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Der Strand der untergehenden Sonne Teil 9
Meg fand in dieser
Nacht lange keinen Schlaf. Die Geschehnisse des vergangenen Tages ließen sie
nicht zur Ruhe kommen und tausend Gedanken schwirrten in ihrem Kopf herum.
Dereks Anruf, diese angebliche mystische Verbindung zwischen Menschen, die sich
nahe stehen, dann Lady Agathas Worte über die tiefe Gläubigkeit der
Eingeborenen, und diese Frau am Strand, die ihren Kettenanhänger ehrfurchtsvoll
als eine „Träne Gottes“ bezeichnet hatte... nicht zu vergessen ihr merkwürdiger
Gesichtsausdruck, als sie Bens Bild sah...
Meg sprang aus dem Bett und trat ans Fenster. Sie strich sich mit der Hand über
die Stirn.
Bens Augen hatten sie vom ersten Moment ihres Zusammentreffens damals bei
Sonnenuntergang am Strand fasziniert, sie waren auch das Einzige, wodurch sie
ihn stets von seinem Bruder unterscheiden konnte, und diese Augen sah sie immer
wieder überdeutlich vor sich, seit sie sich auf der Insel befanden. Sie konnte
es nicht erklären, aber dieses Gefühl der Hoffnung, dass er irgendwo da draußen
war, dass er lebte und auf sie wartete, war inzwischen so stark, dass es ihr
fast schon wieder Angst machte.
Aus dem Augenwinkel heraus vermeinte sie eine Bewegung im Garten zu sehen, wie
ein lautloser Schatten, der im Bruchteil einer Sekunde wieder verschwunden
war... Sie starrte hinaus auf die Stelle, aber nichts rührte sich mehr.
„Bestimmt laufen Zeus und Apollo wieder draußen herum.“ dachte sie schließlich,
„ich muß aufhören, mich so verrückt zu machen!“ Sie wandte sich ab, zog ihren
Morgenmantel über und ging hinunter in die Küche, um sich ein Glas Milch zu
holen. Vielleicht würde sie das beruhigen.
Die Laternen draußen in der Einfahrt warfen einen hellen Schein durch die
Fenster, so dass Meg das Licht ausließ und trotzdem ihren Weg fand.
Unten in der Küche nahm sie eine Packung Milch aus dem Kühlschrank und wollte
sich an den Tisch setzen, als sie erschrocken feststellte, dass sie nicht allein
war...
„Können Sie auch
nicht schlafen, Meg?“
„Sam...“ Sie atmete erleichtert auf. „Ich finde einfach keine Ruhe und fange
schon an, Gespenster zu sehen.“
Sam lächelte und deutete auf den leeren Stuhl neben sich.
„Dann sind wir ja schon zwei.“
Meg setzte sich und sah ihn an.
„In meinem Kopf geht alles durcheinander. Ich habe heute Dinge gehört und
gesehen, die ich mir einfach nicht erklären kann.“
Er nickte.
„Ja, es war ein verrückter Tag.“
Sie schwiegen eine Weile, dann fragte Meg leise:
„Halten Sie mich für verrückt, weil ich nicht glaube, dass Ben tot ist?“
Sam sah sie an und schüttelte dann den Kopf.
„Nein, auf keinen Fall. Niemand hier tut das. Im Gegenteil, alle bewundern Sie,
weil Sie so tapfer sind... Außerdem wäre ich nicht hier, wenn ich nicht selbst
die Hoffnung hätte, dass wir ihn finden. Thomas hat gesagt, auf dieser Insel sei
alles möglich...“ Er unterbrach sich, als er sah, wie Meg den Kopf senkte und
ihr Gesicht in den Händen vergrub. Wortlos legte er den Arm um ihre schmalen
Schultern. Plötzlich fiel alle Anspannung von ihr ab und sie begann zu weinen.
Sie lehnte sich an ihn an und ließ ihren Tränen freien Lauf.
Er nickte beruhigt.
„Weine nur, Meg, das tut Dir gut.“ sagte er leise und es war ihm in diesem
Augenblick selbst nicht bewußt, dass er dabei zum vertrauten „Du“ überging. So
saßen sie eine ganze Weile, bis Meg sich langsam beruhigte. Sie schniefte und
putzte sich die Nase.
„Besser?“ fragte Sam. Sie nickte und brachte sogar ein Lächeln zustande.
„Danke, viel besser.“
Sam lehnte sich zurück und lachte.
„Was ist?“ fragte Meg erstaunt.
„Ben und ich haben einiges zusammen erlebt, und ziemlich gefährliche Dinger
gedreht.“ erinnerte er sich. „Irgendwie waren wir uns immer einig, wenn wir mal
von dieser Welt verschwinden, dann tun wir es zusammen und mit einem riesigen
Knall, damit es alle hören!“
Meg lächelte und wischte die letzte Träne fort.
„Wie habt Ihr beide Euch kennengelernt, Du und Ben?“ fragte sie leise.
Sam zog die Stirn in Falten.
„Das ist eine ziemlich lange Geschichte. Hast Du Zeit?“
Sie nickte.
„Klar, jede Menge. Wenn es sein muß, die ganze Nacht!“
Während Sam und Meg
zusammensaßen und erzählten, wurde Derek tausende Kilometer entfernt von einem
Alptraum geplagt. Er sah ein Flugzeug abstürzen, stand neben dem brennenden
Wrack und sah seinen Bruder in den Flammen. Er wollte ihm helfen, aber eine
unsichtbare Kraft hielt ihn zurück. Plötzlich trat Ben aus den Flammen und ging
einfach weg. Derek rief seinen Namen, und dann lief er los und versuchte, ihm zu
folgen...
„Ben!“ Schweißgebadet fuhr er aus den Kissen hoch.
„Derek, wach auf!“ Sara saß im Bett neben ihm und hatte ihn an der Schulter
gepackt.
„Was ist los?“ fragte er verständnislos.
„Du hattest einen Alptraum... Du hast Bens Namen gerufen.“ sagte sie und strich
ihm sanft über die Wange.
„Ja... jetzt erinnere mich“ überlegte er angestrengt, „das Flugzeug... Ben ging
einfach weg und ich konnte ihm nicht folgen...“ Er sah sie verzweifelt an.
„Verdammt, ich hatte nie vorher Alpträume...“
„Sie werden wieder vergehen“ tröstete sie ihn und nahm ihn liebevoll in den Arm,
„wenn Ben erst wieder da ist...“
„Wenn...“ dachte Derek und schloß die Augen. Er legte seine Arme um Sara und
ließ sie nicht wieder los. Engumschlungen schliefen sie ein.
Mühsam öffnete er
die Augen. Seine Lider waren wie Blei und das Licht blendete ihn. Wie durch
einen dichten Nebelschleier sah er zwei schöne, mandelförmige Augen, die ihn
aufmerksam musterten. Er wollte die Hand heben und sie berühren, aber er konnte
sich nicht bewegen. Wie von Ferne hörte er leise Stimmen, sie flüsterten, und er
konnte den Sinn ihrer Worte nicht verstehen, es klang fremd und eigenartig.
Plötzlich spürte er, wie sich eine Hand unter seinen Kopf schob und ihn etwas
anhob.
„Trinken...“ hörte er eine Stimme dicht neben seinem Ohr. Irgend etwas wurde
gegen seinen Mund gedrückt und eine kühle Flüssigkeit berührte seine Lippen.
Gierig trank er. Es schmeckte fremdartig, aber es erfrischte und hinterließ
einen leicht bitteren Geschmack auf der Zunge. Er legte den Kopf zurück und
stöhnte leise.
„Wo bin ich?“ wollte er fragen, aber er brachte kein Wort heraus.
„Schlafen...“ befahl die Stimme dicht neben ihm. Kurz darauf fühlte er sich
leicht, fast schwerelos, und die Augen dicht über ihm verschmolzen mit den
Nebelschleiern um ihn herum, bevor er wieder in einen tiefen Schlaf fiel...
"In Gedenken an Ben Evans, Mitbesitzer der Liberty Corporation und... Nein, das klingt alles nicht gut. Wie wäre es mit, "In tiefer Anteilnahme"...,?" Gregory blickte Bette fragend an. Sie wartete einen Moment bis sie antwortete.
"Findest Du nicht, daß es etwas voreilig ist, die Todesanzeige zu verfassen, bevor sein Tod überhaupt bestätigt ist? Ich meine, es gibt schließlich immer noch Hoffnung."
"Meine liebe Bette, nichts wäre mir lieber, als wenn Ben dieses schreckliche Unglück überlebt hätte. Aber dennoch sollten wir die Dinge realistisch sehen. Die Chance, daß er überlebt hat, ist quasi gleich null." Gregory blickte eine Zeitlang stumm vor sich hin. Dann überlegte er laut: "Ich frage mich, was mit Bens Anteilen wird... Meg wird sie ja wohl kaum übernehmen. Auf keinen Fall darf Derek Evans diese Aktien erwerben. Ich werde nicht zulassen, daß er im Vorstand sitzt."
Bette warf ihm einen halb spöttischen, halb verächtlichen Blick zu.
"Ich merke, wie sehr Dich Bens Tod persönlich mitnimmt. Du kannst an nichts anderes denken, Greggy."
Gregory erwiderte kalt:
"Was ich fühle, oder nicht fühle, geht niemanden etwas an. Aber ich muß auch ans Geschäft denken. Ich habe es schließlich mit aufgebaut."
Bette überlegte einen Moment. Ja, sein Geschäft und sein guter Ruf gingen ihm über alles. Wollte er deswegen Olivias Schuld an dem Unfall vertuschen? Olivia hatte ihr nichts gesagt, aber Bette hatte insgeheim zwei und zwei zusammen gezählt. Sie fragte sich, was Gregory wohl tun würde, wenn die Polizei die Wahrheit über den Unfall herausfinden würde.
In diesem Moment klopfte es an der Tür, und unmittelbar darauf schlug sie auf. Eddie Connors trat herein.
"Ich muß Sie sprechen, Mr Richards."
Nachdem Doktor
Morton Casey gründlich untersucht und auch die Bilder der Computertomographie
eingehend studiert hatte, setzte er sich mit Rae in deren Büro zu einem kurzen
Gespräch zusammen. Gespannt wartete die junge Ärztin, was er zu sagen hatte.
„Es ist, wie ich vermutet habe.“ begann er und zog ein bedenkliches Gesicht.
„Bedingt durch den bei dem Unfall verursachten Aufprall wurden mehrere Nerven im
Spinalkanal akut gequetscht. Das CT zeigt, dass die Quetschung zwischen dem
dritten und vierten Lendenwirbel erfolgte.“ Er holte tief Luft. „Die gute
Nachricht ist, dass keine Nervenstränge durchtrennt wurden. Das Rückenmark
scheint ebenfalls nicht verletzt zu sein.“
Rae atmete sichtlich auf. Dr. Morton zog die Stirn in Falten.
„Leider wissen Sie so gut wie ich, liebe Kollegin, dass Nerven sehr nachtragend
auf Reizungen und Quetschungen reagieren, man weiß nie, ob und wann sie sich
wieder erholen. Und das ist noch nicht alles...“ Er stand auf und trat an die
Bildwand, wo Caseys CT hing. „Kommen Sie, Rae, und sehen Sie selbst.“ Er
schaltete das Licht hinter der Wand ein und beleuchtete damit die Aufnahme.
„Hier haben wir etwas, das könnte interessant werden... und uns erhebliche
Probleme bereiten!“
Rae folgte seinem Finger mit den Augen.
„Oh nein, auch das noch!“
Er nickte bedenklich.
„Die Wurzel des ganzen Übels, wie mir scheint, ein Prollaps, der allem Anschein
nach von der Rückseite der Bandscheibe abgesplittert ist...“
„...und massiv von hinten her auf den Nervenkanal einwirkt!“ ergänzte Rae. „Eine
unzugängliche Stelle. Ausgerechnet in diesem Bereich ist eine Operation so gut
wie unmöglich!“
Dr. Morton sah sie an.
„Ja, so gut wie!“
„Was wollen Sie damit sagen?“ fragte Rae und sah ihn gespannt an.
„Nun“ er machte eine bedeutungsvolle Pause, „für einen guten Chirurgen sollte es
das Wort „unmöglich“ eigentlich nicht geben. „Unmöglich“ bedeutet
Herausforderung für uns. Fragt sich nur, was unser Patient dazu sagt. Was meinen
Sie, wieviel Risiko ist er bereit einzugehen?“
Rae starrte auf das CT. Die Stille im Zimmer wirkte erdrückend.
Sie straffte die Schultern und blickte Dr. Morton fest an.
„Ich glaube, Casey ist zu allem bereit, um die Chance zu bekommen, wieder laufen
zu können. Und Sie sind der Beste, der Einzige, der ihm helfen kann!“
Der erfahrene Arzt hob die Augenbrauen.
„Kein Eingriff dieser Art ist ohne Risiko, das wissen Sie so gut wie ich. Und
auch mir können Fehler unterlaufen, zumal ich mich hiermit ebenfalls auf
medizinisches Neuland begebe. Er sollte das wissen, bevor er sich entscheidet.“
Rae nickte.
„Ich rede mit ihm.“
„Gut.“ Morton sammelte seine Unterlagen zusammen. „Wenn Sie mit Mister Mitchum
gesprochen haben, sagen Sie mir bitte bescheid. Ich werde ein paar Tage
brauchen, um mich auf diesen Eingriff vorzubereiten. An der Universitätsklinik
in Genf arbeiten Kollegen von mir seit kurzem mit einem hochwertigen Computer,
der schon erfolgreich bei Operationen dieser Art eingesetzt wurde. Ob er bei
dieser hier hilfreich ist, kann ich noch nicht sagen, aber ich werde den
leitenden Orthopäden dort bitten, mit dem Gerät hierherzufliegen und mir zu
helfen.“
„Danke Doktor Morton!“ Rae ergriff seine Hand. „Ich danke Ihnen vielmals!“
„Das brauchen Sie nicht, meine Liebe.“ wehrte er ab. „Sehen Sie lieber zu, dass
der Patient am OP- Tag fit ist, und dass Sie dann eine sehr ruhige Hand haben.
Sie werden mir nämlich bei dieser Premiere assistieren!“
Antonio betrat das Krankenhaus und ging zielstrebig den Gang bis zum Zimmer seiner Mutter entlang. Er zögerte einen Moment, bevor er anklopfte. Da niemand antwortete, öffnete er vorsichtig die Tür und schaute hinein. Verwundert stellte er fest, daß das Bett leer war. Er wollte die Tür gerade wieder schließen, als Schwester Roxanne den Flur entlang kam.
"Ach, Schwester," sprach er sie an," können Sie mir sagen, wo meine Mutter ist?" fragte er. Roxanne schüttelte den Kopf.
"Das tut mir leid, aber ich bin nicht für dieses Zimmer zuständig," erklärte sie ihm. Sie musterte ihn von oben bis unten, und ein Lächeln umspielte ihren Mund. "Wenn Sie näheres über den Gesundheitszustand Ihrer Mutter erfahren wollen, müssen Sie sich entweder an den behandelnden Arzt wenden ..." sie machte eine Atempause, ehe sie fortfuhr," ... oder an Ihre Freundin."
Antonio schaute sie irritiert an.
"Meine ... was?" fragte er überrascht. Roxi schien ebenfalls durch seine Reaktion irritiert zu sein.
"Ist Gabi Martinez denn nicht Ihre Freundin?" fragte sie verunsichert. Antonio schluckte. Was hatte Gabi ihrer Kollegin über sie beide erzählt, daß diese darauf schließen ließ, daß sie beide ein Paar wären? Diese Frage beschäftigte Antonio, während er langsam den Kopf schüttelte.
"Oh nein, das ist ein Mißverständnis," sagte er und lächelte gequält. "Gabi ... Miss Martinez und ich sind nur ... " er suchte nach einer passenden Formulierung für ihr Verhältnis," ... nur gute Freunde."
Roxi schien enttäuscht zu sein.
"Ach, ich dachte ..." entfuhr es ihr," ... weil sie beide in der Cafeteria so vertraut wirkten und so ..." sie räusperte sich verlegen," ... so einen verliebten Eindruck machten," beendete sie den Satz. Betreten senkte sie den Kopf. "Entschuldigung, dann habe ich mich wohl geirrt ..." murmelte sie leise. Ihr war das Mißverständnis außerordentlich peinlich! Antonio starrte sie nur fassungslos an. Er spürte auf einmal, wie sein Mund trocken wurde, und mit einem Mal erkannte er, was er die ganze Zeit versucht hatte, zu ignorieren: Er hatte sich in Gabi verliebt!
Diese Erkenntnis traf ihn wie ein Faustschlag, und für eine Sekunde schien der Boden unter ihm zu schwanken. Antonio schnappte nach Luft.
"Sir, geht es Ihnen nicht gut?" fragte Roxi besorgt, als sie sah, wie bleich seine Wangen plötzlich wurden. Antonio griff sich an den Hals.
"Es - es geht mir gut, danke," stotterte er. Roxi sah ihn zweifelnd an.
"Möchten Sie vielleicht im Krankenzimmer auf Ihre Mutter warten?" fragte sie. "Die Untersuchungen dauern meist nicht sehr lange," fügte sie als Erklärung hinzu.
Antonio schüttelte mechanisch den Kopf.
"Danke, aber ich werde ein anderes Mal wiederkommen," sagte er schnell. Nachdenklich sah Roxi ihm hinterher, wie er fast fluchtartig den Gang hinunter zum Ausgang rannte.
Sara sah ungeduldig auf die Uhr. Derek hatte ihr versprochen, daß er während seines Jogginglaufes noch einen kurzen Halt beim Bäcker machen würde, um Brötchen zu kaufen. Doch es waren seit seinem Aufbruch schon zwei Stunden vergangen, und Saras Magen machte bereits unwillige Geräusche. Das erste Mal seit Wochen hatte sie beim Aufstehen kein Übelkeitsgefühl verspürt, und sie freute sich sogar auf das Frühstück. Seufzend goß sie sich ein Glas Orangensaft ein. Wenigstens etwas Vitamine sollte ihr Magen vorab schon mal bekommen. Sie hatte das Glas gerade an die Lippen gesetzt, als das Telefon schellte. Nachdenklich griff sie zum Hörer. Wer konnte so früh schon etwas von ihr wollen?
"Sara, Liebling, ich bin's, Mom," hörte sie eine fröhliche Stimme.
"Hi, Mom," grüßte Sara zurück. "Wie geht es Dir und Dad?" fragte sie. Joans Stimme klang wenig begeistert.
"Also, die Stadt an sich ist wirklich ein Traum, aber dieses Wetter hier ..." Sie seufzte. "Seit Tagen regnet es nur noch," sagte sie mißmutig," und Du weißt ja, was für eine Sonnenanbeterin ich bin," fügte sie hinzu. Sara grinste. Sie konnte ihre Mutter direkt vor sich sehen, wie sie im Regenmantel vor dem Eiffelturm stand und versuchte, einigermaßen passable Bilder durch die Regenwand zu machen.
"Ja, Mom, ich weiß, aber ..."
Joan unterbrach sie.
"Und da haben Dein Vater und ich beschlossen, unseren Paris-Aufenthalt abzubrechen und unsere restlichen Ferientage in einem sonnigeren Domizil fortzusetzen ..."
Sara hielt für einen Moment den Atem an. Sie ahnte, was als nächstes kommen würde, und sie lag mit ihrer Vermutung haargenau richtig.
"Was würdet Ihr davon halten, wenn wir Euch für ein paar Tage besuchen kommen würden?" fragte Joan, hoffend auf Saras Zustimmung. Diese nagte an ihrer Unterlippe herum.
"Mom, ich weiß nicht, ob Derek damit einverstanden wäre ..." wagte Sara einen Einspruch. Joan schien überrascht zu sein.
"Wieso denn nicht?" fragte sie. Nachdenklich sah Sara an sich herunter. Seit sie von ihrer Schwangerschaft wusste, hatte sie schon 2 kg zugenommen, und auch die ersten Hosen begannen in der Taille zu kneifen. Sie konnte ihren Eltern, speziell ihrer Mutter, sicher nicht mehr lange ihren Zustand verheimlichen, aber auf der anderen Seite war es ohnehin nur noch eine Frage der Zeit, bis sie davon Kenntnis bekamen.
"Ja, ist in Ordnung," gab Sara schließlich resigniert nach.
"Wunderbar," hörte sie ihre Mutter sagen. "Dann werden wir hier morgen unsere Zelte abbrechen, und vom Pariser Flughafen direkt eine Maschine nach Sunset Beach nehmen."
Nachdem ihre Mutter aufgelegt hatte, saß Sara noch eine ganze Weile nachdenklich auf dem Sofa und starrte auf den Hörer. Sie schaute erst hoch, als Derek zur Tür hereinkam. "Hallo Schatz!" begrüßte er sie und gab ihr einen Kuß. Er schwenkte eine Tüte Brötchen. "Tut mir leid, daß es so lange gedauert hat, aber der Laden war absolut voll."
Sara sah ihn an.
"Das ist lieb, aber ..." sie seufzte," mir ist der Appetit vergangen!" stieß sie hervor.
Derek runzelte die Stirn.
"Ist Dir wieder schlecht?" fragte er mitfühlend. Sara schüttelte langsam den Kopf.
"Ich habe nur vorhin einen Anruf erhalten, der mir auf den Magen geschlagen ist," sagte sie und wich seinem Blick aus.
"Was denn für ein Anruf?" fragte er neugierig. Sara legte den Hörer zur Seite.
"Meine Eltern wollen ihren verregneten Paris-Urlaub beenden und stattdessen noch einige Tage im sonnigen Kalifornien verbringen." Sara atmete tief durch, bevor sie weitersprach. "Meine Eltern kommen uns morgen besuchen ..."
Thomas hörte ein
merkwürdiges Geräusch und war sofort hellwach. Er sprang aus dem Bett und
lauschte in die Nacht hinaus. Da war es wieder! Ein kaum hörbares Knacken, so,
als schliche jemand auf dem Grundstück herum.
Er sprang in seine Jeans, schnappte sich den Baseballschläger, der in der Ecke
neben der Tür lehnte und trat leise hinaus in den Garten. Vorsichtig sah er sich
um. War da nicht eben ein Schatten zwischen den Büschen verschwunden?
Die Hunde schienen heute eingesperrt zu sein, was Thomas reichlich merkwürdig
vorkam.
Langsam pirschte er sich an das dichte Gebüsch heran und blieb einige Zeit
reglos hocken.
Da... wieder bewegte sich etwas...
Mit einem Satz sprang er vor und warf sich mit voller Wucht in die Richtung, aus
der das Geräusch gekommen war. Er bekam etwas zu fassen, dichtes Haar, zwei
Arme, die sich zu wehren versuchten, und dann landete er mitsamt seiner Beute im
Gras.
Thomas war groß, stark und wendig, schnell gewann er die Oberhand in dem
lautlosen Zweikampf. Er kniete auf der Brust seines Gegners und hob den
Baseballschläger...
„Magnum! Nicht...“
Higgins kam keuchend angerannt. „Legen Sie um Gottes willen den Schläger weg und
lassen Sie sofort diesen Mann los!“
Verständnislos ließ
Thomas zwar den Baseballschläger etwas sinken, dachte jedoch nicht daran, seinen
Gegner loszulassen.
„Moment mal, Higgins, er ist hier heimlich herumgeschlichen, weiß der Teufel,
was er vorhatte!“ verteidigte er sich und warf einen Blick auf den Mann, der
schweratmend vor ihm im Gras lag. Im faden Licht der Laterne sah er ein
bronzefarbenes Gesicht und die schwarzen, mandelförmigen Augen eines
Eingeborenen, die ängstlich auf dem Schläger in seiner Hand hafteten.
„Was hast Du hier zu suchen, ha?“ herrschte er ihn an. Der Mann zuckte merklich
zusammen. „Das hier ist Privatbesitz, aber ich bin sicher, dass weißt Du Strolch
ganz genau! Also, rede...!“
„Schluß damit!“ befahl Higgins mit unterdrückter Stimme. „Werden Sie wohl sofort
mit diesem Unfug aufhören! Sie wecken ja das ganze Haus! Lassen Sie endlich den
Mann los!“
„Keine Chance, Higgi!“ knurrte Thomas. „Nicht bevor ich nicht weiß, wer er ist
und was er hier will!“
Higgins fluchte leise.
„Er ist mein Gast!“
„Und ich bin Kapt`n Cook!“ lästerte Thomas. „Erzählen Sie mir keine Märchen!
Wieso sind die Hunde nicht draußen?“
„Weil ich sie absichtlich eingesperrt habe! Ich muß dringend mit diesem Mann
reden, er hat wichtige Informationen für uns, die den Flugzeugabsturz betreffen.
Aber nur, wenn Sie ihn nicht vorher zu Brei schlagen, Sie Riesenbaby!“
Langsam lockerte Thomas seinen Griff, mit dem er den Gegner am Hals gepackt
hatte und erhob sich langsam.
„Warum sagen Sie denn das nicht gleich!“ maulte er und klopfte seine Jeans ab.
Der Eingeborene, dessen Alter schwer zu schätzen war, stand ebenfalls auf und
trat vorsichtshalber ein paar Schritte zurück. Higgins legte ihm versöhnlich die
Hand auf die Schulter.
„Nichts für ungut, mein Freund, ich konnte ja nicht damit rechnen, dass wir noch
einen Wachhund hier haben, der bellt und beißt, bevor er nachdenkt! Kommen
Sie...“ Damit ging er mit dem Fremden in Richtung Eingang hinüber.
Thomas stand einen Moment lang verdutzt da, dann aber folgte er den beiden nach.
So schnell ließ er sich nun auch wieder nicht abspeisen! Schließlich hatte er in
dieser Sache mehr als nur ein Wörtchen mitzureden...
Gregory warf Bette einen Blick zu, den sie sofort verstand. Mit eiligem Schritt ging sie hinaus, schloß die Tür und ließ Gregory mit Eddie Connors zurück.
"Worüber ich mit Ihnen sprechen möchte...", begann Eddie. Doch Gregory gab ihm ein kurzes Zeichen mit der Hand, und er verstummte.
Dann schlich Gregory zur Tür und öffnete sie ruckartig. Es gab ein dumpfes Geräusch. "Aua", beschwerte sich Bette und rieb sich mit der Hand über den Kopf. "Das war nicht nötig."
"Nun, ich denke, jetzt sind wir ungestört, Connors. Und jetzt können Sie mir verraten, warum ich überhaupt noch mit einem Stümper wie Ihnen reden soll. Nicht mal die Sache mit dem Bluttest haben Sie ohne Zeugen hinbekommen."
"Weil ich eine interessante Information für Sie habe."
"Und die wäre?", setzte Gregory ungeduldig nach.
"Nun, sagen wir mal, ein Vögelchen hat mir etwas gesungen, was für Sie von Belang wäre. Was würden Sie dafür springen lassen?"
"Das hängt ganz
davon ab", antwortete Gregory vorsichtig. "Glauben Sie mir, es wird Sie
interessieren. Manchmal ist es doch ganz gut, ein paar Verbindungen zur Polizei
zu haben. Es hängt mit Ben Evans Absturz zusammen."
Ungefähr 15 Minuten später öffnete sich die Tür zu Gregorys Büro wieder und
Bette blickte gespannt auf Gregory, der sich soeben von Eddie verabschiedete.
"Ich versichere Ihnen, Eddie", erklärte er, "daß das für Sie nicht zum Schaden war. Ich werde mich persönlich um diese Angelegenheit kümmern. Darauf können Sie sich verlassen."
Und Bette fiel sofort das grimmige Funkeln in Gregorys Augen auf.
Nachdem Sara den Satz beendet hatte, hob sie vorsichtig ihren Kopf und sah Derek an. Er hatte die Hände in die Hüften gestützt und sah sie mit einem vorwurfsvollen Blick an. "Hast Du ihnen etwa von dem Baby erzählt?" fragte er. Sara schüttelte energisch den Kopf.
"Um Himmels willen, nein!" stieß sie hervor. "Meine Eltern denken bestimmt, daß sie uns damit eine Freude machen, wenn sie uns besuchen kommen."
Derek verzog das Gesicht.
"Nichts gegen Deine Eltern, aber ..." er räusperte sich," ... es wäre mir lieber gewesen, wenn wir noch etwas länger unsere traute Zweisamkeit hätten genießen können, nachdem ..." Er unterbrach den Satz und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
" ... nach unserer Trennung."
Sara nickte.
"Ich ja auch, aber was sollte ich denn sagen?" fragte sie verzweifelt. Derek legte eine Hand um ihre Taille und seufzte.
"Dann sollten wir uns schon mal überlegen, wie wir ihnen schonend beibringen können, daß sie Großeltern werden."
Sara sah ihn nachdenklich an.
"Ich hatte so gehofft, daß wir das Geheimnis noch etwas für uns behalten könnten, aber nun ist es auch egal ..." Sie trat einen Schritt zurück. "Ich werde mich nach dem Frühstück gleich darum kümmern, das Gästezimmer herzurichten," sagte sie.
Derek nickte.
"In Ordnung," sagte er." Nach dem Frühstück muß ich noch mal im "Java Web" vorbeischauen." Er sah sie an. "Du kannst ja später hinterherkommen, wenn Du alles erledigt hast," sagte er. Sara nickte.
"Einverstanden!" sagte sie. Sie rümpfte die Nase. "Du solltest jetzt aber schnell duschen, damit wir anfangen können zu frühstücken. Ich sterbe vor Hunger," fügte sie hinzu und rieb sich den Magen. Derek lachte, gab ihr noch schnell einen Kuß auf die Nasenspitze und rannte dann die Stufen zum Badezimmer hinauf.
Noch immer in
Gedanken bei dem vorangegangenen Gespräch mit Dr. Morton ging Rae den
Krankenhausflur entlang. Er wollte, dass sie ihm assistierte? Bei einer
Operation, die er so noch niemals durchgeführt hatte, die eigentlich bisher als
inoperabel bezeichnet wurde!
Das war eine große Ehre für sie, und zugleich eine Möglichkeit, auf ungeahnte
Weise ihren medizinischen Horizont zu erweitern. Sie würden sich auf
medizinisches Neuland begeben und vielleicht der Wissenschaft einen großen
Dienst erweisen. Und sie, Rae, wäre mit dabei...
Aber das Ganze hatte einen bitteren Beigeschmack. Der Patient, der dann dort
liegen würde, wäre für sie als assistierender Operateur nicht irgend ein
Neutrum, nein, er war der Mensch, den sie liebte und mit dem sie gern den Rest
ihres Lebens verbringen würde! Es hing so viel von dieser Operation ab, und sie
war sich nicht sicher, ob sie es schaffen würde, die nötige Ruhe zu bewahren und
alles richtig zu machen. Zuviel stand auf dem Spiel...
Blind für ihre Umwelt rannte Rae mit einer blonden Frau zusammen, die gerade um
die Ecke bog. Entschuldigend sah sie auf und blickte in das besorgte Gesicht von
Caseys Mutter.
„Nanu, Dr. Chang!“ sagte Alex freundlich, „ist alles in Ordnung?“
„Oh...“ Rae zwang sich zu einem Lächeln, „Misses Mitchum, hallo. Bitte
entschuldigen Sie, ich war in Gedanken. Haben Sie Casey besucht?“
„Ja, ich war bei ihm.“ Sie lächelte. „Ich glaube, heute ging es ihm schon sehr
viel besser. Er wirkte so... so zuversichtlich!“
„Ja, das stimmt.“ nickte Rae und dachte an das letzte Gespräch mit ihm und an
seinen zärtlichen Kuß. „Ich bin sehr froh darüber.“
Alex betrachtete die junge Ärztin nachdenklich.
„Haben Sie etwas Zeit, D. Chang?“ fragte sie aus einer plötzlichen Eingebung
heraus. „Ich würde mich sehr gern mit Ihnen unterhalten und die Frau etwas näher
kennenlernen, die meinem Sohn so viel bedeutet!“
Erstaunt zog Rae die Augenbrauen hoch.
„Casey hat Ihnen von uns erzählt?“
Alex nickte.
„Ja, und ich glaube, Sie geben ihm im Moment viel mehr Zuversicht, als Sie
vielleicht vermuten.“
„Ja“ antwortete Rae bedeutungsvoll, „und ich hoffe, dass ich ihm noch viel mehr
als nur Zuversicht geben kann.“ Sie atmete tief durch und hakte sich bei Alex
ein. „Kommen Sie, gehen wir zusammen einen Kaffee trinken!“
Als Antonio die Tür zum Gemeindehaus öffnete, stellte er erstaunt fest, daß er Besuch hatte.
"Ricardo ... was machst Du hier?" fragte er und sah seinen Bruder verwundert an. Ricardo sprang von seinem Stuhl auf. "Ich wollte mich entschuldigen, daß ich gestern so ..." er suchte nach Worten," ... so abweisend zu Dir war," sagte er verlegen. "Ich weiß, daß Du mir nur helfen wolltest," fügte er hinzu.
Antonio nickte.
"Ist schon in Ordnung," sagte er. Ich verstehe Dich."
Ricardo schüttelte den Kopf.
"Nein, das kannst Du nicht verstehen, denn Du warst noch nie verliebt und weißt nicht, was es für ein Gefühl ist, einen geliebten Menschen zu verlieren."
Antonio schluckte und wich Ricardos Blick aus.
"Doch," dachte er," ich weiß es!"
Ricardo ging im Raum auf und ab.
"Ich versuche gerade, meinen Fehler wieder gutzumachen," sagte er und schaute Antonio an. Dieser runzelte die Stirn.
"Was denn für einen Fehler?" fragte er. Auf Ricardos Gesicht erschien ein Lächeln.
"Mein Fehler, daß ich mit Gabi Schluß gemacht habe," gab er zur Antwort.
"Oh ..." brachte Antonio nur heraus. Auf der einen Seite wollte er seinem Bruder bei der Zusammenführung mit Gabi behilflich sein, auf der anderen Seite konnte er den Gedanken nicht ertragen, daß sie mit einem anderen Mann zusammen war ... Diese zwiespältigen Gefühle verwirrten ihn, und obwohl er wußte, daß er diese Gedanken als Priester eigentlich nicht haben durfte, konnte er sie auch nicht aus seinem Kopf verdrängen.
"Was - was genau hast Du vor?" fragte er unsicher. Ricardo kratzte sich am Kopf.
"Ich weiß noch nicht, aber ich habe das Gefühl, als ob noch nicht alles verloren wäre," erklärte er. Er nahm wieder platz. "Ich besuchte Gabi gestern im Surf Center, weil ich Neuigkeiten von ihrer Freundin Meg hatte ..." Er unterbrach den Satz. "Ihr Verlobter, Ben Evans, stürzte mit einem Flugzeug über Hawaii ab ..." fügte er als Erklärung hinzu. Antonio nickte.
"Ja, ich habe davon gehört. Einfach schrecklich, was manche Menschen für ein Schicksal erfahren müssen!"
Ricardo nickte.
"Ja, schrecklich ..." Er nahm den Faden wieder auf. "Als sie plötzlich vor mir stand, erkannte ich erst, was für ein Idiot ich doch gewesen war!" sagte er nachdenklich. "Ich liebe sie mehr als mein Leben ...!" Er unterbrach sich und atmete schwer. " ... Und ich werde um sie kämpfen!" fügte er entschlossen hinzu.
Antonio hielt für einen Moment den Atem an.
"Ich wünsche Dir viel Glück!" presste er schließlich hervor. Während er diese Worte sagte, fühlte er innerlich einen Schmerz, der ihn fast zu zerreißen drohte.
Ricardo lächelte und nahm seinen Bruder spontan in den Arm.
"Danke!" sagte er gerührt. Antonio schluckte. Er befreite sich aus Ricardos Armen und lächelte gezwungen.
"Nun muß ich allerdings mit meiner Arbeit weitermachen," sagte er. "In zwei Stunden beginnt bereits der nächste Gottesdienst."
Ricardo nickte verständnisvoll.
"Ich wollte Dich nicht aufhalten, kleiner Bruder," sagte er. Er klopfte ihm auf die Schulter. "Ich sage Dir Bescheid, wenn es Neuigkeiten gibt," sagte er augenzwinkernd und verließ das Gemeindehaus. Antonio ging langsam nach nebenan und kniete sich im Altarraum auf die Stufen. Er faltete die Hände.
"Hilf mir ...!" sagte er leise flehend, während er zum Kreuz hinauf sah.
"Sind die für mich?" Erstaunt schaute Gabi auf den Strauß Rosen, den ihre Roxi lächelnd überreichte.
"Ja," sagte sie," ein Bote hat sie vorhin abgegeben."
Gabi runzelte die Stirn.
"Wer schickt mir denn Rosen ins Krankenhaus?" fragte sie überrascht. Roxi reckte ihren Hals und schaute sich den Strauß genauer an.
"Ist denn keine Karte dabei?" fragte sie neugierig. Gabi tastete suchend die Blüten ab. "Nein," sagte sie enttäuscht. Roxi grinste verschmitzt.
"Anscheinend will der Absender anonym bleiben," sagte sie mit einem geheimnisvollen Blick. "Hast Du denn gar keine Ahnung, wer Dir die Blumen geschickt haben könnte?" fragte sie. Gabi sah sie nachdenklich an.
Ein Gesicht drängte sich in ihr Unterbewußtsein - Antonios Gesicht! Sie schüttelte den Kopf. Weshalb sollte ausgerechnet Antonio ihr weiße Rosen schicken?
Roxi schlug sich plötzlich an die Stirn.
"Ach, Gabi ..." sagte sie," das hätte ich ja beinahe vergessen ..." Sie räusperte sich. "Da war heute wieder dieser junge Mann hier ..." Sie unterbrach den Satz erneut. "Du weißt schon, der Sohn von der Hellseherin ..." Sie sah Gabi neugierig an.
"Antonio?" stieß diese hervor, überrascht darüber, daß sich ihre Gedanken verselbständigt hatten. Roxi sah sie nachdenklich an.
"Ja, ich glaube, so ist sein Name." Sie griff sich an die Stirn, um sich besser erinnern zu können. "Genau, Antonio Torres," bestätigte sie dann und nickte.
Gabi spürte, wie bei der Erwähnung seines Namens ihr Herz schneller schlug.
"Also doch!" dachte sie.
"Er wollte seine Mutter besuchen, aber sie war nicht da ..." fuhr Roxi mit ihrer Erzählung fort," ... und da ist mir doch was blödes passiert ..." Roxi unterbrach den Satz abrupt, weil sie sah, daß die Oberschwester mit eiligen Schritten auf die beiden Frauen zuging. "Wir sprechen später darüber," flüsterte sie Gabi zu. "Du weißt doch, daß der alte Drachen es nicht mag, wenn wir privat tratschen."
Gabi nickte, während Roxi genervt mit den Augen rollte. Sie begrüßte die Oberschwester freundlich, als diese näher kam.
"Können wir Ihnen vielleicht behilflich sein?" fragte sie scheinheilig und setzte ihr strahlendstes Lächeln auf.
Mißbilligend schaute die Oberschwester auf den Strauß weißer Rosen, den Gabi immer noch in ihrer Hand hielt.
"Schwester Gabi, würden Sie bitte demnächst Ihren privaten Garten zu Hause lassen!" sagte sie streng. Gabi senkte den Kopf.
"Ein Bote gab sie vorhin ab," mischte sich Roxi ein. Die Oberschwester runzelte ungehalten die Stirn.
"Schön," sagte sie knapp. "Dann sehen Sie zu, daß sie dieses ..." sie suchte nach Worten," ... Unkraut ins Wasser stellen und sich dann wieder an Ihre Arbeit machen!" Ohne die beiden Frauen noch eines Blickes zu würdigen drehte sie sich um und marschierte davon. Gabi sah ihr fassungslos hinterher, während Roxi sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte.
"Dieser Besen hat bestimmt in seinem ganzen Leben noch keinen einzigen Blumenstrauß geschenkt bekommen," sagte sie schmunzelnd. Gabi nickte.
"Da hast Du wohl recht." Nachdenklich schaute sie auf den Rosenstrauß und seufzte. "Gut, dann will ich mal eine Vase suchen und mich wieder an die Arbeit machen," sagte sie. Roxi nickte, lächelte Gabi noch einmal freundlich zu und ging dann ebenfalls zu ihrem Platz an der Information zurück.
„Darf ich vielleicht
mal erfahren, was dieses Theater hier bedeuten soll?“ fragte Thomas ungeduldig.
Higgins machte eine abweisende Handbewegung.
„Halten Sie den Mund und machen Sie endlich die Tür zu, Magnum! – Von draußen!“
„Oh nein“ Thomas schüttelte energisch den Kopf, „ich bleibe! Schließlich bin ich
hier für die Sicherheit des Anwesens verantwortlich, und ich will jetzt endlich
wissen, welche krummen Geschäfte derzeit zwischen Mister Masters Verwalter und
nachts heimlich herumschleichenden Eingeborenen laufen!“
„Bitte...“ mischte sich der Fremde ein. Seine Stimme hatte einen etwas
ängstlichen Klang und zu Thomas Erstaunen sprach er in fast akzentfreiem
Englisch. „Bitte machen Sie Mister Higgins deswegen keinen Vorwurf, ich wollte
wirklich niemandem schaden, wir hatten uns hier verabredet, aber ich habe mich
verspätet...“
Higgins hob die Hand.
„Schon gut, Motahwi, Du brauchst Dich nicht zu entschuldigen.“ Er warf Thomas
einen finsteren Blick zu. „Na los, nun kommen Sie schon rein, damit wir endlich
reden können!“
Die drei Männer setzten sich auf die Couch in Higgins Wohnzimmer. Gespannt
betrachtete Magnum den Eingeborenen. Er trug einfache Kleidung, ein
ausgeblichenes Shirt und dunkle Baumwollhosen. Jetzt, im hellen Licht der
Deckenlampe sah er auf den ersten Blick noch ziemlich jung aus, aber die Falten
um seinen Mund ließen vermuten, dass er schon nicht mehr zu den Jugendlichen
seines Stammes zählte. Am Handgelenk trug er selbstgefertigten Schmuck, der
Thomas seltsam bekannt vorkam. Higgins folgte seinem Blick und nickte.
„Motahwi gehört zum Mauna- Stamm. Ich habe ihn angerufen und ihn gebeten, sich
mal etwas umzuhören...“ erklärte er schnell.
„Woher kennt Ihr Euch?“ fragte Thomas. Er wußte zwar, dass die Eingeborenen des
Mauna- Stammes im allgemeinen sehr freundliche Leute zu sein schienen, aber
Freundschaften zu Weißen waren eher selten. Sie lebten abgeschieden von der
restlichen Zivilisation am Fuße des Vulkans Mauna Loa, arbeiteten zwar zum Teil
am Hafen oder auch in der Tourismusbranche, um ihren bescheidenen
Lebensunterhalt zu verdienen, blieben aber sonst unter sich, da sie ein durch
und durch gläubiges Volk waren. Touristen hielt man aus der Gegend fern, da der
Vulkan seit Jahren schon sehr unruhig war und man immer mit einem plötzlichen
Ausbruch rechnen mußte. Die Mauna- Leute störte das nicht, sie glaubten, wenn
sie weiter ihre Priester und ihren Gott verehrten, könne ihnen dort nichts
geschehen.
„Mister Higgins hat mir einmal sehr geholfen, als ich in Not war.“ erklärte
Motahwi. „Er ist ein großer Krieger.“
„Ein... aha.“ Magnum schluckte und sah den Verwalter mit hochgezogenen
Augenbrauen erstaunt an.
Dem war das etwas peinlich.
„Schon gut, schon gut.“ wehrte er bescheiden ab, doch Motahwi nickte nur
lächelnd.
„Jetzt kann ich Ihnen vielleicht helfen, oder Ihren Freunden.“
„Nun erzähl mal, was hast Du über den Absturz erfahren, vor allem über den
Amerikaner, der mit an Bord war und von dem jede Spur fehlt.“ drängelte Higgins
ungeduldig.
„Ich denke, er ist am Leben.“ erklärte Motahwi mit wichtiger Miene. „Ich bin mir
ziemlich sicher.“
„Wie kommst Du
darauf?“ fragte Thomas ungläubig. „Die Polizei hat die ganze Umgebung nach ihm
abgesucht, sogar Suchhunde haben sie eingesetzt, aber nichts gefunden, nicht die
geringste Spur.“
Motahwi lächelte tiefgründig.
„Sie werden auch nichts finden...“ Er sah erst Higgins, dann Magnum
bedeutungsvoll an.
„Unsere Priesterin war mit ein paar Leuten am Tag des Absturzes in der Gegend
unterwegs, und alle sagen, seitdem benimmt sie sich sehr merkwürdig.“
„Eure Priesterin?“ Thomas kniff die Augen zusammen. „Ist das sowas wie Euer
Häuptling, Euer Anführer?“
Higgins holte tief Luft, um ihm diese in seinen Augen unkultivierten Bemerkungen
in zu verbieten, aber Motahwi hob beschwichtigend die Hand.
„Ja, so könnte man sie in der Welt der Weißen bezeichnen. Sie ist eine große
Zauberin, eine auserwählte Tochter der Göttin Pele.“
„Na gut“ überlegte Thomas skeptisch, „aber Dein Stamm lebt am Fuße des Mauna Loa,
das ist kilometerweit von der Absturzstelle entfernt. Wie kommt sie dahin, und
was wollte sie dort?“
Motahwi zog ein geheimnisvolles Gesicht.
„Manchmal geht sie mit einigen Frauen Kräuter sammeln gegen Krankheiten und
bösen Zauber, dann sind sie oft tagelang unterwegs. Zur Zeit ist auch der Vulkan
sehr unruhig, vielleicht suchte sie ein Mittel, um ihn zu besänftigen. Manchmal
mischt sie sich auch einfach unters Volk und hört sich um, so wie einst die
Göttin selbst... vielleicht hatte sie aber auch einfach nur eine Vorsehung, was
an diesem Tag passieren würde...“
Magnum starrte ihn an und strich sich über die Stirn.
„Morgen früh werde ich aufwachen, und denken, ich hab schlecht geträumt.
Erinnern Sie mich bitte daran, Higgi, dass es nicht so ist! Meine Güte... wir
leben doch nicht im Mittelalter!
Kräuter sammeln, den Vulkan besänftigen, Vorsehungen... ich fasse es nicht!“
„Jetzt hören Sie aber auf, Magnum!“ fauchte Higgins. „Wir sind hier schließlich
auf Hawaii, und sie leben schließlich lange genug auf der Insel, um zu wissen,
dass es so etwas noch gibt!“
„Ja schon... in alten Legenden!“ widersprach Thomas.
„Eben nicht!“ schalt ihn der Verwalter und wandte sich dann wieder aufmerksam
seinem Besucher zu.
„Und Du denkst, sie hat den Mann aus dem Flugzeug geholt und mitgenommen?“
Motahwi nickte.
„Ich denke, so war es. Allerdings weiß ich es nicht sicher, genauso gut könnte
er so schwer verletzt gewesen sein, dass er in der Zwischenzeit gestorben ist.
Keiner hat etwas Genaues gesehen, und die Frauen, mit denen sie unterwegs war,
würden lieber sterben, als etwas zu verraten. Es ist uns auch streng verboten,
das Haus eines Priester zu betreten.“
Er machte eine kurze Pause und senkte dann die Stimme, so als hätte er Angst,
das Gesagte könne in die falschen Ohren geraten: „Aber in der Nacht, nachdem das
Flugzeug abgestürzt war, ließ Tamiha alle bekannten Kahuna aus der Gegend
zusammenrufen, und seitdem sie wieder weg sind, hat sie ihr Haus nicht mehr
verlassen.“
„Ist ja`n Ding!“
Thomas konnte es nicht glauben. Er dachte wieder an die Nacht, als ihm diese
merkwürdigen Eingeborenen beinahe in den Wagen gerannt wären. Das waren
eindeutig Kahunas gewesen, einheimische Medizinmänner.
Motahwi fuhr fort: „Als ich heute nach der Arbeit ins Dorf kam, herrschte helle
Aufregung. Einige Leute waren beim Holzsammeln in der Nähe von Kona dieser
jungen Frau begegnet...“
„Meg!“ sagten Thomas und Higgins gleichzeitig und sahen sich an.
„Sie hat nach einem Mann gefragt, und sie trug eine „Träne Gottes“ um ihren
Hals, aber ich kann nicht sagen, ob das eine gute oder schlechte Vorsehung
ist...“
„Das ist...“ wollte Thomas dem Spuk ein Ende setzen, doch Higgins unterbrach ihn
schnell:
„Das ist schwer zu sagen, kommt ganz darauf an, was Eure Priesterin dazu sagt.
Weiß sie s schon?“
„Ich glaube nicht, Tamiha ist unberechenbar, sie fürchten ihren Zorn.“
„Das werden wir ja sehen.“ knurrte Thomas. „Gehen wir mit einer Polizeieskorte
dorthin und sehen nach. Das kann doch nicht so schwer sein!“
Higgins aber schüttelte den Kopf.
„Nicht so eilig, Magnum. Ich glaube, das könnte Probleme geben.“
„So?“
„Kennen Sie die Legende? Agatha hat sie gestern Meg erzählt und brachte mich
erst auf die Idee, Motahwi anzurufen.“
Thomas sprang auf.
„Also wirklich, Higgi, ich dachte, ich kenne Sie besser! In welchem Jahrhundert
leben wir denn? Eingeborene, die einen verletzten Mann verschleppen und
verstecken...“
„Ganz so einfach ist das nicht.“ wehrte Higgins ab und brachte Magnum mit seiner
unerschütterlichen Ruhe fast um den Verstand. „Wie gesagt, haben wir es hier mit
Eingeborenen des Mauna- Stammes zu tun.“ erklärte er bedeutungsvoll. „Ich
erwähnte schon, dass diese Menschen äußerst gläubig sind. Die opfern ihr Leben
für ihre Göttin und ihren Glauben. Sie wissen, was die Legende besagt, und wenn
diese Frau, diese Priesterin, nur halb so verrückt ist, wie ich vermute, dann
läßt sie Mister Evans nicht mehr aus den Krallen. Falls sie ihm das Leben
gerettet hat, dann gehört er ihr, für immer.“
Magnum fing an zu lachen.
„Also dazu gehören ja nun wirklich immer zwei! Ich glaub das einfach nicht...“
Motahwi sprang von der Couch hoch.
„Mister Higgins hat recht!“ stieß er aufgeregt hervor. „Tamiha bekommt immer,
was sie will. Sie ist jung, unverheiratet und ... allmächtig! Jeder, der sie
bedroht, bekommt ihre Rache zu spüren!“
„Na klar“ meinte Thomas belustigt, „sie faucht und spuckt Feuer, das dann auf
Eure Dörfer regnet!“
„Nein, das tut sie nicht.“ entgegnete Motahwi mit ernster Miene. „Aber sie hat
die Medizin, die alles vergessen läßt...“
Thomas holte tief
Luft.
„Medizin, die alles vergessen läßt?“ Er grinste und meinte mit einem
bedeutungsvollen Seitenblick auf Higgins:
„Davon könnte ich auch manchmal ein paar Tropfen gebrauchen.“
Higgins räusperte sich.
„Ich würde Sie Ihnen mit dem großen Löffel verabreichen, wenn ich wüßte, dass es
etwas hilft!“ Er wandte sich wieder an Motahwi. „Was meinst Du sollten wir tun?“
Der Hawaiianer überlegte angestrengt.
„Sie müssen zuerst herausbekommen, ob der Mann, den Sie suchen, wirklich bei
Tamiha ist. Ich zeige Ihnen den Weg zu Ihrem Haus am Fuße des Vulkans, aber...“
er sah zögernd von Higgins zu Thomas, „weiter werde ich nicht mitgehen. Ich darf
ihr Reich nicht betreten, sie würde mich verfluchen und als Spion aus dem Dorf
jagen lassen. Es ist schon riskant für mich, heute nacht hier zu sein.“
Higgins nickte verständnisvoll und reichte ihm die Hand.
„Das verstehen wir natürlich. Ich weiß Deine Informationen sehr zu schätzen,
mein Freund, und solltest Du wieder einmal meine Hilfe benötigen, kannst Du auf
mich zählen.“
Motahwi verneigte sich leicht.
„Ich werde daran denken, Mister Higgins.“
Thomas stand auf.
„Wie soll das nun morgen laufen, Higgi? Was haben Sie geplant?“
„Nun, ich werde gemeinsam mit Sam Peterson Motahwi zu der Priesterin folgen, und
dann werden wir ja sehen, ob...“
„Sie?“ rief Thomas belustigt. „Oh nein, Higgins, das ist kein Job für Sie!“ Er
straffte die Schultern. „Ich werde mit Sam dorthingehen, ich denke, wenn es
richtig heiß werden sollte und diese geheimnisvolle Göttin damit beginnt, ein
wütendes Feuerwerk zu veranstalten und mit verzauberten Feuerbällchen nach uns
zu werfen, laufen Sam und ich doch etwas schneller als Sie. Kümmern Sie sich
hier um die Organisation und überlassen Sie die Feinarbeit den Profis!“
Higgins verzog keine Miene.
„Gut, tun Sie, was Sie nicht lassen können, Magnum.“ knurrte er. „Aber
vermasseln Sie es nicht!“
Als Gabi abends nach ihrem Feierabend das Surf Center betrat, fiel ihr gleich ein großer Strauß roter Rosen auf, der auf dem Wohnzimmertisch stand. Sie ging zum Tisch hinüber und strich sanft über die Blütenblätter, als sie ein Geräusch hörte.
"Die wurden heute Nachmittag für Dich abgegeben," hörte sie Marks Stimme. Gabi schaute Richtung Treppe und sah, wie er die Stufen herunterkam. Er wies auf die Rosenpracht. "Die waren bestimmt nicht billig," bemerkte er und grinste.
Gabi warf ihm einen strafenden Blick zu. Sie beugte sich vorsichtig zu den Rosen hinunter und sog den süßen, betäubenden Duft ein.
"Ist zufällig eine Karte dabei gewesen?" fragte sie, nachdem sie den Strauß gründlich untersucht hatte. Mark schüttelte den Kopf.
"Nein, ich glaube nicht." Er sah Gabi verwundert an. "Weißt Du denn nicht, wer Dein Rosenkavalier ist?"
Sie schüttelte den Kopf.
"Vielleicht Ricardo," äußerte Mark seine Vermutung. Gabi schüttelte wieder den Kopf. "Nein, sicher nicht," stieß sie hervor. "Zwischen uns ist es endgültig aus!" fügte sie bitter hinzu. Mark sah sie bedauernd an.
"Das tut mir wirklich leid für Euch beide," sagte er aufrichtig. "Ist es wegen ... Casey?" fragte er leise. Gabi nickte.
"Bitte, Mark, ich möchte nicht darüber reden," sagte sie und machte eine abwehrende Handbewegung," nicht jetzt!" Er nickte verständnisvoll.
"Darf ich Dir noch eine Frage stellen?" fragte er vorsichtig. Gabi seufzte.
"Wenn ich dann in mein Zimmer gehen darf?" fragte sie scherzhaft, obwohl ihr absolut nicht nach Scherzen zumute war. Mark räusperte sich.
"Liebst Du Ricardo denn noch?" fragte er leise. Gabi holte tief Luft. Für einen Augenblick war im ganzen Raum Totenstille. Mark richtete seinen Blick auf Gabi, die jedoch angestrengt auf den Fußboden starrte.
"Ja," flüsterte sie dann leise," ich liebe ihn immer noch ..."
Mark sah sie prüfend an.
"Und Du glaubst nicht, daß die Rosen von ihm sind?" fragte er. Nachdenklich schaute er auf den Rosenstrauß vor sich. "Wenn sie nicht von Ricardo sind," dachte er laut," von wem können sie denn dann sein?" sagte er und schaute Gabi fragend an. Sie wich seinem Blick aus.
"Ich habe Deine Frage beantwortet, und nun möchte ich auf mein Zimmer!" sagte sie bestimmt. "Gute Nacht, Mark!"
Gabi rannte die Treppe hinauf und ließ einen nachdenklichen Mark im Wohnzimmer zurück.
Derek schloß die Tür auf, und Sara drängelte sich gleich vor und ließ sich aufs Sofa fallen.
"Meine Güte, bin ich müde," sagte sie, ein Gähnen unterdrückend. Sie zog ihre Schuhe von den Füssen und massierte ihre Zehen. "Der Tag hat mich wirklich geschafft!" sagte sie und stöhnte leise. Besorgt sah Derek sie an.
"Du hättest früher gehen sollen," sagte er. "Erst vormittags ins "Java Web" und abends ins "Deep" - das ist einfach zuviel für Dich."
Sara schüttelte energisch den Kopf.
"Nein, ist es nicht! Ich muß mich nur erst daran gewöhnen, den ganzen Tag zu arbeiten," sagte sie und grinste. Derek sah sie skeptisch an.
"Wenn Du meinst ..." sagte er, wissend, daß es nichts bringen würde, Sara von ihrer Meinung abzubringen. Sie lächelte.
"Es geht mir wirklich gut," versicherte sie ihm," ich bin nur müde."
Derek nickte.
"In Ordnung, dann geh' schon mal nach oben, ich komme gleich nach," sagte er.
Sara gab ihm einen Kuß.
"Laß' mich nicht zu lange warten," sagte sie verschmitzt lächelnd, bevor sie sich umdrehte und die Treppe hinaufging. Derek ging zum Anrufbeantworter und drückte die Abhörtaste.
"Hallo, Ihr Lieben, wir wollten Euch nur mitteilen, daß wir morgen gegen 10.25 Uhr auf dem Sunset Beach- Airport landen werden. Könnt Ihr uns dann abholen?" vernahm er Joans Stimme.
Derek seufzte.
Das Saras Eltern so plötzlich in Sunset Beach auftauchen mußten paßte ihm eigentlich überhaupt nicht in den Kram, ahnte er doch, daß dieser Besuch eine Menge Ärger mit sich bringen würde. Derek dachte über Ben nach, der noch kurz vor seinem Verschwinden, Meg einen Heiratsantrag gemacht hatte.
Vielleicht würden Saras Eltern auch milder auf die Baby-Nachricht reagieren, wenn sie erfahren würden, daß sie beide verlobt wären, schoß es ihm plötzlich durch den Kopf! "Derek?" hörte er plötzlich Saras Stimme von oben. "Was machst Du denn noch so lange da unten?" fragte sie neugierig. Langsam ging sie die Treppe hinunter, während Derek immer noch in Gedanken versunken und wie angewurzelt da stand. "Träumst Du?"
Sie ging auf ihn zu und sah ihn prüfend an. Derek schluckte.
"Jetzt oder nie," dachte er. Schnell griff er nach ihrer Hand.
"Willst Du ... willst Du mich," stotterte er," ... willst Du mich heiraten?"
Schlaflos wälzte
sich Rae in ihrem Bett herum. Sie lag schon stundenlang wach und hing ihren
Gedanken nach. Im Geiste ging sie immer wieder die bevorstehende Operation
durch, nachdem sie am Abend zuvor alle verfügbare Fachliteratur gewälzt und im
Internet nach Material über vergleichbare Eingriffe gesucht hatte. Sie wollte
einfach bestmöglich vorbereitet sein, nicht etwa, um Dr. Morton zu beweisen, was
für eine hervorragende Chirurgin sie war, nein, sie wollte das Beste für Casey,
diese Operation mußte einfach gelingen, damit er wieder laufen konnte.
Er hatte dem Eingriff natürlich sofort zugestimmt, und auch Alex, seine Mutter,
hatte ihr heute in der Cafè- Terria bestätigt, wieviel ihm diese Chance
bedeutete.
Alex war eine sehr offene, warmherzige Frau, zu der Rae schnell Vertrauen gefaßt
hatte.
Die beiden Frauen hatten sich lange unterhalten, und Rae erzählte ihr
schließlich auch von dem gespannten Verhältnis zu ihren Eltern, und dass sie
ihre Verlobung mit Wei- Lee gelöst hatte, um Casey nahe zu sein.
Alex war als Fotojournalistin natürlich schon mehrmals in China gewesen und
hatte die dort immer noch ziemlich konservativen Familientraditionen
kennengelernt. Die Familie war für die Chinesen etwas Heiliges, und besonders
die ältere Generation hielt starr an den Regeln und Gebräuchen ihrer Vorväter
fest.
„Es ist bestimmt sehr schwer für Sie, sich dagegen aufzulehnen.“ meinte sie
mitfühlend.
Rae hatte zunächst nur stumm genickt. Sie hatte das Gefühl, dass es ihr guttun
würde, sich Alex mitzuteilen. Sie erzählte ihr, wie sie versucht hatte, sich
schließlich dem Willen ihres Vaters zu beugen und den Mann zu heiraten, dem sie
schon seit ihrer Kindheit versprochen war.
„Ich konnte es einfach nicht, ich hab gedacht, mein Leben würde mit dem Tag
meiner Hochzeit zu Ende sein...“ brach es aus ihr heraus, „und als ich Casey
dann auf der Trage sah, als sie ihn verletzt und bewußtlos hereinbrachten, da
wußte ich plötzlich, wohin ich wirklich gehörte. Es ist mir egal, ob meine
Familie mich in Zukunft meidet, ich möchte nur mit ihm zusammensein, und ich
möchte, dass er wieder gesund wird und ...“ Sie hatte die Tränen einfach nicht
mehr zurückhalten können, und Alex nickte nur und nahm sie tröstend in den Arm.
„Ich kann Sie gut verstehen, Rae.“ sagte sie leise.
„Ich habe immer nur getan, was man von mir erwartete, meine Eltern, meine
Lehrer, meine Dozenten in Harvard“ fuhr Rae fort und wischte sich die Tränen mit
einer trotzigen Bewegung weg, „ich war so erzogen, dass ich stets alle
Erwartungen erfüllte, die man in mich setzte. Als ich dann nach Sunset Beach
kam, war plötzlich alles anders. Das Leben war mit einem Mal wie ein bunter
Reigen, spannend und schön, und da war Casey... Von ihm lernte ich, dass das
Leben ein Geschenk ist, das man nur einmal bekommt, und dass man es so leben
sollte, das man später keinen einzigen Tag bereut!“
Alex nickte.
„Ja, das sollte man, wenn es irgendwie geht. In Ihrem Beruf sehen Sie ja selbst
oft genug, wie schnell sich alles ändern kann.“
„Von einem Augenblick auf den anderen kann alles vorbei sein...“ murmelte Rae
ganz in Gedanken versunken. Alex hatte sie daraufhin verwundert angeblickt.
„Reden Sie von Caseys Unfall?“
„Nein“ schüttelte Rae den Kopf, „Casey wird wieder gesund, daran glaube ich ganz
fest, und dafür werde ich alles tun, was in meiner Macht steht. Nein... ich
dachte gerade an meine Freundin Meg, eine ehemalige Mitbewohnerin aus dem Surf
Center. Ihr Verlobter ist vorgestern mit dem Flugzeug über Hawaii abgestürzt.
Alle glauben, dass er tot ist, obwohl man ihn noch nicht gefunden hat, aber
genau aus dem Grund klammert sich Meg an die Hoffnung, er könnte noch leben. Die
beiden waren so glücklich...“
Alex zog die Stirn in Falten.
„Ja, Michael hat mir davon erzählt. Das Leben ist mitunter sehr ungerecht... und
grausam.“ Sie sah Rae aufmerksam an.
„Haben Sie eigentlich mal darüber nachgedacht, was passiert, wenn die Operation
nicht gelingt?“ Sie bemerkte Raes erschrockenen Blick. „Ich meine nur, was wird
dann aus Ihnen und Casey?“
„Ich bleibe bei ihm, so oder so.“ antwortete Rae entschlossen.
Bedenklich wiegte Alex den Kopf.
„Das wird er nicht wollen, Rae. Ich kenne meinen Jungen, er wird denken, Sie tun
das nur aus Mitleid, und das würde ihn umbringen!“
„Nein, das hat mit Mitleid nichts zu tun, ich liebe Casey!“ widersprach Rae
heftig. „Außerdem... wird nichts schiefgehen, wir werden es schon schaffen, wir
müssen nur fest daran glauben!“
Nun lag sie hier, starrte in die Dunkelheit und wartete ungeduldig darauf, dass
endlich der neue Morgen anbrach, was auch immer er bringen möge...
Sara riß vor Erstaunen Mund und Augen weit auf und starrte Derek fassungslos an.
"W- wie bitte?" fragte sie ungläubig. Derek drückte Saras Hand und wiederholte seine Frage.
"Willst Du mich heiraten?" fragte er mit festerer Stimme. Sara schloß die Augen, weil sie glaubte, daß sie das alles nur träumen würde, aber als sie sie wieder öffnete, stand Derek immer noch vor ihr und sah sie erwartungsvoll an.
"Soll das etwa ein Heiratsantrag sein?" fragte sie verwirrt. Derek seufzte.
"Ja, so könnte man es wohl ausdrücken," sagte er. Er begann bereits, seine Kurzschlußhandlung zu bereuen. Es war weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Ort, um so eine wichtige Entscheidung zu treffen. Was war nur in ihn gefahren, ihr jetzt einen Antrag zu machen? fragte er sich. Er sah Sara verlegen an.
"Das kommt jetzt wohl ein bisschen plötzlich für Dich, oder?" fragte er zerknirscht.
Sara nickte.
"Das kann man wohl sagen," gab sie zu. "Ich hatte es mir irgendwie ..." sie suchte nach Worten.
"... romantischer?" hörte sie Derek fragen. Sara sah ihn überrascht an.
"Ich weiß nicht ..." sagte sie nachdenklich," ... ja, vielleicht," vervollständigte sie den Satz. Sie war völlig durcheinander und überrascht von seinem Antrag und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.
"Okay, dann vergessen wir das ganze einfach," sagte Derek plötzlich.
Sara sah ihn entsetzt an.
"Nein!" stieß sie hervor. "Ich meine ... Ja!" verbesserte sie sich schnell. "Natürlich möchte ich Dich heiraten!"
Irritiert sah Derek sie an.
"Du willst ...?" fragte er überrascht. Sara nickte heftig.
"Ja, ich will!" Ein strahlendes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, und bevor Derek wußte, wie ihm geschah, warf sie sich in seine Arme.
"Vom ersten Augenblick an, als wir uns begegnet sind habe ich mir gewünscht, daß Du mir eines Tages diese Frage stellen würdest," sagte sie sehnsüchtig. Sanft strich Derek über Saras seidig glänzendes Haar.
"Ich liebe Dich!" flüsterte er ihr ins Ohr. Sara sah ihn verliebt an.
"Ich Dich noch viel mehr!" sagte sie zärtlich. Ihre Blicke trafen sich, und ihre Lippen fanden sich zu einem innigen Kuß.
Als Sara am nächsten
Morgen erwachte, war das Bett neben ihr leer. Seufzend stand sie auf und ging
ins Badezimmer. Wahrscheinlich war Derek wieder joggen gegangen, vermutete sie,
doch in diesem Fall irrte sie.
Er stand im selben Moment in einem Juweliergeschäft und ließ sich vom Verkäufer
einige Ringe zeigen.
"Möchten Sie den Ring zu einem bestimmten Anlaß verschenken?" fragte er ältere Verkäufer freundlich.
Derek nickte.
"Ja, es soll ein Verlobungsgeschenk sein," entgegnete er. Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Verkäufers.
"Nun, da habe ich eine besonders schöne Kollektion für Sie." Er zog eine Schublade auf, in der auf einem samtüberzogenen Einsatz einige wertvolle Schmuckstücke lagen. "Welche Augenfarbe hat ihre Verlobte?" fragte er. Derek sah ihn stirnrunzelnd an. Er konnte sich nicht erklären, was der Kauf eines Ringes mit Saras Augenfarbe zu tun hatte. "Braun," antwortete er irritiert. Der Verkäufer schaute in seine Schublade und legte dann lächelnd einen wunderschönen Ring auf den Tresen. Derek nahm ihn vorsichtig in die Hand und drehte ihn hin und her. Der Ring aus Weißgold war mit Diamanten besetzt und in der Mitte befand sich ein wunderschöner Kristallopal, der in den Farben grün-gelb-blau schimmerte.
"Der ist einfach ... perfekt," stieß er hervor, nachdem er das Schmuckstück eingehend bewundert hatte.
Der Verkäufer lächelte.
"Es freut mich, daß ich Ihren Geschmack getroffen habe."
Derek nickte.
"Auf welchen Namen darf ich die Rechnung ausstellen?" fragte der Verkäufer geschäftstüchtig.
Wenige Minuten später war der Verkauf perfekt, und Derek steckte zufrieden das kleine Kästchen mit dem Ring in seine Jackentasche. Im Blumenladen nebenan kaufte er noch einen Strauß roter Rosen und machte sich dann beschwingt und glücklich auf den Weg nach Hause.
"Hast Du Sorgen, mein Sohn?" fragte Madame Carmen und sah ihren jüngsten Sohn besorgt an. Antonio schüttelte den Kopf, als könnte er damit seine Gedanken an Gabi abschütteln.
"Nein, Mama, es geht mir gut," sagte er und lächelte gezwungen. Sie sah ihn mit einem zweifelnden Blick an.
"Ich habe gute Nachrichten," wechselte sie das Thema. "Dr. Robinson war vorhin hier, um mir mitzuteilen, daß ich schon morgen entlassen werden kann," sagte sie und lächelte. Antonio reagierte kaum auf die gute Neuigkeit, sondern starrte die ganze Zeit nur geistesabwesend aus dem Fenster.
"Antonio!" rief Madame Carmen eindringlich. "Hast Du gehört, was ich gesagt habe?"
Er sah erschrocken auf.
"Entschuldige, ich war wohl mit meinen Gedanken gerade woanders," gab er zu.
Sie nickte.
"Ich habe es in den Karten gesehen ..." sagte sie nachdenklich. Antonio hob überrascht den Kopf.
"Was hast Du gesehen?" fragte er aufgeregt. Madame Carmen atmete tief durch.
"Das etwas in Dein Leben treten wird, daß stärker ist als jede Vernunft," erklärte sie geheimnisvoll. Antonio schluckte. Seine Mutter wußte also Bescheid über seine Gefühle zu Gabi!
"Und was ... was hast Du noch in den Karten gesehen?" fragte er nervös.
Erstaunt sah sie ihn an.
"Du glaubst doch sonst nicht an meine Prophezeiungen," sagte sie," wieso ausgerechnet jetzt?"
Antonio atmete schwer. Vielleicht ahnte sie nur etwas und wollte ihn nun auf diese Weise aushorchen, ging ihm plötzlich durch den Kopf.
"Du hast recht," sagte er mit fester Stimme," ich glaube nicht daran, und bisher konnte ich auch ganz gut ohne Deine Vorhersehungen leben," fügte er bestimmt hinzu. Nachdenklich sah Madame Carmen ihren Sohn an. Sie schloß die Augen.
"Ich fühle Deinen Konflikt ..." sagte sie, nachdem sie ihre Augen wieder geöffnet hatte. "Bitte," fuhr sie fort" vertrau Dich mir an, ich möchte Dir helfen!" fügte sie eindringlich hinzu und griff nach seiner Hand. Antonio entzog sie ihr abrupt und sprang von seinem Stuhl auf.
"Ich brauche Deine Hilfe nicht!" sagte er heftiger als beabsichtigt. Er beugte sich zu seiner Mutter hinunter und gab ihr einen flüchtigen Kuß auf die Wange. "Ruf' mich an, wenn die Entlassungspapiere unterschrieben sind," sagte er, bevor er die Tür öffnete und das Zimmer verließ. Madame Carmen sank stöhnend zurück.
"Unglück und Verderben werden über unsere Familie kommen," flüsterte sie leise," und ich kann nichts tun, um es aufzuhalten!"
Magnum hatte Higgins
überredet, dass es besser sei, Meg zu ihrer eigenen Sicherheit vorerst nichts
von dem nächtlichen Besucher und seinen Vermutungen zu erzählen. Sie würde sonst
garantiert darauf bestehen, ihn und Sam zu dem Mauna- Stamm zu begleiten, und
das hielt Thomas unter den gegebenen Umständen einfach für zu gefährlich. Er
arrangierte ein Treffen mit Carol Baldwin in deren Büro und bat seinen Freund
T.C., gemeinsam mit Meg und Higgins dorthin zu fahren und sich über den neusten
Stand der polizeilichen Ermittlungen zu informieren.
„Sam und ich werden uns währenddessen ein wenig in der Gegend umsehen.“ erklärte
er, als Meg erstaunt fragte, warum sie nicht mitkämen. „Vielleicht finden wir
unter den Eingeborenen jemanden, der etwas gesehen hat und uns weiterhelfen
kann.“ Und das war ja noch nicht einmal gelogen.
Als Higgins Wagen in der Ausfahrt verschwand, setzten sich die beiden Männer
zusammen und überlegten, wie sie am besten vorgehen sollten.
„Wir nehmen den Jeep und fahren erst einmal ein paar Kilometer landeinwärts.“
erklärte Thomas. „Irgendwann ist dann die Strasse zu Ende, und wir müssen noch
ein ganzes Stück zu Fuß durch den Wald. Dort werden wir Motahwi treffen. Er wird
dafür sorgen, dass wir zunächst unbemerkt an das Dorf herankommen und zeigt uns,
wo wir das Haus der Priesterin finden. Von da an sind wir auf uns allein
gestellt und müssen uns etwas einfallen lassen. Weiter kommt Motahwi nicht mit.“
„Warum nicht?“ fragte Sam, der gespannt zugehört hatte.
„Er fürchtet den Zorn der Götter.“ antwortete Thomas und verdrehte die Augen.
„Mir ist jetzt noch ganz schwindlig von dem abergläubischen Kram, den er letzte
Nacht von sich gegeben hat. Ich lebe nun schon so lange hier, aber es erstaunt
mich doch immer wieder, dass diese Leute wirklich noch so intensiv an all den
Zauber glauben.“
„Tja“ meinte Sam bedenklich, „dann sollten wir gut aufpassen. Meine bisherigen
Erfahrungen haben mich gelehrt, bei fanatischen Menschen besonders vorsichtig zu
sein.“
Als Derek die Tür öffnete, stieg ihm schon der Duft von Kaffee in die Nase. Er folgte dem Geruch und stand schließlich auf der Terrasse, wo Sara schon den Frühstückstisch gedeckt hatte. Ihr Blick fiel gleich auf den Strauß roter Rosen, den Derek im Arm hielt. "Jetzt weiß ich, warum Du heute morgen so früh auf den Beinen warst," sagte sie und lächelte verschmitzt. Feierlich überreichte er Sara den Strauß.
"Für meine zukünftige Frau," sagte er leise und sah ihr dabei tief in die Augen.
"Oh Derek," sagte sie gerührt," die sind einfach wundervoll!" Sie sah ihn dankbar an. "Ich werde sie gleich in eine Vase stellen." Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuß. Der Rosenstrauß rutschte dabei seitlich weg, und ein kleiner Gegenstand, der sich inmitten der Blumenpracht befunden hatte, fiel dabei mit einem dumpfen Geräusch auf den Fußboden. Überrascht sah Sara auf das kleine Kästchen, das vor ihren Füßen lag. "Was ist das?" fragte sie neugierig.
Derek lächelte.
"Heb' es doch auf und sieh hinein!" forderte er sie auf. Sara bückte sich und hob das Kästchen auf. Nachdenklich hielt sie es in der Hand. Fragend sah sie Derek an.
"Öffne es!" drängte er sie. Während sie langsam den Deckel hob spürte sie, wie ihr Herz schneller schlug.
"Das ist ..." Sara unterbrach sich, weil ihr einfach die Worte für das fehlten, was sie nun sah. Wie hypnotisiert starrte sie auf den Opal-Ring, der im Schmuckkästchen auf einem kleinen Samtbett lag. " ... einfach ein Traum!" stieß sie hervor, nachdem sie ihre Sprache wiedergefunden hatte. Sie sah Derek mit tränenfeuchten Augen an.
Verlegen räusperte er sich.
"Ich dachte mir," begann er," wenn ich Dir schon einen Antrag mache, dann gehört auch der passende Verlobungsring dazu."
Sara lächelte, während sie sich eine Träne aus dem Auge wischte.
"Darf ich?" Derek nahm den Ring aus dem Kästchen und streifte ihn über Saras Ringfinger. "Jetzt ist es ganz offiziell," sagte er zufrieden, während er den Ring an ihrer Hand betrachtete. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und ließ ihren Tränen nun endgültig freien Lauf.
"Hey," sagte er sanft, während er sie an sich drückte," das ist doch kein Grund zum Weinen."
"Ich bin so glücklich," schluchzte sie. Er schob sie ein Stück von sich weg und sah sie prüfend an.
"Du hast aber eine komische Art, das zu zeigen," sagte er und schmunzelte. Sara rieb sich die Nase.
"Tut mir leid," sagte sie," ich bin eben etwas sentimental." Sie schaute nachdenklich auf ihren Ring. "Ich wünschte, Meg wäre jetzt hier," sagte sie leise.
Derek griff sich plötzlich an die Stirn.
"Wie spät ist es?" fragte er aufgeregt. Sara sah ihn irritiert an.
"Kurz nach 10 Uhr, wieso?" fragte sie neugierig. Derek stöhnte.
"Deine Eltern ..." stieß er hervor," ... ihr Flugzeug landet um 10.25 Uhr auf dem Sunset Beach Airport." Er sah Sara entschuldigend an. "Deine Mutter sprach gestern auf unseren Anrufbeantworter," fügte er hinzu, als er Saras fragenden Blick sah. "Das hätte ich doch jetzt beinahe verschwitzt ..." Schnell gab er ihr einen Kuß. "Ich muß los!" sagte er. "Vielleicht erwische ich sie noch."
Sara sah ihm überrascht hinterher, als er eilig das Haus verließ.
"Sara ..." Joan Cummings drückte ihre jüngste Tochter an sich, während Derek und Hank verlegen daneben standen. "Wie geht es Dir?" fragte sie, nachdem sie die Begrüßung beendet hatte. Es sollte sicher nur eine Floskel sein, aber Sara fühlte sich ertappt. Sie wurde rot und wich Joans prüfendem Blick aus.
"Danke, gut," sagte sie ausweichend. Nun mischte sich auch ihr Vater ein.
"Du siehst auch so aus," sagte er lächelnd. Sara fühlte sich immer unwohler in ihrer Haut, und sie ging zu Derek hinüber und griff hilfesuchend nach seiner Hand. Er warf ihr einen ermahnenden Blick zu, und sie ließ seine Hand wieder los.
"Wo ist denn Euer Gepäck?" fragte sie, um das Thema zu wechseln. Derek wies nach draußen.
"Noch im Auto," erklärte er kurz. Hank bot sich gleich an, ihm beim Tragen behilflich zu sein, und während die beiden Männer zum Auto gingen, standen sich Mutter und Tochter unschlüssig gegenüber. Alles in Sara schrie förmlich danach, ihrer Mutter von ihrem Glück zu erzählen, aber sie hielt sich zurück. Der Zeitpunkt würde noch früh genug kommen ...
"Sara?" Joan sah ihre Tochter fragend an. "Wo bist Du nur mit Deinen Gedanken?" fragte sie und runzelte die Stirn. Sara strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
"Wieso?" fragte sie irritiert. Joan sah sie wieder mit einem prüfenden Blick an.
"Ich fragte gerade, ob Du schon was von Meg gehört hast?" Sara schüttelte den Kopf. "Wenn Du damit fragen willst, ob es schon konkrete Neuigkeiten über Ben gibt - nein." Sie machte eine Pause. "Aber Derek hat da so eine Theorie ..." Während Sara ihrer Mutter von der besonderen Verbindung zwischen Zwillingen erzählte, sah diese sie nachdenklich an.
"Diese besonders Verbindung existiert nicht nur bei Zwillingen," sagte sie," auch Mütter haben einen besonderen Instinkt, wenn es um das Wohl ihrer Kinder geht," fügte sie hinzu. Sara schluckte.
"Ja, mag schon sein," sagte sie und lächelte gezwungen. Sie war dankbar, daß Derek und Hank gerade das Haus betraten.
"Wollen wir auf die Terrasse gehen?" fragte Sara, erleichtert über die Ablenkung. Derek hatte auf dem Weg zum Flughafen noch schnell Brötchen besorgt, und nachdem Sara allen, außer sich selber, Kaffee eingeschenkt hatte, ließen sie es sich schmecken. Die Stille am Tisch, während jeder vor sich hin aß, war beklemmend, und Sara spürte plötzlich, wie sie eine Übelkeitswelle überfiel.
"Entschuldigt mich bitte," sagte sie, während sie aufsprang und nach draußen lief. Derek sah ihr besorgt hinterher. Er widerstand dem Impuls, ihr hinterherzulaufen und sah Joan und Hank stattdessen entschuldigend an.
"Sie ist ein bisschen nervös," versuchte er Saras Verhalten zu erklären.
"Ja, das habe ich wohl gemerkt," sagte Joan nachdenklich. Sie nahm einen Schluck Kaffee und stellte die Tasse dann wieder auf den Tisch zurück.
"Was ist hier los?" fragte sie unvermittelt. Derek schloß für einen Moment die Augen. Die Frau besaß hellseherische Fähigkeiten, ging ihm durch den Kopf. Hank sah seine Frau irritiert an. Anscheinend ahnte er nicht, worauf sie hinauswollte.
"Na gut," sagte Derek seufzend," dann werden wir unser Geheimnis wohl lüften müssen." Er nahm einen Schluck aus seiner Tasse.
"Sara und ich ..." Abrupt brach er den Satz ab, weil er sah, daß Sara die Terrasse betrat. Neugierig sah sie von einem zum anderen.
"Derek wollte uns gerade etwas erzählen," sagte Joan. Entsetzt sah Sara ihn an. Derek stand auf, ging um den Tisch herum und legte einen Arm um sie.
"Dann wollen wir mal ..." sagte er und warf Sara einen doppeldeutigen Blick zu.
"Sabotage! Bist Du sicher?" Cole blickte Annie fassungslos an.
"Tante Bette hat es mir erzählt. Und glaub mir, die irrt sich nicht. Sie sitzt ja quasi an der Quelle."
Cole nickte.
"Ausgerechnet Ben", schluchzte Annie. "Das ist so ungerecht. Warum konnte nicht Gregory in dem Flugzeug sitzen? Den hätte niemand vermißt, nicht einmal Olivia. Widerliches Stinktier. Aber stattdessen mußte Ben abstürzen. Alles wegen Gregory!"
"Du kannst Gregory kaum die Schuld an dem Absturz geben", beschwichtigte Cole. "Haah", schnaubte Annie. "Es wird schon nicht umsonst jemand versucht haben, ihn umzubringen. Ich kann Dir auf der Stelle 20 Namen nennen, von Menschen, die ein Motiv haben. Aber er kommt ja immer davon. Immer erwischt es die falschen."
"Du solltest Dich ausruhen", meinte Cole erneut. "Das ganze hat Dich schwer mitgenommen."
"Ausruhen? Oh nein! Gregory soll mir in den nächsten Tagen besser nicht über den Weg laufen. Und wenn ich rauskriege, wer das Flugzeug manipuliert hat, drehe ich demjenigen persönlich den Hals um."
In diesem Moment klingelte es an der Tür. Annie rauschte hinüber und öffnete.
Vor der Tür stand AJ Deschanel.
Hickengruendler
"Ich muß mit Dir reden, Cole", begann er sofort.
"Freut mich ebenfalls, Sie zu sehen, Mr. Deschanel", erwiderte Annie in einem sarkastischen Ton.
"Wie? Oh, ja ja, danke."
Annie schüttelte kurz den Kopf, zog dann aber seufzend mit den Worten "Ich wollte sowieso mal hören, was die Polizei eigentlich so tut, um diesen Mord aufzuklären", den Rückzug an und verschwand.
"Was willst Du?", fragte Cole.
"Du mußt mir helfen, sofort. Es ist wichtig."
"Worum gehts?"
"Ich habe Mist gebaut. Und es scheint so, nun ja, einige Informanten haben mir erklärt, daß die Polizei mir bereits auf der Spur ist."
Cole blickte ihn ernst an.
"Was genau hast Du getan?"
AJ zögerte einen Moment. Cole war sein Sohn, und er würde ihm bei fast allem helfen. Aber Mord...?
"Ich habe ein paar Leute ausgeraubt. Echte Juwelen durch falsche ersetzt, und die echten mitgehen lassen."
Cole sah geschockt aus. So, als könne er nicht begreifen, daß jemand, der mit ihm verwandt ist, so etwas tun könnte, wie Juwelen stehlen.
"Bitte", flehte AJ ihn an. "Wenn Du mir nicht hilfst, dann muß ich wahrscheinlich Jahre im Gefängnis verbringen."
Cole zögerte einen Augenblick.
"Also gut", meinte er. "Und wie genau hast Du Dir das vorgestellt?"
Hickengruendler
Hank und Joan schauten erwartungsvoll zu Derek, während Sara Mühe hatte, ihre Fassung zu bewahren. Er spürte ihre Anspannung und zog sie noch etwas näher zu sich heran.
"Also," begann er," sicher werdet Ihr jetzt überrascht sein, aber Sara und ich haben uns ... verlobt." Eine bedrückende Stille entstand, so daß man vom Strand her das Rauschen der Wellen hören konnte.
"Ihr wollt heiraten?" Joan fand als erste ihre Sprache wieder. Fassungslos schaute sie die beiden an. Sara wich ihrem Blick aus, während Derek krampfhaft lächelte.
"Ich sagte ja, daß Ihr überrascht sein würdet," sagte er zu seiner Entschuldigung.
Hank schüttelte nachdenklich den Kopf.
"Wäre es nicht angebrachter gewesen, uns vorher über Eure Pläne zu informieren, bevor Ihr Euch Hals über Kopf verlobt?" fragte er, und man spürte, daß er wenig begeistert von dieser Mitteilung war.
"Dad," stieß Sara aufgebracht hervor," ich bin volljährig und durchaus in der Lage, meine eigenen Entscheidungen zu treffen!"
"Ja, schon ..." sagte Hank nachdenklich," ... aber kommt das nicht alles etwas plötzlich?" fragte er.
"Was Dein Vater sagen will," mischte Joan sich ein," ist, daß wir überrascht darüber sind, daß Ihr nicht noch ein bisschen gewartet habt, um Euch besser kennenzulernen." Sie sah Sara streng an. "Ihr kennt Euch doch erst wenige Monate, und das reicht einfach nicht aus, um eine solide Basis für eine Ehe zu schaffen!"
Sara verdrehte genervt die Augen.
"Wenn es um Meg gehen würde, würdest Du nicht so reden," entfuhr es ihr. Joan runzelte die Stirn.
"Was hat Meg damit zu tun?" fragte sie überrascht.
"Nichts," warf Derek schnell ein. Er sah Sara scharf an, und sie verstand sofort, was er ihr mit diesem Blick signalisieren wollte. Es war nicht ihre Angelegenheit, von Bens und Megs Verlöbnis zu erzählen.
"Mag sein, daß Du recht hast," gab Sara kleinlaut zu, "aber wir lieben uns und sehen keinen Grund, warum wir mit einer Heirat noch länger warten sollten."
Derek nickte zustimmend, doch Joan schien immer noch nicht zufrieden zu sein.
"Liebe bedeutet doch nicht automatisch, daß man auch gleich heiraten muß!" sagte sie ungehalten. "Dein Vater und ich ..." sie warf einen kurzen Blick zu Hank hinüber," ... kannten uns schon eine halbe Ewigkeit, bevor wir uns dazu entschlossen, vor den Traualtar zu treten," erklärte sie. Sie räusperte sich. "Und vielleicht hätten wir dann auch noch nicht geheiratet, wenn ..." Sie unterbrach den Satz und sah Sara nachdenklich an.
" ... wenn Du nicht mit Meg schwanger geworden wärst," führte Sara den Satz zuende. Joan hob den Kopf und sah Sara überrascht an.
"Ja," sagte sie leise, und erst jetzt schien sie die Zusammenhänge, die zu dieser Verlobung geführt hatten, zu begreifen.
"Nein," stieß sie hervor," das kann nicht sein ... sag' mir, daß es nicht wahr ist!" bat sie eindringlich, während sie von ihrem Stuhl aufsprang.
Sara sah Derek verzweifelt an, und er griff nach ihrer Hand.
"Mom, ich ..." begann sie, unterbrach sich jedoch gleich darauf wieder. Sie wußte nicht, was sie ihrer Mutter sagen sollte.
"Du bist ..." Joan zögerte einen Moment, bevor sie das Wort aussprach," ... schwanger?" fragte sie entsetzt. Sara sah Derek an, und beide nickten übereinstimmend.
"Oh, mein Gott ..." Stöhnend sank Joan auf ihren Stuhl zurück, während Hank seine Tochter nur entsetzt ansah.
"Wie um alles in der Welt konnte das passieren?" fragte er aufgebracht.
"Es ... es tut mir leid," stammelte Sara, während sie immer noch Dereks Hand umklammerte. Tränen liefen über ihr Gesicht. Derek zog sie in seine Arme und strich ihr sanft über den Kopf.
"Es ist nicht Saras Schuld," sagte er. Er sah zu Hank und Joan hinüber. "Ich ganz alleine bin dafür verantwortlich, was geschehen ist!"
Gabi schloß gerade den Medikamentenschrank ab, als Roxi aufgeregt ins Behandlungszimmer stürzte.
"Die Patientin von Zimmer 13 möchte Dich sprechen," sagte sie und sah Gabi mit einem wissenden Blick an. Diese runzelte die Stirn.
"Zimmer 13 ..." sagte sie nachdenklich," ist das nicht das Krankenzimmer von Carmen Torres?"
Roxi nickte.
"Ich wollte ihr vorhin das Bett machen, aber sie verlangt ausdrücklich nach Dir."
Gabi runzelte die Stirn.
"Was kann sie denn von mir wollen?" fragte sie. Roxi zuckte mit den Schultern.
"Keine Ahnung," sagte sie," aber Du wirst es sicher gleich erfahren." Gabi nickte, bedankte sich bei Roxi und machte sich dann auf den Weg zu Madame Carmens
Zimmer. Als sie eintrat saß diese auf einem Stuhl und hielt ein Bündel Karten in der Hand.
"Dr. Robinson hat Ihnen doch ausdrücklich untersagt ..." begann sie aufgebracht, doch sie wurde von Madame Carmen unterbrochen.
"Setzen Sie sich, Gabi!" Es sollte wohl eine freundliche Aufforderung sein, doch es hörte sich wie ein Befehl an. Zögernd nahm Gabi platz und sah Madame Carmen verwirrt an. Diese kam auch gleich zur Sache.
"Was empfinden Sie für meinen Sohn?" fragte sie direkt. Gabi sah sie überrascht an.
"Sie meinen ... Ricardo?" fragte sie. "Wir haben uns getrennt und ..."
Madame Carmen unterbrach sie erneut.
"DAS war nicht meine Frage," sagte sie unwirsch. Sie sah Gabi nachdenklich an. "Ich rede außerdem nicht von Ricardo, sondern von Antonio," erklärte sie. Gabi schluckte und umklammerte die Stuhllehne.
"Wir ... wir sind nur gute Freunde," sagte sie, obwohl sie in diesem Moment wußte, daß dies nur die halbe Wahrheit war. In den letzten Tagen hatte sie mit Erschrecken festgestellt, daß sie beim Gedanken an ihn feuchte Hände bekam und ihr Herz schneller schlug. Kein Zweifel - sie hatte sich in Antonio verliebt!
"Gabi?" Madame Carmen holte sie aus ihren Tagträumen. "Woran haben sie gerade gedacht?" fragte sie neugierig. Gabi schüttelte den Kopf.
"Sie irren, wenn sie glauben, daß ..." Sie biß sich auf die Lippen. Madame Carmen beugte sich vor und sah ihr tief in die Augen.
"Fahren sie fort, Gabi," sagte sie. "Was meinen Sie, was ich glaube?" fragte sie provozierend. Gabi fühlte, wie ihr Mund trocken wurde. Sie fühlte sich in die Enge getrieben.
"Ich glaube," sagte sie aufgebracht," dieses Gespräch führt zu nichts!" Sie sprang auf. "Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden," sagte sie knapp," es warten Patienten auf mich, die meine Hilfe wirklich nötig haben!"
Madame Carmen hielt sie am Arm fest.
"Ich werde nicht tatenlos zusehen, wie Sie das Leben meiner Söhne zerstören!" sagte sie energisch. Gabi riß sich los.
"Lassen Sie mich doch in Ruhe!" sagte sie, während sie spürte, daß ihr die Tränen in die Augen schossen. Sie rannte zur Tür, riß sie auf und erstarrte ...
Das Dorf lag genau
am Fuße des riesigen Vulkans Mauna Loa, der sich mit seinen über 4000m wie eine
faltige, zerklüftete Wand allmählich mitten in die malerische Landschaft
erstreckte. Um ihn herum erstarb alles Grün, das der schwefelhaltigen Luft nicht
standhalten konnte, aber da, wo Bäume, Palmen und Dickicht noch saftig und
undurchdringlich wirkten, lebten die letzten Eingeborenen des Mauna- Stammes
noch ihr eigenes Leben. Fernab der Zivilisation und für Touristen und andere
Fremde gar nicht oder nur schwer zugänglich standen ihre kunstvoll gebauten
Grashütten auf einer Lichtung, umgeben von Bäumen und dichtem Unterholz.
Lediglich ein kleiner Pfad führte direkt ins Dorf, und wer dort entlang ging,
wurde von den Dorfbewohnern sofort erspäht.
„Sie begrüßen jeden Besucher sehr freundlich, aber wenn man ohne besonderen
Grund hier herumschleicht, sind sie auch schnell mißtrauisch.“ erklärte Motahwi
seinen beiden Begleitern. Sam spähte aufmerksam durch das dichte Gestrüpp,
hinter dem sie alle drei Deckung gesucht hatten und von wo aus sie das Dorf gut
sehen konnten.
„Unvorstellbar, wie diese Menschen hier leben.“ murmelte er fasziniert. „Man
könnte meinen, hier sei die Zeit stehengeblieben.“
Motahwi lächelte.
„Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass kein Fremdenführer uneingeladen
Touristen hierher führt, nur zu bestimmten Anlässen, wie zum Beispiel das
Götterfest oder die Zeit des Regenbogens, führen unsere Leute vor den Touristen
bestimmte rituelle Tänze auf, aber das geschieht an neutralen Orten, meist an
der Küste, oder wenn Hochzeiten nach alter Tradition durchgeführt werden, dann
bittet man sie dazu, dafür bekommen sie ein paar Dollar, mit denen sie
Lebensmittel und Fisch einkaufen.“
„Und wovon lebt Ihr sonst?“ fragte Sam.
„Wir halten Schafe und Ziegen und bauen Gemüse an. Einige der Männer arbeiten
die Woche über am Hafen und bringen frischen und geräucherten Fisch mit nach
Hause. Weiter südlich gibt es einen großen See, zu dem nur ein Weg vom Dorf aus
führt, und wir haben eine Quelle, in der Nähe des Hauses, das die Priesterin
bewohnt.“
„Das ist ein Leben, wie man es bei uns nur noch aus den Büchern kennt.“ staunte
Sam. „Und die Menschen sind mit dem Wenigen, was sie besitzen, zufrieden?“
„Ja, die meisten schon, wie gesagt, sie sind sehr religiös und erziehen ihre
Kinder auch in dem Sinne. Einige von den Jüngeren zieht es aber auch an die
Küste, sie möchten moderner leben und wollen, dass ihre Kinder einen richtigen
Beruf erlernen. Aber die meisten sind hier zu Hause und sind zufrieden mit dem
Leben, dass sie führen.“
Magnum grinste.
„Ich bin nun schon so lange auf Big Island, aber dieses Fleckchen Erde war mir
bislang unbekannt. Ich vermute, jeden Augenblick wird ein Dinosaurier durchs
Unterholz marschiert kommen!“
Motahwi schüttelte missbilligend den Kopf.
„Ihr Weißen solltet ein bisschen mehr Gefühl für das entwickeln, was um Euch
herum geschieht, und Euch nicht über andere Lebensarten lustig machen! Wenn alle
von Euch so umsichtig wären wie Jonathan Higgins, dann gäbe es auf der Welt
keine untergehenden Kulturen!“
Thomas schluckte.
„Entschuldige bitte, Motahwi, ich wollte mich nicht über Euch lustig machen.“
meinte er versöhnlich. „Ich bin nur genauso erstaunt wie Sam über das, was ich
hier sehe. Das hätte ich hier einfach nicht erwartet.“
Der Eingeborene nickte.
„Ja, es ist sehr idyllisch hier draußen, mit der Hektik dieser modernen Zeit
überhaupt nicht zu vergleichen. Die Menschen hier werden sehr alt und sind
selten krank.“
„Und wenn doch mal jemand ernsthaft erkrankt?“ erkundigte sich Sam.
„Dann hilft Tamiha mit ihrer Medizin, in besonderen Fällen ruft sie andere
Medizinmänner zu Hilfe. Sie ist zwar noch jung, aber sehr weise, und sie
herrscht über unser kleines Volk wie eine Königin.“
„Tamiha ist Eure Priesterin?“ vergewisserte sich Thomas.
„Ja, sie beherrscht die Kunst des Heilens genauso wie ihre Zauberkräfte.“
antwortete Motahwi hochachtungsvoll. Magnum und Sam warfen einander einen
bedeutungsvollen Blick zu.
„Und wo finden wir sie?“
Motahwi wies auf den schmalen Pfad vor ihnen.
„Da entlang bis ans Ende des Dorfes, dahinter steht ihr Haus, auf einem Hügel.“
„Ähm... Motahwi, dies hier sollte eigentlich kein so offizieller Besuch werden,“
versuchte Thomas die Situation zu klären, „wir wollten vielmehr
herauskundschaften, ob Eure Priesterin in ihrem Haus den Mann versteckt hält,
nach dem wir suchen. Und dass sollte wenn möglich keiner hier mitbekommen!“
„Gut“ nickte Motahwi, „dann folgt mir. Ich zeige Euch, wie Ihr von der anderen
Seite zu dem Haus gelangen könnt. Ich tue das nur, weil ich Mister Higgins einen
großen Gefallen schulde. Sobald das Haus in Sicht ist, werde ich verschwinden,
und wenn sie Euch erwischen, kenne ich Euch nicht.“
„Na dann los!“ raunte Thomas Sam zu. „Was soll uns schon geschehen.
Schlimmstenfalls verwandelt sie uns in zwei Goldmakrelen und wir landen heute
abend in der Suppe!“
Bette saß an ihrem
Schreibtisch, starrte auf Megs leeren Platz gegenüber und knabberte
gedankenversunken an ihren Fingernägeln, etwas, was sie eigentlich zutiefst
verabscheute. Wenn sie jedoch nervös war, kam diese dumme Angewohnheit hin und
wieder durch.
Schon der dritte Tag, an dem sie nichts von Sam gehört hatte. Warum zum Teufel
meldete sich dieser Kerl nicht einmal übers Handy? Es konnte doch nicht so
schwer sein, ein paar Tasten zu drücken!
Sie seufzte und dachte an jenen letzten Abend zurück. Oh Mann, hatte der sie
geküßt!
Sie bekam jetzt noch weiche Knie, wenn sie nur daran dachte! Und wie er dann zum
Abschied gesagt hatte, sie solle bitte warten, bis er zurückkäme, bevor sie
vielleicht zum achten Mal vor den Traualtar trat... War das nun ein
inoffizieller Heiratsantrag gewesen? Oder hatte er das nur so gesagt? Am Ende
hatte er gar keine festen Absichten! Ein Mann wie er, im besten Alter, charmant,
gutaussehend, intelligent, mutig... wieso war so ein Mann nicht längst in festen
Händen? War sie vielleicht in seinen Augen die Frau, auf die er gewartet hatte?
Oh, sie könnte sich sehr gut vorstellen, wie sie beide...
„Bette!!!“
Zack- war der Fingernagel ab. Total erschrocken fuhr sie hoch. Ihr Boss stand in
der Bürotür und sah sie zornig an. „Wofür bezahle ich Dich eigentlich?“ donnerte
er los. „Entweder Du lauschst heimlich an meiner Tür oder Du träumst mit offenen
Augen!“
Beleidigt erhob sich Bette.
„Also Greggy, ich muß doch sehr bitten!“ Mit einem bedauernden Blick auf den
ramponierten Fingernagel ging sie hinüber zum Drucker.
„Der Bericht ist fertig, wenn Du deswegen so ein Geschrei machst.“ Sie reichte
ihm die bedruckten Seiten. „Kann ich sonst noch etwas für Dich tun?“
„Ja, bleib munter!“ knurrte Gregory mißmutig. „Wenigstens bis zum Feierabend!“
Bette sah ihm böse nach, wie er wieder in seinem Büro verschwand.
„Herrgott nochmal!“ schimpfte sie. „Der hat eine Laune wie ein Stinktier nach
der Paarungszeit!“
Sie schaltete den Drucker aus und setzte sich wieder an ihren Platz. Doch sie
konnte sich einfach nicht auf ihre Arbeit konzentrieren. Immer wieder wanderten
ihre Gedanken zu Sam.
Schließlich stand sie auf und kramte ihr Handy aus ihrer Tasche.
„Jetzt oder nie!“ dachte sie, „warum soll in der Zeit der Emanzipation nicht
einmal die Frau den ersten Schritt tun!“ Kurzentschlossen begann sie Sams Nummer
einzutippen...
Sam und Thomas lagen
verborgen im hohen Gras und arbeiteten sich langsam und vorsichtig an das kleine
Holzhaus heran, das ihnen Motahwi gezeigt hatte.
Hier lebte also die geheimnisvolle Priesterin, wie eine Göttin über den Köpfen
der anderen Bewohner. Das Dorf lag ihr buchstäblich zu Füßen. Trotzdem war das
Haus so gekonnt postiert, dass man es von der anderen Seite her überhaupt nicht
sehen konnte. Drei Holzstufen führten zum Eingang, eingesäumt mit Töpfen und
Schalen, in denen verschiedenes Grünzeug wuchs. Die Tür selbst war mit
Holzperlenketten verhangen. Daneben hingen einige „Leis“, frische Blütenkränze,
an der Wand.
Ringsum wucherten die schönsten und exotischsten Orchideensträucher, und links
neben dem Haus war ein kleiner Kräutergarten angelegt, dessen zarte Pflanzen
anscheinend von liebevoller Hand umsorgt wurden, denn sie schimmerten in einem
satten Grün.
Als sie näher herankamen, sahen sie, dass unzählige Kräuterbündel zum Trocknen
unter dem Fenster hingen.
„Eine richtige Hexenhütte!“ flüsterte Thomas. Sam nickte.
„Ich bin nur auf die Hexe selbst gespannt!“
Sie beobachteten die Umgebung eine Zeitlang aufmerksam, bevor sie noch ein Stück
näher heranschlichen.
„Ich würde vorschlagen, wir versuchen, an eines der Fenster zu gelangen,“ meinte
Thomas leise, „entweder seitlich, oder wir versuchen es von der Rückseite.“
Sam nickte stumm.
Sie schlichen sich vorsichtig heran, sich immer wieder mißtrauisch umsehend, und
hatten das erste Fenster fast erreicht. Während Sam die Umgebung im Auge
behielt, lehnte sich Magnum mit dem Rücken an die Holzwand und versuchte von der
Seite her einen ersten Blick ins Innere des Hauses zu werfen. Er sah Regale,
vollgestopft mit Vorräten, einen primitiven Herd, in dem ein kleines Feuer
loderte, einen groben Holztisch und vier Stühle. Schnell zog er den Kopf wieder
zurück und ließ sich neben Sam ins Gras fallen.
„Ich glaube, das hier ist die Hexenküche.“ erklärte er. „Aber die Meisterin ist
nicht zu sehen.“
„Also weiter...“ meinte Sam und kroch voran, auf die Rückseite des Hauses zu.
Thomas folgte ihm. Dort angekommen, richtete er sich wieder seitlich des
Fensters an der Wand auf und spähte um die Ecke in das dort befindliche Zimmer.
„Da steht ein Bett...“ flüsterte er, „und es sieht aus, als ob...“
In diesem Moment unterbrach ein durchdringendes Geräusch die paradiesische
Stille. Sams Handy begann zu klingeln...
"Jetzt brauche ich etwas stärkeres als Kaffee!" sagte Hank, nachdem er und Joan sich den Bericht von den frisch Verlobten angehört hatten. Sara und Derek hatten nichts ausgelassen und ihnen alles darüber erzählt, wie viele Mißverständnisse es am Anfang der Schwangerschaft und was für heftige Streitereien es gegeben hatte.
Joan sah Sara mitfühlend an.
"Mein armes Kind!" sagte sie. "Wenn ich mir vorstelle, was Du durchmachen mußtest, während wir seelenruhig in Paris Urlaub gemacht haben ..." Sie seufzte.
"Aber, Mom," sagte Sara, "was Meg jetzt durchstehen muß ist noch tausendmal schlimmer!"
Joan seufzte tief. Derek war ins Wohnzimmer gegangen und hatte aus der Hausbar eine Flasche Schnaps und zwei Gläser geholt. Er stellte die Sachen auf den Terrassentisch und sah Joan fragend an.
"Ich nehme mal an, daß Du nichts davon möchtest?" fragte er.
Joan hob abwehrend die Hand.
"Nein, danke!" Sie wandte sich wieder Sara zu. "Geht es Dir auch gut?" fragte sie besorgt, während sie ihre Tochter kritisch musterte.
"Ja, es geht mir gut," sagte Sara und strich über ihren noch flachen Bauch. "Derek und ich waren erst kürzlich beim Arzt und haben eine Ultraschalluntersuchung machen lassen." Sara stand auf und ging ins Wohnzimmer. Joan sah fragend zu Derek hinüber. "Sie holt bestimmt das Foto," erklärte er und lächelte.
"Foto?" fragte Joan irritiert. Ihre Frage wurde sogleich beantwortet, denn Sara kam zurück und hielt Joan das Ultraschallfoto entgegen.
"Darf ich vorstellen," sagte sie feierlich," das neue Familienmitglied der Familie Cummings- Evans!"
Joan schaute gerührt auf das Foto und reichte es dann an Hank weiter. Dieser zog die Nase kraus. Anscheinend konnte er nur wenig damit anfangen.
Joan lächelte.
"Ich kann es immer noch nicht glauben ..." sagte sie und schaute zu Sara hinüber. "Mein kleines Mädchen wird Mutter." Sara erwiderte das Lächeln.
"Ja," gab sie zu," ich kann es auch noch nicht glauben."
Hank nahm eine Schluck aus seinem Glas.
"Habt Ihr schon einen Hochzeitstermin festgelegt?" fragte er interessiert.
Derek schüttelte den Kopf.
"Nein," sagte er," Sara und ich wollten warten, bis Meg und ..." er zögerte einen Moment," ... und Ben wieder hier sind," beendete er dann den Satz.
Hank nickte.
"Ja, das kann ich verstehen." Joan musterte Sara von oben bis unten.
"Zuviel Zeit solltet Ihr Euch aber auch nicht mehr lassen," gab sie zu bedenken. Sie sah Sara fragend an. "Oder wollt Ihr erst nach der Geburt des Babys heiraten?"
Sara warf einen raschen Blick zu Derek hinüber, der jedoch nur ratlos mit den Schultern zuckte. Darüber hatte sich noch keiner der beiden Gedanken gemacht.
"Wir ... wir wissen es noch nicht," gab Sara dann schließlich zu.
"Wie wäre es an Deinem Geburtstag?" fragte Joan. Sara sah sie genervt an.
"Bitte, Mom, ich habe doch schon gesagt, daß wir uns noch nicht entschieden haben." Joan hob entschuldigend die Hände.
"In Ordnung," gab sie nach," dann werden wir uns eben einfach überraschen lassen." Die zwang sich zu einem Lächeln. Sara wußte, daß ihre Mutter mit dieser Antwort nicht zufrieden war, denn sie wollte immer alles unter Kontrolle haben. Sie stand auf. "Nachdem wir jetzt alle mit frühstücken fertig sind, zeigen wir Euch das Gästezimmer." Derek nickte und stand auf. Während er die Treppe mit Hank hinaufging, räumten Sara und Joan den Tisch ab.
"Ich weiß," begann Sara," daß das alles ein Schock für Euch sein muß, aber ich versichere Euch, daß ich noch nie in meinem Leben so glücklich war!"
Joan seufzte und nahm Sara spontan in den Arm.
"Ich wollte doch auch immer nur, daß meine Mädchen glücklich sind," sagte sie. "Und wenn Du glaubst, daß Derek Evans Dein Glück ist, dann will ich ..." sie verbesserte sich," ... dann wollen Dein Vater und ich Euch nicht im Wege stehen."
"Danke, Mom!" Sara drückte ihre Mutter an sich.
"Laß' uns jetzt nach oben gehen," sagte sie und ging die Treppe hinauf.
„Verdammt!“ fluchte
Sam, zerrte das Handy aus der Hosentasche und schaltete es schnell aus.
„Ausgerechnet jetzt! An das Ding hab ich überhaupt nicht gedacht!“
Thomas hatte sich blitzschnell neben ihm ins Gras fallen lassen.
„Wenigstens sind wir damit nicht ganz von der Außenwelt abgeschnitten.“ grinste
er, als der erste Schreck überwunden war. „Man weiß ja nie, ob man es noch
braucht, in diesem Hexenkessel hier.“
Er wollte sich gerade wieder aufrichten, um einen zweiten Blick in den Raum
hinter dem Fenster zu werfen, als eine Stimme den beiden das Blut in den Adern
gefrieren ließ...
„Hale kapu! Was wollt Ihr hier?“
Sie fuhren erschrocken herum und was sie sahen, ließ sie staunen.
Da stand eine wunderschöne exotische junge Frau und blickte sie aus dunklen
Mandelaugen zornig an. Sie trug eine weiße ärmellose Baumwollbluse und einen
bunten Wickelrock. Beides brachte ihre tadellose Figur vorteilhaft zur Geltung.
Ihre langen schwarzen Haare fielen ihr wie glänzende Seide offen über die
Schultern bis hinab zur Taille. Hinter das eine Ohr hatte sie eine duftende
Orchideenblüte gesteckt und um den Hals trug sie hawaiianischen Muschelschmuck
und Perlen. Ihre Haut schimmerte in einem zarten Bronzeton und ihr ebenmäßig
geschnittenes Gesicht wirkte schön wie aus einem Magazin. Nur das gefährliche
Glitzern in ihren Augen übte einen fast hypnotischen Zwang auf die Betrachter
aus.
Sam und Thomas starrten sie fasziniert an, unfähig etwas zu erwidern.
„Nun“ meinte sie streng und hoch erhobenen Hauptes, „wer seit Ihr und warum
schleicht Ihr um mein Haus?“
Endlich löste sich die Spannung, die die beiden Männer bei ihrem Anblick
befallen hatte. Verlegen standen sie auf und suchten krampfhaft nach den
richtigen Worten.
„Hallo Lady...“ begann Thomas und nahm sein Basecap ab. „Improvisieren...“
presste er so leise zwischen den Zähnen hervor, dass nur Sam ihn hören konnte.
„Tja...“ Sam überlegte krampfhaft. Jetzt mußte ihnen schnellstens etwas
Glaubwürdiges einfallen... „Also wir haben... wir wollten zu... Bist Du hier die
Priesterin?“
Ihr Gesicht verriet keinerlei Regung.
„Mein Name ist Tamiha“ erwiderte sie, „Ihr seid unerlaubt auf meinem Grund und
Boden eingedrungen. Meine Leute hätten Euch ohne weiteres töten können, weil sie
mein Leben in Gefahr glaubten.“
Und tatsächlich tauchten aus dem Dickicht unweit des Hauses einige finster
dreinblickende Gestalten auf, die aussahen, als seien sie auf der Großwildjagd.
Thomas und Sam rückten automatisch dichter zusammen.
„Was tun wir denn jetzt?“ flüsterte Sam. Thomas überlegte fieberhaft. Dann
straffte er die Schultern und wagte sich mutig in die Offensive.
„Wir haben nach Dir gesucht, Tamiha, weil wir unbedingt etwas mit Dir besprechen
müssen.“
Sie hob erstaunt die Augenbrauen.
„So?“
„Ja, wir... kommen im Auftrag von Robin Masters, Du kennst ihn bestimmt, der
große weiße Meister, der in dem riesigen Haus mit dem großen Garten in der Nähe
von Kailua Kona...“
„Ich weiß, wer Robin Masters ist.“ unterbrach sie ihn. „Was will er von mir?
Wenn er Euch geschickt hat, warum schleicht Ihr dann wie gemeine Diebe hier
herum und meldet Euch nicht einfach im Dorf, wie man es normalerweise tut?“
Thomas nickte.
„Du hast ja recht, das war sehr dumm von uns, aber... wir wollten...“
„Wir wollten Dich gerne allein sprechen.“ ergänzte Sam. „Es ist sehr wichtig,
was wir Dir zu sagen haben.“
„Ja, es wird Dir gefallen.“ fügte Thomas schnell hinzu.
Tamiha rührte sich nicht.
„Ich höre...“ meinte sie abwartend.
Sam räusperte sich. Er war sich sicher, hier half im Moment nur noch ein Schritt
in die Offensive.
„Wir waren lange unterwegs, haben uns verlaufen und sind ziemlich durstig. Wo
bleibt denn Eure vielgerühmte Gastfreundschaft? Willst Du uns nicht
willkommenheißen und hereinbitten?“ fragte er in forschem Ton. „Mister Masters
hat ein sehr verlockendes Geschenk für Dich, und ich denke, er wäre nicht sehr
begeistert, wenn man uns hier wie Verbrecher behandelt und bedroht.“ fügte er
mit einem Blick auf die abwartend dastehenden Eingeborenen ringsum hinzu.
Tamiha schien einen Augenblick zu überlegen. Dann machte sie eine kurze
Handbewegung, und die Gestalten ringsum waren wie vom Erdboden verschwunden. Sie
warf ihr langes Haar zurück.
„Entschuldigt mein Mißtrauen.“ sagte sie mit dem Anflug eines Lächelns auf den
roten Lippen, „aber was soll ich denn denken, wenn plötzlich Fremde hier
herumspionieren. Also...“ Sie wies in Richtung Hauseingang, „folgt mir bitte.“
Sam und Thomas warfen sich einen vielsagenden Blick zu und gingen ihr nach.
„An was für ein Geschenk hatten Sie gedacht?“ flüsterte Thomas neugierig. Sam
zuckte die Schultern.
„Das weiß ich noch nicht so genau. Aber ich denke, uns fällt schon was ein.“
„Warum fragen wir sie nicht einfach nach Ben Evans?“
Sam schüttelte den Kopf.
„Ich halte das für keine gute Idee. Irgend etwas stimmt mit ihr nicht. Sie ist
wunderschön, aber haben Sie ihre Augen gesehen?“
„Hexenaugen!“ zischte Thomas und kniff die Augen zusammen.
Tamiha stand oben auf den Stufen zu ihrem Haus.
„Willkommen in meiner bescheidenen Hütte.“ sagte sie und lächelte wie eine
Göttin, während sie Sam und Thomas je einen duftenden Blütenkranz reichte.
„Tretet näher, meine Freunde!“
Sie nahmen an dem
Holztisch in dem Raum Platz, den Thomas vorhin schon durchs Fenster gesehen und
als „Hexenküche“ bezeichnet hatte. Tamiha zündete eine Petroleumlampe an, die
das Zimmer in ein nahezu märchenhaftes Licht tauchte, da es sich in den
Sonnenstrahlen brach, die durch das Fensterglas drangen. Es duftete köstlich
nach zarten exotischen Kräutern und Orchideenblüten, so als hätte jemand gerade
ein frisches Bad genommen.
„Was möchtet Ihr trinken?“ fragte sie freundlich. „Ich habe gerade
selbstgemachte Zitronenlimonade, aber ihr könnt auch gern einen Tee haben.“
„Limonade ist okay.“ sagte Thomas schnell und sah sich gespannt um, während die
junge Frau sich abwandte und einen Krug mit dem Getränk füllte.
„Haben Sie schon eine Idee?“ flüsterte er Sam leise zu. Der nickte und machte
eine vage Handbewegung, was ungefähr so viel bedeuten sollte, wie „warten wir`s
ab...“
Thomas verdrehte genervt die Augen, setzte aber sofort wieder ein verbindliches
Lächeln auf, als Tamiha den Krug und zwei Becher auf den Tisch stellte. Nachdem
sie eingegossen hatte, setzte sie sich zu ihnen und sah abwartend von einem zum
anderen.
„Also, wie kommt Robin Masters dazu, uns ein Geschenk zu machen?“
Sam holte tief Luft.
„Also... das ist so...“ Er überlegte kurz. Jetzt nur keinen Fehler machen!
„Mister Masters liebt Big Island sehr und er möchte, dass so viel wie möglich
von den alten Traditionen erhalten bleibt. Vor allem hier, wo noch alles so...
ursprünglich ist, das Dorf, die Menschen, am Fuße dieses Vulkans...“
Thomas hielt merklich die Luft an. Was kam jetzt? Was hatte Sam vor?
Tamiha ließ kein Auge von ihren Besuchern. Etwas lag in ihrem Blick, was man
nicht recht deuten konnte. Es war ein merkwürdiges Aufblitzen in ihren Augen,
das nur Bruchteile von Sekunden dauerte und an ein Raubtier erinnerte, dann
wieder schienen sie sanft und ruhig.
„Ja, wir leben hier friedlich nach unseren Gesetzen.“ sagte sie bedeutungsvoll,
„solange man uns in Ruhe läßt und unseren Glauben akzeptiert.“
„Wo haben Sie so gut englisch gelernt?“ versuchte Thomas noch einmal vom Thema
abzulenken. Sie schenkte ihm ein geringschätziges Lächeln.
„Wir mögen zwar in Euren Augen Wilde sein, aber wir sind nicht dumm.“ antwortete
sie.
„Das... wollte ich auch nicht andeuten, ich dachte nur...“
„Nun“ sie zog vielsagend die Augenbrauen hoch, „Ihr wißt sehr wenig über uns,
und das ist gut so. Also...“ wandte sie sich wieder an Sam, „was will der weiße
Meister von uns?“
„Er...“ Sam versuchte ihrem eigenartigen Blick standzuhalten, aber es war fast
so, als würden ihre schwarzen Augen ihn magisch anziehen, „er hat gedacht, es
würde ihm eine Ehre sein, Eurer Göttin Pele ein Denkmal zu setzen!“
Er erwachte wie aus
einem tiefen Rausch. Die Nebelschleier tanzten vor seinen Augen, zuerst
undurchdringlich, dann aber lichteten sie sich allmählich. Aus weiter Ferne
drangen Stimmen an sein Ohr. Er lauschte angestrengt, doch er konnte nichts
verstehen. Trotzdem kamen die Stimmen ihm merkwürdig bekannt vor, wie aus einem
fernen vergessenen Traum.
Er versuchte sich aufzurichten. Sein Kopf schmerzte höllisch und das halbdunkle
Zimmer begann sich zu drehen. Schnell legte er den Kopf zurück in die weichen
Kissen.
Wo war er? Wie kam er hierher?
Doch er fand keine Antwort, sein Gehirn war leer, wie ausgelöscht. Er verspürte
schrecklichen Durst und wollte rufen, aber aus seiner Kehle drang nur ein
einzelner heißerer Laut. „Aufstehen“ dachte er, „Du mußt aufstehen... Hin zu den
Stimmen...“
Wieder versuchte er sich aufzurichten, als ein beißender Schmerz durch sein
linkes Bein zog. Er zog mühsam die Decke weg und entdeckte einen dicken Verband
an seinem Oberschenkel. Auch sein Bauch schmerzte. Er tastete vorsichtig darüber
und fühlte ebenfalls einen Verband.
Was war nur passiert?
Ganz vorsichtig versuchte er die Beine aus dem Bett zu schieben, doch die
Schmerzen in Bein und Bauch trieben ihm den Schweiß auf die Stirn und ließen ihm
fast die Sinne schwinden.
Nach ein paar Sekunden versuchte er es erneut. Als er am Bettrand saß, hatte er
das Gefühl, am Ende seiner Kraft zu sein.
Aber da waren wieder diese Stimmen, fremd und doch so vertraut.
Mit vor Schmerzen zusammengebissenen Zähnen stand er auf und wagte den ersten
Schritt. Der Boden unter ihm schien zu schwanken.
„Zur Tür, komm schon, es sind nur ein paar Schritte...“ dachte er. „Nur noch ein
kleines Stück...“ Er hatte es fast geschafft und spürte das kalte Metall der
Türklinke schon in seiner Hand, als sich das Zimmer wieder schneller zu drehen
begann. Seine Knie gaben nach und er hatte das Gefühl, unter ihm würde sich ein
Abgrund auftun. Er fiel und fiel... und spürte nicht mehr, wie er auf dem
Fußboden aufschlug.
"Gabi, was ist los?" hörte sie Ricardo noch rufen, als sie sich an ihm vorbeidrängelte und den Gang hinunter lief. Erst im Waschraum atmete sie erleichtert auf. Sie nahm eine Handvoll kaltes Wasser und klatschte es sich ins Gesicht. Nachdenklich betrachtete sie sich dann im Spiegel. Da sie sich nun eingestanden hatte, daß sie wirklich tiefere Gefühle für Antonio hegte als nur bloße Freundschaft, warf dies auch ein ganz neues Licht auf ihre Beziehung zu Ricardo. Bisher hatte sie geglaubt, daß er die große Liebe ihres Lebens wäre, doch nun, wo Antonio aufgetaucht war, war sie sich nicht mehr so sicher, ob sie noch genauso starke Gefühle für Ricardo hatte, wie am Anfang ihrer Beziehung. Gabi seufzte und nahm ein Handtuch, mit dem sie sich das Gesicht abrubbelte.
Sie mußte mit jemandem reden, dachte sie. Als erstes ging ihr Casey durch den Kopf, aber der hatte derzeit sicher andere Sorgen und auch Meg war Tausende Kilometer von ihr entfernt in Hawaii auf der Suche nach Ben.
Gabi fuhr sich durchs Haar. Vielleicht wäre es nur fair, wenn sie mit Antonio direkt reden würde, überlegte sie, verwarf den Gedanken aber gleich wieder. Er wäre bestimmt entsetzt, wenn er hören würde, was sie für ihn empfand!
Doch auf der anderen Seite ...
Gabi dachte an die Rosen, die ihre Antonio sowohl ins Krankenhaus als auch ins Surf Center geschickt hatte. Was bezweckte er mit dieser Geste? Konnte es denn sein, daß seine Gefühle für sie dieselben waren wie die ihren?
Gabi schüttelte den Kopf. Diese Zerrissenheit machte sie schier wahnsinnig, und während sie immer noch nachdenklich ihr Spiegelbild betrachtete, fasste sie einen Entschluß.
Olivia Richards blickte sich glücklich in ihrem Wohnzimmer um.
"Willkommen zurück, Mum", meinte Sean feierlich. Er hatte eine kleine Reisetasche in der Hand, in der Olivia alle ihre Habseligkeiten verstaut hatte, die sie mit im Krankenhaus hatte.
"Endlich raus aus dem Krankenhaus", seufzte sie glücklich.
"Vergiß bitte nicht, daß der Arzt gesagt hatte, daß Du Dich schonen sollst."
Olivia lächelte ihn an.
"Du klingst so, als wäre ich der Sohn, und Du die Mutter." Dann fügte sie hinzu: "Aber Du brauchst keine Angst zu haben, ich hab bestimmt keine Lust, bald wieder ins Krankenhaus zurückzukehren." Sie setzte sich aufs Sofa. "Aber auf Ben Evans Trauerfeier werde ich gehen müssen", sagte sie entschieden. "Das bin ich ihm schuldig. Er war ja nicht nur ein Arbeitskollege Deines Vaters sondern auch ein Freund der Familie.“
Sean nickte.
"Soweit ich weiß, ist noch kein Termin festgelegt. Ich glaube, Meg und ein Freund von Ben sind auf Hawaii. Vielleicht hoffen sie, daß der Leichnam geborgen wird." Er warf einen Blick auf die Uhr. "Du hast doch nichts dagegen, wenn ich runter zum Strand gehe, Tiffany wartet dort."
"Nein, nein", versicherte ihm Olivia. "Geh ruhig."
Sean küsste seine Mutter auf die Wange, dann ging er nach draußen und schloß die Tür hinter sich.
Thomas verschluckte
sich an seiner Limonade und mußte husten. Robin Masters würde „begeistert“ sein,
wenn er das erfuhr, dessen war er sich ziemlich sicher!
Tamiha sah erstaunt von einem zum anderen. Sie schien sichtlich beeindruckt.
„Das... ist... eine Überraschung!“ brachte sie schließlich hervor.
„Ja“ fügte Sam hastig hinzu, „und wo würde so eine Denkmal besser hinpassen als
in Euer Dorf, hier am Vulkan Mauna Loa, dem ehemaligen Sitz der Feuergöttin!“
„Das ist wahr..“ meinte die Priesterin sichtlich angetan von der Vorstellung.
„Aber das wird kein Wallfahrtsort für Touristen, oder?“
„Nein!“ antworteten Sam und Thomas gleichzeitig. „Eine Statue nur für Euch...
damit Ihr Eurer Göttin nahe seit!“
In diesem Augenblick ließ sie ein lautes, dumpfes Poltern zusammenfahren, dass
aus dem Nebenzimmer zu kommen schien.
„Was war das?“ fragte Thomas erschrocken.
Tamiha war sofort einen Schein blasser geworden. Sichtlich nervös sprang sie
auf.
„Meine kranke Mutter...“ stieß sie hastig hervor. „Ich pflege sie.“ Ihr Blick
hing unverwandt an der Tür zum Nachbarzimmer. „Ihr müsst jetzt gehen.“ sagte sie
schließlich. „Euer Vorschlag ehrt mich sehr, ich werde darüber nachdenken und
mich mit meinen Leuten beraten.. Kommt morgen abend wieder, Ihr seit unsere
Gäste. Dann reden wir weiter.“ Sie schob Thomas und Sam förmlich zur Tür hinaus.
Draußen rief sie einen Namen, und sofort erschien einer von den Dorfbewohnern.
„Bitte begleite meine beiden Besucher durch das Dorf zurück, damit sie sich
nicht verlaufen.“
Sie versuchte ein Lächeln zustande zu bringen. „Bis morgen abend dann. Wir
erwarten Euch unten im Dorf. Bei Sonnenuntergang.“ Sie drehte sich um und
verschwand im Haus.
„Hast Du ihr Gesicht
gesehen?“ fragte Thomas und vergaß vor Aufregung die förmliche Anrede. Sam war
das egal. Er nickte. „Wenn das ihre alte Mutter war, dann hätte sie doch
nachsehen können, während wir dabei waren. - Nein“ er schüttelte entschieden den
Kopf, „hier stimmt was nicht.“ Er sah Magnum an. „Was wolltest Du vorhin sagen,
als Du durch das Fenster geschaut hast?“
„Was meinst Du?“
„Du sagtest, da steht ein Bett, und es würde so aussehen, als ob... Thomas, als
ob was?“
Er zuckte die Schultern.
„Na ja, da lag jemand, aber mehr konnte ich auch nicht erkennen, ich hab ja nur
kurz reinsehen können und es war dunkel in dem Zimmer...“
Sam blieb nachdenklich stehen.
„Ich hab das untrügliche Gefühl, dass wir Ben eben ganz nahe waren.“
Als Sean am Strand ankam, blickte er sich um, konnte Tiffany aber nirgendwo entdecken. Plötzlich spürte er zwei schlanke und zarte Hände um seinen Nacken. Im festen Glauben, es sei Tiffany drehte er sich schnell um. Doch es war nicht Tiffany.
"Hi", begrüßte ihn Amy lächelnd. "Ich habe Dich gesehen, und wollte Dich begrüßen." "Hi", meinte Sean zurückhaltend.
"Sean, ich möchte Dir etwas sagen", begann Amy. "Mein dummes Verhalten damals tut mir Leid." Sie atmete tief durch. "Können wir das nicht einfach vergessen und nochmal ganz neu anfangen? Als Freunde, meine ich."
Sean blickte sie überrascht an. Doch bevor er antworten konnte, hörte er Tiffanys Stimme.
"Hi, da bist Du ja. Alles in Ordnung mit Deiner Mutter?"
Er dreht sich in die Richtung, aus der die Stimme kam und sah wie Tiffany in seine Richtung gerannt hat.
"Ja, es geht ihr gut", meinte Sean, während er sie umarmte.
Amy unterbrach die beiden.
"Vielleicht können wir ja ein anderes mal reden", meinte sie und verschwand.
"Was wollte sie?", fragte Tiffany mißtrauisch.
"Sie hat mir die Freundschaft angeboten."
"Ach", Tiffanys Mißtrauen schien sich zu verstärken.
"Ich weiß auch nicht, was ich davon halten soll", gab Sean zu. "Aber vielleicht meint sie es ja wirklich ehrlich."
"Eher schneit es in der Wüste."
Und Arm in Arm trotteten die beiden davon.
Die beiden suchten sich ein freies Plätzchen am Strand aus und ließen sich dort nieder. Tiffany stellte ihre Tasche am Boden ab.
"Hi, ihr beiden", begrüßte sie eine freundliche Stimme.
Sean und Tiffany blickten auf und sahen eine große, schlanke, blonde Frau.
Sean sprang auf und gab ihr die Hand.
"Sie sind Cole Deschanels Schwester, Jade, nicht wahr?"
"Ganz richtig. Und Sie sind Sean Richards. Der Sohn von Gregory Richards."
Sean verzog für einen Moment das Gesicht.
"Ich kann es nicht leugnen", antwortete er schließlich. Jade warf ihm einen leicht verwunderten Blick zu. Dann wechselte sie schnell das Thema.
"Habt Ihr was dagegen, wenn ich mich ein bißchen neben euch setze?"
Sean und Tiffany schüttelten den Kopf und räumten ihre Sachen ein wenig beiseite, um Jade Platz zu machen. Sie unterhielten sich eine Weile miteinander, dann meinte Jade: "Heiß heute, nicht wahr? Selbst für kalifornische Verhältnisse."
"Ganz richtig", nickte Tiffany. "Genau der richtige Tag für einen Sprung ins Wasser. Kommst du Sean?"
Sean sprang sofort auf, und die beiden rannten bereits ein Stück Richtung Wasser, als er noch einmal inne hielt.
"Und was ist mit Deiner Tasche?", fragte er. "Willst Du die hier einfach so liegenlassen?" "Oh, ich bin ja da", rief Jade schnell. "Ich pass schon auf, daß sich hier niemand dran zu schaffen macht."
Sean zögerte einen Moment, doch Tiffany rief:
"Vielen Dank, Jade. Das ist nett von Ihnen. Kommst Du, Sean ?"
Sean nickte und folgte Tiffany.
"Wirklich", spottete Jade leise. "Wie vertrauensselig die Menschen doch sind..."
Nachdenklich blätterte Dr. Robinson in seinem Terminkalender.
"Wie lange, sagten Sie, wollen Sie Urlaub haben?" fragte er und hob den Kopf.
Gabi druckste herum.
"Wenn es geht ... vielleicht eine Woche?" fragte sie hoffnungsvoll. Nachdem sie den Waschraum verlassen hatte, stand eins für sie fest: Sie mußte fort aus Sunset Beach, an einen neutralen Ort, wo sie sich Gedanken über ihre weitere Zukunft machen konnte. Nach einigem Hin- und Herüberlegen kam ihr Ludlow in den Sinn, ihre alte Heimatstadt. Dort würde sie sicher die nötige Ruhe und Abstand finden, den sie brauchte, um wieder zu klarem Verstand zu kommen.
"Geht in Ordnung," hörte sie Dr. Robinson sagen.
"Vielen Dank!" Gabi sprang auf und gab ihm die Hand. Er kratzte sich am Kinn.
"Ich will nicht neugierig erscheinen, aber gibt es einen bestimmten Grund, weshalb sie so plötzlich um Urlaub bitten?"
Gabi schluckte.
"Es handelt sich um eine dringende Familienangelegenheit," sagte sie kurz und hoffte, daß er nicht nachbohren würde. Er nickte jedoch nur verständnisvoll.
"Dann hoffe ich, daß Sie Ihre Angelegenheiten bald geregelt haben," sagte er und lächelte," denn ich entbehre Sie hier nur sehr ungern," fügte er hinzu.
Gabi erwiderte sein Lächeln.
"In einer Woche haben Sie mich wieder," versprach sie, und Dr. Robinson nickte zufrieden.
Erleichtert atmete Gabi vor der Tür auf. Sicher sah es für Außenstehende wie eine Flucht aus, aber ihr war in diesem Moment egal, was andere über sie dachten. Während sie am Ende des Flures um die Ecke bog, sah sie plötzlich, wie sich die Tür zu Zimmer 13 öffnete und Madame Carmen und Ricardo hinaustraten. Schnell drückte sie sich in eine Nische, damit sie von den beiden nicht gesehen werden konnte. Nervös beobachtete sie, wie die beiden zur Information gingen und etwas mit Roxi besprachen.
Ricardo schaute sich suchend um, und Gabi hielt in ihrem Versteck den Atem an. Erleichtert stellte sie fest, daß die beiden sich dann umdrehten und Richtung Ausgang gingen. Zögernd verließ sie ihr Versteck und ging dann zu Roxi hinüber. Diese sah sie überrascht an.
"Ach, da bist Du ja," stieß sie hervor. "Wir haben schon nach Dir gesucht."
Gabi strich ihren Kittel glatt.
"Ich war bei Dr. Robinson," erklärte sie. Roxi sah sie stirnrunzelnd an.
"Beim Boss persönlich? Was gab es denn so dringendes?" fragte sie neugierig.
Gabi atmete tief ein und aus.
"Ich habe ihn um Urlaub gebeten," sagte sie. Roxi sah sie erstaunt an.
"Urlaub? Wo soll's denn hingehen?" fragte sie interessiert. Gabi seufzte. Es war zwecklos zu lügen, also sagte sie Roxi die Wahrheit.
"Ich will meinen Vater in Kansas besuchen," erklärte sie. Diese sah sie nachdenklich an. "Ja, sollte ich auch mal wieder machen," sagte sie und seufzte. "Meine Eltern haben mich das letzte Mal Weihnachten gesehen, und das ist nun auch schon wieder ein halbes Jahr her!" Sie sah Gabi an. "Ich wünsche Dir einen schönen Urlaub und erhole Dich gut!" sagte sie lächelnd. Gabi sah sie dankbar an.
"Das ist lieb, daß Du das sagst ... zumal die ganze Arbeit jetzt an Dir hängenbleibt," fügte sie grinsend hinzu. Roxi verzog das Gesicht.
"Ja, das ist wahr ..." sagte sie nachdenklich. "Ich wünsche Dir trotzdem alles Gute!"
Gabi umarmte sie ein letztes Mal, bevor sie ihre Sachen nahm und das Krankenhaus verließ.
Enttäuscht kehrte
Meg mit Higgins am Nachmittag wieder zurück. Carol Baldwin hatte keine
entscheidenden Neuigkeiten gehabt. Mittlerweile war die Suche nach Ben
ergebnislos eingestellt worden, die Staatsanwaltschaft hatte den Fall an die
Behörden in Sunset Beach übergeben, von wo aus das Flugzeug gestartet war. Es
schien zweckmäßiger, dort nach dem oder den Tätern zu suchen und in der
Sabotagesache zu ermitteln. Hier auf Hawaii könne man nicht mehr viel tun.
Meg war außer sich. Sie verlangte wütend, dass umgehend weiter nach Ben gesucht
werden sollte, aber Carol schüttelte bedauernd den Kopf. Es sei nicht
auszuschließen, dass der vermisste Passagier entgegen erster Erkenntnisse
vielleicht doch bereits beim Aufprall des Flugzeuges auf dem Wasser
hinausgeschleudert wurde, meinte sie, aber dass wäre nun nicht mehr
nachzuweisen. Mitfühlend sprach Carol Meg ihr Beileid aus und versprach ihr, sie
sofort zu benachrichtigen, falls sie Neuigkeiten erfahren würde.
Untröstlich hockte Meg auf der Rückfahrt zu Robin Masters Anwesen neben Higgins
auf dem Beifahrersitz und sprach kein Wort mehr. Im „Nest“ angekommen, zog sie
sich auf ihr Zimmer zurück und wollte niemanden sehen.
Als Sam und Thomas
später eintrafen, erzählte ihnen Higgins sofort, in welcher Verfassung Meg war.
„Wir müssen ihr endlich erzählen, was wir vermuten.“ meinte er. „Das baut sie
vielleicht wieder auf. Sie war bisher so tapfer und hat alles sehr gut
verkraftet, aber ich befürchte, nach dem Gespräch mit Carol ist sie näher an
einem Zusammenbruch, als wir denken.“
Sam nickte.
„Ich werde mal nach ihr sehen.“
Als er auf sein Klopfen keine Antwort erhielt, öffnete er leise die Tür.
„Meg?“
Sie saß im Sessel und starrte auf Bens Bild in ihrer Hand. Sam setzte sich zu
ihr.
„Wie lange hockst Du schon hier?“
„Ich weiß nicht...“ antwortete sie müde. Nach einer Weile schaute sie auf und
ihre Augen suchten Sams Blick.
„Ist jetzt alles umsonst gewesen?“ fragte sie leise, und er konnte sehen, wie
sehr sie sich vor der Antwort fürchtete, die sie sich im Grunde schon selbst
gegeben hatte. „Sam, ich hatte so ein gutes Gefühl... ich hab so fest daran
geglaubt, dass er noch lebt!“
„Ich weiß, Meg“ antwortete Sam zögernd, „und vielleicht war Dein Gefühl gar
nicht so verkehrt.“
Sie sah ihn mit großen Augen an.
„Wie meinst Du das?“
„Hör zu, ich werde Dir jetzt etwas erzählen, aber bitte bleib ganz ruhig und
versprich mir, dass Du Dir nicht gleich allzu große Hoffnungen machst...“
Sam berichtete ihr von Higgins nächtlichem Treffen mit Motahwi vergangene Nacht
in Robins Haus und von seinem und Magnums Besuch heute im Mauna- Dorf bei der
Priesterin.
Meg wagte kaum zu atmen. Ungläubig lauschte sie seinen Worten. Als er zu Ende
erzählt hatte, sprang sie auf und ergriff seine Hände.
„Bitte Sam, ich muß zu ihm! Bring mich dorthin! Ich muß ihm doch helfen!“
Sam packte ihre Schultern und sah sie eindringlich an.
„Das geht nicht, Meg. Wir dürfen jetzt nichts Unüberlegtes tun. Am besten, wir
setzen uns nachher alle zusammen und beraten in Ruhe, was wir als nächstes tun.“
Am Nachmittag trafen
T.C. und Rick ein, nachdem Thomas sie telefonisch gebeten hatte, vorbeizukommen.
In seiner kleinen Wohnung wurde wenig später heiß diskutiert.
„Warum sollte sie einen fremden Mann, den sie aus einem brennenden Flugzeug
gerettet hat, bei sich verstecken?“ fragte Rick skeptisch.
„Weil sie verrückt ist, und abergläubisch. Denk an diese Legende, die Lady
Agatha Meg erzählt hat...“ antwortete Thomas nachdenklich.
„...das der, dem man das Leben rettet, einem gehört...“ wiederholte Meg in
Gedanken.
„Ja, genau“ pflichtete Thomas bei. „Sam, hast Du ihre Augen gesehen?“
Sam nickte.
„Sie ist wunderschön, aber sie hat einen Blick, von dem einen schwindlig wird.“
„Sie ist verrückt, durchgeknallt! Das ist es!“ rief Thomas.
„Wie kommst Du darauf?“
„Weil Verrückte, unheilbar Kranke oder Zwillinge für die Eingeborenen immer
etwas Mystisches darstellen, wovor sie ungeheuren Respekt haben! Wieso sonst
wäre eine so junge Frau Priesterin über einen ganzen Eingeborenenstamm? Es gibt
ältere, weisere Leute unter ihnen, die es verdient hätten, dort oben über dem
Dorf zu wohnen und zu bestimmen, wo es langgeht. Sie ist entweder
unwahrscheinlich gerissen oder sie hat einen Knacks weg...“
„Ich gebe es zwar ungern zu, aber ich befürchte, Magnum hat recht,“ sagte
Higgins plötzlich in die darauffolgende Stille.
Thomas starrte ihn sprachlos an. In den vielen Jahren, in denen er hier wohnte,
war es wohl so ziemlich das erste Mal, dass Jonathan Higgins mit ihm einer
Meinung war.
„Aber sie kann ihn doch nicht einfach dort behalten! Freiwillig würde er nicht
bleiben, und sie kann ihn schließlich nicht ewig einsperren oder verstecken!“
warf Meg ungläubig ein.
Higgins starrte vor sich hin.
„Die Medizin, die alles vergessen läßt...“ sagte er nachdenklich und blickte
dann Thomas an. „Erinnern Sie sich, Motahwi sprach vergangene Nacht davon!“
Thomas Augen blitzten auf.
„Das ist es, Higgi!“ rief er. „Diese Hexe gibt ihm irgendwas ein!“
„Und was?“ fragte Meg und sah beunruhigt von einem zum anderen.
Magnum schüttelte den Kopf.
„Keine Ahnung, was sie da für Drinks zusammenbraut. Sie hätten mal sehen sollen,
was da alles für wunderliche Kräuter vor dem Fenster hingen, und das Regal in
der Küche war auch voll mit solchem Zeug!“
Meg sprang auf.
„Wir müssen was tun!“ rief sie aufgeregt. „Wir können nicht bis morgen abend
warten!“
Higgins legte ihr beruhigend seine Hand auf den Arm.
„Bleiben Sie ruhig, Meg. Es hat keinen Sinn, sich jetzt verrückt zu machen. Wir
dürfen diese Priesterin nicht mißtrauisch machen. Solange sie sich in Sicherheit
glaubt, wird Ben nichts geschehen.“
„Wenn es wirklich Ben war...“ warf Thomas letzte Bedenken ein. „Vielleicht ist
in dem Zimmer wirklich nur ein altes Mütterchen aus dem Bett gefallen!“
Sam schüttelte den Kopf.
„Dann wäre die Dame mit Sicherheit nicht so nervös geworden.“ Er blickte in die
Runde.
„Wir müssen uns jetzt ganz genau überlegen, wie wir morgen abend vorgehen
wollen.“
Die Officer Ruiz und Spencer blickten halb gereizt, halb hilflos drein.
"Ricardo weiß schon, warum er sich rechtzeitig aus dem Staub gemacht hat", meinte Ruiz düster. Spencer nickte grinsend. Gregory Richards meldete sich nahezu alle halbe Stunde und wollte wissen, ob "diese unfähigen Idioten" inzwischen dabei Fortschritte gemacht hätten, die Sabotage an dem Flugzeug aufzuklären. Dabei erwähnte er immer wieder seine enge Freundschaft mit dem Polizeipräsidenten, der auch bereits zweimal angerufen hatte, wahrscheinlich von Richards dazu aufgestachelt. Und als ob das alles nicht genug wäre, hatte sich nun auch Annie Douglas im Polizeirevier breit gemacht und ebenfalls gefordert, sie sollten endlich Resultate vorweisen, wer hinter Ben Evans Absturz stecke. "Wenn das ganze richtig angepackt worden wäre, säße der Schuldige schon längst hinter Gittern", hatte sie erläutert. "Und wenn hier nicht bald mal was geschieht, nehme ich das eben selbst in die Hand."
Ruiz und Spencer wußten, daß sie diese Eröffnung ernst nehmen mußten. Sie hatten alles versucht, Annie zu überreden, nach hause zurückzukehren, doch vergeblich.
In diesem Moment klingelte das Telefon. Spencer nahm den Anruf entgegen. "Ja....ja....ich verstehe. Wir kümmern uns sofort darum."
Ruiz blickte ihn fragend an. Spencer zögerte zunächst, vor Annie Douglas mit ihm zu reden, aber da sie keine Anstalten machte zu gehen, gab er schließlich nach.
"Sie haben ihn geschnappt", erklärte er dann.
"Wen?", fragte Annie. "Hattet ihr also doch eine Spur."
"Die Polizei gibt nicht alles preis", antwortete Ruiz mit einem Lächeln. "Zeugen haben sich gemeldet, die einen Mann vor dem Start der Maschine an ihr werkeln sahen. Sie dachten, es wären Wartungsarbeiten und haben sich erst gemeldet, als sie von der Sabotage erfuhren. Die Beschreibungen wiesen auf einen alten Bekannten von uns Charlie Logan. Und dieser wurde an der mexikanischen Grenze soeben erwischt. Und er hat bereits gesungen." Erneut zögerte er, auf Annie blickend, sagte dann aber: "Ein gewisser AJ Deschanel soll ihm den Auftrag gegeben haben."
"AJ Deschanel", schrie Annie. Die beiden Polizisten wollten sie beruhigen, doch sie schrie noch lauter: "Sie verstehen mich nicht. Ich weiß wo er ist. Oder zumindest, wo er vorhin war."
Derek schloß die Tür auf und blieb überrascht im Wohnzimmer stehen.
"Es ist so ruhig hier," stellte er fest und sah Sara fragend an, die auf dem Sofa saß und in einer Illustrierten blätterte.
"Meine Eltern wollten einen Strandspaziergang machen," erklärte sie lächelnd. "Du weißt doch," fügte sie hinzu," daß es solche Traumstände in Kansas nicht gibt, und wo sie schon mal hier sind, müssen sie das natürlich ausnutzen."
Derek grinste.
"Gut für uns," sagte er, beugte sich schnell zu Sara hinunter und gab ihr einen Kuß. Lachend machte sie Abwehrbewegungen.
"Nicht," bat sie," was ist, wenn meine Eltern jetzt hereinkommen?"
Derek sah Sara amüsiert an.
"Das wir mehr als nur Händchen halten, wissen sie ja schon. Meinst Du, daß es sie schockt, wenn sie sehen, daß ich meine zukünftige Frau küsse?" fragte er grinsend.
Sara sah ihn schelmisch an.
"Wenn es bei einem Kuß bleibt," sagte sie und rollte mit den Augen. Derek ließ sich seufzend neben sie fallen.
"Es wird mir zwar schwer fallen, aber ... in Ordnung," gab er nach und nickte.
"War was besonderes im "Java Web" los, daß Du erst jetzt wiederkommst?" fragte sie. "Du warst ganz schön lange weg," fügte sie vorwurfsvoll hinzu. Derek schaute sie geistesabwesend an. "Woran denkst Du?" fragte Sara neugierig.
Derek seufzte.
"Ich mußte vorhin an Ben denken," sagte er. "Ich weiß auch nicht, aber seit ich diesen Alptraum hatte, bin ich mir ziemlich sicher, daß er noch lebt."
Sara sah ihn überrascht an.
"Was macht Dich so sicher?" fragte sie erstaunt. Derek sah sie nachdenklich an.
"Die Szene war so real ..." Er sah Sara an. "Ich hatte das Gefühl, als ob er mir etwas mitteilen wollte."
"Was denn?" fragte sie neugierig. Derek schüttelte den Kopf.
"Ich weiß auch nicht ..." Er zuckte mit den Schultern. Sara nahm ihn in den Arm und hielt ihn fest.
"Ich hoffe wirklich," sagte sie zögernd," ... für Dich ... und für Meg, ... und natürlich für uns alle, daß er noch lebt!" Ihre Stimme klang traurig, als sie die Worte aussprach.
"Du glaubst nicht wirklich daran, oder?" fragte Derek leise. Sara stand auf und ging nervös hin- und her.
"Meg meldet sich überhaupt nicht, und ich bin mir nicht mehr sicher, ob das wirklich ein gutes Zeichen ist!" stieß sie hervor. Sie sah, wie verschlossen Dereks Miene plötzlich wirkte, und das schlechte Gewissen plagte sie.
"Bitte verzeih," sagte sie zerknirscht. "Ich wollte Dir nicht die Hoffnung nehmen."
Derek starrte an die Wand.
"Diese Ungewissheit macht mich ganz verrückt, und ich wünschte ..." Er wurde unterbrochen, weil in diesem Moment Hank und Joan von ihrem Strandspaziergang zurückkamen.
Nachdem die Fremden
ihr Grundstück verlassen hatten, eilte Tamiha ins Haus und verriegelte die Tür.
Als sie in den Schlafraum kam, sah sie sich in ihrer schlimmen Vorahnung
bestätigt: er war aufgewacht und hatte versucht, das Zimmer zu verlassen... Für
einen Moment lief ihr ein eisiger Schauer über den Rücken. Nicht auszudenken,
was hätte geschehen können, wenn ihm das gelungen wäre!
„Tu das nie wieder, Fremder!“ zischte sie wütend, während sie neben ihm
niederkniete und seinen Puls fühlte. „Niemand darf Dich hier finden! Noch bist
Du in Gefahr! Sie könnten noch immer nach Dir suchen, und dann kommen sie und
wollen Dich holen, Dich mir wegnehmen... Aber Du gehörst mir!“ Ihre Augen
blitzten auf und nahmen plötzlich einen seltsamen Ausdruck an. Es war, als ob
sie starr geradeausblickte, und ihre Pupillen wurden groß und schwarz wie bei
einem Raubtier. „Vielleicht waren das ja die Leute, die nach Dir suchen...
nein, sie hätten nie den Weg hierher gefunden, das kann nicht sein...“
Er stöhnte leise und holte sie damit in die Wirklichkeit zurück. Mit einer
Kraft, die man dieser zierlichen Person nie zugetraut hätte, schleppte sie ihn
zurück aufs Bett und begann, seine Verbände zu erneuern. Er öffnete die Augen
und sah sie verständnislos an. Ihr eben noch wütend verzerrtes Gesicht
veränderte sich von einer Sekunde auf die andere. Sie strich ihm liebevoll das
schweißnasse Haar aus der Stirn.
„Höchste Zeit für Deine Medizin! Hab keine Angst, Du bist hier bei mir in
Sicherheit... Glaub mir, ich werde jeden töten, der Dich mir wegnehmen will! “
Als Sam abends in
sein Zimmer kam, fiel ihm die Sache mit dem Handy ein. Er war schon neugierig zu
erfahren, wer ihn und Magnum heute Vormittag mit seinem Anruf beinahe um Kopf
und Kragen gebracht hätte. Er drückte einige Tasten und blickte dann auf die
Anzeige auf dem Display. „1 versäumter Anruf von Bette“ stand dort zu lesen.
„Mädchen, Du hattest ein absolut perfektes Timing!“ sagte er mit breitem
Grinsen. „Wir können wirklich von Glück sagen, dass die Dame des Hauses gerade
gute Laune hatte, sonst würden wir uns ihren Kräutergarten jetzt vielleicht von
unten ansehen!“ Er überlegte einen Moment, sah auf die Uhr und lachte dann
schelmisch. „Aber dieser gefährliche Anruf heute schreit nach einer Revanche! In
Sunset Beach ist es schon tiefe Nacht... Genau die richtige Zeit für einen
Rückruf, Bette!“ Kurzentschlossen wählte er ihre Nummer und nahm das Handy
erwartungsvoll ans Ohr...
Wie er bereits vorausgesehen hatte, erwartete ihn ein wütender Redeschwall, als
sie nach dem fünften Klingelton endlich abnahm.
„Verdammt nochmal, drei Uhr morgens... Wer auch immer Sie sind, da am anderen
Ende, ich hoffe, Sie haben einen ausreichenden Grund dafür, eine Dame um diese
unchristliche Zeit mitten aus ihrem wohlverdienten Schönheitsschlaf zu reißen...
Hallo?... melden Sie sich gefälligst... wahrscheinlich wieder einmal so ein
Perverser, dem es Freude macht, mitten in der Nacht unbescholtene Leute zu
ärgern, na warte nur, das wird Dir noch vergehen, ich habe eine Fangschaltung
installiert, nur damit Du weißt, was Dir blüht... hallo?... wer ist da?...
Saaaam!“ Ihre wütende Stimme wurde sofort samtweich. „Hi, mein Süßer, warum
sagst Du nicht gleich, dass Du das bist!“
Sam lachte.
„Du hast mich ja nicht zu Wort kommen lassen! Wie war das mit der
Fangschaltung?“
„Ach, ich dachte nur...“ es war wirklich nicht leicht, Bette in Verlegenheit zu
bringen, aber er hatte es geschafft. Sie wurde rot. Gut, dass er es nicht sehen
konnte! Der Zustand hielt jedoch nicht lange an, sie hatte sich sofort wieder im
Griff.
„Schön, dass Du endlich einmal anrufst!“ legte sie los. „Ich hatte mich schon
gefragt...“
„Was, Bette... was hattest Du Dich gefragt?“
„Nun, ob... na ja, ob Du mich vielleicht schon vergessen hast!“
„Hey, eine Frau wie Dich vergisst man doch nicht!“ flirtete Sam. „Es vergeht
kaum eine Minute, in der ich nicht an Dich denke! Vor allem um diese Zeit...“ Er
konnte förmlich sehen, wie sie lächelte.
„Geht mir ganz genauso, Sam. Ich freue mich schon so darauf, wenn Du endlich
wieder hier bist! Gibt es schon Neuigkeiten von Ben? Wie geht es Meg? Was tut
Ihr denn so den ganzen Tag? Weißt Du schon, wann Ihr zurückkommt?“
„So viele Fragen auf einmal, Bette!“ lachte Sam. „Ich würde sagen, Du geduldest
Dich noch zwei oder drei Tage, irgendwann stehe ich dann plötzlich vor Deiner
Tür, und dann werde ich Dir alle, wirklich alle Fragen beantworten.“
„Klingt gut...“ antwortete sie mit samtweicher Stimme. „Ich kann`s kaum
erwarten!“
Sie ließen den Jeep
wieder dort stehen, wo die Strasse zu Ende war und folgten dem schmalen Pfad
durch die Bäume bis hin zu der Lichtung am Fuße des Vulkans. Die Strahlen der
untergehenden Sonne fingen sich in den Zweigen und Blättern und ließen diese in
einem herrlichen satten Grün leuchten. Die Natur schien im letzten Licht des
Tages wie verzaubert, doch auf Meg wirkte alles ringsum bedrohlich. Tapfer
versuchte sie ihre Unruhe zu verbergen, doch ihr Herz schlug bis zum Hals, je
näher sie dem Dorf kamen.
Kurz vor dem Ziel blieben sie stehen.
„So, da wären wir. Alles klar?“ fragte Thomas und blickte in die Runde. Alle
nickten.
Sie wußten, was zu tun war.
„Viel Glück!“ sagte Sam und zwinkerte Meg zu. „Und denkt daran, geht kein Risiko
ein!“
Sie brachte ein krampfhaftes Lächeln zustande.
„Das selbe gilt für Euch. Passt auf Euch auf!“
„Wir bleiben wie verabredet übers Handy in Kontakt. Das ist sicherer.“
„Okay Sam.“ Thomas reichte Meg seine Hand und nickte Rick zu. „Kommt jetzt, Ihr
beiden, suchen wir uns irgendwo eine Stelle, von wo aus wir den Überblick
haben!“
Die drei verschwanden seitwärts im Unterholz, während Sam, Higgins und T.C. den
Pfad entlang zum Dorf gingen.
„Mal sehen, was die da unten jetzt vorhaben.“ sagte Thomas leise, als sie sich
nach einer Weile oberhalb der Siedlung hinter dichtem Gebüsch niedergelassen
hatten. Von hier aus konnten sie den größten Teil des Dorfes gut überblicken.
Auf dem freien Platz zwischen den Hütten brannte bereits ein Feuer, über dem
sich irgend ein Braten am Spieß drehte. Ringsum herrschte ein geschäftiges
Treiben.
„Wenn Gäste kommen, müssten sich eigentlich alle am Feuer versammeln. Sobald die
Priesterin da ist, wird Sam sich melden. Dann machen wir uns auf den Weg.“
Meg nickte.
„Haben Sie Ihr Handy leise gestellt?“
Thomas grinste.
„Klar, so eine Panne wie gestern passiert uns nicht nochmal!“
Rick deutete nach unten.
„Sie sind da!“
Und tatsächlich marschierten Sam und die anderen beiden gerade im Dorf ein, wo
sie von einer Schar Kinder sofort freudig umringt wurden. Die älteren
Dorfeinwohner schienen zumindest davon unterrichtet, dass Besucher erwartet
wurden, denn sie näherten sich den Ankömmlingen freundschaftlich und bedeuteten
ihnen durch Zurufe und Gesten, am Feuer platzzunehmen. Immer mehr Eingeborenen
scharten sich um die Feuerstelle. Man konnte das Stimmengewirr bis hier hinauf
vernehmen.
„Hoffentlich haben sie keine Wachen aufgestellt.“ meinte Rick. „Das wäre nicht
gut für uns.“
Thomas schüttelte den Kopf.
„Ich glaube nicht, sie sind eigentlich ein friedfertiges Volk. Sie haben von
niemandem etwas zu befürchten. Es sei denn, diese Tamiha hat ihre Bodyguards
wieder irgendwo oben um ihr Haus postiert. Aber mit denen werden wir schon
fertig.“
Rick musterte ihn skeptisch.
„Bist Du sicher?“
Noch bevor Thomas antworten konnte, klingelte sein Handy zweimal.
„Das Zeichen von Sam!“ flüsterte Meg. Magnum nickte.
„Jetzt ist die Priesterin im Dorf. Es geht los, Leute, machen wir uns auf den
Weg!“
Als er die Augen
öffnete, lag das Zimmer im Halbdunkel. Er drehte den Kopf und sah sich um. Es
schien niemand da zu sein. Er war allein.
Das eigenartige Getränk, dass sie ihm immer wieder gab, nahm die Schmerzen. Sein
Kopf fühlte sich leicht an und – leer. Er wußte nicht, wo er war, konnte sich
weder an seinen Namen noch an sonst irgend etwas erinnern. Manchmal, wenn die
Wirkung der Medizin nachließ und die Schmerzen wieder einsetzten, war es ihm,
als ob sich irgend welche Gedankensplitter wirr in seinem Gedächtnis
herumjagten, aber er konnte keinen einzigen festhalten. Er fühlte sich wie
losgelöst von allem, wie in einem Vakuum.
Die schöne junge Frau mit den Mandelaugen und dem langen schwarzen Haar, die ihn
liebevoll umsorgte, behauptete, er gehöre hierher, zu ihr, aber irgend ein
Gefühl tief in seinem Inneren sagte ihm, dass das nicht stimmte. Da waren
manchmal auch noch zwei ältere Frauen, die seine Verbände wechselten, sie
unterhielten sich in einer Sprache, die er nicht verstand.
Langsam versuchte er die Beine zu bewegen. Erstaunlicherweise ging das ganz gut.
Vorsichtig richtete er sich auf. Er spürte wieder den Schmerz in seiner
Bauchgegend, aber längst nicht mehr so stark wie zuvor. Eine Weile blieb er am
Bettrand sitzen und bekämpfte das leichte Schwindelgefühl in seinem Kopf. Dann
sah er sich genauer in dem kleinen Zimmer um. Die Wände waren aus Holzstämmen,
wie bei einer Blockhütte. Durch das Fenster konnte er Palmen und dahinter
kraterförmige Felsen sehen. Der Himmel färbte sich allmählich rot, anscheinend
war es bereits Abend und die Sonne ging unter.
Sonnenuntergang... Für einen kleinen Augenblick schien ihm diese Vorstellung
merkwürdig vertraut, aber so sehr er sich auch bemühte, den Gedanken
festzuhalten, es wollte ihm einfach nicht gelingen.
Auf der anderen Seite des Raumes stand ein zweites Bett. Schlief SIE dort? War
sie seine Frau, oder warum schliefen sie im gleichen Zimmer? Er schüttelte den
Kopf. Es war zum Verzweifeln, er wußte nicht einmal seinen eigenen Namen.
Seine Augen wanderten weiter. Drüben, an der Wand gegenüber der Tür hing
allerhand merkwürdiger Schmuck aus Bambus, Gras und Muscheln. Auf dem Brett, das
als Regal diente, konnte er verschiedene Flaschen und Krüge erkennen. Darunter
stand eine große, reich verzierte Holztruhe. Auf dem Fußboden lag ein grob
gewebter, bunter Teppich. An der Decke hing eine altmodische Petroleumlampe.
Er verspürte Durst, seine Kehle war wie ausgetrocknet. Er versuchte zu rufen, um
herauszufinden, ob er wirklich allein war, aber wieder wurde es nur ein heißeres
Krächzen.
Seine Stimmbänder schienen wie eingerostet. Er versuchte zu sprechen und merkte,
dass es langsam besser wurde. Nach zahlreichen Versuchen brachte er ein mühsames
„Hallo“ heraus. Es kam keine Antwort.
„Na gut“ dachte er, „dann versuche ich es selbst...“
Vorsichtig stand er auf und kämpfte verbissen gegen das Schwindelgefühl an, dass
ihn sofort wieder erfasste. Nach einer Weile schien sich sein Kreislauf zu
beruhigen. Er atmete tief durch und wagte die ersten Schritte in Richtung Tür.
Auf dem Weg, den
Motahwi ihnen am Vortag gezeigt hatte, führte Thomas Meg und T.C. zur Hütte der
Priesterin. Sie duckten sich und sahen sich immer wieder vorsichtig um.
Kurz bevor sie die Lichtung vor dem Haus betraten, hielt Thomas sie durch eine
Handbewegung zurück und legte bedeutungsvoll den Finger an die Lippen. Sofort
suchten sie Deckung hinter dichtem Gestrüpp und verharrten dort regungslos.
Tatsächlich sahen sie nach ein paar Sekunden zwei bewaffnete Eingeborenen, die
anscheinend den Auftrag hatten, das Grundstück der Priesterin zu bewachen. Sie
schienen jedoch mit wenig Begeisterung bei der Sache zu sein, denn sie
unterhielten sich leise und sahen immer wieder in Richtung Dorf hinunter, von wo
ein köstlicher Bratenduft heraufzog.
„Wartet hier!“ befahl Thomas und schlich seitwärts an der Lichtung entlang.
Meg und T.C. beobachteten gespannt, wie die beiden Männer plötzlich aufhorchten
und sich in Richtung der Bäume bewegten. Dann hörten sie ein dumpfes Geräusch,
ein unterdrücktes Ächzen und Stöhnen, danach war es wieder still.
Kurz darauf erschien Thomas wieder auf der Bildfläche. Als er die neugierigen
Blicke der beiden bemerkte, grinste er und schob sein Basecape in den Nacken.
„Sind Sie verletzt?“ fragte Meg besorgt und wies auf den zerrissenen Ärmel
seines Hawaiihemdes. Er schüttelte den Kopf.
„Ich muß wohl ein bisschen abnehmen.“ meinte er leicht verlegen, „Die Naht ist
geplatzt, als ich mich gebückt habe, um die beiden Schoßhündchen der Priesterin
ein wenig in den Schatten der Bäume zu ziehen.“
T.C. lachte.
„Ich nehme an, die schlafen erstmal eine Weile!“
Thomas nickte.
„Garantiert.“ Er sah sich um. „Ich hoffe, es sind nicht noch mehr von der Sorte
hier. Also los, gehen wir.“
Sie liefen zum Haus hinüber und suchten zunächst Deckung an der Wand neben dem
Eingang. Ringsum blieb alles still.
„Also gut. Dann werde ich den Palast mal vorsichtig öffnen.“ T.C. machte sich
kurz am Schloß der Tür zu schaffen. Einen Moment darauf sprang sie auf.
„Voila“ er machte eine einladende Handbewegung, „rein mit Euch!“
Sich noch einmal vorsichtig umsehend betraten Meg und Thomas das kleine Haus.
„Hier riecht es so merkwürdig“ meinte Meg, „nach Kräutern und exotischen
Blüten...“
„Eben eine richtige Hexenküche.“ ergänzte Thomas und wies auf die
gegenüberliegende Tür.
„Das dort muß der Schlafraum sein. Laßt uns nachsehen.“
Megs Herz klopfte wie wild, als sie sich dem Raum näherten. Was würde sie dort
erwarten?
Vielleicht war wirklich alles nur reines Wunschdenken, und Ben war gar nicht
hier. Dann wäre die ganze Mühe, die ganze Hoffnung umsonst gewesen... Meg wehrte
sich energisch dagegen, diesen Gedanken zu Ende zu bringen. Entschlossen trat
sie hinter Thomas an die Tür, als diese sich plötzlich langsam öffnete.
Je näher der
Feierabend heranrückte, desto unruhiger wurde Rae. Für morgen früh war Caseys
Operationstermin angesetzt. Morgen war es also soweit, dann würde sich sein
weiteres Schicksal entscheiden...
Rae versuchte die Unruhe, die allmählich immer stärker von ihr Besitz ergriff,
zu ignorieren, doch das war unmöglich. Jeder Gedanke drehte sich nur um diesen
Eingriff, den noch nie zuvor ein Mediziner in dieser Form gewagt hatte, und nun
sollte sie eine von denjenigen sein, die vielleicht bahnbrechende Pionierarbeit
leisten würden, und das ausgerechnet an dem Menschen, den sie von ganzem Herzen
liebte. Würde sie das schaffen? War sie gut genug? Hatte sie die nötige Kraft,
das durchzustehen?
Sie blieb vor Caseys Krankenzimmer stehen, lehnte sich an die kühle Wand und
atmete tief durch. Er sollte nicht merken, wie nervös sie war. Er war so
zuversichtlich, so voller Hoffnung und Vertrauen... Vertrauen in sie, in ihre
Fähigkeiten...
Sie erschrak, als sich die Tür plötzlich öffnete. Dr. Morton trat heraus und
blieb erstaunt stehen, als er Rae bemerkte.
„Na, alles klar für morgen?“ fragte er und fügte mit einem prüfenden Blick
besorgt hinzu: „Sie sehen etwas blass aus, meine Liebe! Sind Sie sicher, dass
Sie okay sind?“
Rae nickte.
„Ja, ich bin bereit. Und ich hoffe von ganzem Herzen, dass wir es schaffen. Für
Casey, er hat es verdient!“
Dr. Morton nickte.
„Ihr Freund ist überzeugt, dass alles klappt. Er vertraut uns.“ Er legte seine
Hände auf Raes Schultern und sah ihr fest in die Augen. „Ich will es mal ganz...
unbescheiden ausdrücken:
Sie sind sehr gut, und ich bin auch sehr gut, und zusammen sind wir die Besten!“
Er nickte ihr aufmunternd zu. „Und das reden Sie sich jetzt ein, bis Sie zu
Hause sind, dann trinken Sie einen Tee zur Beruhigung und schlafen sich richtig
aus.“
Rae lächelte.
„Sie haben recht. Das wird das Vernünftigste sein.“
„Na also, wir sehen uns dann morgen früh. Ich will Sie munter und voller
Tatendrang im OP sehen! Gute Nacht, Rae.“
„Gute Nacht, und ... danke, Doktor Morton!“
„Wofür?“ fragte er verwundert.
„Für das Vertrauen, dass Sie in mich setzen.“
„Das ist überhaupt nicht wichtig.“ sagte er ernst. „Wichtig ist, dass Sie sich
selbst vertrauen.“
Leise trat Rae in
Caseys Zimmer. Er lächelte, als er sie sah und streckte ihr seine Hand entgegen.
„Schön, dass Du nochmal reinschaust. Morgen werde ich Deinen großen Auftritt ja
leider verschlafen!“
„Casey...“ sie setzte sich zu ihm auf die Bettkante und küßte ihn auf die Stirn.
„Wie fühlst Du Dich?“
„Wie die Hauptperson“ grinste er. „Michael, Vanessa, Mark und meine Mutter waren
heute schon zu Besuch, der Anästhesist hat ein Frage- Antwort- Quiz mit mir
durchgeführt, der Orthopäde wollte ein Exklusiv- Interview, die Schwestern sind
wie Vampire über mich hergefallen und haben mir mehrere Liter Blut abgezapft,
und Doktor Morton hat mir eben nochmal meine Rechte vorgelesen. Ich nehme an,
von Dir bekomme ich meine Gutenacht- Geschichte... aber die suche ich mir selber
aus...“ Er zog sie zu sich heran und küßte sie zärtlich. Rae erwiderte seinen
Kuß und legte dann ihren Kopf aufseufzend an seine Schulter. „Was willst Du denn
hören, Patient Mitchum?“
Er hielt sie fest im Arm.
„Eigentlich gar nichts, ich erlebe sie gerade live. Geh nur nicht weg!“
„Am liebsten würde ich die ganze Nacht hierbleiben.“ antwortete Rae. Casey
lachte.
„Die Nachtschwester hätte dafür sicher wenig Verständnis, fürchte ich. Also geh
lieber nach Hause uns schlaf Dich richtig aus, ich bin mir nämlich fast sicher,
dass ich dir morgen eine Menge Arbeit machen werde!“
Rae richtete sich auf und sah ihn an.
„Ich liebe Dich, Casey, und wenn Du morgen aufwachst, werde ich dasein.“
Er nickte.
„Darum will ich aber auch gebeten haben, Frau Doktor! Und nun los,
verschwinde... Meine Beruhigungstablette wird ohnehin gleich wirken.“
Rae strich ihm übers Haar. Sie küßte ihn noch einmal und ging dann zur Tür.
„Gute Nacht, Casey.“
„Rae?“
Sie war schon an der Tür drehte sie sich noch einmal um. Er lächelte.
„Ich liebe Dich auch.“
Rae fuhr zu ihrer
kleinen Wohnung, stellte das Auto in der Tiefgarage ab und nahm den Fahrstuhl
nach oben. Sie war mit ihren Gedanken noch bei Casey, als sie die Tür aufschloß
und auf den Lichtschalter drückte.
Ihr Herz schien vor Schreck auszusetzen.
Auf der Couch saß Wei- Lee und sah ihr ernsten Blickes entgegen.
„Was tust Du denn hier?“ herrschte sie ihn an. „Wer hat Dir erlaubt, einfach
meine Wohnung zu betreten?“
„Ich habe im Krankenhaus angerufen, und sie sagten, Du wärst schon unterwegs
nach Hause. Also bin ich gleich hierher gefahren. Dein Vermieter kennt mich ja
noch und hat mich reingelassen.“ meinte er entschuldigend und stand auf.
„Mit dem werde ich mal ein Wörtchen reden müssen.“ knurrte Rae, warf ihre Tasche
achtlos in den Sessel und sah ihn abwartend an. „Also... warum bist Du hier? Was
ist so ungeheuer wichtig, dass es nicht bis morgen warten kann?“
Wie Lee blieb vor ihr stehen.
„Es ist etwas passiert, Rae. Du solltest Dich hinsetzen.“
„Ich stehe sehr gut.“ antwortete sie ungeduldig, in der Annahme, er wolle mit
ihr mal wieder über ihre sogenannte gemeinsame Zukunft reden, die für sie
sowieso nicht mehr existierte. „Nun rede schon!“
„Also gut, Rae... es tut mir sehr leid, Dir das jetzt so sagen zu müssen, aber
Deine Mutter hatte einen sehr schweren Herzanfall.“
Gabi war in ihrem Zimmer gerade dabei, ihre große Reisetasche mit Kleidung vollzustopfen, als sie ein leises Klopfen an der Tür hörte. Sie öffnete und sah sich Mark gegenüber.
"Gabi, entschuldige, daß ich Dich ..." Er brach den Satz abrupt ab und wies fragend auf die Reisetasche. "Willst Du verreisen?" fragte er überrascht, während er ins Zimmer trat. Gabi fuhr damit fort, ihre Tasche weiter zu packen und versuchte Marks neugierigen Blick zu ignorieren.
"Ja," sagte sie knapp. Mark kratzte sich nachdenklich am Kopf.
"Wohin soll es denn gehen?" fragte er interessiert. Gabi sah ihn an. Sie hatte neben Casey in Mark einen wirklich guten Freund gefunden, dem sie fast alles anvertrauen konnte.
"Ich dachte," begann sie zögernd," daß es die allgemeine Situation etwas entspannen würde, wenn ich Sunset Beach für eine Weile verlasse."
Mark sah sie nachdenklich an.
"Du rennst vor Ricardo weg, nicht wahr?" fragte er. Gabi nickte. Sie konnte und wollte Mark nicht erzählen, daß es noch einen anderen Grund für sie gab, den kleinen Ort zu verlassen.
"Ich verstehe Dich, aber ..." Mark räusperte sich. " ... der Zeitpunkt dafür ist nicht sehr günstig gewählt."
Gabi sah in verwirrt an.
"Was macht es schon für einen Unterschied, ob ich morgen oder nächsten Monat verreise?"
Mark runzelte die Stirn.
"Weißt Du es denn nicht?" fragte er und sah Gabi nachdenklich an. Sie schüttelte den Kopf. Mark ging zu einem Sessel und nahm dort platz. Nervös verschränkte er die Hände. "Ich war heute bei Casey im Krankenhaus ..." sagte er.
Bei der Erwähnung von Caseys Namen wurde Gabi hellhörig.
"Was ist mit ihm? Geht es ihm besser?" fragte sie aufgeregt. Mark atmete tief durch und fuhr dann mit seinem Bericht fort.
"Casey wird morgen früh operiert, Gabi."
Ungläubig sah sie ihn an.
"Operiert? Aber ... warum ... ich meine, weshalb hat er mir nichts davon erzählt, als ich ihn im Krankenhaus besuchte?" Verzweifelt sah sie Mark an. Dieser zuckte mit den Schultern.
"Ich weiß es auch nicht, aber der OP-Termin wurde für morgen früh angesetzt, und ..." Mark machte eine Pause zum Luftholen. " ... und Rae wird ihn operieren," beendete er den Satz. Gabi sah ihn entsetzt an.
"Rae operiert Casey ...?
Mark nickte.
"Ja, sie und ein gewisser Dr. Morton. Er ist einer der führenden Chirurgen auf diesem Gebiet."
Gabi atmete schwer. Marks Nachricht hatte sie völlig durcheinander gebracht.
Dieser sah Gabi besorgt an.
"Alles in Ordnung mit Dir?" fragte er. Gabi nickte.
"Ja, es kam nur vorhin etwas ... überraschend, das ist alles," sagte sie.
"Wohin willst Du eigentlich verreisen?" wechselte Mark abrupt das Thema. Gabi wich seinem Blick aus.
"Ich wollte meinen Vater in Kansas besuchen," sagte sie, obwohl sie wusste, daß dies nur ein Vorwand war. Gabi hatte das Gefühl, als ob Mark sie skeptisch ansah, doch zum Glück stellte er keine weiteren Fragen. Sie stand wieder auf. "Ich werde meinen Flug verschieben und abwarten, wie es Casey nach der OP geht," sagte sie.
In Marks Gesicht konnte sie Erleichterung erkennen.
"Das freut mich," sagte er und lächelte. "Und wenn Du möchtest," fügte er hinzu," kann ich Dich sogar hinbringen." Er vergrub seine Hände in den Hosentaschen und ging zur Tür.
"Ich danke Dir, Mark," rief Gabi ihm hinterher. Erstaunt drehte Mark sich um.
"Wofür dankst Du mir?" fragte er irritiert. Gabi lächelte.
"Dafür, daß Du so ein guter Freund bist ... für Casey und für mich," sagte sie leise. Marks Gesicht hellte sich auf.
"Du machst mich noch ganz verlegen," sagte er und grinste. Er sah zu Gabis Reisetasche hinüber. "Ich möchte Dich jetzt nicht länger vom Packen abhalten," sagte er und öffnete die Tür. Als Mark das Zimmer verlassen hatte ging Gabi nachdenklich zu ihrer Tasche hinüber und begann langsam, jedes einzelne Kleidungsstück wieder herauszunehmen. Sie konnte Sunset Beach jetzt nicht verlassen. Casey brauchte sie!
Egal, welche Probleme sie hatte, es war nichts gegen das, was Casey jetzt durchmachen musste. Während Gabi noch über Caseys OP nachdachte begann sie, ihre Kleider wieder in den Schrank zurückzuräumen.
"Also gut. Einverstanden", nickte Cole seinem Vater zu. AJ trat auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter.
"Danke", sagte er. Cole antwortete nicht, sondern betrachtete seinen Vater kritisch.
"Gibt es noch irgendetwas, was du mir nicht gesagt hast. Oder gibt es noch einen anderen Grund, warum du fliehst?"
Plötzlich wurde AJ kurz angebunden.
"Was für einen Grund sollte es denn noch geben?"
"Keine Ahnung, ich frage ja dich."
"Nein, ich versichere dir, sonst gibt es nicht. Können wir jetzt gehen, die Zeit drängt."
In diesem Moment hörten die beiden, wie ein Auto vor dem Haus stehen blieb. AJ, von einem unguten Gefühl besessen, lugte vorsichtig aus dem Fenster. Es war ein Polizeiauto. Officer Ruiz trat hinaus, und mit ihm eine wild gestikulierende Annie Douglas. Sie wies ziemlich deutlich auf ihr Haus.
"Verflixt", zischte AJ. Cole blickte neugierig an. "Das ist Deine kleine Freundin, mit der Polizei. Ich muß sofort weg."
"Einen Moment mal, Du weißt doch gar nicht, ob sie wegen..."
"Natürlich sind sie es."
Cole nickte.
"Komm mit, den Seiteneingang raus."
Genau in dem Moment, als AJ und Cole über den Balkon davoneilten, kamen Annie und Officer Ruiz zur Vordertür herein.
Der Mann, der aus
dem Raum heraustrat, hatte Mühe auf den Beinen zu stehen. Das eine Hosenbein war
zerrissen und ließ einen dicken Verband am Oberschenkel sichtbar werden. Das
dunkle Hemd stand offen, so dass man sehen konnte, dass auch sein Rumpf sorgsam
verbunden war, ebenso wie seine Stirn. Sein Gesicht wirkte eingefallen, er war
unrasiert und hatte eine dicke Schramme auf der Wange. Teils verwundert, teils
erschrocken sah er ihnen entgegen.
„Ben...“ flüsterte Meg mit zitternder Stimme.
Thomas und T.C. sprangen hinzu, um ihn zu stützen. Vorsichtig halfen sie ihm,
sich auf einen der Stühle zu setzen, während er selbst keinen Blick von Meg
ließ. Doch in seinen Augen war kein Zeichen des Wiedererkennens zu finden, nur
stummes Erstaunen.
Meg kniete vor ihm nieder und nahm seine Hände. Tränen liefen über ihre Wangen.
„Ben, Liebling...“ Sie sah seinen Blick und berührte vorsichtig mit den
Fingerspitzen seine Wange. „Mein Gott, Du lebst... Erkennst Du mich? Ich bin es,
Meg...“
Thomas legte ihr seine Hand auf die Schulter.
„Ganz ruhig, sie haben ihm irgend etwas gegeben, er kann sich wahrscheinlich
momentan an nichts erinnern.“
Meg nickte und schluckte tapfer die Tränen hinunter. Nur mit Mühe widerstand sie
dem Drang, Ben in die Arme zu schließen, aber so, wie er sie ansah, hätte ihn
das sicher nur erschreckt.
„Ben“ sagte sie und bemühte sich, ihrer Stimme einen ruhigen Klang zu geben,
„die beiden hier, das sind Thomas und T.C., gute Freunde von mir. Wir werden
Dich nach Hause bringen. Dann wird es Dir sehr schnell besser gehen.“
Er öffnete den Mund und nach einiger Anstrengung brachte er mühsam ein paar
Worte hervor.
„Wo bin ich hier?“
„Du bist auf Hawaii, Ben. Dein Flugzeug ist abgestürzt. Alle dachten, Du bist
tot. Aber Sam und ich haben nach Dir gesucht.“
„Ben...“ wiederholte er und schien dem Klang seiner eigenen Stimme zu lauschen.
„Das hat momentan keinen Sinn, Meg.“ meinte T.C. „Er erinnert sich anscheinend
an überhaupt nichts mehr. Wer weiß, was sie ihm für ein Gebräu mixt, um diese
Wirkung zu erzielen.“
„Motahwi sprach von einer „Medizin die alles vergessen läßt“, die sie angeblich
besitzt“ erinnerte Thomas. „Das beste wird sein, wir bringen ihn jetzt erst
einmal hier weg.“ Er nickte T.C. zu. Sie traten beide an Ben heran. „Kommen Sie,
Sir, wir werden Sie stützen, dann schaffen wir es bis zum Auto.“
Widerstandslos ließ sich Ben hochziehen. In seinem Kopf begann sich langsam
wieder alles zu drehen und seine Knie knickten weg. Die beiden Männer hielten
ihn fest.
„Los, das wird schon gehen. Notfalls tragen wir ihn. Nur erstmal raus hier!“
meinte Thomas.
„Öffnen Sie uns die Tür, Meg!“
Sie sprang auf und lief zum Ausgang.
„Bald bist Du zu Hause, Ben!“ sagte sie überglücklich und riß die Eingangstür
auf.
Vor ihr stand Tamiha und hielt drohend ein funkelndes Messer in ihrer erhobenen
Faust.
„Er ist hier zu
Hause und er wird nirgendwo mit Dir hingehen!“ fauchte die Priesterin wütend.
„Ich habe ihm das Leben gerettet und nach unserem Gesetz gehört seine Seele
mir!“ Ihre Augen blitzten und irrten von einem zum anderen.
Erschrocken starrte Meg die junge Frau an, wich aber keinen Schritt von der Tür.
Wie schützend stand sie vor Ben, der gestützt von T.C. und Thomas gespannt in
die Runde blickte. Hinter Tamiha tauchten einige Männer ihres Stammes auf, die
ihr gefolgt waren, und auch Sam und Higgins erschienen vor dem Haus.
„Tut mir leid“ rief Sam Thomas zu. „Sie muß was geahnt haben, als ich das Handy
aus der Hosentasche nahm.“
„Ihr beiden wart mir gleich unheimlich! Meine Leute hätten Euch gestern töten
sollen, als Ihr hier herumgeschnüffelt habt, ich wußte sofort, dass Ihr nur
Ärger bringt!“ Bösartig wie eine Schlange kniff sie die Augen zusammen und hob
das Messer gegen Sam, der inzwischen auf den Stufen vor dem Haus stand.. „Aber
das können wir ja noch nachholen!“
„Tu das nicht!“ rief Meg und verstellte ihr den Weg. Tamiha musterte sie teils
erstaunt teils wütend, als ihr Blick plötzlich auf den Perlenanhänger an Megs
Halskette fiel. Erschrocken ließ sie das Messer sinken und murmelte einige
unverständliche Worte in ihrer Muttersprache.
Sie sah Meg mit ihren Raubtieraugen an.
„Wer bist Du?“
Meg hielt ihrem Blick tapfer stand. Sie wies auf Ben.
„Ich bin seine Frau.“ sagte sie so ruhig wie möglich. „Ich habe gewußt, dass er
noch lebt und bin hergekommen, um ihn nach Hause zu holen.“
Annie fiel sofort auf, daß die Balkontür offen war.
"Die war vorhin noch zu, daß weiß ich genau."
Ruiz nickte grimmig.
"Sieht so aus, als wäre der Vogel ausgeflogen", meinte er. Dann gab er auf seinem Funkgerät eine Meldung durch:
"Carrigan? Ich bin es, Ruiz. Schick sofort mehrere Streifenwagen in die Ocean Avenue 1303. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß sich der Gesuchte noch ganz in der Nähe aufhält." Dann wandte er sich an Annie. "Vielen Dank für Ihre Hilfe, Miss Douglas. Ich möchte Ihnen raten, sich am besten in Ihrem Haus einzuschließen. Immerhin besteht die Möglichkeit, daß Deschanel zurück kommt."
„Das halte ich für äußerst unwahrscheinlich. Aber ich hätte nichts dagegen, wenn er mir in die Hände fällt. Glauben Sie mir Ruiz, er würde sich freiwillig der Polizei stellen."
Ruiz schmunzelte einen Augenblick.
"Daran hege ich keinen Zweifel." Dann verabschiedete er sich von Annie.
Nachdem Ruiz gegangen war, ließ sich Annie auf das Sofa fallen. In diesem Augenblick ging ihr erstmals durch den Kopf, was ihr vorher in der Hektik fast entgangen war.
Cole war auch fort! Einen Moment rätselte Annie, doch dann fiel es ihr wie Schuppen von Augen.
"Oh nein, bitte nicht", flüsterte sie. "Bitte, bitte nicht."
„Was?“ Alle Farbe
war aus Raes Gesicht gewichen. Hilfesuchend griff sie nach Wei- Lees Arm.
„Wann... ich meine... wo, wo ist sie jetzt? Wo hat man sie hingebracht?“
„Sie ist im Los Angeles General Hospital. Das war vom Hotel Deiner Eltern aus
das Nächste. Wenn Du willst, fahre ich Dich sofort hin.“ bot er sich
bereitwillig an.
Rae nickte abwesend und griff nach ihrer Tasche. Auf dem Weg zum Fahrstuhl
bestürmte sie ihn mit Fragen.
„Wann ist denn das genau passiert?“
Wei- Lee überlegte.
„Vor etwa drei oder vier Stunden, schätze ich.“
„Waas?“ rief Rae entsetzt. „Und warum erfahre ich das erst jetzt?“
„Na ja, Dein Vater rief mich vom Krankenhaus aus an, ich war gerade mitten in
einer geschäftlichen Besprechung...“
„...die Du natürlich unbedingt erst zu Ende führen mußtest, hab ich recht?“
giftete sie ihn an.
„Nein, Rae.“ antwortete er ernst. „Ich bin sofort nach dem Anruf in die Klinik
gefahren. Dein Vater war sehr aufgeregt und ich versuchte ihn etwas zu beruhigen
und ihm beizustehen. Aber er bestand darauf, Dich nicht anzurufen.“
Fassungslos starrte Rae ihn an. Tränen traten in ihre Augen, aber sie versuchte
sie tapfer zurückzudrängen.
„Wie... wie geht es meiner Mutter?“ brachte sie schließlich hervor. Sie hatten
den Ausgang erreicht und Wei- Lee hielt ihr die Tür zu seinem Wagen auf, den er
an der Strasse geparkt hatte.
„Sie liegt auf der Intensivstation, Rae. Ihr Zustand ist ziemlich ernst. Der
Arzt sagt, diese Nacht wird entscheiden, ob sie überlebt.“
Mister Chang trat
gerade aus dem Krankenzimmer auf der Intensivstation, wo seine Frau nach ihrem
schweren Herzanfall untergebracht war, als Rae, gefolgt von Wie- Lee, über den
Gang auf ihn zugeeilt kam.
„Vater!“ rief sie aufgeregt. „Wie geht es ihr?“
Sein Gesicht verriet keine Gefühlsregung, als er seine einzige Tochter mit einem
kurzen Blick musterte.
„Was willst Du hier, Rae?“ fragte er, während er sich den auf der Station
vorgeschriebenen Kittel auszog.
„Was ich hier will?“ Fassungslos starrte sie ihn an. „Meine Mutter kämpft um ihr
Leben und Du hälst es noch nicht einmal für nötig, mich anzurufen!“
„Warum sollte ich Dich anrufen?“ meinte er mit versteinertem Gesicht, „Du
gehörst nicht mehr zur Familie. Geh zurück zu Deinem Amerikaner, für den Du Dich
entschieden hast, und misch dich nicht weiter in unsere Angelegenheiten!“
Rae stand da, als hätte ihr eben jemand einen Tritt versetzt, und wußte nicht,
was sie sagen sollte. Konnte das möglich sein? Ging ihr Vater wirklich so weit?
Der Mann, zu dem sie in ihrem bisherigen Leben stets hochachtungsvoll
aufgeblickt hatte und der immer ihr großes Vorbild gewesen war, er kam ihr
plötzlich vor wie ein Fremder.
„Geh mir aus dem Weg!“ sagte sie wütend und griff nach der Türklinke.
„Du wirst da nicht hineingehen! Wegen Dir liegt sie jetzt dort drin, sie hat
sich schrecklich aufgeregt und gelitten, weil Du uns verlassen hast. Du allein
bist Schuld!“
Rae trat einen Schritt zurück und sah ihn fest an.
„Oh nein, Vater, dafür wirst Du mir nicht auch noch die Schuld geben. Nicht ich
habe Euch verlassen, Du hast mich verstoßen, aus Prinzipien, die so alt und
verstaubt sind, wie Dein Stammbaum! Du hast Mutter nicht ein einziges Mal
gefragt, was sie dazu sagt und ob Du ihr mit Deiner unsinnigen Entscheidung
wehtust!“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, gib die Schuld nicht mir, such sie
diesmal gefälligst bei dir selbst!“
„Rede nicht so mit Deinem Vater!“ mahnte Wei- Lee und sah beunruhigt von einem
zum anderen. So hatte er sich das Ganze nicht vorgestellt. Wo nahm seine kleine
Rae nur auf einmal diese Selbstsicherheit her? Das war ganz und gar nicht in
seinem Sinne...
Mister Chang starrte seine Tochter sekundenlang sprachlos an. Er wollte etwas
erwidern, doch dann schien er sich zu entsinnen, dass er sich in einem
Krankenhaus befand.
„Geh nach Hause, Rae.“ sagte er leise, aber entschieden und trat zwischen sie
und die verschlossene Krankenzimmertür. Sie schüttelte resigniert den Kopf.
„Das meinst Du doch nicht wirklich, Vater!“ Hilfesuchend sah sie sich nach Wie-
Lee um, aber der zuckte nur bedauernd mit den Schultern. Mit Mister Chang konnte
und wollte er es sich nicht verderben.
„Das ist verrückt...“ Rae blickte ihren Vater anklagend an und konnte nicht
verhindern, dass ihr die Tränen in die Augen schossen und über ihre Wangen
liefen. „Mutter könnte sterben, und du verlangst von mir, dass ich wieder gehen
soll, ohne sie noch einmal gesehen zu haben? Vater, bitte... sei doch
vernünftig!“
Er sah sie mit diesem unnachgiebigen Blick an, den sie nur zu gut kannte.
Wortlos drehte sie sich um und ging langsam davon. Wei-Lee wollte ihr folgen.
„Verschwinde!“ zischte sie und stieß seine Hand weg. „Du bist keinen Cent besser
als er!“
Schlaflos wälzte Ricardo sich in seinem Bett herum. Er fragte sich schon die ganze Zeit, was Gabi so verschreckt hatte. Als sie aus dem Krankenzimmer gestürzt kam, hatte er die Qual in ihren Augen erkennen können. Auf die Frage hin, was denn los gewesen wäre, hatte seine Mutter nur mit den Achseln gezuckt und sich in ein tiefes Schweigen gehüllt. Ricardo hatte das unangenehme Gefühl, daß es bei der Unterhaltung um ihn gegangen war, aber warum hatte Gabi so abweisend reagiert, als sie ihn sah?
Ricardo setzte sich auf. In dieser Nacht würde er sicher keinen Schlaf finden, dessen war er sich sicher. Er sprang aus dem Bett und begann sich wieder anzukleiden. Vielleicht würde ihm ein kleiner nächtlicher Spaziergang am Strand die nötige Bettschwere bringen.
Nach einem letzten
Blick verließ er seine Wohnung.
Zur selben Zeit saß Gabi angespannt und grübelnd auf ihrem Bett und hielt ein
Foto von sich und Ricardo in ihrer Hand. Noch vor wenigen Wochen waren sie so
glücklich gewesen und hatten sogar schon Zukunftspläne geschmiedet. Doch nachdem
erst Paula und dann Antonio aufgetaucht waren, hatte sich ihr beider Leben
drastisch verändert. Gabi gingen Madame Carmens Prophezeiungen durch den Kopf,
daß es Veränderungen in ihrem Leben geben, aber auch, daß sie einmal ihr Glück
in Sunset Beach finden würde.
Gabi seufzte, legte das Foto beiseite und stand auf. Sie ging zum Fenster und öffnete es. Der Abendwind wehte lau zu ihr herüber, und Gabi verspürte Lust, auf einen kleinen Strandlauf. Schnell zog sie sich ihr Jogging-Dress und Turnschuhe an und verließ das Surf Center.
Energisch wischte
sich Rae die Tränen aus den Augen und ging entschieden um die Ecke zum nächsten
Schwesternzimmer. Sie legte ihren Dienstausweis vor und verlangte den
diensthabenden Arzt zu sprechen.
„Ich bin eine Kollegin von Ihnen aus dem L.A. Memorial Hospital.“ erklärte sie.
„Würden Sie mich bitte umgehend zu Misses Chang bringen? Sie ist meine Mutter.“
„Aber natürlich!“ erwiderte der Arzt, ein freundlicher, etwas stämmiger Mann mit
einer dicken Hornbrille, der etwa in ihrem Alter war. Ausführlich und präzise
klärte er sie über den gegenwärtigen Zustand der Patientin auf, während er ihr
Kittel und Mundschutz reichte.
„Wir haben sofort alle notwendigen Maßnahmen eingeleitet und alles getan, um den
Zustand von Misses Chang zu stabilisieren. Leider hat sie bisher das Bewußtsein
noch nicht wiedererlangt. Wir können momentan nur abwarten. Die nächsten Stunden
werden entscheidend sein. Ich bringe Sie jetzt zu ihr.“
Kurz bevor sie sich beide auf den Weg zum Intensivzimmer machten, hielt Rae
ihren Kollegen kurz zurück.
„Doktor... würden Sie bitte dafür sorgen, dass Mister Chang nicht im Zimmer ist,
wenn ich hineingehe? Wir... nun ja, wir stehen uns nicht sehr nahe, und ich
möchte einen Moment allein mit meiner Mutter sein.“
Als sie das Zimmer betraten, war ihr Vater nicht da. Auch Wei-Lee war nirgends
zu sehen.
Der Arzt überprüfte kurz die Werte auf dem Monitor und ließ Rae dann mit der
Patientin allein. Sie trat ans Bett ihrer Mutter und betrachtete voller Sorge
deren blasses, schlafendes Gesicht. Sie sah so friedlich aus und Rae spürte, wie
der Anblick ihr die Kehle zuschnürte.
Sie setzte sich an den Bettrand und nahm vorsichtig die Hand ihrer Mutter.
„Mum? Ich bin es, Rae...“ sagte sie leise. „Ich hoffe, du kannst mich hören.“
Sie schluckte die aufsteigenden Tränen tapfer hinunter. „Bitte Mum, bleib bei
uns, ich weiß ja, Du hast in der letzten Zeit viel durchgemacht, aber Du bist
stark, Du kannst es schaffen!“ Sie strich ihrer Mutter zärtlich über die Wange.
„Ich bin hier, und ich werde auch in Zukunft immer für Dich dasein, auch wenn
ich jetzt mein eigenes Leben lebe. Aber Kinder werden nun mal erwachsen und
gehen ihren Weg, auch wenn er den Eltern manchmal nicht so gefällt. Ich wollte
immer, dass Ihr beide stolz auf mich seid. Und vielleicht ist es ja möglich,
dass wir wieder zueinander finden können, wenn Du nur erst gesund bist!“ Sie
seufzte. „Ich wünsche mir das so sehr, für Dich, für mich, für uns alle... Weißt
Du, Mum, ich liebe Casey, aber Euch liebe ich auch. Es muß doch möglich sein,
dass wir einen Weg finden, der uns alle wieder zusammenbringt. Aber jetzt mußt
Du erst einmal gesund werden, das ist das Wichtigste...“
Mister Chang war eingetreten, ohne dass ihn jemand bemerkt hatte. Still stand er
an der Tür und hörte die Worte, die Rae zu ihrer Mutter sagte. Nachdenklich
starrte er auf das Bild, das sich ihm bot. Erst nach einer ganzen Weile senkte
er den Kopf und ging mit zusammengepreßten Lippen wortlos wieder hinaus.
Rae rückte sich
einen Stuhl an das Patientenbett. Sie beschloß, dort zu sitzen und zu warten,
bis ihre Mutter aufwachte, wenn nicht ihr Vater in der Zwischenzeit hereinkommen
und sie hinauswerfen würde.
Irgendwann mußte sie wohl eingeschlafen sein, war jedoch sofort hellwach, als
sie bemerkte, wie sich die Hand ihrer Mutter, die sie immer noch hielt, bewegte.
Kurz darauf schlug Misses Chang die Augen auf.
Sie sah sich verwirrt um, doch als sie Rae bemerkte, huschte ein Lächeln über
ihr Gesicht.
„Mum!“
Rae strich ihr erleichtert übers Haar. Sie warf einen kurzen Blick auf die
Vitalwerte, die der Monitor über dem Bett anzeigte und nickte zufrieden. „Alles
in Ordnung, Mum. Du bist im Krankenhaus, Du hattest einen Herzanfall. Aber Du
brauchst Dir keine Sorgen zu machen, sie haben alles unter Kontrolle.“
Misses Chang hob mühsam die Hand, um das Gesicht ihrer Tochter zu streicheln.
Gerührt drückte Rae die Hand an ihre Wange. So verharrten sie einen Moment lang
bewegungslos.
Dann erhob sich Rae.
„Ich werde Vater bescheid sagen, dass Du aufgewacht bist. Das wird ihn sehr
freuen. Sicher sitzt er draußen.“ sagte sie leise, aber Misses Chang hielt ihre
Hand fest. Sie bewegte die Lippen und Rae beugte sich hinunter, um sie verstehen
zu können.
„Habt Ihr Euch wieder versöhnt?“ flüsterte sie kaum hörbar.
Rae lächelte trotz ihrer inneren Qual.
„Das werden wir, Mum. Wir sind auf dem besten Weg.“
Das war zwar glatt gelogen, aber Rae fand, dass das zufriedene Gesicht ihrer
Mutter diese Notlüge rechtfertigte. „Ich hole ihn jetzt herein.“ sagte sie und
wandte sich schnell ab, hoffend, dass ihr Vater jetzt in Gegenwart ihrer Mutter
keine Szene machen würde.
Mister Chang saß, wie sie erwartet hatte, draußen vor dem Zimmer auf einem der
Stühle.
„Vater?“
Müde blickte er auf, und in seinem Blick war keinerlei Erstaunen darüber zu
erkennen, als er seine Tochter aus dem Patientenzimmer kommen sah.
„Mutter ist eben aufgewacht. Sie möchte Dich sehen. Ich sage inzwischen dem Arzt
bescheid.“
Er nickte und stand auf. Für einen Moment schien es Rae, als wolle er ihr etwas
sagen, doch dann wandte er sich ab und betrat wortlos das Zimmer.
Enttäuscht ging sie, um den Arzt zu holen.
Nachdem Gabi schon eine ganze Weile durch den weichen Sand gejoggt war, sah sie plötzlich im Halbdunkel eine vertraute Gestalt auf einem Felsen sitzen.
"Ricardo!" schoß es ihr durch den Kopf. Sie wollte gerade wieder umdrehen und zurücklaufen, als er seinen Kopf in ihre Richtung drehte. Anscheinend hatte er sie auch sofort erkannt, denn er winkte ihr zu. Gabi blieb stehen und überlegte einen Moment, was sie tun sollte. Alles in ihr sträubte sich dagegen, mit ihm reden zu müssen, doch einfach wegzulaufen, wäre auch keine Lösung.
Gabi atmete tief durch und ging zögernd auf ihn zu.
"Hi Ricardo," sagte sie leise. Sie konnte erkennen, wie sich sein Gesicht zu einem Lächeln verzog.
"Hi Gab ..." Sie spürte seinen bewundernden Blick und wünschte in diesem Moment, daß sie etwas anderes angezogen hätte als ausgerechnet ihr hautenges Sportdress.
"Was machst Du hier?" fragte Gabi, um die angespannte Situation zu lockern. Ricardo stand auf.
"Ich konnte nicht schlafen," sagte er und sah sie fragend an. "Und Du, was machst Du noch so spät am Strand?"
Gabi seufzte.
"Mir ging es genauso wie Dir, ich konnte auch nicht schlafen." Für einen Moment sahen sie sich nur schweigend an und lauschten dem Geräusch der rauschenden Wellen. Gabi spürte, wie ihre Knie weich wurden. Sie hatte sich Ricardo schon lange nicht mehr so nah gefühlt, und an seinem Blick erkannte sie, daß er dieselben Gefühle hatte.
Langsam ging er auf sie zu. Gabi befeuchtete ihre trockenen Lippen mit der Zunge.
"Küss mich," dachte sie. "Laß uns alles um uns herum vergessen."
Sie sah, wie Ricardos Gesicht näher kam und schloß erwartungsvoll die Augen. Als sie seine Lippen auf ihren spürte, wehrte sie sich nicht und gab sich ganz diesem leidenschaftlichen Gefühl hin, daß sie überkam.
Doch plötzlich schlug ihr Gewissen. Was tat sie da? Sie konnte doch nicht einfach so tun, als ob nichts geschehen wäre! Sie liebte Ricardo nach wie vor. Das wurde ihr plötzlich klar, doch sie hatte auch Gefühle für Antonio, die alles andere als freundschaftlich waren. Sie musste ihr Gefühlschaos erst einmal in den Griff bekommen, ehe sie eine erneute Beziehung mit Ricardo einging.
Gabi drehte den Kopf zur Seite und presste abwehrend ihre Hände gegen seine Brust. "Ricardo, nicht ..." stieß sie schwer atmend hervor. Ricardo ließ sie sofort los. Mit einem entschuldigendenden Blick sah er sie an.
"Ich wollte Dir nicht zu nahe treten ..." sagte er leise," ... aber ich dachte, daß Du es auch wolltest."
Gabi nickte und wischte sich mit ihrer zitternden Hand über die Lippen.
"Ist schon gut," sagte sie und sah betreten zu Boden. Ricardo hob vorsichtig ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und räusperte sich verlegen.
"Gabi, ich ..." begann er," ... ich habe damals einen Fehler gemacht, als ich Dich gehen ließ." In seinem Gesicht erkannte sie Reue. "Ich liebe Dich immer noch, und daran wird sich auch niemals etwas ändern!"
Sie schluckte. Sein Liebesgeständnis traf sie so unvorbereitet. Wäre die Situation eine andere gewesen, hätte sie sofort "ja" zu ihrer Liebe gesagt, doch nun ... Ricardo riß sie aus ihren Gedanken.
"Hast Du meine Rosen bekommen?" fragte er leise. Gabi sah ihn überrascht an.
"Die waren von Dir?" stieß sie erstaunt hervor. Ricardo runzelte die Stirn.
"Kommt noch jemand anders in Betracht, der Dir Rosen schenken würde?" fragte er neugierig. Gabi biß sich auf die Lippen.
"Nein," sagte sie schnell. Also war es nicht Antonio sondern Ricardo gewesen, der ihr die Rosen geschickt hatte, dachte sie. Es war also alles nur ein Mißverständnis gewesen! Ricardo sah sie prüfend an. Ihm war ihr nachdenklicher Gesichtsausdruck nicht entgangen. Gabi versuchte zu lächeln.
"Vielen Dank! Sie sind wunderschön," sagte sie leise. Ricardo erwiderte das Lächeln.
"Sie sind eine Art Friedensangebot," sagte er und sah ihr dabei tief in die Augen. " ... und sie sollen einen Neuanfang symbolisieren," fügte er hinzu. Gabi wich seinem Blick aus. Sie fühlte sich mit einem Mal nicht mehr wohl in ihrer Haut.
"Laß' mir Zeit," bat sie ihn. Ricardo nickte, aber Gabi fühlte, daß er enttäuscht war.
"Ich werde ein paar Tage verreisen," sagte sie. Ricardo hob den Kopf und sah sie fragend an. "Ich will meinen Vater besuchen," fügte Gabi erklärend hinzu.
Ricardo nickte wieder nur.
"Wie lange wirst Du wegbleiben?" fragte er, und man konnte an seiner Stimme erkennen, daß ihn diese Nachricht wenig erfreute. Gabi sah ihn nachdenklich an.
"Ich weiß es noch nicht," sagte sie wahrheitsgemäß. Ricardo sah auf den Boden und scharrte mit den Füssen im Sand. Sein Versuch, Gabi zurückzuerobern, war gründlich schief gegangen, und er fragte sich, was er wohl falsch gemacht hatte.
"Ich werde Dich anrufen," versprach sie ihm. Sie sah ihn ein letztes Mal mit einem traurigen Blick an. "Bye, Ricardo!" flüsterte sie, drehte sich dann um und rannte zurück zum Surf Center.
Tamiha schien für
einen Moment total aus dem Gleichgewicht. Sie hob die Hand und berührte ganz
vorsichtig die Perle an der Kette. Dann trat sie einen Schritt zurück und
betrachtete ihren Finger. Plötzlich aber ließ sie ihren Arm vorschnellen und
hielt Meg das Messer an die Kehle. Sam, Thomas und die anderen beiden hielten
die Luft an, bereit hinzuzuspringen.
Tamihas Blick war undefinierbar und ihr höhnisches Lachen glich dem einer Irren.
„Du... seine Frau? Das warst Du vielleicht einmal, in einem früheren Leben!“ Ihr
Gesicht wurde mit einem Schlag wieder ernst und verzog sich bösartig.
„Du trägst eine Träne Gottes um Deinen Hals, demzufolge müsstest Du die Gesetze
der Götter kennen. Ich habe diesem Mann das Leben gerettet, seine Seele gehört
mir.“
Meg spürte die scharfe Klinge an ihrem Hals, aber sie verspürte keine Angst um
ihr Leben, wohl aber um das von Ben.
„Gib ihn frei, Tamiha“ sagte sie leise, „ich bitte Dich, er gehört nicht
hierher!“
„Nein“ sagte die Priesterin mit trotzig zusammengekniffenen Augen, und ihre
Faust umklammerte eisern den Griff des Messers, „Er gehört mir. Für immer! Seine
Seele wird diese Hütte nicht verlassen!“
Meg straffte die Schultern. Sie richtete sich plötzlich zu ihrer vollen Größe
auf, umfasste das Handgelenk ihrer Widersacherin und schob deren Arm mitsamt dem
Messer weg.
„Doch, das wird sie.“
„Was?“ Unsicher trat Tamiha einen Schritt zurück. „Wie meinst Du das?“
„So, wie ich es gesagt habe. Ben ist mein Mann, und ich werde wiederkommen und
dann wird seine Seele mit mir gehen.“ sagte Meg mit fester Stimme. „Diese leere
Hülle da...“ sie wies auf Ben, „kannst Du behalten, aber das wichtigste von ihm
nehme ich mit. Du wirst es nicht verhindern, Tamiha, Du kannst sogar dabei
zusehen!“
Sam sah gespannt auf Meg.
„He, was hast Du vor?“ flüsterte er, doch sie ließ sich nicht beirren. Ihr
eigener Plan schien ihr wahnwitzig und fast unmöglich, aber der Glaube dieser
Eingeborenen war so stark, dass er gelingen konnte.
„Was ist, Tamiha?“ rief sie herausfordernd. „Hast Du Angst vor Deinem eigenen
Zauber? Komm schon, sag mir, wann ich da sein soll!“
Tamiha überlegte fieberhaft. Diese weiße Frau war stark, aber sie besaß keine
Zauberkräfte, so wie sie selbst. Oder doch? Nein, das konnte nicht sein...
„Morgen abend bei Sonnenuntergang!“ sagte sie und ihre Augen blitzten gefährlich
auf. „Und wenn Du versuchst, mich zu hintergehen...“ Sie spielte bedeutungsvoll
mit dem Messer in ihrer Hand.
„Schon gut, ich weiß bescheid.“
Obwohl ihre Knie zitterten, drehte Meg sich um und ging zu Ben, der erschöpft an
der Wand lehnte und die Szene mit teilnahmslosem Blick verfolgt hatte. Sie
strich ihm zärtlich über die Wange.
„Halt noch einen Tag aus, Liebling, dann komme ich wieder her und nehme Dich mit
nach Hause.“ sagte sie mit sanfter Stimme und für den Bruchteil einer Sekunde
schien es ihr, als ob sie in seinen Augen einen winzigen Funken der Erinnerung
wahrnahm, wie ein Licht, das gleich wieder verlosch.
„Schluß jetzt. Verschwinde!“ zischte Tamiha und packte Meg am Arm. Sie sah mit
wütend verzerrtem Gesicht in die Runde.
„Verschwindet alle! Sofort!“
Meg schüttelte ihre Hand ab und trat einen Schritt zurück.
„Morgen bei Sonnenuntergang.“ sagte sie mit fester Stimme.
„Ich werde dasein.“
Obwohl es ihr fast das Herz zerriß, Ben hier zurücklassen zu müssen, ging sie
doch hoch erhobenen Hauptes davon.
Sam, Thomas, T.C. und Higgins folgten ihr.
Zögernd, sich vorsichtig umsehend verließen sie die Lichtung. Aufatmend stellten
sie fest, dass ihnen niemand folgte. Erst als sie außer Sichtweite des Dorfes
waren, blieben sie stehen.
„Was sollte das, Meg? Auf was hast Du Dich eingelassen?“ fragte Sam ernst. „Sie
ist gefährlich, und sie wird vor nichts zurückschrecken!“
„Ja, und ihre Leute folgen ihr bedingungslos.“ fügte T.C. hinzu. „Ein Wort von
ihr und sie hätten uns zu Hackfleisch verarbeitet!“
„Den Eindruck hatte ich allerdings auch.“ seufzte Thomas. „Wir werden wohl doch
die Polizei einschalten müssen. Oder ein paar gut durchtrainierte Typen
anheuern, die uns morgen begleiten.“
„Das halte ich für eine ausgesprochen dumme Idee.“ mischte sich Higgins, der
bisher eisern geschwiegen hatte, in das Gespräch ein. „Uns muß etwas anderes
einfallen. Etwas Wirkungsvolles...“
„Genau“ antwortete Meg mit einem geheimnisvollen Lächeln.
„Wir schlagen sie mit ihren eigenen Waffen. Vertraut mir, ich habe da so eine
Idee. Ich muß nur schnell jemanden anrufen.“
Es war bereits kurz
nach Mitternacht. Derek wollte gerade das Deep abschließen, als sein Handy
klingelte. In der Annahme es sei Sara, nahm er das Gespräch entgegen und war
erstaunt, stattdessen die Stimme seiner zukünftigen Schwägerin zu hören.
„Meg, das ist ja eine Überraschung! Gibt es etwas neues? Ist etwas passiert?“
„Derek, entschuldige, dass ich so spät noch bei Dir anrufe, aber ich brauche
dringend Deine Hilfe...“
Sie klang sehr aufgeregt.
„Natürlich, egal was es ist, Meg, Du weißt doch, ich bin immer für Dich da!“
sagte er beruhigend. „Was kann ich tun? Hast Du Neuigkeiten, was Ben betrifft?“
„Derek...“ sie zögerte kurz. „kannst Du so schnell wie möglich herkommen? Es ist
sehr wichtig.“
Er überlegte keine Sekunde.
„Natürlich! Ist morgen früh zeitig genug oder soll ich gleich die nächste
Maschine nehmen?“
„Nein... morgen früh wäre gut, dann bist Du gegen Mittag hier. Wir holen Dich am
Flughafen ab. Pack eine dunkle Hose und ein schwarzes Hemd mit ein, das ist sehr
wichtig! Und... bitte rasier Dich nicht!“
„Was?“ Derek grinste. „Habt Ihr dort eine bestimmte Garderobenordnung?“
„Frag mich nicht, ich werde Dir morgen alles erklären. Und... Du wirst morgen
Deinen Bruder wiedersehen.“
Derek glaubte nicht richtig zu hören.
„Ist das wahr? Und er lebt? Meg... das sind ja phantastische Neuigkeiten!“
„Ja...“ Ihre Antwort kam etwas zögernd, „er ist nur... bitte, komm erstmal
hierher, dann erfährst Du alles. Wir brauchen Dich wirklich dringend!“
„Gut, ich bin morgen Mittag da!“ Er hörte, wie sie aufatmete.
„Danke Derek, das wird ich Dir nie vergessen!“
Als der Morgen anbrach, klopfte es an die Tür des Arbeiterhauses auf der Baustelle, in dem Cole AJ versteckt hatte. AJ sprang auf, griff sich einen schweren Gegenstand und zückte ihn, bereit zuzuschlagen.
"Ich bin es", rief Cole. AJ atmete erleichtert auf. Cole trat ein und hielt etwas in der Hand. "Du mußt dich beeilen", sagte er. "Es wird nicht lange dauern, bis sie auf die Idee kommen, Dich hier zu suchen. Hier, zieh das an." Es war ein alter Pullover mit Kapuze, den Cole ausgegraben hatte. "Müßte Deine Größe sein", fügte er hinzu.
Später erwies sich, daß er recht hatte. AJ stülpte sich die Kapuze so weit nach vorne, wie er konnte.
"Gut", nickte Cole. "Ich denke nicht, daß sie Dich erkennen werden. Beeil Dich, es wird Zeit. Nimm den Firmenwagen hier." Er überreichte seinem Vater Schlüssel.
"Das vergesse ich Dir nie", versicherte AJ noch einmal.
"Sieh lieber zu, daß Du rechtzeitig verschwindest", meinte Cole kühl. "Wenn ich nichts von Dir höre, weiß ich, daß Du der Polizei entkommen ist."
AJ nickte ihm noch einmal zu, dann verschwand er.
Die beiden bemerkten nicht, daß sie beobachtet wurden.
AJ fuhr mit dem Firmenwagen von Coles Baufirma über den Highway Richtung Grenze. Er atmete durch. Sonntag, es arbeitete niemand, also würde bis morgen niemand das Fehlen des Autos bemerken. Er grinste. Scheinbar kam er mal wieder heiler Haut davon. "In ein paar Stunden bin ich in Mexiko", dachte er und blickte zufrieden auf den gefälschten Pass, den er für Notfälle schon früher hatte anfertigen lassen. "Und wenn Jade alles richtig gemacht hat, wird Gregory Richards bald noch eine sehr unangenehme Überraschung erleben." Er blickte in den Rückspiegel. Mitten in der Wüste war sowieso selten jemand. Kein Polizeiauto weit und breit zu sehen. Hinter ihm fuhr derzeit lediglich ein Geländewagen, der in diesem Moment aber an einer Raststätte einbog. Stattdessen war nun ein gelber Sportwagen hinter ihm.
"Natürlich überflüssig, daß es Ben Evans erwischt hat", dachte AJ. "Richards hätte dran glauben sollen. Obwohl, auch so ist es nicht schlecht. Immerhin hat er einiges über mich gewußt. Ich muß mich mit einem meiner Leute in Verbindung setzen. Vielleicht kann ich das Problem mit Richards bald auch endgültig lösen."
In diesem Moment gab der Fahrer des Sportwagens Gas und setzte zum Überholmanöver an. Doch als er an AJ vorbei war, beschleunigte er nicht weiter, sondern machte eine 90Grad Drehung und schnitt AJ den Weg ab.
Plötzlich tauchte ein zweites Auto auf und versperrte ebenso die andere Hälfte der Spur. AJ reagierte blitzschnell. Er zog das Steuerrad ruckartig herum und fuhr in zurück.
Doch auch dort standen zwei Autos. Eins davon war der Geländewagen, den AJ vorhin gesehen hatte. In jedem der Autos saßen zwei Männer, groß und kräftig gebaut.
AJ bremste so fest er konnte. Dann schlug er seine Autotür auf und rannte hinaus.
Doch gegen acht Männer hatte er keine Chance. Zwei von ihnen griffen ihn, während ihm ein andere mehrmals fest in den Bauch schlug.
"Schöne Grüße von Gregory Richards", zischte er.
AJ war bereits in sich zusammengesackt.
Einer der Männer spottete.
"Ein erbärmliches Häuflein Dreck. Entsorgt Ihr den Wagen, er darf nicht gefunden werden. Wir sorgen dafür, daß Mr. Deschanel den Abgang hat, den er verdient."
Und er lächelte zufrieden bei dem Gedanken an das von Gregory versprochene Geld.
Caseys Operation war
für morgens um 8.00 Uhr angesetzt. Kurz vor 7.00 Uhr erschien Rae übernächtigt
und voller innerer Unruhe in der Klinik. Sie zog sich in ihr Büro zurück, um
sich schnell noch etwas frisch zu machen und sich wenigstens noch ein paar
Minuten auf den bevorstehenden Eingriff konzentrieren zu können. Kurz darauf
erschienen jedoch schon Dr. Morton und Dr. Bernhardt, der Cheforthopäde der
Klinik aus Genf, um noch einmal alles durchzusprechen.
Rae schob alle Gedanken und Probleme, die sie in dieser Nacht beschäftigt
hatten, konsequent beiseite und war ganz bei der Sache.
Dann war es soweit. Casey wurde in den OP- Bereich gebracht.
Rae, bereits in Kittel und mit Mundschutz, sah noch einmal in den
Vorbereitungsraum, wo der Anästhesist bereits mit den Vorbereitungen auf die
Narkose beschäftigt war.
„Es wird bestimmt alles klappen.“ sagte sie und drückte seine Hand. Er lächelte.
Das letzte, was er sah, bevor er in tiefen Narkoseschlaf fiel, waren ihre
Augen...
Sie begannen ihre Arbeit. Dr. Morton führte das Skalpell ruhig und präzise. Er
brauchte kaum Anweisungen zu geben, Rae schien jeden seiner Schritte im Voraus
zu wissen und unterstützte ihn, so gut sie nur konnte. Des öfteren traf sie sein
zufriedener Blick.
Dann kam der schwierigste Teil.
Mit Hilfe erneuter Röntgendurchleuchtung wurde die kritische Stelle
kontrolliert.
„Wir versuchen es zunächst mit einer Spinalnadel.“ ordnete Dr. Morton an.
„Fotodokumentation in zwei Ebenen bitte!“
Das nah am Nervenkanal positionierte Endoskop ermöglichte eine gute Übersicht.
„Da haben wir ihn ja!“ Dr. Morton wies auf einen Punkt auf dem Bildschirm.
„Fragt sich nur, von welcher Seite wir jetzt rangehen...“
„Ich bin der Meinung, dass wir nicht mit dieser neuen Sonde arbeiten sollten.“
meinte Rae entschlossen. „Soweit man das sehen kann, ist der betroffene Nerv nur
gequetscht, aber wenn der darauf einwirkende Knochensplitter auch nur die
kleinste Bewegung in die falsche Richtung macht...“
Der Genfer Orthopäde nickte.
„Ihre Kollegin hat recht. Wenn wir das Gerät einsetzen, laufen wir Gefahr, dass
der Splitter nach vorn wegrutscht und den Nerv wie ein Dolch durchbohrt.“
Dr. Morton holte tief Luft.
„Richtig. Was schlagen Sie also vor?“
„Tja, was bleibt, ist die altbewährte Methode, nur mit viel mehr
Fingerspitzengefühl als je zuvor.“ schlug Dr. Bernhardt vor. „Sollten Sie
vielleicht ihre Kollegin machen lassen, hier sind zarte Finger gefragt!“
Fast zwei Stunden waren bis dahin bereits vergangen. Dr. Morton sah Rae prüfend
an.
„Sind Sie bereit?“
Raes Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Alles anderen Gedanken waren
ausgeschaltet, als sie begann, sich unter Assistenz von ihren beiden Kollegen an
die geschädigte Nervenwurzel vorzuarbeiten. Sie wußte nicht, wie lange es
gedauert hatte, aber irgendwann hörte sie Dr. Mortons Stimme:
„Fantastisch Rae!“ Er wies auf den Bildschirm. Die endoskopische Aufnahme zeigte
eine deutliche Entlastung der Nervenwurzel. „Wir haben es geschafft.“
Der Anästhesist blickte beunruhigt hoch.
„Blutdruck fällt rapide...“
„Okay, wir spülen die Wunde und entfernen das Endoskop.“ wies Dr. Morton an. Sie
waren kaum fertig, als sich der Anästhesist erneut meldete.
„Blutdruck fällt weiter... verdammt, er bleibt uns weg!“
Entsetzt blickten
sie auf. Aus dem schneller werdenden Piepsen auf dem Monitor wurde plötzlich ein
langanhaltender schauriger Ton.
„Null- Linie!“ rief Rae. „Schnell, Defibrillator! Na los!“
„Dreht den Patienten um“ ordnete Dr. Morton an und setzte das Elektrogerät an.
„Laden... Weg vom Tisch!“
Caseys Körper bäumte sich unter dem Stromstoß auf. Es tat Rae fast körperlich
weh, das zu sehen, aber es mußte sein.
„Komm schon, Casey!“ murmelte sie und ballte die Hände zu Fäusten. „Los, mach
jetzt nicht schlapp!“
Noch einmal setzte Dr. Morton den Defibrillator an. Gespannt beobachteten sie
die Linie auf dem Monitor. Da - endlich erschienen wieder kleine Zacken auf dem
Bildschirm und der gleichbleibende, todbringende Ton wurde zu einem Piepsen, das
den wieder einsetzenden Herzschlag ankündigte.
„Meine Güte!“ rief Dr. Bernhardt, während alle aufatmeten. „Der junge Mann hat
es wohl gern spannend!“
Dr. Morton sah, wie Rae einen Moment zu schwanken schien.
„Ich übernehme ab jetzt.“ sagte er energisch und nickte ihr wohlwollend zu. „Ich
verspreche, dass ich Ihren Freund sauber und ordentlich vernähen werde. Na los,
Rae, raus mit Ihnen, Sie haben ganze Arbeit geleistet!“
Rae zögerte noch einen Moment, aber auch der Anästhesist nickte ihr beruhigend
zu. Da verließ sie den OP. Draußen vor der Tür schaffte sie es gerade noch, den
Mundschutz vom Gesicht zu streifen, dann machten sich die Strapazen und
Aufregungen der letzten Stunden mit aller Härte bemerkbar. Ihre Knie gaben nach
und sie sank bewußtlos zusammen.
Als sie zu sich kam, lag sie im Aufwachraum, auf einer Liege neben Caseys Bett.
Das erste, was sie wahrnahm, war Dr. Mortons besorgtes Gesicht. Als er sah, dass
sie erwacht war, lächelte er.
„Na Sie machen ja Sachen, liebe Kollegin!“ meinte er schelmisch. „Glauben sie
mir, Rae, Sie werden noch genug Gelegenheit haben, neben Ihrem Freund hier
aufzuwachen. Musste das unbedingt gleich heute sein?“
Dr. Morton war kaum
in seinem Büro, als das Telefon klingelte. Ein Kollege aus dem L.A. General
Hospital rief an und verlangte Rae zu sprechen. Da sie nicht zu erreichen war,
hatte die diensthabende Schwester das Telefonat in Dr. Mortons Büro verlegt.
Der Arzt bat ihn, Dr. Chang mitzuteilen, dass ihre Mutter die schlimmste Krise
überstanden und sich ihr Zustand stabilisiert hätte.
Nachdenklich legte Morton den Hörer auf. Langsam wurde ihm klar, was seine junge
Kollegin in den letzten Stunden durchgemacht haben mußte. Die Sorge um das Leben
ihrer Mutter, eine garantiert schlaflose Nacht und diese riskante, schwere
Operation hatten alles in ihren Kräften stehende abverlangt. Kein Wunder, dass
sie zusammengebrochen war!
Und trotzdem hatte sie bis zuletzt ihre Sache so brillant gemeistert, er selbst
hätte es nicht besser machen können.
Dr. Morton lächelte.
Rae Chang stand eine große Zukunft bevor, dessen war er sich sicher.
Als Cole sein Motelzimmer betrat, wartete Annie Douglas bereits auf ihn. Sie trug eine Sonnenbrille und als Cole sie umarmen wollte, wich sie einen Schritt zurück.
"Der Portier hat mich reingelassen", meinte sie kühl.
"Das ist fein", antwortete Cole, und kam erneut auf sie zu. Wieder wich sie ihm aus.
"Wo ist Dein Vater?", fragte sie.
"Keine Ahnung", erwiderte Cole, was ja genaugenommen auch die Wahrheit war.
"Ich glaube Dir kein Wort", stieß Annie hervor. "Du hast ihm zur Flucht verholfen, ist es nicht so?"
"Woher weißt Du...?" Er biß sich auf die Zunge, doch es war bereits zu spät.
"Also wirklich", sagte Annie kalt. "Eigentlich habe ich diese Bestätigung nicht mehr gebraucht, aber jetzt bin ich mir wenigstens sicher. Wie konntest Du das tun? Wie konntest Du nur?"
"Wie meinst Du das? Er ist mein Vater. Und nimm hier drin endlich diese blöde Sonnenbrille ab." Annie behielt die Brille jedoch auf.
"Fein, dann ist er also Dein Vater", zischte sie. "Aber ein Mörder bleibt er dennoch."
"Ein Mörder?"
"Tu nicht so, als wüßtest Du das nicht. Bin gespannt, wann die Polizei Dir auf die Schliche kommt! Ich hätte ihnen schon längst einen Tipp geben sollen. Aber da sie ja nicht völlig blöd sind, werden sie den wohl nicht benötigen."
"Wie meinst Du das, Daddy ist ein Mörder?"
"Spiel nicht den Unwissenden, Cole. Ich war auf dem Polizeirevier. Ich weiß bescheid. Ab wann hast Du gewußt, daß er es war, der Bens Flugzeug abstürzen ließ? Als Du ihm zur Flucht verholfen hast? Oder vielleicht schon von Anfang an?"
"Es war Daddy...", stammelte Cole fassungslos.
"Du kannst stolz auf Dich sein, Cole. Dank Dir vergnügt sich Bens Mörder jetzt wahrscheinlich schon an einem Strand in Rio de Janeiro."
Cole packte Annie vorsichtig beim Arm.
"Ich schwöre Dir, er hat mir gesagt..."
"Lüg mich nicht an. Von mir aus lauf Deinem Vater doch gleich hinterher! Ich jedenfalls bin mit Dir fertig." Sie marschierte schnurstracks zur Tür, und Cole, der sie einen Moment von der Seite sah, bemerkte, daß ihre Augen unter der Brille rot und geschwollen waren.
Annie knallte die Tür zu. Zunächst wollte Cole ihr folgen, aber dann besann er sich anders. In dieser Stimmung war sowieso nicht an Annie heranzukommen. Außerdem mußte er nun mit einer anderen Neuigkeit fertig werden. Hatte Annie die Wahrheit gesagt? War sein Vater ein Mörder? Er griff zum Telefon und wählte eine Nummer.
"Hi Jade. Ich bin es.... Ich muß Dich sprechen. Es ist dringend.... Nein, nicht am Telefon... Okay, bis gleich." Er legte auf und blickte gedankenverloren umher.
Pünktlich landete
Dereks Maschine mittags auf dem Kona International Airport.
Als er den Zoll passiert hatte und in die Halle trat, entdeckte er Meg sofort.
Sie stand neben einem gutaussehenden, großen sportlichen Mann und blickte
suchend in die Menge.
Nachdem sie Derek erblickt hatte, lief sie ihm sofort entgegen.
„Derek! Schön, dass Du da bist!“ sagte sie lächelnd und umarmte ihn. Sie drehte
sich um und wies auf ihren Begleiter. „Darf ich Dir Thomas Magnum vorstellen, er
ist Privatdetektiv und ein wirklich guter Freund.“
Die beiden Männer reichten sich die Hand. Thomas schüttelte staunend den Kopf.
„Meg, kneif mich bitte mal!“ sagte er und lachte. Nach den Erlebnissen des
vergangenen Abends hatten sie sich schließlich alle auf das vertraute „Du“
geeinigt, alle, außer Higgins natürlich, denn das ging dann doch gegen seine
Etikette.
„Entschuldigen Sie bitte, Derek, dass ich Sie so anstarre, aber die Ähnlichkeit
mit Ihrem Bruder ist... unbeschreiblich!“
„Ich schätze, das ist auch gut so!“ antwortete Meg und hängte sich bei Derek
ein.
„Wie war Dein Flug? Und wie geht es Sara? Erzähl schon!“
Derek lachte.
„Zu Hause ist alles okay. Deine Eltern sind zu Besuch bei uns und alle sind ganz
aus dem Häuschen über die phantastische Nachricht, dass Ihr Ben gefunden habt
und dass er lebt.“
„Ja..“ Meg und Thomas wechselten einen bedeutungsvollen Blick, „aber die Sache
ist noch nicht ganz ausgestanden.“
Beunruhigt sah Derek von einem zum anderen.
„Wieso? Was ist los?“
„Kommen Sie, Derek“ sagte Thomas und klopfte ihm freundschaftlich auf die
Schulter, „wir werden Ihnen auf der Rückfahrt die ganze unglaubliche Geschichte
erzählen. Ach ja...“ wandte er sich an Meg, „wir werden kurz bei Carol Baldwin
vorbeifahren.“
Sie zog fragend die Augenbrauen zusammen.
„Wieso? Was hast Du vor?“
„Nun“ Thomas zögerte kurz mit seiner Antwort, „wie soll ich sagen... also falls
die Sache heute schief geht, hätte ich gerne noch ein As im Ärmel.“
"Fantastisch", meinte Gregory Richards zufrieden ins Telefon. "Verfahren Sie mit ihm genau wie besprochen. Ich sorge dafür, daß Ihnen allen die vereinbarte Summe überwiesen wird." Gregory legte auf. Dann stand er auf und schlenderte zur Bürotür.
"Bette, ich nehme mir heute den Nachmittag frei", beschloß er.
"Grund zu feiern?", fragte Bette neugierig.
"Wieso?"
"Du siehst so zufrieden Greggy. So, als ob Du gerade den großen Fang gemacht hättest."
"So ein Unsinn", erwiderte Gregory. "Meine Frau hatte einen schweren Unfall, mein Geschäftspartner ist tot. Was für einen Grund hätte ich, zufrieden auszusehen?"
"Genau das frage ich mich eben", fügte Bette hinzu. "Du hattest schon immer eine viel zu große Fantasie", wich Gregory aus, aber Bette betrachtete ihn weiter mit einem ironischen Blick, und ihm war klar, daß sie ihm nicht glaubte.
"Jedenfalls gehe ich jetzt zu meiner Frau", sagte Gregory. "Ich möchte mich nach ihrem Unfall etwas mehr um sie kümmern."
"Tu das, sie wird sich freuen." Das sagte Bette in einem Tonfall, der Gregory rätseln lies, was genau sie damit meinte. Doch er ersparte sich die Nachfrage, schüttelte stattdessen den Kopf und ging hinaus.
Derek staunte nicht
schlecht, als er Robin Masters riesiges Anwesen zum ersten Mal betrat. Aber nach
dem, was er bereits auf der Fahrt hierher von Thomas und Meg gehört hatte,
konnte ihn eigentlich gar nichts mehr überraschen.
Es schien ihm ungeheuerlich, was sich hier zugetragen hatte.
„Meg, ich befürchte, wenn das Deine Mutter alles erfährt, wird sie sich nie
wieder von diesem Schock erholen!“ meinte er grinsend.
„Um Gottes willen“ entgegnete sie erschrocken. „Wir werden uns für sie eine sehr
entschärfte Version ausdenken müssen, sonst packt sie unsere Sachen und nimmt
Sara und mich sofort wieder mit nach Kansas!“
Derek zwinkerte ihr lachend zu.
„Und das wollen wir doch nun wirklich nicht!“
Higgins begrüßte den Gast an der Eingangstür, und wenn er auch über die
Ähnlichkeit zwischen Ben und seinem Zwillingsbruder sehr erstaunt war, so ließ
er sich doch nichts davon anmerken.
Nachdem sie alle zu Mittag gegessen und auf einem Rundgang durch Robins Garten
die Ereignisse der letzten Tage in allen Einzelheiten besprochen hatten,
begannen sie, sich für den bevorstehenden Abend einen genauen Plan
zurechtzulegen. Higgins pedantische Genauigkeit erwies sich hierbei von Vorteil,
er ließ wirklich nichts außer acht und erkannte immer wieder eventuelle
Schwachstellen, die es zu überdenken gab.
„Wir sollten Derek jetzt noch etwas für seinen großen Auftritt zurechtmachen.“
schlug Thomas schließlich vor. Higgins nickte.
„Ich hole die nötigen Requisiten.“
Derek sah etwas beunruhigt von einem zum anderen.
„Er holt... was? Ähm... was habt Ihr denn mit mir vor?“
Sam und Thomas lachten.
„Wir werden Dich etwas präparieren müssen.“ antwortete Meg und fügte verschmitzt
lächelnd hinzu: „Du siehst nämlich immer noch viel zu gut aus!“
„Kannst Du die beiden überhaupt auseinanderhalten?“ fragte Thomas. „Ich meine,
unter normalen Umständen.“
Meg nickte.
„Ja, kann ich.“ sagte sie und dachte für einen kurzen Augenblick an die Zeit
zurück, als Derek ihr mit seinen Blicken und seinem Verhalten noch richtig Angst
eingejagt hatte.
„Sie ist ziemlich die Einzige, die das von Anfang an konnte.“ fügte der auch
gleich hinzu und sah Meg bedeutungsvoll an. „Und ich weiß bis heute nicht,
wieso.“
„Vielleicht verrate ich es Dir ja irgendwann, wenn wir alle wieder wohlbehalten
zu Hause sind.“ erwiderte sie leise.
Higgins kam mit einem großen Verbandskasten herein.
„So, Herrschaften, es kann losgehen.“
Thomas grinste.
„Ich hab eine Idee. In spätestens zwei Stunden treffen T.C. und Rick hier ein,
dann können wir unser „Werk“ gleich an ihnen testen.“
„Gute Idee!“ stimmte Sam zu, „Mal sehen, ob die beiden darauf hereinfallen.“
„Worauf?“ erkundigte sich Derek mißtrauisch.
„Auf die... nun ja...“ Higgins suchte umständlich nach den richtigen Worten,
„sagen wir, auf die Generalprobe!“
Nervös stand Gabi vor Caseys Krankenzimmer und drückte zögernd die Türklinke herunter. Rae hatte sie in den frühen Morgenstunden angerufen und ihr mitgeteilt, daß Casey die OP gut überstanden hätte und es ihm den Umständen entsprechend gut gehen würde. Ob die Operation jedoch den erhofften Erfolg gebracht hatte, konnte man zu diesem Zeitpunkt noch nicht genau sagen. Gabi und Mark hatten nach Raes Anruf nicht eine Sekunde gezögert und waren sofort ins Krankenhaus nach L.A. gefahren. Rae hatte sie dort in Empfang genommen und ihnen noch einmal von Caseys Gesundheitszustand berichtet. Da er so kurz nach der OP noch sehr viel Ruhe brauchte, hatte Rae die beiden gebeten, ihn einzeln zu besuchen.
Mark hatte Gabi den Vortritt gelassen, und nun trat sie in den Raum und sah zum Bett hinüber, in dem Casey, hinter dicken Kissen verborgen, lag. Im Raum roch es nach Desinfektionsmittel, und nur das Piepen des Herz-Monitors war zu hören.
Langsam trat Gabi näher ans Bett heran. Sie hatte als Krankenschwester schon etliche Male dieselbe Situation erlebt, doch ihren besten Freund dort liegenzusehen, angekettet an Schläuchen und Elektroden, trieb ihr die Tränen in die Augen.
Nichts an Casey erinnerte mehr an den kräftigen, muskulösen, braungebrannten Rettungsschwimmer, der er einmal vor dem schrecklichen Unfall gewesen war. Wie ein Häufchen Elend lag er wie leblos, bleich und abgezehrt in seinem Bett.
Gabi schluckte die Tränen hinunter. Wenn Casey jetzt wach werden würde, sollte er in ein fröhliches Gesicht sehen und nicht in ein verheultes. Sie nahm ein Taschentuch aus ihrer Tasche und schneuzte sich die Nase.
Wohl von dem Geräusch aufgeschreckt, öffnete Casey seine Augen. Er blinzelte, als ob er Mühe hätte, sie zu erkennen, doch plötzlich erkannte sie in seinen Augen ein Aufleuchten. Seine Lippen versuchten Worte zu formen, doch Gabi gab ihm mit einer Geste zu verstehen, daß er schweigen sollte. Stattdessen sprach sie ihn an.
"Hi Casey ..." Gabi spürte einen Kloß in ihrem Hals, als sie sah wie er vergeblich versuchte, seinen Arm zu heben. Die Wirkung des Betäubungsmittels hatte noch nicht ganz nachgelassen, und Gabi sah, wie er immer wieder vor Müdigkeit die Augen schloß. Vorsichtig strich sie ihm über Stirn und Wange, und Casey öffnete wieder mühsam die Augen. Er verzog das Gesicht, und es sah fast so aus, als ob es ein Lächeln werden sollte. Gabi erwiderte es.
"Wir sind alle sehr glücklich darüber, daß Du die OP so gut überstanden hast," sagte sie leise, während sie nach seiner Hand griff. Überrascht fühlte sie einen leichten Druck seiner Hand und lächelte. Er hatte sie anscheinend verstanden.
"Mark ist auch hier," fuhr sie fort. Casey öffnete wieder den Mund, als ob er etwas sagen wollte, doch abermals unterbrach Gabi ihn.
"Du solltest jetzt noch nicht sprechen," sagte sie sanft aber bestimmt. "Es strengt Dich noch zu sehr an." Casey schloß die Augen und öffnete sie wieder, und Gabi war froh, daß sie eine Möglichkeit der Kommunikation gefunden hatten. Sie ließ seine Hand los.
"Ich gehe jetzt wieder," sagte sie, während sie aufstand. "Schlaf' noch ein bisschen, damit Du bald wieder zu Kräften kommst."
Casey schloß die Augen, und Gabi erkannte an seinem gleichmäßigen Atmen, daß er wieder eingeschlafen war. Sie strich ihm noch einmal über die Stirn.
"Schlaf gut, Casey ..." flüsterte sie und verließ dann das Krankenzimmer.
Wie verabredet
trafen sie bei Sonnenuntergang im Dorf ein. Während Rick beim Jeep zurückblieb,
nahmen Meg, Sam und Higgins den offiziellen Weg zwischen den Hütten hindurch zum
Haus von Tamiha. Thomas, T.C. und Derek hielten sich indessen versteckt und
schlichen sich vorsichtig von hinten her an die Lichtung heran. Wie sie bereits
befürchtet hatten, war Tamiha diesmal nicht allein, sondern hatte sämtliche
Männer ihres Stammes um ihr Haus postiert, während die Frauen und Kinder die
Neuankömmlinge unten im Dorf neugierig musterten. Man hatte fast den Eindruck,
es täte ihnen leid, weil sie die Gäste nicht gewohnheitsgemäß freundlich
begrüßen durften, und sie schienen sehr verunsichert.
Sam hatte Megs Hand genommen, als wolle er sie schützen.
„Ich hoffe nur, es klappt alles wie geplant.“ raunte er ihr zu. „Ansonsten haben
wir ziemlich schlechte Karten.“
„Ich denke nach wie vor, die Idee war gut.“ entgegnete Higgins leise und nickte
ihnen zu.
Als sie das Haus auf dem Berg erreichten, trat Tamiha vor die Tür. Siegessicher
von den Stufen vor ihrer Hütte herabblickend lächelte sie den Ankommenden
entgegen. Sie trug ein buntes Kleid und den traditionellen Schmuck ihres
Stammes. Ein frischer Blütenkranz aus duftenden Orchideen zierte ihr offenes
Haar, dass im Licht der untergehenden Sonne glänzte wie schwarzes Gold. Sie sah
wunderschön aus, exotisch wie aus einem Reisemagazin.
Aber an ihrem Gürtel steckte griffbereit das Messer.
Meg blieb stehen.
„Hallo Tamiha.“ sagte sie und bemühte sich, ihrer Stimme einen festen Klang zu
geben. „Da bin ich. Bitte bring mich zu Ben! Ich möchte ihn sehen.“
„Ein letztes Mal, bevor Du für immer hier verschwindest!“ antwortete die
Priesterin höhnisch, trat aber zur Seite. „Komm herein. – Allein...“ befahl sie,
als sie sah, dass die anderen sich anschickten, Meg ins Haus zu folgen.
„Okay, kein Problem.“ sagte Sam, während sie stehenblieben. Etwas beunruhigt sah
er, wie Tamiha Meg ins Haus folgte.
„Keine Angst, sie wird ihr nichts tun.“ flüsterte Higgins. „Sie hält sie ja
ebenfalls für eine Zauberin. Denken Sie an den Perlenanhänger.“
„Ich hoffe, Sie haben Recht.“ antwortete Sam und schaute sich vorsichtig um. Von
Thomas und Derek war nichts zu sehen.
Tamiha führte Meg in den Schlafraum.
Ben lag auf dem Bett und hielt die Augen geschlossen. Als er hörte, dass jemand
hereinkam, schaute er auf, doch sein Blick war leer, kein Zeichen des Erkennens.
Aber seine Verbände waren gewechselt worden, und es duftete nach frischen
Kräutern.
Meg setzte sich auf den Bettrand und fasste nach seiner Hand.
„Was hast Du ihm gegeben, Tamiha?“ fragte sie leise. „Er sieht aus, als wenn er
unter Drogen steht.“
„Drogen?“ Die Priesterin zog erstaunt die Augenbrauen hoch. „Was ist das?“ Sie
lächelte triumphierend. „Er hat seine Medizin bekommen, gegen die Schmerzen, und
damit seine Wunden heilen. Er wäre gestorben, hätte ich ihn nicht gerettet.“
„Das weiß ich.“ antwortete Meg. „Und ich bin Dir auch unendlich dankbar dafür,
dass mußt Du mir glauben.“
„Dann beweise es!“ sagte Tamiha mit eisiger Stimme. „Verschwinde mit Deinen
Freunden von hier und vergiß ihn!“
„Das kann ich nicht. Wir haben eine Abmachung.“
„Nun gut, dann werden wir ja sehen, wem von uns beiden seine Seele gehört.“
Meg sah sich kurz um.
„Läßt Du mich bitte einen Augenblick mit ihm allein?“ bat sie.
Tamiha beäugte sie mißtrauisch.
„Ich weiß nicht...“
„Hast Du Angst?“ fragte Meg. „Was soll ich schon Schlimmes tun? Ich kann ihn
nicht wegtragen!“
„In Ordnung. Eine Minute.“ Sie deutete auf das Messer an ihrem Gürtel. „Aber ich
warne Dich...“ Damit verließ sie das Zimmer.
Meg sah sich schnell um. Sie vergewisserte sich, dass Tamiha die Tür hinter sich
geschlossen hatte und ging zum Fenster hinüber. Leise öffnete sie es.
„Derek?“ flüsterte sie. Keine Antwort. Ben stöhnte leise und sie lief zurück zum
Bett, um nach ihm zu sehen, als sie ein Geräusch am Fenster vernahm. Kurz darauf
erblickte sie Dereks Gesicht.
„Verdammt, wo hast Du so lange gesteckt?“
Er grinste.
„Gar nicht so einfach, unbemerkt bis hierher zu gelangen.“ Er blickte an ihr
vorbei zum Bett hinüber. „Alles klar mit Ben?“
„Soweit ja, aber er ist völlig apathisch.“
Derek nickte.
„Damit war zu rechnen, nach allem, was Ihr erzählt habt.“
Thomas tauchte neben ihm auf.
„Na dann mal los.“
Einen Augenblick
später trat Tamiha zurück ins Zimmer. Sie wollte etwas sagen, doch was sie sah,
ließ sie erstarren.
Ben und Meg standen da, eng umschlungen und sahen sich verliebt an. Sie schienen
sie gar nicht wahrzunehmen. Aber... nein, das konnte nicht sein...
Schweratmend wich Tamiha zurück. Ben lag ja auf dem Bett und schaute sie genauso
teilnahmslos an wie vorhin, nachdem sie ihm sicherheitshalber die doppelte Dosis
seiner Medizin verabreicht hatte.
Tamihas Blick irrte von einem zum anderen.
Zweimal die selbe Erscheinung, ...das war... Zauberei! Die fremde Frau, sie
besaß größere Kräfte als sie selbst... sie würde die Seele dieses Mannes mit
sich nehmen...
Tamiha spürte, wie der Boden unter ihr wankte.
Meg sah sie an.
„Du hast verloren.“ sagte sie leise, aber bestimmt. „Nun gib ihn frei.“
Sie nahm Dereks Hand und ging mit ihm zur Tür. Dort drehte sie sich um. „Komm
Tamiha, sag Deinen Leuten, sie sollen uns gehen lassen.“
Als sie hinaus ins Freie traten, schienen alle zu erstarren. Fassungslos
schauten sie zu, wie Meg mit dem fremden Mann aus dem Haus kam.
Hinter ihnen erschien die Priesterin.
„Zauberei...“ flüsterte sie und rief einige Worte in ihrer Muttersprache, worauf
ein erstauntes Raunen durch die Menge ging. Beunruhigt schaute Higgins sich um
und begegnete Motahwis Blick. Der Eingeborene zuckte nur leicht mit den
Schultern.
Würde Tamiha aufgeben?
Nachdem die drei das Zimmer verlassen hatten, zögerte Thomas keinen Augenblick
länger.
Er stieg durch das offene Fenster, lud sich Ben über die Schulter und übergab
ihn vorsichtig an T.C.
Gemeinsam trugen sie den Verletzten auf dem selben Weg zurück zum Jeep, den sie
vorhin gekommen waren.
In Tamiha ging indessen wieder eine seltsame Wandlung vor. Ihre Augen wurden
groß und schwarz und ihr hübsches Gesicht verzog sich zu einer hässlichen Maske.
Dann ging alles blitzschnell...
Sie riß das Messer vom Gürtel und stürzte sich auf Derek und Meg, die entsetzt
zurückwichen.
In diesem Moment traten urplötzlich etwa ein halbes Dutzend bewaffnete
Polizisten aus dem umliegenden Dickicht, die ihre Pistolen sofort auf die
Priesterin richteten.
Im selben Augenblick ertönte ein Schrei.
„Tamiha!“
Motahwi sprang vor und verstellte ihr den Weg. Er griff beherzt nach ihrer Hand,
die das Messer umschloß. Mit einem hässlichen Geräusch fuhr die scharfe Klinge
in seinen Arm und hinterließ einen langen blutigen Striemen. Der Anblick des
Blutes verwirrte Tamiha, doch sie hielt das Messer weiter fest umklammert.
„Hör auf damit!“ rief Motahwi laut in ihrer Muttersprache, so dass ihn die
anderen seines Stammes verstehen konnten. „Was soll das! Glaubst Du, einer von
uns wird Dir noch vertrauen, wenn Du jetzt Dein Versprechen brichst? Laß sie
gehen!“
Schweratmend sah sie ihn an.
„Sie ist eine Zauberin! Ich habe es selbst gesehen, wie seine Seele seinen
Körper verließ, um mit ihr zu gehen! Er war plötzlich zweimal da, und es war,
als ob...“
„Tamiha, hör mir zu!“ ungeachtet der heftig blutenden Wunde an seinem Arm packte
Motahwi sie an den Schultern. „Es ist doch keine Schande für Dich, gegen eine
andere Zauberin zu verlieren! Aber wenn Du sie jetzt töten würdest, verlierst Du
viel mehr.“ Er wies auf die Polizisten. „Sie werden Dich töten, und uns
vielleicht auch. Willst Du das wirklich?“
Higgins trat langsam auf die kleine Gruppe zu.
Mißtrauisch wich Tamiha einen Schritt zurück, doch er streckte ihr ungeachtet
des Messers versöhnlich die Hand entgegen.
„Tamiha... Du hast ihm das Leben gerettet, dafür möchte ich Dir danken, im Namen
von uns allen. Aber jetzt müssen wir uns verabschieden. Bitte laß uns gehen. Tu
jetzt nichts Unüberlegtes, Deine Leute vertrauen Dir.“ Er wies auf die
Eingeborenen, die stumm und ängstlich dastanden und der Szene gespannt folgten.
„Ihr seid die letzten hier, die so leben, wie Eure Vorväter. Ihr seid ein
freundliches, friedliebendes Volk. Gib das nicht auf, nur für eine Legende, die
sich doch nicht erfüllen wird. Ich weiß, Du bist eine gute Priesterin und ein
Vorbild für Deine Untergebenen. Nun handle auch so, dass sie weiterhin stolz auf
Dich sind und hier in Frieden leben können.“
Tamiha starrte ihn aus unnatürlich geweiteten Augen unverwandt an. Dann
plötzlich schien sich ihr Gesicht zu entspannen. Die Starre in ihrem Blick löste
sich, ihre Augen wurden wieder klar.
Als sei sie eben zu sich gekommen, sah sie sich um und erblickte ihre Leute, die
sie ängstlich und abwartend musterten. Motahwi trat näher und streckte die Hand
aus.
„Gib mir bitte das Messer, Tamiha.“ bat er. Langsam ließ sie die Waffe sinken
und reichte sie ihm. Mit großen Augen schaute sie Derek an.
„Viel Glück, Fremder.“ sagte sie leise. Dann wandte sie sich wortlos ab und ging
ins Haus.
Sam gab den Polizisten ein Zeichen. Sie entsicherten ihre Waffen und zogen sich
still zurück.
„Wo kamen die denn so plötzlich her?“ wandte sich Higgins an ihn. Er lächelte.
„Magnums Idee.“
„Natürlich... wer auch sonst könnte so dumme Einfälle haben.“ nörgelte der
Verwalter.
„Puh“ Derek atmete merklich auf und hielt Meg, die sich zitternd an ihn
geklammert hatte, fest im Arm.
Durch die Menge der Eingeborenen ging ein erlösendes Raunen. Langsam und zögernd
gingen die Männer und Frauen zurück, hinunter in ihr Dorf.
„Ich werde mal nach ihr sehen.“ sagte Motahwi. „Vielleicht hilft es ihr ja, wenn
sie nun mich ein wenig verarzten kann.“ fügte er lächelnd hinzu und deutete auf
seinen verletzten Arm.
„Motahwi“ rief Meg und trat zu ihm heran. „Was hat sie Ben für Medizin gegeben?
Wird er sich wieder erinnern können?“
Der Eingeborene nickte.
„Die Wirkung wird bald nachlassen. Nur wer diese Medizin über lange Zeit
bekommt, vergisst...“ Er reichte Sam, Meg und Higgins die Hand. Bei Derek
stutzte er kurz und sah ihn prüfend an. „Ich weiß nicht, aber Du siehst gar
nicht aus, als wärst Du krank gewesen oder hättest Medizin bekommen. Sehr
eigenartig!“
„Das scheint nur so“ beeilte sich Sam zu sagen. „Er hat eine starke Natur!“
Motahwi nickte lächelnd.
„Viel Glück und guten Heimweg!“
Jeany
Einige Stunden nachdem Gabi mit Mark zusammen das Krankenhaus verlassen hatte, saß sie in einem Flugzeug nach Ludlow. Mark hatte noch versucht, sie von ihren Vorhaben abzubringen, doch sie war standfest geblieben. Nachdem sie sich davon überzeugt hatte, daß Casey die schwierige OP gut überstanden hatte, hatte sie zuhause sofort wieder ihre Koffer gepackt und sich für den nächsten Flug nach Ludlow/Kansas registrieren lassen.
Gabi schaute gedankenverloren aus dem Fenster, als die Stewardess ihr den bestellten Drink brachte. Während sie an ihrem Glas nippte, wanderten ihre Gedanken zurück in die Vergangenheit.
Es war schon einige Jahr her, seitdem sie das letzte Mal ihren Vater, Lorenzo, auf seinem Anwesen in Ludlow besucht hatte. Nach dem frühen Tod seiner ersten Frau, Gabis Mutter, hatte er schnell wieder geheiratet, und Gabi hatte ihre Stiefmutter von Anfang an nicht gemocht. Diese Empfindungen beruhten auf Gegenseitigkeit, denn auch diese zeigte nur wenig mütterliche Gefühle gegenüber ihrer Stieftochter.
Gabi war erst fünf Jahre alt gewesen, als Estella Ramirez in ihr Leben trat und alles von grund auf veränderte. Sie war eine dominierende, herrschsüchtige Frau, ganz anders als es Gabis sanftmütige Mutter gewesen war. Gabi vermutete, daß ihr Vater Estella nicht aus Liebe, sondern wegen ihres Reichtums geheiratet hatte, denn die junge Frau gehörte zu einer der reichsten Familien in Kansas.
Gabi war sieben Jahre alt, als Estella ihrem Mann den heißersehnten Stammhalter, Carlos, schenkte. Von da an war Gabi abgemeldet gewesen, und nachdem sie die Highschool beendet hatte, hatte sie den "goldenen Käfig" verlassen und in Sunset Beach ein neues Leben begonnen. Sechs Jahre waren seitdem vergangen, und in diesen sechs Jahren hatte Gabi ihren Vater höchstens dreimal gesehen.
Als sie ihn vor wenigen Tagen angerufen hatte, um ihm mitzuteilen, daß sie für ein paar Tage auf seinem Gut Urlaub machen wollte, hatte er erfreut zugestimmt. Gabi fragte sich, was Estella wohl von ihrem Besuch halten würde, aber sie verdrängte den Gedanken schnell. Schließlich ging es nicht um sie, sondern um ihren Vater, obwohl das auch nur die halbe Wahrheit war. –
"Wir möchten Sie nun bitten, wieder ihre Sicherheitsgurte anzulegen, denn wir werden in wenigen Minuten landen ..." –
Die Stimme des Piloten riß Gabi aus ihren Tagträumen, und sie begann, den Gurt anzulegen. Während der Flieger auf der Rollbahn aufsetzte, wanderten Gabis Gedanken wieder zu ihrem Vater zurück. Was würde sie dort erwarten? Sicher keine herzliche Begrüßung, denn dafür kannte sie ihre Stiefmutter zu gut. Sie würde wohl nichts unversucht lassen, sie wieder hinauszuekeln, aber diesmal, schwor Gabi sich, würde sie sich nicht so einfach herumkommandieren lassen. –
" ... Wir hoffen, Sie hatten einen angenehmen Flug ..." –
Gabi stand auf und ging zum Ausgang. Als sie oben auf der Treppe stand und nach unten schaute, überkam sie ein Gefühl der Traurigkeit. Sie war wieder zuhause, aber sie fühlte keine Wiedersehensfreude. Langsam ging sie die Treppe hinunter. Sie holte ihren Koffer ab und setzte sich in der Wartehalle auf eine Bank. Bis zum Anwesen ihres Vaters waren es noch einige Meilen und sie würde sich ein Taxi bis dahin nehmen müssen.
"Miss Martinez?" hörte sie plötzlich eine Stimme. Überrascht schaute sie hoch. "Mein Name ist Cristobal, ich bin der Chauffeur Ihres Vaters und soll Sie abholen," erklärte er förmlich. Ohne ihre Reaktion abzuwarten nahm er ihren Koffer und trug ihn zu seinem Auto hinüber, einem schwarzen Bentley. Nachdem Gabi in Sunset Beach eher ein bürgerliches Leben mit wenig Luxus geführt hatte, wurde ihr beim Anblick der Karosse erst bewußt, daß sie nun auch wieder in eine völlig neue Welt eintauchen würde. Eine Welt, die sie als Kind gleichermaßen gehasst und fasziniert hatte.
Während sie in der geräumigen Luxus-Limousine platz nahm, dachte sie an die drei Männer, die ihr derzeit am meisten bedeuteten: Ricardo, Casey und Antonio, die nun viele Hunderte von Meilen von ihr entfernt waren.
Gabi lehnte sich in ihrem Sitz zurück, und Cristobal gab Gas und verließ das Flughafengelände.
Während Ben fest
schlief, saßen die anderen alle im Nebenzimmer und ließen die Ereignisse des
vergangenen Tages noch einmal gedanklich an sich vorüberziehen.
„Am besten wir fliegen morgen nach Hause.“ schlug Meg vor. „Ben braucht dringend
ärztliche Hilfe.“
„Aber Mister Masters Hausarzt hat doch bereits nach ihm gesehen.“ beruhigte sie
Higgins.
„Er hat wirklich großes Glück gehabt.“ nickte Sam. „Mal abgesehen von seinen
anscheinend gebrochenen Rippen hat er nur Fleischwunden am Bauch und am
Oberschenkel. Sie sind zwar tief, aber nicht lebensbedrohlich. Und sie wurden
ausgezeichnet versorgt.“
„Ja schon, aber der Doktor hat auch gesagt, dass die Kopfverletzung unbedingt
geröntgt werden sollte. Er hat vielleicht nur eine Gehirnerschütterung, aber
besser wäre es schon, wenn er in einer richtigen Klinik untersucht werden
würde.“ beharrte Meg.
Derek nickte.
„Wir fliegen morgen.“
„Dann nehmen wir am besten meinen Privatjet.“ meldete sich eine Stimme von der
Tür aus.
Erstaunt wandten sich alle um, und Higgins sprang sofort erschrocken auf.
„Mister Masters!“ rief er und starrte seinen Boss mit offenem Mund an. „Wie...
ich meine, woher, womit...“
Robin lachte.
„Zum ersten Mal seit mindestens zwanzig Jahren habe ich es tatsächlich
geschafft, meinen Verwalter einmal aus der Fassung zu bringen!“ Er ging hinüber
zum Tisch und begrüßte freundlich seine Gäste.
„Ich bin mit einer ganz normalen Linienmaschine hergeflogen und mit einem
simplen Taxi bis vor die Tür zu meinem Anwesen gefahren“ wandte er sich noch
einmal schelmisch an Higgins, der immer noch wie versteinert dastand. „Und
stellen Sie sich vor, es hat mir gefallen! Keiner hat mich entführt oder gar
versucht mich zu ermorden, und es wollte auch keiner Geld von mir. Außer... dem
Taxifahrer natürlich. Was ist los, Higgins? Nun holen Sie mal eine gute Flasche
Champagner aus dem Keller, ich glaube, wir haben etwas zu feiern!“
Er sah seine Gäste erwartungsvoll an.
„Und nun möchte ich alles wissen, was während meiner Abwesenheit passiert ist.
Ich befürchte nämlich, ich habe wieder einmal das Beste verpasst!“
Sie saßen in dieser
Nacht noch lange beisammen. Gespannt lauschte Robin Masters dem Bericht seiner
Gäste und konnte kaum glauben, was hier geschehen war.
„Da leben wir schon ewig lange mit diesen Eingeborenen in fast unmittelbarer
Nachbarschaft und wissen doch so gut wie nichts von ihnen.“ meinte er
nachdenklich. „Ich glaube, ich werde das Dorf in nächster Zeit einmal besuchen.“
„Mister Masters...“ versuchte Higgins sofort zu widersprechen, doch Robin hob
die Hand.
„Nun ja, ich denke, ich werde Magnums Versprechen an die Priesterin einlösen
müssen.“ grinste er und zwinkerte seinen Gästen zu. „Vielleicht wird das sogar
der Beginn einer langen Freundschaft... und wer weiß, vielleicht handelt mein
nächster Roman ja sogar von Big Island und seinen Eingeborenen!“
„Wow“ Thomas lachte, „Ich wollte schon immer ein Held sein! Selbst wenn es „nur“
ein Romanheld ist!“
Robin Masters schmunzelte.
„Also ich finde, Sie haben alle ziemlich viel riskiert. Und vor allem haben Sie
es geschafft, die ganze Angelegenheit auf halbwegs friedliche Art zu lösen. Das
war sehr mutig.“
Er sah in die Runde und nickte Meg dann zu. „Ich habe beschlossen, Sie morgen
nach Sunset Beach zu begleiten und mir die Firma Ihres Verlobten und seines
Geschäftspartners vor Ort anzusehen. Dann können wir den geschäftlichen Teil
vielleicht gleich abschließen, und Mister Evans Reise hierher war nicht ganz
umsonst.“
Meg strahlte.
„Danke Sir! Das ist wirklich... äußerst großzügig von Ihnen!“
Robin sah sich nach Magnum und Higgins um.
„Was ist mit Ihnen beiden? Wollen Sie Sunset Beach nicht vielleicht auch einmal
kennenlernen?“
„Also ich bin dabei!“ rief Thomas sofort und zwinkerte Sam und Meg
bedeutungsvoll zu. Dann blickten alle voller Erwartung auf Higgins.
„Nun ja...“ Jonathan verzog das Gesicht, als hätte er auf eine saure Zitrone
gebissen, „ich weiß nicht recht, in Anbetracht der Tatsache, dass ich nicht
allzugern reise, und außerdem muß ja auch jemand auf das Haus hier und auf die
Angestellten achten... und dann sind da noch Zeus und Apollo... also nichts
gegen Kalifornien, aber... vielleicht später einmal.“
„Ach Higgins, alter Spielverderber!“ lachte Robin und klopfte ihm
kameradschaftlich auf die Schulter. „Wenn es Sie glücklich macht, dann bleiben
Sie eben hier!“ Er wandte sich wieder an seine Gäste.
„Gibt es eine gute Bar in Sunset Beach?“
„Klar!“ riefen alle drei wie aus einem Munde. „Das Deep!“
"Du brauchst mich wirklich nicht wie ein rohes Ei zu behandeln, Gregory", versicherte ihm Olivia. "Keine Widerrede Olivia. Du mußt Dich schonen. Ich werde dafür sorgen, daß Du in der nächsten Zeit keine zu große Aufregung hast."
Olivia lächelte ihm freundlich zu.
"Er ist so lieb, so fürsorglich", dachte sie. "Ich sollte es genießen, solange es anhält."
In diesem Moment klingelte das Telefon. Gregory ging ran.
"Richards", meldete er sich.
"Mr. Richards? Hier ist Officer Ruiz."
"Was gibt’s? Haben Sie Deschanel geschnappt?", fragte Gregory scheinheilig.
"Nein, das ist es nicht. Es geht um Ihren Sohn."
"Um Sean?"
Bei diesen Worten horchte Olivia auf.
"Ja, und um seine Freundin. Sie sind hier auf dem Revier. Wenn Sie bitte vorbeikommen würden. Am Telefon ist das etwas ungünstig."
"In Ordnung, Officer." Gregory legte auf.
"Was ist los? Was ist mit Sean?", fragte Olivia sofort.
"Ich weiß es nicht. Er ist auf dem Polizeirevier."
"Oh mein Gott. Wir müssen sofort dahin."
"Ich fahr dahin. Du bleibst hier und schonst Dich." Und in Gedanken fügte er hinzu:
"Und Gott schütze
Dich Sean, wenn Du irgendwas getan hast, was Deine Mutter aufregt."
Ungefähr 5 Minuten später fuhr Gregorys Wagen vorm SBPD zu. Als er eintrat,
saßen Sean und Tiffany vor Officer Ruiz.
"Was hast Du diesmal wieder ausgefressen?"
"Beruhigen Sie sich, Mr. Richards", fiel Ruiz ihm ins Wort. "Es geht nicht direkt um Ihren Sohn. Sondern um Miss Thorne."
Gregory blickte Tiffany scharf an.
"Was ist mit Ihr?"
Ruiz hielt einen Beutel weißes Pulver nach oben.
"Das haben wir in Tiffany Thornes Rucksack gefunden. Es handelt sich eindeutig um Kokain."
"Drogen?", meinte Gregory fassungslos. Ruiz nickte. Nur zwei Sekunden später hatte sich Gregory wieder gesammelt.
"Sie wollen doch wohl hoffentlich nicht meinen Sohn dort mit hineinziehen?"
"Nun, er hat..."
"Sind bei ihm Drogen gefunden worden? Nein, natürlich nicht. Er kommt ja auch aus einem vernünftigen Hause. Von so einem Mädchen ohne Erziehung", er warf Tiffany einen giftigen Blick zu, "kann man doch gar nichts anderes erwarten, als das sie abgleitet."
Tiffany wollte aufspringen, aber Sean kam ihr zuvor.
"Sie hat nie Drogen genommen", erwiderte er mit zornigem Blick auf seinen Vater, "ich hätte es bemerkt, wenn..."
"Wie dem auch sei, meinen Sohn kann ich ja wohl hoffentlich mitnehmen", erklärte Gregory kalt. "Können Sie", antwortete Ruiz, dann fügte er, an Tiffany gewandt, hinzu: "Und Sie können auch gegen. Aber Sie müssen sich darauf gefaßt machen, daß eventuell eine genauere Untersuchung zukommt." Er blickte Sean an. "Auf Sie ebenso."
"Das bin ich ja gewohnt", knurrte Gregory, "daß die Polizei versucht, mir oder meiner Familie etwas anzuhängen."
Doch kaum hatten sie das Revier verlassen, packte er Sean fest am Arm.
"Was hast Du diesmal wieder angestellt? Es war ja klar, daß diese Ruhe nicht ewig anhalten konnte. Aber das Du gerade jetzt versuchst, uns zu ärgern, wo sich Deine Mutter von einem schweren Unfall erholen muß, hätte ich nicht gedacht."
"Ich habe nicht...", keuchte Sean.
"Und ich ebenso wenig", erklärte Tiffany fest.
"Gibts irgendwelche Probleme?"
Alle drei wandten sich um.
"Amy", meinte Sean genervt, "Du kommst wirklich ungelegen."
"Nein, eigentlich nicht", überlegte plötzlich Tiffany. "Sie könnte es getan haben. Sie hatte einen Grund."
"Eine Grund, wofür?"
"Mir Drogen in den Rucksack unterzuschieben."
"Das habe ich nicht", verteidigte sich Amy. Doch Tiffany kam mit kaltem Blick auf sie zu. "Irgendjemand muß es getan haben."
"Ach ja?", maulte Amy, "warum fragst Du dann nicht die Frau, die neulich daran rumgefummelt hat."
"Welche Frau? Wen meinst Du?"
"Ich weiß nicht, wie sie heißt. Blond, um die dreißig. Sie hat sich an Deinem Rucksack zu schaffen gemacht, als Du schwimmen warst."
Tiffany und Sean betrachteten Amy mit einem skeptischen Blick.
"He, ich habs gesehen", versicherte Amy. "Ich dachte nur, das wär okay, ehrlich."
"Jade", murmelte Sean. Gregory blickte ihn an, wie ein Hund der Beute gewittert hatte.
"Jade Sheridan? AJ Deschanels Tochter?", fragte er in hellwachem Ton.
Nervös und bis aufs äußerste angespannt lief Sara im Wohnzimmer auf und ab. Ihr Blick fiel immer wieder auf das Telefon, doch nichts rührte sich.
"Kind, nun setz' Dich doch endlich mal hin!" befahl Joan Cummings ihrer Tochter. "Er wird schon anrufen, wenn es Neuigkeiten gibt," sagte sie. Sara atmete tief durch und setzte sich mit verschränkten Armen neben ihre Mutter aufs Sofa.
"Ich hätte ihm nicht erlauben sollen, ohne mich zu fliegen!" sagte sie verzweifelt. Joan sah ihre Tochter mitfühlend an.
"Du wärst ihm dort auch keine Hilfe gewesen ... im Gegenteil, wahrscheinlich hätte er sich mehr Sorgen um Dich gemacht als um Ben," gab sie ihrer Tochter zu bedenken. Sara sprang auf.
"Ja, wahrscheinlich hast Du recht," sagte sie," aber diese Warterei macht mich ganz verrückt!" Sara begann wieder im Zimmer hin und her zu laufen.
"Sara," mischte sich ihr Vater ein. "Bleib' ruhig! Derek ist erwachsen und wird schon wissen, was er tut."
Sara nickte.
"Was erzählte er denn bei Eurem letzten Telefongespräch?" fragte Joan neugierig. Sara nahm wieder platz.
"Es klang alles so verworren," sagte sie. "Derek erzählte, daß Ben von einer Priesterin im Urwald gefangen gehalten würde und sie ihn mit Hilfe von Megs hawaiianischen Freunden befreien wollen."
Joan runzelte die Stirn.
"Klingt ja wirklich alles sehr mysteriös."
Sara nickte.
"Ja, sehr mysteriös ..." Sie sprang wieder auf. "Entschuldigt mich, aber ich brauche jetzt einen Kaffee." Schnell rannte sie in die Küche, während ihre Eltern ihr kopfschüttelnd hinterher sahen. "Sie trinkt jetzt schon die vierte Tasse innerhalb von zwei Stunden," stellte Joan mißbilligend fest. "Kein Wunder, daß sie so aufgekratzt ist!"
In dem Augenblick, als Sara mit ihrer Tasse Kaffee das Wohnzimmer betrat schellte das Telefon. Schnell stellte sie die Tasse auf den Tisch und hob den Hörer ab.
"Ja?" fragte sie atemlos in den Hörer hinein und war unendlich erleichtert, als sie endlich Dereks Stimme hörte. Auch Joan und Hank atmeten erleichtert auf, als sie hörten, wer am anderen Ende der Leitung war. Nachdem Sara aufgelegt hatte, bombardierten ihre Eltern sie gleich mit Fragen, und sie versuchte in Kurzform das wiederzugeben, was die letzten Stunden in Hawaii geschehen war.
"Ben ist frei!" stieß sie zum Schluß aufgeregt hervor," und sie fliegen noch heute mit ihm zurück nach Sunset Beach!"
Joan faltete die Hände.
"Gott sei Dank!" sagte sie, und auch Hank schien erleichtert zu sein, daß das ganze ein so gutes Ende genommen hatte.
"Ich werde mein kleines Mädchen wiedersehen," sagte er leise, während er an Meg dachte. Joan nickte unter Tränen und nahm Sara in den Arm. Eine Weile hielten sie sich nur fest, bis Sara noch etwas einfiel.
"Derek meinte, daß die ganze Sache vorläufig noch geheimgehalten werden sollte, und deshalb fliegen sie mit einem Privatjet rüber."
Joan und Hank nickten verstehend, während Sara auf ihre Uhr schaute.
"Noch ca. eine Stunde - dann werden sie wohl auf dem Sunset Beach Airport landen."
Sara griff erneut zum Telefon und wählte die Nummer der Taxizentrale. Nachdem sie aufgelegt hatte, wandte sie sich zu ihren Eltern um.
"Das Taxi wird in Kürze hier sein," sagte sie. "Wir sollten uns jetzt langsam fertigmachen, damit wir gleich losfahren können, wenn es angekommen ist." –
Keine 10 Min. später stiegen Sara und ihre Eltern ins Taxi und machten sich auf den Weg zum Flughafen.
Endlich landete der
Privatjet von Robin Masters in Sunset Beach. Der Pilot hatte zuvor per Funk
dafür gesorgt, dass sie eine etwas abgelegene Landebahn nutzen konnten und das
für Ben ein Krankenwagen bereit stand. Außer Sara, Joan und Hank wusste niemand
etwas von der Rückkehr des Rettungsteams und Ben, damit sie nicht sofort von der
Presse überfallen wurden. Natürlich waren auch Thomas Magnum und Robin Masters
mit an Board.
Kaum dass der Jet gelandet war, öffnete Sam die Tür und blickte hinaus
„Alles klar, der Krankenwagen ist da.“ Zwei Minuten später betraten auch schon zwei Sanitäter mit einer Trage das Flugzeug. Vorsichtig betteten sie Ben darauf und trugen ihn hinaus. Die anderen folgten ihnen. Draußen wurden sie von Sara, Joan und Hank begrüßt und alles redete durch einander, da die zu Hause gebliebenen alles ganz genau wissen wollten.
„Entschuldigen Sie, Miss Cummings, aber wenn Sie Mr. Evans in die Klinik begleiten wollen, dann sollten Sie jetzt einsteigen, wir müssen los.“ sagte einer der Sanitäter. „Natürlich, ich komme.“ sagte Meg und stieg ein.
„Wir kommen gleich nach.“ sagte Joan, denn natürlich sorgten sie sich auch um Ben. „Wir werden auch mitkommen.“ schloss sich Derek an und legte seinen Arm um Sara. Sam drehte sich zu Thomas und Robin um „Und Euch bringe ich jetzt ins Sunset Inn. Dort sind zwei Suiten für Euch reserviert.“ erklärte er. „Ich muss danach noch etwas wichtiges erledigen.“
Die beiden nickten
und folgten Sam zu seinem Van, den dieser hier am Flughafen geparkt hatte.
Nervös blätterte Bette in einer Zeitschrift herum. Diese nervliche Anspannung
war nichts für sie. Wie alle war sie erleichtert über die Nachricht gewesen,
dass Ben gerettet und gefunden worden war, aber das war auch schon alles was sie
wusste. Je länger sie darüber nachdachte, desto ärgerlicher wurde sie auf Sam.
Er hätte sie schließlich ja noch einmal anrufen können und mitteilen, wann sie
endlich zurückkehren würden. Erschrocken fuhr sie hoch, als es plötzlich an
ihrer Haustür klopfte. Immer noch missgestimmt, öffnete sie die Tür und
erstarrte.
Ein riesiger Blumenstrauß mit zwei Beinen stand davor. Langsam tauchte dahinter das Gesicht von Sam auf und mit der anderen Hand hielt dieser eine Flasche Wein hoch.
„Gilt Dein Angebot noch dort weiter zu machen, wo wir letztes mal aufgehört haben?“ fragte Sam mit einem verschmitzten Grinsen. Bette sah in seine grünen Augen und könnte nicht anders, als zu lächeln und ihn herein zubitten.
„Sind die Blumen etwa für mich?“ fragte sie. Sam überreichte ihr den großen Strauß.
„Ja, ich hoffe Du magst rosa Rosen. Ich wusste nicht, welches Deine Lieblingsblumen sind.“
„Sam, die sind wunderschön, und ab heute sind es bestimmt meine Lieblingsblumen. Ich stelle sie nur eben ins Wasser.“ antwortete Bette und verschwand in der Küche. Sam machte es sich auf dem Sofa bequem und nach wenigen Minuten kehrte Bette mit den Blumen in einer Vase zurück.
„Erzähl, wie geht es Ben?“ fragte sie, während sie zwei Weingläser und einen Korkenzieher aus dem Schrank nahm.
„Den Umständen entsprechend gut. Er ist nun im South Bay Hospital.“
Bette setzte sich neben Sam.
„Das ist gut zu hören.“ lächelte sie. Sam öffnete die Weinflasche und goss den Wein in die Gläser.
„Ich möchte jetzt aber viel lieber über Dich und mich, über uns sprechen.“ sagte er. Bette nahm ihm eins der Gläser ab.
„Und was möchtest Du wissen?“
„Alles,“ grinste Sam „aber als erstes würde ich gerne einen richtigen Begrüßungskuss haben.“
Bette stellte ihr Glas ab.
„Den sollst Du bekommen.“ lächelte sie und legte ihre Arme um Sam.
Langsam nährten sich ihre Lippen einander und trafen sich schließlich in einem zärtlichen Kuss. Sam schlang nun seine Arme um Bette und zog sie ganz fest an sich. Der Kuss wurde schnell immer leidenschaftlicher und als sie ihn schließlich unterbrachen, um zu atmen, hauchte Bette: „Wow, daran könnte ich mich gewöhnen.“
„Gut,“ lächelte Sam „denn davon habe ich noch mehr.“
Wieder zog er Bette zu sich heran und küsste sie. Nach wenigen Augenblicken schob Bette ihn vorsichtig von sich. Sie stand auf und nahm Sams Hand.
„Das sollten wir oben in meinen Schlafzimmer fortsetzen.“ sagte sie mit ihrer rauen Stimme und führte Sam nach oben.
Derek schloß die Haustür auf und ließ Sara und seine zukünftigen Schwiegereltern eintreten. Sie kamen gerade aus dem Krankenhaus, nachdem sie Ben dorthin begleitet hatten. Meg hatte es vorgezogen, noch etwas bei ihm zu bleiben.
"Es ist ein gutes Gefühl, wieder zuhause zu sein," sagte Derek zufrieden und streckte sich auf dem Sofa aus. Sara nahm ebenfalls neben ihm platz und kuschelte sich an seine Brust.
"Ich bin so glücklich, daß Ihr das alles so gut überstanden habt," sagte sie lächelnd.
" ... und ich habe Dich so vermißt," fügte sie leise hinzu. Derek legte vorsichtig einen Arm um Sara und gab ihr einen Kuß auf die Nasenspitze.
Joan und Hank sahen sich bedeutungsvoll an.
"Wir werden dann mal nach oben gehen und uns etwas hinlegen," sagte Joan, während sie Hank in die Seite knuffte. Er verstand sofort, und während sie die Treppe hinauf ins Gästezimmer gingen, zog Derek Sara näher zu sich heran.
"Ich würde Dir jetzt gerne zeigen, wie sehr ich Dich vermißt habe," flüsterte er," aber leider muß das warten."
Sie sah ihn irritiert an.
"Was meinst Du damit?" fragte sie neugierig. Derek lächelte vielsagend.
"Wir alle - Meg, Sam und ich haben uns überlegt, daß es vielleicht eine schöne Geste wäre, wenn wir im "Deep" eine Begrüßungsparty für Ben geben würden." Er sah Sara erwartungsvoll an, und sie nickte begeistert.
"Ja, das ist eine tolle Idee!" stimmte sie zu. "Wann soll denn die Party stattfinden?" fragte sie. Derek kratzte sich am Kopf.
"Ich dachte an übermorgen abend," sagte er," ... vorausgesetzt natürlich, daß Ben bis dahin wieder einigermaßen auf den Beinen ist," fügte er hinzu. Sara sprang auf und sah ihn entgeistert an.
"Wie bitte?" stieß sie hervor. "Schon übermorgen?" Sie schüttelte den Kopf. "Das schaffen wir doch nie und nimmer bis dahin eine Feier vorzubereiten!"
Derek schmunzelte.
"Keine Sorge, ich habe schon von Hawaii aus einige meiner Leute angerufen und sie gebeten, Vorbereitungen zu treffen."
Sara atmete erleichtert auf.
"Werden Mark und Caitlin auch dort sein?" fragte sie. Derek nickte.
"Ja, Caitlin wird bedienen, und Mark soll als D.J. ein bisschen für gute Stimmung sorgen." Sara runzelte die Stirn.
"Soll ich vielleicht auch mithelfen?"
Derek schüttelte verneinend den Kopf.
"Du bist mein Gast," sagte er und lächelte. "Ich habe für diesen besonderen Abend noch zwei Hilfskräfte eingestellt, die Caitlin beim Kellnern unter die Arme greifen sollen."
Sara sah Derek überrascht an.
"Du hast anscheinend wirklich an alles gedacht," sagte sie bewundernd.
Er zwinkerte ihr zu.
"Selbstverständlich, denn für meinen Bruder soll es eine ganz besondere Überraschung werden!" Derek stand auf. "So, und nun muß ich nochmal ins "Deep" und nach dem rechten sehen." Er grinste. "Es soll doch alles perfekt sein, wenn Ben seine alten Freunde wiedertrifft," sagte er.
Sara nickte.
"Wer soll denn noch alles zu der Party kommen?" fragte sie interessiert. Derek legte die Stirn in Falten.
"Na ja," begann er," eigentlich alle unsere Freunde und Bekannten ..." Er dachte einen Moment nach. "Ich denke, ich werde mir gleich im "Deep" etwas Zeit dafür nehmen, sie alle anzurufen und zu fragen, ob sie zu der Begrüßungsparty kommen können."
Sara nickte.
"Super!" sagte sie begeistert. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. "Ben wird Augen machen, wenn er sieht, was Ihr geplant habt," sagte sie. Derek nickte.
"Ja, aber vorläufig darf er noch nichts davon erfahren ... es soll doch eine Überraschung für ihn sein!" erklärte er. Derek schaute auf die Uhr. "So, ich will dann mal los." Er gab Sara einen langen Abschiedskuß und machte sich dann auf den Weg zum "Deep".
Misses Chang
blätterte gedankenverloren in einer Illustrierten. Immer wieder schweiften ihre
Gedanken ab zu Rae, ihrer Tochter, die sie über alles liebte, und von der sie
sich nun auf Wunsch ihres Mannes lossagen sollte. Seit sie sich von ihrem
schweren Herzanfall etwas erholt hatte, begann sie wieder unaufhörlich über
dieses Thema nachzugrübeln.
Rae hatte ihre Mutter in jeder freien Minute in der Klinik besucht und Misses
Chang war froh und dankbar, dass ihr Mann sie mittlerweile wenigstens zu ihr
ließ und ihr nicht mehr wie am Anfang verbot, das Krankenzimmer zu betreten.
Aber Mister Chang wandte sich jedesmal stur und konsequent ab, wenn Rae erschien
und weigerte sich, auch nur ein Wort mit ihr zu sprechen.
Misses Chang sah die Qual in den Augen ihrer Tochter, und es bereitete ihr
seelische Schmerzen, sie so leiden zu sehen. Andererseits machte Rae aber auch
keinen Versuch der Versöhnung mehr mit ihrem Vater, ihr war eine Entscheidung
abverlangt worden, und sie hatte sich entschieden, für ihr neues Leben mit
diesem jungen Mann, Casey...
„Misses Chang?“
Erschrocken blickte sie auf. Sie hatte die Schwester gar nicht hereinkommen
hören. Diese lächelte freundlich und teilte ihr mit, dass sich eine Besucherin
für sie angemeldet hätte.
„Da Ihr Mann gerade nicht da ist, wollte ich sicherheitshalber fragen...“
In der Annahme, es sei Rae, die sie besuchen wollte, nickte sie freudig.
„Aber natürlich. Sie soll bitte hereinkommen.“
Die Dame, die zögernd durch die Tür trat, war etwa in Misses Changs Alter. Sie
hatte schulterlanges, blondes Haar, war schlank und elegant gekleidet.
Für einen Augenblick glaubte Misses Chang, es handle sich um einen Irrtum, aber
dann trat die Dame näher und stellte sich vor.
„Entschuldigen Sie bitte vielmals, Misses Chang, dass ich hier so hereinplatze,
aber es ist mir ein Bedürfnis, Sie einmal persönlich kennenzulernen.“ Sie
streckte ihr freundlich die Hand entgegen. „Ich bin Alex Mitchum, Caseys
Mutter.“
Zögernd ergriff Misses Chang die ihr dargebotene Hand.
„Misses Mitchum?“ Ihre Gedanken überschlugen sich. Was wollte Caseys Mutter
hier?
Alex nickte ihr freundlich zu.
„Darf ich mich einen Augenblick zu Ihnen setzen?“ Sie zog sich einen Stuhl
heran. „Wie geht es Ihnen?“
„Danke, es geht mir schon viel besser.“ antwortete Misses Chang mit belegter
Stimme.
„Rae hat mir von Ihrem Herzanfall erzählt. Sie hat sich ziemliche Sorgen um sie
gemacht.“ sagte Alex. „Sie liebt Sie wirklich sehr!“
„Hat Rae...“ Misses Chang suchte nach den richtigen Worten, „ich meine, hat
meine Tochter Sie hergeschickt?“
Alex lächelte und schüttelte den Kopf.
„Nein, sie weiß nicht einmal, dass ich hier bin.“
„Und... warum sind Sie hier, Misses Mitchum?“
Alex straffte die Schultern.
„Ich wollte Sie bitten, sich noch einmal zu überlegen, ob eine Versöhnung
zwischen Ihnen und Ihrer Tochter nicht vielleicht doch möglich wäre.“ Sie sah,
wie ein Schatten über das Gesicht von Raes Mutter fiel und sich ihre Augen mit
Tränen füllten. Aus einem inneren Gefühl heraus griff sie nach ihrer Hand.
„Sehen Sie, ich will mich keinesfalls in irgend einer Weise in Ihre
Familienangelegenheiten einmischen, aber Rae hat mir alles erzählt, und auch
wenn sie es nicht ausspricht, sie leidet furchtbar unter diesen Situation. Ich
meine... sagen sie doch selbst, was hat Rae denn schon so furchtbares getan,
dass Sie sie verstoßen? Sie will doch nur ihr eigenes Leben führen, und ich
finde, Sie können sehr stolz auf Ihre Tochter sein. Sie ist eine ausgezeichnete
Ärztin und sie ist eine selbstständige junge Frau, alt genug, um ihre eigenen
Entscheidungen zu treffen.“ Sie lächelte. „Casey und Rae sind ein so schönes
Paar, und mein Sohn liebt sie über alles, das weiß ich. Aber es würde ihr
wesentlich besser gehen, wenn sie von Ihnen etwas Verständnis erfahren würde.
Bitte Misses Chang, zwingen sie Rae nicht, sich von Ihnen abzuwenden, das hat
sie nicht verdient!“
Misses Chang wischte verstohlen die Träne weg, die ihr über die Wange lief.
„Es ist ja richtig, was Sie sagen.“ meinte sie leise. „Ich bin auch nicht
glücklich über diese ganze Situation. Aber ich vermag nichts gegen die
Entscheidung meines Mannes zu tun. Er ist das Oberhaupt der Familie, und wir
haben uns seinem Willen zu beugen. Hätte sie Wie-Lee geheiratet, wie es schon so
lange geplant war, dann wäre es gar nicht erst so weit gekommen.“
„Geplant?“ Alex atmete tief durch und bemühte sich, die Ruhe zu bewahren. „Aber
das ist ja das Problem! Sie haben Raes Leben verplant, ohne sie zu fragen, ob
ihr das überhaupt recht ist. Sie ist ein erwachsener Mensch, Misses Chang!“
Raes Mutter schlug die Augen nieder.
Alex sah sie eindringlich an und legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Hören Sie, ich war selbst schon oft genug in China, ich kann mir vorstellen, in
welcher Situation Sie sich befinden. Der Mann ist das Oberhaupt der Familie, der
Mann hat das Sagen! Nein...“ sie schüttelte entschieden den Kopf, „das ist eine
sehr veraltete Tradition, und Ihr Mann wird sich sehr wohl überlegen, ob er sich
einfach über Ihren Willen hinwegsetzt, sofern Sie einen haben! Reden Sie mit
ihm, machen Sie ihm klar, dass Sie nicht damit einverstanden sind, dass er das
Wertvollste, was Sie beide besitzen, einfach so aus der Familie verstößt!“
Misses Chang sah Alex unsicher an.
„Ich weiß nicht, ob ich das kann... ob ich die Kraft dazu habe.“
Alex nickte.
„Sie können das. Ich finde, Ihre Tochter hat diese Chance verdient.“ Sie erhob
sich und reichte Misses Chang die Hand.
„Ich wünsche Ihnen alles Gute und bitte... denken Sie über meine Worte nach. Ich
an Ihrer stelle wäre stolz darauf, eine Tochter wie Rae zu haben.“
An der Tür drehte sie sich noch einmal um.
„Wissen Sie eigentlich, dass sie Casey operiert hat? Er wird vielleicht schon
bald wieder laufen können.“
Meg ging den Gang
entlang Dr. Robinsons Büro. Vor der Tür blieb sie einen Moment nachdenklich
stehen.
Seit sie gestern in Sunset Beach angekommen waren, hatte sie die Klinik kaum
verlassen, um möglichst immer in Bens Nähe zu sein. Er war aber noch nicht
ansprechbar gewesen und die ganze Zeit über geschlafen. Dr. Robinson hatte ihn
eingehend untersucht, seine Wunden kontrolliert, ein EKG veranlasst und ihn
röntgen lassen. Gleichzeitig hatte er Meg beruhigt und gemeint, Bens Körper
brauche den Schlaf, um die Wirkung des fremdartigen Medikamentes besser
abzubauen. Trotzdem war sie die ganze Zeit über bei ihm geblieben. Erst spät in
der Nacht fuhr sie nach Hause, um etwas zu schlafen.
Als sie nun heute wieder nach ihm sehen wollte, hatte ihr die Schwester am
Empfang mitgeteilt, dass Bens Untersuchungsergebnisse vorlägen und sie sich
sofort bei Dr. Robinson melden solle.
Meg verspürte eine starke innere Unruhe. Was würden die Ergebnisse zeigen? War
alles in Ordnung, oder würde Ben vielleicht nie mehr der selbe wie früher sein?
Was hatte diese eigenartige Medizin bewirkt, wie schwer war die Kopfverletzung?
So viele Fragen quälten sie, und nun würde sie endlich eine Antwort darauf
bekommen.
Sie straffte die Schultern und klopfte an die Tür. Zögernd trat sie ein.
Dr. Robinson saß hinter seinem Schreibtisch und sah ihr entgegen.
„Setzen Sie sich, Meg.“ sagte er freundlich und klappte die Akte zu, in der er
gerade etwas vermerkt hatte.
Meg nahm Platz und schaute ihn gespannt an.
„Wie sieht es aus, Doktor? Wird Ben wieder gesund?“
Tyus Robinson nahm Bens Krankenblatt zur Hand und überflog noch einmal kurz die
Untersuchungsergebnisse.
„Also...“ begann er, „wenn wir von zwei gebrochenen Rippen und einer leichten
Gehirnerschütterung absieht, dann könnte man meinen, Ben hätte bei dem
Flugzeugabsturz mehr als nur einen Schutzengel gehabt. Es ist kaum zu glauben!“
Meg atmete sichtlich auf.
„Soll das heißen, er... er wird wieder ganz gesund?“
Tyus nickte.
„Die Wunden an seinem Oberschenkel und seinem Bauch werden heilen, und auch die
Kopfschmerzen, die er verspüren wird, wenn er aufwacht, werden recht schnell
vergehen. Was die Medizin betrifft, die er dort bekommen hat...“ Tyus verzog
nachdenklich das Gesicht, „ich wüßte nur zu gern die Zusammensetzung, das
scheint ein wirklich gutes „Gebräu“ gewesen zu sein, alle Achtung!“
„Wie meinen Sie das?“ fragte Meg verunsichert.
„Nun, wenn ich mir seine Wunden anschaue, dann kann ich zwar noch erkennen, dass
es sich, zumindest am Oberschenkel, um ziemlich tiefe Fleischwunden handelte.
Aber in dieser kurzen Zeit sind sie so gut verheilt, wie es sonst kaum möglich
ist. Er ist medizinisch absolut einwandfrei versorgt worden.“ Tyus lächelte
bedeutungsvoll. „Und heute morgen hat er mir während der Untersuchung erzählt,
dass diese Eingeborene dort ihm das Innere irgend einer eigenartigen Frucht auf
die Wunden aufgetragen hätte.“
„Das hat er Ihnen erzählt?“ rief Meg erstaunt. „Er war also munter und er konnte
sich daran erinnern?“
Wieder lächelte Tyus und nickte.
„Und er hat nach Ihnen gefragt, Meg!“
Fassungslos sprang sie auf.
„Ist das wahr? Aber das bedeutet ja, dass... sein Gedächtnis...“
„...anscheinend wieder funktioniert.“ ergänzte Dr. Robinson schmunzelnd. „Ja,
sieht ganz so aus!“
Meg strahlte.
„Das ist... einfach fantastisch! Ich muß zu ihm!“
„Ja, es ist wirklich kaum zu glauben, was Ben für ein Glück gehabt hat. Diese
Frau auf Hawaii, diese Priesterin... es ist wirklich erstaunlich!“ Tyus sah Meg
nachdenklich an.
„Wie meinen Sie das?“ fragte Meg.
„Sie hat ihm nicht nur das Leben gerettet, indem sie ihn aus diesem Flugzeug
geholt hat, sie hat ihn auch medizinisch gesehen besser betreut, als wir es in
der kurzen Zeit hätten tun können.“ Dr. Robinson stand auf und begleitete sie
zur Tür.
„Ich denke, wenn alle Werte normal sind, wird er morgen die Klinik verlassen
können. Er hat ja zu Hause bei Ihnen die beste Pflege und Betreuung!“
Leise betrat Meg Bens Krankenzimmer.
Er hatte die Augen geschlossen. Sie trat an sein Bett und strich ihm liebevoll
über die Wange.
„Schlaf Dich gesund, Ben.“ flüsterte sie und wandte sich wieder zur Tür.
„Meg!“
Sie fuhr herum und starrte ihn ungläubig an.
„Ben...“
Er lächelte.
„Willst Du etwa schon wieder gehen?“
„Nein... ich dachte, Du schläfst, ich wollte Dich nicht aufwecken...“ Mit zwei
Schritten war sie wieder bei ihm. Unendlich erleichtert und glücklich umarmte
sie ihn und konnte nicht verhindern, dass ihr Tränen der Erleichterung und des
Glücks in die Augen traten.
„Hey...“ er streichelte zärtlich ihr Gesicht, „ich glaube, ich habe lange genug
geschlafen, findest Du nicht?“
Seit Sams Rückkehr hatten Bette und er jede freie Minute zusammen verbracht.
Nun standen sie in Bettes Wohnzimmer und küssten sich leidenschaftlich.
„Bette Darling,“ wisperte Sam, als sie sich von einander lösten „so gerne ich jetzt bei Dir bleiben möchte, aber ich muss jetzt gehen. Heute wird endlich die neue Videoüberwachungsanlage für das Hotel geliefert und als Chef der Security muss ich dort sein und den Einbau überprüfen. Außerdem hat der Aufenthalt von Robin Masters in unserem Hotel schon für einiges Aufsehen gesorgt.“
Bette seufzte. „Na gut, dann muss ich Dich wohl gehen lassen, Big Boy.“ Sie öffnete die Haustür. „Ich muss auch noch mal im Büro vorbei sehen. Dort soll ja schließlich auch alles in Ordnung sein für Bens Rückkehr.“
Sam platzierte noch einmal einen zärtlichen Kuss auf Bettes Lippen.
„Ich hole Dich nachher ab, damit wir zusammen zur Party ins Deep gehen können.“
„Gut, ich werde auf Dich warten, Big Boy.“ antwortete Bette und schloss die Tür hinter Sam. Dieser ging gut gelaunt zu seinem Van und stieg ein.
„Das wird ein Abend, den Du hoffentlich so schnell nicht vergisst, mein Darling.“ sagte Sam mit einem verschmitzten Lächeln zu sich selber.
Jubiläumsbeitrag (der 1000.)
Im Deep war alles vorbereitet für die Wiedersehensparty.
Zufrieden bemerkte Derek, dass alle seiner Einladung gefolgt waren.
Als Ehrengäste begrüßte er Robin Masters und Thomas Magnum, die gemeinsam mit Sam, Bette und Gregory an einem der Tische Platz genommen hatten. Olivia hatte es vorgezogen, an diesem Abend zu Hause zu bleiben, was Gregory unter den gegebenen Umständen sehr recht zu sein schien, denn die Gefahr, dass sich seine Frau zu dem Unfall, den sie verursacht hatte, nachträglich verplappern könnte, war doch ganz erheblich.
Annie ließ sich neben ihrer Tante nieder, möglichst weit weg von Cole, der mit Jade an der Bar saß und verstohlen zu ihr herüberblickte. Am Nebentisch fanden sich Michael, Vanessa, Sean und Tiffany ein. Sogar Antonio war pünktlich erschienen und trug heute einmal nicht seinen Missionarsanzug. Heimlich suchten seine Augen in der Menge nach Gabi, aber er konnte sie nirgends entdecken. Auch sein Bruder Ricardo war noch nicht anwesend. Schließlich setzte sich Antonio mit an Michaels Tisch.
Caitlin flitzte umher und nahm die Getränkebestellungen entgegen, während Mark als D.J. für den richtigen musikalischen Sound sorgte.
Derek hatte für diesen besonderen Abend extra einige Aushilfskellner engagiert, um Cait und Marketwas zu entlasten. Er selbst saß vorn an der Tanzfläche mit Joan, Hank und Sara, die freien Plätze an ihrem Tisch waren für Ben und Meg reserviert.
Alle waren bereits bester Stimmung und warteten gespannt auf den Ehrengast.
Derek beugte sich unauffällig zu Sara.
„Wo bleibt denn Meg mit Ben?“ flüsterte er ihr mit einem Blick zur Uhr beunruhigt zu. „Ich hoffe nur, der Arzt läßt ihn gehen!“
„Keine Sorge“ meinte Sara zuversichtlich. „Es wird schon alles klappen.“ Sekunden später wies sie lächelnd zum Eingang. „Siehst Du, da sind sie schon.“
Auch die anderen Gäste hatten die beiden bemerkt und begrüßten den Ehrengast, indem sie sich von ihren Plätzen erhoben und begeistert Beifall klatschten.
Ben blickte sich überrascht um.
„Jetzt verstehe ich, warum Du mich unbedingt erst hierher bringen mußtest!“ lachte er und legte liebevoll den Arm um Meg. Sie strahlte.
„Es war Dereks Idee, eine Begrüßungsparty für Dich zu organisieren. Alle unsere Freunde sind da.“ Mit einem besorgten Blick fügte sie hinzu: „Ich hoffe nur, es wird Dir nicht gleich zu viel nach den Strapazen der letzten Tage!“
„Keine Sorge, mein Schatz, ich lass es Dich wissen, wenn ich mit Dir allein sein möchte!“ sagte er ihr leise ins Ohr.
Derek kam ihnen entgegen und umarmte seinen Bruder.
„Herzlich willkommen zu Hause, im Namen von uns allen hier!“
Meg führte Ben durch die Bar, wo er unzählige Hände schütteln mußte und gute Wünsche von allen Seiten erhielt. Mit noch etwas weichen Knien stieg er die Treppe hinauf zum Pult des D.J.s und nahm das Mikrofon zur Hand.
„Liebe Freunde...“ begann er und sah sich um. Das Deep war ziemlich voll und es tat unwahrscheinlich gut, in all die bekannten Gesichter zu blicken. „Ich muß sagen, diese Überraschung ist Euch wirklich gelungen! Ich freue mich riesig, Euch alle zu sehen!“
Er legte wieder seinen Arm um Meg, die neben ihm stand. „Und dass ich heute hier bei Euch sein kann, habe ich ein paar ganz großartigen Menschen zu verdanken, die ziemlich viel riskiert haben, um mich wohlbehalten hierher zurückzubringen: meinem besten Freund Sam Peterson, auf den ich schon in der Vergangenheit in den verrücktesten Situationen immer voll und ganz verlassen konnte, vielen Dank auch an Robin Masters für seine Hilfe und Großzügigkeit und mein spezieller Dank gilt vor allem Thomas Magnum und seinen Freunden T.C., Rick und Jonathan Higgins, ohne deren Hilfe das alles nicht möglich gewesen wäre...“ Der Beifall seiner Freunde unterbrach ihn immer wieder. Sam, Robin und Thomas sahen sich verlegen lächelnd um, als man sie ringsum hochleben ließ.
Als wieder Ruhe eingetreten war, ergriff Ben noch einmal das Wort.
„Aber ganz besonders möchte ich mich bei der Frau bedanken, die die ganze Zeit über unbeirrt daran geglaubt hat, dass ich den Absturz überlebt habe, und die wirklich alles riskiert hat, um mich zurückzubringen...“ Er blickte Meg unendlich zärtlich an, „... meine zukünftige Frau! Ich liebe Dich, Meg!“
Er küßte sie, und alle klatschten begeistert Beifall. Joan wischte sich gerührt die Tränen aus den Augen.
„Hast Du das gehört, Hank? Sie wollen heiraten! Ich freu mich ja so für Meg!“
Hank nickte.
„Sieh Dir an, wie glücklich unsere Tochter aussieht!“ sagte er stolz und drückte liebevoll Joans Hand..
„Ben, Du solltest dich jetzt hinsetzen.“ mahnte Meg besorgt.
„Moment, nur eins noch“ er nahm noch einmal das Mikrofon, „und wo wir einmal beim Thema sind, Meg und ich möchten Euch alle hier ganz herzlich zu unserer Hochzeit einladen! Sobald der Termin feststeht, lassen wir es Euch wissen. Danke, Freunde!“
Während die beiden unter dem allgemeinen Jubel der Gäste am Tisch bei Megs Eltern platznahmen, sahen sich Derek und Sara bedeutungsvoll an.
Nachdem Ben platz genommen hatte, beugte sich Derek zu ihm hinüber.
"Dem können sich Sara und ich nur anschließen," sagte er geheimnisvoll und sah seinen Bruder vielsagend an. Ben runzelte die Stirn. Meg warf schnell einen fragenden Blick zu Sara hinüber, die jedoch nur still vor sich hin lächelte.
"Oh, mein Gott," entfuhr es Meg, nachdem sie Dereks Andeutung verstanden hatte. "Soll das etwa bedeuten, daß Ihr Euch auch verlobt habt?" fragte sie aufgeregt.
Derek ergriff Saras Hand, während sie ihn verliebt ansah.
"Ja," sagte er stolz. "Sara und ich werden auch heiraten!"
Erfreut über diese gute Nachricht nahm Meg ihre Schwester gerührt in den Arm.
"Oh, Sara, Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich für Euch beiden freue!" sagte sie. Sara rückte verlegen ab.
"Danke, aber die Freude beruht auf Gegenseitigkeit." Sie sah zu Ben hinüber. "Wir alle sind froh und dankbar darüber, daß Ben wieder gesund zurückgekehrt ist und nun auch eine glückliche Zukunft vor Euch liegen wird."
Ben sah sie nachdenklich an.
"Wie wäre es," schlug er vor," wenn wir eine Doppelhochzeit veranstalten würden?" fragte er. Joan griff nach Hanks Hand und schaute ihn an. Beide lächelten sich zu. Meg schien begeistert. Sara tauschte einen kurzen Blick mit Derek, und dann nickten beide zustimmend.
"Prima ..." Ben stand auf, ging zurück zum Pult und ergriff das Mikrofon.
"Liebe Freunde," begann er," wie ich gerade erfahren habe, wird es dann wohl in Kürze eine Doppelhochzeit geben ..." Er machte eine Pause und sah zu Sara und Derek hinüber, die gespannt zuhörten. "Derek und Sara sind ebenfalls entschlossen, den Bund der Ehe zu schließen,"
Begeistertes Klatschen ertönte wieder, und Derek stand auf und ging zum Pult hinüber. Ben übergab ihm das Mikrofon und begab sich zurück zu seinem Platz.
"Vielen Dank" sagte Derek, „aber nun kommen wir zu einem besonderen Teil des Abends ... den kulinarischen Freuden." Er sah in die Runde. "Hiermit eröffne ich nun offiziell das Buffet ..."
Sam legte seinen Arm um Bette.
„Was hältst Du davon, wenn ich uns nun etwas schönes vom Buffet hole? Irgendwelche speziellen Wünsche?“ fragte er Bette mit einem charmanten Lächeln.
„Nein, mein Big Boy, bring mir einfach was Nettes mit.“ lächelte Bette Sam an und hauchte ihm einen Handkuss zu. Sam ging zu dem kalten Buffet hinüber und füllte zwei Teller mit Austern. Er drehte sich um, um nachzusehen, ob Bette ihn beobachte. Aber diese bestellte gerade die Getränke bei einem der Kellner. Schnell griff Sam in seine Jackettasche und holte, in einer Servierte eingewickelt, noch eine Auster hervor und platzierte sie auf einen der Teller. Er nahm die Teller und kehrte damit zu Bette zurück.
„Ich hoffe, Du magst Austern.“ sagte er zu Bette.
„Ich liebe Austern.“ antwortete Bette begeistert „Du weißt doch aber, was man über die Wirkung der Austern sagt, oder?“ fragte sie mit einem Glitzern in ihren Augen. Sams grüne Augen strahlten Bette an.
„Natürlich, was glaubst Du, warum ich uns Austern geholt habe?“ Bette lachte und begann die erste Auster zu öffnen. Plötzlich erstarte sie.
„Sam, Du wirst nicht glauben, was ich eben in meiner Auster gefunden habe.“
„Was denn?“ Sam blickte sie mit einer unschuldigen Miene an „Doch nicht etwa eine Perle?“ „Nicht nur eine Perle,“ flüsterte Bette „da hängt noch ein Ring mit dran.“
„Lass mal sehen.“ forderte Sam Bette auf und nahm die Auster in die Hand. Er holte den Ring hervor und betrachtete ihn.
„Was machen wir denn nun mit diesem guten Stück?“ fragte er und schien zu überlegen. Plötzlich breitete sich ein Lächeln über sein Gesicht aus. Er stand auf, trat zwei Schritte vor und kniete vor der erstaunten Bette nieder „Bette, Du bist eine ganz besondere Frau. In meinem ganzen Leben ist mir noch nie so eine Frau, wie Du es bist, begegnet. In den letzten Wochen hat sich vieles in meinen Leben geändert, und eine der besten Veränderungen bist Du. Bette Katzenkazrahi willst Du mich heiraten?“
Bette war für einen Moment sprachlos, dann sprang sie auf und umarmte Sam.
„Ja Sam, ja, ja, ja, ich würde gerne Deine Frau werden.“
Sam zog Bette fest zu sich heran und küsste sie, dann steckte er ihr den Ring an den Finger
„Nun ist es offiziell, Du bist mein für immer.“
An der Bar waren Cole und Jade ins Gespräch vertieft.
"Du hast auch keine Ahnung, wo er sich aufhält?", fragte Jade leise. Cole schüttelte langsam den Kopf.
In diesem Moment betrat Ricardo Torres das "Deep." Ben kam auf ihn zu.
"Freut mich, daß Du auch kommst. Trotz der Vergangenheit."
Ricardo musterte ihn.
"Trotz allem was geschehen ist, bin ich froh, Dich lebend wiederzusehen." Dann machte er eine Pause. "Aber ich bin dienstlich hier."
Er ging direkt zu Cole und Jade an die Bar. Annie war aufmerksam geworden. Wollten sie Cole etwa wegen Fluchthilfe verhaften?
"Jade Sheridan", eröffnete Ricardo. "Ich verhafte Sie wegen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz."
"Ich, aber...?" Jade sah sich um. Sean und Tiffany schauten grimmig zu ihr hinüber, Gregory Richards sah ausgesprochen zufrieden aus.
"Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden", versicherte Jade.
"Darüber können wir auf dem Revier reden", antwortete Ricardo.
"Ja, so ist das", lächelte Gregory kalt, "wie der Vater, so die Tochter."
"Das ist sicherlich ein Irrtum", meinte Cole.
"Es gibt eine Augenzeugin, die beobachtet hat, wie ihre Schwester jemandem Drogen unterschieben wollte."
Cole blickte Jade scharf an. "Das ist nicht wahr", wollte er sagen, doch an ihrem Blick wußte er sofort, dass es doch die Wahrheit war. Unter dem Gemurmel der anderen Gäste wurde Jade abgeführt, während Cole ihr unter starrem Blick hinterhersah.
"Cole?". Er schreckte zusammen. Annie war hinter ihm aufgetaucht.
"Bist du gekommen, um Deinen Triumph wegen Jades Verhaftung zu genießen?", fragt er. "Nein", antwortete Annie. "Es tut mir Leid, wegen deiner Schwester."
Cole sah sie überrascht an.
"Du liebst deine Familie wohl sehr?" fügte sie hinzu.
"Eine Familie von Verbrechern", antwortete Cole bitter.
"Wir können uns eben unsere Verwandten nicht raussuchen", erwiderte Annie. Dann fügte sie hinzu: "Es tut mir leid, Cole. Ich hätte mich nicht so aufregen dürfen. Immerhin ist er Dein Vater. Vielleicht... vielleicht hätte ich an Deiner Stelle auch so gehandelt."
"Meinst Du das im Ernst?"
"Na ja, bei unserem Verhältnis hätte ich meinen Daddy wohl doch eher den Bullen ausgeliefert."
Beide lachten.
"Frieden?", fragte Cole.
"Frieden", antwortete Annie und setzte sich zu ihm an die Bar.
"Siehst Du", flüsterte Meg Ben ins Ohr. "Alle wegen Dir hier."
"Aber der wichtigste Gast sitzt neben mir", antwortete er. Die beiden stießen an.
"Auf einen wundervollen Abend."
"Und
eine glückliche Zukunft."
von Meg Cummings, Jeany, Mona und Hickengruendler
"So, Miss Martinez, wir sind da." Cristobal ging um den Wagen herum und hielt Gabi galant die Beifahrertür auf. Langsam stieg sie aus und betrachtete aus der Nähe die Villa ihres Vater. Der riesige Prachtbau bestand aus dem Haupthaus und zwei angebauten Flügeln, die links und rechts abgingen. Cristobal nahm Gabis Koffer, und sie folgte ihm die breite Marmortreppe hinauf zum Haupteingang. Dort stellte er den Koffer vor der Eingangstür ab und machte eine Verbeugung vor ihr. "Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden," sagte er," die Dienerschaft im Haus wird sich jetzt weiter um sie kümmern." Er betätigte den Türklopfer und ließ Gabi dann alleine stehen. Gabi klopfte das Herz bis zum Hals, und sie war erleichtert als sich die Tür schließlich öffnete. Eine Dame in einem schwarzen Kleid mit weißer Schürze öffnete ihr, offenbar die Hausdame. "Miss Martinez," sagte sie förmlich," Ihr Vater und ihre Stiefmutter erwarten sie bereits. Bitte folgen sie mir!" Gabi folgte der schwarzgekleideten Dame durch einen langen Flur, an dessen Ende sich das Wohnzimmer befand. Gabi spürte wieder, wie ihr Herz zu rasen begann und ihre Hände vor Nervosität ganz feucht wurden. Sie hätte nicht hierher kommen sollen, dachte sie, doch nun war es zu spät! Sie betrat das Wohnzimmer und blieb überrascht im Durchgang stehen. Das erste, was ihr auffiel, waren die dunklen, schweren Vorhänge, die halb zugezogen waren und nur wenig Tageslicht in den Raum hineinließen. Im Kamin brannte ein Feuer, und der Schein des Feuers warf groteske Schatten an die Wand. Die Luft war stickig, und Gabi hatte plötzlich Mühe, durchzuatmen. Sie drehte sich zu der Hausdame um, weil sie etwas fragen wollte, doch diese hatte bereits das Zimmer verlassen. Es war eine beklemmende Stille im Raum, doch plötzlich hörte Gabi aus einer der Ecken ein Geräusch, und kurz darauf sah sie, wie sich ein Mann aus einem breiten Ohrensessel erhob. "Papa ..." Gabi wußte nicht, ob sie das Wort nur gedacht oder wirklich ausgesprochen hatte, aber plötzlich verharrte der Mann in seiner Bewegung. "Wer ist denn da?" hörte sie ihn fragen. Gabi war unfähig, sich zu bewegen oder auch nur ein Wort zu sagen. Entsetzt starrte sie auf den weissen Stock, den ihr Vater in der Hand hielt. "Ich weiß, daß jemand hier ist," sagte er und begann wild mit seinem Stock herumzufuchteln. "Verdammt, sagen Sie doch etwas!" schrie er. Gabi's Erstarrung löste sich. "Papa, ich bin's," stammelte sie," ... Gabi." Lorenzo Martinez' Gesicht entspannte sich. Er streckte die Arme aus, nicht wissend, in welcher Richtung seine Tochter stand. Gabi ging langsam auf ihn zu. Erst jetzt erkannte sie, daß er eine Brille mit dunklen Gläsern trug. "Wieso ... warum," stotterte sie," ... warum hast Du mir nicht gesagt, daß Du ... Du ..." Ihre Stimme versagte ihr. "Das ich blind bin?" beendete er den Satz für sie. Gabi schluckte die Tränen hinunter, die plötzlich in ihr hochstiegen. "Ja, flüsterte sie. Er verzog das Gesicht. "Hätte das etwas an unserer Situation geändert?" fragte er bitter. Gabi senkte den Kopf. Sie erinnerte sich an den Streit den sie bei ihrem letzten Besuch mit ihm gehabt hatte. Damals hatte sie ihm auf den Kopf zugesagt, daß er Estella nur wegen ihres Geldes geheiratet hätte. Estella hatte davon erfahren und sie daraufhin von ihrem Personal vor die Tür setzen lassen. Gabi war von ihrem Vater enttäuscht gewesen, daß er damals nur seelenruhig zugesehen und nichts gegen Estella unternommen hatte. Sie hatte ihn dafür gehasst, daß er sein eigen Fleisch und Blut verstossen hatte und sich daraufhin ziemlich rar gemacht. Jetzt, wo er vor ihr stand, erkannte sie erst, wie sehr er die Jahre über gelitten haben musste. Er war zwar erst knapp 50, aber seine einst dunklen Haare waren mit vielen weißen Strähnen durchzogen, und seine Wangen waren eingefallen. Er schien auch an Gewicht verloren zu haben, denn sein Anzug schien viel zu groß für ihn zu sein, denn er hing an seinem Körper. Gabi verspürte plötzliches tiefstes Mitleid mit ihrem Vater, und sie war sich sicher, daß es nur eine Person in diesem Haus gab, die für seinen desolaten Zustand verantwortlich war ... "Liebling," hörte Gabi plötzlich eine weibliche Stimme hinter sich," Du hast mir ja gar nicht erzählt, daß wir Besuch haben." Gabi drehte sich um und starrte in zwei eiskalte, blaue Augen ...
Mona
"Estella ..." Die Angesprochene lächelte scheinbar freundlich.
"Gabi, meine Liebe!" Sie ging ein paar Schritte auf ihre Stieftochter zu und hauchte ihr einen Kuß auf die Wange. "Lorenzo hat mir schon erzählt, daß Du uns mit Deinem Besuch beehren wirst." Sie sah Gabi mißbilligend an. "Als erstes werden wir wohl dafür sorgen müssen, daß Du standesgemäße Kleidung bekommst," sagte sie schnippisch, während sie Gabi von oben bis unten musterte.
Gabi biß sich auf die Lippen.
"Mit diesem Fetzen hier," fuhr Estella fort, während sie auf Gabis geblümtes Kleid wies," kannst Du nicht im Haus herumlaufen. Sogar die Dienstboten sind besser angezogen als Du!" fügte sie ironisch hinzu.
Gabi ballte die Fäuste, verkniff sich jedoch jeglichen Kommentar. Sie wußte, daß Estella sie nur provozieren wollte, und die Genugtuung eines Triumphes wollte sie ihr nicht geben. Sie schwieg und nutzte die Gelegenheit, ihre Stiefmutter genauer zu betrachten.
Obwohl sie schon Ende 30 war hatte Estella Ramirez-Martinez nichts von ihrem jugendlichen Aussehen verloren. Sie war rank und schlank wie eh und je, und ihre Haut war immer noch makellos. Sie trug einen langen rotfarbenen Rock und dazu eine passende Rüschenbluse. Ihre langen, pechschwarzen Haare hatte sie zu einer Hochsteckfrisur aufgetürmt und mit einem Seidentuch umschlungen. Sie sah aus, als ob sie aus einem Modejournal entsprungen wäre, und Gabi kam sich in ihrem einfach Baumwoll-Kleid plötzlich schäbig vor.
"Liebes," wandte sich Lorenzo plötzlich an seine Frau," würdest Du Gabi in ihr Zimmer begleiten, damit sie sich nach der anstrengenden Reise etwas frisch machen kann?" fragte er.
Estella hob empört den Kopf. Offenbar dachte sie wohl, daß dies die Aufgabe des Personals wäre, doch zu Gabis Überraschung erschien plötzlich ein Lächeln auf ihrem Gesicht.
"Aber natürlich, Liebster," flötete sie," es gibt nichts, was ich lieber tun würde." Sie raffte ihren Rock hoch und verließ eilig das Wohnzimmer und stieg die Treppe hinauf. Gabi hatte Mühe, ihr mit ihrem Koffer zu folgen. Am Ende des Ganges öffnete Estella die Tür zu Gabis Zimmer und ließ sie eintreten. Gabi sah sich um, während Estella sie von der Seite her musterte.
Als Gabi den Kopf zu ihr herumdrehte, erschrak sie. In Estellas Augen sah sie den blanken Hass. Ihr stechender Blick schien sie zu durchbohren, und Gabi fühlte sich in ihrer Gegenwart plötzlich wieder wie ein kleines Kind.
Estella warf den Kopf zurück.
"Wir sind unter uns," sagte sie, während sie ein paar Schritte auf Gabi zuging. "Du kannst mir nichts vormachen," sagte sie betont ruhig." Vielleicht glaubt Dein Vater Dir die rührende Geschichte, daß Du plötzlich Sehnsucht nach ihm hattest," fuhr sie fort," aber mich kannst Du nicht hinters Licht führen.“ Sie sah Gabi durchdringend an. "Raus mit der Sprache!" forderte sie." Warum bist Du wirklich hier?"
Mona
Das Verhör dauerte einige Stunden. Das erste, was Jade erklärt hatte, war, kein Wort ohne ihren Anwalt zu sagen. Ricardo hatte ihr daraufhin erlaubt, den von ihr gewünschten Staranwalt Al Kennedy anzurufen, der auch prompt erschien und, nachdem er sich mit seiner Mandantin erst eine halbe Stunde unter vier Augen beraten hatte, nun regelmäßig für Jade antwortete, bevor sie möglicherweise etwas Falsches sagte. Ricardo verspürte zwischendurch immer wieder das brennende Verlangen, Kennedy den Hals umzudrehen, da ihn dieses Verhör nicht weiterbrachte.
"Tatsache ist", erklärte Ricardo fest, "daß wir eine Augenzeugin haben, die gesehen hat, wie Sie die Drogen in Miss Thornes Rucksack versteckt haben."
"Ach was", fiel Kennedy ihm ins Wort. "Sofern meine Quellen richtig sind, hat diese Augenzeugin selbst allen Grund, Miss Thorne zu schaden. Vielleicht war sie es ja selbst und schiebt die Schuld nun von sich, weil sie weiß, daß meine Mandantin die Gelegenheit hatte."
"Das halten wir für unwahrscheinlich", meinte Ricardo kalt. "Außerdem bleibt die Tatsache, daß Ihre Mandantin die beste Gelegenheit hatte, unumstritten. Wann hätte Amy Nielsen Gelegenheit gehabt, ohne Miss Sheridans Wissen die Drogen zu verstecken?"
Darauf hatte auch Al Kennedy keine Antwort.
"Außerdem ist da ja immer noch die andere Geschichte."
"Was für eine andere Geschichte?"
"Mord. Versuchter Mord an Gregory Richards oder Ben Evans, und Mord an dem Piloten. Wir würden gerne wissen, was Ihre Mandantin genau damit zu tun hatte."
"Nichts", schrie Jade. "Das müssen Sie mir glauben, bitte. Ich hatte keine Ahnung davon, das ist die Wahrheit. Ich war geschockt, als ich gehört habe, daß Daddy dahintersteckt. Ich bin doch keine Mörderin!" Das klang ehrlich.
"Nun, wie dem auch sei. Sie werden die Nacht in der Zelle verbringen, Miss Sheridan. Morgen wird die Kautionsverhandlung sein."
"Keine Bange", beruhigte Al Kennedy Jade, "ich bin sicher, wir werden die Summe auftreiben."
Hickengruendler
„Spürst du
das, Casey?“
Rae war dabei, die Nervenreflexe in seinen Beinen zu überprüfen. Resigniert
schüttelte er den Kopf.
„Nichts. Verdammt, ich spüre überhaupt nichts, Rae!“ Verunsichert sah er sie an.
„Es hat nicht geklappt, sag die Wahrheit!“
„Casey...“ Rae warf der Schwester, die seine Werte notiert hatte, einen
vielsagenden Blick zu, worauf diese mit einem kurzen Nicken das Zimmer verließ.
„Die Operation ist sehr gut verlaufen, es waren keine Nerven durchtrennt.“ Sie
setzte sich zu ihm ans Bett und strich liebevoll über seinen Arm. „Aber Du mußt
Geduld haben. Nerven sind sehr nachtragend, sie reagieren auf Reizungen aller
Art äußerst sensibel und erholen sich nur sehr langsam. Manchmal dauert es nur
Tage, bis das erste Gefühl wieder einsetzt, aber manchmal auch mehrere Wochen.
Und bis ein gequetschter Nerv wieder voll funktionstüchtig ist, können sogar
Monate vergehen.“ Sie sah sein enttäuschtes Gesicht und lächelte. „Halt noch ein
bisschen durch und gib Deinem Körper die Zeit, die er braucht, um sich an die
Veränderungen zu gewöhnen. Es wird zwar noch ein wenig dauern, aber was sind ein
paar Wochen gegen ein ganzes Leben!“
„Du hast ja recht.“ Casey nahm ihre Hand und drückte sie an seine Wange. „Ich
bin ein unmöglicher Patient!“
„Nein, das bist Du nicht.“ widersprach Rae und ihre dunklen Augen blitzten
schelmisch. „Du bist mein Lieblingspatient! Aber verrat es keinem, sonst bekomme
ich mächtigen Ärger!“
Sie lachten beide übermütig, und Casey ihr einen Kuß.
„Ich hab Dir so viel zu verdanken.“ sagte er und sah sie zärtlich an. „Ich wage
mir gar nicht vorzustellen, was geworden wäre, wenn...“
„Schsch...“ Rae legte rasch ihre Fingerspitzen auf seine Lippen, „wenn Du Deine
Beine erst wieder spüren kannst, besorge ich Dir den besten Physiotherapeuten,
den es in ganz L.A. gibt! Und dann können wir bald wieder zusammen joggen
gehen.“
„Rae?“ Caseys Gesicht wurde wieder ernst. „Was ist eigentlich mit Deinen Eltern?
Ich hoffe, Ihr habt euch inzwischen versöhnt?“ Gespannt blickte er sie an.
Sofort fiel ein Schatten über ihr hübsches Gesicht. Abrupt stand sie auf.
„Laß uns bitte ein andermal darüber reden. Ich muß weiterarbeiten. Wir sehen uns
später.“ Sie gab ihm noch einen flüchtigen Kuß auf die Stirn und eilte hinaus.
Nachdenklich blickte Casey ihr hinterher.
„Du hast so viel für mich aufgegeben, Rae.“ murmelte er. „Und ich werde alles,
was in meinen Kräften steht, dafür tun, dass Du es niemals bereuen wirst.“