß Du es mir nicht gesagt hast. Ich will Dich nicht länger stören. Ruh Dich aus Sara. Gute Nacht."
Sara murmelte
etwas und Meg verlies daraufhin das Krankenzimmer.
Als sie später das Krankenhaus verlassen hatte, griff Meg nach ihrem Handy und
wählte eine Nummer.
"Es hat doch keinen Sinn", hatte sie vorher zu Ben gesagt, "früher oder später müssen sie es doch erfahren."
Auf der anderen Seite nahm jemand ab:
"Mum, hi ich bin es... Ja, mir geht es gut... Mach ich...Mum, ich muß Dir was sagen, es ist wegen Sara."
Hickengruendler
Ludlow, Kansas.
Hank Cummings saß gerade beim Abendbrottisch und lauschte aufmerksam dem
Telefonat, daß seine Frau Joan mit seiner ältesten Tochter Meg führte. Ihm
blieb nicht verborgen, daß sich Joans Stimmung während des Telefonats rapide
änderte. Nun schien sie beunruhigt und besorgt.
"Nein, keine Widerrede Meg. Versuch bloß nicht, es mir auszureden. Sara ist schließlich meine Tochter... Nein, das ist zwecklos...Ich sage Dir Bescheid wenn mein Flugzeug landet, dann kannst Du mich vielleicht abholen, sonst nehme ich mir ein Taxi, mach Dir nur keine Umstände...Also gut, bis morgen dann, gib mir bitte Bescheid, wenn sich was verändert, auch wenn es mitten in der Nacht sein sollte. Hast Du mich verstanden, okay. Tschüß dann."
Nachdem Joan aufgelegt hatte, blickte Hank seine Frau neugierig an.
"Sara hatte einen Unfall", begann Joan ohne Aufforderung.
"Was...wie?"
"Meg hat gemeint, sie wäre gestürzt."
"Wie geht es ihr?"
"Meg meinte, den Umständen entsprechend gut. Aber sie... Hank, sie kann sich an nichts mehr erinnern."
Hank war blass geworden.
"Joan, wir werden morgen sofort nach Sunset Beach fahren, und..."
"Nein", winkte Joan ab, "Hank, wer soll sich denn um die Farm kümmern, wenn Du nicht da bist."
"Aber Sara ist..."
Joan fiel ihm abermals ins Wort.
"Ich werde nach Sunset Beach fliegen, und Du bleibst hier. Es ist das beste so. Ich rufe Dich sofort an, wenn irgendwas los ist."
"Also gut", nickte Hank. "Wahrscheinlich hast Du recht." Er bemerkte, daß seine Frau zögerte.
"Du hast mir noch nicht alles gesagt, oder?"
"Nein", meinte Joan zögernd, "Hank, Meg hat gesagt, und ich kann es kaum glauben aber... Hank, Sara hat sich verlobt!"
Hickengruendler
Nachdem Meg aufgelegt hatte, beschloss sie, noch einmal zu Sara ins Krankenhaus zu fahren. Sie traf ihre Schwester noch völlig munter an, und so erzählte sie Sara gleich von den Neuigkeiten.
"Ich weiß ja, daß Du Dich nicht mehr an uns erinnern kannst, aber ich habe ... Mum und Dad angerufen und ihnen von Deinem Unfall erzählt. Mum will mit dem nächsten Flugzeug kommen!" Meg sah Sara prüfend an, denn diese starrte angestrengt auf ihre Bettdecke.
"Mum und Dad ..." murmelte Sara. Sie schaute zu Meg. "Bitte, erzähl' mir von ihnen, ... erzähl' mir alles, was Du über mich weißt ...!"
Meg zog sich einen Stuhl heran und begann Sara von ihrem Leben vor dem Unfall zu erzählen. Über Derek konnte Meg ihr nicht viel erzählen, denn sie wusste ja selber nicht genug. Das sich ihr angeblicher Verlobter auch an sie herangemacht hatte, verschwieg sie. Sara schwirrte der Kopf, als Meg ihre Geschichte beendet hatte. Sie sah sie verwirrt an.
"Wenn ich schon so viel in meinem Leben erlebt habe, warum kann ich mich an nichts erinnern?"
Meg schaute sie mitleidig an. "Das wird schon noch!" tröstete sie ihre Schwester.
Sie stand auf. Sara brauchte Ruhe, und sie brauchte jetzt auch eine Pause.
Sara hielt sie zurück.
"Eine Frage hätte ich noch ... wo wohne ich eigentlich?"
Mona
Meg sah sie überrascht an, bis ihr einfiel, daß Sara offenbar alles vergessen hatte.
Sie erzählte ihrer Schwester von der WG und ihren Mietern. Sara hörte interessiert zu, doch eine Sache beschäftigte sie.
"Warum wohne ich nicht bei meinem zukünftigen Mann, wenn wir doch verlobt sind?" Meg sah sie lange an, ehe sie ihr antwortete.
"Nun, Ihr seid ja erst kurz verlobt, und Derek und Du, ... Ihr wolltet wohl anfangs doch lieber noch getrennt leben."
Das schien Sara einzuleuchten, denn sie lächelte Meg an. Meg verstand allerdings viel weniger, als sie zugab. Die Mitteilung der Verlobung hatte sie völlig überrumpelt, und sie hatte keinerlei Ahnung, wie die Zukunft jetzt für ihre Schwester aussehen würde!
Sara sah Meg interessiert an.
"Woran denkst Du gerade?" fragte sie. Meg fühlte sich ertappt, aber sie wollte Sara nicht anlügen.
"Ich dachte über Dich und Derek nach. Da fällt mir ein ... hatte ich Dir schon erzählt, daß Derek noch einen Zwillingsbruder hat?"
Sara schüttelte den Kopf.
"Er heißt Ben, und wir sind ein Paar!"
"Wie witzig, dann haben wir wohl denselben Geschmack," sagte Sara und schmunzelte. Ja, dachte Meg, zumindest was das Äußerliche angeht!
"So, dann will ich jetzt auch mal nach Hause fahren. Du siehst schon wieder so richtig fit aus!" stellte Meg fest. Sara verzog das Gesicht.
"Ja, außer einigen Prellungen, einem kaputten Handgelenk, einem Brummschädel und einer Amnesie geht es mir gut!"
Meg drückte ihre Hand.
"Du wirst sehen, schon in wenigen Tagen wirst Du ganz die Alte sein!"
Sara sah Meg dankbar an.
"Ich hoffe es sehr!" sagte sie. "Es ist mir irgendwie unheimlich, daß ich ein Leben führen muß, daß ich gar nicht kenne!"
Meg gab Sara einen Kuß auf die Stirn.
"Jetzt schlaf' erst einmal! Morgen sieht die Welt vielleicht schon wieder ganz anders aus!" Sara kuschelte sich in ihr Kissen, und schon während Meg leise den Raum verließ, schlief Sara ein.
Mona