Der Strand der untergehenden Sonne 4
Olivia stellte die Rose, die ihr Cole Deschanels Vater geschickt hatte,
auffallend in eine Vase mitten auf dem Wohnzimmertisch. "Hier kann er sie
eigentlich nicht übersehen", dachte sie triumphierend.
Tatsächlich war die Rose das erste, was Gregory ins Auge fiel, als er am
nächsten Morgen die Treppe von den Schlafräumen herunterkam.
"Rose!", rief er. "Wissen Sie, was das für eine Rose ist?"
"Keine Ahnung, Senior Richards", antwortete Rose. "Als ich heute morgen aufgestanden bin, stand die bereits da."
"Du richtest Deine Fragen an die falsche Adresse, Gregory", meinte Olivia, die nun ebenfalls die Treppe hinunterkam. "Die Rose war ein Geschenk für mich, von einem sehr zuvorkommenden Mann."
"Ach, jetzt sage nur nicht, Dein neuer Radioreporter?"
"Vielleicht, vielleicht auch nicht. Aber seit wann kümmerst Du Dich denn um meine Angelegenheiten Gregory? Aber wahrhaftig, er war ein richtiger Gentleman. So einen sieht man selten", fügte sie mit einem bissigen Seitenblick auf Gregory hinzu.
"Nun denn, viel Spaß mit Deinem Gentleman, Du hast natürlich recht, mich
interessiert es gar nicht."
Doch später, als Olivia das Haus verlassen hatte, griff Gregory zum Telefon.
"Ich bin es, Connors. Ich habe einen neuen Auftrag für Sie. Ich möchte, daß Sie jemanden für mich im Auge behalten...Wen? Ganz einfach. Meine Frau!"
Meg hatte gerade das Frühstück beendet und räumte nun ihren Teller in die Spülmaschine, als Gabi herunterkam.
"Na, noch da?", fragte Gabi.
"Ja, Ben hat mir den Vormittag freigegeben, damit ich Mum abholen kann. Sie landet um 10.00 Uhr in Los Angeles." Sie warf einen Blick auf die Uhr. "Ich muß auch gleich los." Gabi ging zur Kaffeemaschine und goss sich eine Tasse aus.
"Ich habe zum Glück heute Vormittag frei", meinte sie. "Vielleicht sehen wir uns ja heute Nachmittag noch im Krankenhaus, wenn ihr Sara besucht. Viel Zeit werde ich aber wohl nicht für Euch haben. Aber ich würde mich freuen, Deine Mutter wiederzusehen. Es ist schon so lange her. Ach Meg, wo soll sie eigentlich schlafen?"
"Ja, da hab ich mir auch schon Gedanken drüber gemacht. Hier ist alles voll. Am besten, sie schläft in meinem Zimmer und ich auf der Couch. Aber erzähl doch mal", wechselte Meg das Thema. "Wie war es eigentlich bei Ricardos Mutter?“
Gabi rollte die Augen.
"Frag nicht...", sagte sie.
"Ist sie so schlimm?" meinte Meg mitfühlend.
"Nein, eigentlich ist sie sogar ganz nett. Aber sie ist Wahrsagerin und hat mir eine Prophezeiung gemacht..."
Meg lachte.
"Ach komm, Du wirst doch so einen Unsinn nicht glauben."
"Nein, natürlich nicht. Ich meine, normalerweise. Aber das war so anders. Es hat ja ganz normal angefangen, als sie mir prophezeit hat, ich würde die große Liebe finden, aber..." Doch Meg winkte ab.
"Sei mir nicht böse, aber erzählst Du es mir bitte ein andermal, ja? Du weißt doch, wie um diese Zeit der Verkehr Richtung Los Angeles ist. Wenn ich jetzt nicht langsam aufbreche, komme ich noch zu spät und Mum muß warten."
"Ja, ist gut", meinte Gabi. Sie verabschiedeten sich und Meg verließ das Haus.
Meg saß mit ihrer Mutter im Auto, und sie fuhren Richtung Sunset Beach zurück. Nachdem Joan Cummings ihre älteste Tochter begrüßt hatte, prasselte gleich eine Attacke von Fragen auf sie nieder, die Meg gar nicht alle so schnell beantworten konnte. Sie versprach ihrer Mutter, daß sie ihr alles erzählen würde, wenn sie nur erst einmal zu Hause wären. Als sie im Surf Central ankamen, war nur Gabi dort, die mal wieder Mittagspause hatte. Joan begrüßte sie herzlich und fragte dann nach Sara. Meg war nicht ganz wohl in ihrer Haut, als ihre Mutter ihr Fragen über Derek und Saras Verlobung stellte.
Nachdem Meg die Koffer ihrer Mutter nach oben gebracht hatte, kam sie wieder hinunter und schnappte sich erneut ihren Autoschlüssel.
"Komm, Mum, ich weiß doch, daß Du es gar nicht mehr aushalten kannst, Sara zu sehen! Ich fahre Dich ins Krankenhaus!"
Joan sah ihre Tochter dankbar an. Gabi mischte sich ein.
"Wenn Ihr sowieso dorthin fahrt, könntet Ihr mich auch mitnehmen! Meine Mittagspause ist sowieso gleich vorbei!"
Die drei Frauen gingen zum Auto und fuhren zum Krankenhaus.
Bette war gerade mit dem Abtippen eines Briefes an einen Geschäftspartner Gregorys beschäftigt, als das Telefon klingelte.
"Auch das noch", murrte sie. Sie war Ben sehr dankbar, daß er ebenfalls eine Sekretärin eingestellt hatte, die Arbeit war für eine Person allein fast nicht durchführbar, und heute, wo Meg Cummings nicht da war, gab es besonders viel Stress.
"Liberty Corporation", meldete sie sich.
"Tante Bette? Ich bin es."
"Oh Pupsi, was gibts denn?"
"Ich muß Ben sprechen, ist er da?"
"Nein Pupsi. Er ist vor ungefähr 2 Stunden zu einem Geschäftstermin aufgebrochen und noch nicht wieder zurückgekommen. Soll ich ihm was ausrichten?"
Annie zögerte.
"Nein, das muß ich ihm unbedingt persönlich sagen", erwiderte sie. Eigentlich gab es gar nichts, was sie ihm sagen wollte. Sie wollte ihn einfach nur in ihrer Nähe haben. Aber das konnte sie ja schlecht erzählen.
"Dann wirst Du Dich wohl gedulden müssen Pupsi. Denn soweit ich weiß, ist er nach dem Geschäftstreffen noch mit Meg Cummings verabredet."
"Ach so, na dann. Tschüß Tante Bette." Als Annie aufgelegt hatte, zog sie eine Grimasse. "Mit der schon wieder", sagte sie zu sich selbst. "Aber was wundert mich das. Die läßt ja keine Gelegenheit sausen. Sollte sich lieber um ihre Schwester im Krankenhaus kümmern, anstatt um Ben, denn der soll sich um mich kümmern."
Wütend legte sie sich auf ihr Sofa und schloß die Augen, Sekunden später war sie eingeschlafen.
Annie stand in einem dunklen Raum.
"Rothärchen", hörte sie die Stimme ihrer Tante Bette. "Rothärchen."
"Was soll das?", fragte Annie. "Wo bin ich hier?"
Als das Licht wieder anging, stand sie in einem riesengroßen Saal, alles war festlich geschmückt. Und Annie trug ein elegantes, weißes Kleid, das an ein Brautkleid erinnerte, aber keines war, und auf ihrem Kopf eine silberne Krone.
In diesem Moment kam Tante Bette in den Raum.
"Wo bleibst Du denn solange Rothärchen"?, fragte sie. "Komm schon, alle warten schon auf deine Verlobungsfeier mit Prinz Ben."
"Ich bin mit Ben verlobt?", fragte Annie ungläubig.
"Nun, noch nicht, aber bald wirst Du es sein. Heute ist die offizielle Bekanntgabe."
"Das gibts doch nicht", seufzte Annie. "Alle meine Wünsche gehen in Erfüllung."
Sie verließen den Raum, nur, um ihn durch eine andere Tür wieder zu betreten. Doch diesmal waren sie nicht allein. Alle Bewohner von Sunset Beach waren da, in Kleidung, wie sie Edelleute aus dem Märchen trugen, um dem zukünftigen Brautpaar ihre Aufwartung zu machen. Und ganz am Ende eines langen Ganges stand Ben, Annies Märchenprinz. Sie ging einen Schritt schneller, allerdings ohne dabei die Würde im Gang zu verlieren, die eine echte Prinzessin eben hatte. Die Bewohner von Sunset Beach bildeten ein Spalier und jubelten ihr zu.
Hickengruendler
In diesem Moment öffnete sich mit einem lauten Krachen die Tür, durch die Annie und Bette den Raum vorhin verlassen hatten, und Olivia, ganz in grün gekleidet, betrat den Raum.
"Olivia", fragte Annie scharf. "Was hast Du hier zu suchen?"
"Ich bin nicht Olivia, ich bin ein böser Drache, der Dich entführen will, Rothärchen." "Nein, Du bist kein Drache", antwortete Annie. "Drachen können Feuer speien. Und das kannst Du nicht."
"Ach ja, dann pass mal gut auf." Sie nahm sich eine der Fackeln, die in Nischen in der Wand steckten und pustete kräftig dagegen. Ein riesiger Feuerball entstand daraus, der das Tischtuch in Brand setzte und die Gäste in Scharen flüchten ließ.
"Unglaublich, wie machst Du das?", wollte Annie wissen.
"Das sind die 30 Wodka, die ich zu mir genommen habe", erklärte Olivia. "Sie bereiten mir einen feurigen Atem." Sie musterte Annie. "Aber jetzt genug der langen Worte. Komm gefällig mit." Sie packte Annie und hievte sie über die Schulter, während diese sich lautstark wehrte.
"Lass mich gefälligst los, Olivia! Loslassen habe ich gesagt!"
"Keine Chance Rothärchen", meinte diese. "Du kommst mit."
Hickengruendler
Sie schleppte Annie bis zu einem Käfig, öffnete dessen Tür und sperrte sie hinein. "Rauslassen", brüllte Annie.
"Es hat keinen Sinn", hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich. "Auch mich hat der Böse Drache hier eingesperrt und ich komme nicht raus."
Annie drehte sich um und sah zu ihrem Erstaunen eine alte Bekannte, ganz in Lumpen gekleidet.
"Meg, Du? Das ist wohl der neueste Look in Kansas nehme ich an?"
"Wer ist Meg? Ich bin das Aschenputtel. Meine böse Stiefmutter hat mir nichts Besseres zum Anziehen gegeben, da bin ich weggerannt, und dann hat der böse Drache mich gefunden."
"Na, keine Angst", beruhigte Annie sie. "Ich bin sicher, Prinz Ben wird uns retten."
In diesem Augenblick öffnete sich die Käfigtür wieder.
"Siehst Du", sagte Annie zu Meg. Tatsächlich war es Ben, der draußen stand, in stattlicher Rüstung.
"Oh mein Geliebter Ben", jubelte Annie. "Wie hast Du es nur geschafft, den gemeinen Drachen zu überlisten?"
"Ganz einfach. Ich habe ihm Schnaps gegeben. Du weißt doch, da er kann nicht widerstehen."
"Oh, wie klug Du doch bist."
"Hier meine Liebe", Ben kramte in seiner Tasche, "habe ich unseren Verlobungsring." "Oh, der ist ja wundervoll." Annie machte leuchtende Augen. Sie wollte ihn sich anprobieren, doch er passte nicht. Sie versuchte es ein zweites und ein drittes Mal, keine Chance.
"Vielleicht passt er ja mir", hörte sie plötzlich wieder Megs Stimme. "Ich habe kleinere Hände."
"Das ist eine großartige Idee", stimmte Ben zu. "Probieren wir es aus."
Und tatsächlich, der Ring passte Meg genau.
"Tja", erklärte Ben. "Das Schicksal hat gesprochen. Du bist meine Frau." Er wandte sich an Meg, küsste und umarmte sie.
"Und was ist mit mir?" meldete sich Annie.
"Tja, tut mir leid. War wohl eine Verwechslung. Du mußt hier beim Drachen bleiben."
Er verließ gemeinsam mit Meg den Käfig, doch bevor Annie hinauskonnte, verriegelte er wieder die Tür.
"Nein, Ben. Das kannst Du doch nicht machen", jammerte Annie. "Ben nicht! Ben mach auf!!!" Sie rüttelte am Gitter. "Neeeeiiiin!"
Sara saß gerade in ihrem Bett und aß Mittag, als es zaghaft an der Tür klopfte.
"Herein!" Der junge Mann öffnete vorsichtig die Tür und sah sich im Krankenzimmer um. "Hallo Sara, ich hoffe, ich störe nicht!" Sara legte die Gabel zur Seite und begrüßte ihren Gast mit einem Lächeln.
"Nach Megs Schilderung mußt Du Mark sein, richtig?" Er lächelte.
"Richtig! Ich wollte nur mal sehen, wie es Dir geht! Ich hoffe, ich störe nicht?"
Sara machte eine Handbewegung, daß er Platz nehmen sollte.
"Nein, Du störst nicht, das Essen ist sowieso ungenießbar - da hungere ich doch lieber!" Sie sah ihn an und lächelte. Plötzlich wurde ihr Gesicht ernst.
"Meg hat Dir ja erzählt, was mit mir los ist, denke ich, also habe etwas Nachsicht mit mir, wenn ich mich nicht gleich an alles erinnern kann!"
Mark sah sie an.
"Du kannst Dich wirklich an gar nichts erinnern?" fragte er nachdenklich.
"Nein, an absolut gar nichts, aber die Ärzte sagen, daß das nur vorübergehend sein wird - hoffentlich!" Sie rollte mit den Augen und schob das Tablett von sich. "Scheußlicher Fraß!"
Plötzlich vernahm sie ein Klopfen, und Meg und ihre Mutter traten ein. Joan Cummings rannte gleich auf Sara zu und umarmte sie unter Tränen.
"Sara, mein Baby," schluchzte sie. "Was machst Du nur für Sachen?"
Sara schob sie etwas von sich und sah sie prüfend an.
"Mum ...?" fragte sie vorsichtig und erwiderte dann die Umarmung.
Erst jetzt schien Joan den jungen Mann zu bemerken, der am Bett ihrer Tochter saß. Sie musterte ihn von oben bis unten. Das mußte Saras Verlobter sein, dachte sie. Er machte auf sie sofort einen sympathischen Eindruck. Auch wenn sie die überstürzte Verlobung ihrer Tochter nicht gutheißen konnte, war sie doch etwas beruhigter, nachdem sie ihn jetzt gesehen hatte. Er würde ihre Tochter sicher glücklich machen, zumindest strahlte er eine große Wärme und Freundlichkeit aus.
Sie löste sich aus Saras Umarmung und streckte Mark die Hand entgegen.
"Ich bin Joan Cummings, und Sie sind sicher Saras Verlobter!" Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.
Mark sah sie überrascht an, Sara wurde rot, und Meg schloß die Augen.
"Mum, dies ist nicht ..." begann Meg ihre Mutter zu bremsen, aber Joan hörte gar nicht zu.
"Ich war ja etwas überrascht, als ich von ihrer Verlobung erfuhr," sagte sie, "aber offenbar war es wohl zwischen Ihnen "Liebe auf den ersten Blick"! "
Mark sah sie nur verständnislos an. Meg versuchte es erneut, weil Sara nur mit offenem Mund im Bett saß und auf ihre Mutter und Mark starrte.
"Mum, bitte, Mark ist nur ein guter Freund, Saras Verlobter heißt Derek!"
Joan Cummings schluckte. Sie schaute zu Mark und dann zu Sara hin, die immer noch bewegungslos da saß. Im Raum hätte man eine Stecknadel fallen hören können.
Mark überbrückte die Stille.
"Hallo Mrs. Cummings, ich bin Mark, Saras und Megs Mitbewohner im Surf Central!"
Joan starrte ihn nur an, doch dann griff sie seine ausgestreckte Hand.
"Entschuldigen Sie, ... das ist mir jetzt aber peinlich!" sagte sie und schüttelte den Kopf über sich selber. Mark lächelte.
"Ist schon okay, kann ja mal passieren!" sagte er.
Joan sah hilfesuchend zu Meg hinüber.
"Ja, aber ... wenn er nicht, ... wer denn dann?" fragte sie. Die Antwort wurde ihr abgenommen, als sich die Tür wieder öffnete und ein großer, dunkelhaariger Mann hereintrat, den Sara gleich liebevoll mit "Derek" begrüßte.
In
Sekundenschnelle hatte Derek die Situation erfasst. Sara hatte Besuch, sofort
setzte er sein gewinnendstes Lächeln auf, eilte auf seine zukünftige Braut zu
und umarmte sie.
„Hallo mein Schatz, wie geht es Dir heute?“ fragte er scheinbar besorgt. Sara
lächelte etwas hilflos. Ihr Blick wanderte sofort zu ihrer Mutter, die diese
Szene gespannt beobachtete.
„Ähm... Derek, darf ich Dir meine Mutter vorstellen, - Mum, mein... Verlobter,
Derek... wie war gleich nochmal Dein Nachnahme?“
Joans Augen weiteten sich entsetzt, doch dann fiel ihr ein, dass sich Sara
vorübergehend an nichts erinnern konnte. Derek rettete die Situation, indem er
charmant lächelnd auf Joan zutrat und ihr die Hand reichte.
„Evans, Derek Evans. Es freut mich wirklich sehr, Sie endlich kennenzulernen,
Misses Cummings. Sie haben eine bezaubernde Tochter, nein, eigentlich haben
Sie zwei bezaubernde Töchter!“ verbesserte er sich mit einem Seitenblick auf
Meg, die ihn nicht eine Sekunde aus den Augen ließ und ihm für seine letzte
Bemerkung einen vernichtenden Blick zuwarf.
Noch etwas zögernd erwiderte Joan Dereks Händedruck.
„Guten Tag, Mister Evans.“ Sagte sie etwas reserviert. „Sie sind also Saras
Verlobter!“
Er nickte strahlend.
„Ja, der bin ich. Aber bitte, nennen Sie mich doch Derek, jetzt, wo ich doch
schon fast zu Ihrer Familie gehöre!“
Joan lächelte verbindlich, wenn auch noch etwas unsicher, aber Dereks
unverwechselbarer Charme schien seine Wirkung nicht zu verfehlen.
„In Ordnung,... Derek. Bitte sagen Sie Joan zu mir. Und entschuldigen Sie mein
Zögern, aber ich muß mich erst an den Gedanken gewöhnen, dass sich meine
Kleine so plötzlich verlobt hat. Am Telefon hat sie mir nämlich nichts davon
verraten.“
„Tja,“ meinte Derek mit bedeutungsvollem Blick auf Saras gespanntes Gesicht,
„wir wollten Sie damit überraschen, es hat uns ja selbst wie ein Blitz aus
heiterem Himmel getroffen, nicht wahr, Liebling?“ Er beugte sich zu seiner
zukünftigen „Braut“ und strich ihr liebevoll über das Gesicht. „Hab keine
Angst, bald wirst Du Dich wieder an alles erinnern können.“
Sara nickte und griff nach seiner Hand, die er ihr jedoch diskret wieder
entzog. Mark war diese Geste dennoch nicht entgangen und er blickte gespannt
von einem zum anderen. Hier stimmte doch etwas nicht! Er beschloss, mit Meg
über Saras angebliche Verlobung zu sprechen, sobald sich die Gelegenheit
ergab.
„Und Du kannst Dich wirklich an gar nichts mehr erinnern, Kleines?“ fragte
Joan ihre Tochter besorgt. Sara schüttelte den Kopf.
„Bisher nicht, Mum. Aber der Arzt sagt, das ist eine Folge des Sturzes. Es
geht irgendwann vorbei. Meg hat mir schon so viel aus meinem Leben erzählt,
sicherlich fällt mir bald alles wieder ein.“
Joan nickte mit Tränen in den Augen.
Derek fühlte sich absolut unwohl, krampfhaft versuchte er, aus der Situation
das Bestmögliche zu machen.
„Leider habe ich nicht allzuviel Zeit, ich wollte nur eben mal reinschauen,
wie es Ihrer Tochter geht.“ An Sara gewandt, fügte er hinzu: „Ich komm nachher
wieder. Ruh Dich in der Zwischenzeit etwas aus, Du siehst müde aus, Liebling!“
Er lächelte Mark und Meg freundlich zu und reichte Joan abermals die Hand.
„Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen, Joan, ich bin sicher, wir sehen uns
noch.“
Noch bevor irgend jemand etwas erwidern konnte, war er draußen.
„Perfekt!“ dachte er und lehnte sich auf dem Gang aufatmend gegen den
Türrahmen. „Gut gemacht, Derek, mit der Frau Mama hattest Du zwar nicht
gerechnet, aber mit etwas Charme schaffst Du es vielleicht, dass der alte
Drachen sich recht bald wieder nach Kansas verzieht!“
Nachdem auch Mark
sich verabschiedet und Sara versprochen hatte, bald wieder hereinzuschauen,
saß Joan noch eine ganze Weile im Krankenzimmer und unterhielt sich mit ihrer
Tochter, während Meg am Fenster stand und hinaus auf die Strasse blickte.
Sie sah, wie Derek das Krankenhaus verließ, in seinen Wagen stieg und in
Richtung seines Strandhauses davonbrauste.
Wütend sah sie ihm nach. Dieser verlogene Mistkerl! „...jetzt, wo ich doch
schon fast zur Familie gehöre...“ hörte sie ihn noch in Gedanken sagen. Das
könnte ihm so passen!
Zum hundertsten Male grübelte sie darüber nach, ob sie es nicht irgendwie
hätte verhindern können, dass Sara gerade auf Derek hereinfiel, aber sie sah
schließlich ein, dass sie gegen so eine Fügung des Schicksals wohl absolut
machtlos war.
Obwohl – Schicksal! Sie war sich sicher, dass die ganze Sache von Seiten
Dereks bestimmt nichts mit „Schicksal“ zu tun hatte, das war eher Berechnung,
eiskalte Berechnung!
Meg holte tief Luft und sah auf ihre Uhr.
„Mum, es tut mir leid, aber ich habe Ben versprochen, Mittags im Büro zu sein.
Soll ich Dich noch schnell nach Hause fahren, oder möchtest Du noch etwas bei
Sara bleiben?“
Joan stand lächelnd auf.
„Ich werde noch eine Weile hierbleiben, Meggi, mach Dir um mich keine Sorgen,
so groß ist Sunset Beach nun auch wieder nicht, dass ich mich nicht zum Surf
Central zurückfinden würde. Wir sehen uns dann heute Nachmittag, wenn Du vom
Büro kommst.“
Sie umarmte Meg herzlich und fügte mit erwartungsvollem Blick hinzu: „Ich
hoffe, dann lerne ich auch Deinen neuen Freund einmal kennen! Ich meine, wie
er aussieht, das kann ich mir ja nun schon denken!“
Meg und Sara lachten fröhlich.
„Ja, Mum, ich stell Dir Ben sobald wie möglich vor.“
Joan küsste ihre Tochter zum Abschied liebevoll auf die Wange.
„Ich bin froh, dass Du Dich so gut in Sunset Beach eingelebt hast.“ sagte sie
lächelnd.
Meg nickte.
„Wenn Du wüsstest, Mum,“ dachte sie, „in den paar Wochen hier habe ich mehr
erlebt, als mein halbes Leben in Kansas!“
Meg stieg in Marks
altes Auto, das er ihr heute freundlicherweise überlassen hatte, um ihre
Mutter vom Flughafen abzuholen. Die Sache mit Derek beschäftigte sie mehr, als
sie sich zunächst eingestehen wollte. Sie war sich sicher, dass er nur irgend
ein Spiel mit Sara spielte und befürchtete, dass ihre Schwester dieser
seelischen Belastung nicht gewachsen sei, sobald sie merken würde, dass es ihm
mit seinen Gefühlen zu ihr gar nicht ernst war.
Als sie auf dem Weg zur Liberty Corporation an Dereks Strandhaus vorbeifuhr,
sah sie seinen Wagen vor der Tür stehen. Kurzentschlossen hielt sie an.
Als sie vor der Tür stand, überkamen sie Zweifel, doch es war zu spät. Derek
hatte sie anscheinend bereits gesehen und öffnete die Tür. Er versuchte,
erstaunt auszusehen, doch sein Grinsen verriet das Gegenteil. Wortlos trat er
beiseite und ließ Meg herein.
Sie sah sich kurz um.
Geschmack hatte er, das musste sie zugeben. Das Zimmer wirkte hell und
supermodern, die Möbel sahen teuer aus und passten in der Farbe hervorragend
zu der riesigen Sitzgarnitur, die in der Mitte des Raumes auf einem sicherlich
echten Perserteppich stand.
Die Balkontür stand sperrangelweit auf und bot einen Blick aufs Meer. Meg
atmete sichtlich auf und dachte unwillkürlich an einen Fluchtweg.
Derek schien ihre Gedanken erraten zu haben, denn er lachte und maß sie mit
einem wohlwollenden Blick.
„Ich hab sie extra offen gelassen, falls Du Dich plötzlich vor mir fürchten
solltest!“
Meg spürte wieder diese Wut im Bauch. Sie drehte sich um und sah ihm in die
Augen.
„Ich fürchte mich nicht vor Dir!“
Er zog die Augenbrauen hoch und trat näher.
„Nein?“
Obwohl Megs Herz bis zum Hals hinauf schlug, versuchte sie, sich keine
Unsicherheit anmerken zu lassen.
„Was sollte diese Vorstellung vorhin im Krankenhaus?“ fragte sie mit fester
Stimme.
„Oh, das war keine Vorstellung! Ich finde Deine Mutter sehr charmant!“
antwortete er verbindlich. „Und ich habe meine Verlobte besucht. Was ist daran
verkehrt?“
„Das kann ich Dir sagen!“ rief Meg wütend und wich keinen Schritt zurück. „Ihr
seid doch überhaupt nicht verlobt, das ist doch nur eine Erfindung von Dir!
Und Du nutzt es schamlos aus, dass sich Sara momentan an nichts erinnern kann,
Du spielst von Anfang an mit ihren Gefühlen, eiskalt und berechnend!“
„Ganz so einfach ist das nicht, Meg...“ antwortete Derek, erstaunt über ihre
heftigen Worte. Er hob die Hand, um ihr über`s Gesicht zu streichen, aber sie
wich ihm aus.
„Lass das gefälligst! Nimm Deine Hände weg!“ fauchte sie.
Grinsend hob er beide Hände, als wolle er sich ergeben und trat zurück.
„Weiter so, Meg, ich finde Dich hinreißend, wenn Du wütend bist!“
Meg holte tief Luft und versuchte, sich zu beruhigen. Das hier brachte doch
nichts, sie musste es anders anfangen.
„Derek...“ begann sie zögernd, „Sara hat sich wirklich in Dich verliebt, Du
bist ihre erste große Liebe, bitte versuch nicht, sie für irgend etwas
auszunutzen, das hat sie nicht verdient!“
„Mir kommen gleich die Tränen!“ höhnte er. Dann wurde sein Gesicht ernst. Er
trat wieder dicht an Meg heran und sagte leise:
„Hast Du eigentlich schon mal daran gedacht, dass ich Sara vielleicht auch
liebe?“
Meg schüttelte den Kopf.
„Das tust Du sicher nicht!“
„Und wieso nicht?“
„Ich habe Augen im Kopf!“
Derek lachte.
„Ach ja, dann müsstest Du eigentlich gemerkt haben, wen ich wirklich will.“ Er
sah sie abschätzend an, bevor er weitersprach. „Vielleicht hast Du recht, Meg,
vielleicht ist Deine Schwester für mich nur Mittel zum Zweck! Und wenn es so
wäre, könntest nur Du allein das ändern. Ich hoffe, das ist Dir klar!“
Meg biss sich auf die Lippe und schüttelte fassungslos den Kopf.
„Und nur, weil Du nicht bekommst, was Du willst, muß Sara leiden.“ Sie trat
zurück, ging zur Tür und versuchte, ein Zittern in ihrer Stimme zu
unterdrücken.
„Du erbärmlicher Mistkerl! Das wirst Du nicht schaffen! Diesmal nicht!“
Bevor sie jedoch die Türklinke berührt hatte, war er mit einem Satz bei ihr
und packte sie am Arm.
„Was soll das heißen, diesmal nicht?“ zischte er wütend.
Meg streckte trotzig das Kinn vor.
„Das weißt Du ganz genau!“
Sie riss sich los und rannte hinaus. Leider kam sie nicht weit, denn sie wurde
draußen von zwei starken Armen aufgehalten. Erschrocken sah sie hoch –
geradewegs in Bens Augen...
Erstaunt blickte
Ben von einem zum anderen.
„Was geht denn hier vor?“ fragte er gespannt.
Dereks wütender Gesichtsausdruck war binnen Sekunden einem überheblichen
Grinsen gewichen.
„Deine reizende Freundin und ich...“ er machte eine bedeutungsvolle Pause,
„haben uns eben sehr nett unterhalten.“
Ben nickte grimmig.
„Was Du unter nett verstehst, entspricht meist nicht ganz der Norm.“ Er sah
Meg prüfend an. „Alles in Ordnung mit Dir?“
Meg hatte sich einigermaßen gefasst.
„Ben, was machst Du hier?“ fragte sie irritiert.
„Ich wollte Dich vom Surf Central abholen, und da sah ich Marks Wagen hier
stehen...“ begann er, doch Derek unterbrach ihn höhnisch: „... und da gingen
bei meinem Bruder natürlich gleich alle Alarmglocken los!“
Ben sah ihn abschätzend an.
„Tja, Derek, ich nehme an, Meg hatte einen guten Grund, Dich hier aufzusuchen.
Ansonsten kann ich Dich nur warnen, lass Deine Finger von ihr! Und am besten
auch von ihrer Schwester!“
„Sonst?“ fragte Derek lauernd und maß Ben herausfordernd, was diesen überhaupt
nicht zu stören schien.
„Das wirst Du schon merken.“
Ben legte den Arm um Meg. „Komm, wir gehen!“
Derek sah den beiden finster nach.
„Ich kriege Dich, Meg, Ben hat keine Chance!“
Nachdem Meg gegangen war, nahm Joan ihre jüngste Tochter wegen Derek ins Gebet. Obwohl er offensichtlich sehr charmant sein konnte, hatte Joan Cummings kein gutes Gefühl bei der ganzen Sache. Er war viel zu alt für Sara, und irgendwie umgab ihn etwas Düsteres, Geheimnisvolles. Seine aalglatte Art mißfiel ihr, und obwohl sie ihn nicht näher kannte, hatte sie das Gefühl, als ob er etwas verheimlichte. Der Mann war ihr nicht ganz geheuer!
"Sara .." begann sie vorsichtig. "Ich habe Dir nie Vorschriften gemacht, und möchte es jetzt auch nicht tun, aber dieser Derek scheint mir nicht der richtige Partner für Dich zu sein!"
Sara rollte genervt mit den Augen. Strafpredigten konnte sie nicht leiden, aber auch sie konnte sich nicht ganz dem Gefühl entziehen, daß Derek vor ihrer Mutter eine Show abgezogen hatte.
"Aber ich liebe ihn doch!" brachte sie schwach hervor. Joan machte eine abwehrende Handbewegung.
"Mag ja sein, aber deshalb mußtest Du Dich doch nicht gleich mit ihm verloben!" sagte sie streng. "Warum denn nur diese Eile?"
Sara sah ihre Mutter verzweifelt an.
"Ich weiß es nicht ..."brachte sie nur hervor. Joan sah sie mitleidig an.
"Ich weiß ja, daß Du Dich derzeit an nichts erinnern kannst, aber vielleicht solltest Du Dir die Sache mit der Verlobung noch einmal überlegen. Verlobt ist nicht verheiratet, und wie Du an Meg und Tim sehen konntest, kann man eine Verlobung auch jederzeit lösen!" Joan stand auf und gab Sara eine Kuß auf die Wange. "So, und nun schlaf' noch ein bisschen. Ich werde mir einen Kaffee holen und danach noch einmal hereinschauen!"
Sie verließ den Raum und ließ eine verwirrte Sara zurück.
Meg stellte Marks
Auto am Surf Central ab und fuhr mit Ben zur Liberty Corporation. Sie
erwartete Vorwürfe, als sie zu ihm in den Wagen stieg, doch stattdessen
schwieg Ben fast die ganze Fahrt über. Das verunsicherte sie noch mehr.
Als sie auf dem Firmenparkplatz ankamen, blieb sie sitzen und legte ihre Hand
auf Bens Arm.
„Bitte, rede mit mir!“
Ben sah geradeaus. Er schüttelte nur den Kopf und sagte dann leise:
„Derek hat es auf Dich abgesehen. Ich glaube, deswegen hat er sich auch an
Sara herangemacht.“
„Ben, ich...“ begann Meg, doch er hörte ihr gar nicht zu.
„Derek hat diese Wahnvorstellung, dass die Legende von Sunset Beach sein Leben
bestimmen würde. So war es mit Maria schon, er traf sie bei Sonnenuntergang am
Strand und hat sie von diesem Augenblick an verfolgt. Und so war es ja auch
mit Dir! Du hast ihn zuerst getroffen, also gehörst Du in seinen Augen zu ihm,
nicht zu mir.“
Meg fielen schlagartig all die eigenartigen Bemerkungen ein, die Derek in
diesem Zusammenhang schon geäußert hatte, dass sie seine zukünftige Frau sei,
dass man dem Schicksal nicht entrinnen könne, und dass die Legende Maria das
Leben gekostet hätte.
Sollte sie Ben vielleicht doch davon erzählen?
Doch bevor sie sich dazu entschließen konnte, meinte er leise:
„Derek ist regelrecht besessen davon, alles zu zerstören, was mir etwas
bedeutet. Er kann es einfach nicht ertragen, wenn ich glücklich bin!“
„Doch, das wird er müssen.“ sagte Meg sanft, „er hat keine andere
Möglichkeit!“
Ben sah sie an.
„Bitte geh nie wieder allein zu ihm!“
Sie lächelte.
„Ich war doch nur dort, um ihn wegen Sara zur Rede zu stellen. Aber das hat
wohl wenig Sinn. Ich werde nicht wieder hingehen, Ben!“
Er nahm sie in die Arme und küsste sie lange und zärtlich.
Bette strahlte sie
beide an, als sie das Büro betraten.
„Ah, unsere Turteltäubchen!“
Ben und Meg lachten.
„Ist er da?“ fragte Ben und deutete mit dem Daumen auf Gregorys Bürotür. Bette
nickte und verzog das Gesicht bedeutungsvoll.
„Er ist wieder einmal ziemlich mies drauf, vorhin war Caitlin kurz da, und er
hat sie angebellt, wie ein alter Schlosshund, sie solle sich gefälligst mehr
um ihr Studium kümmern, als um diesen Bauarbeiter.“ verriet sie in
verschwörerischem Tonfall. „Hui, Caitlin war vielleicht wütend und ist sofort
davongerauscht, und seitdem hat er sich da drin verschanzt und grummelt mich
aller halben Stunden an, wenn er was nicht gleich findet.“
Ben nickte nur und wandte sich an Meg.
„Bei dem, was ich ihm jetzt zu sagen habe, wird sich seine Laune sicher
keinesfalls verbessern.“ Er holte tief Luft. „Also, meine Damen, wenn ich in
einer Viertelstunde nicht wieder draußen bin, ruft den Sicherheitsdienst und
rettet mir das Leben!“ Mit diesen Worten öffnete er schwungvoll die Tür zum
Büro seines Geschäftspartners und trat mit einem „Hallo Gregory“ in die „Höhle
des Löwen“ ein. Bette sah Meg fragend an, doch die hob nur die Schultern und
verschanzte sich hinter ihrem Schreibtisch.
Jeany
Gregory blickte
von seinen Akten auf.
„Hallo Ben, setz Dich doch. Was gibt es denn?“ fragte er und schloß mit
unwirschen Bewegungen das Fenster, da ihn der Straßenlärm zu stören schien.
„Zuerst einmal das hier zurück,“ sagte Ben, warf Gregorys Ordner mit den
Kalkulationen auf den Tisch und lehnte sich zurück, ohne seinen
Geschäftspartner aus den Augen zu lassen. So entging ihm auch nicht das kaum
wahrnehmbare Zucken in Gregorys Gesicht, als er den Ordner sah.
„Meg hat mir gesagt, Du hättest etwas gesucht, am Freitag. Das tut mir leid,
sicher waren es diese Unterlagen. Ich hatte auf der Baustelle zu tun, und
wollte Dir Arbeit ersparen.“
„Danke Ben“ beeilte sich Gregory zu sagen, „in der Tat, ich hab die
Kalkulationen gesucht, aber das ist nicht weiter tragisch, Bist Du damit
klargekommen?“ Seine Augen fixierten Ben genau, doch der ließ sich nicht aus
der Ruhe bringen.
„Nun, wenn ich ehrlich sein soll, nein.“ sagte er ruhig und stützte sein Kinn
auf seinen Arm auf, während er auf eine Reaktion wartete. Er hatte vergangene
Nacht noch einmal gründlich über die ganze Sache nachgedacht, vor allem aber
über das Telefonat, das Meg zufällig mitgehört hatte, und er hegte momentan
einen ganz bestimmten Verdacht.
Gregory zog die Augenbrauen hoch.
„Nein?“
„Ich frage mich die ganze Zeit, warum die Baufirma Deschanel nicht mehr
aufgeführt ist, und das seit dem Tag, an dem der Unfall mit Cole passierte.“
sagte Ben in beiläufigem Plauderton. Gregory zögerte.
„Das ist sicher nur ein Versehen. Ich werde das bestimmt vergessen haben.“
versuchte er sich aalglatt herauszureden.
Bens Augen wurden schmal, und seine Stimme klang noch etwas leiser, aber dafür
drohender, als er sich nach vorn beugte und sagte:
„Hör auf, mich für dumm zu verkaufen, Gregory, Du hättest mir nicht 10 Jahre
lang alles beibringen müssen, wenn ich Dir jetzt diesen Mist abkaufen sollte!
Du hast die Firma absichtlich rausgelassen, weil Du sie loswerden wolltest! Du
hast Deine Handlanger dafür bezahlt, das Gerüst zu manipulieren, damit es so
aussieht, als hätten Coles Leute gepfuscht, nur so hättest du einen Grund
gehabt, Cole Deschanel aus dem Vertrag zu feuern...“
„Ben“ unterbrach
ihn Gregory ärgerlich, „was soll das jetzt? Wer hat Dir denn diesen Blödsinn
erzählt?“
Ben lachte bitter.
„Wie gesagt, ich hab bei Dir gelernt, und nur, weil ich Deine miesen Tricks
nicht anwende, heißt das noch lange nicht, dass ich sie nicht durchschaue.“ Er
lehnte sich wieder zurück.
„Cole ist Dir ein Dorn im Auge, er ist nicht gut genug für Deine Tochter! Und
Du hast gedacht, so wirst Du ihn schnell und sauber los. Du konntest ja nicht
ahnen, dass er in dieser Nacht noch das Gerüst überprüfen würde!“
Die beiden Männer fixierten sich sekundenlang. Gregory war gerissen, aber Ben
ließ ihn seine Grenzen spüren. Knallhart wies er ihn hier in seine Schranken,
es hatte keinen Zweck, ihm etwas vorzumachen, das wusste er genau.
„Dieses kleine Luder hat also geredet...“ zischte er wütend. Ben schüttelte
nur den Kopf.
„Ich weiß nicht, welches kleine Luder Du meinst, aber mit mir hat niemand
geredet. Und auch ich werde mit niemandem darüber reden, unter gewissen
Bedingungen.“
Gregory stand auf und schenkte sich hastig einen Cognac ein, den er sofort
gierig hinunterspülte. Dann atmete er tief durch.
„Und was sind das für Bedingungen, Ben?“
„Du wirst dafür sorgen, dass Cole Deschanel die bestmöglichen Behandlungen
bekommt, die ihn schnell wieder auf die Beine bringen. Du wirst seinen
Krankenhausaufenthalt und seine gesamte Rehabilitation bezahlen und Du
beschäftigst seine Firma weiter an diesem Projekt.“
Gregory lächelte bitter.
„Ich nehme an, das ist keine Bitte!“
Ben schüttelte den Kopf.
„Du kannst seine Rechnungen über die Firma laufen lassen, um unsere
Großzügigkeit zu demonstrieren, aber bezahlen wirst Du das aus eigener
Tasche.“ sagte er mit fester Stimme.
Dann stand er auf und ging zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um.
„Versuch keine krummen Sachen mit mir, Gregory, ich zähle auf Dich! So wie Du
auf meine Verschwiegenheit.“
Joan war erleichtert, daß Sara inzwischen eingeschlafen war. Sie wollte sich gerade von ihrem Stuhl erheben, als jemand das Zimmer betrat. Joan hatte diesen Mann noch nie gesehen. Er war Mitte 20, dunkelhäutig und muskulös.
"Oh Entschuldigen Sie bitte", meinte er. "Ich wollte nicht stören." Dann zögerte er einen Moment. "Sie müssen Megs und Saras Mutter sein?"
"Ja, die bin ich. Joan Cummings", stellte Joan sich vor.
"Ich bin Michael Bourne, einer der Mitbewohner ihrer Töchter im Surfcenter."
"Freut mich, Sie kennenzulernen, Michael", antwortete Joan. "Ich hoffe, daß ich Ihnen nicht zur Last falle, wenn ich jetzt auch ein paar Tage bei Ihnen wohne."
Michael winkte ab.
"Keine Bange, im Surfcenter haben wir bisher noch für jeden einen Platz gefunden." "Manchmal fällt es schwer, seine Kinder so weit weg zu haben", sagte Joan plötzlich. "Ich versuche alles, um nicht zu aufdringlich zu erscheinen, wie eine Glucke. Darum rufe ich weniger an, als ich es eigentlich möchte."
"Das kenne ich irgendwo her", meinte Michael. "Ich habe auch ein Kind", fügte er hinzu. "Ach..."
"Ja. Jimmy wohnt bei seiner Mutter in Los Angeles. Virginia und ich, wir haben uns damals einfach nicht mehr verstanden, es ist nicht mehr gutgegangen. Sie hat das alleinige Sorgerecht für den Jungen, und sie kümmert sich auch wirklich sehr um ihn, das muß ich zugeben. Aber er fehlt mir doch sehr", sagte Michael mehr zu sich selbst. Es war, als hätte er Joans Anwesenheit mittlerweile völlig vergessen. Er blickte zum Fenster hinaus und starrte in die Ferne.
Joan räusperte sich, und brachte damit Michael wieder in die Wirklichkeit zurück. Verlegen lächelnd trat er vom Fenster zurück.
„Ähm, verzeihen Sie bitte, Misses Cummings...“
„Joan“ unterbrach sie ihn und nickte verständnisvoll. „Ach wissen Sie, Michael, manchmal ist es ganz gut, wenn man mal mit jemandem über seine Probleme sprechen kann. Selbst dann, wenn es ein Fremder ist.“
Michael sah sie an.
„Wissen Sie, dass Sie sehr viel Ähnlichkeit mit Meg haben? Nicht einmal so sehr vom Äußeren her, aber Sie strahlen genauso eine Wärme und Vertrautheit aus.“ sagte er aufrichtig. Joan strahlte.
„Danke, was für ein nettes Kompliment! Sie mögen Meg wohl sehr?“
„Sie werden keinen im Surfcenter finden, der sie nicht mag. Wir haben sie alle sehr gerne.“
„Das freut mich.“ meinte Joan. „Tja, Meg hat schon immer viele Freunde gehabt, sie hat so was an sich, ich weiß nicht, wie ich sagen soll... ich glaub, man muß sie einfach gerne haben.“
Michael nickte. Mit einem Blick auf die schlafende Sara sagte er leise:
„Sie ist noch nicht lange hier, aber ich hab das Gefühl, sie wird sich auch schnell einleben. Sara ist sehr lebhaft, nicht wahr?“
„Oh ja, das kann man wohl sagen.“ seufzte Joan mit einem Lächeln. „Sie ist ziemlich impulsiv und mitunter unberechenbar. Sie will immer alles und sofort, das hat uns manchmal fast zur Weißglut gebracht. Aber auch wenn sie es nicht jedem zeigt, so kann sie doch sehr verletzlich sein. Ich hoffe nur, dass sie mit ihrer überstürzten Verlobung keinen Fehler gemacht hat.“
„Verlobung?“ staunte Michael. „Hab ich was verpasst?“
Joan stutzte.
„Ach, Sie wissen das noch gar nicht? Nun, sie hat sich mit diesem Derek verlobt. Ich hab es auch gestern erst von Meg am Telefon erfahren.“
„Derek Evans?“ Michael überlegte fieberhaft. Aber der war doch ständig hinter Meg her! Wie kam denn dieser zwielichtige Typ dazu, sich mit Sara Cummings zu verloben?
Er sah Joans gespannten Blick und zwang sich zu einem verbindlichen Grinsen.
„Na, das ist ja eine Überraschung! Das ging ja wirklich schnell!“
Joan nickte nachdenklich.
„Hauptsache, sie kann sich bald wieder an alles erinnern.“
Sie nahm ihre Tasche.
„Ich denke, wir lassen Sara noch ein wenig schlafen. Ich bin auch ziemlich geschafft von dem langen Flug heute und werde mich wohl auch noch eine Stunde aufs Ohr legen.“ Sie lachte. „Sofern ich mich noch zum Surf Central zurückfinde.“
„Kein Problem, ich begleite Sie. Wir haben ja momentan die selbe Adresse.“
Jeany
Gabi war gerade am Empfang im Krankenhaus dabei, einige Karteien zu ordnen, als sie plötzlich eine Stimme hörte.
"Hallo Gabi, lange nicht mehr gesehen."
Gabi blickte von ihren Unterlagen auf.
"Paula!", rief sie erfreut. "Das ist ja eine Überraschung. Ich hab ja eine Ewigkeit nichts mehr von Dir gehört." Sie ging auf Paula zu und umarmte sie.
Gabi und Paula waren in ihrer Kindheit fast unzertrennliche Freundinnen gewesen. Gabi war beinahe schon so etwas wie eine Schwester für Paula. Doch dann hatte Gabi fürs Studium die Stadt verlassen, und seitdem ist der Kontakt mit Paula immer seltener geworden. Als Gabi dann wieder nach Sunset Beach zurückkehrte, war Paula bereits zu ihrem Mann nach Texas gezogen.
"Was machst Du denn hier?", wollte Gabi wissen. "Du bist doch hoffentlich nicht krank?" "Nein, keine Sorge. Ich war nur hier, um etwas Blut zu spenden. Und da dachte ich, nutz mal die Gelegenheit und halt nach Gabi Ausschau. Hat Casey Dir eigentlich nicht gesagt, daß ich zu Besuch bin?"
"Nein, hat er wohl völlig verschwitzt. In letzter Zeit war bei uns ziemlich viel los. Wie lange bleibst Du denn?"
Zum ersten Mal zögerte Paula einen Moment.
"Das weiß ich noch nicht so genau", antwortete sie schließlich. "Auf jeden Fall lang genug, daß wir uns nochmal sehen können."
"Das will ich hoffen. Heute habe ich leider Nachtschicht. Aber morgen abend habe ich frei. Vielleicht können wir da was zusammen unternehmen?"
"Das ist eine prima Idee. Es ist sowieso eine Schande, daß der Kontakt so plötzlich abgebrochen ist. Das darf sich keinesfalls wiederholen."
"Vollkommen richtig". Sie umarmten sich erneut, dann verabschiedete sich Paula.
"Bye Gabi", sagte sie. "Wir sehen uns."
"Bye Paula", erwiderte Gabi.
Sara rannte und rannte. Plötzlich kam sie an einem Feld vorbei. Alles war in Nebel eingehüllt, aber sie konnte deutlich ein Farmhaus erkennen. Tiere weideten auf einer Wiese, und plötzlich sah sie ihre Mutter und ihren Vater ganz deutlich vor sich. Sie gingen mit ausgestreckten Armen auf sie zu ... doch plötzlich wurde der Nebel dichter und sie verschwanden wieder. Stattdessen tauchte ein anderes Gesicht vor ihr auf. Sie sah in zwei tiefblaue Augen und eine Stimme sagte "Vertrau mir!" ...
Sara erwachte aus ihrem Alptraum und setzte sich ruckartig auf. Schlagartig waren alle Erinnerungen wieder da. Sie erinnerte sich an die letzten Minuten, ehe sie die Treppe hinuntergefallen war. Sie dachte an Derek, und plötzlich durchzuckte sie eine Erkenntnis. Er hatte sie angelogen, sie waren niemals verlobt gewesen!
Sara warf energisch die Bettdecke zurück und stand auf, doch sogleich erfasste sie ein heftiger Schwindel, so daß sie sich schnell wieder hinsetzte.
Was bezweckte er nur mit dieser Lüge?
Sie würde ihn zur Rede stellen und ihrer Mutter und Meg erzählen, daß sie nicht verlobt wären. Arme Mum, dachte sie. Das muß ja wirklich eine brutale Neuigkeit für sie gewesen sein!
Während Sara noch grübelte ging die Tür plötzlich auf und ihre Mutter trat herein. Noch bevor Joan Cummings etwas sagen konnte, erzählte Sara ihr gleich die gute Neuigkeit. "Mum, stell' Dir vor, ich kann mich wieder an alles erinnern! Ist das nicht wunderbar?" Joan nahm ihre Jüngste unter Tränen in die Arme.
"Oh, Sara, das ist die beste Neuigkeit seit langem!" sagte sie und strich ihr übers Haar. Sara räusperte sich.
"Ähm, Mum, da ist etwas, was Du vielleicht wissen solltest ..." begann Sara und Joan wartete neugierig auf Saras Mitteilung.
Sie wurden durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen. Sara seufzte, doch dann rief sie "Herein!" Sie zuckte leicht zusammen, als sie ihren Besucher erkannte.
"Derek, lieb von Dir, nach mir zu sehen!" Sara konnte es sich nicht verkneifen, etwas Ironie in ihren Tonfall mit hineinzulegen. Derek runzelte die Stirn. Noch bevor er etwas erwidern konnte, hatte Joan ihn schon am Arm gefasst.
"Stellen Sie sich vor, Derek, Sara hat mir vorhin erzählt, daß sie sich wieder an alles erinnern kann!" Sie strahlte ihn an, und Derek gefror das Lächeln, was er mühsam aufgesetzt hatte.
"Sie kann sich wieder an alles erinnern, ja?" Er sah vorsichtig zu Sara hinüber, die ihm einen vernichtenden Blick zuwarf. "Das ist einfach ... fantastisch." Derek rang mit den Worten.
"Mum," mischte sich Sara ein, "würdest Du mich mit Derek einen Moment alleine lassen!" Joan nickte kurz und verließ den Raum. Als sie gegangen war, konnte sich Sara nicht mehr beherrschen.
"Du Lügner, Du! Warum hast Du behauptet, daß wir verlobt sind?"
Derek sah sie nur schweigend an. Eine passende Antwort fiel ihm dazu nicht ein.
"Nicht nur," sagte Sara erbost, "daß Du mich angelogen hast, Du hast Dich auch noch bei meiner Familie einschleimen wollen! Warum?" Sie sah ihn prüfend an, doch seine Mine war wie versteinert. So sollten die Dinge eigentlich nicht laufen, und er fühlte sich mal wieder in die Enge getrieben.
"Willst Du es Deiner Mutter und Meg sagen?" fragte er vorsichtig. Er dachte an Meg. Wenn sie von seiner Lüge erfahren würde, hätte er sicher ein für allemal bei ihr verspielt. "Sara ..." begann er vorsichtig, doch sie ließ ihn nicht ausreden. Zu sehr war sie in Rage. "Meine Mutter und meine Schwester hatten recht, als sie mir sagten, daß Du nur mit Menschen spielen, sie nur für deine Zwecke ausnutzen würdest ...!" Sara machte eine Pause. Sie sah Derek mit tränenfeuchten Augen an. Er wich ihrem Blick aus. "... und natürlich werde ich meiner Familie sagen, was Du für ein Lügner bist! Was hast Du denn gedacht?"
Er streckte seine Hand nach ihr aus, um ihr übers Haar zu streicheln, aber sie wich ihm aus.
"Lass das! Ich denke, es ist alles gesagt, und Du kannst jetzt gehen. Ach ja, und hiermit kündige ich auch ganz offiziell meinen Job im Deep!" Sie sah ihn herausfordernd an.
Er warf ihr noch einmal einen langen Blick zu und verließ dann wortlos das Zimmer. Saras Selbstbeherrschung war dahin. Als ihre Mutter sie fand, lag sie wie ein Häufchen Elend im Bett und weinte herzzerreißend. Joan nahm sie in den Arm und wiegte sie wie ein Baby.
"Mum," schluchzte Sara, "ich habe gerade die Verlobung gelöst!"
Derek überlegte
fieberhaft, wie er die Angelegenheit mit Sara einigermaßen wieder in Ordnung
bringen könnte.
Ausgerechnet jetzt mußte das passieren! Wo er doch gerade jetzt auf dem besten
Wege gewesen war, mit offenen Armen in die Familie aufgenommen zu werden.
„Vielleicht...“ dachte er, und seine Augen wurden schmal, „vielleicht gab es
ja noch eine Möglichkeit, wenn er es zur Abwechslung mal mit der Wahrheit
versuchen würde!“
Er kaufte einen riesigen Strauß dunkelroter Rosen und machte sich am frühen
Abend auf den Weg zum Krankenhaus, darauf hoffend, Sara allein in ihrem Zimmer
anzutreffen.
Schon auf dem Flur zu ihrem Zimmer wurden seine Hoffnungen zerstört, denn Joan
Cummings lief ihm über den Weg, als sie gerade gehen wollte. Als sie ihn sah,
verschwand das Lächeln auf ihrem Gesicht.
„Derek“ sagte sie eisig, „ich glaube, es ist keine sehr gute Idee von Ihnen,
Sara jetzt zu besuchen. Doktor Robinson hat ihr jegliche Aufregung strengstens
untersagt, nachdem Sie ja heute Nachmittag ausreichend dafür gesorgt haben,
dass sie vollkommen außer sich war!“
„Es tut mir wirklich schrecklich leid, Joan, das war nicht meine Absicht!“
erklärte Derek mit dem verbindlichsten und aufrichtigsten Lächeln, das man
sich denken konnte. „Aus diesem Grund bin ich jetzt auch hier. Ich möchte in
Ruhe mit ihr reden und ihr erklären, wie es zu diesem Missverständnis gekommen
ist.“
„Missverständnis?“ Joan glaubte sich verhört zu haben. „Sie haben meiner
Tochter eingeredet, sie sei mit Ihnen verlobt, und das nennen Sie ein
Missverständnis?“
Derek hakte sich einfach bei Joan ein und führte sie zur nächsten Wartenische,
wo er ihr galant einen Stuhl anbot. Sie war zu überrascht von seinem
Verhalten, um irgend welchen Widerstand zu leisten.
„Hören Sie, Joan, am Anfang war es eine Notlüge, weiter nichts. Als Sara hier
eingeliefert wurde, war sie ohne Bewusstsein. Der Arzt fragte mich nach meinem
Verwandtschaftsverhältnis zu ihr, was hätte ich denn sagen sollen? Hätte ich
die Wahrheit gesagt, dass sie „nur“ meine Freundin ist, man hätte mich weder
zu ihr gelassen noch hätte ich erfahren, wie es um sie steht! Also sagte ich,
wir seien verlobt, verstehen Sie, nur um bei ihr sein zu können, um da zu
sein, wenn sie mich gebraucht hätte!“
Joan sah ihn prüfend an. Er wirkte richtig verzweifelt, und für einen Moment
glaubte Joan ihm. Doch dann siegte erst einmal wieder das Misstrauen.
„Na gut,“ sagte sie etwas ruhiger, „das sehe ich ja noch ein, aber dann, Sie
haben sie weiterhin belogen, und uns alle mit! Warum, Derek?“
Er seufzte und biss sich auf die Lippen.
„Tja, das ist eine schwierige Sache. Sehen Sie, Sara hat sich von Anfang an
sehr für unsere Beziehung engagiert, mehr, als ich es zuerst wollte. Sie ist
noch ziemlich jung...“
„Allerdings!“ unterbrach ihn Joan streng.
„Ja, ich versuchte auf Distanz zu bleiben, aber ich habe mich in sie verliebt,
und wir beide hatten so eine schöne Zeit! Als sie dann hier im Krankenhaus
aufwachte und man ihr sagte, sie sei mit mir verlobt, da hat sie sich so
gefreut, dass ich es einfach nicht fertigbrachte, ihr die Wahrheit zu
gestehen!“
Er sah, dass Joan tief Luft holte, um etwas zu entgegnen. Schnell fügte er
hinzu:
„Glauben Sie mir bitte, Joan, ich liebe Sara wirklich und will sie nicht
verlieren!“
Joan sah ihn sekundenlang an. Das, was er sagte, klang echt, wenn auch ihr
erster Eindruck von ihm immer noch in ihrem Kopf herumspukte.
„Gut.“ sagte sie dann und straffte die Schultern. „Ich glaube Ihnen,
allerdings kann ich nicht versprechen, ob Sara das auch tut. Sie hat ihren
eigenen Kopf, und sie kann verdammt stur sein. Gehen Sie zu ihr und erzählen
Sie ihr, was Sie mir eben gesagt haben, vielleicht verzeiht sie Ihnen.“ Sie
musterte ihn bedeutungsvoll. „Vielleicht.“
Derek zog eine Rose aus dem Strauß und reichte sie ihr.
„Danke Joan! Danke für Ihr Vertrauen!“
Joan sah ihm nach, wie er den Gang entlang zum Zimmer ihrer Tochter ging. Sie
wusste beim besten Willen nicht, was sie von ihm halten sollte und sie wurde
das unbestimmte Gefühl nicht los, dass trotz allem irgend etwas nicht stimmte.
Derek atmete tief durch. Das war die Vorstellung seines Lebens gewesen! Er
grinste, wenn er an seine Worte dachte. „Glauben Sie mir Joan, ich liebe Sara
wirklich...“ Wie sie ihn angeschaut hatte!
Wie würde sie wohl erst reagieren, wenn er ihr irgendwann sagte: „Joan, ich
liebe Ihre Tochter! Ich liebe Meg!“
Als Derek die Tür zu Saras Krankenzimmer öffnete, fand er ihr Bett leer vor. Er schaute sich im Raum um und legte die Rosen auf den kleinen Beistelltisch. Dann drehte er sich um und ging zur Auskunft.
"Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen, wo Sara Cummings ist?"
Die Schwester blätterte in einem dicken Buch.
"Cummings? ... Ach ja, hier. Sie wurde gerade von ihrem behandelnden Arzt zur Abschlußuntersuchung abgeholt. Soweit ich weiß, kann sie schon morgen früh entlassen werden."
Derek rieb sich erfreut die Hände. In ihrer vertrauten Umgebung wäre es sicher viel einfach für ihn, sie erneut zu erobern. Er überlegte einen Moment. Eigentlich konnte er ja ganz froh sein, daß er sie los war, aber es ärgerte Derek, daß sie ihn so abserviert hatte. Das würde er sich von keiner Frau bieten lassen! Als er sich herumdrehte und im Begriff war zu gehen, sah er plötzlich, wie eine Schwester Sara im Rollstuhl aus einem Behandlungsraum schob. Sofort erkannte Derek seine Chance und ging zu den beiden hinüber.
"Lassen sie nur, Schwester, ich werde meine Verlobte wieder auf ihr Zimmer bringen!" Die Schwester lächelte dankbar und sah kurz zu Sara, die mit zusammengepreßten Lippen dasaß und kurz mit dem Kopf nickte. Nachdem Derek sie auf ihre Zimmer gebracht hatte, stellte er den Rollstuhl vor ihrem Bett ab und legte ihr den Strauß mit den Rosen auf den Schoß. Sie schaute einen Moment auf den Rosenstrauß, ehe sie ihn von ihren Beinen schubste. Abweisend sah sie ihn an.
"Ich lasse mich nicht ködern!" sagte sie trotzig zu ihm. "Da muß Dir schon was besseres als Entschuldigung einfallen, als ein läppischer Strauß roter Rosen!" Verächtlich schaute sie zu ihren Füßen.
Derek sah sie überrascht an. Bisher hatte er immer geglaubt, daß ein Blumenstrauß jede Krise wieder gerade rücken könnte, aber offensichtlich funktionierte diese Masche nicht bei allen Frauen. Sara war hartnäckiger als er vermutet hatte! Er verlegte sich aufs Bitten.
"Okay, keine Entschuldigung - aber vielleicht wenigstens ein Waffenstillstand?"
Er schenkte ihr sein charmantestes Lächeln. "Ich will dir erklären, wie es zu der angeblichen Verlobung kam ..." begann er, doch wieder wurde er unterbrochen.
"Ich will nichts mehr davon hören, ist das klar?! Du hast meine Familie und mich wissentlich belogen, und das kann und werde ich Dir niemals verzeihen!"
Derek machte eine verzweifelte Handbewegung.
"Meine Güte, Sara, komm' mal wieder runter!" sagte er sichtlich genervt, "sogar Deine Mutter hat mich angehört. Du brauchst mir nur 5 Minuten zuzuhören ..."
Doch Sara wollte nicht. Störrisch hielt sie sich die Ohren zu. Dann tastete sie zum Klingelknopf und drückte ihn mehrmals. Sofort kam eine Schwester in den Raum gestürzt.
"Was ist passiert?" fragte sie. "Kann ich Ihnen helfen?"
Sara wies auf Derek.
"Ja, zeigen Sie dem jungen Mann, wo sich der Ausgang befindet!"
Derek starrte sie überrascht an. So ein resolutes Auftreten hatte er von der kleinen, süßen Sara nicht erwartet!
Der Schwester war es etwas peinlich, den Streit zwischen den Liebenden zu beobachten. Sie machte eine Handbewegung Richtung Tür.
"Bitte, Sir, um unnötigen Ärger zu vermeiden, sollten Sie vielleicht wirklich jetzt besser gehen!"
Derek zögerte einen Moment, doch plötzlich beugte er sich blitzschnell über Sara und gab ihr einen Kuß. Sie hatte gar keine Zeit, ihn wegzuschieben, und so starrte sie nur fassungslos hinter ihm her, als er die Tür hinter sich zuknallte.
Mona
Verstört und
schweißgebadet war Annie aus ihrem Alptraum aufgewacht. Sie setzte sich auf
und starrte böse das Telefon an.
„Ben, warum hast Du nicht zurückgerufen?“ fragte sie mit anklagender Stimme.
Sie stand auf und ging ins Bad. Nach einer erholsamen Dusche fühlte sie sich
etwas besser. Nachdenklich betrachtete sie sich im Spiegel.
„Ich muß wieder etwas mehr auf mich achten.“ beschloss sie. „So wie ich
aussehe, werde ich auf keinen Mann besonderen Eindruck machen. Weder auf Ben,
noch auf... Cole.“
Irritiert hielt sie inne. Wie kam sie denn neuerdings andauernd auf Cole? Die
Sache müsste doch nun erledigt sein, er ging seinen Weg und sie ihren! Es gab
nichts mehr, was sie mit ihm verband... Und trotzdem, Cole ließ sich einfach
nicht aus ihren Gedanken verdrängen.
Entschlossen griff Annie zum Fön und begann, ihr wundervolles rotes Haar zu
stylen.
Als sie das Badezimmer viel später verließ, war sie mit dem Ergebnis mehr als
zufrieden.
Ihre Lebensgeister waren wieder erwacht, sie fühlte sich erfrischt und so
stark, wie schon lange nicht mehr.
Sie überlegte, was sie als nächstes tun könnte, als das Telefon klingelte.
„Ben!“ dachte sie und riss erwartungsvoll den Hörer ans Ohr.
„Hallo?“ fragte sie atemlos.
Es war die Klinik, die sich meldete. Enttäuscht verdrehte Annie die Augen, als
Schwester Roxi ihr erklärte, dass sie nach der gestrigen Untersuchung ihre
Entlassungspapiere liegengelassen hatte. Roxi bot ihr an, diese mit der Post
nachzuschicken, doch Annie entschloss sich, noch einen Spatziergang zu machen.
„Lassen Sie alles liegen, ich komme vorbei und hole den Kram selbst ab.“
Beschwingt machte sie sich auf den Weg.
Mal sehen, was der Tag noch so bereithielt!
Jeany
Als sie durch die
Eingangstür des Sunset Memorial trat, wäre sie beinahe mit Derek
zusammengestoßen. Zuerst dachte sie mit freudigem Schreck, er sei Ben, doch an
seinem grimmigen Gesicht erkannte sie ihn.
„Na wen haben wir denn da?“ meinte sie höhnisch, „Du siehst aus, als hättest
du Stress im Kindergarten gehabt! Macht die Kleine etwas Schwierigkeiten?“
„Annie“ grüßte Derek wenig erfreut, „Du bist wohl auch schon ein Dauergast
hier?“ Er grinste. „Tja, ab einem gewissen Alter...“
„Spar Dir Deine dummen Sprüche!“ fauchte Annie. Derek lachte und hielt ihr mit
einer übertrieben freundlichen Geste die Tür auf, während sie hoch erhobenen
Kopfes an ihm vorbeirauschte, ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen.
Wie hatte sie nur jemals glauben können, er wäre wie Ben! Sie schnaufte
verächtlich und trommelte nervös mit den langen roten Fingernägeln auf den
Empfangstresen, bis Roxi ihr endlich ihre Aufmerksamkeit schenkte. Während die
Schwester Annies Papiere heraussuchte, kam Gabi den Gang entlang und legte
einige Krankenakten ab. Sie nickte Annie grüßend zu und meinte dann zu Roxi:
„So, das hier waren die letzten. Mister Howard und Mister Deschanel haben ihre
Medikamente bekommen. Ich mach dann jetzt meine Pause.“
Roxi nickte und reichte Annie einen Umschlag.
„Hier ist alles drin, was sie brauchen, Miss Douglas.“
Annie wollte schon gehen, doch etwas hielt sie auf. Sie konnte sich selbst
nicht erklären, warum sie das tat, als sie sich noch einmal umdrehte.
„Ähm, ... sagen Sie, ist Mister Deschanel in seinem Zimmer?“
„Aber sicher!“ antwortete Roxi.
„Ist jemand... ich meine, hat er gerade Besuch?“
Die Schwester überlegte einen Moment, dann schüttelte sie den Kopf.
„Soweit ich weiß, nicht.“
„Wunderbar!“ dachte Annie, nickte ihr dankend zu und machte sich auf den Weg
zu Coles Krankenzimmer.
Jeany
Leise, wie es
sonst gar nicht ihre Art war, betrat Annie Coles Krankenzimmer. Er schien zu
schlafen, doch als sie vorsichtig nähertrat, schlug er die Augen auf.
„Annie?“ fragte er ungläubig, und ein Lächeln huschte über sein Gesicht.
Verlegen trat sie an sein Bett.
„Hallo Cole, wie geht es Dir heute?“
Er grinste und setzte sich mühsam auf, was ihm jedoch noch sichtlich Schmerzen
bereitete.
„Ach weißt Du,“ grinste er, „was mich nicht umbringt, macht mich stark!“
Er sah sie prüfend an.
„Setz Dich doch! Ich freue mich, das Du doch nochmal vorbeischaust, auch wenn
ich nach Deinem gestrigen Besuch nicht mehr mit Dir gerechnet hätte!“
Annie zog sich einen Stuhl heran und ließ sich auf der Kante nieder, fast so,
als wolle sie jederzeit zur Flucht bereit sein.
„Na ja...“ begann sie etwas zögernd, „ich hatte heute noch einige Papiere
abzuholen, da dachte ich, wenn ich einmal hier bin...“
Cole griff nach ihrer Hand.
„Ich bin froh, Dich zu sehen!“ Das klang so ehrlich, dass Annie gleich wieder
ein schlechtes Gewissen bekam.
„Wenn Du nur wüsstest!“ dachte sie und schlug die Augen verlegen nieder.
„He, so kenne ich Dich ja gar nicht!“ lachte Cole schelmisch, wobei diese
unwiderstehlichen Grübchen auf seinen Wangen zum Vorschein kamen.
Annie zog ein wenig erstaunt die Augenbrauen hoch.
„Ich glaube, Du kennst mich noch gar nicht.“ meinte sie bedeutungsvoll. Sie
dachte kurz an diese eine schicksalhafte Nacht, die sie mit ihm verbracht
hatte, und fügte lächelnd hinzu:
„Na ja, zumindest nicht so richtig.“
Er sah sie an. Wo war plötzlich diese selbstsichere, mondäne Frau, mit der er
damals so schöne Stunden verbracht und die er dann zufällig auf der Party von
Gregory Richards wiedergetroffen hatte? Irgendwie schien sie ihm verändert,
sie wirkte blass und schmal und seltsam zurückhaltend, fast ängstlich.
Trotzdem fand er sie wunderschön.
„Hast Du noch große Schmerzen?“ fragte sie, nur um das Schweigen zu brechen.
Cole schüttelte den Kopf.
„Es wird schon wieder, das Schlimmste habe ich verschlafen!“
„Wie recht Du hast“ dachte Annie. Einer plötzlichen Eingebung folgend stand
sie auf und gab ihm einen Kuss, den er erstaunt erwiderte.
In diesem Moment ging die Tür auf und Caitlin kam herein. Fassungslos blieb
sie stehen und starrte auf die Szene, die sich da soeben vor ihren Augen
abspielte.
„Das kann ja wohl nicht wahr sein!“ rief sie empört. „Nach allem, was
geschehen ist, hast Du noch die Frechheit, hier aufzutauchen?“ Sie holte tief
Luft und wies auf die Tür.
„Raus hier, Annie, aber sofort!“
Die beiden Frauen
starrten sich sekundenlang an, dann drehte sich Annie abrupt um und verließ
grußlos das Zimmer.
Caitlin sah ihr wütend nach. Dann wanderte ihr Blick zu Cole. Mit großen Augen
sah sie ihn an. Er versuchte ein verbindliches Lächeln zustande zu bringen,
was ihm jedoch nicht so recht gelingen wollte.
„Caitlin...“ begann er und suchte krampfhaft nach einer Rechtfertigung, doch
sie unterbrach ihn sogleich.
„Es ist nicht zu fassen, was sich diese Frau herausnimmt!“ fauchte sie und
strich sich wütend mit der Hand über die Stirn. „Nur weil sie zufällig mal
eine Nacht mit Dir zusammen war, glaubt sie, sie kann sich alles erlauben!“
Jetzt war es Cole, der um seine Fassung rang.
„Du weißt...? Caitlin, ich kann Dir versichern...“
„Ist schon gut, Cole,“ Caitlin lächelte bitter und setzte sich zu ihm. Sie
streichelte über seinen Arm und versuchte, ihrer Stimme einen versöhnlichen
Klang zu geben. „Ich weiß von Eurer kurzen Affäre, und es interessiert mich
nicht.“
Sie sah seinen erstaunten Blick und schüttelte den Kopf. „Nein, wirklich, das
war schließlich vor unserer Zeit. Wir haben uns noch gar nicht gekannt. Aber
jetzt, wo sie das Kind verloren hat, was will sie dann noch von Dir?“
Ungeachtet seiner Schmerzen setzte Cole sich auf. Ungläubig starrte er Caitlin
an.
„Was hast Du eben gesagt? Annie war schwanger?“
Sie nickte.
„Aber ja, wusstest Du das etwa nicht?“
„Woher weißt Du
das?“ fragte Cole mit belegter Stimme. Caitlin lachte gereizt und verzog den
Mund zu einem abfälligen Lächeln.
„Derek Evans hat es mir gesagt, Annies ehemaliger Verlobter, auf seine ganz
spezielle, unverwechselbar charmante Art!“
„Und... hat er auch gesagt...“
„Wer der Vater des Kindes war?“ vollendete Caitlin den Satz und nickte dann
mit zusammengepressten Lippen. „Du natürlich, weshalb sollte er es mir denn
sonst erzählt haben! Aber ich habe gedacht, Du hättest davon gewusst!“
Cole schüttelte verständnislos den Kopf.
„Nein, dann hätte ich doch niemals.... ich meine...“ Er stöhnte schmerzlich
auf. „Caitlin, Du mußt mir glauben, ich wusste nicht, dass sie ein Kind von
mir erwartete! Ich wollte mich nicht vor der Verantwortung drücken!“
Caitlin versuchte ein Lächeln zustande zu bringen.
„Das hätte ich auch nicht von Dir gedacht, Cole.“ sagte sie aufrichtig.
„Trotzdem...“ ihr Blick ging gedankenverloren in die Ferne, „es war sehr
schwer für mich, als ich davon erfuhr.“
Cole ließ sich in die Kissen zurückfallen.
„Was glaubst Du, wie mir gerade zumute ist!“ dachte er bitter.
„Caitlin,“ begann er vorsichtig, „würde es Dir wohl etwas ausmachen, mich
einen Moment allein zu lassen?“
„Nein, natürlich nicht.“ antwortete sie leise. Sie stand auf und strich ihr
Kleid glatt. „Ich schau nachher nochmal rein.“
Als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, atmete Cole tief ein und schloß
die Augen.
„Mein Gott, Annie!“ dachte er, und ein innerer Schmerz schnürte ihm die Brust
ab, „warum hast Du bloß nichts gesagt? Warum? Wir hätten doch bestimmt eine
Chance gehabt, Du und ich.... und unser Kind!“
Gabi genehmigte sich eine kurze Pause in der Cafeteria des Krankenhauses. Sie hatte sich ein Buch mitgenommen, und während sie aß, las sie einige Zeilen.
"Darf ich Dir Gesellschaft leisten?" Sie schaute überrascht hoch und sah in Ricardos braune Augen. Sofort legte sie das Buch zur Seite, stand auf und gab ihm einen Begrüßungskuss.
"Natürlich, setz' Dich zu mir!" lud sie ihn ein, und er nahm Platz.
"Wie komme ich zu der Ehre?" fragte sie und sah ihn verschmitzt lächelnd an.
Er griff nach ihrer Hand.
"Ich hatte Sehnsucht nach Dir und konnte nicht bis morgen Abend warten!"
Sie sah ihn überrascht an.
"Morgen Abend?" fragte sie. "Ich dachte, daß ich vielleicht etwas für uns kochen könnte, und anschließend ... na, das wird sich finden!" Er grinste schelmisch.
Gabi entzog ihm ihre Hand und sah ihn entschuldigend an.
"Tut mir leid, Ricardo, aber ich habe morgen Abend schon eine Verabredung!"
Er sah sie überrascht an.
"Kenne ich ihn?" fragte er eifersüchtig.
"Sie!" verbesserte Gabi ihn. Sie holte tief Luft. "Paula ist wieder in Sunset Beach, und wir haben uns verabredet!"
Bei der Erwähnung von Paulas Namen zuckte Ricardo leicht zusammen. Gabi sah ihn aufmerksam an. Seine Gefühlsregung war ihr nicht entgangen.
"Paula ..." sagte er nur und hing kurz seinen Gedanken nach. Dann schüttelte er den Kopf und sah Gabi in die Augen. "Kein Problem, wir holen unser Essen dann ein anderes Mal nach, okay?" Er stand auf und gab ihr einen Kuß. "So, dann will ich Dich mal nicht von der Arbeit abhalten!" sagte er und strich ihr leicht über die Wange. "Wir sehen uns!" Er drehte sich um ging Richtung Ausgang.
Gabi sah ihm nachdenklich hinterher. Sie schob das Tablett zur Seite, klemmte sich ihr Buch unter den Arm und ging zurück zu ihrem Arbeitsplatz. Sie hatte noch eine lange Nacht vor sich.
Als Sara am nächsten Morgen erwachte, fühlte sie sich frisch und ausgeruht und freute sich darauf, bald wieder zu Hause sein zu können. Sie war fast wieder genesen, aber der Arzt hatte ihr geraten, sich in der nächsten Zeit noch zu schonen. Sie hatte mit Meg vereinbart, daß diese sie gegen 10 Uhr abholen sollte.
Sara sah auf die Uhr. Bis dahin hatte sie gerade noch eine Stunde Zeit. Vorsichtig stand sie auf. Sie war noch etwas wackelig auf den Beinen, aber zumindest war ihr nicht mehr schwindelig. Sie packte einige Sachen in ihre Tasche. Dann wusch sie sich und zog sich an. Sie hatte offensichtlich abgenommen, denn ihre Klamotten schlackerten um den Körper herum. Sie schaute in den Spiegel und erschrak. Sie sah ja furchtbar aus! Die blonden Haare hingen strähnig herunter, unter den Augen hatte sie dunkle Ringe, und ihre Wangen wirkten eingefallen.
Sara öffnete die Tür und schaute auf den Flur hinaus. Da sie noch etwas Zeit hatte, bis Meg sie abholen kam, ging sie den Gang hinunter. Als sie am Warteraum vorbeikam, stoppte sie kurz. Sie erkannte die junge Frau sofort. Annie Douglas! Was machte die denn hier?
Sara wollte weitergehen, als Annie sie ebenfalls erblickte.
"Ach nein, wer ist denn da?" sagte sie höhnisch. "Hat der Kindergarten heute Ausgang?" Sara warf ihr eine giftigen Blick zu. Annie musterte Sara von oben bis unten.
"Sie sehen ja schrecklich aus!" stellte sie fest. "Hat Derek Sie nicht gut genug gepflegt?" Sie lachte bitter auf.
Sara preßte die Lippen aufeinander.
"Das geht Sie ja wohl überhaupt nichts an!" schnappte sie zurück. Annie lachte wieder. "Seien Sie doch nicht so empfindlich! Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, Freundin von Derek Evans zu sein!" Sie sah Sara an. "Ist nicht immer einfach mit ihm!"
Sara musterte sie überrascht. Soviel Mitgefühl hätte sie von Annie nicht erwartet.
"Es hat Sie zwar nicht zu interessieren," begann Sara, " aber Derek und ich sind nicht mehr zusammen!"
Annie schaute überrascht hoch.
"Ach nein? Nun, dann kann ich Ihnen nur gratulieren! Er ist es nicht wert, daß man hinter ihm her weint!"
Sara sah Annie irritiert an. Sie wollte gerade etwas darauf antworten, als sie ihren Namen hörte.
"Sara? Bist Du fertig?" Meg stand vor ihr und schaute zwischen ihr und Annie hin und her. Sara sah sie an.
"Ja, ich bin fertig, wir können fahren!" Ohne sich noch einmal nach Annie umzuschauen, verließ sie mit Meg das Krankenhaus.
Auf dem Weg nach Hause unterhielten sich die beiden.
"Was wollte Annie von Dir?" fragte Meg neugierig. Wenn Annie im Spiel war, bedeutete das selten etwas Gutes! Sara warf ihr einen Seitenblick zu.
"Sie hat mir gratuliert, daß ich mit Derek Schluß gemacht habe!" sagte Sara bitter.
Meg sah kurz zu ihr hinüber. Als ihre Mutter ihr davon erzählt hatte, wie Derek sie alle an der Nase herumgeführt hatte, konnte Meg Saras Entscheidung auch nur begrüßen. Doch nun hatte sie den Eindruck, als ob Sara mit ihrer Entscheidung gar nicht so glücklich wäre. Sie nahm eine Hand vom Lenkrad und drückte die Hand ihrer Schwester.
"Du wirst ihn schon bald vergessen haben!" sagte sie tröstend. Sara sah angestrengt aus dem Fenster. Sie war sich nicht so sicher, ob sie Derek überhaupt jemals vergessen würde. Obwohl sie ihm so eiskalt eine Abfuhr erteilt hatte, waren ihre Gefühle für ihn unverändert. Sie schloß die Augen und döste vor sich hin. Als sie sie wieder öffnete, parkte Meg gerade den Wagen ein. Sara stieg aus und atmete die würzige Seeluft ein. Sie war wieder zu Hause!
Caitlin erwachte nach einer unruhigen Nacht. Sie hatte von Cole geträumt und von Annie Douglas. Caitlin konnte nicht verstehen, was diese jetzt noch von Cole wollte, wo ihr gemeinsames Kind tot war. Ob sie sich Sorgen machen mußte?
Nachdenklich stand sie auf und ging Richtung Badezimmer, um sich fertig zu machen. Als sie wenige Minuten später nach unten ging, traf sie ihre Mutter an, die, wie so oft, einen Morgendrink nahm.
"Caitlin, Liebes," begrüßte sie Olivia. "Du bist aber heute schon früh auf!"
Caitlin sah sie an und verzog das Gesicht.
"Mum, also wirklich, mußt Du schon so früh trinken?"
Olivia lachte, doch es klang nicht fröhlich.
"Wenn Du mit so einem Mann wie Deinem Vater verheiratet wärst, würdest Du auch schon morgens Alkohol trinken!" sagte sie bitter. Caitlin sah sie mitleidig an. Sie hatte schon oft genug erlebt, wie ihre Eltern sich gestritten hatten. Zustimmend nickte sie. "Entschuldige mich, Mum, aber ich möchte noch ein wenig am Strand spazieren gehen, bevor ich ..." Sie beendete den Satz nicht. Doch Olivias Neugier war geweckt.
"Was denn, Liebes?"
Caitlin wich ihrem Blick aus.
"Ach nichts, ich will heute einfach nur ein bisschen relaxen. Bis später!"
Caitlin verließ das Haus, ehe Olivia noch etwas sagen konnte.
Caitlin hatte kein bestimmtes Ziel vor Augen, als sie losging. Sie wollte nur nicht schon wieder am frühen Morgen bei Cole auftauchen, obwohl sie solche Sehnsucht nach ihm hatte. Bestimmt würde sie dann wieder auf Annie Douglas treffen, und darauf hatte Caitlin keine Lust. Sie würde etwas später ins Krankenhaus fahren, um Cole zu besuchen. Sie ging völlig in Gedanken durch die Gegend, als sie plötzlich vorm Java Web stehenblieb. Sie zögerte einen Moment, doch dann ging sie hinein.
Mark stand hinter dem Tresen und begrüßte sie freundlich.
"Hallo, Caitlin! Was treibt Dich denn hierher?" Sie schaute sich um. "Ach, eigentlich nichts bestimmtes. Ich bin nur ein wenig spazierengegangen und kam dann hier vorbei! Hast Du eine Cola für mich?"
Er grinste.
"Aber klar doch! Die spendiere ich Dir sogar!" Caitlin lächelte ihn an.
"Danke!" An einem Tisch winkte ein älterer Herr, und Mark sah Caitlin entschuldigend an. "Tut mir leid, aber die Pflicht ruft mal wieder!"
Caitlin wollte sich gerade an einen Tisch setzen, als ihr Blick auf ein Schild fiel, daß hinter dem Tresen an der Wand hing.
"Aushilfe für das Java Web und Deep gesucht. Gute Bezahlung. Bitte am Tresen melden oder bei Derek Evans persönlich."
Caitlin wartete, bis Mark wieder zurück war und sprach ihn dann an.
"Ihr sucht eine Aushilfe, lese ich gerade?"
Er nickte.
"Wieso, ich dachte, Ihr hättet die Stelle erst kürzlich neu besetzt?"
Mark rollte mit den Augen.
"Ja, Sara Cummings war bis vor kurzem hier Kellnerin, aber es gab Ärger zwischen ihr und dem Boß, und ... na ja, nun ist der Job wieder frei!"
Caitlin sah ihn neugierig an.
"Was für einen Ärger?" fragte sie. Mark seufzte.
"Das ist eine lange Geschichte, die ich Dir vielleicht ein anderes Mal erzähle!" blockte er ab. Caitlin richtet sich zu ihrer vollen Größe auf.
"Okay, dann habt Ihr ab heute eine neue Kellnerin - mich!"
Mark sah sie überrascht an.
"Du willst bei uns arbeiten? Aber Cait, ich glaube nicht, daß Dein Vater damit einverstanden sein wird!" gab er zu bedenken.
Caitlin sah ihn herausfordernd an.
"Mein Vater hat mir gar nichts zu sagen," sagte sie selbstbewußt. "Also, habe ich den Job nun oder nicht?"
Mark griff ihre Hand. "Willkommen im Team!" begrüßte er sie fröhlich.
Mona
"Bette ist mein Vater da?" Caitlin Richards schien bester Dinge zu sein.
"Oh, da hat aber
jemand gute Laune", meinte Bette fröhlich. "Das ist mal eine angenehme
Abwechslung, in letzter Zeit laufen hier nur noch Menschen mit solchen
Gesichtern rum." Bei dem "solchen" verzog sie den Mund, als hätte sie gerade
auf eine Zitrone gebissen. "Ja, er ist da, geh nur rein zu ihm, Caitlin."
Caitlin betrat stürmisch das Büro ihres Vaters und ging auf ihn zu.
"Daddy", begann sie, "ich habe eine gute Nachricht."
"Ausgezeichnet Schatz, ich kann eine Gute Nachricht wirklich gebrauchen."
"Gibts Probleme?", fragte sie. Gregory dachte an Coles Sturz und das Ben die Wahrheit herausgefunden hatte.
"Ja, aber reden wir nicht darüber", meinte er.
"Also gut, Daddy, ich habe einen Job", verkündete sie stolz.
"Ach", Gregory war überrascht. "Das kommt etwas unerwartet. Aber ich freue mich zu hören, daß Du deine Zukunft selbst in die Hand nehmen willst."
"Wirklich?", Caitlin war glücklich. Trotz ihrer enthusiastischen Stimmung hatte sie sich insgeheim auf eine Auseinandersetzung mit ihrem Vater eingestellt.
"Und weißt Du wo? Im "Deep" und im Java Web, das trifft sich prima. Da kann ich die eine Hälfte des Tages mich meinem Fernstudium widmen, und die andere dann kellnern." "Wo? Gregorys Einverständnis schien wie weggeblasen.
"Daddy, wenn Du meinst, daß diese Arbeit zu schlecht für mich ist..."
"Ja, das auch", gab Gregory zu. "Aber das ist nicht meine Hauptsorge. Mir paßt es gar nicht, daß Du ausgerechnet für Derek Evans arbeitest. Was meinst Du eigentlich, warum es kein weibliches Wesen zwischen 18 und 40 länger als einen Monat bei ihm aushält?" "Ach, Daddy. Bei mir ist das aber noch was anderes. Ich kenne Derek ja und kann mich auf ihn einstellen."
Doch Gregory legte die Stirn besorgt in Falten.
"Ja, wahrscheinlich hast Du recht", sagte er dann völlig überraschend. "Ist in Ordnung, Schatz. Ich bin einverstanden."
"Wirklich? Oh vielen Dank, Daddy! Aber um ehrlich zu sein, was ändern hättest Du sowieso nicht können. Aber ich bin froh, daß Du es so siehst." Sie umarmte Gregory und schwebte bester Laune davon.
"Ausgerechnet bei diesem Evans", dachte Gregory. "Aber ich werde schon dafür sorgen, daß er Caitlin nicht zu nahe kommt."
Er griff zum Telefon und wählte eine Nummer.
Hickengruendler
Tiffany lugte vorsichtig hinter der Ecke in der Nähe von Seans Schule hervor.
"Da ist er ja", dachte sie erfreut. "Hi Sean", rief sie dann laut.
"Tiffany", Sean versuchte nicht einmal, überrascht auszusehen. "Dich verschlägst es in letzter Zeit wohl ziemlich oft hier in die Gegend."
Tiffany blickte ihn mit großen Augen an.
"Soll ich jetzt behaupten, daß es Zufall ist", fragte sie.
"Nein", lächelte Sean. "Ich würde es Dir eh nicht glauben."
In diesem Augenblick rauschte Amy Nielsen an ihnen vorbei, den Kopf hoch erhoben, ohne Sean eines Blickes zu würdigen.
"Habt ihr Streit?" fragte Tiffany.
"Wir haben uns getrennt", erklärte Sean. "Wir mußten wohl beide feststellen, daß wir doch nicht so gut zusammen passen."
"Das tut mir leid", log Tiffany. Sean verzog das Gesicht.
"Ach komm", meinte er.
"Na ja gut. Um ehrlich zu sein habe ich schon immer gefunden, daß es andere gibt, die besser zu Dir passen."
"Ach, und diese "anderen" reden jetzt nicht zufällig mit mir?"
Anstatt eine Antwort zu bekommen lächelte Tiffany ihn an.
"Mein Vater scheint das übrigens auch neuerdings zu finden", fügte Sean hinzu.
"Ach, seltsam", erwiderte Tiffany. Sean betrachtete sie lange.
"Ja, sehr seltsam", fügte er dann bedeutungsvoll hinzu.
"Vielleicht findet er mich ja gar nicht mehr so übel, jetzt wo er Amy Nielsen kennengelernt hat", mutmaßte Tiffany.
Sean nickte. "Ja, so ungefähr hat er sich auch ausgedrückt."
"Siehst Du", meinte Tiffany. Doch Sean zögerte. Er traute der Sache nicht so ganz.
"Er hat mir auch gesagt, daß er Bescheid weiß, daß Du wieder in Sunset Beach bist." "Ach", meinte Tiffany.
"Ja. Wie Ihr Euch im "Deep" gesehen habt, und sogar ein paar Worte miteinander gewechselt habt. Das weißt Du doch auch noch, oder?"
"Ja, genau", nickte Tiffany. "Er war sogar ganz freundlich zu mir."
"So. Dachte ich es mir doch! Und jetzt probieren wir es zur Abwechslung mal mit der Wahrheit."
"Wie Bitte?", Tiffany blickte ihn unsicher an.
"Daddy hat mir erzählt, er hat Dich mit Spike am Strand gesehen. Vom "Deep" war keine Rede. Und darüber, daß Ihr Euch unterhalten habt, erst recht nicht."
"Sean, ich..." Doch Sean unterbrach sie.
"Laß mich ausreden. Daddy würde niemals einverstanden sein, daß Du wieder Kontakt mit mir aufnimmst. Es gibt nur eine Erklärung für seinen Sinneswandel."
Er ging auf sie zu und blickte ihr fest in die Augen.
"Du erpreßt ihn. Du erpreßt ihn, Dich wieder zu akzeptieren, so ist es doch, oder?"
An der Art wie Tiffany seinem Blick auswich, erkannte Sean, daß er die Wahrheit erraten hatte.
"Sean ich...", stammelte sie.
"Schon gut", unterbrach er sie. "Vielleicht kann ich Dich ja sogar verstehen."
"Ehrlich?" Tiffany blickte ihn hoffnungsvoll an. Sean nickte.
"Ja, ich weiß, wie mein Vater ist. Und das man bei ihm manchmal zum äußersten gehen muß", sagte er mehr zu sich selbst, als zu Tiffany. Dann wandte er sich wieder an sie. "Aber eins will ich noch wissen. Und sag mir bitte die Wahrheit, die ganze Wahrheit. Womit hast Du ihn in der Hand Tiffany?"
Derek war überrascht, als er von Mark erfuhr, daß Caitlin Richards seine neue Kellnerin sein würde. Wahrscheinlich würde Gregory ein Auge auf seine Tochter halten, dachte er sich und grinste. Er konnte ganz unbesorgt sein, die kleine Richards-Tochter interessierte ihn nicht. Er dachte an Sara, wie sie in sein Büro gestürzt gekommen war und ihn um einen Job gebeten hatte. Das ganze war nur wenige Tage her, und seitdem hatte sich sein ganzes Leben verändert. Er seufzte und versuchte den Gedanken an Sara zu verdrängen, aber soviel er sich auch bemühte, er hörte ständig ihr Lachen, sah ihr Gesicht vor sich ... Die Erinnerung an sie klebte wie ein Kaugummi in seinem Gehirn, und was er auch tat, er konnte sie nicht vergessen.
Wütend ballte er die Fäuste. Verdammt, dachte er. Was sollte das alles? Er wollte Meg, und nur Meg, aber wenn er die Augen schloß sah er doch wieder Sara vor sich.
Energisch schob er die Gedanken fort und widmete sich wieder seiner Arbeit.
Sara ging es ähnlich wie Derek. Sie konnte ihn auch nicht vergessen. Seitdem sie wieder im Surf Central war, hatte sie das Zimmer kaum verlassen.
Joan Cummings und Meg machten sich Sorgen um sie. Der Unfall hatte Sara verändert, besser gesagt, die Trennung von Derek. Sie hatte ihre Fröhlichkeit und Spontanität verloren, saß die ganze Zeit nur am Fenster und starrte nach draußen, als ob sie von dort eine Antwort erwartete. Sara hatte jegliches Interesse an allem verloren, und Meg begriff erst jetzt, wie sehr Sara Derek wirklich geliebt hatte. Sie stellte sich für einen Moment vor, wie es sein würde, wenn Ben sie verlassen würde, und bei diesem Gedanken wurde sie sehr traurig. Sie schob den Gedanken beiseite. Wieso hatte sie nur solche Gedanken? Ben und sie waren doch glücklich miteinander und es gab nichts, was sie auseinanderbringen würde!
Meg ging zu ihrer Schwester hinüber, die auf dem Sofa saß und Löcher in die Decke starrte.
"Komm' schon, Sara," sagte sie. "Es ist heute so ein herrlicher Tag. Wir sollten ein wenig an den Strand gehen und etwas schwimmen!" Sie sah Sara erwartungsvoll an.
Diese lächelte schwach.
"Geh doch alleine, Meg. Mir ist nicht nach schwimmen zumute!" Meg sah Sara an und dann platzte ihr der Kragen.
"Jetzt will ich Dir mal was sagen, kleine Schwester ... Wir können nichts dafür, daß Du Liebeskummer hast, aber Du ziehst uns mit Deiner ständig schlechten Laune da mit hinein! Wenn Du ihn so sehr liebst, dann gehe doch zu ihm und sage ihm das!"
Meg blitzte sie wütend an. Sara hob überrascht den Kopf. Ihr war plötzlich, als würde sie aus einem tiefen Traum erwachen. Meg hatte recht, das wußte Sara, aber sie konnte sich auch nicht vorstellen, Derek einfach gegenüberzutreten und ihm zu gestehen, daß sie ihn liebte. Dafür war sie doch zu stolz, zumal sie ihm erst vor wenigen Stunden eine Abfuhr erteilt hatte. Sie sah ihre Schwester an.
"Okay, Meg, lass' uns schwimmen gehen, damit ich auf andere Gedanken komme!"
Meg lächelte vielsagend und holte schnell ihre Badesachen.
Am Strand war um diese Zeit nicht viel los, und Sara und Meg suchten sich ein Plätzchen ganz in der Nähe des Wassers. Während Meg schon einmal die Wassertemperatur prüfte, legte Sara sich auf ihr Strandlaken und döste in der Sonne. Sie hatte die Augen geschlossen, als sie plötzlich eine Stimme hörte.
"Entschuldige, darf ich mich dazu legen?" Sara öffnete die Augen und blinzelte. Irgendwoher kannte sie das Gesicht, war sie sich sicher. Bis ihr wieder einfiel, wo sie die junge, blonde Frau schon einmal gesehen hatte. Auch Caitlin erkannte sie. Sie hatte Sara schon in Begleitung von Meg gesehen und wußte, daß sie ihre Schwester war. Sara setzte sich auf.
"Aber sicher," sagte sie und wies auf den Platz neben sich. Caitlin legte ihr Strandtuch neben Saras und setzte sich darauf.
Meg kam aus dem Wasser und begrüßte Caitlin.
"Hallo! Schön, Dich auch mal wiederzusehen!“
Caitlin lächelte und streckte Sara die Hand hin.
"Ich bin Caitlin!" Sara streckte ihr ebenfalls die Hand entgegen.
"Ich heiße Sara, und das ist meine Schwester Meg!"
Caitlin nickte.
"Meg arbeitet für meinen Vater. Wir kennen uns schon!"
Sara sah sie erstaunt an.
"Die Welt ist wirklich klein! Sag' mal, irre ich mich vielleicht, oder haben wir uns nicht schon im Krankenhaus gesehen?"
Caitlin schluckte.
"Ja, haben wir. Ich habe dort einen Freund besucht, und Du?"
Sara sah sie an.
"Ich hatte einen kleinen Unfall, mußte ein paar Tage dort bleiben," sagte sie, "aber wie Du siehst," fügte sie hinzu, "bin ich fast wieder die Alte!"
Caitlin grinste.
"Ja, sieht ganz so aus! Da fällt mir ein, wo ich Dich gerade hier treffe ... wie ist denn eigentlich Deine Meinung über Derek Evans?" Sie sah Sara neugierig an. "Ich frage nur, weil ich seit heute für ihn arbeite und Du doch auch mal seine Angestellte warst," fügte sie hinzu.
Saras Lächeln gefror auf ihren Lippen, als Dereks Name fiel. Abrupt sprang sie auf und rannte Richtung Wasser. Caitlin sah ihr verstört hinterher. Sie sah Meg fragend an.
"Habe ich was falsches gesagt?"
Meg seufzte.
"Nein, schon gut. Es ist nicht Deine Schuld, aber beim Thema Derek Evans ist Sara derzeit etwas dünnhäutig." Meg sah ihrer Schwester nachdenklich hinterher, die langsam immer tiefer ins Wasser hineinging.
An diesem Tag
sollte Cole noch einmal unerwarteten Besuch bekommen.
Sein Arbeitgeber persönlich gab sich die Ehre.
„Hallo Cole, wie geht es Ihnen?“
Mit einem aufgesetzten Lächeln trat Gregory näher.
Mühsam setzte Cole sich auf und sah ihm gespannt entgegen. Was kam wohl jetzt?
Würde Mister Richards ihm sagen, dass der Auftrag am Bau der Ferienanlage für
ihn erledigt und er gekündigt sei?
Cole hatte sich telefonisch bei seinem Vorarbeiter über den aktuellen Stand
der Dinge erkundigt und wusste, dass bisher alles glatt lief und alle Termine
genau eingehalten wurden. Er wusste aber auch, dass die Polizei zur Zeit immer
noch wegen Verdacht auf Sabotage ermittelte, Detektiv Torres war bei ihm
gewesen und hatte ihn ausführlich dazu befragt, und Cole hatte ihm deutlich
gesagt, dass er es für ausgeschlossen halte, dass das Baugerüst aufgrund eines
Fehlers seiner eigenen Leute zusammengestürzt sei, er selbst hatte schließlich
mit daran gearbeitet und alles nach Fertigstellung genaustens kontrolliert.
Was also bewog seinen derzeitigen Boss, ihn hier höchstpersönlich aufzusuchen?
Er wies auf den Stuhl neben seinem Bett.
„Bitte setzen Sie sich doch, und nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich liegen
bleibe!“ meinte er scherzhaft.
Gregory nahm umständlich Platz.
„Ich freue mich zu sehen, dass Sie sich bereits auf dem Weg der Besserung
befinden.“ begann er etwas zögernd.
Cole nickte.
„Ja, es wird zwar noch etwas dauern, aber ich denke, wenn ich hier rauskomme,
werde ich wieder ganz der Alte sein.“
Gregory betrachtete ihn nachdenklich. Oh ja, er konnte seine Tochter
verstehen, der Junge sah wirklich gut aus, eigentlich ein Typ, den man sich
gut als Schwiegersohn vorstellen konnte, aber leider kam er nicht aus den
richtigen gesellschaftlichen Kreisen. Das machte diese Verbindung schon von
vornherein für ihn unakzeptabel. Im Nachhinein wünschte er nur, er hätte
dieses „Problem“ auf andere Art gelöst, jetzt, wo Ben ihn damit in der Hand
hatte.
„Das ist genau der Grund, warum ich hier bin, Cole,“ sagte er gespielt
freundlich, „die Zeit Ihrer Rehabilitation.“
„Oh“ Cole machte eine abwehrende Handbewegung, „Mister Richards, ich
versichere Ihnen, dass ich mich natürlich bemühen werde, diese Zeit so
begrenzt wie möglich zu halten, um schnell wieder für Sie arbeiten zu können,
und ich weiß auch, dass meine Leute ihren Terminplan in der Zwischenzeit exakt
einhalten werden...“
„Cole!“ unterbrach ihn Gregory, „ich möchte keinesfalls, dass Sie in irgend
einer Weise Ihre Gesundheit in Frage stellen, nur um schnell wieder auf der
Baustelle zu sein, ganz im Gegenteil!“
„Nicht?“ fragte Cole leicht irritiert. „Soll... das vielleicht heißen, ich bin
gefeuert?“
Mit gespieltem
Erstaunen zog Gregory die Augenbrauen hoch.
„Wie kommen Sie denn auf diese absurde Idee?“ Er räusperte sich und meinte
dann: „Nein, niemand will Sie feuern, ganz im Gegenteil! Ihre Firma leistet
hervorragende Arbeit, Sie können wirklich stolz auf Ihre Männer sein!“
Er machte eine kleine Pause und holte tief Luft.
„Ich möchte, dass Sie die Zeit hier im Krankenhaus nutzen, um sich bestmöglich
zu erholen, um wieder ganz gesund zu werden, das bin ich... das heißt, die
Liberty Corporation ist Ihnen das schuldig, schließlich ist der Unfall auf
unserer Baustelle passiert, während Sie bei unserer Firma unter Vertrag
standen. Also Cole,“ er stand auf und nickte dem erstaunt dreinblickenden
Patienten wohlwollend zu, „was ich damit sagen will, ist, dass die Liberty
Corporation alle bisher anfallenden und zukünftigen Kosten übernimmt, die zu
Ihrer völligen Genesung beitragen werden.“ Er klopfte Cole gönnerhaft auf die
Schulter. „Nutzen Sie die Zeit, um richtig gesund zu werden, und danach werden
wir weiter zusammenarbeiten. In der Zwischenzeit verlassen Sie sich auf Ihre
Leute, Sie haben allen Grund dazu.“
Cole war absolut überrascht.
„Mister Richards, ich... ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, das ist
wirklich sehr großzügig von Ihnen...“
„Das ist schon in Ordnung, Cole.“ entgegnete Gregory, und das Lächeln fiel ihm
zusehends schwerer, „die Liberty Corporation ist für ihre Großzügigkeit
bekannt, und wir wissen gute Leute immer zu schätzen. Also dann...“ er reichte
dem jungen Mann die Hand, „erholen Sie sich und werden Sie wieder ganz
gesund!“
Er ging zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um.
„Ach ja, noch eine Kleinigkeit, Cole, ich wäre sehr glücklich darüber, wenn
sich Ihre Bekanntschaft mit meiner Tochter auf rein geschäftliche Dinge
beschränken würden, denn wie Sie wissen, steht Caitlin kurz vor Beginn ihres
Jurastudiums und soll später einmal die Firma übernehmen. Da wäre es gut, wenn
sie nicht so viel ihrer kostbaren Zeit damit verbringen würde, sich mit Ihnen
zu treffen, sondern sich auf das Wesentliche konzentriert. Ich hoffe, Sie
verstehen das richtig!“
Er nickte Cole zum Abschied verbindlich zu und verließ das Zimmer.
Cole saß da und starrte auf die Tür. Er konnte kaum glauben, was er eben
erlebt hatte.
Gregory Richards bot ihm großzügigerweise an, all seine Schulden zu übernehmen
und im Gegenzug dazu verlangte er, dass er seine Freundschaft zu Caitlin
möglichst schnell beenden sollte?
Er konnte sich nicht helfen, aber irgendwie kam ihm das doch sehr eigenartig
vor.
Derek war auf dem
Weg ins „Deep“, als er Meg am Strand sah. Sie trug wieder diesen tollen
knappen Bikini und saß auf einem Strandlaken neben Caitlin Richards, seiner
neuen Bedienung.
Derek schmunzelte. Es war ihm zwar schleierhaft, wieso Gregory Richards es
zuließ, dass seine kleine Prinzessin bei ihm als Kellnerin arbeiten wollte,
aber die Sache versprach interessant zu werden. Auf keinen Fall würde er
Caitlin aufgrund ihrer Familie irgendwelche Privilegien einräumen, ganz im
Gegenteil! Er hatte bisher mit Mister Richards noch nichts weiter zu tun
gehabt, weder geschäftlich noch privat, man hatte sich einfach gegenseitig
toleriert, ohne den jeweiligen „Hoheitsbereich“ des anderen zu verletzen.
„Friedliche Koexistenz“ nannte man das wohl.
Derek grinste. Nun, vielleicht würde sich das ja nun ändern, da Caitlin für
ihn arbeitete!
Diese Vorstellung amüsierte ihn. Er scheute keine Konfrontation, und schon gar
nicht mit dem Geschäftspartner seines Bruders. Es war doch immer gut zu
wissen, wo dessen Stärken, und was noch wichtiger war, wo seine Schwächen zu
finden waren!
Dereks Augen wanderten wieder zu Meg.
Er stellte sich vor, wie er zu ihr hinüber gehen und sich neben sie setzen
würde. Lächelnd würden sie sich beide in die Augen sehen, dann würde er sie
zärtlich umarmen und ihre Lippen würden sich finden...
In diesem Moment sah er Sara aus dem Wasser kommen. Ihr durchaus erfreulicher
Anblick ernüchterte ihn schlagartig. Er beobachtete, wie sie sich nach ihrem
Handtuch bückte und begann, ihr nasses Haar damit zu trocknen.
Sara... Derek dachte an die Nacht mit ihr, an ihre weiche Haut und wie
verliebt sie ihn angesehen hatte. Er schüttelte den Kopf, als könne er seine
Gedanken damit vertreiben, und wollte schon gehen, als Sara plötzlich wie
versteinert stehenblieb und in seine Richtung starrte. Sie hatte ihn gesehen!
Derek überlegte, was er tun sollte. Hinübergehen?
Er hob die Hand und winkte ihr zu. Sara rührte sich nicht. Sie fixierte ihn
böse, um ihm kurz darauf demonstrativ den Rücken zuzudrehen.
„Na gut“ dachte Derek und sein Lächeln verschwand von seinem Gesicht, „wir
werden ja sehen, wer von uns beiden dieses kleine Spiel gewinnt!“
„So in Gedanken?“
Erschrocken drehte Derek sich um.
„Connors!“ fauchte er, „Was fällt Ihnen ein, sich so an mich
heranzuschleichen!“
Eddie grinste schmierig.
„Wieso?“ fragte er und blickte interessiert in die Richtung, in die Derek bis
jetzt
so vertieft gestarrt hatte. Er lachte anzüglich. „Ich muß zugeben, ein sehr
verführerischer Ausblick! Da kann man schon mal seine Umgebung vergessen!“
Derek kniff wütend die Augen zusammen.
„Es ist ziemlich unprofessionell von Ihnen, sich hier mit mir sehen zu lassen,
Connors! Hatten wir nicht eine Abmachung?“
„Klar, deswegen wollte ich auch mit Ihnen reden.“ lenkte Eddie ein. „Mein
derzeitiger Arbeitgeber verlangt von mir, dass seine Angelegenheit absolute
Priorität hat, das heißt, ich kann zur Zeit mit niemand anders Geschäfte
machen, wenn Sie verstehen, was ich meine.“ Derek betrachtete ihn finster.
„Und? Was soll das heißen?“
„Nun“ Eddie fühlte sich sichtlich unwohl unter dem drohenden Blick der dunklen
Augen, „ich würde wirklich gerne wieder für Sie arbeiten, nur... momentan, na
ja, also...“ Er zog einen Umschlag aus seiner Hemdtasche und reichte ihn
Derek, „es ist wohl besser, wenn Sie das hier erst einmal selbst erledigen
würden.“
Erstaunt betrachtete Derek den Umschlag von allen Seiten, dann öffnete er ihn.
Darin lag ein Stapel Fotos. Fotos von Ben und Annie, wie sie sich in den Armen
lagen und sich küssten.
Ein teuflisches Grinsen zog über Dereks Gesicht. Auch wenn Eddie in seinen
Augen ein Versager war, von seinem Job als Hobbyfotograf verstand er etwas.
Er steckte den Umschlag ein und nickte.
„Okay, Connors, Sie hören dann von mir. Irgendwann!“
Mit langen Schritten ging er davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Als Gregory Richards nach Hause kam und sein Arbeitszimmer betrat, wartete Sean bereits auf ihn. Er saß in Gregorys Drehstuhl und fixierte seinen Vater kritisch.
"Sean, was...", begann Gregory, doch weiter kam er nicht mehr. Sean fiel ihm sofort ins Wort.
"Du bist wirklich das Letzte!" begann er.
"Sean, wovon redest Du?"
"Ach komm, spiel nicht den Unschuldsengel. Tiffany hat mir alles erzählt."
Gregory schluckte. "Was nun" schoß es ihm durch den Kopf. "Nichts zugeben. Immerhin kann es sein, daß Sean von etwas ganz anderem redet." Doch das dem nicht so ist, begriff Gregory beim nächsten Satz seines Sohnes.
"Mir ist ja klar, daß Du zu einigem fähig ist. Aber das Du auch das Leben eines Menschen aufs Spiel setzt, nur weil er nicht Dein Weltbild paßt, hat mich dann doch überrascht, obwohl ich nicht ganz genau weiß, wieso eigentlich." Er erhob sich aus dem Drehstuhl und blickte Gregory scharf in die Augen. Dieser erwiderte den Blick.
"Was immer Dir Deine kleine Freundin auch erzählt hat", entgegnete er scheinbar emotionslos. "Sie wird es sich ausgedacht haben."
Doch Sean schüttelte den Kopf.
"Nein, das hat sie nicht. Dazu paßt alles so gut zusammen. Außerdem hat sie mir auch ihre Rolle gebeichtet, und die war ja nun auch alles andere als glücklich. Du hast an dem Gerüst manipulieren lassen und in Kauf genommen, daß ein Mensch verletzt wird. Wer weiß", mutmaßte er, "vielleicht wolltest Du Cole ja auch umbringen?"
Gregory hielt den Atem an.
"Das traust Du mir doch nicht wirklich zu!"
Sean zögerte.
"Ich weiß nicht, was ich Dir zutrauen soll."
Gregory reagierte schnell: "Na gut, Du hast recht. Ich habe an dem Gerüst manipulieren lassen. Aber ich konnte doch nicht ahnen, daß Cole noch darauf steigt. Ich bezahle sogar seine gesamte Regenerationsphase", fügte er schnell hinzu.
"Oh wie großzügig", spottete Sean. "Aber mich würde es sehr interessieren, was Caitlin sagen würde, wenn sie davon hört."
"Wenn ich wovon höre, Sean?" Caitlin stand in der Tür und blickte neugierig von ihrem Vater zu ihrem Bruder.
"Caitlin..." Gregory versuchte, vollkommen unbefangen zu wirken, aber Sean fiel auf, daß sein Vater blass wurde.
"Ich hab meinen Namen gehört", begann Caitlin. "Wovon habt Ihr geredet? Was soll ich erfahren?"
"Weißt Du Schatz...", begann Gregory, doch Sean unterbrach ihn:
"...Wenn Du davon erfährst, daß die Liberty Corporation die gesamte Rehabilitationszeit von Cole bezahlt."
Caitlin war erstaunt.
"Oh Daddy. Das ist ja wunderbar! Wie lieb von Dir." Sie umarmte ihn stürmisch und gab ihm einen Kuss auf die Wange. "So jetzt muß ich aber gehen", meinte sie. "Cole besuchen." Kaum hatte sie die Tür geschlossen, wandte sich Gregory wieder an Sean. "Sean...", begann er dankbar.
"Hör auf Daddy, ich will nichts hören. Ich habe das nicht für Dich gemacht, sondern für Caitlin. Vielleicht hätte ich ihr ihre Illusionen über Dich nehmen sollen, aber ich bring es nicht fertig, sie leiden zu sehen. Wahrscheinlich ist es ein Fehler, daß ich sie nicht aufgeklärt habe." Er schlenderte zur Tür. "Ach ja", fügte er noch hinzu. "Für den Fall, daß mit Tiffany etwas passieren sollte, oder sie wieder spurlos verschwinden sollte, überlege ich es mir wegen Caitlin vielleicht noch anders. Ich hoffe, wir haben uns verstanden." Sean schloß die Tür und ließ seinen Vater zurück.
"Verdammt", zischte Gregory.
Hickengruendler
Nachdem Sara Derek am Strand gesehen hatte, war ihre Stimmung wieder auf dem Nullpunkt. Es war offenbar egal, wohin sie ging, er tauchte überall auf! Meg beobachtete ihre Schwester. Caitlins Frage und Dereks überraschendes Auftauchen am Strand hatten Sara anscheinend total durcheinander gebracht. Es tat Meg in der Seele weh, Sara so leiden zu sehen. Aber sie wußte auch nicht, wie sie ihr helfen sollte. Sie konnte ja schlecht zu Derek gehen und ihm von Saras Gemütszustand erzählen! Nicht noch einmal würde sie sich in die Höhle des Löwen begeben, das schwor sie sich, aber irgendetwas mußte getan werden. Sie wußte nur noch nicht was.
Während sie noch nachdachte, kam Gabi die Treppe herunter.
"Hallo, Ihr beiden!" grüßte sie freundlich. "Was macht Ihr für lange Gesichter?"
Sara sah sie nicht einmal an, sondern rannte an ihr vorbei in ihr Zimmer. Meg seufzte tief und sah Gabi an.
"Es ist wegen Derek - mal wieder! Er war vorhin am Strand ...!" Sie unterbrach den Satz. "Es ist zum Haareraufen, Gabi, aber ich weiß absolut nicht, wie ich meiner Schwester helfen soll!"
Gabi seufzte ebenfalls.
"Gar nicht, das ist eine Sache zwischen ihr und Derek! Besser, Du hältst Dich da 'raus!" Meg nickte.
"Du hast recht. Das geht mich nichts an!" Erst jetzt sah sie Gabi genauer an. "Hey, Du hast Dich ja chic gemacht ... für Ricardo?" fragte sie schmunzelnd.
"Nein, nicht für ihn, sondern für Paula!"
Meg sah sie überrascht an. "Deine alte Freundin aus Jugendtagen?"
Gabi nickte.
"Was macht sie hier in Sunset Beach?" fragte Meg neugierig. "Ich dachte, sie lebt mit ihrem Mann in Texas!"
Gabi sah sie nachdenklich an. "Ich weiß nicht so genau," erwiderte sie, "aber Paula wird es mir sicher nachher sagen. Wir haben uns verabredet!"
Meg hob die Schultern und ließ sie wieder fallen.
"Okay, Gabi, dann wünsche ich Dir viel Spaß für nachher ... ich will jetzt mal nach Sara schauen!"
Gabi schaute sich um.
"Wo ist eigentlich Eure Mutter?"
"Sie wollte in der Stadt Erledigungen machen," gab ihr Meg zur Antwort. "Mark hat ihr sein Auto geliehen."
Gabi lachte.
"Na, dann hoffe ich, daß er es heil wiederbekommt!"
Meg lachte ebenfalls, drehte sich dann um und ging die Treppe zu Saras Zimmer hinauf.
Als Joan Cummings gegen späten Nachmittag nach Hause kam, war es erstaunlich ruhig im Haus. „Alle ausgeflogen?“ wunderte sie sich. Doch plötzlich hörte sie von oben eine Stimme.
"Mum, bist Du das?" Meg hatte ihre Mutter gehört und rief nach ihr. Joan ging die Treppe hoch in Megs Zimmer.
"Ja, ich bin's. Was ist denn los? Sind alle weg? Wo ist Sara?"
Meg wies zur Wand.
"Sie hat sich in ihrem Zimmer vergraben und schmollt." Meg forderte ihre Mutter auf, Platz zu nehmen. "Wir waren heute am Strand und dort lief uns ausgerechnet wieder Derek über den Weg!" Meg warf ihrer Mutter einen verzweifelten Blick zu. "Seitdem hockt sie nur auf ihrem Bett und starrt Löcher in den Teppich!"
Joan sah Meg nachdenklich an. "Ich hatte gehofft, " begann sie zögernd, "daß sich die Sache mit den beiden wieder einrenken würde."
Jetzt war es Meg, die ihre Mutter überrascht ansah.
"Einrenken? Wie meinst Du das?"
Joan erzählte Meg von ihrer Begegnung und dem Gespräch, welches sie mit Derek im Krankenhausflur geführt hatte. Meg hörte aufmerksam zu und unterbrach ihre Mutter nicht. Sie machte sich ihre eigenen Gedanken zu der Sache. Sie konnte sich nicht so recht vorstellen, daß Derek wirklich in Sara verliebt war, nicht, nachdem er so eine Show vor ihr abgezogen hatte. Aber offenbar war ihm wirklich daran gelegen, Sara zurückzubekommen.
Warum nur?, fragte sich Meg. Sie konnte sich nicht vorstellen, daß Derek etwas Uneigennütziges tat, aber sie konnte auch ihre Schwester nicht mehr leiden sehen. Meg hatte plötzlich eine Idee, wie man Sara helfen könnte.
"Mum," sagte sie und sprang auf. "Geh' zu Sara und erzähl' ihr, was Du mir gerade erzählt hast! Vielleicht hört sie Dir zu, und die beiden vertragen sich wieder!"
Joan sah ihre Tochter skeptisch an.
"Meinst Du? Ich weiß nicht, ob ich mich da einmischen sollte!" Meg sah ihre Mutter an. "Ja, ich weiß auch nicht, ob es der richtige Weg ist, aber Sara ist so unglücklich ... ich möchte ihr gerne helfen!" Joan sah Meg liebevoll an und nahm sie in den Arm.
"Sara kann sich glücklich schätzen, daß sie so eine Schwester wie Dich hat!"
Meg lächelte verlegen.
"Danke, Mum, aber nun geh' und bring' es hinter Dich! Ich bin ja schon so gespannt, wie Sara reagieren wird!"
Joan zwinkerte ihr zu und stand dann auf, um zu Sara zu gehen.
Nachdem ihre Mutter wieder gegangen war, saß Sara verwirrt auf ihrem Bett und dachte nach. Wenn sie daran dachte, wie sie ihn behandelt hatte, fühlte sie sich schlecht. Er hatte ihr ja offensichtlich alles erzählen wollen, aber sie war zu stur gewesen, um ihm zuzuhören. Sara dachte darüber nach, was Derek ihrer Mutter erzählt hatte. Er würde sie lieben, und er hätte nur weiterhin behauptet, daß sie verlobt wären, weil sie so glücklich über diese Nachricht gewesen wäre.
Sara stieß einen tiefen Seufzer aus. Sie hatte offenbar alles falsch verstanden.
Ob Derek ihr jemals verzeihen würde? Sie wußte, daß sie jetzt den ersten Schritt tun mußte, um sich wieder mit ihm zu versöhnen. Der erste Schritt wäre jetzt erst einmal, sich bei ihm zu entschuldigen, dachte sie.
Entschlossen sprang sie auf. Ein Blick in den Spiegel zeigte ihr, daß sie gut genug für einen Auftritt bei Derek aussah.
Sie klappte ihr Handy aus und wählte seine Nummer. Ihr Herz klopfte wild, als sie seine Stimme hörte. Schnell legte sie wieder auf.
Sara rannte die Treppe hinunter und schlug die Haustür hinter sich zu. Ihr Weg führte sie zum Deep.
Derek saß in seinem Büro und dachte nach. Auf seinem Tisch lagen ausgebreitet die Fotos von Annie und Ben, die ihm Eddie zugesteckt hatte. Er grinste. Meg würde sicher sehr überrascht sein, wenn sie diese Fotos sehen würde. Ihren geliebten Ben würde sie dann wohl mit ganz anderen Augen sehen, und er hätte sicher leichtes Spiel bei ihr. Zufrieden rieb er sich die Hände. Er nahm die Fotos und steckte sie zurück in den Umschlag. Bald, sehr bald würde er Gebrauch davon machen!
Er legte den Umschlag beiseite und holte sich eine Rechnung zur Bearbeitung.
Er war ganz in seine Arbeit versunken, als er ein leises Klopfen hörte.
"Ja, bitte!" Sein Kopf war noch über die Papiere gebeugt, als Sara eintrat. Erst als sie sich räusperte, sah er hoch.
Sie stand vor ihm und drehte nervös an einem Ring an ihrem Finger. Derek war zu überrascht, um etwas zu sagen. Er starrte sie nur an. Einige Sekunden lang sahen sie sich beide nur an, bis Sara das Schweigen brach.
"E-es tut mir leid!" sagte sie schwach und starrte angestrengt auf den Fußboden.
Derek sah sie verwirrt an.
"Wie? Ich meine ... was meinst Du?" Ihm fiel absolut nichts ein, wofür sie sich entschuldigen mußte. Sara hob den Kopf und erwiderte seinen Blick.
"Meine Mum hat mir alles erzählt ... warum Du behauptet hattest, daß wir verlobt wären!" Sara versuchte seinem Blick auszuweichen. Zu peinlich war diese ganze Situation für sie, und sie hatte auch Angst vor seiner Reaktion.
Derek stand auf und kam ein paar Schritte auf sie zu.
"Ich habe es Dir selber erzählen wollen, aber Du wolltest nicht zuhören!" sagte er entschuldigend und sah sie an.
"Ja, ich weiß und es tut mir leid!"
Er hob vorsichtig ihr Kinn und sah ihr tief in die Augen. "Du mußt Dich nicht entschuldigen," sagte er.
Sara sah ihn überrascht an.
"Du verzeihst mir?"
"Da gibt es nichts zu verzeihen!" Derek strich ihr vorsichtig über die Wange und die Lippen, und dann beugte er sich über sie und küßte sie sanft. Sara erwiderte den Kuß und schlang ihre Arme um seinen Hals. Derek zog sie enger an sich.
Wie er sie vermißt hatte und das Gefühl, sie wieder in den Armen zu halten!
Derek verspürte eine unendliche Erleichterung, daß er Sara wiederhatte.
Sie hielten sich die ganze Zeit fest umschlungen, und Ort und Zeit schienen völlig vergessen zu sein.
Rae saß im Krankenhaus in der Cafeteria bei einer Tasse Kaffee und hing ihren Gedanken nach. Wei-Lee -, seine Rückkehr hatte die Dinge alles andere als einfacher gemacht. Rae hatte sich damals gegen den Willen ihrer Eltern durchgesetzt und die Verlobung mit ihm gelöst. Das war ihr nicht leicht gefallen, denn in diesem Moment wußte sie, daß eine Kluft zwischen ihr und ihren Eltern entstehen würde. Sie waren sehr verständnisvoll zu ihr gewesen, hatten ihre Entscheidung akzeptiert. Aber Rae spürte, daß sie, vor allem ihr Vater, insgeheim doch enttäuscht waren. Rae war dann nach Sunset Beach gegangen, in der Hoffnung, hier völlig neu anfangen zu können, was ihr auch gelungen war. Sie hatte neue Freunde, eine gute Arbeitsstelle, und Casey...
Plötzlich zuckte sie zusammen.
"Casey", dachte sie, "was überlegst Du denn da, Casey und ich sind doch gar nicht zusammen! Wahrscheinlich hat er überhaupt kein Interesse an mir."
Des öfteren wollte sie ihre Eltern anrufen, aber sie hatte sich nie dazu durchringen wollen. Was, wenn ihre Befürchtungen bestätigt würden, und ihr Vater ihr direkt sagt, daß er ihr nie verzeihen würde? Und schließlich funktionieren Telefone ja auch von zwei Seiten. Die Tatsache, daß ihre Eltern nie angerufen haben, wollte ja schon einiges heißen. Bestimmt waren sie insgeheim eben doch wütend mir ihr. Und dann war Wei-Lee wieder aufgetaucht und gab ihr relativ deutlich zu erkennen, daß er gerne wieder mit ihr zusammen sein würde.
Es war wie eine zweite Chance. Eine zweite Chance, doch wieder mit ihren Eltern ins Reine zu kommen, sie müßte sich nur für Wei-Lee entscheiden.
Rae seufzte. Wieder und wieder dachte sie an ihre Eltern, dann aber auch an Casey, Gabi, Michael und die anderen im Surfcenter.
Ihr war klar, daß sie eine dieser beiden Gruppen wohl für immer verlieren würde.
Hickengruendler
Cole betrachtete Caitlin lange.
"Ich kann nicht sagen, daß ich begeistert über diese Eröffnung bin", meinte er dann.
"Oh Cole, wirklich! Du machst genau das gleiche Gesicht, wie Daddy, als ich es ihm erzählt habe."
"Caitlin, das Du arbeiten willst, ist ja sehr gut von Dir. Aber warum denn bei Derek Evans?"
"Weil die Stelle frei geworden ist, darum."
"Cait, Du weißt doch genau, was ich meine. Das ist der Mann, von dem du mir neulich erst berichtet hast, daß er Dir genußvoll alles über Annies Fehlgeburt erzählt hat. Warum willst Du jetzt für ihn arbeiten?"
Doch Caitlin winkte ab.
"Ich weiß, ich mag ihn ja auch nicht. Aber ich will endlich auf eigenen Beinen stehen. Nicht mehr länger nur Daddys Tochter sein. Ich will mein Fernstudium selbst finanzieren, und da ist ein Job bei Derek Evans besser als gar keiner. Glaub nur nicht, ich fall auf den rein! Ich mag ihn nicht, und das wird sich auch nicht ändern. So viel werde ich mit ihm gar nicht zu tun haben. Der ist doch sowieso meistens im Büro oder gar nicht da."
Sie lächelte ihn an.
"Oder bist Du etwa eifersüchtig?"
Cole lächelte zurück.
"Nein, ich halte Dich für viel zu schlau, als daß Du Dich an den heranmachst. Ich hab eher Angst davor, was er mit Dir machen könnte."
"Ach komm Cole, nun wirklich! Wie gesagt, ich arbeite mit ihm ja kaum, meistens mit Marc oder diesem neuen Kellner aus Kansas. Derek Evans gehört der Laden, das ist alles."
"Ja, Du hast wohl Recht", meinte Cole. "Ich kann es Dir ja eh nicht ausreden."
"Ganz genau", nickte Caitlin entschieden.
Derek blickte zu Sara hinüber, die sich bei ihm eingehackt hatte.
"Sie hat Courage, das muß ich ihr lassen", überlegte er. "Aber eine viel zu leichte Beute. Ich sollte sie mir warm halten, bis ich die Schwester kriegen kann."
Mit seiner rechten Hand rieb er sich über seine Jackentasche.
"Und hier drin habe ich das Mittel, daß ich sie auch bald bekommen kann."
Er grinste diabolisch.
"Ach nein", vernahm er plötzlich eine zynische Stimme hinter sich. "Diese Trennung hat ja nicht lange gedauert. Schade, ich hätte sie für schlauer gehalten, Sara."
Annie Douglas kam auf die beiden zu. "Wenn ich ihnen ein Rat geben darf", meinte sie. "Lassen Sie ihn sausen, solange Sie noch können. Derek gehört zu den Menschen, die zu echten Gefühlen gar nicht fähig sind."
"Dir muß man das ja glauben", konterte Derek. "Niemand bezweifelt, daß sich keiner so gut mit solchen Menschen auskennt wie Du."
Annie lächelte spöttisch.
"Du läßt nach, Derek. Deine Sprüche werden immer schlechter."
Sara rollte mit den Augen.
"Komm Derek. Laß diese Hexe doch in Ruhe. Die ist doch nur neidisch, weil sie ganz allein ist." Sie ging einen Schritt auf Derek zu. "Sie hatten Derek doch gehabt. Aber er hat mir alles über Sie erzählt, daß Sie ihn betrogen haben und von einem anderen Mann schwanger waren, und daß er deshalb die Verlobung gelöst hat."
Annie machte große Augen.
"Das hat er wirklich gesagt? Ist ja interessant, bei Gelegenheit muß ich Ihnen mal die ganze Geschichte erzählen."
Derek kochte vor Zorn.
"Annie, ich warne Dich..." Er sah zu Sara hinüber, die ihn überrascht anblickte. "Wehe, Du tischst Sara irgendwelche Lügen auf!"
"Habe ich nicht nötig", entgegnete Annie. "Die Wahrheit ist in diesem Fall vielsagender als jede Lüge. Na ja, Miss Kansas 2, wenn Sie mal Interesse an der ganzen Geschichte haben, kommen sie vorbei! Auf Wiedersehen." Sie schlenderte davon.
"Sara, ich..." begann Derek.
"Derek hör auf", fiel Sara ein. "Was immer diese Frau sagen wird, ich werde ihr nicht glauben."
"Nein?", vergewisserte sich Derek.
"Natürlich nicht. Oder denkst Du, ich glaube irgend so einer dahergelaufenen Intrigantin mehr als Dir?"
"Gut", meinte Derek grinsend. "Gut, das beruhigt mich wirklich."
Marc stand im "Deep" hinter dem Tresen, als Caitlin Richards hereingestürmt kam.
"Hi, da bist Du ja schon", begrüßte er sie. "Eine halbe Stunde zu früh."
"Ja, ich wollte
auf keinen Fall zu spät kommen, und da bin ich so früh los", gab Caitlin zu.
"Nun, wenn Du willst kannst Du gleich anfangen", schlug Marc vor. "Die
beiden", er wies zu einem Tisch, an den sich Paula und Gabi vor ein paar
Minuten gesetzt haben, "haben noch nicht bestellt." Caitlin nickte. "Gut, dann
kommt jetzt die Feuerprobe", meinte sie lächelnd.
"Paula, ich muß Deinen Mann unbedingt mal kennenlernen", meinte Gabi in diesem
Moment. "Es darf ohnehin nicht passieren, daß wir uns wieder so aus den Augen
verlieren. Ach hab ich..." In diesem Moment trat Caitlin an ihren Tisch.
"Darf ich Euch was bringen?", meinte sie.
"Caitlin!" rief Gabi überrascht. "Arbeitest Du jetzt hier?"
Caitlin nickte.
"Ja, Ihr seid meine ersten Gäste." erklärte sie. Gabi und Paula lachten.
"Oh, was für eine Ehre." Paula bestellte einen Rotwein, während Gabi eine "Bloody Mary" nahm.
"Hab ich Dir eigentlich schon erzählt", nahm sie den Faden wieder auf. "das eine Wahrsagerin mir prophezeit hat, daß ich eine alte Freundin aus Jugendtagen wieder sehen würde!"
"Ist nicht wahr?", meinte Paula. Dann fügte sie bedeutungsvoll hinzu: "Wer weiß, vielleicht ist da ja doch was dran." Sie lachte und Gabi stimmte in das Lachen mit ein.
Annie hatte zunehmend schlechte Laune. Irgendwie lief in letzter Zeit alles schief. Die Krönung war, daß Meg Cummings Schwesterherz sich wieder mit Derek versöhnt hatte. Nicht, daß sie noch das geringste Interesse an Derek hatte. Sie war ihn los, und sehr froh darüber, aber irgendwie hatte es sie zufrieden gestimmt, daß er auch allein war. Aber das hatte sich ja wieder geändert.
"Dieser widerliche Charmebolzen erreicht sein Ziel auch immer", dachte sie wütend.
Um sich
abzulenken, beschloß sie den Abend im "Deep" zu verbringen.
Sie betrat den Nachtclub auf die ihr ganz eigene Weise. Wie immer zog sie
sofort die Blicke aller Gäste, ganz besonders die der männlichen, auf sich.
Elegant schlenderte sie zu der Theke und nahm Platz.
"Was war denn das?", erstaunt lugte sie hinter den Tresen. "Gregorys Tochter arbeitet jetzt hier?" Für einen Moment dachte sie an Caitlins Verhalten, als sie Cole im Krankenhaus besucht hatte. "Vielleicht habe ich heute doch noch meinen Spaß", überlegte sie mit einem Grinsen auf den Lippen.
Annie wartete, bis sich Marc um einen der Gäste an den anderen Tischen kümmerte, dann rief sie nicht zu laut, aber zumindest so, daß es nicht zu überhören war:
"He Bedienung!"
Caitlin stöhnte kurz auf, kam dann aber zu Annie.
"Ja, was gibts?", fragte sie so höflich wie möglich.
"Sieh mal einer an", erwiderte Annie, "darf man fragen, seit wann Du Dich als Bardame versuchst? Das gehört sich doch gar nicht für ein anständiges Mädchen."
"Richtig Annie", erwiderte Caitlin. "Das wäre wohl eher was für Dich."
"Solche Bemerkungen gegenüber den Gästen gehören sich aber nicht! Du weißt doch, der Kunde ist König."
Caitlins Versuch sie anzulächeln, endete mit einem grimmigen Zucken der Mundwinkel. "Möchtest Du etwas trinken, Annie?"
"Natürlich, möchte ich das. Was glaubst Du eigentlich, warum ich hier sitze. Ich hätte gern einen Cocktail, irgendwas gemischt, hauptsache, es ist Alkohol drin, den kann ich heute Abend gebrauchen."
"Wie Du meinst, Annie."
Etwa fünf Minuten später kam sie mit dem Cocktail, den sie direkt vor Annie hinstellte. "Du hast Dir aber Zeit gelassen", meinte diese boshaft. "Na ja, wenn man bisher immer alles bekommen hat, ohne den Finger zu krümmen, fällt einem so was natürlich schwer." Caitlin blickte sie wütend an.
"Wenn Du mich entschuldigen würdest, Annie. Ich hab noch andere Gäste, um die ich mich kümmern muß." Annie grunzte etwas Unverständliches, woraufhin Caitlin wieder zu dem Tisch mit Paula und Gabi ging.
"Die hat es gut", dachte Annie. "Ihr Vater liebt, ihre Mutter liebt sie, Cole liebt sie. Jeder liebt sie. Und mir will sie irgendwelche Vorschriften machen. Die würde ich mal an meiner Stelle sehen." Sie trank ihren Cocktail in einem Zug aus.
"Noch einen", blökte sie.
Hickengruendler
Gabi genoß es, mal wieder mit Paula ein längeres Gespräch zu führen, auch wenn diese ihr irgendwie bedrückt vorkam. Vielleicht irrte sie sich auch! Gabi schob den Gedanken beiseite und nippte an ihrem Drink.
Paula räusperte sich.
"Du wunderst Dich doch sicher, warum ich in Sunset Beach bin und nicht in Texas ..." Sie unterbrach den Satz kurz. "... bei meinem Mann, oder?"
Gabi sah sie überrascht an.
"Ja, ein wenig schon, aber wer sagt denn, daß Paare immer alles gemeinsam machen müssen!" Sie lächelte. Paulas Miene verzog sich nicht.
"Ich will es Dir sagen, weil wir immer ehrlich zueinander waren! Mein Mann und ich, wir ... haben uns getrennt!"
Gabi setzte ihren Drink ruckartig ab, so daß der Alkohol über den Rand schwappte.
"Oh, Paula, das tut mir schrecklich leid!" sagte sie und ergriff die Hand ihrer Freundin. "Willst Du darüber reden?" Paula sah sich um und schüttelte den Kopf.
"Nicht hier," flüsterte sie Gabi zu. "Ich wollte nur, daß Du weißt, warum ich wirklich hier bin!"
Gabi runzelte die Stirn. Das Paula ihren Mann verlassen hatte, war eine Sache und erklärte nicht, warum sie nach Sunset Beach zurückgekehrt war. Plötzlich durchfuhr sie ein schrecklicher Gedanke.
Ricardo! Paula war zurückgekehrt, weil sie Ricardo zurückhaben wollte!
Paula sah Gabi irritiert an. Ihr Freundin sah aus, als ob sie einen Geist gesehen hätte! "Gabi, ist alles in Ordnung?" Gabi starrte auf die Pfütze auf dem Tisch, die ihr Drink verursacht hatte, als sie ihn so unsanft abgesetzt hatte. Dann schaute sie auf ihr Kleid. "I- ich glaube, ich habe mir gerade den Drink über das Kleid gegossen," log sie. "Ich werde schnell auf die Toilette gehen und den Fleck rauswaschen!"
Ohne auf Paulas Reaktion zu warten, stand Gabi auf und rannte Richtung Damentoilette. Paula sah ihr verwirrt hinterher.
Caitlin hatte die beiden Frauen beobachtet und wunderte sich über Gabis "Flucht". Sie ging zu Paula hinüber.
"Ist alles in Ordnung?" fragte sie und schaute Paula fragend an. Paula wies auf die Pfütze.
"Gabi hat ihren Drink verschüttet, und offenbar hat auch ihr Kleid etwas abbekommen!" Caitlin schien erleichtert.
"Ich wische es sofort weg," sagte sie und verschwand, um einen Lappen zu holen. Während Paula noch auf Gabi wartete, sah sie plötzlich einen Mann die Treppe herunterkommen. Ihr Herz schlug schneller. Er hatte sie offenbar auch sofort erkannt und kam auf sie zu.
"Paula, ich habe schon von Gabi erfahren, daß Du wieder in Sunset Beach bist! Ich freue mich ...!" Er sah ihr tief in die Augen. Sie erwiderte seinen Blick.
"Ricardo ... schön, Dich zu sehen! Möchtest Du einen Moment Platz nehmen?"
Paula lächelte ihn an. Er erwiderte ihr Lächeln, doch plötzlich erstarrte er, als er sah, wie Gabi auf den Tisch zusteuerte.
Derek und Sara zogen sich an diesem Abend in Dereks Wohnung zurück, damit sie ihre "Wiedervereinigung" feiern konnten. Nachdem sie ihr Abendessen vom Pizza-Service verspeist hatten, brachte Derek sie in sein Schlafzimmer, und sie gaben sich ganz ihrer Leidenschaft hin. Sara schlief schließlich völlig erschöpft in seinen Armen ein, während Derek über die Fotos nachdachte.
Er mußte sich einen Plan zurechtlegen, wie er Meg die Fotos unterjubeln konnte. Sie würde sie sehen und erkennen, was für ein Schuft sein Bruder war und in seine Arme gelaufen kommen.
Derek grinste zufrieden. Er hätte Meg und alle seine Sorgen wären beseitigt. Was wollte er mehr?
Sara seufzte im Schlaf, und Derek fand in die Gegenwart zurück. Sara ... - Was wäre mit Sara, wenn er und Meg ein Paar sein würden? Er konnte nicht beide haben, das war ihm klar, aber er konnte sich auch nicht vorstellen, auf Sara zu verzichten. In der kurzen Zeit hatte er sich sehr an sie gewöhnt, und liebe Gewohnheiten gab man nicht so schnell auf! Energisch schob er den Gedanken beiseite. Jetzt war sie erst einmal bei ihm, und wenn er und Meg ein Paar wären, würde sich auch eine Lösung für Sara finden lassen.
Derek kuschelte sich an sie, und mit diesem beruhigenden Gedanken schlief er ein.
Als Gabi von der Damentoilette des Deep kam, sah sie gleich, daß Paula nicht mehr alleine war. Ricardo stand neben ihr und lächelte sie an.
Bei seinem Anblick zog sich ihr Herz zusammen! Konnte es wirklich sein, daß Paula immer noch in Ricardo verliebt war, und wie waren seine Gefühle für sie?
Gabi atmete tief durch und ging dann auf die beiden zu. Ricardo reagierte zuerst.
Als Gabi am Tisch angekommen war, begrüßte er sie mit einem Kuß.
"Hallo, Schatz! Ich wußte nicht, daß Du und Paula hier sein würdet. Ich war nur zufällig in der Gegend!" Es klang fast wie eine Entschuldigung für Gabis Ohren.
Sie zwang sich zu einem Lächeln.
"Du brauchst Dich nicht zu rechtfertigen, Ricardo. Du kannst doch hingehen, wo Du willst!" Es klang etwas schärfer als beabsichtigt, und Ricardo sah Gabi auch gleich prüfend an. Sie drehte den Kopf weg und setzte sich.
Paula war Gabis spitze Bemerkung auch nicht entgangen, obwohl sie sich nicht erklären konnte, warum ihre Freundin plötzlich so schlechte Laune hatte.
Ricardo sah abwechselnd von Gabi zu Paula.
"Wenn ich störe, gehe ich wieder!" sagte er leicht verunsichert.
"Nein, Ricardo, setz' Dich zu uns," lud Paula ihn ein. Und zu Gabi gerichtet:
"Du hast doch nichts dagegen?"
Gabi nickte nur zustimmend, sah aber weder Ricardo noch Paula dabei an. Der Abend verlief ganz anders, als sie geplant hatte. Paula und Ricardo hatten beste Laune, und für Gabis Geschmack flirtete Ricardo etwas sehr offensichtlich mit Paula.
Sie war nicht nur wütend, sie fühlte sich auch bald wie das viel zitierte fünfte Rad am Wagen. Dabei hatte dies ihr und Paulas Abend werden sollen. Sie riss sich zwar die ganze Zeit zusammen und machte eine gute Miene zum bösen Spiel, aber ihre Kopf schmerzte höllisch, und irgendwann entschuldigte sie sich bei den beiden und verließ das Deep. Aber auch an der frischen Luft wurden ihre Kopfschmerzen nicht besser.
Zuviel beschäftigte sie, und etwas anderes nagte noch an ihr - Eifersucht!
Sara erwachte mitten in der Nacht nach einem Alptraum. Sie hatte von Annie Douglas geträumt, und ihre Worte "Derek ist zu keiner echten Liebe fähig!" klangen ihr immer noch in den Ohren. Sie rollte sich vorsichtig aus dem Bett, um Derek nicht zu wecken. Sie schaute auf die Uhr - 1.42 Uhr. Siedendheiß fiel Sara ein, daß sie weder ihrer Mutter noch Meg gesagt hatte, wo sie hingegangen war. Sie würden sich sicher schreckliche Sorgen machen!
Leise schlich sie sich nach unten, griff zum Telefon und wählte Megs Handynummer. Es dauerte eine Weile, ehe sie Megs verschlafene Stimme hörte.
"Ja?"
"Meg? Hier ist Sara! Entschuldige, daß ich Dich mitten in der Nacht anrufe, aber ich wollte nur sagen, daß ich bei Derek bin!"
Einen Moment war totale Funkstille.
"Meg? Bist Du noch da?"
"Ich freue mich für Dich, Schwesterherz!" war dann alles, was Meg herausbrachte. Nachdem Sara aufgelegt hatte, drehte Meg sich zu der anderen Bettseite um.
"Ben, ob Du es glaubst oder nicht, aber meine Schwester und Dein Bruder haben sich wieder versöhnt!"
Nachdem Sara das Gespräch beendet hatte, legte sie das Telefon beiseite und sah sich im Wohnzimmer um. Sie war überhaupt nicht mehr müde und beschloß, noch ein wenig unten zu bleiben. Sie setzte sich an den Schreibtisch und schaute auf das Chaos vor ihr. Was für eine Unordnung, dachte sie und fing automatisch an, einige Papiere zu ordnen. Plötzlich rutschten einige Unterlagen vom Tisch und fielen auf die Erde.
Sara bückte sich danach, um sie aufzuheben, als ihr Blick auf den Inhalt eines braunen Umschlages fiel.
Vor ihr auf dem Fußboden lagen die Fotos von Eddie!
Sara hob sie langsam hoch und schaute sie sich genauer an.
Annie und Derek, schoß es ihr durch den Kopf. Warum hob Derek Fotos von sich und Annie auf? Eifersüchtig starrte sie weiterhin auf die Fotos, als ihr plötzlich etwas auffiel. Sie sah sich die Bilder genauer an. Das war nicht Derek, das war Ben!
Sara erinnerte sich, daß Ben dasselbe Hemd, das er auf den Fotos anhatte, bei ihrer letzten Begegnung auch getragen hatte.
Ben und Annie?
Sara war geschockt. Ob Meg davon wußte? Sie schloß kurz die Augen. Arme Meg, dachte sie. Sara sah die Treppe hinauf, weil sie glaubte, ein Geräusch gehört zu haben. Doch alles blieb ruhig. Schnell packte sie die Fotos zurück in den Umschlag und legte ihn auf Dereks Schreibtisch.
Leise ging sie dann die Treppe hinauf und legte sich zurück ins Bett, neben den immer noch schlafenden Derek.
Mona
Verschlafen
richtete Ben sich auf und fuhr sich mit der Hand über die Augen.
Als er Megs beunruhigtes Gesicht sah, zog er nachdenklich die Stirn in Falten.
„Deine Schwester ist wirklich sehr eigenwillig!“ meinte er und legte die eine
Hand sacht unter ihr Kinn.
„Hey“ sagte er beruhigend, „mach Dir nicht so viele Sorgen. Du kannst ja doch
nichts dagegen tun. Sie muß selbst ihre Erfahrungen machen. Auch, wenn diese
Erfahrungen bitter sind!“
Meg schüttelte den Kopf.
„Vielleicht geht es ja wirklich gut mit den beiden...“
Ben lächelte bitter.
„Eher friert die Hölle zu.“
„Vermutlich!“ antwortete Meg resigniert und kuschelte sich in seinen Arm. „Ich
mach mir nur Sorgen um Sara, sie ist unwahrscheinlich sensibel, und die erste
richtig große Liebe tut ja bekanntlich am meisten weh.“
Ben sah sie erstaunt an. „Ist das so?“ fragte er sichtlich amüsiert.
Meg lachte etwas verlegen.
„Ich bin mir nicht sicher, ich erlebe sie gerade...“
„Dann werde ich dafür sorgen, dass Dir das nicht passieren kann!“ flüsterte
Ben und verschloß ihren Mund mit einem langen zärtlichen Kuß.
Joan lag in dieser
Nacht auch sehr lange wach. Sie dachte darüber nach, wie sehr sich das Leben
ihrer Töchter doch in so kurzer Zeit verändert hatte.
Um Meg machte sie sich keine Sorgen, nachdem sie Ben gestern endlich
persönlich kennengelernt hatte. Er war wirklich ein charmanter, äußerst
gutaussehender Mann, er wirkte sehr aufgeschlossen und vor allem ehrlich, und
offensichtlich trug er Meg auf Händen, die beiden wirkten so glücklich!
Unwillkürlich mußte Joan lächeln. Was die Liebe so alles bewirkte!
Vielleicht war es ganz gut, dass ihre Große aus Ludlow weggegangen war und vor
allem, dass sie Tim verlassen hatte, bevor es zu spät war. Meg kam ihr so
selbstbewußt und erwachsen vor, sie hatte einen Job gefunden und nette Freunde
und sie wirkte so unsagbar glücklich, dass es ihr als Mutter richtig guttat,
sie so zu sehen.
Joan seufzte. Sara war es, um die sie sich sorgte.
Ihre Jüngste hatte sich in kürzester Zeit so verändert! Gut, sie hatte sich
verliebt, aber Joan bezweifelte irgendwie, dass Derek Evans diese Liebe auch
wirklich erwiderte, er hatte etwas an sich, was sie daran zweifeln ließ. Und
leider wußte Joan, dass es von der Liebe bis zur Hörigkeit manchmal nur ein
winziger Schritt war, gerade für so ein junges, unerfahrenes Mädchen wie Sara,
noch dazu, wenn man so versessen darauf war, von niemandem einen Rat
anzunehmen und darauf zu bestehen, sein Leben ganz allein zu meistern.
Hoffentlich ging das gut!
Komisch, dachte Joan, dass sich zwei Menschen wie Ben und Derek, die man rein
äußerlich kaum voneinander unterscheiden konnte, charakterlich so verschieden
waren!
Sie hoffte immer noch, dass sie sich vielleicht in Derek geirrt hatte, aber
mit dem sicheren Instinkt einer besorgten Mutter wußte sie, das dies sicher
nicht der Fall war, und das beunruhigte sie sehr.
Wei-Lee Young stand in seinem Apartment in Los Angeles am Fenster und blickte hinaus. Irgendwo hinter dem Horizont lag das Ziel seiner Wünsche: Sunset Beach und Rae.
Seit Jahren hatte
bereits festgestanden, daß er und Rae heiraten würden. Es war eine Verbindung,
die von beiden Seiten seit langer Hand geplant war. Er war sich nicht sicher
gewesen, ob er Rae wirklich liebte, es war einfach selbstverständlich, daß er
sie bekommen würde.
Doch plötzlich kam es ganz anders. Rae hatte die Verlobung gelöst, einfach so,
und Los Angeles Richtung Sunset Beach verlassen. Das hatte Wei-Lee geschmerzt.
Natürlich, Rae hatte immer ihren eigenen Kopf gehabt, deswegen hatte er sie auch immer bewundert und respektiert, aber das sie gleich so weit gehen würde! Wahrscheinlich wurde ihm erst in dem Moment, als sie ihn verließ, wirklich klar, daß er sie liebte. Seitdem hatte er sich als Ziel gesetzt, sie zurückzugewinnen. Natürlich durfte er nicht zu aufdringlich erscheinen. Das Angebot der Liberty Corporation kam wie gerufen für ihn. Es war eine Möglichkeit, Fuß in Sunset Beach zu fassen und sich Rae wieder zu nähern. Darum hatte er auch Gregory den Vorschlag gemacht, Rae auf die Party einzuladen. Dort war sie in Begleitung eines offenbar geistig minderbemittelten Rettungsschwimmers erschienen, dachte Wei-Lee zumindest damals. Bei dem Treffen hatte er sich als äußerst informiert erwiesen, der Rettungsschwimmer.
Wei-Lee richtete seine Krawatte.
"Dennoch", überlegte er, "gegen mich hat er doch keine Chance. Offenbar ist Rae an ihm interessiert. Aber ich werde schon dafür sorgen, daß ihr bald endgültig klar wird, wo sie hingehört."
Vorsichtig legte sich Olivia Richards am nächsten Vormittag ein Kissen zurecht. Sie war froh, daß sie inzwischen wieder sitzen konnte, wenn auch nur bei einigermaßen guter Polsterung. Sie atmete erleichtert auf.
"Sitzen", dachte sie. "Was für eine angenehme Abwechslung."
Genau in diesem Moment klingelte es an der Tür.
"Ausgerechnet jetzt", seufzte Olivia. "Und Rose hat ihren freien Tag."
Doch Sean tauchte in diesem Augenblick auf und ging sehr zu Olivias Erleichterung zur Tür. Als er öffnete, stand ein Mann zwischen vierzig und fünfzig vor ihm, mit dunklem Haar.
Sean zögerte einen Moment. Er war sich sicher, diesen Mann noch nie gesehen zu haben. Und dennoch kam er ihm irgendwie bekannt vor.
"Guten Tag", stellte er sich vor. "Ist Mr Gregory Richards da? Mein Name ist Armando Deschanel."
"Natürlich", überlegte Sean. Cole Deschanels Vater. Die Ähnlichkeit kommt mir so bekannt vor.
"Nein, tut mir leid", erwiderte er. "Ich bin Sean Richards. Ich nehme an, mein Vater ist..." Doch Olivia war nun doch aufgestanden und eilte sie zur Tür.
"Sie?", begann sie freudig überrascht. "Das ist aber nett, sie so schnell wiederzusehen."
"Ich freue mich ebenfalls", meinte AJ lächelnd. Olivia wandte sich an ihren Sohn.
"Äh Sean...", begann sie. "Ich mach das hier schon."
"Okay", meinte Sean und schlenderte zur Haustür raus.
"Bitte, bitte setzen Sie sich doch", forderte Olivia AJ Deschanel auf.
"Vielen Dank." AJ nahm Platz. Olivia holte zwei Gläser aus dem Schrank und schenkte in eines von beiden Wodka ein.
"Möchten sie auch einen Wodka?", fragte sie.
"Nein, vielen Dank", lehnte er ab. "Um diese Uhrzeit brauch ich wirklich noch keinen Alkohol."
"Natürlich, natürlich", erwiderte Olivia. Sie ging zur Spüle und schüttete ihr Glas mit dem Wodka aus.
"Was führt sie her?", fragte Olivia.
Der Mann lächelte sie an.
"Was für ein angenehmes Lächeln er hat", dachte Olivia. "Gregory fletscht meistens nur mit den Zähnen."
"Nun, ich habe gehört, daß die Firma ihres Mannes die Rehabilitation für meinen Sohn bezahlt. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin natürlich sehr dankbar dafür, aber es erscheint mir doch sehr ungewöhnlich."
Olivia zwang sich zu einem Lächeln.
"Mit Geschäften kenne ich mich nicht aus", redete sie sich heraus. "Das ist einzig und allein die Sache meines Mannes. Aber wenn sie hier warten wollen, bis er heimkommt? Es dürfte nicht mehr lange dauern. Eigentlich müßte er noch im Büro sein, aber wohl nicht mehr lange. Er hat gleich Mittagspause."
AJ Deschanel antwortete nicht. Ihm war durchaus klar, daß die Wahrscheinlichkeit, Gregory Richards in seinem Büro anzutreffen, wesentlich größer war. Er hatte noch einen anderen Grund, hier vorbeizukommen, und dieser Grund saß ihm gegenüber.
Olivia fuhr fort:
"Aber generell ist die Großzügigkeit meines Mannes allgemein bekannt", log sie. "Auch gegenüber seinen Mitarbeitern. Es ist also keine Überraschung, daß er die Pflege bezahlt. Wirklich keine Überraschung."
Als Sara am nächsten Morgen erwachte, sagte sie Derek nichts von ihrem nächtlichen Fund. Es ging sie ja im Grunde genommen auch nichts an, was Derek mit diesen Fotos machte. Sara tat nur Meg leid, die von alledem sicher nichts wußte und Ben liebte und vertraute. Nachdem beide gefrühstückt hatten, brachte Derek Sara nach Hause und ging dann weiter zum Deep. Sie hatten sich für den Abend verabredet, um am Strand noch ein bisschen den Sonnenuntergang genießen zu können. Darauf würde sie sich den ganzen Tag freuen! Sara öffnete die Tür zum Surf Central und wurde gleich mit einem "Hallo!" begrüßt. Gabi saß auf dem Sofa und hatte eine Tasse Kaffee in der Hand.
"Hallo Gabi!" grüßte Sara zurück.
Gabi wies auf ihre Kaffeetasse.
"Du kannst Dir auch welchen nehmen, wenn Du möchtest," sagte sie, doch Sara winkte ab.
"Nein, danke, ich habe schon ausgiebig gefrühstückt ... mit Derek!"
Gabi verschluckte sich fast an ihrem Kaffee.
"Wie bitte? Ihr seid wieder zusammen?"
Sara lächelte und erzählte Gabi dann von dem Mißverständnis wegen der Verlobung.
Gabi hörte interessiert zu und dachte nach. So ganz unschuldig war Derek an dem Mißverständnis sicher auch nicht, dachte sie. Sara gegenüber aber schwieg sie. Sie machte einen so zufriedenen, glücklichen Eindruck, so daß Gabi nicht wieder Öl ins Feuer gießen wollte.
Sara schaute die Treppe hoch.
"Ist Meg oben?"
Gabi schüttelte mit dem Kopf.
"Nein, soweit ich weiß, ist sie die Nacht über bei Ben gewesen!" Sara entfuhr ein Seufzer, woraufhin Gabi sie prüfend ansah.
"Was ist denn?"
"Ach, nichts weiter," log Sara. "Ich muß nur dringend etwas mit ihr besprechen, aber ... das hat Zeit!" Kaum hatte sie den Satz beendet, öffnete sich die Tür und Meg und Ben traten ein.
"Hallo, Ihr beiden !" begrüßte Gabi das Paar, und zu Sara gerichtet. "So, dann will ich Euch mal alleine lassen, damit Ihr alles in Ruhe bereden könnt!"
Sara warf ihr einen flehenden Blick zu, doch Gabi hatte den Satz schon beendet.
Meg sah Sara fragend an.
"Du willst mit mir reden? Worüber denn?!"
Sara ignorierte ihre Frage. Ihr Blick blieb an Ben hängen, und ihre Miene verdüsterte sich. Meg wurde ungeduldig.
"Sara, worüber willst Du mit mir reden?"
"Ach, da habe ich doch richtig gehört. Meine beiden Lieblingstöchter sind wieder da!" Joan kam schmunzelnd die Treppe herunter. Erst jetzt sah sie, daß ihre Töchter nicht alleine da waren.
"Hallo, Gabi, Hallo Ben!" begrüßte sie die restlichen Anwesenden.
Ben gab Meg einen Kuß und sah Joan grinsend an.
"Hier haben sie ihre älteste Tochter wohlbehalten wieder!" Er strich Meg zärtlich übers Haar. "Mach's gut, Liebling! Wir sehen uns im Büro!" Er nickte in Joans und Saras Richtung und verließ das Surf Central. Sara sah ihm argwöhnisch hinterher.
"Sara," holte Meg sie aus ihren Träumen, "was wolltest Du mir denn nun sagen?"
Sara sah sie lange an.
"Moment!" Joan mischte sich ein. "Wenn überhaupt jemand redet, dann ich!" Sie sah Sara strafend an. "Mein liebes Mädchen, wo kommst Du denn jetzt her?"
Sara biss sich auf die Lippen und sah flehend zu Meg hinüber.
"Ist schon okay, Sara. Geh' nach oben und ruh' Dich etwas aus. Ich werde Mum alles erzählen ...!" Meg zwinkerte ihrer Schwester zu, und Sara lief erleichtert die Treppe hinauf in ihr Zimmer.
Joan stemmte die Hände in die Hüften.
"Nun, dann bin ich aber mal sehr gespannt, was Du mir über Deine Schwester zu berichten hast...!"
Gabi war gerade dabei, sich für ihren Dienst umzuziehen, als die Tür zum Umkleideraum aufging und Paula hereintrat. Sie sah ihre Freundin schuldbewußt an.
"Ich hoffe, ich störe Dich nicht, aber ich wollte nur sehen, ob es Dir gut geht!"
Gabi sah sie leicht genervt an.
"Aber sicher, was soll denn sein?"
Paula sah sie prüfend an.
"Du warst gestern abend so schnell verschwunden ... Ricardo und ich, wir haben uns Sorgen gemacht!"
Gabi straffte ihre Schultern.
"Die Luft war mies," log sie. "Ich hatte rasende Kopfschmerzen, und außerdem mußte ich ja heute auch wieder früh raus!" Sie sah Paula von oben herab an. "Es hat ja nicht jeder Urlaub, so wie Du!" Sie quälte sich ein Lächeln ab, doch Paula sah sie stirnrunzelnd an. Sie hatte irgendwie das Gefühl, daß Gabi seit dem vergangenen Abend schlechte Laune hatte, sie wußte nur nicht, warum?! Paula zuckte mit den Schultern.
"Ja, da hast Du recht. Ich kann bis mittags im Bett liegen bleiben," sagte sie und sah Gabi schmunzelnd an.
"Ja, vielleicht noch mit meinem Freund!" dachte Gabi, und ihr Gesicht verdüsterte sich. "Sei mir nicht böse, Paula, aber ich muß jetzt meinen Dienst antreten. Wir können ein anderes mal reden, okay?" Gabi zog sich ihren Kittel glatt und öffnete die Tür, doch Paula hielt sie zurück.
"Gabi ...!" Sie drehte sich um. "Es ist wegen Ricardo, nicht wahr? Du denkst, daß ich wegen Ricardo nach Sunset Beach zurückgekommen bin, oder?"
"Paula, rede doch nicht so einen Unsinn", meinte Gabi abweisend.
"Ich rede keinen Unsinn. Du warst bester Laune. Bis du mich und Ricardo zusammen gesehen hast." Sie ging auf Gabi zu und legte ihr die Hand auf die Schulter. "Du bist eifersüchtig, nicht wahr? Du glaubst, ich bin hier, weil Ricardo zurück haben will?"
"Es hat lange genug gedauert, bis wir uns endlich gefunden haben", schrie Gabi plötzlich. "Meinst Du, da freut es mich, wenn er einen schönen Abend mit seiner Exfreundin verbringt?"
"Wir haben einen schönen Abend zu dritt verbracht. Du warst dabei."
Gabi schluckte.
"Wenn Du mich jetzt entschuldigen würdest, Paula", meinte sie dann. "Mein Dienst fängt an."
Widerstrebend ging Paula davon, und als sie weg war, verbarg Gabi ihr Gesicht in ihren Händen.
"Wie war das", dachte sie zynisch. "Ich sehe auch dunkle Wolken..". Sie lachte bitter. "Ich sollte vielleicht irgendwann mal anfangen, an Wahrsagerei zu glauben."
Hickengruendler
Joan war nicht wirklich überrascht, als sie von Meg erfuhr, daß Sara und Derek wieder zusammen waren, aber sie war auch nicht glücklich darüber. Auch wenn Sara diesen Mann offenbar liebte, glaubte Joan nicht, daß diese Liebe von Dauer sein würde. Sie hoffte für ihre Jüngste, daß sie diesen Derek irgendwann vergessen würde. Leider wußte sie aber auch, daß man seine erste, große Liebe meist nicht so schnell vergessen konnte! Joan seufzte und sah Meg an.
"Sara ist wieder gesund, sie scheint ... derzeit auch ganz glücklich zu sein, Du bist in guten Händen ..." Sie schmunzelte und zerzauste Meg das Haar. "Es gibt eigentlich keinen Grund mehr, warum ich noch hierbleiben sollte!"
Meg riss erstaunt die Augen auf. Das ihre Mutter auch mal wieder nach Ludlow zurückgehen würde, daran hatte sie gar nicht gedacht.
Joan fuhr fort.
"Außerdem braucht Euer Vater mich, und ich ... brauche ihn." Sie lächelte. "Meg, als die große Schwester möchte ich Dich bitten, ein wenig auf Sara achtzugeben. Sie ist so verletzlich und noch so naiv in vielen Dingen ...!" Joan unterbrach sich und schaute in die Ferne. Dann sah sie wieder Meg an. "Sei einfach für sie da, wenn sie Dich braucht. Würdest Du das für mich tun?" Joan sah Meg bittend an.
Meg lächelte und nahm ihre Mutter in den Arm.
"Natürlich, Mum. Du weißt doch, daß ich immer schon Saras "Ersatzmama" war, von Anfang an!"
Joan sah ihre Älteste dankbar an.
"Danke, Meg!"
"Wann wirst Du abfliegen?" Meg sah ihre Mutter fragend an.
"Schon morgen. Ich wollte nur auf eine günstige Gelegenheit warten, um es Euch zu sagen!"
Sara kam die Treppe herunter. Sie hatte wohl den letzten Satz gehört und sah ihre Mutter neugierig an.
"Was wolltest Du uns sagen, Mum?"
Joan drehte sich zu Sara um. "Das ich morgen nach Ludlow abfliege. Auf der Farm gibt es im Moment viel zu tun. Und Du hast Dein Gedächtnis ja zum Glück auch wieder."
Sara sagte nichts. Sie hatte mit Joan noch nicht über Meg und Derek geredet. Gestern abend wollte sie es tun, hatte aber nicht die richtigen Worte gefunden. Noch war die Gelegenheit.
Andererseits, wie oft hatte sie Meg vorgeworfen, daß sie sich in ihre Beziehung eingemischt hatte. Und jetzt war sie kurz davor, das gleiche zu machen. Und überhaupt, wenn jemand diese Fotos sehen sollte, dann Meg. Wer weiß, vielleicht entpuppte sich ja alles als ganz harmlos.
Nein, Joan brauchte wirklich nichts darüber zu erfahren. Es sei denn, Meg wollte es ihr selbst erzählen.
Sie ging auf ihre Mutter zu und meinte:
"Na, wenn Du morgen abreisen mußt, können wir ja heute noch was unternehmen",
nun wandte sie sich an Meg, "und zwar alle zusammen. Was meint Ihr?"
Als Marc vom Strand zurückkam und die Tür aufschloß, war nur Rae anwesend.
Auf demTisch lagen mehrere Fotoalben und eines hatte Rae in der Hand. Sie schien ihren Gedanken nachzuhängen und hin und wieder zuckte bei manchen Bildern ein Lächeln über ihre Lippen.
Marc ging zu ihr hin und blickte ihr über die Schulter. Eines der Bilder zeigte ein etwa fünfjähriges asiatisches Mädchen, deren schwarze Haare zu zwei Zöpfen gebunden waren, und die sich eng an einen etwa dreißigjährigen ebenfalls asiatischen Mann anlehnte.
"Bist Du das?", wollte Marc wissen.
"Ja, mit meinem Vater", erwiderte Rae.
"Ihr steht Euch wohl ziemlich nahe?"
"Standen ist wohl das passendere Wort", sagte Rae mehr zu sich selbst als zu ihm.
"Ist er gestorben?", fragte Marc mitfühlend.
"Nein, er lebt noch. Wir hatten... einige Probleme. Einige Differenzen die nicht zu überbrücken sind."
"Oh. Das tut mir leid", antwortete Marc. "Und es gibt nichts, was diese Differenzen beseitigen könnte?"
"Doch, etwas gibt es schon", sagte Rae. "Etwas könnte ich machen, und alles wäre gut. Aber das ist nicht so einfach."
Mit einem Ruck legte sie das Fotoalbum auf den Tisch zu den anderen und verstaute sie schließlich alle.
"Weißt Du was?", meinte sie. "Laß uns besser über was anderes reden, okay."
"Okay", sagte Marc lachend.
In diesem Moment läutete es an der Tür. Als Rae öffnete, stand ein etwa siebenjähriger farbiger Junge davor. Er trug eine Baseballkappe und zerrissene Jeans.
"Hi", begrüßte Rae den Jungen freundlich. "Wer bist Du denn?"
"Jimmy", antwortete der Junge. "Ach, und was willst Du hier, Jimmy?"
"Ich will zu meinem Daddy", erklärte Jimmy.
„Du möchtest zu
Deinem Daddy?“ fragte Rae erstaunt. „Und Du bist sicher, dass dies die
richtige Adresse ist?“
Der Junge nickte.
„14-99 Ocean“ sagte er.
„Und... wie heißt Dein Vater?“ erkundigte sich Rae vorsichtig. Mark war
hinzugetreten und beobachtete die Szene mit wachsendem Erstaunen.
„Michael Bourne.“ antwortete Jimmy. „Ich komme extra von Los Angeles, um ihn
zu besuchen!“
Rae und Mark sahen sich erstaunt an. Mark faßte sich als erster.
„Na... dann, ....Jimmy, komm rein!“
„Danke, Sir!“ Der Junge nahm seinen Rucksack auf und folgte ihm ins
Wohnzimmer.
Joan hatte Stimmen gehört und trat aus der Küche, um zu sehen, wer da war.
„Hallo“ sagte sie erstaunt, „wer bist Du denn?“
„Joan, das ist Michaels Sohn.“ stellte ihr Rae den jungen Mann bedeutungsvoll
vor. Joan reichte ihm spontan die Hand und lächelte.
„Also Du bist...“ sie überlegte einen Augenblick, „...Jimmy, richtig?“
Der Junge nickte, scheinbar erleichtert, das wenigstens eine hier zu wissen
schien, wer er war.
„Eigentlich heiße ich James, aber alle nennen mich Jimmy. Hat Ihnen mein Vater
von mir erzählt, Ma`am?“
Joan nickte lächelnd.
„Ja, das hat er. Und ich bin sicher, er ist sehr stolz auf Dich.“ Sie
überlegte einen Augenblick.
„Ist Deine Mutter auch mitgekommen?“
Unsicher sah Jimmy sie an.
„Nein...“ antwortete er zögernd. Joan musterte ihn prüfend.
„Soll das heißen, Deine Mum weiß gar nicht, dass Du hier bist?“
Der Junge sah schuldbewußt zu Boden und schüttelte den Kopf. Joan warf Rae und
Mark einen vielsagenden Blick zu.
„Ist Michael noch in der Rettungsstation?“ fragte sie.
„Ja, ich denke schon.“ antwortete Rae, noch sichtlich überrascht von den
jüngsten Ereignissen.
„Gut.“ Joan legte das Geschirrtuch, das sie noch in der Hand hielt, weg und
wandte sich wieder an Jimmy.
„Komm, junger Mann, ich bring dich zu ihm. Dein Gepäck kannst du ruhig hier
lassen.“
Als sich die Tür des Surf Central hinter den beiden schloß, standen Rae und
Mark wie vom Donner gerührt da und starrten sich fassungslos an.
Für Michael und
Casey ging ein langer Tag am Strand zu Ende. Es waren ungewöhnlich viele
Touristen dagewesen, wie so oft, wenn das Wochenende bevorstand.
Die beiden Freunde standen oben auf der Brüstung des Rettungsturmes und
entspannten sich beim Anblick eines immer wieder faszinierenden
Sonnenunterganges.
„Und, was geht heut noch so ab, Michael?“ fragte Casey. „Triffst Du Dich mit
Vanessa?“
Michael antwortete nicht. Er starrte in die Ferne und schien mit seinen
Gedanken meilenweit weg zu sein.
Casey schüttelte den Kopf. Was war nur los mit seinem Kumpel?
Michael wirkte oft in letzter Zeit so abwesend, aber wenn man ihn darauf
ansprach, blockte er ab. Er sprach nicht gerne über seine Probleme.
Ein lautes Klopfen holte die beiden Männer aus ihren Gedanken.
„Wer kann denn das jetzt noch sein?“ fragte Michael und ging zur Tür. Als er
sie öffnete, traute er seinen Augen nicht.
„Jimmy?“
„Hallo Dad!“
Der Junge
strahlte, und als Michael sich von seinem ersten Schrecken erholt hatte und
die Arme ausbreitete, ließ er sich überglücklich hineinfallen.
Casey trat hinzu und wollte etwas fragen, doch Joan legte den Finger an die
Lippen, um diesen rührenden Moment des Wiedersehens zwischen Vater und Sohn
nicht zu stören.
Michael hatte Tränen in den Augen, als er Jimmy umarmte.
Wie war das nur möglich? Gerade hatte er an ihn gedacht und die Sehnsucht nach
seinem Jungen schnürte ihm wie so oft in der letzten Zeit die Kehle zu. Und
nun war Jimmy da, einfach so...
Er besann sich, dass sie nicht allein waren.
„Casey, darf ich Dir meinen Sohn vorstellen?“ sagte er stolz, und zu dem
Jungen gewandt fügte er hinzu: „Jimmy, das ist Casey, mein bester Freund!“
„Hallo.“ Etwas schüchtern reichte Jimmy Casey die Hand.
„Freut mich, Dich kennenzulernen, Sportsfreund!“ grinste Casey, der seine
Überraschung mühevoll zu verbergen versuchte.
Joan räusperte sich leise.
„Ich denke, wir sollten Michael und Jimmy jetzt für eine Weile allein lassen.“
meinte sie mit einem bedeutungsvollen Blick auf Casey. Dann wandte sie sich
lächelnd an Vater und Sohn. „Ich bin sicher, Ihr habt Euch eine Menge zu
erzählen.“
Nachdem sie allein waren, betrachtete Michael seinen Jungen voller Stolz. Er
war so groß geworden!
Plötzlich schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf.
„Jimmy, wie bist Du hergekommen?“
Ihren letzten Abend feierte Joan mit ihren Töchtern im Deep. Ein Vorschlag von Sara, die damit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollte: So konnte sie in Dereks Nähe sein und mit ihrer Mutter und Meg feiern.
Zu ihrem Leidwesen ließ er sich allerdings nicht einmal an ihrem Tisch blicken. Sehnsüchtig schaute sie hoch zu seinem Büro.
Joan war Saras suchender Blick nicht entgangen.
"Nun geh' schon zu ihm und begrüße ihn!" schlug sie ihrer jüngsten Tochter deshalb vor. Sara ließ sich nicht zweimal bitten und rannte die Stufen zu Dereks Büro hoch.
Er war überrascht, sie zu sehen.
"Hast Du denn unsere Verabredung vergessen?" fragte Sara vorwurfsvoll.
Derek faßte sich an den Kopf.
"Ach ja, der Strandspaziergang ... Entschuldige, Sara, aber ich habe derzeit wirklich andere Dinge im Kopf!" Er sah ihr enttäuschtes Gesicht und lenkte gleich ein. "Heute paßt es mir gar nicht, aber vielleicht morgen?! Wir werden sehen!" Er zog sie mit einem Arm zu sich heran und gab ihr einen flüchtigen Kuß auf die Lippen.
"Jetzt mußt Du mich aber weiterarbeiten lassen, sonst werde ich hier niemals fertig!" Er lächelte sie an. Sara hob den Kopf, daß er ihr genau in die Augen blicken konnte.
"Das trifft sich gut," sagte sie. "Auch ich wollte unsere Verabredung absagen!"
Er sah sie irritiert an.
"Wirklich? Nun, dann frage ich mich, was Du hier willst? Das hättest Du doch auch telefonisch erledigen können!"
Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen.
"Dann entschuldige bitte, daß ich Dich gestört habe! Wird nicht mehr vorkommen!"
Sie drehte sich um und rannte aus dem Büro. Derek sprang ebenfalls auf, um ihr zu folgen, und auf halber Treppe blieb er plötzlich wie angewurzelt stehen, als er Meg und ihre Mutter sah, die zusammen an einem Tisch saßen.
Meg! Derek konnte seinen Blick nicht von ihr lösen, doch erst mußte er die Sache mit Sara in Ordnung bringen! Sie war immer so schrecklich impulsiv und reagierte gleich ungehalten auf jede Äußerung von ihm. Er mußte lernen, ihr gegenüber einen anderen Ton anzuschlagen, sonst würde er sie bald verlieren!
Da Derek keine offene Konfrontation mit ihr haben wollte, schon gar nicht vor Meg und ihrer Mutter, zog er es vor, wieder zurück in sein Büro zu gehen.
Vom Fenster aus beobachtete er dann seine Gäste.
Als Joan mit ihren
Töchtern im „Deep“ saß, musste sie ständig an Michael und Jimmy denken. Ja,
momentan konnte sie sehr gut nachfühlen, wie es sein mußte, seine Kinder nicht
bei sich zu haben. Und obwohl Meg und Sara längst erwachsen waren, fiel es ihr
unsagbar schwer, sie beide loszulassen, vor allem, beide auf einmal. Wenn sie
an den bevorstehenden Abschied morgen dachte, wurde ihr Herz schwer.
Meg schien ihre Gedanken zu erraten.
„Sei nicht traurig, Mum,“ sagte sie leise und legte ihre Hand auf den Arm
ihrer Mutter. „Du weißt, dass es uns gutgeht, und sobald es die Arbeit auf der
Ranch erlaubt, machst Du mit Daddy einfach ein paar Tage Urlaub in Sunset
Beach!“
Joan nickte gerührt.
„Das werden wir, Meg, ganz sicher!“
Erstaunt bemerkten sie beide, wie Sara die Treppe von Dereks Büro
heruntergelaufen kam und mit wütender Mine auf der Toilette verschwand.
Joan seufzte.
„Wegen ihr mach ich mir Sorgen. Dieser Mann ist nicht gut für sie.“
Meg lächelte.
„Ich weiß, Mum. Aber mach Dir bitte keine Sorgen! Ich hab ein Auge auf sie,
und glaub mir, Sara kann mehr wegstecken, als wir vermuten. Vielleicht geht es
ja gut, mit den beiden, und wenn nicht, war es eben eine Lebenserfahrung.“
Sie schaute auf die Uhr.
„Ich verstehe gar nicht, wo Ben bleibt. Er wollte auf jeden Fall noch
vorbeischauen, um sich von Dir zu verabschieden.“
Joan lächelte und deutete mit vielsagendem Lächeln zur Eingangstür.
„Da kommt Dein Traumprinz, genau nach Wunsch!“
Jeany
Als Sara aus dem
Waschraum trat und zum Tisch zurückging, schlug ihr Herz gleich schneller.
„Derek! Schön, dass Du doch noch Zeit gefunden hast...“ rief sie und legte ihm
von hinten die Arme um den Hals. Er drehte sich erstaunt um und grinste dann
amüsiert.
„Hallo Sara, welch nette Begrüßung!“
Sofort zog Sara ihre Arme zurück. Ihr Lächeln verschwand. Enttäuscht nahm sie
Platz.
„Ben, entschuldige, ich hab Dich verwechselt.“
Während Ben und Meg sich bedeutungsvoll ansahen, legte Joan mitfühlend ihre
Hand auf Saras Schulter.
„Hat Derek keine Zeit für Dich? Das tut mir leid, Schatz, sicher hat er noch
wichtige Arbeiten zu erledigen.“
Sara schluckte und nickte nur. Dann nahm sie ihr Weinglas und prostete den
anderen zu.
Gespielt fröhlich, aber mit sarkastischem Unterton in der Stimme meinte sie:
„Vielleicht sollte ich soviel von dem Zeug trinken, dass ich Ben doppelt sehe,
dann stimmt`s ja wieder!“
Als Derek sah,
dass auch Ben mit am Tisch saß, fluchte er leise und fuhr sich wütend mit der
Hand durchs Haar.
„Verdammt! Das wirft ein schlechtes Licht auf mich, wenn ich mich überhaupt
nicht blicken lasse. Joan scheint sowieso schon misstrauisch zu sein. Also
los, streng Dich an, Derek, ein letztes Mal, um die Lady bei Laune zu halten!
Morgen fliegt sie nach Hause, und dann kehrt hier endlich wieder Ruhe ein.“
Als er etwas später die Treppe herunterkam, war er ganz Gentleman und begrüßte
seine Gäste mit einem strahlenden Lächeln. Er küßte Sara versöhnlich auf die
Wange und nahm neben ihr Platz.
„Derek!“ sagte Joan erstaunt, „Wir dachten schon, Sie kommen nicht mehr
herunter. Sie sind sicher sehr beschäftigt.“
„Nun, es ist sehr viel Schreibkram liegengeblieben in der letzten Zeit. Aber
nichts ist mir so wichtig wie meine Ver... ich meine, wie meine Freundin und
ihre Familie! Dafür nehme ich mir immer Zeit!“ meinte er charmant und hoffte,
dass keinem sein kleiner Versprecher aufgefallen war.
Ben beobachtete seinen Bruder genau. „Was für eine Show!“ dachte er amüsiert.
Auch Meg sah Derek misstrauisch an. „Heuchler!“ sagte sie in Gedanken erbost.
„Welch ein Charmeur.“ waren Joans Gedanken. „Schade, dass sein Verhalten nicht
echt ist.“
Und Sara?
Sara dachte gar nichts. Er war da, und schon alleine diese Tatsache reichte
ihr, an einen gelungenen Abend zu glauben.
Rae nahm Casey vorsichtig zur Seite.
"Sag mal, hast Du das gewusst? Das Michael einen Sohn hat."
"Ich hatte keine Ahnung", flüsterte er zurück.
Casey war gemeinsam mit Michael und Jimmy inzwischen ins Surfcenter zurückgekehrt, wo sie von Marc, Rae und auch Tiffany, der Marc inzwischen alles erzählt hatte, ungeduldig und neugierig empfangen wurden. Jimmy hatte ihnen dann erklärt, daß er Michael vermißt habe und deswegen von zu Hause ausgerissen sei, um ihn zu sehen. Michael beugte sich zu ihm herunter:
"Du bist also hierher gefahren. Einfach so und allein. Sag mal, ist Dir eigentlich klar, daß sich Deine Mutter jetzt wahrscheinlich große Sorgen macht?"
Jimmy zuckte schuldbewußt.
"Wie hast Du Dich überhaupt davongeschlichen, ohne daß sie etwas gemerkt hat?" "Mum, ist doch auf der Arbeit. Und zu Mrs Jones habe ich gesagt, daß ich zu Steve Miller zum Ballspielen gehe."
Michael warf einen Blick auf die Uhr.
"Inzwischen dürfte Virginia wohl kaum mehr auf der Arbeit sein. Ich rufe sie gleich an, damit sie sich nicht noch mehr Sorgen macht, als sie es wahrscheinlich jetzt schon tut." Jimmy blickte ihn an.
"Frag sie doch bitte, ob ich ein paar Tage hier bleiben kann. Bitte frag sie."
"Das kommt überhaupt nicht in Frage. Schließlich mußt Du in die Schule."
"Ich habe Ferien", antwortete Jimmy. "Bitte frag sie".
Michael wollte gerade etwas antworten, als das Telefon klingelte. Tiffany war am nächsten am Apparat und hob ab:
"Tiffany Thorne", meldete sie sich... Oh, einen Moment bitte... Michael, das ist für Dich. Ich glaube, es ist Jimmys Mutter."
Tiffany gab Michael den Hörer.
"Ja. Michael Bourne", meldete er sich.
"Michael, hallo. Hier ist Virginia."
"Virginia...", begann er, doch weiter kam er nicht, sie fiel ihm sofort ins Wort.
"Michael, Jimmy ist verschwunden", legte sie los. "Ich war auf der Arbeit, und als ich ihn auf dem Rückweg bei Mrs Jones abholen wollte, hat sie gemeint, er sei bei einem Freund. Aber da war er nicht. Ich habe dahin angerufen, der Freund liegt mit Windpocken im Bett. Ich hab dann die ganze Gegend abgesucht und alle Freunde von ihm antelefoniert, es hätte ja sein können, daß Mrs Jones den Namen verwechselt hat. Aber er war nicht da. Michael, er war nirgendwo."
Er hörte an ihrer Stimme, daß sie den Tränen nahe war.
"Ganz ruhig Virginia", erklärte er ihr. "Jimmy geht es gut. Er ist hier, verstehst Du, er ist hier bei mir."
"Was, aber wie..." "Er stand heute am frühen Abend plötzlich vor der Haustür. Ich schwör Dir, ich hatte keine Ahnung, daß er..."
Virginia unterbrach ihn.
"Schon gut, ich glaube Dir", meinte sie erleichtert. "Kann ich ihn sprechen."
"Klar", er reichte den Hörer an Jimmy weiter, der ihn eher zögernd annahm, wohl wissend, was jetzt kam.
"Mum?"
"Jimmy, was fällt Dir eigentlich ein", legte sie los. "Wie alt bist Du denn eigentlich? Du solltest doch wissen, daß ich mir Sorgen gemacht habe. Warum hast Du denn nicht wenigstens einen Zettel geschrieben. Ich war panisch vor Angst um Dich."
"Tut mir leid", entschuldigte er sich. "Da hab ich nicht dran gedacht."
Virginia atmete durch.
"Schon gut", meinte sie dann. "Ich bin froh, daß es Dir gut geht. Aber mach sowas nie wieder. Einfach auszureißen, mach das nie wieder! Hast Du mich verstanden?" "Versprochen", sagte Jimmy. "Äh Mum, kann ich ein paar Tage bei Michael bleiben?" "Was?"
"Bitte, nur während der Ferien, bitte."
Virginia überlegte. Sie mußte täglich zwei Schichten arbeiten, um sich und Jimmy über die Runden zu bringen. Und gerade während der Ferien war der Junge dann ziemlich allein. Mrs Jones war schließlich auch nicht mehr die Jüngste. Und zu Steve Millers Familie konnte er nicht, weil der Windpocken hatte.
"Also gut", meinte sie dann. "Wenn Michael nichts dagegen hat. Und pünktlich wenn die Schule anfängt, bist du zurück."
"Klar, Michael hat bestimmt nichts dagegen. Nicht wahr Michael, Du freust dich doch, wenn ich ein paar Tage hierbleibe?"
Natürlich hatte Michael nichts dagegen. Jimmy verabschiedete sich von Virginia und legte auf.
"Na also", dachte er. "Das ist schonmal ein Anfang. Vielleicht kann ich ja doch bald bei meinem Daddy leben. Und dann versöhnen sich er und Mummy wieder.. Und wir sind wieder eine richtige Familie."
Hickengruendler
Marc nahm Tiffany ein Stück bei Seite.
"Na sowas", meinte sie. "Wer hätte das gedacht, der gute Michael ist Vater. Mich würde sehr interessieren, was Vanessa davon hält. Meinst Du, sie weiß davon?"
Marc zuckte mit den Schultern.
"Keine Ahnung", erwiderte er. "Aber ich will mit Dir jetzt über was anderes reden. Erinnerst Du Dich noch an unsere Abmachung?"
"Abmachung?", fragte Tiffany unsicher.
"Ja. Das Du hier wohnen kannst, unter der Bedingung, daß Du Dir einen Job suchst." "Ach so", lachte Tiffany verlegen. "Die Abmachung meinst Du."
"Ja, die Abmachung meinte ich."
"Tja, weißt Du, ich hab mich wirklich überall umgesehen, aber es ist schwer, hier einen Job zu finden", meinte sie.
"Sicher. Ist sicher nicht so leicht", gab Marc zu. "Aber ich würde Dir trotzdem raten, Dich zu beeilen." Er ging davon.
"Mist", dachte Tiffany. "Ich muß mich wirklich damit beeilen, Sean zurückzugewinnen, sonst sitze ich bald entweder auf der Straße oder darf im Waffelshop Teller waschen. Da ist mir das bequeme Haus der Richards wirklich lieber. Es muß herrlich sein, reich zu sein, und sich alles kaufen zu können, was man will. Herrlich."
Als Gregory am
Abend nach Hause kam, saß Olivia draußen auf der Terrasse am Pool und sah zu,
wie die Sonne langsam unterging.
„Hallo Darling!“ sagte Gregory gewohnheitsgemäß. Er beugte sich zu ihr
herunter und hauchte einen Kuß auf ihre Wange, in der traurigen Erwartung,
dass er um diese Tageszeit gleich wieder ihre zur Gewohnheit gewordene
Wodkafahne riechen würde. Erstaunt registrierte er jedoch, dass seine Frau
weder nach Alkohol roch, noch mit schwerer Zunge träge eine Begrüßung lallte.
Olivia lächelte ihn strahlend an und deutete auf den sich in sämtlichen
Rottönen färbenden Himmel.
„Schau Dir das an, Gregory, ist das nicht herrlich? Ich glaube, nirgendwo auf
der ganzen Welt ist ein Sonnenuntergang so faszinierend wie in Sunset Beach!“
Gregory musterte sie mit wachsendem Erstaunen. Schon allein die Tatsache, dass
sie das Wort „faszinierend“ fehlerfrei ausgesprochen hatte, überzeugte ihn,
dass sie wirklich nichts getrunken hatte. Zudem fiel ihm ihr Haar auf, es
glänzte herrlich und anscheinend hatte sie es ein Stück kürzen lassen, was ihr
hervorragend stand. Das Sommerkleid, das sie trug, betonte ihre schlanke
Figur. Sie wirkte darin sehr jugendlich.
Als hätte sie seine Gedanken erraten, drehte sie sich nach ihm um.
„Ich weiß gar nicht mehr, wann wir beide uns das letzte Mal den
Sonnenuntergang angesehen haben.“
„Tja,“ brummte Gregory leicht irritiert, „das ist mit Sicherheit schon sehr
lange her. Meistens warst Du um diese Zeit schon so benebelt vom Alkohol, dass
Du jede leuchtende Straßenlaterne mit der untergehenden Sonne verwechselt
hättest.“
„Ach übrigens...“ wechselte Olivia das Thema, ohne auf seine letzte Bemerkung
einzugehen, „Du hattest heute Mittag sehr interessanten Besuch. Aber da Du es
ja vorgezogen hast, Deine Mittagspause wer weiß wo zu verbringen, hast Du ihn
leider verpasst.“
„Und was für interessanter Besuch war das, wenn ich fragen darf?“ erkundigte
sich Gregory und goss sich ein Soda ein, ohne jedoch seine Frau aus den Augen
zu lassen.
Sie lächelte tiefgründig.
„Du wirst es kaum für möglich halten, mein Lieber, A.J. Deschanel wollte mit
Dir über seinen Sohn sprechen.“
Amüsiert sah sie ihren Mann an, der sich an seinem Soda verschluckt hatte und
nun mit einem Hustenanfall kämpfte. Nachdem er sich einigermaßen beruhigt
hatte, fuhr sie ungerührt fort:
„Mister Deschanel ist wirklich ein sehr netter, zuvorkommender, attraktiver
Mann, der genau weiß, wie er sich einer Dame gegenüber zu benehmen hat.“
Allmählich ging Gregory ein Licht auf.
„Also hat dieser... A.J. die Veränderungen bei Dir bewirkt. Interessant.“
knurrte er boshaft.
Olivia hob erstaunt die Augenbrauen.
„Wie schön, dass Dir wenigstens das aufgefallen ist.“
„Nun, zur Sache!“ bellte Gregory und zerrte an seiner Krawatte. „Aus welchem
Grund wollte Deschanel mit mir sprechen?“
„Das sagte ich doch bereits. Er wollte mit Dir über Cole sprechen. Er...
wollte sich bei Dir bedanken. Dafür, dass Du die Kosten für seine
Rehabilitation übernimmst.“
Erstaunt, aber auch unendlich erleichtert, dass der Besucher nicht aus Gründen
des Misstrauens hier gewesen war, stand er auf und meinte im Weggehen:
„Ich nehme an, Du hast seinen Dank an meiner Stelle angenommen, damit wäre die
Sache ja nun erledigt.“
„Nicht ganz.“ erwiderte Olivia mit schneidender Stimme. Erstaunt wandte
Gregory sich um und sah sie fragend an.
„Nun ja,“ lächelte seine schöne Frau ungewohnt liebenswürdig, „Ich habe Mister
Deschanel für morgen zum Mittagessen ins „Grenadines“ eingeladen.“
Jeany
Caitlin stöhnte
schmerzlich und zog die Schuhe von ihren schmerzenden Füßen.
„Niemals hätte ich mir träumen lassen, dass dies so ein Knochenjob ist.“
jammerte sie und
setzte sich auf einen der leeren Stühle, während Mark das „Deep“ abschloss und
zu ihr herüberkam. Lächelnd kniete er sich vor ihr hin und begann, mit
geschickten Handgriffen ihre Füße und Waden zu massieren.
„Das geht vorbei, Cait.“ beruhigte er sie. „Du gewöhnst Dich dran.“
Caitlin schloß die Augen und genoß die Massage.
„Das tut gut.“
Er lachte.
„Aber ich muß sagen, für den ersten Dienst im „Deep“ hast Du Dich tapfer
geschlagen.“
„Danke, Mark.“ Caitlin sah ihn lächelnd an, und zum ersten Mal fiel ihr auf,
was für schöne Augen er hatte. Überhaupt sah Mark wirklich gut aus. Warum
hatte sie das nie bemerkt?
Vielleicht, weil sie sich schon so lange kannten.
Mark erwiderte ihren Blick.
Caitlin hatte ihm schon immer gefallen, schon damals, als sie noch ein
Teenager mit langen blonden Zöpfen war. Aber sie war ihm stets unerreichbar
erschienen, Tochter des mächtigen, reichen und angesehenen Gregory Richards,
ein Paradiesvogel im goldenen Käfig, schön und unantastbar. Jetzt war das
irgendwie anders. Sie arbeitete hier mit ihm, fragte um Rat, wenn sie etwas
nicht wußte und bewunderte ihn, wie er geschickt die Drinks für die Gäste
mixte oder das Mikrofon nahm und die Pausen zwischen den einzelnen Songs durch
flotte Sprüche überbrückte. Sie war hier ein Mädchen wie jedes andere, und...
sie war sehr nett.
Ein Geräusch oben im Büro ließ die beiden erschreckt zusammenfahren.
Mark stand auf.
„Na ja,“ sagte er etwas verlegen, „da der Chef wohl auch noch arbeitet, wollen
wir mal seinem Beispiel folgen.“ Er reichte Caitlin seine Hand, um ihr
hochzuhelfen. Dabei zog er wohl etwas zu fest, denn sie stolperte und
plötzlich hielt er sie in seinen Armen.
Für einen Moment waren sie sich ganz nah.
Sekundenlang starrten sie sich an, als würden sie einander zum ersten Mal
sehen.
Mark atmete den zarten Duft ihres Parfüms ein und sah dicht vor sich ihre
blauen Augen.
Sein Herz schlug bis zum Hals.
Verwirrt hielt sich Caitlin an ihm fest. Was war nur los mit ihr?
Plötzlich dachte sie an Cole und trat unwillkürlich einen Schritt zurück.
Sofort war der Zauber vorbei, der Bann gebrochen. Verlegen lachend sah sie
sich um.
„Also dann, komm schon, Mark, wir haben noch viel Arbeit vor uns!“
Am nächsten Morgen brachten Sara und Meg ihre Mutter zum Flughafen.
In der Abflughalle verabschiedeten sie sich unter Tränen voneinander. Joan versprach, daß sie sich sofort melden würde, wenn das Flugzeug in Ludlow gelandet wäre.
Sie umarmte ihre beiden Töchter noch einmal und ging dann zum Flugsteig.
Meg seufzte, als sie Arm in Arm mit Sara das Flughafengebäude verließ. Ihr Mutter würde ihr fehlen! Sara dagegen war ganz froh, daß ihre Mutter wieder abgereist war, denn sie hatte Sara ein paar Mal zu oft ermahnt, dieses und jenes sein zu lassen. Es war Sara auch nicht entgangen, daß ihre Mutter so gar nicht mit ihrer Beziehung zu Derek einverstanden war. Nun war sie weg und konnte ihr nicht mehr reinreden, und Sara konnte wieder tun und lassen, was sie wollte!
Meg sah Sara stirnrunzelnd von der Seite an. Sie konnte die Gedanken ihrer Schwester erahnen und verkniff sich ein Grinsen. Wenn Sara dachte, daß sie nun ganz ohne Kritik leben könnte, hatte sie sich geirrt! Sie würde schon ein Auge auf ihre Schwester werfen! Das hatte Meg der besorgten Joan versprochen.
Meg startete den Motor und sie fuhren nach Hause.
Mona
Nachdem die Bewohner des Surfcenters, mit Ausnahme von Sara und Meg, die ihre Mutter zum Flughafen brachten, und Gabi, die noch schlief, weil sie Nachtdienst hatte, zu Ende gefrühstückt hatten, zupfte Jimmy Michael am Hemd.
"Hast Du Lust mit mir am Strand Frisbee zu spielen?", fragte er.
"Nein, Sportsfreund, tut mir leid", antwortete Michael. "Ich kann im Moment nicht. Du weißt doch, daß ich Rettungsschwimmer bin, da muß ich am Strand aufpassen, daß keiner ertrinkt und so."
Jimmy nickte, aber er machte ein ehr unglückliches Gesicht.
"He", meinte Michael aufmunternd, "morgen habe ich den ganzen Tag frei. Dann können wir was zusammen unternehmen, okay?"
Plötzlich warf Marc ein: "Also, ich hab jetzt Zeit. Was hälst Du davon, wenn wir zusammen zum Strand runtergehen, Jimmy?"
Jimmys Gesucht hellte sich auf.
"Spitze", meinte er.
"In meinem Zimmer müßte noch ein Frisbee liegen", erklärte Marc. "Wollen wir ihn zusammen suchen gehen?"
Jimmy war einverstanden und ging mit Marc nach oben.
"Willst Du die beiden auch begleiten Tiffany?", fragte Casey. "Du hast doch Zeit!"
"Immer diese Anspielungen", überlegte Tiffany. Laut sagte sie:
"Nein, ich werde mich nochmal intensiv nach einem Job umsehen." Eigentlich hatte sie nicht vor, sich nach einem Job umzusehen, sondern nach Sean.
In diesem Augenblick klingelte es an der Tür. Casey öffnete.
"Hi Scoop", begrüßte Michael seine Freundin.
"Hi Michael", Vanessa gab ihm einen Kuss auf die Wange. "Ich wollte Dich nur was fragen, kann es sein, daß ich hier irgendwo mein Aufnahmegerät vergessen habe? Ich finde es nicht, und hab gleich noch ein Interview." Sie war offensichtlich in Eile.
In diesem Moment kamen Marc und Jimmy die Treppe hinunter. Jimmy hielt einen gelben Frisbee in der Hand.
"Wir gehen jetzt", erklärte er Michael überflüssigerweise. "Bis später, Daddy."
Die beiden schlossen hinter sich die Tür.
Vanessa starrte Michael an.
"Hat der gerade Daddy gesagt?", fragte sie ihn fassungslos.
Hickengruendler
"Tja, wenn ihr mich entschuldigen würdet. Ich muß zum Dienst", erklärte Rae.
Mit einem Blick auf Vanessa und Michael war ihr klar, daß sie hier jetzt nur störte.
"Ich bring Dich hin", bot Casey an. Die beiden verschwanden.
Tiffany schüttelte den Kopf. Sie grinste innerlich und überlegte:
"Also, ich gehe jetzt nicht, wenn es gerade interessant wird." Sie ging zur Kaffeekanne und goss sich noch eine weitere Tasse ein, mit der sie sich an den Tisch setzte.
Vanessa und Michael blickten sie an.
"Lasst Euch durch mich nicht stören", ermutigte sie die beiden. "Tut einfach so als wäre ich nicht da."
Tatsächlich hatte Vanessa Tiffany schon kurz darauf wieder vergessen.
"Du hast einen Sohn?", wandte sie sich an Michael.
Der nickte nur etwas verlegen.
"Das ist ja sehr interessant. Hattest Du auch vor, mir mal davon zu erzählen?"
"Natürlich hatte ich das. Aber er war soweit weg, gemeinsam mit seiner Mutter. Sie hat das alleinige Sorgerecht. Ich wollte nicht immer daran erinnert werden. Außerdem sind wir beide ja so lange noch gar nicht zusammen. Ich hätte es Dir schon gesagt. Aber es hat sich nie so richtig die Möglichkeit geboten."
"Mach Dir nichts draus", mischte sich Tiffany ein. "Er hat es kaum jemandem erzählt. Nicht mal Casey hat das gewusst. Nur Joan Cummings."
Erneut blickte Vanessa Michael ungläubig an.
"Joan Cummings? Du hast das einer Frau erzählt, die Du kaum kennst, und mir nicht?" Michael zögerte.
"Na ja. Sie ist irgendwie in einer ähnlichen Situation wie ich, verstehst Du? Sie hat ihre Kinder auch so weit weg wohnen. Da habe ich ihr gesagt, daß es bei mir auch so ist. Das ist alles."
Vanessa sah das Aufnahmegerät auf der Kommode liegen.
"Da ist es ja", meinte sie nur. Sie holte es und steckte es in ihre Tasche. "Wenn Du mich jetzt entschuldigen würdest, ich habe gleich einen Termin und will nicht zu spät kommen."
"Vanessa warte."
Sie drehte sich um.
"Tut mir leid, Michael. Gib mir etwas Zeit, mit dem Gedanken klar zu kommen. Es tut ein bisschen weh, daß Du scheinbar nicht das Vertrauen hattest, mir davon zu erzählen." "Kann ich verstehen", bestätigte Tiffany.
Michael und Vanessa blickten sie inzwischen zornig an.
"Ich mein ja nur", winkte sie ab. "Aber so fängt das Ende von jeder Beziehung an. Mit kleinen Lügen, die ans Tageslicht kommen. War bei meinen Alten auch so. Drei Wochen später ist Mum ausgezogen und nicht mehr aufgetaucht."
"Würdest Du Dich bitte aus unseren Angelegenheiten raushalten Tiffany!" meinte Michael. "Vanessa und ich..." Erst jetzt bemerkte er, daß Vanessa, während er mit Tiffany gesprochen hatte, das Haus verlassen hatte. Er eilte nach draußen und wollte ihr nachlaufen, doch sie war bereits in ihr Auto gestiegen und losgefahren.
Hickengruendler
Als es an der Tür
klopfte, beendete Bette ihre morgendlichen Stretchübungen, zog ihren
aufreizend knappen Sportbody glatt und öffnete.
„Oh, Ben, welch angenehme Überraschung! Komm doch rein! Was verschafft mir die
Ehre?“ sagte sie mit einladender Handbewegung. Ihr Besucher folgte lächelnd
ihrer Aufforderung und musterte sie wohlwollend.
„Wie ich sehe, schuften Sie ja richtig für Ihre Figur, Bette! Das haben Sie
doch gar nicht nötig!“
Bette verdrehte die Augen.
„Wenn ich das nicht tue, laufe ich bald herum wie ein Hefekloß!“ erwiderte sie
lachend. Dann stutzte sie.
Ben siezte sie doch nicht! Verdammt, das war...
„Derek! Was fällt Ihnen ein...!“
Er hob abwehrend die Hände und lachte.
„Sorry, Bette, Sie haben mich ja nicht zu Wort kommen lassen!“
Wütend starrte sie ihn an.
„Verschwinden Sie auf der Stelle aus meinem Haus!“
„Ist schon gut, Tante Bette!“ Annie stand oben auf der Treppe und beobachtete
die Szene gespannt. „Was willst Du, Derek?“ fragte sie mit eisiger Stimme.
Er sah mit seinem unergründlichen Lächeln zu ihr hoch.
„Ich muß mit Dir reden, Annie.“ Mit einem bedeutungsvollen Blick auf Bette
fügte er hinzu: „Allein!“
Annie kam langsam die Treppe herunter und nickte ihrer Tante zu, die sich
daraufhin wütend zurückzog.
„Nun?“ fragte sie kühl, als sie allein waren. „Was gibt es so Wichtiges?“
Während sie sich in einen der Sessel fallen ließ, trat Derek langsam hinter
sie und begann ihr den Nacken zu massieren.
„Laß das gefälligst!“ wehrte sie ihn ab, doch er lachte nur.
„Ich kenne Dich besser, Annie! Das liebst du doch!“
Für einen Moment schloß sie genießerisch die Augen, doch dann riss sie sich
los und sprang wütend auf.
„Fass mich bloß nicht an, Derek!“ fauchte sie.
„Okay, ist ja schon gut.“ grinste er und setzte sich. „Dann eben nicht.“
Er musterte sie prüfend.
„Immer noch interessiert an meinem lieben Bruder?“
Annie sah ihn böse an.
„Immer noch interessiert an dessen kleiner Freundin?“ konterte sie
schnippisch. Derek lachte.
„Du kapierst wirklich schnell Schätzchen! Genau aus diesem Grund bin ich
hier.“
„Was soll das heißen?“ fragte Annie unsicher, da sie nicht wußte, auf was er
hinauswollte.
„Ganz einfach.“ Derek beugte sich vor und meinte vertraulich:. „Du und ich,
wir sitzen im selben Boot. Du willst Ben und ich will Meg. Wenn wir
zusammenarbeiten, bekommen wir beide, was wir wollen.“
Jeany
„Ich kann einfach
nicht verstehen, wie Du Dich nach allem, was vorgefallen ist, noch mit ihm
abgeben kannst!“ schimpfte Bette und schloß die Verandatür hinter sich.
„Hast Du gelauscht, Tante Bette? Das ist aber nicht besonders nett!“
antwortete Annie missbilligend und streckte die langen Beine auf dem Sofa aus.
„Gelauscht?“ Empört stemmte Bette die Hände in die Hüften. „Hör mal, Pupsi, so
riesengroß ist diese Wohnung nicht, und wenn Du mich schon wegen diesem...
diesem Kerl auf die Veranda verbannst, dann mußt Du damit rechnen, dass ich
... na ja, sagen wir, das ein oder andere Wörtchen zwangsläufig mitbekomme!“
Annie winkte versöhnlich ab.
„Ist schon gut, Tante Bette, beruhige Dich! Aber bitte verschone mich mit
Deinen guten Ratschlägen!“
„Ich will Dir ja auch gar nicht reinreden, aber dass Du Dich wieder mit ihm
einlässt...“
„Ich lasse mich mit niemandem ein!“ entgegnete Annie ungehalten. „Er will mir
doch nur helfen, Ben zurückzubekommen!“
Bette sah ihre Nichte mit großen Augen entgeistert an.
„Haaalooo! Aufwachen!“ rief sie übertrieben laut und setzte sich neben Annie
aufs Sofa. „Ben zurückbekommen? Du lernst es wohl nie! Er hat Dir nie gehört,
und Du wirst ihn auch nie bekommen, Pupsi, weil – er – Dich – nämlich – nicht
– liebt!!! Basta, Schluß, aus! Geht das in Deinen Kopf nicht rein?“
„Laß mich in Ruhe, Tante Bette! Was weißt Du denn schon?“ Beleidigt lehnte
sich Annie zurück und sah stur zum Fenster hinaus.
Bette schüttelte den Kopf.
„Ich weiß eine ganze Menge!“ sagte sie leise. „Du hast immer alles bekommen,
was Du wolltest, aber Ben spielt Dein Spiel nun mal nicht mit. Du kannst froh
sein, dass er Dir trotz Deiner ständigen Eskapaden bis jetzt die Freundschaft
gehalten hat. Er hat`ne Menge durchgemacht in der Vergangenheit, warum gönnst
Du ihm nicht mal ein bisschen Glück? Lass ihn doch einfach in Ruhe!“
„Nein!“ Annie fuhr herum und sah ihre Tante wütend an.
„Nicht mit dieser... dieser dahergelaufenen...“
„Ah, daher weht der Wind!“ Bette nickte. „Du bist eifersüchtig, wenn Du ihn
nicht haben kannst, dann soll ihn auch keine andere bekommen, hab ich recht?“
Annie fühlte sich durchschaut. Sie fasste nach Bettes Hand.
„Ich will nicht, dass sie ihn bekommt, nicht Meg Cummings!“
Bette schüttelte den Kopf.
„Ich verstehe Dich nicht, Annie.“ sagte sie resigniert. „So wie Du aussiehst,
könntest Du fast jeden Mann kriegen, der frei herumläuft! Aber nein...“ sie
machte eine wegwerfende Handbewegung und verdrehte genervt die Augen, „es muß
ausgerechnet Ben Evans sein!“ Sie packte ihre Nichte an den Schultern und sah
ihr in die Augen. „Hör mal, Du hast bei ihm nicht die geringste Chance! Und
wenn er erfährt, dass Du mit Derek gemeinsame Sache macht, wird er überhaupt
nichts mehr mit Dir zu tun haben wollen!“
Annie sprang auf.
„Das wird er nicht erfahren, es sei denn, Du plauderst es aus!“
„Also das ist doch...“ Während Bette beleidigt nach den richtigen Worten
suchte, ging Annie nach oben.
Auf dem Treppenabsatz drehte sie sich noch einmal um.
„Glaub mir, Tante Bette, ich weiß schon, was ich tue! Wie Du schon sagst...
Ich bekomme immer, was ich will!“
Gabi war heute
nicht so recht bei der Sache. Dr. Robinson sah sie mehrmals erstaunt an. Sie
hatte ihm schon zweimal die falsche Krankenakte hingelegt und jetzt kam sie
mit dem Verbandszeug, obwohl er eine Ampulle mit Impfstoff verlangt hatte.
„Was ist denn heute los mit Ihnen, Gabi, geht es Ihnen nicht gut? Wollen Sie
vielleicht eine Pause machen?“ fragte er besorgt, denn er kannte seine
Sprechstundenhilfe als zuverlässige und umsichtige Mitarbeiterin.
Schuldbewusst sah Gabi ihn an.
„Verzeihen Sie bitte, ich weiß auch nicht, was heute in mich gefahren ist.“
sagte sie leise und holte schnell den das gewünschte Serum.
Dr. Robinson hatte dreimal die Woche Nachmittags Sprechstunde, und in dieser
Zeit stand ihm Gabi meistens als persönliche Assistentin zur Seite.
Normalerweise liebte sie diese Schichten, denn Tyus Robinson galt als
kompetenter, freundlicher Kollege, der für seine Mitarbeiter genauso wie für
seine zahlreichen Patienten immer ein gutes Wort übrig hatte und zudem als
ausgezeichneter Allgemeinmediziner galt.
Aber heute fiel es Gabi schwer, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Immer
wieder schweiften ihre Gedanken ab zu Ricardo und Paula und dem merkwürdigen
Abend zu dritt. Irgendwie tat es ihr leid, dass sie so schroff zu Paula
gewesen war.
„Vielleicht tue ich ihr ja Unrecht!“ dachte sie und redete sich damit selbst
ein schlechtes Gewissen ein. „Ich sollte das klären.“ beschloß sie für sich.
„Gleich nach Dienstende gehe ich zu Paula und rede mit ihr.“
Als hätte Dr. Robinson ihre Gedanken erraten, legte er ihr freundschaftlich
seine Hand auf die Schulter, nachdem er die Tür hinter dem letzten Patienten
geschlossen hatte und meinte freundlich:
„Machen sie Schluß für heute, Gabi, ich habe keine weiteren Termine mehr
vergeben, und sollte doch noch ein Notfall eingeliefert werden, kann Roxi mir
helfen. Schlafen Sie sich mal richtig aus, morgen sieht die Welt schon ganz
anders aus.“
Gabi lächelte erleichtert.
„Vielen Dank, Doktor, das ist wirklich nett von Ihnen.“
Sie räumte schnell noch das Sprechzimmer auf und verließ eine halbe Stunde
später die Klinik.
Jeany
Ricardo hatte in
Elaines Waffelshop eine Tasse Kaffee getrunken. Er sah auf die Uhr. Es waren
noch gut zwei Stunden, bis Gabi endlich Dienstschluss hatte. Gerade überlegte
er, was er bis dahin noch unternehmen könnte, als Paula die Treppe herunter
kam. Sie hatte eine große Tasche über der Schulter, trug Top und knappe Shorts
und wollte allem Anschein nach zum Strand.
„Hey, Ricardo!“ begrüßte sie ihn mit einem strahlenden Lächeln.
„Wie damals“ dachte er mit einem Anflug von Wehmut. Ihr hübsches Gesicht, die
schwarzen Haare, die dunklen Augen, ihre Klasse- Figur und dieses „Hey
Ricardo“... für einen Augenblick schien es ihm, als sei die Zeit
stehengeblieben und sie wären wieder ein Paar, so wie vor drei Jahren.
„Hast Du irgendwas?“ holten ihn ihre Worte in die Gegenwart zurück. Ihre
sanften Augen musterten ihn fragend und erinnerten ihn unwillkürlich daran,
wie schnell sich dieser Blick ändern konnte, wenn sie zum Beispiel
eifersüchtig oder ärgerlich auf ihn gewesen war, wie so oft, dann konnten
diese Augen so wütend blitzen, dass einem Hören und Sehen verging.
Er lächelte.
„Hallo Paula, schön Dich zu sehen. Willst Du die letzten Sonnenstrahlen
einfangen?“ fragte er und deutete auf ihre Badetasche.
Sie lachte.
„Ich habe heute fast den ganzen Tag im Waffelshop ausgeholfen, und Mum bestand
darauf, dass ich ja eigentlich zur Erholung hier sei und unbedingt noch etwas
zum Strand gehen soll.“
„Geht es Deiner Mutter besser?“ erkundigte er sich höflich.
„Ja, die Erkältung ist im Abklingen. Das wird schon wieder. Jetzt, wo sie so
gute Pflege hat!“ meinte sie und zwinkerte ihm lachend zu. „Komm doch einfach
mit zum Strand, wenn Du gerade nichts anderes zu tun hast.“ schlug sie vor.
Ricardo überlegte kurz.
„Ich wollte Gabi von der Klinik abholen, aber bis dahin ist noch etwas Zeit.“
Er stand auf.
„Also los, nehmen wir ein Sonnenbad!“
Jeany
Gabi spazierte die
Strandpromenade entlang in Richtung Waffelshop. Vielleicht würde sie Paula
dort antreffen, denn Elaine hatte sich eine Grippe eingefangen und ihre
Tochter half deshalb zeitweise im Restaurant mit aus.
„Ich werde mich bei Paula entschuldigen.“ beschloß Gabi und mußte lächeln. Was
sollte diese dumme Eifersucht! Das war eigentlich gar nicht ihre Art.
Vielmehr war es Paula gewesen, die damals immerzu auf Ricardo eifersüchtig
gewesen war und die ihn wegen jeder noch so kleinen Kleinigkeit verdächtigt
hatte, ihr untreu zu sein, das hatte ihr Ricardo einmal selbst erzählt.
Gabi warf ihr langes Haar zurück und blinzelte in die Sonne. Nicht mehr lange,
und der Himmel würde sich in den schönsten Farben zeigen, wenn der rote
Feuerball langsam im Meer versank...
Sie beschloß, vom Waffelshop aus bei Ricardo anzurufen, damit sie sich beide
noch treffen und vielleicht am Strand den Sonnenuntergang genießen könnten.
Voller Zuversicht lief sie schneller und beobachtete im Vorübergehen die
letzten Leute am Strand.
Plötzlich stutzte sie und blieb gleich darauf wie erstarrt stehen. War das
möglich?
Da saßen Paula und Ricardo, Seite an Seite auf einem Strandlaken und schienen
sich glänzend zu unterhalten. Sie lachten und schwatzten und nahmen überhaupt
keine Notiz von ihrer Umwelt.
Gabis Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen.
Also so verbrachte ihr Freund seine Zeit, während sie normalerweise auf der
Arbeit war! Mit seiner Ex- Geliebten am Strand, in trauter Zweisamkeit!
Sie wußte nicht, wie lange sie da gestanden und die beiden fassungslos
angestarrt hatte, ohne dass diese sie bemerkten. Irgendwann drehte sie sich um
und ging langsam zurück zum Surf Center.
Cole hatte heute
die ersten Schritte draußen auf dem Gang gewagt und war ziemlich geschafft,
als ihn die Schwester zurück ins Zimmer führte.
„Das wird schon, Mister Deschanel, jeden Tag ein Stückchen mehr, und bald
flitzen Sie wieder durch die Gegend wie ein Strandläufer!“ scherzte sie
gutgelaunt und half ihm, sich auf sein Bett zu setzen.
„Brauchen Sie noch etwas?“ fragte sie pflichtbewusst, während sie die Decke
aufschüttelte.
Cole schüttelte den Kopf.
„Nein, vielen Dank. Es geht mir blendend.“
Die junge Schwester warf ihm einen vielsagenden Blick zu.
„Und genauso sehen Sie auch aus!“ meinte sie lächelnd, bevor sie das Zimmer
verließ.
Cole lehnte sich entspannt zurück und schloß für einen Moment die Augen.
Sofort sah er wieder ein bestimmtes Gesicht vor sich. Blaue Augen, rotes
Haar... verdammt, warum ging ihm nur diese Frau nicht aus dem Sinn!
Während er bewusst versuchte, sich stattdessen Caitlins Gesicht ins Gedächtnis
zu rufen, klopfte es an die Tür.
Eine junge Frau trat zögernd näher. Sie hatte einen Notizblock in der Hand und
eine große Umhängetasche über der Schulter.
„Cole Deschanel?“ fragte sie. Als er bestätigend nickte, streckte sie ihm die
Hand zur Begrüßung hin.
„Hi, ich bin Vanessa Hart vom „Sunset Sentinel“. Wir hatten einen Termin für
heute, erinnern Sie sich?“
Cole lächelte. Natürlich, das hatte er ganz vergessen.
„Aber ja, Miss Hart, bitte setzen Sie sich doch.“
Dankend nahm sie an und zog sich einen Stuhl in seine Nähe und bat ihn, das
Diktiergerät einschalten zu dürfen..
„Mister Deschanel, der Grund für meinen Besuch...“ begann sie, doch er
unterbrach schnell. „Cole, „ sagte er freundlich, bitte nennen Sie mich Cole.“
„Okay, ich bin Vanessa.“ entgegnete sie und fuhr dann sogleich fort:
„Ich berichte unter anderem über die Entwicklungen und Ereignisse rund um den
Bau der Sunset Beach- Ferienanlage durch die Liberty Corporation. Leider
gehört Ihr schwerer Unfall vor nicht allzu langer Zeit auch dazu. Ich wollte
mit dem Artikel warten, bis es Ihnen etwas besser geht, Cole, und ich hoffe,
Sie können mir in etwa schildern, wie es zu dem tragischen Unglück gekommen
ist.“
Cole richtete sich in seinem Bett auf, so gut es ging und sah Vanessa ernst
an.
„Natürlich kann ich das. Und ich bin sicher, Sie wollen die Wahrheit hören,
oder?“
Sie nickte.
„Aber natürlich.“
„Nun, dann sollten Sie eines wissen, Vanessa,“ meinte er bedeutungsvoll, „was
mir in dieser Nacht passiert ist, war zwar tragisch, aber es war ganz bestimmt
kein Unfall!“
Jeany
Ben hatte seinen
Morgenlauf beendet und anschließend eiskalt geduscht. Er machte sich Frühstück
und kaute lustlos auf seinem Toast herum.
„Soweit ist es also schon, alter Junge“ sagte er zu sich selbst, „ohne sie
schmeckt Dir nicht einmal der Kaffee am Morgen!“ Er lächelte, wenn er an Meg
dachte und freute sich darauf, den Tag mit ihr verbringen zu können.
Gestern abend waren sie beide in South Bay Essen gewesen. Meg wirkte etwas
traurig, der Abschied von Joan wirkte noch nach. Und noch etwas war Ben
aufgefallen, etwas, was ihn wider Willens sehr beschäftigte: als er auf den
Abend im Deep und in dem Zusammenhang auch auf Derek zu sprechen kam, schien
Meg diesem Thema bewusst auszuweichen. Natürlich machte sie sich Sorgen um
Sara, aber Ben spürte, dass das nicht alles war, was sie beschäftigte.
Was ging zwischen ihr und Derek vor?
Ein lautes Klopfen an der Tür holte ihn aus seinen Gedanken.
„Ben, bist Du da?“
Annie! Er grinste. Was hatte sie denn heute vor dem Mittag aus dem Bett
geholt?
Sie rauschte an ihm vorbei ins Zimmer.
„Guten Morgen!“ sagte er betont freundlich, was sie jedoch ignorierte.
„Ich muß mit Dir reden.“ meinte sie unvermittelt.
„Schieß los, was gibt es so Wichtiges, dass Du Deinen Schönheitsschlaf so
frühzeitig beendet hast?“ fragte Ben und sah sie amüsiert an.
Plötzlich hatte sie Zweifel. Sollte sie ihm das wirklich antun? Wenn er
dahinter kam, dass sie log, könnte dies das Ende ihrer Freundschaft bedeuten!
- Obwohl, sie würde ja nicht lügen, sondern... nur die Wahrheit etwas
ausschmücken. Oder...?
Annie strich um ihn herum wie eine Katze um den heißen Brei.
Gespannt musterte Ben sie.
„Nun sag schon, was Du auf dem Herzen hast! Du gibst ja sonst doch keine
Ruhe!“
Entschlossen sah Annie ihn an. Jetzt oder nie!
„Also ich habe da letztens im Krankenhaus zufällig ein Gespräch mit angehört,
da ging es um diese Kleine aus Kansas...“
„Ihr Name ist Meg, Annie!“ ermahnte sie Ben leicht genervt.
„Also schön,“ Sie verdrehte ärgerlich die Augen, „es ging also um Meg, und um
Deinen Bruder.“
Ben stutzte. Plötzlich hatte Annie seine ganze Aufmerksamkeit, was sie
zufrieden registrierte.
„Also sie unterhielt sich da mit diesem Rettungsschwimmer, Michael oder so...
jedenfalls hab ich gehört, dass sie sich wohl mit Derek hier in Deinem Haus
getroffen hat.“
„Wann?“ fragte Ben ungläubig.
„Als wir beide in Mexiko waren.“
„Das ist unmöglich, davon hätte sie mir erzählt.“ meinte Ben kopfschüttelnd.
Annie lachte boshaft.
„Habe ich Derek etwa von meiner Affäre mit Cole erzählt?“
„Annie!“ rief Ben aufgebracht. „Wovon reden wir hier überhaupt?“
„Vielleicht hat sie ja deswegen ein schlechtes Gewissen.“ stichelte Annie
weiter. „Ich habe gehört, wie sie zu Michael sagte, was passiert sei, wäre
eben nicht mehr zu ändern und sie wolle keinen Streit zwischen Euch
provozieren, sie würde das schon mit Derek klären.“
„Was?“ Ungläubig starrte Ben Annie an. „Das glaube ich Dir nicht!“
Die zuckte scheinbar gleichgültig mit den Schultern.
„Es ist nicht mein Problem, wenn Du diesem dahergelaufenen Früchtchen mehr
Glauben schenkst, als Deiner besten Freundin!“ schnappte sie beleidigt. „Geh
doch zu ihr und frag sie, und bei der Gelegenheit kannst Du sie auch gleich
darauf aufmerksam machen, dass ihre kleine Liebelei mit Derek zu der Zeit
passierte, als ich noch mit ihm zusammen war, und dass ich das nicht
tolerieren werde....“
Ben hörte ihre letzten Worte schon gar nicht mehr. Er warf die Tür hinter sich
zu und ließ Annie allein in seiner Wohnung zurück.
Mit einem selbstzufriedenen Grinsen sah sie ihm nach. Dann nahm sie das
Telefon und wählte Dereks Nummer im „Deep“. Während sie auf die Veranda
hinaustrat und tief die frische Meeresluft einatmete, nahm ihr
Gesprächspartner am anderen Ende den Hörer ab.
„Ist das schön hier draußen!“ schwärmte sie und ließ sich in einen der mit
weichen Kissen ausgelegten Korbsessel fallen. Genüsslich streckte sie die
Beine aus.
„Es geht los, Derek, ich hoffe, es klappt alles so wie geplant. Die beiden
werden sich streiten, dass die Fetzen fliegen. Ich hoffe nur, Du hast auch
wirklich dafür gesorgt, dass Meg heute pünktlich Post erhält!" Sie lachte
zufrieden. "Ich schätze, wenn Ben nach Hause kommt, wird er Meg schnellstens
vergessen wollen. Und was hilft einem Mann am besten dabei, eine Frau so
schnell wie möglich zu vergessen?“ Annie grinste teuflisch. „Natürlich! Eine
andere Frau...“
Jeany
Die Surf Central
Bewohner saßen gerade beim Frühstück, als Casey mit der Post hereinkam.
„Eine Rechnung für den Hausherrn... wer möchte sie freiwillig?“
Da sich keiner meldete, zuckte er mit gespielter Enttäuschung die Schultern.
„Dachte ich es mir doch, Ihr seit wahre Freunde!... Was haben wir hier? Ah,
eine Ansichtskarte aus Los Angeles, für Rae... Von Deinem windigen
Geschäftsmann aus Sandkastentagen?“
„Laß das Casey!“ rief Rae ärgerlich, währen die anderen lachten. „Gib schon
her!“
Casey grinste und sortierte weiter.
„Ein bisschen Werbung,...und hier ist noch ein Umschlag für Meg, wow, ist der
dick, ist das etwa Dein Gehaltsscheck?“
Meg lachte, während sie sich die Marmelade von den Fingern wischte, um den
Brief entgegenzunehmen.
„Vergiß es, Casey, eine Mieterhöhung ist nicht drin, falls Du darauf
anspielst!“
Sie riss den Umschlag auf und sah hinein.
Fotos? Erstaunt zog sie eines davon heraus und erstarrte.
Nein, das mußte doch ein Irrtum sein!
„Entschuldigt mich!“ sagte sie und versuchte, sich ihren Schreck nicht
anmerken zu lassen.
Sie nahm den Brief und ging nach oben in ihr Zimmer.
„Was hat sie denn?“ fragte Mark, dem Megs Reaktion nicht entgangen war,
besorgt.
„Keine Ahnung!“ meinte Casey und setzte sich wieder zu den anderen.
Sara trank ihren Kaffee aus und stand ebenfalls auf.
„Ich werd` mal nachsehen, ob alles in Ordnung ist.“ sagte sie und ging ihrer
Schwester nach.
Jeany
Rae las die Postkarte von Wei-Lee.
"Das gibts doch nicht!" meinte sie.
"Was ist?", fragte Casey. Doch Rae antwortete nicht. Sie eilte zum Telefon und wählte eine Nummer.
"Hallo... Wei-Lee, bist Du das?"
Casey verzog sein Gesicht. Was wollte Rae schon wieder von dem?
"Bist Du Dir sicher, dass das stimmt, was Du geschrieben hast?... Hundertprozentig! Oh Wei-Lee, das ist ja wundervoll! Und sie wollen mich sehen? Heute Abend in Los Angeles?... Wei-Lee, wie kann ich Dir nur danken! Wenn das stimmt, das werde ich Dir niemals vergessen! Ciao."
Casey musterte sie neugierig.
"Was schreibt er denn?"
"Oh Casey! Ich kann es kaum glauben! Wei-Lee hat meine Eltern überredet, sich noch einmal mit mir zu treffen."
Casey nickte.
"Ja, Du hast mir ja erzählt, daß der Kontakt vollkommen abgerissen ist, seitdem Du die Verlobung gelöst hast."
"Richtig", bestätigte Rae. "Und Wei-Lee hat sie überredet, sich heute Abend wieder mit mir zu treffen. Und das, obwohl er es war, den ich damals sitzengelassen habe. Aber er scheint das längst überwunden zu haben. Er ist wirklich ein prima Kerl."
"Ja, scheint so", antwortete Casey.
Nachdem Vanessa das Interview mit Cole beendet hatte, fuhr sie zu ihrer Wohnung zurück. Sie machte sich sofort daran, den Artikel zu verfassen. War wirklich sehr aufschlußreicher Stoff, den ihr Cole da geliefert hatte.
Doch weit kam sie nicht. Es gelang ihr nicht, sich auf den Artikel zu konzentrieren. Ihre Gedanken schweiften immer wieder ab, zu Michael. Vanessa haßte es, sich mit ihm zu streiten.
Inzwischen bereute sie den Streit doch auch etwas. Es ging ihr auch nicht darum, daß Michael einen Sohn hatte. Jimmys Geburt war lange bevor sich Michael und Vanessa überhaupt kennengelernt hatten. Was Vanessa störte, war, daß Michael offenbar nicht auf den Gedanken kam, ihr das zu sagen. Das schmerzte. Was war das für eine Beziehung, in der solche wichtigen Punkte einfach totgeschwiegen wurden?
Vanessa verscheuchte ihre Gedanken. "Konzentrier Dich auf den Artikel", ermahnte sie sich selbst. Doch es gelang ihr nicht. Mit einem Seufzer packte Vanessa schließlich ihr Schreibzeug weg. Es hatte ja doch keinen Sinn. Erst mußte sie die Sache mit Michael ins Reine bringen.
Sie ging hinaus, schloß die Tür hinter sich zu und machte sich auf den Weg.
Als Meg nicht auf
Saras Klopfen reagierte, öffnete diese leise die Tür und fand ihre Schwester
schluchzend auf dem Bett liegend vor.
„Meg! Was ist denn passiert? Was hast Du?“
Meg sah sie verzweifelt an und deutete auf die Fotos, die verstreut auf dem
Tisch lagen.
Sara nahm eines davon und erblickte Ben und Annie, wie sie sich in den Armen
hielten und sich küssten.
„Die habe ich doch schon mal gesehen!“ entfuhr es ihr.
Meg sprang auf.
„Ach ja? Und wo, wenn ich fragen darf?“ fragte sie schluchzend.
Verlegen sah Sara ihre Schwester an.
„Na ja, in... in Dereks Wohnung, neulich, als wir uns ausgesprochen haben und
ich bei ihm übernachtet habe. Ich konnte nicht schlafen, und da habe ich Dich
angerufen, erinnerst Du Dich?“
Meg nickte ungläubig.
„Ja, und da lagen die Fotos auf seinem Schreibtisch!“ Sara sah Meg an. „Zuerst
dachte ich noch, es seien Fotos von Derek und Annie, alte Erinnerungen oder
so, aber dann erkannte ich Ben an diesem Hemd, das hatte er an dem Abend am
Strand an, das weiß ich ganz genau...“
Erschrocken hielt sie inne, als sie sah, wie Meg die Tränen über die Wangen
liefen. Sie wollte sie trösten und suchte krampfhaft nach den richtigen
Worten.
„Meg, es tut mir so leid...!“
„Dieser Mistkerl!“ fauchte Meg wütend. „Er hat mir die Bilder absichtlich
geschickt! Er versucht schon von Anfang an, Ben und mich auseinanderzubringen!“
„Wer?“ fragte Sara erstaunt. „Derek?“
„Natürlich Derek! Wer auch sonst! Es würde mich nicht wundern, wenn er mit
dieser Annie Douglas noch immer unter einer Decke steckt!“
„Nein!“ widersprach Sara entschieden. „Da irrst Du Dich gewaltig...!“
Meg sah sie nachdenklich an. Dann wischte sie die Tränen ab und packte die
Bilder in den Umschlag zurück.
„Träum weiter, Sara.“ sagte sie erbost und verließ das Zimmer.
Als sie das Surf
Central verließ, prallte sie mit Michael zusammen, der gerade vom Strand kam.
„Hey, Meg!“ rief er lachend, „Du bist ja heute stürmischer als die Brandung
draußen!“
Er sah sie aufmerksam an. „Was hast Du?“
Meg schüttelte nur den Kopf und senkte den Blick, damit er ihre Tränen nicht
sah.
„Ben?“ fragte Michael und überlegte einen Augenblick. „Oder macht Dir sein
Bruder wieder einmal das Leben schwer?“
Meg schniefte und machte einen kläglichen Versuch zu lächeln.
„Ich weiß nicht recht, Michael, irgendwie hab ich das Gefühl, ich kenne im
Moment keinen von beiden... Ich muß los!“
Michael hielt sie am Arm fest.
„Ist es nicht besser, Du beruhigst Dich erst einmal?“ fragte er besorgt. „Meg,
Du kannst doch auch später noch mit Ben reden!“
Als er ihren Blick sah, schüttelte er ungläubig den Kopf.
„Oh nein, sag mir jetzt bitte nicht, Du gehst zu Derek!“
Meg klopfte ihm beruhigend auf die Schulter.
„Mach Dir keine Sorgen, ich weiß schon, was ich tue!“
„Hoffentlich hast Du Recht!“ murmelte Michael und sah ihr beunruhigt nach.
Casey fiel auf, daß Gabi beim Frühstück sehr bedrückt wirkte. Sie war einsilbig und beteiligte sich auch nicht, wie sonst, an den Gesprächen bei Tisch. Als sie alleine am Tisch saßen, sah er sie prüfend an. Gabi bemerkte seinen Blick und vergrub sich hinter einer Zeitung. Sie wollte die anderen nicht mit ihren Problemen belasten.
"Gabi?" Casey sprach sie direkt an, und zögernd nahm Gabi die Zeitung runter.
"Ja?" Sie wich seinem Blick aus.
"Ist alles in Ordnung mir Dir? Du bist heute so ... geistesabwesend!"
Gabi presste die Lippen aufeinander, um nicht loszuheulen. Sie fühlte sich elend und hätte sich gerne jemandem anvertraut. Sie hob den Kopf und schaute Casey an.
"Es ist wegen Paula ...!" Casey runzelte die Stirn.
"Wegen Paula? Das verstehe ich nicht!"
Gabi fuhr sich mit der Hand durch das Haar.
"Okay, Du willst wissen, warum ich so mies drauf bin? Ich werde es Dir sagen ...!" Nervös knetete sie ihre Finger.
"Ich habe sie und Ricardo gestern gesehen - am Strand ...!"
Casey zuckte mit den Schultern.
"Ja und?"
Gabi sah ihn ungläubig an.
"Was und? Sie waren zusammen am Strand, obwohl ich mit Ricardo verabredet war!" Casey schnalzte mit der Zunge.
"Ah, ich verstehe ... er hat Dich wegen Paula versetzt?"
Gabi schüttelte den Kopf.
"N- nein, nicht ganz. Wir waren erst später verabredet, aber ich hatte eher frei und ..." "Und Ricardo hat sich einen netten Nachmittag mit Paula gemacht," beendete Casey den Satz. Er grinste, und Gabi warf ihm einen bösen Blick zu.
"Du scheinst das auch noch lustig zu finden, ja?"
"Gabi, nun komm' mal wieder runter! Was haben sie denn am Strand gemacht? Sich geküsst, leidenschaftlich geliebt?" Casey konnte sich ein Lachen nicht mehr verkneifen. Gabi sprang wütend auf.
"Verdammt, Casey! Das ist nicht lustig! Mein Freund und meine beste Freundin waren zusammen am Strand, und ich ... ich ...!"
"... bin eifersüchtig, stimmt's?" Casey sah Gabi fragend an. Überrascht sah sie ihn an. "Ist das so offensichtlich?"
Er nahm sie in den Arm.
"Hey, ich denke nicht, daß Du Dir Sorgen machen mußt. Sicher ist alles nur ganz harmlos und sie wollten einfach ein bißchen am Strand spazierengehen."
Gabi sah ihn dankbar an.
"Ja, Case, Du hast sicher recht. Es ist bestimmt ganz harmlos ...!" Sie befreite sich aus seiner Umarmung. "Danke!"
Casey sah sie erstaunt an.
"Wofür denn?"
"Dafür, daß Du so ein guter Freund bist!"
Er kniff sie in die Seite.
"Dafür sind Freunde doch da, oder?"
Gabi lachte und ging dann die Treppe hinauf, um sich für ihren Dienst fertigzumachen.
Caitlin fuhr, nachdem sie ausgiebig gefrühstückt hatte, ins Krankenhaus, um nach Cole zu sehen. Sie war überrascht, als sie ihn nicht in seinem Zimmer vorfand. Von einer Schwester erfuhr sie, daß er bei der Krankengymnastik war. Sie setzte sich in den Warteraum und nahm sich eine Illustrierte.
"Hi Caitlin!" Sie schaute überrascht hoch und sah in Marks lächelndes Gesicht.
"Hallo ...! Was machst Du hier? Bist Du etwa krank?" Er schüttelte den Kopf.
"Nein, ich will Blut spenden. Das mache ich immer, um mein Taschengeld aufzufrischen!" Er grinste sie an. "Und außerdem ist es ein gutes Gefühl zu wissen, daß ich anderen Menschen damit helfen kann!"
Sie lächelte ihn an.
"Komm', setz' Dich!"
Er nahm neben ihr Platz.
"Und Du, was machst Du hier?"
Sie sah ihn lange an, ehe sie antwortete.
"Ich besuche einen Freund, der einen Unfall hatte!"
Mark sah sie fragend an.
"Dein Freund?" lag ihm auf der Zunge, aber er verdrückte sich die Frage. "Das ist nett!" sagte er stattdessen nur. Sie sah ihn überrascht an.
"Na ja, nett ... ist vielleicht nicht so ganz der richtige Ausdruck." Sie grinste.
"Ähm, Caitlin, wenn ich fertig bin, dann könnten wir doch in der Cafeteria eine Cola trinken, oder so. Was meinst Du? Hast Du Lust?" Mark sah sie schüchtern an.
Caitlin lachte.
"Ja, eine super Idee! Wann bist Du fertig?"
Er sah auf seine Uhr.
"In ca. 15 Min. habe ich den Termin ... ich denke in ca. 30 Min.? Bist Du dann noch da?" Caitlin sah ihn an. Irgendwie hatte sie ganz vergessen, warum sie hergekommen war! "Gut, wir treffen uns dann in 30 Min. wieder hier!"
Er warf ihr ein strahlendes Lächeln zu und verschwand in einem der Laborräume. Caitlin setzte sich wieder und lächelte still in sich hinein.
"Cait!" Cole kam ihr auf Krücken entgegen. Sie sprang auf und rannte auf ihn zu.
"Cole ... Du kannst ja wieder laufen! Das ist eine Überraschung!"
Er gab ihr einen Kuß, und Caitlin schaute verstohlen zu der Tür, hinter der Mark verschwunden war. Was würde er wohl sagen, wenn er sie beide sehen würde? Sie schob Cole leicht von sich. Verwirrt stellte sie fest, daß es sie stören würde, wenn Mark sie beide so sehen würde!
"Was ist?" Cole sah sie forschend an.
"Ach nichts," log Caitlin. "Wie wär's, wenn wir auf Dein Zimmer gehen? Da sind wir ungestörter!" Sie lächelte ihn an.
"Na dann ...!" Er machte eine einladende Bewegung Richtung seines Zimmers. Als sie auf seinem Krankenzimmer waren, atmete Caitlin erleichtert auf. Was war nur los mir ihr? Es konnte ihr doch völlig egal sein, was Mark über sie beide dachte!
Cole ließ sich erschöpft auf sein Bett fallen.
"Puh, das ist ganz schön anstrengend. Jetzt weiß ich, wie sich ein Baby fühlen muß, wenn es laufen lernt!" Kaum hatte er den Satz ausgesprochen, mußte er an Annie denken und an ihr gemeinsames, totes Baby! Annie ...
Caitlin sah Cole prüfend an. Es schien ihr, als ob er plötzlich meilenwert von ihr entfernt wäre.
"Cole? ..." Sie berührte ihn sanft an der Schulter. "Du denkst an sie, nicht wahr und an das Baby?" Cole sah Caitlin lange an. Dann nickte er vorsichtig mit dem Kopf. Sie nahm ihn wortlos in den Arm und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust. Schmerzhaft wurde ihr in diesem Moment bewußt, daß Cole immer noch an Annie hing, und der Verlust des Babys schmerzte ihn mehr, als er wahrhaben wollte.
Sie setzte sich aufrecht hin und sah ihn an.
"Ich werde Dich jetzt lieber alleine lassen. Ich komme ein anderes Mal wieder!"
Cole nickte nur, und Caitlin stand umständlich auf und ging zur Tür. Sie drehte sich ein letztes Mal zu ihm um.
"Ich liebe Dich, Cole!" Schnell öffnete sie die Tür und trat auf den Flur.
Einen Moment lehnte sie sich an. Dann straffte sie die Schultern und machte sich auf den Weg zur Cafeteria.
Caitlins Laune verbesserte sich gleich, als sie Mark sah. Die beiden unterhielten sich angeregt, tranken Limonade und aßen Muffins und vergaßen völlig die Zeit.
Marks Humor gefiel ihr, und er konnte seinen Blick nicht von ihr lösen.
Cole, Annie ... alles schien für Caitlin vergessen zu sein. Sie lauschte Marks Worten, lachte über seine Scherze und fühlte sich so zufrieden, wie schon lange nicht mehr.
Mark sah auf die Uhr.
"Mein Gott, weißt Du, wie spät es ist? Wir sitzen schon 2 1/2 Stunden hier und quatschen!" Er lächelte Caitlin an, und sie erwiderte sein Lächeln spontan.
"Halt ich Dich von irgendetwas ab?" fragte sie schelmisch.
"Na ja ...!" Er kratzte sich am Kopf. "Wir könnten uns mal so langsam auf den Weg zur Arbeit machen!"
Caitlin faßte sich an die Stirn.
"Ach ja, das hätte ich jetzt glatt vergessen!" Entschuldigend sah sie ihn an. "Ich muß mich erst an den Gedanken gewöhnen, daß ich jetzt zur arbeitenden Bevölkerung gehöre!"
Mark lachte.
"Ja, das Gefühl kenne ich, aber Du wirst sehen, daran gewöhnt man sich schnell!"
Er zog sie vom Stuhl hoch, und gemeinsam verließen sie das Krankenhaus.
Das Gespräch mit
Annie ging Ben nicht aus dem Kopf.
Was war in seinem Haus geschehen, während er in Mexiko war? Was hatte Meg ihm
verschwiegen? Und was war zwischen ihr und seinem Bruder wirklich vorgefallen?
Er beschloß, Meg danach zu fragen und machte sich auf den Weg zum Surf
Central.
Michael öffnete ihm die Tür.
„Oh, Ben!“ sagte er überrascht. „Ich dachte schon, Meg hätte es sich anders
überlegt und sei zurückgekommen.“
„Was soll das heißen?“ fragte Ben erstaunt. „Ist sie nicht da?“
„Nein Mann, Du hast sie knapp verpasst.“ Michael warf Ben einen prüfenden
Blick zu.
„Sag mal...“ begann er zögernd, „hattet Ihr beiden Streit?“
Ben zog erstaunt die Augenbrauen hoch.
„Nein... Wieso fragst Du?“
„Na ja...“ Michael suchte nach den richtigen Worten, „sie war ein wenig...
aufgeregt, um ehrlich zu sein, sie hat geweint... und ich wollte sie davon
abhalten, dass sie zu ihm geht...“
„Zu wem?“ fragte Ben in schlimmster Vorahnung.
„Derek... sie wollte zu Derek!“
Ben starrte ihn einen Augenblick lang an , dann drehte er sich wortlos um,
sprang in seinen Wagen und fuhr mit durchdrehenden Reifen davon.
„Was soll das?“
Meg betrat, ohne anzuklopfen, Dereks Büro und knallte ihm den Umschlag mit den
Fotos auf den Tisch.
Derek hatte zwar mit ihrem Besuch gerechnet, jedoch nicht, dass er so schnell
erfolgen würde.
Sein Gesicht zeigte ein erstauntes Lächeln.
„Meg, wie schön! Ich hatte schon Sehnsucht nach Dir!“ Er wies mit gespielter
Neugier auf den Umschlag. „Was ist das?“
Meg kniff wütend die Augen zusammen.
„Das weißt Du ganz genau!“ fauchte sie. „Ich weiß nicht, wie Du es geschafft
hast, diese Fotos zu machen, aber wenn Du denkst...“
„Meg!“ rief Derek und hob abwehrend die eine Hand, während er näher trat und
mit der anderen nach dem Umschlag griff. „Ich habe wirklich keine Ahnung,
wovon Du sprichst!“
Er lachte. „Aber laß mich raten, was ist es diesmal? Geht es wieder um Sara?
Oder suchst Du ganz einfach meine Nähe? Wenn das Dein Problem ist, Süße, das
können wir ganz schnell ändern...“
„Laß die Spielchen, Derek! Ich finde das nicht lustig!“
„Nein?“ Er musterte sie amüsiert. „Jammerschade!“
Meg beobachtete ihn genau, wie er die Fotos aus dem Umschlag nahm und sie
betrachtete.
Anerkennend pfiff er durch die Zähne.
„Alle Achtung! Mein Bruder läßt aber auch nichts anbrennen!“
Meg war mit einem Schritt am Tisch und riss ihm die Bilder aus der Hand.
„Tu nur nicht so, als würdest Du sie zum ersten Mal sehen, Du Heuchler!“
zischte sie. Du hast doch dafür gesorgt, dass ich sie bekomme!“
Derek sah sie an und zuckte nur mit den Schultern.
„Sieh es doch mal so, Meg, ich wollte Dir nur einen Gefallen damit tun und Dir
endlich die Augen öffnen über diese ach so freundschaftliche Beziehung
zwischen den beiden! Ben kann seit Jahren die Finger nicht von Annie lassen,
sogar als sie mit mir zusammen war, ist das für meinen lieben Bruder kein
Hindernis gewesen, sich mit ihr zu treffen!“
Meg sah ihn fassungslos an.
„Das ist nicht wahr!“
Derek trat dicht an sie heran und legte die Hände auf ihre Schultern.
„Wach endlich auf, Meg! Er erzählt Dir bestimmt, zwischen den beiden wäre nur
Freundschaft, aber da ist viel mehr. Sie kommen einfach nicht voneinander los,
auch wenn andere leiden müssen! Auch Maria hat gelitten, und sie wollte damals
nur noch weg von ihm.“
„Und da hat sie sich ausgerechnet in Deine Arme geflüchtet?“ fragte Meg
bitter. „Erzähl mir doch keine Märchen, Derek!“
„Maria liebte Ben, und vielleicht glaubte sie, bei mir das finden zu können,
was er ihr nicht geben konnte. - Meg!“ Er zwang sie, ihn anzusehen. „Du weißt,
dass ich Dich liebe, vom ersten Augenblick an, als wir uns damals am Strand
begegnet sind, wollte ich immer nur Dich! Selbst die Beziehung zu Deiner
Schwester war ein Vorwand, um Dir nah zu sein! Du weißt doch, was ich für Dich
empfinde. Bitte Meg, vergiss ihn...“
Ehe sie überhaupt wußte, wie ihr geschah, küßte er sie. Meg war für einen
Moment viel zu überrascht, um irgendwie zu reagieren.
Und genau dieser Moment war es, als Ben die Tür zu Dereks Büro öffnete und wie
erstarrt stehenblieb.
Michael schlenderte gedankenverloren über den Strand. Er konnte verstehen, daß Vanessa sich vor den Kopf gestoßen fühlte. Aber Jimmy und Virginia waren soweit weg. Michael hatte sich damals in den Slums am Rande der Kriminalität bewegt, und daß eine oder andere Mal diese Grenze sogar überschritten.
Doch er hatte sich geändert. Erst als er bei einem Einbruch fast das Leben verloren hätte, weil der Besitzer des Ladens, in den er einbrach, auf ihn schoß, hatte er erkannt, daß er dieses Leben nicht weiterführen durfte. Virginia hatte sich vorher bereits von ihm getrennt. Und wegen Michaels Vergangenheit bekam sie schließlich das alleinige Sorgerecht für den Jungen. Sehen durfte er ihn nur, wenn sie es ausdrücklich erlaubte. Und bisher hatte sie es nicht erlaubt.
"Merkwürdig, diese plötzliche Meinungsänderung", schoß es Michael durch den Kopf. Virginia war sogar zu stolz gewesen, seine finanzielle Unterstützung anzunehmen. Michael verließ Los Angeles, und fand in Sunset Beach erstmals echte Freunde und begann ein neues Leben, mit Vanessa. Aber die Sehnsucht nach Jimmy zerfraß ihn fast innerlich. Das war auch der Grund, warum er nicht drüber reden konnte. Er wollte nicht noch mehr dran erinnert werden. Nur bei Joan Cummings war das eine Ausnahme, sie war in einer zumindest einigermaßen vergleichbaren Situation.
Jedes Jahr zu Weihnachten und zum Geburtstag schickte er Jimmy etwas, mehr war nie drin, da hatte Virginia für gesorgt.
Plötzlich hörte Michael hinter sich eine Stimme:
"Michael", sprach sie an. Er drehte sich herum, und sah Vanessa.
Jimmy warf Tiffany einen Frisbee zu, den diese ohne Probleme fing.
Da Marc erst zur Blutspende ins Krankenhaus ging, und anschließend Schicht im Java Web hatte und Michael erst am Nachmittag frei hatte, hatte sich Tiffany bereiterklärt, den Vormittag mit Jimmy zu verbringen. Spike beobachtete die beiden voller Neugier. Mit seinem Kopf verfolgte er ununterbrochen den Flug des Frisbees, der ihn zu faszinieren schien.
"Au weh, das war wohl nichts", meinte Tiffany. Der Frisbee war ihr aus der Hand gerutscht, und anstatt in der Luft zu segeln, stürzte er auf halber Strecke ab und fiel in den Sand. Noch ehe Tiffany und Jimmy reagieren konnten, hatte Spike sich den Frisbee bereits geschnappt. "He Spike! Das ist nichts für Dich! Aus!", rief Tiffany. Doch so leicht wollte Spike seine Beute nicht hergeben. Er rannte los, mit einem gewaltigen Tempo an Jimmy vorbei, den Frisbee noch immer in seinem Maul.
Jimmy und Tiffany liefen hinterher.
"Spike, komm sofort zurück", ermahnte Tiffany, die bereits leicht außer Atem war. "Spike! Wenn Du den Frisbee nicht sofort wieder hergibst, fällt der Strandspaziergang heute Abend flach!" Diese Drohung schien zu wirken. So als ob er jedes Wort verstanden hätte, blieb Spike abrupt stehen und ließ den Frisbee wieder los.
Jimmy, der ihn zuerst erreichte, wollte sich bücken, und ihn aufheben, als er von weitem Michael sah, in seiner Rettungsschwimmerausrüstung. Er unterhielt sich angeregt mit einer Mitte 20jährigen, dunkelhäutigen Frau, die Jimmy tags zuvor im kurz im Surf Center gesehen hatte. Die beiden schienen über irgendetwas zu diskutieren, daß sie sehr beschäftigte. Jetzt ging Michael auf die Frau zu und umarmte sie, die Frau erwiderte die Umarmung, und dann küssten sie sich.
Missmutig beobachtete Jimmy die Szene. Wer war diese Frau und was wollte sie von seinem Daddy?
„Laß sie los,
Derek!“ Seine Stimme klang eisig und duldete keinen Widerspruch.
Erschrocken riss sich Meg los und fuhr herum. Mit großen Augen starrte sie Ben
an.
Derek trat zurück und hatte sich sofort wieder in der Gewalt.
„Na, wen haben wir denn da?“ grinste er spöttisch.
„Bruderherz, irgendwie scheinst Du immer zu spät zu kommen, das ist wohl Dein
Schicksal!“
Meg wußte später nicht mehr, wie schnell Ben bei Derek war, sie sah nur, dass
dessen Faust das Gesicht seines Bruders traf, worauf dieser hinter seinen
Schreibtisch geschleudert wurde. Ebenso schnell jedoch war Derek wieder auf
den Beinen und stürzte sich auf Ben. Die beiden rangen miteinander und
schienen mit ihren gegenseitigen Faustschlägen ihre ganze angestaute Wut zu
entladen.
„Aufhören!“ schrie Meg und wich entsetzt zurück. „Hört sofort auf mit dem
Blödsinn!“
Da die beiden nicht reagierten, packte sie kurzentschlossen die schwere
Kristallvase, die auf dem Regal stand und zerschmetterte diese mit aller Kraft
auf der Erde.
Der ohrenbetäubende Knall ließ die beiden Brüder zur Besinnung kommen.
„Seid Ihr wahnsinnig! Schluß jetzt!“ rief Meg, zitternd vor Wut.
Ben stieß Derek zur Seite und ging zur Tür, während er sich mit der einen Hand
durchs Haar strich. Ohne ein weiteres Wort verließ er den Raum.
Derek ließ sich auf das Sofa fallen und rieb sich das Kinn.
„Nun Meg,“ sagte er und grinste boshaft, „Du hast die Wahl! Entscheide Dich
für den Richtigen!“
„Das habe ich bereits, Derek.“ sagte Meg so ruhig wie möglich. Sie trat zum
Tisch und griff nach dem Umschlag mit den Fotos. An der Tür drehte sie sich
noch einmal um und warf ihm einen verächtlichen Blick zu, während sie
bedeutungsvoll hinzufügte: „Und zwar schon vor sehr langer Zeit!“
„Ben!“
So schnell sie konnte, rannte Meg die Treppe hinunter. Er war bereits am
Ausgang und blieb kurz stehen, während er sie abschätzend musterte.
„Ben...“ Meg holte tief Luft, „wir müssen miteinander reden!“
„Ich wüsste nicht, worüber.“ antwortete er mit gleichgültiger Stimme. Er ließ
sie stehen und stürmte wütend aus dem „Deep“.
Meg sah auf den Umschlag und spürte plötzlich, wie sich Wut und Enttäuschung
in ihrem Inneren breit machten.
Sie rannte zum Ausgang und erreichte Ben, als er gerade in seinen Wagen
steigen wollte.
„Warte!“
„Worauf?“ fragte er spöttisch. „Darauf, dass ich Dich das nächste Mal nicht im
Arm, sondern im Bett meines Bruders finde?“ Er schüttelte bitter lachend den
Kopf. „Nein danke, das habe ich schon mal erlebt!“
„Du musst gerade reden!“ schleuderte sie ihm wütend entgegen. „An Deiner
Stelle wäre ich ganz vorsichtig mit der Behauptung, wer hier in wessen Arm
liegt!“
Ben packte sie grob an den Schultern.
„Was zum Teufel soll das heißen?“
Meg schwieg stur und musterte ihn nur herausfordernd.
„Rede mit mir!“ fauchte er. „Was meinst Du damit?“
„Lass mich, Ben! Du tust mir weh!“ Meg riss sich mit einem Ruck los und sprang
ein paar Schritte zurück.
Böse sah sie ihn an.
„Was ich damit meine? Okay, das will ich Dir sagen! Du verdächtigst mich, Dir
untreu zu sein?“ Sie lachte spöttisch. „Das ist ein verdammt schlechter Witz!
Fass Dich gefälligst an die eigene Nase! Deine Auffassungen von Freundschaft
zum Beispiel sind, ehrlich gesagt, mehr als seltsam. Denk mal darüber nach!“
Mit diesen Worten warf sie den Umschlag mit den Fotos auf den Beifahrersitz
seines Cabrios. Dann drehte sie sich um und lief davon, damit er nicht sah,
wie ihr die Tränen in die Augen schossen.
Sekunden später fuhr er langsam neben ihr her.
„Meg, steig ein, ich will mit Dir reden!“
„Laß mich in Ruhe, Ben!“ Stur lief sie weiter, ohne ihn eines Blickes zu
würdigen.
Schließlich gab er Gas und brauste davon.
Meg blieb stehen und sah ihm nach. Sie wischte sich mit dem Handrücken
energisch die Tränen von den Wangen und schlug den Weg zum Surf Center ein.
Derek, der die Szene vom Fenster seines Büros aus heimlich beobachtet hatte,
grinste zufrieden und griff zum Telefon.
„Tja Ben“ dachte er schadenfroh, „wieder einmal dumm gelaufen, Brüderchen!“
Meg prallte an der Eingangstür des Surf Central mit Sara zusammen, die gerade auf dem Weg zum Deep war. Sara fiel gleich auf, daß ihre Schwester völlig aufgelöst war.
"Meg ..."begann sie vorsichtig. "Was ist denn passiert?"
Die sah sie wütend mit tränenfeuchten Augen an.
"Das solltest Du besser mal Deinen ... Geliebten fragen!" schnappte sie los.
Sara sah sie fragend an.
"Derek? Aber was hat er denn damit zu tun?"
Meg packte Sara etwas grob an der Schulter.
"Was er damit zu tun hat? Alles!" Meg konnte sich nicht mehr vor Sara beherrschen. Sie war zu wütend, um rücksichtsvoll zu sein. Brühwarm erzählte sie Sara, was im Deep wenige Minuten vorher geschehen war.
Fassungslos sah ihre Schwester sie an.
"Das ... das ist nicht wahr! Du lügst! Derek würde doch niemals ...!"
"Wach auf, Sara! Er hat Dich nur benutzt, um an mich heranzukommen! Er war schon von Anfang an hinter mir her ...!" Meg schrie die Worte nur so heraus.
Saras Gesicht hatte jegliche Farbe verloren. Sie hatte Meg noch nie so aufgebracht erlebt und wußte deshalb, daß sie die Wahrheit sagte.
"Derek hat nur mit Dir gespielt ...!" Meg erkannte plötzlich, welchen schrecklichen Fehler sie begangen hatte und beendete abrupt ihren Satz. Sie schaute in Saras Gesicht, deren Augen vor Entsetzen weit aufgerissen waren. "Sara ... es tut mir leid!" Sie berührte ihre Schwester am Arm. "Ich wollte nicht, daß Du es so erfährst ...! Sara, bitte, sag' was!" Sara stand wie angewurzelt, als ob sie vom Blitz getroffen wäre. Sie warf ihrer Schwester einen langen, verzweifelten Blick zu, riss sich von ihr los und rannte aus dem Haus. "Sara, warte!" rief Meg hinter ihr her, aber Sara lief einfach los. Meg schloß die Tür und zog sich sofort in ihr Zimmer zurück, wo sie sich weinend auf ihr Bett fallen ließ.
Allein in ihrem
Zimmer versuchte Meg ihre Gedanken zu ordnen. Sie ärgerte sich bereits, dass
sie nicht zu Ben in den Wagen gestiegen war, um anschließend in Ruhe mit ihm
zu reden und ihn mit den Fotos zu konfrontieren. Stattdessen war sie mal
wieder stur gewesen.
Und es tat ihr leid, dass Sara auf so unschöne Art und Weise die Wahrheit über
Derek erfahren hatte. Aber irgendwann hätte sie es sowieso erfahren, also
besser gleich, als irgendwann, wenn es vielleicht zu spät war.
Ihre Gedanken kehrten wieder zu den jüngsten Ereignissen im "Deep" zurück.
„So kommen wir nicht weiter, Ben!“ dachte sie schließlich, stand auf und
strich sich das Haar aus der Stirn. „Wir müssen miteinander reden!“
Sie verließ das Surf Central und schlug kurzentschlossen den Weg zu Bens
Strandhaus ein.
Ben war nicht nach
Hause gefahren. Er war viel zu aufgewühlt darüber, was er gehört und gesehen
hatte, dass er frische Luft brauchte, um einen klaren Kopf zu bekommen. Er
lenkte den Wagen auf den Highway über den Klippen und fuhr immer geradeaus.
Verdammt, was war nur geschehen! Er hatte Meg vertraut, nie hätte er geglaubt,
dass Derek es schaffen würde, sie einzuwickeln. Wut und Enttäuschung schnürten
ihm die Kehle zu.
Er fuhr an den Straßenrand und stellte den Wagen ab. Gedankenverloren ging er
hinüber zu den Felsen, wo er damals auf der Rückfahrt von Los Angeles mit Meg
gestanden und sie beinahe zum ersten Mal geküsst hatte. Er sah aufs Meer
hinaus und dachte an all das Schöne, was sie miteinander erlebt hatten. Sie
war so wundervoll, so herzlich und so ehrlich... nein, er konnte sich einfach
nicht vorstellen, dass sie ihn mit seinem Bruder betrog!
Und doch, hatte er nicht vorhin mit eigenen Augen gesehen, wie sich die beiden
in den Armen lagen?
Ben schloss die Augen, als die alten Erinnerungen zurückkamen, Bilder von
Maria und Derek... Bilder, die ihn so lange verfolgt hatten, bis in seine
Träume hinein, und erst, seit er Meg kannte, waren sie verblasst...
Ben wußte nicht, wie lange er so dort gesessen hatte. Die Sonne stand bereits
sehr hoch und brannte heiß. Es mußte schon Mittag sein.
Er atmete tief durch.
„Ich werde mit ihr reden, „ beschloß er, „gleich morgen nach der Besprechung
auf der Baustelle! Dann werde ich schon die Wahrheit erfahren.“
Als er in den Wagen stieg, sah er den Umschlag, den Meg auf den Sitz geworfen
hatte. Er öffnete ihn und nahm die Fotos heraus.
Ungläubig starrte er eines nach dem anderen an.
„Was zum Teufel...“ fluchte er schockiert. Diese Bilder vermittelten dem
Betrachter ein völlig falsches Bild der Situation. Meg mußte ja glauben, er
hätte ein Verhältnis mit Annie! Wer hatte diese Bilder gemacht?
Sara rannte und rannte, bis ihr die Puste ausging und sie nach Luft ringend stehenblieb. Sie fühlte eine entsetzliche Leere in sich, eine tiefe Verzweifelung.
Sie starrte auf das Meer hinaus und stellte sich einen Moment vor, wie es sein würde, sich von den Wellen begraben zu lassen ... Sie verwarf den Gedanken sofort wieder. Kraftlos ließ sie sich in den weichen Sand fallen und ließ ihren Tränen freien Lauf.
Sie dachte an die schönen Momente, die sie mit Derek gehabt hatte.
Das sollte alles gelogen sein?
Sie wußte, daß Meg sie niemals anlügen würde, und deshalb glaubte sie ihr. Was sollte sie jetzt tun? Verzweifelt vergrub sie das Gesicht in ihren Händen.
Sie mußte weg, weg von Derek und weg von Sunset Beach! Sie wollte Derek nie mehr wiedersehen!
Entschlossen stand sie auf und machte sich auf den Weg nach Hause. Im Surf Center war es erstaunlich ruhig, als sie die Tür öffnete. Sie schien alleine zu sein.
Sara griff zum Telefon und wählte eine Nummer.
"Mum? Hier ist Sara. Ich will nach Hause kommen, nach Ludlow ...!
Nachdem Sara sich am Telefon ausgeweint und ihrer Mutter alles erzählt hatte, fühlte sie sich noch unglücklicher als vorher. Joan konnte sie aus der Entfernung auch nicht trösten, aber sie war sehr erleichtert, als sie hörte, daß Sara mit diesem Derek nicht mehr zusammen war. Sorgen machte sie sich aber auch um Meg. Sara konnte ihr nichts genaueres sagen, aber Joan spürte, daß auch Meg Probleme hatte.
"Mum, ich will wieder nach Hause kommen!" flehte Sara. "Bin ich noch willkommen?" Joan seufzte.
"Aber natürlich, Liebes, Du bist immer willkommen! Erkundige Dich nach einem Flug, und wenn Du hier bist, können wir über alles in Ruhe reden! Und Sara ... liebe Grüße an Meg!"
Sara hängte erleichtert ein. Oh ja, in Ludlow wäre sie weit weg von Sunset Beach und würde Derek sicher bald vergessen haben!
Derek ... Plötzlich fiel ihr siedendheiß ein, daß noch einige Sachen von ihr in seiner Wohnung waren. Wie sollte sie da ran kommen? Auf keinen Fall würde sie zu ihm gehen und ihn darum bitten. Er konnte von ihr aus in der Hölle schmoren! Aber ihre Sachen wollte sie zurück haben.
Sara fiel auf einmal ein, daß Annie Douglas ja einen Schlüssel zu Dereks Wohnung hatte. Ob sie seine Ex-Verlobte danach fragen sollte?
Als Meg vor Bens
Haus stand, hatte sie sich einigermaßen wieder im Griff.
Sie atmete tief durch, als sie das kleine Tor öffnete und den Gang nach hinten
zur Haustür durchquerte.
Sie hatte alle Möglichkeiten erwogen, wie es zu den Fotoaufnahmen von Ben und
Annie gekommen sein könnte.
Vielleicht waren die Bilder schon älter? Ausgeschlossen, das Datum hatte daraufgestanden.
Vielleicht war es
Derek auf den Fotos? Konnte ja sein, er wollte sie hereinlegen und besaß das
gleiche Hemd wie Ben... Unsinn, die Fotos waren in Bens Haus entstanden. „Ich
werde ihn fragen, jetzt und in aller Ruhe!“ dachte Meg und drückte
entschlossen auf den Klingelknopf.
Im Haus war alles still. Nichts rührte sich. Sie klingelte noch einmal.
„Ben, wo bist Du nur?“ dachte sie verzweifelt. „Ich muß doch unbedingt mit Dir
reden!“
Sie wollte schon gehen, als die Tür leise geöffnet wurde.
„Ben?“ Hoffnungsvoll trat Meg näher, doch was sie sah, ließ sie erstarren:
Nicht Ben öffnete die Tür, sondern Annie, notdürftig den offensichtlich
nackten Körper in ein zerknittertes Bettlaken gehüllt und mit verzaustem Haar
sah sie Meg triumphierend an...
„Annie?“ Ungläubig
stand Meg da.. „Was tun Sie hier?“
„Wonach sieht es denn aus?“ gab Annie schnippisch zurück. „Nachdem Sie
offensichtlich genug von Ben haben, sammle ich die Scherben ein! Ben war
ziemlich verletzt, als er vorhin nach Hause kam. Und ich versuche, ihn ein
wenig zu trösten.“
Sie lächelte verschlagen, als sie sah, wie verletzend ihre Worte und ihr
Auftreten auf Meg wirkten.
„Gehen Sie nach Hause, Kleine, ich kann Ihnen versichern, Ben wird Sie schon
bald vergessen haben! Und jetzt entschuldigen Sie mich, es ist wirklich ein
sehr unpassender Zeitpunkt!“
Meg löste sich aus ihrer Erstarrung und trat einen Schritt zurück. Fassungslos
schaute sie Annie an, dann drehte sie sich auf dem Absatz um und rannte davon.
Zufrieden grinsend schloß Annie die Tür.
Perfekt! Eigentlich war diese Aufmachung ja wirklich für Ben gedacht gewesen,
aber das eben hatte sicherlich noch größere Auswirkungen!
Triumphierend eilte sie nach oben und schlüpfte in ihre Sachen.
„Jetzt aber lieber schnell nach Hause, bevor er mich doch noch hier findet!“
murmelte sie, ordnete notdürftig ihr Haar und riss die Tür auf.
Vor ihr stand Ben und sah sie erstaunt an.
„Annie? Was machst
Du hier?“ fragte er verärgert.
„Ich... ich, na ja, als Du vorhin weggegangen bist, da... bin ich auf der
Couch eingeschlafen.“ stotterte Annie. „Komisch, dachte sie insgeheim, dass
mir ausgerechnet diese Notlüge eingefallen ist!
„Ich habe auf Dich gewartet, weil ich mit Dir etwas besprechen wollte...“ fuhr
sie fort, doch Ben winkte nur ab. Er trat an ihr vorbei in die Wohnung.
„Sei mir nicht böse, Annie, aber ich bin müde und absolut nicht in der
Stimmung, mich mit irgend jemandem zu unterhalten. Also bitte, geh nach Hause.
Wir reden später!“
„Aber...“ versuchte sie zu widersprechen, doch Ben schob sie einfach hinaus
und schloß die Tür. Er zog seine Jacke aus und warf sie zusammen mit dem
verhängnisvollen Umschlag aufs Sofa. Dann trat er hinaus auf die Veranda und
blickte gedankenverloren aufs Meer.
Er sah Meg nicht, die unten am Strand entlangging und zu ihm hinaufsah.
„Es ist also wahr!“ dachte sie bitter. „Ben liebt Annie!“
Annie war kaum zu Hause, als das Telefon klingelte. Wer konnte das sein?
Sie staunte nicht schlecht, als sie Saras Stimme hörte.
"Ach, die kleine Putzfrau ..." sagte sie spöttisch. "Was verschafft mir die Ehre?"
Sara holte tief Luft und brachte dann ihr Anliegen vor.
Annie war überrascht.
"Habe ich das richtig verstanden? Sie haben sich von Derek getrennt und wollen nun den Schlüssel von seiner Wohnung, um einige persönliche Sachen zu holen?"
Sara schloß einen Moment die Augen. „Was für eine blödsinnige Idee!“ dachte sie. Vielleicht wäre es besser, einfach aufzulegen!
"Nun," begann Annie. "Ich sagte Ihnen ja schon einmal, daß wir im selben Boot sitzen. Ich werde ihnen helfen, vorausgesetzt, Derek erfährt nie etwas davon!"
Sara wirkte erleichtert.
"Ich danke Ihnen ...!"
"Wir treffen uns vor Dereks Wohnung, sagen wir, in 30 Minuten?"
"In Ordnung, ich werde da sein!" Sara legte den Hörer auf und sah auf die Uhr. Noch 30 Minuten, dann könnte sie ihre Sachen holen und würde für immer aus Dereks Leben verschwinden!
Nachdem Sara aufgelegt hatte, hielt Annie den Hörer noch eine ganze Weile in der Hand. Ein zufriedenes Lächeln umspielte ihren Mund. Sie würde Sara noch ein ganz besonderes Abschiedsgeschenk machen!
Entschlossen wählte sie die Nummer vom Deep.