Derek hatte schon die ganze Zeit auf Annies Anruf gewartet. Er war neugierig, ob
ihr gemeinsamer Plan funktioniert hatte. Zumindest hatte er es geschafft, eine
Kluft zwischen Meg und Ben zu bringen.
Er war deshalb auch hocherfreut, als er Annies Stimme am Apparat hörte. Doch was
sie ihm zu sagen hatte, war nicht ganz das, was er erwartet hatte.
"Ich habe Neuigkeiten für Dich, mein Lieber," begann Annie. "Deine kleine ...
Putzfrau ist auf dem Weg zu Deiner Wohnung!" Bei der Erwähnung von Saras Namen
wurde Derek hellhörig.
"Wie? Ich verstehe nicht ganz!" entgegnete er leicht irritiert. Was wollte Sara
in seiner Wohnung?
"Ach, so wie ich es verstanden habe, "sagte Annie betont langsam, „will sie wohl
ihre restlichen Sachen abholen, und ..."
Restliche Sachen? Was hatte das zu bedeuten? Derek rieb sich nachdenklich die
Stirn. "Und weiter? ..."drängte er sie.
"Dann, mein Guter, will sie die Stadt verlassen!" Annie ließ jedes Wort auf
ihrer Zunge zergehen. Sie freute sich, daß sie Derek noch auf diese Weise eins
auswischen konnte, denn ihr war nicht entgangen, daß ihr Ex-Verlobter großes
Interesse an der kleinen Cummings hatte. Nun hatte er alles verloren - Meg und
Sara!
Derek saß wie vom Blitzschlag getroffen, auf seinem Stuhl und umklammerte den
Hörer. Das aber auch alle seine Pläne in der letzten Zeit schief gehen mußten!
Er mußte irgendwie verhindern, daß Sara die Stadt verließ, aber wie?
Annie hörte, wie er tief Luft holte.
"Bist Du noch da?" fragte sie scheinheilig.
"Wo ist sie?" fragte er knapp.
Annie tat, als ob sie nicht richtig verstanden hätte.
"Wer? Meg oder Deine kleine Putzfrau?" fragte sie schnippisch und konnte nur mit
Mühe ein Lachen unterdrücken.
"Sara!" bellte Derek durch den Hörer.
"Ich sagte doch schon, daß sie gerade vor Deiner Tür steht und darauf wartet,
daß ich ihr öffne! Sie denkt doch tatsächlich ...!" Derek hörte den Rest von
Annies Satz schon nicht mehr, denn er hatte den Hörer achtlos beiseite
geschleudert, war aufgesprungen und rannte bereits die Treppe nach unten.
Er sah sie schon von weitem, wie sie vor seiner Haustür stand und nervös an
ihrer Tasche herumfingerte. Er hatte den Weg vom Deep bis zum Haus im
Laufschritt zurückgelegt und versuchte nun, seinen Puls wieder runterzubringen.
Sie drehte sich überrascht um, als sie ein Geräusch hinter sich hörte und
erstarrte.
"Nein, geh' weg!" Noch ehe Derek etwas sagen oder tun konnte, hatte sie schon
die Arme in Abwehrhaltung von sich gestreckt.
"Sara ...!"
"Ich will nur meine Sachen holen, dann bin ich gleich wieder verschwunden!"
Er trat einen Schritt auf sie zu, doch sie wich sofort zurück.
"Schließ' die verdammte Tür auf und laß' mich rein!" forderte sie. Sie konnte
seine Nähe nicht ertragen!
Er schloß die Tür auf und ließ sie hinein. Sofort rannte Sara die Treppe hoch.
Im Badezimmer riss sie ihre Toilettensachen aus dem Schränkchen, öffnete den
Kleiderschrank und zerrte einige Kleider von der Stange. Schnell stopfte sie
alles in ihre Tasche. Sie wollte gerade den Raum verlassen, als ihr Derek den
Weg versperrte.
"Laß'
uns reden, bitte!" Er sah sie flehend an, doch sie schubste ihn beiseite und
rannte die Treppe wieder hinunter.
"Reden? Worüber denn?" schrie sie aufgebracht. "Wie Du mich belogen, betrogen,
hintergangen hast?"
Derek sah sie nur schweigend an. Ihm fehlten einfach die Worte.
"Noch kein Mensch hat mich so gedemütigt ... Ich hasse Dich!"
Derek ging auf sie zu und griff ihren Arm.
"Das meinst Du nicht wirklich!" Er sah ihr fest in die Augen.
"Oh doch, ich meine es genau so, wie ich es sage! Laß mich los! Ich will nie
wieder irgend etwas mit Dir zu tun haben!" Sie riss sich los und rannte auf die
Tür zu.
"Geh nicht! Bitte, ich will es Dir erklären ...!" Derek wußte zwar nicht so
genau, wie er ihr alles erklären sollte, aber er konnte und wollte sie nicht so
gehen lassen.
"Nein, ich habe genug von Deinen Lügen! Geh doch zu meiner Schwester. Vielleicht
hört sie Dir ja zu!"
Derek zuckte zusammen. Meg hatte Sara also alles erzählt! Er stöhnte auf. Wie
hatte er nur so naiv sein können zu glauben, daß die Schwestern nicht darüber
redeten?
In die eigene Falle getappt!
"Was hat Meg Dir erzählt?" fragte er vorsichtig.
"Was sie mir erzählt hat? Die Wahrheit! Und komm' mir jetzt nicht damit, daß
meine Schwester gelogen hat ... ich weiß, daß Meg mich nie belügen würde. Du
dagegen ...!" Sie machte eine abweisende Handbewegung und öffnete dann die Tür.
"Leb wohl, Derek!" ...
Schlagartig wurde Derek klar, dass er jetzt irgendwie reagieren mußte, sonst
wäre sein ganzer Plan, über Sara an Meg heranzukommen, umsonst gewesen. Sara
würde ihn verlassen und Meg hätte noch mehr Grund, ihn zu hassen, als bisher.
Das durfte auf keinen Fall geschehen!
Seine Gedanken wirbelten wild durcheinander. Fieberhaft suchte er nach einem
Ausweg.
„Sara, warte!“ Er packte sie am Arm und hielt sie verzweifelt fest.
„Au! Derek, Du tust mir weh!“ Sie versuchte, sich loszureißen, doch sein Griff
war zu fest. Mit der anderen Hand schloß er blitzschnell die Tür.
„Was soll denn das, laß mich gefälligst los!“ rief sie wütend und schlug mit der
anderen Hand nach ihm, bis er auch diese festhielt.
Sara traten die Tränen in die Augen.
„Du Mistkerl! Was soll denn das? Laß mich raus!“
„Erst, wenn Du mir zuhörst!“ Als Sara heftig den Kopf schüttelte, setzte er in
scharfem Ton hinzu: „Doch, Du wirst mir zuhören! Jetzt, sofort!“ er wies auf die
Couch und zwang sie ungerührt ihrer Gegenwehr, sich zu setzen. Dann ließ er sich
neben ihr nieder und sah sie ernst an.
„Sara!“ Er bemühte sich, seiner Stimme einen ruhigeren Klang zu geben, „Du
kennst bisher nur Megs Version von der ganzen Sache, jetzt solltest Du Dir aber
auch meine anhören. Bitte, gib mir eine Chance!“ bat er eindringlich.
Saras Augen blitzten wütend.
„Was soll das bringen?“ fauchte sie verächtlich. „Du lügst mich doch sowieso nur
wieder an!“
„Hör mir einfach zu, dann kannst Du immer noch gehen, wenn Du das wirklich
willst.“
„Laß mich endlich los!“ schniefte Sara. Vorsichtig löste Derek seinen Griff um
ihre Schultern und wischte ihr mit dem Daumen eine Träne weg. Unwillig drehte
sie ihren Kopf weg.
„Mach`s kurz, ich möchte nach Hause!“ knurrte sie unwillig und starrte stur die
Wand an.
Derek lächelte still. Jetzt nur keinen Fehler machen, dachte er und suchte nach
den richtigen Worten.
„Hör zu, Sara, was Dir Meg erzählt hat, ist die Wahrheit.“
„Was?“ Sara fuhr herum und funkelte ihn empört an. „Du gibst es auch noch zu?“
„Ja... aber laß mich bitte ausreden!“ bat er eindringlich. „Als ich Meg damals
am Strand traf, bei Sonnenuntergang, da wußte ich... also, na ja, ich fand sie
sehr hübsch und so, und ich wollte sie gerne näher kennenlernen. Ich wußte auch
lange Zeit nicht, dass sie mit Ben zusammenwar, das schwöre ich Dir! Und als ich
dann erfuhr, dass Du ihre Schwester bist, hab ich erst gedacht, Du könntest mir
vielleicht helfen, sie besser kennenzulernen, aber nach und nach habe ich dann
gemerkt, dass ich mich in Dich verliebt hatte, und Meg interessierte mich
überhaupt nicht mehr.“
Sara zog spöttisch die Augenbrauen hoch.
„Und das soll ich Dir jetzt glauben?“ Sie lachte bitter. „Vergiß es, Derek!“
Er warf ihr einen langen Blick zu.
„Ich dachte eigentlich, das hättest Du gemerkt.“ Er atmete tief ein und presste
enttäuscht die Lippen aufeinander. „Ich dachte, Du hättest gespürt, dass das,
was zwischen uns war, mehr als nur ein Flirt war!“
„Ja, das dachte ich auch.“ sagte Sara leise und senkte den Kopf, weil ihr schon
wieder die Tränen in die Augen traten.
„Aber das war ja wohl ein Irrtum, und ich dumme Gans bin darauf hereingefallen!“
„Nein, Sara, nein!“ Derek fasste sie wieder an den Schultern und zwang sie, ihn
anzusehen.
„Als Du im Krankenhaus lagst, hatte ich so wahnsinnig große Angst um Dich, und
spätestens da war mir klar, dass... ich Dich liebe!“
Sara schluckte.
„Und was sollte dann diese Aktion mit den Fotos?“
„Tja, die Fotos...“ Daran hatte er gar nicht gedacht. „Also... Du weißt ja, dass
ich mich mit Ben nicht sonderlich gut verstehe, und ich... wollte ihn ärgern
damit, verstehst Du? Ihm eins auswischen, weil er glaubt, er sei
unwiderstehlich!“ Derek sah Sara lächelnd an. „Bitte verzeih mir, ich hab
überhaupt nicht daran gedacht, dass ich Deine Schwester damit verletzen könnte!“
„Aber... Du hast sie Meg geschickt, nicht Ben!“ widersprach Sara.
Derek fühlte sich in die Enge getrieben. Darauf hatte er keine Antwort. Aber er
war gerissen. Gekonnt wich er aus.
„Ich hatte für heute abend etwas ganz Besonderes für uns beide geplant, eine
Überraschung.“ sagte er mit trauriger Miene, "ich wollte Dir beweisen, wie ernst
es mir mit Dir ist, Sara."
Sie sah ihn abwartend an.
„Und was hattest Du vor?“
Er stand auf und ging zum Fenster, die Hände tief in den Hosentaschen.
„Ach was, vergiss es, Du hast gesagt, Du willst nichts mehr mit mir zu tun
haben, und nach allem, was geschehen ist, kann ich Dir das auch nicht verübeln,
und Du wirst Dich sicher nicht mehr mit mir treffen wollen...“
Sara war leise aufgestanden und trat hinter ihn.
„Derek?“
Er drehte sich langsam um. Sie sah ihm ernst in die Augen.
„Ich werde mich heute abend mit Dir treffen, unter einer Bedingung!“
„Ja...?“ Hoffnungsvoll blickte er sie an. Sara holte tief Luft.
„Belüg mich ja nie wieder!“
Nachdem Sara gegangen war, goß sich Derek einen Drink ein. Er atmete tief durch
und trat hinaus auf die Veranda, wo er sich auf einen der Stühle fallen ließ.
„Das war knapp, alter Freund!“ sagte er zu sich selbst.
Aber noch war das Ganze nicht ausgestanden. Er wußte, Sara würde Meg von diesem
Gespräch erzählen, und er war sich sicher, Megs Einfluß auf ihre jüngere
Schwester würde ausreichen, dass diese sich doch wieder von ihm abwenden würde.
Das aber wollte er um jeden Preis verhindern.
Aber wie?
Außerdem hatte er noch keinen blassen Schimmer, mit was er Sara heute abend
überraschen sollte. Er überlegte fieberhaft, und plötzlich huschte ein
eigenartiges Lächeln über sein Gesicht.
Das war es!
Er würde Sara weglocken von Meg. Und Meg würde ihr folgen... zu ihm...
Er sprang auf und griff zum Telefon. Während er eine Nummer eintippte, verzog
sich sein Gesicht zu einem teuflischen Grinsen.
Ja, er würde Sara einfach entführen...
Sara war völlig verwirrt von den Ereignissen bei Derek, daß sie sich zu Hause
erst einmal einen starken Kaffee machen mußte. Ihr gingen seine Worte noch
einmal durch den Kopf. Womit wollte er sie wohl überraschen?
Sie ging die Treppe hinauf zu Megs Zimmer und klopfte vorsichtig an. Als sich
niemand rührte, öffnete sie die Tür und schaute hinein. Keine Spur von Meg.
Vielleicht ist sie bei Ben, vermutete Sara, oder sie macht einen Spaziergang am
Strand.
Sara ging in ihr Zimmer und sortierte ihre Kleider zurück in den Schrank. Eine
Sache ging ihr plötzlich durch den Kopf. Wenn sie sich mit Derek am Abend
treffen wollte, würde sie es sicher nicht schaffen, den Flieger nach Ludlow zu
bekommen.
Nach Dereks Liebesgeständnis war sich Sara auch nicht mehr so sicher, ob sie
überhaupt noch nach Ludlow wollte. Vielleicht würde ja doch noch alles mit ihnen
ins Reine kommen! Sara wünschte es sich so sehr, und sie war schon sehr gespannt
darauf, was der Abend für sie bringen würde. Sie mußte ihre Eltern anrufen und
ihnen sagen, daß sie nun doch nicht, wie verabredet, mit dem nächsten Flugzeug
kommen würde.
Sie ging die Treppe nach unten ins Wohnzimmer und ergriff das Telefon. Leider
war nur der Anrufbeantworter ihrer Eltern eingeschaltet, und Sara sprach ihre
Nachricht auf Band. So konnten ihre Eltern wenigstens beruhigt sein, wenn sie am
nächsten Morgen nicht in Kansas ankommen würde. Vielleicht sollte sie Meg eine
Nachricht schreiben, überlegte Sara, damit sie sich keine Sorgen machen mußte.
Sara nahm einen Zettel und schrieb für Meg eine Notiz, daß sie sich mit Derek am
Abend in seiner Wohnung treffen wollte, zwecks einer Aussprache. Sie legte den
Zettel auf den Tisch, damit Meg ihn gleich lesen konnte, wenn sie zu Hause
eintraf. Sara öffnete im Wohnzimmer ein Fenster und ging dann nach oben, um sich
umzuziehen. Bis zu ihrem Treffen hatte sie noch reichlich Zeit, und sie würde
noch einen kleinen Bummel durch Sunset Beach machen, ehe sie sich mit Derek
traf.
Sie betrachtete sich im Spiegel. Alles schien perfekt für diesen Abend zu sein!
Sara warf noch einen letzten Blick auf den Zettel, öffnete die Tür und verließ
das Surf Center.
Sie sah nicht mehr, wie eine Windböe den Zettel erfaßte und unter die Couch
wehte ...
Im „Grenadines“, dem Nobelrestaurant von Sunset Beach, ging es an diesem Sonntag
Abend wie immer sehr vornehm zu. Fast jeder Tisch war besetzt. Hier traf sich
die High Society der Stadt, aber auch die weniger betuchten Herrschaften suchten
gelegentlich dieses Lokal auf, um sich einmal etwas Besonderes zu leisten.
Ein Ober im schwarzen Frack, der ein Gesicht zog, als hätte er eben auf eine
Scheibe Zitrone gebissen, führte Gregory und Olivia zu ihrem Tisch. Er bat sie
höflich Platz zu nehmen und rückte Olivia galant den Stuhl zurecht.
„Vielen Dank, Gaston!“ lächelte sie und setzte sich vorsichtig, da sie gewisse
unbedachte Bewegungen noch immer schmerzhaft an ihren unfreiwilligen
Balkonabstieg erinnerten.
„Was darf ich den Herrschaften bringen?“ erkundigte sich Gaston dienstbeflissen.
„Ich nehme ein Mineralwasser.“ beeilte sich Olivia zu sagen, was ihr einen sehr
erstaunten Blick ihres Gatten einbrachte. Gregory räusperte sich und meinte
dann:
„Nun, wir erwarten noch jemanden zum Essen, Gaston. Ich möchte, dass Sie uns
eine Flasche Champagner an den Tisch bringen, wenn der Herr eingetroffen ist.“
„Sehr wohl, Mr. Richards.“
Gaston deutete eine Verbeugung an und entfernte sich.
Als sie allein waren, beugte sich Gregory etwas vor und fragte spöttisch:
„Was ist los, Olivia, heute kein Gemisch aus Wermut, Weißwein und Wodka
Martini?“
Sie lehnte sich zurück und sah ihn erhaben an.
„Danke, mein Lieber, aber ich habe beschlossen, ein für alle Mal mit dem Trinken
aufzuhören.“ Als sie bemerkte, wie er amüsiert die Augenbrauen hob, setzte sie
noch hinzu:
„Ich denke, in nüchternem Zustand bin ich viel besser in der Lage, auf Deine
zahlreichen kleinen Gemeinheiten entsprechend zu reagieren. Meinst Du nicht
auch?“
Sie strich sich zufrieden über den Rock ihres teuren nachtblauen Chanelkostüms,
das sie sich eigens für diesen Abend gekauft hatte und lächelte Gregory
selbstzufrieden an.
Er gab das Lächeln nicht zurück, sondern betrachtete sie mit einem langen,
nachdenklichen Blick. Sie war wunderschön heute Abend, alles an ihr war perfekt,
alles, nur ihre Ehe nicht.
Sie fühlte sich ewig von ihm vernachlässigt, und vielleicht hatte er sie auch
ein wenig mit seiner geschäftlichen Abwesenheit überfordert, aber war das ein
Grund, andauernd fremdzugehen und ihm mit diesen Alkoholeskapaden das Leben zur
Hölle zu machen?
Ganz gewiß nicht, dessen war er sich sicher, schließlich führte sie dank seines
beruflichen Erfolges ein Leben in Luxus, wovon andere Frauen ein Leben lang nur
träumten!
Als hätte sie seine Gedanken erraten, zupfte Olivia an ihrem wunderschönen
goldenen Collier und hob ihr Sodaglas.
„Auf Dein Wohl, Gregory, auf unsere Ehe in guten und in schlechten Tagen!“
Sie trank einen Schluck und sah dann zum Eingang.
„Ah, da kommt ja unser Gast!“
Jeany
Das charmante Lächeln,
dass sie eigens für A.J. Deschanel aufgesetzt hatte, gefror auf ihren Lippen,
als sie bemerkte, dass er nicht allein war, sondern in Begleitung einer sehr
schönen, elegant gekleideten jungen Frau erschien.
Gregory erhob sich von seinem Platz, um seine beiden Gäste zu begrüßen.
Die Männer reichten sich die Hand und stellten einander vor.
A.J. erfreute Olivia mit einem Handkuss. Sein Blick ging ihr unter die Haut, und
seine Stimme jagte ihr einen wohligen Schauer über den Rücken, als er bewundernd
sagte:
„Olivia, Sie sehen bezaubernd aus!“
Sie blickte neugierig auf die Frau, die lächelnd neben ihm stand. Sie schien
wirklich noch sehr jung zu sein. War das etwa seine Gattin?
Enttäuschung machte sich breit, doch als könnte A.J. ihre Gedanken lesen, drehte
er sich um und legte den Arm um seine Begleiterin.
„Ich möchte Ihnen beiden jemanden vorstellen. Das ist Jade, meine Tochter.“
Olivia hoffte inständig, dass keiner der Anwesenden ihr die Erleichterung ansah,
als sie der jungen Frau freundlich die Hand reichte.
Gregory rückte Jade den Stuhl an seiner Seite zurecht, während A.J. neben Olivia
Platz nahm.
Wie verabredet brachte Gaston sofort den Champagner.
Gregory nutzte die Gelegenheit und hob sein Glas.
„Ich freue mich, Sie beide kennenzulernen, auch wenn der Anlass Ihres
Aufenthaltes in Sunset Beach kein sehr erfreulicher ist. Ich bedaure sehr, dass
dieser Unfall auf der Baustelle geschehen ist und hoffe, dass es Cole bald
wieder gut geht. Trinken wir also heute auf Coles Gesundheit und auf einen
schönen Abend!“
Sie prosteten sich gegenseitig zu, und für einen Augenblick schien es Gregory,
als ob A.J.`s Lippen für einen winzigen Moment ein spöttisches Lächeln
umspielte, das aber sofort wieder verschwunden war.
„Vielleicht irre ich mich ja“ dachte er, „aber ich werde ihn besser gut im Auge
behalten!“
„Darf ich fragen, was
Sie beruflich machen, Mister Deschanel?“ erkundigte sich Gregory nach einer
Weile höflich.
„Nun... ich handle mit Immobilien.“ antwortete A.J. etwas ausweichend. „Wir
expandieren gen Westen, daher versuche ich, meinen Privatbesuch hier gleich mit
Geschäftlichem zu verbinden.“
„Interessant.“ beeilte sich Gregory zu sagen und wandte sich dann an seine
Tischnachbarin.
„Und Sie, Miss Deschanel, begleiten Sie Ihren Vater oft auf seinen
Geschäftsreisen oder wollten Sie nur Ihren Bruder besuchen?“
Jade lächelte tiefgründig.
„Sowohl als auch, Mister Richards. Ich habe meinen Bruder sehr lange nicht
gesehen und wollte die Gelegenheit nicht versäumen. Sie müssen wissen, Cole ist
mein Halbbruder und wir sehen uns leider sehr selten. Außerdem begleite ich
meinen Vater häufig auf seinen Reisen.“
„Sie ist meine Finanzberaterin!“ setzte A.J. stolz hinzu. „Meine Tochter ist ein
Genie in finanziellen Angelegenheiten.“
„Oh!“ entfuhr es Gregory erstaunt. „Und ich dachte, Sie studieren noch, Miss
Deschanel...“
„Sheridan“ antwortete sie lächelnd, „ich trage den Namen meiner Mutter. Aber
bitte nennen Sie mich Jade!“
Sie nahmen das alle zum Anlass, noch einmal die Gläser zu erheben und sich
künftig beim Vornamen zu nennen.
Gregory warf Jade während des darauffolgenden Gespräches mehrere bewundernde
Blicke zu, denn sie sah nicht nur außergewöhnlich gut aus mit ihrem hellblonden
schulterlangen Haar und den smaragdgrünen Augen, sondern schien in
geschäftlichen Dingen wirklich sehr bewandert zu sein. Intelligent und charmant
beantwortete sie seine Fragen, ohne sich und ihrem Vater allerdings zu tief in
die Karten blicken zu lassen. Gregory war beeindruckt.
Aber er war auch misstrauisch. Hin und wieder warf er einen prüfenden Blick auf
seine Frau und diesen gutaussehenden englischen Geschäftsmann und registrierte
mit wachsender Unruhe, dass sich die beiden ausgezeichnet zu amüsieren schienen.
Dabei hatte Olivia den ganzen Abend nicht einen Tropfen Alkohol angerührt!
Dieser A.J. war ihm nicht ganz geheuer. Er wußte nicht so recht, was er von ihm
zu halten hatte, und das gefiel ihm nicht.
Als sie sich Stunden später verabschiedeten, reichte A.J. Gregory die Hand.
„Ich danke Ihnen für diesen schönen Abend. Und ich möchte mich auch noch für
Ihre Großzügigkeit meinem Sohn gegenüber bedanken.“
„Ach was, das ist so üblich in meiner Firma, dass wir die Leute, die für uns
arbeiten, in jeder Hinsicht zu unterstützen versuchen.“ entgegnete Gregory. „Vor
allem nach so einem tragischen Unfall.“
„Nun...“ A.J. nickte nachdenklich und meinte dann: „Mein Sohn und seine Leute
verstehen etwas von ihrem Handwerk. Sie würden nie so grob fahrlässig handeln
und ein Baugerüst nicht ausreichend sichern.“
„Was wollen Sie damit sagen, A.J.?“
„Ich weiß nicht, wie Sie das sehen, aber ich würde eher vermuten, dass Cole oder
seine Firma jemandem im Wege war!“ Er sah in Gregorys gespanntes Gesicht und
klopfte ihm versöhnlich lachend auf die Schulter. „Aber das soll ja nicht Ihre
Sorge sein, mein Lieber! Der Sache auf den Grund zu gehen sind andere Leute
zuständig!“
Jeany
Derek schaute ungeduldig auf die Uhr. Schon vor 30 Min. hatte er sich mit Sara
verabredet. Wo steckte sie nur? Sie würde es sich doch wohl nicht anders
überlegt haben, dachte er besorgt. Ausgerechnet jetzt, wo er schon alles für die
geplante "Entführung" vorbereitet hatte. Er wollte gerade zum Hörer greifen und
sie anrufen, als er ein zartes Klopfen vernahm. Er öffnete die Tür und schaute
in Saras rehbraune Augen. Wie sie so vor ihm stand, leicht nervös und verlegen,
kam sie ihm wirklich wie ein scheues Reh vor.
Doch dieser Eindruck erwies sich als falsch, denn Sara war alles andere als
schüchtern. Sie versetzte der Tür mit ihrem Fuß einen Kick, so daß diese
scheppernd zufiel und setzte sich dann unaufgefordert aufs Sofa.
"In Ordnung, Derek, hier bin ich! Wo ist die Überraschung?" Er musterte sie
amüsiert von oben bis unten. Sara war wirklich nicht auf den Mund gefallen! Das
gefiel ihm an ihr, mußte er sich eingestehen.
Er zog sie vom Sofa hoch.
"Was ist das denn für eine Begrüßung?" sagte er scheinbar enttäuscht und
versuchte sie an sich zu ziehen.
Doch Sara wich ihm aus.
"Bitte, nicht! Deshalb bin ich nicht hergekommen!" Sie funkelte ihn böse an.
"Natürlich ...!" Er ließ sie abrupt los, und sie schaute ihn irritiert an.
"Möchtest Du einen Drink?" Er ging zu seiner Bar und schenkte sich einen Scotch
ein.
"Derek ... Du hast mir gesagt, daß Du eine Überraschung hättest. Was ist es?"
Sara knetete nervös ihre Finger. Sie konnte sich nicht dem Eindruck entziehen,
daß er sie nur hinhalten wollte.
Er setzte das Glas ab und lächelte sie an.
"Ich hoffe, Du hast ein paar Sachen zum Wechseln mitgenommen ...!" sagte er
geheimnisvoll.
"Wie?" Sara dachte, daß sie sich verhört hätte.
"Wir machen nämlich eine kleine Bootsfahrt!" Er sah sie erwartungsvoll an.
"Eine Boots ... was?" Sara sah ihn ungläubig an.
"Ja, Du hast schon richtig verstanden. Ich habe ein Boot, genauer gesagt, eine
kleine Segelyacht, und ich habe ein Häuschen auf Catalina, eine der
romantischsten Insel in ganz Californien ...!" Derek machte eine Pause und sah
Sara prüfend an. Sie starrte ihn die ganze Zeit nur mit offenem Mund an, unfähig
auch nur einen Ton zu sagen.
Er fuhr schnell fort, ehe sie ihn unterbrechen konnte.
"Ich dachte, daß wir dort ungestört ein paar Tage Urlaub machen könnten ... nur
wir zwei! Catalina ist um diese Jahreszeit besonders romantisch ...!" Derek
unterbrach sich wieder. Ob sie ihm die Story vom Romantiker abnahm?
Saras Gesicht zeigte keinerlei Gefühlsregung.
"Das sollte meine Überraschung für Dich sein, und dann standest Du heute morgen
vor mir und teiltest mir mit, daß Du mich verlassen wolltest ...!" Derek wandte
sich ab, um ihrem Blick zu entgehen.
Sara ließ sich aufs Sofa fallen.
"Mein Gott ...!" stöhnte sie. "Das ist wirklich eine Überraschung!" Sie stand
auf und ging zu Derek hinüber. "Ich hatte doch keine Ahnung, daß Du so etwas
schönes für uns geplant hattest! Ich bin ... überwältigt, wirklich, aber ich ...
so wie die Dinge jetzt stehen, kann ich nicht mit Dir auf diese Insel gehen!"
Derek sah sie fassungslos an. Sara war hartnäckiger, als er geglaubt hatte. Sie
sah ihn mit einem entschuldigendem Blick an.
"Ich kann doch nicht einfach für ein paar Tage aus Sunset Beach verschwinden!
Meine Eltern und Meg würden sich Sorgen machen, und ich glaube auch nicht, daß
sie sehr begeistert von der Idee wären!"
Derek seufzte leise.
"Ich möchte Meg auch nicht so lange alleine lassen, weil ...!"
Derek unterbrach sie.
"Eine Nacht, Sara ... bitte, und ich verspreche Dir, daß ich Dich morgen
wohlbehalten bei Deiner Schwester abliefern werde!" Sie sah die Verzweifelung in
seinen Augen. Diese Verzweifelung war tatsächlich echt, weil Derek seine Felle
davonschwimmen sah! "Schenke uns diese eine Nacht, und ich verspreche Dir, daß
Du es niemals bereuen wirst!" Er verlegte sich aufs Betteln, da er absolut keine
Ahnung mehr hatte, wie er sie umstimmen sollte. Er legte vorsichtig seine Arme
um sie und zwang sie, ihn anzusehen. "Ich sehne mich so sehr nach Dir ...!" Noch
ehe Sara etwas erwidern konnte, hatte er seine Lippen auf ihre gepreßt. Sara
konnte nicht anders, als diesen Kuß zu erwidern.
Wie sehr sehnte sie sich auch nach ihm! Als sich ihre Lippen endlich voneinander
lösten, lag Sara glücklich in seinen Armen.
"Wenn es Dir soviel bedeutet, ... dann werde ich mit Dir diese Nacht auf der
Insel verbringen!"
Derek sah sie überrascht an. Er konnte es einfach nicht glauben - sein Plan
funktionierte!
Erst als sie auf der Yacht waren, kamen leise Zweifel in Sara auf. Derek war die
ganze Zeit überaus charmant zu ihr und las ihr jeden Wunsch von den Augen ab.
Trotzdem hatte sie ein ungutes Gefühl bei der ganzen Sache. Derek spürte ihre
Unsicherheit, versuchte sie aber abzulenken. Offenbar war es ihm nicht gut genug
gelungen, denn irgendwann sprang Sara auf und packte ihn am Arm.
"Bitte, Derek, dreh' wieder um!"
Er schaute sie entgeistert an. Mit allem möglichen hatte er gerechnet, nur nicht
damit! In ihren Augen standen Tränen. Der Gedanke, daß sie mit Derek ganz
alleine auf dieser Insel sein würde, hatte Beklemmungsgefühle in ihr ausgelöst.
"Sara, wir können nicht mehr zurück!" log er. "In zwei Stunden wird es
stockdunkel sein, und dann kann es schnell passieren, daß wir uns auf dem Meer
verirren!"
Er sah ihr entsetztes Gesicht und versuchte sie zu beruhigen.
"Es dauert nicht mehr lange, bis wir bei der Insel sind. Nur zurückfahren können
wir jetzt nicht mehr!"
Sara verschränkte die Arme vor dem Körper.
"Ist Dir kalt?" fragte Derek besorgt. Sara nickte nur mit dem Kopf. Derek holte
eine Decke für sie und legte sie um ihre Schultern.
"Vielleicht gehst Du besser nach unten und legst Dich etwas hin!" schlug Derek
vor.
Sara starrte hinaus aufs Meer. Sie sah nur Dunkelheit um sich herum, und
plötzlich fühlte sie sich wie eine Gefangene. Wie hatte sie nur zustimmen
können, mit ihm auf diese Insel zu fahren? Was wußte sie denn schon über ihn?
Frustriert ging sie nach unten, und als Derek wenig später nach ihre schaute,
fand er sie schlafend vor.
Am Nachmittag hatte
Mark Dienst im Java Web. Er polierte die letzten Gläser aus und sah ab und zu
rüber an den Tisch, an dem seine letzten Gäste für heute saßen: Tiffany und
Jimmy.
Sie waren schon ziemlich lange hier, und für einen Jungen von acht Jahren
verhielt sich Jimmy sehr ruhig. Er saß da und rührte in dem Eisbecher herum, den
Mark spendiert hatte.
Tiffany kam herüber zu Mark an den Tresen.
„Was hat er denn nur?“ fragte Mark und deutete in die Richtung des Jungen.
„Heimweh nach seiner Mutter?“
Tiffany schüttelte den Kopf.
„Nein, das ist es nicht. Wir waren am Strand, und er hat Michael mit Vanessa
gesehen. Seitdem ist er ganz verändert.“
„Aber er weiß doch, dass seine Eltern nicht mehr zusammen sind.“ wunderte sich
Mark. „Hat denn seine Mutter keinen neuen Freund?“
„Nein, angeblich nicht. Und Jimmy hofft wahrscheinlich, dass sich seine Eltern
eines Tages wieder vertragen.“
„Aber...“ wollte Mark widersprechen, doch Tiffany legte ihm die Hand auf den Arm
und meinte:
„Ich kann ihn verstehen, besser, als sich irgend einer von Euch vorstellen kann!
Als Kind hat man solche Träume, wenn es zu Hause drunter und drüber geht.“
Gedankenverloren schaute sie vor sich hin. „Was meinst Du, wie oft ich mir
damals eine heile Welt zusammengeträumt habe, wenn meine Mutter zu betrunken
war, um noch irgend etwas mitzubekommen, und mein Vater irgendwann in der Nacht
nach Hause kam und uns verprügelte, um seinen Frust abzubauen!“ Sie schaute Mark
mit großen Augen an. „Damals habe ich mir geschworen, niemals so zu leben, wie
meine Eltern, niemals!“ Sie warf einen Blick auf Jimmy. „Und er hat sich eben
auch seine Welt zusammengeträumt, nur vorhin ist eben ein Teil davon
eingestürzt, als er seinen Vater mit einer anderen Frau sah. Das muß er erst mal
verkraften.“
Mark hatte aufmerksam zugehört. Es war das erste Mal, dass Tiffany über ihre
Familie sprach. Sie hatte bestimmt keine schöne Kindheit gehabt. Und deshalb
konnte sie auch Michaels kleinen Sohn so gut verstehen.
„Ich hab meine Familie nie kennengelernt.“ sagte er leise. „Aber ich hab sie mir
tausendmal vorgestellt, wie sie wohl hätten sein können, meine Mutter und mein
Vater.“ Er lachte bitter. „Bestimmt wäre ich enttäuscht gewesen, wenn ich sie
wirklich kennengelernt hätte.“
„Wo bist Du aufgewachsen?“ fragte Tiffany teilnahmsvoll.
„In verschiedenen Heimen.“ antwortete Mark, und fügte mit bedeutungsvollem
Lächeln hinzu: „Auch eine tolle Lebenserfahrung, das kannst Du mir glauben!“
„Und wie bist Du nach Sunset Beach gekommen?“
„Ich bin eines Tages einfach abgehauen, genauso wie Du. Alles andere war mehr
oder weniger Zufall, und als ich Ben Evans kennenlernte, ging es zum ersten Mal
bergauf.“
„Ben hat Dir geholfen?“ fragte Tiffany erstaunt.
Mark nickte.
„Ja, er besorgte mir einen Job und eine Wohnung, und er half mir, damit ich
einigermaßen mit dem Leben zurechtkam. Ich hab ihm viel zu verdanken, er ist ein
echter Freund.“
„Tja,“ Tiffany legte die Stirn in Falten, „echte Freunde sind selten!“
Mark sah sie ernst an.
„Aber wenn man welche gefunden hat, muß man ihnen auch ein bisschen
entgegenkommen.“
„Wie meinst Du das?“ fragte sie verunsichert.
„Na zum Beispiel Casey. Er läßt Dich im Surf Center wohnen, mietfrei. Vielleicht
wäre es nun mal an der Zeit, dass Du Dich nach einem Job umsiehst, anstatt den
ganzen Tag nur herumzulungern!“
Tiffanys Gesicht wurde sofort abweisend.
„Danke für das Eis, Mark.“ sagte sie und wollte gehen. Als sie sich umdrehte,
blieb sie wie erstarrt stehen.
„Jimmy!“
Mark sah erschrocken hoch. Der Platz, an dem der Junge vor ein paar Minuten noch
gesessen hatte, war leer.
Jeany
Meg hatte sich einen Platz am Strand gesucht, wo sie niemand störte, weit weg
von der Strandpromenade, hinter den Dünen. Hier kamen keine Touristen hin,
höchstens ein paar Strandläufer joggten ab und zu vorbei. Sie wollte heute
vorerst niemandem mehr begegnen, vor allem nicht Ben oder gar Derek.
Sie zog die Beine an und schlang die Arme um ihre Knie.
Was war nur heute geschehen?
Ben und Annie, diese Bilder gingen einfach nicht aus ihrem Kopf. Immer wieder
sah sie Annie vor sich, in dieses Bettlaken gewickelt, mit diesem
triumphierenden Lächeln auf den Lippen. Dann später Ben auf der Veranda.
Sie lachte bitter.
„Tim hatte Recht“ dachte sie, „Ben ist ihr hörig, anders kann es gar nicht sein!
Beim geringsten Anlass springt er mit ihr in die Kiste!“
Obwohl - hatte er sie nicht auch überrascht, als ein anderer sie in den Armen
hielt? Sie konnte zwar nichts dafür, dass Derek sie genau in diesem Moment
überraschend geküsst hatte, aber wie mußte dieses Bild auf Ben gewirkt haben?
Mit zusammengepreßten Lippen sah sie hinaus aufs Meer. „Kein Grund, gleich mit
Annie zu schlafen!“
Sie dachte an die Fotos und ihr Herz wurde schwer.
„Es war nie aus zwischen Euch beiden, ich war sicher nur mal ein netter
Zeitvertreib für ihn!“ sagte sie traurig und merkte, wie ihre Stimme zitterte.
Irgendwie konnte sie das, was sie eben gesagt hatte, nicht so recht glauben. Sie
dachte an all die wunderbaren Momente mit Ben, an das, was er ihr gesagt hatte,
seine Augen, sein Lächeln, all das war ihr schon so vertraut, das konnte doch
keine Lüge gewesen sein!
Irgend etwas an der Sache wollte nicht so recht zusammenpassen.
Sie seufzte und sah zu, wie die Sonne wieder einmal das Meer am Horizont rot
färbte, und ihr Magen krampfte sich zusammen.
„Sonnenuntergang in Sunset Beach...“ dachte sie, „faszinierend und schön, wenn
man ihn zu zweit erlebt und verliebt ist. Aber wenn man allein ist und
unglücklich, dann ist er einfach nur deprimierend!“
Erschrocken sah sie hoch, als sie ein Geräusch hörte.
Ein kleiner Junge mit Baseballcap ging vorüber. Er hielt den Kopf gesenkt und
sah auch nicht besonders glücklich aus.
Meg überlegte. War das nicht Jimmy, der Sohn von Michael, von dem ihre Mutter
erzählt hatte, er sei einfach von Los Angeles hierhergekommen, um seinen Vater
zu sehen?
Was machte er denn um diese Zeit allein hier draußen in den Dünen?
„Jimmy?“ rief sie vorsichtig. Der Junge drehte sich erstaunt um und sah sie
unschlüssig an.
Sie stand auf.
„Hallo, ich bin es, Meg. Wir kennen uns vom Surf Central, ich wohne da.“
Über Jimmys Gesicht flog ein Lächeln.
„Ja klar, ich hab Dich nur nicht gleich erkannt.“
„Und was tust Du so allein hier am Strand?“ fragte Meg. Er senkte den Kopf und
scharrte verlegen mit der Fußspitze im Sand.
„Ich... ich wollte nur mal ein Stück laufen.“ sagte er leise.
Meg ahnte, dass irgend etwas mit ihm nicht in Ordnung war.
„Da bist Du ja ganz schön weit gelaufen.“ meinte sie lächelnd und legte ihre
Hand auf seine schmale Schulter. „Komm, setz Dich eine Weile zu mir.“
Jimmy nickte und ließ sich neben Meg in den Sand fallen. Er starrte eine Weile
aufs Wasser.
„Was hast Du denn den ganzen Tag gemacht?“ erkundigte sich Meg.
„Ich war mit Tiffany am Strand, wir haben Frisbee gespielt.“
„War Spike auch dabei? Er liebt Frisbee!“
„Ja!“ Jimmy lachte. „Das war lustig mit Spike, er wollte die Scheibe immer
fangen! Er ist hin und her gerannt, und als er sie endlich hatte, ist er auf und
davon! Tiffany und ich sind ihm hinterher, doch dann...“ Plötzlich verstummte er
und das Lächeln auf seinem Gesicht verschwand.
„Was war denn dann?“ fragte Meg vorsichtig. Jimmy warf ihr einen prüfenden Blick
zu. Sie schien wirklich in Ordnung zu sein, fand er, und sie sah ihn an wie
seine Mum, wenn er Sorgen hatte und sie ihn trösten wollte.
„Ich hab meinen Dad gesehen, am Strand... mit einer anderen Frau. Sie haben ....
sich geküsst!“ Jetzt war es raus, und er fühlte sich irgendwie leichter.
„Das war bestimmt Vanessa.“ sagte Meg. Sie konnte sich gut vorstellen, was in
Jimmys Kopf gerade vorging. Deshalb fügte sie lächelnd hinzu: „Weißt Du, sie ist
seine Freundin, und sie ist wirklich sehr nett. Die beiden...“
„Nein!“ rief Jimmy plötzlich ganz verzweifelt. „Sie soll gar nicht nett sein!
Und sie soll auch nicht seine Freundin sein! Ich hasse sie!“ Er wollte
aufspringen, doch Meg hielt ihn zurück.
„Warte mal, Jimmy!“ meinte sie beschwichtigend. „Du kennst doch Vanessa gar
nicht.“ Als sie sicher war, dass er nicht einfach davonlaufen würde, fuhr sie
mit sanfter Stimme fort:
„Glaub mir, sie ist wirklich nett. Man kann niemanden hassen, den man noch gar
nicht kennt.“
„Kann man wohl!“ knurrte er trotzig. Er schwieg eine Weile, und auch Meg sagte
nichts, um ihm Zeit zu geben, seine Gedanken zu ordnen.
„Ich will nicht, dass mein Dad eine Freundin hat.“ sagte er schließlich leise.
„Ich will, dass er wieder mit meiner Mum zusammen ist. Dass wir wieder eine
Familie sind!“ Er sah Meg mit großen angstvollen Augen an. „Wenn er eine
Freundin hat, wird er mich ganz vergessen, dann will er mich bestimmt nicht mehr
haben. Sie nimmt ihn mir weg!“
Meg schluckte gerührt. Sie schüttelte den Kopf und legte ihren Arm um den
Jungen.
„Nein, glaub mir Jimmy, Vanessa nimmt Dir Deinen Dad bestimmt nicht weg.“ sagte
sie beruhigend. „Das würde sie niemals tun.“ Sie sah ihn an. „Aber weißt Du,
Deine Mum und Dein Dad können nicht einfach wieder zusammenleben, nur weil Du es
Dir wünschst. Das ist nun mal so in der Liebe, die kann man nicht erzwingen.
Trotzdem lieben sie Dich, alle beide. Und ich glaube, das wird sich auch nie
ändern, ganz egal, ob Deine Mum mit Dir in Los Angeles wohnt und Dein Dad hier
oder anderswo, sie haben Dich beide gern, und sie möchten bestimmt beide, dass
Du glücklich bist.“
Jimmy nickte und schniefte.
„Mum arbeitet sehr viel, damit sie uns immer etwas schönes kaufen kann. Sie ist
so selten zu Hause.“
„Hat denn Deine Mum auch einen Freund?“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein, sie ist doch immer auf Arbeit.“
„Aber Du hast doch sicher Freunde?“
„Nur Misses Jones, die wohnt nebenan. Aber die ist schon sehr alt.“ Ein Lächeln
zog über sein Gesicht. „Aber im Surf Center ist es schön. Ihr seid alle total
cool!“
Meg lachte.
„Na toll, dann laß uns mal langsam dorthin zurückgehen, ich befürchte nämlich,
ein paar von diesen coolen Typen werden Dich bestimmt schon vermissen!“
Derek sah auf die friedlich schlafende Sara herab, und aus einem Impuls heraus,
strich er ihr sanft eine Strähne aus dem Gesicht. Das erste Mal bekam er
Gewissensbisse, und er grübelte darüber nach, ob die Idee mit der Entführung
wirklich so gut gewesen war. Wie würde Sara reagieren, wenn sie mitbekam, was er
mit ihr vorhatte? Sie hatte ja recht, wenn sie sagte, daß er sie nur benutzen
würde, aber obwohl ihm die Sache anfangs Spaß gemacht hatte, verspürte er immer
mehr Zweifel.
Meg würde ihn dafür hassen, daß er seine Schwester nur benutzt hatte und Sara
ebenfalls. Er würde alles verlieren!
Derek zog seine Hand zurück. Er konnte ihr das nicht antun! Entschlossen ging er
nach oben, bereit wieder umzudrehen, als er plötzlich erstarrte.
Obwohl er die Rudereinstellung nicht verändert hatte, hatte der Kurs gewechselt,
und sie waren abgetrieben. Der Wind hatte offenbar gedreht und frischte
allmählich immer mehr auf.
Derek fluchte leise. Verdammt, warum hatte er vorher nicht den Wetterbericht
gehört! Es zog ein Sturm auf, und das Boot würde wie eine Nußschale dem Wind und
den Wellen ausgeliefert sein.
Derek spürte, wie ihm der kalte Schweiß ausbrach. Er fühlte sich an die Nacht
mit Maria erinnert, Bens Frau, als sie bei so einem Sturm aufs Meer
hinausgefahren waren. Er hatte versucht, Maria von einer Umkehr zu überzeugen.
Sie hatten oben an Deck gestanden und sich gestritten, und dann hatte sich das
Boot plötzlich zur Seite geneigt, und Maria hatte den Halt verloren und war über
Bord gespült worden.
Es war totale Finsternis gewesen, und er konnte nicht einmal die Stelle
ausmachen, wo sie ins Wasser gefallen war. Ihr hinterherzuspringen wäre glatter
Selbstmord gewesen! Derek zog die Schultern hoch. Der Boden unten ihm begann zu
schwanken.
Maria ... Ben hatte immer geglaubt, daß Maria alleine aufs Meer hinausgefahren
war. Wenn sein Bruder erfahren hätte, daß er bei ihr war in jener Nacht und
tatenlos zusah, wie seine Frau ertrank, hätte er ihn nur um so mehr gehaßt!
Vielleicht hätte er sogar vermutet, daß er Maria umgebracht hatte!
Derek schloß einen Moment die Augen.
"Destiny"
... hätte er seinem Boot doch nur einen anderen Namen gegeben ... und nun holte
ihn das Schicksal wieder ein!
"Derek?"
Er fuhr herum. Sara war erwacht und stand nun leicht schwankend vor ihm.
"Geh' sofort wieder runter!" Er packte sie unsanft und versuchte sie wieder die
Treppe hinunterzuschieben. "Es zieht ein Sturm auf!"
Sara lehnte sich leicht an ihn.
"Ich kann dort nicht bleiben. Mir ist schon ganz schlecht!" Sie atmete die kühle
Luft ein. "Sei vernünftig, Du kannst nicht hier oben bleiben!"
Trotzig nickte sie mit dem Kopf.
"Doch, ich bleibe!"
Da Derek wußte, daß es wenig Zweck hatte, Sara vom Gegenteil zu überzeugen,
nickte er nur.
"Halt das Ruder!" Während sie krampfhaft versuchte, den Kurs zu halten, ging er
nach unten und suchte ein Seil. Er wollte unter allen Umständen verhindern, daß
Sara dasselbe Schicksal widerfuhr wie Maria! Als er wieder an Deck war, legte er
das Seil um Saras Taille und befestigte das andere Ende an einem Haken. Sie
schaute an sich herab. "Ist das wirklich nötig?" Sie sah ihn verwirrt an. Seine
Nervosität war ihr nicht entgangen, und irgendwie fand sie seine Maßnahmen etwas
übertrieben.
"Ja, es ist nötig, und nun laß' mich bitte meine Arbeit machen!" sagte er
barsch.
Sara zuckte zusammen. Sie spürte, daß es nicht der beste Zeitpunkt war, mit
Derek zu diskutieren. Widerspruchslos nahm sie auf einer Bank Platz.
Rae war aufgeregt wie ein kleines Mädchen. Dreimal hatte sie sich schon
umgezogen, aber nichts schien ihr passend für das bevorstehende Wiedersehen mit
ihren Eltern in Los Angeles.
Sie war froh, als sie hörte, wie Meg nach Hause kam.
„Du mußt mir helfen!“ Entnervt und zapplig, wie man sie eigentlich überhaupt
nicht kannte, wühlte Rae in ihren Sachen. „Was soll ich heute abend tragen? Ich
möchte nichts verkehrt machen, Meg, es ist mir so unwahrscheinlich wichtig, dass
ich einen guten Eindruck auf meine Eltern mache!“
Meg konnte zwar nicht so recht nachvollziehen, dass Rae wirklich glaubte, die
Changs würden sie nach so langer Zeit nach der Garderobe beurteilten, die sie
gerade trug, aber sie tat ihr den Gefallen. Während sie beide wieder einmal Raes
Kleiderschrank inspizierten, seufzte diese und stellte fest:
„Ich verbringe zuviel Zeit in diesen weißen oder grünen Krankenhauskitteln. Ich
brauch was Chickes, Elegantes...“
„Warte mal!“ Meg ging in ihr Zimmer und kam mit ihrem dunkelroten Kostüm zurück,
dass sie sich damals in Los Angeles gekauft hatte, als sie mit Ben dort war.
Ben... es gab ihr jedes Mal einen schmerzlichen Stich in der Brust, wenn sie nur
an ihn dachte. Ob man sich wohl an so etwas gewöhnte?
Energisch versuchte sie den Gedanken an ihn aus ihrem Kopf zu verbannen und
reichte Rae das Kostüm.
„Los, probier mal!“ meinte sie ermutigend. „Die Farbe steht Dir bestimmt gut!“
Und tatsächlich, Rae sah in dem Kostüm wunderschön aus, elegant, aber nicht zu
geschäftsmäßig. Es passte ihr hervorragend. Sie war erleichtert und dankte Meg
überschwenglich.
„Wenn nun der Rest des Abends auch so klappt, dann hat sich die Mühe gelohnt.“
Meg sah sie nachdenklich an.
„Wovor hast Du eigentlich Angst?“ fragte sie.
Rae strich sich nervös über die Stirn.
„Weißt Du...“ begann sie zögernd, „meine Eltern sind sehr... konservativ, wenn
Du weißt, was ich meine. Meine Mutter würde zum Beispiel niemals alleine hierher
kommen, um mich zu sehen, so wie Deine Mum. Bei uns ist man der Meinung, das
schickt sich nicht für eine verheiratete Frau, allein in der Gegend herum zu
reisen, das würde mein Vater nie erlauben.
Genauso wenig werden sie verstehen, dass ich hier in dieser Wohngemeinschaft
lebe, für eine junge ledige Frau gibt es entweder die Familie oder den Ehemann.“
„Puh,“ machte Meg überrascht, „das sind ja wirklich harte Sitten. Und daran
halten sich bei Euch alle?“
Rae lachte verunsichert.
„Nein, wie Du an mir sehen kannst. Wenn ich allerdings in China leben würde,
gäbe es keine andere Alternative. Die älter Generation hält sich streng an
unsere Traditionen, aber es gibt immer junge Leute, die versuchen, auszubrechen
und ein normales Leben in der „westlichen Welt“ zu führen, und wenn man hier
studiert und hier lebt, muß man sich ja auch anpassen.“
„Und Deine Eltern sind nicht erfreut, dass Du nach Deinem Studium nicht
zurückgekommen bist?“ fragte Meg.
Rae schüttelte den Kopf.
„Seit ich hier in Sunset Beach lebe, hatten sie jeglichen Kontakt abgebrochen.
Nur mit Wei- Lee haben sie noch gesprochen.“
„Dein Ex- Verlobter?“
„Ja, der Mann, den meine Eltern vor mindestens 20 Jahren schon für mich
ausgesucht haben!“
„Sowas
gibt es noch?“ Meg blieb vor Staunen der Mund offen stehen. „Das ist ja kaum zu
glauben!“
„Allerdings - kaum zu glauben!“ ertönte plötzlich Caseys Stimme von der Tür
her. Er betrachtete Rae mit einem Lächeln. „Wow, Du siehst phantastisch aus!“
Sie lächelte ihn dankbar an. Dann aber bemerkte sie, dass auch er seinen feinen
Anzug trug und ihr Gesicht verfinsterte sich.
„Casey, was soll der Aufzug? Du sollst mich doch nur hinfahren!“
„Na ja“ meinte er mit seinem jugendlichen Charme, „wenn ich einmal da bin,
kannst Du mich doch auch gleich Deinen Eltern vorstellen!“
Rae hob abwehrend die Hände.
„Nein, Casey, also... das ist wirklich… nein, auf keinen Fall! Ich... ich muß
allein mit ihnen reden...“ stotterte sie aufgeregt. Verständnislos sah Casey sie
an.
„Aber Rae, was ist denn dabei...“
„Hey, Moment mal, Ihr beiden!“ schaltete Meg sich ein, um die Situation
einigermaßen zu retten. „Ich hatte heute auch keinen besonders guten Tag,“ sie
blinzelte verstohlen, „na ja, um es genau zu sagen, ein Alptraum von einem Tag,
und ich könnte gut etwas Abwechslung vertragen! Wie wäre es also, wenn Ihr mich
mitnehmt, und während Du Dich mit Deinen Eltern triffst, gehen Casey und ich was
essen und quatschen ein bisschen?“ schlug sie vor, während sie Casey heimlich
mit dem Ellenbogen in die Rippen stieß.
„Ja, gute Idee!“ riefen er und Rae wie aus einem Munde.
„Gut.“ meinte Meg, die ebenfalls ganz froh war, eine Ablenkung für den heutigen
Abend gefunden zu haben, „ich zieh mich nur um, in 5 min bin ich da.“
„Beeil dich, Meg, wir müssen los, das Wetter sieht nicht gut aus.“ rief Casey.
„Kann gut sein, dass wir diese Nacht Sturm bekommen!“
Mark und Tiffany hatten voller Sorge nach Jimmy gesucht und waren heilfroh, als
Meg ihn eine halbe Stunde später ins Surf Center zurückgebracht hatte. Sie saßen
in der Küche und bereiteten gemeinsam das Abendessen vor. Meg sah nochmal kurz
rein.
„Wir fahren jetzt los.“ verkündete sie und war schon wieder verschwunden.
Spike bellte und lief unruhig durchs Haus.
„Was hat er denn?“ fragte Jimmy.
„Wahrscheinlich zieht ein Unwetter auf,“ meinte Mark, „Tiere spüren sowas.“
Michael kam hereingepoltert und stellte das Surfbrett im Flur ab.
„Hallo Leute!“ begrüßte er seine anwesenden Mitbewohner und stupste Jimmy an
sein Basecap. „Na, alles klar bei Dir?“
Der Junge nickte. „Alles klar, Dad.“ Er sah seinen Vater zögernd an. „Wann
bringst Du sie mal mit?“
„Wen meinst Du?“ fragte Michael erstaunt.
„Na, Deine Freundin!“
„Oh“ überrascht sah er seinen Sohn an, „Woher weißt Du...“
„Meg hat gesagt, sie ist sehr nett, und sie heißt Vanessa. Und Meg hat auch
gesagt, dass Du mich trotzdem noch gern hast. Das stimmt doch, Dad?“ Große
Kinderaugen sahen ihn fragend an. Michael nahm seinen Sohn in den Arm. Ernst sah
er in sein Gesicht.
„Meg hat vollkommen recht, Sportsfreund. Vanessa ist wirklich sehr nett, ich
werde sie Dir nachher vorstellen, sie kommt noch kurz vorbei. Und...“ er machte
eine bedeutungsvolle Pause, „egal, ob ich eine Freundin habe oder nicht, Dich
werde ich immer lieb haben, mein Sohn! Das wird sich niemals ändern!“
Jimmy strahlte ihn an.
„Ich liebe Dich auch, Dad!“
Michael ging nach oben, um sich umzuziehen und nahm sich vor, Meg zu danken,
dass sie Jimmy so gut auf Vanessa vorbereitet hatte, denn er selbst hatte große
Bedenken gehegt, was die erste Begegnung zwischen seiner Freundin und seinem
Sohn anging. Erleichtert und fröhlich pfeifend verschwand er im Bad.
Als nächste erschien Gabi vom Dienst.
Sie warf die Tür hinter sich zu und schüttelte ihr langes Haar, das von den
plötzlich aufkommenden Windböen völlig zerzaust war.
„Puh, Leute, ich glaube, wir kriegen ein Unwetter!“ prophezeite sie. „Wo sind
die anderen?“
„Casey, Rae und Meg sind nach L.A., Michael ist oben und wo Sara ist, weiß ich
nicht.“ antwortete Mark. Er stellte die Teller auf dem Tisch ab und nahm seine
Jacke vom Stuhl.
„So, ich muß los, meine zweite Schicht im „Deep“ fängt gleich an. Bis später!“
Als er zur Tür hinaus wollte, prallte er fast mit Sean Richards zusammen, der
gerade auf den Klingelknopf drücken wollte.
„Hi Sean!“ rief er gutgelaunt. „Geh rein, Du hast Glück, es ist gerade ein Platz
am Abendbrottisch freigeworden! Und wenn mich nicht alles täuscht, sogar neben
Tiff!“
Ben stand unten am Strand und beobachtete, wie eine um die andere immer höher
werdende Welle an Land gespült wurde. Der Wind nahm stetig zu, und die
Temperatur war binnen kürzester Zeit um fast 10 Grad gesunken.
Er ging zum Haus zurück und verschloß die Fenster. Unruhig wanderte er in den
Räumen umher. Der Streit mit Meg beschäftigte ihn mehr, als er zugeben wollte,
und inzwischen wünschte er sich nichts sehnlicher, als dass sie hier bei ihm
wäre, und sie bei diesem Wetter gemeinsam vor dem knisternden Kaminfeuer sitzen
könnten.
Zum hundertsten Male sah er sich die Fotos an, auf denen er mit Annie zu sehen
war. Inzwischen war ihm eingefallen, wann sie entstanden sein könnten. Das war
an jenem Tag, als sie von Coles Unfall erfahren hatte und völlig aufgelöst zu
ihm nach Hause kam. Er hatte sie getröstet, und sie davor gewarnt, Derek zu
sagen, wer der Vater ihres ungeborenen Babys sei. Annie hatte ihn plötzlich
geküsst, bevor er es verhindern konnte und ihm zum wiederholten Male ihre Liebe
gestanden.
Ben lächelte. Arme Annie, sie gab wahrscheinlich niemals auf. Nur würde sie
damit bei ihm auch niemals Glück haben, denn er liebte sie wirklich nicht.
Jedenfalls nicht so, wie sie das gerne hätte. Er fühlte sich nur manchmal für
sie verantwortlich, wenn sie sich stur und engstirnig wieder einmal in irgend
eine dumme Situation hineinmanövriert hatte.
Aber wer hatte die Fotos gemacht?
Plötzlich kam die Erleuchtung. Natürlich! Wer hatte ihm denn die Fotos von der
falschen Maria untergeschoben?
Eddie Connors!
Und für wen arbeitete dieser Mistkerl?
Derek... Er hatte ihr die Fotos geschickt und wahrscheinlich damit gerechnet,
dass sie ihn deswegen zur Rede stellen würde!
Deshalb war Meg heute morgen bei ihm gewesen! Und Derek hatte die Situation
schamlos ausgenutzt...
Ben riss seine Jacke vom Haken, warf die Tür hinter sich zu und machte sich auf
den Weg zum Surf Central.
Der Wind frischte immer mehr auf, und bald war die Segelyacht nur noch ein
Spielball der Wellen. Derek versuchte verzweifelt den Kurs zu halten, doch sie
trieben immer weiter ab. Das Boot neigte sich gefährlich zur Seite, und Sara war
Derek nun doch ganz dankbar, daß er sie festgebunden hatte.
Sie machte sich Sorgen um ihn, denn er lief unangeseilt auf Deck herum. Erneut
brach sich eine Welle am Bug und das Wasser schwappte über die Reling.
Sara schrie auf, und sofort war Derek bei ihr.
"Geh' nach unten, dort bist Du sicher!" sagte er eindringlich, doch Sara
schüttelte den Kopf. Sie war völlig durchnäßt, doch ihr Wille war ungebrochen.
"Ich will Dich hier nicht alleine lassen!" sagte sie und fuhr sich durchs nasse
Haar. Er hob den Kopf und sah sie überrascht an. Es berührte ihn, daß sie sich
offenbar Sorgen um ihn machte. Viel mehr Sorgen, als ich sie mir um sie gemacht
habe, dachte er bitter. Sonst wären wir jetzt nicht in dieser Situation! Wenn
Sara etwas passieren würde, würde ihn das sein ganzes restliches Leben lang
verfolgen!
Er strich ihr vorsichtig über die Wange.
"Bitte, Sara, unten ist es sicherer für Dich! Mir wird schon nichts passieren!"
Sie warf ihm einen verzweifelten Blick zu, ehe sie die kleine Tür öffnete, um
nach unten zu steigen. Sie setzte den Fuß auf die erste Stufe und drehte sich
noch einmal zu ihm um.
"Derek?" Er sah sie fragend an.
"Was ist?"
"Ich liebe Dich!"
Sara sprach die Worte schnell aus und rannte dann die letzten Stufen nach unten.
Sie zog die Tür zu und hockte sich, die Arme um die Beine verschränkt, auf die
Sitzbank. Sie hoffte inständig, daß der Sturm bald vorüberziehen würde und sie
beide das ganze unbeschadet überstehen würden.
Nachdem Sara gegangen war, stand Derek noch einen Moment dort und schaute
nachdenklich auf die verschlossene Tür. Das erste Mal wurde ihm so richtig
bewußt, daß er für Sara die große Liebe war! Und was war Sara für ihn?
Sein Gedankengang wurde abrupt unterbrochen, als erneut ein Brecher über Bord
schwappte und ihn fast mitriß.
Er schloß die Augen. Das war das Ende!
Er packte das Seil, mit dem er vorher Sara gesichert hatte und band es sich um.
Noch ein paar Mal schien das Boot dem Kentern nahe zu sein, doch plötzlich ebbte
der Sturm ab und die Wellen glätteten sich. So schnell, wie der Sturm aufgezogen
war, verzog er sich wieder. Derek ging nach unten, um nach Sara zu sehen. Sie
saß immer noch auf der Bank und umklammerte beide Beine.
Als sie ihn die Treppe herunterkommen sah, stand sie auf und warf sich ihm
erleichtert in die Arme. Er hielt sie ganz fest und streichelte ihr beruhigend
übers Haar.
"Wir haben es geschafft, Sara, der Sturm ist vorüber! Nun können wir wieder Kurs
auf Catalina nehmen!"
Casey und Meg setzten Rae vor dem Hotel ab, in dem sie ihre Eltern treffen
sollte. Sie vereinbarten eine Abholzeit und suchten sich dann beide ein
gemütliches Restaurant, wo sie zu Abend essen wollten.
Inzwischen hatte sich der Wind zu einem handfesten Sturm entwickelt, der langsam
die Küste heraufzog.
„Ganz schön kühl geworden.“ meinte Casey und sah besorgt durchs Fenster nach
draußen. „Hoffentlich wird das nicht noch schlimmer mit dem Wetter.“
Meg zuckte mit den Schultern.
„Ich hab noch keinen Sturm am Meer erlebt.“ sagte sie. Casey lachte.
„Dann kann ich Dir eins versprechen, Meg, wenn Du erst einmal einen miterlebt
hast, verlangst Du keinen Nachschlag!“
„Das glaube ich auch.“ stimmte sie mit einem misstrauischen Blick nach draußen
zu.
Sie bestellten ihr Essen und unterhielten sich über belanglose Sachen. Dann
erzählte Meg Casey von ihrem Gespräch mit Rae vor der Abfahrt im Surf Central.
„Kannst Du Dir das vorstellen? Alte Traditionen... wie im Mittelalter! Sie tut
mir richtig leid, hoffentlich geht alles gut heute und ihre Eltern versöhnen
sich mit ihr!“ sagte sie leise.
Casey nickte.
„Ich hoffe nur, dieser Wei- Lee ist nicht mit dabei!“ antwortete er grimmig.
„Ich traue dem Kerl nicht über den Weg!“
Meg verzog das Gesicht.
„Also sonderlich sympathisch finde ich ihn auch nicht. Irgendwie undurchsichtig
und arrogant, eben ein aalglatter Geschäftsmann!“
Sie lachten beide. Dann aber verschwand das Lächeln wieder von Caseys Gesicht.
Ernst sah er Meg an.
„Und nun zu Dir. Warum wolltest Du heute unbedingt weg aus dem Surf Central?“
Sie suchte krampfhaft nach einer Ausrede.
„Also... ich...“
„Erzähl mir jetzt nicht, Du hattest Sehnsucht nach L.A., bei diesem Sauwetter!
Und Du kennst mich, ich hätte auch vor dem Hotel auf Rae gewartet, wenn es hätte
sein müssen. Also Meg, was ist los?“
Meg schaute ihn nachdenklich an. Sie sah plötzlich so traurig aus, dass er sie
am liebsten in den Arm genommen hätte. Stattdessen fasste er nach ihrer Hand und
hielt sie fest.
„Es ist... wegen Ben.“ begann sie, zunächst zögernd, aber dann sprudelten die
Worte nur so aus ihr heraus, sie ließ nichts aus und erzählte ihm die ganze
Geschichte, und sie merkte, wie unendlich gut es ihr tat, endlich mit jemandem
darüber reden zu können.
Casey war ein guter Zuhörer. Er unterbrach sie nicht, nickte nur ab und zu oder
schüttelte nachdenklich de Kopf.
Als Meg ihn schließlich schweigend und erwartungsvoll ansah, meinte er auf
einmal:
„Ben ist manchmal etwas schwierig, Du bist seit langer Zeit die Erste, der er
sein Herz geöffnet hat, er ist attraktiv, charmant und ein wirklich guter und
zuverlässiger Freund, auch wenn er Fremden gegenüber mitunter sehr unnahbar
erscheint.“ Er holte tief Luft und sah Meg eindringlich an. „Aber wenn Du mich
fragst, ob er mit einer anderen fremdgehen würde, während er mit einer Frau wie
Dir zusammen ist, dann würde ich sagen, nein! Und ganz bestimmt nicht mit Annie
Douglas!“
Durch den Sturm hatten sie wertvolle Zeit verloren, und es kostete Derek Mühe,
wieder den richtigen Kurs zu finden.
Sara hatte es vorgezogen, unten zu bleiben. Sie fröstelte und zog sich die Decke
enger um den Körper. Vielleicht wäre es ratsam, die nassen Sachen auszuziehen,
dachte sie, verwarf den Gedanken jedoch sofort wieder. Sie hatte ja nichts zum
Wechseln dabei! Nachdem Derek den richtigen Kurs auf Catalina eingeschlagen
hatte, ging er hinunter zu Sara. Er sah, wie sie zitterte und ihre Zähne
aufeinanderschlugen.
Schnell wickelte er sie aus der Decke.
"Sara, Du bist klatschnass! Es wäre besser, wenn Du die nassen Sachen ausziehen
würdest!"
Sie sah ihn hilfesuchend an. Derek zog aus einer Sporttasche einen Pullover von
sich und gab ihn ihr.
"Meine Hosen werden Dir ja sicher nicht passen, vermute ich mal!"
Sara lächelte schwach, stand schwankend auf und ging Richtung Toilette. Sie zog
sich ihre Sachen aus und den Pullover über und ging dann zurück zu der Sitzbank.
"Hast Du Hunger?" Derek sah sie prüfend an. Ihr Gesicht war kalkweiß, und ihre
Augen glänzten fiebrig.
Sara schüttelte matt den Kopf. Der Abend war einfach zuviel für sie gewesen! Sie
rollte sich auf der Sitzbank zusammen und zog die Decke über sich. Derek ging
wieder hoch, um die Ruderstellung zu korrigieren. Als er etwas später nach unten
kam, schlief Sara bereits.
Er griff nach ihren eiskalten Händen und fühlte ihre Stirn, die sich glühend
heiß anfühlte. Auch das noch, dachte er entsetzt. Jetzt war Sara krank durch
sein Schuld!
Derek schüttelte sie leicht, doch Sara reagierte nicht. Nervös sprang er auf,
rannte zu einem kleinen Schränkchen und zerrte einen Erste-Hilfe-Kasten raus.
Fieberhaft suchte er nach etwas, was Sara helfen konnte, aber er wußte ja selber
nicht, was ihr fehlte. Er holte eine Wasserflasche aus seiner Tasche, die er für
den Notfall mitgenommen hatte und versuchte Sara aufzurichten. Dann hielt er ihr
die Flasche an den Mund, damit sie trinken konnte. Das Wasser rann ihr die Kehle
hinunter, und sie fing zu husten an, weil sie sich verschluckt hatte.
"Sara? Kannst Du mich hören?" Derek schüttelte sie leicht und sah sie besorgt
an.
Sara öffnete die Augen und sah ihn an.
"Ja ...!" Er fühlte noch einmal ihre Stirn.
"Ich glaube, Du hast Fieber!" stellte er fest. "Tut Dir etwas weh?"
Sara sah ihn müde an.
"Mein Kopf ...!" Sie faßte sich an die Stirn. Als sie versuchte aufzustehen,
gaben ihre Beine nach und Derek fing sie im letzten Moment auf.
"Bleib' liegen, okay! Ich glaube nicht, daß es eine gute Idee ist, wenn Du jetzt
herumläufst! Versprich' mir," sagte er eindringlich, "daß Du nicht versuchen
wirst aufzustehen, während ich oben bin!"
Sara schüttelte den Kopf. Derek ging nach oben und erkundete die Lage. Laut
seiner Daten müsste die Insel gleich in Sichtweite kommen, aber so sehr er sich
auch anstrengte, er konnte in der Dunkelheit nichts erkennen. Er mußte sich ganz
auf seine Instrumente verlassen.
Da - plötzlich sah er ein Leuchtfeuer!
Wenige Minuten später legte die "Destiny" im Hafen von Catalina an.
Vor dem Hotel warteten Casey und Meg auf Rae. Es war schon eine halbe Stunde
nach dem vereinbarten Zeitpunkt. Der Sturm pfiff, bog die Palmen und wirbelte
Staub auf. Strassenplakate und lose Gegenstände wurden wild durch die Gegend
geweht.
Unruhig sah Casey auf die Uhr.
„Wo bleibt sie nur, wir müssen langsam los, bevor der Sturm noch stärker wird!“
Plötzlich legte Meg ihm die Hand auf die Schulter und deutete unsicher hinüber
auf die andere Strassenseite.
Rae kam mit Wei-Lee aus einem kleinen Cafè. Sie rief ihm noch irgend etwas zu
und lief dann, unsicher gegen den Sturm ankämpfend, über die Strasse zum Auto.
Casey sprang aus dem Wagen und hielt ihr mühsam die Tür auf. Rae ließ sich auf
den Sitz fallen.
„Hey“ sagte Meg besorgt, „alles okay bei Dir?“
Rae nickte stumm, aber ihr Gesicht war blass und reglos. Casey stieg wieder ein
und warf ihr einen prüfenden Blick zu.
„Rae?“ fragte er, nichts Gutes ahnend. Sie mied seinen Blick und sagte mit
monotoner Stimme: „Fahren wir zurück.“
Casey und Meg tauschten einen bedeutungsvollen Blick. Casey ließ den Wagen an
und sie fuhren los.
„Was ist passiert?“ fragte Meg nach einer Weile, um das unheilvolle Schweigen zu
brechen.
Rae schüttelte nur den Kopf.
„Es ist vorbei.“ sagte sie leise. „Ich hätte nicht herkommen sollen.“
„Habt Ihr Euch denn nicht versöhnt?“ erkundigte sich Meg vorsichtig.
Rae seufzte tief und strich sich über die Stirn.
„Bitte seid mir nicht böse, aber ich möchte jetzt nicht darüber reden.“
Casey sah besorgt nach vorn. Er hatte Mühe, den Wagen auf der Küstenstrasse zu
halten und steuerte gegen die immer stärker werdenden Sturmböen an. Inzwischen
hatte es zu regnen begonnen, was hier wirklich äußerst selten vorkam.
Plötzlich krachte es vor ihnen.
„Festhalten!“ schrie Casey und trat die Bremsen voll durch. Der Wagen
schlingerte seitwärts in Richtung der Klippen und streifte die Leitplanken. Mit
aller Kraft riss Casey das Lenkrad nach links herum. Sie drehten sich um 180
Grad. Irgend etwas knallte seitlich ans Heck des Autos, dann kam es zum Stehen.
„Mein Gott, was war das?“ rief Meg entsetzt. Casey atmete tief durch und drehte
sich zu den beiden Frauen.
„Seid Ihr in Ordnung?“
Zu seiner Erleichterung nickten sie.
„Ein Baum ist auf die Strasse gestürzt.“ erklärte er und meinte aufatmend: „Wir
haben verdammtes Glück gehabt, ein paar Sekunden früher, und er hätte uns
erschlagen!“
Er versuchte den Motor zu starten. Nach dem dritten Versuch sprang der Wagen an.
„Was hast Du vor?“ fragte Meg aufgeregt.
„Wir fahren auf eine Umgehungsstrasse.“ erklärte Casey. „Das ist zwar ein
gewaltiger Umweg, aber hier kommen wir überhaupt nicht mehr weiter.“
Meg holte ihr Handy heraus und wählte die Nummer vom Surf Central. Sie bekam
keine Verbindung.
„Hoffentlich sind bei diesem Unwetter alle zu Hause.“ dachte sie besorgt und
siedendheiß fiel ihr ein, dass sie ihre Schwester seit dem Streit heute
Vormittag nicht mehr gesehen hatte.
Als Michael und Ben wieder im Surf Central ankamen, war im Haus alles ruhig.
Tiffany und Sean saßen noch in der Küche und beobachteten durch das Fenster das
Unwetter draußen.
„Alles in Ordnung?“ fragte Sean. Michael nickte.
„Ja, wir haben alles soweit im Griff.“ Er war vor zwei Stunden von der
Rettungsleitstelle angepiept worden und mußte mit anderen Helfern und Lifeguards
am Strand und am Bootshafen alles sturmfest machen. Ben, der hier eine ganze
Weile auf Megs Rückkehr aus L.A. gewartet hatte, war mit ihm draußen gewesen und
hatte geholfen, die Boote zusätzlich zu sichern.
„Du kannst doch auf der Couch schlafen, Sean.“ sagte Michael. „Bei diesem Sturm
kommst Du sowieso nicht mehr nach Hause. Versuch Deine Eltern anzurufen und
bleib einfach hier.“
Sean lächelte.
„Danke, Michael.“ Er legte Tiffany den Arm auf die Schulter. „Geh schlafen, Tiff,
Du bist bestimmt totmüde.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein, ich bleibe noch hier unten, bei Dir.“
Gabi kam die Treppe herunter.
„Sind Casey, Rae und Meg noch nicht zurück?“ fragte Ben besorgt.
„Nein, bis jetzt nicht.“ antwortete Gabi. Sie sah ihm an, dass er sehr besorgt
war. „Ich werde uns einen Kaffee machen, dann wartet sich`s leichter.“ sagte sie
in aufmunterndem Tonfall, obwohl ihr auch nicht zum Lachen zumute war. Vor ein
paar Stunden hatte sie versucht, Ricardo anzurufen, aber er schien nicht zu
Hause zu sein. Einer inneren Eingebung folgend hatte sie danach bei Elaine nach
Paula gefragt, doch die war auch noch unterwegs. Bei diesem Wetter? Gabi wollte
sich nicht verrückt machen, doch sie konnte nichts dagegen tun, dass sie dieses
dumme Gefühl, die beiden würden jetzt irgendwo zusammensein, einfach nicht
loswurde. Außerdem machte sie sich Sorgen um Sara. Sie war bisher noch nicht
aufgetaucht.
„Bestimmt ist sie bei Derek und hat wieder einmal vergessen, anzurufen.“
versuchte sie sich zu beruhigen.
Michael öffnete leise seine die Tür zu seinem Zimmer. Bei dem Bild, das sich ihm
bot, wurde ihm ganz warm ums Herz. Jimmy schlief fest, und Vanessa, die sich
einen der Sessel neben sein Bett gerückt hatte, war ebenfalls eingeschlafen und
hielt dabei Jimmys kleine Hand in ihrer. Die beiden boten ihm so ein friedliches
Bild, dass er unwillkürlich lächeln mußte.
Er zog sich um und ging leise wieder nach unten. Bevor Casey mit den beiden
Frauen nicht wohlbehalten zurückwar, würde er doch keine Ruhe finden.
Gabi, Tiffany, Sean, Michael und Ben saßen noch lange unten beisammen und
lauschten auf das Heulen des Sturmes. Irgendwann beschlossen sie, schlafen zu
gehen. Sie überredeten Ben, oben in Megs Zimmer auf seine Freundin zu warten. Er
willigte schließlich ein.
Draußen heulte der Sturm erbärmlich.
Mark und Caitlin waren ganz allein im „Deep“. Bei diesem Wetter hatte sich kein
Gast hierher gewagt, und merkwürdigerweise war auch der Boss nicht da. Tim hatte
Glück, denn heute war sein freier Abend.
Gemeinsam stellten sie die Stühle hoch und lauschten besorgt dem Heulen des
Sturmes, der draußen tobte.
„Du solltest diese Nacht hierbleiben, Caitlin, das ist sicherer.“ schlug Mark
vor. „Wenn das Unwetter vorüber ist, bringe ich Dich heim.“
Sie nickte.
„Vielleicht sollte ich zu Hause anrufen.“ sagte sie und ging nach oben ins Büro.
Mark schloss die Bar ab und folgte ihr.
Beunruhigt sah sie ihm entgegen.
„Es geht kein Anruf raus. Wahrscheinlich hat der Sturm eine Telefonleitung
beschädigt.“
„Deine Eltern wissen ja, wo Du bist. Mach Dir keine Sorgen.“ meinte Mark und
setzte sich auf die Couch.
„Ja, sicher hast Du recht.“ stimmte Caitlin zu und nahm neben ihm Platz.
„Ich frage mich, wo Derek heute ist.“ überlegte Mark. „Es ist gar nicht seine
Art, einfach fernzubleiben, zumindest sagt er mir bescheid, wenn er gar nicht
auftaucht.“
Caitlin zuckte nur mit den Schultern.
„Ehrlich gesagt, ich hab ihn noch nicht vermißt.“
Er sah sie lächelnd an.
„Nein?“
„Nein.“
Sie gab das Lächeln zurück.
Plötzlich war da wieder diese knisternde Spannung zwischen ihnen. Sie spürten es
beide und konnten ihren Blick nicht voneinander lösen. Mark beugt sich langsam
herüber zu ihr und küßte sie vorsichtig, als befürchtete er, sie könnte sich
plötzlich in Luft auflösen.
Caitlin durchfuhr ein wohliger Schauer. Sie schlang ihre Arme um Marks Hals. Von
einer Welle der Leidenschaft erfasst, küssten sie sich inniger und konnten gar
nicht damit aufhören, als mit einem Mal jemand wie wild gegen die Eingangstür
trommelte.
Erschrocken fuhren sie auseinander.
"Was war das?" fragte Caitlin, noch ganz benommen von dem leidenschaftlichen Kuß.
Mark erhob sich seufzend.
"Ich werd mal nachsehen." sagte er und verließ das Büro.
Sekunden später hörte Caitlin die aufgeregte Stimme ihres Vaters. Schnell stand
sie auf und ordnete ihr Haar.
Als sie die Treppe herunterkam, maß ihr Vater sie mit einem prüfenden Blick.
"Caitlin, alles in Ordnung?"
"Aber ja, Dad." sagte sie, "Hier bin ich doch in Sicherheit."
"Ich habe mir Sorgen um Dich gemacht." meinte Gregory mit einem kurzen
Seitenblick auf Mark.
"Ich habe versucht anzurufen, doch die Leitung war tot." erklärte Caitlin. "Wir
wollten warten, bis der Sturm nachläßt. Mark hätte mich dann nach Hause
gebracht."
Die beiden tauschten einen vielsagenden Blick, der natürlich Gregorys Augen
nicht entging.
"Seid Ihr beide etwa ganz alleine hier?" fragte er etwas ungehalten.
"Daddy..." mahnte Caitlin und verdrehte genervt die Augen.
"Also gut, dann fahren wir jetzt nach Hause." ordnete ihr Vater an. Er drehte
sich zu Mark um. "Kann ich Sie mitnehmen, junger Mann?"
"Danke, Mister Richards." lehnte Mark ab. "Ich komm schon klar. Gute Nacht."
Er schloß die Tür hinter Caitlin und Gregory und atmete erst einmal tief durch.
Es dämmerte schon, als
Casey, Rae und Meg in Sunset Beach ankamen. Der Sturm hatte sich gelegt und der
Himmel sah aus, als wäre nichts geschehen.
Rae hatte die ganze Zeit über fast kein Wort gesagt und verschwand gleich in
ihrem Zimmer.
Beunruhigt sah Casey ihr nach.
„Laß nur“ meinte Meg, „sie wird Dir sicher alles erzählen, wenn sie erst einmal
darüber geschlafen hat.“
Er nickte und blickte Meg dankbar an.
„Du hast recht. Versuch auch noch ein wenig zu schlafen. Gute Nacht, Meg.“
„Gute Nacht, Casey.“
Müde öffnete sie ihre Zimmertür und blieb überrascht stehen. Auf ihrem Bett lag
Ben und schlief.
Leise schloß sie die Tür. Vorsichtig setzte sie sich auf die Bettkante und
betrachtete liebevoll sein schlafendes Gesicht. Bestimmt hatte er hier gewartet,
weil er sich Sorgen um sie gemacht hatte. Sie hob die Hand, um ihm über die
Wange zu streicheln, als sie die Ereignisse des letzten Tages plötzlich wieder
wie ein Faustschlag in die Magengegend trafen.
Ben und Annie! Verdammt, das tat so weh! Sie zog die Hand zurück.
In diesem Moment wachte Ben auf.
„Meg! Gott sei Dank, Du bist da!“ Er sprang auf und nahm sie erleichtert in den
Arm. Als er jedoch merkte, dass sie seine Umarmung nicht erwiderte, ließ er sie
los und sah sie ratlos an. „Meg, was los? Ich hab mir solche Sorgen um Dich
gemacht!“
Sie stand auf und ging zum Fenster.
„Sorgen um mich?“ fragte sie bitter, und jedes Wort tat ihr weh. „Solltest Du
Dir nicht vielmehr Sorgen um Annie machen? Solltest Du nicht in solch einer
Nacht bei ihr sein? Geh zu ihr, Ben, sie wartet bestimmt schon auf Dich!
Eingehüllt in ein zerknittertes Bettlaken!“ Eigentlich wollte sie das alles gar
nicht sagen, doch sie konnte nicht anders.
Verständnislos starrte Ben sie an.
„Was redest Du da, Meg? Was soll das?“
Sie drehte ihm den Rücken zu. Ihm ins Gesicht zu sehen, fehlte ihr die Kraft. Er
sollte nicht sehen, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten. Warum konnte sie
sich nicht einfach umdrehen, sich in seine Arme fallen lassen und alles, was
war, vergessen? Es wäre so einfach... Doch ihre Füße schienen wie festgenagelt.
„Ich bin müde, Ben. Geh nach Hause.“ sagte sie leise.
Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, wußte sie, dass sie allein war.
Jeany
Derek befestigte das Boot am Anlegesteg und ging dann runter zu Sara. Sie
schlief immer noch, möglicherweise hatte sie auch das Bewußtsein verloren. So
genau konnte er das nicht unterscheiden.
Zum Glück lag das Ferienhäuschen in der Nähe des Hafens.
Derek seufzte tief, als er Saras schlaffen Körper hochnahm und sie von Bord
trug. Seine Sachen würde er später holen.
Das Häuschen lag versteckt zwischen Palmen und erschien ihm in diesem Moment wie
eine Oase in der Wüste. Er hatte einige seiner Leute beauftragt, alles für
seinen Aufenthalt vorzubereiten, und als er das Häuschen betrat, fiel ihm gleich
ein riesengroßer Blumenstrauß ins Auge und eine Flasche Champagner, die in einem
Sektkühler auf dem Tisch stand.
Derek brachte Sara in den Nebenraum, wo ein großes Bett stand und legte sie
vorsichtig ab. Er fühlte ihre Stirn und Nacken, die sich immer noch heiß
anfühlten.
Unentschlossen lief er im Zimmer auf und ab, ehe er zum Telefon griff. Wen
sollte er jetzt anrufen? Meg, wie ursprünglich geplant, oder sollte er erst
Hilfe für Sara holen? Sein Plan erschien ihm plötzlich unwirklich und verrückt!
Meg ... Erst jetzt fiel Derek auf, daß er die ganze Zeit nicht an sie gedacht
hatte. Sein Blick fiel auf Sara, die immer noch regungslos auf dem Bett lag. Er
wußte nicht genau, was ihr fehlte, aber das sie ärztliche Hilfe benötigte, sah
ein Blinder!
Derek wählte die Nummer vom Inselarzt, der ihn vor einiger Zeit auch schon
einmal behandelt hatte. Er erreichte ihn tatsächlich sofort und schilderte ihm
Saras Symptome. Nachdem er aufgelegt hatte, fühlte er sich erleichtert. Er würde
erst mit seinem "Plan" fortfahren, wenn er wüßte, daß Sara nicht in Lebensgefahr
schwebte!
Als der Arzt eintraf, untersuchte er Sara gründlich, konnte jedoch nichts
Eindeutiges feststellen.
"Möglicherweise ein Kreislaufschock oder eine beginnende Erkältung!" Er gab ihr
eine kreislaufstabilisierende Spritze und ein Mittel gegen Fieber.
Derek sah den Arzt ratlos an. Er hatte überhaupt keine Ahnung von Krankenpflege
und wußte nicht, wie er Sara helfen sollte!
Der Arzt schien seine Gedanken zu erraten, denn er legte ihm beruhigend die Hand
auf die Schulter.
"Machen Sie sich keine Sorgen! Sie macht mir einen robusten Eindruck, und sie
ist jung. Sie wird bald wieder auf den Beinen sein!" Der Arzt schloß sein
Köfferchen und stand auf. "Wenn noch etwas sein sollte, wissen sie ja, wo sie
mich erreichen können!"
Derek nickte nur, kniete sich vors Bett und ergriff Saras Hand.
"Bitte, werde wieder gesund!" flehte er, "bitte ...!"
Das Fiebermittel und die Spritze bewirkten immerhin, daß das Fieber sank und
Sara langsam aus ihrem Dämmerschlaf erwachte.
"Wo ... wo bin ich?" fragte sie und versuchte sich aufzusetzen.
Derek schob sie sanft zurück.
"Endlich ... weißt Du, wie lange Du geschlafen hast?"
Sie schüttelte vorsichtig den Kopf und sah sich um.
"Wir sind nicht mehr auf dem Schiff ..." stellte sie fest. "Sind wir auf der
Insel?"
Derek nickte.
Sara faßte sich an den Kopf. Derek befühlte ihre Stirn und seufzte erleichtert.
"Das Fieber scheint runterzugehen! Weißt Du, das Du Glück gehabt hast?"
"Glück?" Sara sah ihn rätselhaft an.
"Der Arzt konnte auch nichts genaues feststellen," fuhr er fort.
Sara richtete sich abrupt auf.
"Ein Arzt war hier? Ich habe gar nichts mitbekommen!"
Derek sah sie lächelnd an.
"Ja, Du hast geschlafen wie ein Murmeltier!"
Sara schaute durchs Fenster nach draußen.
"Die Sonne ist ja schon aufgegangen! Meine Güte, wie lange habe ich denn
geschlafen?" Siedendheiß fiel ihr ein, daß niemand wußte, daß sie auf der Insel
waren. Meg würde sich sicher schreckliche Sorgen machen!
"Gibt es hier ein Telefon?"
Derek sah sie nachdenklich an. Wenn er ihr jetzt gestatten würde, Meg anzurufen,
wäre sein ganzer Plan dahin!
"Ja, aber der Sturm hat die Leitungen gekappt. Man bekommt derzeit keine
Verbindung zum Festland!"
Sara seufzte tief.
"Hast Du ein Handy?" Erwartungsvoll sah sie ihn an.
Er schüttelte enttäuscht mit dem Kopf. Sara sah an sich herunter. Sie trug immer
noch Dereks Pullover.
"Warte, ich glaube, Deine Sachen müssten jetzt trocken sein. Ich habe sie vor
den Kamin gelegt!" Derek ging ins Nebenzimmer und holte Saras Sachen.
Er ließ sie alleine, damit sie sich umziehen konnte.
Sara stand vorsichtig auf und folgte ihm wackelig ins Wohnzimmer. Sie sah die
Blumen auf dem Tisch, den Champagner und das knisternde Kaminfeuer und ein
Lächeln erhellte ihr Gesicht.
"Das hast Du alles für uns vorbereitet?"
Er sah sie überrascht an.
"Vielleicht solltest Du besser noch liegenbleiben!"
Sara schüttelte den Kopf.
"Nein, es geht mir gut, wirklich!" Sie ging durch den Raum und sah sich um. Dann
setzte sie sich aufs Sofa. "Weißt Du was, ich könnte jetzt ein Frühstück
vertragen!" Sie lächelte ihn an.
Derek beugte sich über sie und gab ihr einen Kuß.
"Na, dann will ich jetzt mal den Tisch decken!"
Dereks Leute hatten wirklich alles besorgt, was man für ein gutes Frühstück
brauchte, und nachdem sie gegessen hatten, ließ sich Sara träge ins Sofa fallen.
"Puh, ich glaube, ich war kurz vorm Verhungern! Ich kann mich nicht erinnern,
daß ich jemals soviel zum Frühstück gegessen habe!"
Derek sah sie schmunzelnd an.
"Nachholbedarf nennt man das wohl!" Er stand auf. "Okay, was möchtest Du
machen?" Erwartungsvoll sah er sie an, doch plötzlich erinnerte er sich daran,
daß sie erst wenige Stunden zuvor ohnmächtig auf seinem Bett gelegen hatte. "Es
ist vielleicht besser, wenn Du Dich wieder hinlegst!"
Sara sah ihn überrascht an.
"Hinlegen? Ich habe genug gelegen, Derek! Jetzt will ich etwas von der Insel
sehen!" Sie hob herausfordernd den Kopf.
Derek mußte sich ein Grinsen verkneifen.
"Du willst etwas von der Insel sehen? Nun, eigentlich fährt man nicht nach Santa
Catalina, um die Sehenswürdigkeiten zu betrachten ...!" Er machte eine Pause und
fuhr sich durchs Haar. "Das hier ist eine Flitterwocheninsel, d.h. hier fahren
Paare hin, um ungestört zu sein!" Er sah ihr überraschtes Gesicht und
schmunzelte. "Deshalb gibt es hier auch so viele Ferienhäuschen und so wenig
Menschen, die am Strand herumlaufen!" Sara mußte ebenfalls schmunzeln. Ein
bißchen peinlich war es ihr schon, daß sie so ins Fettnäpfchen getreten war.
"Gut," sagte sie bestimmt, "dann sind wir das erste Paar, das auch mal ein
Sonnenbad genießen wird!"
Derek sah sie verblüfft an. Sara hatte sich wirklich erstaunlich schnell nach
der Spritze erholt! Er ergriff ihre Hand.
"In Ordnung, dann werden wir jetzt ein bißchen die Gegend erkunden!"
Sara lachte fröhlich, und gemeinsam verließen sie das Haus.
Am Strand war es wirklich menschenleer, und Sara mußte bei der Vorstellung
schmunzeln, was in den einzelnen Häuschen passierte.
Derek sah sie prüfend an.
"Was amüsiert Dich so?"
Sie schüttelte den Kopf.
"Ach, nichts weiter!"
Nachdem sie ein Stück am Strand entlanggegangen waren, ließ sich Sara plötzlich
abrupt in den Sand fallen. Besorgt kniete sich Derek neben sie.
"Ist alles in Ordnung? Sollen wir umdrehen?"
Sara sah ihn überrascht an. Diese Seite kannte sie an Derek noch gar nicht!
Rücksichtnahme war bisher eher ein Fremdwort für ihn gewesen! Sie beruhigte ihn.
"Nein, es ist alles in Ordnung. Ich wollte nur den Sand unter meinen Händen
fühlen ...!" Nachdenklich ließ sie den Sand durch ihre Finger rinnen.
"Ich habe nicht geglaubt, daß ich ... wir jemals wieder Land sehen würden ...!"
Derek hob ihr Kinn vorsichtig, damit er sie ansehen konnte. In ihren Augen
schimmerte es feucht. Wortlos nahm er sie in die Arme und hielt sie einfach nur
fest.
Als Derek seine Umarmung einen Moment später etwas lockerte, trafen sich ihre
Blicke, und er berührte vorsichtig mit seinem Mund ihre Lippen. Sara stieß einen
tiefen Seufzer aus, schlang ihre Arme um ihn und erwiderte den Kuß. Die
Leidenschaft übermannte sie, und umgeben von Sonne, Sand und Meer, liebten sie
sich am Strand.
Als Sara wieder bei klarem Verstand war, raffte sie schnell ihre Kleidung
zusammen und sah sich verstohlen um, aber es war niemand zu sehen. Schnell zog
sie ihr Kleid über. Derek beeilte sich ebenfalls mit dem Anziehen. Er zog sie
hoch, nahm ihre Hand, und so schnell sie konnten, rannten sie zurück zum Haus.
Erleichtert schloß Derek die Tür.
"Das war knapp! Ich glaube, wir hätten mächtig Ärger bekommen, wenn uns jemand
erwischt hätte!"
Sara grinste.
"Ja, das denke ich auch!" Sie unterdrückte ein Gähnen.
"Du bist ja doch müde," stellte Derek fest. "Vielleicht solltest Du Dich etwas
hinlegen und schlafen! Der Tag war für den Anfang anstrengend genug!" Er
schmunzelte. Sara nickte und griff nach seinen Händen.
"Kommst Du mit?" Sie sah ihn erwartungsvoll an.
Derek lächelte.
"Du sollst Dich ausruhen! Wenn ich mitkomme, wird es damit wohl nichts werden!"
Er zog sie an sich. "Wenn Du verstehst, was ich meine?"
Sara mußte sich ein Lachen verkneifen.
"Ja, ich verstehe, sehr gut sogar ... Gut, dann werde ich mich jetzt ein bißchen
auf dem Bett ausstrecken! Falls Du es Dir anders überlegen solltest ... !"
Er unterbrach sie.
"Sara, geh', sonst überlege ich es mir wirklich anders!" Sie gab ihm noch einen
Kuß und verschwand im Nebenraum.
Als Derek alleine war, dachte er über seinen ursprünglichen Plan nach, Meg nach
Catalina zu locken. In den letzten Stunden auf dem Boot, und nach den
Ereignissen des Tages, kam ihm diese Idee völlig absurd vor! Er mußte dem ganzen
ein Ende setzen, ehe es zu spät war, denn sicher würde Sara in Sunset Beach
schon vermißt werden! Er beschloß Meg anrufen und ihr zu sagen, daß Sara bei ihm
war und sie sich keine Sorgen um sie machen müsste. Er würde mit Sara noch ein
bis zwei Tage auf der Insel bleiben, und dann würden sie nach Sunset Beach
zurücksegeln.
Vorsichtig ging Derek in den Nebenraum. Sara war tatsächlich schon
eingeschlafen, und er schloß leise die Tür, um sie nicht zu wecken.
Dann griff er zum Telefon und wählte die Nummer vom Surf Central.
Übernächtigt und müde saß Meg am nächsten Morgen an ihrem Schreibtisch und
sortierte lustlos die Sachen, die am Freitag liegengeblieben waren. Bette kam im
supereleganten hellbraunen Kostüm mit Raubtierkragen hereingerauscht und
verbreitete sogleich einen betörenden Duft von Chanel Nr.5 im ganzen Büro.
„Hallo Schätzchen! So früh schon?“ rief sie gut gelaunt und warf ihre Tasche mit
Schwung auf ihren Tisch. „Wie war das Wochenende?“ Mit einem Blick auf Megs
Gesicht stieß sie einen leisen Pfiff aus und setzte sich auf die Tischkante.
„Na, scheint ja nicht so toll gewesen zu sein.“ vermutete sie und zog die
Mundwinkel nach unten. „Sie sehen nicht gut aus, meine Süße!“
Meg lächelte resigniert.
„Vielen Dank, Bette! Sie haben recht, ich hab schon bessere Wochenenden erlebt!“
Bette deutete auf die Tür zu Bens Büro.
„Ist ER daran schuld?“
„Nein...“ meinte Meg, die keine Lust verspürte, über ihr Privatleben zu
plaudern, zögernd und machte sich weiter am Computer zu schaffen, „ich war mit
Casey und Rae in L.A., und wegen des Sturmes mußten wir eine Umleitung fahren
und waren erst vor ein paar Stunden zu Hause.“
„Na dann werde ich uns mal einen starken Kaffee aufbrühen!“ entschied Bette. Mit
der Wasserkanne in der Hand drehte sie sich noch einmal um.
„Und ER...“ wieder diese Kopfbewegung zur Tür hin, „er war nicht mit?“
Meg lachte und verdrehte die Augen.
„Nein, ER war nicht mit!“
Sie war froh, dass Ben den Vormittag über nicht im Büro sein würde. Sie wollte
ganz einfach nur in Ruhe gelassen werden und über nichts mehr nachdenken müssen.
Es war ihr schon schwer genug gefallen, Ben letzte Nacht einfach wegzuschicken,
aber momentan war ihr Stolz einfach stärker als ihre Gefühle für ihn, auch wenn
sie furchtbar unter diesem Zustand litt.
Als erstes würde sie heute mit Sara reden müssen, wenn sie nach Hause kam.
Hoffentlich hatte ihre Schwester sich einigermaßen beruhigt und war Derek nicht
gleich an die Gurgel gefahren! Meg seufzte.
Ihrer inneren Unruhe folgend wählte sie die Nummer vom Surf Central.
„Hallo?“ hörte sie Gabis verschlafene Stimme. „Was ist denn los, so früh am
Morgen?“
Meg mußte lachen.
„Hey Du Langschläfer, es ist fast 10.00 Uhr!“
„Jaaah...“ gähnte Gabi, „in zwei Stunden muß ich zur Arbeit!“
„Sei so lieb und hol mir mal Sara ans Telefon!“ bat Meg und nickte Bette dankend
zu, als diese den heißen, duftenden Kaffee vor ihr abstellte.
„Aber... Meg, Deine Schwester war diese Nacht gar nicht zu Hause!“
„Waaas?“ Plötzlich war Meg hellwach. „Bist du sicher, Gabi?“
„Warte, ich schau nochmal in ihr Zimmer, aber ich glaube nicht...“
Eine Minute später hatte Meg die Bestätigung, Sara war nicht da. Sie legte auf
und fuhr sich ratlos mit der Hand über die Stirn. Unruhe machte sich in ihr
breit und verursachte ein unangenehmes Kribbeln im Bauch.
„Wo kann sie denn sein?“ dachte sie laut.
„Wer denn? Ihre Schwester, die kleine Süße mit den Rehaugen?“ fragte Bette
neugierig.
Meg nickte.
„Sie war nicht zu Hause, die ganze Nacht, und bei diesem Wetter!“
Bette nahm wieder auf dem Schreibtischrand Platz und legte ihr beruhigend die
Hand auf den Arm.
„Kindchen, nun hören Sie bloß auf, sich dauernd Sorgen um sie zu machen,
schließlich sind Sie nicht ihre Mutter! Ich hab das Gefühl, die Kleine weiß sehr
gut, was sie will. Derek zum Beispiel hatte sie ja ziemlich schnell an der
Angel!“
Meg blickte auf. Derek! Natürlich, die beiden hatten sich vielleicht gar nicht
gestritten und nun war sie bei ihm!
In Windeseile suchte sie seine Telefonnummer heraus und rief bei ihm an. Nach
einer Weile legte sie enttäuscht wieder auf.
„Es nimmt keiner ab!“ sagte sie resigniert.
Bette winkte lachend ab.
„Ach was, um diese Zeit liegen die beiden Turteltäubchen ganz sicher noch im
Bett und wollen nicht gestört werden, wenn Sie wissen, was ich meine!“ Sie
lachte anzüglich und zwinkerte Meg zu, die wider Willens lächeln mußte.
Sie trank einen Schluck Kaffe und atmete tief durch.
„Sicher haben Sie recht, Bette, wie immer!“
Ben und Gregory hatten sich am Vormittag mit sämtlichen Investoren und
Bauleitern im „Grenadines“ zum Lunch getroffen. Eine ausführliche Darlegung der
bisher benötigten finanziellen Mittel sowie der gegenwärtige Stand der Arbeiten
am Ferienprojekt stand als wichtigstes Thema der Besprechung an.
Wei-Lee Young, der Hauptinvestor des Projektes erschien mit etwas Verspätung, da
die Küstenstrasse von L.A. noch nicht befahrbar sei und sein Chauffeur einen
erheblichen Umweg hatte fahren müssen.
Ben beobachtete Gregory. Sein Geschäftspartner leitete die Besprechung wie immer
kompetent und souverän, aber Ben kannte ihn und merkte genau, dass er heute doch
nicht so ganz bei der Sache war. Irgend etwas schien ihn zu beschäftigen. Ben
fragte sich, ob das vielleicht immer noch mit Cole Deschanel zu tun hatte. Seit
ihrem vertraulichen Gespräch neulich in Gregorys Büro hatten sie keine
Gelegenheit gehabt, noch einmal darüber zu reden, aber Ben war sich sicher, dass
Gregory seinen eindeutigen Forderungen nachkommen würde. Er hatte ihm keine Wahl
gelassen. Das war etwas, was er als erstes von ihm als seinen Mentor gelernt
hatte, wenn man etwas forderte, sollte man das mit Nachdruck tun und dem anderen
keinen Spielraum lassen...
Das nächste Thema forderte seine ganze Aufmerksamkeit. Es ging um die
erforderliche Sprengung eines bestimmten Abschnittes der Felsen gleich hinter
den Dünen.
Die Genehmigungen waren inzwischen alle eingeholt worden, was bei weitem kein
leichtes Unterfangen gewesen war. Die Umweltschützer hatten ihnen bis zuletzt
alle nur erdenklichen Steine in den Weg gelegt, um diesen, wie sie es nannten,
unverzeihlichen Eingriff in die Natur zu verhindern. Aber die Stadt brauchte
dringend Geld, und die Liberty Corporation war dank ihrer derzeitigen
finanziellen Mittel in der Lage, die benötigten Gelder für die Bewilligung zu
zahlen. Allerdings mußte noch eine geeignete Firma gefunden werden, die diese
komplizierten Sprengungen durchzuführen im Stande war.
Kompliziert deshalb, weil sich innerhalb der betroffenen Felsen noch Teile eines
alten unterirdischen Höhlensystems befanden, die mitunter von außen gar nicht
mehr sichtbar waren, deren Hohlräume aber bei unprofessioneller Sprengung eine
Riesengefahr darstellen würden. Hier mußte vorher wirklich jeder Meter
untersucht und auf das Genauste berechnet werden, damit die Sache nicht außer
Kontrolle geraten konnte.
Mister Young bot an dieser Stelle an, sich bei einigen profilierten Firmen in
L.A. umzuhören, deren Reverenzen gründlich zu überprüfen und eine geeignete Crew
von erfahrenen Sprengstoffexperten zusammenzustellen.
Gregory nahm seinen Vorschlag dankend an.
Erleichtert darüber, dass sich das ganze Projekt scheinbar gut entwickelte,
schloß er die Besprechung.
„Traust Du eigentlich diesem Wei-Lee?“ fragte Ben ihn später, als sie zur Firma
zurückfuhren.
Gregory lachte nur abfällig.
„Ob ich ihm traue? Nein...“ er warf ihm einen bedeutungsvollen Seitenblick zu.
„in diesem Geschäft traue ich keinem. Er ist zwar momentan finanziell unser
wichtigster Partner, aber ich hab trotzdem sicherheitshalber meine Leute auf ihn
angesetzt. Bis jetzt scheint er zwar „sauber“ zu sein, aber man kann ja nie
wissen... Auf jeden Fall bleiben sie an ihm dran.“
„Ist es das, worüber Du Dir die ganze Zeit Gedanken machst?“ fragte Ben
beiläufig und registrierte genau den verstohlenen Blick, den ihm Gregory
daraufhin zuwarf.
„Ben, nimm Dich in acht. Du kennst mich besser, als es mir lieb ist.“
„Deine Schule.“ entgegnete Ben ungerührt und parkte den BMW schwungvoll vor der
Liberty Corporation ein. Er schaltete den Motor ab und lehnte sich zurück.
„Also, was ist los?“
„Es geht um diesen Deschanel.“ gab Gregory unwillig zu.
Ben nickte. „Ah ja...“
„Ich war bei ihm im Krankenhaus und habe alles Finanzielle geklärt, aber
inzwischen ist sein Vater aus England in Sunset Beach aufgetaucht.“
Ben stutzte.
„Aus England? A.J. Deschanel etwa?“
Erstaunt blickte Gregory ihn an.
„Du kennst den Kerl?“
Ben lachte.
„Also wenn es der A.J. ist, den ich kenne, solltest Du sehr vorsichtig sein,
mein Lieber!“
Er sah den verständnislosen Blick seines Geschäftspartners und erklärte
grinsend:
„A.J. Deschanel ist einer der Bosse des größten Finanzkonzerns Englands. Du
solltest etwas vorsichtig sein, falls Du Dich mit ihm anlegen willst!“
Gregory schnaufte.
„Verdammt!“ Er fuhr sich nervös mit den Fingern durchs Haar.
„Es liegt mir fern, mich mit ihm anzulegen, das kannst Du mir glauben, es ist
eher umgekehrt.“
Ben zog erstaunt die Augenbrauen hoch.
„Wie meinst Du das?“
„Nun“ Gregory holte tief Luft, „er ist der Überzeugung, dass das, was Cole
passiert ist, kein Unfall war.“
„Na ja, da liegt er ja gar nicht so daneben.“ bemerkte Ben. „Und was willst Du
jetzt tun?“
Gregory zuckte mit den Schultern.
„Erst einmal abwarten und mögliche Schwachstellen ausschalten.“ knurrte er und
maß Ben mit einem drohenden Blick, doch der ließ sich nicht einschüchtern.
„Hör zu, Gregory“ sagte er ungerührt, „Wenn es um die Firma geht, stehe ich
hundertprozentig hinter Dir, koste es, was es wolle, aber privat...“ er sah ihn
durchdringend an, und sein Blick ließ keinen Zweifel an seinen Worten, „privat
mußt Du die Sache allein auslöffeln!“
Meg versuchte, ihre
privaten Sorgen zu verdrängen und sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, was ihr
auch einigermaßen gut gelang, bis Gregory und Ben nach dem Mittag im Büro
eintrafen. Meg verhielt sich freundlich, aber distanziert, was Bettes wachsamen
Augen natürlich nicht entging.
„Also doch eine kleine Krise“ mutmaßte sie flüsternd, als sich die Bürotür
hinter Ben schloß.
Meg lächelte mühsam.
„Nichts von Bedeutung!“ sagte sie, doch ihr Blick strafte sie Lügen.
„Kindchen“ sagte Bette vertraulich, „wenn Sie jemanden zum Reden brauchen, ich
habe schließlich in sieben Ehen ein bisschen Erfahrung auf dem Gebiet der
Partnerschaftskrisen gesammelt, also nur raus damit!“
Meg holte tief Luft.
„Sieben Ehen können nicht so schlimm sein wie Ihre Nichte Annie!“ sagte sie
wütend, bereute aber sogleich ihren scharfen Tonfall und fügte versöhnlich
hinzu: „Tut mir leid, Bette, Sie können ja nichts dafür!“
Bette sah etwas betreten drein.
„Pupsi mal wieder... Was ist es denn diesmal?“
Meg winkte nur ab. „Lassen wir das Thema lieber.“
In diesem Augenblick klang Bens Stimme über die Sprechanlage:
„Meg, kann ich Dich bitte in fünf Minuten in meinem Büro sprechen?“
„In Ordnung.“ antwortete sie knapp und die beiden Frauen tauschten einen
bedeutungsvollen Blick.
Meg setzte sich hinter ihren Schreibtisch. Ihr war klar, was das zu bedeuten
hatte, Ben wollte eine Aussprache. Na gut, die sollte er haben! Trotzig streckte
sie das Kinn vor.
Andererseits – vielleicht gab es ja wirklich eine Erklärung für die Sache mit
Annie und für die Fotos... Sie wünschte sich das so sehr, dass es schon wehtat.
Aber sie würde sich nicht länger für dumm verkaufen lassen! Auf gar keinen Fall!
Das Klingeln des Telefons riss sie aus ihren Gedanken. Bette meldete sich und
nahm das Gespräch entgegen. Kurz darauf hielt sie ihrer Kollegin den Hörer hin.
„Für Sie, Süße. Derek ist dran...“
Mit einem Satz war Meg am Telefon.
„Derek? Wo ist meine Schwester?“ Sie lauschte eine Weile in den Hörer, die
Nerven zum Zerreißen gespannt. Bette beobachtete, wie sie blass wurde.
„Nein“ rief sie erbost, „nein, das glaube ich Dir nicht! Vergiß es Derek, Du
lügst doch, wenn Du nur den Mund aufmachst!“ Sie lauschte wieder ein paar
Sekunden seinen Worten und forderte dann wütend: „Ich will sie sprechen!... Sie
schläft? Gute Ausrede! Was ist los, was verschweigst Du mir? Sara würde nie mit
Dir bei solchem Wetter hinausfahren ohne mir vorher bescheid zu sagen! Wie heißt
die Insel?“ Sie kritzelte etwas auf Bettes Schreibblock, riss den Zettel ab und
steckte ihn ein, während sie warnend sagte: „Wenn Du ihr irgendwas antust, dann
lernst Du mich kennen!“
„Hui, was war denn das?“ fragte Bette erstaunt, als Meg den Hörer aufgelegt
hatte, doch die hörte sie anscheinend gar nicht. In ihrem Kopf arbeitete es
fieberhaft.
Catalina, dachte sie, Sara ist mit ihm ganz allein auf Catalina...
Kurzentschlossen trat sie in Bens Büro. Bevor er irgend etwas sagen konnte,
legte sie los:
„Ben, ich brauche unbedingt ein paar Tage Urlaub! Sofort! Und frag mich nicht,
warum, es handelt sich um eine äußerst wichtige Familienangelegenheit!“
Nachdem er das Telefongespräch mit Meg beendet hatte, legte Derek nachdenklich
den Hörer auf. Meg hatte sich am Telefon ziemlich wütend angehört. Er würde sich
sicher einiges von ihr anhören müssen, wenn sie wieder in Sunset Beach wären!
Er schob die düsteren Gedanken beiseite. Jetzt war er erst einmal mit Sara auf
dieser Insel, und alles weitere würde sich finden! Derek öffnete die Tür zum
Nebenraum und schaute hinein. Sara lag immer noch auf dem Bett und schlief
friedlich.
Bei ihrem Anblick überkam ihn ein Gefühl von Geborgenheit, etwas was er bisher
bei keiner Frau erlebt hatte.
Er sah auf die Uhr. Ein kleines Mittagsschläfchen täte ihm sicher auch gut, und
er legte sich neben Sara ins Bett. Sanft legte er seinen Arm um sie, und nur
wenige Augenblicke später war auch er eingeschlafen.
Nachdenklich saß Ben hinter seinem Schreibtisch und starrte auf die Tür, hinter
der Meg vor geraumer Zeit verschwunden war.
Er war enttäuscht, dass er nicht mehr dazu gekommen war, in Ruhe mit ihr zu
reden und diesen dummen Streit aus der Welt zu schaffen und hatte das Gefühl,
dass hinter ihrem abweisenden Verhalten noch mehr steckte als nur die Tatsache,
dass sie diese Fotos von ihm und Annie gesehen hatte. Er vermutete, dass Derek
seine Finger im Spiel hatte, und schon das allein verursachte ihm heftige
Bauchschmerzen. Irgend etwas passte nicht zusammen in diesem Puzzle, denn er
glaubte zu wissen, dass seine starken Gefühle für Meg auf Gegenseitigkeit
beruhten und dass sie sich nicht wegen ein paar mehr oder weniger
kompromittierender Fotos gänzlich von ihm zurückzog, ohne noch einmal mit ihm zu
reden.
Sie hatte ihn vorhin gar nicht zu Wort kommen lassen, als sie um ein paar Tage
Urlaub bat. Sie sagte weder wie lange, noch wohin sie so dringend wollte,
sondern bedankte sich nur knapp, als er ihr die freien Tage gewährte und war wie
der Blitz wieder verschwunden.
Ben stand auf und beschloß, sich draußen bei Bette einen Kaffee zu holen, um
wieder halbwegs zu klarem Verstand zu kommen.
Er goß sich eine Tasse ein und setzte sich auf den Rand von Bettes Schreibtisch.
Sie hörte augenblicklich auf ihren Bericht einzutippen und sah ihn
erwartungsvoll an.
„Na mein Schöner, was willst Du von mir wissen?“
„Wo ist sie hin, Bette? Was ist los mit ihr?“
Bette sah ihn von unten heraus schelmisch an.
„Euch beide hat es ja ganz schön erwischt! Das erinnert mich an Jeffry, meinen
ersten...“
„Bette...“ unterbrach Ben ungeduldig. „Warum wollte Meg Urlaub haben?“
„Also,“ sie holte tief Luft, „weil ich Dich liebe, Ben Evans, werde ich
versuchen, Dir zu helfen. Zu Deiner ersten Frage: ich habe keine Ahnung, wo sie
hinwollte. Zweitens, sie hat sich vorhin am Telefon ziemlich heftig mit Deinem
Bruder gestritten und anscheinend hat sie auch erheblichen Ärger mit Annie
gehabt, Deinetwegen...“ sie machte eine bedeutungsvolle Pause und fuhr dann
fort: „und drittens, tja, sie sucht überall nach ihrer Schwester, die seit
gestern spurlos verschwunden ist. Ich nehme an, Derek hat etwas damit zu tun,
denn in dem Telefongespräch vorhin ging es um Sara!“
Wieder ein paar Puzzleteile, die er versuchte, einzuordnen... Er starrte still
grübelnd vor sich hin und verschwand dann ohne ein Wort in seinem Büro.
Nach ein paar Minuten kam er eilig heraus und zog noch im Gehen sein Jackett
über.
„Ich muß dringend weg, Bette, bin heute nicht mehr zu erreichen!“
„Ben!“
Er war schon an der Tür und drehte sich auf Bettes Zuruf noch einmal flüchtig
um. Sie winkte ihn mit dem Finger geheimnisvoll zu sich heran. Dann nahm sie den
Notizblock und strich leicht mit einer weichen Bleistiftspitze über das weiße
Papier, bis ein Schriftzug zu erkennen war. Mit verschwörerischer Miene reichte
sie ihm das Blatt und meinte:
„Ich glaube, dort findest Du sie.“
Ben blickte ungläubig auf den Zettel in seiner Hand.
„Catalina“ stand da, mit zierlicher Handschrift geschrieben...
Er küßte Bette auf die Wange und rannte hinaus.
Caitlin warf sich unruhig in ihrem Bett hin und her. Sie träumte von Cole – oder
war es Mark? Sie hätte nicht sagen können, wem von beiden sie in ihre Traum
gegenüberstand, denn die Gesichter wechselten ständig, mal lachte ihr Traummann
sie mit Coles süßen Grübchen an, und im nächsten Moment schaute sie in Marks
treue blaue Augen.
Irgendwann fuhr sie hoch und stellte erschrocken fest, dass es schon Nachmittag
war. Benommen stand sie auf und trat ans Fenster.
Sie hatte vergangene Nacht, nachdem ihr Vater sie vom „Deep“ abgeholt und nach
Hause gefahren hatte, nicht schlafen können. Sie spürte noch überdeutlich Marks
Lippen auf ihrem Mund und jedes Mal, wenn sie an diesen leidenschaftlichen Kuß
dachte, durchfuhr sie ein wohliger Schauer. Gleichzeitig aber machte sich ein
beklommenes Gefühl in ihrer Magengegend breit, und zwar immer dann, wenn sie an
Cole dachte.
Hinterging sie ihn denn nicht mit diesen Gedanken? Warum dachte sie nicht mehr
in jedem Moment nur an ihn? Noch vor zwei Tagen war alles so klar und einfach
gewesen, aber seit sie mit Mark zusammenarbeitete, war alles anders. Es half ihr
auch nicht weiter, wenn sie sich sagte, dass sie Annie und Cole im Krankenhaus
erwischt hatte, wie sie sich küssten, Caitlin war nicht der Typ, der berechnend
gleiches mit gleichem vergelten mußte, ganz im Gegenteil. Sie spürte, dass sie
sich entscheiden mußte, sonst würde sie ewig das schlechte Gewissen plagen.
„Also gut.“ sagte sie laut zu ihrem eigenen Spiegelbild. „Entweder – oder!“
Sie duschte, zog sich an und machte sich auf den Weg zu einem Krankenbesuch bei
Cole.
Er saß mit seinem Vater und seiner Schwester in der Cafè- Terria, als Caitlin
dort ankam.
Seit er seine ersten vorsichtigen Gehversuche unternommen hatte, machte er
wirklich großartige Fortschritte. Dr. Robinson zeigte sich sehr zufrieden.
Caitlin küßte Cole auf die Wange und begrüßte A.J. und Jade freundlich. Sie
mochte Coles Vater sehr gerne, er war charmant und offenherzig. Allerdings wußte
sie nicht so recht, was sie von Jade zu halten hatte. Die junge Frau verhielt
sich ihr gegenüber zwar nicht unfreundlich, aber dennoch sehr distanziert.
Caitlin fühlte sich ihr gegenüber irgendwie gehemmt. Heimlich warf sie einen
Blick auf Jades Garderobe. Der elegant dunkelgrüne Hosenanzug passte
hervorragend zu ihren Smaragdaugen und dem hellblonden Haar. Sie schien einen
erlesenen Modegeschmack zu haben, eine Eigenschaft, die Caitlin mitunter an sich
selbst vermisste. Verstohlen sah sie an sich herunter. Sie war vorhin in ihre
Jeans gesprungen und hatte fast wahllos eine bequeme Baumwollbluse aus dem
Schrank genommen. „Ich muß mehr auf mein Äußeres achten.“ beschloß sie und
wandte sich Cole zu.
„Das war vielleicht ein Sturm letzte Nacht!“
„Allerdings!“ lachte Cole. „Ich war das erste Mal, seit ich hier bin, wirklich
froh, dass ich kein Zimmer mit Blick aufs Meer bekommen habe!“ Dann wurde sein
Gesicht ernst.
„Musstest du nicht arbeiten? Ich hab mir Sorgen um Dich gemacht!“
„Na ja...“ antwortete Caitlin etwas zögernd, „ich war zwar im „Deep“, aber bei
dem Wetter waren gar keine Gäste da, und... Daddy hat mich dann abgeholt.“
„Dein Vater sorgt sich sehr um Dich, nicht wahr?“ meinte Jade freundlich, doch
Caitlin vermeinte deutlich einen etwas sarkastischen Unterton in ihrer Stimme zu
hören.
Sie nickte.
„Ja, die Familie liegt ihm wirklich sehr am Herzen.“
Sie war froh, als A.J. und seine Tochter sich nach einer Weile verabschiedeten.
So hatte sie Cole wenigstens noch etwas für sich allein. Sie gingen auf sein
Zimmer und setzten sich gemütlich aufs Bett. Cole legte den Arm um Caitlin und
sie kuschelte sich an ihn.
„Habe ich Dir eigentlich erzählt, dass Dein Vater mich hier besucht hat?“ fragte
er nach einer Weile ganz unvermittelt.
„Nein!“ antwortete Caitlin erstaunt. „Was wollte er denn von Dir?“
Cole sah sie bedeutungsvoll an.
„Er übernimmt alle Krankenkosten für mich, das heißt, seine Firma übernimmt sie.
Und er hat mich gebeten, Dich nicht allzu sehr zu beanspruchen, da Du Dich auf
Dein Jurastudium vorbereiten müsstest!“
Ärgerlich schüttelte Caitlin den Kopf.
„Typisch Daddy!“ meinte sie. „Überall muß er sich einmischen. Ich glaube, ich
muß erst verheiratet sein und ein Dutzend Kinder haben, damit das aufhört!“ Sie
stand abrupt auf.
„Willst Du schon gehen?“ fragte Cole enttäuscht.
„Ja, mein Dienst im „Deep“ fängt bald an.“
Cole zog sie zu sich heran und küßte sie. Caitlin versuchte, seinen Kuß zu
erwidern, aber sofort holten sie die Bilder von letzter Nacht ein. Sie befreite
sich sanft aus seiner Umarmung und verließ fast fluchtartig das Krankenzimmer.
Nachdenklich sah Cole ihr hinterher.
Gregory saß in seinem Arbeitszimmer und blickte erwartungsvoll von den vor ihm
liegenden Papieren auf, als es an die Tür klopfte.
Nick Stratton, einer seiner Privatdetektive, trat herein und blieb unschlüssig
an der Tür stehen.
„Was kann ich für Sie tun, Mister Richards?“
Gregory wies auf den Sessel vor seinem Schreibtisch.
„Hallo Nick, setzen Sie sich.“
Er redete nicht lange um die Sache herum.
„Ich habe einen Auftrag für Sie.“ Er griff nach einem Fax, das ihn vor ein paar
Minuten aus Europa erreicht hatte. „Ich möchte Informationen über diese beiden
Personen.“ sagte er und schob Stratton das Papier über den Tisch. „A.J.
Deschanel und seine Tochter, Jade Sheridan.“
Der Detektiv besah sich das Fax aufmerksam und nickte.
„Okay, Mister Richards.
Wo finde ich die
beiden?“
„Sie halten sich zur Zeit hier in Sunset Beach auf, soviel ich weiß, wohnen sie
im Sunset Inn.“
Gregory sah seinen Handlanger durchdringend an. „Sie sollen die beiden aber
nicht hier beschatten, dafür habe ich andere Leute. Sie fliegen nach England.“
Er zog einen Umschlag aus einer der Schubladen und warf ihn achtlos vor Stratton
auf den Tisch.
„Hier sind Geld und Flugtickets. Ihr Flug geht morgen früh von Los Angeles.“ Er
machte eine bedeutungsvolle Pause und fuhr dann fort: „Ich möchte alles über die
beiden wissen, wie und mit wem sie leben, wer ihre Freunde und Feinde sind, über
welche finanziellen Mittel sie verfügen und in welchen Transaktionen sie ihre
Finger im Spiel haben, alles! Selbst die kleinste Kleinigkeit interessiert
mich!“ Er senkte die Stimme etwas und fügte in boshaftem Unterton hinzu:
„Und wenn sie dabei vielleicht noch ein paar..., nun sagen wir, nicht ganz
einwandfreie Details aus der Vergangenheit der beiden finden könnten, dann würde
das Ihr Honorar um einiges aufstocken, wenn Sie wissen, was ich meine.“ Er
lehnte sich in seinem Sessel zurück und zeigte sein kaltes Lächeln. „Sind wir
uns einig, Nick?“
Der Detektiv nickte diensteifrig.
„Alles klar, Mister Richards. Ich melde mich bei Ihnen.“
„Tun sie das, Nick, und... tun Sie es bald!“
Sara erwachte und sah den schlafenden Derek neben sich. Sie lächelte glücklich,
rollte sich vorsichtig unter seinem Arm weg und stand auf. Dann ging sie ins
Wohnzimmer, holte sich etwas zu trinken und setzte sich aufs Sofa. Die
Ereignisse der letzten 24 Stunden gingen ihr durch den Kopf.
Sie hatte eine völlig neue Seite an Derek kennengelernt, die ihr bisher
verborgen geblieben war. Er hatte sich rührend um sie gekümmert, als sie krank
gewesen war, und als sie sich am Strand geliebt hatten, war er so zärtlich und
einfühlsam mit ihr umgegangen, ganz anders als die Male zuvor. Seine
Berührungen, seine Küsse ... Sara erschauerte bei dem Gedanken daran.
Ein anderer Gedanke schoß ihr plötzlich durch den Kopf. Meg! Sie mußte ihre
Schwester irgendwie erreichen! Vielleicht gab es noch woanders ein Telefon, von
dem aus sie ihre Schwester anrufen konnte.
Sara stand auf und griff sich Block und Stift, die auf dem Kaminsims lagen. Sie
wollte gerade eine Nachricht für Derek schreiben, als er plötzlich ins
Wohnzimmer trat.
"Hey, wolltest Du Dich heimlich aus dem Staub machen?"
Sie schaute ihn irritiert an, sah aber dann ein Lächeln auf seinem Gesicht.
Erleichtert lächelte sie zurück.
"Ich wollte Dich nicht wecken!"
Er wies auf den Zettel in ihrer Hand.
"Sollte der für mich sein?"
Sara zerknüllte den Zettel in ihrer Hand.
"Ja, eigentlich schon, aber nun hat sich das ja erledigt! Ich wollte mal
losgehen und schauen, ob ich ein funktionsfähiges Telefon auf dieser Insel
auftreiben kann. Meg und die anderen machen sich bestimmt Sorgen um mich!"
Derek biss sich auf die Lippen. „Schluß mit den Lügen!“ dachte er.
"Sara, ... das Telefon funktioniert wieder, und da habe ich vorhin, als Du
geschlafen hast, Meg angerufen und ihr gesagt, wo wir sind!" Er atmete tief
durch.
Sara sah ihn überrascht an.
"Du hast sie angerufen? Und was ... was hat Meg gesagt?" Sara konnte sich genau
ausmalen, wie Meg wohl reagiert hatte, zumal sie nicht gerade die beste Meinung
von Derek hatte! An seinem Stirnrunzeln konnte sie erkennen, daß Meg wohl alles
andere als begeistert gewesen war! Sie fuhr sich nervös durchs Haar.
"Oh je, sie wird mir sicher eine Standpauke halten," sagte sie und lächelte
gequält.
"Ja, bestimmt, aber nun sind wir erst einmal hier und sollten nicht an Meg
denken!" antwortete Derek, zog sie an sich und gab ihr einen Kuß auf die
Nasenspitze. "Ich weiß, was wir machen können," sagte er. "Es gibt hier ein
kleines, sehr romantisches Restaurant, wo man den besten Fisch bekommen kann!"
Er sah sie erwartungsvoll an. Sara rümpfte die Nase.
"Fisch? Igitt! Ich komme nur mit, wenn es dort auch noch andere Speisen gibt!"
Derek schmunzelte.
"Man merkt, daß Du vom Land kommst! Was esst Ihr denn in Kansas?"
Sara hob den Kopf.
"Na, Fleisch, was sonst?"
Er grinste.
"Ich denke, das wird's da auch geben ... hoffe ich zumindest!" Er hielt ihr
galant den Arm hin. "Bist Du bereit?"
Sara lachte und hakte sich bei ihm ein. "Na, dann mal los ...!"
Nachdem Derek und Sara in dem kleinen Fischrestaurant gegessen hatten,
beschlossen sie gegen Nachmittag, noch etwas am Strand spazierenzugehen.
Sie zogen ihre Schuhe aus und liefen gemeinsam barfuss und händchenhaltend durch
den feinen, weißen Sand. Inmitten einer Dünenlandschaft ließen sie sich dann
nieder. Sara sah Derek verliebt an.
"Ich kann mich nicht erinnern, wann ich jemals so glücklich war!" sagte sie und
breite die Arme aus. "Jetzt verstehe ich, warum diese Insel "Flitterwocheninsel"
genannt wird!" Derek lächelte.
"Ja, nicht wahr, mit dem richtigen Partner ist das hier das wahre Paradies!"
Sara sah ihn prüfend an.
"Und... ich bin ... der richtige Partner für Dich?"
Wortlos nahm er sie in den Arm. Sara wußte, daß es ihm sehr schwer fiel, seine
Gefühle zu zeigen und beließ es dabei. Sie wollte ihn zu nichts drängen.
Sanft schob sie ihn etwas von sich weg.
"Eigentlich weiß ich gar nichts über Dich," sagte sie und sah ihn neugierig an.
Derek kratzte sich am Kinn.
"Okay, was willst Du wissen?" Er war sich zwar nicht so sicher, ob es eine gute
Idee war, Sara alles über sich zu erzählen, aber er wollte auch nicht mehr
lügen.
Sara stellte dann auch gleich die Frage, die sie am meisten beschäftigte.
"Ben und Du ... warum versteht Ihr Euch eigentlich nicht?"
Dereks Miene verfinsterte sich sofort. Sara machte eine entschuldigende Geste.
"Es tut mir leid, Du mußt es mir nicht sagen, wenn es Dich zu sehr quält!"
Er sah sie nachdenklich an, und dann begann er zu erzählen.
"Ben und ich ..., nun, am Anfang waren es die üblichen
Geschwisterstreitigkeiten, und danach ...!" Er unterbrach sich und atmete tief
durch. Er mußte jemandem von Marias Tod erzählen, sonst würde er daran noch
ersticken!
"Alle liebten ihn und ich wurde abgelehnt," fuhr Derek mit seiner Erzählung
fort," Ben bekam immer alles, was er wollte ... er hatte überall Erfolg, egal ob
im Beruf oder bei Frauen ...!"
Derek warf Sara einen prüfenden Blick zu, doch sie hörte nur interessiert zu,
und ihr Gesicht verriet nicht, was sie dachte.
"Ich habe ihn dafür ... gehaßt und wollte ihm ebenso wehtun, wie er mir wehgetan
hatte!" Er fuhr sich nervös durchs Haar. "Also spannte ich ihm seine Frau aus!"
Sara sah ihn überrascht an.
"Seine Ehefrau Maria, die ... die ertrunken ist?"
"Ja, Maria ..." Derek wurde zunehmend nervöser. "Ben erwischte uns eines Tages
zusammen. Ben und Maria stritten heftig, und als er weggegangen war, nahm sie
den Bootsschlüssel und wollte mit der Yacht aufs Meer hinausfahren. Ich bin
hinter ihr hergerannt, habe sie noch erwischt, und dann waren wir auf dem Meer
und ein Sturm fegte über uns hinweg ...!"
Derek unterbrach seine Erzählung. Er atmete schwer.
Sara legte ihre Hand auf seinen Arm.
"Und? Was passierte dann?" Gespannt schaute sie ihn an.
"Sie rutschte aus, stürzte, und eine Welle erfaßte sie und spülte sie über
Bord!"
Er starrte vor sich hin. "Es war meine Schuld!" sagte er tonlos. "Ich habe nicht
mal den Versuch gemacht, sie zu retten! Ben hat mich später für ihren Tod
verantwortlich gemacht, und im Grunde genommen hat er sogar recht!"
Sara spürte seine Verzweifelung und nahm ihn in den Arm.
"Quäl' Dich doch nicht! Es war ein tragischer Unfall! Du hast keine Schuld!"
Derek stand abrupt auf.
"Doch, denn wenn ich keine Affäre mit Maria gehabt hätte, hätte sie sich nicht
mit Ben gestritten und wäre heute noch am Leben!"
Sara sah ihn an.
"Hast Du Ben erzählt, was damals an Bord passiert ist?"
Derek schüttelte den Kopf.
"Ich war zu feige, um es ihm zu sagen. Ich habe die Sache verdrängt, aber als
wir gestern auf dem Schiff waren und der Sturm losbrach, kamen wieder die
Erinnerungen hoch!" Er wich ihrem Blick aus.
"Du mußt mit ihm reden!" sagte Sara eindringlich.
"Ja, das muß ich wohl ..." sagte er und schaute Sara nachdenklich an. Er sah
aufs Meer hinaus. Der Himmel hatte sich schon verfärbt und der Sonnenuntergang
stand kurz bevor.
"Meine Güte, wir müssen hier Stunden gesessen haben!" sagte er und zog Sara
hoch. "Die Sonne geht ja schon unter!" Gemeinsam machten sie sich auf den
Rückweg zu ihrem Ferienhäuschen.
Der restliche Abend verlief eher ruhig, denn Derek wirkte nach seinem Geständnis
zwar erleichtert aber auch nachdenklich, und Sara beschäftigten seine Worte
ebenfalls. Sie ahnte, wie schwer es ihm gefallen sein mußte, sich ihr
anzuvertrauen, und sie erkannte darin einen echten Liebesbeweis.
Müde von den Ereignissen des Tages kuschelten sie sich in ihr Bett und
schliefen, eng umschlungen, ein.
Eine halbe Stunde vor Dienstschluss zog sich Casey um und sah auf die Uhr.
„Ich zieh dann mal los!“ meinte er und klopfte Michael kumpelhaft auf die
Schulter. „Schaffst du es allein?“
Michael grinste.
„Nun hau schon ab, sonst verpasst Du sie noch!“
Casey sprang die Stufen der Rettungsstation hinunter und joggte am Strand
entlang in Richtung Sunset Memorial.
Er hatte Rae nicht mehr gesehen, seit sie heute in den frühen Morgenstunden aus
Los Angeles zurückgekommen waren. Sie mußte totmüde gewesen sein, als sie ihren
Frühdienst im Krankenhaus antrat, denn wahrscheinlich hatte sie gar nicht mehr
geschlafen, er hörte sie noch lange in ihrem Zimmer auf und ab gehen, bestimmt
grübelte sie über ihr Wiedersehen mit ihren Eltern nach.
Arme Rae, sie hatte sich so viel davon versprochen, ihren Vater und ihre Mutter
wiederzusehen, aber so wie es aussah, war das Ganze wohl nicht allzu gut
verlaufen.
Casey hatte vor, Rae in der Klinik abzuholen und mit ihr essen zu gehen, um sie
auf andere Gedanken zu bringen. Kurzentschlossen kaufte er ihr unterwegs im
Blumenladen einen wunderschönen Strauß Kornblumen, die sie so liebte.
Punkt Sechs betrat er das Sunset Memorial und beschloß, Roxi im Empfang noch ein
wenig Gesellschaft zu leisten, bis Rae sich umgezogen hatte und herauskam.
Roxi bewunderte gerade die schönen Blumen, als Rae auf der Bildfläche erschien.
Caseys Lächeln erstarb, denn er sah, dass sie nicht allein war. Wei- Lee ging an
ihrer Seite, hatte sich vertraulich bei ihr eingehakt und redete stetig auf sie
ein. Sie hielt den Kopf gesenkt und bemerkte nicht, dass sie erwartet wurde.
„Er hat schon den ganzen Nachmittag hier auf sie gewartet.“ flüsterte Roxi
vertraulich, als die beiden den Ausgang passierten. „Ist wohl ein alter Freund?“
Casey versuchte sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Wortlos
drückte er der erstaunten Empfangsschwester die Blumen in die Hand und verließ
die Klinik. Er konnte gerade noch sehen, wie Rae zu Wei-Lee ins Auto stieg und
mit ihm davonfuhr.
Im Surf Central schliefen schon alle, als Rae nach Hause kam.
Casey saß auf der Treppe und sah sie traurig an.
Wortlos nahm sie neben ihm Platz.
„Warst du bei ihm?“ fragte Casey leise. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Wir waren zusammen essen und haben endlos lange geredet.“
„Über Deine Eltern oder... über Euch?“
„Über... die Zukunft, meine Zukunft.“
„Und wie sieht die aus, Rae?“
Sie sah ihn nicht an. „Ich weiß es nicht, noch nicht. Es ist... nicht so
einfach.“
Casey legte den Arm um sie. „Erzähl mir von gestern, bitte!“
Rae fuhr sich nervös mit der Hand über die Augen.
„Da gibt es nicht viel, was ich Dir erzählen könnte. Meine Eltern sind
unversöhnlich. Mein Leben hier in dieser Wohngemeinschaft ist eine Schande für
die ganze Familie. Entweder ich halte mich an die Traditionen, oder...“
„Oder was?“
Sie sah ihn flehend an.
„Ich werde sie verlieren, Casey, ich werde meine Eltern nie wiedersehen! Wenn
ich so weiterlebe, wie bisher, werde ich ab jetzt ganz allein sein!“
Casey sah, wie Tränen über ihre Wangen liefen und nahm sie zärtlich in den Arm.
„Wenn es nach mir geht, wirst Du nie allein sein, Rae!“ flüsterte er leise. Er
nahm ihre Hand und half ihr, von der Treppe aufzustehen. Wortlos sahen sie
einander an und in stillem Einvernehmen folgte sie ihm schließlich in sein
Zimmer.
Es war eine Nacht voller Zärtlichkeit, doch als Rae viel später still in Caseys
Armen lag, merkte er, dass sie weinte.
Als Meg auf Catalina ankam, war es bereits dunkel. Sie hatte keine Ahnung, wo
sie Sara und Derek suchen sollte, und eine Telefonnummer hatte sie auch nicht.
Sie fragte am Bootshafen einen der einheimischen Fischer nach einer Unterkunft
und gelangte so in ein kleines Motel ganz in der Nähe, in dem sie sich für die
Nacht ein Zimmer nahm. Sie verschloß die Tür und sah sich unsicher in dem
schäbigen Zimmer um. Man merkte auf den ersten Blick, dass es sein Geld nicht
wert war, aber besser als gar nichts, nach dieser überstürzten Aktion.
Meg hatte im Surf Central schnell ein paar Sachen in eine kleine Reisetasche
gestopft und, da um diese Zeit niemand zu Hause war, Mark im Java Web angerufen,
um wenigstens einem der Bewohner zu sagen, wo sie zu finden sei. Dann war sie
zum Hafen hinunter geeilt und hatte glücklicherweise auch sofort ein Boot
gefunden, dessen Zielort Catalina war.
Die Insel der Liebenden! Meg seufzte tief und wünschte sich nichts sehnlicher,
als das Ben jetzt hier wäre und es diesen verhängnisvollen Sonntag nie gegeben
hätte.
Aber was geschehen war, ließ sich nun mal nicht ändern, und jetzt galt es erst
einmal Sara zu finden. Derek hatte ihr am Telefon gesagt, dass sie auf der
Überfahrt erkrankt war, es ihr aber inzwischen besser ginge. Trotzdem war Meg
voller Sorge. Es passte überhaupt nicht zu ihrer Schwester, einfach eine solche
mehrtägige Reise zu unternehmen, ohne wenigstens eine Nachricht zu hinterlassen!
Und auch noch allein mit Derek, der sie bisher nur belogen, betrogen und
ausgenutzt hatte.
Meg war totmüde.
„Morgen“ dachte sie noch, „morgen früh werde ich sie suchen...“ und mit diesem
Gedanken schlief sie ein.
Als sie am nächsten Morgen erwachte, schien die Sonne schon in eines der Fenster
und ließ das heruntergekommene Motelzimmer gleich um einiges freundlicher
erscheinen.
Meg duschte eiskalt und zog ihre abgeschnittene Jeans und ein ärmelloses Top an,
bevor sie hinaus vor die Tür trat, um sich etwas umzusehen.
„Hallo! Wen haben wir denn da?“ hörte sie eine raue Stimme hinter sich und sah
sich erschrocken um. Da stand ein Mann Ende Zwanzig und taxierte sie ungeniert
von oben bis unten. Er war von drahtiger Gestalt und wirkte ungepflegt in seinen
zerrissenen Jeans und dem fleckigen Hemd, das offenstand und den Blick auf seine
behaarte Brust freigab. Er kratzte sich seine Bartstoppeln und grinste. „Bist
wohl meine neue Nachbarin, Missi? Sehr erfreut...“ Meg nickte ihm nur höflich zu
und wollte schnell zum Strand hinunter, aber der Mann hielt sie plötzlich am Arm
fest. „Nicht so eilig, Süße! Wir haben uns doch noch gar nicht bekannt
gemacht... Ich bin Terry, und ich kann Dir hier auf der Insel alles zeigen,
wirklich alles Baby...“ Sein Atem roch widerlich nach Alkohol.
„Okay... Terry“ versuchte es Meg im Guten, obwohl ihr sofort ziemlich flau im
Magen war, „vielleicht ein andermal. Lassen Sie mich jetzt los, ich hab`s
eilig!“
Er lachte anzüglich und dachte nicht daran, ihren Arm loszulassen.
„Hier auf der Insel hat es keiner eilig, Missi, los, komm schon, ich lade Dich
zu`nem Drink in meine Bude ein!“
Meg wehrte sich, so gut sie konnte, aber er zog sie einfach mit.
„Loslassen!“ rief sie verzweifelt und schlug mit der Faust nach ihm.
„Hast Du nicht gehört, was die Lady gesagt hat!“
Meg fuhr herum.
Da stand Derek, in Jogginghose und Achselhemd, leicht erhitzt von seinem
Morgenlauf und sah Terry drohend an. Der war sich jedoch seiner Beute schon
ziemlich sicher und bedachte den Neuankömmling nur mit einer unflätigen
Bemerkung, während er gar nicht daran dachte, Megs Arm loszulassen.
Meg hätte nicht einmal sagen können, ob Derek sich überhaupt bewegt hatte, sie
sah nur für den Bruchteil einer Sekunde eine Faust an ihrem Kopf vorbei mitten
in Terrys ungepflegtes Gesicht sausen. Das hob ihn aus den Schuhen und er fiel
mit einem unartikulierten Laut hintenüber in den Sand wie ein nasser Sack.
„Hallo Meg!“ grinste Derek. „Du warst ja schneller hier, als ich dachte!“
Jeany
Das erste Mal seit
ewig langer Zeit machte sich Ben wieder an seinem Bot zu schaffen. Bis zum
Mittag wollte er die „Maria“ startklar haben. Seit dieser Nacht damals, als er
seine Frau für immer verloren hatte, war er nie wieder hinausgefahren, aber sein
Wunsch, Meg nach Catalina zu folgen, verdrängte alle Bedenken. Er brachte etwas
Proviant an Bord, überprüfte alle Anlagen und säuberte notdürftig die gemütlich
eingerichtete Kajüte unter Deck. Als er fast fertig war, kam Annie wie zufällig
den Strand entlang geschlendert und blieb überrascht stehen.
„Ben! Was tust du denn da?“
Er sah kurz auf und musterte sie in ihrem knappen Supermini, der wieder einmal
mehr betonte, als verhüllte.
„Reisevorbereitungen!“ sagte er und wickelte ein dickes Tau auf. Umständlich
kletterte sie an Bord.
„Wohin soll`s denn gehen?“ fragte sie neugierig und blieb dicht vor ihm stehen.
Während sie ihm beide Hände auf die Brust legte, schnurrte sie verführerisch:
„Nimmst Du mich mit? Nur du und ich... und die Wellen, das Meer...“
Ben sah sie einen Moment lang nachdenklich an. Er dachte plötzlich daran, was
Bette ihm gesagt hatte. „...anscheinend hat Meg erheblichen Ärger mit Annie
gehabt...“ und fast gleichzeitig fiel ihm Megs Bemerkung letztens in der
Sturmnacht im Surf Central ein, dass Annie sicher schon auf ihn warten würde,
eingehüllt in ein zerknittertes Bettlaken...
Er packte Annie an den Handgelenken und schob sie sacht, aber bestimmt ein Stück
von sich weg.
„Tut mir leid, aber daraus wird nichts!“ sagte er ernst. „Ich mache diese Reise,
um wieder gutzumachen, was Du mir vermutlich eingebrockt hast!“
„Ich?“ rief Annie mit gespieltem Erstaunen, obwohl ihr plötzlich das schlechte
Gewissen ziemliches Herzklopfen verursachte. „Aber wieso denn, Ben, ich habe
doch gar nichts getan!“
„Na um so besser!“ entgegnete er mit verhaltenem Grinsen, „Dann gibt es ja auch
keinen Grund, dass Du Dich gleich so aufregst!“
Er half ihr vom Boot und sah sie prüfend an. „Oder hast Du mir irgend etwas zu
sagen?“
„N.. nein!“ antwortete sie schnell und ging unsicher ein paar Schritte
rückwärts.. „Na also dann... wann kommst Du denn zurück?“
„Ich weiß noch nicht genau.“
Ben sah ihr nach, wie sie zurück zur Strasse ging und rieb sich nachdenklich das
Kinn.
„Bingo“ sagte er zu sich selbst, „Annie hat ein schlechtes Gewissen. Fragt sich
nur, warum...“
„Das kann ich Dir genau sagen!“
Casey, der unbemerkt hinzugetreten war und Bens Selbstgespräch gehört hatte,
nickte grinsend. Ben sah ihn erstaunt an und forderte ihn mit einer einladenden
Handbewegung auf, hinauf an Deck zu klettern.
Die beiden Männer setzten sich oben an die Reling und Casey erzählte Ben, was er
in L.A. von Meg erfahren hatte.
Ben stützte den Kopf in beide Hände und hörte fassungslos zu.
Jeany
„Annie!!!“
Wenn sie nicht so schnell die Tür geöffnet hätte, wäre diese sicher mit einem
gezielten Tritt zu Bruch gegangen. Ben stand vor ihr, die Augen dunkel vor Wut.
„Du intrigantes, kleines Biest!“ zischte er böse.
„W.. was...“ stammelte sie, verstummte aber sofort unter seinem wütenden Blick
und trat erst einmal den Rückzug an.
„Halt den Mund!“ schnitt er ihr auch sogleich das Wort ab und kam langsam näher.
„Du bist das bösartigste und gemeinste Luder, das mir je unter die Augen
gekommen ist!“
Das saß. Annie verfärbte sich und schluckte.
„Ben... das ist bestimmt ein Mißverständnis...“ wagte sie einen letzten
zaghaften Versuch, doch er packte sie bei den Schultern und sah sie eindringlich
an.
„Lüg mich nicht an, ich weiß bescheid!“ Er holte tief Luft. „Das erste Mal seit
Jahren war mein Leben wieder fast in Ordnung, und dann kommt meine beste
Freundin, der ich vertraut habe, und versucht, hinter meinem Rücken absichtlich
alles wieder kaputtzumachen!“
„Aber ich liebe Dich doch, Ben, und das weißt Du auch!“ beteuerte Annie und sah
ihn verzweifelt an.
„Oh ja, was muß das für eine Liebe sein, wenn man dem anderen so wehtut!“ höhnte
er. Dann wurde sein Gesicht wieder ernst.
„Du liebst mich nicht, Annie, Du kannst nur in Deinem grenzenlosen Egoismus
nicht verwinden, dass Du mich nicht haben kannst, wie all die anderen!“ Er ließ
sie abrupt los, so dass sie zurücktaumelte.
„Du wirst es nicht schaffen, Meg und mich auseinanderzubringen!“ sagte er mit
fester Stimme. „Aber eines hast Du geschafft, und zwar gründlich: die ehrliche
Freundschaft, von der ich glaubte, dass sie zwischen uns besteht, zu zerstören,
und zwar entgültig!“
Er wandte sich um und verließ ohne ein weiteres Wort die Wohnung.
„Ben...“ jammerte Annie. Als die Tür ins Schloss fiel, sank sie auf die Couch.
„Verdammt!“ fluchte sie und konnte die Tränen nicht länger zurückhalten.
„Wo ist Sara?“ fragte Meg und rührte sich nicht von der Stelle.
Derek grinste.
„Tja Meg, wer hätte das gedacht, Du und ich... zusammen auf der Flitterwochen-
Insel!“
Er reichte ihr die Hand hin. „Na komm, pack Deine Sachen, wir gehen zu mir!“
Meg rührte sich nicht von der Stelle. Mit einem verstohlenen Seitenblick auf
Terry, der langsam wieder zu sich kam, entgegnete sie:
„Erzähl keinen Blödsinn, ich will nur zu meiner Schwester! Wo hast Du sie
versteckt?“
Jetzt lachte Derek wirklich.
Mit einem Schritt war er bei ihr, hob sie hoch und trug sie trotz ihrer heftigen
Gegenwehr ins Motelzimmer. Dort warf er mit einem Fußtritt die Türe zu und ließ
Meg ziemlich unsanft aufs Bett fallen. Er selbst sah sich suchend in dem Raum um
und entdeckte die Reisetasche, die er neben ihr abstellte.
„Einpacken! Ich hab nicht ewig Zeit!“ meinte er und sah sie belustigt an. „Und
übrigens... nichts zu danken, dass ich Dich eben vor einem geselligen
Beisammensein mit ... wie hieß er doch gleich... bewahrt habe!“
„Danke Derek!“ knurrte Meg und begann, die umliegenden Sachen in die Tasche zu
stopfen.
Auf dem Weg ins Bad mußte sie sich an ihm vorbeizwängen, was er natürlich sofort
ausnutzte. Er schlang die Arme um ihre Taille und flüsterte: „Hab ich doch gern
gemacht, - für meine zukünftige Frau!“
„Laß doch endlich diesen Blödsinn!“ fauchte Meg, und er nahm lachend die Hände
hoch.
„Ich meine ja nur“ sagte er schmunzelnd, „Sara wäre sicher nicht begeistert,
wenn Dir was zustoßen würde!“
Meg stutzte.
„Sara?... willst Du damit sagen...“
„Na ja“ er zuckte nur lässig mit den Schultern, „ich liebe Dich, Meg, aber hast
Du erwartet, dass ich Dir ewig hinterherlaufe?
Also, was
soll`s!“
Sie sah ihn
kopfschüttelnd an.
„Wehe, wenn Du ihr wehtust oder sie nochmal so enttäuschst!“
In einer hilflos wirkenden Geste hob Derek die Hände, um sie dann gleich wieder
fallen zu lassen.
„Mein Gott, Meg, warum denkst Du eigentlich immer nur schlecht von mir?“
„Du hast mir bisher noch nicht viel Grund dazu gegeben, meine Meinung zu
ändern.“
Er trat dicht an sie heran und berührte den Perlenanhänger ihrer Halskette mit
einem Finger.
„Nein?“
Meg wandte sich ab und schüttelte wieder den Kopf.
„Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich von Dir halten soll. Du machst mir
Angst, Du bist... so anders als Ben...“
„Ben, Ben, Ben...“ rief er ungehalten und begann, im Zimmer auf und ab zu gehen.
„Klar bin ich anders als er, wäre ja auch schlimm, wenn nicht, wo ich schon
aussehe wie er!“
„Immerhin hast Du nichts unversucht gelassen, um uns auseinanderzubringen.“ warf
sie ein und fügte dann etwas versöhnlicher hinzu: „Vielleicht solltet Ihr mal
miteinander reden, Ben und Du.“
„Na das fehlte noch!“ schnaufte Derek ungehalten. Er blieb wieder vor ihr stehen
und legte seine Hände auf ihre Schultern. „Als Du nach Sunset Beach kamst, habe
ich mich sofort in Dich verliebt. Aber er hat Dich mir weggenommen, genau wie
damals... Maria.“
Meg ignorierte seine letzte Bemerkung.
„Niemand hat mich Dir weggenommen.“ sagte sie leise, aber mit fester Stimme.
„Ich habe mich ganz allein entschieden.“
„Okay.“ meinte er und holte tief Luft, während er sie losließ und einen Schritt
zurücktrat.
„Und ich habe mich für Sara entschieden.“
Er überlegte kurz und fügte dann hinzu: „Aber solltest Du doch eines Tages frei
sein, kann ich für nichts garantieren.“
Er nahm ihr die Tasche ab und öffnete die Tür.
„Laß uns gehen, Sara wird sich schon fragen, wo ich so lange bleibe.“
Derek öffnete die Tür zum Ferienhäuschen, trat einen Schritt zurück und machte
eine weitausholende Bewegung.
"Bitte tritt näher und fühle Dich ganz wie zu Hause in meiner bescheidenen
Hütte!"
Er grinste Meg an. Zögernd trat sie in den Raum und sah sich um. Alles sah sehr
gepflegt und ordentlich aus, ganz anders als ihr schäbiges Motelzimmer. Derek
verschwand sofort im Nebenraum, und sie hörte wie er sagte:
"Du wirst nie erraten, wer zu Besuch gekommen ist?"
Meg starrte auf die verschlossene Tür, und als sie sich öffnete, atmete sie
erleichtert auf. "Meg?!" Derek hatte Sara vorsichtig zur Tür hinausgeschoben,
und nun standen sich die beiden Schwestern gegenüber und starrten sich nur an.
Megs Erstarrung löste sich, und sie ging ein paar Schritte auf Sara zu und
umarmte sie.
"Sara ... Gott sei dank, es geht Dir gut!"
Sara löste sich aus Megs Umarmung.
"Warum soll es mir denn nicht gutgehen?" fragte sie und sah Meg irritiert an.
Meg warf einen Blick zu Derek hinüber, der lässig im Türrahmen stand und die
beiden Frauen interessiert beobachtete.
"Was hat Derek Dir denn erzählt?" fragte Sara misstrauisch.
Er stieß sich vom Türrahmen ab und legte seine Hände auf Saras Schultern.
"Die Wahrheit!" Er sah Meg dabei tief in die Augen, und sie wurde sichtlich
nervös.
Sara drehte sich zu ihm um.
"Ich verstehe nicht ..."
"Er hat mir am Telefon erzählt, daß Du krank warst," sagte Meg schnell und
vermied es dabei, Derek anzusehen. Sara ging einen Schritt auf Meg zu.
"Ach das ... das war nicht so schlimm!" Sie machte eine wegwerfende
Handbewegung. Derek sah sie überrascht an. Sara konnte ja genauso lügen, wie er!
"Wie Du siehst, bin ich wieder okay!" Sie warf Derek einen zärtlichen Blick zu.
"Ich hatte eben die beste Pflege!" Derek erwiderte ihren Blick, und Meg schaute
rätselhaft zwischen beiden hin- und her.
Das Sara ihm mit Haut und Haaren verfallen war, sah man auf den ersten Blick,
aber wie waren Dereks Gefühle ihrer Schwester gegenüber? Was hatte er gesagt? Er
hätte sich für Sara entschieden, aber wenn sie nicht mehr mit Ben zusammen wäre
...
"Meg?"
Sara unterbrach ihre Gedanken, und Meg fühlte sich ertappt.
"Wie? Was?" Meg sah Sara verwirrt an.
"Ich fragte, was Du hier überhaupt machst?" Sara sah sie neugierig an.
Meg atmete tief durch.
"Ich sagte doch schon, daß ich mir Sorgen um Dich gemacht habe, und deshalb
wollte ich Dich unbedingt sehen!"
Sara runzelte die Stirn.
"Meine Güte, Meg, ich bin volljährig! Schon vergessen? Du klingst wie Mum!"
Meg sah ihre Schwester wütend an.
"Leider benimmst Du Dich aber nicht so! Verlässt in einer Nacht und Nebel Aktion
Sunset Beach, ohne etwas zu sagen, um mit diesem ...!" Meg schluckte den Rest
des Satzes herunter. Sie spürte Dereks bohrenden Blick und fuhr sich nervös
durchs Haar. "... um mit Derek durchzubrennen! Was hast Du Dir eigentlich dabei
gedacht?" Megs Augen sprühten Funken.
Sara hob abwehrend die Hände.
"Das war doch alles ganz anders ...!" versuchte sie sich zu rechtfertigen.
Derek fühlte die Spannung im Raum, und ihm wurde unwohl bei dem Gedanken, was
Sara als nächstes sagen würde!
"Ladies, ich denke, das ist eine Sache, die ihr alleine klären solltet!"
versuchte er abzulenken. Er wies auf die Tür. "Ich gehe etwas an die frische
Luft!"
"Oh nein!" Sara hielt ihn am Ärmel fest. "So einfach kommst Du mir nicht davon!
Du hast mir die Suppe eingebrockt, und nun wirst Du sie auch mit mir gemeinsam
auslöffeln!" Hilflos sah er zu Meg hinüber, die sich plötzlich ein Grinsen nicht
mehr verkneifen konnte. "Sie hat Dich schon gut im Griff, Evans!" sagte sie
spöttisch. Derek zwang sich zu einem Lächeln.
"Nun gut, wenn Ihr mich so lieb darum bittet, bleibe ich natürlich!" Er warf
Sara einen vielsagenden Blick zu.
Meg ließ sich aufs Sofa fallen.
"Na, dann bin ich schon sehr auf Deine Version der Geschichte gespannt!" sagte
sie und sah Derek herausfordernd an.
Derek nahm ebenfalls auf dem Sofa Platz und holte tief Luft. Er überlegte kurz,
wieviel er Meg erzählen sollte und begann dann mit seiner Erzählung. Den Teil
mit der "Entführung" ließ er natürlich aus, und Meg hörte gespannt zu, wie er
ihr von seinem Plan, einige Tage mit Sara alleine auf der Flitterwochen-Insel zu
verbringen, berichtete.
Sara ergriff seine Hand. Sie war tief gerührt von seinen Worten.
Meg konnte sich nicht ganz dem Gefühl entziehen, als wenn Derek einiges bei
seiner Erzählung ausgelassen hatte, aber sie schwieg. Sie nahm ihm den
romantischen Helden einfach nicht ab, obwohl er sich anscheinend wirklich sehr
um Sara bemühte!
Derek erzählte vom Unwetter, daß sie beide auf der Yacht miterleben mussten und
von Saras Fieberanfall.
Nachdem er seine Geschichte beendet hatte, sah er Meg zufrieden an. Sie stand
auf und blickte ihre Schwester nachdenklich an.
"Und Du bist wirklich wieder ganz in Ordnung?"
Sara nickte.
"Ja, es geht mir gut. Es war nicht so schlimm, wie Derek es darstellt." Sie warf
ihm einen kritischen Blick zu. "Er übertreibt mal wieder maßlos!"
Derek beließ es dabei. Er war froh, daß Meg ihm anscheinend seine Geschichte
abkaufte, ohne weiter nachzuhaken. Erleichtert stand er auf und nahm Sara in den
Arm.
Meg beäugte die beiden misstrauisch. Sie wirkten so glücklich!
Für ihre Schwester hoffte sie, daß Derek ihr seine Gefühle nicht nur vorspielte.
Einen Moment dachte sie schmerzhaft an ihre eigene Beziehung.
Was machte Ben jetzt wohl? Ob er an sie dachte, so wie sie an ihn?
Meg schüttelte leicht den Kopf, als könne sie damit ihre Gedanken an Ben
vertreiben, aber der Anblick von Sara und Derek erinnerte sie unwillkürlich an
ihn.
Entschlossen stand sie auf.
"Da ja anscheinend alles in Ordnung zu sein scheint, kann ich ja wieder nach
Sunset Beach zurückfahren!" sagte sie mit fester Stimme. Sara befreite sich aus
Dereks Armen. "Du willst schon wieder fahren? Ach, Meg, bleib' doch wenigstens
noch bis morgen früh, ja?" Saras Augen bettelten.
Meg sah sie traurig an.
"Was soll ich denn noch hier? Das ist eine Insel für Liebespaare, und ich ...!"
Ihre Stimme erstarb und sie senkte den Kopf.
Sara sah ihre Schwester prüfend an. "Was stimmt nicht zwischen Dir und Ben?
Hattet Ihr Streit?" Meg machte ein abweisendes Gesicht, und Sara biss sich auf
die Lippen.
"Ich möchte nicht darüber reden!" sagte Meg etwas schärfer als beabsichtigt und
wich Saras Blick aus. Diese warf Derek einen flehenden Blick zu.
"Okay, ich bin dann am Strand unten!" sagte er und hob die Hände.
Als er draußen war, nahm Sara ihre Schwester in den Arm.
"Wir sind unter uns! Nun kannst Du mir sagen, warum Du mit Ben Streit hattest!
Ist es wegen ... Derek?"
Meg sah Sara fragend an.
"Derek? Wie kommst Du darauf, daß Derek etwas damit zu tun hat?"
Sara hob die Arme, ließ sie dann aber wieder fallen.
"Ich weiß nicht, ich dachte nur ...!" Sara schloß die Augen. Sie dachte an die
Fotos, die sie zuerst bei Derek und dann später bei Meg gesehen hatte. Sara nahm
ihre Schwester wieder in den Arm, und Meg lehnte ihren Kopf an deren Schulter.
Es tat gut, getröstet zu werden!
Sie trat einen Schritt zurück und sah Sara mit traurigem Blick an.
"Ich habe Annie in Bens Haus gesehen ..." begann sie ihre Erzählung. "Sie trug
nichts weiter als ein Bettlaken um ihren nackten Körper. Offenbar hatten die
beiden gerade ...!" Meg unterbrach sich und wischte sich durchs Gesicht. Sie
fühlte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Sara strich ihrer Schwester leicht
über die Wange.
"Oh, Meg, das tut mir so leid ...!"
"Als ich dann wenig später unten am Strand war," fuhr Meg fort "sah ich Ben auf
der Veranda..."
Also, war es wahr, ging es Sara durch den Kopf, Annie und Ben hatten eine
Affäre, und offenbar hatte Derek davon gewusst, sonst hätte er Meg nicht die
Fotos zugespielt!
Annie ...! Sara ballte wütend die Fäuste. Diese kleine Hexe hatte auch sie
hereingelegt! Meg seufzte, und Sara sah sie mitleidig an.
"Hast Du Ben zur Rede gestellt?"
Meg nickte.
"na ja, aber es endete wieder nur im Streit. Er warf mir vor, daß ...!" Meg
schlug sich mit der Hand auf den Mund. Sie konnte Sara ja schlecht sagen, daß
Derek sie in Bens Abwesenheit belästigt hatte!
Sara sah Meg neugierig an.
"Was hat er Dir vorgeworfen?"
"Ach, nichts weiter," wich Meg aus. "Ich möchte Dich nicht mit meinen Problemen
belasten!"
Sara sah Meg fest in die Augen.
"Du warst immer für mich da, hast Dir alle meine Sorgen angehört! Nun möchte ich
Dir auch helfen, Deine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen!" Sie wirkte so
entschlossen, dass Meg unwillkürlich lächeln mußte.
"Das ist lieb, aber ich denke, damit muß ich alleine klar kommen!"
Sara sah sie verständnisvoll an. Meg schlug die Hände vors Gesicht.
"Ich brauche einfach Zeit, um über alles nachzudenken ..." sagte sie mit
erstickter Stimme.
Sara überlegte fieberhaft, wie sie ihrer Schwester helfen konnte, und plötzlich
kam ihr eine Idee.
"Wie wäre es," sagte sie, "wenn Du einfach hier bleibst!" Meg hob überrascht den
Kopf. "Derek und ich wollten sowieso heute oder morgen wieder nach Sunset Beach
zurückfahren. Du könntest ja noch hier bleiben, damit Du in aller Ruhe
nachdenken kannst!" Sara schien so begeistert von der Idee, doch Meg sah sie
zweifelnd an.
"Ich weiß nicht so recht ...!"
Doch Sara ließ sie gar nicht zu Worte kommen.
"Derek hat bestimmt nichts dagegen, Dir sein Haus für ein paar Tage zur
Verfügung zu stellen!"
"Wogegen habe ich nichts?" Er war gerade hereingekommen und hatte wohl den
letzten Satz gehört, denn er sah Sara fragend an. Sie ging zu ihm hinüber und
griff seinen Arm. "Du hast doch bestimmt nichts dagegen, wenn Meg noch ein paar
Tage hier bleibt, oder?"
Als Sean von der Schule kam, wartete Tiffany bereits auf ihn. Sie gab ihm zur
Begrüßung einen Kuß auf die Wange. Sean fand es schön, wenn sie ihn abholte, so
wie damals, vor einem Jahr. Sie war so herrlich unkompliziert und zickte nicht
ständig herum wie Amy oder die anderen Mädchen aus seinem Kurs. Seit der
Sturmnacht waren sie sich beide wieder viel näher gekommen.
„Du hast ein hübsches Kleid an.“ sagte er und meinte es ehrlich, denn Tiffanys
zum Teil sehr eigenwillige Garderobe war oft sehr gewöhnungsbedürftig. Sie hatte
nun mal kein Geld und nahm, was sie kriegen konnte, auch wenn die Sachen
mitunter nicht die richtige Größe oder Farbe hatten.
Sean störte das eigentlich überhaupt nicht, es reichte ihm schon, wenn seine
Eltern so viel Spektakel um die Kleiderordnung eines Jeden machten.
Aber heute sah Tiffany wirklich hübsch aus, ganz anders als sonst.
Sie lachte verlegen.
„Das war in den Fundsachen der Rettungsstelle.“ sagte sie. „Casey meinte, ich
könnte es behalten.“
„Wenn Du sowas gerne trägst, kann ich ja Caitlin mal fragen.“ schlug Sean vor.
„Ihr Kleiderschrank platzt aus allen Nähten, und den meisten Fummel hat sich
bestimmt noch nicht mal getragen!“
Tiffanys Augen leuchteten bei dem Gedanken. Sie griff nach Seans Hand und
gemeinsam bummelten sie am Strand entlang. Spike sprang ihnen fröhlich bellend
um die Füße und sauste dann immer ein Stück voraus.
Irgendwann standen sie vor dem Haus der Richards.
„Ich bring nur meine Sachen rein und dann unternehmen wir noch irgendwas.“ sagte
Sean und rannte durch den Garten, am Pool vorbei ins Haus.
Tiffany setzte sich in den Sand und betrachtete das prächtige Gemäuer.
So etwas war das Ziel ihrer Träume, ein solches Haus und sie mittendrin!
Alles haben, alles sein... Sie schloß die Augen und lächelte. Irgendwann würde
sie es ganz sicher schaffen!
„Einen Cent für Deine Gedanken!“
Sean war schon zurück und setzte sich lächelnd neben sie. „Oder sollte ich
lieber nicht fragen?“
„Ach weißt Du,“ meinte sie zögernd, aber nicht ganz ohne Hintergedanken, „ich
hab mir gerade vorgestellt, wie es wohl wäre, in so einem Haus zu wohnen, Du
mußt Dir jeden Tag wie im Märchenland vorkommen.“
Sean seufzte und verdrehte die Augen.
„Glaub mir, Tiff, davon bin ich weit entfernt. Bei Euch im Surf Central ist es
viel interessanter, da ist doch immer was los und alle sind gut drauf, ich find
es schön da!“
„Ach, so schön ist das auch nicht!“ maulte Tiffany und verzog das Gesicht. „Das
scheint nur so. Nie ist man mal alleine, ständig ist das Bad besetzt und
andauernd geht mir irgendeiner aufs Gemüt, ob ich mir denn nun endlich einen Job
gesucht hätte. Als ob das so einfach wäre!“
Sean lachte.
„So schlimm kann es doch gar nicht sein. Ich meine“ er sah sie vielsagend an, „Casey
verlangt doch nicht einmal Miete von Dir, also das finde ich ziemlich cool von
ihm, und alle anderen sind doch auch ganz locker drauf!“
„Na ja, es geht. Sara zum Beispiel ist eine ganz schöne Zicke, ich bin froh,
dass sie mal ein paar Tage weg ist. Michaels Sohn kann auch nerven, vor allem,
wenn ich für ihn den Babysitter spielen muß...“
„Tiff, Jimmy ist 8 Jahre alt, und er scheint mir schon ziemlich selbstständig!“
warf Sean schmunzelnd ein. Tiffany zog eine Schnute.
„Bring das mal seinem Vater bei! Bei seinem familiären Nachholbedarf hätte es
mich nicht gewundert, wenn er noch ein Paket Windeln vom Supermarkt mitgebracht
hätte!“
Sie holte tief Luft und sah Sean stirnrunzelnd an. „Nein, glaub mir, so eine
Wohngemeinschaft kann auf die Dauer ganz schön nerven!“
Er überlegte einen Moment und meinte dann etwas zögernd:
„Na ja, ... wenn es wirklich so furchtbar für Dich ist, dann ... zieh doch
einfach zu mir!“
Unsicher sah Derek erst zu Sara, dann zu Meg hinüber.
"Nun ja, ..." Er kratzte sich am Kopf. "Es könnte möglicherweise etwas eng
werden, aber ...!"
Sara lachte.
"Oh nein, ich meinte natürlich, wenn wir abgereist sind!"
Er atmete erleichtert auf, denn er stellte sich die Situation, mit zwei Frauen
allein in einem Haus zu sein, nicht gerade einfach vor!
Meg schaute gespannt von Derek zu Sara.
"Nur, wenn ich Euch nicht vertreibe!" sagte sie und versuchte zu lächeln.
Derek sah sie an.
"Nein, kein Problem! Bleib' nur solange, wie Du möchtest, vorausgesetzt ... Du
lädst Dir nicht solche Typen wie Terry ein!" Er schmunzelte und Sara sah ihn
stirnrunzelnd an. "Terry, wer ist Terry?"
Meg wartete gar nicht erst Dereks Antwort ab.
"Ein Landstreicher, der vor dem Motel, wo ich untergekommen bin,
herumgammelte...“ Sie warf Derek einen vielsagenden Blick zu. "Derek half mir,
als er aufdringlich wurde!" Sara sah Derek bewundernd an.
"Mein Held!" sagte sie und schmiegte sich an ihn.
Derek lächelte.
"Gut, dann wäre das geklärt! Genügend Proviant ist auch noch vorhanden!" Er rieb
sich die Hände.
"Dann fahren wir heute nach Hause?" Erwartungsvoll sah Sara ihn an.
"Wenn Du möchtest ...!" Derek runzelte die Stirn. "Wieso hast Du es so eilig?
Hat es Dir hier nicht gefallen?"
Sie sah ihn mit einer Unschuldsmiene an.
"Doch, es waren die schönsten Tage seit langem, aber ich vermisse Sunset Beach
... und meine neuen Freunde! Außerdem, "fügte sie hinzu" hätte ich nichts gegen
ein bißchen mehr Luxus!"
Meg mußte sich ein Lachen verkneifen, und Derek schmunzelte.
"Ja, dagegen hätte ich in der Tat auch nichts!" Er zögerte einen Moment, sprang
dann auf und griff nach seiner Tasche. "Okay, dann will ich mal ein paar Sachen
zusammenpacken, das Boot klarmachen, und dann können wir in ca. einer Stunde
absegeln!" Sara umarmte ihn und gab ihm einen Kuß.
Meg schaute diskret in eine andere Richtung. Es würde sicher ein sehr trauriger
und einsamer Aufenthalt für sie werden, aber hier, das spürte sie, würde sie
ihren Kopf wieder frei bekommen! Sie sah Sara dankbar an.
"Du wußtest eigentlich schon immer genau, was ich brauchte, " zog sie ihre
kleine Schwester auf.
Sara lachte.
"Wir sind uns sehr ähnlich - vielleicht liegt es daran!"
Bis Derek zurückkam, vertrieben sich die beiden Schwestern ihre Zeit bei einem
kleinen Strandspaziergang. Als der Zeitpunkt des Abschieds gekommen war, nahm
Meg Sara ganz fest in ihre Arme.
"Du weißt sicher, daß ich Dir nur das beste wünsche, oder?" Sie schaute zu
Derek, der gerade dabei war, die Taue zu lösen. "Ich hoffe," flüsterte sie, "daß
er wirklich das Beste für Dich ist!"
Sara umarmte Meg ein letztes Mal und rannte dann schnell die Treppe zum Boot
hinauf. Meg sah der "Destiny" nachdenklich hinterher, bis die Yacht am Horizont
verschwand.
Langsam und nachdenklich bummelte Meg am Strand entlang zum Haus zurück. Ab und
zu kamen ihr ein paar Spatziergänger entgegen, meist waren es junge Pärchen, die
sich verliebt an den Händen hielten oder lachend und schwatzend vorübergingen.
Inzwischen war es schon spät am Nachmittag und Meg beschloß, noch etwas draußen
zu bleiben. Unweit des Ferienhauses setzte sie sich in den weichen Sand und sah
den Wellen zu, wie sie der sanfte Wind sie in endlosem Spiel nacheinander ans
Ufer trieb.
Ihre Gedanken wanderten wieder zu Ben. Ob er wohl auch schon auf dieser Insel
war? Mit Maria vielleicht, oder gar mit Annie?
„Das werde ich wohl nie erfahren.“ dachte sie wehmütig. „Aber vielleicht will
ich es auch gar nicht wissen.“
Sie schloß die Augen und versuchte sich zu entspannen.
Sofort dachte sie an ihre Schwester. Sara hatte so glücklich und verliebt
ausgesehen, und Meg wünschte ihr von Herzen, dass es auch so bleiben möge und
dass Derek es ehrlich mit ihr meinte. Sie wußte noch immer nicht so recht, was
sie von ihm halten sollte und ob man ihm wirklich trauen konnte.
Bevor sie vorhin das Haus verlassen hatten und Sara gerade außer Reichweite war,
hatte er ihr noch zugeflüstert, er würde gerne bleiben und was für ein Idiot Ben
doch sei... Wahrscheinlich sollte das ein Scherz sein, aber sein Lächeln war,
während er das sagte, so unergründlich wie immer gewesen.
Sie wußte nicht, wie lange sie so gesessen hatte, als sie bemerkte, dass jemand
mit eiligen Schritten zielstrebig den Strand entlang gelaufen kam. Sie kniff die
Augen zusammen, um besser sehen zu können. Jemand in schwarzen Jeans und hellem
Hemd... jemand der aussah, wie...
Meg sprang auf und blieb dann wie angewurzelt stehen.
„Derek?“ fragte sie ungläubig. Er kam schnell näher und er trug eine dunkle
Sonnenbrille. Kein Zweifel, das mußte Derek sein! Aber...
„Wo ist Sara?“ rief sie ihm irritiert entgegen, „Warum...“
Weiter kam sie nicht.
Er blieb direkt vor ihr stehen, nahm sie ohne Vorwarnung wortlos in die Arme und
küßte sie.
Meg war total überrascht und versuchte sich zu wehren, doch dann plötzlich
erstarb ihre Gegenwehr und sie begann seinen Kuß leidenschaftlich zu erwidern.
„Ben...“ flüsterte sie zwischendurch und schlang ihre Arme um seinen Hals.
Ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchströmte sie und ließ sie alles um sich
her vergessen.
Als Derek und Sara in Sunset Beach ankamen war es schon dunkel. Die Bootsfahrt
hatten sie ohne Komplikationen überstanden, doch nun wollten sie möglichst
schnell nach Hause. Sara unterdrückte ein Gähnen und sah zu, wie Derek die "Destiny"
an der Anlegestelle sicherte. Er drehte sich zu ihr um.
"Müde?"
Sie nickte.
"Bringst Du mich noch ins Surf Central?"
Derek hob erstaunt den Kopf und sah sie überrascht an.
"Willst Du nicht die Nacht über bei mir bleiben?"
Sara erwiderte seinen Blick.
"Ja, wenn Du möchtest!" sagte sie und lächelte ihn an.
Derek nahm seine Tasche und legte Sara seinen anderen Arm um die Taille. Als sie
an seinem Haus ankamen, sperrte er schnell auf, und Sara ließ sich gleich auf
die Couch fallen.
"Ich glaube nicht, daß ich noch die Stufen nach oben schaffe!" sagte sie und
gähnte erneut. Derek grinste, beugte sich zu ihr runter, und als ob sie eine
Feder wäre, hob er sie hoch und trug sie die Stufen ins Schlafzimmer hinauf.
Sara lachte, und Derek ließ sie etwas unsanft aufs Bett fallen. Mit einem Satz
war er neben ihr und bedeckte ihr Gesicht und ihren ganzen Körper mit
leidenschaftlichen Küssen.
Sara stöhnte unter seinen Küssen auf.
"Das ist nicht fair!" stieß sie atemlos hervor, "Du nutzt meine Müdigkeit
schamlos aus!" Dereks Griff lockerte sich und er hob erstaunt den Kopf.
"Du willst, daß ich aufhöre?"
Sie sah sein enttäuschtes Gesicht und lachte.
"Habe ich das gesagt?" fragte sie und grinste ihn an. Sie zog ihn wieder zu sich
herunter, und ihre Lippen berührten fast die seinen.
"Ich bin mir sicher," gurrte sie, "daß meine Müdigkeit sicher ganz schnell
verfliegen wird, wenn Du dort weitermachst, wo Du unterbrochen wurdest!"
Das ließ sich Derek nicht zweimal sagen, und er verschloß ihren Mund mit seinen
Lippen, und ihre Körper verschmolzen zu einer Einheit ...
Viel später lag Sara in seinen Armen, und er streichelte sanft über ihr Haar.
Sie mußte an Meg denken, die nun ganz alleine, einsam und verlassen auf dieser
Insel war! Ob es ihrer Schwester wohl gut gehen würde?
Saras Gedanken wurden gestört, weil Derek sich plötzlich aufsetzte und nervös an
der Bettdecke herumzupfte.
"Ich habe mir überlegt," sagte er hastig, "daß es vielleicht keine schlechte
Idee wäre, wenn Du bei mir einziehen würdest!"
Sara riß erstaunt die Augen auf.
"Wie? Ich soll bei Dir wohnen?"
Derek zwang sich zu einem Lächeln.
"Ja, so war es eigentlich gemeint!"
Sie setzte sich ruckartig auf schwang ihre Beine über die Bettkante und stand
auf.
"Das kommt etwas plötzlich, findest Du nicht?" Sara hatte ihm den Rücken
zugekehrt, so daß er ihr Gesicht nicht sehen konnte.
Derek spürte, wie er immer nervöser wurde. Offenbar sagte er immer Dinge zu
Sara, die weder dem Anlass noch dem Zeitpunkt entsprechend waren! Er sprang
ebenfalls aus dem Bett und blieb hinter ihr stehen.
"Okay, Du mußt natürlich nicht, wenn Du nicht willst, aber ...!" Er stockte
mitten im Satz, denn Sara hatte sich zu ihm umgedreht und lächelte ihn an.
"Natürlich will ich bei Dir wohnen! Ja, ja, ja ...!" Glücklich warf sie sich in
seine Arme, und erleichtert hielt er sie fest.
"Gut, dann werden wir morgen Deine restlichen Sachen aus dem Surf Central
holen!" sagte er und zog Sara ins Bett zurück.
„Wie hast Du mich
gefunden?“ fragte Meg, während sie langsam und eng umschlungen zum Haus
hinübergingen. Ben steckte die dunkle Sonnenbrille in seine Hemdtasche und sah
Meg zärtlich an.
„Ich glaube, dass haben wir einem guten Engel mit losem Mundwerk und allerhand
Schreibtischtricks zu verdanken!“
„Bette...“ Sie lachten beide. Meg schloß die Haustür auf und sie gingen hinein.
„Das Haus Deines Bruders...“ sagte Meg bedeutungsvoll und machte eine einladende
Handbewegung. „Ich hoffe, Du hast damit kein Problem!“
Ben sah sich kurz um.
„Nein, überhaupt nicht, ich frage mich nur manchmal, wie der gute Derek sich das
alles leisten kann!“ Er ließ sich auf die Couch fallen.
„Wie bist Du hergekommen? Mit der Fähre?“ fragte Meg und schenkte ihm ein Glas
Orangensaft ein. Ben lächelte geheimnisvoll und wies auf den Platz neben sich.
„Komm her!“ Er nahm sie in den Arm und küßte zärtlich ihr Haar.
„Ich bin mit meinem eigenen Boot hier.“ sagte er leise.
Meg sah ihn erstaunt an.
„Du bist selbst mit dem Boot gefahren? Aber ich denke, Du... „ Sie überlegte
kurz, da sie nichts falsches sagen wollte und meinte dann: „Ist ja egal, ich bin
froh, dass Du da bist, Ben!“
Er nickte.
„Ja, und es wurde auch Zeit, mal wieder hinauszufahren. Es ist wie mit dem
Schwimmen, man verlernt es nicht!“
Sie saßen einen Moment lang schweigend da, eng aneinandergekuschelt, glücklich,
die Nähe des anderen zu spüren.
Dann aber löste sich Meg vorsichtig aus seinem Arm und meinte etwas zögernd:
„Ich sollte Dir vielleicht erst einmal erklären, wie es kam, dass ich hier mit
Derek und Sara...“
„Du brauchst mir nichts zu erklären,“ unterbrach sie Ben, „ich bin es, der etwas
klarstellen muß. Und zwar ein für allemal!“
Meg sah ihn erwartungsvoll an, darauf gefasst, dass er ihr nun seine Affäre mit
Annie beichten und ihr vielleicht sagen würde, dass er für dieses rothaarige
Biest doch mehr empfand, als er bisher zugegeben hatte.
Sie atmete tief durch. „Na los, Ben, bringen wir es hinter uns!“ dachte sie und
spürte, wie die Angst um ihn ihr schon wieder die Kehle zuschnürte.
Als Ben anfing zu erzählen, wie sich an diesem Sonntag alles wirklich zugetragen
hatte, löste sich Megs Verspannung und machte einem unbeschreiblichen Gefühl der
Wut Platz, Wut auf Annie Douglas und ihre Gemeinheiten, mit denen sie wie durch
ein Wunder jedoch immer wieder Erfolg zu haben schien, wenn auch manchmal nur
kurzzeitig.
„Dieses durchtriebene Luder!“ rief sie kopfschüttelnd, „Du hättest sie mal sehen
sollen, wie sie in ihrem Bettlaken da in der Tür stand, ich hab wirklich
gedacht, Ihr... Ihr hättet ...“
Ben sah sie prüfend an.
„Hast Du wirklich geglaubt, ich nutze die erstbeste Gelegenheit, um mit Annie
ins Bett zu springen?“ Er lachte. „Also wenn ich das gewollt hätte, dann wären
sie und ich sicher schon lange ein Paar, meinst Du nicht auch?“
Meg nickte, meinte dann aber nachdenklich: „Und hast Du denn wirklich
angenommen, ich hätte was mit Derek?“
Ben betrachtete sie nachdenklich.
„Eigentlich müssten wir beide uns besser kennen, meinst Du nicht auch? Fallen
auf diese blöden Tricks herein!“ Zärtlich berührte er Megs Gesicht. „Ich liebe
Dich! Und von jetzt ab wird es keine Annie und auch kein Derek mehr schaffen,
uns zu trennen!“
Meg lächelte erleichtert und glücklich. Zum Teufel mit Annie Douglas, zum Teufel
mit allen Intrigen!
„Tu mir einen Gefallen, Ben...“ sagte sie leise, „sei still, und ...küss mich!“
Als Mark zu seinem Dienstantritt im Deep erschien, sah er Caitlin hinter dem
Tresen stehen, und sein Herz klopfte schneller. Seit der Sturmnacht konnte er an
nichts anderes mehr denken, und das beunruhigte ihn irgendwie. Er wußte, daß
Caitlin einen Freund hatte, und nichts lag ihm ferner, als Unfrieden zwischen
den beiden zu stiften.
Langsam kam er näher.
"Hi,
Cait!"
Sie schaute von ihrer Tätigkeit auf, und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
"Hi,
Mark! Wie geht's?"
Er ignorierte ihre Frage und kratzte sich verlegen am Kopf.
"Caitlin,
wegen neulich Abend ... der Kuß ...!" Er unterbrach sich und senkte den Kopf.
"Ist schon okay!" Caitlin machte eine wegwerfende Handbewegung.
Mark hob den Kopf und sah sie überrascht an. Schnell beugte sie sich wieder über
den Tresen und polierte das Waschbecken. "Nichts ist okay!" dachte sie. Seit
Mark sie geküßt hatte, waren ihre Gefühle im total Aufruhr, und sie war sich
ihrer Gefühle Cole gegenüber plötzlich nicht mehr so sicher!
Mark beugte sich vor und hob ihr Kinn, damit sie ihm in die Augen sehen konnte.
"Du sollst nur wissen, daß ich das nicht geplant habe! Ich weiß, daß Du einen
Freund hast, und wenn ich Dich in Verlegenheit gebracht habe, tut es mir leid!"
Caitlin wünschte sich ein Mauseloch, in dem sie verschwinden konnte! Sie zwang
sich zu einem Lächeln.
"Das weiß ich doch!" sagte sie mild. "Du bist ein guter Freund!" Kaum hatte sie
das gesagt, bereute sie es schon wieder. Warum sagte sie nur solche Sachen?
Mark schluckte, rang sich dann aber ebenfalls zu einem Lächeln durch.
"Ja ...!" Eine Weile schauten sie sich nur an, bis eine Stimme hinter ihnen, sie
zusammenfahren ließ.
"Hey, was haltet Ihr denn mal vom Arbeiten?"
Caitlin und Mark fuhren herum und schauten in Tims grinsendes Gesicht.
"Oh, Gott sei dank," entfuhr es Caitlin. "Ich dachte schon, Mr. Evans stände
jetzt hinter uns!"
Tim grinste.
"Nein, der hat mich vorhin angerufen und mir mitgeteilt, daß er heute auch noch
nicht ins Büro kommen würde!" Er schnalzte mit der Zunge. "Ich bin mir nicht
ganz sicher, aber ich glaube, ich hörte im Hintergrund eine Frauenstimme!"
Mark sah ihn überrascht an.
"Na, dann hat er sich aber schnell getröstet, denn soweit ich weiß, hatte er
doch was mit Megs Schwester, oder?"
Caitlin sah ihn nachdenklich an. Ihr fiel die Szene am Strand wieder ein.
"Ja, ich glaube, da war was ...!"
Tim zuckte mit den Schultern.
"Na, egal, er wird schon wissen, was er tut. Wir sollten jetzt auf jeden Fall
mal langsam die Stühle runterstellen, sonst müssen unsere Gäste nachher auf dem
Fußboden sitzen!" Er grinste und begann, die Stühle von den Tischen zu nehmen,
und Mark und Caitlin halfen ihm dabei.
Gabi konnte es nicht fassen, als Sara ihr nach einer herzlichen Begrüßung die
Mitteilung machte, daß sie bei Derek einziehen würde.
"Du bist wohl von allen guten Geistern verlassen!" sagte sie aufgebracht. "Weiß
Meg davon?"
Sara hatte im Innern schon geahnt, daß ihre Freunde wenig begeistert sein
würden, aber mit derartigen Vorwürfen hatte sie dann doch nicht gerechnet.
Gabi musterte Sara von oben bis unten.
"Was hat er mit Dir gemacht? Dich hypnotisiert?" Gabi war wirklich außer sich,
und der Gedanke, daß Sara das schützende Surf Central verlassen würde, um bei
diesem Casanova zu leben, beunruhigte sie aufs äußerste.
Sara hob hilflos die Arme.
"Gabi, Du mußt Dir um mich keine Sorgen machen! Derek ist nicht mehr der Mensch,
den Du kennengelernt hast! Er hat sich wirklich sehr zu seinem Vorteil
verändert, und er liebt mich!"
Gabi lachte verächtlich.
"Ha, das glaube ich erst, wenn ich es sehe!" Sie sah Sara fest in die Augen.
"Dieser Mann ist gefährlich, denk' an meine Worte ... aber Dir ist ja doch nicht
mehr zu helfen!" Entmutigt ließ sie sich auf die Couch fallen. Ein Klopfen an
der Tür unterbrach sie.
Sara ging zur Tür und öffnete sie. Vor ihr stand Ricardo und lächelte sie
freundlich an. "Hallo, Sara! Lange nicht gesehen! Wie geht's denn?"
Saras Gesicht wirkte verschlossen, und Ricardo sah irritiert zu Gabi hinüber,
die immer noch nachdenklich auf dem Sofa hockte.
"Oh, oh, ich glaube, ich habe Euch gestört! Soll ich lieber später
wiederkommen?"
Sara machte eine Handbewegung, daß er reinkommen sollte.
"Nein, ist schon in Ordnung. Ich wollte sowieso nach oben gehen!" Sie warf noch
einen Blick zu Gabi hinüber, die ihrem Blick jedoch auswich und rannte dann die
Treppe hinauf. Ricardo schloß vorsichtig die Tür.
"Dicke Luft?" fragte er und sah Gabi prüfend an. Sie stand langsam auf und gab
Ricardo geistesabwesend einen Kuß auf die Wange.
"Sara zieht aus!" sagte sie knapp.
Ricardo kratzte sich am Kinn.
"Sie will ausziehen? Geht sie zurück nach Kansas?"
Gabi schüttelte den Kopf.
"Nein, zu Derek Evans!" stieß sie hervor.
Ricardo sah sie überrascht an.
"Das bedeutet Ärger ...!"
Gabi nickte.
"Ja, und ich kann mir lebhaft vorstellen, wie Meg reagieren wird, wenn sie davon
erfährt!" Sie seufzte und wandte sich Ricardo zu. "Gibt es einen besonderen
Grund, warum Du mich besuchst?"
Er sah sie verwirrt
an.
"Muss es immer einen Grund geben? Ich wollte Dich einfach sehen!" Er wollte Gabi
in seine Arme ziehen, doch sie wich ihm aus.
"Tut mir leid, Ricardo, aber ich muß gleich zum Dienst! Vielleicht können wir
ein anderes Mal reden!"
Ricardo schüttelte verständnislos den Kopf.
"Reden? Ich will nicht reden! Worüber denn auch?"
Sie warf ihm einen prüfenden Blick zu. "Was zwischen Dir und Paula läuft",
dachte sie. Ihr Gesicht verzog sich.
"Würdest Du mich jetzt bitte entschuldigen?" Sie griff sich ihre Tasche, gab
Ricardo einen flüchtigen Kuß und verließ fast fluchtartig das Surf Central.
Ricardo sah ihr einen Moment nachdenklich hinterher, ehe er selber das Haus
verließ.
Die Stunden auf der Insel vergingen für Ben und Meg wie im Fluge. Es war wie ein
schöner Traum.
Als Meg hier angekommen war, unglücklich und von tiefer Sorge um Sara erfasst,
hätte sie nie geglaubt, hier kurz darauf das vollkommene Glück zu erleben.
Sie genossen jede Minute, liefen verliebt am Strand entlang, saßen abends Arm in
Arm am Lagerfeuer und liebten sich zärtlich, die ganze Welt um sich vergessend.
Ben las Meg jeden Wunsch von den Augen ab. Er spürte, wie sich in seinem Inneren
etwas veränderte. Jahrelang hatte er sich verschlossen, niemanden an sich
herangelassen, und nun gab es sie, diese Mädchen aus Kansas, die es in so kurzer
Zeit mit ihrer Natürlichkeit und ihrer Wärme geschafft hatte, ihn wieder an die
Liebe glauben zu lassen.
Er würde nicht zulassen, dass irgendwer diese Liebe bedrohte, diesmal nicht!
Zärtlich nahm er sie in den Arm. Meg seufze und streckte sich wohlig, bevor sie
sich im Bett umdrehte und sich an seine Brust kuschelte.
„Guten Morgen, Fremder!“ flüsterte sie. Er streichelte ihr Haar.
„Hast Du gut geschlafen?“
„Mmh...“ schnurrte sie nur.
Nach einer Weile fragte sie leise: „Wann müssen wir denn zurück?“
Ben seufzte.
„Ich fürchte, schon bald. Gregory braucht mich in der Firma, ich bin gestern
einfach auf und davon, aber momentan gibt es viel zu tun.“
Meg nickte.
„Ich weiß, mein Urlaub war ja auch nicht eingeplant, und ich denke, wir werden
morgen beide treu und brav wieder unseren Platz im Büro besetzen. Fahren wir
heute Nachmittag zurück?“
Ben drehte sich zu ihr um. Verschmitzt lächelnd sah er auf sie herab und
antwortete er: „Heute Nachmittag? Nun, bis dahin haben wir noch eine Menge
Zeit...!“
Mit sicherer Hand steuerte Ben am Nachmittag das Boot aus dem Hafen in Richtung
Sunset Beach. Meg stand an der Reling und blickte etwas wehmütig zurück.
Ben trat hinzu und nahm sie liebevoll in den Arm.
„Wir werden bestimmt wieder herkommen, irgendwann, vielleicht bald. Das
verspreche ich Dir!“
Catalina war schon nicht mehr zu sehen, als Meg etwas einfiel.
Sie legte Ben ihre Hand auf die Schulter.
„Darf ich Dich etwas fragen?“
Überrascht sah er sie an.
„Du darfst mich alles fragen, ich hab doch gesagt, ich hab keine Geheimnisse vor
Dir.“
„Darum geht es nicht, Ben, es ist... etwas anderes.“
Aufmunternd nickte er ihr zu.
„Na komm schon, raus damit, was ist es?“
„Also...“ begann sie noch etwas zögernd, „einer von uns muß ja Deinem Bruder den
Schlüssel von dem Ferienhaus zurückbringen, und ich dachte...“
„Was?“ fragte Ben gespannt.
„Nun, ich hab mir gedacht, vielleicht könntest Du das tun und... bei der
Gelegenheit könntet Ihr Euch... mal aussprechen!“ Jetzt war es heraus und sie
sah Ben gespannt an.
Wie erwartet verdüsterte sich seine Miene.
„Aussprechen? Worüber?“ fragte er verständnislos.
„Ich dachte ja nur...“ Meg schaute ihn mit großen Augen an. „Das wäre vielleicht
eine Chance für Euch beide, damit Ihr Euch in Zukunft nicht bei jeder
Gelegenheit an die Kehle geht!“
Ben schüttelte nur den Kopf. Er steckte abwehrend die Hände in die Hosentaschen
und wandte sich ab. Doch so schnell gab Meg nicht auf.
„Ben...!“
Er drehte sich wieder um. Wütend meinte er:
„Weißt Du, was Du da von mir verlangst, Meg? Er hat mich mein ganzes Leben lang
ständig tyrannisiert und nichts unversucht gelassen, mir zu schaden, und ich
soll mich mit ihm aussprechen? Nein, niemals!“
„Er ist gar nicht so schlecht, wie Du glaubst!“
„Ach nein?“ höhnte er. „Dann muß ich Dich wohl daran erinnern, dass er Dir,
seitdem Du in Sunset Beach bist, das Leben auch nicht gerade leicht gemacht hat!
Du hast doch selbst gesagt, Du hattest Angst vor ihm!“
„Ja, schon,“ räumte Meg ein, „aber da waren noch andere Sachen...“
„Was für Sachen?“ fragte Ben und sah sie aufmerksam an.
Meg strich sich über die Stirn. Dann begann sie zu erzählen, von dem Abend im
Deep, als sich Derek mutig den Männern stellte, die das Lokal überfielen und
seine Gäste bedrohten und von seinem Auftritt gestern morgen, als er sie vor
diesem aufdringlichen Kerl beschützt hatte. Sie erzählte ihm auch, dass Derek
ihr gestanden hatte, sich zuerst in sie verliebt zu haben, dass er aber jetzt
mit Sara sehr glücklich sei.
Ben hörte ihr die ganze Zeit aufmerksam zu. Dann schaute er nachdenklich aufs
Wasser.
Nach einer Weile schüttelte er den Kopf. Er legte Meg die Hände auf die
Schultern und sah sie liebevoll an.
„Ich bin froh, dass Du mir das erzählt hast.“ sagte er. „Vielleicht hast Du ja
Recht und er empfindet genug für Deine Schwester, um sich zu ändern. Das wäre
schön, für ihn und für alle anderen. Aber egal, was Du sagst, eines weiß ich
genau, Derek und ich werden sicherlich niemals Freunde! Nicht in diesem Leben!“
Gabi konnte sich bei ihrer Arbeit wieder nur sehr schlecht konzentrieren, und
als endlich Mittagspause war beschloß sie, der Sache ihrer Nervosität auf den
Grund zu gehen.
Sie hatte eine Stunde Zeit, und so nahm sie sich vor, Paula einen Besuch im
Waffelshop abzustatten und sie wegen Ricardo zur Rede zu stellen.
Sie mußte an ihr Gespräch mit Casey denken, der versucht hatte, ihr die Zweifel
zu nehmen, daß Paula und Ricardo etwas miteinander hätten, aber Gabis Nervosität
hatte sich seitdem auch nicht gebessert. Ihr Gefühl sagte ihr, daß da mehr war,
als die beiden zugeben wollten.
Entschlossen machte sie sich auf den Weg zum Waffelshop.
Elaine begrüßte Gabi freundlich.
"Hallo, was kann ich für Dich tun?" Gabi räusperte sich. "Ein Kaffee, bitte!"
Sie machte eine kurze Pause. "Ist Paula da?"
Über Elaines Gesicht huschte ein Lächeln.
"Paula ist ja heute richtig begehrt!"
Gabi sah sie rätselhaft an.
"Wieso?"
Elaine schenkte ihr einen Kaffee ein und stellte ihn vor sie auf den Tresen.
"Nun," begann sie, "Ricardo war auch vorhin hier und hat nach ihr gefragt!"
Gabi stellte schnell die Tasse ab, damit Elaine nicht sehen konnte, wie ihre
Hand plötzlich zu zittern begann.
"Ricardo ist auch hier?" stammelte sie und stand abrupt auf. Sie rannte die
Treppe zu Paulas Zimmer hinauf, so schnell sie konnte.
"Gabi, Dein Kaffee ...!" Elaine sah ihr nachdenklich hinterher.
Vor der Tür blieb Gabi zitternd und schweratmend stehen. Ihr Puls raste, und ihr
Mund fühlte sich trocken an. Aus dem Zimmer hörte sie Wortfetzen. Sie drückte
ihr Ohr an die Tür, um besser hören zu können.
"Autsch!" hörte sie Paula sagen. "Pass doch auf, Ricardo!"
Gabi hörte sein Lachen, und gleich daraufhin seine Antwort.
"Wenn Du nicht so viel herumzappeln würdest, hätte ich das Ding gleich zu!"
Paula lachte ebenfalls.
"Muss ich Dich daran erinnern, mein Lieber, daß Du schon einmal einen
Reißverschluß ruiniert hast! Damals, bei dem teuren Cocktailkleid ...! Erinnerst
Du Dich?"
Einen Moment war es ruhig im Zimmer. Gabi hielt den Atem an, weil sie dachte,
daß die beiden ihn hören könnten.
"Ja," hörte sie Ricardos Stimme. "Wie könnte ich das vergessen?"
Paula hüstelte.
"Dann also bitte ein bißchen vorsichtiger ...!"
Gabi hatte genug gehört. Wie gehetzt rannte sie die Treppe wieder hinunter, zum
Waffelshop hinaus. Elaine sah ihr verwirrt hinterher.
Zuerst rannte Gabi zum Strand hinunter. Tränen rollten unkontrolliert über ihr
Gesicht. Jetzt hatte sie die Bestätigung, daß Paula und Ricardo wirklich
miteinander geschlafen hatten! Warum sonst hatte er ihr den Reißverschluß
hochgezogen?
Gabi warf einen Blick auf ihre Uhr. Sie hätte längst wieder im Krankenhaus sein
müssen, aber in ihrem jetzigen Zustand würden ihr sicher nur wieder Fehler
unterlaufen. Sie rief von einer Telefonzelle aus dort an und sagte, daß sie
plötzlich migräneartige Kopfschmerzen bekommen hätte. Roxanne wünschte ihr gute
Besserung, und Gabi legte auf. Sie fühlte sich plötzlich ausgelaugt und müde und
wünschte sich sehnlichst ihr Bett herbei.
Zurück im Surf Central ging sie dann auch sofort auf ihr Zimmer, legte sich ins
Bett, zog sich die Bettdecke über den Kopf und ließ ihren Tränen freien Lauf.
Derek staunte nicht schlecht, als Sara mit drei großen Koffern und vier
Reisetaschen voller Klamotten vor seiner Tür stand. Sie hatte sich ein Taxi für
die kurze Fahrt nehmen müssen, weil sie nicht zigmal mit dem Gepäck loslaufen
wollte.
"Hilfst Du mir mal?" Sara nahm eine von den Taschen und trug sie hinein.
Derek stand immer noch im Türrahmen und starrte auf die Menge von Koffern und
Taschen. Einen Moment schloß er die Augen. Da hatte er sich ja was eingebrockt!
Er schnappte sich einen Koffer und trug ihn die Treppe zum Schlafzimmer hinauf.
Sara war schon oben und hatte sämtliche Türen des großen Schlafzimmerschrankes
geöffnet.
"Ich fürchte," sagte sie und schaute ihn an, "da mußt Du wohl ein bißchen Platz
schaffen! Es wäre vielleicht nicht schlecht, wenn Du die linke Schrankseite
nehmen würdest und ich die rechte ...!"
Weiter kam sie nicht, denn Derek hatte sie gepackt und drückte sie sanft gegen
die Wand.
"Stop!
Erst einmal bekomme ich einen Begrüßungskuss, und dann sehen wir weiter!"
Er beugte sich über sie und küsste sie. Als seine Küsse leidenschaftlicher
wurden, schob Sara ihn bestimmt von sich.
"Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!" Sie lächelte ihn spitzbübisch an.
Derek seufzte, ließ sie aber los. Er schaute auf die Taschen, die im ganzen Raum
verteilt standen.
"Du willst doch wohl jetzt nicht anfangen, alles auszupacken, oder?"
Sara schmunzelte.
"Nein, eigentlich hatte ich gedacht, daß Du mir vorher etwas Platz dafür machen
würdest!"
Derek runzelte die Stirn.
"Ich wußte nicht, daß Du so viele Sachen hast! Das wird ganz schön eng werden!"
Sara hob eine der Taschen hoch und ging Richtung Treppe.
"Gut, dann mache ich erst einmal unten weiter!"
Derek sah sie fragend an.
"Unten? Das verstehe ich nicht!"
Sara lächelte.
"Na ja, ich habe noch ein paar persönliche Sachen, womit ich Dein ... ich meine
unser Wohnzimmer ein bißchen aufpeppen will!"
Derek öffnete den Mund, um etwas darauf zu erwidern, doch Sara hatte schon die
Tür hinter sich geschlossen und war auf dem Weg nach unten. Er seufzte und fuhr
sich durchs Haar. Eine Sekunde lang bereute er es, daß er Sara gefragt hatte, ob
sie bei ihm einziehen wollte, doch schließlich begann er widerstrebend, die
rechte Hälfte des Kleiderschrankes auszuräumen.
Rae war heute morgen in der Klinik gewesen und hatte kurzfristig um Urlaub
gebeten. Danach war sie am Strand entlang Richtung South Bay gelaufen, immer
weiter, bis sie sicher sein konnte, allein mit Himmel, Meer, Sand und Wellen zu
sein. Dort ließ sie sich nieder, saß stundenlang nur so da und hing ihren
Gedanken nach.
Sie stand vor der schwersten Entscheidung ihres bisherigen Lebens.
Sunset Beach, ihr neues, aufregendes Leben und – Casey, mit dem sie schon mehr
verband, als sie sich bisher eingestanden hatte. Oder ihre Familie, an der sie
sehr hing, des weiteren renommierte große Kliniken in L.A. oder anderen
Großstädten, in denen jede Menge berufliche Herausforderungen und
Aufstiegsmöglichkeiten auf sie warteten. Voraussetzung war dann natürlich die
Heirat mit Wei-Lee, davon gingen ihre Eltern aus.
Wei-Lee war zu einem sehr einflussreichen Geschäftsmann geworden, der ihr in
beruflicher Hinsicht alle Türen öffnen konnte, und sie war talentiert, sie würde
es schaffen, eine hervorragende Chirurgin zu werden.
Sollte sie all das aufgeben, für... die Liebe? Und würde diese Liebe reichen,
oder würde sie eines Tages anfangen zu bereuen, diese Chance verpasst zu haben?
Was hatte Casey ihr zu bieten? Die paar Dollar, die er als Liveguard verdiente?
Schließlich würden sie das Haus nicht ewig vermieten können. Und für sie selbst
gab es in Sunset Beach keine beruflichen Alternativen, sie würde heute, morgen
und den Rest ihres Lebens Ärztin im Sunset Memorial sein.
War es das alles wert?
Und doch, trotz aller Bedenken, sie sah Caseys Gesicht vor sich, sein Lächeln,
das ihr schon so vertraut war, seine Augen, die so oft ihre Gedanken zu lesen
schienen, seine kräftigen Hände, die doch so zärtlich sein konnten.
Rae seufzte tief. Da halfen auch die Tränen nichts, die ihr übers Gesicht
liefen, sie würde sich entscheiden müssen, heute, - jetzt!
Auch Casey hatte einen unruhigen Tag hinter sich. Gemeinsam mit Michael stand er
auf dem Rettungsturm und sah, auf die Brüstung gelehnt, hinaus auf den Strand
und die Leute, die sich in den Wellen tummelten. Doch er war heute nicht richtig
bei der Sache, seine Gedanken schweiften immer wieder ab. Michael, dem es
natürlich nicht entgangen war, dass Casey irgend etwas stark beschäftigte, war
heute doppelt wachsam und beobachtete einige Surfer, die sich ziemlich nah an
den Klippen bewegten.
„Sieh dir nur diese Irren an, die bringen sich noch um Kopf und Kragen!“ knurrte
er.
„Hast Du was gesagt?“ fragte Casey zerstreut. Michael schüttelte nur mit dem
Kopf und meinte schmunzelnd, mit einem Blick auf seine Uhr:
„In einer Viertelstunde kommt unsere Ablösung, dann trinken wir`n richtig
starken Kaffee bei Elaine, und Du erzählst mir, was Du für`n Problem hast, Mann,
ist ja heute nicht mit anzusehen!“
„Entschuldige, ich weiß. Mich beschäftigt da was.“ gab Casey zu und Michael
grinste.
„Mmh, nicht zu übersehen!“
Etwas später saßen die beiden Freunde im Waffelshop.
Casey erzählte Michael von seinen Gefühlen für Rae und von seinen Befürchtungen,
dass sie dem Druck der Familie und vor allem Wei-Lees intensiven Bemühungen
nachgeben und Sunset Beach verlassen würde.
Michael sah ihn skeptisch an.
„Meinst Du wirklich?“ fragte er und strich sich übers Kinn.
Casey nickte nur.
„Na ja, ich meine“ fuhr Michael fort, „das sieht doch jeder, dass Ihr beide Euch
nicht gleichgültig seid, und das nicht erst seit gestern, und seitdem Rae bei
uns wohnt, ist sie ja doch schon ganz schön aufgetaut, wenn ich bedenke, wie
verschlossen und furchtbar pedantisch sie am Anfang war...“
„Genau da liegt das Problem!“ warf Casey ein. „Sie braucht sehr lange, um sich
an etwas neues zu gewöhnen. Und jetzt sind ihre Eltern wieder da, und seit dem
Treffen mit ihnen ist sie wieder wie umgewandelt.“ Er senkte den Kopf. „Sie ist
kein Mensch, der sich einfach über Familientraditionen hinwegsetzt und alles
hinter sich läßt, was ihr von kleinauf anerzogen worden ist. Und die Changs
wissen das genau, und Wie-Lee weiß das auch, und deshalb setzen sie Rae jetzt
unter Druck. Verdammt, Michael, ich hab dagegen keine Chance!“
„Dann heirate sie doch einfach!“ platzte Michael heraus und setzte, erschrocken
über seine eigene Idee und Caseys erstaunten Blick schnell hinzu: „Na ja, Du
liebst sie doch, und Du hast ein Haus, ein Einkommen, wenn man das so nennen
kann... und in einem Jahr bist Du mit dem Jurastudium fertig und verdienst
richtig Kohle. Also...“ er straffte die Schultern und sah seinen Freund prüfend
an, „wo zum Teufel liegt das Problem?“
Casey sah Michael nachdenklich an. Plötzlich zog ein Lächeln über sein Gesicht.
„Ja Mann, Du hast recht, das ist es!“ rief er so laut, dass sich einige von
Elaines Gästen erstaunt umdrehten. Er sprang auf und klopfte Michael auf die
Schulter.
„Ich werde Rae heiraten, vorausgesetzt, sie will mich!“
Sie lachten beide.
„Also ich würde sagen, jeder macht einmal in seinem Leben eine Dummheit, warum
also nicht auch Rae?“ grinste Michael. „Besorg Dir ein paar Blumen und frag sie,
bevor es ein anderer tut!“
Casey zwinkerte ihm zu und war in Windeseile davon.
„Ist was passiert?“ fragte Elaine erstaunt. „Casey hatte es ja plötzlich so
eilig!“
Michael lachte.
„Tja, vielleicht plant er gerade die größte Dummheit seines Lebens, aber ich
hoffe, er wird sehr glücklich dabei!“
Meg und Ben kamen im Hafen von Sunset Beach an, als die Sonne glutrot im Meer
versank.
Ben machte die Seile fest und verschloß die Kajüte. Meg stand an der Reling und
bestaunte wieder einmal das Farbenspiel der Natur. Er trat hinzu und legte
seinen Arm um sie.
„Sunset Beach...“ sagte Meg lächelnd, „zu dieser Stadt hätte gar kein anderer
Name gepasst. Die Stadt des Sonnenunterganges, unvergleichbar schön und so
schicksalhaft...“
„Ja, vielleicht war es wirklich das Schicksal, das uns hier zusammengeführt
hat.“ antwortete Ben und küßte ihr Haar. „Aber ganz gleich, was es war, ich bin
unglaublich froh, dass es Dich gibt, Meg!“
Als sie zum Surf Central bummelten, kam ihnen ein kleiner Junge entgegengerannt.
„Meg! Hallo Meg!“ rief er schon von weitem und winkte fröhlich, seine
Frisbeescheibe schwenkend.
„Jimmy!“ Sie klatschte einladend in die Hände und er warf ihr die Scheibe zu,
die sie geschickt auffing.
„Hey!“ rief Ben erstaunt, „Du machst das ja richtig gut!“
Meg verdrehte lachend die Augen.
„Immerhin war ich bei den „Ludlow High Sheerleaders, die können so was eben!“
Sie warf Jimmy die Scheibe zurück. Er fing sie auf und warf sie Ben zu. Der
machte auch keine schlechte Figur, und im Handumdrehen war daraus ein lustiges
Spiel geworden.
Jimmy kämpfte mit vollem Einsatz und brachte seine Spielpartner ordentlich ins
Schwitzen. Am Schluß ließen sich die drei außer Atem in den Sand fallen.
„Puh“ machte Meg und kniff den Jungen aus Spass in den Arm.
„Na wie läufts denn so? Die Welt wieder in Ordnung?“
„Klar.“ sagte er und grinste. „Du hattest Recht, Meg. Vanessa ist in Ordnung.
Und sie meckert auch nicht gleich, wenn ich mal nicht alles sofort wegräume. Sie
ist cool.“
Meg zuckte lässig die Schultern.
„Na also, hab ich doch gleich gesagt!“
„Ist er Dein Freund, Meg?“ fragte Jimmy und machte eine Kopfbewegung zu Ben, der
das Gespräch der beiden mit wachsendem Interesse verfolgte.
Meg lachte.
„Ja, er ist mein Freund.“ bestätigte sie und stellte die beiden einander
offiziell vor: „Jimmy, das ist Ben – Ben, das ist Jimmy, Michaels Sohn!“
Ben schluckte seine Überraschung herunter und reichte Jimmy die Hand.
„Freut mich, Dich kennenzulernen!“
„Ganz meinerseits!“ entgegnete Jimmy mit wichtiger Mine wie ein kleiner
Erwachsener. Dann aber grinste er gleich wieder. „Du kannst super Frisbee
spielen, Ben!“
„Na dann,“ lachte Ben und sprang auf, „gibst Du mir eine Revanche?“
„Klar!“ stimmte Jimmy zu, „Aber Du darfst nicht heulen, wenn Du verlierst!“
Mark stand nervös vor der Tür des Richards- Hauses und nestelte an seiner Jacke
herum. Er hatte Caitlin zum Eisessen eingeladen, und erfreulicherweise hatte sie
sogar zugestimmt. Nun war sich Mark nicht mehr so sicher, ob die Idee so gut
gewesen war, denn er war wahnsinnig nervös, und Caitlin würde sicher spüren, wie
unsicher er war.
Rose, die Haushälterin, öffnete die Tür und ließ ihn hinein.
Mark sah sich um. Die Richards- Villa war das Prunkstück von Sunset Beach, und
die stilvolle Einrichtung ließ keine Wünsche offen.
Mark stand unentschlossen im Raum und starrte die Treppe hinauf. „Wann kommt
Caitlin denn endlich!“ dachte er.
Plötzlich sah er, wie sich am oberen Treppenabsatz etwas bewegte, doch es war
nicht Caitlin, sondern Olivia, die die Treppe herunterkam. Sie begrüßte den Gast
mit einem liebenswürdigen Lächeln.
"Guten Tag, junger Mann! Sie sind sicher ein Freund meines Sohnes, Sean, nehme
ich an. Ich bin Olivia Richards, Seans Mutter!" Olivia reichte Mark zur
Begrüßung die Hand. "Mark Wolper!" stellte er sich vor und räusperte sich. "Ich
bin ein Arbeitskollege ihrer Tochter Caitlin!" stellte er richtig. "Wir sind ...
verabredet!"
Olivia hob erstaunt die Augenbraue hoch.
"Welche Überraschung!" Sie lächelte tiefgründig, und Mark fühlte sich plötzlich
unwohl. "Nehmen Sie doch bitte Platz!" Olivia wies auf das Sofa.
Mark setzte sich und verschränkte die Hände ineinander. Er warf immer wieder
einen Blick die Treppe hinauf.
Olivia folgte seinem Blick.
"Caitlin
wird sicher gleich kommen," sagte sie. "Sie wissen doch, Frauen brauchen immer
etwas länger!" Sie lächelte wieder und Mark erwiderte ihr Lächeln.
"Mark!" Caitlin kam schwungvoll die Treppe herunter. "Tut mir leid, ich bin zu
spät!" Sie lächelte ihn an, und er spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg.
Ihr Lächeln brachte ihn völlig durcheinander.
Olivia sah ihn prüfend von der Seite an, während Caitlin prüfend von Mark zu
ihrer Mutter schaute.
"Ach ja, vielleicht sollte ich Euch vorstellen ... Mark, das ist meine Mutter
...!"
"Danke, Caitlin," unterbrach Olivia sie, "aber Mr. Wolper und ich haben uns
schon miteinander bekannt gemacht!" Sie lächelte ihn wieder an.
Caitlin nickte.
"Prima ...!" Sie drehte sich zu Mark um. "Können wir gehen?"
Mark erhob sich schnell und machte vor Olivia eine steife Verbeugung.
"War nett, sie kennengelernt zu haben, Mrs. Richards!"
Olivia nickte.
"Ganz meinerseits, Mr. Wolper!"
Die beiden jungen Leute verließen das Haus, und Olivia sah ihnen nachdenklich
hinterher.
Zu gerne hätte sie bei den beiden Mäuschen gespielt! Was war zwischen Caitlin
und diesem jungen Mann?
Olivia seufzte und ging zur Bar. Nachdenklich hielt sie die Cognac-Flasche in
der Hand, ehe sie sich ein Glas nahm und es bis oben hin füllte.
Plötzlich wurde ihr bewußt, was sie tat. Angewidert betrachtete sie das Glas in
ihrer Hand.
"Nein, das werde ich nicht tun!" sagte sie, sich an ihr Versprechen erinnernd,
dass sie sich selbst vor wenigen Tagen gegeben hatte. Sie trat an die Spüle und
goß das Glas aus. Dann nahm sie sich ein Wasser und trank es gierig.
Schon besser! Sie atmete tief ein, spülte das Cognacglas aus und stellte es
wieder zu den anderen.
"Ach, trinken wir jetzt heimlich, Olivia?" vernahm sie Gregorys boshaft
klingende Stimme hinter sich. Sie fuhr herum.
"Keine Angst, mein Lieber" giftete sie zurück, "im Gegensatz zu Dir weiß ich,
wann Schluß ist." Triumphierend hielt sie ihr Glas hoch. "Nur Wasser, rein und
klar!"
Gregory wandte sich ab und nahm sich die Zeitung vom Tisch.
"Wo ist Caitlin?" fragte er routinemäßig.
"Sie ist aus. Mit einem netten jungen Mann." antwortete Olivia bedeutungsvoll.
Interessiert sah Gregory hoch.
"So? Also Cole Deschanel kann es ja wohl nicht sein." überlegte er laut. Er warf
seiner Frau einen prüfenden Blick zu. "Weißt Du mehr als ich?"
"Mark Wolper, ihr Kollege aus dem Deep. Er hat sie zu einem Eis eingeladen."
Olivia lächelte. "Romantisch, findest Du nicht auch, Gregory?"
"Wolper? Dieser Kellner aus dem Deep? Na ich weiß auch nicht, was sie neuerdings
für Umgang hat." schnaufte er und bedachte Olivia mit einem wütenden Blick. "Ein
Kellner! Und Du findest das noch romantisch."
Olivia verdrehte genervt die Augen.
"Mein Gott, Gregory, Dir ist doch sowieso keiner gut genug für Deine Tochter!"
Er sah sie gereizt an.
"Wenn Dir ihr Umgang egal ist, so ist das allein Deine Sache! Ich denke an ihre
Zukunft!"
"Ja ja, dann war ich wohl damals auch nicht der richtige Umgang für Dich!"
stöhnte Olivia und dachte daran, dass ihr jetzt ein Drink doch ganz gut tun
würde. Sie schob den Gedanken jedoch sofort weit von sich.
Gregory setzte sich mit seiner Zeitung auf die Veranda. Mit Unbehagen dachte er
an die Sturmnacht, als er Caitlin im Deep abgeholt und sie dort mit diesem Mark
allein vorgefunden hatte. Weiß der Teufel, was geschehen wäre, wenn er nicht...
Und was taten die beiden jetzt? Sicherlich würden sie ja nicht ewig in dieser
Eisbar herumhocken!
"Olivia!" rief er ins Zimmer. "Hast Du Appetit auf einen Milchshake?"
Als Casey mit einem riesengroßem Rosenstrauß, der ihn mindestens einen
Tagesverdienst gekostet hatte, ins Surf Central stürmte, wäre er beinahe über
zwei große Koffer gestolpert, die neben dem Eingang standen. Als nächstes sah er
in Wei-Lees blasiertes Gesicht.
„Ah, da kommt der Rettungsschwimmer!“ Das klang derart abwertend, dass Casey
nicht übel Lust verspürte, ihm den Rosenstrauß mit den Stielen voran in sein
vorlautes Mundwerk zu stopfen. Aber er beherrschte sich mühsam und besann sich
lieber aufs Argumentieren, darin konnte er diesem eingebildeten Kerl allemal das
Wasser reichen, und im Moment wollte er sich auch von nichts und niemand die
Laune verderben lassen.
„Wei-Lee,“ sagte er mit seinem liebenswürdigsten Lächeln, „na so eine
Überraschung! Hast Du denn heute Deine Dollars schon günstig investiert, oder
warum kommst Du sonst so zeitig ans Tageslicht?“
Die beiden Männer maßen sich mit giftigem Blick. Casey wies auf die Koffer.
„Wir haben leider kein Zimmer mehr für Dich frei, und der Service hier ist auch
nicht der vom Sunset Inn. Also, was willst Du?“
Wie-Lee zog nur amüsiert die Augenbrauen hoch.
„Das sind Raes Sachen.“ sagte er überlegen. „Ich bin nur hier, um meine
zukünftige Frau abzuholen.“
Casey glaubte für einen Moment, sich verhört zu haben.
„Deine...was?“ fragte er fassungslos. Wei-Lee sah ihn belustigt an.
„Hast Du Wasser in den Ohren, Rettungsschwimmer?“ fragte er provozierend. „Rae
und ich werden heiraten. Ich habe sie gefragt, und sie hat meinen Antrag
angenommen! Hast Du irgend ein Problem damit?“
Casey hatte das Gefühl, als ob der Boden unter seinen Füßen schwankte. Unsicher
ging er die drei Stufen hinunter und ließ Wei-Lee, der lässig am Treppengeländer
lehnte und ihn mit spöttischen Blicken maß, nicht aus den Augen.
„Du lügst!“ sagte er mit belegter Stimme. „Das will ich von ihr selber hören!“
In diesem Moment kam Rae die Treppe herunter. Sie trug einen Koffer, den ihr
Wei-Lee mit triumphierendem Blick eilfertig abnahm, und hatte ihre Tasche
umgehängt.
Als sie Casey sah, stockte sie einen Augenblick und wich seinem Blick aus.
Langsam ging sie die letzten Stufen hinunter und blieb vor ihm stehen. Zögernd
hob sie den Blick und ihre Augen fanden sich.
Er sah, dass sie geweint hatte.
„Rae, sag mir, dass das nicht wahr ist!“ bat Casey eindringlich. Nervös nagte
sie an ihrer Unterlippe, eine Angewohnheit, die er inzwischen gut von ihr
kannte.
Sie sah zu Wie-Lee hinüber.
„Könntest Du uns bitte einen Moment allein lassen?“ sagte sie mit unsicherer
Stimme.
„Ich werde Dein Gepäck in den Wagen bringen.“ antwortete er betont fröhlich.
„Aber beeil Dich bitte, Liebes, wir müssen los, wenn wir noch zur verabredeten
Zeit bei Deinen Eltern sein wollen!“ Er nahm die Koffer auf und rempelte Casey
im Hinausgehen unsanft an.
„Oh, bitte vielmals um Verzeihung!“ grinste er mit siegessicherem, typisch
asiatischem Lächeln. „Ist wohl nicht Dein Tag heute, Sportsfreund!“
Casey wirbelte mit einem Satz herum, kurz davor, seine bislang mühsam bewahrte
Beherrschung zu verlieren, doch Rae hielt ihn zurück.
„Bitte nicht, Casey!“ flüsterte sie mit erstickter Stimme. Und dann küßte sie
ihn, sanft, liebevoll, bis sie sich beide in den Armen lagen.
Als sie sich schließlich voneinander lösten, wischte Casey ihr vorsichtig die
Tränen aus dem Gesicht.
„Warum, Rae?“ flüsterte er. „Warum gibst Du uns keine Chance?“
Sie blickte zu Boden und schüttelte den Kopf.
„Es würde nicht funktionieren, Casey.“ sagte sie leise. „Glaub mir, es würde
nicht gutgehen.“
„Woher weißt Du das so genau?“
„Ich weiß es einfach. Ich muß diese Chance nutzen, sonst hätte ich immer das
Gefühl, etwas wichtiges in meinem Leben versäumt zu haben.“
Casey nickte mit zusammengepressten Lippen.
„Und das Gefühl hast Du bei uns beiden nicht?“
Rae sah ihn verzweifelt an.
„Casey...“ begann sie, als es draußen auf der Strasse laut und eindringlich
hupte.
„Du mußt gehen, Rae.“ sagte Casey und blickte nachdenklich auf den Rosenstrauß,
den er immer noch in der Hand hielt. „Der hier sollte eigentlich ein Neubeginn
für uns sein...“ meinte er bitter und warf die Blumen auf den Tisch.
Er nahm Rae bei den Schultern und sah ihr tief in die Augen.
„Leb wohl, Rae, ich wünsche Dir von Herzen, dass Du findest, wonach Du suchst!“
Dann küßte er sie noch einmal, drehte sich um und ging die Treppe hinauf ohne
sich umzusehen.
Rae trat hinaus auf
die Strasse, halb blind von den Tränen in ihren Augen. In diesem Moment bogen
Meg, Ben, Jimmy und Vanessa um die Ecke.
„Rae, wo willst Du denn hin?“ rief Meg und trat unsicher näher, da sie das
verdächtige Glitzern in den Augen der Freundin bemerkt hatte.
Sie warf einen Blick ins Wageninnere, sah Wei-Lees triumphierenden Blick und
wußte Bescheid. Der Abend in L.A. zeigte seine Wirkung.
„Ist es... für immer?“ fragte sie leise.
Rae nickte.
„Ich werde Wei-Lee heiraten, Meg. Ich verlasse Sunset Beach!“
Meg starrte sie fassungslos an.
„Weiß es Casey?“
„Ja, ich habe eben mit ihm gesprochen.“ Rae blickte Meg flehend an. „Ich muß
gehen.“ flüsterte sie.
Sie drehte sich zu Ben um und reichte ihm die Hand.
„Viel Glück Euch beiden!“ sagte sie mit krampfhaftem Lächeln und wandte sich
dann an Vanessa. Die beiden Frauen umarmten sich.
„Ich werde Euch schreiben, okay?“ versprach sie und Vanessa nickte, mühsam die
Tränen zurückhaltend.
Dann umarmte Rae Meg.
„Werde glücklich mit Ben!“ flüsterte sie ihr zu. „Du hast es verdient. Und,
Meg... pass ein bisschen auf Casey auf!“
Sie drehte sich abrupt um, stieg ins Auto und fuhr mit Wei-Lee davon, ohne sich
noch einmal umzusehen.
Betreten sahen sich Ben, Meg und Vanessa an. Jimmy beobachtete sie still und
ging dann ins Haus. Ben legte Meg und Vanessa seine Arme um die Schultern und
sie folgten dem Jungen schweigend nach.
Casey stand oben auf dem Balkon seines Zimmers und sah mit versteinertem
Gesicht, wie die Frau, die er liebte, und der er noch vor ein paar Minuten den
Rest seines Lebens verbringen wollte, zu einem anderen ins Auto stieg und
davonfuhr.
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Das Auto war schon außer Sichtweite, als Casey immer noch gedankenverloren auf
dem Balkon stand. Schließlich ging er hinein und schloß die Tür. Er brauchte
jetzt einen starken Kaffee!
Als er den Flur entlangging, hörte er plötzlich ein Schluchzen. Er folgte dem
Geräusch und blieb vor Gabis Tür stehen.
Vorsichtig klopfte er an die Tür. Es dauerte einen Moment, doch dann stand Gabi
vor ihm. Ihr Haare waren zerzaust und vom vielen Weinen waren ihre Augen ganz
rot und geschwollen. Als sie Casey erkannte, wischte sie sich die letzten Tränen
aus den Augen. Entsetzt starrte er sie an.
"Gabi ... Was ist denn nur passiert? Du siehst einfach schrecklich aus!"
Gabi drehte sich um, weil sie spürte, daß ihr wieder Tränen in die Augen
stiegen.
Casey berührte sie vorsichtig an der Schulter.
"Du hast doch was ... Willst Du mir nicht sagen, was Dich bedrückt?" Casey
fühlte sich selber schlecht wegen Rae, aber als er Gabi so vor sich sah, so
verzweifelt und unglücklich, wollte er ihr einfach helfen. Seine Probleme waren
zweitrangig! Er führte Gabi zum Bett und setzte sich neben sie. Sie hatte das
Gesicht in ihren Händen verborgen, und als sie wieder aufsah, sah Casey, wie
eine Träne die Wange hinunterrollte. Sanft wischte er sie fort.
Verzweifelt sah Gabi ihn an.
"Ich habe sie erwischt!" stieß sie hervor. "Ich habe Ricardo und Paula in einer
intimen Situation ertappt!" Sie fuhr sich durchs Haar. "Er betrügt mich, Casey
... mit meiner besten Freundin!" Sie konnte sich nicht mehr länger beherrschen.
Schluchzend lehnte sie sich an Caseys Schulter, und er streichelte vorsichtig
über ihr Haar.
"Ich weiß, wie Du Dich jetzt fühlst!" sagte er und vermied es, sie anzusehen.
"Rae ist vorhin mit Wei-Lee nach Los Angeles gefahren. Die beiden werden
heiraten!" sagte er bitter.
Gabi sah ihn mitleidig an.
"Oh, Casey, das tut mir leid! Ich weiß, was Dir Rae bedeutet hat!"
Ihre Blicke trafen sich, und Casey legte vorsichtig seine Hand um Gabis Nacken
und zog sie zu sich heran. Sie fühlte, was kommen würde und wehrte sich nicht,
als sich ihre Lippen trafen. Einen Moment zögerte sie noch, doch dann schlang
sie ebenfalls ihre Arme um seinen Hals und zog ihn zu sich herunter. Wie zwei
Ertrinkende klammerten sie sich aneinander und gaben sich ihrem Schmerz in
Leidenschaft hin.
Noch ein letzter Blick und Sara klappte zufrieden die Kleiderschranktüren zu und
ließ sich aufs Bett fallen. Sie konnte es immer noch nicht glauben, daß sie
tatsächlich mit dem Mann ihrer Träume zusammenleben würde! Erst 6 Wochen waren
vergangen, seitdem sie in Sunset Beach angekommen war, und nun hatte sich ihr
Leben total verändert.
Sara lächelte still vor sich hin. Sie dachte an die Zeit nach dem Sturz, als
Derek sie ihm Krankenhaus als seine Verlobte ausgegeben hatte. Wie schön wäre es
doch, wenn aus dieser Lüge irgendwann Wirklichkeit werden würde!
Sara schüttelte den Kopf und stand auf. Was für Gedanken sie nur hatte! Sie
schob eine der leeren Taschen unters Bett, als sich die Tür öffnete und Derek
hereintrat.
"Wir müssen reden, Sara, über das Zeug, was Du unten verteilt hast!" sagte er
streng und sah sie kopfschüttelnd an. Sara strich sich eine Haarsträhne hinters
Ohr und sah ihn mit unschuldigem Blick an.
"Was genau stört Dich? Die Bodenvase, die Bilder, die Kristallglasfiguren, oder
ist es vielleicht die Tischdecke oder der 6-armige Kerzenständer?" Sara sah ihn
provozierend an.
"Na ja ..." Derek kratzte sich am Kinn. "Eigentlich alles, wenn Du es genau
wissen willst!" Ihre Augen verengten sich.
"Du willst, daß ich hier wohne, aber erlaubst mir nicht, meine persönlichen
Sachen hinzustellen?"
Er sah sie nur an. Nicht das erste Mal fehlten ihm einfach die Worte. Offenbar
hatte er mal wieder einen wunden Punkt bei Sara getroffen, und wenn er nicht
aufpasste, würde es sicher Streit geben!
Derek seufzte.
"Also, wenn Du wenigstens diesen ... Leuchter wegtun würdest, wäre mir schon
sehr geholfen, und die Glasfigürchen passen irgendwie auch nicht zum Stil des
Wohnzimmers! Findest Du nicht auch?"
Er erwartete Widerspruch, doch Sara lächelte nur.
"Ja, Du hast recht, sie passen viel besser ins Schlafzimmer!"
Derek schüttelte energisch den Kopf.
"Ich finde, daß sie weder ins Schlafzimmer noch ins Wohnzimmer passen!" sagte er
bestimmt.
Sara sah ihn mit großen Augen an.
"Gut ..." sagte sie nach einer Weile. "Wenn ich meine Glasfigürchen nicht
aufstellen darf, gehe ich auch wieder!" Sie rannte die Treppe hinunter und ließ
Derek alleine im Schlafzimmer stehen.
Er brauchte einen Moment, um seine Gedanken zu ordnen und rannte dann hinter ihr
her. Sie war gerade dabei, die Glasfiguren vom Kaminsims zu nehmen.
"Sara, warte! Laß' sie von mir aus stehen, ... wenn es Dir soviel bedeutet!"
Sie drehte sich zu ihm um und schmunzelte. Langsam ging sie auf ihn zu und
schlang ihre Arme um seinen Hals.
"Danke! Das ist echt süß von Dir ... aber weißt Du was, Du hast recht, sie
passen hier wirklich nicht hin!" Sie ließ ihn los, sammelte die letzten Tierchen
zusammen und legte sie in eine Kiste.
Derek war verwirrt.
"Aber ich dachte, daß ...!"
Sara machte eine wegwerfende Handbewegung.
"Ich fange jetzt ein neues Leben an, und da wird es Zeit, daß ich mich von
einigen Sachen aus meiner Vergangenheit trenne!" Sie schob ihm die Kiste vor die
Füße. "Gibt es hier einen Abstellraum?"
Derek nickte.
"Na, dann kannst Du die Sachen nachher dorthin bringen!" Etwas sanfter fügte sie
hinzu: "Würdest Du das für mich tun?"
Mechanisch nickte er.
Sara rieb sich die Hände.
"In Ordnung, und nun habe ich Hunger! Wollen wir essen gehen, oder soll ich uns
was kochen?"
Derek starrte sie wieder nur an. Sara legte ein Tempo vor, dem er nicht ganz
folgen konnte.
"Wir können essen gehen," sagte er. "Wo möchtest Du hin?"
"Entscheide Du," entgegnete sie. "Ich gehe schon mal hoch und ziehe mich um!"
Sara rannte die Treppe hinauf, während Derek die Kiste hochnahm und nach unten
in den Keller trug.
Nach ihrem bittersüßen Schäferstündchen lag Gabi verwirrt und nachdenklich neben
dem schlafenden Casey. Zu was hatten sie sich nur hinreißen lassen?!
Vorsichtig stand sie auf, um ihn nicht zu wecken und zog sich schnell ihre
Kleidung über. Sie öffnete die Tür und sah in den Flur hinaus. Mit einer
Handbewegung ordnete sie ihr Haar und lief dann schnell den Gang entlang,
hoffend, daß niemand sie sehen würde. Gabi hatte Glück! Anscheinend waren die
anderen alle außer Haus oder auf ihren Zimmern, denn als sie ins Wohnzimmer kam,
fand sie den Raum leer vor.
"Raus hier, nur raus", dachte sie. Sie öffnete gerade die Tür, um das Surf
Central zu verlassen, als das Telefon schellte.
Nervös sah sie sich um, doch im Haus rührte sich niemand. Sie hob den Hörer hoch
und hielt einen Moment den Atem an, als sie hörte, wer am anderen Ende der
Leitung war. "Gabi? Meine Mum hat mir erzählt, daß Du heute im Waffelshop
gewesen bist, um mich zu besuchen. Warum bist Du denn nicht hochgekommen?"
Gabi drehte hektisch an einer Haarsträhne herum. Sie spürte, wie ihr Mund wieder
trocken wurde.
"Paula! Das ist eine Überraschung ...! Es stimmt, ich wollte Dich eigentlich
besuchen, aber dann ... bekam ich plötzlich wieder diese ... Kopfschmerzen und
wollte mich doch lieber erst zu Hause etwas hinlegen!" Die Lüge kam ihr wie
selbstverständlich über die Lippen.
"Du hast in letzter Zeit häufiger Kopfschmerzen kann das sein?" entfuhr es
Paula. "Hoffentlich nichts ernstes!"
Gabi atmete tief durch. "Heuchlerin", dachte sie.
"Der Streß im Job ...!" preßte sie hervor. "War wohl alles ein bißchen viel in
der letzten Zeit!"
Gabi hörte, wie Paula erleichtert seufzte.
"Na, dann bin ich beruhigt! Wenn es Dir besser geht, können wir uns vielleicht
heute abend noch treffen!" schlug Paula vor.
Gabi biß sich auf die Lippen. Das hatte ihr gerade noch gefehlt! Um nichts in
der Welt würde sie sich mit ihrer Rivalin treffen!
"Tut mir leid, aber ich bin heute schon verabredet!" sagte Gabi bestimmt.
Einen Moment war Ruhe.
"Na gut, dann schlag von mir aus einen anderen Termin vor!" Gabi konnte an
Paulas Stimme erkennen, daß sie langsam ungeduldig wurde.
"Ich ruf' Dich an, in Ordnung? Im Moment bin ich im Krankenhaus stark
eingespannt, daß mir nur wenig Zeit fürs Privatleben bleibt!" Gabis Stimme
zitterte, als sie die Lüge hervorbrachte. "Ich melde mich wieder. Bye!" Schnell
legte sie auf, ehe Paula noch etwas sagen konnte.
"Gabi?" Sie fuhr herum und erkannte Casey. der die Treppe herunterkam.
"Tut mir leid, ich wollte Dich nicht wecken!" sagte sie und versuchte seinem
prüfenden Blick auszuweichen.
Casey schüttelte den Kopf.
"Du hast mich nicht geweckt, aber ich glaube ... wir beiden sollten reden ...!"
Jade saß auf dem Bett ihres Hotelzimmers und lackierte sich sorgfältig die
Zehennägel, als jemand anklopfte. A.J. trat herein und ließ sich in einen der
bequemen Sessel fallen.
Jade warf ihm einen prüfenden Blick zu.
„Du siehst müde aus, Dad!“ stellte sie besorgt fest und beendete ihre Tätigkeit.
A.J. goß sich etwas von dem Wasser ein, dass auf dem Tisch stand und trank einen
großen Schluck.
„Das tut gut.“ meinte er und atmete tief durch. „Ich kann mich einfach nicht an
diese Hitze hier gewöhnen!“
Jade lachte.
„Ich hab damit kein Problem. Den Nebel und das feuchtkalte Klima von London habe
ich noch keine Sekunde vermißt.“ Sie stand auf und begann ihr langes blondes
Haar zu bürsten.
„Gibt es Neuigkeiten?“ fragte sie nebenbei.
A.J. nickte.
„Jetzt da es Cole wieder besser geht, hatte ich Zeit, mich mal etwas umzuhören.“
Jade ließ die Haarbürste sinken und sah ihren Vater gespannt an.
„Und...?“
„Derek Evans ist der Mann, den wir suchen. Soweit ich weiß, hat er ein Haus am
Strand, eine kleine Jacht namens „Destiny“ und er ist einer der Teilhaber der
Liberty Corporation.“
Jades Augen verengten sich.
„Die Liberty?“ sie dachte einen Moment lang nach. „Ich dachte, Gregory Richards
sei der Boss!“
„Ja, aber er hat einen gleichberechtigten Partner, ich habe durch Zufall ein
Bild von den beiden im „Sunset Sentinal“ gesehen. Richards und Evans... welch
ein Zufall! Sehr wahrscheinlich haben die Herren beide keine ganz weiße Weste!“
A.J. lachte geringschätzig. „Aber nicht mehr lange, wir werden ihnen schon auf
die Schliche kommen! Die Deschanels betrügt man nicht ungestraft!“
Jade nickte und zog die Augenbrauen hoch.
„Wie ich Dich kenne, hast Du schon einen bestimmten Plan!“
„So in etwa...“ meinte A.J. vage und sah seine Tochter nachdenklich an. „Warst
Du schon in dieser Nachtbar, dem „Deep“? Es gehört auch diesem Evans.“
„Was Du nicht sagst!“ meinte Jade und lächelte geheimnisvoll. „Dann sollte ich
mir das „Deep“ vielleicht einmal näher ansehen?“
A.J. erhob sich.
„Ich finde auch, Du hast Dir einen schönen Abend verdient, mein Kind. Ich selbst
werde mich allerdings noch etwas zurückhalten und warten, bis Lucas und Sam aus
London eintreffen.“
„Deine beiden Bodyguard - Kampfhündchen...“ lästerte Jade lachend.
„Laß die beiden das bloß nicht hören!“ grinste A.J., dann wurde sein Gesicht
wieder ernst. „Pass auf Dich auf, dieser Evans ist nicht ungefährlich.“ warnte
er.
Jade zwinkerte ihrem Vater zu.
„Keine Sorge, Dad, wenn er mir nur halbwegs ebenbürtig ist, bekommt die Sache
wenigstens etwas Würze!“
Das „Deep“ war an diesem Abend wieder einmal brechend voll.
Mark legte als Hobby- DJ schwungvolle Musik auf, Caitlin und Tim versorgten die
Gäste mit den nötigen Drinks, und Derek stand selbst hinter der Bar.
Jade verharrte einen Augenblick auf der Eingangstreppe, um ihre Augen an das
gedämpfte Licht zu gewöhnen und sich rasch einen Überblick zu verschaffen.
Sie beschloß, zunächst an der Bar Platz zu nehmen und sich von da aus nach dem
Boss umzusehen. Nach der Beschreibung ihres Vaters handelte es sich um einen
gutaussehenden Typen um die Dreißig. Jade lächelte. „Genau meine Zielgruppe...“
dachte sie.
Als sie den Mann hinter der Bar erblickte, wußte sie sofort, dass sie hier genau
richtig war. Das mußte Derek Evans sein!
„Phantastisch aussehend...“ dachte Jade bewundernd, „schade, dass von ihm nicht
sehr viel übrig sein wird, wenn Daddys Leute mit ihm fertig sind!“
Sie setzte sich und ließ ihn nicht aus den Augen, bis er sie bemerkte und sein
Blick erstaunt an ihr hängenblieb. Er kam zu ihr herüber und sah sie mit seinen
dunklen, unergründlichen Augen herausfordernd an.
„Hi“ sagte er lässig. „Was darf ich Ihnen bringen?“
Jede andere Frau im Raum wäre unter diesem Blick errötet, doch Jade hielt ihm
problemlos stand. Sie taxierten sich beide sekundenlang.
„Hat das „Deep“ einen speziellen Hausdrink?“ fragte sie mit ihrer etwas
rauchigen Stimme.
Derek lächelte tiefgründig.
„Das ist der „Sunset“, aber ich warne Sie, der ist eine hochprozentige
Herausforderung!“
Jade erwiderte sein Lächeln.
„Ich liebe Herausforderungen!“
„Okay, Lady, Ihr Wunsch ist mir Befehl!“ Derek nahm ein Glas und begann, den
Drink schwungvoll zusammenzumixen, bis die Zutaten erstaunlicherweise den Farben
eines Sonnenunterganges erstaunlich nahe kamen. Galant lächeln reichte er ihr
das Glas.
Jade sah ihm in die Augen.
„Ich bin neu in der Stadt, und ich trinke nicht gern allein. Würden Sie mir die
Freude machen, mit mir anzustoßen?“
Derek zog erstaunt die Augenbrauen hoch.
„Eigentlich trinke ich im Dienst nicht, aber wenn Sie mich so charmant
bitten...“ Er mixte schnell noch einen „Sunset“ und hob dann sein Glas.
„Auf Ihr Wohl, schöne Fremde, und auf das, was Sie hierher geführt hat!“
Jade nippte an ihrem Glas, ließ Derek jedoch nicht aus den Augen.
„Sagen wir, das Fernweh hat mich hergeführt, oder auch Abenteuerlust, kommt ganz
darauf an.“ meinte sie geheimnisvoll.
Derek betrachtete sie eingehend. Diese smaragdgrünen Augen waren faszinierend.
Er fand Jade wunderschön, das grüne Spitzenshirt betonte ihre tadellose Figur
und verdeckte genauso viel, wie es offenbarte. Sie war wirklich von Kopf bis Fuß
eine äußerst interessante Erscheinung, die alle Blicke ringsum magisch auf sich
zu lenken schien. Und nach ein paar original „Sunsets“ wäre sie sicher bereit,
ihm in seine Wohnung zu folgen...
Moment mal... so ein Mist aber auch! Seine Wohnung war ja ab sofort für solche
Abenteuer passè! Dort wartete Sara, und mit ihr war nicht zu spaßen! Mit seiner
übereilten Idee, sie bei sich wohnen zu lassen, hatte er sich doch tatsächlich
selbst ins Abseits manövriert!
Seine Freiheit war dahin... sein bislang mühsam gepflegtes Image auch, wenn das
so weiter ging!
„Woran denken Sie?“ fragte Jade amüsiert, als könne sie seine Gedanken lesen.
Derek grinste.
„Sie sehen nicht wie eine Abenteurerin aus.“ stellte er fest. „Und wenn ich mich
nicht ganz und gar verhört habe, glaube ich einen leichten englischen Akzent in
Ihrer Stimme zu erkennen.“
Sie lächelte anerkennend und reicht ihm die Hand.
„Jade Sheridan“ sagte sie, „Und Sie haben recht, meine Heimat ist England!“
„Na so ein Zufall!“ meinte Derek und hielt ihre Hand fest, „dann haben wir ja
etwas Entscheidendes gemeinsam. Ich bin Derek Evans.“
„Freut mich, Derek.“ sagte sie und betonte seinen Namen auf eine Art, die ihm
gefiel.
„Jade – ein Name, den ich bestimmt nicht vergesse...“ sagte er und sah sie
wieder mit diesem Blick an, der keine Wünsche offenließ.
Mark war hinter Derek getreten und beobachtete diese hemmungslose Flirterei mit
wachsender Unruhe. Schließlich räusperte er sich. Sein Boss drehte sich um und
ließ nun endlich die Hand der Dame los..
„Was ist?“ fragte er etwas ungehalten.
„Ein Telefongespräch für Sie, oben im Büro.“
„Jetzt nicht.“
Mark beugte sich etwas vor und meinte leise:
„Sie sollten es annehmen, Derek, es ist Sara, und sie klang etwas aufgeregt.“
Derek überlegte kurz.
„In Ordnung, ich bin gleich da.“ Er drehte sich zu Jade um und lächelte
entschuldigend.
„Tut mir leid, dringende Geschäfte.“
„Natürlich.“ nickte sie und nahm einen Schluck von ihrem Drink. Ihre grünen
Augen sahen ihn unverwandt an. Sie war sich ihrer Wirkung auf ihn voll bewußt.
Derek schluckte.
„Laufen Sie mir ja nicht weg!“ grinste er. „Ich bin sofort zurück.“
Ungeduldig verharrte Sara am Telefon.
„Mein Gott, wie lange braucht er denn, um ins Büro zu kommen!“ stöhnte sie
entnervt.
Ihre Laune war auf dem Nullpunkt.
Nach einer Ewigkeit hörte sie seine Stimme.
„Sara, was ist los, Baby?“
„Na endlich!“ rief sie erleichtert. „Wann kommst du nach Hause?“
„Rufst Du mich etwa an, um mich das zu fragen?“ Dereks Stimme nahm einen
ziemlich gereizten Klang an.
„Meg war hier!“ platzte Sara heraus. „Sie wollte den Schlüssel vom Strandhaus
abgeben und... und...“ der Rest ging in heftigem Schluchzen unter.
„Sara?“ fragte Derek verwirrt. „Wieso ist denn Meg schon zurück?“ Er ahnte, dass
es Streit gegeben hatte. Ihm war von Anfang an klar gewesen, dass Meg Saras
überstürzten Umzug nicht gutheißen würde. Da waren wohl ordentlich die Fetzen
geflogen!
„Ist die Wohnung noch heil?“ fragte er scherzhaft.
„Derek...“ schluchzte Sara, „ich bin so unglücklich! Bitte... komm doch heim!“
Er verdrehte genervt die Augen.
„Wie zum Teufel stellst du Dir das vor? Der Laden ist voll bis unters Dach, ich
weiß nicht, wo mir der Kopf steht!“
„Dann komme ich ins „Deep“!“ schniefte Sara am anderen Ende.
Um Gottes Willen! Er dachte an Jade. Das würde sein Image noch völlig ruinieren,
wenn ihm seine verheulte Braut vor ihren Augen um den Hals fiel!
„Nein, hör mal, Sara... Liebes, ich verspreche Dir, ich bin bald zu Hause, hörst
Du? Sobald hier etwas Luft ist, bin ich weg... dann machen wir es uns vor dem
Kamin gemütlich und Du erzählst mir alles!
Sara?
Hallo...“
„Okay...“ Das
klang so kläglich, dass es ihm schon fast wieder leid tat, sie so zu vertrösten,
während er etwas ganz anderes im Sinn hatte.
Er legte den Hörer auf, holte tief Luft und schloß für einen Moment die Augen.
„Ich hab Dich wirklich gern, Sara“ dachte er, „aber mach mich bloß nicht zu
Deinem Pantoffelhelden! Das funktioniert nicht!“
Er straffte die Schultern und machte sich auf den Weg zurück zur Bar und zu
einem verheißungsvollem Flirt, der ihm guttat. Erwartungsvoll sah er sich um.
Jade war verschwunden.
Tiffany ging den Flur vom Surf Central entlang, als sie zwei Gestalten die
Treppe hochkommen sah. Da sie wenig Lust auf Smalltalk hatte, versteckte sie
sich schnell im Badezimmer. Vorsichtig lugte sie durch den Türspalt und erkannte
in dem Pärchen Casey und Gabi. Sie wunderte sich, was sie wohl miteinander zu
bereden hatten, denn sie wirkten beide sehr ernst und angespannt und
verschwanden schnell in Gabis Zimmer. "Schon merkwürdig," dachte Tiffany und
strich sich nachdenklich übers Kinn. "Geht mich ja auch nichts an," wischte sie
den Gedanken beiseite und machte sich auf den Weg zur Richards-Villa. Sie hatte
sich dort mit Sean verabredet, besser gesagt am Strand vor dem Haus, damit sein
Vater sie nicht sehen würde.
Über Tiffanys Gesicht huschte ein Lächeln. Bald war sie am Ziel ihrer Träume und
würde ganz offiziell zu Sean gehören! Erst kürzlich hatte er sie gefragt, ob sie
nicht bei ihm wohnen wollte, und Tiffany hätte in diesem Moment die ganze Welt
umarmen können. Endlich würde sie auch zu der High Society gehören und nur in
den besten Kreisen verkehren, die teuersten Kleider tragen, Champagner trinken,
und und und...
Tiffany bekam glänzende Augen bei dem Gedanken daran. Sie war sich zwar nicht so
ganz sicher, ob Seans Vater auch so begeistert von der Idee war, daß sie in
Zukunft unter seinem Dach leben würde, aber das kratzte Tiffany wenig.
Schließlich hatte sie mit Gregory Richards einen Deal ausgehandelt, und wenn er
sich nicht an sein Versprechen halten würde, würde sie eben ihr kleines
Geheimnis verraten. Das würde ihn ruinieren, und Tiffany war sich sicher, daß
Gregory Richards dieses Risiko nicht eingehen würde! Zufrieden mit der
Entwicklung der Dinge, rannte sie den Strand entlang, bis sie Sean erblickte,
der schon vor dem Haus auf sie wartete.
Gabi schloß leise die Tür hinter sich und ließ sich aufstöhnend in einen Sessel
fallen. Casey zog sich ebenfalls einen Stuhl heran.
Beide schauten sie zum Bett hinüber. Die zerwühlten Laken auf dem Bett
erinnerten sie an die Stunden zuvor, wo sie sich zügellos geliebt hatten.
Gabi sprang auf und versuchte, die Laken zu glätten, doch Casey hielt sie fest.
"Laß' es sein! Was geschehen ist, können wir nicht mehr ungeschehen machen!" Er
sah sie an, und sie schlug die Hände vors Gesicht.
"Casey, ich ... schäme mich so! Das hätte niemals passieren dürfen!" Sie erhob
den Blick zu ihm. "Es ... tut mir leid!" In ihren Augen glitzerten Tränen.
Vorsichtig hob er ihr Kinn.
"Niemand hat Schuld! Wir brauchen uns für nichts zu entschuldigen! Es ist eben
einfach ... passiert!"
Gabi nickte.
"Ja, Du hast recht. Wir haben nur gegenseitig etwas Trost gesucht ...!" Sie
schluckte und sah Casey an. "Es war einfach ein Schock für mich, als ich
herausfand, daß Ricardo und Paula ein Verhältnis haben!" Gabi räusperte sich.
"Ich wollte es ihm ... heimzahlen!" Casey nickte verständnisvoll.
"Ja, ich verstehe Dich sehr gut! Als ich Rae vorhin mit Wei-Lee wegfahren sah,
da ist etwas in mir zerbrochen, und als ich Dich dann hier vorfand, weinend und
verstört, da ... konnte ich einfach nicht anders ...!"
Casey sah
Gabi an.
"Wenn sich einer entschuldigen muß, dann bin ich es! Ich habe Deine desolate
Verfassung ausgenutzt ...!"
"Psst ...!" Gabi legte ihm sanft einen Finger auf die Lippen, doch schnell zog
sie die Hand wieder fort. "Wir können es nicht mehr ungeschehen machen, Casey,
aber ... wie soll es jetzt weitergehen?" Sie sah ihn fragend an.
Casey zögerte einen Moment, doch dann streckte er ihr die Hand entgegen.
"Freunde?"
Gabi lächelte. Die ganze Situation erschien ihr so unwirklich, aber sie ergriff
ebenfalls seine Hand und hielt sie fest.
"Freunde!" Erleichtert fuhr er sich durchs Haar.
"Gut, dann werde ich jetzt mal auf mein Zimmer gehen und ein bißchen Ordnung
machen. Nachher muß ich wieder zum Wachturm zurück, Michael ablösen." Casey sah
Gabi prüfend an, die wie versteinert da stand.
"Wie kann er nur so locker zur Tagesordnung übergehen, als ob nichts passiert
wäre!" dachte Gabi. In ihrem Inneren tobte ein heftiges Chaos!
"Alles okay mit Dir?"
Gabi lächelte geistesabwesend, und Casey verließ beruhigt das Zimmer.
Aufstöhnend ließ sich Gabi aufs Bett fallen, doch sofort sprang sie wieder auf,
als ob sie sich verbrannt hätte. Sie konnte nicht hier bleiben. Sie mußte mit
jemandem reden! Schnell rannte sie die Treppe zum Wohnzimmer hinunter, griff
nach dem Telefon und wählte Megs Handy-Nummer.
An ihrem Arbeitsplatz, in der Liberty Corporation, schob Meg mit einer
Handbewegung die Tastatur zur Seite und fingerte in ihrer Tasche nach dem Handy.
Sie war nur noch als einzige im Büro, denn die offizielle Arbeitszeit war längst
beendet.
"Meg Cummings!" meldete sie sich leicht unwirsch. Gerade jetzt konnte sie
keinerlei Störung gebrauchen.
Sie war immer noch völlig fassungslos von der Nachricht, daß Sara bei Derek
eingezogen war und war deshalb auch in leicht aggressiver Stimmung.
"Meg? Ich bin's, Gabi! Hast Du Zeit? Ich muß dringend mit Dir reden ... jetzt!"
Die Stimme ihrer Freundin klang dringend, doch Meg hatte den Kopf voll mit
anderen Dingen.
"Tut mir leid, Gabi, aber jetzt ist es wirklich ungünstig!" sagte Meg leicht
ungehalten. "Die Arbeit stapelt sich bis unter die Decke, und ich weiß kaum, wie
ich alles schaffen soll! Vielleicht können wir nachher reden, wenn ich
Feierabend habe?" fügte sie versöhnlicher hinzu. Sie wartete auf eine Antwort,
doch stattdessen hörte sie nur ein Klicken.
"Hallo? Gabi?!" Meg ließ das Handy sinken. Gabi hatte einfach aufgelegt!
Nachdenklich starrte Meg das Handy an. "Was war denn nur so dringend, daß es
nicht bis später warten konnte?" fragte sie sich. Sie würde Gabi sicher
spätestens am nächsten Tag sehen und sie dann danach befragen.
Meg zog sich die Tastatur wieder heran und begann eilig einen Bericht zu tippen.
Wieder klingelte das Handy, und Meg gab der Tastatur genervt einen Schubs, so
daß diese fast vom Schreibtisch flog. Konnte sie denn heute keiner in Ruhe
lassen?
"Ja?" meldete sie sich nur knapp.
"Meg, bist Du das?" Meg erkannte die Stimme ihrer Mutter und richtete sich
automatisch auf.
"Hallo Mum! Schön, Dich zu hören! Wie geht's Dir?"
"Das wollte ich Dich gerade fragen!" hörte sie die aufgebrachte Stimme ihrer
Mutter. "Seit Tagen hast Du Dich nicht mehr gemeldet ... von Sara mal ganz
abgesehen! Geht es Euch beiden gut? Was war denn los?"
Meg umklammerte das Handy.
"Wir waren ... verreist," sagte sie schnell, doch Joan hakte nach.
"Verreist, wohin denn, und was meinst Du mit "wir"? Du und Sara?"
Meg holte tief Luft. In den letzten Tagen war soviel geschehen, das konnte sie
ihrer Mutter nicht alles am Telefon erzählen. Sie entschied sich für die
Kurzversion.
"Nicht ganz ... Ben und Derek waren auch mit, und wir ..."
"Derek Evans? Aber ich dachte, es wäre vorbei mit ihm und Sara!" Meg hörte an
der Stimme ihrer Mutter, daß sie überrascht war.
"Sie sind wieder zusammen," sagte Meg, "und Ben und ich ebenfalls!" fügte sie
noch schnell hinzu. Joan schien völlig verwirrt zu sein.
"Du und Ben? Wieso, hattet Ihr Euch denn auch gestritten?"
Meg sah fieberhaft auf ihren Bericht, den sie abtippen mußte.
"Mum, weißt Du was ... ich rufe Dich morgen früh an und erzähle Dir alles
ausführlich, okay? Im Moment schiebe ich Überstunden und kann nicht so lange
reden!"
Joan seufzte.
"Na gut, Schatz, aber vielleicht kannst Du mir nochmal die Telefon-Nummer von
Eurem Strandhaus geben, dann rufe ich gerade mal Sara an!"
Meg hielt einen Moment den Atem an. Wenn ihre Mutter erfährt, daß Sara mit Derek
zusammenlebt, würde sie glatt tot umfallen! So entschied sie sich für eine Lüge.
"Oh, Mum, da wirst Du kein Glück haben. Sara wollte heute abend ins Deep gehen!"
"Schade ... na, dann grüße sie bitte ganz lieb von mir, ja?"
"Ja, Mum, werde ich machen. Dann bis morgen!"
Erleichtert legte Meg auf. Bis zum nächsten Morgen hatte sie Schonfrist und dann
würde sie ihrer Mutter die Wahrheit sagen müssen! Sie seufzte und begann erneut
ihren Bericht weiterzutippen.
Derek fluchte leise vor sich hin und ging dann wieder hinter die Bar, um die
Drinks für die Gäste zu mixen.
Er dachte über die attraktive Blondine nach. Sie war neu hier, hatte sie gesagt.
Ob sie wohl einen Freund hatte? Sie war genau der Typ Frau, den ein Mann gerne
als Bettwärmer gehabt hätte! Offenbar war sie einem Flirt auch nicht abgeneigt
gewesen. Wohin war sie nur so plötzlich verschwunden?
Tim konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er seinen Boss so nachdenklich
sah. Er wußte, daß Derek Evans weiblichen Reizen nur schwer widerstehen konnte,
und die junge Frau von vorhin schien auch eine Sünde wert zu sein!
Tim wandte sich wieder seiner Arbeit zu, und Derek hing weiter seinen Gedanken
nach. Caitlins Stimme riß ihn aus seinen Gedanken.
"Hallo Sara!" begrüßte sie die junge Frau, die gerade die Treppe herunterkam.
Sofort ging Derek um den Tresen herum, ein paar Schritte auf Sara zu.
"Was machst Du hier?" fragte er ungehalten. "Ich habe Dir doch gesagt, daß Du
zuhause auf mich warten sollst!"
Sie sah ihn trotzig an.
"Du hast mir gar nichts zu sagen!" schnappte sie gleich los. "Wir sind nicht
verheiratet!" "Na, Gott sei Dank!" lag ihm auf der Zunge, aber er schluckte es
herunter.
"Wie Du siehst," er machte eine weitausholende Bewegung, "habe ich nicht
gelogen. Der Laden ist zum Bersten voll!"
Sara sah ihn irritiert an.
"Wenn Du denkst, daß ich Dich kontrollieren wollte - Fehlanzeige ... ich wollte
nur nicht alleine zu Hause herumhängen und Trübsal blasen!" Sie schaute ihn mit
ihrem Rehblick an. "Bist Du jetzt böse?"
Derek seufzte.
"Nein, natürlich nicht, aber Du wirst Dich hier tödlich langweilen! Ich werde
keine Zeit für Dich haben!"
Sara zog sich einen Hocker heran und setzte sich an die Bar.
"Das macht nichts, Hauptsache ich kann in Deiner Nähe sein!"
Derek rollte mit den Augen und ging zurück hinter den Tresen.
"Okay, was darf ich Dir anbieten?"
Saras Blick fiel auf die goldfarbenen Drinks, die Derek zur Seite gestellt
hatte.
"Das da sieht interessant aus! Was ist das?" Sie zeigte mit dem Finger auf das
eine Glas. Derek schüttelte den Kopf.
"Lieber nicht! Das ist was ziemlich hochprozentiges. Ich habe wenig Lust, Dich
anschließend nach Hause zu tragen!" meinte er grinsend. Dann begann er für Sara
einen Drink zu mixen.
Verärgert machte sich Meg wieder an die Arbeit. Nun hatte sie ihre Mutter wegen
Sara schon zum zweiten Mal anlügen müssen! Das mußte unbedingt aufhören...
Meg hatte keine Lust mehr, den Babysitter für ihre kleine Schwester zu spielen,
die war schließlich alt genug, das betonte sie ja bei jeder Gelegenheit! Nur
leider benahm sie sich nicht so. Ein Wahnsinn, einfach zu Derek zu ziehen, das
würde sie sicher bald bereuen.
Dabei war Meg so froh darüber gewesen, dass sie für Sara das Zimmer im Surf
Central organisiert hatte, aber nein... sollte sie sich doch die Finger
verbrennen, sie wollte es ja so!
Sie war wirklich stur wie ein alter Esel!
Meg holte tief Luft und dachte daran, als sie vor einer Stunde vor Dereks Tür
gestanden hatte. Sie wußte von Mark, dass er im „Deep“ war, sonst wäre sie gar
nicht erst hingegangen, aber so hoffte sie, Sara anzutreffen. Und so war es dann
auch, ihre Schwester öffnete die Tür, ganz Hausherrin in der „Höhle des Löwen“.
Meg war ruhig geblieben, und damit traf sie Sara an ihrem wundesten Punkt. Sie
hatte die Jüngere nur kopfschüttelnd angesehen und gemeint, sie könne ab sofort
nicht mehr mit ihrem Verständnis rechnen. Dann war sie wortlos wieder gegangen.
Nun tat es ihr fast schon wieder leid. Aber sie konnte dieser Liebe zu Derek
einfach keine reelle Chance geben und sie war ziemlich sicher, Sara würde sich
irgendwann selbst darüber klar werden, dass sein Charakter das kaum zuließ. Also
mußte sie wohl oder übel abwarten, was die Zukunft bringen würde.
Sie seufzte.
Zumindest mußte sie ihrer Schwester spätestens bis morgen sagen, dass sie in
Kansas anrufen und die Sache klären sollte. Sie wollte keine weiteren Lügen,
dass hatten ihre Eltern nicht verdient.
Und mit Gabi mußte sie auch gleich morgen früh reden um zu erfahren, was die
Freundin auf dem Herzen hatte. Für heute aber war Schluß, sie konnte einfach
keine Probleme mehr gebrauchen.
Während sie weiter die Statistiken und Kalkulationen in den Computer eingab,
klingelte das Telefon auf Bettes Schreibtisch.
Meg fluchte leise. Sie ging hinüber und hob den Hörer ab. Zu ihrer Erleichterung
hörte sie Bens Stimme.
„Meg, was um alles in der Welt tust du denn um diese Zeit noch im Büro? Ich habe
versucht, Dich im Surf Central zu erreichen, aber Casey sagte, Du wärst in der
Liberty Corporation.“
„Es ist soviel liegengeblieben, und ich will doch nicht, dass durch meine Schuld
alle in Verzug kommen.“ gab sie lächelnd zurück. „Außerdem hatte ich sowieso
heute abend nichts besseres vor, also, was soll`s!“
„So so, Du hattest also nichts besseres vor...“ wiederholte Ben, und Meg konnte
förmlich sehen, wie er schmunzelte. „Na dann sieh mal zu, dass Du fertig wirst,
ich hole Dich in einer Stunde dort ab!“
„Ben...“ widersprach Meg, doch dann merkte sie, dass er bereits aufgelegt hatte.
„Also schön“ sagte sie und holte tief Luft, „alle Gedanken ausgeschaltet und an
die Arbeit!“
Pünktlich nach einer Stunde öffnete sich die Aufzugtür und Ben trat ins Büro.
„Hey“ lachte Meg, „keine Minute zu früh, ich hab gerade alles geschafft!“
Erleichtert nahm sie den Stapel Akten von ihrem Schreibtisch und legte sie in
den Schrank.
Als sie sich umdrehte, stand Ben ganz dicht hinter ihr. Er sah sie mit diesem
typischen undurchdringlichen Blick aus seinen dunklen Augen an und Meg durchfuhr
ein wohliger Schauer. Sie legte ihre Hände auf seine Brust, als er sie sanft zu
sich heranzog. Sie küssten sich zärtlich und dann immer leidenschaftlicher, bis
sie sich atemlos trennten.
„Wow, wofür war denn der?“ fragte Meg lächelnd. Ben strich ihr zärtlich über die
Wange.
„Ich hab Dich vermißt!“
„Aber es ist erst ein paar Stunden her, seit wir uns getrennt haben!“
„Ein paar Stunden zuviel!“ Er nahm sie bei der Hand und zog sie in Richtung
Aufzug. „Komm schon, nichts wie raus hier, sonst können wir gleich noch hier
übernachten!“
Auf dem Parkplatz stand Bens BMW. Sie stiegen ein und Ben fuhr in Richtung
Küstenstrasse.
„Wo willst Du denn hin?“ fragte Meg erstaunt, doch er zuckte nur geheimnisvoll
mit den Schultern.
„Ich entführe Dich!“
„Mmh“ machte Meg unsicher, „mein Bedarf an Entführungsfällen ist eigentlich
gedeckt.“
Ben lachte.
„Du meinst sicher die Sache mit Sara! War sie vorhin überhaupt zu Hause?“
„Nein...“ antwortete Meg und sah ihn von der Seite an. „Du wirst es kaum
glauben, aber meine Schwester wohnt nicht mehr im Surf Central!“
„Was?“ Ben warf ihr einen verständnislosen Blick zu. „Wie meinst Du das?“
Meg lachte, doch es war kein glückliches Lachen.
„Ganz einfach...“ sagte sie bitter, „Sie ist umgezogen, sie wohnt seit gestern
bei Deinem Bruder!“
„Bei Derek?“ Jetzt war Ben wirklich erstaunt. „Wie hat sie denn das geschafft?“
Resigniert zuckte Meg mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht, und ehrlich gesagt möchte ich heute auch nicht mehr darüber
reden. Ich hab ihr gesagt, was ich davon halte und sie muß nun sehen, wie sie
allein klarkommt. Für mich ist das Thema erledigt!“
Ben legte während der Fahrt einen Arm um ihre Schultern.
„Wir sind fast da.“ Er lenkte den Wagen in eine Parkbucht neben dem Straßenrand
und Meg erkannte plötzlich, wo sie waren. Ein Lächeln zog über ihr Gesicht.
„Ben, das ist die Stelle über den Felsen, von wo aus wir damals den
Sonnenuntergang beobachtet haben, als wir von L.A. zurückkamen!“
Sie hielten sich bei den Händen und liefen hinüber. Ben zeigte nach unten auf
das bunte Lichtermeer.
Sunset Beach lag ihnen zu Füßen.
„Phantastisch!“ Begeistert trat Meg einen Schritt vor, doch Ben hielt sie
zurück.
„Vorsicht, die Klippen sind gefährlich!“ sagte er besorgt und nahm sie zärtlich
in die Arme.
„Weißt Du eigentlich, dass ich Dich damals beinahe zum ersten Mal geküßt hätte?“
Meg nickte.
„Und ich habe mir in diesem Moment nichts sehnlicher gewünscht als das!“
„Na dann“ sagte er leise, „ich denke, heute wird Annie nicht hier auftauchen, um
uns zu stören! Heute sind wir ganz allein...“
Derek beobachtete Sara aus den Augenwinkeln, wie sie gelangweilt an ihrem Drink
nippte. Sein Blick wanderte weiter, Richtung Treppe, und plötzlich erschien auf
seinem Gesicht ein breites Grinsen. Saras Blick schweifte ebenfalls durch den
Raum, doch plötzlich erstarrte sie, als sie erkannte, wer da die Treppe
herunterkam.
Annie Douglas!
Das fehlte ihr gerade noch! Das hautenge Kleid, daß sie trug zeigte mehr von
ihren Reizen als es verbarg. Elegant ging sie die Treppe hinunter, wohl wissend
um die Blicke der Männer.
Annie ging zur Bar und setzte sich auf einen Hocker. Kokett warf sie ihr rotes
Haar zurück und schenkte Derek ihr bezauberndstes Lächeln. Er beugte sich vor
und sah ihr tief in die Augen.
"Hey, Babe, Dich gibt's also auch noch?" begrüßte er sie.
Sie grinste.
"Wie Du siehst!" Sie sah sich um. "Ich suche Ben," sagte sie knapp. "Weißt Du,
wo er ist?"
Derek lachte.
"Da suchst Du hier? Das soll wohl ein Scherz sein! Im Deep gibt es nur Platz für
einen Evans!"
Sie lachte ebenfalls.
"Hätte ja sein können ... Ich habe ihn schon ein paar Tage nicht gesehen und
habe mir Sorgen gemacht!"
Derek zog amüsiert die Augenbrauen hoch.
"Du gibst wohl nie auf, oder?"
Annie lachte wieder. Erst jetzt schien sie Saras Anwesenheit zu bemerken.
"Ach nein, wer ist denn da? Ist das nicht die kleine Putzfrau?" Sie lächelte
spöttisch. Aufgebracht sprang Sara auf und stellte sich vor Annie.
"Wenn ich keine Frau wäre, würde ich Ihnen jetzt eine scheuern!"
Annie grinste.
"Bitte, nur zu!"
Sara ballte die Fäuste.
Derek stellte sich zwischen die beiden Kampfhähne.
"Stop! Niemand wird sich hier prügeln - nicht in meiner Bar!" Irritiert schaute
er zwischen Annie und Sara hin- und her. "Um was geht es denn eigentlich?"
Sara funkelte Annie böse an.
"Sie weiß schon, um was es geht ... nicht wahr, Miss Douglas?"
Annie fuhr sich durchs Haar.
"Ich habe keine Zeit für diese Kindereien!" sagte sie schnippisch. Sie sah zu
Derek hinüber. "Ich weiß gar nicht, warum sie sich so aufregt. Sie hat doch
jetzt das, was sie wollte!" Abrupt drehte sie sich um und verließ grußlos die
Bar.
Sara sah ihr nachdenklich hinterher. Annie hatte recht, denn wäre Derek nicht
rechtzeitig aufgetaucht, wäre sie nach Kansas geflogen, und es hätte keine
Versöhnung zwischen ihnen gegeben.
Aber da war noch die andere Sache, und das würde sie Annie niemals verzeihen,
daß sie versucht hatte, Ben und Meg auseinanderzubringen!
Sara setzte sich wieder auf ihren Hocker und stürzte ihren Drink in einem Zug
runter.
Am nächsten Morgen machte sich Jade auf den Weg zum Flughafen, um Lucas und Sam,
die beiden Bodyguards ihres Vaters abzuholen. Ihr selbst war es gar nicht recht,
dass er die Männer hierherbeordert hatte, sie war der Meinung, dass sie das, was
sie hier in Sunset Beach vorhatten, besser allein erledigt hätten, aber A.J.
verließ sich nur zu gern auf seine Männer. Jade selbst fand die beiden zu plump
und zu dämlich, als dass sie ihnen einen große Hilfe sein würden, aber sie
hoffte, dass ihr Vater wußte, was er tat.
Sie stieg in den teuren Mietwagen und fuhr langsam die Ocean Avenue hinunter.
Plötzlich stutzte sie. Sie hielt an und nahm die dunkle Sonnenbrille ab, um
besser sehen zu können.
Natürlich! – Das war doch ihre Eroberung von gestern abend, Derek Evans!
Er verließ gerade ein schönes, großes Strandhaus gemeinsam mit einer jungen
brünetten Frau. Hand in Hand liefen die beiden die Strasse hinunter. Derek trug
einen Aktenkoffer, die junge Frau eine Umhängetasche.
Jade wartete, bis die beiden die Strandpromenade überquert hatten, wendete den
Wagen und fuhr ihnen langsam entgegen. Sie setzte ihre Brille wieder auf, um
vorerst möglichst unerkannt zu bleiben. Dann hielt sie an und beobachtete Derek
und seine Begleiterin, wie sie an ihr vorbeigingen.
Sie mußte sich eingestehen, dass die junge Frau sehr hübsch war und eine
tadellose Figur hatte, und sie fragte sich, warum er so hemmungslos mit anderen
flirtete, wenn er doch so eine gutaussehende Freundin hatte!
Sie fuhr weiter, wendete wieder, um zu sehen, wo das Paar hinwollte. Nach einer
Weile erkannte sie das Ziel der beiden: die Liberty Corporation.
Jade grinste.
„Gut, Mister Evans, dann wollen wir Sie mal ein bisschen auf die Probe stellen!“
Energisch gab sie Gas und raste durch eine Seitenstrasse auf den
Firmenparkplatz. Dort stieg sie aus und wartete, lässig an ihren Wagen gelehnt,
bis Derek und seine Begleiterin an ihr vorbeigingen. Erstaunt stellte sie fest,
dass er sie keines Blickes würdigte. Ohne irgend ein Zeichen des Erkennens ging
er an ihr vorbei.
Jade sah ihm mit zusammengekniffenen Augen nach.
„Entweder bist Du ein erstklassiger Schauspieler, Mister,“ murmelte sie, „oder
wirklich ziemlich abgebrüht!“
Zum ersten Mal betrat Tiffany das hochherrschaftliche Richardshaus offiziell
durch den Vordereingang, auch wenn sie mit Sean extra gewartet hatte, dass
Gregory endlich ins Büro verschwand. Wenn er heute abend zurückkam, würde sie
sich schon häuslich eingerichtet haben.
Rose öffnete ihnen die Tür, und Sean stellte der Haushälterin Tiffany als seine
Freundin vor, die ab heute im Gästezimmer wohnen würde. Rose nickte ihr
freundlich zu und bot sich an, sie zu ihrem Zimmer zu bringen.
„Danke Rose,“ lehnte Sean höflich aber bestimmt ab, „das mache ich schon
selbst.“
Tiffanys Augen glänzten, als sie ihr neues zu Hause sah. Natürlich war sie schon
hier gewesen, aber das war entweder in aller Heimlichkeit geschehen, oder dann
vor einem Jahr, als Mister und Misses Richards sie ins Büro zitiert und ihr mit
spitzen Fingern und eindeutigen Worten den Scheck überreichten und hofften, sie
damit für immer aus Seans Leben vertrieben zu haben.
„Tja, oft kommt es anders, als man denkt!“ dachte Tiffany und lächelte
zufrieden. Sie hatte den als unbesiegbar geltenden Herrn Anwalt gehörig in die
Tasche gesteckt, einfach so! Aber sie würde auf der Hut sein, denn ihm war nicht
zu trauen, und seiner Frau, dieser Schlange, auch nicht.
Kaum hatte sie diesen Gedanken zu Ende gebracht, kam die Dame des Hauses auch
schon die Treppe herunter und sah erstaunt, wen ihr Sohn zu früher Stunde mit
ins Haus brachte.
„Na so eine Überraschung!“ meinte sie gespielt freundlich, und auch wenn ihre
Lippen lächelten, ihre Augen taten es nicht, sie blickten Tiffany kalt und
abschätzend an. „Ich habe schon gehört, dass Sie wieder in der Stadt sind!“
„Guten Tag, Misses Richards.“ sagte Tiffany und reichte Olivia die Hand, die
diese jedoch hoheitsvoll übersah.
„Ja, Mum, Tiff ist wieder da.“ antwortete Sean und legte beschützend einen Arm
um die Schultern seiner Freundin. „Und diesmal wird sie nicht so einfach wieder
verschwinden! Sie wohnt nämlich ab jetzt bei uns!“
Fragend zog Olivia die Augenbrauen hoch.
„Ach ja? Wie soll ich das verstehen?“
„Ganz einfach,“ Sean straffte die Schultern und sah seine Mutter fest an. „so
wie ich es gesagt habe, Tiffany wohnt ab heute hier im Gästezimmer!
Allerdings... wenn es Dich und Dad stören sollte, kann ich Tiff auch mein Zimmer
geben und ich nehme das Gästezimmer, oder wir können auch...“
„Moment, moment...“ unterbrach Olivia ihn und machte eine ungeduldige
Handbewegung, „ich habe doch kein Wort dagegen gesagt, Sean!“ Sie holte tief
Luft, warf einen kurzen Blick auf Tiffanys alte Reisetasche und den abgewetzten
speckigen Rucksack und meinte dann:
„Na schön, von mir aus soll sie hier wohnen! Solange sie das Tafelsilber in Ruhe
läßt und dieser... dieser Hund da...“ sie wies auf Spike, den Sean auf dem Arm
trug, „keine Flöhe ins Haus bringt! Allerdings...“ Sie verzog bedenklich das
Gesicht, „kann ich nicht dafür garantieren, ob Dein Vater damit einverstanden
ist!“
„Oh, keine Sorge, Misses Richards, Mister Richards hat bestimmt nichts dagegen,
dass ich hier wohne!“ rief Tiffany erleichtert. Das war ein Punkt, über den sie
sich ziemlich sicher war. Wenn Gregory nach ihrem letzten Gespräch nichts gegen
sie unternommen hatte, dann würde er sich auch weiterhin zurückhalten, die Sache
mit Cole und dem „Unfall“ war ihm wohl zu wichtig! Einen Fehler konnte er sich
nicht leisten.
Olivia betrachtete das junge Mädchen nachdenklich. Mut hatte sie, das mußte man
ihr lassen, und eine gehörige Portion Dreistigkeit besaß sie obendrein. Immerhin
hatte sie es gewagt, Gregory die Stirn zu bieten!
Insgeheim bewunderte Olivia sie. Früher war sie auch so gewesen, eine
Kämpfernatur, die etwas vom Leben erwartete und alles daran setzte, das sich
diese Erwartungen auch erfüllten. Und heute? Es war viel davon verlorengegangen,
leider... Einen entscheidenden Teil davon hatte sie ihrer Ehe geopfert, und
manchmal fragte sie sich, ob es das wert gewesen war.
Aber irgendwie konnte sie Sean verstehen, dass er sich zu diesem Mädchen
hingezogen fühlte, vielleicht war sie genau das, was er brauchte, um erwachsen
und selbstständig zu werden.
„Na gut!“ sagte sie und nickte ihrem Sohn zu, „dann ist ja alles in Ordnung.
Dann zeig mal Deiner Freundin ihr neues Zuhause!“
Derek schüttelte verständnislos den Kopf und reichte Sara einen neuen Eisbeutel,
den sie sich stöhnend auf die Stirn legte.
„Ich kann gar nicht begreifen, dass es Dir nach diesen harmlosen Drinks, die ich
dir gemixt habe, so schlecht geht!“ meinte er und setzte sich auf den Bettrand.
„Da war doch außer Mineralwasser und Fruchtsaft nur ein winziger Schluck Sekt
dran, kaum der Rede wert!“
„Hör auf!“ stöhnte Sara und verdrehte die Augen. „Kein Wort mehr davon! Oder
glaubst Du, es geht mir von Deinem Kinderbelustigungsmittel so miserabel? Dieses
orangefarbene Teufelszeug war schuld daran...“
Jetzt wurde Derek einiges klar. Er sah sie fassungslos grinsend an.
„Du hast doch nicht etwa den „Sunset“ getrunken?“
Jade hatte nur von ihrem Glas genippt und er selbst hatte den Drink kaum
angerührt, da er über dessen Wirkung nur zu gut bescheid wußte. Die beiden
Drinks standen unbeachtet an der Seite, als Sara auftauchte. Sie hatte ihn auch
noch danach gefragt...
„Wann hast Du das Zeug getrunken?“ fragte er, sich mühsam ein Lachen verbeißend.
„Als Du im Weinkeller warst!“ antwortete sie matt und hielt sich den Kopf. „Mir
ist so furchtbar übel, und das ganze Zimmer dreht sich... Derek, verschwinde mal
hier, ich muß ins Bad... Mit dem Eisbeutel in der Hand sprang sie auf und warf
die Badezimmertür geräuschvoll hinter sich zu.
Derek lachte und rieb sich die Stirn.
„Ich bin dann unten, falls Du mich brauchst!“ rief er und verließ das Zimmer.
So wie gestern hatte er Sara bisher noch nicht erlebt.
Zuerst hatte sie nur schmollend dagesessen, weil er wenig Zeit hatte und sich um
die anderen Gäste kümmern mußte. Irgendwann war ihm dann aufgefallen, dass sie
unentwegt lächelte. Und als sie später nach Hause gehen wollten, war sie vom
Hocker gefallen, er hatte sie gerade noch halten können. Na gut, er hatte das
für eine Unachtsamkeit gehalten. Stutzig war er geworden, als sie anfing, Mark
und Tim zum Abschied zu umarmen und abzuküssen, und als sie der Säule am Ausgang
unbedingt noch einen Abschiedskuss geben wollte, weil diese, wie sie meinte, ihr
bester Freund sei, da war ihm dann doch irgendwie aufgefallen, dass etwas ganz
und gar nicht in Ordnung war.
Der Heimweg war grauenhaft gewesen, Sara taumelte von einer Seite des Weges auf
die andere, sang ständig lauthals das Lied von den „Zehn Matrosen“, dessen Text
ohnehin nicht ganz jugendfrei war und war nicht dazu zu bewegen, damit
aufzuhören. Schließlich hatte er sie über die Schulter geworfen und das letzte
Stück bis nach Hause getragen, inständigst darauf hoffend, dass ihnen keiner
mehr begegnen würde.
Leider wurde dieser Wunsch nicht erhört, denn der ältere Herr, der zu später
Stunde noch seinen Hund ausführte, zweifelte angesichts Saras „Lage“ an Dereks
ehrlichen Absichten der jungen Dame gegenüber und forderte ihn lauthals auf, sie
sofort in Ruhe zu lassen, wobei er seinen Spatzierstock gefährlich schwang, um
seinen Worten Nachdruck zu verleihen, und dieser dämliche Köter Derek an der
Hacke hing, wo er sich auch noch in den teuren Lederschuh verbiss. Schließlich
konnte er den Hund abschütteln und kam humpelnd und schimpfend mit Sara über der
Schulter zu Hause an.
Er hatte sie im Schlafzimmer abgesetzt, wo sie sofort umfiel wie ein nasser
Sack. Schließlich zog er ihr einfach nur noch Hose und Bluse aus und steckte sie
ins Bett. Sie schlief augenblicklich ein und sie schnarchte die halbe Nacht wie
ein alter Maulesel.
Wieder einmal ein Abend, der ganz anders verlaufen war, als er es sich erhofft
hatte.
Eigenartig, das passierte ihm in letzter Zeit immer öfter!
Paula war alleine in ihrem Zimmer und dachte über ihr merkwürdiges Gespräch mit
Gabi nach. Irgend etwas verheimlichte ihre Freundin ihr, das spürte Paula genau.
Gabi war seit dem Abend mit ihr und Ricardo wie ausgewechselt, kühl, distanziert
und ständig schlechter Laune. Paula konnte sich diesen Sinneswandel gar nicht
erklären, denn sie hatte Gabi ganz anders in Erinnerung. Offenbar hatte ihre
Veränderung doch etwas mit Ricardo zu tun.
Paula nahm sich vor, Gabi deswegen noch einmal zur Rede zu stellen, doch jetzt
mußte sie erst einmal ihre eigene Krise bewältigen.
Sie dachte an ihr Zuhause in Dallas, an ihren Mann und ihre knapp zwei Jahre
alte Tochter, die sie Hals über Kopf verlassen hatte. Es war eine
Kurzschlusshandlung, denn sie war es leid gewesen, von ihrem Mann nur noch wie
ein Hausmütterchen behandelt zu werden. Als sie ihm erklärt hatte, daß sie
wieder arbeiten wollte, hatte es einen heftigen Streit gegeben, und Paula hatte
überstürzt die Konsequenzen gezogen. Sie hatte die Kleine zu den Schwiegereltern
gebracht und sie gebeten, tagsüber auf sie aufzupassen, bis ihr Vater sie abends
abholen konnte.
Denn Bill, Paulas Mann, war ein Workaholic wie er im Buche steht. Seine Meinung
über Job und Kindererziehung hatte sie anfangs ihrer gemeinsamen Tochter zuliebe
toleriert. Doch nun war Jennifer den Babyschuhen entwachsen, und in Paula wurde
der Wunsch wach, wieder in ihren alten Job zurückzukehren. Leider hatte sich
Bills Einstellung seit Jennifers Geburt immer noch nicht geändert, und er wollte
nichts davon wissen, daß sie ihre eigenes Geld verdienen wollte.
Wie kann man nur so stur sein!
Seufzend stand Paula auf und ging in das angrenzende Badezimmer, um sich die
Haare zu ordnen.
Plötzlich hörte sie ein leises Klopfen.
"Herein! Einen Moment noch," rief sie, " während sie ihre Lippen nachzog. "Ich
bin kurz im Bad und komme gleich!"
Als sie wieder in das Zimmer trat, blieb sie geschockt stehen.
"Bill ...?! Was machst Du hier?"
Er sah mitgenommen aus, hatte dunkle Ringe unter den Augen und sah sie
verzweifelt an.
"Woher wußtest Du ...?" Sie sah ihn fragend an.
Er atmete tief durch.
"Deine Mutter hat mich angerufen und mir gesagt, wo Du bist!" Er senkte den
Kopf. "Ich habe aber von Anfang an vermutet, daß Du in Sunset Beach bist."
Er hob den Kopf und sah sie an. "Ich bin hier, weil ich Dich bitten möchte, mit
mir nach Hause zu kommen ...!" Er machte eine kurze Pause und sah sie flehend
an. "Jenny und ich ... wir brauchen Dich!"
Derek war gerade auf dem Weg ins Wohnzimmer, als das Telefon schellte. Er hob ab
und war erstaunt, Megs Stimme zu hören.
"Ist Sara da? Ich muß dringend mit ihr reden!"
Derek kratzte sich am Kopf. Zu einem ungünstigeren Zeitpunkt hätte sie gar nicht
anrufen können!
"Hi Meg! Du willst Sara sprechen? Nun, ich weiß nicht recht, ob sie dazu schon
in der Lage ist ...!" Derek spürte förmlich Megs Unruhe.
"Wieso? Was soll das bedeuten?"
Derek atmete tief durch, bevor er weitersprach.
"Wir waren gestern zusammen im Deep, und Sara ... hat ein bißchen viel
getrunken!" umschrieb er vorsichtig ihren Zustand.
"Sara betrunken? Das soll wohl ein Witz sein! Sara stößt nicht mal an Neujahr
mit Sekt an. Sie verabscheut Alkohol zutiefst!"
Derek konnte sich nur mit Mühe ein Grinsen verkneifen.
"Gestern abend hat sie ihn gemocht, und nun hat sie mächtige Kopfschmerzen!"
Meg fasste sich schnell wieder.
"Das geschieht ihr recht! Was muß sie sich auch ständig auf Neuland begeben!"
Derek lachte.
"Du sprichst von mir, oder? Sara hat mir erzählt, daß ihr Euch gestritten habt.
Es paßt Dir nicht, daß sie bei mir wohnt, oder? Warum nicht, bist Du etwa
eifersüchtig?"
Er lachte, und Meg mußte dem Impuls widerstehen, sofort den Hörer aufzulegen.
Was bildete er sich nur ein!
Derek hörte, wie sie schwer atmete.
"Hey, sollte ein Scherz sein!" versuchte er sie aus der Reserve zu locken. "Du
bist doch sonst nicht so humorlos!"
"Nein, erst seit meine Schwester bei Dir wohnt!" sagte Meg schnippisch. "Richte
Sara bitte aus, daß sie sich bei unserer Mutter melden soll! Ich bin es leid,
ständig für sie lügen zu müssen!" Sie machte eine Pause. "Bei der Gelegenheit
kann Sara Mum auch erzählen, daß sie jetzt bei Dir wohnt!"
Derek runzelte die Stirn. Diese Nachricht würde Sara komplett den Tag verderben!
"Okay, ich richte es ihr aus ... und wie läufts zwischen Dir und Ben?" Derek
ahnte schon, als er die Frage stellte, daß Meg wenig Interesse daran haben
würde, ihm etwas über ihr Liebesleben zu erzählen.
"Ich würde sagen, daß Dich das gar nichts angeht!" beantwortete sie seine Frage.
Derek lachte, und als er das Klicken im Hörer hörte wußte er, daß Meg aufgelegt
hatte. "Wer war das?"
Sara stand schwankend auf dem oberen Absatz der Treppe und hielt sich am
Geländer fest.
Derek legte das Telefon beiseite.
"Das war Meg!"
Langsam ging Sara die Treppe hinunter.
"Und was wollte sie?" fragte sie misstrauisch.
"Du sollst Deine Mutter anrufen. Sie macht sich schon Sorgen um Dich!"
Sara griff sich an den Kopf.
"Ja, sollte ich, aber erst, wenn ich wieder zusammenhängende Sätze von mir geben
kann und mir nicht mehr so übel ist!"
Derek grinste.
"Ach ja, bei der Gelegenheit sollst Du Deiner Mutter auch gleich sagen, daß Du
jetzt bei mir wohnst!"
Sara riß die Augen auf. Sie hatte überhaupt nicht daran gedacht, daß sie ihren
Eltern davon erzählen mußte! "Oh nein" dachte sie, "Mum wird einen Herzanfall
bekommen!" Sie spürte, wie sie erneut eine Übelkeitswelle ergriff. Sie sprang
auf und rannte so schnell sie konnte die Treppe wieder hinauf.
Derek sah ihr überrascht hinterher und hörte nur noch, wie die Badezimmertür
wieder ins Schloss fiel.
Paula stand wie versteinert da, unfähig, auch nur ein Wort zu sagen.
"Die Tage, die Du fort warst," fuhr Bill mit seiner Erzählung fort, "waren die
Hölle für mich! Jenny hat viel geweint und nach Dir gefragt, und ich konnte ihr
nicht einmal sagen, warum Du gegangen bist. Sie hätte es nicht verstanden!" Er
räusperte sich und sah Paula an, die immer noch regungslos da stand. "Ich habe
noch einmal über alles nachgedacht und bin bereit, Dir mehr Freiheiten zu
geben!"
Paula fand ihre Stimme wieder.
"Was ... was soll das bedeuten?" fragte sie und sah ihn an. Er erwiderte ihren
Blick. "Meine Eltern wären bereit, Jenny tagsüber zu betreuen, damit Du wieder
arbeiten gehen kannst. Das wolltest Du doch, oder habe ich Dich da falsch
verstanden?"
Paula sah ihn überrascht an. Sie ahnte, wie schwer es ihm gefallen sein mußte,
nachzugeben und sie um Verzeihung zu bitten. Bill war ein Mensch, der ständig
alles unter Kontrolle haben wollte, und das er jetzt nachgab war für Paula der
Beweis, daß er ihrer Ehe doch noch eine Chance geben wollte.
Langsam ging sie auf ihn zu und strich im vorsichtig über die Wange.
"Auch ich habe Fehler gemacht ..." gab sie zu. "... und ich habe Euch beide auch
schrecklich vermißt!" fügte sie leise hinzu.
Er nahm sie sanft in seine Arme, und ihre Lippen fanden sich zu einem innigen
Kuß.
Es klopfte an der Tür, und Bill schob Paula etwas von sich weg.
"Herein!" Paula fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Sie war überrascht, ihre
Mutter zu sehen.
"Mum ...!"
Elaine schaute von Paula zu ihrem Schwiegersohn, und ein Lächeln erschien auf
ihrem Gesicht.
"Ihr habt Euch wieder versöhnt?" fragte sie und sah Paula gespannt an. Als sie
sah, wie diese errötete und verlegen lächelte, nahm sie ihre Tochter in den Arm.
"Wie schön!"
Sie zwinkerte Bill verschwörerisch zu, der ebenfalls zurückblinzelte.
Elaine ließ Paula los und strahlte über das ganze Gesicht.
"Kinder," sagte sie. "Das müssen wir feiern!"
Nachdem Meg aufgelegt hatte, brauchte sie eine Weile, um ihren Puls wieder auf
Normalfrequenz zurück zu bringen. Derek brachte sie immer völlig aus der
Fassung!
Ben kam gerade aus seinem Büro, um Meg einige Unterlagen zu bringen. Er bemerkte
gleich ihre miese Stimmung.
"Was ist los?"
Sie strich sich eine Haarsträhne zur Seite.
"Ach, nichts weiter. Ich habe vorhin bei Derek angerufen, weil ich kurz mit Sara
reden wollte ...!" Meg holte tief Luft, ehe sie weitersprach. "Seitdem sie nach
Sunset Beach gekommen ist und sich in Deinen Bruder verknallt hat, ist sie wie
ausgewechselt!"
Ihre Stimme nahm einen scharfen Ton an.
Ben runzelte die Stirn.
"Was ist denn nun schon wieder passiert?"
Meg sprang auf und begann nervös im Büro auf und ab zu laufen.
"Sara hat sich gestern abend betrunken!" stieß sie wütend hervor. "Sie hat nie
Alkohol angerührt ... erst seitdem sie hier ist!"
Ben konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
"Das ist nicht komisch, Ben!" sagte Meg vorwurfsvoll. "Sara war zwar immer schon
sehr impulsiv, aber sie wäre niemals Hals- über Kopf bei einem Mann eingezogen,
den sie erst kurze Zeit kennt!" Sie sah Ben stirnrunzelnd an. "Seitdem sie mit
Derek zusammen ist, tut sie Dinge, an die sie früher nicht mal im Traum gedacht
hätte! Es ist," fügte sie hinzu, "als ob er sie verhext hätte!"
Ben mußte plötzlich lachen.
"Nein, Meg, ich denke nicht, daß Derek über solche Fähigkeiten verfügt! Es gibt
eine ganz simple Erklärung dafür ...!" Er zog sie in seine Arme. "Sie hat sich
verliebt!"
Ihre Blicke trafen sich und Meg mußte unwillkürlich lächeln.
"Ja, scheint so ...!"
Ben gab Meg einen Kuß auf die Nasenspitze.
"Ich will ja nicht drängeln, aber diesen Bericht müsstest Du bis heute noch
bearbeiten." Er legte ihr das Dokument auf den Schreibtisch, warf ihr noch einen
verliebten Blick zu und verschwand wieder in seinem Büro.
Meg seufzte und machte sie an die Arbeit.
Nachdem Sara sicher war, daß nichts mehr in ihrem Magen war, das ihr Übelkeit
verursachen konnte, duschte sie sich und zog sich an. Als sie ins Schlafzimmer
kam, zog Derek sich gerade seine Sportklamotten an. Er grinste spöttisch.
"Ich dachte schon, daß Du den ganzen Tag im Bad bleiben würdest!"
Sara streckte ihm die Zunge heraus, was Derek nur ein Lachen entlockte.
"Wie ist es - Lust auf einen kleinen Morgenlauf?"
Sie schüttelte vorsichtig den Kopf. Ihr Schädel brummte immer noch leicht, und
sie hatte keine Lust sich beim Laufen durchschütteln zu lassen.
"Geh' Du nur!" sagte sie und sah ihn leidend an. "Ich werde mir heute etwas Ruhe
gönnen!"
Derek schmunzelte.
"Ich glaube, das war vorläufig Dein letzter Alkohol-Exzess, oder irre ich mich
da? Ich habe Dich ja gewarnt, aber wer nicht hören will ...!"
Sara nahm ein Kissen und bewarf ihn damit.
"Verschwinde!"
Derek hob lachend die Hände und verließ den Raum. Sie hörte, wie die Haustür ins
Schloss fiel und ging die Treppe hinunter ins Wohnzimmer.
Seufzend nahm sie das Telefon und wählte die Nummer ihrer Eltern.
Sara hielt einen Moment die Luft an, als sie die Stimme ihrer Mutter hörte, doch
dann sprudelte es aus ihr heraus, wie aus einem Wasserfall. Sie erzählte Joan
alles über ihren Aufenthalt auf der Insel und ihren überstürzten Auszug aus dem
Surf Central.
Joan hörte interessiert zu und unterbrach Sara nicht, doch eine Sache
interessierte sie noch.
"Wenn Du nicht mehr im Surf Central wohnst, wo denn dann?"
Sara kaute nervös auf ihrer Lippe herum. Sie wollte gerade antworten, als ihre
Mutter sie unterbrach.
"Warte mal ... sag' mir jetzt nicht, daß Du bei diesem ... oh nein, Sara, bitte
sag' mir, daß Du nicht bei Derek Evans wohnst!"
Sara schloß die Augen. Am liebsten hätte sie den Hörer aufgelegt, doch sie
wußte, daß dies keine Lösung war.
"Mum, bitte, reg' Dich doch nicht auf!" versuchte sie ihre Mutter zu
besänftigen.
"Du wohnst also tatsächlich bei ihm!" stieß Joan hervor. "Sara, ich habe Dich
nicht 19 Jahre lang großgezogen, um mir jetzt mit anzusehen, wie Du Dein Leben
ruinierst!" Joans Stimme klang aufgebracht.
Sara schluckte. Sie fühlte sich in die Enge getrieben, und es tat ihr weh, daß
sie ihre Mutter enttäuscht hatte.
"Mum ... ich liebe ihn doch so sehr!" brachte sie schwach hervor. Sie hörte, wie
ihre Mutter schwer atmete.
"Nun gut, wie Du meinst," sagte sie abweisend. "Aber glaube nicht, daß Du mit
meiner oder der Unterstützung Deines Vaters rechnen kannst, wenn er Dich wieder
sitzen läßt! Du bist alt genug, Deine eigenen Entscheidungen zu treffen ..."
Joans Stimme klang hart und unerbittlich. "Dann mußt Du auch mit den
Konsequenzen leben!"
Ohne sich noch einmal zu verabschieden, legte Joan einfach auf.
Sara saß auf dem Sofa und hielt den Hörer umklammert. Ein Gefühl der
Verzweifelung kroch in ihr hoch. Erst Meg und jetzt noch ihre Mutter! Sie zog
ihre Beine unter den Körper und umklammerte sie. Sie fühlte sich einsam und
leer...
Schließlich ließ sie ihren Kopf auf die Knie fallen und begann hemmungslos zu
weinen.
Während Jade Lucas uns Sam vom Flughafen abholte, machte sich A.J. auf den Weg
ins Krankenhaus, um nach seinem Sohn zu sehen. Cole hatte gute Fortschritte
gemacht und hoffte nun, bald entlassen zu werden. Im „Sunset Inn“ wartete
bereits eine Suite auf ihn, die sein Vater gemietet hatte. Dort würde er sich
dann erst einmal erholen.
Als A.J. die Klinik fast erreicht hatte, sah er, wie Olivia Richards aus ihrem
Wagen stieg und sich anschickte, eines der modernen Gebäude in der Main- Street
zu betreten.
„Olivia!“ rief er erfreut und winkte ihr zu.
Sie blieb stehen und lächelte ihn erfreut an.
„A.J.! Was tun Sie denn so früh hier? Wollen Sie Ihren Sohn besuchen?“
„Ja, das hatte ich vor.“ antwortete er und hielt ihre Hand länger, als er es
hätte tun sollen. „Schön, Sie wiederzusehen. Ich wollte Sie schon anrufen...“
„Warum haben Sie es nicht getan?“ fragte Olivia und sah ihn prüfend an, während
sie zögernd ihre Hand aus seiner löste. Aber immerhin befanden sie sich hier
mitten auf der Strasse, und ihr guter Ruf, beziehungsweise das, was davon noch
übrig war, lag ihr doch sehr am Herzen.
A.J. lächelte. Er blieb ihr die Antwort schuldig und sah stattdessen auf das
Schild über dem Eingang des Gebäudes.
„Sunset Beach Radio Station – RSB” stand dort in goldenen Lettern.
“Was wollen Sie denn beim Radiosender?” fragte er neugierig.
Olivia lachte.
„Zufällig arbeite ich hier.“ antwortete sie und fügte nach einer
bedeutungsvollen Pause hinzu:
„Und zufällig gehört mir dieser Sender! – jedenfalls noch...“ Ihr Gesicht
verfinsterte sich.
A.J. sah sie aufmerksam an.
„Noch? Was soll das heißen, haben Sie Probleme?“
„Allerdings.“ Sie betrachtete ihn nachdenklich. „Interessiert Sie das wirklich?“
Er nickte.
„Natürlich, irgendwie interessiert mich alles, was Sie betrifft, Olivia!“
„Gut,“ sagte sie etwas verlegen und hoffte, dass er nicht sah, wie sie leicht
errötete, „dann sollten wir vielleicht in mein Büro gehen, anstatt hier auf der
Strasse herumzustehen, das heißt... wenn Sie noch etwas Zeit haben!“
„Für Sie nehme ich mir alle Zeit der Welt!“ antwortete er galant, nahm ihren Arm
und begleitete sie in das Gebäude.
Später saßen sie beide bei einer Tasse Kaffee in Olivias modern eingerichtetem
Büro.
„Ich leite den Sender jetzt seit 10 Jahren.“ erzählte Olivia, „alles
Organisatorische erledigen meine Angestellten, aber ich habe die Stimmenmehrheit
im Aufsichtsrat und somit erstes Entscheidungsrecht. Leider läuft es in der
letzten Zeit finanziell nicht mehr so gut. Wenn ich ehrlich sein soll, sogar
sehr schlecht. Es sieht ganz so aus, als müßte ich den Sender verkaufen.“
A.J. sah sie erstaunt an.
„Das verstehe ich nicht, Olivia! Gerade in finanzieller Hinsicht dürften Sie
doch keine Probleme haben!“
Olivia lachte bitter.
„Sehen Sie...“ meinte sie etwas zögernd, entschloß sich dann aber, die Karten
offen auf den Tisch zu legen, „ich bin in geschäftlichen Dingen nicht so
bewandert und habe mich aus dem Grund viel auf meine beiden Berater in der Firma
verlassen, zu viel, wenn Sie verstehen, was ich meine!“ Sie sah ihn an und er
nickte.
„Ah ja, und diese Herren haben Sie so gut beraten, dass Sie nun vor dem Bankrott
stehen!“
„Ja, leider! Die Geschäftskonten sind fast leer und die beiden sonnen sich
sicher bereits auf irgend einer Südseeinsel und lachen sich halb tot über meine
Gutgläubigkeit!“
„Und was sagt Ihr Mann dazu?“ erkundigte sich A.J. vorsichtig. „Ich meine, er
ist Anwalt und er verfügt doch über die entsprechenden finanziellen Mittel, um
Ihnen irgendwie aus dieser Notlage herauszuhelfen, oder?“
„Ja natürlich... der große Gregory Richards!“ lachte Olivia sarkastisch und
schnippte mit dem Finger. „Für ihn wäre es eine Kleinigkeit, den Sender wieder
zu dem zu machen, was er war, einer der besten an der Südküste!“ Ihr Lachen
verschwand und sie sah A.J. ernst an. „Aber das würde er niemals tun! Und soll
ich Ihnen auch sagen, warum nicht? Ganz einfach, weil er schon immer dagegen
war, dass ich halbwegs erfolgreich etwas eigenes aufbaue, und weil er von je her
der Meinung war, ich würde dieses Projekt in den Sand setzen, weil ich einfach
zu dumm dazu bin!“ Sie schlug mit der Hand auf den Tisch und sprang auf.
„Vielleicht hat er damit sogar recht, wie immer!“
Sie trat ans Fenster und starrte hinaus.
A.J. stand auf, trat hinter sie und legte ihr seine Hände auf die Schultern.
„Ich glaube, Ihr Mann unterschätzt Sie, Olivia, und zwar gewaltig!“ sagte er
leise. „Sie sind intelligent, wunderschön und auf keinen Fall... dumm!“
„Wissen Sie, manchmal habe ich das Gefühl, er steckt selbst hinter der ganzen
Sache!“ meinte sie resigniert. „Es ist ihm eine Genugtuung, dass ich das Ganze
vermasselt habe. Er behält Recht, wie immer, und nun hat er wieder die Kontrolle
über alles, und über mich... Morgen ist die Vorstandssitzung, und das war`s dann
wohl.“
„Nun, vielleicht auch nicht.“ sagte A.J. und lächelte geheimnisvoll, als sie
sich erstaunt nach ihm umdrehte. „Ich meine nur, bis morgen kann ja noch viel
geschehen!“ fügte er vage hinzu.
Plötzlich war es unsagbar still im Raum, die Luft schien wie elektrisch
aufgeladen, voller knisternder Spannung.
Sie sahen sich an und es war wie ein Zauber, als Olivia plötzlich seine Lippen
auf ihren spürte. Er küßte sie sanft und zärtlich und mit einem leisen Stöhnen
erwiderte sie seine Umarmung und vergaß für ein paar Sekunden ihre Sorgen und
ihre Einsamkeit.
Cole sah ungeduldig auf die Uhr. Schon eine ganze Weile wartete er auf seinen
Vater. A.J. wollte um 9.00 Uhr da sein, und jetzt war es bereits nach Zehn.
Dabei hatte Cole gute Neuigkeiten! Er saß in der Empfangshalle der Klinik, neben
sich die Tasche mit seinen Sachen. Dr. Robinson hatte ihm heute morgen nach
einer eingehenden Abschlußuntersuchung erlaubt, das Krankenhaus zu verlassen.
Natürlich mußte er jeden Tag wieder herkommen und sein Reha- Programm
absolvieren, aber das war Cole egal, hauptsache er war endlich raus hier!
Er überlegte, ob er seinen Vater anrufen sollte, als er eine wohlbekannte Stimme
vernahm.
„Was soll das heißen, Dr. Chang ist nicht da! Ich habe heute einen Termin bei
ihr und werde mich nicht von irgendeinem anderen Arzt untersuchen lassen, das
kommt überhaupt nicht in Frage! Also... wann ist Dr. Chang wieder hier?“
Annie Douglas, unverkennbar!
Cole grinste. Wie ein Wirbelwind mischte sie mal wieder die Schwestern am
Empfang auf, die vergeblich versuchten, ihr höflich zu erklären, dass Dr. Chang
Urlaub hatte und sie nicht wüssten, wann genau sie zurückkäme.
„Eine Unverschämtheit!“ schnaubte Annie. „Habt Ihr hier eigentlich keinen
Urlaubsplan? Wie kann man Termine vergeben, wenn der Arzt gar nicht da ist!“
„Miss Douglas, ich sagte Ihnen doch schon, wir haben eine Vertretung...“
unternahm Roxi noch einen letzten verzweifelten Versuch, die Ruhe im
Empfangsraum wieder herzustellen, doch wenn Annie einmal auf Touren war, konnte
sie nichts so leicht besänftigen.
Cole nahm seine Krücken und wollte gerade zu ihr hinübergehen, als sich der eine
Rettungssanitäter, der mit seinem Kollegen vor ein paar Minuten einen
verunglückten Badegast hergebracht hatte und nun mit der Schwester die
entsprechenden Formalitäten erledigte, in das Gespräch einmischte. Er nahm Annie
beiseite und sprach mit beruhigender Stimme auf sie ein.
„Hey, Annie, jetzt mach mal hier nicht so einen Aufstand! Schon mal was von
dringenden Familienangelegenheiten gehört?“
„Mmh...“ machte Annie und sah ihn genervt an, „aber muß sie die ausgerechnet auf
meine Termine verlegen?“
Der Sanitäter lachte.
„Das ist natürlich eine bodenlose Frechheit, zugegeben...“
„Ach Casey! Mach Dich nur noch über mich lustig!“ maulte Annie. „In der letzten
Zeit geht mir einfach alles schief!“
Casey nickte und verzog das Gesicht.
„Wem sagst Du das...“ Er sah sie lächelnd an. „Warum gibst Du Dr. Robinson keine
Chance!“
Annie sah ihn misstrauisch an.
„Dr. Robinson? Ich hatte noch nie mit ihm zu tun.“
„Er ist in Ordnung.“ meinte Casey aufmunternd.
„Das kann ich bestätigen!“ mischte sich Cole, der unbemerkt hinter die beiden
getreten war, in das Gespräch ein. „Mich hat er jedenfalls ganz fabelhaft wieder
zusammengeflickt!“
„Cole!“ Annies düstere Miene erhellte sich sofort. Sie sah ihn prüfend an. „Ja,
Du scheinst dich wirklich gut erholt zu haben!“
Er lachte, und die beiden Grübchen auf seinen Wangen brachten Annie fast um den
Verstand.
Cole wandte sich an Casey.
„Entschuldigung, ich wollte Ihr Gespräch nicht belauschen, aber...“
„Annie war ja schließlich nicht zu überhören!“ ergänzte Casey und reichte ihm
die Hand.
„Casey Mitchum“ stellte er sich vor.
„Cole Deschanel.“
Mit seinem guten Gespür für seine Mitmenschen ahnte Casey, dass sich Cole und
Annie noch einiges zu sagen hatten, deshalb verabschiedete er sich rasch.
„Ich muß los, die Arbeit ruft. Überleg Dir meinen Vorschlag, Annie, denn ich
glaube nicht, dass Rae... Dr. Chang so bald zurückkommt.“
Er grüßte zum Abschied und war schon um die Ecke.
„Tja...“ sagte Annie und sah Cole etwas verlegen an, „so trifft man sich also
wieder.“
Cole nickte und sah sie lächelnd an.
„Hast Du noch etwas Zeit für... einen alten Freund?“ fragte er vorsichtig und
wies auf die leere Wartenische, in der seine Tasche stand.
Annie nickte.
„Klar, ich weiß sowieso noch nicht, ob ich diesen Termin heute wahrnehme.“
antwortete sie mit einem ungnädigen Blick zum Empfang. „Ich hasse es, ständig
den Arzt zu wechseln!“
Sie setzten sich und sahen sich an.
Annie spürte, wie ihr unter Coles Blick die Hitze ins Gesicht stieg, ein
Zustand, den sie sonst gar nicht von sich kannte. Krampfhaft suchte sie nach
einem Gesprächsthema.
„Und... wohin willst Du jetzt? Ich meine, wo wirst Du wohnen?“ fragte sie
unsicher.
„Ich warte, dass mein Vater mich abholt. Er hat ein Zimmer für mich im „Sunset
Inn“ reserviert.“ antwortete Cole, ohne sie jedoch dabei aus den Augen zu
lassen. Er fand Annie wunderschön, mit ihrem roten Haar und den winzigen
Sommersprossen, die sich vergeblich unter ihrem dezenten Make up zu verbergen
versuchte.
Sie lächelte.
„Dann wirst Du also noch eine Weile in Sunset Beach bleiben?“ fragte sie und
versuchte vergeblich, nicht zu hoffnungsvoll zu klingen.
„Ja, ich denke, ich werde noch ziemlich lange hier sein.“ bestätigte er
lächelnd. „Jedenfalls, bis meine Firma den Auftrag für die Liberty Corporation
erledigt hat. Ich hoffe, ich kann auch noch ein wenig daran mitarbeiten.“
„Du solltest Dich aber noch schonen!“ warnte Annie. „Bist du denn... ich meine,
ist alles wieder in Ordnung, nach dem Unfall?“
„Ja, ich denke schon.“ bestätigte Cole schmunzelnd. „Mit ein bisschen Übung
werde ich bald wieder ganz der Alte sein!“
Er lachte sie an und seine Augen blitzten schelmisch.
Annie biß sich auf die Lippen. Sie hatte ihn schon einmal ganz unvermittelt aus
einer plötzlichen Reaktion heraus geküßt, und am liebsten würde sie es sofort
wieder tun, aber irgend etwas hielt sie zurück. Sie konnte sich diese Unruhe
nicht erklären, die sie immer dann erfasste, wenn sie nur an Cole dachte. Das
machte ihr Angst, aber zugleich war es ein wundervolles Gefühl.
„Liebst Du Caitlin Richards eigentlich?“ platzte sie heraus und bereute diese
Frage sofort, doch es war zu spät.
Cole sah sie erstaunt an.
„Wieso interessiert Dich das?“
Annie schluckte.
„Ich... na ja, eigentlich interessiert es mich nicht, aber...“
Er zog die Augenbrauen hoch und schaute sie prüfend an.
„Hättest Du ein Problem damit, wenn es so wäre?“
„Jaaa!“ schrie eine Stimme in ihr.
„Nein!“ antwortete sie lauter als beabsichtigt.
Cole lachte.
„Na, dann ist ja alles in Ordnung.“ Er griff nach ihrer Hand, doch sie zog sie
abrupt zurück und sprang auf.
„Also dann, ich muß los! Alles Gute, Cole!“ Sie drehte sich um und rannte zum
Ausgang, wo sie unsanft mit A.J. zusammenprallte.
„Langsam, junge Dame!“ murmelte er belustigt, aber sie knurrte nur etwas von
„gefälligst besser aufpassen“ und war schon draussen.
Vor der Tür holte sie tief Luft und schüttelte den Kopf über sich selber.
„Was ist nur mit mir los! Meine Güte, reiß Dich zusammen, Annie Douglas, Du bist
doch kein verliebter Teenager mehr!“ murmelte sie verwirrt und machte sich auf
den Heimweg.
Jade war gerade vom Flughafen zurückgekommen und trat hinaus auf den Balkon des
Hotelzimmers. Sie atmete tief die frische Seeluft ein, genoß die Sonne auf der
Haut und ließ ihren Blick über den Strand schweifen.
Plötzlich zog ein Lächeln über ihr Gesicht.
„Na sieh mal einer an!“ sagte sie überrascht und beobachtete den Mann, der mit
geschmeidigen, kraftvollen Bewegungen den Strand entlangjoggte. „Das nenne ich
Arbeitsmoral! Bringt früh die Freundin in die Firma, läßt sie für sich arbeiten,
und macht sich selbst einen schönen Tag!“ Tadelnd schüttelte sie den Kopf. „Das
ist nicht nett, Mister Evans! Aber äußerst interessant!“
Sie hatte schon mehrfach beobachtet, dass die Jogger bis zu den Felsen liefen
und dann auf dem selben Weg am Wasser entlang zurückkamen.
In wenigen Sekunden war sie umgezogen und auf dem Weg zum Strand. Sie rückte ihr
Badelaken so dicht wie möglich ans Wasser und setzte sich lächelnd.
„Na dann, schöner Mann, auf zur zweiten Runde!“
Derek sah sie schon
von weitem, wie sie auf ihrem Laken saß, die langen schlanken Beine von sich
gestreckt, im aufreizend knappen Leopardenlook- Bikini.
Seine ohnehin schon erhöhte Pulsfrequenz stieg erheblich, als er sich ihr
näherte.
Lächelnd sah sie ihm entgegen. Er ließ sich neben sie in den Sand fallen und
musterte sie von oben bis unten.
Jade schien das nicht zu stören.
„Hallo Derek!“ sagte sie mit dieser etwas rauchigen Stimme, die ihm so gefiel.
„Wie schön, Sie ohne Ihre kleine Freundin zu sehen!“
Er stutzte kurz. Hatte sie ihn etwa gestern im „Deep“ noch beobachtet? Das wäre
ihm dann doch etwas peinlich gewesen, und er hoffte nur, dass sie, wenn es so
wäre, Saras nächtlichen Auftritt nicht mitbekommen hatte. Er beschloß, nicht
weiter auf das Thema einzugehen. Sein Blick wanderte von ihrem Bikinioberteil zu
ihren verführerisch blitzenden Augen.
„Sie haben mich gestern abend versetzt!“ sagte er mit einem Lächeln und sah sie
auf seine unverwechselbare Art an, aber Jade schien das wenig zu beeindrucken.
„Ich hatte noch etwas vor.“ entgegnete sie knapp. „Außerdem war es mir in der
Bar zu voll und zu laut.“
„Ja, hier ist es schon wesentlich angenehmer!“ grinste er und sein Blick begann
erneut zu wandern.
Jade streckte sich auf ihrem Strandlaken aus und schloß die Augen. Als sei er
gar nicht da, murmelte sie:
„Ich finde es herrlich, die Sonne auf der Haut zu spüren, ein phantastisches
Gefühl!“
Derek warf einen kurzen Blick über die Strandpromenade. Sein Haus war von hier
aus nicht zu sehen, und Sara telefonierte sicher noch mit ihrer Mutter.
Seine Chance!
Er rückte etwas näher und beugte sich über sie. Ihr Parfüm duftete
verführerisch, und er strich ihr leicht über die Wange. Wenn sie sich das
gefallen ließ, würde er es wagen, sie zu küssen, anscheinend legte sie es ja
darauf an.
Jade rührte sich nicht.
Als seine Lippen ihre fast berührten, rollte sie sich plötzlich nach der Seite
weg und sprang auf.
„Na, Mister Sportsman, wie wäre es mit einer kleinen Abkühlung?“ meinte sie
bedeutungsvoll, drehte sich um und stürzte sich mit anmutigen Bewegungen in die
Fluten.
Derek blieb noch eine Weile sitzen, aber Jade ließ sich Zeit und dachte
anscheinend überhaupt nicht daran, wieder aus dem Wasser zu kommen.
Er sah auf seine Uhr. Seine Zeit wurde knapp. Schließlich stand er auf und
trabte missmutig zurück zu seinem Strandhaus.
Elaine goß Paula im Waffleshop einen Kaffee ein und schob ihrem Schwiegersohn
eine ihrer berühmten Waffeln zu. Dieser hob abwehrend die Hände.
"Danke, lieb von Dir, Elaine, aber ich bin nicht hungrig!"
Paula schmunzelte hinter ihrer Kaffeetasse.
Elaine schien beleidigt zu sein.
"So schlecht, wir ihr sie immer darstellt, sind sie gar nicht!" Als sie die
betretenen Gesichter der beiden sah, mußte sie lachen. "Keine Sorge, ich bin
Euch deswegen nicht böse!"
Bill atmete erleichtert auf. Sein Blick wanderte zu Paula.
"Was meinst Du, wie schnell Du packen kannst, damit wir abfahren können?"
Sie hob erstaunt den Kopf und sah ihn an.
"Ich will unsere Kleine nicht so lange alleine lassen!" fügte er erklärend
hinzu.
Paula nickte.
"Ja, Du hast recht. Wir sollten sie nicht mehr unnötig warten lassen!"
Nachdenklich stellte sie die Tasse ab. Sie dachte an ihre Freunde, hier in
Sunset Beach, von denen sie sich nun gar nicht mehr verabschieden konnte. Der
Gedanke tat ihr weh, aber sie wollte Bill nicht schon wieder einen Korb geben.
Sie würde Gabi und Ricardo aus Dallas anrufen.
Mit einer Serviette wischte Paula sich den Mund ab und stand auf.
"Gut, dann will ich jetzt mal anfangen zu packen, damit wir heute noch nach
Hause fahren können!"
Bill sah sie dankbar an.
Elaine nahm Paula in den Arm.
"Du wirst mir fehlen..." sagte sie. "Aber Dein Platz ist nicht mehr hier - er
ist bei Deinem Mann und Deiner Tochter!"
Paula sah, daß Elaine Tränen in den Augen hatte.
"Ich liebe Dich, Mum!" Paula umarmte ihre Mutter und hielt sie ganz fest.
Bill räusperte sich.
"Soll ich vielleicht schon mal nach oben gehen und auf Dich warten?" fragte er
und sah Paula an. Sie nickte.
"Ja, ich komme gleich!" Sie sah Elaine fest in die Augen. "Danke ...!"
Elaine schien überrascht.
"Wofür denn nur? Ich habe doch nichts getan!"
Paula lächelte sie an.
"Doch, Du hast sogar sehr viel getan, ... viel mehr, als ich verdiene!" Sie warf
ihrer Mutter noch einen langen Blick zu und rannte dann die Treppe zu ihrem
Zimmer hoch, wo sie anfing, ihre Sachen in einen großen Koffer zu packen.
Als Meg am Abend ins
Surf Central kam, fand sie das Haus verlassen. Alle waren ausgeflogen.
Eigentlich hatte sie vorgehabt, mit Gabi zu reden und ihre Freundin zu fragen,
was denn gestern abend am Telefon so wichtig gewesen sei, aber wahrscheinlich
hatte sie Dienst, oder war anderswo unterwegs.
Meg zog ihre Sportsachen an und beschloß, zur Entspannung noch eine Runde zu
joggen und danach vielleicht mal frühzeitig schlafen zu gehen. Sie zog sich um,
band ihr Haar lose mit einem Gummiband zusammen und lief die Treppe hinunter,
als das Telefon klingelte.
Erstaunt hob sie die Augenbrauen, als sich Derek meldete.
„Was willst Du?“ fragte sie knapp.
„Deiner Schwester geht es nicht so gut.“
„Wie meinst Du das?“ fragte sie unwirsch. „Hat sie sich etwa schon wieder
betrunken?“
„Du solltest einfach vorbeikommen.“ entgegnete er und legte einfach auf.
Meg starrte auf den Hörer in ihrer Hand. War das nun ernst gemeint oder wieder
nur eines von Dereks Spielchen?
Sie überlegte kurz, dann verließ sie das Haus in Richtung Strandpromenade.
Was es auch war, es ging um Sara, und sie würde auf jeden Fall nach ihr sehen.
Irgendwie tat ihr ihre Reaktion von gestern Nachmittag schon wieder leid. Nur
weil sie selbst mit Derek einige zweideutige Erfahrungen gemacht und auch nicht
viel Gutes über ihn gehört hatte, mußte er doch nicht durch und durch schlecht
sein! Meg schüttelte nachdenklich den Kopf. Komisch, sonst war sie doch auch
nicht so voreingenommen!
Plötzlich kam sie sich ziemlich gemein vor. Sara hatte sich in Derek verliebt,
und ob er nun gut für sie war oder nicht, es war ihr Leben, und sie mußte selbst
ihre Erfahrungen sammeln...
„Ich hab wirklich nur auf ihr rumgehackt!“ dachte sie. „Ein guter Rat ist ja
okay, den hat sie bekommen, sowohl von mir, als auch von Mum, aber nun ist`s
genug. Jetzt sollten wir sie wirklich in Ruhe lassen!“
Sie lief schneller als ihr guttat und nahm die Kurve zu Dereks Haustür mit etwas
zuviel Schwung, so dass sie den Hausherrn, der gerade das Grundstück verließ,
fast umrannte.
„Hoppla, was kommt mir denn da ins Haus geflogen!“ rief er amüsiert und fing sie
mit seinen starken Armen auf. „Mädchen, Du vergeudest Dein Temperament, das
könntest Du doch wirklich anderweitig einsetzen!“
Meg atmete tief durch und staunte über sich selbst, dass sie es fertigbrachte,
ihn verbindlich anzulächeln.
„Okay, danke Derek, aber Du kannst mich jetzt wieder loslassen! Ist Sara da?“
Sie deutete auf die offene Tür und mit den Worten „Man sieht sich“ verschwand
sie im Haus und ließ ihn ziemlich sprachlos draussen stehen.
Jeany
„Sara?“ rief sie laut,
als sie ins Wohnzimmer trat. Nichts rührte sich. Etwas ratlos schaute sich Meg
um und wußte nicht so recht, was sie tun sollte. Schließlich war das Dereks Haus
und sie konnte nicht einfach eine Tür nach der anderen aufreißen, um nach ihrer
Schwester zu suchen. Sie war fast froh darüber, als Derek plötzlich wieder
hinter ihr stand.
„Wo ist sie?“ fragte sie ihn. Er zuckte die Schultern.
„Ich bin heute Vormittag zum Joggen raus, und sie wollte ihre Mutter anrufen.
Als ich dann zurückkam, saß sie heulend auf dem Sofa und als ich sie fragte, was
los sei, sagte sie, ich solle sie in Ruhe lassen und dann hat sie sich im
Schlafzimmer eingeschlossen. Seitdem ist sie da drin...“
Meg sah ihn prüfend an. Er hob sogleich die Hände abwehrend und meinte mit
unschuldigem Gesichtsausdruck:
„Nun sieh mich bloß nicht so an, ich hab damit nichts zu tun, überhaupt nichts!“
Wider Willens mußte Meg lächeln.
„Ist ja gut, ich hab doch kein Wort gesagt!“ Sie folgte Derek die Treppe hoch.
Vor dem Schlafzimmer blieben sie stehen. Er zeigte auf die Tür.
„Ich verzieh mich nach unten, falls Du mich brauchst!“
„Feigling!“ zischte Meg und grinste. Immerhin hatte er sie angerufen, weil er
sich Sorgen um Sara machte, das rechnete sie ihm hoch an.
Leise und vorsichtig klopfte sie an die Tür.
„Sara?“ Keine Reaktion. „Sara, ich bin`s, Meg! Bitte mach die Tür auf!“ Stille.
Es verging eine ganze Weile, dann ließ sich Sara von drin vernehmen.
„Was willst Du?“
Erleichtert atmete Meg auf.
„Nur mit Dir reden. Bitte, Sara, nun mach schon auf! Ich werde auch nicht mehr
mit Dir streiten!“
Wieder verging eine ganze Weile, dann plötzlich drehte sich der Schlüssel innen
im Schloss und die Tür öffnete sich einen Spalt breit. Mit verquollenem Gesicht
und verheulten Augen schaute Sara hindurch.
„Ich hab genug von Euren Vorwürfen, ich will das nicht mehr hören!“ sagte sie
trotzig.
Meg lächelte und schüttelte den Kopf.
„Deswegen bin ich ja hier, Sara, weil ich gemein zu Dir war und weil ich mich in
Dinge eingemischt habe, die mich eigentlich gar nichts angehen. Läßt Du mich
jetzt bitte rein?“
Sara öffnete die Tür und Meg trat ein.
„Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, einmal froh zu sein, Dereks
Schlafzimmer betreten zu dürfen!“ schoß es ihr durch den Kopf.
Mitleidig sah sie, wie mitgenommen ihre kleine Schwester aussah, richtig fertig
und am Boden zerstört. Sie breitete einfach die Arme aus und Sara stürzte sich
hinein.
„Ich mache alles falsch, und jetzt wollen Mum und Dad auch nichts mehr von mir
wissen!“ schluchzte sie haltlos. Meg strich ihr übers Haar.
„Hör schon auf, Du weißt doch genau, dass Mum das nicht so gemeint hat! Sie
macht sich nur Sorgen, Du bist nun mal ihre Kleine, das wird immer so sein, und
nun bist Du über dreitausend Meilen von zu Hause weg... Für Mum und Dad ist das
auch nicht leicht!“
Sara löste sich aus Megs Armen und putzte sich die Nase.
Sie setzten sich beide aufs Bett.
„Mum war so... so wütend und enttäuscht...“ begann Sara wieder.
Meg nickte.
„Ich weiß, das klingt aber nur für den Moment so. Ganz bestimmt tut es ihr auch
schon wieder leid, jedes einzelne Wort, Du kennst sie doch, und Du weißt, dass
sie es nicht so meint!“
„Was habt Ihr nur alle gegen Derek?“ schniefte Sara und sah ihre Schwester
fragend an.
Meg zog die Stirn in Falten.
„Versetz Dich mal in Mutters Lage, erst gehe ich so weit fort, dann folgst Du
mir Hals über Kopf und plötzlich sind Mum und Dad fast allein auf der Ranch.
Dann erfahren sie, dass Du Dich mit Deinen gerade mal 19 Jahren Hals über Kopf
in einen Man verliebt hast, der fast 12 Jahre älter ist als Du, einen etwas...,
nun ja, sagen wir, zweifelhaften Ruf genießt, eine Nachtbar führt und schon
unzählige Frauengeschichten hatte.“
„Aber er ist doch gar nicht so...“ widersprach Sara kläglich. „Ich bin so gern
mit ihm zusammen und er liebt mich, das weiß ich.“
„Okay!“ meinte Meg und straffte die Schultern. „Dann werden wir Mum und Dad
jetzt anrufen und ihnen genau das sagen! Sie müssen es akzeptieren, und im
Grunde wollen sie beide ja nur eines, nämlich dass Du glücklich bist! Und genau
das will ich auch! Und wenn Du Derek wirklich so sehr liebst, dann werde von mir
aus glücklich mit ihm!“
Sie stand auf.
„Ich hol das Telefon!“ Als sie an der Tür war, fiel ihr noch etwas ein.
„Eines solltest Du wissen, Sara,“ sagte sie ernst, „sollte das mit Dir und Derek
dennoch schief gehen, dann kannst Du jederzeit zu mir kommen.“
„Danke Meg!“ lächelte Sara und schniefte.
Derek stand etwas hilflos im Wohnzimmer herum, als Meg die Treppe herunterkam..
„Darf ich Dein Telefon benutzen?“ fragte sie.
Er machte eine einladende Bewegung.
„Alles, was Du nur willst!“ antwortete er und reichte es ihr. „Kann ich sonst
noch was tun?“
„Oh ja!“ meinte Meg, während sie die Nummer ihrer Eltern eintippte, „Das kannst
Du allerdings! Geh nach oben und nimm sie in den Arm!“ Er grinste und ging zur
Treppe.
„Ach, und Derek...“
Erwartungsvoll drehte er sich um. Meg lächelte ihn an wie ein Engel.
„Gib Dir ein bisschen Mühe dabei!“
Gabi war im Sunset Memorial gerade dabei, die Medikamentenlisten zu
vervollständigen, als sie von Roxi ans Telefon gerufen wurde. Gabi schob die
Listen seufzend zur Seite und nahm Roxi den Telefonhörer aus der Hand.
"Ja?" meldete sie sich nur knapp. Einen Moment hörte sie nur, wie jemand atmete.
"Hallo, wer ist denn da?" fragte Gabi ungeduldig. Sie wollte gerade schon wieder
auflegen, als sich der Teilnehmer doch meldete.
"Hier ist Paula ..!" Gabi hätte am liebsten gleich wieder aufgelegt, aber sie
war neugierig auf das, was Paula ihr zu sagen hatte. "Ich hoffe, ich störe Dich
nicht, aber da ich mich nicht persönlich von Dir verabschieden konnte, wollte
ich das wenigstens jetzt nachholen!"
Gabi runzelte die Stirn. Was sollte das denn nun wieder bedeuten?
"Wo bist Du denn?" fragte sie neugierig.
"In Dallas ... ich bin wieder zuhause, Gabi!"
Diese Neuigkeit brachte Gabi so durcheinander, daß sie sich erst einmal setzen
mußte. "Du bist in Texas? Aber - wieso, ich meine ... warum?" Gabi bekam kaum
noch einen vernünftigen Satz zustande.
Paula erzählte ihr in kurzen, knappen Worten, was sich am Morgen zugetragen
hatte, und Gabi fühlte eine plötzliche Traurigkeit. Paula und sie waren einst
die dicksten Freundinnen gewesen, und nun reichte es nur noch für einen Abschied
am Telefon!
"Es tut mir leid ...!" Als Gabi diese Worte aussprach meinte sie es wirklich so.
Sie waren nun viele Hunderte von Meilen voneinander getrennt, und nur dieses
Telefon verband sie. Das war ihre Chance! Gabi nahm all ihren Mut zusammen und
stellte Paula die Frage, die ihr am meisten auf den Nägeln brannte.
"Sag' mir ... und bitte, lüg' mich nicht an ..." Gabi machte eine Pause, ehe sie
schnell weitersprach. "Hattest Du mit Ricardo eine Affäre, während Du in Sunset
Beach warst?" Nun war es heraus, und Gabi schloß die Augen. Sie hatte Angst vor
der Antwort, aber sie wollte auch endlich die Wahrheit wissen! Paulas Stimme riß
sie aus ihren Gedanken. "Grundgütiger, nein! Wie kommst Du nur darauf?" Paula
klang ehrlich schockiert.
Gabi befeuchtete mit der Zunge ihre Lippen.
"Ich habe Dich vor einigen Tagen besuchen wollen, und da ... hörte ich, wie Du
und Ricardo über alte Zeiten geredet habt, und ich ...!"
"Gabi!" Paula unterbrach sie. "Was zwischen Ricardo und mir war ist lange
Vergangenheit! Wir sind nur Freunde! Das mußt Du mir glauben!" Paula unterbrach
sich. "Hast Du uns belauscht?" fragte sie neugierig.
Gabi war die ganze Angelegenheit peinlich und sie wünschte, daß sie nie davon
angefangen hätte!
"Nicht direkt..." versuchte sie sich zu rechtfertigen. "Ich hörte Ricardos
Stimme und wurde neugierig ...!"
Paula lachte. "Und da hast Du gedacht, daß wir uns in meinem Zimmer gerade
miteinander vergnügen würden!"
Gabi atmete tief durch.
"Ich weiß nicht genau," gab sie zu. "Aber ich hörte, wie ihr Euch über
Reißverschlüsse unterhalten habt, und ...!"
Paulas Lachen unterbrach sie erneut.
"Das ist es also! Ich kann Dich beruhigen, Ricardo hat mir nur den Reißverschluß
zugemacht, weil er hakte! Wir hatten uns verabredet, und dann klopfte er an die
Tür, und ich bekam das verflixte Kleid nicht so schnell zu! Er half mir dann mit
dem Reißverschluß, das war alles!"
Gabi schämte sich plötzlich für ihr Mißtrauen gegenüber dem Mann, den sie liebte
und ihrer besten Freundin! Diese ganze angebliche Affäre hatte nur in ihrem Kopf
existiert! Gabi schloß wieder die Augen.
"Gabi? Ist alles in Ordnung?" fragte Paula besorgt.
"Das alles," entfuhr es Gabi, "ist mir so schrecklich peinlich! Ich habe mich
die ganze Zeit so kindisch und eifersüchtig benommen, obwohl ...!"
"... gar nichts war!" vervollständigte Paula den Satz. "Ich verstehe jetzt,
warum Du die letzten Tage so abweisend zu mir warst! Es tut mir leid, daß ich
Dir nur Kummer gemacht habe. Das wollte ich nicht!"
Gabi fühlte, wie ihr plötzlich Tränen in die Augen stiegen. Energisch wischte
sie sie weg. "Paula, ich ... wir müssen ein anderes Mal darüber reden. Roxi hat
mir gerade ein Zeichen gemacht, daß ich einhängen soll. Ich glaube, ich werde
gebraucht. Ich rufe Dich wieder an, sobald ich Zeit habe!"
Die beiden Frauen verabschiedeten sich, und Gabi legte vorsichtig den Hörer auf.
"Na endlich!" Roxi kam um die Ecke und sah Gabi vorwurfsvoll an. "Komm' schnell,
Du wirst dringend im Untersuchungsraum 3 gebraucht!"
Gabi strich sich ihre Schürze glatt und verließ mit Roxy den Empfang.
Als Derek das Schlafzimmer betrat, saß Sara auf dem Bett und putzte sich die
Nase. Sie versuchte zu lächeln als sie ihn sah.
"Danke!"
Derek sah sie überrascht an.
"Wofür?"
Sie stand auf und kam ein paar Schritte auf ihn zu.
"Das Du Meg angerufen hast!"
Derek grinste.
"Habe ich doch gerne gemacht! - Komm' her ...!" Er breitete seine Arme aus, und
Sara warf sich hinein. Sie sah zu ihm auf.
"Derek ich ..."
"Psst, nicht reden ...!" Er legte einen Finger auf ihren Mund und zeichnete die
Konturen ihrer Lippen nach. Dann strich er ihr mit der anderen Hand sanft über
ihr weiches Haar, streichelte ihren Hals, ihren Nacken, und langsam begann er,
die Knöpfe ihrer Bluse zu öffnen.
Sara hielt seine Hände fest.
"Nicht, Derek!" sagte sie und schaute verlegen Richtung Tür. "Meg ist unten!"
Er ließ Sara einen Moment los, öffnete die Tür und sah die Treppe hinunter. Meg
war nirgendwo zu sehen. Offenbar hatte sie es vorgezogen, die beiden nach ihrem
Telefonat, alleine zu lassen.
Derek ging zurück ins Schlafzimmer und schloß leise die Tür.
"Wir sind alleine!" sagte er und fuhr damit fort, Sara auszuziehen. Sie begann
ebenfalls sein Hemd aufzuknöpfen und warf es dann achtlos beiseite. Derek
lachte, packte Sara und warf sie aufs Bett, wo er sie dann leidenschaftlich und
zugleich sanft küsste.
Als das Telefon schellte, versuchte Sara sich reflexartig aufzusetzen, doch
Derek drückte sie zurück in die Kissen.
"Laß' es klingeln ..." murmelte er, während er mit seinen Lippen weiter Saras
Körper erforschte.
"Aber es könnte doch wichtig ...!" versuchte sie einen schwachen Protest.
"Nichts ist so wichtig wie ... das!" Derek beugte sich wieder über sie, und sein
Kuß ließ sie alles um sich herum vergessen ...
Nach dem Telefonat mit ihren Eltern verließ Meg Dereks Haus und ging
nachdenklich die Strandpromenade entlang. Es war richtig gewesen, in Kansas
anzurufen, denn Mum war wirklich ziemlich beunruhigt. Nun, sie würde Sara später
zurückrufen und sich hoffentlich dieses Mal im Guten mit ihr aussprechen.
Als Meg an Bens Haus vorbeikam, überlegte sie kurz. Eigentlich hatte sie zum
Surf Central zurückgehen wollen, um sich mal gründlich auszuschlafen. Aber nach
Dereks Anruf und dem Gespräch mit ihrer Schwester war sie viel zu aufgewühlt
dazu.
Kurzentschlossen bog sie ab und stand kurz darauf vor Bens Haustür. Er öffnete
ihr, sichtlich erfreut, sie zu sehen, und bat sie herein.
Ein Stück vom Haus entfernt standen zwei Männer und eine Frau im Schatten einer
dicken Palme.
„Hier wohnt er also.“ stellte der eine Mann, ein großer kräftiger Typ um die 30,
fest.
„Genau, Sam. Und die junge Frau, die eben sein Haus betreten hat, ist seine
Freundin. Ich hoffe, Ihr habt sie Euch gut angesehen, damit Ihr sie auch
wiedererkennt und nicht etwa an die falsche geratet!“ antwortete die junge
blonde Frau mit sarkastischem Unterton in der Stimme.
„Wir sind keine Anfänger, Jade!“ antwortete der andere der beiden Männer etwas
unwirsch und tauschte mit seinem Kumpel einen bedeutungsvollen Blick. „Ich weiß
auch nicht, warum sie uns andauernd unterschätzt!“
Der zuckte nur die Schultern.
„Reg Dich nicht auf, Lucas. Das haben Frauen nun mal so an sich.“
Jade lachte spöttisch.
„Na dann, Ihr beiden Supermänner, merkt Euch das Gesicht der jungen Frau von
eben und das Haus von Derek Evans, Ocean- Avenue 13, dann kann eigentlich nichts
schief gehen!“
Mit diesen Worten ließ sie die beiden Männer stehen und ging im Schein der
untergehenden Abendsonne davon.
Im „Deep“ waren Mark und Caitlin damit beschäftigt, alles für den bevorstehenden
Abend vorzubereiten. In einer Stunde würde die Bar öffnen, und bis dahin gab es
noch allerhand zu tun. Während Mark die Musikanlage überprüfte und passende
Songs heraussuchte, wischte Caitlin noch einmal über die Tische und polierte
Gläser nach. Aus den Augenwinkeln heraus beobachtete sie Mark. Er trug Kopfhörer
und summte irgend einen Song mit. Sie mußte lächeln.
Als er merkte, dass sie ihn heimlich beobachtete, schaltete er das Mikrophon
ein.
„Ladys und Gentleman, ich begrüße Euch an diesem wunderschönen, einmaligen Abend
hier im Palast der einsamen Herzen! Ich habe heute die große Freude, Euch einen
besonderen, prominenten Gast bei uns präsentieren zu dürfen. Sie ist
wunderschön, ihre blauen Augen strahlen wie der Himmel über Sunset Beach und sie
hat eine Figur... wow, da wird Euch schwindlig! Darf ich vorstellen...“ er
machte eine weitausholende Bewegung in Richtung Caitlin, die ihm verschmitzt
lächelnd zusah, „hier ist sie, unsere einmalige, wunderbare Miss California –
Miss Caitlin Richards! Und nur hier und nur für sie speziell dieser Song: Pretty
woman!“
Die ersten Takte des Klassikers von Roy Orbison erklangen, und lachend spielte
Caitlin sein Spiel mit. Wie ein Model schritt sie in die Mitte der Tanzfläche,
drehte sich und wiegte die Hüften im Takt der Musik. Mark ging hinüber zu ihr,
streckte ihr seine Hand entgegen, die sie sogleich ergriff und die beiden
tanzten ausgelassen. Als der Song zu Ende war, hielten sie sich lachend und
außer Atem im Arm.
„Du tanzt wirklich gut!“ lobte Mark.
„Danke, Du aber auch!“ gab Caitlin das Kompliment zurück. „Puh, mir dreht sich
alles!“
„Keine Angst, ich halt Dich fest!“ Er legte seinen Arm fester um ihre Taille.
„Ich hab keine Angst...“ flüsterte Caitlin mit verklärtem Blick und strich ihm
sanft über die Wange. Mark hatte nur noch einen Gedanken, er wollte diesen
wundervollen roten Mund küssen. Er beugte sich vor, doch bevor sich ihre Lippen
berührten, polterte Tim zum Eingang herein.
„Sorry Leute, hab es einfach nicht eher geschafft! Aber jetzt bin ich ja da...“
Caitlin und Mark fuhren erschrocken auseinander, während Tim einen Moment
stutzte. „Hab ich Euch bei irgendwas gestört?“
„N.. nein“ beeilte sich Caitlin zu sagen, „Wir haben uns nur unterhalten.“
„Na dann ist es ja gut.“ nickte Tim und verschwand hinter dem Tresen.
Mark war wieder mit seiner Musikanlage beschäftigt. Caitlin ging zu ihm hinüber
und legte ihre Hand auf seinen Arm.
„Ich wollte Dir noch was sagen...“ begann sie etwas zögernd.
„Ja?“ hoffnungsvoll sah er sie an. Verlegen schlug sie die Augen nieder.
„Na ja, ich meine, Du... bist wirklich gut als D.J., Du solltest das vielleicht
richtig machen, ich meine... als Moderator bei einem richtigen Radiosender!“
Mark nickte etwas enttäuscht. Irgendwie hatte er gehofft, dass sie etwas anderes
sagen würde.
„Ja, vielleicht irgendwann.“ beendete er das Thema und meinte dann ganz
nebenbei:
„Wie geht es eigentlich Deinem Freund? Ist er noch im Krankenhaus?“
„Nein, sie haben ihn heute morgen entlassen.“ antwortete Caitlin. „Er wohnt
jetzt erst einmal im Hotel. Ich hab ihn aber leider auch nur kurz gesehen, denn
als ich am Nachmittag hinkam, waren gerade seine Arbeitskollegen da, um ihn zu
besuchen, und da wollte ich nicht stören...“
„Na, alles fertig für die nächtliche Party?“ ließ sich Derek vernehmen.
Beschwingt lächelnd durchquerte er die Bar und ging die Treppe hoch. „Wenn was
Wichtiges sein sollte, ich bin in meinem Büro!“
„Hey, der ist ja mal richtig gut drauf!“ stellte Caitlin staunend fest und ging
hinüber zum Tresen.
Mark sah ihr nachdenklich hinterher.
„Vielleicht hatte er heute mehr Erfolgserlebnisse als ich...“ dachte er wehmütig
und widmete sich wieder seinen CD`s. „Na dann, the show must go on!“
„Meine
Herrschaften...“ eröffnete Olivia Richards am nächsten Tag etwas zögernd die
monatliche und diesmal vermutlich letzte Vorstandssitzung, zu der sie außer
ihrer persönlichen Assistentin, den beiden stillen Teilhabern, dem
Programmdirektor, dem Manager und Produzenten auch das gesamte Moderatorenteam
und die technischen Mitarbeiter des Senders eingeladen hatte.
Sie erhob sich, und wer genau hinsah, konnte feststellen, dass ihre Hände, die
krampfhaft einige Dokumente festhielten, zitterten.
Sie hatte sichtlich Mühe, die richtigen Worte zu finden, und doch war sie fest
entschlossen, hier mit Würde abzutreten und sich keine Schwäche einzugestehen.
„Wie Sie alle wissen, ist es um die finanzielle Lage unserer Radiostation seit
einiger Zeit nicht sonderlich gut bestellt. Zwei meiner engsten Mitarbeiter und
Berater, denen ich glaubte vertrauen zu können, haben sich das interne Wissen um
die Firma zunutze gemacht und die Gelder kontinuierlich in die eigene Tasche
gewirtschaftet. Als ich genug Beweise dafür hatte, war es leider bereits zu
spät. Um es genau zu sagen, wir stehen kurz vor dem Aus.“
Sie machte eine kleine Pause, als sich allgemeines Stimmengewirr erhob. In den
letzten Wochen waren die wildesten Gerüchte im Sender kursiert, aber nun hörten
sie alle die bittere Wahrheit aus dem Munde der Chefin selbst.
Nicht nur der Arbeitplatz eines jeden Einzelnen hing an diesem Radiosender,
nein, es war viel mehr, was sie in diesen Minuten bewegte. 10 gemeinsame Jahren
standen hier vor einem abrupten Ende, Jahre, in denen sie alle gemeinsam diesen
Sender zu dem gemacht hatten, was er bis heute war: einer der besten an der
kalifornischen Südküste, „Radio SB“.
Clay Donovan, einer der jungen Moderatoren, der sich vor allem bei der Jugend
einer sehr großen Fangemeinde erfreute, stand auf.
„Misses Richards“ begann er, und augenblicklich trat wieder Stille ein.
„Vielleicht wäre es möglich, doch noch einen Käufer für Radio SB zu finden, ich
meine...“ er sah sich unter seinen Kollegen um, „wir würden auch noch ein paar
Wochen fast umsonst arbeiten, wenn uns das rettet...“ Beifälliges Gemurmel,
einige nickten nur stumm.
Olivia lächelte gequält.
„Danke, Clay, danke Euch allen, aber wir haben wirklich schon alles versucht,
die Wahrheit ist, dass keiner das geringste Interesse daran zu haben scheint,
auch nur einen Cent in einen finanziell verschuldeten Sender zu investieren. Es
tut mir leid... aber es gibt genug andere Sender, die sich freuen, wenn wir von
der Scala verschwinden....“
Sie wies mit einer Handbewegung auf den links von ihr sitzenden
Programmdirektor.
„Mister Parker hat hier die nötigen Unterlagen dazu, die sie gerne einsehen
können. Ich werde Ihnen dann morgen Ihre Kündigungsschreiben aushändigen, die
zum 30. diesen Monats in Kraft treten.“
Olivia sah sich unter ihren Mitarbeitern um.
„Ich danke Ihnen an dieser Stelle allen noch einmal herzlichst für Ihre
Mitarbeit, Ihre Einsatzbereitschaft und Ihren Kampfgeist, und ich wünsche jedem
Einzelnen von Ihnen...“
An dieser Stelle wurde die Tür aufgerissen und eine der beiden Sekretärinnen kam
schnellen Schrittes auf Olivia zugeeilt. Aufgeregt flüsterte sie ihr etwas ins
Ohr, worauf Olivia erstaunt und ungläubig die Augenbrauen hochzog und sich erst
einmal setzte.
Kurz darauf verließ die Sekretärin mit wichtiger Miene den Versammlungsraum
wieder.
Olivia erhob sich langsam wieder.
Sofort war es still, und alle starrten sie gespannt an.
„Wie ich soeben erfahren habe, gibt es vielleicht doch einen Käufer für unseren
Sender.“ sagte sie, jedes Wort betonend, als könne sie selbst noch nicht so
recht glauben, was sie eben erfahren hatte.
Wie auf Stichwort öffnete sich die Tür.
Der Mann im dunklen Anzug, der hereintrat, lächelte verbindlich in die Runde.
„Meine Herrschaften, darf ich mich vorstellen, mein Name ist Armando Deschanel
Junior und ich bin der neue Besitzer von Radio Sunset Beach!“
Jeany
Nachdem sich A.J. der Belegschaft des Senders gebührend vorgestellt hatte, nahm
er neben Olivia, die sich einigermaßen wieder gefasst hatte, Platz und gab noch
eine kurze Erklärung ab.
„Ich freue mich, Ihnen sagen zu können, dass hier personalmäßig und auch
arbeitsorganisatorisch alles so weiterlaufen wird, wie bisher. Leider hatte ich
noch nicht viel Zeit, mich über Einzelheiten kundig zu machen, aber was ich
bisher über Ihre Arbeit gehört habe, finde ich doch recht zufriedenstellend, das
zeigen ja schließlich auch die bislang gleichbleibenden Statistiken der
Einschaltquoten. Vielleicht gibt es hier und da in Zukunft noch kleinere
Veränderungen, aber ich kann Ihnen versichern, dass nichts ohne vorherige
Absprache mit Ihnen und dem Vorstand geschieht. Tja...“ Er sah zu Olivia und
lächelte ihr aufmunternd zu, „auch was die Besetzung des Aufsichtsrates
betrifft, so möchte ich, dass Olivia Richards weiterhin die uneingeschränkte
Stimmenmehrheit behält und alle anfallenden Probleme und Veränderungen jeglicher
Art zuerst mit ihr abgeklärt werden. Sie hat sich bisher mit ganzer Kraft für
den Sender eingesetzt, und so wird es auch bleiben. Ich selbst werde oft
unterwegs sein, unter anderem auch im Ausland, und Misses Richards wird
bezüglich dieses Senders mein uneingeschränktes Vertrauen genießen. Gibt es dazu
von Ihrer Seite noch Fragen?“
Beifälliges Gemurmel ringsum, freundliche, erleichterte Gesichter.
Abermals erhob sich Clay Donovan.
„Mister Deschanel, noch kurz eine Frage.“
„Ja bitte?“
„Unser Moderatorenteam braucht dringend Unterstützung. Würden Sie eine
diesbezügliche Stelle unterstützen oder erlaubt das die finanzielle Lage
momentan nicht?“
A.J. lächelte.
„Doch, junger Mann, die finanzielle Lage erlaubt momentan alles, was den Sender
zur Nummer 1 an der Westküste macht. Wenden Sie sich bitte an Misses Richards,
sie wird das mit Ihnen klären.“
„Danke, Mister Deschanel...“ sagte Clay Donovan, ging nach vorn und reichte A.J.
die Hand. „Danke im Namen von uns allen. Es bedeutet uns allen sehr viel, dass
Radio SB erhalten bleibt.“
Als Bestätigung seiner Worte erhoben sich alle von ihren Plätzen und klatschten
einhellig Beifall.
A.J. bedankte sich und verließ mit Olivia den Raum.
Als sie allein im Büro waren, schien alle Last von Olivia abzufallen. Sie sah
A.J. mit großen Augen an.
„Du bist verrückt!“ sagte sie kopfschüttelnd. „Ich kann es nicht glauben, Du
kommst einfach hier herein und kaufst Dir einen Radiosender!“
Er lachte.
„Ich warne Dich, setz das Projekt nicht in den Sand!“
Olivias Gesicht wurde ernst.
„Ich habe Angst, A.J. Angst davor, dass mir wieder so etwas passiert, dass
irgend jemand mir wieder Leute einschleust, die alles ruinieren!“
Er trat auf sie zu und umfasste ihre Schultern.
„Das wird nicht passieren. Ich werde Dir jemanden als Berater zur Seite stellen,
der mein vollstes Vertrauen genießt und auf dessen Fähigkeiten Du Dich
vollkommen verlassen kannst.“
„Und... an wen hattest Du gedacht?“ fragte Olivia zögernd.
A.J. lächelte geheimnisvoll.
„An einen cleveren Finanzexperten, der sich von niemandem austricksen läßt, auch
nicht von Deinem Mann, und der sich absolut loyal mir und meinen Freunden
gegenüber verhält.“
„Klingt gut.“ musste Olivia zugeben. „Und wer ist dieser vielversprechende
Fremde?“
„Kein „Der“, vielmehr eine „Die“, ich dachte da an meine Tochter Jade!“
„Oh“ entfuhr es Olivia erstaunt.
A.J. lachte.
„Glaub mir, ich kenne sie, sie ist brillant!“
Olivia lächelte. Momentan war ihr alles egal, ihr Radiosender war gerettet, und
der Mann, der eben so viel für sie getan hatte und ihr obendrein noch das
herrliche Gefühl gab, schön und begehrenswert zu sein, war hier allein mit ihr
im Büro.
„Okay, kein Problem.“ beeilte sie sich zu sagen und trat dicht an ihn heran.
„Danke A.J.,“ flüsterte sie leise, „für alles! Und auch dafür, dass ich Gregory
endlich einmal einen dicken Strich durch seine Rechnung machen kann! Schon
allein diese Tatsache gibt mir die Kraft, hier weiterzumachen!“
Er zog sie wortlos zu sich heran und küßte sie zärtlich. Olivia erwiderte seinen
Kuß voller Leidenschaft.
Keiner von beiden bemerkte, wie sich die Bürotür leise öffnete.
Fassungslos starrte Gregory Richards auf das Bild, das sich ihm bot, bevor er
sich unbemerkt heimlich wieder zurückzog.
Draussen auf dem Gang verzog sich sein Gesicht zu einer bösartigen Grimasse.
„Das wirst Du mir büßen, Deschanel, jede einzelne Sekunde davon!“
Jeany