Ben war sehr erstaunt, seinen Bruder am anderen Ende der Leitung zu hören. Er erkannte gleich, daß es kein Freundschaftsanruf war, denn Dereks Stimme klang sehr aufgeregt.
"Ich hoffe, ich störe Dich nicht, aber ich wußte nicht, wen ich sonst anrufen sollte."
"Was ist los?" fragte Ben besorgt. Er hörte, wie Derek schwer atmete.
"Ist Meg auch da?" fragte Derek ausweichend. Ben bejate die Frage.
"Nun mach' es doch nicht so spannend, Derek! Was ist passiert?" Einen Moment war Stille.
"Sara ist weg!" platzte es dann aus Derek heraus. Ben hielt eine Hand vor die Hörmuschel.
"Wie meinst Du das, "sie ist weg?" fragte er verwirrt. Derek seufzte.
"Wir hatten einen Streit, und sie verließ das Haus und ist seitdem nicht mehr zurückgekehrt. Ich hatte gehofft, daß sie vielleicht zu Euch gegangen ist ..." Derek unterbrach den Satz.
"Nein, tut mir leid," sagte Ben," sie hat sich nicht bei uns gemeldet."
Derek atmete tief durch.
"Worum ging es denn bei Eurem Streit?" fragte Ben neugierig. Eine unendlich lange Pause entstand. "Derek? Bist Du noch da?" fragte Ben ungeduldig.
"Ja," sagte Derek knapp. Er überlegte einen Moment, ob er Ben wirklich von Saras Schwangerschaft erzählen sollte, aber er würde es ja ohnehin irgendwann erfahren. "Sitzt Du?" fragte er vorsichtig.
"Ja," vernahm er die Stimme seines Bruders. "Nun sag' schon, was los ist!" Ben wurde zunehmend ungeduldiger. Derek schloß die Augen und umklammerte den Hörer etwas fester.
"Sara ist schwanger!" stieß er dann hervor. Einen Augenblick war wieder Totenstille, dann fand Ben seine Stimme wieder.
"Nun, dann gratuliere ich ...", sagte er. Man hörte ihm an, daß ihn diese Nachricht sehr überraschte. "Es war wohl nicht geplant, nehme ich mal an?" fragte er vorsichtig.
"Grundgütiger, nein! sagte Derek aufgebracht. "Und der Witz ist, daß ich nicht mal weiß, ob ich überhaupt der Vater bin!"
"Ja," sagte Ben nachdenklich," ich kann mich erinnern, daß Annie mir damals erzählte, daß Du keine Kinder zeugen kannst. Offensichtlich geht es ja wohl doch ..."
Derek seufzte.
"Genau aus diesem Grund haben wir uns gestritten!"
Ben schüttelte den Kopf.
"Du hast Sara unterstellt, daß sie mit einem anderen Mann geschlafen hat?" fragte er ungläubig. "Mann, Derek! Kein Wunder, daß sie Dich verlassen hat! Ein Blinder mit einem Krückstock kann erkennen, wie sie Dich anhimmelt. Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie Dich betrogen hat!"
"Ich auch nicht!" Dereks Stimme klang verzweifelt. "Aber ich habe ein ärztliches Attest, daß ich unfruchtbar bin! Was soll ich denn da glauben?"
Ben räusperte sich.
"Vielleicht sollten wir uns heute abend bei mir treffen, um alles in Ruhe zu bereden," schlug er vor. "Ich werde Meg gleich fragen, was sie von der Idee hält."
Derek stöhnte.
"Sie wird mich kreuzigen!" stieß er hervor. "Das bestätigt ihr doch nur, daß ihr erster Eindruck von mir richtig war!" sagte er gequält.
"Komm' schon, wir alle machen Fehler," sagte Ben tröstend. "Meg wird einsehen, daß nicht nur Du an dieser Trennung schuld bist."
Derek atmete erleichtert auf.
"Ben?"
"Ja?" entgegnete dieser.
"Ich habe noch keine Frau so sehr geliebt wie Sara!" sagte Derek leise. "Ich will sie nicht verlieren! Wirst Du mir helfen, sie zu finden?"
Es berührte Ben tief, daß sein Bruder sich ihm anvertraut hatte und um seine Hilfe bat.
"Ja, natürlich helfe ich Dir ... und Meg ebenfalls! Komm' heute abend zu uns, und wir reden über die ganze Sache nochmal, okay?"
Derek war erleichtert.
"Danke, Ben!" Nachdem er aufgelegt hatte, fühlte er sich schon wesentlich besser. Er schaute auf die Uhr. Er hatte noch ein Menge unbearbeiteten Papierkram in seinem Büro im Deep liegen. Das war jetzt genau die Arbeit, die er brauchte, um nicht ständig an Sara denken zu müssen. Entschlossen griff Derek nach seiner Aktentasche und machte sich auf den Weg zum Deep.
Nachdem das Gespräch beendet war, hielt Ben den Hörer noch eine Weile nachdenklich in der Hand, ehe er auflegte. Er stand auf und ging im Raum auf- und ab. Eine unangenehme Aufgabe stand ihm bevor: Er mußte Meg von Saras Verschwinden erzählen, und leider wußte er nur allzu gut, wie sehr sie diese Nachricht aus der Fassung bringen würde! Es half nichts, er mußte ihr die Wahrheit sagen. Ben ging zur Sprechanlage und drückte den Knopf.
"Bette? Würden Sie mir bitte mal Meg reinschicken!" sagte er bestimmt. "Danke ..." Es dauerte keine zwei Minuten, und Meg erschien im Büro.
"Ben? Du wolltest mich sprechen? Gibt es was Dringendes?" Neugierig sah sie ihn an. Sie erkannte an seinem Gesichtsausdruck, daß es nichts Gutes war, was er ihr erzählen würde, und deshalb nahm sie vorsichtshalber schon einmal ihm gegenüber Platz. "Was gibt es?" wiederholte sie ihre Frage. Ben spielte nervös mit seinem Kugelschreiber, was Meg natürlich sofort registrierte. "Ben, was es auch ist. Du brauchst keine Geheimnisse vor mir zu haben!" sagte sie eindringlich. Er sah sie nachdenklich an.
"Derek rief vorhin an ..." sagte er betont ruhig. Meg runzelte die Stirn. Sie fand es nicht ungewöhnlich, daß Ben mit seinem Bruder telefonierte. Wieso also war er nur so nervös? fragte sie sich. Während Meg noch darüber nachdachte, warum Ben so ein Geheimnis um das Telefongespräch mit Derek machte, fuhr dieser in seiner Erzählung fort. "Er und Sara hatten einen Streit, und sie hat daraufhin das Haus verlassen ..." Ben schaute Meg prüfend an. Ihr Augen waren weit aufgerissen.
"Sara hat Derek verlassen? Aber ... wieso denn nur?" Verständnislos sah sie ihn an.
"Ist Dir in letzter Zeit etwas ungewöhnliches an Sara aufgefallen?" wich Ben ihrer Frage aus. Meg schüttelte den Kopf.
"Außer, daß sie keinen Kaffee mehr mochte, eigentlich nichts." Sie sah Ben verwirrt an. "Was ist denn mit Sara?" Er holte tief Luft.
"Sie ist schwanger!" sagte er knapp. Meg hatte auf einmal das Gefühl, als ob man ihr den Boden unter den Füssen wegziehen würde.
"Sie ist schwanger?!" Fassungslos schaute sie Ben an. "Das ist doch völlig unmöglich ..." stieß sie dann hervor. "Sie hat mir doch erzählt, daß Derek unfruchtbar wäre!" Sie schüttelte den Kopf. Ben sah sie mitfühlend an.
"Ja, genau das dachte Derek wohl auch, und deshalb kam es wohl auch zu diesem Streit." Meg schüttelte den Kopf.
"Seitdem Sara nach Sunset Beach gekommen ist, hat sie nicht einmal einen anderen Mann angesehen. Für sie ist und war Derek die ganz große Liebe! Sie hätte niemals etwas mit einem anderen Mann angefangen. Dessen bin ich mir hundertprozentig sicher!" Sie sah Ben an. "Hat Derek ihr das vielleicht unterstellt?" fragte sie aufgebracht. Ben seufzte.
"Ich kann mir schon vorstellen, daß das ein ziemlicher Schock für ihn war," sagte er vorsichtig. Meg runzelte die Stirn.
"Ist ja klar, daß Du Dich auf seine Seite schlägst!" sagte sie wütend. "Ihr Männer seid doch alle gleich!" Ben legte vorsichtig eine Hand auf ihre Schulter.
"Meg, beruhige Dich! Das kommt bestimmt wieder alles in Ordnung," versprach er ihr. Meg strich sich eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht.
"Entschuldige ..." Sie sah Ben an. "Ich mache mir nur Sorgen um Sara. Wo ist sie denn jetzt?" Ben schüttelte den Kopf.
"Keine Ahnung. Derek hatte gehofft, daß wir etwas über ihren Verbleib wüssten ..." Meg sah ihn entsetzt an.
"Sie ist verschwunden? Mein Gott!" Meg schlug die Hände vors Gesicht. "Wenn ich mir vorstelle, daß sie nun ganz alleine ist ..." Sie hob den Kopf. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. "Derek hat ihr von Anfang an nur Unglück gebracht!" sagte sie wütend. "Erst fällt sie die Treppe runter und jetzt zerstört er auch noch ihre Zukunft!"
Ben schüttelte energisch den Kopf.
"An dem Treppensturz war nicht Derek schuld, und an einer Schwangerschaft sind immer zwei Leute beteiligt!"
Meg sah ihn überrascht an.
"Du verteidigst ihn?"
Ben sah Meg in die Augen.
"Ja, weil ich weiß, wie sehr er sie liebt, und ich denke, daß alles nur eine Verkettung unglücklicher Umstände ist, die zu dieser Trennung geführt hat." Ben räusperte sich. "Ich habe Derek vorgeschlagen, daß wir uns heute abend bei uns treffen können, um alles in Ruhe zu besprechen. Was hältst Du davon?"
Meg zuckte mit den Schultern.
"Ja, vielleicht keine schlechte Idee. Mich interessiert einzig und alleine, wo meine Schwester ist!"
Ben nickte.
"Wir alle wollen wissen, wo Sara ist, und heute abend werden wir dann überlegen, wo wir mit der Suche anfangen können."
Meg stand auf.
"Gut, dann werde ich nach dem Feierabend einkaufen gehen und für Euch kochen."
Ben lächelte.
"Du bist ein Schatz!" Er ging auf sie zu und gab ihr einen Kuß. "Ich wußte doch, daß ich auf Dich zählen kann." sagte er und lächelte. Meg verzog das Gesicht.
"Ich mache das nicht für Derek," gab sie zu bedenken. "In meinen Augen hat er Schuld an dem ganzen, aber lassen wir das ..." Sie seufzte. "In einem sind wir uns wohl alle einig - wir wollen Sara wiederfinden und das so schnell wie möglich." Sie drehte sich um und verließ Bens Büro.
Sara stand im Fahrstuhl des "Sunset Inn" Hotels und fuhr mit dem Liftboy und einigen anderen Passagieren in die oberste Etage zu ihrer gemieteten Suite. Normalerweise konnte sie sich diesen Luxus nicht leisten, aber als sie über eine Übernachtungsmöglichkeit nachgedacht hatte, war ich spontan dieses Hotel eingefallen. Sara schaute auf die Anzeigetafel. Erst im 4. Stockwerk! Dieses ständige Anfahren und Abbremsen des Fahrstuhls verursachte bei ihr Übelkeit und Schwindelgefühle. Außerdem hatte sie schon immer Probleme gehabt, in einem engen Raum eingesperrt zu sein. Sara begann hektisch zu atmen, was das Schwindelgefühl noch verstärkte. "Jetzt bloß nicht ohnmächtig werden," dachte sie.
"Bitte, ich möchte aussteigen," bat sie den Liftboy mit letzter Kraft. Als sie beim nächsten Stockwerk angekommen waren, öffnete er ihr die Tür. Sara taumelte nach draußen und lehnte sich an die Wand.
"Das ist ja ein Zufall!" hörte sie plötzlich eine ihr vertraute Stimme.
"Annie ..." brachte Sara schwach hervor. "Was machen Sie hier?"
Annie warf ihr rotes Haar zurück.
"Das wollte ich Sie auch gerade fragen. Nun," fuhr sie fort," mein Freund wohnt hier, und was treibt Sie hierher?"
Sara versuchte, ruhig zu atmen.
"Es geht Sie zwar nichts an, aber ich wohne ab jetzt hier." sagte sie. Annie schien überrascht zu sein. Ihr fiel auf, daß Sara im Gesicht kreidebleich aussah.
"Geht es Ihnen nicht gut?" fragte sie neugierig. Sara schüttelte schwach den Kopf. Annie schaute den Gang entlang. Irgendwie fühlte sie sich bei dem Gedanken unwohl, daß Sara vielleicht gleich ohnmächtig zu ihren Füssen niedersinken würde.
"Kommen Sie, mein Freund hat gleich hier drüben seine Suite," sagte sie und griff entschlossen nach Saras Arm. Widerstandslos ließ Sara sich führen. Annie öffnete die Tür zu Coles Suite und brachte Sara zu einem Sessel hinüber.
"Hat Ihr Freund nichts dagegen, wenn Sie einfach eine Wildfremde hier anschleppen?" fragte Sara, nachdem sich ihr Kreislauf wieder etwas stabilisiert hatte. Annie machte eine wegwerfende Handbewegung.
"Er ist im Moment im Krankenhaus zu einer Untersuchung. Für alle Fälle hat er mir den Schlüssel zu seiner Suite gegeben."
"Wie praktisch," entfuhr es Sara. Annie grinste.
"Ja, für Sie. Sie hatten Glück. Wenn ich nicht vorbeigekommen wäre, würden sie jetzt vermutlich bewußtlos auf dem Fußboden liegen." Sara sah sie überrascht an.
"Woher kommt dieser plötzliche Sinneswandel? Früher wäre es Ihnen doch egal gewesen, was mit mir passiert." sagte sie. Annie setzte sich ebenfalls in einen Sessel und schlug die Beine übereinander.
"Sie wissen doch, daß ich auch einmal schwanger war ...," sagte sie geheimnisvoll und sah Sara mit einem durchdringenden Blick an.
"Woher wissen Sie ...?" Sara starrte sie fassungslos an. Annie stand auf und ging im Zimmer auf- und ab.
"Von Derek natürlich," log sie. "Wir sind nach unserer Trennung gute Freunde geblieben, und er kommt auch heute noch mit seinen Problemen zu mir," entgegnete Annie lächelnd. Sara schluckte. Irgendwie war es ihr wohl entgangen, daß Derek weiterhin so ein gutes Verhältnis zu seiner Ex-Verlobten hatte.
"Ich will ja nicht neugierig erscheinen, aber wer ist wirklich der Vater von ihrem Baby?" unterbrach Annie ihre Gedanken. Sara schnappte nach Luft. "Ich meine, wir wissen doch beide, daß dieses Kind nicht von Derek sein kann, nicht wahr?" fügte Annie ironisch hinzu.
Sara sprang auf.
"Ich bin Ihnen sehr dankbar für ihre Hilfe, aber das geht wohl doch zu weit!" sagte sie aufgebracht. Annie lachte.
"Seien Sie unbesorgt, das bekomme ich auch ohne ihre Mithilfe heraus."
Sara sah ihr fest in die Augen.
"Ich muß Sie enttäuschen, wenn Sie dahinter eine tolle Story wittern," sagte sie bestimmt. "Der Vater meines Babys ist Derek - ob Sie es nun glauben wollen oder nicht!" Sie ging zur Tür und öffnete sie. Sie warf der verblüfften Annie einen letzten Blick zu und verließ dann die Suite.
"Mama, bist Du da?" Antonio öffnete vorsichtig die Tür zu Madame Carmens Haus und schaute hinein. Er betrat den Flur und schloß leise die Tür. Dann ging er weiter den Flur entlang und zog den Vorhang zurück. "Mama ...?" Die Worte erstarben ihm auf den Lippen. Fassungslos schaute er vor sich auf den Boden, wo seine Mutter regungslos lag. Er kniete sofort neben ihr nieder und überprüfte ihren Puls. Dann schaute er, ob sie vielleicht verletzt war. Er schob ihr ein Kissen unter den Kopf und ging dann schnell zum Telefon hinüber und rief den Rettungswagen.
Der herbeigerufene Arzt untersuchte Madame Carmen, konnte jedoch nicht eindeutig sagen, was ihr fehlte und was zu dieser Bewußtlosigkeit geführt hatte.
Antonio war sehr besorgt um den Gesundheitszustand seiner Mutter und stimmte auch gleich dem Vorschlag des Notarztes zu, seine Mutter in die Klinik zu bringen, damit man sie dort genauer untersuchen konnte.
Nachdem die Sanitäter Madame Carmen auf einer Trage in den Krankenwagen geschoben hatten, setzte sich Antonio neben sie und hielt ihre Hand. Der Krankenwagen fuhr mit heulender Sirene los, und nur wenige Minuten später kamen sie im Krankenhaus an.
Gabi schaute auf die Uhr. Dieser Tag wollte und wollte nicht zuende gehen! Mißmutig griff sie sich die Medikamentenliste und begann die einzelnen Positionen durchzugehen, plötzlich hörte sie Roxis Stimme:
"Schnell, Gabi, es gibt Arbeit für Dich! In der Ambulanz wurde gerade eine Frau eingeliefert. Sie ist bewußtlos und hat Atemprobleme. Sie braucht dringend Sauerstoff und eine Spritze."
Gabi seufzte und legte die Liste beiseite.
"Ist Dr. Robinson schon bei ihr?"
Roxi nickte.
"Ja, aber er braucht jemanden, der ihm assistiert. Kannst Du das übernehmen?" Bittend sah sie Gabi an. "Ich bin gerade dabei die Essen auf den Zimmern zu verteilen."
Gabi nickte.
"Ja, ist okay. Ich übernehme das." Schnell wusch sie sich die Hände und ging dann in die Notaufnahme. Als sie den Raum betrat, erkannte sie ihn sofort. Er saß zusammengesunken auf einem Stuhl und hatte den Kopf gesenkt. Seine Hände waren ineinandergekrampft, als ob er beten würde. Gabi schaute zu der Liege hinüber, auf der die bewußtlose Frau lag. Sie zuckte leicht zusammen, als sie Madame Carmen erkannte.
Dr. Robinson hatte Gabi hereinkommen hören und drehte nun auch seinen Kopf zu ihr herum. "Schnell, wir brauchen Sauerstoff!" ordnete er an. Gabi nickte und drehte den Regler für den Sauerstoff auf. Sie versuchte Antonios überraschten Blick zu ignorieren, während sie Madame Carmen vorsichtig die weiche Maske auf die Nase drückte. Sie zog eine Spritze auf und legte sie auf ein kleines Tablett. Dann nahm sie das Blutdruckmessgerät und legte die Manschette um Madame Carmens Arm. Sie vermied es dabei, Antonio anzusehen, obwohl sie sich seiner Blicke sehr bewußt war. Es dauerte eine Weile, bis die Spritze und der Sauerstoff ansprachen, doch schließlich öffnete Madame Carmen ihre Augen.
Antonio war sofort bei ihr und beugte sich über sie.
"Mama, was machst Du nur für Sachen?" Seine Stimme klang besorgt. Madame Carmen hustete. "Was - was ist denn passiert?"
Antonio sah sie überrascht an.
"Kannst Du Dich denn nicht mehr erinnern?"
Sie schüttelte den Kopf.
"Ich fand Dich vorhin auf dem Fußboden in Deinem Haus," erklärte ihr Antonio. Madame Carmen fasste sich an die Stirn.
"Ja, ich erinnere mich ... Ich habe die Kugel befragt und dann hatte ich eine Vision ..." Sie unterbrach sich und drehte den Kopf zur Seite. Ihr Blick blieb an Gabi hängen, die sich plötzlich sehr unwohl fühlte. Sie ging zu Dr. Robinson hinüber und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Er sah sie einen Moment erstaunt an, nickte dann aber. Gabi verließ den Behandlungsraum, ohne sich noch einmal umzuschauen. Leicht verwirrt sah Antonio ihr hinterher. Madame Carmen war Antonios Blick nicht entgangen. Sie griff nach seiner Hand.
"Es geht mir jetzt schon viel besser," sagte sie. "Würdest Du mich bitte nach Hause bringen, Antonio," bat sie ihren Sohn.
Dr. Robinson schüttelte den Kopf.
"So einfach geht das nicht, gute Frau! Sie waren schließlich eine ganze Weile bewußtlos und wir wissen noch nicht, was diese Bewußtlosigkeit verursacht hat."
Antonio hob überrascht den Kopf.
"Was soll das heissen, Doktor?"
Dr. Robinson räusperte sich.
"Das soll bedeuten," erklärte er ihm," daß ihre Mutter noch für mindestens 48 Stunden hier bleiben muß, damit wir umfangreichere Tests machen können."
Antonio sah seine Mutter einen Moment an, die ihre Lippen zu einem schmalen Schlitz zusammengepresst hatte.
"Es ist doch nur zu Deinem besten," sagte er tröstend. Er wußte, wie sehr seine Mutter Krankenhäuser und im besonderen Ärzte hasste, aber diesmal ging es um ihr Leben. Zögernd nickte sie.
"Es wird wohl schon seinen Sinn haben," sagte sie weise. Antonio lächelte.
"Es freut mich, daß Du im Alter doch noch vernünftig wirst."
Madame Carmen verzog das Gesicht. Dr. Robinson ging zur Sprechanlage und ordnete an, daß ein Zimmer für Madame Carmen vorbereitet werden sollte. Antonio ging zu Dr. Robinson hinüber. "Vielen Dank, Herr Doktor." Die beiden Männer gaben sich die Hand, während eine Schwester Madame Carmen in ihr Zimmer brachte. Nachdem Dr. Robinson sich verabschiedet hatte, ging Antonio nachdenklich den Flur entlang.
"Ich hoffe, daß es Ihrer Mutter bald wieder besser geht," hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich. Er drehte sich um und stand Gabi gegenüber.
Annie sah Sara nachdenklich hinterher, wie diese die Suite verließ. Sie verzog das Gesicht. Was hatte sie gesagt? Derek sollte der Vater sein!
Annie schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich war das nur ein Ablenkungsmanöver von ihr gewesen, um den Namen des tatsächlichen Vaters nicht nennen zu müssen. Sie fuhr sich nachdenklich mit den Fingern durch ihr langes Haar. Oder konnte es tatsächlich sein, daß Derek doch nicht zeugungsunfähig war? Unmöglich, das würde ja glatt an ein Wunder grenzen, und an Wunder glaubte sie nicht!
Während Annie noch darüber nachgrübelte fiel ihr Blick auf die Wanduhr. Sie hatte Cole ja versprochen, daß sie ihn nach seiner Therapiesitzung abholen würde. Annie überprüfte im Badezimmerspiegel noch einmal ihr Make Up und machte sich dann auf den Weg ins Krankenhaus. Unterwegs kam sie an einem kleinen Feinkostladen vorbei, und während sie in der Schaufensterscheibe ihre makellose Figur betrachtete, trat eine junge Frau aus dem Laden. Sie hatte eine große Papiertüte im Arm, die ihr Gesicht fast völlig verdeckte. Da ihre Sicht auch nach unten hin eingeschränkt war, bemerkte sie nicht den Hund, den ein Kunde neben der Tür angeleint hatte. Meg stolperte über die Leine und konnte sich nur mit Mühe wieder fangen. Sie prallte mit Annie zusammen, die gleich ungehalten reagierte.
"Vielleicht sollten Sie besser noch 10 Zentimeter wachsen, damit Sie einen besseren Überblick behalten," sagte sie schnippisch.
Meg setzte die Tüte ab.
"Es tut mir leid ..." Sie erstarrte, als sie Annie erkannte. "Sie?!" fragte sie überrascht, nachdem sie sich vom ersten Schreck erholt hatte. Annie grinste.
"Ach nein, wenn das nicht unsere kleine 'Miss Kansas' ist!" sagte sie ironisch. Sie schüttelte den Kopf. "Hier muß irgendwo ein Nest sein," sagte sie betont langsam. "Es wimmelt hier ja nur so vor Cummings- Schwestern ..."
Meg runzelte die Stirn.
"Wie bitte?"
Annie lachte.
"Sie haben aber eine lange Leitung!" sagte sie. "Ich rede von ihrer Schwester."
Meg sah sie ungläubig an.
"Sie wissen, wo Sara ist? Haben Sie sie gesehen? Geht es ihr gut?" Ihre Stimme überschlug sich fast. Annie hob lachend die Hände.
"Nicht so hastig," sagte sie," vielleicht darf ich erst einmal die erste Frage beantworten." Sie sah, wie Meg immer nervöser wurde und freute sich über ihren kleinen Triumph.
Annie fuhr sich mit der Zunge über ihre Lippen.
"Also," begann sie," was bekomme ich denn von Ihnen als Gegenleistung, wenn ich mein kleines Geheimnis verrate?"
Meg starrte sie entgeistert an.
"Was sind Sie nur für ein Mensch!" sagte sie verächtlich. Annie lachte.
"Sie können mich nicht beleidigen. Dafür fehlt Ihnen die Klasse!"
Meg mußte sich zusammenreißen, nicht ausfallend zu werden, aber sie dachte an Sara und hielt sich zurück. Wenn sie sich Annie jetzt zum Feind machen würde, würde sie nie erfahren, wo Sara sich aufhielt.
"Also gut," presste sie zwischen den Lippen hervor," sagen Sie was Sie wollen!"
Annie grinste.
"Mir wird schon noch etwas einfallen," sagte sie und schmunzelte. "Wie war doch noch gleich die Frage?"
Meg warf ihr einen bösen Blick zu. Niemals hätte sie geglaubt, daß sie mal um Annies Hilfe betteln würde!
"Wo ist Sara?" wiederholte Meg ihre Frage. Annie warf ihr langes, rotes Haar zurück.
"Ich traf sie im "Sunset Inn". Sie hat sich dort ein Zimmer gemietet."
Meg hob schnell die Tüte vom Boden auf.
"Danke!" Sie ließ Annie einfach stehen und rannte schnell zu ihrem Auto.
"Ich wollte mich noch bei Ihnen bedanken, aber Sie waren so schnell verschwunden." Antonio lächelte Gabi an.
"Sie brauchen mir nicht zu danken," sagte sie verlegen. "Ich habe nur meine Arbeit getan." Antonio sah sie an. Der weiße Schwesternkittel bildete einen geradezu perfekten Kontrast zu ihrem dunklen Haar und ihren braunen Augen. Er konnte einfach nicht anders, er mußte sie einfach ansehen. Gabi bemerkte, wie er sie musterte.
"Mr. Torres ..."
"Antonio," verbesserte er schnell. "Bitte nennen Sie mich Antonio." Gabi lächelte.
"Ich bin sicher, daß Ihre Mutter bei uns in den besten Händen ist." Bei der Erwähnung von Händen schaute Antonio auf Gabis lange, schlanke Finger. Einen Moment stellte er sich vor, wie es wäre, wenn diese Finger über seine Haut gleiten würden ... Erschrocken und entsetzt über seine eigenen Gedanken schüttelte er den Kopf. Gabi sah ihn prüfend an.
"Ist etwas nicht in Ordnung?"
Antonio verspürte einen Kloß in seinem Hals.
"Hätten Sie vielleicht etwas Zeit?" wich er ihrer Frage aus. Gabi nickte.
"Ich habe gerade eine Pause." Was kann ich für Sie tun?" Antonio wies auf den Wegweiser, der zur Cafeteria zeigte.
"Würden Sie mir bei einer Tasse Kaffee Gesellschaft leisten?" fragte er und sah ihr tief in die Augen. Gabi zögerte. Sie verspürte in Antonios Nähe eine seltsame Befangenheit. In seiner Gegenwart spürte sie, wie sich ihr Puls beschleunigte, ohne daß sie genau sagen konnte, warum. Eine innere Stimme warnte sie davor, auf Antonios Angebot einzugehen. Zu ihrer größten Überraschung nahm sie seine Einladung jedoch an. Auf Antonios Gesicht erschien ein Lächeln. Galant bot er ihr den Arm, und gemeinsam gingen sie zur Cafeteria hinüber.
Sara fuhr erschrocken zusammen, als sie ein Klopfen an der Tür vernahm. Wer konnte denn wissen, daß sie hier ist? fragte sie sich. Sie stand auf und ging zur Tür.
"Meg?!" Ungläubig starrte Sara ihre Schwester an. Meg schloß schnell die Tür und nahm Sara wortlos in den Arm. Sara fühlte sich völlig überrumpelt und ließ die Umarmung zu.
"Wie hast Du mich gefunden?" fragte sie etwas später, als die beiden Schwestern an einem Tisch Platz genommen hatten. Meg erzählte Sara, wie Derek Ben angerufen und ihm alles von ihrem Streit erzählt hatte und auch, wie sie Annie auf der Straße getroffen hatte.
"Annie," stieß Sara verächtlich hervor. "ist ja klar, daß diese Hexe wieder ihre Finger im Spiel hatte!"
Meg grinste.
"Ja, aber diesmal nehme ich ihr das nicht mal übel!"
Sara schluckte. Eine Sache beschäftigte sie.
"Hat Derek Ben wirklich alles erzählt?" fragte sie unsicher. Meg nickte und sah ihre Schwester mitfühlend an.
"Wieso hast Du mir nicht erzählt, daß Du schwanger bist?" fragte sie. "Hattest Du kein Vertrauen zu mir?" fügte sie traurig hinzu.
"Oh doch, natürlich," sagte Sara schnell," aber nachdem ich diesen Schwangerschaftstest gemacht hatte, war ich so in Panik, daß ich nicht mehr klar denken konnte." Sie senkte den Blick. "Ich habe sogar an eine Abtreibung gedacht," sagte sie leise.
Meg sah sie entsetzt an.
"Nein, das glaube ich nicht! Du bist damals in Ludlow eine der zuverlässigsten Babysitterinnen gewesen, und ich weiß doch, wie sehr Du Kinder liebst!"
Sara seufzte.
"Ja, in Ludlow, aber hier ist alles anders ..."
Meg ergriff Saras Hand und streichelte sie.
"Was hat Derek dazu gesagt?"
Saras Gesicht verfinsterte sich.
"Schon bevor er wußte, daß ich schwanger bin hat er mir eindeutig klar gemacht, daß er sich noch nicht reif genug fühlen würde, Vater zu werden. Als er dann von der Schwangerschaft erfuhr, unterstellte er mir sofort, daß ich etwas mit einem anderen Mann gehabt hätte ..." Sara konnte ihre Tränen nicht mehr länger zurückhalten. "Oh, Meg, ich liebe Derek doch!" stieß sie verzweifelt hervor. "Wie kann er nur denken, daß ich ihm untreu war?" schluchzte sie.
Meg nahm ihre Schwester in den Arm.
"Er ist ein Schuft! Das wußte ich doch schon immer. Er will sich doch nur vor der Verantwortung drücken!"
Sara schüttelte energisch den Kopf.
"Nein, ich glaube, daß Derek wirklich denkt, daß das Baby nicht von ihm ist." verteidigte Sara ihn. Meg schüttelte den Kopf.
"Du hältst zu ihm, nach allem, was er Dir gesagt und angetan hat?"
Sara nickte.
"Er denkt wirklich, daß er unfruchtbar ist!" sagte sie bestimmt. Meg rieb sich die Nase.
"Na gut, dann müssen wir ihn eben dazu bringen, daß er nochmal so einen Fruchtbarkeitstest machen lässt."
Sara sah Meg an.
"Ja, aber wie?"
Meg stand auf und ging im Zimmer herum.
"Derek will sich heute mit Ben und mir in unserem Haus zwecks einer Aussprache treffen. Vielleicht kann ich ihm ja dann die Idee mit der Untersuchung schmackhaft machen," sagte sie und lächelte. Sara stand ebenfalls auf.
"Wenn Du Derek siehst, sag' ihm bitte, daß es mir gut geht." bat sie. "Ich habe es schon bereut, daß ich so einfach davongelaufen bin," fügte sie hinzu. Meg schüttelte energisch den Kopf.
"Einen Teufel werde ich tun!"
Sara schien irritiert zu sein.
"Wie bitte?"
"Laß' ihn ruhig noch ein bisschen zappeln," sagte sie nachdenklich. "Erst sollte er mal diesen Test machen lassen, der beweist, daß das Baby von ihm ist. Du wirst sehen, er wird Dir aus der Hand fressen und Dich auf Knien um Verzeihung bitten!" fügte Meg grinsend hinzu. Sara sah sie ungläubig an.
"Du magst ihn immer noch nicht besonders, oder?"
"Wieso?" fragte Meg erstaunt.
"Du scheinst ihn gerne leiden zu sehen," entgegnete Sara. Meg sah sie überrascht an.
"Nein, aber ich denke, nach allem, was er Dir vorgeworfen hat, braucht er einen kleinen Denkzettel."
Sara nickte vorsichtig.
"Ja, vielleicht hast Du recht ... Bleiben wir in Kontakt?" fragte sie und sah Meg an. Die nickte. "Ja, aber vorläufig sollen weder Ben noch Derek etwas von Deinem Aufenthalt hier erfahren." Sie nahm Sara wieder tröstend in den Arm. "Keine Sorge, kleine Schwester, halte noch 2-3 Tage durch. Bis dahin wird sich sicher alles regeln."
Sara sah Meg dankbar an.
"Ja, hoffentlich, und - Meg ... ich bin stolz auf meine große Schwester! Was würde ich nur ohne Dich machen?"
Meg drückte Sara noch ein letztes Mal und verließ dann das Hotelzimmer.
In der Cafeteria angekommen, nahmen Antonio und Gabi an einem kleinen Tisch Platz und bestellten sich einen Kaffee und ein Stück Kuchen. Während Antonio Gabi die ganze Zeit von der Seite fixierte, ging diese ihren Gedanken nach.
"Ich sollte ihm sagen, daß ich Ricardos Freundin bin," dachte sie - falls sie sich noch so nennen durfte, nach ihrem Streit mit ihm! "Sie sollten eines wissen," sagte Gabi langsam und schaute Antonio an. "Ich kannte ihre Mutter schon vorher ... ich meine, bevor sie ihren Zusammenbruch hatte."
Antonio schaute sie überrascht an.
"Ach ja? Na, dann wundert es mich nicht, daß sie sie vorhin so komisch angestarrt hat."
Gabi schluckte. Wieso nur hatte sie das dumpfe Gefühl, daß es bei Madame Carmens Vision um sie gegangen war? Antonio wunderte sich, wie still Gabi plötzlich wurde.
"Woher kennen Sie meine Mutter?" fragte er neugierig. Gabi nahm schnell einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse.
"Ihre Mutter ist eine bekannte Hellseherin," wich sie aus. "Jeder hier in Sunset Beach kennt doch Madame Carmen!" fügte sie erklärend hinzu.
"Es ist schon ein komischer Zufall," sagte Antonio nachdenklich," daß wir uns gerade hier wiedergetroffen haben."
Gabi lächelte ihn an, und sein Herzschlag setzte einen Moment aus.
"Ja, sagte sie geistesabwesend," ein Zufall ..." Gerade noch sah sie, wie eine große, schlanke Gestalt mit dunklem Haar eilig an der Cafeteria vorbei, den Gang entlanglief.
"Ricardo!" schoß es ihr plötzlich durch den Kopf. Gabi sprang auf.
"Es tut mir leid," sagte sie schnell. "Mir ist gerade eingefallen, daß ich meiner Kollegin versprochen habe noch eine Blutanalyse für sie im Labor zu machen." Sie war dankbar, daß ihr diese Lüge so schnell eingefallen war, denn sie mußte unbedingt mit Ricardo reden! Antonio schien enttäuscht zu sein.
"Ich muß meine Kaffeepause leider auf einen anderen Zeitpunkt verschieben," fügte Gabi entschuldigend hinzu. Antonio nickte verständnisvoll. "Das macht doch nichts," sagte er. "Aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Wir holen das ein anderes Mal nach."
Gabi sah ihn nachdenklich an.
"Ja, sicher ..." sagte sie, mit ihren Gedanken schon ganz bei Ricardo.
Antonio sah ihr irritiert hinterher, wie sie die Cafeteria eiligst verließ.
Als Meg mit der Einkaufstüte in der Hand Bens Haus betrat, wurde sie an der Tür schon ungeduldig von ihm empfangen.
"Wo hast Du denn nur so lange gesteckt?" fragte er besorgt. "Wir dachten schon, daß Du auch plötzlich verschwunden wärst."
Meg legte die Stirn in Falten.
"Wir?"
Ben warf einen Blick zum Sofa hinüber, auf dem Derek in Gedanken vertieft saß und ein Glas mit Cognac in der Hand hielt. Ben nahm Meg die Tüte ab und brachte sie in die Küche, während Meg zu Derek hinüberging.
"Hi, Derek!" begrüßte sie ihn. Er hob einen Moment den Kopf, ohne sie wirklich anzusehen und kippte dann den Drink in einem Zug hinunter. Angewidert verzog er das Gesicht. Meg setzte sich neben ihn, und erst jetzt schien er sie zu bemerken.
"Meg ... Hallo!"
"Ben hat mir alles erzählt," gestand sie ihm zögernd und wartete neugierig auf seine Reaktion. Derek vermied es, sie anzusehen. Anstatt ihr eine Antwort zu geben griff er zur Karaffe, die auf dem Tisch stand und schenkte sich noch einen Cognac ein, den er abermals sofort hinunterstürzte. Besorgt sah sie ihn von der Seite an. Anscheinend hatte er wirklich vor, sich sinnlos zu betrinken.
"Entschuldige mich einen Augenblick." Meg stand auf und ging in die Küche, wo Ben gerade dabei war, einen Salat anzurichten.
"Mach' was!" sagte sie flehend. Ben sah sie fragend an.
"Was meinst Du?"
Meg schaute um die Ecke, wo Derek gerade wieder dabei war, sich einen Drink zu genehmigen. "Er wird sich noch um den Verstand trinken!" sagte Meg aufgebracht. "Und das nützt weder Sara noch ihm was!" fügte sie hinzu. Ben nickte.
"Ja, Du hast recht. Derek benimmt sich schon die ganze Zeit so komisch ..." sagte er nachdenklich. Meg atmete hörbar aus.
"Die Angelegenheit mit Sara scheint ihm ja tatsächlich richtig zuzusetzen."
Ben sah Meg erstaunt an.
"Hattest Du etwa Zweifel daran?"
Sie schüttelte den Kopf.
"Ich weiß nicht," sagte sie zögernd," ich war mir zumindest unsicher." Meg dachte an ihr Gespräch mit Sara. Wenn sie Derek jetzt sehen könnte, würde ihr sicher das Herz brechen. Irgendwie überkam auch Meg das schlechte Gewissen, doch wenn sie Derek jetzt erzählen würde, wo Sara sich aufhielt, wäre ihr schöner Plan dahin. Erleichtert stellte Meg fest, daß Ben die Küche verlassen und zu Derek ins Wohnzimmer zurückgegangen war. Ob unter diesen Umständen überhaupt jemand Hunger hatte, fragte sie sich. Während Meg in der Küche einige Eier in die Pfanne schlug, setzte sich Ben in einen Sessel.
"Hast Du nichts Hochprozentigeres?" fragte Derek mit lallender Stimme. Ben schüttelte den Kopf.
"Ich denke, daß Du allmählich auch mal genug hast," sagte er bestimmt und griff nach der Karaffe mit dem Cognac. Derek stand schwankend auf und steuerte auf die Tür zu.
"Wohin willst Du?" fragte Ben verwirrt. Er bemerkte, daß Derek Mühe hatte, sich aufrecht zu halten. Ben sprang auf und ging ein paar Schritte auf ihn zu. "Du bist betrunken, Derek!" stellte er dann fassungslos fest. "Und das kommt nicht nur von den paar Gläsern Cognac, stimmt's?" Derek sah ihn mit glasigen Augen an. Ben packte ihn und schüttelte ihn leicht. "Du hast schon zuhause getrunken, oder?" Beunruhigt stellte Ben fest, daß Dereks Gesicht aschfahl geworden war. "Was und wieviel?" fragte Ben nervös. Derek schüttelte müde den Kopf.
"Im Deep ..." stammelte er zusammenhangslos. "Bier, Wein, Schnaps ..."
Ben sah ihn entsetzt an.
"Bist Du völlig übergeschnappt?" schrie er. "Willst Du Dich umbringen?" Dereks Blick ging ins Leere, und Ben spürte, daß er sich nicht mehr lange auf den Beinen halten konnte.
"Meg!" schrie Ben verzweifelt, und im selben Moment brach Derek vor ihm zusammen. Als Meg aus der Küche trat bot sich ihr ein dramatischer Anblick. Derek lag ohnmächtig auf dem Fußboden, und Ben kniete neben ihm.
"Ruf' den Notarzt, schnell!" bat er sie. "Ich glaube, er hat eine Alkoholvergiftung," fügte er hinzu, als er Megs fragendem Blick begegnete. Sie rannte zum Telefon und verständigte den Rettungsdienst. Dann kniete sie sich neben Ben und Derek auf den Fußboden.
"Oh mein Gott," entfuhr es ihr. "Wie soll ich das nur Sara erklären?" Bei der Erwähnung von Saras Namen sah Ben überrascht hoch.
"Weißt Du etwa, wo Sara steckt?" fragte er mißtrauisch. Meg schloß die Augen. Ihr Plan war sowieso dahin, also konnte sie Ben auch ruhig die Wahrheit sagen.
"Ja, ich weiß wo sie ist." gab sie zu. Ben sah sie entgeistert an.
"Und Du hast es nicht für nötig gehalten, uns darüber zu informieren?" sagte er vorwurfsvoll. "Es tut mir leid!" sagte Meg kleinlaut und schaute auf den bewußtlosen Derek vor sich. "Sara wollte es ja auch, aber ich dachte ..." Sie schüttelte den Kopf. "Es spielt jetzt keine Rolle mehr, was ich dachte," sagte sie leise. "Jetzt muß Derek erst einmal gesund werden."
Ben nickte. Er sprang auf, als es an der Tür klopfte. Der Notarzt erkannte schnell, daß es sich hier tatsächlich um einen Fall von Alkoholvergiftung handelte. Nachdem er an Derek eine Erstversorgung vorgenommen hatte, wandte er sich an Ben.
"Machen Sie sich keine Sorgen," sagte er beruhigend zu ihm. "Wir nehmen ihren Bruder jetzt mit in die Klinik, um ihm den Magen auszupumpen und ihm ein Entgiftungsmittel zu geben. Wir werden ihn dann noch zur Beobachtung 24 Stunden bei uns behalten."
Ben nickte.
"Ich möchte gerne mitfahren." sagte er, und der Arzt nickte. Ben gab Meg einen Kuß. "Ich rufe Dich an, wenn ich was neues weiß. Ruh' Dich jetzt einfach ein bisschen aus."
Meg nickte, obwohl sie wußte, daß sie sicher keine Ruhe finden würde. Nachdem der Krankenwagen davongefahren war ging Meg langsam zum Telefon hinüber. Zögernd nahm sie den Hörer hoch und drehte ihn nachdenklich in der Hand, ehe sie zu wählen begann.
Als Derek die Augen aufschlug, wußte er erst einmal gar nicht, wo er sich befand. Er drehte den Kopf zur Seite und wischte sich die Augen, weil er nicht glauben konnte, was er da sah. Hatte er Halluzinationen? - Sara saß neben ihm auf einem Stuhl. Ihr Kopf lag auf den Armen, die seitlich die Lehne umfassten. Sie schien zu schlafen, denn ihre Augen waren geschlossen und sie atmete ganz ruhig. Bei ihrem Anblick wurde ihm schmerzlich bewußt, wie sehr er sie doch liebte. Vorsichtig setzte er sich auf. In seiner Kehle brannte es wie Feuer und auch sein Magen rebellierte. Als er an die Ereignisse der letzten Stunden dachte, überkam ihn Scham. Er erinnerte sich zurück:
Er war ins Deep gegangen, um zu arbeiten, aber auch dort drängte sich ihm immer der Gedanke an Sara auf. Um zu vergessen war er nach unten zur Bar gegangen und hatte sich einen Drink gemixt, und dann noch einen zweiten. Die Wirkung hatte nicht lange auf sich warten lassen, doch anstatt sich besser zu fühlen, hatte er sich nur noch schlechter gefühlt. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, was er noch alles getrunken hatte, aber irgendwann war ihm siedendheiß eingefallen, daß er sich ja mit Meg und Ben verabredet hatte. Zuhause hatte er noch schnell mit Mundwasser gegurgelt, damit die beiden nicht bemerkten, daß er getrunken hatte und war dann zu Bens Haus hinüber gegangen. Die 3-4 Gläser Cognac hatten ihm wohl dann den Rest gegeben, denn sonst würde er jetzt nicht hier liegen, dachte er bitter.
Derek fuhr sich mit der Hand durchs Haar und bemerkte überrascht, daß in seinem Arm eine Nadel steckte und über ihm eine Infusionsflasche hing. Obwohl er sich die ganze Zeit ruhig verhalten hatte, schlug Sara plötzlich die Augen auf. Als sie sah, daß Derek wach war, setzte sie sich auf und sah ihn verlegen an.
"Wie fühlst Du Dich?" fragte sie leise.
Derek schluckte.
"Du bist keine Halluzination," stellte er fest. "Du bist wirklich hier?" Er konnte es nicht glauben. Sara zwang sich zu einem Lächeln.
"Ja," sagte sie," ich bin wirklich hier." Er griff nach ihrer Hand.
"Es tut mir leid!" sagte er. Sara streichelte seine Hand.
"Wir haben beide Fehler gemacht. Ich hätte nicht so überstürzt wegrennen dürfen und Du ..." Sie unterbrach den Satz, aber Derek nickte verstehend mit dem Kopf. Für einen Moment sahen sie sich nur an.
"Ich habe viel Zeit gehabt nachzudenken," sagte Derek leise. "Ich werde mich einem zweiten Fruchtbarkeitstest unterziehen, damit wir endlich Gewissheit haben." Er sah sie an. "Das hätte ich gleich vorschlagen sollen, dann wäre es gar nicht soweit gekommen." fügte er bitter hinzu. Sara sah ihn dankbar an.
"Ich verstehe ja, daß Du Zweifel hast, aber ich schwöre Dir, daß ich Dir niemals untreu war!" In ihrer Stimme schwang Verzweifelung mit.
"Ich weiß ,,," sagte Derek mit tonloser Stimme. Er fasste sich wieder. "Wo bist Du die ganze Zeit über gewesen, und woher wußtest Du, daß ich hier bin?"
Sara atmete tief durch. Sie erzählte Derek, daß Meg sie gefunden und auch später telefonisch über seinen Zustand benachrichtigt hätte.
"Als ich hörte, daß Du wegen einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus liegst, wollte ich sofort zu Dir!"
Derek sah sie zärtlich an.
"Komm' her!" bat er sie. Zögernd stand Sara auf und setzte sich zu ihm auf die Bettkante. Vorsichtig strich er mit seiner Hand über ihre Wange. Sie hielt sie fest und zog sie an ihre Lippen. Dabei sah sie ihm tief in die Augen. Beide zuckten zusammen, als die Tür abrupt geöffnet wurde und eine Schwester hereintrat. Amüsiert sah sie die beiden an.
"Mr. Evans braucht noch Ruhe!" sagte sie bestimmt. "Vielleicht könnten Sie ihre ..." Sie suchte nach Worten. " ... Aktivitäten auf einen späteren Zeitpunkt verschieben."
Sara stand auf und schaute verlegen zu Boden, während Derek sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte.
"Ja, natürlich Schwester," beeilte sich Sara zu sagen. Sie warf Derek noch einen verliebten Blick zu und verließ dann das Krankenzimmer.
Gabi rannte fast den ganzen Weg zurück bis zum Schwesternzimmer im Laufschritt. Sie wollte Ricardo unbedingt sprechen, doch als sie um die Ecke bog sah sie, wie er in Madame Carmens Krankenzimmer verschwand. Enttäuscht blieb sie stehen. Sie wollte keinen Ärger mit seiner Mutter heraufbeschwören und deshalb entschied sie sich für einen Rückzug. Sie würde sicher noch später die Gelegenheit haben, mit Ricardo zu reden. Nachdenklich ging sie weiter den Gang entlang, als plötzlich aus einem Krankenzimmer eine junge Frau trat.
"Sara?!" fragte sie überrascht. Die Angesprochene schaute hoch.
"Oh, hallo Gabi!" grüßte sie zurück. Gabi sah sie stirnrunzelnd an.
"Was machst Du hier?" fragte sie neugierig. Einen Moment zögerte Sara mit der Antwort, doch dann fiel ihr ein, daß Gabi sich ihr damals im Deep auch anvertraut hatte.
"Ich besuche Derek," entgegnete sie knapp, als ob das schon alles erklären würde. Gabi sah sie nachdenklich an.
"Ist er krank?" fragte sie überrascht. Sara ging einen Schritt auf sie zu und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Irritiert sah Gabi sie danach an. "Wirklich? Du meine Güte ... Gabi schien entsetzt zu sein. "Willst Du mir auch erzählen, wie es dazu kam?"
Sara zuckte mit den Schultern.
"Lieber nicht," sagte sie schnell. "Nichts gegen Dich, Gabi," fügte sie versöhnlicher hinzu," aber das ist wirklich eine sehr lange Geschichte, die man nicht so einfach im Vorbeigehen erzählen kann."
Gabi nickte.
"Ist schon in Ordnung. Ich wollte Dich wirklich nicht aushorchen."
Sara sah sie entschuldigend an.
"Sei mir nicht böse, aber ich muß das jetzt auch erst einmal alles verdauen. Ich verspreche Dir, daß ich Dir demnächst alles erzählen werde."
Gabi nickte.
"Ist gut." Sie schaute Sara an und bemerkte plötzlich wie sich ihre Gesichtsfarbe veränderte. Anscheinend hatte sie etwas oder jemanden gesehen, der sie aus der Fassung brachte. Sie drehte sich um und sah gerade noch, wie Dr. Robinson in einem Raum verschwand. Gabi bemerkte, wie nervös Sara plötzlich wurde.
"Entschuldige mich bitte, Gabi, aber ich habe Ben und Meg versprochen, daß ich mich sofort bei ihnen melde, wenn ich was neues über Derek weiß."
Gabi nickte irritiert. Sie beobachtete, wie Sara den Gang entlanglief, dann zögernd stehenblieb und zur Anmeldung ging, wo Roxi gerade dabei war, einige Akten einzusortieren.
"Was wollte Sara denn bei der Anmeldung?" fragte sich Gabi. Sie beobachtete dann weiter, wie Roxi in ihrem großen Terminkalender blätterte und dann darin etwas eintrug. Als Sara sich verabschiedet hatte, ging Gabi, von Neugier getrieben, hinüber zur Anmeldung.
"Hi, Gabi!" begrüßte Roxi sie freundlich. "Dich schickt der Himmel!" Gabi sah sie verwirrt an. "Wieso?"
Roxi streckte sich.
"Ich brauche dringend eine Pause," sagte sie. "Könntest Du mich mal ablösen?" fragte sie bittend. Gabi nickte.
"Ja, natürlich. Ich habe sowieso im Moment nichts zu tun."
Roxi ging schnell um den Tresen herum und warf Gabi im Weggehen eine Kußhand zu. Gabi starrte auf das Terminbuch, das vor ihr auf dem Tisch lag. Langsam blätterte sie Seite für Seite um, in der Hoffnung, zu entdecken, was Roxi für Sara eingetragen hatte. Plötzlich schlug ihr Gewissen. Wenn Sara nicht wollte, daß sie es erfuhr, hatte sie auch kein Recht, ihr hinterherzuschnüffeln! Entschlossen klappte Gabi das Buch zu, um es eine Minute später wieder zu öffnen. Hektisch blätterte sie die Seiten durch, doch plötzlich hielt sie mitten in der Bewegung inne. Der Termin war durchgestrichen worden, doch man konnte noch eindeutig lesen, was darunter geschrieben stand. Gabi hielt einen Moment den Atem an.
"Sara hatte einen Termin für eine Abtreibung!" dachte sie entsetzt. Sie brauchte eine Weile, ehe sie wirklich begriff, was das bedeutete. "Sie ist schwanger!" schoß es ihr plötzlich durch den Kopf. "Sara bekommt ein Kind ..."
Als Meg vom Büro
nach Hause kam, saß Ben am Schreibtisch und sortierte seine Unterlagen, die er
für ein morgen stattfindendes Meeting mit den Investoren der Liberty
Ferienanlage mit nach Hause genommen hatte. Die Sache mußte gründlich
vorbereitet werden, und auf Gregory war derzeit kein Verlass, der hatte ganz
andere Sorgen.
Meg öffnete weit die Balkontür und atmete tief durch.
„Mein Gott, ist das heute heiß draußen!“ stöhnte sie, trat zum Schreibtisch und
küßte Ben auf die Stirn. Er umfasste ihre Taille und zog sie lächelnd auf
seinen Schoß.
„Möchtest Du was trinken?“ fragte sie. Er schüttelte den Kopf.
„Ich arbeite das hier schnell durch, und dann können wir noch einen Spatziergang
machen, nur wir beide. Was hälst Du davon?“
Meg nickte.
„Eine gute Idee. So bekomme ich vielleicht einigermaßen meinen Kopf wieder
frei.“ seufzte sie. Ben strich ihr liebevoll übers Haar.
„Du machst Dir Sorgen wegen Sara, hab ich recht?“
„Ja“ gab sie zu, „ich weiß nicht recht, wie die Sache weitergehen soll, sie ist
doch selbst noch ein halbes Kind, und nun bekommt sie ein Baby, und ich
bezweifle, dass sie dem allen gewachsen ist.“
„Ach komm, Sara ist erwachsen, und wenn sich Derek wieder einigermaßen im Griff
hat, wird er sich auch über das Kind freuen.“
Meg sah Ben skeptisch an.
„Glaubst Du das wirklich? Ich meine...“ sie überlegte kurz, entschloß sich dann
aber doch, ihm gegenüber nicht mit ihrer Meinung hinter dem Berg zu halten, „ich
kann mir Derek, ehrlich gesagt, nicht so recht als treusorgenden Vater
vorstellen. Er war immer so unberechenbar und in allem, was er tat nur auf
seinen Vorteil bedacht, und noch vor ein paar Wochen hätte ich ihm nicht
annähernd über den Weg getraut, und nun... ich weiß nicht recht!“
Ben lächelte beruhigend.
„Er hat sich verändert, Meg. Sara hat ihn verändert. Ich hätte mir bis vor
kurzem auch nicht vorstellen können, mich jemals wieder mit ihm zu versöhnen,
aber ihr beide, Du und Deine Schwester, habt es geschafft, dass Derek und ich
uns wieder wie normale Menschen unterhalten können. Warum soll er jetzt einen
Rückzieher machen?“
„Weil ein Kind Verantwortung bedeutet. Es wird sein Leben in ungewohnter Weise
einschränken, und ich denke, soweit ist er noch nicht. Er will sein Leben
genießen, mit oder ohne Sara...“
Ben sah Meg nachdenklich an.
„Du urteilst ganz schön hart.“ meinte er. „Ich hab immer Deine gute
Menschenkenntnis bewundert, aber diesmal hoffe ich, dass Du nicht Recht
behältst.“
„Ja, das hoffe ich auch, denn für Sara wäre es eine mittlere Katastrophe, wenn
er sie irgendwann mit dem Baby sitzenläßt, weil es ihm zuviel wird.“ Meg stand
auf und strich ihren Rock glatt. „Ich geh duschen.“
Ben schaute ihr nachdenklich hinterher. Derek hatte sich, seit er mit Sara
zusammen war, wirklich sehr verändert. Aber reichte das schon für eine feste
Beziehung, noch dazu mit einem Baby, wenn es überhaupt seines war, woran Ben
eigentlich keinen Zweifel hatte. Doch die Frage, ob sein Bruder reif für eine
eigene Familie war, vermochte er nicht zu beantworten, so gut kannte er den
„neuen“ Derek nun doch noch nicht.
Sara war auf dem Weg zu Ben, als sie sah, dass die Balkontür offenstand.
„Na Gott sei dank!“ dachte sie erleichtert, „Dann brauche ich bei dieser Hitze
nicht erst ums ganze Haus zu laufen.“
Sie wollte gerade an die Verandatür klopfen, als sie drinnen Stimmen vernahm.
Ben und Meg unterhielten sich... über sie!
Saras Herz klopfte laut, als sie sich an die Mauer presste und dem Gespräch
atemlos lauschte.
Es ging um sie und Derek und... um das Baby. Und was Meg da sagte, schnürte Sara
die Kehle zu, denn ihre Schwester sprach genau das aus, was auch ihre eigenen,
geheimsten Ängste waren: war Derek wirklich bereit für eine eigene Familie? Oder
hing er doch noch mehr an seinem „alten“ Leben?
In der Klinik hatte er mit keinem Wort erwähnt, dass er sich auf das Kind
freute! Was würde geschehen, wenn er sie verließ?
Tausend Zweifel quälten sie plötzlich wieder und sie kämpfte vergeblich gegen
die aufsteigenden Tränen, während sie den Kopf verzweifelt an die kühle Hauswand
lehnte.
Sara saß unten in
der Nähe des Bootshafens auf der Kaimauer und starrte auf die Wellen, die
unaufhörlich an die grauen, ausgespülten Steine schlugen. Sie wußte nicht, wie
lange sie so dagesessen hatte, aber es tat ihr gut, einfach nur aufs Wasser zu
sehen und an gar nichts zu denken. Fast verspürte sie Lust, sich wie früher mit
einem kühnen Kopfsprung in die Fluten zu stürzen und zu schwimmen. Aber sie
mußte lernen, nicht mehr jeder ihrer Launen nachzugeben, dem Baby zuliebe. Ihr
Baby... zärtlich legte sie eine Hand auf ihren Bauch und lächelte, das erste Mal
heute.
„Es ist nicht zu fassen, wo ich auch hinkomme, begegnet mir zur Zeit irgend eine
Cummings- Schwester! Das ist ja wie eine Seuche!“
Sara schreckte hoch und sah in blaue Augen, die sie kalt fixierten. Erschrocken
sprang sie auf. Annie stand neben ihr am Kai und hatte sich bei Cole, ihrem
Begleiter, eingehakt. Der junge Mann nickte ihr freundlich zu, während Annies
Mund sich spöttisch verzog.
„Na, besonders glücklich sehen Sie aber immer noch nicht aus!“ stellte sie mit
Genugtuung fest. „Tja, aber so ist das eben, wenn Kinder Kinder bekommen! Sie
wissen zwar, wie`s geht, aber nicht, wie`s weitergeht!“
„Annie!“ mahnte Cole und sein Lächeln verschwand. Das Verhalten seiner Freundin
schien ihm äußerst peinlich zu sein.
Sara schluckte. Diese Frau war doch wirklich das Letzte!
„Ich wüßte schon, wie es weitergeht, wenn sich gewisse Leute endlich aus meinem
Leben heraushalten würden!“ entgegnete sie abweisend.
Annie grinste.
„Ich wette, damit meinen Sie Ihre große Schwester! Ja, der Meinung bin ich auch.
Sie mischt sich überall ein. Man sollte sie mit dem nächsten Frachtflieger in
die Wildnis zurückschicken!“
„Nein Annie! Man sollte Sie ganz einfach zum Teufel schicken, Sie intrigantes
Biest!“ fauchte Sara aufgebracht.
„Aber aber, nun regen Sie sich nicht gleich so auf, Kleines, denken Sie an Ihr
Baby... von wem auch immer es sein mag...“
„Annie...“ rief Cole erbost, doch weiter kam er nicht.
Sara hatte genug. Sie fuhr blitzschnell herum und versetzte Annie einen
kräftigen Stoß, so dass diese sofort das Gleichgewicht verlor und in ihrem
hautengen Mini und den roten Pumps mit einem entsetzten Aufschrei ziemlich
unelegant von der Kaimauer ins Wasser stürzte. Sie prustete und spuckte und
versuchte vergeblich, sich an der klitschigen Mauer wieder hochzuziehen.
„Annie!“ rief Cole, nun mittlerweile zum dritten Mal.
„Cole! Hilf mir, verdammt!“
Er hielt ihr seine Hand entgegen und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen,
als Annie umständlich und wütend schnaufend über die Steine wieder nach oben
kletterte.
Sie warf ihm einen bösen Blick zu.
„Was gibt’s denn da zu lachen?“ herrschte sie ihn an und zog sich notdürftig das
triefend nasse Kleid wieder über die Hüften. Cole versuchte sich mühsam zu
beherrschen, aber das Ganze war einfach zu komisch.
„Warte mal, Du hast da was!“ feixte er und zog ihr ein langes Stück Seetang aus
dem roten Haar. „Sehr dekorativ!“ meinte er und platzte wieder laut los.
„Idiot!“ fauchte Annie und schüttelte ihr Haar aus.
Sara betrachtete einen Moment lang zufrieden grinsend ihr Werk und rieb
triumphierend ihre Handflächen aneinander.
„Gute Arbeit, Cummings!“ sagte sie zu sich selbst und schritt hoch erhobenen
Hauptes davon.
Als die Verbände zum ersten Mal gewechselt wurden, warf Olivia Richards einen ängstlichen Blick in de Spiegel. Es war nicht so schlimm, wie sie erwartet hatte. Ihr gesamtes Gesicht war zwar von teils größeren, teils nicht so gravierenden Schnittwunden völlig übersäht. Aber Dr. Robinson hatte ihr versichert, daß es nichts sei, was man nicht in Ordnung bringen könne. Immerhin war die Gehirnerschütterung vollständig abgeklungen, und sie konnte das Krankenbett wieder ohne fremde Hilfe verlassen. Allerdings hatte Dr. Robinson ihr geraten, es mit irgendwelchen Ausflügen durch die Krankenhausflure nicht zu übertreiben. Olivia hatte nur gelächelt. Das hatte sie bestimmt nicht vorgehabt. Jetzt allerdings stand sie auf. Caitlin hatte vorhin angerufen und ihr gesagt, daß sie und Gregory vorbeikommen würden, und Olivia hatte sich entschlossen, den beiden ein Stück entgegen zu gehen. Als sie das Krankenzimmer verließ, hörte sie bereits Caitlins Stimme um die nächste Ecke. Zunächst wollte Olivia sich sofort melden, doch dann hielt sie einen Moment inne.
"Ich hoffe ja auch, daß es nicht zu hart für Mum wird. Aber Du darfst nicht vergessen, welche Folgen der Unfall für Casey hatte."
Olivia hielt den Atem an.
"Schrecklich, gewiß", antwortete Gregory kühl. "Aber es gibt nichts, was man daran jetzt noch ändern könnte. Die Zukunft deiner Mutter und mein guter Name aber sind durchaus noch zu retten, wenn nichts an die Öffentlichkeit kommt. Und ich habe mich mal umgehört. Es ist gar nicht sicher, daß Casey Mitchums Zustand endgültig ist. Vielleicht bleibt er gar nicht gelähmt." "Casey Mitchum ist gelähmt?"
Olivia trat nun hervor und blickte Gregory und Caitlin mit weit aufgerissenen Augen an.
Derek fieberte
förmlich dem Termin mit Dr. Robinson entgegen. Er durfte bereits das Bett
verlassen, sollte aber bis zum nächsten Tag noch in der Klinik bleiben. Der
Doktor hatte ihn gebeten, am Nachmittag in sein Büro im Erdgeschoß zu kommen, um
den Test mit ihm auszuwerten, der nun die Entscheidung darüber bringen würde, ob
Saras Baby von ihm war.
Noch vor der vereinbarten Zeit zog er sich an und fuhr mit dem Fahrstuhl
hinunter.
Dr. Robinson sah ihm lächelnd entgegen.
„Nun, Mister Evans, wie ich sehe, haben Sie sich schon wieder ganz gut erholt.“
meinte er und wies auf den freien Stuhl vor seinem Schreibtisch. „Nehmen Sie
bitte Platz.“
Er bat die diensthabende Schwester über die Sprechanlage, ihm die entsprechende
Akte hereinzubringen. Dann sah er Derek prüfend an.
„Was ist, Doktor?“ fragte dieser irritiert. „Stimmt etwas nicht?“
„Nein“ entgegnete Tyus Robinson freundlich. „Ich habe nur gerade gedacht, dass
ich selten zwei Menschen erlebt habe, die sich so total ähnlich sehen wie Sie
und Ihr Zwillingsbruder. Genauso gut könnte jetzt Ben vor mir sitzen und ich
würde es vermutlich nicht merken, höchstens an seinem medizinischen Gutachten.“
Derek lachte.
„Na ja, leider haben wir uns bis vor kurzem nicht sehr gut verstanden.“ gestand
er. „Aber das hat sich jetzt geändert, und ich bin froh darüber.“
Tyus nickte.
„Schön für Sie. Allerdings sollten Sie selbst in nächster Zeit derartige
Alkohol- Eskapaden, wie die von gestern, vermeiden, sonst kann ich für nichts
garantieren.“ sagte er streng.
„Ich kann Ihnen versichern, das war nur ein einmaliger Ausrutscher, Dr.
Robinson.“ versprach Derek verlegen lächelnd. „Es kommt bestimmt nicht wieder
vor.“
„Nun gut.“ Tyus ergriff die Krankenakte, die ihm die Schwester reichte. „Dann
wollen wir mal sehen...“
Gespannt beobachtete Derek jede Regung in Dr. Robinsons Gesicht, während dieser
die vorliegenden Ergebnisse eingehend studierte. Sein Herz klopfte wie verrückt.
Schließlich sah Tyus hoch.
„Also, Mister Evans...” begann er etwas zögernd, “nach den hier vorliegenden
Testergebnissen kann ich gar nicht so recht verstehen, weshalb Sie irgendwelche
Zweifel hatten...“
„Was heißt das, Doktor?“
„Nun“ Tyus klappte die Akte lächelnd zu, „ich sehe keinen Grund dafür, warum Sie
nicht in der Lage sein sollten, eine Familie zu gründen!“
Derek fühlte sich
unendlich erleichtert, als er Dr. Robinsons Büro ein paar Minuten später wieder
verließ. Wie hatte er nur an Sara zweifeln können! Aber andererseits, wer
glaubte schon, dass sich ein damals glaubwürdiges, medizinisches Attest nun als
Irrtum herausstellen würde...
Er mußte es Sara sagen! Oder, noch besser, er würde sich Blumen besorgen, und
wenn sie ihn heute irgendwann hier besuchte, würde er sie in den Arm nehmen und
würde ihr sagen...
„Na das ist ja eine Überraschung!“ hörte er plötzlich eine samtweiche Stimme
hinter sich. Erstaunt sah er sich um. Jade, schön, blond, verführerisch,
lächelte ihn zuckersüß an. „Schön, Sie auch wieder einmal zu sehen, Derek. Wenn
auch an einem...“ sie sah sich befremdet um, „etwas ungewöhnlichem Ort. Was tun
Sie hier?“
„Nun, ich mixe Ihnen bestimmt keine exotischen Drinks.“ entgegnete Derek. „Dazu
müßten Sie schon zu mir ins Deep kommen.“
„Das Deep ist ein gefährlicher Ort für eine Frau.“ antwortete Jade. „Man kann
sich leicht die Finger verbrennen, wenn man nicht rechtzeitig verschwindet.“
Derek lachte.
„Ah ja. Im Verschwinden sind Sie ziemlich gut.“ Er betrachtete sie aufmerksam.
„Und was tun Sie hier?“
Jade verzog das Gesicht.
„Sagen wir, ich bin beruflich hier.“ meinte sie ausweichend. „Und Sie? Sie sehen
so zufrieden aus! Gute Nachrichten?“
„Sehr gute Nachrichten.“ strahlte er. „Der Tag könnte nicht besser sein.“
„Wie schön.“ Jade warf ihm einen verführerischen Blick zu. „Ich wünschte, ich
würde jemandem begegnen, der mich auch so zufrieden sein läßt.“
„Das dürfte Ihnen doch nicht schwer fallen, Jade!“ entgegnete Derek und seine
Augen wanderten unwillkürlich zu ihrem tiefen Dekolletè hinunter. Sie lächelte,
als sie seinen Blick bemerkte. Auch wenn Derek ihren weiteren Plänen in Sunset
Beach nichts mehr nützte, so fand sie ihn doch nach wie vor faszinierend, und
außerdem hatte sie ihr ödes Hotelzimmer satt. Also, es war einen Versuch wert...
„Ich bin hier gleich fertig,“ meinte sie tiefgründig und strich wie
gedankenverloren mit ihren Händen über den Kragen seines Hemdes, „warum machen
wir beide uns nicht einen richtig netten Nachmittag? Wir könnten zum Strand
gehen, danach noch ins Deep und dann...“
Derek lachte und nahm ihre Hände.
„Guter Versuch, Jade!“ Er schob sie ein Stück von sich weg. „Ich weiß nicht, was
Sie diesmal bezwecken, und noch vor ein paar Wochen wäre ich Ihnen bedingungslos
gefolgt, aber jetzt... es tut mir leid, keine Chance!“
Sie ließ sich ihre Enttäuschung nicht anmerken.
„Schade, Sie wissen nicht, was Ihnen entgeht.“
„Ich ahne es zumindest.“ grinste er und ließ seinen Blick wieder über ihren
Körper gleiten. „Aber auch wenn es schwerfällt, ich muß leider passen. Auf
wiedersehen, Jade.“
Sie zog bedauernd die Augenbrauen hoch.
„Vielleicht ein andermal, Derek.“ sagte sie selbstbewußt und ging langsam davon.
Nachdenklich sah Derek ihr nach.
„...Sie wissen nicht, was Ihnen entgeht...“ hörte er in Gedanken Jades
verführerische Stimme.
„Derek, alter Junge, das war Dein altes Leben! Jetzt fängt ein neues an!“ sagte
er sich und ging zurück zu seinem Zimmer.
Sara stand in der Nische am Eingang und hatte die Szene beobachtet. Sie sah
Jade, die ihre Hände verführerisch auf Dereks Brust legte, und wie er sie
ansah...
Das tat weh, aber es bestätigte ihr genau das, was Meg zu Ben gesagt hatte.
Derek war noch nicht bereit, seine Freiheit zugunsten einer Familie aufzugeben.
Zögernd betrat Gabi Dereks Krankenzimmer. Er sah erstaunt hoch, als er sie hereinkommen hörte.
"Hier, nimm' das!" Grußlos streckte sie ihm ein kleines Gefäß entgegen, in dem sich zwei orangefarbene Kapseln befanden. Mißtrauisch sah er sie an.
"Was ist das?"
Sie zuckte mit den Schultern.
"Irgendwelche Vitamine, denke ich mal." Ihre abweisende Art irritierte ihn. Sicher wußte er, daß Gabi nicht so gut auf ihn zu sprechen war, aber so kühl und distanziert hatte sie sich ihm gegenüber noch nie verhalten.
"Warum denn heute so frostig?" fragte er neugierig. Sie warf ihm einen abweisenden Blick zu, und plötzlich schien er zu verstehen. "Ach so ... Sara hat Dir bestimmt erzählt, was vorgefallen ist, oder?"
Gabi nickte.
"Hätte ich mir denken können," sagte er bitter.
"Wir sind schließlich Freundinnen!" verteidigte Gabi ihre ehemalige Mitbewohnerin. Derek machte eine wegwerfende Handbewegung.
"Ist schon gut. Ich will mich nicht mit Dir streiten." Er lächelte versöhnlich, doch Gabi erwiderte das Lächeln nicht.
"Ich freue mich auf jeden Fall," sagte sie stattdessen," daß Sara ihr Baby nun doch behalten will." Sie hatte den Satz kaum ausgesprochen, als sie erkannte, daß sie einen großen Fehler begangen hatte. Dereks Augen weiteten sich vor Entsetzen, und er packte Gabi grob am Arm. "Was hast Du da gerade gesagt?" fragte er fassungslos. Sie entwand ihm ihren Arm.
"Ich - ich dachte, Du wüßtest es ..." sagte sie leise. Derek starrte sie weiterhin nur an.
"Was genau soll ich wissen?" fragte er, obwohl er die Antwort bereits kannte. Gabi spürte, wie ihr Mund trocken wurde.
"Vielleicht solltest Du darüber besser mit Sara reden," versuchte sie der Frage auszuweichen. Derek fuhr sich nervös durchs Haar. Seine Hand zitterte.
"Du redest von einer Abtreibung, nicht wahr?" Er sah Gabi scharf an, die nur regungslos da stand. "Sara wollte unser Baby wirklich abtreiben lassen?" fragte er ungläubig. Sein Gesicht bekam einen gequälten Ausdruck. Sie wich seinem Blick aus.
"Ja," entgegnete sie dann leise, während sie angestrengt auf den Fußoden starrte. Als sie wieder hochsah, saß Derek wie versteinert auf seinem Bett. In seinem Gesicht konnte man keinerlei Gefühlsregung erkennen, aber Gabi ahnte, daß ihn diese Nachricht doch schwer getroffen hatte. "Ich werde Dich jetzt alleine lassen," sagte sie. An der Tür drehte sie sich noch einmal zu ihm um, doch Derek schien kaum mehr etwas um sich herum wahrzunehmen.
Gabi öffnete die Tür und verließ das Zimmer. Sie ging zu den Waschräumen hinüber, drehte das Wasser auf und ließ es sich über die Handgelenke laufen. Mal wieder überkam sie das schlechte Gewissen. Anscheinend machte sie derzeit alles nur noch schlimmer anstatt besser, dabei hatte sie doch nur helfen wollen! Gabi drehte den Wasserhahn ab und schaute in den Spiegel. Als Krankenschwester war sie nicht nur für das körperliche sondern auch für das seelische Wohl ihrer Patienten verantwortlich. Obwohl sie Derek nie besonders gemocht hatte, hätte sie ihn jetzt trotzdem nicht alleine lassen dürfen, nachdem er gerade von Saras geplanter Abtreibung erfahren hatte. Gabi schüttelte den Kopf. Sie mußte noch einmal nach ihm sehen, um sicherzugehen, daß es ihm gut ginge. Sie verließ den Waschraum und ging entschlossen zurück zum Zimmer. Ein merkwürdiges Gefühl beschlich sie, als er auf ihr Klopfen nicht reagierte. Vorsichtig öffnete Gabi die Tür und schaute ins Zimmer hinein. Entsetzt stellte sie dann fest, daß der Raum leer war. Derek war verschwunden!
In ihrem gemeinsamen Schlafzimmer nahm Sara ein Kleidungsstück nach dem anderen aus dem Schrank, während ihr die Tränen die Wangen hinunterliefen. Sie wischte sich mit dem Handrücken übers Gesicht und beeilte sich, alle Sachen in einen Koffer zu packen. Nach einem letzten Blick zum Bett hinüber, ließ sie das Kofferschloß zuschnappen und ging schnell die Treppe hinunter. Nach diesem Tag hatte sie erkannt, daß Derek einfach noch nicht dazu bereit war, sein altes Leben aufzugeben, um mit ihr und dem Baby ein neues zu beginnen. Meg und Ben hatten dies schon richtig erkannt, und nun mußte sich auch Sara eingestehen, daß sie recht gehabt hatten. Nachdem sie ihn mit Jade zusammen gesehen hatte, war in ihr der Gedanke gereift, ihm vorerst seine Freiheit zurückzugeben. Sie würde ihn und Sunset Beach verlassen und die Zeit abwarten, bis das Baby geboren war. Was danach wäre, würde die Zukunft entscheiden, doch erst einmal brauchten sie beide Zeit zum Nachdenken.
Sara ging zum Schreibtisch hinüber und strich ein letztes Mal über den Abschiedsbrief, den sie an Derek geschrieben und in dem sie ihm ihre Beweggründe für ihren Fortgang erklärt hatte. Ihn zu verlassen, war wohl die schwerste und zugleich schmerzvollste Entscheidung, die sie jemals getroffen hatte, doch Sara war sich sicher, daß es für alle das Beste war. Sie griff nach ihrem Koffer, und ohne sich noch einmal umzusehen, verließ sie das Haus.
"Gregory", Olivia blickte ihn noch immer geschockt an, "Casey Mitchum ist gelähmt? Warum hast Du mir nicht gesagt, daß er gelähmt ist?"
"Olivia", meinte Gregory überrascht. "Hast Du das gehört?"
"Natürlich hab ich das gehört, was denkst Du denn. Gregory, sag mir dass das nicht wahr ist. Du hast mir doch gesagt, es wäre nicht so schlimm." Sie blickte ihn an, doch er antwortete nicht. "Gregory..."
"Ich wollte nicht, daß Du Dir unnötig Sorgen machst."
"Unnötig Sorgen? Ich habe das Leben eines Menschen ruiniert. Wenn ich nicht betrunken..." Gregory hielt ihr die Hand vor den Mund.
"Psst, sag jetzt nichts falsches. Du warst nicht betrunken, hast Du mich verstanden."
"Doch, ich war es, ich..."
"Offiziell nicht. Dafür habe ich gesorgt."
"Was, wie..."
"Das wie spielt keine Rolle", flüsterte Gregory. "Tatsache ist jedenfalls, daß die Untersuchung nach Alkohol negativ ausgefallen ist. Du siehst also, alles wird gut."
"Alles wird gut? Gregory, ich habe das Leben eines Menschen komplett ruiniert."
"Ach was, Olivia. Ist doch selbst dran schuld, wenn er sich wie ein Schuljunge auf offener Straße prügeln muß."
"Aber..."
"Ich versichere Dir Olivia, es gibt nichts, über das Du Dich unnötig sorgen müßtest. Vielleicht bleibt Mitchum gar nicht gelähmt. Und wenn doch... ich sorge dafür, daß an Deinem Namen und dem unserer Familie kein Fleck hängenbleibt."
Ben und Meg saßen auf der Terrasse und tranken Kaffee, als das Telefon schellte. Ben sprang auf, doch Meg machte ihm ein Zeichen, daß er sich wieder setzen sollte.
"Laß' mal, ich geh' schon," sagte sie und hob den Hörer ab. Ben beobachtete, wie sie plötzlich weiß wie die Wand wurde. "Bitte, Sara, überleg' Dir das doch nochmal!" rief Meg in den Hörer hinein. "Laß' uns wenigstens vorher darüber reden!" flehte sie. "Du kannst nicht immer nur weglaufen ... Sara?!" Meg ließ den Hörer sinken und starrte ins Leere. "Sie hat einfach aufgelegt," sagte sie mit tonloser Stimme. Ben sah sie verwirrt an.
"Wer ... Sara? Was wollte sie denn?"
Meg legte den Hörer zurück auf die Gabel und ließ sich auf ihren Stuhl fallen.
"Sara will Sunset Beach verlassen," sagte sie verwirrt. "Sie ist am Flughafen ..."
Ben runzelte die Stirn.
"Aber ich dachte, daß Derek und sie sich wieder vertragen hätten ..."
Meg mußte gegen ihre aufsteigenden Tränen ankämpfen.
"Ben, sie hat uns belauscht und gehört, was wir über Derek gesagt haben!" stieß sie verzweifelt hervor. Ben schüttelte den Kopf.
"Und deshalb verlässt sie Derek jetzt ein zweites Mal?"
Meg schüttelte den Kopf.
"Sie sagte, daß wir wohl recht hätten mit unserer Meinung über ihn und das er einfach noch nicht soweit wäre, die Verantwortung für eine Familie zu übernehmen."
Ben kratzte sich nachdenklich am Kopf.
"Hat sie vorher mit Derek darüber geredet?"
Meg schüttelte abermals den Kopf.
"Nein, sie hat ihm aber einen Abschiedsbrief geschrieben."
Ben atmete hörbar ein und aus.
"Das wird ein Schock für ihn sein," sagte er und sah Meg mit zusammengepressten Lippen an.
Sie nickte.
"Ja, und ich hatte so sehr gehofft, daß sie sich wieder versöhnen." sagte Meg mit tränenerstickter Stimme. Ben griff über den Tisch hinweg nach ihrer Hand.
"Und Du weißt nicht, wo sie hin will?" fragte er. Meg dachte einen Moment nach.
"Mir fallen jetzt
nur meine Eltern ein ... aber ich glaube nicht, daß Sara wirklich nach Kansas
zurückgeht. Oder vielleicht doch?" Verzweifelt sah sie ihn an.
Einige Meilen entfernt stand Sara im Flughafengebäude vor einem Schalter und
verlangte eine Flugkarte nach Kansas. Sie wußte, daß ihre Eltern über die
Neuigkeit, daß sie Großeltern werden, nicht begeistert sein würden, aber Sara
wußte auch, daß ihre Eltern zu ihr halten würden. Sie hatte noch die Worte ihrer
Mutter im Ohr, als sie sich vor wenigen Tagen voneinander verabschiedet hatten:
"Du bist uns jederzeit willkommen!"
Sara nahm ihre Flugkarte und setzte sich in die Wartehalle. Sie schaute auf die Uhr. Nur noch 45 Minuten, dann würde der Flieger nach Kansas City starten, und dort würde ein völlig neues Leben für sie und ihr Baby beginnen.
Derek lief währenddessen ziellos am Strand entlang. Er konnte den Schock einfach nicht so schnell verdauen, daß Sara wirklich vorgehabt hatte, ihr gemeinsames Baby töten zu lassen! Erst jetzt ahnte er, was sie die letzten Tage durchgemacht und wie verzweifelt und alleine sie sich gefühlt haben musste. Er gab nicht ihr die Schuld an dem ganzen, sondern sich selber. Soweit hätte es nicht kommen müssen, wenn er mehr Vertrauen zu ihr gehabt hätte. Wie hatte er nur annehmen können, daß Sara ihm wirklich untreu geworden war! Derek straffte die Schultern. Es brachte nichts, über vergangenes nachzudenken. Einzig und alleine die Gegenwart und Zukunft zählte jetzt! In Strandnähe gab es einen Blumenstand, und Derek ging hinüber und kaufte für Sara eine einzelne rote Rose, als Symbol für das neue Leben, was in ihr wuchs. Mit der Rose in der Hand macht er sich auf den Weg nach Hause.
Als er die Tür öffnete empfing ihn eine geradezu beängstigende Stille.
"Sara?" Derek rannte die Stufen zum Schlafzimmer hoch. Das Bett war ordentlich gemacht und die Vorhänge leicht zugezogen. Irritiert ging Derek wieder nach unten. Vielleicht war sie bei Ben und Meg, überlegte er und griff zum Telefon. Doch plötzlich ließ er den Hörer wieder sinken. Sein Blick fiel auf einen Brief, der auf seinem Schreibtisch lag. Er nahm ihn hoch und starrte auf seinen Namen, der auf dem Briefumschlag mit zierlicher Handschrift geschrieben stand.
Derek schluckte. Ein mulmiges Gefühl überkam ihn. Mit zittrigen Händen zog er die Lasche hoch und nahm den Brief aus dem Kuvert. Er faltete ihn auseinander und begann zu lesen. Nachdem er die letzte Zeile gelesen hatte, ließ er den Brief einfach fallen. Er starrte ihm hinterher, wie er langsam über den Boden schwebte und dann in einer Ecke liegenblieb. Ein Gefühl der Verzweifelung und Hoffnungslosigkeit überkam ihn. Noch vor wenigen Stunden hatte er von einer rosigen Zukunft mit Sara und dem Baby geträumt, und nun stand er vor den Scherben seines Glückes! Er war so in Gedanken versunken, daß er das Klopfen an der Tür überhörte.
"Derek? Bist Du da?" Er hörte eine weibliche Stimme und schreckte hoch. Schnell öffnete er die Tür und stand Meg gegenüber.
Sie erkannte an seinem Gesichtsausdruck, daß er den Brief anscheinend schon gelesen hatte. "Ben und ich ... wir haben uns Sorgen gemacht," begann sie zögernd. Sie sah Derek prüfend an. "Sorgen?" fragte er geistesabwesend und ließ sie ins Haus eintreten. Er machte eine Handbewegung, daß sie sich setzen sollte. Meg räusperte sich.
"Ich meine wegen Sara ..." Bei der Erwähnung ihres Namens sah Derek hoch.
"Was weißt Du darüber?" fragte er und sah Meg stirnrunzelnd an.
"Ich weiß eigentlich gar nicht viel," druckste sie herum. "Nur, daß sie Sunset Beach verlassen hat." Derek sah sie ungläubig an.
"Du hast gewußt, daß sie Sunset Beach verlassen will?"
"Ja," gab Meg zögernd zu. "Sie rief mich an ... vom Flughafen."
Derek sah sie fassungslos an.
"Und wieso hast Du mich nicht darüber informiert?" fragte er ungehalten. "Wann rief sie an? Wo will sie hin?"
Meg schüttelte bedauernd den Kopf.
"Ich weiß es auch nicht genau, aber Derek ... sie wird schon ihre Gründe haben ..."
Er sah sie kopfschüttelnd an, bückte sich und hob den Brief auf.
"Hier!" Er streckte Meg den Brief entgegen. "Hier drin stehen ihre Gründe, und ich könnte wetten, daß Du ihr bei der Verfassung dieses Briefes nur allzugern behilflich warst!" stieß er bitter hervor. Meg sah ihn überrascht an.
"Ich? Wieso kommst Du darauf, daß ich etwas damit zu tun habe?" fragte sie. Derek faltete den Brief auseinander und begann ihr einige Passagen daraus vorzulesen.
" ... und weil ich glaube, daß Du einfach noch nicht soweit bist, Deine Freiheit zugunsten einer Familie aufzugeben, habe ich mich entschlossen, Dich frei zu geben ..." Derek ließ den Brief sinken. "Das klingt verdammt nach Deinem Einfluß!" sagte er anklagend. "Du warst von Anfang an gegen unsere Beziehung, hast alles versucht, sie gegen mich aufzuhetzen - und, bist Du nun zufrieden, daß Du es endlich geschafft hast?" Derek schrie die Worte förmlich heraus. Meg trat einen Schritt zurück und schüttelte den Kopf.
"Es ist einfach unfassbar, was Du mir da unterstellst!" sagte sie erbost. "Ich habe damit nichts zu tun! Das ist alleine Saras Entscheidung gewesen." Sie atmete tief durch, ehe sie fortfuhr. "Ich bin alles andere als zufrieden mit dieser Situation! Ich habe wirklich gehofft, daß Ihr Euch wieder versöhnen würdet- schon alleine dem Baby zuliebe! Glaubst Du, daß ich meine Schwester einfach in ihr Unglück rennen lassen würde, wenn ich schon vorher gewußt hätte, daß sie vorhat Dich zu verlassen? fragte Meg aufgebraucht. "Ich war selber geschockt, als ich erfuhr, was sie vorhat und wollte sie davon abbringen, aber Du kennst ja Sara ..." Meg verzog das Gesicht. "Sie glaubt, daß sie Dir nur ein Klotz am Bein ist."
Derek hatte ihr die ganze Zeit schweigend zugehört. Er sah Meg verlegen an.
"Es tut mir leid ..." sagte er knapp. "Ich habe wohl etwas überreagiert."
Meg nickte.
"Ja, was in der derzeitigen Situation auch durchaus verständlich ist."
Derek sah sie fragend an.
"Du weißt wirklich nicht, wohin sie wollte?"
Meg dachte einen Moment angestrengt nach.
"Ich habe eine Vermutung, aber sicher bin ich nicht." sagte sie zögernd.
Derek packte sie am Arm.
"Was für eine Vermutung? Sag' schon!"
Meg atmete schwer.
"Warum lässt Du ihr nicht einfach ein bisschen Zeit, über alles nachzudenken? Sara ist sehr impulsiv. Ich bin mir sicher, daß sich bald wieder ihr Verstand einschalten wird und dann wird sie die ganze Sache mit anderen Augen sehen."
Derek sah sie ungläubig an.
"Du willst, daß ich warte? Wie lange - eine Woche, einen Monat, ein Jahr ...?"
Meg schüttelte den Kopf.
"Ich weiß es auch nicht, aber ..."
"Nein!" Derek ließ Meg abrupt los. "Ich werde nicht warten! Ich werde ihr beweisen, daß sie sich mit allem irrt und das ich sehrwohl in der Lage bin, Verantwortung für eine Familie zu übernehmen!" sagte er entschlossen.
"Und wie willst Du das anstellen?" fragte Meg neugierig. Er sah sie nachdenklich an.
"Vielleicht teilst Du mir als erstes mal Deine Vermutung mit, wo sie sich aufhalten könnte. Alles weitere wird sich dann schon finden."
Meg seufzte.
"Okay, aber ich denke trotz allem, daß es keine gute Idee ist, ihr jetzt nachzureisen."
"Bitte, Meg, sag' es mir!" flehte er. "Denk' doch auch mal an das Baby. Hat es nicht ein Recht auf Mutter UND Vater?"
Meg sah ihn lange und nachdenklich an.
"Ich denke," sagte sie zögernd," daß sie nach Ludlow geflogen ist, und wenn Du möchtest, bringe ich das gerne für Dich in Erfahrung ..."
Völlig gestreßt betrat Rae Chang ihr kleines Appartement in Los Angeles. Nur ein paar Minuten, nachdem sie sich erschöpft aufs Sofa hatte fallenlassen, klingelte es an der Tür. Sie schlenderte hinüber, öffnete und ihr Vater stand davor.
"Rae, ich muß dringend mit Dir reden", begann er.
"Komm Doch erstmal rein."
Mr Chang betrat die Wohnung, lehnte aber Raes Angebot, sich zu setzen, ab und blieb bei der Tür stehen.
"Ich muß schon sagen", meinte Raes Vater, "Dein plötzlicher Entschluß den Hochzeitstermin platzen zu lassen, hatte höchst unangenehme Folgen. Höchst unangenehme. Immerhin haben Wei-Lee und ich unsere ganzen Beziehungen spielen lassen, um diesen Termin zu bekommen. Und du nimmst ihn einfach nicht wahr."
Rae blickte ihren Vater fest an, als konnte sie nicht glauben, was sie da eben gehört hatte.
"Daddy, jemand, der mir sehr viel bedeutet, hatte einen schweren Unfall und es war nicht einmal sicher, ob er überlebt. Meinst Du, da war ich in der Stimmung zu heiraten?"
"Ja, Du hast natürlich recht. Und Du wirst dich freuen zu hören, daß sowohl Wei-Lee als auch Deine Mutter und ich Deine Reaktion durchaus verstehen können."
"Ach, könnt Ihr?", meinte Rae leicht überrascht, aber keineswegs unerfreut.
"Ja, in der Tat. Und jetzt, wo feststeht, daß Casey Mitchum überlebt, haben wir bereits einen anderen Termin für die Hochzeit..."
Doch Rae blickte ihren Vater entschlossen an.
"Tut mir Leid, Daddy. Ich werde Wei-Lee nicht heiraten. Auch in Zukunft nicht."
"Was sagst Du da?"
"Du hast mich doch gehört, ich habe gesagt, ich werde Wei-Lee nicht heiraten." Rae holte tief Luft, bevor sie fortfuhr. "Es fällt mir jetzt nicht leicht, das zu sagen. Das kannst Du mir glauben. Ich habe immer gedacht, daß es nichts wichtigeres in meinem Leben gibt als euch, Dich und Mum. Und das ist auch so. Ich war bereits, alles für Euch zu tun. Ich wollte, daß Ihr mich liebt." Bevor ihr Vater etwas sagen könnte, fügte sie schnell hinzu. "Ich weiß, daß Ihr mich liebt. Und das Ihr nur das beste für mich gewollt habt. Aber ich konnte Wei-Lee damals nicht heiraten, und ich kann es auch heute nicht. Als Ihr mich vor die Wahl gestellt habt, Casey oder Ihr, war es die schwerste Stunde meines Lebens. Ich habe mich lange nicht entscheiden können, aber ich habe mich für Euch entschieden, weil ich dachte, nichts wäre schlimmer, als mit Euch den Kontakt endgültig zu verlieren. Aber als Casey da lag, auf der Trage, und ich dachte, ich könnte ihn verlieren..."
"Ich verstehe", nickte Mr Chang. "Offenbar bedeutet er Dir mehr, als Deine Mutter und ich. Nun, dann müssen wir eben die Konsequenzen..."
"Das ist nicht wahr", unterbrach Rae ihn grob. "Ihr bedeutet mir genauso viel wie er. Aber er hat mich nie gedrängt, sich zwischen Euch und ihm zu entscheiden. Er war immer verständnisvoll, hat mich mein eigenes Leben leben lassen."
"Im Gegensatz zu mir, willst Du wohl sagen. Ich verstehe. Dann will ich Dich nicht länger stören. Auf Wiedersehen Rae."
"Daddy, wenn..." Doch ihr Vater war bereits gegangen und hatte die Tür zugeknallt.
Rae spürte, wie ihr die Tränen über die Wangen liefen. Dann brach sie unter immer stärker werdendem Schluchzen auf dem Sofa zusammen.
Gabi war froh, als endlich Feierabend war. Dieser Tag hatte ihr alles an Kräften abverlangt. Sie wollte jetzt nur noch nach Hause und sich mit einem spannenden Roman ins Bett legen. Als sie auf dem Flur an Madame Carmens Krankenzimmer vorbeikam, verlangsamte sie ihre Schritte. Vielleicht sollte sie noch einmal nach ihr schauen, überlegte Gabi. Sie schien ja wohl das erste Mal im Krankenhaus zu sein nachdem, was ihr Antonio erzählt hatte.
Vorsichtig klopfte Gabi an die Tür.
"Ja, bitte!" Madame Carmen saß aufrecht im Bett und hatte einige Karten um sich verstreut auf der Bettdecke liegen. Sie schaute nicht einmal hoch als Gabi eintrat sondern begann, die Karten vor sich neu zu ordnen.
"Madame Carmen," sagte Gabi tadelnd," sie sollen sich doch ausruhen! Wenn Dr. Robinson erfährt, was sie hier tun, wird er Ihnen die Karten wegnehmen."
Einen Moment sah die Angesprochene hoch, dann wandte sie sich wieder ihren Karten zu.
"Setzen Sie sich, Gabi!" sagte Madame Carmen bestimmt und wies auf einen Stuhl neben dem Bett. Gabi setzte sich zögernd. Nervös spielte sie mit dem Riemen ihrer Handtasche.
"Ich bin froh, daß ich sie alleine sprechen kann," sagte Madame Carmen und sah Gabi an.
"Worum geht es?" fragte Gabi irritiert. Madame Carmen nahm ihre Hand.
"Ich sagte Ihnen doch damals, daß sich ihr Leben bald verändern würde," sagte sie ruhig. "Der Zeitpunkt ist nun gekommen ...." fügte sie geheimnisvoll hinzu.
Gabi sah sie überrascht an.
"Ich verstehe nicht ...?"
Madame Carmen strich vorsichtig über Gabis Hand.
"Sie müssen es nicht verstehen," sagte sie," sie müssen nur dafür bereit sein."
Gabi runzelte die Stirn.
"Wofür soll ich bereit sein? Bitte," bat sie," sagen Sie mir doch, was Sie meinen!"
Madame Carmen ließ Gabis Hand los und wies auf ihre Karten.
"Hier steht es drin - das Schicksal eines jeden Menschen, und für sie sehe ich ..." Madame Carmen wurde abrupt unterbrochen, weil Roxi hereinstürmte und auf Gabi zurannte.
"Gut, daß Du noch da bist! Es gab ein schweres Busunglück auf dem Highway. Wir brauchen jede verfügbare Schwester, die den Ärzten assistieren kann."
Gabi nickte und wandte sich an Madame Carmen.
"Es tut mir leid, aber Sie hören ja, daß ich gebraucht werde."
Madame Carmen nickte verständnisvoll.
"Gehen Sie nur, aber denken Sie immer daran - seinem Schicksal kann man nicht entrinnen!"
Roxi warf Gabi einen fragenden Blick zu, doch diese schüttelte nur leicht den Kopf. Auf dem Flur atmete Gabi erleichtert auf. Roxi sah sie von der Seite an.
"Die ist aber schräg drauf," sagte sie amüsiert. "Wer ist das, und was will sie von Dir?" fragte Roxi neugierig. Gabi seufzte und fuhr sich durchs Haar.
"Sie ist eine stadtbekannte Wahrsagerin," sagte Gabi erklärend," - und zufällig auch die Mutter meines Freundes." fügte sie hinzu. Roxi riß erstaunt die Augen auf.
"Wow, Du meinst, der gutaussehende, schlanke, Dunkelhaarige, mit dem Du heute Vormittag zusammen in der Cafeteria warst ist Dein Freund?" Roxi konnte es nicht fassen.
"Hast Du uns hinterherspioniert?" fragte Gabi schmunzelnd. Erst jetzt fiel ihr ein, daß sie ja mit Antonio in der Cafeteria gewesen war und nicht mit Ricardo! Gabi räusperte sich.
"Ähm, Roxi, das ist ein ..." Sie wurde unterbrochen, weil Dr. Robinson im Eilschritt auf sie zuging. "Ich warte schon die ganze Zeit! Wir müssen uns beeilen, die ersten Verletzten wurden schon per Helikopter angeliefert." Während Roxi gleich hinter Dr. Robinson herrannte, stand Gabi noch eine Weile unschlüssig auf dem Flur.
Dahin war sie, ihre Feierabendruhe! Dies versprach alles andere als ein ruhiger Abend zu werden. Gabi seufzte tief und rannte dann schnell über den Flur zur Notaufnahme hinüber.
"Ladies und Gentlemen, bitte schnallen Sie sich jetzt wieder an. Wir werden in wenigen Minuten landen."
Saras Kopf schnellte hoch, als sie die Stimme des Piloten über die Sprechanlage hörte. Sie hatte während des Fluges von Kalifornien nach Kansas City geschlafen und musste sich nun erst einmal orientieren, wo sie war. Ganz in Gedanken legte sie ihren Sicherheitsgurt an. Kaum zu glauben, sie war wirklich Zuhause! Ein flaues Gefühl überkam sie, als sie an ihre Eltern dachte. Sicher hatten sie sich das Wiedersehen mit ihr ein bisschen anders vorgestellt!
Sara legte eine Hand auf ihren Bauch und seufzte.
"Das wird ein Schock für Deine Großeltern sein," sagte sie leise.
Das Flugzeug rollte aus, und die Passagiere wurden aufgefordert, von Bord zu gehen. Mit zitternden Knien stand Sara auf und ging langsam die Treppe hinunter. Als sie endlich wieder festen Boden unter den Füssen hatte, atmete sie tief durch. Vom Flughafen bis zur Cummings-
Farm waren es einige Meilen, und Sara entschied sich, ein Taxi zu nehmen. Mit jeder Meile, die sich das Taxi dann ihrem Elternhaus näherte, wurde Sara immer nervöser. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, und sie zitterte vor Nervosität, als das Taxi die Einfahrt zur Farm hochfuhr und stehenblieb.
Sara bezahlte den Fahrer und stieg aus. Nachdenklich sah sie dem Taxi hinterher, wie es davonfuhr. Mühsam unterdrückte sie die Tränen, als sie sich daran erinnerte, wie sie hier vor wenigen Tagen mit Ben, Meg und Derek angekommen war.
Derek ... Warum mußte Liebe nur so wehtun? Sara wischte sich energisch die Tränen fort.
"Jetzt bloß nicht sentimental werden!" dachte sie. Sie nahm ihren Koffer und ging langsam auf die Eingangstür zu. Zögernd betätigte sie die Türklingel. Atemlos wartete sie dann darauf, was als nächstes passieren würde. Doch nichts geschah!
Sara ging ums Haus herum und versuchte durch die Fenster ins Innere zu schauen, doch auch dort rührte sich nichts. Nachdenklich kratzte sich Sara am Kopf. Wo konnten ihre Eltern nur sein? Sie ging zu den Stallungen hinüber und erstarrte. Keine einzige Kuh, Pferd, Schwein waren zu sehen. Wo waren die ganzen Tiere hin?
Nervös begann sie den Feldweg entlangzulaufen, als ihr der Nachbar mit seinem Traktor entgegenkam.
"Miss Sara?" fragte er erstaunt, als er sie erkannte.
"Hallo, Mr. Collins," grüßte Sara ihn. "Ich wollte meine Eltern besuchen," erklärte sie ihr Kommen. "Aber sie scheinen nicht da zu sein."
Der Bauer lachte.
"Da haben Sie sich aber einen schlechten Zeitpunkt ausgesucht, um ihre Eltern zu besuchen," sagte er. Sara runzelte die Stirn.
"Wieso?"
Er stieg von seinem Traktor.
"Weil die beiden Urlaub machen - in ..." Er überlegte einen Moment, schüttelte dann aber bedauernd den Kopf. "Verdammt, jetzt habe ich doch tatsächlich vergessen wo!" Er kratzte sich am Kopf. "Die grauen Zellen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren," sagte er und sah Sara verlegen an. Sie hatte ihn die ganze Zeit fassungslos angeschaut.
"Meine Eltern machen ... Urlaub?" fragte sie überrascht. "Wie lange denn?"
Der alte Bauer kratzte sich wieder am Kopf.
"Also, ich weiß nicht so genau ..."
Sara rollte genervt mit den Augen.
"Aber sie müssen Ihnen doch gesagt haben, wo sie hin sind, bzw. wie lange sie bleiben wollen!" sagte sie verzweifelt. Mr. Collins lächelte.
"Haben sie ja auch, aber ich habe es vergessen." Er warf ihr wieder einen entschuldigenden Blick zu.
"Na toll!" Sara wies auf die Stallungen. "Und wo sind die ganzen Tiere?"
Der Bauer lächelte.
"Um die kümmere ich mich, solange ihre Eltern weg sind. Wir dachten, daß es praktischer wäre, wenn ich sie auf meiner Weide und in meinen Stallungen versorgen würde."
Sara sah ihn entsetzt an. Das bedeutete ja, daß ihre Eltern sich auf einen längeren Urlaub eingerichtet hatten, und sie würde jetzt hier, in dieser Einöde, ganz alleine sein! Sara versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie sie diese Nachricht geschockt hatte. Sie nickte Mr. Collins zu. "Danke für die Informationen," sagte sie. "Und noch einen schönen Tag!" rief sie ihm hinterher, als er mit seinem Traktor davonfuhr.
Sara ging zurück zum Haus und ließ sich auf die Treppenstufen fallen. Nur eine einfache, feuerfeste Eingangstür trennte sie von ihrem Zuhause, doch da sie keinen Schlüssel hatte und ihre Eltern sicher wenig begeistert wären, wenn sie die Tür aufbrechen würde, war diese Tür ein unüberwindbares Hindernis für sie.
Mißmutig stand Sara auf. Hier konnte sie nicht bleiben. Sie musste sich etwas anderes überlegen, wo sie übernachten konnte. Sara dachte sehnsüchtig an ihr Zuhause in Sunset Beach, doch zurückzugehen wäre auch keine Lösung - zumindest jetzt noch nicht. Nur gut, daß sie ihr Handy dabei hatte! Sara griff in ihre Tasche und holte es hervor. Dann begann sie erneut, die Nummer der Taxi-Zentrale zu wählen.
In Dereks Haus legte Meg enttäuscht den Hörer zurück auf die Gabel.
"Es geht niemand ran ..." sagte sie kopfschüttelnd. Derek begann im Raum nervös auf und ab zu gehen.
"Kannst Du das bitte mal sein lassen!" sagte Meg genervt. "Ich muß mich konzentrieren." Nachdenklich setzte sie sich aufs Sofa." Warte mal..." begann sie dann," als wir in Ludlow waren hat mir meine Mutter doch irgendwas davon erzählt, daß sie und Daddy Urlaub machen wollten ..." Meg kratzte sich am Kopf. "Möglicherweise sind sie jetzt gerade in der Karibik..."
Derek nickte.
"Ja, möglich ..." Ihm fiel plötzlich etwas ein. "Wußte Sara denn auch, daß Deine Eltern wegfahren wollten?"
Meg zuckte mit den Schultern.
"Ich habe keine Ahnung, aber wenn meine Mom es mir erzählt hat, wird sie es wohl auch Sara gesagt haben."
Derek verzog das Gesicht.
"Und wenn nicht?" fragte er und sah Meg nachdenklich an. Sie zog die Nase kraus.
"Dann hat Sara ein Problem ..."
Derek sah sie überrascht an.
"Du glaubst also wirklich, daß sie nach Ludlow geflogen ist und nun vor einer verschlossenen Tür steht?"
Meg nickte.
"Ja, fürchte ich bald." Sie sah seinen entsetzten Gesichtsausdruck und versuchte ihn zu beruhigen. "Derek, Sara ist erwachsen! Sie wird schon klar kommen. Wenn sich einer durchbeißen kann, dann ist es Sara!" Sie drückte leicht seinen Arm. "Mach' Dir keine Sorgen! Sie ist ja nicht auf einer einsamen Insel gestrandet," beruhigte sie ihn. "Sara ist in Ludlow großgeworden und kennt den Ort und die Menschen wie ihre Westentasche."
Derek schüttelte nachdenklich den Kopf.
"Ich mache mir auch keine Sorgen um Sara ... ich mache mir Sorgen um das Baby," gestand er ihr zögernd.
"Du machst Dir Sorgen um das Baby?" fragte Meg überrascht," aber wieso denn?"
Derek sah sie an.
"Ich weiß nicht, ob ich Dir das erzählen sollte ..." wich er der Frage aus. Meg sah ihn neugierig an. "Wenn es um Sara geht, möchte ich es wissen!" sagte sie bestimmt. Derek räusperte sich.
"Sara wollte unser Baby abtreiben lassen!" stieß er dann hervor. Meg seufzte tief.
"Ja," gestand sie ihm," das hat mir Sara erzählt, aber," fügte sie hinzu," sie hat es sich dann ja doch anders überlegt." Derek hatte ihr die ganze Zeit schweigend zugehört.
"Du wusstest davon?" fragte er dann fassungslos. Meg nickte.
"Sie hat es beiläufig erwähnt ..." Sie runzelte die Stirn. "Du glaubst doch nicht etwa, daß Sara nach Ludlow geflogen ist, um das Baby dort abtreiben zu lassen?" fragte sie entsetzt. Er zuckte mit den Schultern.
"Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll," entgegnete er. "Ich weiß nur, daß ich alles daransetzen werde, sie zu finden!" sagte er dann energisch. Meg sah ihn überrascht an. Wenn Sara ihn jetzt so sehen würde, würde sie ihre Meinung über ihn sicher noch einmal überdenken. Beruhigend legte sie eine Hand auf seine Schulter.
"Sara liebt Dich, und genau aus diesem Grunde würde sie niemals etwas tun, was Eurem Baby schaden würde," sagte Meg leise. Derek hob den Kopf und sah sie an. Meg erkannte, daß seine Augen feucht schimmerten. Sein Anblick berührte sie, und sie hoffte inständig, daß Sara zur Vernunft kommen und nach Sunset Beach zurückkehren würde!
"Ich muß jetzt gehen," sagte Meg entschuldigend und ging zur Tür. "Ben wartet sicher schon auf mich," fügte sie erklärend hinzu und lächelte. Derek sah sie ernst an.
"Was kann ich jetzt tun, außer zu warten?" fragte er, und Meg spürte die Hilflosigkeit in seiner Frage. Sie schüttelte den Kopf.
"Im Moment gar nichts, aber ich bin sicher, daß Sara sich bald melden wird." sagte sie tröstend. Derek holte tief Luft.
"Hoffentlich ..." Meg warf ihm noch einen letzten nachdenklichen Blick zu und verließ dann das Haus.
"Vielen Dank!" Sara stieg aus dem Taxi aus und nickte dem Fahrer noch einmal freundlich zu. Sie schaute nach oben. Sie stand vor einem Hochhaus, daß sich über ihr weit in den Himmel hinein erstreckte. Ihre ehemals beste Freundin aus Jugendtagen wohnte dort. Anfangs hatte Sara überlegt, in eine der nahegelegenen Pensionen zu gehen, doch der Flug hatte sie schon ein halbes Vermögen gekostet, und einige Tage in einer Pension hätten sie völlig in den Ruin getrieben! Während Sara darüber nachgedacht hatte, wo sie Unterschlupf finden konnte, war ihr ihre Freundin Caroline eingefallen, die im Zentrum ein kleines Appartement bewohnte. Caroline war ein Jahr älter als Sara und hatte nach ihrer Ausbildung eine Stelle in einer pharmazeutischen Firma bekommen. Sara hatte Caroline immer bewundert, wie eigenständig sie schon früh gewesen war. Schon mit 17 Jahren war sie von zuhause ausgezogen, um ihr eigenes Leben zu leben.
Sara hatte feuchte Hände, als sie die Tür aufschob und Richtung Aufzug ging.
"Hauptsache, der Lift bleibt nicht stecken!" dachte sie, als sie den Aufzug betrat und die "8" drückte. Während sie nach oben fuhr, überlegte sie, wann sie ihre Freundin zum letzten Mal gesehen hatte. Es musste wohl schon ein Jahr her sein, und Sara fragte sich, ob sie überhaupt willkommen sein würde, nachdem sie seitdem nie etwas von sich hatte hören lassen! Sara seufzte. "Nur Mut," flüsterte sie leise zu sich selber," wer nicht wagt, der nicht gewinnt!"
Der Fahrstuhl blieb mit einen Ruck stehen, und Sara trat hinaus und atmete tief durch. Langsam ging sie von Haustür zu Haustür und schaute auf die Namensschildchen. Endlich wurde sie fündig. Sara setzte ihren Koffer ab und betätigte die Klingel. Ungeduldig zählte sie die Sekunden, die verstrichen, bis sich die Tür endlich öffnete und ihr Caroline gegenüberstand.
"Sara?!" Caroline rieb sich die Augen, weil sie nicht glauben konnte, daß ihre Freundin wirklich leibhaftig vor ihr stand. Sara lächelte verlegen.
"Ja, ich bin's ... Hi Caroline!"
Mit einem Aufschrei warf sich Caroline in Saras Arme.
"Das ist ja der Wahnsinn!" entfuhr es ihr. Sie drückte Sara an sich. "Wie lange haben wir uns jetzt schon nicht mehr gesehen ... ein Jahr, zwei Jahre? Ich freue mich riesig!" Sara lachte. "Meine Güte, Caroline! Mit so einem mitreißenden Empfang hätte ich gar nicht gerechnet! Ich dachte eher, daß Du vielleicht böse wärst, weil ich mich so lange nicht mehr gemeldet habe," sagte Sara mit ernsterem Gesicht. Caroline grinste.
"Du weißt doch, daß ich nicht nachtragend bin." Sie musterte Sara von oben bis unten. "Nun komm' erst einmal herein! So zwischen Tür und Angel kann man schlecht reden."
Nachdem Sara das Appartement betreten und ihren Koffer abgestellt hatte, sah sie sich um.
"Es hat sich hier kaum etwas verändert, seitdem ich das letzte Mal hier war" stellte sie überrascht fest. Caroline rollte mit den Augen.
"Ja, leider! Ich habe momentan kein Geld, um größere Anschaffungen zu machen. Das meiste ist Plunder aus meinem alten Kinderzimmer." Sie zuckte mit den Achseln. "Es erfüllt seinen Zweck ... Setz' Dich doch," forderte sie Sara auf. Sara setzte sich in einen bequemen Ohrensessel. Caroline stand auf und ging zu einer kleinen Kochnische hinüber.
"Was möchtest Du trinken?" fragte sie. "Tee, Kaffee, Saft?" Sara orderte einen Saft für sich, und nachdem sich Caroline auch etwas eingeschenkt hatte, setzte sie sich neben Sara auf einen Stuhl.
"So, und nun mußt Du mir unbedingt erzählen, was Du die letzten Monate so gemacht hast!" sagte sie neugierig. Sara begann zu erzählen, und Caroline hielt vor Spannung den Atem an.
"Wow, ich fass' es ja nicht!" stieß sie dann hervor, nachdem Sara ihre Erzählung beendet hatte," Du lebst jetzt in Kalifornien?" In ihrer Stimme schwang Bewunderung mit. Sara nickte. "Erzähl' mir mehr davon," sagte Caroline ungeduldig," wie lebt es sich dort, und sind die Männer wirklich so toll, wie man immer hört?" Sie sah Sara erwartungsvoll an. "Ich habe gehört, daß die kalifornischen Männer sehr sexy sein sollen ..." fügte sie grinsend hinzu und rollte schwärmerisch mit den Augen. Sara dachte einen Moment an Derek und fühlte einen Stich in der Magengegend. "Ja," sagte sie leise," sehr sogar ..."
Caroline grinste. "Das hört sich ja fast so an, als ob Du auch schon in den Genuss gekommen wärst ..."
Sara schluckte. Vielleicht war es jetzt an der Zeit, ihrer Freundin von ihrem Zustand zu erzählen.
"Caroline, ich ..." Sara unterbrach sich. Es würde sicher noch einen besseren Moment dafür geben, ihrer Freundin die Wahrheit zu erzählen! Jetzt musste sie erst einmal zu ihrem Hauptanliegen kommen. "Ich wollte Dich fragen, ob ich vielleicht ein paar Tage bei Dir bleiben kann?" Sara sah Caroline bittend an. "Ich wollte meinen Eltern einen spontanen Besuch abstatten, und nun sind sie selber in den Urlaub gefahren," fügte sie erklärend hinzu. Caroline lächelte.
"Aber klar doch! Du bist hier immer willkommen! Ich freue mich, wenn ich mal etwas Gesellschaft habe, und außerdem habe ich im Moment auch Urlaub."
Sara sah sie überrascht an.
"Du hast Urlaub, aber willst Du denn nicht wegfahren?"
Caroline schüttelte den Kopf.
"Mit meinen Finanzen sieht es nicht so gut aus." Sie seufzte. "Ich habe mir erst kürzlich ein neues Auto gekauft, und nun bin ich erst mal pleite." Sie lächelte gezwungen. "Also," sagte sie einladend," fühle Dich hier ganz wie zuhause!"
Sara sah sie dankbar an. Caroline schaute auf die Uhr.
"Na, dann will ich jetzt mal schnell einkaufen gehen. Ich wollte sowieso noch los. Da kann ich gleich etwas mehr einkaufen." Sie sah Sara an. "Du kannst hier bleiben und Dich ausruhen," sagte sie. "Irgendwie siehst Du ziemlich müde aus," stellte sie fest, nachdem sie Sara prüfend angesehen hatte.
"Ja, bin ich auch," gab sie zu.
"Dann leg' Dich doch etwas aufs Sofa, bis ich wieder zurück bin, okay?" schlug Caroline ihr vor. Sara nickte.
"Ja, danke, werde ich machen."
Nachdem Caroline das Appartement verlassen hatte, streckte sich Sara auf dem Sofa aus und war Minuten später eingeschlafen.
"Vanessa, warte." Vanessa hatte gerade ihren Wagen vor dem Surf Center geparkt und war ausgestiegen. Sie drehte sich um und sah wie Sean und Tiffany auf sie zukamen.
"Hi ihr beiden", meinte sie leicht zurückhaltend.
"Wie geht es Casey?", fragte Tiffany.
"Er ist über den Berg. Ansonsten geht es ihm nicht gut. Er wird noch eine Weile im Krankenhaus bleiben müssen. Es steht nicht mal fest, ob er überhaupt wieder laufen kann."
"Das tut mir leid", meinte Sean. Vanessa nickte nur.
"Michael hat mich gebeten, einige Sachen für Casey zu holen, wenn ihr mich entschuldigt."
Sie ging Richtung Eingangstür, dann drehte sie sich noch einmal herum und wandte sich an Sean. "Wie geht es Deiner Mutter?"
"Besser", meinte Sean. "In ein paar Tagen wird sie wohl das Krankenhaus wieder verlassen können."
"Gut", sagte Vanessa. "Dann wird sie sich wenigstens vor Gericht für ihre Tat verantworten müssen."
"Was für eine Tat?"
"Das fragst Du noch? Sie ist betrunken Auto gefahren und hat dadurch das Leben eines gesunden jungen Mannes völlig zerstört."
"Mum ist nicht betrunken gefahren."
"Sean, ich finde das ja sehr nett von dir, daß Du deine Mutter verteidigst. Aber Du mußt die Dinge sehen, wie sie sind. Olivia..."
Doch Sean unterbrach sie.
"Ihr Blut wurde untersucht. Sie war nicht betrunken."
"Wie Bitte? Das ist ausgeschlossen, ich habe sie selbst gesehen, in ihrem Auto..." doch weiter kam sie nicht. In diesem Augenblick öffnete Marc die Tür des Surfcenters und fragte Vanessa über Caseys Zustand aus.
Hickengruendler
Sara wurde wach, weil ihr der Geruch von gebratenem Fleisch in die Nase stieg. Sie rümpfte die Nase. Caroline stand am Herd und legte gerade ein zweites Fleischstück in die Pfanne. Sie lächelte, als sie bemerkte, daß Sara die Augen aufschlug.
"Ich wollte Dich nicht wecken," sagte sie entschuldigend. "Du hast so schön geschlafen." Sie wies auf das Fleisch in der Pfanne. "Ich habe in der Zwischenzeit schon mal angefangen zu kochen. Ich hoffe, Du magst Rindersteak?"
Sara stand auf und ging zu Caroline hinüber. Schon alleine der Geruch von gebratenem Fleisch verursachte bei ihr Übelkeit, aber nachdem sie auch noch einen Blick in die Pfanne geworfen hatte, war ihre Selbstbeherrschung dahin. Sie schaffte es gerade noch rechtzeitig, das Badezimmer zu erreichen, ehe sie ihren ohnehin geringen Mageninhalt in die Toilette entleerte. Caroline sah Sara verwirrt hinterher, wie sie im Badezimmer verschwand. Sie stellte die Pfanne an die Seite und klopfte vorsichtig an die Badezimmertür.
"Sara? Ist alles in Ordnung?" fragte sie besorgt. Aus dem Badezimmer drangen merkwürdige Geräusche und sie machte sich ernsthaft Sorgen um ihre Freundin. Als Sara wieder aus dem Badezimmer heraus kam, war sie kreidebleich und zitterte leicht. Erschrocken nahm Caroline sie bei der Hand und führte sie zum Sofa hinüber.
"Setz' Dich hin!" befahl sie Sara," sonst kippst Du mir noch um!" Caroline holte für Sara ein Glas Wasser, was diese dankbar entgegennahm. Nachdem Sara ein paar Schlucke genommen hatte, atmete sie tief durch.
"Geht es Dir besser?" fragte Caroline und sah sie prüfend an. Sara nickte.
"Ja, danke, es geht wieder."
Caroline schüttelte den Kopf. "Du hast mich jetzt echt erschreckt!" sagte sie. "Bist Du etwa krank?"
Sara schloß die Augen. Sie musste Caroline jetzt endlich die Wahrheit sagen! Sara umklammerte ihr Glas.
"Ich habe Dir nicht die volle Wahrheit erzählt ..." begann sie zögernd.
Caroline sah sie irritiert an.
"Worüber?" fragte sie. Sara seufzte tief.
"Ich werde von vorne beginnen, damit Du verstehen kannst, warum ich hier bin ..."
Sara begann zu erzählen, wie sie nach Sunset Beach gekommen war, wie sie Derek kennengelernt und wie schnell sich daraus eine Beziehung entwickelt hatte. Caroline hörte ihr interessiert zu. Sara machte eine Pause und sah Caroline fragend an.
"Hast Du bis dahin alles verstanden?"
Caroline nickte.
"Ja, ich denke schon ... aber ich verstehe trotzdem noch nicht, was das mit Deinem Kommen zu tun hat."
Sara holte tief Luft.
"Es ging alles sehr schnell zwischen uns - ich meine, zwischen Derek und mir - und schon wenige Wochen nach unserem Kennenlernen zog ich in sein Haus ein."
Caroline riß überrascht die Augen auf.
"Das ging ja echt schnell," sagte sie verwundert. "Und dann?" fragte sie neugierig. "Wie ging es dann weiter?"
Sara stand auf und fuhr sich mit einer Hand durch ihr schulterlanges, blondes Haar.
"Und nun bin ich schwanger!" sagte sie knapp und sah Caroline mit einem gezwungenen Lächeln an. "Waaas?" Caroline sprang ebenfalls auf. "Du bekommst ein Kind?" fragte sie fassungslos.
Sara nickte.
"Ja, und genau das ist der Grund, warum ich hier bin."
Verwirrt schüttelte Caroline den Kopf.
"Was sagt denn Dein Freund dazu?" fragte sie neugierig. "Freut er sich auf das Kind?"
Sara sah sie nachdenklich an. Sie dachte an Dereks Reaktion, nachdem er von der Schwangerschaft erfahren hatte.
"Nein, sagte sie traurig," er fühlt sich für ein Kind noch nicht reif genug."
Caroline sah Sara mitleidig an.
"Das tut mir leid!" sagte sie. "Das ist doch eigentlich etwas, was man gemeinsam teilen sollte." Sara nickte.
"Ich habe ihn verlassen, weil ich der Meinung bin, daß es das beste für uns alle ist," gestand sie ihrer Freundin. Caroline sah sie nachdenklich an.
"Liebst Du ihn denn noch?" fragte sie neugierig. Sara sah sie überrascht an.
"Wieso fragst Du mich das?"
Caroline räusperte sich.
"Na ja, mag ja sein, daß ich das vielleicht alles zu romantisch und unrealistisch sehe, aber bisher dachte ich immer, daß Liebe wirklich alles überwinden kann ..."
Sara runzelte die Stirn.
"Du scheinst das wirklich zu glauben!" sagte sie überrascht. Caroline lächelte.
"Vielleicht lese ich auch einfach nur zuviele Kitschromane. Dort gibt es am Ende ja meist ein Happy End!"
Sara seufzte.
"Wenn doch alles nur so einfach wäre, wie in den Romanheften ..."
Caroline nahm sie tröstend in den Arm.
"Hey, das wird schon wieder. Wenn er das Baby zum ersten Mal sieht, wird er sicher ganz vernarrt darin sein."
Sara sah Caroline skeptisch an.
"Und was mache ich bis dahin?" fragte sie unglücklich. Caroline sah sie mitfühlend an.
"Deine Eltern werden sicher nicht ewig fort bleiben, und wenn sie zurück sind, redest Du mit ihnen und erklärst ihnen Deine Situation. Es wird sich bestimmt eine Lösung finden lassen," sagte sie überzeugt. "Und so lange," fügte sie hinzu," bleibst Du bei mir!"
Sara nahm Caroline in den Arm.
"Vielen Dank! Du bist wirklich die beste Freundin, die ich jemals hatte," sagte sie gerührt. Caroline fühlte sich geschmeichelt.
"Sag' mal," fragte sie plötzlich," hast Du eigentlich zufällig ein Foto von Deinem Freund dabei?" Sara überlegte einen Moment und nickte. Sie öffnete ihren Koffer und holte ein gerahmtes Bild hervor, auf dem Ben, Meg, Derek und sie zu sehen waren. Einen Moment schaute sie wehmütig auf das Foto und gab es dann an Caroline weiter.
"Das Foto entstand erst kürzlich an unserem Strand - per Selbstauslöser," erklärte Sara. Caroline rieb sich verwirrt die Augen.
"Ich glaube, ich sehe doppelt ..." sagte sie und runzelte die Stirn. Sara schmunzelte.
"Ben und Derek sind eineiige Zwillinge," erklärte sie der verblüfften Caroline. Diese wies auf das Bild.
"Und das ist doch Deine Schwester, oder?"
Sara nickte.
"Wir Cummings- Schwestern haben anscheinend denselben Geschmack ... Meg ist mit Dereks Bruder zusammen."
"Ist ja irre ..." Caroline starrte mit offenem Mund auf das Foto. "Die beiden könnte ich ja nie und nimmer auseinanderhalten."
Sara lachte.
"Doch, wenn Du sie kennenlernen würdest, könntest Du das ganz schnell. Sie sind vom Charakter her sehr unterschiedlich."
Caroline riß ihren Blick vom Foto los.
"Oh je," stellte sie nach einem Blick in die Pfanne fest," ich habe ja unser Essen ganz vergessen." Sara winkte ab.
"Ist schon in Ordnung. Ich bekomme ja doch nichts davon hinunter."
Caroline sah sie an.
"Dann mache ich uns jetzt einfach ein paar belegte Brote, okay?"
Sara nickte erleichtert.
"Ja, eine prima Idee."
Nachdem die beiden Freundinnen gegessen und sich noch ein wenig unterhalten hatten, richtete Caroline für Sara ein Bett auf dem Sofa her. Während Caroline dann in ihrem eigenen Bett sofort einschlief lag Sara noch ewig wach und schaute auf das Foto neben sich auf dem Kopfkissen. Sie strich mit ihrem Finger vorsichtig über Dereks Abbild und spürte plötzlich, wie ihr die Tränen hinunterrannen. Sie nahm ihr Kissen in den Arm, schloß die Augen und war kurz darauf eingeschlafen.
A.J. Deschanel saß
in der Empfangshalle des Sunset Inn und blätterte gedankenverloren in der
neusten Ausgabe des Sunset Sentinel, als plötzlich ein kleiner Artikel seine
Aufmerksamkeit erregte.
„LC holt sich finanzielle Hilfe aus Hawaii“
stand da als Überschrift. Mit wachsendem Interesse las A.J. den
darunterstehenden Text.
„Da der Bau der Ferienanlage vermutlich die bisher geschätzten
finanziellen Mittel um einiges übersteigen wird, ist Gregory Richards als
Präsident der Firma „Liberty Corporation“ auf der Suche nach neuen Investoren.
Auf Hawaii ist er allem Anschein nach fündig geworden. Wie aus gut informierten
Insiderkreisen berichtet wird, soll sich der bekannte Schriftsteller und
mehrfache Millionär Robin Masters angeblich für das Projekt interessieren. Aus
diesem Grunde reist Mr. Richards morgen mit seinem Privatjet zu einem
kurzfristig anberaumten Gespräch unter vier Augen zu Mr. Masters auf dessen
Anwesen nach Hawaii. Mrs. Richards wird ihren Mann aufgrund ihres immer noch
kritischen Gesundheitszustandes auf dieser Geschäftsreise nicht begleiten....“
A.J. faltete die Zeitung langsam zu. Ein heimtückisches Lächeln umspielte seine
Lippen.
Er hatte lange überlegt, wie er Gregory Richards den feigen Anschlag auf das
Leben seines Sohnes und auch diese fatale Schnüffelei in seinem Privatleben
heimzahlen konnte, ohne sich dabei ins eigene Fleisch zu schneiden, und jetzt
sah er plötzlich seine Chance gekommen.
Er ging zum nächsten Telefon und rief seine beiden Leibwächter in deren
Hotelzimmer an.
„Wir treffen uns in fünf Minuten in meiner Suite.“ befahl er in einem Ton, der
keinen Widerspruch duldete. „Ich habe Arbeit für Euch!“
Olivia hielt
Gregorys Hand fest.
„Bitte, Du darfst mich jetzt nicht allein lassen!“ flehte sie. „Gregory, es geht
mir noch nicht gut, und es macht mir Angst, dass ich noch nicht weiß, was mit
Casey werden wird! Schließlich war ich es doch, die an seinem Unfall schuld war!
Wenn ich an diesem Tag nicht...“
Schsch...“ Gregory legte beruhigend den Finger an die Lippen, „ganz ruhig,
Olivia, zu keinem ein Wort, das hatten wir doch ausgemacht!“ Er sah sie prüfend
an, und es gefiel ihm gar nicht, dass sie so verzweifelt darüber war, weil er
morgen diese Geschäftsreise nach Hawaii antreten sollte. Er war sich nicht
sicher, ob sie nicht vielleicht aus Unachtsamkeit oder Angst ihr kleines
Geheimnis, das er bisher so erfolgreich vertuscht hatte, ausplaudern würde. Aus
diesem Grunde und nicht zuletzt wegen der Tatsache, dass er und seine Frau sich
seit dem Unfall wieder so viel näher gekommen waren, passte es ihm überhaupt
nicht in sein Konzept, Sunset Beach morgen zu verlassen, und sei es auch nur für
zwei Tage.
Er strich Olivia übers Haar.
„Okay, Liebling, ich werde sehen, was sich machen läßt.“ lenkte er ein, um sie
zunächst etwas zu beruhigen. „Vielleicht kann ich die Reise verschieben, ich
werde es zumindest versuchen.“ Er erhob sich und küßte ihre Stirn. „Ich werde
nachher noch einmal kurz vorbeischauen. Versuch ein bisschen zu schlafen!“
Sie nickte wie ein gehorsames Kind und versuchte die Tränen herunterzuschlucken,
die ihr unaufhörlich die Kehle zuschnürten, seit sie von Caseys Schicksal
erfahren hatte, an dem sie allein die Schuld trug. Gregory hatte ihr zwar
versichert, dass er sich um die Sache gekümmert hätte, was auch immer das
bedeuten mochte, aber das half ihr nicht, ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen.
Der Gedanke an Casey Mitchums schlechten Gesundheitszustand, und die Tatsache,
dass er vielleicht für den Rest seines Lebens gelähmt sein würde, bereitete ihr
fast körperliche Schmerzen und ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Ihr Kopf dröhnte
und der Blutdruck war trotz der vielen Medikamente viel zu hoch. Dr. Robinson
sah fast stündlich nach ihr und befürchtete einen erneuten
Kreislaufzusammenbruch, wenn sich ihr Zustand nicht bald besser würde.
Gregory schloß leise die Tür des Krankenzimmers und machte sich auf den Weg ins
Büro, in der Hoffnung, Ben dort noch anzutreffen. Vielleicht konnte der ihm ja
helfen und die Verhandlungen mit Robin Masters an seiner Stelle führen. Dann
hätte er selbst die Möglichkeit, hier bei Olivia zu bleiben und darauf zu
achten, dass sie sich beruhigte und nichts Unüberlegtes sagte.
Als Ben am Abend
nach Hause kam, saß Meg auf der Veranda und blickte gedankenverloren aufs Meer
hinaus. Ben wußte, dass sie sich Sorgen um Sara machte, und nahm sie wortlos in
den Arm.
„Etwas neues von Deiner Schwester?“ fragte er nach einer Weile.
Meg schüttelte traurig den Kopf.
„Nichts. Ich habe in Ludlow angerufen, aber dort ist nur der Anrufbeantworter
geschaltet. Ich nehme an, meine Eltern haben ihr Vorhaben endlich in die Tat
umgesetzt und machen richtig Urlaub. Nur...“ sie sah Ben betreten an, „wenn Sara
wirklich nach Kansas geflogen ist, dann steht sie jetzt vor einem Problem. Und
wenn sie nicht dort ist, dann weiß ich auch nicht, wo ich noch suchen soll.“
Resigniert rieb sie sich die Stirn. „Ich war vorhin kurz bei Derek, er ist total
verzweifelt.“
Ben strich ihr liebevoll übers Haar.
„Es wird sich schon alles klären.“ versuchte er sie zu beruhigen. „Sara ist kein
kleines Kind mehr, sie wird sicher auf sich aufpassen. In mancher Hinsicht ist
sie mit ihrem Dickschädel vielleicht stärker, als Du glaubst.“
Meg seufzt.
„Hoffentlich hast Du Recht.“ Sie atmete tief durch und blinzelte in die
untergehende Sonne. „Und wie war Dein Tag heute? Du warst ziemlich lange im
Büro.“
„Gregory war da, und wir hatten noch einiges zu besprechen. Er bat mich, morgen
früh für ihn nach Hawaii zu fliegen.“
„Nach Hawaii?“ Meg sah ihn erschrocken an. „Für wie lange denn?“
„Nur ein oder zwei Tage.“ antwortete Ben. „Gregory will Olivia nicht allein
lassen, kann aber die Verhandlungen dort nicht verschieben, da die Presse schon
darüber berichtet hat. Also hat er mich gebeten, das für ihn zu übernehmen.“
„Geht es um die Verhandlungen mit Robin Masters, dem berühmten Schriftsteller?“
fragte Meg. Ben nickte.
„Ja, es wäre wirklich gut, wenn er in unser Projekt investiert, dann brauchen
wir uns keine Sorgen mehr um die Finanzierung zu machen.“
„Du schaffst das schon, Ben!“ meinte Meg mit zuversichtlichem Lächeln. "Mr.
Masters soll übrigens ein tolles Anwesen haben, ein richtiges Schloß, mitten auf
der Insel. Ich habe letztens etwas darüber gelesen. Es wird streng bewacht und
nur sehr wenige Leute dürfen es betreten. Masters selbst hält sich jedoch kaum
dort auf, er lebt die meiste Zeit in Europa, und es gibt kaum aktuelle Fotos von
ihm. Sehr mysteriös!“
Ben lachte.
„Von mir aus kann er ganz nach Europa ziehen, hauptsache, er ist morgen auf der
Insel und interessiert sich für unser Angebot.“
„Schade, dass ich hier momentan nicht wegkann“ meinte Meg bedauernd, „ich hätte
mir das Anwesen so gerne angeschaut. Und mit Dir auf Hawaii – das wäre auch
nicht zu verachten!“
Ben legte den Arm um ihre Schultern.
„Wenn Masters in unser Projekt einsteigt, bin ich bestimmt nicht zum letzten Mal
dort. Und wer weiß...“ er sah ihr tief in die Augen, „vielleicht kann ich ihm
dann bei nächster Gelegenheit meine zukünftige Frau vorstellen!“
Völlig erschöpft betrat Gabi am späten Abend das Surf Center. Sie hatte noch etliche Stunden im Krankenhaus in der Notaufnahme zugebracht, nachdem einige Schwerverletzte von einem Busunglück ins Krankenhaus eingeliefert worden waren.
Gabi schloß die Tür, warf ihre Tasche und Jacke achtlos auf den Fußboden und ließ sich kraftlos bäuchlings auf das Sofa fallen.
So fand Mark sie, als er wenige Minuten später herunterkam, um sich aus der Küche etwas zu trinken zu holen. Er stutzte kurz als er Gabi dort liegen sah und ging zum Sofa hinüber. Besorgt beugte er sich über sie und rüttelte sie leicht an der Schulter.
"Gabi, ist alles in Ordnung?" Wie von einer Tarantel gestochen fuhr sie hoch.
"Mark ... Hast Du mich erschreckt!" sagte sie und hielt sich eine Hand an die Brust. "Ich muß wohl eingenickt sein ..." stellte sie überrascht fest. Schuldbewußt sah er sie an.
"Es tut mir leid, das wollte ich nicht! Geht es Dir gut?"
Gabi strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
"Ja," sagte sie und machte eine wegwerfende Handbewegung," nur der übliche Streß im Krankenhaus."
Mark nickte.
"Sie haben in den Nachrichten von einem Busunglück erzählt ... Gab es viele Verletzte?"
Gabi seufzte und stand auf.
"Ja, sogar einige Schwerverletzte, die sofort operiert werden mussten." Sie ging in die Küche und holte sich eine Limonade aus dem Kühlschrank. "Ich kann Dir sagen, Mark ... heute war ein richtiger Ausnahmezustand im Krankenhaus!"
Mark sah sie mitfühlend an.
"Dann habe ich vielleicht gute Nachrichten für Dich," sagte er und lächelte.
"Oh ja, die kann ich jetzt gut gebrauchen!" sagte Gabi und hielt sich die Flasche an die Lippen. "Also," begann Mark," Vanessa war heute hier. Sie wollte für Casey einige Sachen abholen, und ..." Gabi ließ die Flasche wieder sinken.
"Casey?! Wie geht es ihm?" fragte sie aufgeregt. Mark legte eine Hand auf ihre Schulter.
"Schon etwas besser" erklärte er ihr. "Er ist aufgewacht und seine Verletzungen scheinen auch gut zu heilen."
"Das sind ja tolle Neuigkeiten!" rief Gabi erfreut. Marks Gesicht wurde plötzlich ernst. "Einen Haken hat die Sache allerdings ...," sagte er zögernd. Gabi sah ihn stirnrunzelnd an. "Von was für einem Haken redest Du?" fragte sie irritiert. Mark sah sie nachdenklich an. "Casey kann noch immer nicht seine Beine bewegen," sagte er dann leise. "Er ist von der Wirbelsäule abwärts gelähmt."
Gabi schüttelte fassungslos den Kopf.
"Aber ich denke, die Ärzte hätten gesagt, daß es nur vorübergehend sein würde!" sagte sie verzweifelt und fühlte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen. Mark nahm sie in den Arm. "Soweit ich weiß, müßte er sich dafür aber einer Operation unterziehen, die sehr riskant, ja vielleicht sogar unmöglich ist." Als er in Gabis schmerzverzerrtes Gesicht sah, bereute Mark es schon, ihr die Wahrheit gesagt zu haben. "Es tut mir leid, Gabi!" sagte er mitfühlend. "Ich weiß, daß Du Dich für seinen Unfall mitverantwortlich fühlst, aber die alleinige Schuld trifft nur Olivia Richards!" Gabi sah ihn unter Tränen an.
"Es ist doch völlig egal, wer Schuld hat," stieß sie verzweifelt hervor. "Casey ist gelähmt und wird vielleicht für den Rest seines Lebens im Rollstuhl sitzen müssen!"
Mark sah sie hilflos an.
"Das ist doch noch gar nicht sicher ..." versuchte er einzulenken, doch Gabi war zu frustriert, um ihm zuzuhören. Sie hob ihre Tasche und Jacke auf und rannte, schluchzend, die Treppe hinauf in ihr Zimmer.
Meg riß ungläubig
die Augen auf.
„Deine.... was?“
In diesem Moment läutete es.
Ben zwinkerte ihr nur geheimnisvoll lachend zu und ging zur Tür um zu öffnen.
Zwei vornehm gekleidete Kellner stolzierten herein. Der eine von ihnen schob
einen kleinen Servierwagen vor sich her, der andere trug ein Tablett. In
Windeseile deckten sie den Tisch und zauberten ein wundervoll duftendes
Abendessen für zwei aus den mitgebrachten Köstlichkeiten. Während Ben die Kerzen
anzündete und eine CD einlegte, zogen sie sich diskret und mit einer
angedeuteten Verbeugung in Megs Richtung wieder zurück.
Diese hatte die ganze Szene sprachlos von der Verandatür aus beobachtet.
Vorsichtig, als könnte sie nicht glauben, was da eben passiert war, trat sie
näher. Ben löschte das Licht, kam auf sie zu und nahm ihre Hand, während leise
Musik erklang.
„Darf ich bitten, Miss Cummings?“
Sie glaubte zu träumen.
„Ben, was um alles in der Welt...“ begann sie verwirrt, doch er legte ihr
lächelnd den Finger an die Lippen und nahm sie zärtlich in den Arm.
„Hör mal... erinnerst Du Dich an diesen Song?“
Meg lauschte einen Augenblick, während sie sich langsam zur Musik bewegten. Dann
glitt ein Lächeln über ihr Gesicht und sie sah Ben mit glänzenden Augen an.
„Natürlich...! Nach diesem Song haben wir zum ersten Mal miteinander getanzt,
damals, auf der Party der Richards!“
Ben strahlte.
„Du weißt es also noch!“
„Wie könnte ich diesen Abend vergessen, Ben...“
Er sah sie schweigend an, und in seinem Blick lag unendlich viel Zärtlichkeit.
Ihre Lippen trafen sich zu einem langen, leidenschaftlichen Kuß.
Als sie sich voneinander lösten, führte Ben Meg zum Tisch hinüber und reichte
ihr ein Champagnerglas.
„Auf uns beide, Meg, auf unsere Zukunft!“
Sie tranken sich zu. Meg nippte an ihrem Glas und schaute ihn dann aufmerksam
an.
„Was bedeutet das alles?“
Ben lächelte geheimnisvoll und nahm ihre Hand.
„Ich wünsche mir, das es für uns eine gemeinsame Zukunft wird.“ Er machte eine
bedeutungsvolle Pause und sah ihr tief in die Augen. „Meg, ich möchte, dass Du
meine Frau wirst.“ sagte er zärtlich und hielt plötzlich einen wunderschönen
Ring in der Hand, den er ihr behutsam über den Finger streifte.
„Ben...“ Völlig sprachlos und überwältigt starrte Meg abwechselnd auf den
zierlichen, funkelnden Diamanten an ihrer Hand und auf Ben, der sie
erwartungsvoll ansah.
„Willst Du mich heiraten?“ wiederholte er noch einmal.
In ihren Augen standen Tränen, als sie endlich zu begreifen schien und heftig
nickte.
Mit einem glücklichen Lachen stürzte sie sich in seine Arme.
„Ja, natürlich will ich!“
Ben hielt sie fest und sah in ihre Augen. Mit einer Hand wischte er ihr behutsam
eine Träne von der Wange. „Hey, nicht weinen!“
„Das sind... Freudentränen!“ flüsterte Meg.
Er küßte sie.
„Ich liebe Dich, Meg. Sobald ich von Hawaii zurück bin, und die Sache mit Sara
und Derek geklärt ist, legen wir einen Hochzeitstermin fest.“
Sie nickte und fühlte sich unendlich glücklich. Ben legte behutsam den Arm um
ihre Schultern.
„Und nun komm, zukünftige Misses Ben Evans, wir wollen doch nicht, dass unser
Abendessen kalt wird, oder?“
„Vielleicht könnte man es ja später aufwärmen?“ erwiderte sie, ohne ihn aus den
Augen zu lassen. Er lachte.
„Eine gute Idee!“ meinte er zustimmend, hob sie auf seine Arme, küßte sie
zärtlich und trug sie die Treppe zum Schlafzimmer hinauf.
Als Gabi am nächsten Morgen erwachte, fühlte sie sich völlig zerschlagen. Die halbe Nacht hatte sie sich mit Alpträumen herumplagen müssen und war ständig zwischendurch wach geworden. Sie setzte sich auf und rieb sich die Augen. Nur gut, daß Dr. Robinson ihr für heute freigegeben hatte, nachdem sie den Abend zuvor so viele Überstunden hatte machen müssen. Sie dachte an ihr Gespräch mit Mark. Es war so langsam an der Zeit, daß sie Casey auch mal einen Besuch abstattete. Jetzt, wo er aus dem Koma erwacht war, brauchte er sicher einen Freund, mit dem er über seine Sorgen und Gefühle reden konnte.
Gabi beeilte sich mit dem Waschen und Anziehen und ging dann nach unten.
Mark saß bereits und frühstückte, als Gabi die Küche betrat. Nachdem sie ihn freundlich begrüßt hatte, nahm sie sich ein Hörnchen aus dem Frühstückskorb und goß sich dann ein Glas Milch ein. "Komm' Gabi, setz' Dich doch zu mir!" forderte Mark sie auf, doch sie schüttelte den Kopf.
"Ich hab's wirklich eilig."
Verwirrt sah Mark sie an.
"Wohin willst Du denn so früh? Ich dachte, Du hast heute Deinen freien Tag."
Gabi sah ihn nachdenklich an.
"Ich habe mir überlegt, daß ich heute mal nach LA fahre," sagte sie langsam. "Ich habe Casey, seitdem er ins LA General Hospital verlegt wurde, nicht mehr gesehen ..." Sie unterbrach sich. "Ich kann einfach immer noch nicht glauben, daß er gelähmt sein soll," sagte sie leise.
Mark nickte.
"Ja, ich hoffe auch, daß dies nur vorübergehend ist." Er atmete schwer. "Ich denke nicht, daß Casey damit zurechtkommen wird, wenn er auf Dauer im Rollstuhl sitzen muß," fügte er hinzu und sah Gabi an. Sie schüttelte traurig den Kopf.
"Das ist eine Diagnose, die wohl jeden in eine schwere, seelische Krise stürzen würde."
Gabi trank ihr Glas leer und stellte es in die Spüle. "So, ich muß los," sagte sie. "Ich möchte nicht in den Berufsverkehr hineinkommen, denn dann brauche ich Stunden bis LA!"
Mark sprang auf.
"Soll ich Dich vielleicht begleiten?" bot er sich an. Gabi schüttelte den Kopf.
"Danke, Mark, aber ich würde gerne mit Casey alleine reden ..."
Mark nickte verständnisvoll.
"Kann ich verstehen," sagte er. Gabi hing sich ihre Tasche über die Schulter und griff nach ihrem Autoschlüssel.
"Ich bin bald wieder zurück," versprach sie und verließ den Raum. Mark sah ihr nachdenklich hinterher.
"Hoffentlich kommt sie mit guten Nachrichten wieder!" flüsterte er leise zu sich selber. Seufzend stand er dann auf und begann, den Tisch abzuräumen.
Zögernd ging Gabi den langen Krankenhausflur entlang. Sie fühlte eine innere Unruhe, während sie auf die Information zusteuerte.
"Kann ich Ihnen helfen?" fragte die ältere Dame hinter der Glasscheibe freundlich.
Gabi räusperte sich.
"Ich möchte zu Casey Mitchum," sagte sie, während sie mit ihren feucht-kalten Händen ihre Tasche umklammerte. Die Dame runzelte die Stirn.
"Ich fürchte, da muß ich erst seine behandelnde Ärztin fragen ..." Sie schaute hoch und ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. "Ach, da kommt sie ja gerade ... Hallo, Dr. Chang!"
Gabi hob überrascht den Kopf und sah in Raes mandelförmige Augen.
"Gabi!" rief Rae erstaunt. "Das ist eine Überraschung! Du willst bestimmt zu Casey, oder?"
Gabi nickte.
"Es tut mir leid," sagte Rae bedauernd," Casey ist im Moment 'in der Röhre'."
Gabi nickte.
"Ich verstehe ... wisst Ihr schon die Ursache, weshalb er seine Beine nicht bewegen kann?"
Rae schüttelte den Kopf.
"Wir hoffen, daß wir durch die Computertomographie etwas genaueres darüber erfahren."
Gabi sah Rae nachdenklich an. Ihr fiel plötzlich etwas ein.
"Sag' mal, Rae, was machst Du eigentlich hier?" fragte sie überrascht. "Solltest Du jetzt nicht im Flitterurlaub sein?"
Rae vergrub ihre Hände tief in ihrer Kittelschürze.
"Weißt Du, Gabi," sagte sie verlegen," die Hochzeit wurde verschoben - auf unbestimmte Zeit." Gabi riß erstaunt die Augen auf.
"Du hast die Hochzeit platzen lassen?" fragte sie ungläubig. Rae rang sich ein Lächeln ab.
"Ja, so ist es," sagte sie knapp.
"Was haben denn Deine Eltern und Wei-Lee dazu gesagt?" fragte Gabi neugierig. Rae seufzte. "Erinnere mich nicht daran!" sagte sie und machte eine abweisende Handbewegung. "Ich will es mal so formulieren: Der Haussegen hängt im Moment mächtig schief!"
Gabi konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, obwohl die Situation alles andere als witzig war.
"Wenn Du mich fragst," sagte sie betont ruhig," hast Du die richtige Entscheidung getroffen!" Rae sah Gabi überrascht an.
"Es wundert mich, daß Du das sagst ... aber - ja, ich denke das auch." Gabi kratzte sich am Kopf. "Was denkst Du, wann Casey wieder von der Untersuchung zurück sein wird?"
Rae sah sie nachdenklich an.
"Ich denke, daß Du warten kannst." sagte sie. "Dort drüben ist der Aufenthaltsraum, und dort gibt es auch einen Getränkeautomaten."
Gabi lächelte.
"Ja, ich glaube, ein Kaffee wäre jetzt nicht schlecht."
„Ich sage Dir dann bescheid, wenn Casey wieder auf seinem Zimmer ist," versprach Rae ihr. Gabi nickte und ging hinüber zu dem kleinen Raum, zog sich einen Kaffee und setzte sich dann auf einen der vielen Stühle. Sie schaute auf die Uhr. Es war erst kurz nach 10 Uhr. Wahrscheinlich würde sie noch eine ganze Weile hier sitzen und warten müssen. Gabi griff nach einer Zeitung, die auf dem Tisch vor ihr lag und begann zu lesen ...
Der Morgen begann
sonnig und schön. Meg begleitete Ben noch hinaus auf den Firmenparkplatz, wo
schon die Limousine wartete, die ihn zum Flughafen bringen sollte. Vor einer
Viertelstunde hatte Joe Hanson, der Pilot, in der Liberty Corporation angerufen
und ihnen mitgeteilt, dass der firmeneigene Privatjet, der für Geschäftsreisen
dieser Art genutzt wurde, bereit zum Abflug sei.
Ben nahm Meg in den Arm und küßte sie zärtlich zum Abschied.
„Ich bin so schnell wie möglich zurück, Liebling.“ versprach er. „Und dann legen
wir sofort einen Termin für unsere Hochzeit fest. Lauf mir ja nicht weg!“
Meg lächelte glücklich.
„Das fällt mir nicht im Traum ein!“ meinte sie mit einem verstohlenen Blick auf
ihren funkelnden Verlobungsring. „Ich liebe Dich, Ben! Pass gut auf Dich auf.“
Sie winkte ihm nach, bis die schwarze Limousine um die Ecke bog.
Langsam und ein bisschen traurig ging sie ins Büro zurück.
„Wow, wow, wow...“ machte Bette tröstend und kam hinter ihrem Schreibtisch
hervor, “wer wird denn so ein bedrücktes Gesicht machen! Muffin, sieht so eine
zukünftige Braut aus?“ Sie lachte und ergriff Megs Hand. „Und nun komm,
Schätzchen, zeig mir mal den tollen Ring... Mein Gott!“ Sie hielt begeistert die
Hände an ihre Wangen, „der ist ja wunderschön!“
Sie legte Meg den Arm um die Schultern und setzte sich mit ihr auf die
Schreibtischkante. „Die Zeit vor der Hochzeit ist immer die schönste und
spannendste! Ich war jetzt insgesamt siebenmal verheiratet, also glaub mir, ich
weiß, wovon ich rede. Und wer seiner Braut so einen phantastischen Ring schenkt,
der meint es wirklich ernst!“
„Daran zweifle ich ja auch gar nicht.“ erwiderte Meg. „Ich bin wahnsinnig
glücklich!“
„Na also“ strahlte Bette zufrieden, „warum denn nicht gleich so!“
Ben traf sich mit Joe Hanson und den beiden Bordmechanikern, die den Firmenjet
fertig durchgecheckt hatten, im Flugleitbüro des Towers. Sie klärten kurz alle
Formalitäten, die diese Reise betrafen und unterhielten sich bei einer Tasse
Kaffee noch über dieses und jenes, um die vom Tower vorgegebene Wartezeit zu
überbrücken.
Der kleine Jet der Liberty Corporation stand vollgetankt und abflugbereit in der
Flughalle.
Keiner beachtete die beiden fremden, als Mechaniker gekleideten Männer, die sich
schon seit Stunden auf dem Gelände aufhielten und nun unbemerkt in die Maschine
stiegen, wo sie sich emsig zu schaffen machten. Nach fünf Minuten verließen sie
die Halle wieder und verschwanden so heimlich, wie sie gekommen waren.
"Gabi?", fragte Vanessa. Gabi blickte hinter ihrer Zeitung auf.
"Oh Vanessa, ich hab Dich gar nicht kommen hören."
"Was neues von Casey?" Gabi schüttelte den Kopf.
"Rae hat gesagt, er ist im Moment in der röhre. Vielleicht finden sie heraus, warum er seine Beine nicht mehr bewegen kann. Hast Du Casey die Sachen gebracht?"
"Hab ich. Aber jetzt muß ich wieder heim. Die letzten Tage ist zu viel Arbeit liegengeblieben. Michael kommt auch mit. Schließlich ist ja schon ein Rettungsschwimmer im Moment ausgefallen. Und jetzt, wo Casey einigermaßen über den Berg ist. Übrigens habt ihr eine vorläufige neue Mitbewohnerin im Surfcenter."
"Ach?", meinte Gabi überrascht. Vanessa nickte.
"Caseys Mutter zieht vorläufig bei euch ein, hat Michael mir erzählt. In Caseys Zimmer. Sie wollte sich eigentlich ein Hotelzimmer in der Nähe des Krankenhauses mieten, aber Michael hat sie überredet, daß sie besser mit nach Sunset Beach kommt, und sie gemeinsam Casey so oft wie möglich besuchen fahren."
"Das halte ich auch für die bessere Idee", bestätigte Gabi. "Und vor allem auf die Dauer günstiger."
"Ach Gabi", wechselte Vanessa das Thema. "Hast Du eigentlich das Ergebnis von Olivia Richards Alkoholuntersuchung gesehen."
Gabis Lippen wurden schmal, aber sie nickte.
"Hör zu, sie hätte mich mit ihrem Auto fast gerammt", erklärte Vanessa. "Weil sie Schlangenlinien gefahren ist. Ich kann das beschwören. Und viel zu schnell war sie obendrein." "Das polizeiliche Gutachten über die Geschwindigkeit müßte doch schon längst fertig sein. Frag doch mal nach. Was die Alkoholuntersuchung angeht, tut mir Leid aber ich darf..."
"Ich weiß, das du mir nichts sagen darfst", unterbrach sie Vanessa. "Ich will nur, daß Du mir auf eine Frage antwortest. Ist das öffentliche Ergebnis richtig... Warte bevor Du antwortest. Wenn es richtig ist, gibt es keinen Grund etwas zu verschweigen. Du kannst einfach bestätigen, was jeder weiß. Also, wie sieht es aus?" Gabi blickte Vanessa lange an, und sagte nichts.
"Dachte ich mir es doch", meinte Vanessa. "Das reicht schon, Danke Gabi."
Und mit diesen Worten eilte Vanessa davon.
Noch bevor Sara die Augen aufschlug, verspürte sie schon wieder einen leichten Würgereiz im Hals, und nachdem sie aufgestanden war, führte sie ihr erster Weg direkt ins Badezimmer. Caroline kam gerade zur Tür herein mit einer Tüte frischer Brötchen im Arm, als sie wieder diese merkwürdigen Geräusche aus dem Badezimmer hörte und daraufhin ein herzzerreißendes Schluchzen. Vorsichtig öffnete sie die Badezimmertür und schaute hinein. Der Anblick ihrer Freundin tat ihr in der Seele weh. Sara kniete auf dem Fußboden und hatte ihr Gesicht in den Händen vergraben. Ihr Körper zuckte, und Caroline erkannte, daß sie weinte.
"Sara ..." Tief bewegt kniete sich Caroline neben Sara auf den Boden und nahm vorsichtig ihre Hände vom Gesicht. Einen Moment schaute sie in Saras rot-verweinte Augen, dann umarmte diese sie.
"Ich kann nicht mehr!" schluchzte Sara. "Ich ertrage das alles nicht ..."
Caroline hielt sie einfach nur fest und wiegte sie hin- und her.
"Schsch ... es wird alles gut," sagte sie tröstend. "Weine Dich ruhig aus."
Sara weinte so lange in Carolines Armen, bis sie keine Tränen mehr hatte.
"Geht es wieder?" fragte Caroline besorgt, nachdem sie Sara ein Taschentuch gereicht hatte. "Ja," schniefte diese. "Danke!" Sara stand auf und ging zum Sofa hinüber. "Es tut mir leid," sagte sie verlegen," ich weiß gar nicht, wie ich mich so gehen lassen konnte."
Caroline sah sie an.
"Das ist doch nur verständlich in Deinem Zustand ... und in Deiner Situation."
Sara griff sich an die Stirn.
"Wenn mir nur nicht ständig so übel wäre ..." stieß sie genervt hervor. "Mir ist schwindelig, ich bin ständig müde und könnte den ganzen Tag heulen ..."
Caroline sah ihre Freundin mitleidig an.
"Das vergeht bestimmt bald," versprach sie. Sara seufzte tief.
"Ja, hoffentlich ..." Sie warf Caroline einen verzweifelten Blick zu. "Ich frage mich die ganze Zeit, was Derek jetzt wohl macht," gestand sie ihrer Freundin.
"Ruf' ihn doch einfach an!" schlug Caroline vor. Sara sah sie an, als ob sie den Verstand verloren hätte.
"Ein super Vorschlag!" sagte sie ironisch. "Dann kommt er nach Ludlow und was ist dann?"
Sara sah Caroline ratlos an. Diese zuckte nur mit den Schultern.
"Was wäre denn so schlimm daran? Er kommt her, ihr versöhnt Euch wieder, und für das Baby wäre dann auch gesorgt." sagte sie lässig. Sara schüttelte den Kopf.
"Das meinst Du doch wohl nicht ernst, oder?"
Caroline nickte heftig.
"Doch, das meine ich," sagte sie," und wenn Du ehrlich bist," fügte sie lächelnd hinzu," dann möchtest Du es selber doch auch, oder?"
Sara biß sich auf die Unterlippe.
"Ja - nein, ich meine ... ich weiß nicht," stotterte sie. Caroline grinste.
"Ich wußte es doch! Im Grunde genommen willst Du doch zu ihm zurück," sagte sie und hob vorsichtig Saras Kinn, damit diese sie ansehen musste. "Ich sehe doch, wie unglücklich Du über diese Trennung bist!" sagte sie. "Wenn Du mich nach meiner Meinung fragen würdest - was Du ja auch getan hast - rate ich Dir: Geh' zurück nach Sunset Beach und klär die Sache mit Deinem Freund!"
Sara sah sie nachdenklich an.
"Du hast bestimmt recht, aber ..." Caroline unterbrach sie.
"So, und nun will ich noch mal schnell in die Apotheke gehen, um Dir Medizin zu holen. Mal sehen, ob es etwas gegen Deine Übelkeit gibt."
Sara sah sie dankbar an.
"Und ich werde in der Zwischenzeit den Tisch decken, damit wir danach in aller Ruhe frühstücken können," schlug Sara vor.
Caroline nickte, nahm sich ihre Tasche und verließ das Appartement.
Ricardo saß am Krankenbett seiner Mutter und starrte geistesabwesend aus dem Fenster.
"Du machst Dir Sorgen um Deinen Freund!" sagte sie nachdenklich, und es war mehr eine Feststellung als eine Frage. Ricardo sah sie überrascht an.
"Du kannst wirklich meine geheimsten Gedanken lesen," sagte er und verzog das Gesicht. "Ich habe erfahren, daß er mittlerweile aus seinem Dämmerschlaf erwacht ist," sagte Ricardo und sah seine Mutter an. "Mama, er wird vielleicht gelähmt bleiben," stieß er verzweifelt hervor. "Und es ist meine Schuld!"
Energisch schüttelte Madame Carmen den Kopf.
"Du weißt doch, was ich Dir über das Schicksal gesagt habe ... es war für ihn vorbestimmt, und daran hättest auch Du nichts ändern können."
Zweifelnd sah Ricardo seine Mutter an.
"Ich weiß, daß Du fest an solchen Dinge glaubst, aber ich bin Realist und glaube nicht an Vorsehung," sagte er bitter. Madame Carmen sah ihn nachdenklich an.
"Hast Du ihn schon besucht?" fragte sie, obwohl sie die Antwort bereits kannte.
Ricardo schüttelte langsam den Kopf.
"Du solltest es tun," sagte Madame Carmen bestimmt. "Rede mit ihm, und vielleicht wirst Du manche Dinge danach anders sehen."
Ricardo sprang auf.
"Ja, Mama, das ist eine gute Idee!" sagte er zuversichtlich. "Das werde ich tun ... und zwar gleich!"
Sie lächelte vielsagend. Als Ricardo sich von ihr verabschiedet und das Krankenzimmer verlassen hatte, nahm Madame Carmen ihre Karten zur Hand und legte sie vor sich aus. Langsam wendete sie eine Karte nach der anderen und erstarrte, als sie die letzte Karte umdrehte.
"Oh nein", stöhnte sie und schaute entsetzt auf die Karte. "Was habe ich getan!" flüsterte sie fassungslos. "Wie konnte ich das Schicksal nur so herausfordern...?"
Robin Masters saß in
seinem mit teuren antiken Möbeln ausgestatteten Büro und studierte interessiert
die Akte, die er bereits über die Liberty Corporation angelegt hatte. Er
lächelte zufrieden und drückte auf den Knopf der Sprechanlage.
„Higgins, kommen Sie doch bitte mal herein.“
Keine zehn Sekunden später öffnete sich die Tür und ein kleiner, etwas
untersetzter Mann um die Fünfzig trat dienstbeflissen näher.
„Mister Masters?“
Robin Masters konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
„Sagen Sie, Higgins, alter Freund, wie kommt es eigentlich, dass Sie ständig in
diesem Safarilook herumlaufen?“ fragte er mit einem Blick auf die knielangen,
kakifarbenen Hosen und die farblich dazu abgestimmten Socken seines Verwalters.
„Kein Mensch trägt sowas auf Hawaii!“
Higgins räusperte sich und meinte dann;
„Ich vertrete die Ansicht, dass man sich als einzelnes Individuum wirksam von
der breiten Masse abheben muß, um nicht eines Tages darin unterzugehen, Sir.“
Masters lachte.
„Wo haben Sie das denn her? Ist das etwa auch so eine von Ihren fernöstlichen
Weisheiten?“ Er stand auf, ging um den Schreibtisch herum und klopfte Higgins
versöhnlich auf die Schulter. „Nun gut, da ist irgendwie schon was Wahres dran.
Obwohl ich eigentlich das Gegenteil bevorzuge – so wenig wie möglich
aufzufallen. Aber bleiben Sie Ihrem Stil ruhig treu, irgendwann werde ich mich
schon daran gewöhnen.“ Er selbst trug einen dunklen, maßgeschneiderten Anzug zu
Ehren des Besuches, der sich heute angekündigt hatte, obwohl er hier auf der
Insel legere Kleidung bevorzugte, mit der er seine etwas füllige Figur zu
kaschieren versuchte.
Er bemerkte Higgins fragenden Blick. Sein Verwalter hielt sich nicht gern an
Nebensächlichkeiten auf, er kam stets direkt zum Kernpunkt einer Sache, auch
eine Angewohnheit, die man ihm in seinen Jugendjahren während seines langen
Aufenthaltes in Fernost anerzogen hatte. Robin Masters schätzte Higgins sehr,
seine Loyalität, sein überdurchschnittliches Allgemeinwissen und seine
Gewissenhaftigkeit, mit der er das Anwesen betreute. In den nunmehr über zwanzig
Jahren, in denen er für Robin tätig war, hatte er sich zu seinem engsten
Mitarbeiter entwickelt, dem er voll und ganz vertraute. Wenn er nur nicht so
fürchterlich pedantisch wäre... Er legte mitunter eine Förmlichkeit an den Tag,
als hätte man ihm die englische Adelsetikette mit der Muttermilch eingegeben.
Allerdings vermochte man aufgrund seiner ganzen Erscheinung und seines
Verhaltens kaum zu vermuten, dass er in sämtlichen fernöstlichen Kampfsportarten
äußerst bewandert war, was er zwar selten zeigte, aber wenn man ihn soweit
provozierte, dass er auf diese Fähigkeiten zurückgriff, dann hatten seine Gegner
nichts mehr zu lachen.
Robin Masters ging zum Tisch zurück und goß sich ein Glas Wasser ein.
„Higgins, wer holt heute eigentlich meinen Besucher aus Sunset Beach ab?“ fragte
er beiläufig. Higgins straffte die Schultern.
„Die Limousine steht schon bereit, Sir.“
„Mh“ Masters trank einen Schluck und verzog dann etwas nachdenklich das Gesicht.
„Die Limousine bleibt heute in der Garage, die brauchen wir nicht. Veranlassen
Sie bitte, dass Thomas Magnum meinen Gast am Flughafen abholt. Er soll den
Ferrari nehmen.“
Higgins pflichtbewusstes Gesicht wurde für einen kurzen Moment um einiges länger
und sein Unterkiefer drohte nach unten zu klappen.
„Magnum...“ stieß er fassungslos hervor, „... mit dem Ferrari? Aber Sir...“
„Lassen Sie`s gut sein, Higgins, oder glauben Sie, ich weiß nicht, dass er
während meiner Abwesenheit die meiste Zeit damit herumfährt! So ein Wägelchen
muß bewegt werden, und außerdem hat man mir eben per Fax von der Liberty
Corporation mitgeteilt, dass Gregory Richards leider verhindert ist und mir
stattdessen seinen Geschäftspartner herschickt. Und nun sagen Sie mir ehrlich,
womit wird ein junger dynamischer Mann wohl lieber vom Flughafen abgeholt: mit
einer langweiligen Limousine und einem Chauffeur, der stumm wie ein Fisch ist,
oder mit einem schnittigen Ferrari und einem Fahrer, der ihm schon die halbe
Insel gezeigt hat, bevor er ihn hier absetzt!“
Higgins starrte seinen Boss an, als habe der ihm gerade verkündet, er solle den
Besen fressen, mit dem er eben die Eingangshalle nachgekehrt hatte, weil das
Dienstmädchen seiner Ansicht nach wieder schlampig gearbeitet hatte. Er holte
tief Luft, um noch einen Einwand zu riskieren, als er aber den amüsierten Blick
seines Bosses sah, klappte er den Mund wieder zu und ging zur Tür. Dort drehte
er sich noch einmal um.
„Es ist... Ihre Entscheidung, Sir!“ meinte er bedeutungsvoll. Robin schmunzelte.
„Danke, Higgins. Übrigens, der Name meines Besuchers ist Ben Evans.“
Higgins eilte
schnurstracks zu einem der Nebeneingänge und klopfte dort an eine Tür.
Die beiden ausgewachsenen Dobermänner Zeus und Apollo, Robin Masters Lieblinge
und Bewacher des riesigen Anwesens folgten ihm getreulich und blieben wild
bellend am Eingang stehen.
„Ruhig Jungs!“ befahl Higgins und klopfte erneut. „Gott sei dank, er ist nicht
da!“ meinte er sichtlich erleichtert und wollte wieder gehen. Die Hunde aber
waren anderer Meinung. Sie scharrten mit den Pfoten an der Tür, was bedeuten
sollte, dass doch jemand zu Hause zu sein schien. Higgins verdrehte genervt die
Augen und machte abermals kehrt. Mit der Faust schlug er gegen die Tür.
„Magnum!“ schrie er wütend, „Machen Sie gefälligst auf, ich weiß, dass Sie da
sind!“
Die Tür öffnet sich und ein hochgewachsener sportlicher Mann Mitte Dreißig im
bunten Hawaiihemd und ausgewaschenen Jeans öffnete die Tür. Er nahm die
Kopfhörer seines Walkmans ab und sah Higgins verständnislos an.
„Was ist denn los, Higgi, was soll der Spektakel? Ich bin doch nicht taub!“
Die beiden Hunde stürmten sofort an ihm vorbei ins Zimmer.
„Hi Jungs,“ begrüßte er sie lässig, „die Chips liegen auf dem Tisch, bedient
Euch! Aber sabbert nicht wieder auf den Teppich!“
Higgins holte tief Luft und bekam sich so einigermaßen in den Griff.
„Mister Masters wünscht, dass Sie seinen Gast vom Flughafen abholen.“
„Ich?“ fragte Thomas Magnum erstaunt und grinste dann. „Ich hab aber keinen
eigenen Wagen!“
„Sie nehmen den... Ferrari!“ Dieser Satz fiel Higgins sichtlich schwer. „Mister
Masters weiß, dass Sie ihn sonst auch benutzen.“
„Was es nicht alles gibt...“ Magnum lachte. „Wann soll ich denn die Leute
abholen?“
„In einer Stunde. Es ist nur eine Person, ein Geschäftsmann aus Sunset Beach.
Sein Name ist Ben Evans. Bitte bringen Sie ihn auf direktem Wege her, ohne ihm
erst die Insel zu zeigen und fahren Sie so, dass er nicht ärztlich behandelt
werden muß.“
Thomas salutierte scherzhaft.
„Sehr wohl, Sir!“
Ohne auf seinen Ton einzugehen, fügte der Verwalter mit einem missbilligenden
Blick auf Magnums legere Kleidung hinzu:
„Und ziehen Sie sich gefälligst etwas Ordentliches an!“
Thomas blickte fragend an sich herunter.
„Was Ordentliches? Haben Sie vielleicht noch eine Safarihose für mich?“
Higgins würdigte ihn keines Blickes mehr, rief nach den Hunden und wollte gehen.
An dieser Stelle jedoch versagte seine Kunst – die Hunde reagierten nicht.
Magnum lehnte grinsend im Türrahmen. Er schob seine Baseballkappe zurück und
strich sich amüsiert über den Schnauzbart.
„Jungs“ rief er lässig über die Schulter ins Zimmer, ohne Higgins dabei aus den
Augen zu lassen, „Ihr könnt sie mitnehmen!“
Jetzt reagierten die beiden Doggen aufs Wort. Jeder eine Tüte Chips in der
Schnauze kamen sie angelaufen, blieben artig vor Higgins sitzen und sahen ihn
erwartungsvoll an. Er schüttelte missbilligend den Kopf, knurrte etwas
Unverständliches und stiefelte davon. Die „Jungs“ folgten ihm wie brave
Schoßhündchen.
Thomas Magnum trat zurück ins Zimmer und goß sich eine Tasse Kaffee ein. Er
hatte noch genügend Zeit, bei seiner Fahrweise war er locker in einer halben
Stunde am Flughafen.
Er nahm das Telefon und wählte eine Nummer.
„T.C.? Magnum hier. Ihr müsst den Rundflug ohne mich machen, ich habe einen
Auftrag... klar komm ich heute abend mit... wenn Rick, der alte Geizkragen einen
ausgibt, das laß ich mir doch nicht entgehen... okay, bis später!“
Er setzte sich auf die Couch und streckte seine langen Beine aus.
Eigentlich konnte er wirklich zufrieden sein. Er wohnte hier auf Robin Masters
Anwesen praktisch zum Nulltarif. Dafür nahm der Boss gerne ab und zu seine
Dienste als Privatdetektiv in Anspruch. Ihm gefielen Magnums unkonventionelle
Methoden, einen Fall zu lösen, er war clever und scherte sich wenig um
Dienstvorschriften, was ihn natürlich nicht selten in Konflikt mit der örtlichen
Polizei brachte. Aber Masters war sehr einflussreich, und Magnums berufliche
Erfolge wogen den Ärger bei weitem auf. Nur Higgins hatte seine Probleme mit
Thomas nachlässiger Art, was diesem natürlich keine schlaflosen Nächte
bereitete. Im Gegenteil, er hatte sogar das Gefühl, dass der Verwalter ihn im
Grunde seines Herzens mochte, nur würde er das niemals zugeben. So stritten sich
die beiden und machten regelrecht einen Sport daraus, sich gegenseitig zu
provozieren.
Eine halbe Stunde später startete Magnum den Ferrari und fuhr so rasant an, dass
Robin Masters in seinem Büro erschrocken seinen Stift fallen ließ.
Kopfschüttelnd blickte er von seinem Fenster aus hinterher, wie der rassige
knallrote Wagen die Auffahrt hinunter schoß.
T.C. flog mit seinem
kleinen Hubschrauber die Küste entlang. Er hatte die halbe Nacht in seiner
Werkstatt zugebracht, um einen Motorschaden an dem Helikopter zu beheben und war
vor ein paar Minuten zu einem Testrundflug aufgebrochen.
Rick, Besitzer eines einigermaßen gängigen Strandlokals, und einer seiner besten
Freunde, saß neben ihm und betrachtete skeptisch die Amaturenanzeige.
„Bist Du sicher, dass Du alles wieder richtig zusammengebaut hast?“ schrie er
entgegen dem Rotorenlärm.
„Klar!“ schrie T.C. zurück und grinste. „Diesmal waren sogar noch ein paar
Schrauben übrig!“
„Na dann kann ja nichts mehr schiefgehen.“ murmelte Rick und verdrehte die
Augen.
Plötzlich erregte ein kleines Flugzeug seine Aufmerksamkeit, dass anscheinend
vergeblich versuchte, sich dem Flughafen zu nähern. Es zog eine schwarze
Rauchfahne hinter sich her und schien Probleme mit dem Gleichgewicht zu haben,
denn es schlingerte bereits gefährlich.
„T.C., sieh doch mal!“ machte er seinen Kumpel darauf aufmerksam. „Da stimmt
doch was nicht!“
Sie drehten ab und beobachteten aus sicherer Entfernung, wie das Flugzeug mit
einem Mal nach der Seite abdriftete, zusehens an Höhe verlor und schließlich
anscheinend direkt an der Küste versuchte notzulanden.
„Großer Gott!“ rief T.C., als er sah, wie die Maschine mit den Tragflächen
einige Bäume abrasierte, kurz wieder hochkam, ziemlich hart auf dem Wasser
aufsetzte und dann förmlich in den Wald hineingeschleudert wurde. Schwarze
Rauchschwaden stiegen sofort zwischen den Bäumen hervor.
„Los, flieg hin, Mann!“ schrie Rick, „vielleicht hat ja jemand überlebt!“
T.C. machte eine rasante Wendung und landete nach wenigen Minuten am Strand kurz
vor der Absturzstelle.
Die beiden Männer sprangen aus dem Hubschrauber und folgten der Schneise, die
das Flugzeug bei seinem Absturz zwischen den Bäumen hinterlassen hatte.
Dann sahen sie die Maschine direkt vor sich. Sie war bei dem Aufprall förmlich
in zwei Teile zerrissen worden.
Die Männer sahen einander kurz an und überlegten nicht lange. Sie bahnten sich
einen Weg in das qualmende Wrack.
T.C. fand zuerst den Piloten leblos in seiner Kanzel, aus der Türen und Fenster
herausgedrückt worden waren. Er zog den Mann unter Einsatz seiner ganzen Kraft
heraus und schleppte ihn ein Stück vom Flugzeug weg. Dort legte er ihn flach auf
den Boden und überprüfte seine Vitalfunktionen. Rick kam dazu.
„In der Maschine ist niemand mehr!“ verkündete er. „Und was ist mit ihm?“
T.C. schüttelte resigniert den Kopf.
„Nichts mehr zu machen. Er ist tot.“
Ein berstendes Geräusch ließ sie beide herumfahren.
„Wir müssen hier weg!“ schrie Rick. „Sie geht gleich hoch!“
Die beiden rannten um ihr Leben zum Hubschrauber zurück. Kaum war T.C. in
Richtung aufs Meer gestartet, gab es unten einen ohrenbetäubenden Knall. Einem
Feuerball gleich stiegen Flammen zwischen den Bäumen auf und verschlangen alles,
was sich in ihrer Mitte befand...
"Ausgezeichnet", meinte Gregory Richards am Telefon mit einem zufriedenen Lächeln. "Ich wußte doch, daß ich mich auf sie verlassen kann. Seien sie versichert, es wird sich für sie lohnen." Nur unmittelbar nachdem er wieder aufgelegt hatte, klingelte der Apparat erneut.
"Vanessa Hart möchte sie sprechen", meldete sich Bette. "Sie sagt es sei dringend."
"In Ordnung Bette, schicken Sie sie herein."
Unmittelbar darauf betrat Vanessa Hart mit einem grimmigen Gesichtsausdruck Gregorys Büro. "Was kann ich für Sie tun?", fragte Gregory höflich.
"Nichts", meinte Vanessa entschieden. "Ich wollte sie nur darauf hinweisen, daß sie damit nicht durchkommen."
Gregory blickte sie mit großen Augen an.
"Wenn Sie vielleicht die Güte hätten, mir zu sagen, von was Sie überhaupt reden."
"Von Ihrer Frau Mr Richards. Da kann das Gutachten im Krankenhaus sagen, was es will. Ich weiß, daß sie betrunken war. Ich habe sie mit meinen eigenen Augen gesehen. Sie ist Schlangenlinien gefahren, und viel zu schnell war sie außerdem."
"Falsch", meinte Gregory mit einem Grinsen auf seinen Lippen, das er, wie Vanessa feststellte, nicht einmal versuchte, zu unterdrücken. "Nur kurz vor Ihrem reizenden Besuch habe ich einen Anruf des Gutachters bekommen, der die Unfallstelle untersucht hat. Das Gutachten sagt eindeutig, daß man an dem anhand des Bremsweges des Autos meiner Frau exakt feststellen könnte, daß sie genau die einzuhaltende Geschwindigkeit gefahren ist."
Vanessa blickte ihn wie erstarrt an.
"Das ist ein Bluff", meinte sie schließlich.
"Beileibe nicht. Aber wenn Sie mir nicht glauben, können Sie gerne selbst bei dem Gutachter nachfragen. Ich bin sicher, die Polizei wird Ihnen seine Adresse geben können. Wenn Sie mich nun bitte entschuldigen würden..."
Vanessa ging zur Tür, wandte sich aber noch einmal um und meinte:
"Damit kommen Sie nicht durch, Mr Richards. Das verspreche ich Ihnen. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen."
Gabi saß an Caseys Krankenbett und wartete ungeduldig darauf, daß er aufwachte. Nach der anstrengenden Untersuchung war er gleich erschöpft eingeschlafen, noch bevor Rae mit ihm sprechen konnte. Rae hatte es danach sehr eilig gehabt und Gabi nur kurz ein Zeichen gegeben, daß sie zu ihm hineingehen konnte. Nun lag er vor ihr und schlief friedlich.
Sie sah ihn prüfend an.
Sein linker Arm war eingegipst, und in seinem rechten Arm steckte noch eine Infusionsnadel. Von seinen schweren inneren Verletzungen sah man ihm äußerlich nichts an, doch Casey schien seit dem Unfall rapide an Gewicht verloren zu haben, denn seine Wangen sahen eingefallen und hohl aus.
Aus einem Impuls heraus streckte Gabi die Hand nach ihm aus und streichelte über seine Hand. Casey zuckte kurz zusammen und öffnete dann die Augen. Einen Moment trafen sich ihre Blicke, und Gabi konnte die Qual in seinen Augen erkennen. Sie wollte ihr Hand schon wieder wegziehen, als Casey danach griff und sie festhielt.
"Gabi ..." flüsterte er," geh' nicht weg!" bat er. Sie schluckte und wich seinem Blick aus. Ihn so verletzlich und hilflos zu sehen, schnürte ihr die Kehle zu.
"Ich - ich bin doch gerade erst gekommen," versuchte sie zu scherzen, doch sofort wurde ihr Gesicht wieder ernst. "Casey ... ich wollte viel eher kommen, doch ich konnte nicht aus Sunset Beach fort," sagte sie entschuldigend.
"Wie geht es Dir?" fragte Casey mit belegter Stimme und sah sie besorgt an.
"Mach' Dir um mich keine Sorgen," sagte Gabi und sah auf seine Hand, die ihre immer noch umklammerte.
"Was ist mit Euch ... mit Dir und Ricardo?" bohrte Casey weiter. Gabi spürte einen dicken Kloß in ihrem Hals. Sie räusperte sich.
"Ricardo und ich - wir haben uns getrennt!" presste sie dann hervor.
Caseys Griff verstärkte sich.
"Das tut mir leid," sagte er mitfühlend. "Und alles ist meine Schuld ..." fügte er leise hinzu. "Wenn ich nicht damals ..."
"Psst!" Gabi unterbrach ihn, indem sie ihm einen Finger auf die Lippen legte. Für einen Moment sahen sie sich nur an und teilten stumm den gemeinsamen Schmerz. Keiner der beiden bemerkte, wie sich plötzlich die Tür öffnete ...
Als es an Olivia Richards Tür klopfte, blickte sie auf.
"Besuch für Sie Mrs Richards", sagte Schwester Roxi. "Ein Mr, Armando Deschanel. Möchten Sie ihn sehen?"
"Armando Deschanel", wunderte sich Olivia einen Moment. "Ach, AJ." Sie zögerte kurz, dann meinte sie:
"Ja, schicken Sie ihn herein."
Schwester Roxi ging wieder, und nur Augenblicke später trat AJ Deschanel ein. Er hatte einen Blumenstrauß in der Hand und blieb etwas unschlüssig vor Olivias Krankenbett stehen.
"Wie geht es Dir?", meinte er vorsichtig.
"Wie heißt es so schön", erwiderte Olivia lakonisch, "den Umständen entsprechend nicht schlecht."
"Das freut mich."
"Danke." Olivia fiel auf, daß AJ noch etwas anderes loswerden wollte, und schließlich rückte er dann auch damit heraus.
"Olivia. Es tut mir leid, daß ich Dich so angebrüllt habe. An dem Tag von dem Unfall."
"Nein, nicht doch AJ. Mir tut es leid."
"Ich hätte nicht so mit Dir umspringen dürfen. Wenn ich daran denke, Du hättest sterben können..."
"Nein, AJ. Du hattest alles Recht der Welt, wütend auf mich zu sein. Wegen der Sache mit Cole, und auch sonst..."
"Sonst?"
"Ich habe Dich benutzt AJ. Und das tut mir wirklich leid, weil ich Dich nämlich auch gemocht habe. Tatsächlich ist mir jetzt erst klar geworden, wie sehr ich Dich benutzt habe."
"Wie meinst Du das?"
"Ich wollte Gregory eifersüchtig machen. Verstehe mich nicht falsch, Du warst so lieb und verständnisvoll und auch... unterhaltend, aber Gregory, ich liebe ihn so sehr. Ich kann es nicht ändern. Aber ich liebe ihn."
"Und bist Du Dir sicher, daß er Deine Liebe verdient?"
"Vielleicht tut er das tatsächlich nicht. Aber er hat sich so sehr um mich gesorgt, seit dem Unfall. Das zeigt doch, daß ich ihm nicht völlig gleichgültig sein kann. Ich meine, er hat sogar seine Geschäftsreise nach Hawaii für mich ausfallen lassen."
"Aber Du solltest nicht vergessen, daß..." Dann hielt er einen Augenblick inne.
Olivia bemerkte sofort, daß er mit der Fassung rang.
"Augenblick", meinte er, "was hast Du da gerade gesagt? Dein Mann hat seine Geschäftsreise nach Hawaii abgesagt."
Olivia nickte.
"Ja, aber wie..."
"Ben Evans reist für ihn", erklärte Olivia. "Aber das ist doch völlig unwichtig. Wichtig ist nur, daß er es meinetwegen abgesagt hat."
"Ja, wahrscheinlich hast Du recht. Entschuldige mich jetzt bitte." Und bevor Olivia noch etwas sagen konnte, hatte er das Krankenzimmer bereits wieder verlassen.
"Vielleicht hätte ich ihm es doch etwas schonender beibringen sollen", überlegte sie.
Geschockt schaute Ricardo auf die Szene, die sich ihm bot: Casey lag im Bett, Gabis Hand in seiner, und sie hatte sich zu ihm hinuntergebeugt und strich ihm sanft über die Lippen. Die beiden schienen nur Augen füreinander zu haben und sahen nicht mal auf, als Ricardo die Tür wieder leise schloß. Schweratmend lehnte er sich an die geschlossene Tür und schloß die Augen. Gabi hatte ihn angelogen was Casey anging! Er bedeutete ihr anscheinend viel mehr, als sie wahrhaben wollte, und Ricardo wurde ganz elend bei dem Gedanken, was das für ihre Beziehung bedeuteten würde!
Mit
schmerzverzerrtem Gesicht und einer unbändigen Wut im Bauch griff er sich an den
Hals und zerrte seine Krawatte hinunter, die ihm plötzlich die Luft abschnürte.
Er stopfte sie achtlos in seine Jackentasche und verschwand, so schnell er
gekommen war.
Gabi hob kurz den Kopf, als sie das Schließen der Tür hörte.
"Hast Du das gehört?" fragte sie Casey. Er schüttelte den Kopf.
"Nein, was meinst Du?"
Gabi stand auf und ging zur Tür.
"Es hat sich so angehört, als ob jemand die Tür geschlossen hätte," sagte sie verwundert.
Casey schmunzelte.
"Vielleicht war es eine Schwester und sie mißverstand die Situation und ging raus, weil sie uns nicht stören wollte." sagte er grinsend. Gabi runzelte die Stirn.
"Ja, möglich ..." Sie wußte nicht warum, aber als sie die Tür öffnete, um nachzuschauen, ob der Besucher vielleicht noch vor der Tür wartete, beschlich sie ein ungutes Gefühl. Sie warf einen Blick nach draußen, konnte jedoch niemanden sehen.
Gerade in dem Moment, wo sie die Tür wieder schließen wollte, fiel ihr ein glänzender Gegenstand ins Auge, der auf dem Fußboden vor ihr lag. Sie bückte sich danach und hob ihn auf. Neugierig schaute sie dann auf das, was sie in der Hand hielt: Eine goldene Krawattennadel in Form eines Füllfederhalters!
"Die gehört doch Ricardo," stellte sie nach eingehender Untersuchung erstaunt fest. Ein Geschenk, daß sie ihm zu ihrem ersten Jahrestag gemacht hatte! Während sie immer noch auf die Krawattennadel starrte kam ihr ein furchtbarer Gedanke.
"Mein Gott, Ricardo war hier!" flüsterte sie leise, „und er hat Casey und mich zusammen gesehen ..."
Meg sah ungeduldig
auf die Uhr. Gleich Feierabend!
Sie beschloß, nachher noch ein wenig Zeit am Strand zu verbringen und die warme
Abendsonne zu genießen. Sicher würde Ben irgendwann anrufen und ihr von Robin
Masters herrlichem Anwesen erzählen...
Was hatte Bette vorhin gesagt? Es würde vielleicht in der Nacht ein Sturm
aufziehen?
Meg schaltete das kleine Radio neben der Kaffeemaschine ein, um
sicherheitshalber den Wetterbericht nach den 16.00 Uhr- Nachrichten zu hören.
Während der Moderator seine Meldungen verlas, sortierte sie die letzten Akten
ein und wollte gerade ihren Computer ausschalten, als sie plötzlich stutzte und
wie gebannt den soeben verlesenen Schlagzeilen lauschte:
„...heute am frühen Nachmittag an der hawaiianischen Ostküste abgestürzt.
Es handelt sich um ein Flugzeug der bekannten südkalifornischen Immobilienfirma
„Liberty Corporation“, deren Hauptsitz sich in Sunset Beach befindet. Ersten
Meldungen zufolge gibt es keine Überlebenden des Unglücks. Auch die
Unglücksursache ist bislang völlig unklar. Und nun zum Wetter...“
Meg starrte wie gebannt auf das Radio, unfähig sich zu bewegen. Alle Farbe war
aus ihrem Gesicht gewichen. Bens Flugzeug ... abgestürzt?“
Erst nach Sekunden, die ihr wie eine Ewigkeit schienen, ging sie langsam,
Schritt für Schritt auf Gregorys Büro zu, den Blick immer noch auf den
Radioempfänger geheftet, so, als warte sie darauf, dass die Stimme des
Moderators jeden Moment verkünden würde, es hätte sich bei der letzten Meldung
ausversehen um einen Irrtum oder eine Verwechslung gehandelt. Aber nichts
dergleichen geschah. Aus dem Lautsprecher klang inzwischen irgend ein brandneuer
Song.
Meg riß die Tür zu Gregorys Büro auf. Erschrocken fuhr Bette, die gerade ein
Diktat aufnahm, herum, während ihr Boss ungehalten über die Störung von seinem
Schreibtisch aufblickte.
„Was gibt es denn?“ fragte er unwirsch, doch ein Blick in Megs Gesicht ließ ihn
sofort verstummen.
„Meg, was ist denn los? Ist etwas passiert?“
Bette legte Stift und Block beiseite und stand auf.
„Ist alles in Ordnung, Schätzchen? Du bist ja weiß wie eine Wand!“
Meg schluckte den Kloß herunter, der ihr im Hals saß und ihr die Luft nahm.
„Ben ... das Flugzeug ... es ist ... abgestürzt!“ stammelte sie.
Gregory sprang auf.
„Waas? Unmöglich!“
Meg nickte nur bestätigend und hielt sich krampfhaft am Türrahmen fest.
„Ich hab... es kam in den Nachrichten... gerade eben...“
Bette ging schnell auf sie zu und legte ihr geistesgegenwärtig den Arm um die
Schultern.
„Komm schon, setz Dich erstmal hin!“ sagte sie so ruhig wie möglich und zwang
Meg mit sanfter Gewalt, sich in den Clubsessel zu setzen. „Und nun mal der Reihe
nach“ versuchte sie die Situation unter Kontrolle zu bringen, „was genau hast Du
gehört?“
Meg schloß für einen Augenblick die Augen und atmete tief durch.
„Das Flugzeug ist an der Küste Hawaiis abgestürzt. Sie wissen noch nicht, wie es
passiert ist, aber sie haben gesagt, es hätte wahrscheinlich... niemand
überlebt.“ Megs Augen starrten ins Leere, als hätte sie das, was sie eben gesagt
hatte, selbst gar nicht wahrgenommen.
„Oh mein Gott...“ Bette rang um ihre bisher mühsam bewahrte Fassung. „...Ben...
oh nein!“
Meg fuhr aus dem Sessel hoch.
„Nein!“ rief sie plötzlich entschieden. „Nein, sie haben nur gesagt,
wahrscheinlich... ich weiß genau, Ben ist nichts passiert! Er... er wird bald
anrufen und mir sagen, dass es ihm gutgeht... ich muß mein Handy einschalten...“
„Meg!“ Bette wollte sie zurückzuhalten, doch sie merkte, dass Meg mit aller
Kraft versuchte, das eben Gehörte zu verdrängen, so, als könne sie dadurch alles
ungeschehen machen. Mutlos ließ sie die Arme sinken und sah sich hilfesuchend
nach ihrem Boss um.
„Gregory?“
Er wühlte fieberhaft in seinen Unterlagen und begann, nachdem er endlich
gefunden hatte, wonach er suchte, eilig eine Telefonnummer einzutippen.
„Geben Sie mir die Flugleitzentrale... ja, hier ist Gregory Richards von der
Liberty Corporation... ja, ich höre...“
Zwei Minuten später legte er wortlos den Hörer auf. Sein Gesicht war wie Wachs
so bleich und seine Hände zitterten.
„Es ist wahr, Bette“ sagte er mit belegter Stimme und sah seine Sekretärin mit
einem Blick an, der sie frösteln ließ.
„Und wissen Sie was? Eigentlich müßte ich jetzt tot sein..., ich - und nicht
Ben!“
Sara saß in
Carolines Appartement auf dem Sofa und blätterte lustlos in einer Zeitschrift.
Ungeduldig schaute sie auf die Uhr. Caroline war nun schon über eine Stunde fort
und Sara fragte sich, was ihre Freundin wohl aufgehalten hatte. Seufzend ging
sie hinüber zum Fernseher und schaltete ihn ein. Vielleicht konnte sie sich beim
Fernsehen etwas entspannen. Sara ging in die Küche und holte sich ein Glas
Orangensaft aus dem Kühlschrank und ging damit zurück ins Wohnzimmer. Der
Nachrichtenkanal brachte gerade die neuesten Meldungen aus aller Welt, und Sara
hörte interessiert zu, während sie an ihrem Glas nippte.
>> "Und nun kommen wir zu einer Meldung über einen Flugzeugabsturz, der
sich heute früh an der hawaiianischen Ostküste ereignete. Ein Privatjet der
südkalifornischen Immobilienfirma "Liberty Corporation" stürzte aus bisher
ungeklärter Ursache über dem Waldgebiet ab. Wie uns erst jetzt bekannt wurde,
waren zwei Personen an Bord der Maschine, der Pilot, Joe Hanson und der
Jungunternehmer, Ben Evans. Ersten Meldungen zufolge kamen beide bei dem Absturz
ums Leben ..." <<
Das Glas entglitt Saras Hand und zerschmetterte auf dem Fußboden. Sie bemerkte
es nicht einmal, sondern starrte nur verstört auf den Bildschirm, wo gerade ein
Bild von Ben eingeblendet wurde.
"Nein!" stieß sie hervor und wich einen Schritt zurück. Sara dachte an Meg, wie geschockt und verzweifelt sie jetzt sein musste, und an Derek, der kaum, daß er seinen Bruder wiedergefunden hatte, ihn nun auf so tragische Weise wieder verlieren musste. Sie fühlte einen unerträglichen Schmerz in ihrem Inneren, und in diesem Moment fasste sie einen Entschluß ...
Also Caroline nach Hause kam, fand sie Sara in einem total konfusen Zustand vor. Im Wohnzimmer sah es wie ein Schlachtfeld aus, weil Sara sämtliche Kleidung in der Gegend verstreut hatte und gerade dabei war, alles in ihren Koffer zu packen.
Kopfschüttelnd schloß Caroline die Tür und sah sich um.
"Was machst Du da?" fragte sie irritiert. Sara hatte den Kopf gesenkt und schien angestrengt nach etwas zu suchen.
"Sara!" sagte Caroline lauter und wartete auf eine Reaktion. Sara zuckte leicht zusammen und schaute hoch. Caroline erkannte, daß ihre Wimperntusche verschmiert war. "Du siehst einfach schrecklich aus," entfuhr es ihr. Sara sah sie gequält an und wischte sich mit ihrer zittrigen Hand über die Augen.
"Ich habe vorhin fern gesehen ... besser gesagt ... die aktuellen Nachrichten," stieß sie hervor, als ob dies ihren desolaten Zustand erklären würde. Caroline runzelte die Stirn.
"Die Nachrichten?" fragte sie überrascht." Sara schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter. "Sie brachten vorhin in den Nachrichten die Meldung, daß ein Privatjet der Firma, für die Ben ... Dereks Bruder, arbeitet, abgestürzt sei ..." Sara machte eine Pause und starrte auf den Fußboden. Caroline sah sie bestürzt an.
"Das ist ja schrecklich!" entfuhr es ihr. "Wurde jemand verletzt?" Als sie in Saras weitaufgerissene Augen sah, ahnte sie die Wahrheit schon und biß sich auf die Lippen.
"Der Pilot und ..." Sara schluckte, bevor sie den Satz vervollständigte," ... und Ben kamen dabei ums Leben!"
Caroline sah sie entsetzt an.
"Bist Du sicher ... ich meine ... haben sie die Leichen schon gefunden?"
Sara sah sie mit leerem Blick an.
"Sie sagten in den Nachrichten, daß keiner der beiden den Absturz überlebt hätte ..."
Caroline hielt den Atem an. Es gab nichts, womit sie ihre Freundin jetzt trösten konnte.
"Sara, ... das ist ... ist einfach schrecklich!" stieß sie hervor. Mitfühlend nahm sie ihre Freundin in den Arm. Sara lehnte ihren Kopf an Carolines Schulter und ließ ihren Tränen freien Lauf.
"Ich muß nach Hause," schluchzte sie. "Meg und ... Derek brauchen mich jetzt!"
Caroline nickte verständnisvoll.
"Ich hoffe, Du weißt," sagte sie eindringlich," daß Du jederzeit wieder zu mir kommen kannst, wenn Du Hilfe brauchst!"
Sara nickte unter Tränen.
"Ja, ... danke, Caroline!" Berührt durch soviel Anteilnahme, erwiderte sie die Umarmung.
"Komm', ich helfe Dir packen!" sagte Caroline und hob einige Kleidungsstücke auf, die sie dann in den Koffer legte. Keine 20 Minuten später waren Saras Sachen im Koffer verstaut.
"Wann geht Dein Flugzeug?" fragte Caroline. Sara sah auf die Uhr.
"In einer Stunde und 10 Minuten! Nachdem ich die Meldung im Fernsehen gehört hatte, rief ich gleich beim Flughafen an und ließ mir einen Platz in der 18 Uhr-Maschine reservieren."
Caroline sah sie nachdenklich an.
"Soll ich Dich vielleicht fahren?" bot sie sich an. "Dann brauchst Du Dir kein Taxi zu nehmen, und in 30 Minuten sind wir da."
Sara nickte. Caroline nahm Saras Koffer, und gemeinsam verließen sie das Appartement.
Auf dem Weg in sein
neues Büro im Sunset Inn mußte Sam Peterson wie gewöhnlich an der Rezeption
vorbei, wo ihm die reizende Blondine vom Empfang jedes Mal vielsagend
zulächelte. Heute jedoch war ihr Gesicht ernst.
„Mister Peterson! Einen Moment bitte...“
Er trat näher.
„Was gibt’s denn, Judy?“
Die Blondine kramte eine Notiz hervor.
„Eine Miss... Cummings hat vor einer halben Stunde für Sie angerufen, Sie
möchten sie bitte so bald wie möglich zurückrufen. Sie klang sehr aufgeregt.“
„Meg?“ murmelte Sam überrascht und überlegte, was sie veranlasst haben könnte,
ihn hier anzurufen. Er nickte Judy dankend zu und wollte schon gehen, als die
junge Frau etwas zögernd meinte:
„Ähm, Sir... Sie sollten vielleicht mal die Nachrichten einschalten. Das wird
Sie bestimmt interessieren...“
Etwas irritiert nickte Sam. Er ging in sein Büro und schloß die Tür. Während er
mit der einen Hand auf die TV- Fernbedienung drückte, nahm er mit der anderen
schon den Telefonhörer und wählte Bens Privatnummer.
Meg meldete sich sofort nach dem ersten Klingelton. Sie mußte wohl neben dem
Telefon gestanden haben.
„Meg, hier ist Sam!“ meldete er sich freundlich, während er durch die
Fernsehprogramme zappte. „Wie geht es Ihnen? Alles okay?“
„Sam...“ Ihre Stimme klang leise und seltsam belegt. „Ich brauche Ihre Hilfe. Es
ist... etwas passiert. Können Sie herkommen?“
Beunruhigt zog Sam die Augenbrauen zusammen.
„Aber natürlich. Geht es Ihnen gut?“
Es dauerte eine ganze Weile, bevor sie antwortete.
„Nein..“
In diesem Moment hörte Sam die Nachricht im Fernsehen. Er sah ein Bild der
Absturzstelle, und wie die sterblichen Überreste eines Flugzeuginsassen
abtransportiert wurden. Wie aus weiter Ferne hörte er den Reporter sagen, alle
zur Zeit des Absturzes an Bord des Flugzeuges der Liberty Corporation
befindlichen Personen seien mit hoher Wahrscheinlichkeit tot.
Sam schloß die Augen. Er sah das Gesicht seines besten Freundes deutlich vor
sich und der Schmerz schnürte ihm die Kehle zu.
Plötzlich wurde er sich dessen bewußt, dass er noch immer den Telefonhörer in
seiner Hand hielt.
„Meg? Meg, sind Sie noch da?“
„Ja, Sam...“ klang ihre leise Stimme an sein Ohr. Er umkrampfte den Hörer, dass
die Knöchel seiner Hand weiß hervortraten.
„Ich bin in fünf Minuten bei Ihnen!“
Meg öffnete die Tür.
Sam erschrak, als er sah, wie blass sie war. Wortlos nahm er sie in den Arm.
„Meg... es tut mir so leid!“
Ruckartig befreite sie sich aus seinen Armen und sah ihn mit großen Augen an.
„Nein!“ Sie schüttelte entschieden den Kopf. „Ich habe Sie nicht angerufen,
damit Sie mir sagen, dass es Ihnen leid tut! Sie sind Bens bester Freund, und
ich möchte Sie bitten, mir bei der Suche nach ihm zu helfen!“
Sam starrte sie überrascht an.
„Das klingt ja, als ob Sie glauben...“
„Allerdings!“ unterbrach sie ihn. „Solange ich nicht mit eigenen Augen gesehen
habe, dass Ben dort ums Leben gekommen ist, glaube ich kein Wort von dem, was
die Reporter sagen.“ Sie holte tief Luft und blickte ihn eindringlich an. „Ich
möchte Sie bitten, mit mir nach Hawaii zu fliegen.“
„Meg... das ist...“ Ein Blick in ihre Augen ließ ihn verstummen. Es war ihr
verdammt ernst, sie würde auch allein fliegen, dessen war er sich sicher. Sie
weigerte sich, die Wahrheit zu akzeptieren, obwohl... aus den Meldungen war noch
nicht klar hervorgegangen, ob man Ben gefunden hatte. „Aller Wahrscheinlichkeit
nach“ hieß es, hätte niemand überlebt... Sam glaubte nicht an Wunder, aber er
hatte in seinem Leben schon vieles erlebt, was fast daran grenzte. Außerdem
stand er hier einer jungen Frau gegenüber, die zu allem entschlossen schien. Sie
war das Liebste, was sein Freund besaß oder besessen hatte, und er durfte sie
jetzt nicht im Stich lassen, das war er Ben einfach schuldig. Ein Lächeln zog
über sein Gesicht.
„... das ist... eine gute Idee!“
Er sah, wie Meg erleichtert aufatmete.
„Okay“ meinte er und straffte die Schultern. „Dann packen Sie mal ein paar
Sachen zusammen, und ich kümmere mich um mein Gepäck und reserviere uns Plätze
im nächsten Flieger. In spätestens einer Stunde bin ich wieder hier.“
Meg trat einen Schritt auf ihn zu und küßte ihn auf die Wange.
„Danke Sam, vielen Dank!“
Sam hatte in aller
Eile seinen Koffer gepackt und war schon wieder auf dem Weg zu Meg, als ihm
etwas einfiel. Kurz entschlossen stoppte er den Van vor Bettes Haus.
Sie war sichtlich erfreut über seinen Besuch, aber Sam sah sofort, dass sie
geweint hatte.
„Waren Sie schon bei Meg?“ fragte sie, während sie neben ihm auf dem Sofa Platz
nahm.
Er erzählte ihr von Megs Vorhaben, und dass er sie zum Unglücksort begleiten
würde, um
nach Ben zu suchen, oder vielmehr danach, was vielleicht von ihm übrig war.
„Das bringt sie um!“ jammerte Bette. „Warum tut sie sich das an!“
„Vielleicht eine Möglichkeit, damit fertig zu werden.“ meinte Sam. „Meg scheint
mir unnatürlich ruhig, ich glaube, sie akzeptiert Bens Tod nur, wenn sie direkt
damit konfrontiert wird, oder sie bricht irgendwann zusammen.“
„Ich glaube, Sie haben recht.“ nickte Bette. „Ich habe sie vorhin vom Büro nach
Hause begleitet. Es war irgendwie seltsam. Sie hat nicht geweint.“
„Wenn sie das getan hätte, würde sie zugeben, dass die Möglichkeit bestünde,
dass Ben ums Leben gekommen ist. Aber sie weigert sich beharrlich, das überhaupt
in Betracht zu ziehen.
Nein...“ Sam schüttelte entschieden den Kopf, „wir fliegen dorthin und dann
sehen wir weiter.“
Bette sah ihn bewundernd an.
„Sie sind ein guter Psychologe, Sam!“
Er lächelte und stand auf.
„In meiner Branche lernt man vieles ...“
Bette folgte ihm zur Tür.
„Bei Gelegenheit müssen Sie mir mehr davon erzählen.“ meinte sie bedeutungsvoll.
„Vielleicht bei einem Glas Wein und einem Abend zu zweit...“
Sam sah ihr tief in die Augen.
„Das Angebot schlage ich ganz bestimmt nicht aus! Und bis dahin...“ Er nahm sie
einfach in den Arm und küßte sie. Bette war vollkommen überrascht, doch sie
faßte sich schnell und schlang ihre Arme um seinen Hals, während sie seinen Kuß
leidenschaftlich erwiderte.
„Wow“ brachte sie schließlich hervor, als sie sich trennten, „Du hast vielleicht
ein Feuer, mein Lieber!“
Sam lachte und legte seinen Finger unter ihr Kinn.
„Warst Du wirklich siebenmal verheiratet?“
Bette nickte nur. Sie hatte von dem Kuß immer noch weiche Knie.
Sam zwinkerte ihr zu.
„Dann warte bitte mit dem achten Mal, bis ich wieder da bin!“
Meg hatte in
fieberhafter Eile einige Sachen auf die Couch gestapelt und war dabei, sie in
den bereitstehenden Koffer zu packen, als jemand wie wild an der Eingangstür
klingelte.
In dem Glauben, Sam sei schon zurück, eilte sie hin und öffnete.
Überraschenderweise stürmte Derek herein.
„Meg, ich hab die Nachricht im Deep gehört, von dem Flugzeugabsturz, und ich bin
sofort hierher, um nach Dir zu sehen...“ Er unterbrach sich, als er den fast
fertig gepackten Koffer im Wohnzimmer sah. Verständnislos starrte er zuerst auf
die umherliegenden Sachen, dann auf Meg. „Was soll das? Was tust Du da?“
„Ich fliege mit Sam nach Hawaii!“ antwortete sie seltsam ruhig.
„Was? Und was soll das bringen?“ fragte Derek fast ungehalten. Dann aber besann
er sich. Er ging auf Meg zu und legte ihr die Hände auf die Schultern. „Tu das
nicht, Du quälst Dich doch nur selbst!“
Als sie nicht antwortete, meinte er: „Dann laß mich wenigstens mit Sam nach
Hawaii fliegen, bleib Du hier und warte, ob Sara sich meldet!“
Meg schüttelte entschieden den Kopf.
„Nein Derek, wenn Sara anruft oder heimkommt, dann solltest DU da sein, niemand
anders sonst. Ich bin sicher, sie wird sich melden. Dann mach es bitte diesmal
richtig und sag ihr, dass Du sie und das Baby liebst. Ihr gehört zusammen...“
Derek schluckte. Bei allem Schmerz, den Meg spüren mußte, dachte sie immer noch
daran, was für ihre Schwester das Beste war. Er konnte gar nicht anders, er nahm
sie einfach in den Arm. Meg legte ihren Kopf an seine Schulter und ließ es
geschehen. Sie standen beide lange nur so da und hielten einander fest. Was noch
vor ein paar Wochen unvorstellbar schien, war jetzt selbstverständlich, sie
fühlten sich beide einander verbunden und unendlich nah.
„Ich verspreche Dir, ich ruf Dich sofort an, wenn es etwas neues gibt.“ sagte
Meg, als Derek Bens Haus verließ.
Er nickte.
„Und ich rufe an, wenn ich etwas von Sara höre. Viel Glück, Meg.“
Er legte Sam, der gerade hereinkam, die Hand auf die Schulter. „Geben Sie bitte
gut auf sie acht.“
Sam nickte.
„Darauf können Sie sich verlassen.“
"Wir möchten Sie nun bitten, sich wieder anzuschnallen. In wenigen Minuten werden wir auf dem Sunset Beach Airport landen."
Saras Gedankengang wurde durch die Ansage des Piloten unterbrochen. Sie hatte über ihren Abschied von Caroline nachgedacht. Die beiden Freundinnen hatten sich am Flughafen tränenreich verabschiedet und sich gegenseitig versprochen, dem anderen zu schreiben. Sara überkam ein Gefühl der Hilflosigkeit als sie daran dachte, daß sie Derek und Meg gleich gegenüberstehen würde. Was sollte sie ihnen sagen?
Der Flieger rollte aus, und alle Passagiere gingen von Bord.
Nachdem Sara ihren Koffer vom Schalter abgeholt hatte, ging sie zielstrebig zum Taxi-Stand und stieg in einen Wagen ein. Sie nannte ihre Adresse, und der Fahrer fuhr los. Während sie über die Küstenstrasse fuhren, sah man am Horizont, wie sich die Sonne langsam zu verfärben begann.
Sara bat den Fahrer, an der Strandpromenade zu halten. Sie wollte noch ein wenig zu Fuß am Strand entlanglaufen, bevor sie nach Hause ging. Sie bezahlte den Fahrer und stieg aus.
Ihr Blick wanderte zum Meer hinüber, wo sich die letzten Sonnenstrahlen im Wasser spiegelten. Sara atmete die frische, kühle Seeluft ein und schaute gedankenverloren zum Horizont, wo die Sonne ein rot-goldenes Band hinterlassen hatte. Aus einem Impuls heraus breitete Sara die Arme aus, als ob sie die Sonnenstrahlen damit einfangen könnte. Sie fühlte in diesem Augenblick einfach nur pures Glück, obwohl die Umstände ihrer Rückkehr alles andere als glücklich waren. Sara riß nur widerwillig ihren Blick von diesem Naturschauspiel los und zwang sich, weiter Richtung Haus zu gehen. Es war schon spät, und sie konnte es kaum erwarten, Derek wiederzusehen!
Sara ging weiter den Strand entlang und beschleunigte ihre Schritte noch ein wenig, als das Haus in Sichtweite kam. Doch noch etwas anderes erweckte ihr Interesse, als sie sich dem Haus näherte. Im Schein der untergehenden Sonne erkannte sie eine vertraute Gestalt.
Sara blieb stehen und legte eine Hand auf ihr pochendes Herz.
"Derek ..." flüsterte sie kaum hörbar. Er kniete im Sand und schaute in den blutroten Himmel. Sein Anblick berührte sie. Obwohl er sie weder hätte hören noch sehen können, blickte er plötzlich auf und schaute genau in ihre Richtung.
Er stand langsam auf und ging auf sie zu.
"Sara?!" stieß er fassungslos hervor. Ungläubig starrte er sie weiter an, als wäre sie nur ein Phantom seiner Phantasie.
Sara ging ebenfalls langsam auf ihn zu. Einen Moment standen sie sich nur schweigend gegenüber, bevor er seine Arme um sie schlang und fest an sich drückte.
"Du bist es wirklich!" stieß er hervor, während er sie sanft in seinen Armen hielt. Sara kuschelte sich an seine Brust.
"Ja," sagte sie mit erstickter Stimme, weil ihr plötzlich wieder Tränen in die Augen stiegen," ich bin es wirklich, und ich werde Dich niemals wieder verlassen ... niemals wieder!"
Die Sonne war längst untergegangen, und Finsternis breitete sich über dem Strand aus, als Derek und Sara immer noch engumschlungen an einer Stelle standen.
Plötzlich schob Derek sie etwas von sich weg und sah sie prüfend an.
"Geht es Dir gut?" fragte er besorgt und strich ihr vorsichtig über die Wange. Sie lächelte.
"Ja, es geht mir ..." sie verbesserte sich schnell," ... uns gut." Mit einer beschützenden Geste legte sie eine Hand auf ihren Bauch. Derek seufzte erleichtert. Die ganze Zeit hatte ihn der Gedanke gequält, daß Sara das Baby vielleicht doch noch abtreiben lassen würde. Er zog sie wieder in seine Arme.
"Ich hätte es nicht ertragen," sagte er leise," wenn Dir oder dem Baby etwas geschehen wäre." Sara schloß die Augen. Ein warmes Glücksgefühl durchströmte sie.
Derek hob ihr Kinn vorsichtig, damit er sich ansehen konnte.
"Ich liebe Dich!" flüsterte er zärtlich und küsste sie sanft auf ihre Lippen. Sie stöhnte leise und gab sich ganz diesem leidenschaftlichen Gefühl hin, daß plötzlich von ihr Besitz ergriff. Erst in diesem Augenblick spürte sie, wie sehr sie ihn doch vermisst hatte.
"Wir sollten hineingehen," murmelte Derek, während er Sara weiter küsste. Sie nickte nur, und er hob sie hoch und trug sie ins Haus hinein. Vorsichtig setzte er sie auf dem Sofa ab und ging noch einmal nach draußen, um den Koffer zu holen. Diese eine Minute reichte für Sara, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Sie dachte an Ben und Meg, und mit einem Mal traten ihre eigenen Gefühle in den Hintergrund.
Als Derek das Wohnzimmer betrat bemerkte er sofort, daß Saras Stimmung gewechselt hatte. Er setzte sich neben sie aufs Sofa und griff nach ihrer Hand.
"Du weißt es schon, vermute ich mal?" Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, und als Sara nickte, bekam sein Gesicht einen traurigen Ausdruck.
"Wie hat es Meg aufgenommen?" fragte Sara leise. Derek schüttelte den Kopf.
"Sie verdrängt es," sagte er kurz. "Sie glaubt, daß Ben noch lebt."
Sara sah ihn überrascht an.
"Besteht denn da noch Hoffnung, ich meine ... in den Nachrichten sagten sie doch, daß die Insassen tot wären." Derek drückte ihre Hand.
"Ich weiß nicht ..." sagte er geistesabwesend. Sara legte ihre Hand auf seine Schulter.
"Und wie geht es Dir?" fragte sie und sah ihn prüfend an. Dereks Miene wirkte verschlossen, doch sie spürte, daß er mehr unter diesem Verlust litt, als er selber wahrhaben wollte.
"Es - es kommt mir alles so unwirklich vor," stieß er hervor. "Erst vor wenigen Tagen haben wir noch zusammen zu Abend gegessen und über die Zukunft geredet ..." Dereks Stimme brach, und Sara erkannte, daß er Tränen in seinen Augen hatte. Wortlos nahm sie ihn in den Arm. In diesem Moment verspürten sie beide eine tiefe Verbundenheit. Derek löste sich vorsichtig aus Saras Armen.
"Es gibt noch etwas, was Du vielleicht wissen solltest ..." begann er langsam. Fragend sah sie ihn an. "Meg ist mit Sam nach Hawaii geflogen," fuhr er fort. "Sie wollen die Absturzstelle aufsuchen und die Wälder nach Ben durchforsten." Er machte eine kurze Pause und sah Sara an. "Meg ist fest davon überzeugt, daß er noch lebt," sagte er.
Sara nickte.
"Ich kann sie verstehen," sagte sie nachdenklich. "Wäre ich an ihrer Stelle ... ich würde bis ans Ende der Welt gehen, um nach Dir zu suchen."
Derek sah sie liebevoll an.
"Das wird hoffentlich niemals nötig sein," sagte er lächelnd, doch gleich darauf wurde er wieder ernst.
"Sara, da ist noch etwas, was Deine Schwester und Ben betrifft," sagte Derek zögernd. Sara runzelte die Stirn.
"Erzähle es mir bitte nur, wenn es eine gute Nachricht ist," bat sie. "Ich hatte schon genügend schlechte Nachrichten für einen Tag!"
Derek sah sie nachdenklich an.
"Na ja," sagte er langsam," wie man es nimmt." Er machte eine lange Pause, in der Sara immer nervöser wurde.
"Nun sag' schon, um was es geht!" bettelte sie. Derek sah Sara fest in die Augen.
"Ben hat Meg einen Heiratsantrag gemacht," sagte Derek betont ruhig. "Und sie hat ihn angenommen." Er atmete tief durch. "Mein Bruder und Deine Schwester sind verlobt!"
Sam sah auf die Uhr.
Noch eine gute Stunde, dann würden sie auf dem Kona International Airport an der
Westküste Hawaiis landen. Er warf einen Blick auf Meg, die fast die ganze Zeit
über still neben ihm gesessen hatte. Sie hielt die Augen geschlossen und er
vermutete, dass sie eingeschlafen war. Als hätte sie seinen Blick gespürt,
drehte sie jedoch in genau diesem Moment den Kopf.
„Sam? Waren Sie schon einmal auf Hawaii?“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein, aber ich hab einen guten alten Freund auf Big Island, der uns bestimmt
weiterhelfen wird.“
„Big Island?“ fragte sie irritiert.
„So nennen die Einheimischen Hawaii, die große Insel, damit man sie nicht mit
der gesamten Inselgruppe verwechselt, die den gleichen Namen trägt.“
Meg lächelte traurig.
„Ben hat gesagt, auf seiner nächsten Geschäftsreise hierher würde er mich sicher
mitnehmen. Er meinte, Hawaii würde mir bestimmt gefallen.“
Sam schluckte und wußte nicht recht, was er antworten sollte. Er machte sich
Sorgen um Meg, sie war unwahrscheinlich tapfer, aber wie lange würde sie das
durchhalten? Sie wirkte so zart und zerbrechlich...
„Wissen Sie eigentlich, dass man Hawaii auch die „Orchideeninsel“ nennt?“ fragte
er schnell, um vom Thema abzulenken. „Vielleicht haben wir Glück und werden nach
altem Brauch am Flughafen mit einer Blütenkette überrascht, wenn man uns
abholt.“
„Wer soll uns denn abholen?“ wunderte sich Meg. Sam lächelte geheimnisvoll.
„Ich sagte doch, ich habe einen Freund auf der Insel.“
„Und wer ist das?“
„Robin Masters.“
Meg richtete sich staunend in ihrem Sitz auf.
„Was? Sie kennen ihn?“
Er nickte.
„Ich hab mal in Europa im Security- Bereich für ihn gearbeitet, und wir haben
uns recht gut kennengelernt. Wenn ich gewußt hätte, dass er es war, mit dem Ben
eine Verabredung hatte, dann wäre ich vielleicht mitgeflogen.“ meinte er, ohne
über seine Worte weiter nachzudenken. Das tat Meg für ihn, indem sie leise
sagte:
„Zum Glück haben Sie das nicht getan, sonst würde ich jetzt vielleicht nicht nur
nach Ben suchen.“
Sam legte seine Hand auf ihren Arm.
„Meg, es ist sehr mutig von Ihnen, dass Sie diese Reise auf sich nehmen, aber
Sie sollten sich nicht zuviel Hoffnung machen.“
Sie sah ihn mit ihren großen Augen an.
„Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass Ben noch am Leben ist. Aber vor allem
will ich Gewissheit... ich will mich nicht mein ganzes Leben fragen, was
vielleicht passiert sein könnte, ich will es genau wissen! Hier – und jetzt!“
Die Stimmung war auf dem Nullpunkt. Gabi, Marc, Caitlin, Michael, Vanessa und Alex Mitchum saßen im Surfcenter. Keiner von ihnen hatte gesprochen, alle blickten mehr starr vor sich hin. Marc und Vanessa hatten Tränen in den Augen, denen Gabi freien Lauf ließ. Schließlich brach Vanessa das Schweigen.
"Meint Ihr, wir sollten es Casey sagen."
Michael nickte.
"Ich habe Rae bereits angerufen. Sie will es ihm möglichst schonend beibringen. Immer noch besser, als wenn er es sonst woher erfährt."
"Was ist in letzter Zeit nur los", schluchzte Gabi. "Eine Katastrophe jagt die nächste. Erst Casey und jetzt Ben."
Marc stand auf.
"Ich muß ins "Deep", meinte er geistesabwesend. "Derek kann da heute Abend unmöglich arbeiten."
"Genauso wenig wie Du", erwiderte Caitlin entschlossen. "Ben war einer Deiner besten Freunde." "Ja, aber..."
"Ich mache das schon. Du ruhst Dich aus."
Marc blickte sie dankend an, und Caitlin brach auf.
"Wir hätten Meg nicht fliegen lassen sollen", überlegte Gabi. "Jemand von uns hätte sie aufhalten sollen."
"Sie klammert sich an jeden Strohhalm."
"Aber es wird um so schlimmer, wenn sie begreift, das dieser Strohhalm vergebens war, Marc." "Meinst Du, er ist vergebens?"
Gabi überlegte einen Moment, dann antwortete sie:
"Ich wünsche mir jedenfalls, er ist es nicht."
Als Cole Annies Haus betrat, erkannte er sofort, daß sie geweint hatte.
"Du hast es im Radio gehört?", fragte er sofort. Doch Annie schüttelte den Kopf.
"Tante Bette war hier und hat es mir gesagt."
Cole fiel auf, daß sie sich nur mit Mühe beherrschen konnte.
"Annie, hör mal... Es tut mir sehr leid. Ich weiß, daß Du Ben sehr gemocht hast."
"Er war mein bester Freund", erwiderte sie gedankenverloren. "Das heißt, am Ende eigentlich nicht mehr." Ihr fiel ihre gemeinsame Intrige mit Derek wieder ein, nach der Ben sie mehr oder weniger geschnitten hatte. "Er hat mich gehaßt, als er gestorben ist."
"Nein, nein. er hat Dich bestimmt nicht gehaßt."
Doch Annie beachtete seinen Einwand gar nicht.
"Daddy hat mich auch gehaßt, als er gestorben ist", antwortete sie. "Hab ich Dir eigentlich schon gesagt, wie es passiert ist?"
"Nein", meinte Cole vorsichtig.
"Ich war Schuld. Ich habe ihn umgebracht."
Cole blickte sie etwas ungläubig an.
"Mit dieser Schlampe Olivia habe ich ihn im Bett erwischt", zischte sie. "Ich habe ihm deutlich gesagt, was ich davon halte. Ich habe ihn angebrüllt, er hat mich angebrüllt." Plötzlich schluckte sie. "Ich konnte doch nicht ahnen, daß er plötzlich diesen Herzanfall kriegt."
"Nein, natürlich konntest Du das nicht. Es war nicht Deine Schuld."
Doch ihre Gedanken waren schon wieder von ihrem Vater abgedriftet.
"Warum ausgerechnet Ben", schluchzte sie. "Das ist nicht fair. Nicht Ben. Nicht Ben." Und dann konnte sie es nicht mehr halten und brach erneut in Tränen aus.
"Das sind ..." Sara suchte krampfhaft nach den richtigen Worten," ... phantastische Neuigkeiten!" sagte sie dann schließlich mit zitternder Stimme. Sie schlug die Hände vors Gesicht und begann hemmungslos zu weinen. Ihre Reaktion verwirrte Derek, und aus einem Gefühl der Hilflosigkeit heraus, nahm er sie einfach nur wortlos in den Arm. Als Sara sich wieder einigermaßen gefangen hatte, sah sie Derek verschämt an.
"Es tut mir leid," sagte sie und schüttelte über sich selber den Kopf. "Ich weiß nicht, warum ich im Moment so nahe am Wasser gebaut bin!" Derek sah sie schmunzelnd an.
"Ich weiß, warum," sagte er lächelnd und legte seine Hand vorsichtig auf ihren Bauch. Sara verspürte auf einmal wieder dieses Glücksgefühl, daß sie auch schon beim Anblick der untergehenden Sonne empfunden hatte: Ein Gefühl der Wärme und Geborgenheit! Noch nie hatte Derek sich so eindeutig zu diesem Kind bekannt wie jetzt gerade in diesem Augenblick.
Sara ergriff seine Hand, die immer noch auf ihrem Bauch ruhte, und für einen Moment vergaßen sie alles um sich herum und sahen sich nur an. Beide zuckten leicht zusammen, als das Telefon schellte. Eine Sekunde lang starrten beide nur auf das Telefon, dann sprang Derek auf und nahm den Hörer ab ...
Derek hielt einen Moment den Atem an, als er hörte, wer dort am anderen Ende der Leitung war. "Joan ... Hallo!" sagte er dann gedehnt. Sara legte erschrocken die Hand auf den Mund. Derek sah sie hilfesuchend an, und sie schüttelte langsam den Kopf. Er verstand, daß sie unbedingt vermeiden wollte, daß ihre Eltern von der Katastrophe erfuhren, doch seine Rücksichtnahme war unnötig.
"Wir haben gerade von dem schrecklichen Unglück gehört ..." begann Joan, und Derek konnte an ihrer Stimme erkennen, wieviel Überwindung es sie kostete, nicht in Tränen auszubrechen.
"Ja, es ist eine ... Tragödie!" war alles, was ihm dazu einfiel.
"Wie hat Meg es aufgenommen?" Vor dieser Frage hatte Derek sich gefürchtet, und er warf wieder einen verzweifelten Blick zu Sara hinüber. Sie erwiderte seinen Blick und zuckte mit den Schultern.
"Meg ist," begann Derek langsam, "nach Hawaii geflogen. Sie glaubt, daß Ben noch lebt und will dort nach ihm suchen."
Joan schien entsetzt zu sein.
"Sie ist alleine nach Hawaii geflogen?" fragte sie geschockt.
"Nein, nein," beruhigte Derek sie. "Ein guter Freund von Ben und mir begleitet sie. Er arbeitet für einen Security- Dienst, und wenn einer Meg beschützen kann, dann ist es Sam," fügte Derek hinzu. Joan schien jedoch nicht beruhigt zu sein.
"Ich mache mir Sorgen um Meg," sagte sie. "Es muß ein Schock für sie gewesen sein, den geliebten Mann so plötzlich zu verlieren."
Derek räusperte sich.
"Es war für uns alle ein Schock!" sagte er leise.
"Ja, entschuldige, Derek. So meinte ich es nicht. Natürlich ist uns klar, daß auch Du unter diesem Verlust leidest." Plötzlich wechselte sie das Thema. "Wie geht es Sara?"
Derek sah schnell in ihre Richtung.
"Es geht ihr ... gut," sagte er, nachdem Sara ihm zugenickt hatte.
"Wo macht Ihr jetzt eigentlich Urlaub?" fragte Derek, um das Thema zu wechseln. Joan schien überrascht zu sein über seine Frage.
"Woher weißt Du, daß wir Urlaub machen?" fragte sie erstaunt. Derek schloß für einen Moment die Augen.
"Sara hat mal versucht, Euch anzurufen, aber es war nur der Anrufbeantworter geschaltet," log er.
"Wollte Sara etwas besonderes?" fragte Joan neugierig. Derek seufzte leise. Diese Frau hatte eine Art einen auszufragen, daß man nicht anderes konnte, als die Wahrheit zu sagen.
"Sara rief an, um Euch zu sagen, daß sie ..." Er kam nicht weiter, denn Sara hatte ihm schnell den Hörer aus der Hand gerissen. Sie warf ihm dabei einen Blick zu, der keinen Widerspruch duldete. "Hi Mom," sagte sie lässig.
"Sara ... Hallo, mein Schatz. Das ist eine Überraschung! Ich dachte, Du wärst nicht da."
Sara warf Derek einen bösen Blick zu.
"Doch, ich bin da, und es geht mir wirklich gut. Ich rief damals nur an, um Euch noch einmal dafür zu danken, daß ihr uns so nett aufgenommen habt." Diese Lüge ging ihr ganz leicht über die Lippen, und sie ignorierte Dereks Blick, der sie fassungslos anstarrte. Joan erzählte Sara, daß sie und Hank nach Paris gefahren wären, um dort einmal richtig auszuspannen und sich verwöhnen zu lassen. Bevor Joan sich dann verabschiedete bat sie Sara noch, ihr Bescheid zu geben, wenn sie etwas neues von Meg über Ben erfahren würde. Sara versprach es und legte auf.
Sie holte tief Luft und sah dann zu Derek hinüber, der nachdenklich aus der anderen Ecke des Zimmers das Gespräch verfolgt hatte.
"Warum hast Du es ihr nicht gesagt?" fragte er verständnislos. Sara verzog das Gesicht.
"Was denn ... daß ihre 19-jährige, unverheiratete Tochter schwanger ist?" stieß Sara bitter hervor. Sie schüttelte den Kopf. "Ich denke, der Schock ist schon groß genug für meine Eltern. Da muß ich jetzt nicht noch einen draufsetzen!" Sara hob den Zeigefinger und ging auf Derek zu. "Und ich möchte Dich bitten, ihnen auch nichts davon zu erzählen," sagte sie drohend. "Das ist alleine meine Angelegenheit! Ist das klar?"
Derek runzelte die Stirn. "Falsch!" sagte er ruhig.
"Es ist auch meine Angelegenheit, denn es ist mein Kind, daß Du unter Deinem Herzen trägst ..." Sara unterbrach ihn barsch.
"Und es sind meine Eltern, und ich will entscheiden, wann ich es ihnen sage!" sagte sie energisch. Derek konnte sich ein Schmunzeln nicht mehr verkneifen. Irritiert sah Sara ihn an.
"Was ist denn so lustig daran?" fragte sie stirnrunzelnd. Er ging ein paar Schritte auf sie zu und zog sie unvermittelt in seine Arme. Der Kuß der dann folgte, ließ ihre Wut schnell verrauchen. "Ich liebe es, wenn Du wütend bist," murmelte Derek zwischen seinen Küssen. Sara biß ihm spielerisch in den Hals.
"Davon kannst Du gerne mehr haben, wenn es Dir so gut gefällt," sagte sie grinsend. Derek hob sie hoch in seine Arme.
"Gerne, aber dafür sollten wir das Terrain wechseln," sagte er und schaute die Treppe hinauf. Sara folgte seinem Blick und lächelte verlegen.
"Worauf wartest Du dann noch?" fragte sie spitzbübisch und kuschelte sich an seine breite Brust, während er sie die Treppe hinauf ins Schlafzimmer trug.
Zum dritten Mal
binnen kürzester Zeit jagte Thomas Magnum mit Robins rotem Ferrari über die
Küstenstrasse in Richtung Kona zum Flughafen. Heute Mittag erst hatte er den
Auftrag erhalten, diesen Geschäftsmann aus Sunset Beach dort abzuholen, aber
seit dessen kleiner Privatjet an der Küste eine tödliche Bruchlandung gemacht
hatte, überstürzten sich die Ereignisse förmlich. Seine beiden Freunde, die
unmittelbar nach dem Unglück an der Absturzstelle gewesen waren, wurden danach
stundenlang von der örtlichen Polizei verhört, so, als seien sie schuldig daran.
Erst Robin Masters Anruf beim Polizeipräsidenten hatte schließlich bewirkt, dass
man die beiden endlich in Ruhe ließ.
Robin selbst war schon wieder auf dem Weg nach Europa. Thomas hatte ihn vor drei
Stunden zum Flugzeug gebracht und ihm versprochen, die beiden Gäste abzuholen,
die mitten in der Nacht aus Sunset Beach eintreffen würden, um sich hier an Ort
und Stelle über die Umstände des Flugzeugabsturzes zu informieren. Masters
bedauerte, nicht persönlich anwesend zu sein, da es sich bei einem der Personen
um einen alten Freund von ihm handelte.
Er hatte Higgins veranlasst, sofort zwei Gästezimmer vorzubereiten und seinem
Freund sowie seiner Begleiterin jede nur mögliche Hilfe anzubieten, die sie
benötigten, um alle Fragen des Unglücks zu klären.
Magnum runzelte die Stirn.
Merkwürdig war die Sache schon. Während der Pilot tot geborgen wurde, fehlte von
dem anderen Mann jede Spur. Man war sich ziemlich sicher, dass er bei dem
Aufprall des Flugzeuges herausgeschleudert worden war, aber wo zum Teufel war
dann seine Leiche? Die Maschine war schließlich an der Küste runtergegangen und
nicht im Wasser... Obwohl, hatte T.C. nicht gesagt, sie sei einmal auf dem
Wasser aufgeschlagen und dann wieder hochgerissen worden? Aber dabei war sie ja
nicht zerschellt... nein, das ergab keinen Sinn!
Während er noch darüber nachgrübelte, tauchten urplötzlich ein paar Gestalten
vor ihm im Scheinwerferlicht auf. Erschrocken stieg er in die Bremsen. Der
Ferrari schleuderte leicht, kam aber kurz vor einem Aufprall mit quietschenden
Reifen zum Stehen.
Erschrockene Augen sahen ihn an, buntbemalte Gesichter, die in der Dunkelheit,
angestrahlt im hellen Scheinwerferlicht grotesk und gespenstisch wirkten.
„Kahuna...“ murmelte Thomas und atmete tief durch. Hawaiianische Medizinmänner,
im vollen Schmuck ihres Stammes. Sie standen wie versteinert und starrten ihn
an. Er stieg aus und ging einen Schritt auf sie zu.
„Mann, habt Ihr mir einen Schrecken eingejagt, Leute. Alles in Ordnung?“ sprach
er die kleine Gruppe versöhnlich an.
Die drei Buschmänner rührten sich immer noch nicht. Während zwei von ihnen
normale Hosen trugen und ihre nackten Oberkörper bunt bemalt und mit allerlei
Schmuck behängt hatten, trug der dritte und älteste von ihnen ein langes
prächtiges Gewand und um den Hals die typischen Utensilien eines erfahrenen
Medizinmannes. In der Hand hielt er einen langen geweihten Stab, der ihn und
seinen Stamm vor Krankheit und Verderben schützen sollte.
Magnum wußte, dass es in der Tiefe der Wälder noch immer Eingeborenengruppen
gab, die fernab jeder Zivilisation und dem Massentourismus zum Trotz immer noch
an ihren Traditionen festhielten und sich kaum in der Öffentlichkeit zeigten.
„Mitten in der Nacht über den Highway springen, das ist aber nicht gesund,
Jungs. Wo wollt Ihr denn so spät noch hin?“
Der Älteste straffte die Brust und wies mit dem Zauberstab in Richtung Wald.
„Mauka!“ sagte er heißer, und es klang wie ein Befehl. Er drehte sich um und
verschwand zwischen den Bäumen. Seine beiden Begleiter warfen Magnum einen
letzten, abschätzenden Blick zu und folgten ihrem Gefährten dann wortlos nach.
Nach weniger als fünf Sekunden waren sie verschwunden.
Thomas schüttelte den Kopf und stieg wieder in den Wagen.
„Mauka – landeinwärts!“ sagte er laut vor sich hin, „was kann so ungeheuer
wichtig sein, dass Ihr Euch mitten in der Nacht noch auf die Strümpfe macht?
Hokuspokus- Medizin...“
Er ließ den Motor aufheulen und dachte nicht weiter darüber nach. Er mußte sich
beeilen, wenn er noch rechtzeitig am Flughafen sein wollte.
Nachdenklich stand Gabi am nächsten Morgen vor Ricardos Haustür und drehte die Krawattennadel zwischen ihren Fingern hin- und her. Nachdem sie das Krankenhaus und Casey am Vortag Hals über Kopf verlassen hatte, ging ihr eine Sache nicht mehr aus dem Kopf:
Hatte Ricardo seine Meinung, Casey zu besuchen geändert, weil er sie zusammen gesehen hatte? Sie musste Gewissheit darüber haben, und falls es so sein sollte, musste sie das Mißverständnis aus der Welt schaffen. Sie liebte Ricardo, wie sie noch keinen anderen Mann vor ihm geliebt hatte und wollte ihn unter keinen Umständen verlieren!
Als die Tür sich endlich öffnete, schaute Gabi in das erstaunte Gesicht von Antonio.
"Hallo," sagte sie leise und senkte ihren Blick. Sie spürte auf einmal wieder, wie ihr Herz schneller schlug. Antonio schaute sie verwirrt an.
"Gabriella ..." stieß er dann hervor. "Was machen Sie denn hier?"
Gabi spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg.
"Das war es also, das Ende ihre Geheimniskrämerei um ihre Beziehung zu Ricardo," dachte sie bitter.
"Ich bin eine ... Bekannte ihres Bruders," stotterte sie. Antonio hob überrascht die Augenbrauen. "Ach ja? Davon haben Sie mir ja gar nichts erzählt." sagte er leicht vorwurfsvoll.
Gabi räusperte sich.
"Es erschien mir nicht wichtig," sagte sie und machte eine wegwerfende Handbewegung.
"Nun gut," Antonio kratzte sich am Kopf," Ricardo ist momentan nicht hier. Kann ich Ihnen vielleicht weiterhelfen?"
Gabi öffnete ihre Faust und schaute auf die Krawattennadel, die in ihrer Handfläche lag. Schnell schloß sie die Hand wieder. Sie wollte Ricardo das Schmuckstück persönlich überreichen.
"Es war nichts wichtiges," log sie.
Antonio sah sie prüfend an.
"Vielleicht möchten Sie solange hier warten, bis Ricardo wiederkommt." Er sah auf die Uhr. "Er müsste eigentlich schon längst wieder hier sein," sagte er nachdenklich.
Gabi schüttelte den Kopf.
"Nein," sagte sie schnell. "Ich komme ein anderes Mal wieder."
"Ich könnte Ihnen in der Zwischenzeit Gesellschaft leisten," bot Antonio sich an. Gabi fuhr sich nervös durch ihre Haare. Sie konnte es zwar nicht genau erklären, aber Antonio hatte etwas an sich, daß sie in seiner Gegenwart nervös machte.
"Ich habe nicht viel Zeit," redete sie sich heraus. "Meine Schicht im Krankenhaus beginnt gleich."
Antonio nickte verständnisvoll.
"Soll ich Ricardo noch etwas von Ihnen ausrichten?" fragte Antonio. Gabi nagte an ihre Unterlippe herum.
"Sagen Sie ihm, daß ich ..." - Was willst Du mir sagen?" hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich. Gabi fuhr herum und schaute in Ricardos fragendes Gesicht.
Mit zwei
Blütenketten, die er am Eingang des Flughafengebäudes schnell noch erworben
hatte, stand Thomas Magnum in der riesigen Halle und ließ seinen Blick suchend
durch die Menge schweifen. Verdammt, warum mußten auch ausgerechnet um diese
späte Stunde gleich zwei Flieger auf einmal ankommen! Wie sollte er die beiden
jetzt so schnell herausfinden?
„Nehmen Sie ein Pappschild und schreiben Sie die Namen drauf. Das halten Sie
dann hoch!“ hatte Higgins ihm altklug geraten.
Magnum mußte wider Willens schmunzeln. Er konnte sich Jonathan Higgins lebhaft
vorstellen, wie er hier in seinen albernen Safarihosen und dem strengen
Schuljungengesicht mit einem Pappschild herumwedelte.
Nein danke, nichts für Thomas Magnum, lieber würde er jeden Einzelnen fragen, ob
er der erwartete Gast von Robin Masters sei! Er schob sein Baseballcap aus der
Stirn und konzentrierte sich auf die herausströmende Menge.
„Oh wie schön!“ Eine dicke Blondine walzte mit erstaunenswerter Geschwindigkeit
auf ihn zu, ihren desinteressiert dreinblickenden kaugummikauenden Gefährten
rücksichtslos an seinem viel zu großen und viel zu bunten Hawaiihemd hinter sich
herziehend. „So...“ sie stellte Thomas einen mindestes zwei Zentner wiegenden
unförmigen Koffer auf die Zehen.
„Sie sind bestimmt der Fahrer, der uns abholen soll!“
Der Schmerz in seinen Zehen fuhr Thomas bis in die hinterste Gehirnwindung.
„Mister Peterson..?“ brachte er zwischen seinen mühsam zusammengebissenen Zähnen
hervor. Die Blondine winkte nur ab.
„Sie brauchen sich nicht erst vorzustellen, wir wissen schon bescheid! Los
geht’s, raus aus diesem Gewühl hier, nehmen Sie den Koffer! Na hopp!“ Bevor
Thomas etwas erwidern konnte, hatte sie sich eine der Blütenketten geschnappt
und auf ihren wogenden Busen trapiert. „Oh wie schön! Aloha!“
„Das darf doch nicht wahr sein!“ dachte Thomas gestresst und holte tief Luft.
„Sind Sie beide... Mister Peterson und Miss Cummings aus Sunset Beach,
Kalifornien?“ fragte er so laut und so deutlich, wie es ihm im Lärm der
Flughafenhalle möglich war.
„Wenn Sie das glücklich macht...“ meinte die Blonde und schnaufte. „Los jetzt,
ich will meinen Urlaub nicht in dieser Halle verbringen!“
An dieser Stelle nahm ihr Begleiter all seinen Mut zusammen und getraute sich,
das Wort zu ergreifen.
„Aber... Liebchen, wir... wir sind doch nicht... Peterson und ... wie hieß sie
nochmal?“
Magnum ließ augenblicklich den Koffer fallen.
„Sind Sie nicht?“ fragte er erleichtert, wischte sich den Schweiß von der Stirn
und raffte der Dame die Blütenkette wieder vom Hals. „Na dann... schönen Tag
noch!“ meinte er und machte, dass er wegkam.
„Idiot!“ keifte die dicke Blondine ihren Begleiter wütend an.
Magnum lief zu einem der Flugschalter und bat die freundliche Dame dort, ob sie
die von ihm erwarteten Personen wohl durchrufen könne.
„Natürlich, Sir.“ lächelte sie ihn an, „einen Augenblick!“
Ein paar Minuten später trafen ein Mann Ende Vierzig und eine bemerkenswert
hübsche dunkelhaarige junge Frau bei ihm ein.
„Mister Peterson? Miss Cummings?” fragte er vorsichtig. Sie nickten beide. „Na
Gott sei dank!“ entfuhr es ihm. Er reichte den beiden freundlich die Hand und
legte jedem von ihnen eine Blütenkette zur Begrüßung um den Hals.
„Mein Name ist Thomas Magnum, ich soll Sie im Namen von Mister Masters hier
abholen.“ Er räusperte sich und lächelte. „Herzlich willkommen auf Big Island!“
"Ich - ich," stotterte Gabi, während sie krampfhaft versuchte, einen anderen Grund für ihr Kommen zu finden. Sie wollte einem Streit mit Ricardo möglichst aus dem Wege gehen, zumal Antonio anwesend war, und vor ihm wollte sie ihre Affäre mit Casey nicht gerade ausbreiten! Gabi schluckte. "Hast Du schon von dem Flugzeugunglück gehört, bei dem Ben ums Leben gekommen sein soll?" fragte sie schließlich und wartete auf seine Reaktion.
Er nickte.
"Ja, ich habe es schon gestern in den Nachrichten gehört und kann es immer noch nicht glauben." sagte er. "Das Leben ist manchmal so ungerecht," sagte er nachdenklich," erst findet man die große Liebe und dann verliert man sie plötzlich auf so tragische Weise wieder ..." Um seine Mundwinkel herum zuckte es. Gabi schaute ihn irritiert an.
"Ich spreche von Meg," fügte Ricardo erklärend hinzu.
"Ja, sicher ..." Gabi flüsterte die Worte nur, und sie fühlte sich plötzlich sehr unwohl in ihrer Haut. Er sah sie mit zusammengepressten Lippen an. Seine ganze Mimik wirkte abweisend, und Gabi zuckte innerlich zusammen, weil sie ahnte, daß sie der Grund für seine schlechte Laune war. "Ricardo, ich ..." Er hob die Hand, um zu signalisieren, daß sie nicht weiterreden sollte.
"Laß' es gut sein ..." sagte er und seine Stimme klang müde. "Wir wissen doch beide, daß es vorbei ist, nicht wahr?"
Gabi fühlte plötzlich einen dicken Kloß in ihrem Hals, der es ihr unmöglich machte, auf seinen Vorwurf hin zu antworten. Antonio mischte sich stattdessen ein.
"Ricardo, würdest Du mir bitte mal erklären, was hier los ist?" fragte er ungehalten. Er sah die Verzweifelung in Gabis Augen, und hörte einen unterdrückten Hass aus den Worten seines Bruders heraus.
"Antonio, bitte, das ist eine Sache, die nur Gabi und mich etwas angeht," sagte Ricardo aufgebracht. Antonio hob entschuldigend die Hände, und ohne noch ein Wort zu sagen, ging er an Gabi und Ricardo vorbei zur Tür hinaus. Gabi sah Ricardo wütend an.
"Musstest Du Deinen Bruder so vor den Kopf stoßen?" fragte sie kopfschüttelnd. "Er wollte sicher nur helfen," verteidigte sie ihn. Ricardo sah sie überrascht an.
"Ihr scheint ja schon richtig gute Freunde geworden zu sein, nachdem was meine Muter mir über Euch erzählt hat ..." Für einen Moment hatte Gabi das Gefühl, als ob ihr Herz aussetzen würde. "Was hatte Madame Carmen zu Ricardo gesagt?" fragte sie sich und sah ihn prüfend an. "Ja," entgegnete sie dann trotzig," Dein Bruder und ich haben uns im Gemeindehaus kennengelernt und ..." sie überlegte, wie sie ihre Beziehung zu Antonio beschreiben sollte," ... waren uns sofort sympathisch."
Ricardo lachte höhnisch.
"Man weiß ja bereits, wo solche Sympathien hinführen können."
Gabi riß entsetzt die Augen auf.
"Du wirst beleidigend, Ricardo!" stieß sie hervor. Sie öffnete ihre Hand. "Hier," sagte sie und drückte ihm die Krawattennadel in die Hand. "Das wollte ich Dir nur vorbeibringen."
Verwirrt schaute Ricardo auf den goldenen Füllfederhalter. Er sah Gabi fragend an.
"Du hast sie im LA General verloren ..." Sie machte eine Pause. "Ich fand sie vor Caseys Krankenzimmertür."
Ricardo schluckte.
"Ich weiß, was Du denkst gesehen zu haben, aber es war nur ein Freundschaftsbesuch," erklärte Gabi ruhig. "Casey ist und war immer nur ein guter Freund und unser One-Night-Stand ein einmaliger Ausrutscher," fügte sie hinzu. Traurig schüttelte sie den Kopf. "Warum rechtfertige ich mich eigentlich vor Dir?" fragte sie ruhig. "Du hast ja gerade selber gesagt, daß es vorbei ist, oder?" Sie sah ihm tief in die Augen und musste sich dabei zwingen, ganz ruhig zu atmen.
Ricardo wich ihrem Blick aus und starrte weiterhin nur auf die Krawattennadel.
"Ist es vorbei?" wiederholte sie ihre Frage. Die plötzliche Ruhe im Raum wirkte bedrückend. Ricardo hob den Kopf und sah sie an.
"Ja," flüsterte er leise. Gabi hatte plötzlich das Gefühl, als ob sich ein Eisenring um ihr Herz legen würde. Sie atmete schwer.
Ohne ein Wort des Abschieds drehte sie sich um und rannte aus dem Haus.
Am nächsten Morgen wurde Sara von den Sonnenstrahlen, die durchs Fenster ins Schlafzimmer schienen, geweckt. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, daß sie schon wieder verschlafen hatte. Schnell setzte sich Sara auf und sprang aus dem Bett. Zu schnell für ihren Kreislauf, der gleich darauf absackte. Sara versuchte noch, gegen die drohende Ohnmacht anzukämpfen, doch ihre Beine gaben unter ihr nach, und sie sank bewußtlos auf den Fußboden.
Als Derek vom Joggen wiederkam wunderte er sich, daß es im Haus immer noch so ruhig war. Er ging nach oben, öffnete die Tür und erstarrte, als er Sara auf dem Fußboden liegen sah. Sofort kniete er sich neben sie und hob vorsichtig ihren Kopf. Die Angst schnürte ihm die Kehle zu. Er rief verzweifelt ihren Namen, doch sie reagierte nicht. Vorsichtig hob Derek sie vom Boden hoch und legte sie aufs Bett. Erst nach einer ganzen Weile erwachte Sara aus ihrer Bewusstlosigkeit. Erleichtert atmete Derek auf.
"Was - was ist denn passiert?" fragte Sara verwundert und versuchte sich aufzusetzen, doch Derek drückte sie sanft zurück in ihr Kissen.
"Bleib' noch einen Moment ruhig liegen," sagte er und strich ihr sanft übers Haar. "Ich bin gerade um 10 Jahre gealtert, als ich Dich da auf dem Fußboden liegen sah," fügte er hinzu und sah sie besorgt an. Sara versuchte zu lächeln.
"Findest Du nicht, daß unser Altersunterschied schon groß genug ist?" fragte sie und verzog das Gesicht zu einem Grinsen. Derek war jedoch nicht zum Scherzen zumute.
"Ist Dir das schon mal passiert?" fragte er und sah sie prüfend an. Sara dachte an ihr Treffen mit Annie zurück.
"Ja," sagte sie leise. Derek sah sie entgeistert an.
"Du bist schon mal ohnmächtig geworden?" fragte er fassungslos. Sara wich seinem Blick aus.
"Na ja," gab sie zu," beinahe, damals im Hotel ..."
Derek schüttelte den Kopf.
"Ich möchte, daß Du noch heute einen Arzt aufsuchst und Dich untersuchen lässt," sagte er bestimmt. Sara setzte sich auf und warf trotzig den Kopf zurück. Ihr mißfiel Dereks Art, sie wie ein unmündiges Kind zu behandeln.
"Du machst Dir einfach zuviel Sorgen," sagte sie leichthin. Derek packte sie am Arm.
"Ja, aber nur, weil Du Dir anscheinend keine machst," sagte er vorwurfsvoll. Sara sah ihn fassungslos an.
"Das ist doch wohl der Gipfel der Unverschämtheit," schnappte sie gleich los. "Als Du noch nicht wußtest, daß das Baby von Dir ist hast Du Dich einen Teufel darum geschert, und nun ..." Sie musste eine Pause einlegen, weil ihr die Luft wegblieb. Sein Blick, der sie dann traf, war eine Mischung aus Scham und Verzweifelung. Sofort bereute Sara ihre harten Worte. Sie berührte leicht seinen Arm.
"Bitte, verzeih mir," bat sie. "Es ist mir so herausgerutscht," sagte sie entschuldigend. Derek sah sie mit einem Blick an, den sie nicht deuten konnte.
"Du hast recht," sagte er nach einem Moment des Schweigens. "Ich hätte Dir einfach mehr vertrauen müssen, dann wäre alles nicht so weit gekommen." Er machte eine Pause und stand auf. "Mir ist erst im Krankenhaus so richtig bewußt geworden, wie sehr ich dieses Baby auch will, als ich erfuhr, daß ..." Er unterbrach den Satz und schaute ins Leere. "daß Du es abtreiben lassen wolltest," beendete er den Satz. Sara sah ihn fassungslos an.
"Oh nein!" stieß sie hervor. "Du hast es gewußt?" fragte sie ungläubig. Derek nickte.
"Es tut mir leid," flüsterte sie. "Ich hätte es niemals tun können. Das mußt Du mir glauben," flehte sie. Derek nahm sie in den Arm.
"Ich weiß doch," sagte er leise und strich ihr beruhigend übers Haar. Sara befreite sich aus seiner Umarmung und sah ihm tief in die Augen.
"Ich werde gleich im Krankenhaus anrufen und mir einen Termin geben lassen," sagte sie entschlossen. Derek lächelte.
"Danke!" sagte er und sah sie liebevoll an. Sara stand auf.
"Dann will ich mich jetzt mal anziehen, damit der Tag beginnen kann," Sie öffnete den Kleiderschrank, holte einige Sachen heraus und verschwand damit im Badezimmer.
Während Magnum mit
den beiden Gästen zu Robin Masters „Nest“, wie dieser sein riesiges Anwesen
selbst liebevoll zu nennen pflegte, zurückfuhr, informierte er sie sogleich mit
den neusten Fakten über den Flugzeugabsturz.
„Meine beiden Freunde waren direkt nach dem Unglück an der Absturzstelle.“
„Ihre Freunde waren dort?“ fragte Meg überrascht. Sie war in die Mitte des
Rücksitzes gerückt und stützte die Unterarme links und rechts auf die vorderen
Sitzlehnen, damit ihr auch wirklich kein Wort von dem entging, was die Männer
vorn redeten.
Thomas nickte.
„Ja, sie haben alles gesehen und sind mit dem Hubschrauber unmittelbar danach
dort gelandet.“
„Mit dem Hubschrauber?“ wunderte sich Sam. „Waren Sie auf einem Rundflug?“
„Mein Freund T.C., mit richtigem Namen Theodore Calvin, besitzt eine kleine
private Chartergesellschaft, die „Island Hoppers“. Wenn Sie irgendwo einen Heli
mit schwarz- rot- orange- goldenen Streifen sehen, das ist seiner.
Unverkennbares Design, verrückt wie er selbst!“ Thomas lachte. „Wir werden ihn
morgen besuchen, wenn Sie möchten, dann kann er Ihnen alles selbst erzählen.“
„Was wissen Sie über die Absturzstelle, Mister Magnum? Was haben Ihre Freunde
erzählt?“ erkundigte sich Meg mit gemischten Gefühlen.
„Ich weiß nur, dass Rick den Piloten noch aus dem Cockpit gezogen hat, leider zu
spät, der Mann war bereits tot. T.C. hat den Rest der Maschine noch durchsucht,
bevor später alles in die Luft geflogen ist, aber da war niemand mehr, Miss.
Übrigens...“ er warf ihr und danach Sam einen kurzen Blick zu, „Sie können mich
Thomas nennen, das klingt nicht so förmlich. Förmlichkeiten sind Behördensache!“
„Wie recht Sie haben, Thomas!“ pflichtete Sam bei und nannte ihm nun seinerseits
seinen und dann Megs Vornamen. „So klingt das gleich viel besser!“ meinte er
aufmunternd.
„Und...“ Meg biß sich auf die Lippen, „entschuldigen Sie bitte, Thomas, wenn ich
Sie mit meinen endlosen Fragen nerve, aber ich kann einfach nicht anders... hat
man nach... Ben gesucht, hinterher, nach dem Absturz?“
„Ja, sämtliche Polizeikräfte, freiwillige Helfer und Feuerwehrleute haben die
ganze Gegend um die Unglücksstelle abgesucht, aber bisher keine Spur von Mister
Evans. Bei Tagesanbruch wollen sie noch mit den Suchhunden raus, soweit ich
weiß.“
„Okay“ nickte Sam, „wir würden dann morgen gerne dabeisein, wenn das möglich
ist.“
„Klar“ meinte Magnum und nahm die nächste Kurve mit atemberaubender
Geschwindigkeit, „das läßt sich einrichten. Das Flugzeugwrack wird ab morgen
ebenfalls gründlich untersucht, um die genaue Ursache des Absturzes
festzustellen. Ich hab gute Verbindungen zur örtlichen Ermittlungsstelle, da
werden wir sicher die neusten Informationen bekommen. So...“ er holte tief Luft
und lenkte den roten Sportwagen in eine riesige Einfahrt, deren schmiedeeisernes
Tor sich automatisch öffnete und hinter ihnen wieder schloß, „da sind wir schon,
in Robin Masters behaglichem Nest!“
Sie fuhren ein Stück durch ein parkähnliches Gelände, links und rechts durch
große Laternen beleuchtet, als sich die Bäume plötzlich lichteten und den Blick
freigaben auf ein herrliches, schlossartiges Gebäude mit einem riesigen
Springbrunnen und saftig grünen Palmen davor.
„Wow“ staunte Sam, „das „Nest“ ist wirklich nicht zu verachten!“
In diesem Moment trat Jonathan Higgins aus dem Haus, um die Gäste zu begrüßen.
Magnum grinste.
„Ach, was sich noch sagen wollte, der nette Mann im Safarilook da vorn ist
Mister Masters Nest- Verwalter, und genauso benimmt er sich auch manchmal, etwas
schrullig. Aber ansonsten kommt man ganz gut mit ihm aus!“
Er brachte den Ferrari mit quietschenden Reifen genau drei Zentimeter vor
Higgins wollbestrumpften Schienenbeinen zum Stehen. Der zuckte nicht einmal,
warf Thomas lediglich einen vernichtenden Blick zu, während er gleich darauf mit
freundlichem Lächeln auf Sam und Meg zueilte.
„Herzlich willkommen in Robin Masters bescheidenem Haus!“ begrüßte er die Gäste
und schüttelte ihnen die Hände. „Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise und
eine... nun ja, stressfreie Fahrt vom Flughafen bis hierher!“ bemerkte er mit
einem Seitenblick auf Magnum, der grinsend am Ferrari lehnte.
„Oh ja, vielen Dank!“ antwortete Meg und Sam fügte lächelnd hinzu: „Thomas ist
ein überaus guter Fahrer!“
Higgins lächelte säuerlich.
„Nun gut, immerhin sind Sie ja wohlbehalten angekommen.“ Er gab den an der
Eingangstür stehenden Hausbediensteten ein Zeichen, worauf diese dienstbeflissen
das Gepäck aus dem Kofferraum holten und ins Haus brachten.
„Bitte, treten sie ein!“ forderte er die Gäste höflich auf. „Ich habe mir
erlaubt, einen kleinen Imbiss vorzubereiten. Sicher sind Sie nach der langen
Reise sehr hungrig!“
„Dankeschön“ lächelte Meg, obwohl ihr Magen seit jener schrecklichen
Hiobsbotschaft jegliches Hungergefühl abgestellt zu haben schien. „Wirklich sehr
freundlich.“
„Oh ja, sehr nett, Higgi!“ stimmte Thomas zu und wollte sich ihnen unbemerkt
anschließen.
Doch daraus wurde nichts.
„Sie...“ Higgins vertrat ihm den Weg und schaute furchtlos zu dem einen guten
Kopf größeren Magnum auf. „Sie sorgen dafür, dass der Wagen gewaschen und in die
Garage gebracht wird.“
Belustigt beobachteten Meg und Sam die Szene.
Magnum schob sein Baseballcape wieder aus der Stirn und blickte seinerseits auf
Higgins herunter.
„Im Ernst?“
Der nickte unerbittlich.
„Sofort!“
Magnum zuckte bedauernd die Schultern.
„Na gut...“
.."Oh Bette, es ist so furchtbar", meinte Olivia Richards.
"Ich weiß Livvy", versuchte Bette ihre Freundin zu beruhigen. "Es ist ein bißchen viel für Dich in der letzten Zeit."
"Der arme Ben", seufzte Olivia. "Aber weißt Du was das schlimmste ist, Bette? Ich bin sogar ein bißchen erleichtert, daß es nicht, nicht..."
"Das es nicht Greggy ist?" Olivia nickte. "Ich schäme mich dafür."
Doch Bette schüttelte den Kopf.
"Das brauchst Du nicht. Ich denke, das ist nur menschlich. So, aber jetzt laß uns über ein fröhlicheres Thema reden. Bei den ganzen deprimierenden Nachrichten in letzter Zeit, muß es doch auch mal eine gute Neuigkeit geben. Wann kannst Du das Krankenhaus verlassen?"
"Morgen bekomme ich meine Verbände ab" erklärte Olivia. Und wahrscheinlich kann ich nächste Woche nach Hause."
"Das ist fein", meinte Bette. Plötzlich hielt Olivia ihre Freundin am Arm fest.
"Bette..., Bette, weißt Du, wie es..., wie es Casey Mitchum geht?"
"Nichts neues", meinte Bette. "Nur, das, was Du auch schon weißt. Es geht halt alles sehr langsam voran."
Olivia nickte betroffen.
"Aber Livvy", erwiderte Bette tröstend, "zerbrich Dir darüber nicht auch noch Deinen Kopf. Es ist nicht Deine Schuld." Doch als sie sah, wie Olivia ihrem Blick auswich, kam Bette plötzlich ein Gedanke. "Oder etwa doch?", forschte sie.
Gabi rannte so schnell sie konnte, während ihr die Tränen übers Gesicht strömten. Blind vor Tränen bemerkte sie nicht das Stück Treibgut, welches am Strand herumlag und stolperte darüber. Sie fiel hin und blieb einen Moment benommen liegen. Als sie sich danach aufzusetzen versuchte bemerkte sie einen heftigen Schmerz an ihrem Fußknöchel. Stöhnend und mit schmerzverzerrtem Gesicht stand sie auf und schaute sich um. Sie schloß entsetzt die Augen, als sie erkannte, wohin sie ihr Weg wieder geführt hatte. Sie schaute zum Glockenturm der alten Kirche hinauf und seufzte.
"Warum nur konnte ihr das Schicksal keine Pause gönnen?" fragte sie sich verzweifelt. Antonio war wirklich der Letzte, dem sie jetzt begegnen wollte! Sie wurde sich plötzlich ihres schmerzenden Knöchels bewußt und erkannte, wie ausweglos ihre Situation war. Die Zähne fest zusammenbeißend schleppte sie sich die paar Meter bis zum Eingang und öffnete die Holztür. Eine angenehme Kühle empfing sie, und Gabi wischte sich mit ihrem Arm den Schweiß von der Stirn. Langsam hangelte sie sich von Bank zu Bank den Gang entlang, bis sie schließlich in der vordersten Reihe angekommen war. Sie sank auf die Bank und atmete schwer.
"Verdammt," dachte sie. "Warum muß mir das alles passieren?" Sie dachte einen Moment an Casey und schämte sich ihrer Gedanken.
"Gabriella?" hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich.
Gabi drehte sich zu Antonio um und sah ihn hilfesuchend an.
"Es tut mir leid," stammelte sie," aber ich brauche Ihre Hilfe."
Er sah sie überrascht an. Gabi wies auf ihren Knöchel.
"Ich bin wohl vorhin beim Joggen umgeknickt," sagte sie," und nun kann ich nicht mehr auftreten." Sie sah ihn entschuldigend an. Antonio beugte sich nach unten und untersuchte ihren Knöchel. Als er versuchte, ihr den Schuh vom Fuß zu ziehen, schrie sie vor Schmerzen auf. Er sah sie besorgt an.
"Ich bringe Sie jetzt erst einmal ins Gemeindehaus und schaue mir dort den Fuß genauer an," sagte er bestimmt. Ohne lange zu zögern hob er Gabi dann aus der Bank und trug sie in seinen starken Armen nach drüben. Sie lehnte leicht ihren Kopf an seine Schulter und spürte plötzlich, wie sich ihr Puls beschleunigte. Antonio brachte Gabi in den Erste-Hilfe-Raum und legte sie vorsichtig auf der Liege ab. So sanft wie möglich zog er ihr dann den Schuh aus und begutachtete dann den verletzten Knöchel. Bewundernd schaute Gabi ihm dann zu, wie er routiniert eine kühlende Salbe auf ihren Knöchel schmierte und eine Bandage darüber legte. Nachdem er Gabis Knöchel versorgt hatte, sah er sie lächelnd an.
"Sie haben Glück gehabt," sagte er, "es ist nur eine leichte Bänderdehnung." Sie sah ihn überrascht an.
"Vielen Dank," sagte sie und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. "Sie sind eine bessere Krankenschwester als ich dachte," sagte sie schmunzelnd. Antonio sah sie nachdenklich an.
"Ja," sagte er leise," aber diese Wunde hier ..." er legte eine Hand auf seine Brust," kann auch ich nicht heilen."
Gabi ahnte, daß er auf ihren Streit mit Ricardo anspielte und stand schnell auf.
"Ich danke Ihnen," sagte sie und humpelte zur Tür," aber ich muß jetzt wirklich gehen." "Gabriella, warten Sie!" rief er ihr hinterher. Gabi drehte sich um. "Was auch immer mein Bruder heute zu Ihnen gesagt hat," begann er," ich bin sicher, daß sich alles wieder zwischen Ihnen einrenken wird."
Gabi sah ihn gequält an.
"Nein," dachte sie verzweifelt," nichts wird sich jemals wieder einrenken - nicht nachdem ich Ricardo so verletzt habe und fremdgegangen bin." Sie warf Antonio noch einen letzten, verzweifelten Blick zu und verließ dann so schnell sie konnte das Gemeindehaus. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte atmete sie tief durch und machte sich dann auf den Weg nach Hause.
Als Meg aus dem
Schlaf hochschrak, dämmerte es draussen erst. Irgend ein Alptraum hatte sie
gequält, aber sie konnte sich nicht mehr daran erinnern. Verwirrt sah sie sich
um. Die dunklen Möbel in dem ansonsten gemütlich eingerichteten kleinen
Gästezimmer wirkten erdrückend auf sie, düster und unwirklich, genau wie die
Tatsache, dass sie überhaupt hier war.
Sie sprang aus dem Bett und öffnete die schweren Brokatvorhänge. Die Luft schien
frisch, aber irgendwie tropisch feucht, so als hätte es die ganze Nacht
geregnet. Draußen war alles saftig grün und vor ihrem Fenster turnte ein
prachtvoller bunter Papagei auf den Ästen eines Baumes herum und beäugte Meg
verwundert. Sie lächelte traurig. Alles hier war so schön und so vollkommen, und
doch... diese Insel hatte ihr vielleicht das Liebste genommen, was sie besaß...
„Nein, das ist nicht wahr!“ sagte sie laut und entschlossen in die Stille des
Morgens. „Ich würde es spüren, wenn es so wäre. Aber ich spüre keine Trauer, nur
den dringenden Wunsch, Ben wiederzufinden!“
Sie nahm eine kalte Dusche, zog sich Jeans und ein ärmelloses Shirt an und ging
hinunter in den Garten.
Was würde der Tag bringen? Kummer, Schmerz, Ungewißheit? Oder ein Wiedersehen?
Sie fieberte den Ereignissen förmlich entgegen. Vielleicht war Ben irgendwo da
draußen und brauchte ihre Hilfe... am liebsten wäre sie gleich losgefahren.
Unter einer uralten dicken Palme blieb sie stehen und atmete tief durch, als sie
plötzlich ein merkwürdiges Geräusch hinter sich hörte. Sie drehte sich um und
erstarrte...
Aufgeregt griff Sara nach Dereks Hand, während sie im Warteraum saßen und darauf warteten, daß sie von Dr. Robinsons Sprechstundenhilfe aufgerufen wurden. Sie hatten noch am selben Tag einen Termin im Krankenhaus bekommen und waren sofort losgefahren.
"Danke, daß Du mich begleitet hast," sagte Sara und lächelte Derek gezwungen an. Er drückte ihr beruhigend die Hand.
"Es ist ja auch mein Baby," sagte er," und wenn etwas nicht in Ordnung ist, möchte ich es auch erfahren," fügte er hinzu. Sara sah ihn ängstlich an.
"Meinst Du denn, daß etwas mit dem Baby nicht in Ordnung ist?" fragte sie und legte eine Hand auf ihren Bauch. Derek seufzte.
"Ich denke nicht, aber wenn ..." er holte tief Luft," werden wir es sicher gleich erfahren."
Sara sah ihn verzweifelt an. Plötzlich öffnete sich die Tür und Dr. Robinson persönlich erschien im Rahmen.
"Miss Cummings, bitte," sagte er, und Sara stand mit zitternden Knien auf. Derek folgte ihr, und dann nahmen beide vor Dr. Robinsons riesigen Schreibtisch platz. Sara umklammerte die Stuhllehne. Dr. Robinson begrüßte sie freundlich und fragte dann nach dem Grund ihres Kommens. Sara erzählte ihm in kurzen Worten von ihren Schwindel- und Übelkeitsanfällen, bzw. von ihrem Ohnmachtsanfall am frühen Morgen. Dr. Robinson machte sich ein paar Notizen in seiner Akte und schaute Sara dann prüfend an.
"Ich denke nicht, daß es etwas Besorgniserregendes ist," sagte er," aber vorsichtshalber werde ich ihnen etwas Blut abnehmen und eine Ultraschalluntersuchung machen." Er nickte Derek zu. "Mr. Evans, ich möchte sie bitten, einen Moment draußen zu warten, während ich Miss Cummings untersuche."
Sara schüttelte den Kopf.
"Bitte, Dr. Robinson, kann er nicht hierbleiben," bettelte sie. Derek sah sie überrascht an und sah dann fragend zu Dr. Robinson hinüber. Dieser nickte.
"Wenn Mr. Evans nichts dagegen hat ..." sagte er und räusperte sich. Er bat Sara, sich auf die Liege zu legen und nahm ihr dann etwas Blut ab und überprüfte ihren Blutdruck, bevor er mit der eigentlichen Untersuchung begann. Dann holte er das Ultraschallgerät aus der Ecke und schaltete den Monitor ein. Er zog Saras Bluse nach oben und verteilte etwas Gel auf ihrem Bauch.
"Dann wollen wir doch mal schauen, ob man schon etwas erkennen kann," sagte er während er mit dem Ultraschallkopf über Saras Bauch fuhr. Es dauerte einen Moment, bevor er den Monitor so eingestellt hatte, daß ein Bild sichtbar wurde. Derek beugte sich neugierig vor, um etwas erkennen zu können. Dr. Robinson wies auf einen dunklen Umriss, der eindeutig schon die Form eines Embryos hatte. Derek und Sara schauten beide, gleichermaßen fasziniert und gerührt, auf den Monitor und schienen erst jetzt zu begreifen, daß sie gerade das erste Mal ihr Kind sahen. Sara griff wieder nach Dereks Hand und hielt sie fest. Tränen standen in ihren Augen.
"Ist ... es in Ordnung?" fragte Derek leise, während er weiterhin auf den Embryo starrte.
Dr. Robinson lächelte und schaltete das Gerät aus.
"Es ist alles in bester Ordnung," sagte er," und ich denke, daß auch die Blutuntersuchungen unauffällig sein werden," fügte er hinzu. Er half Sara beim Aufstehen und sah sie nachdenklich an. "Ihr Blutdruck ist etwas zu niedrig," sagte er. "Möglicherweise rühren ihre Ohnmachts- und Schwindelanfälle daher," vermutete er. Er schrieb ein Rezept aus und drückte es Sara in die Hand. Sie atmete erleichtert auf. Dr. Robinson überreichte Derek ebenfalls ein Stück Papier. "Das erste Foto fürs Familienalbum," sagte er und lächelte. Derek sah ihn dankbar an.
Dr. Robinson streckte beiden die Hand entgegen.
"Wir sehen uns dann in einigen Wochen wieder," sagte er zu Sara und nickte Derek noch einmal zu, bevor er den Behandlungsraum verließ. Sara sah Derek mit einem verklärten Blick an.
"Ich kann es einfach noch nicht glauben, daß hier drin," sie legte ihre Hände auf den Bauch" wirklich unser Baby heranwächst. Derek lächelte und griff nach ihrer Hand.
"Komm'," sagte er," zur Feier des Tages lade ich Dich zu einem Eis ein."
Er gab ihr einen sanften Kuß auf ihre Lippen, und dann verließen beide das Behandlungszimmer.
Thomas Magnum war
eigentlich kein Frühaufsteher, aber irgend ein merkwürdiges Gefühl, das er nicht
recht zu deuten wußte, trieb ihn heute zeitig aus den Federn. Er duschte, zog
sich Shirt, Shorts und seine Laufschuhe an und beschloß, zur Abwechslung mal
etwas für die Figur zu tun und ein wenig zu joggen.
Er war sich sicher, dass Higgins noch schlief, deshalb nahm er gleich die
Abkürzung durch den Garten, quer über den englischen Rasen hin zur Ausfahrt.
Kurz vor dem Weg zum Haupteingang stutzte er und blieb wie angewurzelt stehen.
Meg, die junge Frau, die er gestern abend zusammen mit ihrem Begleiter vom
Flughafen abgeholt hatte, hockte dort im Gras und graulte Zeus und Apollo, den
beiden Dobermännern, das Fell, gerade so, als würde sie die beiden Wachhunde
schon ihr halbes Leben lang kennen!
Ungläubig trat er näher. Sie bemerkte ihn und stand lächelnd auf.
„Guten Morgen! Auch schon munter?“
Thomas sah sie hochachtungsvoll an, wie sie dastand, die großen Hunde ergeben zu
ihren Füßen.
„Hallo Meg!“ brachte er schließlich hervor, während er verwundert auf die
„Jungs“ wies. „Wie haben Sie... ich meine, wie kommt es, dass...“
„...die beiden mich nicht zum Frühstück gefressen haben?“ ergänzte Meg und
lachte. „Ich bin auf einer Ranch großgeworden, und ich bin sicher, so ein Tier
spürt, wenn man es mag. Ich hatte noch nie Probleme mit Hunden, egal wie groß
sie sind. Ich hab mich vorhin nur für einen Moment erschrocken, als die beiden
plötzlich hinter mir standen.“
„Aber die hier gehen richtig auf „Mann“, die sind so erzogen!“ entgegnete
Thomas. „Sie hätten ein Eindringling sein können!“
„Ich hab ihnen gesagt, dass ich keiner bin.“ meinte Meg scherzhaft. „Sie haben
mir geglaubt. Stimmts, Ihr zwei?“
Thomas räusperte sich und grinste.
„Na, dann will ich Ihnen die Jungs mal offiziell vorstellen. Also Meg,... das
hier ist Zeus , und der da ist Apollo, und im Ernstfall verstehen die beiden
überhaupt keinen Spass.“
„Und wann ist der Ernstfall?“ erkundigte sich Meg und klopfte Apollo am Hals.
„Ich würde sagen, wenn meine Chips alle sind, zum Beispiel!“
„Oh!“ ging sie auf seinen Scherz ein, „dann würde ich allerdings auch böse
werden!“ Sie blickte auf seine Turnschuhe. „Wollen Sie joggen?“
„Ach“ er verzog lustlos das Gesicht, „eigentlich bin ich ja schon ein ganzes
Stück gelaufen. Das reicht. Ich zeige Ihnen den Garten, wenn Sie wollen.“
„Okay.“ stimmte Meg zu, hob einen Stock auf und warf ihn, so weit sie konnte.
„Los, Jungs!“
Die beiden Dobermänner rannten wie der Blitz los, erpicht darauf, den Stock
zurückzuholen. Nichts hielt sie auf, auch nicht Higgins Lieblingsrosenbeet...
Meg und Thomas
schlenderten über das riesige Masters- Anwesen und genossen die morgendliche
Stille. Zeus und Apollo wichen ihnen nicht von der Seite.
„Ich glaube, allein hätte ich mich hier glatt verlaufen.“ gestand Meg. Sie
betrachtete Thomas von der Seite. „Wie lange arbeiten Sie eigentlich schon für
Mister Masters?“
„Schon einige Jahre.“ erklärte er vage. „Ich bin von Beruf Privatdetektiv und
hab mich vor gut 10 Jahren hier auf Hawaii niedergelassen. Als ich Robin
kennenlernte, hatte er gerade ziemliche Probleme mit einigen zwielichtigen
Typen, mit denen wir aber gemeinsam ganz gut fertig wurden. Danach fragte er
mich, ob ich mich während seiner häufigen Abwesenheit auf Big Island ein wenig
um die Sicherheit seines Anwesens kümmern könnte. Er bot mir ein Zimmer im Haus
an und ein angemessenes Gehalt, und so bin ich geblieben, auch wenn das
Zusammenleben mit Higgins..., nun sagen wir, mitunter ein wenig...
nervenaufreibend ist!“ Er lachte. „Aber ich mag den alten Kauz, er hat neben
seinen zahlreichen Macken auch seine guten Seiten. Wenn er nur endlich damit
aufhören würde, mir meinen, seiner Meinung nach miserablen, Lebensstil
abgewöhnen zu wollen! Das ist sowieso zwecklos!“
Meg stimmte in sein Lachen ein.
„Ich find ihn nett, nur ein bisschen zu steif und zu förmlich.“ meinte sie. „Für
heute Nachmittag hat er mich zum Tee mit Lady Agatha eingeladen.“
Magnum blieb stehen.
„Herzliches Beileid!“ sagte er trocken.
„So schlimm?“ fragte Meg unsicher. Er grinste.
„Warten Sie`s ab! Lady Agatha ist die Schirmherrin sämtlicher
Wohltätigkeitsvereine auf der Insel.“
"Oh" entfuhr es Meg. "Na dann..."
Thomas betrachtete Meg nachdenklich.
„Was ist?“ fragte sie leicht irritiert. Er lächelte.
„Ich finde Sie bewundernswert!“ sagte er aufrichtig. „Eine junge Frau wie Sie,
die sich hierher auf den Weg macht und unerschütterlich daran glaubt, dass
dieser Mann noch am Leben sein könnte. Wie stehen Sie zu ihm, Meg? War.. ist er
Ihr Freund?“
Sie nickte.
„Wir wollten heiraten. Bevor er abflog, hat er mir einen Antrag gemacht.“ Sie
biß sich auf die Lippen und sah Magnum dann mit ihren großen blauen Augen an.
„Er bedeutet alles für mich. Wenn er nicht mehr am Leben wäre, dann würde ich
das doch spüren, oder?“
Thomas überlegte und nickte dann.
„Ja, kann schon sein.“
Sie gingen schweigend weiter und jeder von ihnen hing seinen eigenen Gedanken
nach.
Ab und zu warfen sie abwechselnd zur Freude der "Jungs" einen Stock, den diese
hechelnd und schwanzwedelnd sofort wieder zurückbrachten.
„Was tun wir nach dem Frühstück als nächstes?“ fragte Meg gespannt. „Fahren wir
zur Absturzstelle?“
Thomas schüttelte den Kopf.
„Nein, wir werden meinem Freund T.C. einen Besuch abstatten, und er fliegt uns
mit dem Helikopter rüber. Ich weiß nur nicht, ob die Sicherheitskräfte uns an
das Flugzeugwrack heranlassen, heute wird es dort noch einmal von Polizei und
Spurensicherung nur so wimmeln. Auch die Leute mit den Suchhunden werden
unterwegs sein.“ Er blieb stehen und sah sie prüfend an. „Es kann sogar sein,
dass man Sie bittet, die Leiche des Piloten zu identifizieren. Fühlen Sie sich
dazu in der Lage, Meg?“
„Ich kenne Joe Hanson gar nicht persönlich.“ entgegnete sie. „Und soviel ich
weiß, hat ihn Sam auch noch nie gesehen.“
Thomas atmete sichtlich auf.
„Na, dann bleibt Ihnen wenigstens das erspart.“
„Was wollen Sie damit sagen?“
„Nun, man wird Ihnen bestimmt einige Fragen stellen, unter anderem, in welcher
Beziehung Sie zu den ... Insassen der Unglücksmaschine standen bzw. stehen. Die
hawaiianischen Behörden sind in so etwas immer supergenau. Meine beiden Freunde
hat man stundenlang befragt, nachdem sie als erste am Absturzort waren. Nur ein
Anruf von Mister Masters hat sie davor bewahrt, auch noch die Nacht auf der
Polizeistation zu verbringen.“
Meg nickte.
„Von mir aus können sie fragen, soviel sie wollen, das stört mich nicht.
Hauptsache sie untersuchen alles gründlich und sie suchen intensiv nach Ben...“
meinte sie. Thomas legte seine Hand auf ihren Arm.
„Das werden sie, Meg. Und was die nicht schaffen, das finden wir raus, das
verspreche ich Ihnen!“
Bevor sie nach dem
Frühstück aufbrachen, erinnerte sich Meg, dass sie Derek versprochen hatte, sich
sobald wie möglich zu melden. Vielleicht hatte er ja in der Zwischenzeit schon
etwas von Sara gehört! Sie kramte ihr Handy heraus und wählte seine Nummer.
Sekunden später hörte sie seine Stimme.
„Derek, hier ist Meg.“
Während sie telefonierte, gingen Higgins und Sam nach draußen zu Magnum, der
schon mit dem Ferrari wartete.
„Was denn, wollen Sie etwa schon wieder mit dem Sportwagen fahren?“ erboste sich
Jonathan. „Also wirklich, Magnum, das geht zu weit!“
Thomas zog ein unschuldiges Gesicht.
„Mister Masters hat extra betont, für unsere Gäste ist das Beste gerade gut
genug!“
Higgins schnaufte verächtlich.
„Und Sie natürlich eingeschlossen! Ich weiß nicht, ob es für unsere Gäste
unbedingt erstrebenswert ist, von Ihnen mit lebensbedrohlichem Tempo über die
Insel chauffiert zu werden!“
Sam lachte und klopfte ihm beschwichtigend auf die Schulter.
„Lassen Sie`s gut sein, Mister Higgins, wir haben ja schließlich noch einiges
vor uns, und da ist ein bisschen Geschwindigkeit gar nicht so schlecht. Außerdem
scheint mir Thomas ein sehr zuverlässiger Fahrer zu sein. Der Ferrari hat noch
nicht mal eine Schramme!“
„Noch nicht!“ knurrte Higgins.
Meg kam strahlend aus dem Haus.
„Sam, Sara ist wieder zu Hause! Ihr geht es gut, und dem Baby auch... Derek hat
es mir gerade erzählt. Und was das beste ist, die beiden haben sich wieder
versöhnt!“
„Na das ist doch schon was!“ freute sich Sam mit ihr. „Dann haben wir wenigstens
eine Sorge weniger!“
Sie winkten Higgins zum Abschied zu, und Thomas ließ es sich nicht nehmen,
seinem Ruf als skrupelloser Fahrer alle Ehre zu machen und Robins Verwalter in
einer Wolke aus Staub und Abgasen zurückzulassen.
Sara und Derek schlenderten händchenhaltend die Strandpromenade entlang, während sie ihre Eis am Stiel genossen. Sara dachte an Meg und Ben, und ein Seufzer entfuhr ihr. Derek sah sie stirnrunzelnd an.
"Ist alles in Ordnung?" fragte er besorgt. Sara nickte.
"Ja, mach' Dir keine Sorgen," beruhigte sie ihn. "Ich habe nur gerade an Meg denken müssen ..." Sie blieb stehen und sah ihn traurig an. "Es hört sich vielleicht seltsam an," sagte sie langsam," aber ich habe direkt ein schlechtes Gewissen ihr gegenüber."
Derek sah sie fragend an.
"Wie meinst Du das?"
Sara sah ihn nachdenklich an.
"Weil ich so glücklich bin und sie gerade die schlimmsten Momente ihres Lebens durchmacht. Es ist so ungerecht!" stieß sie hervor. Derek drückte ihre Hand.
"Du meinst, daß Du es nicht verdienst, glücklich zu sein?" fragte er irritiert. Sara nickte vorsichtig mit dem Kopf.
"Ja, so etwas in der Art ..."
Derek sah sie nachdenklich an.
"Meg rief heute Vormittag an, als Du unter der Dusche warst," sagte er langsam.
Sara verschluckte sich beinahe an ihrem Eis.
"Und das erzählst Du mir erst jetzt?" sagte sie aufgebracht. "Was hat sie gesagt? Geht es ihr gut? Gibt es Neuigkeiten über Ben?" Saras Stimme überschlug sich fast.
Derek hob abwehrend die Hände.
"Sara, eins nach dem anderen, bitte," sagte er ruhig. Er holte tief Luft, während Sara nervös an ihrem Eis herumlutschte. "Ja, es geht ihr gut, und nein, es gibt noch keine Neuigkeiten über Ben." berichtete er ihr dann. Sara sah ihn enttäuscht an.
"Ich hatte so gehofft, daß sie ihn vielleicht doch noch lebend finden würden," sagte sie leise. Derek fuhr sich durchs Haar.
"Soweit ich weiß haben sie noch gar nicht mit der Suche begonnen," sagte er, während sein Blick starr aufs Meer gerichtet war. Sara sah ihn nachdenklich von der Seite an.
"Du wärst jetzt auch gerne in Hawaii, um nach ihm zu suchen, nicht wahr?" fragte Sara neugierig. Derek seufzte. "Die Wahrheit?" fragte er und lächelte gequält. Sara nickte.
"Ja," gab er zögernd zu," aber ich möchte Dich hier nicht alleine lassen," gestand er ihr leise. Sara sah ihn zärtlich an.
"Es ist wirklich süß, wie Du Dir um mich ... uns Sorgen machst, aber Du hast doch selber gehört, was Dr. Robinson gesagt hat." Derek nickte.
"Aber, ..." begann er, doch Sara schnitt ihm das Wort ab.
"Nichts aber," sagte sie," Du musst tun, was Du tun musst," fügte sie bestimmt hinzu.
"Und das wäre?" fragte Derek neugierig, obwohl er die Antwort längst wusste.
"Du musst zu Meg und Sam nach Hawaii fliegen!" entgegnete Sara. Derek sah sie überrascht an. "Wir werden sehen ..." sagte er und ergriff ihre Hand. "Wir sollten jetzt erst einmal nach Hause gehen." Er sah sie an. "Ich muß nachher noch einmal ins Deep. Willst Du mitkommen?"
Sara nickte.
"Ja, eine gute Idee, dann kannst Du mich auch gleich einweisen."
Derek legte seine Stirn in Falten.
"Du willst wirklich arbeiten?" fragte er skeptisch," in Deinem Zustand?"
Sara verdrehte die Augen.
"Ich bin schwanger, nicht krank!" sagte sie genervt. Derek lächelte.
"Wir reden noch einmal zuhause darüber, okay?"
Sara verzog das Gesicht.
"Ich wüsste nicht, was es da noch zu bereden gibt," sagte sie ungehalten. Derek seufzte.
"Gut, von mir aus kannst Du arbeiten," sagte er resigniert," aber nur stundenweise, und auch nur, wenn es Dir nicht zuviel wird," fügte er hinzu. Sara fiel ihm um den Hals.
"Danke," sagte sie und gab ihm einen Kuß. Händchenhaltend gingen sie dann über die Strandpromenade zurück nach Hause.
Als sie die
Geländeeinfahrt mit der Aufschrift „ISLAND HOPPERS – Theodore Calvins
Charterflüge“ passierten und vor dem kleinengrauen Bürogebäude mit
anschließendem Werkstatthof hielten, wurden sie schon erwartet.
T.C. schraubte gerade eifrig am Innenleben eines alten Geländewagens, als Robin
Masters Ferrari mit quietschenden Reifen um die Ecke bog und eine beachtliche
Staubwolke hinter sich herzog. Er legte sein Werkzeug weg, wischte sich die
Hände am Hosenboden der ölbefleckten Jeans ab und kam neugierig näher.
„Hi Magnum!“ rief er schmunzelnd. „Wie ich sehe, bist Du mal wieder dabei,
Robins Nobelhobel vor dem Durchrosten zu bewahren!“
„Du sagst es, T.C.“ begrüßte Thomas seinen Freund. „Darf ich vorstellen, das
sind Meg und Sam von der kalifornischen Küste - mein Freund T.C.,
Hubschrauberpilot und Besitzer dieses äußerst lukrativen Unternehmens, das Sie
hier sehen!“ machte er sie ganz zwanglos miteinander bekannt. T.C. schob sein
Basecap, das er ohnehin schon verkehrt herum trug, noch ein Stück weiter zurück
und reichte den Neuankömmlingen freundlich grinsend die Hand.
„Freut mich, Herrschaften! Da Sie die Fahrt mit Thomas bis hierher gut
überstanden haben, nehme ich an, Sie scheuen sich auch nicht vor einem Flug mit
„Island Hoppers“! Voila...“ er wies mit einer ausholenden Handbewegung auf den
kleinen bunten Helikopter, „das Baby ist bereit!“
Das „Baby“ stand frisch geputzt in schwarz- rot- orange- goldenem Design mitten
auf dem Platz.
„Ein sehr ungewöhnliches Outfit!“ bemerkte Sam. T.C. nickte.
„Aber so kann man ihn wenigstens nicht mit einem Mosquito verwechseln.“
„Der Kleine ist so einmalig wie sein Besitzer, ein bisschen verrückt, aber
zuverlässig!“ lachte Magnum.
„Mann...“ beschwerte sich T.C scherzhaft, „wenn ich so was wie Dich als Leiter
meiner Promotion- Abteilung einsetzen würde, wäre ich vermutlich schon lange
pleite!“
„Seit wann hast Du eine Promotion- Abteilung?“ staunte Thomas und wandte sich an
Sam und Meg. „Seine einzige Werbung ist dieses klapprige alte Schild am
Eingang!“
T.C. verdrehte die Augen.
„Und seit Du mit 200 km/h daran vorbeigesaust bist, ist das sicher auch noch in
einer Staubwolke verschwunden!“ konterte er.
Lachend folgten sie ihm in sein kleines Büro.
„Leute, es gibt Neuigkeiten!“ berichtete er ernst, nachdem sich alle eine
Sitzgelegenheit gesucht hatten. „Sie haben am Flugzeugwrack was gefunden.“
Meg hielt den Atem an.
„Und was?“
„Tja“ T.C. zog bedenklich die Stirn in Falten, „es war kein Unfall. Seit
ungefähr einer Stunde ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen vorsätzlichem
Mord!“
Sam und Meg sahen
sich entgeistert an.
„Mord?“
T.C. nickte.
„Jemand hat die Ölleitung gekappt und an der Hydraulik herumgespielt.“
„Woher haben Sie die Informationen?“ fragte Sam gespannt.
Magnum grinste.
„Er hört den örtlichen Polizeifunk ab.“
Meg zog fragend die Augenbrauen hoch. T.C. bemerkte ihren Blick.
„Na ja“ rechtfertigte er sich grinsend, „illegal, aber äußerst informativ!“
Sie schüttelte den Kopf.
„Aber... sollte das jemand denn so genau berechnen können, dass das Flugzeug
hier abstürzt und nicht irgendwo über dem Meer?“
„Das war nicht berechnet, Miss.“ antwortete T.C. „Das könnte man gar nicht so
genau vorhersehen. Das Unglück hätte genauso gut erst auf dem Rückflug passieren
können. Fakt ist, dass der- oder diejenigen ganze Arbeit geleistet haben. Der
Pilot hatte keine Chance.“
Sam überlegte angestrengt.
„Wenn die Möglichkeit bestand, dass die Maschine erst auf dem Rückflug
abgestürzt wäre, dann ging es dem Täter also nicht in erster Linie darum, das
Treffen zwischen Ben und Robin Masters zu verhindern...“
„Mit Sicherheit nicht...“ stimmte Thomas zu. „Sieht so aus, als hätte es jemand
ausschließlich auf das Leben von Mister Evans abgesehen.“
„Aber wer sollte das tun?“ grübelte Meg. „Ich persönlich kenne nicht einen
Menschen, der ihn so hasst, dass er versuchen würde, ihn zu töten ...“
„Der Einzige, mit dem es in letzter Zeit Differenzen gab, war A.J. Deschanel.“
erinnerte sich Sam.
„Stimmt!“ rief Meg, „Die Sache mit den Juwelen!“
T.C. und Thomas tauschten einen verständnislosen Blick.
„Dieser A.J. ließ mich entführen, um an die Juwelen zu gelangen, die sich im
Besitz von Bens Bruder befanden. Ben und Sam haben die Sache platzen lassen und
die Juwelen für wohltätige Zwecke gespendet. Mister Deschanel hatte das
Nachsehen.“
„Nette Bekannte haben Sie, das muß man schon sagen!“ grinste Magnum.
Sam sah Meg an und schüttelte dann den Kopf.
„Deschanel war wütend auf Ben, das ist wahr, aber warum sollte er ihn deswegen
gleich umbringen? Die Juwelen bekommt er dadurch nicht zurück. Und nur aus Rache
töten? Nein, solche Leute tun so etwas nicht, ohne dass sie sich einen
persönlichen Vorteil von einer Sache versprechen, oder wenn man sie in die Enge
treibt. Das war aber bei Ben nicht der Fall, für ihn war die Sache erledigt.
Nein Meg, das ergibt irgendwie keinen Sinn!“
„Ich würde vorschlagen, wir fliegen erst einmal zur Absturzstelle rüber.“ schlug
T.C. vor und erhob sich. „Was meint Ihr? Vielleicht gibt es inzwischen etwas
Neues!“
Sie waren schon an der Tür, als Meg plötzlich abrupt stehenblieb.
„Sam?“ Aufgeregt packte sie ihn am Arm. „Mir fällt gerade etwas Wichtiges ein...
Dieser Mordanschlag galt überhaupt nicht Ben!“
„Wie kommen Sie darauf?“ fragte Sam erstaunt.
„Weil Ben kurzfristig für diese Verhandlungen hier auf Hawaii eingesprungen ist.
Er hat es selbst erst am Nachmittag zuvor erfahren.“ Sie holte tief Luft und sah
Sam mit großen Augen an.
„Ich bin sicher, wenn hier einer sterben sollte, dann Gregory Richards!“
Thomas sollte
rechtbehalten. Als T.C. den Hubschrauber in der Nähe der Absturzstelle landete,
durften sie nicht einmal aussteigen, sondern wurden von den dort ermittelnden
Beamten unmißverständlich aufgefordert, sofort wieder zu verschwinden.
Verzweifelt und mit äußerst gemischten Gefühlen blickte Meg von oben aus dem
Fenster auf die Stelle zwischen den Bäumen, wo der Flug der Liberty- Maschine
gestern sein jähes Ende genommen hatte.
„Ben, wo bist Du?“ fragte sie sich in Gedanken zum hundertsten Mal, und die
Horrorvisionen, die sie in Zusammenhang mit dem Absturz quälten, schnürten ihr
die Kehle zu.
Sam schien ihre Gedanken zu spüren, denn er legte seine Hand auf ihren Arm und
nickte ihr beruhigend zu. Meg lächelte mühsam zurück. Bens besten Freund neben
sich zu wissen, tat ihr gut und gab ihr Hoffnung.
Den Rest des Fluges grübelte sie darüber nach, wer wohl Grund dazu hätte,
Gregory Richards nach dem Leben zu trachten. Sie wußte, dass er keine weiße
Weste hatte, aber es mußte schon etwas Schwerwiegendes sein, um jemanden dazu zu
bringen, zu solchen drastischen Maßnahmen zu greifen. Als Bens persönliche
Assistentin bekam sie im Büro so einiges mit, aber sie konnte sich nicht daran
erinnern, dass in letzter Zeit irgend etwas vorgefallen wäre, was darauf
schließen ließe, dass Gregory mit jemandem böse Differenzen gehabt hätte. Sie
überlegte bereits, ob es sinnvoll sei, Bette anzurufen, oder Derek, oder gar
Gregory selbst, als ihr plötzlich etwas einfiel...
Nachdem Gabi gegangen war, stand Ricardo wie erstarrt im Türrahmen und umklammerte die Krawattennadel, bis seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Um seinen Mund herum zuckte es, und plötzlich entlud sich seine ganze Frustration und Verzweifelung in einem heftigen Wutanfall. Er ergriff einen Stuhl und schleuderte ihn in den großen Wandspiegel hinein, der neben der Tür hing. Der Spiegel zerbarst in Tausend Scherben, und Ricardo starrte schweratmend in das Chaos vor sich. Seine Wut war verraucht, und zurück blieben nur noch ein Gefühl der Leere und puren Verzweifelung. Stöhnend sank er auf die Knie, während ihm die Tränen übers Gesicht rannen. Er hatte alles verloren, was ihm jemals wichtig gewesen war! Bei dem Gedanken an Gabi zerriß es ihm fast das Herz. Ricardo hob eine große Scherbe vom Boden auf und betrachtete sich darin. "Was habe ich nur getan?" sagte er zu seinem Spiegelbild und schüttelte den Kopf. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Faustschlag: Egal, was vorgefallen war - er liebte sie immer noch! Während er nachdenklich auf den Fußboden starrte hörte er plötzlich, wie sich die Tür vorsichtig öffnete ...
T.C. landete gerade den Hubschrauber in seiner
Firma.
Sie stiegen aus und Meg zog Sam etwas beiseite.
„Ich muß mit Ihnen reden! Ich glaube, ich weiß, wer dahinterstecken könnte!“
Er sah sie gespannt an.
„Ich habe vor einiger Zeit zufällig im Büro ein Telefongespräch zwischen Gregory
und einem gewissen Connors mitgehört, dass, nun sagen wir, nicht ganz legal
klang. Ich habe Ben davon erzählt, und er vermutete, dass Gregory hinter dem
Anschlag auf der Baustelle steckte, bei dem Cole Deschanel schwer verunglückte.“
Sam nickte.
„Ja, ich erinnere mich. Ben hat mir davon berichtet. Das Baugerüst wurde
manipuliert und Cole stürzte ab.“ Er kniff die Augen zusammen. „Moment mal, soll
das heißen, A.J. hat das herausgefunden und will sich für den Anschlag an seinem
Sohn rächen?“
Meg schüttelte den Kopf.
„Ich glaube nicht. Es war ja kein direkter Anschlag auf Coles Leben, denn soviel
ich mitbekommen habe, war Cole in jener Nacht nur zufällig dort, als das Gerüst
zusammenbrach. Ich denke, da steckt noch mehr dahinter.“
Sam nickte.
„A.J. Deschanel sollte man nicht unterschätzen. Wenn er herausbekommen hat, dass
Gregory hinter dem Anschlag steckt, wird er versucht haben, ihn zur Rechenschaft
zu ziehen.“ Er sah Meg an. „Wie gut kennen Sie Ihren zweiten Chef? Was tut
Gregory Richards , wenn man ihn in die Enge treibt? Wie gefährlich wird er?“
„Wie meinen Sie das?“ fragte Meg verständnislos.
„Würde er zugeben, dass er der Drahtzieher für diesen Anschlag war?“
„Niemals.“ meinte Meg überzeugt. „Im Gegenteil, er würde versuchen, den Verdacht
von sich abzulenken.“
„Oder er versucht, im Gegenzug etwas zu finden, was den Gegner mundtot macht.“
„Zum Beispiel?“
„Nun, beispielsweise etwas aus Deschanels Vergangenheit, und glauben Sie mir,
Meg, bei Typen wie Gregory oder A.J. findet sich immer eine Leiche im Keller.“
„Und Sie glauben, Gregory hatte etwas in der Hand, womit er Deschanel erpresst
hat? Mmh, möglich wär das schon...“
„Sehr wahrscheinlich sogar!“
„Und was tun wir jetzt?“ fragte Meg. Sam überlegte.
„Man müßte herausfinden, ob sich die örtlichen Behörden schon mit der
zuständigen Stelle in Sunset Beach in Verbindung gesetzt haben. Ich möchte
vermeiden, dass dieser Deschanel sich aus dem Staub macht, wenn er davon Wind
bekommt, dass man ihm auf der Spur ist. Wenn er wirklich hinter dieser Sache
steckt, dann soll er keinesfalls ungestraft davonkommen.“ Er knirschte böse mit
den Zähnen. „Es wurmt mich noch immer, wie heil er aus der Sache mit Ihrer
Entführung herausgekommen ist, Meg. Der Kerl hätte verdient, dafür in den Knast
zu wandern!“
Meg lächelte.
„Ist schon okay, Sam, ich glaube, zusehen zu müssen, wie „seine“ Juwelen einem
wohltätigen Zweck gespendet wurden, war für ihn Strafe genug.“
Magnum, der die ganze Zeit nur stumm zugehört hatte, trat einen Schritt näher.
„Ich hab gute Verbindungen zu den örtlichen Behörden, also wenn Sie
Informationen brauchen, nur zu!“
Sam klopfte ihm erfreut auf die Schulter.
„Wunderbar! Dann finden wir mal raus, wer hier wieviel weiß und wie weit die
Gerüchteküche schon brodelt!“
„Und was tue ich in der Zwischenzeit?“ fragte Meg unsicher.
„Haben Sie ein Bild von Ben dabei?“ erkundigte sich T.C.
„Ja, natürlich!“
„Okay“ nickte er zufrieden, „dann fahren wir beide mal in der Nähe der
Absturzstelle ein bisschen durchs Gelände und befragen unterwegs ein paar nette
Leute nach ihm.“
„Wann treffen wir uns wieder?“ fragte Sam. Thomas sah auf die Uhr.
„Ich würde sagen, um die Mittagszeit, wenn der Magen knurrt. Dann fahren wir in
Rics Club und genehmigen uns ein richtig schönes Festmahl.“
T.C. guckte ihn entgeistert an.
„Ein Festmahl? Bei Ric?“
„Na ja“ Thomas zuckte mit den Schultern, „McDonalds auf hawaiianisch!“
Jeany
Derek schloß die Haustür auf, und Sara und er betraten das Wohnzimmer. Sara ging gleich in die Küche und holte sich einen Saft aus dem Kühlschrank.
"Puh, ist das heute heiß," sagte sie, während sie einen großen Schluck aus ihrem Glas nahm. "Möchtest Du auch etwas trinken?" fragte sie und sah zu Derek hinüber. Er schien völlig geistesabwesend zu sein, denn er starrte nur die ganze Zeit nachdenklich auf den Fußboden. "Derek?" Sie ging auf ihn zu und berührte ihn vorsichtig am Arm. Erschrocken zuckte er zusammen.
"Wie ... was hast Du gesagt?" fragte er, während er sie verwirrt ansah. Sara runzelte die Stirn. "Du bist ja gerade meilenweit weg gewesen," stellte sie fest und sah ihn prüfend an. "Woran hast Du gedacht?" fragte sie neugierig. Derek schüttelte den Kopf.
"Ach, nichts besonderes ..." Er sah sie an. "Mir ging nur gerade durch den Kopf, was Du vorhin gesagt hast."
Sara sah ihn irritiert an.
"Was habe ich denn vorhin gesagt?" fragte sie und runzelte die Stirn. Derek seufzte und ließ sich aufs Sofa fallen.
"Du sagtest, daß Meg gerade die schlimmsten Momente ihres Lebens durchmacht," erinnerte er sie. Sara nickte.
"Ja, sie muß Höllenqualen leiden," sagte sie leise," und dazu kommt noch, daß sie geradezu besessen ist von der fixen Idee, daß Ben noch lebt."
Derek sah sie überrascht an.
"Du glaubst also nicht, daß er noch lebt?"
Sara runzelte die Stirn.
"Du etwa?" stellte sie die Gegenfrage. Er sah sie nachdenklich an.
"Ich weiß nicht ..." sagte er zögernd. "Ich verspüre überhaupt keine Trauer ..."
Sara sah ihn verwirrt an.
"Ich glaube, ich verstehe nicht so ganz, wie Du das meinst," sagte sie. Derek sah sie an.
"Nun ja," begann er," man sagt doch, daß Zwillinge einen besonderen Draht zueinander haben und das der eine spürt, wenn es dem anderen schlecht geht ..."
Sara nickte.
"Ja, davon habe ich auch schon gehört." Sie sah Derek mit einem durchdringenden Blick an. "Und was fühlst Du, wenn Du an Ben denkst?" fragte sie neugierig. Derek stand auf und ging zum Kamin hinüber, auf dem das eingerahmte Foto stand, auf dem Ben, Meg, Sara und er zu sehen waren und nahm es in die Hand. Sein Blick war starr auf Bens Konterfei gerichtet, als ob er so mit ihm in Kontakt treten könnte. Kopfschüttelnd drehte er sich dann wieder zu Sara um.
"Nichts, ich fühle gar nichts," sagte er," keine Trauer und keinen Schmerz," fügte er hinzu," und deshalb bin ich mir ziemlich sicher, daß Ben noch leben muß!" Er atmete tief durch. "Ich würde es spüren, wenn er tot wäre ..." sagte er leise.
Für einen Moment sah Sara ihn fassungslos an, dann stieß sie einen Freudenschrei aus.
"Weißt Du, was Du da gerade gesagt hast?" fragte sie aufgeregt.
Derek runzelte irritiert die Stirn.
"Was denn?"
Saras Gesicht strahlte vor Freude.
"Ben lebt!" stieß sie hervor.
Derek schüttelte den Kopf.
"Aber das ist doch nur ein Gefühl ..." sagte er skeptisch, doch Sara ließ sich nicht beirren.
"Du mußt Meg anrufen und es ihr sagen" sagte sie bestimmt. Derek seufzte.
"Gut, ich werde sie anrufen," versprach er ihr. "Ich hoffe nur, daß mich mein Gefühl nicht täuscht," fügte er nachdenklich hinzu. Sara umarmte ihn und gab ihm einen Kuß.
"Während ich telefoniere kannst Du nach oben gehen und Dich ein bisschen ausruhen," schlug er vor. Sara verzog das Gesicht.
"Aber ich bin nicht müde ..." versuchte sie einzuwenden. Derek seufzte.
"Wenn Du es nicht für Dich oder mich tun willst, dann tue es wenigstens für unser Baby."
Sara schmunzelte.
"Jetzt hast Du ja ein prima Erpressungsmittel gefunden," sagte sie grinsend. Derek warf ihr einen strafenden Blick zu.
"Okay, okay," sagte Sara und hob entschuldigend die Hände," ich bin ja schon oben." Sie warf ihm noch eine Kußhand zu und ging dann die Treppe zum Schlafzimmer hinauf.
Nachdenklich schaute Derek ihr hinterher, nahm dann das Telefon und wählte Megs Handynummer ...
"Was ist denn hier passiert?" fragte Antonio und schaute entsetzt auf die Glasscherben, die überall herumlagen. Ricardo stand langsam auf.
"Kommst Du eigentlich immer einfach so herein, ohne anzuklopfen?" fragte er unwillig.
Antonio sah ihn stirnrunzelnd an.
"Ist das Dein Werk?" fragte er überrascht und wies auf das Chaos. Ricardo sah ihn mit zusammengepressten Lippen an.
"Das ist meine Sache und geht Dich nichts an," schnappte er gleich los.
Antonio schüttelte den Kopf.
"Was ist denn nur passiert, daß Dich dermaßen aus der Fassung gebracht hat, daß Du ..."
Er unterbrach sich und schaute wieder auf den Boden. Ricardo hob abwehrend die Hände.
"Ich möchte nicht darüber reden, okay?" sagte er abweisend.
Antonio kratzte sich nachdenklich am Kopf.
"Ist es wegen ..." er zögerte einen Moment, bevor er ihren Namen aussprach "... Gabriella?" fragte er. Ricardo verzog sein Gesicht.
"Das ist nicht Deine Angelegenheit," sagte er und sah Antonio an. Dieser erwiderte seinen Blick. "Vielleicht kann ich Dir helfen," bot er sich an. Ricardo lachte hysterisch.
"Niemand kann mir helfen," stieß er hervor. "Ich habe mir meine eigene Hölle geschaffen, in der ich jetzt schmoren muß!" sagte er verbittert. Antonio sah ihn entsetzt an.
"Bitte, rede nicht so!" stieß er hervor. Ricardo sah ihn mit einem leeren Blick an.
"Du verstehst das nicht," stammelte er. "Ich habe sie verloren ... für immer!" fügte er mit gebrochener Stimme hinzu. Antonio sah seinen Bruder mitfühlend an. So verzweifelt hatte er Ricardo nur erlebt, kurz nach seiner Trennung von Paula.
"Was ist passiert?" fragte Antonio. Ricardo sah ihn mit blutunterlaufenen Augen an.
"Ich habe mit ihr Schluß gemacht," sagte er knapp. Antonio riß überrascht die Augen auf.
"Du hast ...?" Er sah ihn verständnislos an. "Aber warum denn nur, wenn Du sie doch offensichtlich noch liebst?"
Ricardo seufzte.
"Ich weiß es nicht ..." flüsterte er leise. Er sah Antonio fest in die Augen. "Erinnerst Du Dich an das Gespräch, daß wir beide damals im Gemeindehaus führten?" fragte er. Antonio nickte.
"Dann müsstest Du mich eigentlich verstehen," sagte er. Antonio sah ihn nachdenklich an.
"Ich sehe nur, daß Du unglücklich bist ..." er räusperte sich," ... und sie ebenfalls," fügte er hinzu. Ricardo hob überrascht den Kopf.
"Woher willst Du wissen, daß sie unglücklich ist?" fragte er überrascht. Gerade in dem Moment, als Antonio ihm antworten wollte, schellte das Telefon. Ricardo nahm den Hörer ab und hörte stirnrunzelnd zu, was der Anrufer ihm mitzuteilen hatte, dann wandte er sich wieder Antonio zu. "Das war das Krankenhaus," sagte er knapp. "Mama hatte wieder einen Anfall," fügte er hinzu, und an seinem Gesichtsausdruck konnte man erkennen, wie sehr ihn diese Nachricht beunruhigte. "Wir sollten zu ihr fahren," sagte er bestimmt.
Antonio nickte, und eilig verließen die Brüder Ricardos Wohnung.
"Nun, was ist Olivia?", hakte Bette nach.
"Gar nichts..."
"Ach, komm schon Livvy."
"Gar nichts. Du hast eine zu große Phantasie, das ist alles."
Bette winkte ab.
"Also gut, scheinbar willst Du es mir nicht sagen, aber denk bloß nicht, daß ich Dir glaube. Also gut, Themawechsel." Bette beugte sich vor und warf Olivia einen interessierten Blick zu. "Wie läuft es zwischen Dir und Greggy?"
Olivia lächelte plötzlich übers ganze Gesicht.
"Oh Bette. Es ist so schön. Ich weiß nicht mehr, wann er das letzte mal so lieb und rücksichtsvoll zu mir war."
"Also hatte die ganze Sache zumindest ein Gutes?"
Plötzlich wirkte Olivia wieder nachdenklich.
"Ja, scheinbar schon. Aber ich kenne Gregory, Bette. Ich kenne ihn. Und ich kenne mich. Früher oder später werden wir uns wieder das Leben zur Hölle machen."
"Das ist nicht gesagt, Livvy. Vielleicht wird es ja ab jetzt alles ganz anders."
Olivia warf ihrer Freundin nur ein mattes Lächeln zu, und an Bettes Augen konnte sie erkennen, daß selbst sie davon nicht so richtig überzeugt war.
"Du verreist?" Jade warf ihrem Vater einen neugierigen Blick zu.
AJ war in aller Eile dabei, seine Koffer zu packen.
"Auf unbestimmte Zeit", erklärte er.
"Also tauchst Du unter?", schloß Jade messerscharf. "Komm schon, was hast Du diesmal ausgefressen?"
Plötzlich grinste AJ.
"Aber Jade, Du weißt doch, wenn ich in irgendwelche schmutzigen Geschäfte verwickelt bin, bist Du immer mit von der Partie."
"Ja, normalerweise schon, deswegen bin ich auch um so neugieriger, warum Du mir nichts sagen willst. Scheinst ja wirklich was ganz schlimmes verbrochen zu haben. Pfui, Daddy", sagte sie mit einem ironischen Grinsen. Doch AJ antwortete nicht. Er blickte sie nur ernst an.
"Wie gesagt", meinte er, "ich muß dringend weg. Und besser Du fragst gar nicht erst wohin, ich würde es Dir eh nicht sagen. Je weniger Du weißt, desto besser für Dich. Und, ach so... Könntest Du mir einen Gefallen tun?"
"Der wäre?"
Er grinste teuflisch.
"Ich möchte jemandem ein kleines Abschiedsgeschenk bereiten. Aber leider fehlt mir die Zeit, könntest Du das vielleicht für mich übernehmen?"
"Was? Hör mal. Ich überbringe bestimmt keine Blumen oder so für Olivia Richards."
"Nein, das meine ich auch gar nicht. Es geht um etwas anderes..."
Nachdem Magnum sie
angerufen und ein Treffen vereinbart hatte, verließ Carol Baldwin ihr Büro und
fuhr hinunter zum Hafen, wo sie nach dem roten Ferrari Ausschau hielt. Es
wimmelte hier nur so von sonnenhungrigen Touristen und sie mußte eine Weile
suchen, bis sie Thomas in der Menge entdeckte. Er lehnte lässig am Geländer des
Piers. Neben ihm stand ein schlanker gutaussehender Mann, der sich angeregt mit
ihm unterhielt. Lächelnd trat sie näher. Thomas hatte sie bemerkt und streckte
ihr erfreut die Hand zur Begrüßung entgegen.
„Carol, danke, dass Sie so schnell kommen konnten!“
Sie lachte.
„Kein Problem, Thomas, für meine Freunde hab ich immer einen Termin frei!“
Magnum machte sie mit dem Mann an seiner Seite bekannt.
„Carol, das ist Sam Peterson von der kalifornischen Südküste. Er und seine
Begleiterin sind wegen des gestrigen Flugzeugabsturzes hier. – Sam, darf ich
Ihnen eine gute Freundin von mir vorstellen, Carol Baldwin, leitende
Staatsanwältin auf Big Island.“
Die beiden reichten sich die Hand.
„Freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Mister Peterson.“ sagte Carol freundlich.
Er lächelte.
„Ganz meinerseits, Miss Baldwin. Bitte nennen Sie mich Sam.“
Sie hob erfreut die Augenbrauen und nickte.
„Okay Sam, ich bin Carol. Und wie gefällt Ihnen unsere Insel?“
„Was ich bisher gesehen habe, gefällt mir sehr gut.“ erwiderte er charmant
zweideutig. Thomas räusperte sich. Mit einem Augenzwinkern meinte er:
„Vorsicht Sam, sie ist leider nicht immer so nett wie im Augenblick zu uns!“
Carol lachte. Sie war Anfang Vierzig, hatte lebhafte braune Augen und ein
durchschnittlich hübsches Gesicht. Ihre schlanke Figur und das modisch
kurzgeschnittene Haar ließen sie wesentlich jünger erscheinen.
„Glauben Sie ihm kein Wort, Sam, zu sympathischen Menschen bin ich immer nett.
Also...“ sie straffte die Schultern und blickte von einem zum anderen. „Was habt
Ihr beide auf dem Herzen? Wie kann ich Euch helfen?“
Thomas und Sam erfuhren interessante Einzelheiten über den derzeitigen
Ermittlungsstand. Carol berichtete über Wesentliches, ohne tiefgreifende
Dienstgeheimnisse auszuplaudern. Was sie sagte, würde ohnehin morgen in der
Presse zu lesen sein.
„Was ist mit Mister Evans, dem Mann, der als Einziger neben dem Piloten an Bord
war?“
fragte Sam schließlich.
Carol verzog vielsagend das Gesicht.
„Nach dem derzeitigen Ermittlungsstand darf ich darüber noch keine Auskunft
geben...“ bedauerte sie, fuhr dann aber mit einem bedeutungsvollen Seitenblick
auf Magnum fort: „Da dieser charmante Gentleman aber noch etwas gut hat bei mir,
werde ich Ihnen die Frage beantworten. Allerdings handelt es sich hier um
vertrauliche Informationen, die mich meinen Job kosten könnten, wenn jemand
erfährt, dass ich mit Ihnen darüber gesprochen habe.“
Sam nickte.
„Keine Sorge, Carol, Sie können sich auf unsere Diskretion verlassen.“
„Okay“ meinte sie. „Wir haben erfahren, dass die Maschine erst auf dem Festland
vollkommen zerschellt ist. Daher wird die Möglichkeit ausgeschlossen, dass
Mister Evans bereits während des Aufpralls auf dem Wasser herausgeschleudert
wurde. Er beziehungsweise seine Leiche müßte sich demzufolge direkt oder unweit
der Absturzstelle befinden. Leider haben unsere Ermittler nicht das kleinste
Anzeichen dafür ausfindig machen können. Lediglich ein paar seiner Sachen wurden
sichergestellt, aber von ihm selbst fehlt uns bisher jede Spur. Nur eines ist so
gut wie sicher, er kann das Unglück keinesfalls unbeschadet überstanden haben,
das wäre vollkommen unmöglich. Seit Stunden sind Männer mit Suchhunden im
Umkreis der Absturzstelle unterwegs, aber bisher leider ergebnislos. Er ist wie
vom Erdboden verschluckt.“ Sie sah auf die Uhr. „Ich muß wieder los.“ An Thomas
gewandt meinte sie: „Ich rufe Sie an, wenn es interessante Neuigkeiten gibt.“
Er nickte. „Danke Carol. Jetzt haben Sie bei mir was gut!“
Sie zwinkerte ihm fröhlich zu.
„Gut zu wissen...!“ Sie reichte Sam die Hand. „Freut mich, Sie kennengelernt zu
haben. Vielleicht sehen wir uns ja nochmal, solange Sie auf Big Island sind.“
Sam lächelte.
„Das würde mich sehr freuen.“
Sie war schon ein paar Schritte entfernt, als ihr noch etwas einfiel.
„Ach so, noch etwas. Heute Nachmittag werde ich mich mit der zuständigen
Polizeidienststelle in Sunset Beach in Verbindung setzen. Sie haben nicht
zufällig einen Verdacht, wer hinter dem Mordanschlag an Mister Evans und seinem
Piloten stecken könnte?“
Sam zuckte bedauernd die Schultern.
„Nein, tut mir leid, aber im Augenblick kann ich mir nicht vorstellen, wer zu so
etwas fähig wäre.“
„Okay.“ Carol winkte ihnen zum Abschied zu und war Sekunden später in der Menge
verschwunden.
„Warum haben Sie ihr nicht gesagt, wen Sie und Meg verdächtigen?“ fragte Thomas
interessiert. Sam sah ihn vielsagend an.
„Dieser Mann, A.J. ist sehr schlau und hat weitreichende Verbindungen. Je mehr
Leute von der Sache hier wissen, desto eher bekommt er Wind davon. Wenn er
wirklich hinter der Sache steckt, und dessen bin ich mir ziemlich sicher, dann
will ich, dass sie ihn in Sunset Beach festnageln, schnell und professionell.“
Sams Gesicht nahm einen harten, entschlossenen Ausdruck an.
„Ich will, dass dieser Dreckskerl dafür bezahlt, was er Ben und auch Meg angetan
hat!“
T.C. und Meg
kreisten zum wiederholten Male mit dem kleinen bunten Helikopter über der
Absturzstelle. Schließlich fand T.C. einen geeigneten Platz zum Landen direkt am
Strand, wo noch keine Polizeiabsperrungen zu sehen waren. Nicht einmal Touristen
hielten sich hier auf, es war, als ob sie sich auf einem Stück unberührter Natur
befanden.
Meg stieg mit etwas weichen Knien aus und sah sich um.
„Was ist?“ rief T.C. und musterte sie aufmerksam. „Alles in Ordnung? Sie
scheinen mir etwas blass um die Nase!“
„Nein, schon gut.“ wehrte sie lächelnd ab. „Ich bin nur noch nie vorher mit so
einem...“ sie wies auf den Hubschrauber, „...Ding da geflogen.“
T.C. lachte.
„Das gibt sich schnell wieder.“ tröstete er. „Allerdings weiß ich nicht recht,
warum ich hier überhaupt gelandet bin, weit und breit keine Menschenseele, die
man befragen könnte. Aber egal,“ er setzte sein Basecape ab und wischte sich
über die Stirn, „machen wir eine kleine Pause und fliegen dann noch ein Stück
weiter die Küste runter.“
Die Mittagssonne brannte heiß und erbarmungslos. Sie setzten sich in den
Schatten der Bäume am Waldrand.
„Geht’s wieder?“ fragte T.C. besorgt. Meg nickte.
„Ja, so schnell gibt mein Magen nicht auf.“
„Haben Sie ein Bild von Mister Evans dabei?“
Sie kramte in ihrer Hemdtasche und reichte ihm ein Foto. T.C. betrachtete es
lange schweigend.
„Sie beide sind ein wirklich schönes Paar.“ sagte er nach einer Weile. Meg
lächelte dankbar. Allein die Tatsache, dass er von ihr und Ben nicht in der
Vergangenheitsform sprach, tat ihr unsagbar gut. Sie wollte das Foto gerade
wieder einstecken, als sie hinter sich ein Geräusch hörten.
Erschrocken sahen T.C. und Meg sich um.
Ein alter Mann stand
da zwischen den Bäumen und beobachtete sie beide argwöhnisch. Er trug ein
verwaschenes Baumwollhemd und alte zerschlissene Hosen, die ihm bis knapp über
die Knie reichten. Sein weißes Haar hing bis auf die Schultern, und unter dem
Arm trug er ein Bündel Reisig, das er eben gesammelt hatte.
„Ein Eingeborener.“ sagte T.C. leise und nickte dem Mann aufmunternd zu.
„Aloha!“ rief er. Mißtrauisch und vorsichtig trat dieser näher.
„Normalerweise sind sie sehr freundlich. Aber wahrscheinlich verirrt sich selten
jemand hierher.“ flüsterte T.C. Meg zu. „Oder sie sind noch verunsichert durch
den Absturz hier in der Nähe und die Polizei mit den Suchhunden.“ Er stand auf
und holte eine Flasche Wasser aus dem Helikopter. Er hielt sie dem Mann hin und
machte eine einladende Bewegung. Dessen Gesicht hellte sich auf. Er setzte sein
Bündel ab, kam heran, griff dankend nach der Flasche und nahm einen tiefen
Schluck. Dann drehte er sich um und rief etwas in den Wald hinein. Kurz darauf
erschien eine ältere Frau, die einen großen Korb mit dürren Ästen auf dem Rücken
trug. Sie sah aufmerksam von T.C. zu Meg und lächelte schüchtern. T.C. bot auch
ihr von dem Wasser an, dass sie dankend annahm. Sie trug einen grobgewebten
langen Rock, dessen ehemals bunte Farben stark verblasst waren. Die blaue
Baumwollbluse hing lose darüber. Was Meg faszinierte, waren ihre langen
schwarzen Haare, die sie lose zu einem Zopf zusammengebunden hatte und die ihr
fast bis zur Taille reichten.
Die Frau wollte den schweren Korb absetzen und Meg sprang hinzu, um ihr zu
helfen. Gemeinsam stellten sie ihn auf die Erde, und als Meg sich wieder
aufrichtete, lächelte die Frau sie dankbar an. Plötzlich wurde ihr Blick ernst,
sie starrte mit großen Augen ungläubig auf die Halskette, die Meg immer trug,
jenen kleinen tropfenförmigen Anhänger mit der in Gold gefassten Perle. Langsam
und zögernd hob sie ihre Hand und berührte ehrfurchtsvoll den Anhänger. Sie
sagte einige Worte, die Meg nicht verstand und verbeugte sich vor ihr. Erstaunt
sah sich Meg nach T.C. um.
„Was hat sie gesagt?“ fragte sie. T.C. trat näher und warf nun seinerseits einen
Blick auf Megs Halskette.
„Sie hält den Anhänger für eine „Träne Gottes“.“ übersetzte er.
„Was?“ fragte Meg, als hätte sie nicht recht verstanden.
„Die Eingeborenen, die noch in den Wäldern in ihren Dorfgemeinschaften leben,
sind sehr gläubig.“ erklärte er. „Ihr ganzes Leben wird von Ritualen,
vermeintlichem Zauber und solchen Dingen bestimmt. Sie sind für diese Frau jetzt
so etwas wie eine Götterbotin.“
„Nein!“ wehrte Meg ab und lächelte die Eingeborene kopfschüttelnd an, „nein, das
bin ich nicht.“ Die jedoch starrte weiterhin fasziniert auf den Anhänger. Der
Mann war ebenfalls hinzugetreten und warf einen Blick auf die Kette. Auch er
neigte den Kopf ehrfurchtsvoll.
Meg hatte sich wieder gefangen und erinnerte sich an den eigentlichen Grund
ihres Hierseins. Sie zog das Foto von Ben aus der Tasche und zeigte es den
beiden Eingeborenen. Die Augen der Frau weiteten sich für eine Sekunde, und sie
begann, aufgeregt auf den Mann einzureden. Der jedoch starrte das Foto nur kurz
an und gebot der Frau dann mit einer kurzen Bewegung zu schweigen. Er sah Meg an
und schüttelte bedauernd den Kopf. Dann sagte er hastig etwas zu T.C., packte
den Korb und marschierte mit schnellen Schritten zurück in den Wald.
Die Frau wollte noch etwas sagen, aber ihr Begleiter rief ungeduldig nach ihr.
Gehorsam wandte sie sich um und verschwand hinter ihm im dichten Unterholz.
Meg sah T.C. gespannt an.
„Was war denn das?“ fragte sie erstaunt. „Was haben sie gesagt?“
T.C. zuckte bedauernd die Schultern.
„Was die Frau gesagt hat, konnte ich nicht verstehen, aber der Mann befahl ihr
zu schweigen. Dann hat er sich für das Wasser bedankt. Das war alles.“
„Eigenartig... Ich hätte schwören können, sie hat Ben auf dem Foto erkannt!“
rief Meg.
T.C. nickte.
„Ja, für einen Moment dachte ich das auch. Aber dann... nein, sicher hat sie
sich geirrt.“
„Oder sie durfte nichts sagen.“ vermutete Meg. „Ich weiß auch nicht, das Ganze
ist mir irgendwie nicht ganz geheuer.“
„Stimmt.“ meinte T.C. „Wir sollten jetzt besser zurückfliegen.“
Sie stiegen in den Helikopter. Meg blickte angestrengt zum Waldrand hinüber,
aber sie konnte niemanden mehr entdecken.
Dafür wurde jede ihrer Bewegungen genau verfolgt, von aufmerksamen Augen,
verborgen im dichten Grün des tropischen Waldes.
Als Ricardo und Antonio das Krankenzimmer von Madame Carmen betraten, war Dr. Robinson gerade dabei, ihr eine kreislaufstabilisierende Spritze zu geben. Sie schien zu schlafen, und Dr. Robinson gab den beiden ein Zeichen, daß sie sich ruhig verhalten sollten. Er gab der ebenfalls im Raum anwesenden Schwester die Order, noch einmal bei Madame Carmen Blutdruck zu messen und verließ dann mit Ricardo und Antonio das Zimmer. Die beiden sahen sich fragend an, und Dr. Robinson bat sie in sein Sprechzimmer. Als alle platz genommen hatten, begann er mit seinem Bericht.
"Ihre Mutter hatte wieder einen Anfall," erklärte er knapp.. "Die Schwester fand sie bewußtlos in ihrem Bett, und das hier ..." er wies auf ein Bündel Karten auf seinem Tisch," lag neben dem Bett." Dr. Robinson sah die beiden Brüder prüfend an. "Kann mir einer erklären, was das zu bedeuten hat?" fragte er und sah Ricardo ratlos an. Dieser senkte den Kopf und schaute auf seine Hände. Antonio räusperte sich.
"Wann genau hatte unsere Mutter diesen Anfall?" fragte er langsam und warf einen raschen Blick zu Ricardo hinüber. Dr. Robinson runzelte die Stirn.
"Ich verstehe ihre Frage nicht so ganz," sagte er irritiert.
"Aber wenn sie es genau wissen wollen, vor ca. einer Stunde," fügte er erklärend hinzu. Ricardo sog scharf den Atem ein und sah kurz zu Antonio hinüber. Beide dachten in diesem Moment dasselbe: Der zerbrochene Spiegel war der Grund für den erneuten Anfall ihrer Mutter! "Entschuldigen Sie, daß ich so neugierig frage," unterbrach Dr. Robinson ihre Gedanken," aber was macht ihre Mutter mit den Karten?"
Antonio kratzte sich am Kopf.
"Unsere Mutter ist eine Hellseherin," sagte er erklärend, "sie kann in die Zukunft schauen ... meint sie jedenfalls," fügte er hinzu. Ricardo saß immer noch wie versteinert auf seinem Stuhl und überließ Antonio das Wort.
"Das hört sich für mich nach viel Hokuspokus an," sagte Dr. Robinson und runzelte die Stirn. "Ich bin bestimmt alternativen Heilungsmethoden gegenüber sehr aufgeschlossen , aber das hier," er wies wieder auf die Karten," geht eindeutig zu weit!" sagte er unwillig.
Antonio senkte den Kopf.
"Ich möchte mich für das Verhalten meiner Mutter entschuldigen," sagte er förmlich, "und ich werde dafür sorgen, daß sie keine Gelegenheit mehr bekommt, hier im Krankenhaus ihre Karten zu legen." Dr. Robinson nickte zufrieden. "Im Moment ist ihre Mutter zwar stabil, aber jegliche Aufregung sollte von ihr ferngehalten werden," sagte er eindringlich. Er räusperte sich. "Sonst kann ich für das Leben ihrer Mutter nicht garantieren," fügte er bestimmt hinzu.
Antonio sah erschrocken zu Ricardo hinüber, der immer noch wie geistesabwesend vor sich hin starrte.
"Ich denke, wir haben uns verstanden," sagte Dr. Robinson abschließend und gab den Brüdern die Hand. Nachdem er sich verabschiedet hatte, atmete Antonio tief durch. Ricardo hob den Kopf. "Es ist alles meine Schuld ..." sagte er mit tonloser Stimme.
Antonio schüttelte energisch den Kopf.
"Rede Dir das bitte nicht ein," sagte er und ergriff Ricardos Arm. "Mama ist nicht mehr die Jüngste, und sie hat sich in der letzten Zeit einfach zuviel zugemutet," versuchte er Ricardo zu beruhigen.
"Nein," sagte dieser barsch. "Sie war gesund, bevor ..." er unterbrach sich und überlegte einen Moment," ... bevor dieser schreckliche Unfall mit Casey geschah," beendete er den Satz.
Antonio schüttelte den Kopf.
"Das war ein Unfall, Ricardo!" sagte er. Ricardo sah ihn mit einem leeren Blick an.
"Wenn Du mich jetzt bitte entschuldigen würdest," sagte er und ging zur Tür," ich muß zum Police Departement. Dort wartet noch eine Menge Arbeit auf mich." Er schob Antonio zur Seite. "Ricardo, Du kannst doch jetzt nicht ..." versuchte er seinen Bruder noch zurückzuhalten, doch Ricardo hatte schon das Sprechzimmer verlassen und ging den Flur entlang zum Ausgang.
In Rics „Cafè
Americain“ war es um die Mittagszeit noch sehr still, denn die kleine Bar an der
Strandpromenade öffnete offiziell erst am Nachmittag. Für Magnum und seine
Freunde hatte Ric jedoch heute schon einen Tisch eingedeckt und vom Italiener
nebenan ein leckeres Mittagessen bestellt.
„Nur vom Feinsten!“ dachte er, „Es soll keiner was zu meckern haben!“
Wenig später saß er mit Thomas und Sam auf der kleinen gemütlichen Cafè-
Terrasse, die, dicht umsäumt von dicken Palmenblättern, Schutz vor der heißen
Sonne bot.
Sam sah ungeduldig auf die Uhr und atmete sichtlich erleichtert auf, als er Meg
erblickte, die gemeinsam mit T.C. auf der anderen Strassenseite aus dessen Wagen
stieg.
Nachdem Magnum Sam und Meg mit Rick bekannt gemacht hatte, tauschten sie
zunächst ihre Neuigkeiten aus, die sie während des Vormittages gesammelt hatten.
Ric servierte kühle exotische Drinks und setzte sich zu ihnen.
Die Tatsache, das von Ben nach wie vor jede Spur fehlte, weckte in Meg gemischte
Gefühle. Einerseits war sie unsagbar erleichtert darüber, dass man sie nicht mit
der unumstößlichen und schrecklichen Tatsache konfrontierte, Ben sei tot und man
habe seine Leiche irgendwo gefunden. Andererseits... wo war er? Brauchte er
Hilfe? Ging es ihm vielleicht schlecht, hatte er Schmerzen? Sie rührte
gedankenverloren in ihrem Glas, während T.C. den anderen ihre merkwürdige
Begegnung mit den beiden Eingeborenen schilderte.
„Ich bin sicher, die Frau hat Ben auf dem Foto erkannt.“ sagte sie leise.
„Jedenfalls schien es für einen Augenblick so.“
T.C. nickte.
„Ja, aber es war, als hätte sie vor irgend etwas Angst. Ich konnte nicht
verstehen, was der Mann daraufhin zu ihr sagte, aber für mich klang es eindeutig
wie eine Aufforderung zu Schweigen.“
Magnum sah ihn nachdenklich an. Unwillkürlich kamen ihm die drei Medizinmänner
wieder in den Sinn, die ihm gestern Nacht beinahe ins Auto gelaufen wären.
Normalerweise benahmen sich die Eingeborenen hier nicht so merkwürdig. Gab es da
einen Zusammenhang?
Rick brachte das Essen herein.
„Lecker!“ Sam grinste und warf Thomas und T.C. einen amüsierten Blick zu. „Sieht
aber nicht nach McDonalds aus, meine Herren!“
Die beiden sahen an und hoben ratlos die Schultern.
„Dieses Menü gab es doch bei Dir noch nie!“ rief Thomas. Ric lächelte
spitzbübisch.
„Steht erst seit heute auf der Speisekarte!“
Während des Essens
berieten Sam und Meg darüber, ob sie in Sunset Beach im Police Departement
anrufen und dort von ihrem Verdacht gegen A.J. berichten sollten.
„Gibt es jemanden dort, dem wir vertrauen können und der sich vor allem durch
nichts und niemanden bestechen läßt?“ fragte Sam.
Meg
nickte.
„Ricardo Torres.
Er arbeitet als
Detektiv und ist der Freund meiner besten Freundin. Ihm können wir alles
erzählen.“
„Sind Sie sicher?“ erkundigte sich Sam vorsichtig.
„Hundertprozentig.“ lächelte Meg und zog ihr Handy heraus. „Ich werde ihn sofort
anrufen.“
Sie ging hinein und setzte sich an die leere Bar, um ungestört telefonieren zu
können, während sich die Männer draußen weiter in ihr Gespräch vertieften.
Meg hatte Glück, Ricardo war gleich selbst am Apparat. Erstaunt hörte er, was
sie zu berichten hatte. Er machte sich einige Notizen und versprach, sich
persönlich um die Sache zu kümmern. Zufrieden mit seiner Reaktion bat sie ihn,
Gabi und den Bewohnern des Surf Centers liebe Grüße auszurichten und legte dann
auf.
Gerade wollte sie wieder hinausgehen, als ihr Handy plötzlich zu klingeln
begann.
„Ricardo?“ fragte sie erstaunt, in der Annahme, er hätte noch etwas vergessen.
„Nein, hier ist nicht Ricardo...“ hörte sie stattdessen eine bekannte Stimme.
„Derek!“ Erfreut lauschte sie in den Hörer. „Alles in Ordnung bei Euch?“
„Wenn Du Sara und das Baby meinst, ja, den beiden geht es blendend. Das erste
Foto von der Ultraschalluntersuchung haben wir auch schon.“
„Fein!“ freute sich Meg. „Und... wie geht es Dir?“ erkundigte sie sich
vorsichtig. Irgendwie klang seine Stimme so, als ob ihn etwas bedrückte.
„Erzähl mir erst alle Neuigkeiten!“ lenkte er ab und lauschte gespannt, was sie
zu berichten hatte.
„Das alles bestätigt meine Ahnung.“ meinte er wenig später.
„Welche Ahnung? Wovon sprichst Du?“ fragte Meg erstaunt.
„Na ja“ druckste er etwas unbeholfen herum, „Du kennst mich ja nun schon eine
Weile, Meg, und es ist so, dass ich nie was von solchen Dingen wie Mystik, Magie
oder Telepathie und dem ganzen Hokus Pokus gehalten habe, aber... eigentlich
wollte ich Dir nur sagen, dass ich, was Ben betrifft, von Anfang an das gleiche
Gefühl habe wie Du, dass er noch lebt!“
Meg lauschte gespannt. Ihre Hand umkrampfte das Handy.
„Wie kommst Du plötzlich darauf?“ fragte sie ungläubig. Er lachte nervös.
„Ich weiß auch nicht, ich kann es mir nicht erklären, Sara sagt, das liegt
daran, dass man Zwillingen häufig nachsagt, sie hätten mitunter einen besonderen
Draht zueinander... sicher hälst Du mich jetzt für verrückt, aber Du und ich,
wir sind die beiden Menschen, die Ben am nächsten stehen, auch wenn es bei mir
noch nicht lange so ist... und wenn wir beide fühlen, dass er nicht tot ist,
dann... Meg, bist Du noch da?“
„Ja...“ sagte sie gedankenverloren. „Derek, Du ahnst nicht, was Dein Anruf für
mich bedeutet!“ Plötzlich zog ein Lächeln über ihr Gesicht. „Du bist ganz und
gar nicht verrückt, im Gegenteil...“
„Okay“ er atmete merklich auf, „Sara wollte, dass ich Dich anrufe. Sie meinte,
Du solltest wissen, was ich wegen Ben empfinde.“
„Ja, sie hatte ganz recht.“ antwortete Meg leise. „Bitte grüß sie von mir, ich
rufe Euch wieder an, wenn es Neuigkeiten gibt.“ Sie schluckte und fügte dann
leise hinzu: „und... Derek... danke!“
„Du hast ja Dein
Essen kaum angerührt, Rae!“ stellte Wei-Lee fest und musterte seine Verlobte
besorgt. Sie wich seinem Blick aus und schob ihren Teller weg.
„Ich bin nicht besonders hungrig.“ entgegnete sie, atmete tief durch und
straffte die Schultern. „Eigentlich wollte ich überhaupt nichts essen, als ich
Dich bat, mich hier zu treffen, Wei-Lee.“ Sie bemühte sich, ihm nun fest in die
Augen zu sehen. „Ich wollte nur mit Dir reden. Jetzt, sofort!“
Wei-Lee hob lediglich eine Augenbraue leicht an, was bei ihm für gewöhnlich ein
gewisses Erstaunen zum Ausdruck bringen sollte. Ansonsten wirkte er ruhig und
ziemlich unbeeindruckt. Er hob die Hand und winkte einen der Kellner des kleinen
Nobelrestaurants am Fuße des bekannten, kleeblattförmigen Bonaventure- Hotels in
Los Angeles herbei.
„Ich hätte gerne eine Flasche Ihres besten Champagners.“ ordnete er an und
betrachtete Rae mit seinem typisch unergründlichen asiatischen Lächeln.
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich möchte nicht...“
„Aber ich bitte Dich!“ fiel er ihr ins Wort, „laß mich wenigstens mit meiner
wunderschönen Braut auf unsere bevorstehende Hochzeit anstoßen! Du weißt doch,
was lange währt, wird nun endlich gut.“
„Wei-Lee“ Rae biß sich auf die Lippen und suchte krampfhaft nach den richtigen
Worten, „es tut mir leid, aber... es wird keine Hochzeit geben. Morgen nicht und
in Zukunft auch nicht. Ich habe mich entschieden...“
Er musterte sie mit undurchdringlichem Blick.
„Entschieden für was... oder sollte ich fragen, für wen?“
Sie streckte trotzig das Kinn vor.
„Ich habe mich für Casey und für mein Leben in Sunset Beach entschieden!“
„Und was sagen Deine Eltern dazu?“
„Sie werden es akzeptieren...“
„Und wenn nicht?“ bohrte er weiter, wohl wissend, was ihre Familie ihr
bedeutete, und dass er damit einen wunden Punkt in ihrem Leben berührte. Doch
diesmal hatte er sich geirrt.
„Es wird schwer für mich, aber ich kann damit leben. Ich werde mich diesmal
nicht erpressen lassen.“ sagte sie ruhig und bestimmt.
Wei-Lees Augen verengten sich. Langsam spürte er eine kalte Wut in sich
aufsteigen.
„Du willst Dich nicht erpressen lassen?“ Er lachte höhnisch. „Und was macht
dieser Rettungsschwimmer mit Dir? Er erpresst Dich doch genauso! Liegt da in
seinem Krankenbett und läßt sich von Dir trösten, genießt Dein Mitgefühl... Rae,
wach auf! Willst Du Dich allen Ernstes ein Leben lang an diesen... diesen
Krüppel binden?“
Die Stille, die darauf folgte, war tödlich.
Alle Farbe war aus Raes Gesicht gewichen. Langsam stand sie auf und legte ihre
Serviette weg. Ihre Augen waren dunkel vor verhaltener Wut.
„Casey Mitchum ist ein wundervoller Mensch, und er hat mehr Format, als Du
jemals in Deinem Leben erreichen wirst. Ich habe Dich immer geschätzt, aber
jetzt machst Du mir meine Entscheidung wirklich leicht. Leb wohl, Wei-Lee.“ Sie
griff nach ihrer Tasche und ging davon, ohne sich umzudrehen.
Er sprang auf.
„Rae, warte...“
Als er bemerkte, wie sich im Restaurant einige Köpfe interessiert nach ihm
umdrehten, rückte er verlegen seine Krawatte zurecht und setzte sich wieder. Nur
keine Szene in der Öffentlichkeit! Er würde das schon wieder geradebiegen, auf
seine Art und in aller Stille...
Tränen der Wut und
Enttäuschung in den Augen verließ Rae das Restaurant und prallte am Ausgang
ziemlich unsanft gegen einen älteren Herrn.
„Verzeihen Sie bitte vielmals!“ entschuldigte sie sich höflich und wollte
schnell an ihm vorbei, als seine Stimme sie zurückhielt.
„Rae? Rae Chang?“
Erstaunt drehte sie sich um und sah ihn an. Plötzlich hellte sich ihr Gesicht
auf und sie zog ungläubig die Stirn in Falten.
„Dr. Morton?“
Er nickte lächelnd und ergriff freudig überrascht ihre Hand.
„Was zum Teufel macht meine beste, talentierteste Studentin hier in Los Angeles?
Ich hätte angenommen, Sie arbeiten längst in einer der renomiertesten
chirurgischen Kliniken der Welt!“
Rae lachte, konnte jedoch nicht verhindern, dass ihr noch eine der bislang
mühsam zurückgehaltenen Tränen über die Wange lief.
„Na, was denn, was denn, junge Dame? Haben Sie Kummer?“
„Nein“ schüttelte Rae abwehrend den Kopf, „es ist kaum der Rede wert...“
„Nun, so sieht mir das aber nicht aus!“
„Entschuldigen Sie, Dr. Morton, aber ich möchte Sie keinesfalls mit meinen
persönlichen Problemen behelligen!“
„Ach was!“ winkte er energisch ab. „Ich habe sowieso gerade nichts besseres vor.
Also wenn Sie einverstanden sind, dann suchen wir uns ein gemütliches
Restaurant, trinken ein Glas Wein zusammen und plaudern aus den guten alten
Universitätstagen. Und wenn Sie möchten, erzählen Sie mir ganz nebenbei, was Sie
bedrückt. Sie wissen doch, ich bin ein guter Zuhörer!“
Rae lächelte.
„Einverstanden!“ sagte sie kurzentschlossen.
„Na, das ist doch ein Wort. Sie machen einem alten Mann eine große Freude! Darf
ich bitten?“ Er bot ihr galant seinen Arm, und sie hakte sich bei ihm ein.
Zusammen gingen sie ein Stück die Strasse hinunter und fanden schließlich eine
nette kleine Taverne am Hafen, wo sie sich niederließen und begannen, in
gemeinsamen medizinischen Erinnerungen zu schwelgen.
Gabi stand gerade unter der Dusche, als jemand an die Badezimmertür klopfte.
"Gabi, dreh' den Wasserhahn ab! Du hast Besuch," hörte sie Marks Stimme.
Überrascht und neugierig, wer sie wohl besuchen kam, drehte sie die Dusche ab, griff nach ihrem Badehandtuch und drapierte es sich kunstvoll um den Körper. Mark grinste, als er sie in diesem Aufzug aus dem Badezimmer kommen und den Gang zu ihrem Zimmer entlanggehen sah. Sie öffnete die Zimmertür und erstarrte.
"Ricardo, was machst Du hier?" rief sie überrascht, als sie sah, wer der Besucher war.
Verlegen sah er sie an.
"Es tut mir leid, wenn ich Dich störe, aber ich habe Neuigkeiten von Meg," erklärte er sein Auftauchen. Für einen Moment vergaß Gabi ihre Differenzen mit ihm. Sie interessierte sie nur, was er ihr von Meg, bzw. über Ben zu berichten hatte.
"Wie geht es ihr?" fragte sie und griff nach einem zweiten Handtuch, daß sie sich um den Kopf wickelte.
"Ganz gut, denke ich," sagte Ricardo geistesabwesend, während er seinen Blick nicht von Gabi wenden konnte. Wie sie so vor ihm stand, nur in dieses Badehandtuch gewickelt, daß mehr von ihren weiblichen Reizen zeigte als es verbarg, fühlte er, wie sich bei ihrem Anblick sein Puls beschleunigte. Sein Blick wanderte von dem Ansatz ihrer Brüste bis hinab zu ihren schlanken, braunen Beinen. Ricardo fühlte plötzlich einen Kloß in seinem Hals, und er mußte dem Impuls widerstehen, sie einfach in seine Arme zu reißen.
"Das ist alles, was Meg gesagt hat?" fragte Gabi ungeduldig. Er schüttelte den Kopf.
"So wie es aussieht, scheint Ben aus der Maschine geschleudert worden zu sein," sagte er und musterte Gabi weiterhin von oben bis unten. Erst jetzt schien auch diese sich ihres Aufzuges bewußt zu werden.
"Würdest Du Dich bitte mal umdrehen!" forderte sie Ricardo auf. Obwohl es sicher nicht eine Stelle an ihrem Körper gab, die er nicht kannte, überkam Gabi ein Gefühl der Scham bei der Vorstellung, ihr Handtuch gänzlich vor ihm fallen zu lassen. Ricardo sah sie erstaunt an, drehte sich dann aber um. Schnell riß Gabi ein Kleid vom Bügel und streifte es sich über.
"Okay, Du kannst Dich wieder umdrehen," sagte sie. Sie zog das Handtuch von ihrem Kopf und schüttelte ihre langen, noch leicht feuchten Haare über dem Kopf aus. Als sie ihren Kopf dann wieder schwungvoll nach hinten warf, sah sie, wie Ricardo sie wie gebannt anstarrte. Schnell senkte sie den Blick.
"Was - was hat Meg noch gesagt?" fragte sie. Ricardos bohrender Blick ließ sie zunehmend nervöser werden.
"Der Pilot wurde tot aus der Maschine geborgen, aber von Ben gibt's bisher keinerlei Spur," fuhr er mit seiner Erzählung fort. Gabi sah ihn stirnrunzelnd an.
"Meinst Du, daß das ein gutes Zeichen ist?" fragte sie. Ricardo sah sie nachdenklich an.
"Na ja," sagte er und kratzte sich am Kopf," so lange er noch nicht gefunden wurde, bleibt immerhin noch die Hoffnung, daß er den ..." er unterbrach den Satz schnell, weil ihm in diesem Moment einfiel, daß es besser wäre, wenn Gabi nichts davon erfahren würde, daß der Absturz der Maschine kein Zufall war. "... den Unfall doch noch überlebt hat," beendete er den Satz.
Gabi nickte.
"Arme Meg!" sagte sie bedauernd. "Ich wäre jetzt gerne bei ihr, um sie zu trösten." Sie schaute hoch, und ihr Blick traf sich mit Ricardos. Einen Moment sahen sie sich nur an, und Gabi erkannte in seinen Augen einen tiefen Schmerz. Ricardo schluckte.
"Meg hat mich gebeten, Dir Grüße auszurichten," sagte er. Er senkte den Blick. "Deshalb bin ich auch persönlich vorbeigekommen," fügte er leise hinzu. Gabi lächelte.
"Danke!" sagte sie. Ricardo fühlte plötzlich wieder diesen Kloß in seinem Hals, als sich ihre Blicke erneut trafen.
"Gern geschehen," sagte er mit rauher Stimme. Keiner der beiden war imstande, seinen Blick von dem anderen zu lösen, und im Raum spürte man förmlich die Elektrizität, die von beiden ausging. Der Stromkreis wurde unterbrochen, als jemand von außen gegen die Tür klopfte.
"Gabi, Telefon!" hörte sie wieder Marks Stimme.
Sie brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. Dann warf sie Ricardo einen entschuldigenden Blick zu, verließ das Zimmer und folgte Mark nach unten.
"Sara?" Vorsichtig beugte Derek sich über sie und gab ihr einen sanften Kuß auf die Stirn.
Sara lächelte und öffnete langsam die Augen. "Du hast so friedlich geschlafen," sagte er," aber wenn wir noch ins Deep wollen müssen wir uns beeilen."
Abrupt setzte Sara sich auf, um dann gleich darauf wieder stöhnend zurück in ihr Kissen zu sinken.
"Vielleicht ist es doch besser, wenn Du hier bleibst und Dich ausruhst," sagte Derek nachdenklich, während er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich.
"Nein!" Sofort setzte Sara sich wieder auf. "Es geht mir prima, wirklich," beteuerte sie und sah ihn bittend an. "Ich möchte nicht die nächsten 9 Monate in diesem Bett verbringen!" fügte sie hinzu und verzog das Gesicht. Derek seufzte.
"Na, gut, Du tust ja doch, was Du willst," sagte er resigniert," aber bitte," fügte er hinzu," sei vernünftig und überanstrenge Dich nicht!"
Sara lächelte.
"Ich schwöre es!"
sagte sie und kreuzte die Finger übereinander.
Als sie im Deep ankamen, war Caitlin gerade dabei, die Stühle von den Tischen zu
heben.
"Hey, bekommen wir jetzt Verstärkung?" fragte sie lachend zur Begrüßung. Sie streckte Sara die Hand entgegen und nickte ihrem Boss freundlich zu. "Willkommen im Kreis der Mitarbeiter!" sagte sie und lächelte. Sara erwiderte das Lächeln.
"Ja, ich freue mich auch, wieder hier zu sein," sagte sie ehrlich. "Ich bin froh, daß ich jetzt etwas sinnvolles tun kann bis ..." Schnell unterbrach sie den Satz und biß sich auf die Lippen, als sie sah, wie Derek ihr einen scharfen Blick zuwarf. Er hatte recht, es war sicher kein geeigneter Moment, Caitlin von der Schwangerschaft zu erzählen! Caitlin sah sie stirnrunzelnd an.
"Bis was?" fragte sie neugierig. Sara lächelte verkrampft.
"Bis ich etwas anderes gefunden habe," sagte sie schnell und warf einen Blick zu Derek hinüber, der erleichtert aufatmete. Caitlin sah sie einen Moment irritiert an, dann besann sie sich wieder auf ihre Arbeit.
"Könntest Du mir helfen, die letzten Stühle runterzustellen?" richtete sie die Frage an Sara. "Klar!" antwortete diese, doch kaum hatte sie den ersten Stuhl angefasst, mischte Derek sich ein.
"Ähm, Sara, würdest Du bitte für einen Moment mit in mein Büro kommen?" forderte er sie auf. Verwirrt sah sie ihn an, folgte ihm dann aber folgsam die Stufen hinauf. Als Derek die Tür zum Büro geschlossen hatte, sah Sara ihn fragend an.
"Habe ich etwas falsches gesagt?" fragte sie unsicher. Derek seufzte und forderte sie auf, platz zu nehmen.
"Ich habe Dir nur erlaubt, hier zu arbeiten unter der Bedingung, daß es unserem Baby nicht schadet," sagte er langsam. Sara rieb sich die Nase.
"Ja, und?" fragte sie irritiert.
"Stühle tragen und Tische rücken sind eindeutig Dinge, die nicht zu Deinem Aufgabengebiet gehören," sagte er bestimmt.
"Aber ich wollte Caitlin doch nur helfen," versuchte sie ihr Tun zu rechtfertigen.
Derek seufzte wieder.
"Ja, ich weiß, aber in Zukunft möchte ich, daß Du das Mark oder Caitlin überlässt, okay?" sagte er versöhnlicher. Sara nickte.
"Jawohl, Boss!" sagte sie und grinste. Derek zog sie in seine Arme.
"Und nun bekommt meine neue Mitarbeiterin erst einmal die Begrüßung, die ihr zusteht," sagte er leise und gab ihr einen leidenschaftlichen Kuß.
"Wow!" Sara rieb sich ihre Lippen. "Wird jede neue Mitarbeiterin auf diese Weise begrüßt?" fragte sie schmunzelnd. Derek lachte.
"Dann hätten wir hier sicher nicht so einen Personalmangel," sagte er. Sara verdrehte die Augen. "Wenn ich jetzt nicht gehe, werde ich erst gar nicht zum Arbeiten kommen," sagte sie.
Derek ließ sie seufzend los.
"Ja, Du hast recht, und ich muß mich jetzt auch um diese Papiere kümmern." Er wies auf seinen Schreibtisch, auf dem ein Stapel Akten herumlag.
"Na dann, viel Spaß!" sagte Sara grinsend, bevor sie das Büro verließ und nach unten zur Bar ging.
Als sie an diesem
Nachmittag in Robin Masters „Nest“ zurückkehrten, wurden sie von Higgins schon
ungeduldig erwartet.
„Lady Agatha Chumley erwartet Sie bereits zum Tee“ erinnerte er Meg, und ein
leichter Vorwurf schwang in seiner Stimme mit.
„Oh ja, natürlich, entschuldigen Sie!“ erwiderte sie und warf Sam und Magnum
heimlich einen leicht genervten Blick zu. Thomas zwinkerte ihr aufmunternd zu.
Sie hatten beide während der Fahrt hierher ein heimliches Abkommen getroffen.
„Wenn Sie sich in spätestens einer anderthalben Stunde nicht bei mir gemeldet
haben, komme ich unter irgend einem Vorwand rüber und hole Sie da raus!“ hatte
er ihr versprochen.
Higgins, ganz Gentleman der alten Schule, bot Meg seinen Arm und führte sie ins
Haus.
„Vielleicht... sollte ich mich erst ein wenig frischmachen.“ wagte sie den
Versuch, der „Tea- Time“ wenigstens noch ein paar Minuten zu entkommen.
„Aber nein, das ist überhaupt nicht nötig, Sie sehen bezaubernd aus, Miss
Cummings!“
Dieses Kompliment kam nicht etwa von Higgins, sondern von der großen, schlanken
Dame, die ihnen aus dem Salon entgegenkam und Meg über den Rand ihrer riesigen
Brille freundlich lächelnd musterte.
Higgins begann sogleich, sie miteinander bekanntzumachen:
„Meg, darf ich Ihnen eine sehr gute Freundin von mir und natürlich auch von
Mister Masters vorstellen: Lady Agatha Chumley. Agatha, das ist ....“
Lady Agatha unterbrach ihn etwas unwirsch und winkte nur ab.
„Aber Jonathan, das weiß ich doch alles schon längst.“ Sie ging auf Meg zu und
schüttelte ihr überschwenglich beide Hände. „Herzlich willkommen auf Big Island,
meine Liebe! Jonathan hat so von Ihnen geschwärmt, dass ich es kaum erwarten
konnte, sie endlich persönlich kennenzulernen!“
Meg zog erstaunt die Augenbrauen hoch.
„So, hat er...?“ fragte sie und warf einen Blick auf Higgins, dem das Ganze
ziemlich peinlich war. Er räusperte sich verlegen. Agatha ließ sich davon jedoch
nicht beirren. Sie betrachtete Meg wohlwollend.
„Und ich muß sagen, er hat wirklich nicht übertrieben!“
„Vielen Dank, Lady Chumley. Es freut mich auch sehr, Sie kennenzulernen.“
erwiderte Meg.
„Oh bitte, nennen Sie mich Agatha, Chumley ist der Name meines verstorbenen
Ehegatten, Gott hab ihn selig, dabei mochte ich ihn nicht mal besonders...“
plapperte Higgins Freundin munter drauflos, während sie Meg hinter sich her in
den Salon zog. Unwillkürlich mußte Meg an Bette denken und hatte Mühe, nicht
laut loszulachen.
Während sie auf dem antiken, samtbezogenen Sofa platz nahmen, betrachtete sie
Lady Agatha aufmerksam. Eine Schönheit war sie wahrhaftig nicht, lang und dürr,
mit einem hageren Pferdegesicht, dessen Form die große Hornbrille noch
zusätzlich sehr unvorteilhaft betonte. Sie trug ein geblümtes Sommerkleid mit
einem gehäkelten Spitzenkragen, der Meg an die Filetdeckchen ihrer Großmutter
erinnerten. Auch Lady Agathas Schuhe schienen aus einem vergangenen Jahrhundert
zu stammen. Trotz alledem aber strahlten ihre Augen eine herzerfrischende Wärme
aus, eine Tatsache, die ihr eigene Schönheit verlieh und sie interessant und
sympathisch erscheinen ließ.
Während einer der Dienstboten den Tee einschenkte, erkundigte sich Higgins bei
Meg über den aktuellen Stand der Dinge. Bereitwillig berichtete sie ihm die
wichtigsten Ereignisse des Vormittages. Lady Agatha hörte ebenfalls aufmerksam
zu. Als die Rede auf die beiden Eingeborenen kam, und Meg davon erzählte, wie
ehrfurchtsvoll die Eingeborene ihren Kettenanhänger berührt hatte, stand sie auf
und betrachtete das Schmuckstück genau.
„Eine Träne Gottes...“ wiederholte sie nachdenklich. Meg nickte überrascht.
„Ja, so hat sie ihn genannt. Woher wissen Sie das?“
„Nun“ Agatha setzte sich und nahm einen Schluck Tee. „Ich lebe schon sehr lange
auf dieser Insel, und vieles ist mir vertraut, auch einiges, was die
Einheimischen hier angeht. Nicht alle haben sich dem Massentourismus
verschrieben, müssen Sie wissen. Das Gebiet der Kailua- Kona am Fuße des Vulkans
Mauna Loa ist ziemlich groß, und dort kommen kaum Fremde hin, weil der Vulkan
jederzeit wieder tätig werden kann. Einige Eingeborenenstämme haben sich dorthin
zurückgezogen und leben fernab der sogenannten „modernen Welt“ in ihren Dörfern.
Sie sind zwar ein freundlicher Menschenschlag, aber durch und durch gläubig.
Dort gibt es noch richtige Medizinmänner, alte Rituale und sehr viel Magie.
Diese Frau, die Sie getroffen haben, Meg, war bestimmt eine von Ihnen, und für
sie sind Sie mit dieser „Träne Gottes“ so etwas wie...“
„...eine Götterbotin?“ ergänzte Meg lächelnd.
„Ja, genau!“ rief Agatha begeistert. „Woher wissen Sie das?“
„T.C. hat das selbe gesagt, als wir dort waren.“
Higgins hatte die ganze Zeit über schweigend zugehört. Als er jedoch hörte, wie
die beiden Eingeborenen auf das Bild von Ben reagiert hatten, wechselte er mit
Agatha einen bedeutungsvollen Blick, der Meg nicht entging.
„Würden Sie mich bitte einen Moment entschuldigen, ich bin gleich zurück.“ sagte
er höflich und verließ den Salon.
„Und Sie sind sich ganz sicher, dass Ihr Verlobter noch am Leben ist, Meg?“ nahm
Lady Agatha den faden wieder auf. Meg nickte.
„Ja, das bin ich“ antwortete sie fest, „und zwar so lange, bis man mich vom
Gegenteil überzeugt!“
Agatha lächelte verträumt.
„Sie beide müssen einander wirklich lieben!“
„Ja, das stimmt. In Sunset Beach gibt es eine alte Legende: Wenn die Sonne am
Horizont versinkt und die Santa Ana Winde vom Meer herüberwehen, dann wird der
erste Mensch, der einem am Ende des Piers begegnet, für einen bestimmt sein.“
erzählte Meg. „Na ja, um die Wahrheit zu sagen...“ ergänzte sie lächelnd, „Ben
war zwar erst der Zweite, der mir an diesem ersten Abend am Strand begegnet ist,
aber dafür war er genau der Richtige...“
„Oh, wie
romantisch!“ rief Lady Agatha und klatschte begeistert in die Hände. Dann wurde
ihr Gesicht ernst. „So eine große Liebe darf nicht einfach so vergehen, so etwas
ist unsterblich!“
„Ja“ nickte Meg, „Und daran versuche ich zu glauben.“
Agatha überlegte einen Moment.
„Wissen Sie, hier kursiert auch so eine Legende, die bei den alteingesessenen
polynesischen Eingeborenenstämmen ihren Ursprung hat. Und wer weiß, vielleicht
bestimmt sie sogar heute noch das Leben von einigen wenigen Ureinwohnern.“ Sie
zog ein geheimnisvolles Gesicht .
„Vor vielen hundert Jahren, als noch kein Fremder die Insel betreten hatte,
herrschte hier die Vulkangöttin Pele. Ihr Sitz war der über 4000m hohe Vulkan
Mauna Loa, südöstlich von hier im Landesinneren. Sie war es, die über das Feuer
der Insel regierte und die Dörfer der Polynesier in ihrem Zorn vernichten
konnte. Manchmal begab sie sich unter die Menschen, in Gestalt einer alten Frau,
begleitet von einem kleinen weißen Hündchen. Und waren die Menschen nicht
freundlich zu ihr, dann ließ sie Vulkanfeuer auf ihre Grashütten regnen.
Irgendwann verliebte sie sich in einen Sterblichen, dem sie das Leben gerettet
hatte. Sie nahm die Gestalt einer schönen jungen Frau an, verließ den
Götterstand und lebte fortan nur für ihn. Ihre große Zauberkraft aber blieb ihr
erhalten und wurde an die folgenden Generationen weitergegeben. Man sagt, noch
heute würden Nachkommen der großen Pele hier leben. Und aus dieser Legende
entstand auch folgender Glaube: Wenn ein Mensch einen anderen vor dem sicheren
Tode bewahrt, dann ist er auf ewig mit diesem Menschen verbunden. Er wird auf
Lebenszeit für diesen Menschen dasein und eher sterben, als ihn wieder zu
verlassen. Ihre Seelen sind dann für immer vereint. Betrifft das zwei Männer, so
werden sie zu Blutsbrüdern, betrifft es aber Mann und Frau, so werden sie für
ewig zusammengehören...“
„Das klingt... ziemlich entgültig.“ meinte Meg und schluckte, denn die
Vorstellung, jemandem zu „gehören“, ob man damit einverstanden war oder nicht,
verursachte ihr ein unangenehmes Gefühl. Agatha lächelte.
„Es ist eine Legende, Meg, genau wie die, von der Sie mir erzählt haben. Und
genau wie bei dieser hier kann man auch bei Ihrer nicht voraussehen, wer einem
am Strand begegnet. Vielleicht ein steinalter Greis, ein Landstreicher oder
schlimmeres...“ Sie lachten beide. „Es muß ja nicht immer der Traumprinz sein!“
„Ja, da haben Sie sicher recht!“ Meg nahm einen Schluck Tee. „Aber ich muß
zugeben, es liegt irgendwie viel Mystisches über dieser Insel, wenn man sich
nicht unbedingt in den Touristenzentren aufhält. Auf mich übt Hawaii einen
besonderen Zauber aus.“ gestand sie leise. „Ich wünschte nur, Ben wäre hier und
könnte dieses Gefühl mit mir teilen. Aber leider sagt mir mein Gefühl auch noch
etwas anderes.“ Sie atmete tief durch und sah Agatha bedeutungsvoll an. „Ich
weiß, ich kann hier alles verlieren oder alles gewinnen. Entweder oder... Etwas
in der Mitte gibt es nicht.“
Casey hatte die
Augen geschlossen, doch er schlief nicht. Er wollte einfach mit sich und seinen
Gedanken allein sein und dieses triste Krankenzimmer nicht mehr sehen. Es war so
deprimierend, hier den ganzen Tag zu liegen und von den Schwestern umsorgt zu
werden wie ein hilfloses Baby. Und noch viel schlimmer war die Tatsache, dass er
seine Beine nicht mehr spüren konnte, gerade so, als wären sie einfach nicht
mehr da. Mindestens hundertmal am Tag hob er die Decke hoch, um sich vom
Gegenteil zu überzeugen... Verdammt! Er konnte einfach nicht fassen, dass
ausgerechnet ihm so etwas passiert war, gelähmt zu sein, vielleicht für immer...
Für immer? Eine tiefe Verzweiflung machte sich in ihm breit. Nein, so wollte er
nicht leben!
Keinesfalls würde er diese Klinik im Rollstuhl verlassen!
Er hörte, wie leise die Tür geöffnet wurde.
Rae! Er kannte ihre Schritte, auch mit geschlossenen Augen. Er hörte, wie sie
einen Stuhl heranzog und sich neben sein Bett setzte. Sie legte ihre kühle Hand
auf seine Stirn und er konnte den zarten Duft ihres Parfüms riechen. Aber er
wollte nicht reden, wollte kein Mitleid, auch nicht von ihr – erst recht nicht
von ihr!
„Casey?“ fragte sie leise. „Bist Du wach?“
Das Gefühl war stärker als der Wille, und er öffnete die Augen. Sie lächelte und
griff nach seiner Hand.
„Wie geht es Dir heute?“
„Der einen Hälfte könnte es nicht besser gehen, wenn nur die andere wieder da
wäre.“ antwortete er zerknirscht.
„Ich kann mir gut vorstellen, wie Du Dich fühlst...“ sagte Rae, doch er
schüttelte unwillig den Kopf und zog seine Hand weg.
„Nein, das kannst Du nicht. Keiner kann das. Und ich will auch nicht, dass Du
versuchst, mich zu verstehen, ich will Dein Mitleid nicht, Rae!“
Sie sah ihn nur an und blieb ganz ruhig.
„Ich bemitleide dich nicht, Casey, ich bin hier, um Dir zu helfen. Und... weil
ich in Deiner Nähe sein möchte, weil ich...“
„Weil... was?“ fragte Casey und suchte aufmerksam ihren Blick. Rae errötete und
biß sich auf die Lippen.
„Weil ich endlich erkannt habe, dass ich Dich liebe!“ Jetzt war es heraus und
sie fühlte sich unsagbar erleichtert. In diesem Moment war sie sicher, genau das
Richtige getan zu haben.
Casey schaute sie an und sagte lange kein Wort. Er hob seine Hand und
streichelte ihr zärtlich über die Wange.
„Rae... weißt Du, wie lange ich auf diese Worte gewartet habe? Aber jetzt... in
dieser Situation...“ sein Gesicht wurde ernst, fast abweisend, „Du must mir das
nicht sagen, nur weil ich diesen Unfall hatte. Nur weil ich hier liege und mich
nicht mehr bewegen kann, vielleicht für immer! Geh nach Hause zu Deinen Eltern
und Wie-Lee, heirate, sichere Dir Deine Zukunft und verbau sie Dir nicht mit
einem Kerl wie mir, der Dir doch nur ein Klotz am Bein ist!“ Er wollte diese
harten, selbstzerstörerischen Worte gar nicht sagen, sie kamen einfach so über
seine Lippen, er konnte nichts dagegen tun. Rae starrte ihn ungläubig an und
sprang auf.
„Was sagst Du da? Ich soll zu Wei-Lee zurückgehen und zu meinen Eltern? Das ist
ja wohl nicht Dein Ernst!“ Wütend baute sie sich vor seinem Bett auf.
„Jetzt hör mir mal gut zu, Casey Mitchum!“ fauchte sie, die Hände in die Seiten
gestemmt. „Während Du Dich hier in Selbstmitleid vergräbst, habe ich endlich das
getan, wozu Du mir immer geraten hast: ich habe mein Leben in die eigenen Hände
genommen, habe mich mit meinem Vater überworfen und von Wei-Lee getrennt, und
auch wenn es mir wehtut, ich bereue es nicht und ich gehe keinen Schritt zurück.
Ich will so leben, wie es mir gefällt, und ich will mit Dir leben... in Sunset
Beach! Und wenn Du auch nur halbwegs der Mann bist, für den ich Dich immer
gehalten habe, dann wirst Du Dich jetzt nicht einfach aufgeben, sondern genauso
kämpfen für das, was Dir wichtig ist!“ Sie holte tief Luft. „Du kannst es
schaffen, Casey, Du wirst wieder ganz gesund. Und ich werde Dir dabei helfen, ob
es Dir nun passt oder nicht!“
Sekundenlang war es
so still im Zimmer, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören.
Dann plötzlich zog ein Lächeln über Caseys Gesicht.
„Wow, Doktor Chang!“ meinte er scherzhaft und ergriff ihre Hand, „Sie können ja
richtig wütend werden!“
Rae hatte sich abreagiert und schnappte verlegen nach Luft.
„Casey, ich...“
„Komm her!“ unterbrach er sie und zog sie zu sich heran. Sie ließ sich am
Bettrand nieder und legte ihren Kopf an seine Schulter. Casey strich ihr
zärtlich übers Haar.
„Du hast ja Recht, Rae.“ sagte er leise. „Ich darf mich nicht aufgeben. Aber was
soll ich denn tun, wenn ich vielleicht nie mehr laufen kann? Ich will niemandem
zur Last fallen, und schon gar nicht Dir.“
Sie hob den Kopf und blickte ihn an.
„Das wirst Du nicht, Casey.“ meinte sie zuversichtlich. „Dich wird der beste
Neurochirurg operieren, den es zur Zeit gibt, Dr. Clint Morton.“
„Ja, ich habe schon von ihm gehört.“ nickte er. „Aber solange will ich aber
nicht warten, bis dieser Dr. Morton mal irgendwann einen Termin für mich
freihat, vielleicht in ein oder zwei Jahren.“
Rae schüttelte den Kopf.
„Nein, so lange brauchst Du nicht zu warten. Dr. Morton ist schon da, hier in
Los Angeles. Ich habe gestern mit ihm gesprochen und er will Dich heute
Nachmittag erst einmal genau untersuchen.“
Ungläubig zog er die Augenbrauen zusammen.
„Wie hast Du das nur geschafft, Rae? Woher kennst Du ihn?“
Sie lächelte geheimnisvoll.
„Ich war zwei Jahre lang während des Studiums seine Praktikantin. Den größten
Teil von meinem Können verdanke ich ihm. Gestern abend traf ich ihn zufällig und
habe ihm von Dir erzählt.“ Sie drückte Caseys Hand. „Er ist Deine große Chance!“
Casey sah sie an. Er zog sie zu sich heran und küßte zärtlich ihre Lippen.
„Du, Rae..., Du bist meine große Chance! Diesmal dürfen wir es nicht vermasseln,
wir zwei!“
Als Gabi die Tür zu ihrem Zimmer öffnete saß Ricardo auf ihrem Bett und strich mit einer Hand leicht über die Laken. Schnell sprang er auf, als er Gabi hereinkommen hörte.
"Das war das Krankenhaus," sagte sie kurz. "Sie haben mich gebeten, kurzfristig einzuspringen, weil eine Schwester plötzlich erkrankt ist," erklärte sie ihm. Ricardo nickte.
"Willst Du dann gleich losfahren?" fragte er neugierig. Gabi nickte.
"Ja, ich will Dr. Robinson nicht so lange warten lassen." Sie griff nach ihrer Tasche. "Wir können ja ein anderes Mal weiterreden," sagte sie und schaute Ricardo an. Er schüttelte den Kopf.
"Ich habe eine bessere Idee," warf er ein und sah Gabi mit einem Blick an, den sie nicht ganz deuten konnte.
"Und der wäre?" fragte sie neugierig. Ricardo nahm seinen ganzen Mut zusammen.
"Was hältst Du von der Idee, wenn ich Dich hinfahre?" fragte er sie. "Ich wollte sowieso noch einmal bei meiner Mutter vorbeischauen," fügte er als Erklärung hinzu. Gabi legte nachdenklich ihren Kopf in den Nacken und sah ihn an. Sie fragte sich, was er damit bezweckte. Sein Verhalten irritierte sie, denn er benahm sich ihr gegenüber nicht so wie jemand, der gerade mit dem anderen Schluß gemacht hatte. Gabi senkte den Kopf, weil sie Ricardos prüfenden Blick nicht mehr standhalten konnte.
"In Ordnung," sagte sie langsam, auch wenn sie sich nicht sicher war, ob dies auch die richtige Entscheidung war. Ricardo lächelte sie an.
"Dann laß uns fahren," sagte er und griff instinktiv nach Gabis Hand. Für einen Augenblick durchströmte sie ein warmes Glücksgefühl, doch die Illusion war schnell verflogen, als Ricardo ihr seine Hand wieder entzog. Enttäuscht sah sie ihn von der Seite an, doch in seinem Gesicht konnte man keinerlei Gefühlsregung erkennen. Vor dem Surf Center hielt Ricardo die Tür zu seinem Auto auf, und Gabi nahm auf dem Beifahrersitz platz. Dann startete er den Motor, und langsam setzte sich der Wagen in Bewegung.